Elftes Capitel.Zwischen zwei Ufern.Gegen acht Uhr Abends hüllte, wie es der Zustand des Himmels schon voraus sehen ließ, eine tiefe Finsterniß die ganze Umgebung ein. Da es jetzt Neumond war, stieg auch dieser nicht über den Horizont empor. Von der Mitte des Flusses aus konnte man die Ufer nicht erkennen. Die schroffen Felsen an den Seiten verschwammen in mäßiger Höhe mit den schwarzen, tief herabhängenden Wolken, welche kaum ihre Stelle wechselten. Von Zeit zu Zeit rauschte ein Windstoß von Osten her und schien in dem engen Thale der Angara zu ersterben.Die Dunkelheit begünstigte nach der einen Seite gewiß das Vorhaben der Flüchtlinge. Patrouillirten auch die Wachposten der Tartaren längs der Ufer, so ließ sich doch annehmen, daß das Floß ungesehen von ihnen vorübergleiten werde. Ebenso wenig stand[pg 2-159]zu befürchten, daß die Belagerer stromaufwärts von Irkutsk den Fluß gesperrt haben sollten, da sie recht gut wußten, daß die Russen aus dem Süden der Provinz keine Hilfe zu erwarten hatten. In kurzer Zeit mußte freilich die Natur schon allein diese Flußsperre herstellen, wenn die Kälte die einzelnen Schollen fest aneinander löthete.Am Bord des Flosses herrschte jetzt das tiefste Schweigen. Als man weiter in den Fluß eindrang, ließen sich auch die Stimmen der Pilger nicht mehr vernehmen. Sie beteten zwar noch immer, aber nur mit solch leisem Gemurmel, daß dasselbe am Ufer unmöglich gehört werden konnte. Auf der Plattform ausgestreckt unterbrachen auch die Körper der Flüchtlinge kaum die ebene Fläche des Wassers. Der alte Seemann, der sich jetzt am Vordertheile neben seinen Leuten aufhielt, begnügte sich, nur die Eisschollen zu vermeiden, was ohne Geräusch zu erreichen war.Der Eisgang auf dem Flusse durfte sogar als sein weiterer günstiger Umstand betrachtet werden, so lange er dem Flosse nicht zum unübersteigbaren Hinderniß wurde. Wäre es überhaupt möglich gewesen, den Apparat auf dem freien Wasser des Flusses wahrzunehmen, so verdeckten ihn jetzt zum Theil die Schollen jeder Größe und Form und das Aneinanderprallen und Krachen derselben übertönte gleichzeitig jedes sonst vielleicht hörbare verdächtige Geräusch.Nun wurde die Luft aber wirklich empfindlich kalt. Die Flüchtlinge, deren Schutz nur in wenigen Birkenzweigen bestand, litten sehr hart. Sie drängten sich dicht aneinander, um die Erniedrigung der äußeren Temperatur, welche während der Nacht bis auf 10° unter Null herabging, besser zu ertragen. Der schwache[pg 2-160]Wind, der über die schneebedeckten Berge im Osten herwehte, stach sie wie mit tausend Nadeln.Michael Strogoff und Nadia ertrugen, auf dem Hintertheil des Flosses gelagert, diesen Zuwachs ihrer Leiden ohne jede Klage. Neben ihnen suchten Alcide Jolivet und Harry Blount dem ersten Angriff des sibirischen Winters nach Kräften Widerstand zu leisten. Weder die Einen noch die Andern sprachen ein Wort, nicht einmal heimlich. Die gegenwärtige Situation beschäftigte vollständig ihren Geist. Jeden Augenblick konnte ein Zwischenfall, eine Gefahr eintreten, vielleicht eine Katastrophe, welche Allen verderblich werden mußte.Für einen Mann, der nun endlich so nahe daran ist, sein längst erstrebtes Ziel zu erreichen, verhielt sich Michael Strogoff auffallend ruhig. Auch in den schlimmsten Lagen hatte ihn seine Energie ja niemals verlassen. Er sah schon den Augenblick vor sich, wo es ihm endlich gestattet sein würde, an seine Mutter, an Nadia, an sich selbst zu denken! Er fürchtete nur noch eine einzige letzte Störung, das Floß möchte durch die Anhäufung von Schollen noch vor dem Eintreffen in Irkutsk aufgehalten werden. Er dachte nur hieran und war im Uebrigen vollkommen entschlossen, im Nothfalle noch durch ein letztes kühnes Wagstück seine Absicht durchzusetzen.Nach mehreren Stunden der Ruhe hatte Nadia ihre physischen Kräfte wieder gewonnen, welche das Unglück wohl manchmal brechen konnte, ohne ihr jemals den Muth zu rauben. Sie dachte ebenfalls daran, daß Michael Strogoff nichts unversucht lassen werde, um seiner Pflicht nachzukommen, und daß sie bei der Hand sein müsse, ihn zu führen. Je mehr sie sich aber Irkutsk näherte, desto deutlicher trat[pg 2-161]ihr auch das Bild ihres Vaters vor das geistige Auge. Sie sah ihn in der belagerten Stadt, fern von Denen, die er liebte, jedoch – woran sie niemals zweifelte, – mit dem ganzen Feuer seines Patriotismus kämpfend gegen die feindlichen Angreifer. Half ihr jetzt der Himmel, so konnte sie in einigen Stunden in seinen Armen liegen, ihm die letzten Worte ihrer Mutter mitzutheilen, und dann sollte nichts sie wieder von ihm trennen. Endigte die Verbannung Wassili Fedor’s niemals, so wollte auch sie dieselbe mit ihm theilen. Doch gedachte sie ganz natürlich auch Dessen, dem sie es verdankte, ihren Vater überhaupt wieder zu sehen, ihres edelmüthigen Reisegefährten, ihres „Bruders“, der nach Vertreibung der Tartaren den Weg nach Moskau wieder einschlagen würde, um sie vielleicht nie wieder zu sehen!…Alcide Jolivet und Harry Blount endlich beschäftigten sich nur mit dem einen Gedanken, daß die Situation höchst dramatisch sei und, gut in Scene gesetzt, einen ungemein interessanten Bericht abgeben müsse. Der Engländer dachte dabei an die Leser des Daily-Telegraph, der Franzose an die seiner Cousine Madeleine. Uebrigens konnten sie sich einer gewissen Erregtheit doch nicht ganz erwehren.„Nun, desto besser, dachte Alcide Jolivet, man muß selbst bewegt sein, um Andere zu bewegen! Ich glaube, dieser Gedanke ist auch in irgend einem berühmten Verse ausgesprochen, aber, zum Teufel, ich erinnere mich nicht …“Dabei suchte er mit seinen berühmten Reporteraugen immer das Dunkel zur Seite des Flusses zu durchdringen.Dann und wann unterbrach ein greller Lichtschein[pg 2-162]die Finsterniß und zauberte ein phantastisches Bild der dunkeln Wälder hervor. Hier stand ein ganzer Wald in Flammen, dort verheerte das Feuer ein Dorf, immer die traurigen Wiederholungen der Schreckensbilder des Tages, nur daß diese gegen das Dunkel der Nacht desto auffallender contrastirten. Die Angara war dabei von einem Ufer bis zum andern erhellt. Die Eisschollen bildeten ebenso viele Spiegel, welche die Flammen in allen Winkeln und allen Farben wiedergaben, und deren Reflexe je nach der Bewegung der Strömung wechselten. Unter der Masse dieser schwimmenden Körper zog das Floß unbemerkt dahin.Hier drohte also keine besondere Gefahr.Aber eine ganz andere war im Anzuge. Diese konnten sie nicht vorhersehen und vorzüglich auf keine Weise abwenden. Alcide Jolivet erkannte sie ganz zufällig und zwar durch folgenden Umstand:Auf der rechten Seite des Floßes liegend, ließ derselbe einmal seine Hand in’s Wasser hängen. Plötzlich erhielt er einen Eindruck, als wenn eine klebrige Substanz, etwa ein Mineralöl, seine Haut benetzte.Alcide Jolivet nahm auch noch den Geruch zu Hilfe, – er konnte sich nicht täuschen. Das war eine Lage flüssiger Naphtha, welche auf der Oberfläche der Angara schwamm und mit der Strömung hinabtrieb.Schwamm das Floß also wirklich ganz auf dieser Substanz, welche so ungemein leicht entzündlich ist? Woher rührte diese Naphtha? Hatte sie ein natürliches Phänomen an die Oberfläche der Angara geführt, oder sollte sie als Zerstörungsmittel dienen, durch das die Tartaren vielleicht Irkutsk in Brand[pg 2-163]zu setzen suchten? Eine Art der Kriegführung freilich, welche unter gesitteten Völkern nicht wohl vorkommen könnte.Das waren die beiden Fragen, die Alcide Jolivet sich vorlegte, doch hielt er es für gerathen, von seiner Entdeckung nur Harry Blount Mittheilung zu machen, und Beide kamen auch überein, ihre Reisegefährten nicht unnöthig durch diese neue Gefahr zu ängstigen.Bekanntlich ist der Boden Centralasiens wie ein Schwamm imprägnirt von flüssigen Kohlenwasserstoffen. Im Hafen von Baku, an der persischen Grenze, an der Halbinsel Abcheron, am Kaspisee, in Kleinasien, in China, in Yug-Hyan, in Birma dringen die Oelquellen zu Tausenden an die Oberfläche. Dort ist das „Oelgebiet“, ein Pendant zu dem Theile Nordamerikas, der diesen Namen wirklich trägt.Bei gewissen religiösen Festen gießen die Eingebornen im Hafen zu Baku, welche Feueranbeter sind, flüssige Naphtha auf die Oberfläche des Meeres, die in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes darauf schwimmt. Hat sich die brennbare Schicht dann über das Wasser verbreitet, so zünden sie dieselbe mit Anbruch der Nacht an und bereiten sich auf diese Weise das unvergleichliche Schauspiel eines Oceans von Feuer, der sich mit dem Winde auf und niederbewegt.Was aber in Baku eine Festlichkeit ist, das mußte zum Unheil auf den Wellen der Angara werden. Ob hier nun Feuer aus verbrecherischer Absicht oder aus Unvorsichtigkeit angezündet wurde, jedenfalls hätte es sich in einem Augenblicke bis über Irkutsk hinaus verbreitet.Auf dem Floße selbst konnte man wohl vor jeder Unvorsichtigkeit sicher sein; desto mehr waren[pg 2-164]die verschiedenen Feuersbrünste an beiden Ufern der Angara zu fürchten, denn es genügte ja schon ein brennendes Holzstückchen, vielleicht ein bloßer Funke, den Naphthastrom in Flammen zu setzen.Die Besorgnisse Harry Blount’s und Alcide Jolivet’s gegenüber dieser neuen Gefahr lassen sich wohl eher empfinden, als schildern. Erschien es nicht rathsamer, vorläufig an eines der Ufer zu gehen, dort sich auszuschiffen und eine Zeit lang zu warten? – Sie legten sich wohl diese Frage vor.„Wie drohend die Gefahr auch sei, sagte Alcide Jolivet, jedenfalls weiß ich Einen, der sich nicht mit ausschiffen würde.“Er spielte hiermit auf Michael Strogoff an.Inzwischen schwamm das Floß schnell zwischen den Eisschollen hinab, die sich immer enger und enger zusammendrängten.Bisher hatte man an den Uferabhängen der Angara noch nirgends tartarische Abtheilungen zu Gesicht bekommen, ein Beweis, daß das Floß deren Vorpostenkette noch nicht erreicht haben könne. Gegen zehn Uhr Abends glaubte Harry Blount jedoch eine Menge dunkler Gestalten wahrzunehmen, die sich auf den Eisschollen bewegten, und indem sie von der einen nach der andern sprangen, schnell näher herankamen.„Tartaren!“ dachte er.Er schlich sich in die Nähe des alten Seemanns auf dem vorderen Theile und lenkte dessen Aufmerksamkeit auf jene verdächtigen Bewegungen.Der Alte richtete seine scharfen Augen darauf.„Das sind nur Wölfe, sagte er. Die sind mir lieber als die Tartaren. Doch werden wir uns zu[pg 2-165]vertheidigen suchen müssen, ohne dabei Geräusch zu machen.“Wirklich mußten die Flüchtlinge nun auch noch einen Kampf aufnehmen gegen die wilden Bestien, welche der Hunger und die Kälte nach diesen Gegenden verschlagen hatte. Die Wölfe witterten das Floß, und bald fielen sie dasselbe an. Die Flüchtlinge mußten sich also, ohne von Feuerwaffen Gebrauch zu machen, zur Wehr setzen. Frauen und Kinder wurden in der Mitte des Floßes untergebracht, die Männer bewaffneten sich mit Stangen, Messern oder einfachen Stöcken und stellten sich bereit, die Angreifer heim zu schicken. Kein Ausruf ließ sich hören, nur das Geheul der Wölfe erschütterte die Luft.Michael Strogoff hatte nicht unthätig bleiben wollen. Er streckte sich an der von den Raubthieren angegriffenen Seite des Floßes nieder, ergriff sein furchtbares Messer, und wußte dieses allemal, wenn ein Wolf in erreichbarer Nähe vorüberkam, demselben in den Hals zu stoßen. Harry Blount und Alcide Jolivet feierten ebenso wenig, wie ihre übrigen muthigen Begleiter. Das ganze Blutbad ging in tiefstem Schweigen vor sich, obgleich mehrere der Flüchtlinge ernsthafte Bißwunden davon trugen.Der Kampf schien auch nicht so bald sein Ende zu erreichen. Die Lücken in der Bande der Wölfe füllten sich immer von Neuem und jedenfalls war die ganze Uferstrecke durch sie unsicher gemacht.„Das hat auch gar kein Ende!“ sagte Alcide Jolivet, während er den bluttriefenden Dolch schwang.Eine halbe Stunde nach Beginn des Angriffs streiften die Wölfe noch immer in ganzen Banden über das Treibeis.[pg 2-166]Die erschöpften Flüchtlinge erlahmten sichtlich. Der Kampf wendete sich zu ihrem Nachtheil. Eben stürzten zehn ungeheure, vor Wuth und Hunger rasende Wölfe mit feurigen Augen, die in der Dunkelheit wie glühende Kohlen leuchteten, auf die Plattform des Floßes. Ohne Zögern eilten Alcide Jolivet und Harry Blount auf diese zu, während Michael Strogoff sich denselben kriechend zu nähern suchte, als die Scene sich plötzlich veränderte.Binnen wenigen Secunden hatten die Wölfe nicht nur das Floß, sondern auch die Eisschollen im Strome eiligst verlassen. Alle die schwarzen Gestalten verschwanden und zerstreuten sich offenbar in der Umgebung des rechten Flußufers.Es rührte das daher, daß Wölfe nur in der Dunkelheit einen Kampf wagen, und jetzt die ganze Fläche der Angara plötzlich in hellem Lichte glänzte.Es war derWiederschein einer ausgedehnten Feuersbrunst. Der ganze Flecken Poschkafsk stand in hellen Flammen. Hier schwärmten also Tartaren umher, die ihr gewohntes Mordbrennerhandwerk trieben, und weiter flußabwärts die beiden Ufer besetzt hielten. Die Flüchtlinge traten jetzt in die gefährliche Zone ihrer nächtlichen Fahrt, und dabei lag die Hauptstadt noch dreißig Werst von ihnen entfernt.Es war jetzt gegen halb zwölf Uhr Nachts. Das Floß glitt wieder versteckt zwischen den Eisschollen, von denen es sich kaum unterschied, dahin. Nur dann und wann flog ein heller Lichtschein über dasselbe hin. Auf der Plattform hingestreckt wagte keiner der Insassen eine Bewegung zu machen, die sie hätte verrathen können.Die erwähnte Ortschaft brannte außerordentlich[pg 2-167]schnell nieder. Ihre aus Fichtenholz erbauten Häuser flackerten wie brennendes Harz empor. Gegen fünfzig derselben standen auf einmal in Flammen. Zu dem Knistern und Krachen der Feuersbrunst mischte sich das Gebrüll der Tartaren.Der alte Seemann lenkte, indem er seine Stange an den größeren Eisschollen einsetzte, das Floß mehr nach der rechten Seite, so daß sie eine Entfernung von drei- bis vierhundert Fuß von dem durch den Brand erleuchteten Flußufer trennte.Nichtsdestoweniger hätten die Flüchtlinge, auf die zuweilen ein greller Lichtschein fiel, wohl bemerkt werden müssen, wenn die Brandstifter nicht allzu eifrig mit der Zerstörung des Ortes beschäftigt gewesen wären. Jeder wird sich aber leicht die Besorgniß Alcide Jolivet’s und Harry Blount’s vorstellen können, wenn diese an den so flüchtigen Brennstoff dachten, auf dem das Floß noch immer schwamm.Ganze Funkengarben sprühten aus den Häusern auf, welche ebenso vielen brennenden Schmelzöfen glichen. Mitten in den Rauchwirbeln stiegen diese Funken fünf- bis sechshundert Fuß hoch in die Luft empor. Am rechten Ufer selbst schienen die Bäume, im Widerscheine des röthlichen Lichtes, selbst in Flammen zu stehen. Nun reichte ja schon ein Funken hin, der auf die Angara niederfiel, die Feuersbrunst auch dem Strome mitzutheilen und Verderben bis zum andern Ufer zu tragen. Die Zerstörung des Floßes und der Tod seiner Insassen mußte dann die nothwendige Folge sein.Zum Glück wehte der schwache Nachtwind nicht nach dieser Seite. Er blies fortwährend aus Osten und trieb die Flammen von dem linken Ufer ab.[pg 2-168]Möglicherweise konnten die Flüchtlinge also dieser entsetzlichen Gefahr entgehen.Wirklich ließen sie die brennende Ortschaft bald hinter sich. Nach und nach erblaßte der Feuerschein, das Knistern und Krachen verstummte, und bald verschwand auch der letzte Schimmer hinter dem hohen Ufer der Angara, welche hier einen scharfen Bogen bildet.So kam die Mitternacht heran. Die tiefe Finsterniß schützte wieder das Floß. An beiden Ufern trieben sich da und dort Tartaren umher. Man sah sie zwar nicht, hörte sie aber, übrigens glänzten auch die Feuer der äußersten Vorposten hell durch die Nacht.Inzwischen machte es sich bei den immer mehr zusammen gedrängten Eisschollen nöthig, mit größter Vorsicht weiter zu fahren.Der alte Seemann erhob sich und die Mujiks ergriffen ihre Stangen. Alle waren vollauf beschäftigt, da die Führung des Floßes immer schwieriger und das Bett des Flusses immer enger wurde.Michael Strogoff war nach dem Vordertheile geschlichen.Alcide Jolivet folgte ihm.Beide vernahmen die zwischen dem alten Seemann und seinen Leuten gewechselten Worte.„Achtung, dort rechts!— Links drängen ein paar Schollen heran!— Stoß’ ab, fest mit der Stange!— Vor Verlauf einer Stunde sitzen wir fest …— Wenn Gott das will! sagte der alte Seemann. Gegen seinen Willen ist nichts zu thun.— Hören Sie Jene? fragte Alcide Jolivet.[pg 2-169]— Ja, erwiderte Michael Strogoff, aber Gott ist mit uns!“Inzwischen ward die Situation immer ernster. Wurde das Floß wirklich aufgehalten, so gelangten die Flüchtlinge nicht nur nicht nach Irkutsk, sondern mußten jedenfalls auch ihr schwimmendes Transportmittel verlassen, das von den Eisschollen gedrückt bald unter ihnen in Stücke gehen würde. Dann drohten ja die aus Weidenzweigen bestehenden Bänder zu reißen, die von einander weichenden Fichtenstämme unter das Eis zu gerathen und den Unglücklichen wäre nichts anderes als Zuflucht verblieben, als die schwankenden Schollen selbst. Nach Anbruch des Tages hätten sie dann die Tartaren ohne Zweifel entdecken müssen, von deren Hand keine Gnade zu hoffen war.Michael Strogoff kehrte nach dem Hintertheile, wo Nadia sich aufhielt, zurück. Er näherte sich derselben, faßte ihre Hand und legte ihr die oft wiederholte Frage vor: „Bist Du bereit, Nadia?“ – welche sie wie immer mit„Ich bin stets und zu Allem bereit!“ beantwortete.Noch einige Werst drängte sich das Floß zwischen dem Schollengewirr dahin. Verengerte sich die Angara noch mehr, so mußte sich ein Eisschutz bilden, der die Weiterbenutzung der Wasserstraße so gut wie unmöglich machte. Schon wurde die Bewegung offenbar eine langsamere. Jeden Augenblick fühlte man Stöße und sah, wie das Floß abwich. Hier mußte man sich vor dem vorspringenden Ufer in Acht nehmen, dort eine enge Durchfahrt passiren. Immer wiederholten sich unerwünschte Verzögerungen.Nun dauerte die Nacht ja auch nur noch wenige[pg 2-170]Stunden. Erreichten die Flüchtlinge Irkutsk nicht vor fünf Uhr des Morgens, so konnten sie auch alle Hoffnung aufgeben, jemals hinein zu gelangen.Gegen halb zwei Uhr stieß das Floß trotz aller Anstrengungen gegen einen compacten Eisschutz und blieb hier fest stehen. Die nachrückenden Schollen drängten es noch mehr an jenen an und machten es dadurch so unbeweglich fest, als ob es auf einer Klippe gescheitert wäre.An dieser Stelle verengerte sich die Angara ungemein, so daß die Breite ihres Bettes nur noch die Hälfte der gewöhnlichen betrug. Hieraus erklärte sich diese Anhäufung von Schollen, welche allmälig mit einander verlötheten, sowohl durch den ganz beträchtlichen Druck, unter dem sie standen, als auch durch die Kälte, welche fühlbar zunahm. Fünfhundert Schritt weiter unten dehnte sich das Flußbett wieder aus, und hier trieben einzelne Schollen, die sich von Zeit zu Zeit von der Eisbank lösten, in der Richtung nach Irkutsk hin. Ohne diese Annäherung der Ufer hätte sich die Schollenwand nicht bilden können und das Floß wäre nach wie vor von der Strömung fortgetragen worden. Gegen den unglücklichen Zufall war aber nicht das Geringste zu thun, und die Flüchtlinge mußten eben auf jede Hoffnung verzichten, ihr ersehntes Ziel zu erreichen.Im Besitze solcher Werkzeuge, wie sie die Wallfischfahrer gebrauchen, um sich Kanäle durch das Eisfeld zu brechen, hätten sie vielleicht gerade noch Zeit gehabt, das Hinderniß bis zu der wieder erweiterten Stelle des Stromes zu beseitigen. Aber keine Säge, keine Spitzhaue war zur Hand, um die von der Kälte granitartig verhärtete Kruste mit Aussicht auf Erfolg anzugreifen.[pg 2-171]Was nun?In diesem Augenblicke krachte eine Gewehrsalve am rechten Ufer der Angara. Ein ganzer Kugelregen war auf das Floß gerichtet. Man hatte die Armen also noch entdeckt. Diese Annahme fand dadurch ihre Bestätigung, daß es jetzt auch von dem linken Ufer her aufblitzte. Zwischen zwei Feuer gestellt dienten die Flüchtlinge als Zielpunkte der tartarischen Tirailleurs. Einige wurden auch verwundet, obgleich die Kugeln bei der herrschenden Dunkelheit nur durch Zufall trafen.„Komm, Nadia“, raunte Michael Strogoff dem jungen Mädchen in’s Ohr.Ohne den mindesten Einwand ergriff Nadia „bereit zu Allem“ Michael Strogoff’s Hand.„Wir müssen jetzt die Eisbank übersteigen, flüsterte er, aber Keiner darf gewahr werden, daß wir das Floß verlassen!“Nadia gehorchte. Michael Strogoff und sie glitten schnell, geschützt von der Finsterniß, welche nur da und dort das Feuer der Gewehre unterbrach, auf die Eisfläche.Nadia kroch Michael Strogoff voraus. Wie ein Hagel schlugen die Kugeln rings um sie ein oder prallten an den Schollen ab. Die unebene Eisdecke mit ihren hervorstehenden scharfen Kanten und Spitzen riß ihnen die Hände auf, aber sie kamen doch vorwärts.Zehn Minuten später erreichten sie die untere Grenze der Eiswand. Hier ward das Wasser der Angara wieder frei. Einige Schollen rissen sich hier und da von derselben los und schwammen nach der Stadt hinunter.Nadia verstand Michael Strogoff’s Absichten.[pg 2-172]Sie fand eine Eisscholle, welche nur durch eine schmale Verbindung fest hing. „Komm“, sagte Nadia.Beide legten sich auf das Eisstück, das sich nach einigem Schwanken von der Bank ablöste.Jetzt begann es, dahin zu treiben. Das Bett des Flusses erweiterte sich, der Weg stand offen.Michael Strogoff und Nadia hörten noch das Knallen der Gewehre, die Ausrufe der Verzweiflung, das Brüllen der Tartaren … Dann verstummten langsam diese Ausbrüche der entsetzlichen Angst und der teuflischen Freude.„Unsre armen Gefährten!“ seufzte Nadia.Während einer Stunde trug die Strömung jene Eisscholle mit Michael Strogoff und Nadia schnell dahin. Jeden Augenblick hatten diese zu befürchten, daß sie unter ihnen in Stücke gehen könne. Von der stärksten Strömung ward sie nahezu in der Mitte der Wasserfläche erhalten, und doch handelte es sich darum, sie mehr nach der Seite zu leiten, wenn sie an einem der Quais in Irkutsk landen sollte.Michael Strogoff lauschte, ohne ein Wort zu sprechen, gespannten Ohres. Niemals winkte ihm so nahe das Ziel. Er fühlte jetzt, daß er es erreichen werde!…Um zwei Uhr Morgens schimmerte eine doppelte Reihe Lichter an dem dunklen Horizonte neben den beiden Ufern der Angara.Zur Rechten rührte dieser Lichtschein von Irkutsk her, zur Linken von den Wachtfeuern des tartarischen Feldlagers.Michael Strogoff war nur noch eine halbe Werst von der Stadt entfernt.„Endlich!“ murmelte er für sich.[pg 2-173]Aber plötzlich stieß Nadia einen furchtbaren Schrei aus.Bei diesem Aufschrei erhob sich Michael Strogoff auf der schwankenden Scholle. Seine Hand streckte sich nach der Angara hinauf. Sein von bläulichen Reflexen überstrahltes Gesicht nahm einen furchtbaren Ausdruck an, und dann rief er, als hätten sich seine Augen auf’s Neue dem Lichte erschlossen:„Ach, also Gott selbst ist doch gegen uns!“Zwölftes Capitel.Irkutsk.Irkutsk, die Hauptstadt Ostsibiriens, zählt unter gewöhnlichen Verhältnissen etwa 30,000 Einwohner. Ein ziemlich hohes, steiles Ufer an der rechten Seite der Angara trägt seine von einer hohen Kathedrale überragten Kirchen und die in pittoresker Unordnung daneben verstreuten Häuser.Von einer gewissen Entfernung aus, etwa von der Höhe des Berges, über den in einer Entfernung von zwanzig Werst die große sibirische Heerstraße führt, bietet es mit seinen Kuppeln und Glockenthürmen, seinen den Minarets ähnlichen, schlanken Thurmspitzen, und vielen auf japanesische Art ausgehöhlten Dächern, ein etwas orientalisches Aussehen. Diese Physiognomie verschwindet aber dem Auge des Reisenden, sobald er die Stadt selbst betritt. Zur Hälfte in byzantinischem, zur Hälfte in chinesischem[pg 2-174]Stile erbaut, wird sie doch zu einer europäischen durch die macadamisirten Straßen mit Trottoirs an den Seiten, durch die Kanäle in denselben, die reichlichen Baumanpflanzungen, durch ihre Gebäude aus Ziegelstein und Holz, von denen einzelne auch mehrere Stockwerke zeigen, durch die zahlreichen Fuhrwerke, welche sie beleben, und unter denen man nicht nur Telegs und Tarantasse, sondern auch moderne Wagen zu verstehen hat, endlich durch eine große Anzahl mit den jeweiligen Fortschritten der Civilisation ganz vertrauter Einwohner, denen auch die neuesten pariser Moden nichts Fremdes sind.Zur jetzigen Zeit war Irkutsk, die Zufluchtsstätte der Bewohner einer ganzen Provinz, furchtbar überfüllt. Alle Bedürfnisse fanden hier dennoch reichlichste Befriedigung. Irkutsk bildet die Niederlage jener zahllosen Waaren, welche zwischen China, Centralasien und Europa ausgetauscht werden. Man brauchte also den Zuzug der Landbauern aus dem Angarathale, den der Mongel-Khalkas, der Tungunsen, der Burets nicht zu fürchten, und konnte zwischen den Feinden und der Stadt alles Land verwüsten lassen.Irkutsk ist der Sitz des Generalgouverneurs von Ostsibirien. Unter ihm fungiren noch ein Civilgouverneur, in dessen Händen die Verwaltungsgeschäfte der Provinz liegen, ein Polizeidirector, der in einer Stadt mit so vielen Verbannten nicht allzuwenig zu thun hat, und endlich ein Maire, der Erste der Kaufleute, eine wegen ihres Reichthums und des unerklärlichen Einflusses auf die betreffenden Kreise sehr viel bedeutende Persönlichkeit.Die Garnison von Irkutsk bestand aus einem Regiment Kosaken zu Fuß, in der Stärke von etwa[pg 2-175]2000 Mann, und einem Corps einheimischer Gensdarmen mit Helm und blauer, silberbesetzter Uniform.Außerdem war, wie wir wissen, der Bruder des Czaar in Folge eigenthümlicher Verhältnisse seit Beginn des Tartareneinfalls in die Stadt eingeschlossen.Ueber jene Verhältnisse nur einige Worte.Eine wichtige politische Reise hatte den Großfürsten in diese entlegenen Provinzen Ostasiens geführt.Der Großfürst berührte die hauptsächlichsten Städte Sibiriens, reiste mehr als Soldat, denn als Prinz, ohne jeden Hofstaat, nur begleitet von seinen Officieren und einer Abtheilung Kosaken, wobei er bis nach den transbaïkalischen Landschaften vordrang. Nikolajowsk, die letzte russische Stadt am Ochotskischen Meere, wurde ebenfalls mit seinem Besuche beehrt.An den Grenzen des ungeheuren Moskowitenreiches angelangt, kehrte der Großfürst nach Irkutsk zurück, von wo er den Weg nach Europa wieder einschlagen wollte, als er die ersten Nachrichten von der ebenso gefährlichen, als urplötzlichen Invasion erhielt. Er beeilte sich, die Hauptstadt zu erreichen, bei seiner Ankunft daselbst war aber die Verbindung mit Rußland schon unterbrochen. Einige Telegramme von Petersburg und Moskau kamen in seine Hand, auf welche er auch noch Antwort zu geben vermochte. Dann war die Leitung unter den uns bekannten Umständen zerstört worden.Isolirt lag Irkutsk am Ende der Welt.Dem Großfürsten fiel nun blos noch die Aufgabe zu, die Vertheidigung zu organisiren, was er mit der Festigkeit und Ruhe durchführte, von der er[pg 2-176]bei anderer Gelegenheit hinlängliche Proben gegeben hat.Die Nachrichten über die Einnahme von Ichim, Omsk und Tomsk gelangten eine nach der anderen nach Irkutsk. Die Wegnahme dieser Hauptstadt Sibiriens mußte auf jeden Fall verhindert werden. Auf baldige Hilfe durfte man nicht rechnen. Die wenigen in der Amurprovinz und dem Gouvernement Jakutsk zerstreuten Truppen reichten, auch wenn sie heranrückten, nicht aus, den tartarischen Heersäulen Halt zu gebieten. Da nun Irkutsk einem Angriffe offenbar nicht entgehen konnte, so mußte die Stadt vor allen Dingen in den Stand gesetzt werden, eine Belagerung von einiger Dauer auszuhalten.Die Arbeiten hierzu nahmen an demselben Tage ihren Anfang, als Tomsk in die Hände der Tartaren fiel. Gleichzeitig mit dieser Neuigkeit erfuhr der Großfürst, daß der Emir von Bukhara und die verbündeten Khans in Person die Bewegung leiteten; unbekannt blieb ihm aber, daß der zweite Führer dieser Barbarenhäuptlinge, Iwan Ogareff, ein früherer russischer Officier war, den er selbst degradirt hatte, und den er von Person nicht kannte.Gleich zuerst wurden die Bewohner der Provinz Irkutsk, wie wir wissen, veranlaßt, alle Städte und Dörfer zu verlassen. Wer keine Zuflucht in der Hauptstadt suchte, mußte sich noch weiter hinaus, jenseit des Baïkalsees, begeben, bis wohin der Schwarm der Feinde höchst wahrscheinlich nicht gelangen konnte. Die Vorräthe an Getreide und Fourrage wurden für die Stadt requirirt und dieses letzte Bollwerk der moskowitischen Herrschaft in den Stand gesetzt, wenigstens eine Zeit lang Widerstand zu leisten.