IV. Abschnitt.Die Grundregeln der Damenreitkunst.

Fig. 29.Falsche Anbringung des Bügelriemens am Damensattel.Fig. 30.Sicherheitssteigbügel.

Was nun dieForm des Bügelsselbst betrifft, so äußert sich eine sehr erfahrene Reiterin darüber in der Art, daß sie einen Sicherheitssteigbügel einer Patentsturzfeder vorzieht. Sie läßt den Steigbügelriemen durch eine Schließkappe gehen und verläßt sich auf einen doppelten Sicherheitssteigbügel, d. h. auf einen kleineren inneren und einen größeren äußeren Steigbügel (Fig. 30),der, wenn die Reiterin zu Fall kommt, sich biegt, nachgibt und so den Fuß ausschuht. Dies wird als viel sicherer empfohlen als jede andere Vorrichtung, mit Ausnahme des veralteten Pantoffel- oder Schuhsteigbügels, den die Mode als unschön hat fallen lassen. Allerdings haben alle Sicherheitssteigbügel den Fehler, daß die Mechanik versagt, wenn der Bügel verkehrt herumgedreht ist. Man hätte also bei Benutzung von Sicherheitssteigbügeln darauf zu achten. Es empfiehlt sich ferner, damit die Dame den Bügel nicht verliert, womit ihr Sitz unter Umständen äußerst gefährdet ist, eine dünne Gummistrippe, wie sie zum Schließen von Paketen dienen, um Knöchel und Bügelriemen zu legen.

Endlich hätten wir auch derGurtungnoch einige Worte zu widmen. Es ist eine alte Regel, daß das Damenpferd, wie auch bereits angeführt, ziemlich fest gegurtet sein muß, wenn der Sattel nicht verrutschen soll. Diese feste Gurtung bedeutet allerdings für das Pferd eine Qual, denn es behindert die Ausdehnung der Rippen für die Atmung. Außerdem ist, wenn die Sattelstrippen und hauptsächlich die Gurtschnallen-Anbringung nicht sehr genau auf ihre Untadelhaftigkeit geprüft werden, ein Platzen derselben nicht ausgeschlossen. Man nimmt deshalb meist drei Gurte, in der Annahme, daß nicht alle drei zu gleicher Zeit platzen werden. Man kann sich aber auch einer elastischen Gurtung bedienen, indem man einen sog.Sattelselbstgurtereinfügt. Es ist dies eine aus Spiralfedern hergestellte kleine Maschine (Fig. 31), welche man an den rechtsseitigen kurz zuschneidenden Sattelstrippen einschnallt. Es genügt, wenn beim Satteln diese Spiralfedern um 2-2½ Zentimeter ausgedehnt werden, da bei den meisten Pferden das »Schwinden des Bauches« soviel ausmacht.

DieSattelgurtebestehen – am praktischsten blau oder braun gefärbt – aus breiten Bandgurten von Wolle oder Leinwand oder aus miteinander verbundenen Schnuren, den sog. Strickgurten.

Fig. 31.Sattelselbstgurter.Fig. 32.Schnellsattler.

Eine neue Art der Sattelung soll nicht unerwähnt bleiben, da dieselbe, ebenso praktisch wie sicher, auch für die Damenreiterei dieselben Vorteile zu bieten scheint, wie für die der Herren. Bei ersterer ist das Satteln insofern mit technischen Schwierigkeiten verknüpft, als das feste Anziehen der Sattelgurte direkt körperliche Kräfte und – gute Zähne erfordert. Ein guter Reitknecht wird meist die Zähne dabei zu Hilfe nehmen, da er der einen Hand bedarf, um den Dorn in das Schnallenloch zu bringen.An diesem einen Schnallendorn hängt also die ganze Sicherheit der Reiterei.