[pg 2-177]Irkutsk, gegründet im Jahre 1611, liegt am Zusammenflusse des Irkut und der Angara, am rechten Ufer der letztgenannten. Zwei auf Pfeilern ruhende Holzbrücken, die sich zum Zwecke der Schifffahrt in der ganzen Breite des Fahrwassers öffnen lassen, verbinden die Stadt mit ihren Vorstädten am linken Stromufer. Nach dieser Seite bot die Vertheidigung keine Schwierigkeiten. Die Vorstädte wurden geräumt, die Brücken abgebrochen. Eine Ueberschreitung der hier sehr breiten Angara wäre unter dem Feuer der Belagerten nicht leicht auszuführen gewesen.Der Fluß konnte ja aber auch oberhalb oder unterhalb der Stadt überschritten werden, und folglich drohte Irkutsk auch die Gefahr eines Angriffs von der Ostseite, wo es keine Umfassungsmauer schützte.Alle kräftigen Arme wurden nun zunächst zu Fortificationsarbeiten verwendet. Man war Tag und Nacht thätig. Der Großfürst fand eine überaus eifrige Bevölkerung, die sich bei der eigentlichen Vertheidigung auch ebenso muthvoll beweisen sollte. Soldaten, Kaufleute, Verbannte, Bauern – Alle widmeten sich dem allgemeinen Besten. Acht Tage vor der Ankunft der Tartaren im Angarathale hatte man ringsum Erdwälle aufgeworfen. Außerdem war dadurch vor letzteren ein Wallgraben entstanden, den die Angara speiste. Durch einen Handstreich konnte die Stadt also nicht leicht weggenommen werden. Sie mußte belagert und gestürmt werden.Das dritte tartarische Armeecorps, – dasselbe, welches im Thale des Jeniseï hinaufgezogen war, – erschien am 24. September vor Irkutsk. Es besetzte sofort die verlassenen Vorstädte, deren Häuser übrigens[pg 2-178]meist niedergelegt waren, um der leider unzureichenden Artillerie des Großfürsten keine Hindernisse zu bieten.Die Tartaren suchten sich einzurichten und erwarteten die beiden anderen von dem Emir und seinen Verbündeten geführten Heerhaufen.Die Verbindung dieser verschiedenen Corps ward am 25. September durch das Lager an der Angara bewerkstelligt und die ganze Armee, mit Ausnahme der in den größeren Städten zurückgelassenen Besatzungen unter dem Befehle Feofar-Khan’s vereinigt.Da Iwan Ogareff eine Ueberschreitung der Angara in Irkutsk selbst für unausführbar erklärte, so setzte eine starke Heeresabtheilung einige Werst stromabwärts mittels Schiffbrücken über den Fluß. Der Großfürst griff hiergegen nicht ein, da er dieses Vorhaben wohl etwas stören, aus Mangel an hinreichender Feldartillerie aber doch nicht verhindern konnte, und so blieb er, gewiß mit vollem Rechte, ruhig in Irkutsk.Die Tartaren besetzten also auch die rechte Flußseite; dann marschirten sie gegen die Stadt heran, brannten unterwegs die Sommerwohnung des Generalgouverneurs in einem den Lauf der Angara beherrschenden Wäldchen nieder, und begannen nach völliger Einschließung der Stadt die regelrechte Belagerung.Iwan Ogareff bemühte sich als geschickter Ingenieur diese bestens zu leiten, nur gingen ihm die nöthigen Hilfsmittel ab, um rasche Erfolge zu erzielen. Uebrigens hatte er darauf gerechnet, Irkutsk, das Ziel seines Verlangens, im ersten Anlauf zu nehmen.Wie sich nun zeigte, hatte sich die Sachlage unerwartet geändert. Einestheils hielt die Schlacht bei Tomsk die tartarische Armee in ihrem Marsche[pg 2-179]auf, anderntheils die Schnelligkeit, mit welcher der Großfürst die jetzigen Vertheidigungswerke herzustellen wußte. An diesen beiden Ursachen scheiterte seine ursprüngliche Absicht und er sah sich zu einer regelrechten Belagerung genöthigt.Dennoch versuchte der Emir auf sein Anrathen zweimal, ohne Rücksicht auf die zahlreichen Opfer an Mannschaften, die Stadt zu stürmen. Er warf seine Truppen auf die scheinbar schwächsten Punkte der Schanzen; beide Angriffe wurden aber muthig abgeschlagen. Der Großfürst und seine Officiere setzten sich bei dieser Gelegenheit rücksichtslos jeder Gefahr aus. Sie traten mit ihrer eigenen Person ein und führten die Civilbevölkerung mit auf die Wälle. Bürger und Mujiks erfüllten opferfreudig ihre Pflicht. Bei dem zweiten Sturmangriff war es den Tartaren gelungen, eines der Thore in den Wällen zu erobern. An dem einen Ende der großen, zwei Werst langen und oben und unten an der Angara ausmündenden Straße von Bolchaïa kam es zu einem Kampfe. Aber Kosaken, Gensdarmen und Bürger setzten den Tartaren einen so hartnäckigen Widerstand entgegen, daß sich diese zuletzt in ihre früheren Stellungen zurückziehen mußten.Nun gedachte Iwan Ogareff durch Verrath zu erreichen, was er durch Gewalt nicht erlangen konnte. Wir wissen, daß seine Absicht dahin ging, in die Stadt einzudringen, sich dem Großfürsten zu nähern, dessen Vertrauen zu erschleichen und seiner Zeit eines der Thore den Belagerern zu überliefern. Dann wollte er seinen eigenen Rachedurst an dem Bruder des Czaar stillen.Die Zigeunerin Sangarre, seine Begleiterin bis[pg 2-180]in das Lager an der Angara, trieb ihn noch an, dieses Vorhaben auszuführen.In der That war auch Gefahr im Verzuge. Schon marschirten die Truppen aus dem Gouvernement Jakutsk auf Irkutsk. Sie hatten sich am obern Laufe der Lena concentrirt, deren Thale sie folgten. In höchstens sechs Tagen mußten sie eintreffen, also wurde es nöthig, Irkutsk vor diesem Zeitpunkte durch Verrath zu überwältigen.Iwan Ogareff zögerte keinen Augenblick. –Eines Abends, am 2. October, wurde in dem großen Salon des Gouvernementspalastes, in dem der Großfürst residirte, ein Kriegsrath abgehalten.Dieses am Ende der Bolchaïastraße gelegene Gebäude beherrscht weithin den Lauf des Flusses. Gegenüber den Fenstern seiner Hauptfaçade sah man das Lager der Tartaren; hätten letztere weiter tragende Belagerungsgeschütze besessen, so wäre dieses Gebäude ganz unhaltbar gewesen.Der Großfürst, der General Voranzoff, der Gouverneur der Stadt, der Chef der Kaufleute und eine Anzahl höhere Officiere besprachen eben verschiedene nothwendige Maßregeln.„Meine Herren, begann der Großfürst, unsere dermalige Lage ist Ihnen hinlänglich bekannt. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß wir Irkutsk bis zum Eintreffen von Ersatztruppen zu halten im Stande sind. Dann werden wir leicht im Stande sein, die Barbarenhorden in die Flucht zu jagen, und an mir soll es gewiß nicht liegen, wenn sie diesen frechen Einfall in unser Gebiet nicht sehr theuer bezahlen.— Eure kaiserliche Hoheit wissen, erwiderte der[pg 2-181]General Voranzoff, daß Sie auf die Bevölkerung von Irkutsk zählen können.— Gewiß, General, antwortete der Großfürst, und ich erkenne diesen eifrigen Patriotismus gern und unumwunden an. Gott sei Dank ist die Einwohnerschaft noch von den Schrecken einer Epidemie oder der Hungersnoth verschont geblieben, und ich hoffe, das soll nicht anders werden; auf den Wällen aber habe ich nur ihren Heldenmuth bewundern können. Sie hören meine Worte, Herr Vorsteher der Kaufmannsgilde, und ich bitte Sie, dieselben weiter zu verbreiten.— Ich danke Eurer Hoheit im Namen der Stadt, erwiderte der Angeredete. Darf ich wohl auch fragen, nach welchem längsten Zeitraume auf das Eintreffen von Ersatztruppen zu rechnen ist?— Höchstens nach sechs Tagen, erklärte der Großfürst. Erst heute Morgen ist ein gewandter und kühner Emissär in die Stadt gekommen, der mir mittheilt, daß fünfzigtausend russische Truppen unter Führung des Generals Kisselef im Anmarsch sind. Vor zwei Tagen befanden sie sich in Kironsk, am Ufer der Lena, und jetzt werden weder Schnee noch Kälte ihren Zug aufzuhalten vermögen. Fünfzigtausend Mann Kerntruppen, welche die Tartaren in der Flanke fassen, werden uns leicht von denselben befreien.— Ich erlaube mir hinzuzufügen, daß wir sofort, wenn Eure kaiserliche Hoheit einen Ausfall befehlen sollten, bereit sind, diesem Befehle zu folgen.— Ich danke, mein Herr, sagte der Großfürst. Warten wir es ab, bis die Spitzen unserer Colonnen auf den nächsten Höhen erscheinen, dann wollen wir die Feinde zerschmettern.“[pg 2-182]Dann wandte er sich wieder an den General Voranzoff.„Wir werden morgen, sagte er, die Arbeiten am rechten Ufer besichtigen. Die Angara bringt schon Eisschollen mit, sie wird bald eine feste Decke erhalten und den Tartaren den Uebergang ermöglichen.— Würden mir Eure Hoheit eine Bemerkung gestatten? fragte der Chef der Kaufleute.— Sprechen Sie.— Ich habe die Temperatur wiederholt bis dreißig und vierzig Grade unter Null herabgehen sehen, immer aber bedeckte sich die Angara nur mit losen Schollen, ohne je ganz zuzufrieren, woran ihre rasche Strömung Schuld zu sein scheint. Besitzen die Tartaren also keine anderen Hilfsmittel, den Fluß zu passiren, so garantire ich Eurer Hoheit, daß sie auf diesem Wege nie nach Irkutsk hinein gelangen werden.“Der Generalgouverneur bestätigte die Bemerkung des Chefs der Kaufmannschaft.„Das ist gewiß ein recht glücklicher Umstand, äußerte der Großfürst. Nichtsdestoweniger werden wir gut thun, jede Eventualität in’s Auge zu fassen.“Er wandte sich dann an den Director der Polizei.„Sie haben mir Nichts mitzutheilen? fragte er.— Ich habe Ihnen zu melden, kaiserliche Hoheit, erwiderte der Polizeidirector, daß mir durch meine Unterbeamten eine Bittschrift übergeben wurde …— Ausgehend von …?— Von sibirischen Verbannten, Sire, deren Anzahl, wie Sie wissen, sich hier auf Fünfhundert beläuft.“Die politischen Verbannten, welche sonst über[pg 2-183]die ganze Provinz verbreitet sind, waren seit Beginn der Invasion in Irkutsk concentrirt. Sie waren dem Befehle nachgekommen, in der Stadt einzutreffen, und hatten die Ortschaften verlassen, wo sie ihren verschiedenen Berufsgeschäften oblagen, hier als Aerzte, dort als Lehrer entweder an einem Gymnasium, der japanischen oder einer Schifffahrts-Schule. Von Anfang an hatte sie der Großfürst, im Vertrauen auf ihren Patriotismus, mit Waffen versehen und sie als tüchtige Vertheidiger erkannt.„Was wünschen die Verbannten? fragte der Großfürst.— Sie ersuchen Eure kaiserliche Hoheit um die Erlaubniß, ein besonderes Corps bilden und beim ersten Ausfall an der Spitze marschiren zu dürfen.— O, erwiderte der Großfürst, ohne seine freudige Erregung zu verbergen, ich wußte es ja, das sind Russen; ihr Patriotismus erwirbt ihnen das Recht, sich für ihr Vaterland zu schlagen.— Ich glaube Eurer kaiserlichen Hoheit versichern zu können, sagte der Generalgouverneur, daß Sie keine besseren Soldaten zu finden vermögen.— Doch sie brauchen dann einen Führer, bemerkte der Großfürst. Wer soll das sein?— Sie wünschten Eurer Hoheit einen aus ihrer Mitte vorzuschlagen, antwortete der Polizeidirector, der sich schon bei mehreren Gelegenheiten ausgezeichnet hat.— Ist es ein Russe?— Ja, ein Russe aus den baltischen Provinzen.— Sein Name …?— Wassili Fedor.“Der Verbannte war der Vater Nadia’s.Wassili Fedor lebte, wie uns bekannt ist, in Irkutsk[pg 2-184]seinem Berufe als Arzt. Ein kenntnißreicher und im Umgange liebenswürdiger Mann, war er gleichzeitig von hohem Muthe und warmer Vaterlandsliebe beseelt. Jede Stunde, in der er nicht von Kranken in Anspruch genommen war, widmete er den Vertheidigungsarbeiten. Er war es auch, der seine Schicksalsgenossen zu gemeinsamem Auftreten verbunden hatte. Bisher mitten unter der übrigen Bevölkerung verwendet, gelang es den Verbannten doch, die Aufmerksamkeit des Großfürsten zu erregen. Bei mehreren Ausfällen hatten sie mit dem Blute ihre Schuld an das heilige Rußland bezahlt. Wassili Fedor benahm sich stets als Held. Sein Name ward wiederholt mit Auszeichnung genannt, doch er erstrebte weder Dank noch Belohnung, und als die Verbannten die Bildung eines besonderen Corps beschlossen, dachte er gar nicht daran, daß sie beabsichtigen könnten, ihn zu ihrem Führer auszuersehen.Als der Polizeidirector diesen Namen genannt hatte, bemerkte der Großfürst, daß ihm derselbe nicht unbekannt sei.„In der That, bestätigte General Voranzoff, Wassili Fedor ist ein muthiger, geeigneter Mann. Stets erwies sich sein Einfluß auf die anderen Verbannten von großer Bedeutung.— Seit wann ist er in Irkutsk? fragte der Großfürst.— Seit zwei Jahren.— Und seine Aufführung …?— Er fügt sich, antwortete der Polizeidirector, als verständiger Mann den Vorschriften, wie sie die Verbannung eben mit sich bringt.[pg 2-185]— General, antwortete der Großfürst, lassen Sie mir denselben ohne Zögern zuführen.“Der Befehl des Großfürsten ward ausgeführt, und noch vor Ablauf einer halben Stunde trat Wassili Fedor in den Saal ein.Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, von hohem Wuchs und mit ernster, gewinnender Physiognomie. Man sah es ihm an, daß sein ganzes Leben sich in dem Worte: Kampf! zusammen fassen ließ, und daß er gekämpft, aber auch gelitten hatte. Seine Züge erinnerten lebhaft an die seiner Tochter Nadia Fedor.Mehr als jeden Andern hatte ihn der Tartareneinfall auch persönlich schmerzlich berührt und die liebste Hoffnung eines Vaters vernichtet, der achttausend Werst von seiner Heimath in der Verbannung lebte. Ein Brief hatte ihm den Tod der geliebten Gattin gemeldet zugleich mit der Abreise seiner Tochter, welche von der Regierung die Erlaubniß ausgewirkt hatte, ihm in Irkutsk Gesellschaft zu leisten.Nadia hatte Riga am 10. Juli verlassen. Die Invasion begann am 15. Juli. Wenn Nadia zu dieser Zeit schon die Grenze überschritten hatte, was war aus ihr mitten in dem Schwarme der Feinde geworden? Von welcher Unruhe mußte der unglückliche Vater verzehrt werden, da er seit dieser Zeit keine Nachrichten von seiner Tochter erhalten hatte!Wassili Fedor verneigte sich in Gegenwart des Großfürsten und erwartete von diesem angesprochen zu werden.„Wassili Fedor, begann der Großfürst, Deine Genossen in der Verbannung haben sich erboten, ein Elitecorps bilden zu dürfen. Sie vergessen doch[pg 2-186]nicht, daß in einer solchen Schaar Jeder bis zum letzten Mann zu sterben bereit sein muß?— Sie sind sich dessen bewußt, erwiderte Wassili Fedor.— Sie wünschen Dich als Anführer?— Ja, kaiserliche Hoheit.— Und hast Du die Absicht, Dich an ihre Spitze zu stellen?— Wenn das Heil Rußlands es erheischt, gewiß.— Commandant Fedor, sagte der Großfürst, Du bist nicht mehr verbannt.— Ich danke, Hoheit, aber kann ich dann über Solche den Befehl führen, die es noch sind?— Sie sind es nicht mehr.“In seine Hand legte der Bruder des Czaar die Begnadigung seiner verbannten Genossen, jetzt seiner Waffengefährten.Tief bewegt drückte Wassili Fedor die ihm dargebotene Hand des Großfürsten und verließ das Gemach.Der Letztere wendete sich an seine Officiere.„Der Czaar wird den Gnadenbrief anerkennen, den ich hier in seinem Namen ausstelle, sagte er lächelnd. Wir brauchen Helden, um die Hauptstadt Sibiriens zu vertheidigen, ich habe solche jetzt geschaffen.“Diese den Verbannten von Irkutsk gewährte Gnade entsprach in der That ebenso einer großherzigen Justiz, wie einer klugen Politik.Die Nacht brach herein. Durch die Fenster des Palastes leuchteten die Feuer des tartarischen Lagers, die sich da und dort in der Angara wiederspiegelten. In dem Flusse trieben zahlreiche Eisschollen, von denen einige an den alten Pfeilern der früheren[pg 2-187]hölzernen Brücke hängen blieben. Die meisten flossen aber mit erstaunlicher Schnelligkeit dahin. Offenbar konnte die Angara, wie es der Vorsteher der Kaufmannschaft schon gesagt hatte, nur schwer in der ganzen Oberfläche zufrieren. Die Gefahr eines Angriffs von der Wasserseite brauchten die Vertheidiger von Irkutsk also nicht sonderlich zu fürchten.Eben schlug es zehn Uhr. Der Großfürst verabschiedete seine Officiere und wollte sich gerade in seine Gemächer zurückziehen, als vor dem Palaste ein auffallender Tumult entstand.Fast gleichzeitig öffnete sich die Thür des Salons, ein Feldjäger trat ein und ging auf den Großfürsten zu.„Kaiserliche Hoheit, meldete er, ein Courier des Czaar!“
Elftes Capitel.Zwischen zwei Ufern.Gegen acht Uhr Abends hüllte, wie es der Zustand des Himmels schon voraus sehen ließ, eine tiefe Finsterniß die ganze Umgebung ein. Da es jetzt Neumond war, stieg auch dieser nicht über den Horizont empor. Von der Mitte des Flusses aus konnte man die Ufer nicht erkennen. Die schroffen Felsen an den Seiten verschwammen in mäßiger Höhe mit den schwarzen, tief herabhängenden Wolken, welche kaum ihre Stelle wechselten. Von Zeit zu Zeit rauschte ein Windstoß von Osten her und schien in dem engen Thale der Angara zu ersterben.Die Dunkelheit begünstigte nach der einen Seite gewiß das Vorhaben der Flüchtlinge. Patrouillirten auch die Wachposten der Tartaren längs der Ufer, so ließ sich doch annehmen, daß das Floß ungesehen von ihnen vorübergleiten werde. Ebenso wenig stand[pg 2-159]zu befürchten, daß die Belagerer stromaufwärts von Irkutsk den Fluß gesperrt haben sollten, da sie recht gut wußten, daß die Russen aus dem Süden der Provinz keine Hilfe zu erwarten hatten. In kurzer Zeit mußte freilich die Natur schon allein diese Flußsperre herstellen, wenn die Kälte die einzelnen Schollen fest aneinander löthete.Am Bord des Flosses herrschte jetzt das tiefste Schweigen. Als man weiter in den Fluß eindrang, ließen sich auch die Stimmen der Pilger nicht mehr vernehmen. Sie beteten zwar noch immer, aber nur mit solch leisem Gemurmel, daß dasselbe am Ufer unmöglich gehört werden konnte. Auf der Plattform ausgestreckt unterbrachen auch die Körper der Flüchtlinge kaum die ebene Fläche des Wassers. Der alte Seemann, der sich jetzt am Vordertheile neben seinen Leuten aufhielt, begnügte sich, nur die Eisschollen zu vermeiden, was ohne Geräusch zu erreichen war.Der Eisgang auf dem Flusse durfte sogar als sein weiterer günstiger Umstand betrachtet werden, so lange er dem Flosse nicht zum unübersteigbaren Hinderniß wurde. Wäre es überhaupt möglich gewesen, den Apparat auf dem freien Wasser des Flusses wahrzunehmen, so verdeckten ihn jetzt zum Theil die Schollen jeder Größe und Form und das Aneinanderprallen und Krachen derselben übertönte gleichzeitig jedes sonst vielleicht hörbare verdächtige Geräusch.Nun wurde die Luft aber wirklich empfindlich kalt. Die Flüchtlinge, deren Schutz nur in wenigen Birkenzweigen bestand, litten sehr hart. Sie drängten sich dicht aneinander, um die Erniedrigung der äußeren Temperatur, welche während der Nacht bis auf 10° unter Null herabging, besser zu ertragen. Der schwache[pg 2-160]Wind, der über die schneebedeckten Berge im Osten herwehte, stach sie wie mit tausend Nadeln.Michael Strogoff und Nadia ertrugen, auf dem Hintertheil des Flosses gelagert, diesen Zuwachs ihrer Leiden ohne jede Klage. Neben ihnen suchten Alcide Jolivet und Harry Blount dem ersten Angriff des sibirischen Winters nach Kräften Widerstand zu leisten. Weder die Einen noch die Andern sprachen ein Wort, nicht einmal heimlich. Die gegenwärtige Situation beschäftigte vollständig ihren Geist. Jeden Augenblick konnte ein Zwischenfall, eine Gefahr eintreten, vielleicht eine Katastrophe, welche Allen verderblich werden mußte.Für einen Mann, der nun endlich so nahe daran ist, sein längst erstrebtes Ziel zu erreichen, verhielt sich Michael Strogoff auffallend ruhig. Auch in den schlimmsten Lagen hatte ihn seine Energie ja niemals verlassen. Er sah schon den Augenblick vor sich, wo es ihm endlich gestattet sein würde, an seine Mutter, an Nadia, an sich selbst zu denken! Er fürchtete nur noch eine einzige letzte Störung, das Floß möchte durch die Anhäufung von Schollen noch vor dem Eintreffen in Irkutsk aufgehalten werden. Er dachte nur hieran und war im Uebrigen vollkommen entschlossen, im Nothfalle noch durch ein letztes kühnes Wagstück seine Absicht durchzusetzen.Nach mehreren Stunden der Ruhe hatte Nadia ihre physischen Kräfte wieder gewonnen, welche das Unglück wohl manchmal brechen konnte, ohne ihr jemals den Muth zu rauben. Sie dachte ebenfalls daran, daß Michael Strogoff nichts unversucht lassen werde, um seiner Pflicht nachzukommen, und daß sie bei der Hand sein müsse, ihn zu führen. Je mehr sie sich aber Irkutsk näherte, desto deutlicher trat[pg 2-161]ihr auch das Bild ihres Vaters vor das geistige Auge. Sie sah ihn in der belagerten Stadt, fern von Denen, die er liebte, jedoch – woran sie niemals zweifelte, – mit dem ganzen Feuer seines Patriotismus kämpfend gegen die feindlichen Angreifer. Half ihr jetzt der Himmel, so konnte sie in einigen Stunden in seinen Armen liegen, ihm die letzten Worte ihrer Mutter mitzutheilen, und dann sollte nichts sie wieder von ihm trennen. Endigte die Verbannung Wassili Fedor’s niemals, so wollte auch sie dieselbe mit ihm theilen. Doch gedachte sie ganz natürlich auch Dessen, dem sie es verdankte, ihren Vater überhaupt wieder zu sehen, ihres edelmüthigen Reisegefährten, ihres „Bruders“, der nach Vertreibung der Tartaren den Weg nach Moskau wieder einschlagen würde, um sie vielleicht nie wieder zu sehen!…Alcide Jolivet und Harry Blount endlich beschäftigten sich nur mit dem einen Gedanken, daß die Situation höchst dramatisch sei und, gut in Scene gesetzt, einen ungemein interessanten Bericht abgeben müsse. Der Engländer dachte dabei an die Leser des Daily-Telegraph, der Franzose an die seiner Cousine Madeleine. Uebrigens konnten sie sich einer gewissen Erregtheit doch nicht ganz erwehren.„Nun, desto besser, dachte Alcide Jolivet, man muß selbst bewegt sein, um Andere zu bewegen! Ich glaube, dieser Gedanke ist auch in irgend einem berühmten Verse ausgesprochen, aber, zum Teufel, ich erinnere mich nicht …“Dabei suchte er mit seinen berühmten Reporteraugen immer das Dunkel zur Seite des Flusses zu durchdringen.Dann und wann unterbrach ein greller Lichtschein[pg 2-162]die Finsterniß und zauberte ein phantastisches Bild der dunkeln Wälder hervor. Hier stand ein ganzer Wald in Flammen, dort verheerte das Feuer ein Dorf, immer die traurigen Wiederholungen der Schreckensbilder des Tages, nur daß diese gegen das Dunkel der Nacht desto auffallender contrastirten. Die Angara war dabei von einem Ufer bis zum andern erhellt. Die Eisschollen bildeten ebenso viele Spiegel, welche die Flammen in allen Winkeln und allen Farben wiedergaben, und deren Reflexe je nach der Bewegung der Strömung wechselten. Unter der Masse dieser schwimmenden Körper zog das Floß unbemerkt dahin.Hier drohte also keine besondere Gefahr.Aber eine ganz andere war im Anzuge. Diese konnten sie nicht vorhersehen und vorzüglich auf keine Weise abwenden. Alcide Jolivet erkannte sie ganz zufällig und zwar durch folgenden Umstand:Auf der rechten Seite des Floßes liegend, ließ derselbe einmal seine Hand in’s Wasser hängen. Plötzlich erhielt er einen Eindruck, als wenn eine klebrige Substanz, etwa ein Mineralöl, seine Haut benetzte.Alcide Jolivet nahm auch noch den Geruch zu Hilfe, – er konnte sich nicht täuschen. Das war eine Lage flüssiger Naphtha, welche auf der Oberfläche der Angara schwamm und mit der Strömung hinabtrieb.Schwamm das Floß also wirklich ganz auf dieser Substanz, welche so ungemein leicht entzündlich ist? Woher rührte diese Naphtha? Hatte sie ein natürliches Phänomen an die Oberfläche der Angara geführt, oder sollte sie als Zerstörungsmittel dienen, durch das die Tartaren vielleicht Irkutsk in Brand[pg 2-163]zu setzen suchten? Eine Art der Kriegführung freilich, welche unter gesitteten Völkern nicht wohl vorkommen könnte.Das waren die beiden Fragen, die Alcide Jolivet sich vorlegte, doch hielt er es für gerathen, von seiner Entdeckung nur Harry Blount Mittheilung zu machen, und Beide kamen auch überein, ihre Reisegefährten nicht unnöthig durch diese neue Gefahr zu ängstigen.Bekanntlich ist der Boden Centralasiens wie ein Schwamm imprägnirt von flüssigen Kohlenwasserstoffen. Im Hafen von Baku, an der persischen Grenze, an der Halbinsel Abcheron, am Kaspisee, in Kleinasien, in China, in Yug-Hyan, in Birma dringen die Oelquellen zu Tausenden an die Oberfläche. Dort ist das „Oelgebiet“, ein Pendant zu dem Theile Nordamerikas, der diesen Namen wirklich trägt.Bei gewissen religiösen Festen gießen die Eingebornen im Hafen zu Baku, welche Feueranbeter sind, flüssige Naphtha auf die Oberfläche des Meeres, die in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes darauf schwimmt. Hat sich die brennbare Schicht dann über das Wasser verbreitet, so zünden sie dieselbe mit Anbruch der Nacht an und bereiten sich auf diese Weise das unvergleichliche Schauspiel eines Oceans von Feuer, der sich mit dem Winde auf und niederbewegt.Was aber in Baku eine Festlichkeit ist, das mußte zum Unheil auf den Wellen der Angara werden. Ob hier nun Feuer aus verbrecherischer Absicht oder aus Unvorsichtigkeit angezündet wurde, jedenfalls hätte es sich in einem Augenblicke bis über Irkutsk hinaus verbreitet.Auf dem Floße selbst konnte man wohl vor jeder Unvorsichtigkeit sicher sein; desto mehr waren[pg 2-164]die verschiedenen Feuersbrünste an beiden Ufern der Angara zu fürchten, denn es genügte ja schon ein brennendes Holzstückchen, vielleicht ein bloßer Funke, den Naphthastrom in Flammen zu setzen.Die Besorgnisse Harry Blount’s und Alcide Jolivet’s gegenüber dieser neuen Gefahr lassen sich wohl eher empfinden, als schildern. Erschien es nicht rathsamer, vorläufig an eines der Ufer zu gehen, dort sich auszuschiffen und eine Zeit lang zu warten? – Sie legten sich wohl diese Frage vor.„Wie drohend die Gefahr auch sei, sagte Alcide Jolivet, jedenfalls weiß ich Einen, der sich nicht mit ausschiffen würde.“Er spielte hiermit auf Michael Strogoff an.Inzwischen schwamm das Floß schnell zwischen den Eisschollen hinab, die sich immer enger und enger zusammendrängten.Bisher hatte man an den Uferabhängen der Angara noch nirgends tartarische Abtheilungen zu Gesicht bekommen, ein Beweis, daß das Floß deren Vorpostenkette noch nicht erreicht haben könne. Gegen zehn Uhr Abends glaubte Harry Blount jedoch eine Menge dunkler Gestalten wahrzunehmen, die sich auf den Eisschollen bewegten, und indem sie von der einen nach der andern sprangen, schnell näher herankamen.„Tartaren!“ dachte er.Er schlich sich in die Nähe des alten Seemanns auf dem vorderen Theile und lenkte dessen Aufmerksamkeit auf jene verdächtigen Bewegungen.Der Alte richtete seine scharfen Augen darauf.„Das sind nur Wölfe, sagte er. Die sind mir lieber als die Tartaren. Doch werden wir uns zu[pg 2-165]vertheidigen suchen müssen, ohne dabei Geräusch zu machen.“Wirklich mußten die Flüchtlinge nun auch noch einen Kampf aufnehmen gegen die wilden Bestien, welche der Hunger und die Kälte nach diesen Gegenden verschlagen hatte. Die Wölfe witterten das Floß, und bald fielen sie dasselbe an. Die Flüchtlinge mußten sich also, ohne von Feuerwaffen Gebrauch zu machen, zur Wehr setzen. Frauen und Kinder wurden in der Mitte des Floßes untergebracht, die Männer bewaffneten sich mit Stangen, Messern oder einfachen Stöcken und stellten sich bereit, die Angreifer heim zu schicken. Kein Ausruf ließ sich hören, nur das Geheul der Wölfe erschütterte die Luft.Michael Strogoff hatte nicht unthätig bleiben wollen. Er streckte sich an der von den Raubthieren angegriffenen Seite des Floßes nieder, ergriff sein furchtbares Messer, und wußte dieses allemal, wenn ein Wolf in erreichbarer Nähe vorüberkam, demselben in den Hals zu stoßen. Harry Blount und Alcide Jolivet feierten ebenso wenig, wie ihre übrigen muthigen Begleiter. Das ganze Blutbad ging in tiefstem Schweigen vor sich, obgleich mehrere der Flüchtlinge ernsthafte Bißwunden davon trugen.Der Kampf schien auch nicht so bald sein Ende zu erreichen. Die Lücken in der Bande der Wölfe füllten sich immer von Neuem und jedenfalls war die ganze Uferstrecke durch sie unsicher gemacht.„Das hat auch gar kein Ende!“ sagte Alcide Jolivet, während er den bluttriefenden Dolch schwang.Eine halbe Stunde nach Beginn des Angriffs streiften die Wölfe noch immer in ganzen Banden über das Treibeis.[pg 2-166]Die erschöpften Flüchtlinge erlahmten sichtlich. Der Kampf wendete sich zu ihrem Nachtheil. Eben stürzten zehn ungeheure, vor Wuth und Hunger rasende Wölfe mit feurigen Augen, die in der Dunkelheit wie glühende Kohlen leuchteten, auf die Plattform des Floßes. Ohne Zögern eilten Alcide Jolivet und Harry Blount auf diese zu, während Michael Strogoff sich denselben kriechend zu nähern suchte, als die Scene sich plötzlich veränderte.Binnen wenigen Secunden hatten die Wölfe nicht nur das Floß, sondern auch die Eisschollen im Strome eiligst verlassen. Alle die schwarzen Gestalten verschwanden und zerstreuten sich offenbar in der Umgebung des rechten Flußufers.Es rührte das daher, daß Wölfe nur in der Dunkelheit einen Kampf wagen, und jetzt die ganze Fläche der Angara plötzlich in hellem Lichte glänzte.Es war derWiederschein einer ausgedehnten Feuersbrunst. Der ganze Flecken Poschkafsk stand in hellen Flammen. Hier schwärmten also Tartaren umher, die ihr gewohntes Mordbrennerhandwerk trieben, und weiter flußabwärts die beiden Ufer besetzt hielten. Die Flüchtlinge traten jetzt in die gefährliche Zone ihrer nächtlichen Fahrt, und dabei lag die Hauptstadt noch dreißig Werst von ihnen entfernt.Es war jetzt gegen halb zwölf Uhr Nachts. Das Floß glitt wieder versteckt zwischen den Eisschollen, von denen es sich kaum unterschied, dahin. Nur dann und wann flog ein heller Lichtschein über dasselbe hin. Auf der Plattform hingestreckt wagte keiner der Insassen eine Bewegung zu machen, die sie hätte verrathen können.Die erwähnte Ortschaft brannte außerordentlich[pg 2-167]schnell nieder. Ihre aus Fichtenholz erbauten Häuser flackerten wie brennendes Harz empor. Gegen fünfzig derselben standen auf einmal in Flammen. Zu dem Knistern und Krachen der Feuersbrunst mischte sich das Gebrüll der Tartaren.Der alte Seemann lenkte, indem er seine Stange an den größeren Eisschollen einsetzte, das Floß mehr nach der rechten Seite, so daß sie eine Entfernung von drei- bis vierhundert Fuß von dem durch den Brand erleuchteten Flußufer trennte.Nichtsdestoweniger hätten die Flüchtlinge, auf die zuweilen ein greller Lichtschein fiel, wohl bemerkt werden müssen, wenn die Brandstifter nicht allzu eifrig mit der Zerstörung des Ortes beschäftigt gewesen wären. Jeder wird sich aber leicht die Besorgniß Alcide Jolivet’s und Harry Blount’s vorstellen können, wenn diese an den so flüchtigen Brennstoff dachten, auf dem das Floß noch immer schwamm.Ganze Funkengarben sprühten aus den Häusern auf, welche ebenso vielen brennenden Schmelzöfen glichen. Mitten in den Rauchwirbeln stiegen diese Funken fünf- bis sechshundert Fuß hoch in die Luft empor. Am rechten Ufer selbst schienen die Bäume, im Widerscheine des röthlichen Lichtes, selbst in Flammen zu stehen. Nun reichte ja schon ein Funken hin, der auf die Angara niederfiel, die Feuersbrunst auch dem Strome mitzutheilen und Verderben bis zum andern Ufer zu tragen. Die Zerstörung des Floßes und der Tod seiner Insassen mußte dann die nothwendige Folge sein.Zum Glück wehte der schwache Nachtwind nicht nach dieser Seite. Er blies fortwährend aus Osten und trieb die Flammen von dem linken Ufer ab.[pg 2-168]Möglicherweise konnten die Flüchtlinge also dieser entsetzlichen Gefahr entgehen.Wirklich ließen sie die brennende Ortschaft bald hinter sich. Nach und nach erblaßte der Feuerschein, das Knistern und Krachen verstummte, und bald verschwand auch der letzte Schimmer hinter dem hohen Ufer der Angara, welche hier einen scharfen Bogen bildet.So kam die Mitternacht heran. Die tiefe Finsterniß schützte wieder das Floß. An beiden Ufern trieben sich da und dort Tartaren umher. Man sah sie zwar nicht, hörte sie aber, übrigens glänzten auch die Feuer der äußersten Vorposten hell durch die Nacht.Inzwischen machte es sich bei den immer mehr zusammen gedrängten Eisschollen nöthig, mit größter Vorsicht weiter zu fahren.Der alte Seemann erhob sich und die Mujiks ergriffen ihre Stangen. Alle waren vollauf beschäftigt, da die Führung des Floßes immer schwieriger und das Bett des Flusses immer enger wurde.Michael Strogoff war nach dem Vordertheile geschlichen.Alcide Jolivet folgte ihm.Beide vernahmen die zwischen dem alten Seemann und seinen Leuten gewechselten Worte.„Achtung, dort rechts!— Links drängen ein paar Schollen heran!— Stoß’ ab, fest mit der Stange!— Vor Verlauf einer Stunde sitzen wir fest …— Wenn Gott das will! sagte der alte Seemann. Gegen seinen Willen ist nichts zu thun.— Hören Sie Jene? fragte Alcide Jolivet.[pg 2-169]— Ja, erwiderte Michael Strogoff, aber Gott ist mit uns!“Inzwischen ward die Situation immer ernster. Wurde das Floß wirklich aufgehalten, so gelangten die Flüchtlinge nicht nur nicht nach Irkutsk, sondern mußten jedenfalls auch ihr schwimmendes Transportmittel verlassen, das von den Eisschollen gedrückt bald unter ihnen in Stücke gehen würde. Dann drohten ja die aus Weidenzweigen bestehenden Bänder zu reißen, die von einander weichenden Fichtenstämme unter das Eis zu gerathen und den Unglücklichen wäre nichts anderes als Zuflucht verblieben, als die schwankenden Schollen selbst. Nach Anbruch des Tages hätten sie dann die Tartaren ohne Zweifel entdecken müssen, von deren Hand keine Gnade zu hoffen war.Michael Strogoff kehrte nach dem Hintertheile, wo Nadia sich aufhielt, zurück. Er näherte sich derselben, faßte ihre Hand und legte ihr die oft wiederholte Frage vor: „Bist Du bereit, Nadia?“ – welche sie wie immer mit„Ich bin stets und zu Allem bereit!“ beantwortete.Noch einige Werst drängte sich das Floß zwischen dem Schollengewirr dahin. Verengerte sich die Angara noch mehr, so mußte sich ein Eisschutz bilden, der die Weiterbenutzung der Wasserstraße so gut wie unmöglich machte. Schon wurde die Bewegung offenbar eine langsamere. Jeden Augenblick fühlte man Stöße und sah, wie das Floß abwich. Hier mußte man sich vor dem vorspringenden Ufer in Acht nehmen, dort eine enge Durchfahrt passiren. Immer wiederholten sich unerwünschte Verzögerungen.Nun dauerte die Nacht ja auch nur noch wenige[pg 2-170]Stunden. Erreichten die Flüchtlinge Irkutsk nicht vor fünf Uhr des Morgens, so konnten sie auch alle Hoffnung aufgeben, jemals hinein zu gelangen.Gegen halb zwei Uhr stieß das Floß trotz aller Anstrengungen gegen einen compacten Eisschutz und blieb hier fest stehen. Die nachrückenden Schollen drängten es noch mehr an jenen an und machten es dadurch so unbeweglich fest, als ob es auf einer Klippe gescheitert wäre.An dieser Stelle verengerte sich die Angara ungemein, so daß die Breite ihres Bettes nur noch die Hälfte der gewöhnlichen betrug. Hieraus erklärte sich diese Anhäufung von Schollen, welche allmälig mit einander verlötheten, sowohl durch den ganz beträchtlichen Druck, unter dem sie standen, als auch durch die Kälte, welche fühlbar zunahm. Fünfhundert Schritt weiter unten dehnte sich das Flußbett wieder aus, und hier trieben einzelne Schollen, die sich von Zeit zu Zeit von der Eisbank lösten, in der Richtung nach Irkutsk hin. Ohne diese Annäherung der Ufer hätte sich die Schollenwand nicht bilden können und das Floß wäre nach wie vor von der Strömung fortgetragen worden. Gegen den unglücklichen Zufall war aber nicht das Geringste zu thun, und die Flüchtlinge mußten eben auf jede Hoffnung verzichten, ihr ersehntes Ziel zu erreichen.Im Besitze solcher Werkzeuge, wie sie die Wallfischfahrer gebrauchen, um sich Kanäle durch das Eisfeld zu brechen, hätten sie vielleicht gerade noch Zeit gehabt, das Hinderniß bis zu der wieder erweiterten Stelle des Stromes zu beseitigen. Aber keine Säge, keine Spitzhaue war zur Hand, um die von der Kälte granitartig verhärtete Kruste mit Aussicht auf Erfolg anzugreifen.[pg 2-171]Was nun?In diesem Augenblicke krachte eine Gewehrsalve am rechten Ufer der Angara. Ein ganzer Kugelregen war auf das Floß gerichtet. Man hatte die Armen also noch entdeckt. Diese Annahme fand dadurch ihre Bestätigung, daß es jetzt auch von dem linken Ufer her aufblitzte. Zwischen zwei Feuer gestellt dienten die Flüchtlinge als Zielpunkte der tartarischen Tirailleurs. Einige wurden auch verwundet, obgleich die Kugeln bei der herrschenden Dunkelheit nur durch Zufall trafen.„Komm, Nadia“, raunte Michael Strogoff dem jungen Mädchen in’s Ohr.Ohne den mindesten Einwand ergriff Nadia „bereit zu Allem“ Michael Strogoff’s Hand.„Wir müssen jetzt die Eisbank übersteigen, flüsterte er, aber Keiner darf gewahr werden, daß wir das Floß verlassen!“Nadia gehorchte. Michael Strogoff und sie glitten schnell, geschützt von der Finsterniß, welche nur da und dort das Feuer der Gewehre unterbrach, auf die Eisfläche.Nadia kroch Michael Strogoff voraus. Wie ein Hagel schlugen die Kugeln rings um sie ein oder prallten an den Schollen ab. Die unebene Eisdecke mit ihren hervorstehenden scharfen Kanten und Spitzen riß ihnen die Hände auf, aber sie kamen doch vorwärts.Zehn Minuten später erreichten sie die untere Grenze der Eiswand. Hier ward das Wasser der Angara wieder frei. Einige Schollen rissen sich hier und da von derselben los und schwammen nach der Stadt hinunter.Nadia verstand Michael Strogoff’s Absichten.[pg 2-172]Sie fand eine Eisscholle, welche nur durch eine schmale Verbindung fest hing. „Komm“, sagte Nadia.Beide legten sich auf das Eisstück, das sich nach einigem Schwanken von der Bank ablöste.Jetzt begann es, dahin zu treiben. Das Bett des Flusses erweiterte sich, der Weg stand offen.Michael Strogoff und Nadia hörten noch das Knallen der Gewehre, die Ausrufe der Verzweiflung, das Brüllen der Tartaren … Dann verstummten langsam diese Ausbrüche der entsetzlichen Angst und der teuflischen Freude.„Unsre armen Gefährten!“ seufzte Nadia.Während einer Stunde trug die Strömung jene Eisscholle mit Michael Strogoff und Nadia schnell dahin. Jeden Augenblick hatten diese zu befürchten, daß sie unter ihnen in Stücke gehen könne. Von der stärksten Strömung ward sie nahezu in der Mitte der Wasserfläche erhalten, und doch handelte es sich darum, sie mehr nach der Seite zu leiten, wenn sie an einem der Quais in Irkutsk landen sollte.Michael Strogoff lauschte, ohne ein Wort zu sprechen, gespannten Ohres. Niemals winkte ihm so nahe das Ziel. Er fühlte jetzt, daß er es erreichen werde!…Um zwei Uhr Morgens schimmerte eine doppelte Reihe Lichter an dem dunklen Horizonte neben den beiden Ufern der Angara.Zur Rechten rührte dieser Lichtschein von Irkutsk her, zur Linken von den Wachtfeuern des tartarischen Feldlagers.Michael Strogoff war nur noch eine halbe Werst von der Stadt entfernt.„Endlich!“ murmelte er für sich.[pg 2-173]Aber plötzlich stieß Nadia einen furchtbaren Schrei aus.Bei diesem Aufschrei erhob sich Michael Strogoff auf der schwankenden Scholle. Seine Hand streckte sich nach der Angara hinauf. Sein von bläulichen Reflexen überstrahltes Gesicht nahm einen furchtbaren Ausdruck an, und dann rief er, als hätten sich seine Augen auf’s Neue dem Lichte erschlossen:„Ach, also Gott selbst ist doch gegen uns!“Zwölftes Capitel.Irkutsk.Irkutsk, die Hauptstadt Ostsibiriens, zählt unter gewöhnlichen Verhältnissen etwa 30,000 Einwohner. Ein ziemlich hohes, steiles Ufer an der rechten Seite der Angara trägt seine von einer hohen Kathedrale überragten Kirchen und die in pittoresker Unordnung daneben verstreuten Häuser.Von einer gewissen Entfernung aus, etwa von der Höhe des Berges, über den in einer Entfernung von zwanzig Werst die große sibirische Heerstraße führt, bietet es mit seinen Kuppeln und Glockenthürmen, seinen den Minarets ähnlichen, schlanken Thurmspitzen, und vielen auf japanesische Art ausgehöhlten Dächern, ein etwas orientalisches Aussehen. Diese Physiognomie verschwindet aber dem Auge des Reisenden, sobald er die Stadt selbst betritt. Zur Hälfte in byzantinischem, zur Hälfte in chinesischem[pg 2-174]Stile erbaut, wird sie doch zu einer europäischen durch die macadamisirten Straßen mit Trottoirs an den Seiten, durch die Kanäle in denselben, die reichlichen Baumanpflanzungen, durch ihre Gebäude aus Ziegelstein und Holz, von denen einzelne auch mehrere Stockwerke zeigen, durch die zahlreichen Fuhrwerke, welche sie beleben, und unter denen man nicht nur Telegs und Tarantasse, sondern auch moderne Wagen zu verstehen hat, endlich durch eine große Anzahl mit den jeweiligen Fortschritten der Civilisation ganz vertrauter Einwohner, denen auch die neuesten pariser Moden nichts Fremdes sind.Zur jetzigen Zeit war Irkutsk, die Zufluchtsstätte der Bewohner einer ganzen Provinz, furchtbar überfüllt. Alle Bedürfnisse fanden hier dennoch reichlichste Befriedigung. Irkutsk bildet die Niederlage jener zahllosen Waaren, welche zwischen China, Centralasien und Europa ausgetauscht werden. Man brauchte also den Zuzug der Landbauern aus dem Angarathale, den der Mongel-Khalkas, der Tungunsen, der Burets nicht zu fürchten, und konnte zwischen den Feinden und der Stadt alles Land verwüsten lassen.Irkutsk ist der Sitz des Generalgouverneurs von Ostsibirien. Unter ihm fungiren noch ein Civilgouverneur, in dessen Händen die Verwaltungsgeschäfte der Provinz liegen, ein Polizeidirector, der in einer Stadt mit so vielen Verbannten nicht allzuwenig zu thun hat, und endlich ein Maire, der Erste der Kaufleute, eine wegen ihres Reichthums und des unerklärlichen Einflusses auf die betreffenden Kreise sehr viel bedeutende Persönlichkeit.Die Garnison von Irkutsk bestand aus einem Regiment Kosaken zu Fuß, in der Stärke von etwa[pg 2-175]2000 Mann, und einem Corps einheimischer Gensdarmen mit Helm und blauer, silberbesetzter Uniform.Außerdem war, wie wir wissen, der Bruder des Czaar in Folge eigenthümlicher Verhältnisse seit Beginn des Tartareneinfalls in die Stadt eingeschlossen.Ueber jene Verhältnisse nur einige Worte.Eine wichtige politische Reise hatte den Großfürsten in diese entlegenen Provinzen Ostasiens geführt.Der Großfürst berührte die hauptsächlichsten Städte Sibiriens, reiste mehr als Soldat, denn als Prinz, ohne jeden Hofstaat, nur begleitet von seinen Officieren und einer Abtheilung Kosaken, wobei er bis nach den transbaïkalischen Landschaften vordrang. Nikolajowsk, die letzte russische Stadt am Ochotskischen Meere, wurde ebenfalls mit seinem Besuche beehrt.An den Grenzen des ungeheuren Moskowitenreiches angelangt, kehrte der Großfürst nach Irkutsk zurück, von wo er den Weg nach Europa wieder einschlagen wollte, als er die ersten Nachrichten von der ebenso gefährlichen, als urplötzlichen Invasion erhielt. Er beeilte sich, die Hauptstadt zu erreichen, bei seiner Ankunft daselbst war aber die Verbindung mit Rußland schon unterbrochen. Einige Telegramme von Petersburg und Moskau kamen in seine Hand, auf welche er auch noch Antwort zu geben vermochte. Dann war die Leitung unter den uns bekannten Umständen zerstört worden.Isolirt lag Irkutsk am Ende der Welt.Dem Großfürsten fiel nun blos noch die Aufgabe zu, die Vertheidigung zu organisiren, was er mit der Festigkeit und Ruhe durchführte, von der er[pg 2-176]bei anderer Gelegenheit hinlängliche Proben gegeben hat.Die Nachrichten über die Einnahme von Ichim, Omsk und Tomsk gelangten eine nach der anderen nach Irkutsk. Die Wegnahme dieser Hauptstadt Sibiriens mußte auf jeden Fall verhindert werden. Auf baldige Hilfe durfte man nicht rechnen. Die wenigen in der Amurprovinz und dem Gouvernement Jakutsk zerstreuten Truppen reichten, auch wenn sie heranrückten, nicht aus, den tartarischen Heersäulen Halt zu gebieten. Da nun Irkutsk einem Angriffe offenbar nicht entgehen konnte, so mußte die Stadt vor allen Dingen in den Stand gesetzt werden, eine Belagerung von einiger Dauer auszuhalten.Die Arbeiten hierzu nahmen an demselben Tage ihren Anfang, als Tomsk in die Hände der Tartaren fiel. Gleichzeitig mit dieser Neuigkeit erfuhr der Großfürst, daß der Emir von Bukhara und die verbündeten Khans in Person die Bewegung leiteten; unbekannt blieb ihm aber, daß der zweite Führer dieser Barbarenhäuptlinge, Iwan Ogareff, ein früherer russischer Officier war, den er selbst degradirt hatte, und den er von Person nicht kannte.Gleich zuerst wurden die Bewohner der Provinz Irkutsk, wie wir wissen, veranlaßt, alle Städte und Dörfer zu verlassen. Wer keine Zuflucht in der Hauptstadt suchte, mußte sich noch weiter hinaus, jenseit des Baïkalsees, begeben, bis wohin der Schwarm der Feinde höchst wahrscheinlich nicht gelangen konnte. Die Vorräthe an Getreide und Fourrage wurden für die Stadt requirirt und dieses letzte Bollwerk der moskowitischen Herrschaft in den Stand gesetzt, wenigstens eine Zeit lang Widerstand zu leisten.[pg 2-177]Irkutsk, gegründet im Jahre 1611, liegt am Zusammenflusse des Irkut und der Angara, am rechten Ufer der letztgenannten. Zwei auf Pfeilern ruhende Holzbrücken, die sich zum Zwecke der Schifffahrt in der ganzen Breite des Fahrwassers öffnen lassen, verbinden die Stadt mit ihren Vorstädten am linken Stromufer. Nach dieser Seite bot die Vertheidigung keine Schwierigkeiten. Die Vorstädte wurden geräumt, die Brücken abgebrochen. Eine Ueberschreitung der hier sehr breiten Angara wäre unter dem Feuer der Belagerten nicht leicht auszuführen gewesen.Der Fluß konnte ja aber auch oberhalb oder unterhalb der Stadt überschritten werden, und folglich drohte Irkutsk auch die Gefahr eines Angriffs von der Ostseite, wo es keine Umfassungsmauer schützte.Alle kräftigen Arme wurden nun zunächst zu Fortificationsarbeiten verwendet. Man war Tag und Nacht thätig. Der Großfürst fand eine überaus eifrige Bevölkerung, die sich bei der eigentlichen Vertheidigung auch ebenso muthvoll beweisen sollte. Soldaten, Kaufleute, Verbannte, Bauern – Alle widmeten sich dem allgemeinen Besten. Acht Tage vor der Ankunft der Tartaren im Angarathale hatte man ringsum Erdwälle aufgeworfen. Außerdem war dadurch vor letzteren ein Wallgraben entstanden, den die Angara speiste. Durch einen Handstreich konnte die Stadt also nicht leicht weggenommen werden. Sie mußte belagert und gestürmt werden.Das dritte tartarische Armeecorps, – dasselbe, welches im Thale des Jeniseï hinaufgezogen war, – erschien am 24. September vor Irkutsk. Es besetzte sofort die verlassenen Vorstädte, deren Häuser übrigens[pg 2-178]meist niedergelegt waren, um der leider unzureichenden Artillerie des Großfürsten keine Hindernisse zu bieten.Die Tartaren suchten sich einzurichten und erwarteten die beiden anderen von dem Emir und seinen Verbündeten geführten Heerhaufen.Die Verbindung dieser verschiedenen Corps ward am 25. September durch das Lager an der Angara bewerkstelligt und die ganze Armee, mit Ausnahme der in den größeren Städten zurückgelassenen Besatzungen unter dem Befehle Feofar-Khan’s vereinigt.Da Iwan Ogareff eine Ueberschreitung der Angara in Irkutsk selbst für unausführbar erklärte, so setzte eine starke Heeresabtheilung einige Werst stromabwärts mittels Schiffbrücken über den Fluß. Der Großfürst griff hiergegen nicht ein, da er dieses Vorhaben wohl etwas stören, aus Mangel an hinreichender Feldartillerie aber doch nicht verhindern konnte, und so blieb er, gewiß mit vollem Rechte, ruhig in Irkutsk.Die Tartaren besetzten also auch die rechte Flußseite; dann marschirten sie gegen die Stadt heran, brannten unterwegs die Sommerwohnung des Generalgouverneurs in einem den Lauf der Angara beherrschenden Wäldchen nieder, und begannen nach völliger Einschließung der Stadt die regelrechte Belagerung.Iwan Ogareff bemühte sich als geschickter Ingenieur diese bestens zu leiten, nur gingen ihm die nöthigen Hilfsmittel ab, um rasche Erfolge zu erzielen. Uebrigens hatte er darauf gerechnet, Irkutsk, das Ziel seines Verlangens, im ersten Anlauf zu nehmen.Wie sich nun zeigte, hatte sich die Sachlage unerwartet geändert. Einestheils hielt die Schlacht bei Tomsk die tartarische Armee in ihrem Marsche[pg 2-179]auf, anderntheils die Schnelligkeit, mit welcher der Großfürst die jetzigen Vertheidigungswerke herzustellen wußte. An diesen beiden Ursachen scheiterte seine ursprüngliche Absicht und er sah sich zu einer regelrechten Belagerung genöthigt.Dennoch versuchte der Emir auf sein Anrathen zweimal, ohne Rücksicht auf die zahlreichen Opfer an Mannschaften, die Stadt zu stürmen. Er warf seine Truppen auf die scheinbar schwächsten Punkte der Schanzen; beide Angriffe wurden aber muthig abgeschlagen. Der Großfürst und seine Officiere setzten sich bei dieser Gelegenheit rücksichtslos jeder Gefahr aus. Sie traten mit ihrer eigenen Person ein und führten die Civilbevölkerung mit auf die Wälle. Bürger und Mujiks erfüllten opferfreudig ihre Pflicht. Bei dem zweiten Sturmangriff war es den Tartaren gelungen, eines der Thore in den Wällen zu erobern. An dem einen Ende der großen, zwei Werst langen und oben und unten an der Angara ausmündenden Straße von Bolchaïa kam es zu einem Kampfe. Aber Kosaken, Gensdarmen und Bürger setzten den Tartaren einen so hartnäckigen Widerstand entgegen, daß sich diese zuletzt in ihre früheren Stellungen zurückziehen mußten.Nun gedachte Iwan Ogareff durch Verrath zu erreichen, was er durch Gewalt nicht erlangen konnte. Wir wissen, daß seine Absicht dahin ging, in die Stadt einzudringen, sich dem Großfürsten zu nähern, dessen Vertrauen zu erschleichen und seiner Zeit eines der Thore den Belagerern zu überliefern. Dann wollte er seinen eigenen Rachedurst an dem Bruder des Czaar stillen.Die Zigeunerin Sangarre, seine Begleiterin bis[pg 2-180]in das Lager an der Angara, trieb ihn noch an, dieses Vorhaben auszuführen.In der That war auch Gefahr im Verzuge. Schon marschirten die Truppen aus dem Gouvernement Jakutsk auf Irkutsk. Sie hatten sich am obern Laufe der Lena concentrirt, deren Thale sie folgten. In höchstens sechs Tagen mußten sie eintreffen, also wurde es nöthig, Irkutsk vor diesem Zeitpunkte durch Verrath zu überwältigen.Iwan Ogareff zögerte keinen Augenblick. –Eines Abends, am 2. October, wurde in dem großen Salon des Gouvernementspalastes, in dem der Großfürst residirte, ein Kriegsrath abgehalten.Dieses am Ende der Bolchaïastraße gelegene Gebäude beherrscht weithin den Lauf des Flusses. Gegenüber den Fenstern seiner Hauptfaçade sah man das Lager der Tartaren; hätten letztere weiter tragende Belagerungsgeschütze besessen, so wäre dieses Gebäude ganz unhaltbar gewesen.Der Großfürst, der General Voranzoff, der Gouverneur der Stadt, der Chef der Kaufleute und eine Anzahl höhere Officiere besprachen eben verschiedene nothwendige Maßregeln.„Meine Herren, begann der Großfürst, unsere dermalige Lage ist Ihnen hinlänglich bekannt. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß wir Irkutsk bis zum Eintreffen von Ersatztruppen zu halten im Stande sind. Dann werden wir leicht im Stande sein, die Barbarenhorden in die Flucht zu jagen, und an mir soll es gewiß nicht liegen, wenn sie diesen frechen Einfall in unser Gebiet nicht sehr theuer bezahlen.— Eure kaiserliche Hoheit wissen, erwiderte der[pg 2-181]General Voranzoff, daß Sie auf die Bevölkerung von Irkutsk zählen können.— Gewiß, General, antwortete der Großfürst, und ich erkenne diesen eifrigen Patriotismus gern und unumwunden an. Gott sei Dank ist die Einwohnerschaft noch von den Schrecken einer Epidemie oder der Hungersnoth verschont geblieben, und ich hoffe, das soll nicht anders werden; auf den Wällen aber habe ich nur ihren Heldenmuth bewundern können. Sie hören meine Worte, Herr Vorsteher der Kaufmannsgilde, und ich bitte Sie, dieselben weiter zu verbreiten.— Ich danke Eurer Hoheit im Namen der Stadt, erwiderte der Angeredete. Darf ich wohl auch fragen, nach welchem längsten Zeitraume auf das Eintreffen von Ersatztruppen zu rechnen ist?— Höchstens nach sechs Tagen, erklärte der Großfürst. Erst heute Morgen ist ein gewandter und kühner Emissär in die Stadt gekommen, der mir mittheilt, daß fünfzigtausend russische Truppen unter Führung des Generals Kisselef im Anmarsch sind. Vor zwei Tagen befanden sie sich in Kironsk, am Ufer der Lena, und jetzt werden weder Schnee noch Kälte ihren Zug aufzuhalten vermögen. Fünfzigtausend Mann Kerntruppen, welche die Tartaren in der Flanke fassen, werden uns leicht von denselben befreien.— Ich erlaube mir hinzuzufügen, daß wir sofort, wenn Eure kaiserliche Hoheit einen Ausfall befehlen sollten, bereit sind, diesem Befehle zu folgen.— Ich danke, mein Herr, sagte der Großfürst. Warten wir es ab, bis die Spitzen unserer Colonnen auf den nächsten Höhen erscheinen, dann wollen wir die Feinde zerschmettern.“[pg 2-182]Dann wandte er sich wieder an den General Voranzoff.„Wir werden morgen, sagte er, die Arbeiten am rechten Ufer besichtigen. Die Angara bringt schon Eisschollen mit, sie wird bald eine feste Decke erhalten und den Tartaren den Uebergang ermöglichen.— Würden mir Eure Hoheit eine Bemerkung gestatten? fragte der Chef der Kaufleute.— Sprechen Sie.— Ich habe die Temperatur wiederholt bis dreißig und vierzig Grade unter Null herabgehen sehen, immer aber bedeckte sich die Angara nur mit losen Schollen, ohne je ganz zuzufrieren, woran ihre rasche Strömung Schuld zu sein scheint. Besitzen die Tartaren also keine anderen Hilfsmittel, den Fluß zu passiren, so garantire ich Eurer Hoheit, daß sie auf diesem Wege nie nach Irkutsk hinein gelangen werden.“Der Generalgouverneur bestätigte die Bemerkung des Chefs der Kaufmannschaft.„Das ist gewiß ein recht glücklicher Umstand, äußerte der Großfürst. Nichtsdestoweniger werden wir gut thun, jede Eventualität in’s Auge zu fassen.“Er wandte sich dann an den Director der Polizei.„Sie haben mir Nichts mitzutheilen? fragte er.— Ich habe Ihnen zu melden, kaiserliche Hoheit, erwiderte der Polizeidirector, daß mir durch meine Unterbeamten eine Bittschrift übergeben wurde …— Ausgehend von …?— Von sibirischen Verbannten, Sire, deren Anzahl, wie Sie wissen, sich hier auf Fünfhundert beläuft.“Die politischen Verbannten, welche sonst über[pg 2-183]die ganze Provinz verbreitet sind, waren seit Beginn der Invasion in Irkutsk concentrirt. Sie waren dem Befehle nachgekommen, in der Stadt einzutreffen, und hatten die Ortschaften verlassen, wo sie ihren verschiedenen Berufsgeschäften oblagen, hier als Aerzte, dort als Lehrer entweder an einem Gymnasium, der japanischen oder einer Schifffahrts-Schule. Von Anfang an hatte sie der Großfürst, im Vertrauen auf ihren Patriotismus, mit Waffen versehen und sie als tüchtige Vertheidiger erkannt.„Was wünschen die Verbannten? fragte der Großfürst.— Sie ersuchen Eure kaiserliche Hoheit um die Erlaubniß, ein besonderes Corps bilden und beim ersten Ausfall an der Spitze marschiren zu dürfen.— O, erwiderte der Großfürst, ohne seine freudige Erregung zu verbergen, ich wußte es ja, das sind Russen; ihr Patriotismus erwirbt ihnen das Recht, sich für ihr Vaterland zu schlagen.— Ich glaube Eurer kaiserlichen Hoheit versichern zu können, sagte der Generalgouverneur, daß Sie keine besseren Soldaten zu finden vermögen.