Gegen diese Nachteile bezw. Unbequemlichkeiten tritt derSchnellsattlermit Erfolg auf. Es ist das eine von den österreichischen Hauptleuten Beranek und Kauçic erfundene Maschine, welche hebelartig den Gurt festlegt. Am Damensattel wäre diese Maschine an der rechten Seite des Sattels anzubringen. Sie beruht (Fig. 32) auf der Anwendung einer einfachen Hebelwirkung,die einen Strammschluß des Gurtes bei geringster Kraftanstrengung sicher herbeiführt. Unter der (beim Damensattel) rechten Sattelklappe wird eine Hakenbändertasche an die vom Sattelbaum herabhängenden Strupfengurte festgenäht. Die Hakenbänder sind zwei senkrecht gehende Metallstreifen (aa) mit korrespondierenden Einschnitten, die zur Aufnahme von rechts und links aus der Gurtenklappe (b) herausstehenden metallnen Stiften (cc) dienen. Der Gurt wird an der Gurtenklappe mittels eines Stahlstreifens (d) befestigt, indem die Metallstifte in die Einschnitte der Gurtentasche eingelegt werden. Wird nun durch Herumklappen der Gurtenklappen nach oben der Mechanismus geschlossen, so legt sich der Gurt ohne jede Kraftanstrengung stramm dem Pferdeleib an, da der Griff der Gurtenklappe wie ein verlängerter Hebel wirkt. Die Sattelklappe wird darauf heruntergeklappt, und die Gurtung sitzt fest. Von den Vorteilen, welche diese Sattelung bietet, sei nur hervorgehoben, daß zum Aufsatteln nicht mehr als 12-15 Sekunden gebraucht werden. Ferner ist die Möglichkeit geboten, in Momenten einer kurzen Rast dem Pferde durch Herunterklappen der Gurtenklappe eine wohltätige Erleichterung der Atmung zu gewähren. In bezug auf Haltbarkeit ist er unzerstörbar, also ist die Sicherheit selbst bei nureinemGurte vollständig gewahrt. Der Vertrieb des Schnellsattlers ist für Deutschland dem »Offizier-Pferde-Verein«, Charlottenburg, Fasanenstrasse 24 von den Erfindern übertragen worden.

Für die Ausführung von tadellosen englischen Damensätteln, bei denen alle hier angeführten Eigenschaften derselben vorhanden sind, hat die Firma Champion and Wilton 457 and 459 Oxford-Street, London W., einen besonderen Ruf. Allerdings ist so ein Sattel nicht wohlfeil, er kostet in bester Qualität ca. 300 M. Über 4500 dieser berühmten Damensättel sind bereits im Gebrauch. Die Firma schickt für Bestellung eine Karte,auf der verschiedene Rubriken auszufüllen sind, wie Gewicht der Dame, Größe, gewünschte Breite des Sitzes usw. – Die besondere Bügelkonstruktion, die Lage der beiden Hörner, die Bauart der Kammer und die kunstvolle Polsterung der rechten Seite des Champion-Wilton-Sattels machen denselben zu dem vollendetsten, was es gibt. Ihre Majestät die deutsche Kaiserin reitet einen der vielen in Deutschland befindlichen Sättel dieser Firma. –

Da die Reiterin außer bei ihrem sonstigen Eigentum wohl auch die

Reinigung des Sattelzeugs

leiten bezw. überwachen wird, so können nachstehende Winke dafür gegeben werden:

Nachdem das Lederzeug und der Sattel mit Sattelseife gründlich abgewaschen, abgeschwammt und abgetrocknet worden, reibe man diese Gegenstände mit weißem Meltonian-Cream tüchtig ein. Sobald derselbe trocken ist, wird es mit einer steifen Bürste innen und außen gebürstet und zum Schluß noch einmal mit einer weichen Bürste oft und leicht nachgerieben. Das Leder wird dadurch glänzend und geschmeidig und alle Stellen der Innenseite verschwinden. Auszusparen von dieser Behandlung sind diejenigen Stellen des Sattels,die sich unter dem Bügelriemen befinden, weil Leder auf Leder durch das in dem Cream enthaltene Wachs kleben würde. –

Gefühl ist alles;Name ist Schall und Rauch!

Gefühl ist alles;Name ist Schall und Rauch!

Gefühl ist alles;Name ist Schall und Rauch!

Gefühl ist alles;

Name ist Schall und Rauch!