— Doch sie brauchen dann einen Führer, bemerkte der Großfürst. Wer soll das sein?— Sie wünschten Eurer Hoheit einen aus ihrer Mitte vorzuschlagen, antwortete der Polizeidirector, der sich schon bei mehreren Gelegenheiten ausgezeichnet hat.— Ist es ein Russe?— Ja, ein Russe aus den baltischen Provinzen.— Sein Name …?— Wassili Fedor.“Der Verbannte war der Vater Nadia’s.Wassili Fedor lebte, wie uns bekannt ist, in Irkutsk[pg 2-184]seinem Berufe als Arzt. Ein kenntnißreicher und im Umgange liebenswürdiger Mann, war er gleichzeitig von hohem Muthe und warmer Vaterlandsliebe beseelt. Jede Stunde, in der er nicht von Kranken in Anspruch genommen war, widmete er den Vertheidigungsarbeiten. Er war es auch, der seine Schicksalsgenossen zu gemeinsamem Auftreten verbunden hatte. Bisher mitten unter der übrigen Bevölkerung verwendet, gelang es den Verbannten doch, die Aufmerksamkeit des Großfürsten zu erregen. Bei mehreren Ausfällen hatten sie mit dem Blute ihre Schuld an das heilige Rußland bezahlt. Wassili Fedor benahm sich stets als Held. Sein Name ward wiederholt mit Auszeichnung genannt, doch er erstrebte weder Dank noch Belohnung, und als die Verbannten die Bildung eines besonderen Corps beschlossen, dachte er gar nicht daran, daß sie beabsichtigen könnten, ihn zu ihrem Führer auszuersehen.Als der Polizeidirector diesen Namen genannt hatte, bemerkte der Großfürst, daß ihm derselbe nicht unbekannt sei.„In der That, bestätigte General Voranzoff, Wassili Fedor ist ein muthiger, geeigneter Mann. Stets erwies sich sein Einfluß auf die anderen Verbannten von großer Bedeutung.— Seit wann ist er in Irkutsk? fragte der Großfürst.— Seit zwei Jahren.— Und seine Aufführung …?— Er fügt sich, antwortete der Polizeidirector, als verständiger Mann den Vorschriften, wie sie die Verbannung eben mit sich bringt.[pg 2-185]— General, antwortete der Großfürst, lassen Sie mir denselben ohne Zögern zuführen.“Der Befehl des Großfürsten ward ausgeführt, und noch vor Ablauf einer halben Stunde trat Wassili Fedor in den Saal ein.Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, von hohem Wuchs und mit ernster, gewinnender Physiognomie. Man sah es ihm an, daß sein ganzes Leben sich in dem Worte: Kampf! zusammen fassen ließ, und daß er gekämpft, aber auch gelitten hatte. Seine Züge erinnerten lebhaft an die seiner Tochter Nadia Fedor.Mehr als jeden Andern hatte ihn der Tartareneinfall auch persönlich schmerzlich berührt und die liebste Hoffnung eines Vaters vernichtet, der achttausend Werst von seiner Heimath in der Verbannung lebte. Ein Brief hatte ihm den Tod der geliebten Gattin gemeldet zugleich mit der Abreise seiner Tochter, welche von der Regierung die Erlaubniß ausgewirkt hatte, ihm in Irkutsk Gesellschaft zu leisten.Nadia hatte Riga am 10. Juli verlassen. Die Invasion begann am 15. Juli. Wenn Nadia zu dieser Zeit schon die Grenze überschritten hatte, was war aus ihr mitten in dem Schwarme der Feinde geworden? Von welcher Unruhe mußte der unglückliche Vater verzehrt werden, da er seit dieser Zeit keine Nachrichten von seiner Tochter erhalten hatte!Wassili Fedor verneigte sich in Gegenwart des Großfürsten und erwartete von diesem angesprochen zu werden.„Wassili Fedor, begann der Großfürst, Deine Genossen in der Verbannung haben sich erboten, ein Elitecorps bilden zu dürfen. Sie vergessen doch[pg 2-186]nicht, daß in einer solchen Schaar Jeder bis zum letzten Mann zu sterben bereit sein muß?— Sie sind sich dessen bewußt, erwiderte Wassili Fedor.— Sie wünschen Dich als Anführer?— Ja, kaiserliche Hoheit.— Und hast Du die Absicht, Dich an ihre Spitze zu stellen?— Wenn das Heil Rußlands es erheischt, gewiß.— Commandant Fedor, sagte der Großfürst, Du bist nicht mehr verbannt.— Ich danke, Hoheit, aber kann ich dann über Solche den Befehl führen, die es noch sind?— Sie sind es nicht mehr.“In seine Hand legte der Bruder des Czaar die Begnadigung seiner verbannten Genossen, jetzt seiner Waffengefährten.Tief bewegt drückte Wassili Fedor die ihm dargebotene Hand des Großfürsten und verließ das Gemach.Der Letztere wendete sich an seine Officiere.„Der Czaar wird den Gnadenbrief anerkennen, den ich hier in seinem Namen ausstelle, sagte er lächelnd. Wir brauchen Helden, um die Hauptstadt Sibiriens zu vertheidigen, ich habe solche jetzt geschaffen.“Diese den Verbannten von Irkutsk gewährte Gnade entsprach in der That ebenso einer großherzigen Justiz, wie einer klugen Politik.Die Nacht brach herein. Durch die Fenster des Palastes leuchteten die Feuer des tartarischen Lagers, die sich da und dort in der Angara wiederspiegelten. In dem Flusse trieben zahlreiche Eisschollen, von denen einige an den alten Pfeilern der früheren[pg 2-187]hölzernen Brücke hängen blieben. Die meisten flossen aber mit erstaunlicher Schnelligkeit dahin. Offenbar konnte die Angara, wie es der Vorsteher der Kaufmannschaft schon gesagt hatte, nur schwer in der ganzen Oberfläche zufrieren. Die Gefahr eines Angriffs von der Wasserseite brauchten die Vertheidiger von Irkutsk also nicht sonderlich zu fürchten.Eben schlug es zehn Uhr. Der Großfürst verabschiedete seine Officiere und wollte sich gerade in seine Gemächer zurückziehen, als vor dem Palaste ein auffallender Tumult entstand.Fast gleichzeitig öffnete sich die Thür des Salons, ein Feldjäger trat ein und ging auf den Großfürsten zu.„Kaiserliche Hoheit, meldete er, ein Courier des Czaar!“
Elftes Capitel.Zwischen zwei Ufern.Gegen acht Uhr Abends hüllte, wie es der Zustand des Himmels schon voraus sehen ließ, eine tiefe Finsterniß die ganze Umgebung ein. Da es jetzt Neumond war, stieg auch dieser nicht über den Horizont empor. Von der Mitte des Flusses aus konnte man die Ufer nicht erkennen. Die schroffen Felsen an den Seiten verschwammen in mäßiger Höhe mit den schwarzen, tief herabhängenden Wolken, welche kaum ihre Stelle wechselten. Von Zeit zu Zeit rauschte ein Windstoß von Osten her und schien in dem engen Thale der Angara zu ersterben.Die Dunkelheit begünstigte nach der einen Seite gewiß das Vorhaben der Flüchtlinge. Patrouillirten auch die Wachposten der Tartaren längs der Ufer, so ließ sich doch annehmen, daß das Floß ungesehen von ihnen vorübergleiten werde. Ebenso wenig stand[pg 2-159]zu befürchten, daß die Belagerer stromaufwärts von Irkutsk den Fluß gesperrt haben sollten, da sie recht gut wußten, daß die Russen aus dem Süden der Provinz keine Hilfe zu erwarten hatten. In kurzer Zeit mußte freilich die Natur schon allein diese Flußsperre herstellen, wenn die Kälte die einzelnen Schollen fest aneinander löthete.Am Bord des Flosses herrschte jetzt das tiefste Schweigen. Als man weiter in den Fluß eindrang, ließen sich auch die Stimmen der Pilger nicht mehr vernehmen. Sie beteten zwar noch immer, aber nur mit solch leisem Gemurmel, daß dasselbe am Ufer unmöglich gehört werden konnte. Auf der Plattform ausgestreckt unterbrachen auch die Körper der Flüchtlinge kaum die ebene Fläche des Wassers. Der alte Seemann, der sich jetzt am Vordertheile neben seinen Leuten aufhielt, begnügte sich, nur die Eisschollen zu vermeiden, was ohne Geräusch zu erreichen war.Der Eisgang auf dem Flusse durfte sogar als sein weiterer günstiger Umstand betrachtet werden, so lange er dem Flosse nicht zum unübersteigbaren Hinderniß wurde. Wäre es überhaupt möglich gewesen, den Apparat auf dem freien Wasser des Flusses wahrzunehmen, so verdeckten ihn jetzt zum Theil die Schollen jeder Größe und Form und das Aneinanderprallen und Krachen derselben übertönte gleichzeitig jedes sonst vielleicht hörbare verdächtige Geräusch.Nun wurde die Luft aber wirklich empfindlich kalt. Die Flüchtlinge, deren Schutz nur in wenigen Birkenzweigen bestand, litten sehr hart. Sie drängten sich dicht aneinander, um die Erniedrigung der äußeren Temperatur, welche während der Nacht bis auf 10° unter Null herabging, besser zu ertragen. Der schwache[pg 2-160]Wind, der über die schneebedeckten Berge im Osten herwehte, stach sie wie mit tausend Nadeln.Michael Strogoff und Nadia ertrugen, auf dem Hintertheil des Flosses gelagert, diesen Zuwachs ihrer Leiden ohne jede Klage. Neben ihnen suchten Alcide Jolivet und Harry Blount dem ersten Angriff des sibirischen Winters nach Kräften Widerstand zu leisten. Weder die Einen noch die Andern sprachen ein Wort, nicht einmal heimlich. Die gegenwärtige Situation beschäftigte vollständig ihren Geist. Jeden Augenblick konnte ein Zwischenfall, eine Gefahr eintreten, vielleicht eine Katastrophe, welche Allen verderblich werden mußte.Für einen Mann, der nun endlich so nahe daran ist, sein längst erstrebtes Ziel zu erreichen, verhielt sich Michael Strogoff auffallend ruhig. Auch in den schlimmsten Lagen hatte ihn seine Energie ja niemals verlassen. Er sah schon den Augenblick vor sich, wo es ihm endlich gestattet sein würde, an seine Mutter, an Nadia, an sich selbst zu denken! Er fürchtete nur noch eine einzige letzte Störung, das Floß möchte durch die Anhäufung von Schollen noch vor dem Eintreffen in Irkutsk aufgehalten werden. Er dachte nur hieran und war im Uebrigen vollkommen entschlossen, im Nothfalle noch durch ein letztes kühnes Wagstück seine Absicht durchzusetzen.Nach mehreren Stunden der Ruhe hatte Nadia ihre physischen Kräfte wieder gewonnen, welche das Unglück wohl manchmal brechen konnte, ohne ihr jemals den Muth zu rauben. Sie dachte ebenfalls daran, daß Michael Strogoff nichts unversucht lassen werde, um seiner Pflicht nachzukommen, und daß sie bei der Hand sein müsse, ihn zu führen. Je mehr sie sich aber Irkutsk näherte, desto deutlicher trat[pg 2-161]ihr auch das Bild ihres Vaters vor das geistige Auge. Sie sah ihn in der belagerten Stadt, fern von Denen, die er liebte, jedoch – woran sie niemals zweifelte, – mit dem ganzen Feuer seines Patriotismus kämpfend gegen die feindlichen Angreifer. Half ihr jetzt der Himmel, so konnte sie in einigen Stunden in seinen Armen liegen, ihm die letzten Worte ihrer Mutter mitzutheilen, und dann sollte nichts sie wieder von ihm trennen. Endigte die Verbannung Wassili Fedor’s niemals, so wollte auch sie dieselbe mit ihm theilen. Doch gedachte sie ganz natürlich auch Dessen, dem sie es verdankte, ihren Vater überhaupt wieder zu sehen, ihres edelmüthigen Reisegefährten, ihres „Bruders“, der nach Vertreibung der Tartaren den Weg nach Moskau wieder einschlagen würde, um sie vielleicht nie wieder zu sehen!…Alcide Jolivet und Harry Blount endlich beschäftigten sich nur mit dem einen Gedanken, daß die Situation höchst dramatisch sei und, gut in Scene gesetzt, einen ungemein interessanten Bericht abgeben müsse. Der Engländer dachte dabei an die Leser des Daily-Telegraph, der Franzose an die seiner Cousine Madeleine. Uebrigens konnten sie sich einer gewissen Erregtheit doch nicht ganz erwehren.„Nun, desto besser, dachte Alcide Jolivet, man muß selbst bewegt sein, um Andere zu bewegen! Ich glaube, dieser Gedanke ist auch in irgend einem berühmten Verse ausgesprochen, aber, zum Teufel, ich erinnere mich nicht …“Dabei suchte er mit seinen berühmten Reporteraugen immer das Dunkel zur Seite des Flusses zu durchdringen.Dann und wann unterbrach ein greller Lichtschein[pg 2-162]die Finsterniß und zauberte ein phantastisches Bild der dunkeln Wälder hervor. Hier stand ein ganzer Wald in Flammen, dort verheerte das Feuer ein Dorf, immer die traurigen Wiederholungen der Schreckensbilder des Tages, nur daß diese gegen das Dunkel der Nacht desto auffallender contrastirten. Die Angara war dabei von einem Ufer bis zum andern erhellt. Die Eisschollen bildeten ebenso viele Spiegel, welche die Flammen in allen Winkeln und allen Farben wiedergaben, und deren Reflexe je nach der Bewegung der Strömung wechselten. Unter der Masse dieser schwimmenden Körper zog das Floß unbemerkt dahin.Hier drohte also keine besondere Gefahr.Aber eine ganz andere war im Anzuge. Diese konnten sie nicht vorhersehen und vorzüglich auf keine Weise abwenden. Alcide Jolivet erkannte sie ganz zufällig und zwar durch folgenden Umstand:Auf der rechten Seite des Floßes liegend, ließ derselbe einmal seine Hand in’s Wasser hängen. Plötzlich erhielt er einen Eindruck, als wenn eine klebrige Substanz, etwa ein Mineralöl, seine Haut benetzte.Alcide Jolivet nahm auch noch den Geruch zu Hilfe, – er konnte sich nicht täuschen. Das war eine Lage flüssiger Naphtha, welche auf der Oberfläche der Angara schwamm und mit der Strömung hinabtrieb.Schwamm das Floß also wirklich ganz auf dieser Substanz, welche so ungemein leicht entzündlich ist? Woher rührte diese Naphtha? Hatte sie ein natürliches Phänomen an die Oberfläche der Angara geführt, oder sollte sie als Zerstörungsmittel dienen, durch das die Tartaren vielleicht Irkutsk in Brand[pg 2-163]zu setzen suchten? Eine Art der Kriegführung freilich, welche unter gesitteten Völkern nicht wohl vorkommen könnte.Das waren die beiden Fragen, die Alcide Jolivet sich vorlegte, doch hielt er es für gerathen, von seiner Entdeckung nur Harry Blount Mittheilung zu machen, und Beide kamen auch überein, ihre Reisegefährten nicht unnöthig durch diese neue Gefahr zu ängstigen.Bekanntlich ist der Boden Centralasiens wie ein Schwamm imprägnirt von flüssigen Kohlenwasserstoffen. Im Hafen von Baku, an der persischen Grenze, an der Halbinsel Abcheron, am Kaspisee, in Kleinasien, in China, in Yug-Hyan, in Birma dringen die Oelquellen zu Tausenden an die Oberfläche. Dort ist das „Oelgebiet“, ein Pendant zu dem Theile Nordamerikas, der diesen Namen wirklich trägt.Bei gewissen religiösen Festen gießen die Eingebornen im Hafen zu Baku, welche Feueranbeter sind, flüssige Naphtha auf die Oberfläche des Meeres, die in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes darauf schwimmt. Hat sich die brennbare Schicht dann über das Wasser verbreitet, so zünden sie dieselbe mit Anbruch der Nacht an und bereiten sich auf diese Weise das unvergleichliche Schauspiel eines Oceans von Feuer, der sich mit dem Winde auf und niederbewegt.Was aber in Baku eine Festlichkeit ist, das mußte zum Unheil auf den Wellen der Angara werden. Ob hier nun Feuer aus verbrecherischer Absicht oder aus Unvorsichtigkeit angezündet wurde, jedenfalls hätte es sich in einem Augenblicke bis über Irkutsk hinaus verbreitet.Auf dem Floße selbst konnte man wohl vor jeder Unvorsichtigkeit sicher sein; desto mehr waren[pg 2-164]die verschiedenen Feuersbrünste an beiden Ufern der Angara zu fürchten, denn es genügte ja schon ein brennendes Holzstückchen, vielleicht ein bloßer Funke, den Naphthastrom in Flammen zu setzen.Die Besorgnisse Harry Blount’s und Alcide Jolivet’s gegenüber dieser neuen Gefahr lassen sich wohl eher empfinden, als schildern. Erschien es nicht rathsamer, vorläufig an eines der Ufer zu gehen, dort sich auszuschiffen und eine Zeit lang zu warten? – Sie legten sich wohl diese Frage vor.„Wie drohend die Gefahr auch sei, sagte Alcide Jolivet, jedenfalls weiß ich Einen, der sich nicht mit ausschiffen würde.“Er spielte hiermit auf Michael Strogoff an.Inzwischen schwamm das Floß schnell zwischen den Eisschollen hinab, die sich immer enger und enger zusammendrängten.Bisher hatte man an den Uferabhängen der Angara noch nirgends tartarische Abtheilungen zu Gesicht bekommen, ein Beweis, daß das Floß deren Vorpostenkette noch nicht erreicht haben könne. Gegen zehn Uhr Abends glaubte Harry Blount jedoch eine Menge dunkler Gestalten wahrzunehmen, die sich auf den Eisschollen bewegten, und indem sie von der einen nach der andern sprangen, schnell näher herankamen.„Tartaren!“ dachte er.Er schlich sich in die Nähe des alten Seemanns auf dem vorderen Theile und lenkte dessen Aufmerksamkeit auf jene verdächtigen Bewegungen.Der Alte richtete seine scharfen Augen darauf.„Das sind nur Wölfe, sagte er. Die sind mir lieber als die Tartaren. Doch werden wir uns zu[pg 2-165]vertheidigen suchen müssen, ohne dabei Geräusch zu machen.“Wirklich mußten die Flüchtlinge nun auch noch einen Kampf aufnehmen gegen die wilden Bestien, welche der Hunger und die Kälte nach diesen Gegenden verschlagen hatte. Die Wölfe witterten das Floß, und bald fielen sie dasselbe an. Die Flüchtlinge mußten sich also, ohne von Feuerwaffen Gebrauch zu machen, zur Wehr setzen. Frauen und Kinder wurden in der Mitte des Floßes untergebracht, die Männer bewaffneten sich mit Stangen, Messern oder einfachen Stöcken und stellten sich bereit, die Angreifer heim zu schicken. Kein Ausruf ließ sich hören, nur das Geheul der Wölfe erschütterte die Luft.Michael Strogoff hatte nicht unthätig bleiben wollen. Er streckte sich an der von den Raubthieren angegriffenen Seite des Floßes nieder, ergriff sein furchtbares Messer, und wußte dieses allemal, wenn ein Wolf in erreichbarer Nähe vorüberkam, demselben in den Hals zu stoßen. Harry Blount und Alcide Jolivet feierten ebenso wenig, wie ihre übrigen muthigen Begleiter. Das ganze Blutbad ging in tiefstem Schweigen vor sich, obgleich mehrere der Flüchtlinge ernsthafte Bißwunden davon trugen.Der Kampf schien auch nicht so bald sein Ende zu erreichen. Die Lücken in der Bande der Wölfe füllten sich immer von Neuem und jedenfalls war die ganze Uferstrecke durch sie unsicher gemacht.„Das hat auch gar kein Ende!“ sagte Alcide Jolivet, während er den bluttriefenden Dolch schwang.Eine halbe Stunde nach Beginn des Angriffs streiften die Wölfe noch immer in ganzen Banden über das Treibeis.[pg 2-166]Die erschöpften Flüchtlinge erlahmten sichtlich. Der Kampf wendete sich zu ihrem Nachtheil. Eben stürzten zehn ungeheure, vor Wuth und Hunger rasende Wölfe mit feurigen Augen, die in der Dunkelheit wie glühende Kohlen leuchteten, auf die Plattform des Floßes. Ohne Zögern eilten Alcide Jolivet und Harry Blount auf diese zu, während Michael Strogoff sich denselben kriechend zu nähern suchte, als die Scene sich plötzlich veränderte.Binnen wenigen Secunden hatten die Wölfe nicht nur das Floß, sondern auch die Eisschollen im Strome eiligst verlassen. Alle die schwarzen Gestalten verschwanden und zerstreuten sich offenbar in der Umgebung des rechten Flußufers.Es rührte das daher, daß Wölfe nur in der Dunkelheit einen Kampf wagen, und jetzt die ganze Fläche der Angara plötzlich in hellem Lichte glänzte.Es war derWiederschein einer ausgedehnten Feuersbrunst. Der ganze Flecken Poschkafsk stand in hellen Flammen. Hier schwärmten also Tartaren umher, die ihr gewohntes Mordbrennerhandwerk trieben, und weiter flußabwärts die beiden Ufer besetzt hielten. Die Flüchtlinge traten jetzt in die gefährliche Zone ihrer nächtlichen Fahrt, und dabei lag die Hauptstadt noch dreißig Werst von ihnen entfernt.Es war jetzt gegen halb zwölf Uhr Nachts. Das Floß glitt wieder versteckt zwischen den Eisschollen, von denen es sich kaum unterschied, dahin. Nur dann und wann flog ein heller Lichtschein über dasselbe hin. Auf der Plattform hingestreckt wagte keiner der Insassen eine Bewegung zu machen, die sie hätte verrathen können.Die erwähnte Ortschaft brannte außerordentlich[pg 2-167]schnell nieder. Ihre aus Fichtenholz erbauten Häuser flackerten wie brennendes Harz empor. Gegen fünfzig derselben standen auf einmal in Flammen. Zu dem Knistern und Krachen der Feuersbrunst mischte sich das Gebrüll der Tartaren.Der alte Seemann lenkte, indem er seine Stange an den größeren Eisschollen einsetzte, das Floß mehr nach der rechten Seite, so daß sie eine Entfernung von drei- bis vierhundert Fuß von dem durch den Brand erleuchteten Flußufer trennte.Nichtsdestoweniger hätten die Flüchtlinge, auf die zuweilen ein greller Lichtschein fiel, wohl bemerkt werden müssen, wenn die Brandstifter nicht allzu eifrig mit der Zerstörung des Ortes beschäftigt gewesen wären. Jeder wird sich aber leicht die Besorgniß Alcide Jolivet’s und Harry Blount’s vorstellen können, wenn diese an den so flüchtigen Brennstoff dachten, auf dem das Floß noch immer schwamm.Ganze Funkengarben sprühten aus den Häusern auf, welche ebenso vielen brennenden Schmelzöfen glichen. Mitten in den Rauchwirbeln stiegen diese Funken fünf- bis sechshundert Fuß hoch in die Luft empor. Am rechten Ufer selbst schienen die Bäume, im Widerscheine des röthlichen Lichtes, selbst in Flammen zu stehen. Nun reichte ja schon ein Funken hin, der auf die Angara niederfiel, die Feuersbrunst auch dem Strome mitzutheilen und Verderben bis zum andern Ufer zu tragen. Die Zerstörung des Floßes und der Tod seiner Insassen mußte dann die nothwendige Folge sein.Zum Glück wehte der schwache Nachtwind nicht nach dieser Seite. Er blies fortwährend aus Osten und trieb die Flammen von dem linken Ufer ab.[pg 2-168]Möglicherweise konnten die Flüchtlinge also dieser entsetzlichen Gefahr entgehen.Wirklich ließen sie die brennende Ortschaft bald hinter sich. Nach und nach erblaßte der Feuerschein, das Knistern und Krachen verstummte, und bald verschwand auch der letzte Schimmer hinter dem hohen Ufer der Angara, welche hier einen scharfen Bogen bildet.So kam die Mitternacht heran. Die tiefe Finsterniß schützte wieder das Floß. An beiden Ufern trieben sich da und dort Tartaren umher. Man sah sie zwar nicht, hörte sie aber, übrigens glänzten auch die Feuer der äußersten Vorposten hell durch die Nacht.Inzwischen machte es sich bei den immer mehr zusammen gedrängten Eisschollen nöthig, mit größter Vorsicht weiter zu fahren.Der alte Seemann erhob sich und die Mujiks ergriffen ihre Stangen. Alle waren vollauf beschäftigt, da die Führung des Floßes immer schwieriger und das Bett des Flusses immer enger wurde.Michael Strogoff war nach dem Vordertheile geschlichen.Alcide Jolivet folgte ihm.Beide vernahmen die zwischen dem alten Seemann und seinen Leuten gewechselten Worte.„Achtung, dort rechts!— Links drängen ein paar Schollen heran!— Stoß’ ab, fest mit der Stange!— Vor Verlauf einer Stunde sitzen wir fest …— Wenn Gott das will! sagte der alte Seemann. Gegen seinen Willen ist nichts zu thun.— Hören Sie Jene? fragte Alcide Jolivet.[pg 2-169]— Ja, erwiderte Michael Strogoff, aber Gott ist mit uns!“Inzwischen ward die Situation immer ernster. Wurde das Floß wirklich aufgehalten, so gelangten die Flüchtlinge nicht nur nicht nach Irkutsk, sondern mußten jedenfalls auch ihr schwimmendes Transportmittel verlassen, das von den Eisschollen gedrückt bald unter ihnen in Stücke gehen würde. Dann drohten ja die aus Weidenzweigen bestehenden Bänder zu reißen, die von einander weichenden Fichtenstämme unter das Eis zu gerathen und den Unglücklichen wäre nichts anderes als Zuflucht verblieben, als die schwankenden Schollen selbst. Nach Anbruch des Tages hätten sie dann die Tartaren ohne Zweifel entdecken müssen, von deren Hand keine Gnade zu hoffen war.Michael Strogoff kehrte nach dem Hintertheile, wo Nadia sich aufhielt, zurück. Er näherte sich derselben, faßte ihre Hand und legte ihr die oft wiederholte Frage vor: „Bist Du bereit, Nadia?“ – welche sie wie immer mit„Ich bin stets und zu Allem bereit!“ beantwortete.Noch einige Werst drängte sich das Floß zwischen dem Schollengewirr dahin. Verengerte sich die Angara noch mehr, so mußte sich ein Eisschutz bilden, der die Weiterbenutzung der Wasserstraße so gut wie unmöglich machte. Schon wurde die Bewegung offenbar eine langsamere. Jeden Augenblick fühlte man Stöße und sah, wie das Floß abwich. Hier mußte man sich vor dem vorspringenden Ufer in Acht nehmen, dort eine enge Durchfahrt passiren. Immer wiederholten sich unerwünschte Verzögerungen.Nun dauerte die Nacht ja auch nur noch wenige[pg 2-170]Stunden. Erreichten die Flüchtlinge Irkutsk nicht vor fünf Uhr des Morgens, so konnten sie auch alle Hoffnung aufgeben, jemals hinein zu gelangen.Gegen halb zwei Uhr stieß das Floß trotz aller Anstrengungen gegen einen compacten Eisschutz und blieb hier fest stehen. Die nachrückenden Schollen drängten es noch mehr an jenen an und machten es dadurch so unbeweglich fest, als ob es auf einer Klippe gescheitert wäre.An dieser Stelle verengerte sich die Angara ungemein, so daß die Breite ihres Bettes nur noch die Hälfte der gewöhnlichen betrug. Hieraus erklärte sich diese Anhäufung von Schollen, welche allmälig mit einander verlötheten, sowohl durch den ganz beträchtlichen Druck, unter dem sie standen, als auch durch die Kälte, welche fühlbar zunahm. Fünfhundert Schritt weiter unten dehnte sich das Flußbett wieder aus, und hier trieben einzelne Schollen, die sich von Zeit zu Zeit von der Eisbank lösten, in der Richtung nach Irkutsk hin. Ohne diese Annäherung der Ufer hätte sich die Schollenwand nicht bilden können und das Floß wäre nach wie vor von der Strömung fortgetragen worden. Gegen den unglücklichen Zufall war aber nicht das Geringste zu thun, und die Flüchtlinge mußten eben auf jede Hoffnung verzichten, ihr ersehntes Ziel zu erreichen.Im Besitze solcher Werkzeuge, wie sie die Wallfischfahrer gebrauchen, um sich Kanäle durch das Eisfeld zu brechen, hätten sie vielleicht gerade noch Zeit gehabt, das Hinderniß bis zu der wieder erweiterten Stelle des Stromes zu beseitigen. Aber keine Säge, keine Spitzhaue war zur Hand, um die von der Kälte granitartig verhärtete Kruste mit Aussicht auf Erfolg anzugreifen.[pg 2-171]Was nun?In diesem Augenblicke krachte eine Gewehrsalve am rechten Ufer der Angara. Ein ganzer Kugelregen war auf das Floß gerichtet. Man hatte die Armen also noch entdeckt. Diese Annahme fand dadurch ihre Bestätigung, daß es jetzt auch von dem linken Ufer her aufblitzte. Zwischen zwei Feuer gestellt dienten die Flüchtlinge als Zielpunkte der tartarischen Tirailleurs. Einige wurden auch verwundet, obgleich die Kugeln bei der herrschenden Dunkelheit nur durch Zufall trafen.„Komm, Nadia“, raunte Michael Strogoff dem jungen Mädchen in’s Ohr.Ohne den mindesten Einwand ergriff Nadia „bereit zu Allem“ Michael Strogoff’s Hand.„Wir müssen jetzt die Eisbank übersteigen, flüsterte er, aber Keiner darf gewahr werden, daß wir das Floß verlassen!“Nadia gehorchte. Michael Strogoff und sie glitten schnell, geschützt von der Finsterniß, welche nur da und dort das Feuer der Gewehre unterbrach, auf die Eisfläche.Nadia kroch Michael Strogoff voraus. Wie ein Hagel schlugen die Kugeln rings um sie ein oder prallten an den Schollen ab. Die unebene Eisdecke mit ihren hervorstehenden scharfen Kanten und Spitzen riß ihnen die Hände auf, aber sie kamen doch vorwärts.Zehn Minuten später erreichten sie die untere Grenze der Eiswand. Hier ward das Wasser der Angara wieder frei. Einige Schollen rissen sich hier und da von derselben los und schwammen nach der Stadt hinunter.Nadia verstand Michael Strogoff’s Absichten.[pg 2-172]Sie fand eine Eisscholle, welche nur durch eine schmale Verbindung fest hing. „Komm“, sagte Nadia.Beide legten sich auf das Eisstück, das sich nach einigem Schwanken von der Bank ablöste.Jetzt begann es, dahin zu treiben. Das Bett des Flusses erweiterte sich, der Weg stand offen.Michael Strogoff und Nadia hörten noch das Knallen der Gewehre, die Ausrufe der Verzweiflung, das Brüllen der Tartaren … Dann verstummten langsam diese Ausbrüche der entsetzlichen Angst und der teuflischen Freude.„Unsre armen Gefährten!“ seufzte Nadia.Während einer Stunde trug die Strömung jene Eisscholle mit Michael Strogoff und Nadia schnell dahin. Jeden Augenblick hatten diese zu befürchten, daß sie unter ihnen in Stücke gehen könne. Von der stärksten Strömung ward sie nahezu in der Mitte der Wasserfläche erhalten, und doch handelte es sich darum, sie mehr nach der Seite zu leiten, wenn sie an einem der Quais in Irkutsk landen sollte.Michael Strogoff lauschte, ohne ein Wort zu sprechen, gespannten Ohres. Niemals winkte ihm so nahe das Ziel. Er fühlte jetzt, daß er es erreichen werde!…Um zwei Uhr Morgens schimmerte eine doppelte Reihe Lichter an dem dunklen Horizonte neben den beiden Ufern der Angara.Zur Rechten rührte dieser Lichtschein von Irkutsk her, zur Linken von den Wachtfeuern des tartarischen Feldlagers.Michael Strogoff war nur noch eine halbe Werst von der Stadt entfernt.„Endlich!“ murmelte er für sich.[pg 2-173]Aber plötzlich stieß Nadia einen furchtbaren Schrei aus.Bei diesem Aufschrei erhob sich Michael Strogoff auf der schwankenden Scholle. Seine Hand streckte sich nach der Angara hinauf. Sein von bläulichen Reflexen überstrahltes Gesicht nahm einen furchtbaren Ausdruck an, und dann rief er, als hätten sich seine Augen auf’s Neue dem Lichte erschlossen:„Ach, also Gott selbst ist doch gegen uns!“Zwölftes Capitel.Irkutsk.Irkutsk, die Hauptstadt Ostsibiriens, zählt unter gewöhnlichen Verhältnissen etwa 30,000 Einwohner. Ein ziemlich hohes, steiles Ufer an der rechten Seite der Angara trägt seine von einer hohen Kathedrale überragten Kirchen und die in pittoresker Unordnung daneben verstreuten Häuser.Von einer gewissen Entfernung aus, etwa von der Höhe des Berges, über den in einer Entfernung von zwanzig Werst die große sibirische Heerstraße führt, bietet es mit seinen Kuppeln und Glockenthürmen, seinen den Minarets ähnlichen, schlanken Thurmspitzen, und vielen auf japanesische Art ausgehöhlten Dächern, ein etwas orientalisches Aussehen. Diese Physiognomie verschwindet aber dem Auge des Reisenden, sobald er die Stadt selbst betritt. Zur Hälfte in byzantinischem, zur Hälfte in chinesischem[pg 2-174]Stile erbaut, wird sie doch zu einer europäischen durch die macadamisirten Straßen mit Trottoirs an den Seiten, durch die Kanäle in denselben, die reichlichen Baumanpflanzungen, durch ihre Gebäude aus Ziegelstein und Holz, von denen einzelne auch mehrere Stockwerke zeigen, durch die zahlreichen Fuhrwerke, welche sie beleben, und unter denen man nicht nur Telegs und Tarantasse, sondern auch moderne Wagen zu verstehen hat, endlich durch eine große Anzahl mit den jeweiligen Fortschritten der Civilisation ganz vertrauter Einwohner, denen auch die neuesten pariser Moden nichts Fremdes sind.Zur jetzigen Zeit war Irkutsk, die Zufluchtsstätte der Bewohner einer ganzen Provinz, furchtbar überfüllt. Alle Bedürfnisse fanden hier dennoch reichlichste Befriedigung. Irkutsk bildet die Niederlage jener zahllosen Waaren, welche zwischen China, Centralasien und Europa ausgetauscht werden. Man brauchte also den Zuzug der Landbauern aus dem Angarathale, den der Mongel-Khalkas, der Tungunsen, der Burets nicht zu fürchten, und konnte zwischen den Feinden und der Stadt alles Land verwüsten lassen.Irkutsk ist der Sitz des Generalgouverneurs von Ostsibirien. Unter ihm fungiren noch ein Civilgouverneur, in dessen Händen die Verwaltungsgeschäfte der Provinz liegen, ein Polizeidirector, der in einer Stadt mit so vielen Verbannten nicht allzuwenig zu thun hat, und endlich ein Maire, der Erste der Kaufleute, eine wegen ihres Reichthums und des unerklärlichen Einflusses auf die betreffenden Kreise sehr viel bedeutende Persönlichkeit.Die Garnison von Irkutsk bestand aus einem Regiment Kosaken zu Fuß, in der Stärke von etwa[pg 2-175]2000 Mann, und einem Corps einheimischer Gensdarmen mit Helm und blauer, silberbesetzter Uniform.Außerdem war, wie wir wissen, der Bruder des Czaar in Folge eigenthümlicher Verhältnisse seit Beginn des Tartareneinfalls in die Stadt eingeschlossen.Ueber jene Verhältnisse nur einige Worte.Eine wichtige politische Reise hatte den Großfürsten in diese entlegenen Provinzen Ostasiens geführt.Der Großfürst berührte die hauptsächlichsten Städte Sibiriens, reiste mehr als Soldat, denn als Prinz, ohne jeden Hofstaat, nur begleitet von seinen Officieren und einer Abtheilung Kosaken, wobei er bis nach den transbaïkalischen Landschaften vordrang. Nikolajowsk, die letzte russische Stadt am Ochotskischen Meere, wurde ebenfalls mit seinem Besuche beehrt.An den Grenzen des ungeheuren Moskowitenreiches angelangt, kehrte der Großfürst nach Irkutsk zurück, von wo er den Weg nach Europa wieder einschlagen wollte, als er die ersten Nachrichten von der ebenso gefährlichen, als urplötzlichen Invasion erhielt. Er beeilte sich, die Hauptstadt zu erreichen, bei seiner Ankunft daselbst war aber die Verbindung mit Rußland schon unterbrochen. Einige Telegramme von Petersburg und Moskau kamen in seine Hand, auf welche er auch noch Antwort zu geben vermochte. Dann war die Leitung unter den uns bekannten Umständen zerstört worden.Isolirt lag Irkutsk am Ende der Welt.Dem Großfürsten fiel nun blos noch die Aufgabe zu, die Vertheidigung zu organisiren, was er mit der Festigkeit und Ruhe durchführte, von der er[pg 2-176]bei anderer Gelegenheit hinlängliche Proben gegeben hat.Die Nachrichten über die Einnahme von Ichim, Omsk und Tomsk gelangten eine nach der anderen nach Irkutsk. Die Wegnahme dieser Hauptstadt Sibiriens mußte auf jeden Fall verhindert werden. Auf baldige Hilfe durfte man nicht rechnen. Die wenigen in der Amurprovinz und dem Gouvernement Jakutsk zerstreuten Truppen reichten, auch wenn sie heranrückten, nicht aus, den tartarischen Heersäulen Halt zu gebieten. Da nun Irkutsk einem Angriffe offenbar nicht entgehen konnte, so mußte die Stadt vor allen Dingen in den Stand gesetzt werden, eine Belagerung von einiger Dauer auszuhalten.Die Arbeiten hierzu nahmen an demselben Tage ihren Anfang, als Tomsk in die Hände der Tartaren fiel. Gleichzeitig mit dieser Neuigkeit erfuhr der Großfürst, daß der Emir von Bukhara und die verbündeten Khans in Person die Bewegung leiteten; unbekannt blieb ihm aber, daß der zweite Führer dieser Barbarenhäuptlinge, Iwan Ogareff, ein früherer russischer Officier war, den er selbst degradirt hatte, und den er von Person nicht kannte.Gleich zuerst wurden die Bewohner der Provinz Irkutsk, wie wir wissen, veranlaßt, alle Städte und Dörfer zu verlassen. Wer keine Zuflucht in der Hauptstadt suchte, mußte sich noch weiter hinaus, jenseit des Baïkalsees, begeben, bis wohin der Schwarm der Feinde höchst wahrscheinlich nicht gelangen konnte. Die Vorräthe an Getreide und Fourrage wurden für die Stadt requirirt und dieses letzte Bollwerk der moskowitischen Herrschaft in den Stand gesetzt, wenigstens eine Zeit lang Widerstand zu leisten.[pg 2-177]Irkutsk, gegründet im Jahre 1611, liegt am Zusammenflusse des Irkut und der Angara, am rechten Ufer der letztgenannten. Zwei auf Pfeilern ruhende Holzbrücken, die sich zum Zwecke der Schifffahrt in der ganzen Breite des Fahrwassers öffnen lassen, verbinden die Stadt mit ihren Vorstädten am linken Stromufer. Nach dieser Seite bot die Vertheidigung keine Schwierigkeiten. Die Vorstädte wurden geräumt, die Brücken abgebrochen. Eine Ueberschreitung der hier sehr breiten Angara wäre unter dem Feuer der Belagerten nicht leicht auszuführen gewesen.Der Fluß konnte ja aber auch oberhalb oder unterhalb der Stadt überschritten werden, und folglich drohte Irkutsk auch die Gefahr eines Angriffs von der Ostseite, wo es keine Umfassungsmauer schützte.Alle kräftigen Arme wurden nun zunächst zu Fortificationsarbeiten verwendet. Man war Tag und Nacht thätig. Der Großfürst fand eine überaus eifrige Bevölkerung, die sich bei der eigentlichen Vertheidigung auch ebenso muthvoll beweisen sollte. Soldaten, Kaufleute, Verbannte, Bauern – Alle widmeten sich dem allgemeinen Besten. Acht Tage vor der Ankunft der Tartaren im Angarathale hatte man ringsum Erdwälle aufgeworfen. Außerdem war dadurch vor letzteren ein Wallgraben entstanden, den die Angara speiste. Durch einen Handstreich konnte die Stadt also nicht leicht weggenommen werden. Sie mußte belagert und gestürmt werden.Das dritte tartarische Armeecorps, – dasselbe, welches im Thale des Jeniseï hinaufgezogen war, – erschien am 24. September vor Irkutsk. Es besetzte sofort die verlassenen Vorstädte, deren Häuser übrigens[pg 2-178]meist niedergelegt waren, um der leider unzureichenden Artillerie des Großfürsten keine Hindernisse zu bieten.Die Tartaren suchten sich einzurichten und erwarteten die beiden anderen von dem Emir und seinen Verbündeten geführten Heerhaufen.Die Verbindung dieser verschiedenen Corps ward am 25. September durch das Lager an der Angara bewerkstelligt und die ganze Armee, mit Ausnahme der in den größeren Städten zurückgelassenen Besatzungen unter dem Befehle Feofar-Khan’s vereinigt.Da Iwan Ogareff eine Ueberschreitung der Angara in Irkutsk selbst für unausführbar erklärte, so setzte eine starke Heeresabtheilung einige Werst stromabwärts mittels Schiffbrücken über den Fluß. Der Großfürst griff hiergegen nicht ein, da er dieses Vorhaben wohl etwas stören, aus Mangel an hinreichender Feldartillerie aber doch nicht verhindern konnte, und so blieb er, gewiß mit vollem Rechte, ruhig in Irkutsk.Die Tartaren besetzten also auch die rechte Flußseite; dann marschirten sie gegen die Stadt heran, brannten unterwegs die Sommerwohnung des Generalgouverneurs in einem den Lauf der Angara beherrschenden Wäldchen nieder, und begannen nach völliger Einschließung der Stadt die regelrechte Belagerung.Iwan Ogareff bemühte sich als geschickter Ingenieur diese bestens zu leiten, nur gingen ihm die nöthigen Hilfsmittel ab, um rasche Erfolge zu erzielen. Uebrigens hatte er darauf gerechnet, Irkutsk, das Ziel seines Verlangens, im ersten Anlauf zu nehmen.Wie sich nun zeigte, hatte sich die Sachlage unerwartet geändert. Einestheils hielt die Schlacht bei Tomsk die tartarische Armee in ihrem Marsche[pg 2-179]auf, anderntheils die Schnelligkeit, mit welcher der Großfürst die jetzigen Vertheidigungswerke herzustellen wußte. An diesen beiden Ursachen scheiterte seine ursprüngliche Absicht und er sah sich zu einer regelrechten Belagerung genöthigt.Dennoch versuchte der Emir auf sein Anrathen zweimal, ohne Rücksicht auf die zahlreichen Opfer an Mannschaften, die Stadt zu stürmen. Er warf seine Truppen auf die scheinbar schwächsten Punkte der Schanzen; beide Angriffe wurden aber muthig abgeschlagen. Der Großfürst und seine Officiere setzten sich bei dieser Gelegenheit rücksichtslos jeder Gefahr aus. Sie traten mit ihrer eigenen Person ein und führten die Civilbevölkerung mit auf die Wälle. Bürger und Mujiks erfüllten opferfreudig ihre Pflicht. Bei dem zweiten Sturmangriff war es den Tartaren gelungen, eines der Thore in den Wällen zu erobern. An dem einen Ende der großen, zwei Werst langen und oben und unten an der Angara ausmündenden Straße von Bolchaïa kam es zu einem Kampfe. Aber Kosaken, Gensdarmen und Bürger setzten den Tartaren einen so hartnäckigen Widerstand entgegen, daß sich diese zuletzt in ihre früheren Stellungen zurückziehen mußten.Nun gedachte Iwan Ogareff durch Verrath zu erreichen, was er durch Gewalt nicht erlangen konnte. Wir wissen, daß seine Absicht dahin ging, in die Stadt einzudringen, sich dem Großfürsten zu nähern, dessen Vertrauen zu erschleichen und seiner Zeit eines der Thore den Belagerern zu überliefern. Dann wollte er seinen eigenen Rachedurst an dem Bruder des Czaar stillen.Die Zigeunerin Sangarre, seine Begleiterin bis[pg 2-180]in das Lager an der Angara, trieb ihn noch an, dieses Vorhaben auszuführen.In der That war auch Gefahr im Verzuge. Schon marschirten die Truppen aus dem Gouvernement Jakutsk auf Irkutsk. Sie hatten sich am obern Laufe der Lena concentrirt, deren Thale sie folgten. In höchstens sechs Tagen mußten sie eintreffen, also wurde es nöthig, Irkutsk vor diesem Zeitpunkte durch Verrath zu überwältigen.Iwan Ogareff zögerte keinen Augenblick. –Eines Abends, am 2. October, wurde in dem großen Salon des Gouvernementspalastes, in dem der Großfürst residirte, ein Kriegsrath abgehalten.Dieses am Ende der Bolchaïastraße gelegene Gebäude beherrscht weithin den Lauf des Flusses. Gegenüber den Fenstern seiner Hauptfaçade sah man das Lager der Tartaren; hätten letztere weiter tragende Belagerungsgeschütze besessen, so wäre dieses Gebäude ganz unhaltbar gewesen.Der Großfürst, der General Voranzoff, der Gouverneur der Stadt, der Chef der Kaufleute und eine Anzahl höhere Officiere besprachen eben verschiedene nothwendige Maßregeln.„Meine Herren, begann der Großfürst, unsere dermalige Lage ist Ihnen hinlänglich bekannt. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß wir Irkutsk bis zum Eintreffen von Ersatztruppen zu halten im Stande sind. Dann werden wir leicht im Stande sein, die Barbarenhorden in die Flucht zu jagen, und an mir soll es gewiß nicht liegen, wenn sie diesen frechen Einfall in unser Gebiet nicht sehr theuer bezahlen.— Eure kaiserliche Hoheit wissen, erwiderte der[pg 2-181]General Voranzoff, daß Sie auf die Bevölkerung von Irkutsk zählen können.— Gewiß, General, antwortete der Großfürst, und ich erkenne diesen eifrigen Patriotismus gern und unumwunden an. Gott sei Dank ist die Einwohnerschaft noch von den Schrecken einer Epidemie oder der Hungersnoth verschont geblieben, und ich hoffe, das soll nicht anders werden; auf den Wällen aber habe ich nur ihren Heldenmuth bewundern können. Sie hören meine Worte, Herr Vorsteher der Kaufmannsgilde, und ich bitte Sie, dieselben weiter zu verbreiten.— Ich danke Eurer Hoheit im Namen der Stadt, erwiderte der Angeredete. Darf ich wohl auch fragen, nach welchem längsten Zeitraume auf das Eintreffen von Ersatztruppen zu rechnen ist?— Höchstens nach sechs Tagen, erklärte der Großfürst. Erst heute Morgen ist ein gewandter und kühner Emissär in die Stadt gekommen, der mir mittheilt, daß fünfzigtausend russische Truppen unter Führung des Generals Kisselef im Anmarsch sind. Vor zwei Tagen befanden sie sich in Kironsk, am Ufer der Lena, und jetzt werden weder Schnee noch Kälte ihren Zug aufzuhalten vermögen. Fünfzigtausend Mann Kerntruppen, welche die Tartaren in der Flanke fassen, werden uns leicht von denselben befreien.— Ich erlaube mir hinzuzufügen, daß wir sofort, wenn Eure kaiserliche Hoheit einen Ausfall befehlen sollten, bereit sind, diesem Befehle zu folgen.— Ich danke, mein Herr, sagte der Großfürst. Warten wir es ab, bis die Spitzen unserer Colonnen auf den nächsten Höhen erscheinen, dann wollen wir die Feinde zerschmettern.“[pg 2-182]Dann wandte er sich wieder an den General Voranzoff.„Wir werden morgen, sagte er, die Arbeiten am rechten Ufer besichtigen. Die Angara bringt schon Eisschollen mit, sie wird bald eine feste Decke erhalten und den Tartaren den Uebergang ermöglichen.— Würden mir Eure Hoheit eine Bemerkung gestatten? fragte der Chef der Kaufleute.— Sprechen Sie.— Ich habe die Temperatur wiederholt bis dreißig und vierzig Grade unter Null herabgehen sehen, immer aber bedeckte sich die Angara nur mit losen Schollen, ohne je ganz zuzufrieren, woran ihre rasche Strömung Schuld zu sein scheint. Besitzen die Tartaren also keine anderen Hilfsmittel, den Fluß zu passiren, so garantire ich Eurer Hoheit, daß sie auf diesem Wege nie nach Irkutsk hinein gelangen werden.“Der Generalgouverneur bestätigte die Bemerkung des Chefs der Kaufmannschaft.„Das ist gewiß ein recht glücklicher Umstand, äußerte der Großfürst. Nichtsdestoweniger werden wir gut thun, jede Eventualität in’s Auge zu fassen.“Er wandte sich dann an den Director der Polizei.„Sie haben mir Nichts mitzutheilen? fragte er.— Ich habe Ihnen zu melden, kaiserliche Hoheit, erwiderte der Polizeidirector, daß mir durch meine Unterbeamten eine Bittschrift übergeben wurde …— Ausgehend von …?— Von sibirischen Verbannten, Sire, deren Anzahl, wie Sie wissen, sich hier auf Fünfhundert beläuft.“Die politischen Verbannten, welche sonst über[pg 2-183]die ganze Provinz verbreitet sind, waren seit Beginn der Invasion in Irkutsk concentrirt. Sie waren dem Befehle nachgekommen, in der Stadt einzutreffen, und hatten die Ortschaften verlassen, wo sie ihren verschiedenen Berufsgeschäften oblagen, hier als Aerzte, dort als Lehrer entweder an einem Gymnasium, der japanischen oder einer Schifffahrts-Schule. Von Anfang an hatte sie der Großfürst, im Vertrauen auf ihren Patriotismus, mit Waffen versehen und sie als tüchtige Vertheidiger erkannt.„Was wünschen die Verbannten? fragte der Großfürst.— Sie ersuchen Eure kaiserliche Hoheit um die Erlaubniß, ein besonderes Corps bilden und beim ersten Ausfall an der Spitze marschiren zu dürfen.— O, erwiderte der Großfürst, ohne seine freudige Erregung zu verbergen, ich wußte es ja, das sind Russen; ihr Patriotismus erwirbt ihnen das Recht, sich für ihr Vaterland zu schlagen.— Ich glaube Eurer kaiserlichen Hoheit versichern zu können, sagte der Generalgouverneur, daß Sie keine besseren Soldaten zu finden vermögen.— Doch sie brauchen dann einen Führer, bemerkte der Großfürst. Wer soll das sein?— Sie wünschten Eurer Hoheit einen aus ihrer Mitte vorzuschlagen, antwortete der Polizeidirector, der sich schon bei mehreren Gelegenheiten ausgezeichnet hat.— Ist es ein Russe?— Ja, ein Russe aus den baltischen Provinzen.— Sein Name …?— Wassili Fedor.“Der Verbannte war der Vater Nadia’s.Wassili Fedor lebte, wie uns bekannt ist, in Irkutsk[pg 2-184]seinem Berufe als Arzt. Ein kenntnißreicher und im Umgange liebenswürdiger Mann, war er gleichzeitig von hohem Muthe und warmer Vaterlandsliebe beseelt. Jede Stunde, in der er nicht von Kranken in Anspruch genommen war, widmete er den Vertheidigungsarbeiten. Er war es auch, der seine Schicksalsgenossen zu gemeinsamem Auftreten verbunden hatte. Bisher mitten unter der übrigen Bevölkerung verwendet, gelang es den Verbannten doch, die Aufmerksamkeit des Großfürsten zu erregen. Bei mehreren Ausfällen hatten sie mit dem Blute ihre Schuld an das heilige Rußland bezahlt. Wassili Fedor benahm sich stets als Held. Sein Name ward wiederholt mit Auszeichnung genannt, doch er erstrebte weder Dank noch Belohnung, und als die Verbannten die Bildung eines besonderen Corps beschlossen, dachte er gar nicht daran, daß sie beabsichtigen könnten, ihn zu ihrem Führer auszuersehen.Als der Polizeidirector diesen Namen genannt hatte, bemerkte der Großfürst, daß ihm derselbe nicht unbekannt sei.„In der That, bestätigte General Voranzoff, Wassili Fedor ist ein muthiger, geeigneter Mann. Stets erwies sich sein Einfluß auf die anderen Verbannten von großer Bedeutung.— Seit wann ist er in Irkutsk? fragte der Großfürst.— Seit zwei Jahren.— Und seine Aufführung …?— Er fügt sich, antwortete der Polizeidirector, als verständiger Mann den Vorschriften, wie sie die Verbannung eben mit sich bringt.[pg 2-185]— General, antwortete der Großfürst, lassen Sie mir denselben ohne Zögern zuführen.“Der Befehl des Großfürsten ward ausgeführt, und noch vor Ablauf einer halben Stunde trat Wassili Fedor in den Saal ein.Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, von hohem Wuchs und mit ernster, gewinnender Physiognomie. Man sah es ihm an, daß sein ganzes Leben sich in dem Worte: Kampf! zusammen fassen ließ, und daß er gekämpft, aber auch gelitten hatte. Seine Züge erinnerten lebhaft an die seiner Tochter Nadia Fedor.Mehr als jeden Andern hatte ihn der Tartareneinfall auch persönlich schmerzlich berührt und die liebste Hoffnung eines Vaters vernichtet, der achttausend Werst von seiner Heimath in der Verbannung lebte. Ein Brief hatte ihm den Tod der geliebten Gattin gemeldet zugleich mit der Abreise seiner Tochter, welche von der Regierung die Erlaubniß ausgewirkt hatte, ihm in Irkutsk Gesellschaft zu leisten.Nadia hatte Riga am 10. Juli verlassen. Die Invasion begann am 15. Juli. Wenn Nadia zu dieser Zeit schon die Grenze überschritten hatte, was war aus ihr mitten in dem Schwarme der Feinde geworden? Von welcher Unruhe mußte der unglückliche Vater verzehrt werden, da er seit dieser Zeit keine Nachrichten von seiner Tochter erhalten hatte!Wassili Fedor verneigte sich in Gegenwart des Großfürsten und erwartete von diesem angesprochen zu werden.„Wassili Fedor, begann der Großfürst, Deine Genossen in der Verbannung haben sich erboten, ein Elitecorps bilden zu dürfen. Sie vergessen doch[pg 2-186]nicht, daß in einer solchen Schaar Jeder bis zum letzten Mann zu sterben bereit sein muß?— Sie sind sich dessen bewußt, erwiderte Wassili Fedor.— Sie wünschen Dich als Anführer?— Ja, kaiserliche Hoheit.— Und hast Du die Absicht, Dich an ihre Spitze zu stellen?— Wenn das Heil Rußlands es erheischt, gewiß.— Commandant Fedor, sagte der Großfürst, Du bist nicht mehr verbannt.— Ich danke, Hoheit, aber kann ich dann über Solche den Befehl führen, die es noch sind?— Sie sind es nicht mehr.“In seine Hand legte der Bruder des Czaar die Begnadigung seiner verbannten Genossen, jetzt seiner Waffengefährten.Tief bewegt drückte Wassili Fedor die ihm dargebotene Hand des Großfürsten und verließ das Gemach.Der Letztere wendete sich an seine Officiere.„Der Czaar wird den Gnadenbrief anerkennen, den ich hier in seinem Namen ausstelle, sagte er lächelnd. Wir brauchen Helden, um die Hauptstadt Sibiriens zu vertheidigen, ich habe solche jetzt geschaffen.“Diese den Verbannten von Irkutsk gewährte Gnade entsprach in der That ebenso einer großherzigen Justiz, wie einer klugen Politik.Die Nacht brach herein. Durch die Fenster des Palastes leuchteten die Feuer des tartarischen Lagers, die sich da und dort in der Angara wiederspiegelten. In dem Flusse trieben zahlreiche Eisschollen, von denen einige an den alten Pfeilern der früheren[pg 2-187]hölzernen Brücke hängen blieben. Die meisten flossen aber mit erstaunlicher Schnelligkeit dahin. Offenbar konnte die Angara, wie es der Vorsteher der Kaufmannschaft schon gesagt hatte, nur schwer in der ganzen Oberfläche zufrieren. Die Gefahr eines Angriffs von der Wasserseite brauchten die Vertheidiger von Irkutsk also nicht sonderlich zu fürchten.Eben schlug es zehn Uhr. Der Großfürst verabschiedete seine Officiere und wollte sich gerade in seine Gemächer zurückziehen, als vor dem Palaste ein auffallender Tumult entstand.Fast gleichzeitig öffnete sich die Thür des Salons, ein Feldjäger trat ein und ging auf den Großfürsten zu.„Kaiserliche Hoheit, meldete er, ein Courier des Czaar!“
Elftes Capitel.Zwischen zwei Ufern.Gegen acht Uhr Abends hüllte, wie es der Zustand des Himmels schon voraus sehen ließ, eine tiefe Finsterniß die ganze Umgebung ein. Da es jetzt Neumond war, stieg auch dieser nicht über den Horizont empor. Von der Mitte des Flusses aus konnte man die Ufer nicht erkennen. Die schroffen Felsen an den Seiten verschwammen in mäßiger Höhe mit den schwarzen, tief herabhängenden Wolken, welche kaum ihre Stelle wechselten. Von Zeit zu Zeit rauschte ein Windstoß von Osten her und schien in dem engen Thale der Angara zu ersterben.Die Dunkelheit begünstigte nach der einen Seite gewiß das Vorhaben der Flüchtlinge. Patrouillirten auch die Wachposten der Tartaren längs der Ufer, so ließ sich doch annehmen, daß das Floß ungesehen von ihnen vorübergleiten werde. Ebenso wenig stand[pg 2-159]zu befürchten, daß die Belagerer stromaufwärts von Irkutsk den Fluß gesperrt haben sollten, da sie recht gut wußten, daß die Russen aus dem Süden der Provinz keine Hilfe zu erwarten hatten. In kurzer Zeit mußte freilich die Natur schon allein diese Flußsperre herstellen, wenn die Kälte die einzelnen Schollen fest aneinander löthete.Am Bord des Flosses herrschte jetzt das tiefste Schweigen. Als man weiter in den Fluß eindrang, ließen sich auch die Stimmen der Pilger nicht mehr vernehmen. Sie beteten zwar noch immer, aber nur mit solch leisem Gemurmel, daß dasselbe am Ufer unmöglich gehört werden konnte. Auf der Plattform ausgestreckt unterbrachen auch die Körper der Flüchtlinge kaum die ebene Fläche des Wassers. Der alte Seemann, der sich jetzt am Vordertheile neben seinen Leuten aufhielt, begnügte sich, nur die Eisschollen zu vermeiden, was ohne Geräusch zu erreichen war.Der Eisgang auf dem Flusse durfte sogar als sein weiterer günstiger Umstand betrachtet werden, so lange er dem Flosse nicht zum unübersteigbaren Hinderniß wurde. Wäre es überhaupt möglich gewesen, den Apparat auf dem freien Wasser des Flusses wahrzunehmen, so verdeckten ihn jetzt zum Theil die Schollen jeder Größe und Form und das Aneinanderprallen und Krachen derselben übertönte gleichzeitig jedes sonst vielleicht hörbare verdächtige Geräusch.Nun wurde die Luft aber wirklich empfindlich kalt. Die Flüchtlinge, deren Schutz nur in wenigen Birkenzweigen bestand, litten sehr hart. Sie drängten sich dicht aneinander, um die Erniedrigung der äußeren Temperatur, welche während der Nacht bis auf 10° unter Null herabging, besser zu ertragen. Der schwache[pg 2-160]Wind, der über die schneebedeckten Berge im Osten herwehte, stach sie wie mit tausend Nadeln.Michael Strogoff und Nadia ertrugen, auf dem Hintertheil des Flosses gelagert, diesen Zuwachs ihrer Leiden ohne jede Klage. Neben ihnen suchten Alcide Jolivet und Harry Blount dem ersten Angriff des sibirischen Winters nach Kräften Widerstand zu leisten. Weder die Einen noch die Andern sprachen ein Wort, nicht einmal heimlich. Die gegenwärtige Situation beschäftigte vollständig ihren Geist. Jeden Augenblick konnte ein Zwischenfall, eine Gefahr eintreten, vielleicht eine Katastrophe, welche Allen verderblich werden mußte.Für einen Mann, der nun endlich so nahe daran ist, sein längst erstrebtes Ziel zu erreichen, verhielt sich Michael Strogoff auffallend ruhig. Auch in den schlimmsten Lagen hatte ihn seine Energie ja niemals verlassen. Er sah schon den Augenblick vor sich, wo es ihm endlich gestattet sein würde, an seine Mutter, an Nadia, an sich selbst zu denken! Er fürchtete nur noch eine einzige letzte Störung, das Floß möchte durch die Anhäufung von Schollen noch vor dem Eintreffen in Irkutsk aufgehalten werden. Er dachte nur hieran und war im Uebrigen vollkommen entschlossen, im Nothfalle noch durch ein letztes kühnes Wagstück seine Absicht durchzusetzen.Nach mehreren Stunden der Ruhe hatte Nadia ihre physischen Kräfte wieder gewonnen, welche das Unglück wohl manchmal brechen konnte, ohne ihr jemals den Muth zu rauben. Sie dachte ebenfalls daran, daß Michael Strogoff nichts unversucht lassen werde, um seiner Pflicht nachzukommen, und daß sie bei der Hand sein müsse, ihn zu führen. Je mehr sie sich aber Irkutsk näherte, desto deutlicher trat[pg 2-161]ihr auch das Bild ihres Vaters vor das geistige Auge. Sie sah ihn in der belagerten Stadt, fern von Denen, die er liebte, jedoch – woran sie niemals zweifelte, – mit dem ganzen Feuer seines Patriotismus kämpfend gegen die feindlichen Angreifer. Half ihr jetzt der Himmel, so konnte sie in einigen Stunden in seinen Armen liegen, ihm die letzten Worte ihrer Mutter mitzutheilen, und dann sollte nichts sie wieder von ihm trennen. Endigte die Verbannung Wassili Fedor’s niemals, so wollte auch sie dieselbe mit ihm theilen. Doch gedachte sie ganz natürlich auch Dessen, dem sie es verdankte, ihren Vater überhaupt wieder zu sehen, ihres edelmüthigen Reisegefährten, ihres „Bruders“, der nach Vertreibung der Tartaren den Weg nach Moskau wieder einschlagen würde, um sie vielleicht nie wieder zu sehen!…Alcide Jolivet und Harry Blount endlich beschäftigten sich nur mit dem einen Gedanken, daß die Situation höchst dramatisch sei und, gut in Scene gesetzt, einen ungemein interessanten Bericht abgeben müsse. Der Engländer dachte dabei an die Leser des Daily-Telegraph, der Franzose an die seiner Cousine Madeleine. Uebrigens konnten sie sich einer gewissen Erregtheit doch nicht ganz erwehren.