Ich darf voraussetzen, daß jede Dame, welche das Reiten erlernen will, mehr Ansprüche an dasselbe macht, als sich willenlos von einer »Kuh« umhertragen zu lassen. Ich möchte daher bitten, dieses kurze Kapitel mit den mysteriösen Ausdrücken am Kopfe nicht zu überschlagen, da dasselbe sie – wenn auch in skizzenhaftester Weise – mit den Grundregeln der Pferdedressur bekannt macht. Sie wird durch die Kenntnis dieses Themas ihr Pferd beurteilen können und beherrschen lernen. Die Dame muß diese technischen Ausdrücke schon aus dem Grunde verstehen lernen, weil dieselben in den folgenden Kapiteln immer wieder zur Anwendung gelangen. –

Die erste Dressur, welche jedes Pferd erhalten muß, noch bevor es praktisch in den Gebrauch genommen wird, die zu seiner Konservierung dient und seine Führung erleichtert, ist das »ins Gleichgewicht setzen« desselben. Betrachtet man ein stehendes Pferd, so wird man finden, daß dieVorhanddurch den vorgestreckten Hals mit dem Kopf bereits von der Natur belastet ist, und zwar wirkt diese Last um so schwerer, je mehr der Hals nach vorn geneigt ist. Die Unterstützung dieser Last geschieht durch die senkrecht gestellten Vorderbeine, und nur die durch den Oberarm und das Schulterblatt gebildete Winkelung, sowie die des Fessels zumRöhrbein läßt vermöge ihrer federnden Bewegung die durch den Auftritt noch schwerer wirkende Last erträglicher erscheinen. Das Hinterteil dagegen, ohne jegliche Belastung, wird von drei federnden Winkeln gebildet, dem oberen durch das Darmbein und das Oberschenkelbein, dem mittleren durch das Unterschenkel- und Schienbein und endlich wieder dem untersten durch das Schienbein mit dem Fessel (vergl. Fig. 6). Diese Anhäufung federnder, d. h. bald weiter, bald spitzer werdenden Winkel der Hinterhand, nennt man dieHanken. Um nun ein Pferd für den Reitdienst brauchbarer, widerstandsfähiger gegen Anstrengungen zu machen, ist es nötig, den beim rohen Pferde zwischen den Vorderbeinen liegenden Schwerpunkt mehr nach rückwärts zu verlegen, um auf diese Weise die schwächere Vorhand zuentlastenund die stärkere Hinterhand dazu mit heranzuziehen. Es geschieht dies durch dieAufrichtung des Halsesund durch dasBiegen der Hanken, also die Verkleinerung der dieselben bildenden Winkel. Wir sprechen vomnatürlichen Gleichgewicht, wenn der Schwerpunkt, wie schon vom rohen Pferde gesagt, zwischen den Vorderbeinen, vommittleren, wenn er unter der Mittelhand, und vomkünstlichen, wenn er zwischen den Hinterbeinen ruht. Je mehr der Schwerpunkt also nach rückwärts verlegt bezw. die Vorhand durch Biegen und Unterschieben der hinteren Extremitäten entlastet wird, um so mehr wird das Pferd in Haltung, um so schöner wird seine Hälsung, um so freier und ausdauernder sein Gangwerk sein. Pferde, welche sich infolge einer derartigen geschickten Ausbildung ohne Zwangsmittel so zu tragen vermögen, stehen gut am Zügel und sind gehorsam, während roh in den Gebrauch genommene oder falsch dressierte Pferde die Hanken steifen, auf der Vorhand gehen und demgemäß im Gebiß ihren Stützpunkt suchen, folglich auch infolge der mangelnden Federkraft der Hanken die Schiebkraft ihres Hinterteils nicht zur vollen Geltung bringenkönnen. Daraus geht die Notwendigkeit hervor, das Pferd, bevor es in den Dienst genommen wird, nicht nur ins Gleichgewicht zu setzen, sondern es auch demnächst durch geschickte Handhabung unter dem Sattel so zu behandeln, daß es darin erhalten wird, denn nur derartig vorbereitete Pferde können den Anforderungen besonders als Damenpferde in bezug auf Eleganz des Aussehens, Mühelosigkeit der Handhabung und Leistungsfähigkeit entsprechen.