„Nun, desto besser, dachte Alcide Jolivet, man muß selbst bewegt sein, um Andere zu bewegen! Ich glaube, dieser Gedanke ist auch in irgend einem berühmten Verse ausgesprochen, aber, zum Teufel, ich erinnere mich nicht …“Dabei suchte er mit seinen berühmten Reporteraugen immer das Dunkel zur Seite des Flusses zu durchdringen.Dann und wann unterbrach ein greller Lichtschein[pg 2-162]die Finsterniß und zauberte ein phantastisches Bild der dunkeln Wälder hervor. Hier stand ein ganzer Wald in Flammen, dort verheerte das Feuer ein Dorf, immer die traurigen Wiederholungen der Schreckensbilder des Tages, nur daß diese gegen das Dunkel der Nacht desto auffallender contrastirten. Die Angara war dabei von einem Ufer bis zum andern erhellt. Die Eisschollen bildeten ebenso viele Spiegel, welche die Flammen in allen Winkeln und allen Farben wiedergaben, und deren Reflexe je nach der Bewegung der Strömung wechselten. Unter der Masse dieser schwimmenden Körper zog das Floß unbemerkt dahin.Hier drohte also keine besondere Gefahr.Aber eine ganz andere war im Anzuge. Diese konnten sie nicht vorhersehen und vorzüglich auf keine Weise abwenden. Alcide Jolivet erkannte sie ganz zufällig und zwar durch folgenden Umstand:Auf der rechten Seite des Floßes liegend, ließ derselbe einmal seine Hand in’s Wasser hängen. Plötzlich erhielt er einen Eindruck, als wenn eine klebrige Substanz, etwa ein Mineralöl, seine Haut benetzte.Alcide Jolivet nahm auch noch den Geruch zu Hilfe, – er konnte sich nicht täuschen. Das war eine Lage flüssiger Naphtha, welche auf der Oberfläche der Angara schwamm und mit der Strömung hinabtrieb.Schwamm das Floß also wirklich ganz auf dieser Substanz, welche so ungemein leicht entzündlich ist? Woher rührte diese Naphtha? Hatte sie ein natürliches Phänomen an die Oberfläche der Angara geführt, oder sollte sie als Zerstörungsmittel dienen, durch das die Tartaren vielleicht Irkutsk in Brand[pg 2-163]zu setzen suchten? Eine Art der Kriegführung freilich, welche unter gesitteten Völkern nicht wohl vorkommen könnte.Das waren die beiden Fragen, die Alcide Jolivet sich vorlegte, doch hielt er es für gerathen, von seiner Entdeckung nur Harry Blount Mittheilung zu machen, und Beide kamen auch überein, ihre Reisegefährten nicht unnöthig durch diese neue Gefahr zu ängstigen.Bekanntlich ist der Boden Centralasiens wie ein Schwamm imprägnirt von flüssigen Kohlenwasserstoffen. Im Hafen von Baku, an der persischen Grenze, an der Halbinsel Abcheron, am Kaspisee, in Kleinasien, in China, in Yug-Hyan, in Birma dringen die Oelquellen zu Tausenden an die Oberfläche. Dort ist das „Oelgebiet“, ein Pendant zu dem Theile Nordamerikas, der diesen Namen wirklich trägt.Bei gewissen religiösen Festen gießen die Eingebornen im Hafen zu Baku, welche Feueranbeter sind, flüssige Naphtha auf die Oberfläche des Meeres, die in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes darauf schwimmt. Hat sich die brennbare Schicht dann über das Wasser verbreitet, so zünden sie dieselbe mit Anbruch der Nacht an und bereiten sich auf diese Weise das unvergleichliche Schauspiel eines Oceans von Feuer, der sich mit dem Winde auf und niederbewegt.Was aber in Baku eine Festlichkeit ist, das mußte zum Unheil auf den Wellen der Angara werden. Ob hier nun Feuer aus verbrecherischer Absicht oder aus Unvorsichtigkeit angezündet wurde, jedenfalls hätte es sich in einem Augenblicke bis über Irkutsk hinaus verbreitet.Auf dem Floße selbst konnte man wohl vor jeder Unvorsichtigkeit sicher sein; desto mehr waren[pg 2-164]die verschiedenen Feuersbrünste an beiden Ufern der Angara zu fürchten, denn es genügte ja schon ein brennendes Holzstückchen, vielleicht ein bloßer Funke, den Naphthastrom in Flammen zu setzen.Die Besorgnisse Harry Blount’s und Alcide Jolivet’s gegenüber dieser neuen Gefahr lassen sich wohl eher empfinden, als schildern. Erschien es nicht rathsamer, vorläufig an eines der Ufer zu gehen, dort sich auszuschiffen und eine Zeit lang zu warten? – Sie legten sich wohl diese Frage vor.„Wie drohend die Gefahr auch sei, sagte Alcide Jolivet, jedenfalls weiß ich Einen, der sich nicht mit ausschiffen würde.“Er spielte hiermit auf Michael Strogoff an.Inzwischen schwamm das Floß schnell zwischen den Eisschollen hinab, die sich immer enger und enger zusammendrängten.Bisher hatte man an den Uferabhängen der Angara noch nirgends tartarische Abtheilungen zu Gesicht bekommen, ein Beweis, daß das Floß deren Vorpostenkette noch nicht erreicht haben könne. Gegen zehn Uhr Abends glaubte Harry Blount jedoch eine Menge dunkler Gestalten wahrzunehmen, die sich auf den Eisschollen bewegten, und indem sie von der einen nach der andern sprangen, schnell näher herankamen.„Tartaren!“ dachte er.Er schlich sich in die Nähe des alten Seemanns auf dem vorderen Theile und lenkte dessen Aufmerksamkeit auf jene verdächtigen Bewegungen.Der Alte richtete seine scharfen Augen darauf.„Das sind nur Wölfe, sagte er. Die sind mir lieber als die Tartaren. Doch werden wir uns zu[pg 2-165]vertheidigen suchen müssen, ohne dabei Geräusch zu machen.“Wirklich mußten die Flüchtlinge nun auch noch einen Kampf aufnehmen gegen die wilden Bestien, welche der Hunger und die Kälte nach diesen Gegenden verschlagen hatte. Die Wölfe witterten das Floß, und bald fielen sie dasselbe an. Die Flüchtlinge mußten sich also, ohne von Feuerwaffen Gebrauch zu machen, zur Wehr setzen. Frauen und Kinder wurden in der Mitte des Floßes untergebracht, die Männer bewaffneten sich mit Stangen, Messern oder einfachen Stöcken und stellten sich bereit, die Angreifer heim zu schicken. Kein Ausruf ließ sich hören, nur das Geheul der Wölfe erschütterte die Luft.Michael Strogoff hatte nicht unthätig bleiben wollen. Er streckte sich an der von den Raubthieren angegriffenen Seite des Floßes nieder, ergriff sein furchtbares Messer, und wußte dieses allemal, wenn ein Wolf in erreichbarer Nähe vorüberkam, demselben in den Hals zu stoßen. Harry Blount und Alcide Jolivet feierten ebenso wenig, wie ihre übrigen muthigen Begleiter. Das ganze Blutbad ging in tiefstem Schweigen vor sich, obgleich mehrere der Flüchtlinge ernsthafte Bißwunden davon trugen.Der Kampf schien auch nicht so bald sein Ende zu erreichen. Die Lücken in der Bande der Wölfe füllten sich immer von Neuem und jedenfalls war die ganze Uferstrecke durch sie unsicher gemacht.„Das hat auch gar kein Ende!“ sagte Alcide Jolivet, während er den bluttriefenden Dolch schwang.Eine halbe Stunde nach Beginn des Angriffs streiften die Wölfe noch immer in ganzen Banden über das Treibeis.[pg 2-166]Die erschöpften Flüchtlinge erlahmten sichtlich. Der Kampf wendete sich zu ihrem Nachtheil. Eben stürzten zehn ungeheure, vor Wuth und Hunger rasende Wölfe mit feurigen Augen, die in der Dunkelheit wie glühende Kohlen leuchteten, auf die Plattform des Floßes. Ohne Zögern eilten Alcide Jolivet und Harry Blount auf diese zu, während Michael Strogoff sich denselben kriechend zu nähern suchte, als die Scene sich plötzlich veränderte.Binnen wenigen Secunden hatten die Wölfe nicht nur das Floß, sondern auch die Eisschollen im Strome eiligst verlassen. Alle die schwarzen Gestalten verschwanden und zerstreuten sich offenbar in der Umgebung des rechten Flußufers.Es rührte das daher, daß Wölfe nur in der Dunkelheit einen Kampf wagen, und jetzt die ganze Fläche der Angara plötzlich in hellem Lichte glänzte.Es war derWiederschein einer ausgedehnten Feuersbrunst. Der ganze Flecken Poschkafsk stand in hellen Flammen. Hier schwärmten also Tartaren umher, die ihr gewohntes Mordbrennerhandwerk trieben, und weiter flußabwärts die beiden Ufer besetzt hielten. Die Flüchtlinge traten jetzt in die gefährliche Zone ihrer nächtlichen Fahrt, und dabei lag die Hauptstadt noch dreißig Werst von ihnen entfernt.Es war jetzt gegen halb zwölf Uhr Nachts. Das Floß glitt wieder versteckt zwischen den Eisschollen, von denen es sich kaum unterschied, dahin. Nur dann und wann flog ein heller Lichtschein über dasselbe hin. Auf der Plattform hingestreckt wagte keiner der Insassen eine Bewegung zu machen, die sie hätte verrathen können.Die erwähnte Ortschaft brannte außerordentlich[pg 2-167]schnell nieder. Ihre aus Fichtenholz erbauten Häuser flackerten wie brennendes Harz empor. Gegen fünfzig derselben standen auf einmal in Flammen. Zu dem Knistern und Krachen der Feuersbrunst mischte sich das Gebrüll der Tartaren.Der alte Seemann lenkte, indem er seine Stange an den größeren Eisschollen einsetzte, das Floß mehr nach der rechten Seite, so daß sie eine Entfernung von drei- bis vierhundert Fuß von dem durch den Brand erleuchteten Flußufer trennte.Nichtsdestoweniger hätten die Flüchtlinge, auf die zuweilen ein greller Lichtschein fiel, wohl bemerkt werden müssen, wenn die Brandstifter nicht allzu eifrig mit der Zerstörung des Ortes beschäftigt gewesen wären. Jeder wird sich aber leicht die Besorgniß Alcide Jolivet’s und Harry Blount’s vorstellen können, wenn diese an den so flüchtigen Brennstoff dachten, auf dem das Floß noch immer schwamm.Ganze Funkengarben sprühten aus den Häusern auf, welche ebenso vielen brennenden Schmelzöfen glichen. Mitten in den Rauchwirbeln stiegen diese Funken fünf- bis sechshundert Fuß hoch in die Luft empor. Am rechten Ufer selbst schienen die Bäume, im Widerscheine des röthlichen Lichtes, selbst in Flammen zu stehen. Nun reichte ja schon ein Funken hin, der auf die Angara niederfiel, die Feuersbrunst auch dem Strome mitzutheilen und Verderben bis zum andern Ufer zu tragen. Die Zerstörung des Floßes und der Tod seiner Insassen mußte dann die nothwendige Folge sein.Zum Glück wehte der schwache Nachtwind nicht nach dieser Seite. Er blies fortwährend aus Osten und trieb die Flammen von dem linken Ufer ab.[pg 2-168]Möglicherweise konnten die Flüchtlinge also dieser entsetzlichen Gefahr entgehen.Wirklich ließen sie die brennende Ortschaft bald hinter sich. Nach und nach erblaßte der Feuerschein, das Knistern und Krachen verstummte, und bald verschwand auch der letzte Schimmer hinter dem hohen Ufer der Angara, welche hier einen scharfen Bogen bildet.So kam die Mitternacht heran. Die tiefe Finsterniß schützte wieder das Floß. An beiden Ufern trieben sich da und dort Tartaren umher. Man sah sie zwar nicht, hörte sie aber, übrigens glänzten auch die Feuer der äußersten Vorposten hell durch die Nacht.Inzwischen machte es sich bei den immer mehr zusammen gedrängten Eisschollen nöthig, mit größter Vorsicht weiter zu fahren.Der alte Seemann erhob sich und die Mujiks ergriffen ihre Stangen. Alle waren vollauf beschäftigt, da die Führung des Floßes immer schwieriger und das Bett des Flusses immer enger wurde.Michael Strogoff war nach dem Vordertheile geschlichen.Alcide Jolivet folgte ihm.Beide vernahmen die zwischen dem alten Seemann und seinen Leuten gewechselten Worte.„Achtung, dort rechts!— Links drängen ein paar Schollen heran!— Stoß’ ab, fest mit der Stange!— Vor Verlauf einer Stunde sitzen wir fest …— Wenn Gott das will! sagte der alte Seemann. Gegen seinen Willen ist nichts zu thun.— Hören Sie Jene? fragte Alcide Jolivet.[pg 2-169]— Ja, erwiderte Michael Strogoff, aber Gott ist mit uns!“Inzwischen ward die Situation immer ernster. Wurde das Floß wirklich aufgehalten, so gelangten die Flüchtlinge nicht nur nicht nach Irkutsk, sondern mußten jedenfalls auch ihr schwimmendes Transportmittel verlassen, das von den Eisschollen gedrückt bald unter ihnen in Stücke gehen würde. Dann drohten ja die aus Weidenzweigen bestehenden Bänder zu reißen, die von einander weichenden Fichtenstämme unter das Eis zu gerathen und den Unglücklichen wäre nichts anderes als Zuflucht verblieben, als die schwankenden Schollen selbst. Nach Anbruch des Tages hätten sie dann die Tartaren ohne Zweifel entdecken müssen, von deren Hand keine Gnade zu hoffen war.Michael Strogoff kehrte nach dem Hintertheile, wo Nadia sich aufhielt, zurück. Er näherte sich derselben, faßte ihre Hand und legte ihr die oft wiederholte Frage vor: „Bist Du bereit, Nadia?“ – welche sie wie immer mit„Ich bin stets und zu Allem bereit!“ beantwortete.Noch einige Werst drängte sich das Floß zwischen dem Schollengewirr dahin. Verengerte sich die Angara noch mehr, so mußte sich ein Eisschutz bilden, der die Weiterbenutzung der Wasserstraße so gut wie unmöglich machte. Schon wurde die Bewegung offenbar eine langsamere. Jeden Augenblick fühlte man Stöße und sah, wie das Floß abwich. Hier mußte man sich vor dem vorspringenden Ufer in Acht nehmen, dort eine enge Durchfahrt passiren. Immer wiederholten sich unerwünschte Verzögerungen.Nun dauerte die Nacht ja auch nur noch wenige[pg 2-170]Stunden. Erreichten die Flüchtlinge Irkutsk nicht vor fünf Uhr des Morgens, so konnten sie auch alle Hoffnung aufgeben, jemals hinein zu gelangen.Gegen halb zwei Uhr stieß das Floß trotz aller Anstrengungen gegen einen compacten Eisschutz und blieb hier fest stehen. Die nachrückenden Schollen drängten es noch mehr an jenen an und machten es dadurch so unbeweglich fest, als ob es auf einer Klippe gescheitert wäre.An dieser Stelle verengerte sich die Angara ungemein, so daß die Breite ihres Bettes nur noch die Hälfte der gewöhnlichen betrug. Hieraus erklärte sich diese Anhäufung von Schollen, welche allmälig mit einander verlötheten, sowohl durch den ganz beträchtlichen Druck, unter dem sie standen, als auch durch die Kälte, welche fühlbar zunahm. Fünfhundert Schritt weiter unten dehnte sich das Flußbett wieder aus, und hier trieben einzelne Schollen, die sich von Zeit zu Zeit von der Eisbank lösten, in der Richtung nach Irkutsk hin. Ohne diese Annäherung der Ufer hätte sich die Schollenwand nicht bilden können und das Floß wäre nach wie vor von der Strömung fortgetragen worden. Gegen den unglücklichen Zufall war aber nicht das Geringste zu thun, und die Flüchtlinge mußten eben auf jede Hoffnung verzichten, ihr ersehntes Ziel zu erreichen.Im Besitze solcher Werkzeuge, wie sie die Wallfischfahrer gebrauchen, um sich Kanäle durch das Eisfeld zu brechen, hätten sie vielleicht gerade noch Zeit gehabt, das Hinderniß bis zu der wieder erweiterten Stelle des Stromes zu beseitigen. Aber keine Säge, keine Spitzhaue war zur Hand, um die von der Kälte granitartig verhärtete Kruste mit Aussicht auf Erfolg anzugreifen.[pg 2-171]Was nun?In diesem Augenblicke krachte eine Gewehrsalve am rechten Ufer der Angara. Ein ganzer Kugelregen war auf das Floß gerichtet. Man hatte die Armen also noch entdeckt. Diese Annahme fand dadurch ihre Bestätigung, daß es jetzt auch von dem linken Ufer her aufblitzte. Zwischen zwei Feuer gestellt dienten die Flüchtlinge als Zielpunkte der tartarischen Tirailleurs. Einige wurden auch verwundet, obgleich die Kugeln bei der herrschenden Dunkelheit nur durch Zufall trafen.„Komm, Nadia“, raunte Michael Strogoff dem jungen Mädchen in’s Ohr.Ohne den mindesten Einwand ergriff Nadia „bereit zu Allem“ Michael Strogoff’s Hand.„Wir müssen jetzt die Eisbank übersteigen, flüsterte er, aber Keiner darf gewahr werden, daß wir das Floß verlassen!“Nadia gehorchte. Michael Strogoff und sie glitten schnell, geschützt von der Finsterniß, welche nur da und dort das Feuer der Gewehre unterbrach, auf die Eisfläche.Nadia kroch Michael Strogoff voraus. Wie ein Hagel schlugen die Kugeln rings um sie ein oder prallten an den Schollen ab. Die unebene Eisdecke mit ihren hervorstehenden scharfen Kanten und Spitzen riß ihnen die Hände auf, aber sie kamen doch vorwärts.Zehn Minuten später erreichten sie die untere Grenze der Eiswand. Hier ward das Wasser der Angara wieder frei. Einige Schollen rissen sich hier und da von derselben los und schwammen nach der Stadt hinunter.Nadia verstand Michael Strogoff’s Absichten.[pg 2-172]Sie fand eine Eisscholle, welche nur durch eine schmale Verbindung fest hing. „Komm“, sagte Nadia.Beide legten sich auf das Eisstück, das sich nach einigem Schwanken von der Bank ablöste.Jetzt begann es, dahin zu treiben. Das Bett des Flusses erweiterte sich, der Weg stand offen.Michael Strogoff und Nadia hörten noch das Knallen der Gewehre, die Ausrufe der Verzweiflung, das Brüllen der Tartaren … Dann verstummten langsam diese Ausbrüche der entsetzlichen Angst und der teuflischen Freude.„Unsre armen Gefährten!“ seufzte Nadia.Während einer Stunde trug die Strömung jene Eisscholle mit Michael Strogoff und Nadia schnell dahin. Jeden Augenblick hatten diese zu befürchten, daß sie unter ihnen in Stücke gehen könne. Von der stärksten Strömung ward sie nahezu in der Mitte der Wasserfläche erhalten, und doch handelte es sich darum, sie mehr nach der Seite zu leiten, wenn sie an einem der Quais in Irkutsk landen sollte.Michael Strogoff lauschte, ohne ein Wort zu sprechen, gespannten Ohres. Niemals winkte ihm so nahe das Ziel. Er fühlte jetzt, daß er es erreichen werde!…Um zwei Uhr Morgens schimmerte eine doppelte Reihe Lichter an dem dunklen Horizonte neben den beiden Ufern der Angara.Zur Rechten rührte dieser Lichtschein von Irkutsk her, zur Linken von den Wachtfeuern des tartarischen Feldlagers.Michael Strogoff war nur noch eine halbe Werst von der Stadt entfernt.„Endlich!“ murmelte er für sich.[pg 2-173]Aber plötzlich stieß Nadia einen furchtbaren Schrei aus.Bei diesem Aufschrei erhob sich Michael Strogoff auf der schwankenden Scholle. Seine Hand streckte sich nach der Angara hinauf. Sein von bläulichen Reflexen überstrahltes Gesicht nahm einen furchtbaren Ausdruck an, und dann rief er, als hätten sich seine Augen auf’s Neue dem Lichte erschlossen:„Ach, also Gott selbst ist doch gegen uns!“
Gegen acht Uhr Abends hüllte, wie es der Zustand des Himmels schon voraus sehen ließ, eine tiefe Finsterniß die ganze Umgebung ein. Da es jetzt Neumond war, stieg auch dieser nicht über den Horizont empor. Von der Mitte des Flusses aus konnte man die Ufer nicht erkennen. Die schroffen Felsen an den Seiten verschwammen in mäßiger Höhe mit den schwarzen, tief herabhängenden Wolken, welche kaum ihre Stelle wechselten. Von Zeit zu Zeit rauschte ein Windstoß von Osten her und schien in dem engen Thale der Angara zu ersterben.
Die Dunkelheit begünstigte nach der einen Seite gewiß das Vorhaben der Flüchtlinge. Patrouillirten auch die Wachposten der Tartaren längs der Ufer, so ließ sich doch annehmen, daß das Floß ungesehen von ihnen vorübergleiten werde. Ebenso wenig stand[pg 2-159]zu befürchten, daß die Belagerer stromaufwärts von Irkutsk den Fluß gesperrt haben sollten, da sie recht gut wußten, daß die Russen aus dem Süden der Provinz keine Hilfe zu erwarten hatten. In kurzer Zeit mußte freilich die Natur schon allein diese Flußsperre herstellen, wenn die Kälte die einzelnen Schollen fest aneinander löthete.
Am Bord des Flosses herrschte jetzt das tiefste Schweigen. Als man weiter in den Fluß eindrang, ließen sich auch die Stimmen der Pilger nicht mehr vernehmen. Sie beteten zwar noch immer, aber nur mit solch leisem Gemurmel, daß dasselbe am Ufer unmöglich gehört werden konnte. Auf der Plattform ausgestreckt unterbrachen auch die Körper der Flüchtlinge kaum die ebene Fläche des Wassers. Der alte Seemann, der sich jetzt am Vordertheile neben seinen Leuten aufhielt, begnügte sich, nur die Eisschollen zu vermeiden, was ohne Geräusch zu erreichen war.
Der Eisgang auf dem Flusse durfte sogar als sein weiterer günstiger Umstand betrachtet werden, so lange er dem Flosse nicht zum unübersteigbaren Hinderniß wurde. Wäre es überhaupt möglich gewesen, den Apparat auf dem freien Wasser des Flusses wahrzunehmen, so verdeckten ihn jetzt zum Theil die Schollen jeder Größe und Form und das Aneinanderprallen und Krachen derselben übertönte gleichzeitig jedes sonst vielleicht hörbare verdächtige Geräusch.
Nun wurde die Luft aber wirklich empfindlich kalt. Die Flüchtlinge, deren Schutz nur in wenigen Birkenzweigen bestand, litten sehr hart. Sie drängten sich dicht aneinander, um die Erniedrigung der äußeren Temperatur, welche während der Nacht bis auf 10° unter Null herabging, besser zu ertragen. Der schwache[pg 2-160]Wind, der über die schneebedeckten Berge im Osten herwehte, stach sie wie mit tausend Nadeln.
Michael Strogoff und Nadia ertrugen, auf dem Hintertheil des Flosses gelagert, diesen Zuwachs ihrer Leiden ohne jede Klage. Neben ihnen suchten Alcide Jolivet und Harry Blount dem ersten Angriff des sibirischen Winters nach Kräften Widerstand zu leisten. Weder die Einen noch die Andern sprachen ein Wort, nicht einmal heimlich. Die gegenwärtige Situation beschäftigte vollständig ihren Geist. Jeden Augenblick konnte ein Zwischenfall, eine Gefahr eintreten, vielleicht eine Katastrophe, welche Allen verderblich werden mußte.
Für einen Mann, der nun endlich so nahe daran ist, sein längst erstrebtes Ziel zu erreichen, verhielt sich Michael Strogoff auffallend ruhig. Auch in den schlimmsten Lagen hatte ihn seine Energie ja niemals verlassen. Er sah schon den Augenblick vor sich, wo es ihm endlich gestattet sein würde, an seine Mutter, an Nadia, an sich selbst zu denken! Er fürchtete nur noch eine einzige letzte Störung, das Floß möchte durch die Anhäufung von Schollen noch vor dem Eintreffen in Irkutsk aufgehalten werden. Er dachte nur hieran und war im Uebrigen vollkommen entschlossen, im Nothfalle noch durch ein letztes kühnes Wagstück seine Absicht durchzusetzen.
Nach mehreren Stunden der Ruhe hatte Nadia ihre physischen Kräfte wieder gewonnen, welche das Unglück wohl manchmal brechen konnte, ohne ihr jemals den Muth zu rauben. Sie dachte ebenfalls daran, daß Michael Strogoff nichts unversucht lassen werde, um seiner Pflicht nachzukommen, und daß sie bei der Hand sein müsse, ihn zu führen. Je mehr sie sich aber Irkutsk näherte, desto deutlicher trat[pg 2-161]ihr auch das Bild ihres Vaters vor das geistige Auge. Sie sah ihn in der belagerten Stadt, fern von Denen, die er liebte, jedoch – woran sie niemals zweifelte, – mit dem ganzen Feuer seines Patriotismus kämpfend gegen die feindlichen Angreifer. Half ihr jetzt der Himmel, so konnte sie in einigen Stunden in seinen Armen liegen, ihm die letzten Worte ihrer Mutter mitzutheilen, und dann sollte nichts sie wieder von ihm trennen. Endigte die Verbannung Wassili Fedor’s niemals, so wollte auch sie dieselbe mit ihm theilen. Doch gedachte sie ganz natürlich auch Dessen, dem sie es verdankte, ihren Vater überhaupt wieder zu sehen, ihres edelmüthigen Reisegefährten, ihres „Bruders“, der nach Vertreibung der Tartaren den Weg nach Moskau wieder einschlagen würde, um sie vielleicht nie wieder zu sehen!…
Alcide Jolivet und Harry Blount endlich beschäftigten sich nur mit dem einen Gedanken, daß die Situation höchst dramatisch sei und, gut in Scene gesetzt, einen ungemein interessanten Bericht abgeben müsse. Der Engländer dachte dabei an die Leser des Daily-Telegraph, der Franzose an die seiner Cousine Madeleine. Uebrigens konnten sie sich einer gewissen Erregtheit doch nicht ganz erwehren.
„Nun, desto besser, dachte Alcide Jolivet, man muß selbst bewegt sein, um Andere zu bewegen! Ich glaube, dieser Gedanke ist auch in irgend einem berühmten Verse ausgesprochen, aber, zum Teufel, ich erinnere mich nicht …“
Dabei suchte er mit seinen berühmten Reporteraugen immer das Dunkel zur Seite des Flusses zu durchdringen.
Dann und wann unterbrach ein greller Lichtschein[pg 2-162]die Finsterniß und zauberte ein phantastisches Bild der dunkeln Wälder hervor. Hier stand ein ganzer Wald in Flammen, dort verheerte das Feuer ein Dorf, immer die traurigen Wiederholungen der Schreckensbilder des Tages, nur daß diese gegen das Dunkel der Nacht desto auffallender contrastirten. Die Angara war dabei von einem Ufer bis zum andern erhellt. Die Eisschollen bildeten ebenso viele Spiegel, welche die Flammen in allen Winkeln und allen Farben wiedergaben, und deren Reflexe je nach der Bewegung der Strömung wechselten. Unter der Masse dieser schwimmenden Körper zog das Floß unbemerkt dahin.
Hier drohte also keine besondere Gefahr.
Aber eine ganz andere war im Anzuge. Diese konnten sie nicht vorhersehen und vorzüglich auf keine Weise abwenden. Alcide Jolivet erkannte sie ganz zufällig und zwar durch folgenden Umstand:
Auf der rechten Seite des Floßes liegend, ließ derselbe einmal seine Hand in’s Wasser hängen. Plötzlich erhielt er einen Eindruck, als wenn eine klebrige Substanz, etwa ein Mineralöl, seine Haut benetzte.
Alcide Jolivet nahm auch noch den Geruch zu Hilfe, – er konnte sich nicht täuschen. Das war eine Lage flüssiger Naphtha, welche auf der Oberfläche der Angara schwamm und mit der Strömung hinabtrieb.
Schwamm das Floß also wirklich ganz auf dieser Substanz, welche so ungemein leicht entzündlich ist? Woher rührte diese Naphtha? Hatte sie ein natürliches Phänomen an die Oberfläche der Angara geführt, oder sollte sie als Zerstörungsmittel dienen, durch das die Tartaren vielleicht Irkutsk in Brand[pg 2-163]zu setzen suchten? Eine Art der Kriegführung freilich, welche unter gesitteten Völkern nicht wohl vorkommen könnte.
Das waren die beiden Fragen, die Alcide Jolivet sich vorlegte, doch hielt er es für gerathen, von seiner Entdeckung nur Harry Blount Mittheilung zu machen, und Beide kamen auch überein, ihre Reisegefährten nicht unnöthig durch diese neue Gefahr zu ängstigen.
Bekanntlich ist der Boden Centralasiens wie ein Schwamm imprägnirt von flüssigen Kohlenwasserstoffen. Im Hafen von Baku, an der persischen Grenze, an der Halbinsel Abcheron, am Kaspisee, in Kleinasien, in China, in Yug-Hyan, in Birma dringen die Oelquellen zu Tausenden an die Oberfläche. Dort ist das „Oelgebiet“, ein Pendant zu dem Theile Nordamerikas, der diesen Namen wirklich trägt.
Bei gewissen religiösen Festen gießen die Eingebornen im Hafen zu Baku, welche Feueranbeter sind, flüssige Naphtha auf die Oberfläche des Meeres, die in Folge ihres geringeren specifischen Gewichtes darauf schwimmt. Hat sich die brennbare Schicht dann über das Wasser verbreitet, so zünden sie dieselbe mit Anbruch der Nacht an und bereiten sich auf diese Weise das unvergleichliche Schauspiel eines Oceans von Feuer, der sich mit dem Winde auf und niederbewegt.
Was aber in Baku eine Festlichkeit ist, das mußte zum Unheil auf den Wellen der Angara werden. Ob hier nun Feuer aus verbrecherischer Absicht oder aus Unvorsichtigkeit angezündet wurde, jedenfalls hätte es sich in einem Augenblicke bis über Irkutsk hinaus verbreitet.
Auf dem Floße selbst konnte man wohl vor jeder Unvorsichtigkeit sicher sein; desto mehr waren[pg 2-164]die verschiedenen Feuersbrünste an beiden Ufern der Angara zu fürchten, denn es genügte ja schon ein brennendes Holzstückchen, vielleicht ein bloßer Funke, den Naphthastrom in Flammen zu setzen.
Die Besorgnisse Harry Blount’s und Alcide Jolivet’s gegenüber dieser neuen Gefahr lassen sich wohl eher empfinden, als schildern. Erschien es nicht rathsamer, vorläufig an eines der Ufer zu gehen, dort sich auszuschiffen und eine Zeit lang zu warten? – Sie legten sich wohl diese Frage vor.
„Wie drohend die Gefahr auch sei, sagte Alcide Jolivet, jedenfalls weiß ich Einen, der sich nicht mit ausschiffen würde.“
Er spielte hiermit auf Michael Strogoff an.
Inzwischen schwamm das Floß schnell zwischen den Eisschollen hinab, die sich immer enger und enger zusammendrängten.
Bisher hatte man an den Uferabhängen der Angara noch nirgends tartarische Abtheilungen zu Gesicht bekommen, ein Beweis, daß das Floß deren Vorpostenkette noch nicht erreicht haben könne. Gegen zehn Uhr Abends glaubte Harry Blount jedoch eine Menge dunkler Gestalten wahrzunehmen, die sich auf den Eisschollen bewegten, und indem sie von der einen nach der andern sprangen, schnell näher herankamen.
„Tartaren!“ dachte er.
Er schlich sich in die Nähe des alten Seemanns auf dem vorderen Theile und lenkte dessen Aufmerksamkeit auf jene verdächtigen Bewegungen.
Der Alte richtete seine scharfen Augen darauf.