Hat man ein Reitpferd nach den angeführten Prinzipien derartig ausgebildet, so wird es sich auch beizäumen. UnterBeizäumungverstehen wir, wenn das Pferd mit Vertrauen an das Mundstück herangeht und darauf kaut, so daß der Hals aufgerichtet und die Nase herangestellt,beigezäumterscheint. Eine derartige gute Anlehnung kann eintreten, wenn die Naturanlage des Verhältnisses der Vorhand zur Hinterhand, die Stellung der Halswirbel zueinander und die Form des Genickes und der Ganaschen günstig sind, und ein gutes Temperament und eine geschickte Dressur die Naturanlagen unterstützt. Man erstrebt, daß bei aufwärtsgestelltem und im dritten Halswirbel gebogenem Hals die Stirn des Pferdes annähernd senkrecht zum Boden steht. Das wird selbstverständlich nicht immer zu erreichen sein, da nicht alle Pferde den zu dieser Stellung erforderlichen Bau besitzen. –

Diese Ausführungen waren notwendig, um das Folgende verständlich zu machen.

Ehe Sie, verehrte Leserin, auf das Pferd steigen, um sich diesem edlen Tiere auf Gnade und Ungnade – die ersten Male wird das wohl zutreffen – anzuvertrauen, gestatten Sie mir noch einen kleinen Vortrag, der das Motto erklärt, welches ich diesem Abschnitt vorangesetzt habe. Sie sollen dabei nichts anderes lernen, als was auch jeder Herr wissen muß, der ein Reiter werdenwill. Da Reiten aber Gefühlssache ist, so wird das bei einer Dame noch viel ostensiver zum Ausdruck gelangen, auch technisch gelangen müssen, weil der ungünstigere Reitsitz der Dame noch viel größere Anforderungen an das »Reitergefühl« stellt, als der beim Herrn.

Ist auch die Unterhaltung mit dem Pferde durch Worte, die Verständigung durch die Augensprache, der Ausdruck des Wohlwollens und der Zufriedenheit durch Loben, des Mißfallens durch Strafen nicht zu unterschätzen, so bleibt doch die wichtigste, zwar stumme aber doch so verständliche Unterhaltung zwischen Reiter und Pferd die Aussprachedurch das Gefühl. Sie ist es, die schließlich zum wechselseitigen Verständnis führt. Gefühl hat ja jeder lebende Körper. Es äußert sich nicht nur darin, daß man etwas äußerlich empfindet, wie z. B. das Gewicht eines zu tragenden Tornisters oder, wie beim Pferde, eines Menschen, oder eine Berührung mit Hand, Schenkel und Gebiß, sondern auch in einem gewissen Vorgefühl, das Kommendes ahnen läßt. Letzterer Zustand ist aber schon nicht mehr rein körperlich, sondern zum teil Überlegung, Schlußfolgerung, also Sache des Verstandes. Indem das körperliche Gefühl einen gewissen Eindruck aufnimmt, kommt dieser sofort auf dem Nerven- und Muskelwege zum Ausdruck im Gehirn, und dieses zieht Schlüsse auf das, was der berührende andere Körper vor hat. So ist z. B. das Erhalten des Gleichgewichtes zwischen der Reiterin und dem Pferde, wodurch das erste Verständnis zwischen beiden herbeigeführt wird, Sache des Gefühls. Jedes empfindet, fühlt die dem seinigen widerstrebenden oder sich ihm anpassenden Bewegungen des anderen Körpers; beide bestrebt im Gleichgewicht miteinander zu bleiben, soll die eine nicht herunter-, das andere nicht hinfallen, folgen den Anregungen des Gefühls und suchen, sich unwillkürlich einander anzupassen. In beide Körper hat die Natur die natürlichen Kräfte gelegt, die sie ohne Hilfe eines dritten, gewissermaßen von selbst, zur Übereinstimmungin ihnen führen und später diese erhalten. Deshalb führt viel mehr das natürliche Gefühl, das Bestreben nach Ausgleich, als unverstandene und kaum zu befolgende Verhaltungsregeln, zum ersten gemeinsamen Gleichgewicht der beiden Körper. Reiten, d. h. auf dem Pferde zu bleiben, lernt man nur durch Reiten. Jefreier,ungezwungener, jelosgelassenerder Körper gehalten wird, je weniger die Zügel zum Festhalten gebraucht werden, desto früher wird der Ausgleich stattfinden. Sind die Bewegungen beider Körper übereinstimmende geworden, dann wird nun wiederum das Gefühl jede drohende oder bereits eingetretene Nichtübereinstimmung anzeigen, und die Reiterin wird ihr vorzubeugen vermögen.