„Das sind nur Wölfe, sagte er. Die sind mir lieber als die Tartaren. Doch werden wir uns zu[pg 2-165]vertheidigen suchen müssen, ohne dabei Geräusch zu machen.“
Wirklich mußten die Flüchtlinge nun auch noch einen Kampf aufnehmen gegen die wilden Bestien, welche der Hunger und die Kälte nach diesen Gegenden verschlagen hatte. Die Wölfe witterten das Floß, und bald fielen sie dasselbe an. Die Flüchtlinge mußten sich also, ohne von Feuerwaffen Gebrauch zu machen, zur Wehr setzen. Frauen und Kinder wurden in der Mitte des Floßes untergebracht, die Männer bewaffneten sich mit Stangen, Messern oder einfachen Stöcken und stellten sich bereit, die Angreifer heim zu schicken. Kein Ausruf ließ sich hören, nur das Geheul der Wölfe erschütterte die Luft.
Michael Strogoff hatte nicht unthätig bleiben wollen. Er streckte sich an der von den Raubthieren angegriffenen Seite des Floßes nieder, ergriff sein furchtbares Messer, und wußte dieses allemal, wenn ein Wolf in erreichbarer Nähe vorüberkam, demselben in den Hals zu stoßen. Harry Blount und Alcide Jolivet feierten ebenso wenig, wie ihre übrigen muthigen Begleiter. Das ganze Blutbad ging in tiefstem Schweigen vor sich, obgleich mehrere der Flüchtlinge ernsthafte Bißwunden davon trugen.
Der Kampf schien auch nicht so bald sein Ende zu erreichen. Die Lücken in der Bande der Wölfe füllten sich immer von Neuem und jedenfalls war die ganze Uferstrecke durch sie unsicher gemacht.
„Das hat auch gar kein Ende!“ sagte Alcide Jolivet, während er den bluttriefenden Dolch schwang.
Eine halbe Stunde nach Beginn des Angriffs streiften die Wölfe noch immer in ganzen Banden über das Treibeis.
Die erschöpften Flüchtlinge erlahmten sichtlich. Der Kampf wendete sich zu ihrem Nachtheil. Eben stürzten zehn ungeheure, vor Wuth und Hunger rasende Wölfe mit feurigen Augen, die in der Dunkelheit wie glühende Kohlen leuchteten, auf die Plattform des Floßes. Ohne Zögern eilten Alcide Jolivet und Harry Blount auf diese zu, während Michael Strogoff sich denselben kriechend zu nähern suchte, als die Scene sich plötzlich veränderte.
Binnen wenigen Secunden hatten die Wölfe nicht nur das Floß, sondern auch die Eisschollen im Strome eiligst verlassen. Alle die schwarzen Gestalten verschwanden und zerstreuten sich offenbar in der Umgebung des rechten Flußufers.
Es rührte das daher, daß Wölfe nur in der Dunkelheit einen Kampf wagen, und jetzt die ganze Fläche der Angara plötzlich in hellem Lichte glänzte.
Es war derWiederschein einer ausgedehnten Feuersbrunst. Der ganze Flecken Poschkafsk stand in hellen Flammen. Hier schwärmten also Tartaren umher, die ihr gewohntes Mordbrennerhandwerk trieben, und weiter flußabwärts die beiden Ufer besetzt hielten. Die Flüchtlinge traten jetzt in die gefährliche Zone ihrer nächtlichen Fahrt, und dabei lag die Hauptstadt noch dreißig Werst von ihnen entfernt.
Es war jetzt gegen halb zwölf Uhr Nachts. Das Floß glitt wieder versteckt zwischen den Eisschollen, von denen es sich kaum unterschied, dahin. Nur dann und wann flog ein heller Lichtschein über dasselbe hin. Auf der Plattform hingestreckt wagte keiner der Insassen eine Bewegung zu machen, die sie hätte verrathen können.
Die erwähnte Ortschaft brannte außerordentlich[pg 2-167]schnell nieder. Ihre aus Fichtenholz erbauten Häuser flackerten wie brennendes Harz empor. Gegen fünfzig derselben standen auf einmal in Flammen. Zu dem Knistern und Krachen der Feuersbrunst mischte sich das Gebrüll der Tartaren.
Der alte Seemann lenkte, indem er seine Stange an den größeren Eisschollen einsetzte, das Floß mehr nach der rechten Seite, so daß sie eine Entfernung von drei- bis vierhundert Fuß von dem durch den Brand erleuchteten Flußufer trennte.
Nichtsdestoweniger hätten die Flüchtlinge, auf die zuweilen ein greller Lichtschein fiel, wohl bemerkt werden müssen, wenn die Brandstifter nicht allzu eifrig mit der Zerstörung des Ortes beschäftigt gewesen wären. Jeder wird sich aber leicht die Besorgniß Alcide Jolivet’s und Harry Blount’s vorstellen können, wenn diese an den so flüchtigen Brennstoff dachten, auf dem das Floß noch immer schwamm.
Ganze Funkengarben sprühten aus den Häusern auf, welche ebenso vielen brennenden Schmelzöfen glichen. Mitten in den Rauchwirbeln stiegen diese Funken fünf- bis sechshundert Fuß hoch in die Luft empor. Am rechten Ufer selbst schienen die Bäume, im Widerscheine des röthlichen Lichtes, selbst in Flammen zu stehen. Nun reichte ja schon ein Funken hin, der auf die Angara niederfiel, die Feuersbrunst auch dem Strome mitzutheilen und Verderben bis zum andern Ufer zu tragen. Die Zerstörung des Floßes und der Tod seiner Insassen mußte dann die nothwendige Folge sein.
Zum Glück wehte der schwache Nachtwind nicht nach dieser Seite. Er blies fortwährend aus Osten und trieb die Flammen von dem linken Ufer ab.[pg 2-168]Möglicherweise konnten die Flüchtlinge also dieser entsetzlichen Gefahr entgehen.
Wirklich ließen sie die brennende Ortschaft bald hinter sich. Nach und nach erblaßte der Feuerschein, das Knistern und Krachen verstummte, und bald verschwand auch der letzte Schimmer hinter dem hohen Ufer der Angara, welche hier einen scharfen Bogen bildet.
So kam die Mitternacht heran. Die tiefe Finsterniß schützte wieder das Floß. An beiden Ufern trieben sich da und dort Tartaren umher. Man sah sie zwar nicht, hörte sie aber, übrigens glänzten auch die Feuer der äußersten Vorposten hell durch die Nacht.
Inzwischen machte es sich bei den immer mehr zusammen gedrängten Eisschollen nöthig, mit größter Vorsicht weiter zu fahren.
Der alte Seemann erhob sich und die Mujiks ergriffen ihre Stangen. Alle waren vollauf beschäftigt, da die Führung des Floßes immer schwieriger und das Bett des Flusses immer enger wurde.
Michael Strogoff war nach dem Vordertheile geschlichen.
Alcide Jolivet folgte ihm.
Beide vernahmen die zwischen dem alten Seemann und seinen Leuten gewechselten Worte.
„Achtung, dort rechts!
— Links drängen ein paar Schollen heran!
— Stoß’ ab, fest mit der Stange!
— Vor Verlauf einer Stunde sitzen wir fest …
— Wenn Gott das will! sagte der alte Seemann. Gegen seinen Willen ist nichts zu thun.
— Hören Sie Jene? fragte Alcide Jolivet.
— Ja, erwiderte Michael Strogoff, aber Gott ist mit uns!“
Inzwischen ward die Situation immer ernster. Wurde das Floß wirklich aufgehalten, so gelangten die Flüchtlinge nicht nur nicht nach Irkutsk, sondern mußten jedenfalls auch ihr schwimmendes Transportmittel verlassen, das von den Eisschollen gedrückt bald unter ihnen in Stücke gehen würde. Dann drohten ja die aus Weidenzweigen bestehenden Bänder zu reißen, die von einander weichenden Fichtenstämme unter das Eis zu gerathen und den Unglücklichen wäre nichts anderes als Zuflucht verblieben, als die schwankenden Schollen selbst. Nach Anbruch des Tages hätten sie dann die Tartaren ohne Zweifel entdecken müssen, von deren Hand keine Gnade zu hoffen war.
Michael Strogoff kehrte nach dem Hintertheile, wo Nadia sich aufhielt, zurück. Er näherte sich derselben, faßte ihre Hand und legte ihr die oft wiederholte Frage vor: „Bist Du bereit, Nadia?“ – welche sie wie immer mit
„Ich bin stets und zu Allem bereit!“ beantwortete.
Noch einige Werst drängte sich das Floß zwischen dem Schollengewirr dahin. Verengerte sich die Angara noch mehr, so mußte sich ein Eisschutz bilden, der die Weiterbenutzung der Wasserstraße so gut wie unmöglich machte. Schon wurde die Bewegung offenbar eine langsamere. Jeden Augenblick fühlte man Stöße und sah, wie das Floß abwich. Hier mußte man sich vor dem vorspringenden Ufer in Acht nehmen, dort eine enge Durchfahrt passiren. Immer wiederholten sich unerwünschte Verzögerungen.
Nun dauerte die Nacht ja auch nur noch wenige[pg 2-170]Stunden. Erreichten die Flüchtlinge Irkutsk nicht vor fünf Uhr des Morgens, so konnten sie auch alle Hoffnung aufgeben, jemals hinein zu gelangen.
Gegen halb zwei Uhr stieß das Floß trotz aller Anstrengungen gegen einen compacten Eisschutz und blieb hier fest stehen. Die nachrückenden Schollen drängten es noch mehr an jenen an und machten es dadurch so unbeweglich fest, als ob es auf einer Klippe gescheitert wäre.
An dieser Stelle verengerte sich die Angara ungemein, so daß die Breite ihres Bettes nur noch die Hälfte der gewöhnlichen betrug. Hieraus erklärte sich diese Anhäufung von Schollen, welche allmälig mit einander verlötheten, sowohl durch den ganz beträchtlichen Druck, unter dem sie standen, als auch durch die Kälte, welche fühlbar zunahm. Fünfhundert Schritt weiter unten dehnte sich das Flußbett wieder aus, und hier trieben einzelne Schollen, die sich von Zeit zu Zeit von der Eisbank lösten, in der Richtung nach Irkutsk hin. Ohne diese Annäherung der Ufer hätte sich die Schollenwand nicht bilden können und das Floß wäre nach wie vor von der Strömung fortgetragen worden. Gegen den unglücklichen Zufall war aber nicht das Geringste zu thun, und die Flüchtlinge mußten eben auf jede Hoffnung verzichten, ihr ersehntes Ziel zu erreichen.
Im Besitze solcher Werkzeuge, wie sie die Wallfischfahrer gebrauchen, um sich Kanäle durch das Eisfeld zu brechen, hätten sie vielleicht gerade noch Zeit gehabt, das Hinderniß bis zu der wieder erweiterten Stelle des Stromes zu beseitigen. Aber keine Säge, keine Spitzhaue war zur Hand, um die von der Kälte granitartig verhärtete Kruste mit Aussicht auf Erfolg anzugreifen.
Was nun?
In diesem Augenblicke krachte eine Gewehrsalve am rechten Ufer der Angara. Ein ganzer Kugelregen war auf das Floß gerichtet. Man hatte die Armen also noch entdeckt. Diese Annahme fand dadurch ihre Bestätigung, daß es jetzt auch von dem linken Ufer her aufblitzte. Zwischen zwei Feuer gestellt dienten die Flüchtlinge als Zielpunkte der tartarischen Tirailleurs. Einige wurden auch verwundet, obgleich die Kugeln bei der herrschenden Dunkelheit nur durch Zufall trafen.
„Komm, Nadia“, raunte Michael Strogoff dem jungen Mädchen in’s Ohr.
Ohne den mindesten Einwand ergriff Nadia „bereit zu Allem“ Michael Strogoff’s Hand.
„Wir müssen jetzt die Eisbank übersteigen, flüsterte er, aber Keiner darf gewahr werden, daß wir das Floß verlassen!“
Nadia gehorchte. Michael Strogoff und sie glitten schnell, geschützt von der Finsterniß, welche nur da und dort das Feuer der Gewehre unterbrach, auf die Eisfläche.
Nadia kroch Michael Strogoff voraus. Wie ein Hagel schlugen die Kugeln rings um sie ein oder prallten an den Schollen ab. Die unebene Eisdecke mit ihren hervorstehenden scharfen Kanten und Spitzen riß ihnen die Hände auf, aber sie kamen doch vorwärts.
Zehn Minuten später erreichten sie die untere Grenze der Eiswand. Hier ward das Wasser der Angara wieder frei. Einige Schollen rissen sich hier und da von derselben los und schwammen nach der Stadt hinunter.
Nadia verstand Michael Strogoff’s Absichten.
Sie fand eine Eisscholle, welche nur durch eine schmale Verbindung fest hing. „Komm“, sagte Nadia.
Beide legten sich auf das Eisstück, das sich nach einigem Schwanken von der Bank ablöste.
Jetzt begann es, dahin zu treiben. Das Bett des Flusses erweiterte sich, der Weg stand offen.
Michael Strogoff und Nadia hörten noch das Knallen der Gewehre, die Ausrufe der Verzweiflung, das Brüllen der Tartaren … Dann verstummten langsam diese Ausbrüche der entsetzlichen Angst und der teuflischen Freude.
„Unsre armen Gefährten!“ seufzte Nadia.
Während einer Stunde trug die Strömung jene Eisscholle mit Michael Strogoff und Nadia schnell dahin. Jeden Augenblick hatten diese zu befürchten, daß sie unter ihnen in Stücke gehen könne. Von der stärksten Strömung ward sie nahezu in der Mitte der Wasserfläche erhalten, und doch handelte es sich darum, sie mehr nach der Seite zu leiten, wenn sie an einem der Quais in Irkutsk landen sollte.
Michael Strogoff lauschte, ohne ein Wort zu sprechen, gespannten Ohres. Niemals winkte ihm so nahe das Ziel. Er fühlte jetzt, daß er es erreichen werde!…
Um zwei Uhr Morgens schimmerte eine doppelte Reihe Lichter an dem dunklen Horizonte neben den beiden Ufern der Angara.
Zur Rechten rührte dieser Lichtschein von Irkutsk her, zur Linken von den Wachtfeuern des tartarischen Feldlagers.
Michael Strogoff war nur noch eine halbe Werst von der Stadt entfernt.
„Endlich!“ murmelte er für sich.
Aber plötzlich stieß Nadia einen furchtbaren Schrei aus.
Bei diesem Aufschrei erhob sich Michael Strogoff auf der schwankenden Scholle. Seine Hand streckte sich nach der Angara hinauf. Sein von bläulichen Reflexen überstrahltes Gesicht nahm einen furchtbaren Ausdruck an, und dann rief er, als hätten sich seine Augen auf’s Neue dem Lichte erschlossen:
„Ach, also Gott selbst ist doch gegen uns!“
Zwölftes Capitel.Irkutsk.Irkutsk, die Hauptstadt Ostsibiriens, zählt unter gewöhnlichen Verhältnissen etwa 30,000 Einwohner. Ein ziemlich hohes, steiles Ufer an der rechten Seite der Angara trägt seine von einer hohen Kathedrale überragten Kirchen und die in pittoresker Unordnung daneben verstreuten Häuser.Von einer gewissen Entfernung aus, etwa von der Höhe des Berges, über den in einer Entfernung von zwanzig Werst die große sibirische Heerstraße führt, bietet es mit seinen Kuppeln und Glockenthürmen, seinen den Minarets ähnlichen, schlanken Thurmspitzen, und vielen auf japanesische Art ausgehöhlten Dächern, ein etwas orientalisches Aussehen. Diese Physiognomie verschwindet aber dem Auge des Reisenden, sobald er die Stadt selbst betritt. Zur Hälfte in byzantinischem, zur Hälfte in chinesischem[pg 2-174]Stile erbaut, wird sie doch zu einer europäischen durch die macadamisirten Straßen mit Trottoirs an den Seiten, durch die Kanäle in denselben, die reichlichen Baumanpflanzungen, durch ihre Gebäude aus Ziegelstein und Holz, von denen einzelne auch mehrere Stockwerke zeigen, durch die zahlreichen Fuhrwerke, welche sie beleben, und unter denen man nicht nur Telegs und Tarantasse, sondern auch moderne Wagen zu verstehen hat, endlich durch eine große Anzahl mit den jeweiligen Fortschritten der Civilisation ganz vertrauter Einwohner, denen auch die neuesten pariser Moden nichts Fremdes sind.Zur jetzigen Zeit war Irkutsk, die Zufluchtsstätte der Bewohner einer ganzen Provinz, furchtbar überfüllt. Alle Bedürfnisse fanden hier dennoch reichlichste Befriedigung. Irkutsk bildet die Niederlage jener zahllosen Waaren, welche zwischen China, Centralasien und Europa ausgetauscht werden. Man brauchte also den Zuzug der Landbauern aus dem Angarathale, den der Mongel-Khalkas, der Tungunsen, der Burets nicht zu fürchten, und konnte zwischen den Feinden und der Stadt alles Land verwüsten lassen.Irkutsk ist der Sitz des Generalgouverneurs von Ostsibirien. Unter ihm fungiren noch ein Civilgouverneur, in dessen Händen die Verwaltungsgeschäfte der Provinz liegen, ein Polizeidirector, der in einer Stadt mit so vielen Verbannten nicht allzuwenig zu thun hat, und endlich ein Maire, der Erste der Kaufleute, eine wegen ihres Reichthums und des unerklärlichen Einflusses auf die betreffenden Kreise sehr viel bedeutende Persönlichkeit.Die Garnison von Irkutsk bestand aus einem Regiment Kosaken zu Fuß, in der Stärke von etwa[pg 2-175]2000 Mann, und einem Corps einheimischer Gensdarmen mit Helm und blauer, silberbesetzter Uniform.Außerdem war, wie wir wissen, der Bruder des Czaar in Folge eigenthümlicher Verhältnisse seit Beginn des Tartareneinfalls in die Stadt eingeschlossen.Ueber jene Verhältnisse nur einige Worte.Eine wichtige politische Reise hatte den Großfürsten in diese entlegenen Provinzen Ostasiens geführt.Der Großfürst berührte die hauptsächlichsten Städte Sibiriens, reiste mehr als Soldat, denn als Prinz, ohne jeden Hofstaat, nur begleitet von seinen Officieren und einer Abtheilung Kosaken, wobei er bis nach den transbaïkalischen Landschaften vordrang. Nikolajowsk, die letzte russische Stadt am Ochotskischen Meere, wurde ebenfalls mit seinem Besuche beehrt.An den Grenzen des ungeheuren Moskowitenreiches angelangt, kehrte der Großfürst nach Irkutsk zurück, von wo er den Weg nach Europa wieder einschlagen wollte, als er die ersten Nachrichten von der ebenso gefährlichen, als urplötzlichen Invasion erhielt. Er beeilte sich, die Hauptstadt zu erreichen, bei seiner Ankunft daselbst war aber die Verbindung mit Rußland schon unterbrochen. Einige Telegramme von Petersburg und Moskau kamen in seine Hand, auf welche er auch noch Antwort zu geben vermochte. Dann war die Leitung unter den uns bekannten Umständen zerstört worden.Isolirt lag Irkutsk am Ende der Welt.Dem Großfürsten fiel nun blos noch die Aufgabe zu, die Vertheidigung zu organisiren, was er mit der Festigkeit und Ruhe durchführte, von der er[pg 2-176]bei anderer Gelegenheit hinlängliche Proben gegeben hat.Die Nachrichten über die Einnahme von Ichim, Omsk und Tomsk gelangten eine nach der anderen nach Irkutsk. Die Wegnahme dieser Hauptstadt Sibiriens mußte auf jeden Fall verhindert werden. Auf baldige Hilfe durfte man nicht rechnen. Die wenigen in der Amurprovinz und dem Gouvernement Jakutsk zerstreuten Truppen reichten, auch wenn sie heranrückten, nicht aus, den tartarischen Heersäulen Halt zu gebieten. Da nun Irkutsk einem Angriffe offenbar nicht entgehen konnte, so mußte die Stadt vor allen Dingen in den Stand gesetzt werden, eine Belagerung von einiger Dauer auszuhalten.Die Arbeiten hierzu nahmen an demselben Tage ihren Anfang, als Tomsk in die Hände der Tartaren fiel. Gleichzeitig mit dieser Neuigkeit erfuhr der Großfürst, daß der Emir von Bukhara und die verbündeten Khans in Person die Bewegung leiteten; unbekannt blieb ihm aber, daß der zweite Führer dieser Barbarenhäuptlinge, Iwan Ogareff, ein früherer russischer Officier war, den er selbst degradirt hatte, und den er von Person nicht kannte.Gleich zuerst wurden die Bewohner der Provinz Irkutsk, wie wir wissen, veranlaßt, alle Städte und Dörfer zu verlassen. Wer keine Zuflucht in der Hauptstadt suchte, mußte sich noch weiter hinaus, jenseit des Baïkalsees, begeben, bis wohin der Schwarm der Feinde höchst wahrscheinlich nicht gelangen konnte. Die Vorräthe an Getreide und Fourrage wurden für die Stadt requirirt und dieses letzte Bollwerk der moskowitischen Herrschaft in den Stand gesetzt, wenigstens eine Zeit lang Widerstand zu leisten.[pg 2-177]Irkutsk, gegründet im Jahre 1611, liegt am Zusammenflusse des Irkut und der Angara, am rechten Ufer der letztgenannten. Zwei auf Pfeilern ruhende Holzbrücken, die sich zum Zwecke der Schifffahrt in der ganzen Breite des Fahrwassers öffnen lassen, verbinden die Stadt mit ihren Vorstädten am linken Stromufer. Nach dieser Seite bot die Vertheidigung keine Schwierigkeiten. Die Vorstädte wurden geräumt, die Brücken abgebrochen. Eine Ueberschreitung der hier sehr breiten Angara wäre unter dem Feuer der Belagerten nicht leicht auszuführen gewesen.Der Fluß konnte ja aber auch oberhalb oder unterhalb der Stadt überschritten werden, und folglich drohte Irkutsk auch die Gefahr eines Angriffs von der Ostseite, wo es keine Umfassungsmauer schützte.Alle kräftigen Arme wurden nun zunächst zu Fortificationsarbeiten verwendet. Man war Tag und Nacht thätig. Der Großfürst fand eine überaus eifrige Bevölkerung, die sich bei der eigentlichen Vertheidigung auch ebenso muthvoll beweisen sollte. Soldaten, Kaufleute, Verbannte, Bauern – Alle widmeten sich dem allgemeinen Besten. Acht Tage vor der Ankunft der Tartaren im Angarathale hatte man ringsum Erdwälle aufgeworfen. Außerdem war dadurch vor letzteren ein Wallgraben entstanden, den die Angara speiste. Durch einen Handstreich konnte die Stadt also nicht leicht weggenommen werden. Sie mußte belagert und gestürmt werden.Das dritte tartarische Armeecorps, – dasselbe, welches im Thale des Jeniseï hinaufgezogen war, – erschien am 24. September vor Irkutsk. Es besetzte sofort die verlassenen Vorstädte, deren Häuser übrigens[pg 2-178]meist niedergelegt waren, um der leider unzureichenden Artillerie des Großfürsten keine Hindernisse zu bieten.Die Tartaren suchten sich einzurichten und erwarteten die beiden anderen von dem Emir und seinen Verbündeten geführten Heerhaufen.Die Verbindung dieser verschiedenen Corps ward am 25. September durch das Lager an der Angara bewerkstelligt und die ganze Armee, mit Ausnahme der in den größeren Städten zurückgelassenen Besatzungen unter dem Befehle Feofar-Khan’s vereinigt.Da Iwan Ogareff eine Ueberschreitung der Angara in Irkutsk selbst für unausführbar erklärte, so setzte eine starke Heeresabtheilung einige Werst stromabwärts mittels Schiffbrücken über den Fluß. Der Großfürst griff hiergegen nicht ein, da er dieses Vorhaben wohl etwas stören, aus Mangel an hinreichender Feldartillerie aber doch nicht verhindern konnte, und so blieb er, gewiß mit vollem Rechte, ruhig in Irkutsk.Die Tartaren besetzten also auch die rechte Flußseite; dann marschirten sie gegen die Stadt heran, brannten unterwegs die Sommerwohnung des Generalgouverneurs in einem den Lauf der Angara beherrschenden Wäldchen nieder, und begannen nach völliger Einschließung der Stadt die regelrechte Belagerung.Iwan Ogareff bemühte sich als geschickter Ingenieur diese bestens zu leiten, nur gingen ihm die nöthigen Hilfsmittel ab, um rasche Erfolge zu erzielen. Uebrigens hatte er darauf gerechnet, Irkutsk, das Ziel seines Verlangens, im ersten Anlauf zu nehmen.Wie sich nun zeigte, hatte sich die Sachlage unerwartet geändert. Einestheils hielt die Schlacht bei Tomsk die tartarische Armee in ihrem Marsche[pg 2-179]auf, anderntheils die Schnelligkeit, mit welcher der Großfürst die jetzigen Vertheidigungswerke herzustellen wußte. An diesen beiden Ursachen scheiterte seine ursprüngliche Absicht und er sah sich zu einer regelrechten Belagerung genöthigt.Dennoch versuchte der Emir auf sein Anrathen zweimal, ohne Rücksicht auf die zahlreichen Opfer an Mannschaften, die Stadt zu stürmen. Er warf seine Truppen auf die scheinbar schwächsten Punkte der Schanzen; beide Angriffe wurden aber muthig abgeschlagen. Der Großfürst und seine Officiere setzten sich bei dieser Gelegenheit rücksichtslos jeder Gefahr aus. Sie traten mit ihrer eigenen Person ein und führten die Civilbevölkerung mit auf die Wälle. Bürger und Mujiks erfüllten opferfreudig ihre Pflicht. Bei dem zweiten Sturmangriff war es den Tartaren gelungen, eines der Thore in den Wällen zu erobern. An dem einen Ende der großen, zwei Werst langen und oben und unten an der Angara ausmündenden Straße von Bolchaïa kam es zu einem Kampfe. Aber Kosaken, Gensdarmen und Bürger setzten den Tartaren einen so hartnäckigen Widerstand entgegen, daß sich diese zuletzt in ihre früheren Stellungen zurückziehen mußten.Nun gedachte Iwan Ogareff durch Verrath zu erreichen, was er durch Gewalt nicht erlangen konnte. Wir wissen, daß seine Absicht dahin ging, in die Stadt einzudringen, sich dem Großfürsten zu nähern, dessen Vertrauen zu erschleichen und seiner Zeit eines der Thore den Belagerern zu überliefern. Dann wollte er seinen eigenen Rachedurst an dem Bruder des Czaar stillen.Die Zigeunerin Sangarre, seine Begleiterin bis[pg 2-180]in das Lager an der Angara, trieb ihn noch an, dieses Vorhaben auszuführen.In der That war auch Gefahr im Verzuge. Schon marschirten die Truppen aus dem Gouvernement Jakutsk auf Irkutsk. Sie hatten sich am obern Laufe der Lena concentrirt, deren Thale sie folgten. In höchstens sechs Tagen mußten sie eintreffen, also wurde es nöthig, Irkutsk vor diesem Zeitpunkte durch Verrath zu überwältigen.Iwan Ogareff zögerte keinen Augenblick. –Eines Abends, am 2. October, wurde in dem großen Salon des Gouvernementspalastes, in dem der Großfürst residirte, ein Kriegsrath abgehalten.Dieses am Ende der Bolchaïastraße gelegene Gebäude beherrscht weithin den Lauf des Flusses. Gegenüber den Fenstern seiner Hauptfaçade sah man das Lager der Tartaren; hätten letztere weiter tragende Belagerungsgeschütze besessen, so wäre dieses Gebäude ganz unhaltbar gewesen.Der Großfürst, der General Voranzoff, der Gouverneur der Stadt, der Chef der Kaufleute und eine Anzahl höhere Officiere besprachen eben verschiedene nothwendige Maßregeln.„Meine Herren, begann der Großfürst, unsere dermalige Lage ist Ihnen hinlänglich bekannt. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß wir Irkutsk bis zum Eintreffen von Ersatztruppen zu halten im Stande sind. Dann werden wir leicht im Stande sein, die Barbarenhorden in die Flucht zu jagen, und an mir soll es gewiß nicht liegen, wenn sie diesen frechen Einfall in unser Gebiet nicht sehr theuer bezahlen.— Eure kaiserliche Hoheit wissen, erwiderte der[pg 2-181]General Voranzoff, daß Sie auf die Bevölkerung von Irkutsk zählen können.— Gewiß, General, antwortete der Großfürst, und ich erkenne diesen eifrigen Patriotismus gern und unumwunden an. Gott sei Dank ist die Einwohnerschaft noch von den Schrecken einer Epidemie oder der Hungersnoth verschont geblieben, und ich hoffe, das soll nicht anders werden; auf den Wällen aber habe ich nur ihren Heldenmuth bewundern können. Sie hören meine Worte, Herr Vorsteher der Kaufmannsgilde, und ich bitte Sie, dieselben weiter zu verbreiten.— Ich danke Eurer Hoheit im Namen der Stadt, erwiderte der Angeredete. Darf ich wohl auch fragen, nach welchem längsten Zeitraume auf das Eintreffen von Ersatztruppen zu rechnen ist?— Höchstens nach sechs Tagen, erklärte der Großfürst. Erst heute Morgen ist ein gewandter und kühner Emissär in die Stadt gekommen, der mir mittheilt, daß fünfzigtausend russische Truppen unter Führung des Generals Kisselef im Anmarsch sind. Vor zwei Tagen befanden sie sich in Kironsk, am Ufer der Lena, und jetzt werden weder Schnee noch Kälte ihren Zug aufzuhalten vermögen. Fünfzigtausend Mann Kerntruppen, welche die Tartaren in der Flanke fassen, werden uns leicht von denselben befreien.— Ich erlaube mir hinzuzufügen, daß wir sofort, wenn Eure kaiserliche Hoheit einen Ausfall befehlen sollten, bereit sind, diesem Befehle zu folgen.— Ich danke, mein Herr, sagte der Großfürst. Warten wir es ab, bis die Spitzen unserer Colonnen auf den nächsten Höhen erscheinen, dann wollen wir die Feinde zerschmettern.“[pg 2-182]Dann wandte er sich wieder an den General Voranzoff.„Wir werden morgen, sagte er, die Arbeiten am rechten Ufer besichtigen. Die Angara bringt schon Eisschollen mit, sie wird bald eine feste Decke erhalten und den Tartaren den Uebergang ermöglichen.— Würden mir Eure Hoheit eine Bemerkung gestatten? fragte der Chef der Kaufleute.— Sprechen Sie.— Ich habe die Temperatur wiederholt bis dreißig und vierzig Grade unter Null herabgehen sehen, immer aber bedeckte sich die Angara nur mit losen Schollen, ohne je ganz zuzufrieren, woran ihre rasche Strömung Schuld zu sein scheint. Besitzen die Tartaren also keine anderen Hilfsmittel, den Fluß zu passiren, so garantire ich Eurer Hoheit, daß sie auf diesem Wege nie nach Irkutsk hinein gelangen werden.“Der Generalgouverneur bestätigte die Bemerkung des Chefs der Kaufmannschaft.„Das ist gewiß ein recht glücklicher Umstand, äußerte der Großfürst. Nichtsdestoweniger werden wir gut thun, jede Eventualität in’s Auge zu fassen.“Er wandte sich dann an den Director der Polizei.„Sie haben mir Nichts mitzutheilen? fragte er.— Ich habe Ihnen zu melden, kaiserliche Hoheit, erwiderte der Polizeidirector, daß mir durch meine Unterbeamten eine Bittschrift übergeben wurde …— Ausgehend von …?— Von sibirischen Verbannten, Sire, deren Anzahl, wie Sie wissen, sich hier auf Fünfhundert beläuft.“Die politischen Verbannten, welche sonst über[pg 2-183]die ganze Provinz verbreitet sind, waren seit Beginn der Invasion in Irkutsk concentrirt. Sie waren dem Befehle nachgekommen, in der Stadt einzutreffen, und hatten die Ortschaften verlassen, wo sie ihren verschiedenen Berufsgeschäften oblagen, hier als Aerzte, dort als Lehrer entweder an einem Gymnasium, der japanischen oder einer Schifffahrts-Schule. Von Anfang an hatte sie der Großfürst, im Vertrauen auf ihren Patriotismus, mit Waffen versehen und sie als tüchtige Vertheidiger erkannt.„Was wünschen die Verbannten? fragte der Großfürst.— Sie ersuchen Eure kaiserliche Hoheit um die Erlaubniß, ein besonderes Corps bilden und beim ersten Ausfall an der Spitze marschiren zu dürfen.— O, erwiderte der Großfürst, ohne seine freudige Erregung zu verbergen, ich wußte es ja, das sind Russen; ihr Patriotismus erwirbt ihnen das Recht, sich für ihr Vaterland zu schlagen.— Ich glaube Eurer kaiserlichen Hoheit versichern zu können, sagte der Generalgouverneur, daß Sie keine besseren Soldaten zu finden vermögen.— Doch sie brauchen dann einen Führer, bemerkte der Großfürst. Wer soll das sein?— Sie wünschten Eurer Hoheit einen aus ihrer Mitte vorzuschlagen, antwortete der Polizeidirector, der sich schon bei mehreren Gelegenheiten ausgezeichnet hat.— Ist es ein Russe?— Ja, ein Russe aus den baltischen Provinzen.— Sein Name …?— Wassili Fedor.“Der Verbannte war der Vater Nadia’s.Wassili Fedor lebte, wie uns bekannt ist, in Irkutsk[pg 2-184]seinem Berufe als Arzt. Ein kenntnißreicher und im Umgange liebenswürdiger Mann, war er gleichzeitig von hohem Muthe und warmer Vaterlandsliebe beseelt. Jede Stunde, in der er nicht von Kranken in Anspruch genommen war, widmete er den Vertheidigungsarbeiten. Er war es auch, der seine Schicksalsgenossen zu gemeinsamem Auftreten verbunden hatte. Bisher mitten unter der übrigen Bevölkerung verwendet, gelang es den Verbannten doch, die Aufmerksamkeit des Großfürsten zu erregen. Bei mehreren Ausfällen hatten sie mit dem Blute ihre Schuld an das heilige Rußland bezahlt. Wassili Fedor benahm sich stets als Held. Sein Name ward wiederholt mit Auszeichnung genannt, doch er erstrebte weder Dank noch Belohnung, und als die Verbannten die Bildung eines besonderen Corps beschlossen, dachte er gar nicht daran, daß sie beabsichtigen könnten, ihn zu ihrem Führer auszuersehen.Als der Polizeidirector diesen Namen genannt hatte, bemerkte der Großfürst, daß ihm derselbe nicht unbekannt sei.„In der That, bestätigte General Voranzoff, Wassili Fedor ist ein muthiger, geeigneter Mann. Stets erwies sich sein Einfluß auf die anderen Verbannten von großer Bedeutung.— Seit wann ist er in Irkutsk? fragte der Großfürst.— Seit zwei Jahren.— Und seine Aufführung …?— Er fügt sich, antwortete der Polizeidirector, als verständiger Mann den Vorschriften, wie sie die Verbannung eben mit sich bringt.[pg 2-185]— General, antwortete der Großfürst, lassen Sie mir denselben ohne Zögern zuführen.“Der Befehl des Großfürsten ward ausgeführt, und noch vor Ablauf einer halben Stunde trat Wassili Fedor in den Saal ein.Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, von hohem Wuchs und mit ernster, gewinnender Physiognomie. Man sah es ihm an, daß sein ganzes Leben sich in dem Worte: Kampf! zusammen fassen ließ, und daß er gekämpft, aber auch gelitten hatte. Seine Züge erinnerten lebhaft an die seiner Tochter Nadia Fedor.Mehr als jeden Andern hatte ihn der Tartareneinfall auch persönlich schmerzlich berührt und die liebste Hoffnung eines Vaters vernichtet, der achttausend Werst von seiner Heimath in der Verbannung lebte. Ein Brief hatte ihm den Tod der geliebten Gattin gemeldet zugleich mit der Abreise seiner Tochter, welche von der Regierung die Erlaubniß ausgewirkt hatte, ihm in Irkutsk Gesellschaft zu leisten.Nadia hatte Riga am 10. Juli verlassen. Die Invasion begann am 15. Juli. Wenn Nadia zu dieser Zeit schon die Grenze überschritten hatte, was war aus ihr mitten in dem Schwarme der Feinde geworden? Von welcher Unruhe mußte der unglückliche Vater verzehrt werden, da er seit dieser Zeit keine Nachrichten von seiner Tochter erhalten hatte!Wassili Fedor verneigte sich in Gegenwart des Großfürsten und erwartete von diesem angesprochen zu werden.„Wassili Fedor, begann der Großfürst, Deine Genossen in der Verbannung haben sich erboten, ein Elitecorps bilden zu dürfen. Sie vergessen doch[pg 2-186]nicht, daß in einer solchen Schaar Jeder bis zum letzten Mann zu sterben bereit sein muß?— Sie sind sich dessen bewußt, erwiderte Wassili Fedor.— Sie wünschen Dich als Anführer?— Ja, kaiserliche Hoheit.— Und hast Du die Absicht, Dich an ihre Spitze zu stellen?— Wenn das Heil Rußlands es erheischt, gewiß.— Commandant Fedor, sagte der Großfürst, Du bist nicht mehr verbannt.— Ich danke, Hoheit, aber kann ich dann über Solche den Befehl führen, die es noch sind?— Sie sind es nicht mehr.“In seine Hand legte der Bruder des Czaar die Begnadigung seiner verbannten Genossen, jetzt seiner Waffengefährten.Tief bewegt drückte Wassili Fedor die ihm dargebotene Hand des Großfürsten und verließ das Gemach.Der Letztere wendete sich an seine Officiere.„Der Czaar wird den Gnadenbrief anerkennen, den ich hier in seinem Namen ausstelle, sagte er lächelnd. Wir brauchen Helden, um die Hauptstadt Sibiriens zu vertheidigen, ich habe solche jetzt geschaffen.“Diese den Verbannten von Irkutsk gewährte Gnade entsprach in der That ebenso einer großherzigen Justiz, wie einer klugen Politik.Die Nacht brach herein. Durch die Fenster des Palastes leuchteten die Feuer des tartarischen Lagers, die sich da und dort in der Angara wiederspiegelten. In dem Flusse trieben zahlreiche Eisschollen, von denen einige an den alten Pfeilern der früheren[pg 2-187]hölzernen Brücke hängen blieben. Die meisten flossen aber mit erstaunlicher Schnelligkeit dahin. Offenbar konnte die Angara, wie es der Vorsteher der Kaufmannschaft schon gesagt hatte, nur schwer in der ganzen Oberfläche zufrieren. Die Gefahr eines Angriffs von der Wasserseite brauchten die Vertheidiger von Irkutsk also nicht sonderlich zu fürchten.Eben schlug es zehn Uhr. Der Großfürst verabschiedete seine Officiere und wollte sich gerade in seine Gemächer zurückziehen, als vor dem Palaste ein auffallender Tumult entstand.Fast gleichzeitig öffnete sich die Thür des Salons, ein Feldjäger trat ein und ging auf den Großfürsten zu.„Kaiserliche Hoheit, meldete er, ein Courier des Czaar!“
Irkutsk, die Hauptstadt Ostsibiriens, zählt unter gewöhnlichen Verhältnissen etwa 30,000 Einwohner. Ein ziemlich hohes, steiles Ufer an der rechten Seite der Angara trägt seine von einer hohen Kathedrale überragten Kirchen und die in pittoresker Unordnung daneben verstreuten Häuser.