Nun kann sich das Gefühl zweier Körper nur in Berührung derselben äußern. Die Teile, welche in die innigste Gemeinschaft miteinander treten, werden selbstverständlich das Gefühl am unmittelbarsten aufnehmen und übermitteln. Da aber sowohl die Reiterin wie das Pferd für sich einzeln ein völlig zusammenhängendes Ganze darstellen, so wird sich das irgendwo unmittelbar aufgenommene Gefühl mittelbar auch auf die übrigen Teile übertragen. Bei zwei lebenden Wesen, von denen das eine, das Pferd, das andere, den Menschen trägt, werden natürlich die durch den Vorgang des Tragens am meisten in Mitleidenschaft gezogenen Teile sich gegenseitig am innigsten berühren.

Der Rücken des Pferdes nimmt die Reiterin auf, deren Gesäß und Schenkel sie mit dem Pferde verbinden. Zwischen den Händen der Reiterin und dem Maul des Pferdes findet eine Verbindung durch die Zügel statt. Die ganze Mittelpositur der Reiterin, die von den Hüften bis zu den Knieen reicht, der linke Unterschenkel und die Hände übermitteln also das Gefühl. Durch die Bewegungen des Pferdes wird aber der ganze Körper der Reiterin mit in Bewegung gesetzt, und somit sind alle seine Teile an der Empfindung derBewegung des Pferdekörpers, dem Gefühl für sie, beteiligt. Selbstverständlich fühlt auch das Pferd das Gewicht der Reiterin, das sich auf seinem Rücken nun unmittelbar äußert, nicht nur mit diesem, sondern weil der Rücken von seinen Stützen, den Beinen, getragen wird, auch mit diesen. Auch die Hände der Reiterin äußern schon, wenn sie mit den Zügeln nur untätig hingestellt werden, ihren Einfluß auf das Maul, weil das Pferd in seiner Beweglichkeit die untätigen Zügelwirkungen als tätige empfindet. Der Longiergurt und die Verbindezügel sind an sich völlig untätig, und doch üben sie auf das bewegliche Pferd einen bestimmenden Einfluß aus. Wieviel mehr werden dieHilfentun, welche in irgend einer Art tätig sind. Das Pferd legt durch sein Maul Gewicht in die Hände der Reiterin, diese durch sie Gewicht in das Pferdemaul. Je beweglicher beide sind, desto mehr werden die Gewichte empfunden werden.

Weil das Pferd den Einfluß des Gewichtes der Reiterin auf jedem seiner Beine fühlt, wird auch umgekehrt die Reiterin mit der Zeit jedebesondereBewegung dereinzelnenGliedmaßen des Pferdes fühlen. Diese Eigenschaft des Reitergefühls ist sehr wichtig bei allen Gangarten und muß sorgfältig ausgebildet und verfeinert werden. Sie ist Voraussetzung für die richtige und rechtzeitige Anwendung der Schenkel- und darum auch der anderen Hilfen. Fühlt nun das Pferd die beabsichtigten Einwirkungen des Reitergewichtes, die aus einem guten, geregelten Sitz heraus ausgeübt werden, so fühlt es nicht nur diese, sondern einfach alle, also auch die unbeabsichtigten, ungeschickten, unwillkürlichen. Sie sind es, die das Einvernehmen des Pferdes mit einer schwachen, ungeschickten Reiterin stören. Aber auch eine sehr geschickte Reiterin wird oft in die Lage kommen, unwillkürlich falsch zu belasten, und das um so mehr, je unebener der Boden ist, auf dem sich das Pferd bewegt. Daher sind solchefalsche Belastungen oft von sehr unangenehmen Einfluß. Sie können nicht nur den Gehorsam in Frage stellen, sondern auch die Gliedmaßen des Pferdes angreifen. Zu ihrer Vermeidung gehört ein äußerst feines Gefühl, das nur durchsehr viel Übungerlangt werden kann. Das Reitergewicht wird also von allen Teilen des Pferdes empfunden und muß sowohl dessen Haltung im Stehen, viel mehr aber noch in der Bewegung beeinflussen. Die Bewegungen des Pferdes aber sind es, die der Reiterin eine besondere Haltung zu Pferde vorschreiben, wenn sie mit ihm im Gleichgewicht bleiben will und wenn das Gefühl hinüber und herüber richtig übermitteln soll.

Eine richtig sitzende, mit dem Pferde im Gleichgewicht befindliche Reiterin wird imstande sein, den Eingebungen des Gefühls sofort zu folgen. Fühlt sie etwas, dann tritt sofort die Überlegung ein, was zu tun ist, und die gefühlvolle Reiterin weiß dem sofort durch ihre Hilfen Ausdruck zu geben. Manche Ungezogenheit des Pferdes fühlt die Reiterin im voraus und kann sie im Werden ersticken oder ihr vorbeugen. So wohltätig ist die Kraft des Gefühls.

Reiten kann man erst, wenn man auf dem Damensattel gut, richtig sitzen gelernt hat. Das ist nicht so einfach, – und es sind drei Punkte, welche dabei zur Erörterung gelangen müssen.

1. Warum ist ein guter Reitsitz durchaus erforderlich?

2. Worin besteht derselbe?

3. Wie erlangt man denselben?

Ein guter Reitsitz ist, wie auch schon aus dem vorigen Kapitel ersichtlich, erforderlich, weil derselbe der Reiterin dasGefühl der Sicherheitverleiht, mit welchem sie sich auf dem Pferde bewegt und ohne welches eineguteReiterin gar nicht gedacht werdenkann, – denn eine ängstliche Reiterin kann niemals einegutewerden.

So abhängig eine Dame auch relativ von ihrem Pferde ist, – auch der Reiter ist das – so unabhängig muß sie sich von demselbenfühlen. Das Pferd muß ihr nur Mittel zum Zweck sein, sie muß es gleichsam nur mit den Gedanken leiten. Gewiß ist dafür auch ein relativ zuverlässiges Pferd erforderlich – absolut sichere gibt es nicht, denn das Pferd ist immer nur ein Tier, und von der sonstigen Beschaffenheit des Damenpferdes haben wir bereits gesprochen.

Dieses Gefühl der absoluten Sicherheit soll die Dame in allen Situationen haben, welche beim Reiten eintreten, sowohl bei den regulären – also z. B. bei allen Gangarten, die sie reitet, vom Schritt bis zur Karriere, beim Sprung, beim Jagdreiten, bei Tage und bei Nacht, bei Sonnenschein, Regen, Hagel und Gewitter – letztere beiden Eventualitäten sind allerdings schon bedenklicher – aber auch bei ungewöhnlichen Situationen, die beim Reiten jeden Augenblick eintretenkönnenund auf die sie vorbereitet sein muß, z. B. beim Scheuen, Steigen, Bocken, Durchgehen des Pferdes, beim Verlieren des Bügels, Lockerwerden oder Reißen des Gurtes oder Zügels, ja selbst noch beim Stürzen usw. Das Gefühl ihresKönnensals Folge ihres guten Reitsitzes werden sie im gegebenen Augenblick die Haupteigenschaften der Reiterin – Ruhe, Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart – nicht im Stich lassen. Im Augenblick einer außergewöhnlichen Situation den Kopf verloren – und alles ist verloren.

»Es will mir recht unsinnig erscheinen,« sagtAnna Bracketim »Rider and Driver« u. a., »wenn eine Dame ihren Seitsitz im Damensattel aus dem einzigen Grunde, daß der Herrensitz sicherer sei, aufgeben wollte. Solange ihr Kniehorn vorhält und sie ihre Kaltblütigkeit behält, ist es bei einem gewöhnlichen Ereignis fast unmöglich, daß sie aus dem Sattel geworfen wird, währendsie aus einem Männersattel, in welchem sie sich nur durch Anklammern der Beine festhalten kann, viel leichter ihren Sitz verliert.