Von einer gewissen Entfernung aus, etwa von der Höhe des Berges, über den in einer Entfernung von zwanzig Werst die große sibirische Heerstraße führt, bietet es mit seinen Kuppeln und Glockenthürmen, seinen den Minarets ähnlichen, schlanken Thurmspitzen, und vielen auf japanesische Art ausgehöhlten Dächern, ein etwas orientalisches Aussehen. Diese Physiognomie verschwindet aber dem Auge des Reisenden, sobald er die Stadt selbst betritt. Zur Hälfte in byzantinischem, zur Hälfte in chinesischem[pg 2-174]Stile erbaut, wird sie doch zu einer europäischen durch die macadamisirten Straßen mit Trottoirs an den Seiten, durch die Kanäle in denselben, die reichlichen Baumanpflanzungen, durch ihre Gebäude aus Ziegelstein und Holz, von denen einzelne auch mehrere Stockwerke zeigen, durch die zahlreichen Fuhrwerke, welche sie beleben, und unter denen man nicht nur Telegs und Tarantasse, sondern auch moderne Wagen zu verstehen hat, endlich durch eine große Anzahl mit den jeweiligen Fortschritten der Civilisation ganz vertrauter Einwohner, denen auch die neuesten pariser Moden nichts Fremdes sind.
Zur jetzigen Zeit war Irkutsk, die Zufluchtsstätte der Bewohner einer ganzen Provinz, furchtbar überfüllt. Alle Bedürfnisse fanden hier dennoch reichlichste Befriedigung. Irkutsk bildet die Niederlage jener zahllosen Waaren, welche zwischen China, Centralasien und Europa ausgetauscht werden. Man brauchte also den Zuzug der Landbauern aus dem Angarathale, den der Mongel-Khalkas, der Tungunsen, der Burets nicht zu fürchten, und konnte zwischen den Feinden und der Stadt alles Land verwüsten lassen.
Irkutsk ist der Sitz des Generalgouverneurs von Ostsibirien. Unter ihm fungiren noch ein Civilgouverneur, in dessen Händen die Verwaltungsgeschäfte der Provinz liegen, ein Polizeidirector, der in einer Stadt mit so vielen Verbannten nicht allzuwenig zu thun hat, und endlich ein Maire, der Erste der Kaufleute, eine wegen ihres Reichthums und des unerklärlichen Einflusses auf die betreffenden Kreise sehr viel bedeutende Persönlichkeit.
Die Garnison von Irkutsk bestand aus einem Regiment Kosaken zu Fuß, in der Stärke von etwa[pg 2-175]2000 Mann, und einem Corps einheimischer Gensdarmen mit Helm und blauer, silberbesetzter Uniform.
Außerdem war, wie wir wissen, der Bruder des Czaar in Folge eigenthümlicher Verhältnisse seit Beginn des Tartareneinfalls in die Stadt eingeschlossen.
Ueber jene Verhältnisse nur einige Worte.
Eine wichtige politische Reise hatte den Großfürsten in diese entlegenen Provinzen Ostasiens geführt.
Der Großfürst berührte die hauptsächlichsten Städte Sibiriens, reiste mehr als Soldat, denn als Prinz, ohne jeden Hofstaat, nur begleitet von seinen Officieren und einer Abtheilung Kosaken, wobei er bis nach den transbaïkalischen Landschaften vordrang. Nikolajowsk, die letzte russische Stadt am Ochotskischen Meere, wurde ebenfalls mit seinem Besuche beehrt.
An den Grenzen des ungeheuren Moskowitenreiches angelangt, kehrte der Großfürst nach Irkutsk zurück, von wo er den Weg nach Europa wieder einschlagen wollte, als er die ersten Nachrichten von der ebenso gefährlichen, als urplötzlichen Invasion erhielt. Er beeilte sich, die Hauptstadt zu erreichen, bei seiner Ankunft daselbst war aber die Verbindung mit Rußland schon unterbrochen. Einige Telegramme von Petersburg und Moskau kamen in seine Hand, auf welche er auch noch Antwort zu geben vermochte. Dann war die Leitung unter den uns bekannten Umständen zerstört worden.
Isolirt lag Irkutsk am Ende der Welt.
Dem Großfürsten fiel nun blos noch die Aufgabe zu, die Vertheidigung zu organisiren, was er mit der Festigkeit und Ruhe durchführte, von der er[pg 2-176]bei anderer Gelegenheit hinlängliche Proben gegeben hat.
Die Nachrichten über die Einnahme von Ichim, Omsk und Tomsk gelangten eine nach der anderen nach Irkutsk. Die Wegnahme dieser Hauptstadt Sibiriens mußte auf jeden Fall verhindert werden. Auf baldige Hilfe durfte man nicht rechnen. Die wenigen in der Amurprovinz und dem Gouvernement Jakutsk zerstreuten Truppen reichten, auch wenn sie heranrückten, nicht aus, den tartarischen Heersäulen Halt zu gebieten. Da nun Irkutsk einem Angriffe offenbar nicht entgehen konnte, so mußte die Stadt vor allen Dingen in den Stand gesetzt werden, eine Belagerung von einiger Dauer auszuhalten.
Die Arbeiten hierzu nahmen an demselben Tage ihren Anfang, als Tomsk in die Hände der Tartaren fiel. Gleichzeitig mit dieser Neuigkeit erfuhr der Großfürst, daß der Emir von Bukhara und die verbündeten Khans in Person die Bewegung leiteten; unbekannt blieb ihm aber, daß der zweite Führer dieser Barbarenhäuptlinge, Iwan Ogareff, ein früherer russischer Officier war, den er selbst degradirt hatte, und den er von Person nicht kannte.
Gleich zuerst wurden die Bewohner der Provinz Irkutsk, wie wir wissen, veranlaßt, alle Städte und Dörfer zu verlassen. Wer keine Zuflucht in der Hauptstadt suchte, mußte sich noch weiter hinaus, jenseit des Baïkalsees, begeben, bis wohin der Schwarm der Feinde höchst wahrscheinlich nicht gelangen konnte. Die Vorräthe an Getreide und Fourrage wurden für die Stadt requirirt und dieses letzte Bollwerk der moskowitischen Herrschaft in den Stand gesetzt, wenigstens eine Zeit lang Widerstand zu leisten.
Irkutsk, gegründet im Jahre 1611, liegt am Zusammenflusse des Irkut und der Angara, am rechten Ufer der letztgenannten. Zwei auf Pfeilern ruhende Holzbrücken, die sich zum Zwecke der Schifffahrt in der ganzen Breite des Fahrwassers öffnen lassen, verbinden die Stadt mit ihren Vorstädten am linken Stromufer. Nach dieser Seite bot die Vertheidigung keine Schwierigkeiten. Die Vorstädte wurden geräumt, die Brücken abgebrochen. Eine Ueberschreitung der hier sehr breiten Angara wäre unter dem Feuer der Belagerten nicht leicht auszuführen gewesen.
Der Fluß konnte ja aber auch oberhalb oder unterhalb der Stadt überschritten werden, und folglich drohte Irkutsk auch die Gefahr eines Angriffs von der Ostseite, wo es keine Umfassungsmauer schützte.
Alle kräftigen Arme wurden nun zunächst zu Fortificationsarbeiten verwendet. Man war Tag und Nacht thätig. Der Großfürst fand eine überaus eifrige Bevölkerung, die sich bei der eigentlichen Vertheidigung auch ebenso muthvoll beweisen sollte. Soldaten, Kaufleute, Verbannte, Bauern – Alle widmeten sich dem allgemeinen Besten. Acht Tage vor der Ankunft der Tartaren im Angarathale hatte man ringsum Erdwälle aufgeworfen. Außerdem war dadurch vor letzteren ein Wallgraben entstanden, den die Angara speiste. Durch einen Handstreich konnte die Stadt also nicht leicht weggenommen werden. Sie mußte belagert und gestürmt werden.
Das dritte tartarische Armeecorps, – dasselbe, welches im Thale des Jeniseï hinaufgezogen war, – erschien am 24. September vor Irkutsk. Es besetzte sofort die verlassenen Vorstädte, deren Häuser übrigens[pg 2-178]meist niedergelegt waren, um der leider unzureichenden Artillerie des Großfürsten keine Hindernisse zu bieten.
Die Tartaren suchten sich einzurichten und erwarteten die beiden anderen von dem Emir und seinen Verbündeten geführten Heerhaufen.
Die Verbindung dieser verschiedenen Corps ward am 25. September durch das Lager an der Angara bewerkstelligt und die ganze Armee, mit Ausnahme der in den größeren Städten zurückgelassenen Besatzungen unter dem Befehle Feofar-Khan’s vereinigt.
Da Iwan Ogareff eine Ueberschreitung der Angara in Irkutsk selbst für unausführbar erklärte, so setzte eine starke Heeresabtheilung einige Werst stromabwärts mittels Schiffbrücken über den Fluß. Der Großfürst griff hiergegen nicht ein, da er dieses Vorhaben wohl etwas stören, aus Mangel an hinreichender Feldartillerie aber doch nicht verhindern konnte, und so blieb er, gewiß mit vollem Rechte, ruhig in Irkutsk.
Die Tartaren besetzten also auch die rechte Flußseite; dann marschirten sie gegen die Stadt heran, brannten unterwegs die Sommerwohnung des Generalgouverneurs in einem den Lauf der Angara beherrschenden Wäldchen nieder, und begannen nach völliger Einschließung der Stadt die regelrechte Belagerung.
Iwan Ogareff bemühte sich als geschickter Ingenieur diese bestens zu leiten, nur gingen ihm die nöthigen Hilfsmittel ab, um rasche Erfolge zu erzielen. Uebrigens hatte er darauf gerechnet, Irkutsk, das Ziel seines Verlangens, im ersten Anlauf zu nehmen.
Wie sich nun zeigte, hatte sich die Sachlage unerwartet geändert. Einestheils hielt die Schlacht bei Tomsk die tartarische Armee in ihrem Marsche[pg 2-179]auf, anderntheils die Schnelligkeit, mit welcher der Großfürst die jetzigen Vertheidigungswerke herzustellen wußte. An diesen beiden Ursachen scheiterte seine ursprüngliche Absicht und er sah sich zu einer regelrechten Belagerung genöthigt.
Dennoch versuchte der Emir auf sein Anrathen zweimal, ohne Rücksicht auf die zahlreichen Opfer an Mannschaften, die Stadt zu stürmen. Er warf seine Truppen auf die scheinbar schwächsten Punkte der Schanzen; beide Angriffe wurden aber muthig abgeschlagen. Der Großfürst und seine Officiere setzten sich bei dieser Gelegenheit rücksichtslos jeder Gefahr aus. Sie traten mit ihrer eigenen Person ein und führten die Civilbevölkerung mit auf die Wälle. Bürger und Mujiks erfüllten opferfreudig ihre Pflicht. Bei dem zweiten Sturmangriff war es den Tartaren gelungen, eines der Thore in den Wällen zu erobern. An dem einen Ende der großen, zwei Werst langen und oben und unten an der Angara ausmündenden Straße von Bolchaïa kam es zu einem Kampfe. Aber Kosaken, Gensdarmen und Bürger setzten den Tartaren einen so hartnäckigen Widerstand entgegen, daß sich diese zuletzt in ihre früheren Stellungen zurückziehen mußten.
Nun gedachte Iwan Ogareff durch Verrath zu erreichen, was er durch Gewalt nicht erlangen konnte. Wir wissen, daß seine Absicht dahin ging, in die Stadt einzudringen, sich dem Großfürsten zu nähern, dessen Vertrauen zu erschleichen und seiner Zeit eines der Thore den Belagerern zu überliefern. Dann wollte er seinen eigenen Rachedurst an dem Bruder des Czaar stillen.
Die Zigeunerin Sangarre, seine Begleiterin bis[pg 2-180]in das Lager an der Angara, trieb ihn noch an, dieses Vorhaben auszuführen.
In der That war auch Gefahr im Verzuge. Schon marschirten die Truppen aus dem Gouvernement Jakutsk auf Irkutsk. Sie hatten sich am obern Laufe der Lena concentrirt, deren Thale sie folgten. In höchstens sechs Tagen mußten sie eintreffen, also wurde es nöthig, Irkutsk vor diesem Zeitpunkte durch Verrath zu überwältigen.
Iwan Ogareff zögerte keinen Augenblick. –
Eines Abends, am 2. October, wurde in dem großen Salon des Gouvernementspalastes, in dem der Großfürst residirte, ein Kriegsrath abgehalten.
Dieses am Ende der Bolchaïastraße gelegene Gebäude beherrscht weithin den Lauf des Flusses. Gegenüber den Fenstern seiner Hauptfaçade sah man das Lager der Tartaren; hätten letztere weiter tragende Belagerungsgeschütze besessen, so wäre dieses Gebäude ganz unhaltbar gewesen.
Der Großfürst, der General Voranzoff, der Gouverneur der Stadt, der Chef der Kaufleute und eine Anzahl höhere Officiere besprachen eben verschiedene nothwendige Maßregeln.
„Meine Herren, begann der Großfürst, unsere dermalige Lage ist Ihnen hinlänglich bekannt. Ich habe die feste Ueberzeugung, daß wir Irkutsk bis zum Eintreffen von Ersatztruppen zu halten im Stande sind. Dann werden wir leicht im Stande sein, die Barbarenhorden in die Flucht zu jagen, und an mir soll es gewiß nicht liegen, wenn sie diesen frechen Einfall in unser Gebiet nicht sehr theuer bezahlen.
— Eure kaiserliche Hoheit wissen, erwiderte der[pg 2-181]General Voranzoff, daß Sie auf die Bevölkerung von Irkutsk zählen können.
— Gewiß, General, antwortete der Großfürst, und ich erkenne diesen eifrigen Patriotismus gern und unumwunden an. Gott sei Dank ist die Einwohnerschaft noch von den Schrecken einer Epidemie oder der Hungersnoth verschont geblieben, und ich hoffe, das soll nicht anders werden; auf den Wällen aber habe ich nur ihren Heldenmuth bewundern können. Sie hören meine Worte, Herr Vorsteher der Kaufmannsgilde, und ich bitte Sie, dieselben weiter zu verbreiten.
— Ich danke Eurer Hoheit im Namen der Stadt, erwiderte der Angeredete. Darf ich wohl auch fragen, nach welchem längsten Zeitraume auf das Eintreffen von Ersatztruppen zu rechnen ist?
— Höchstens nach sechs Tagen, erklärte der Großfürst. Erst heute Morgen ist ein gewandter und kühner Emissär in die Stadt gekommen, der mir mittheilt, daß fünfzigtausend russische Truppen unter Führung des Generals Kisselef im Anmarsch sind. Vor zwei Tagen befanden sie sich in Kironsk, am Ufer der Lena, und jetzt werden weder Schnee noch Kälte ihren Zug aufzuhalten vermögen. Fünfzigtausend Mann Kerntruppen, welche die Tartaren in der Flanke fassen, werden uns leicht von denselben befreien.
— Ich erlaube mir hinzuzufügen, daß wir sofort, wenn Eure kaiserliche Hoheit einen Ausfall befehlen sollten, bereit sind, diesem Befehle zu folgen.
— Ich danke, mein Herr, sagte der Großfürst. Warten wir es ab, bis die Spitzen unserer Colonnen auf den nächsten Höhen erscheinen, dann wollen wir die Feinde zerschmettern.“
Dann wandte er sich wieder an den General Voranzoff.
„Wir werden morgen, sagte er, die Arbeiten am rechten Ufer besichtigen. Die Angara bringt schon Eisschollen mit, sie wird bald eine feste Decke erhalten und den Tartaren den Uebergang ermöglichen.
— Würden mir Eure Hoheit eine Bemerkung gestatten? fragte der Chef der Kaufleute.
— Sprechen Sie.
— Ich habe die Temperatur wiederholt bis dreißig und vierzig Grade unter Null herabgehen sehen, immer aber bedeckte sich die Angara nur mit losen Schollen, ohne je ganz zuzufrieren, woran ihre rasche Strömung Schuld zu sein scheint. Besitzen die Tartaren also keine anderen Hilfsmittel, den Fluß zu passiren, so garantire ich Eurer Hoheit, daß sie auf diesem Wege nie nach Irkutsk hinein gelangen werden.“
Der Generalgouverneur bestätigte die Bemerkung des Chefs der Kaufmannschaft.
„Das ist gewiß ein recht glücklicher Umstand, äußerte der Großfürst. Nichtsdestoweniger werden wir gut thun, jede Eventualität in’s Auge zu fassen.“
Er wandte sich dann an den Director der Polizei.
„Sie haben mir Nichts mitzutheilen? fragte er.
— Ich habe Ihnen zu melden, kaiserliche Hoheit, erwiderte der Polizeidirector, daß mir durch meine Unterbeamten eine Bittschrift übergeben wurde …
— Ausgehend von …?
— Von sibirischen Verbannten, Sire, deren Anzahl, wie Sie wissen, sich hier auf Fünfhundert beläuft.“
Die politischen Verbannten, welche sonst über[pg 2-183]die ganze Provinz verbreitet sind, waren seit Beginn der Invasion in Irkutsk concentrirt. Sie waren dem Befehle nachgekommen, in der Stadt einzutreffen, und hatten die Ortschaften verlassen, wo sie ihren verschiedenen Berufsgeschäften oblagen, hier als Aerzte, dort als Lehrer entweder an einem Gymnasium, der japanischen oder einer Schifffahrts-Schule. Von Anfang an hatte sie der Großfürst, im Vertrauen auf ihren Patriotismus, mit Waffen versehen und sie als tüchtige Vertheidiger erkannt.
„Was wünschen die Verbannten? fragte der Großfürst.
— Sie ersuchen Eure kaiserliche Hoheit um die Erlaubniß, ein besonderes Corps bilden und beim ersten Ausfall an der Spitze marschiren zu dürfen.
— O, erwiderte der Großfürst, ohne seine freudige Erregung zu verbergen, ich wußte es ja, das sind Russen; ihr Patriotismus erwirbt ihnen das Recht, sich für ihr Vaterland zu schlagen.
— Ich glaube Eurer kaiserlichen Hoheit versichern zu können, sagte der Generalgouverneur, daß Sie keine besseren Soldaten zu finden vermögen.
— Doch sie brauchen dann einen Führer, bemerkte der Großfürst. Wer soll das sein?
— Sie wünschten Eurer Hoheit einen aus ihrer Mitte vorzuschlagen, antwortete der Polizeidirector, der sich schon bei mehreren Gelegenheiten ausgezeichnet hat.
— Ist es ein Russe?
— Ja, ein Russe aus den baltischen Provinzen.
— Sein Name …?
— Wassili Fedor.“
Der Verbannte war der Vater Nadia’s.
Wassili Fedor lebte, wie uns bekannt ist, in Irkutsk[pg 2-184]seinem Berufe als Arzt. Ein kenntnißreicher und im Umgange liebenswürdiger Mann, war er gleichzeitig von hohem Muthe und warmer Vaterlandsliebe beseelt. Jede Stunde, in der er nicht von Kranken in Anspruch genommen war, widmete er den Vertheidigungsarbeiten. Er war es auch, der seine Schicksalsgenossen zu gemeinsamem Auftreten verbunden hatte. Bisher mitten unter der übrigen Bevölkerung verwendet, gelang es den Verbannten doch, die Aufmerksamkeit des Großfürsten zu erregen. Bei mehreren Ausfällen hatten sie mit dem Blute ihre Schuld an das heilige Rußland bezahlt. Wassili Fedor benahm sich stets als Held. Sein Name ward wiederholt mit Auszeichnung genannt, doch er erstrebte weder Dank noch Belohnung, und als die Verbannten die Bildung eines besonderen Corps beschlossen, dachte er gar nicht daran, daß sie beabsichtigen könnten, ihn zu ihrem Führer auszuersehen.
Als der Polizeidirector diesen Namen genannt hatte, bemerkte der Großfürst, daß ihm derselbe nicht unbekannt sei.
„In der That, bestätigte General Voranzoff, Wassili Fedor ist ein muthiger, geeigneter Mann. Stets erwies sich sein Einfluß auf die anderen Verbannten von großer Bedeutung.
— Seit wann ist er in Irkutsk? fragte der Großfürst.
— Seit zwei Jahren.
— Und seine Aufführung …?
— Er fügt sich, antwortete der Polizeidirector, als verständiger Mann den Vorschriften, wie sie die Verbannung eben mit sich bringt.
— General, antwortete der Großfürst, lassen Sie mir denselben ohne Zögern zuführen.“
Der Befehl des Großfürsten ward ausgeführt, und noch vor Ablauf einer halben Stunde trat Wassili Fedor in den Saal ein.
Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, von hohem Wuchs und mit ernster, gewinnender Physiognomie. Man sah es ihm an, daß sein ganzes Leben sich in dem Worte: Kampf! zusammen fassen ließ, und daß er gekämpft, aber auch gelitten hatte. Seine Züge erinnerten lebhaft an die seiner Tochter Nadia Fedor.
Mehr als jeden Andern hatte ihn der Tartareneinfall auch persönlich schmerzlich berührt und die liebste Hoffnung eines Vaters vernichtet, der achttausend Werst von seiner Heimath in der Verbannung lebte. Ein Brief hatte ihm den Tod der geliebten Gattin gemeldet zugleich mit der Abreise seiner Tochter, welche von der Regierung die Erlaubniß ausgewirkt hatte, ihm in Irkutsk Gesellschaft zu leisten.
Nadia hatte Riga am 10. Juli verlassen. Die Invasion begann am 15. Juli. Wenn Nadia zu dieser Zeit schon die Grenze überschritten hatte, was war aus ihr mitten in dem Schwarme der Feinde geworden? Von welcher Unruhe mußte der unglückliche Vater verzehrt werden, da er seit dieser Zeit keine Nachrichten von seiner Tochter erhalten hatte!
Wassili Fedor verneigte sich in Gegenwart des Großfürsten und erwartete von diesem angesprochen zu werden.
„Wassili Fedor, begann der Großfürst, Deine Genossen in der Verbannung haben sich erboten, ein Elitecorps bilden zu dürfen. Sie vergessen doch[pg 2-186]nicht, daß in einer solchen Schaar Jeder bis zum letzten Mann zu sterben bereit sein muß?
— Sie sind sich dessen bewußt, erwiderte Wassili Fedor.
— Sie wünschen Dich als Anführer?
— Ja, kaiserliche Hoheit.
— Und hast Du die Absicht, Dich an ihre Spitze zu stellen?
— Wenn das Heil Rußlands es erheischt, gewiß.
— Commandant Fedor, sagte der Großfürst, Du bist nicht mehr verbannt.
— Ich danke, Hoheit, aber kann ich dann über Solche den Befehl führen, die es noch sind?
— Sie sind es nicht mehr.“
In seine Hand legte der Bruder des Czaar die Begnadigung seiner verbannten Genossen, jetzt seiner Waffengefährten.
Tief bewegt drückte Wassili Fedor die ihm dargebotene Hand des Großfürsten und verließ das Gemach.
Der Letztere wendete sich an seine Officiere.
„Der Czaar wird den Gnadenbrief anerkennen, den ich hier in seinem Namen ausstelle, sagte er lächelnd. Wir brauchen Helden, um die Hauptstadt Sibiriens zu vertheidigen, ich habe solche jetzt geschaffen.“
Diese den Verbannten von Irkutsk gewährte Gnade entsprach in der That ebenso einer großherzigen Justiz, wie einer klugen Politik.
Die Nacht brach herein. Durch die Fenster des Palastes leuchteten die Feuer des tartarischen Lagers, die sich da und dort in der Angara wiederspiegelten. In dem Flusse trieben zahlreiche Eisschollen, von denen einige an den alten Pfeilern der früheren[pg 2-187]hölzernen Brücke hängen blieben. Die meisten flossen aber mit erstaunlicher Schnelligkeit dahin. Offenbar konnte die Angara, wie es der Vorsteher der Kaufmannschaft schon gesagt hatte, nur schwer in der ganzen Oberfläche zufrieren. Die Gefahr eines Angriffs von der Wasserseite brauchten die Vertheidiger von Irkutsk also nicht sonderlich zu fürchten.
Eben schlug es zehn Uhr. Der Großfürst verabschiedete seine Officiere und wollte sich gerade in seine Gemächer zurückziehen, als vor dem Palaste ein auffallender Tumult entstand.
Fast gleichzeitig öffnete sich die Thür des Salons, ein Feldjäger trat ein und ging auf den Großfürsten zu.
„Kaiserliche Hoheit, meldete er, ein Courier des Czaar!“