Indessen ist es für sie von ungeheurem Vorteil, wenn sie abwechselndauf beiden Seitenihres Pferdes zu reiten in der Lage ist. Wenn sie sich einen sogenannten Linkssattel beschaffen kann, so soll sie stets einmal rechts, einmal links reiten. Sie sollte dies nicht nur zu ihrem Vergnügen, welches ihr dieses Verfahren ohne Zweifel verschaffen wird, tun, sondern besonders im Interesse ihres Pferdes. So gut sie auch zu reiten vermag, sie kann es nicht verhindern, daß die Seite des Pferdes, auf welcher sich die beiden Beine befinden, etwas stärker belastet wird. Diese stärkere einseitige Belastung des Pferdes führt aber vielfach zu Druckschäden, welche um so gefährlicher sind, je mehr sie dem Widerrist nahe liegen. Die Damen lernen daher am besten aufbeidenSeiten des Pferdes reiten. Bei heranwachsenden Mädchen ist dieses Verfahren wegen der wenn auch sehr geringen Verdrehung des Körpers, die der Reitsitz mit sich bringt, sogar geboten. Aber auch die erwachsene Dame wird ein großes körperliches Wohlbehagen durch die Inanspruchnahme der am Tage vorher nicht gebrauchten Muskeln empfinden. Diese gleichmäßige Übung der MuskellagenbeiderSeiten wird sich übrigens auch in einem elastischeren, stolzeren Gange und einem viel graziöserem Reitsitz bemerkbar machen.«

James Fillisallerdings, der berühmte Reitmeister, befürwortet diese Reitmethode nicht. Er sagt in seinen »Principes de Dressage et d'Équitation«, daß –unter einem guten Lehrer– die nach links gesetzte Reiterin (weit entfernt, ihr Rückgrat aus seiner Lage zu bringen) an Anmut und Geschmeidigkeit nur gewinnen kann. »Fahren wir doch fort, die Reiterin nur auf ein und derselben Seite reiten zu lassen und zwar auf der linken. Sonst müßte man ihr ja die Peitsche in die linke Hand geben, welche doch weniger bestimmt und geschicktist. Das wäre eine grobe Unzuträglichkeit, da doch gerade die Peitsche den fehlenden Schenkel ersetzen soll.«

Der Reitsitzder Dame muß – um damit auf die zweite Frage überzugehen –aufrecht,geradeundgeschlossensein.

Fig. 33.Der gute und der schlechte Reitsitz.

Fig. 33.Der gute und der schlechte Reitsitz.

Um aufrecht zu sitzen, darf man sich weder vorwärts noch rückwärts lehnen. Jeder Anwesende, in erster Linie natürlich der Reitlehrer oder ihr Kavalier, kann der Dame sagen, ob sie aufrecht sitzt, und wenn sie so sitzt, kann sie lange ohne Ermüdung reiten. Anfangs wird sie wegen des ungewohnten Sitzes und der ungewohnten Körperhaltung dieses nur schwer selbstbestimmen können. Es ist aber von höchster Wichtigkeit, daß ihr der aufrechte Sitz von Anfang an zur Gewohnheit wird. Und dieser aufrechte Sitz – also ganz perpendikulär zum Pferderücken – muß so eingenommen werden, daß die Perpendikulärlinie auch genau auf die Wirbelsäule des Pferdes fällt, daß also die Dameauf der Mitte des Sattelssitzt, und nicht etwa seitwärts und nicht an derselben hängt. (Fig. 33 der gute und der schlechte Reitsitz.) Ein solcher falscher Reitsitz führt in erster Linie zur Beschädigung des Pferdes durch Satteldruck. Ebensowenig dürfen sich die Schultern der Dame aus der Frontlinie hinaus verschieben, zu welchem Fehler die führende Zügelhand leicht Veranlassung gibt.

Sitz und Zügelführung müssen vollständig unabhängig voneinander sein.

Umgeschlossenzu sitzen, muß sich die Dame mit den Muskeln des einen Schenkels allein an den Sattel halten, denn das andere Bein kommt mit demselben gar nicht in Berührung. Allerdings kann diese Kunst erst allmählich erlernt werden. Ich kannte einst eine junge Dame auf dem Lande, welche keinen Damensattel besaß und auf der englischen Pritsche im Seitsitz ritt. Ich bin oft mit derselben geritten, in jeder Gangart – das rechte Bein hatte sie über den Sattelknopf gelegt – und habe sie bewundert, mit welcher Sicherheit, ja Grazie sie auf dem Pferde saß und dasselbe führte. Sicher erfordert das eine sehr große Übung der Muskeln und ein außerordentlich feines Gefühl für das Gleichgewicht. Eine sehr gute Übung besteht darin, sich auf die Kante eines Geländers, einer Barriere oder dergleichen zu setzen, das eine Bein herabhängen zu lassen und sich mit den Muskeln des anderen Schenkels festzuhalten. Das wird dieselben stärken und sie gewissermaßen lehren, was sie zu tun haben, anstatt, wie auf dem Stuhl, einfach im Sattel zu ruhen. Des Ferneren ist es außerordentlich wichtig, daß die Ferse des im Steigbügelruhenden Fußes gegen den Boden gedrückt wird. Dann nimmt das Bein seine richtige Lage von selbst an. Die Zehen des anderen, hängenden Fußes werden dagegen nach unten gedrückt.

Der schon mehrfach zitierte ReitmeisterJames Fillissagt vom Reitsitz der Dame: »Die Reiterin soll – abgesehen von den Beinen – genau so zu Pferde sitzen, wie der Reiter. Die Schultern und die ganze Haltung des Oberkörpers sollen parallel zu den Pferdeohren sein. Das ist aber nicht möglich, wenn nicht auch die Hüften diese Stellung einnehmen – also ist es die Stellung der Hüften, von welcher die ganze Haltung der Reiterin abhängt. Indem beide Beine nach links liegen, umfaßt das rechte Bein die Gabel und liegt höher und weiter noch als das linke. Dieses wieder lehnt sich leicht mit dem Teil des Beinesüberdem Knie an die linke Gabel. Der Fuß ruht im Bügel. Aus dieser Lage der Beine ergibt sich, daß die Reiterin eine ganz erklärliche Neigung dazu hat, fast das ganze Körpergewicht nach der rechten Seite hin zu verlegen, während die linke fast nichts zu tragen hat, und hieraus folgt wieder, daß die linke Hälfte gegen die rechte zurücktritt –und das muß vermieden werden. Das Körpergewicht muß auf beiden Seiten des Pferdes gleichmäßig verteilt sein – die Reiterin muß auf ihrem Sattel genau so sitzen, wie auf einem Stuhle – die Hüften und Schultern parallel den Pferdeohren. Es ist das ein Haupterfordernis für die Sicherheit.

Selten ist eine Reiterin nach links aus dem Sattel geworfen, denn auf dieser Seite findet sie Halt an der Gabel und im Notfall am Bügel. Die ganze Gefahr, heruntergeworfen zu werden, liegt rechts und ist um so mehr vorhanden, je mehr die linke Schulter gegen die rechte zurücksteht. Das, was der Reiterin die Sicherheit gibt, verleiht ihr gleichzeitig die elegante Haltung. Sie braucht mithin nicht zu besorgen, die eine etwa der anderen aufopfern zu müssen.«

Dies sind nur wenige Fingerzeige für den Damensitz im Sattel, und wir werden demnächst sehen, auf welche Weise er spielend gelernt werden kann, wenn man, um damit zur Beantwortung der dritten Frage überzugehen,das Reitsystem des Grafen Dénès Széchényidabei zur Anwendung bringt. Ist erst ein wirklich guter Sitz erreicht, dann kann die Reiterin der Zügelführung bezw. ihrem Pferde Aufmerksamkeit schenken. Ohne einen guten Sitz wird sie aber niemals wirklich reiten können.

Unter der Zugrundelegung des schon mehrfach ausgesprochenen Grundsatzes, daß Sitz und Zügelführung gänzlich unabhängig voneinander sein müssen, wenn man gut reiten lernen will, führt die genannte Reitmethode des Grafen Széchényi amleichtestenundschnellstenzum Ziele. Ich will dieselbe hier kurz beschreiben, indem ich dabei bemerke, daß sie von gleichem Werte für Herren wie für Damen und für Kinder ist.

Die Methode besteht in Ballwerfen zu Pferde und in systematischem und frühen Barrierespringen.

Die Zügel werden erst in die Hand genommen, wenn der Sitz durch die angeführten Übungenzu einem vollkommen sicherengeworden ist, so daß die Zügel in derFolge nur zur Führungdes Pferdes, nicht aber zumFesthalten, wie üblich, gebraucht werden.

Zur Erreichung dieses Zweckes bedient man sich eines auf einem Zirkel an der Longe gehenden Pferdes, dessen Zügel eingeschnallt sind. DasBallwerfenhat den Zweck, den Oberkörper biegsam und geschmeidig,unabhängigvon den Bewegungen des Pferdes und von den später die Zügel führenden Armen zu machen, während die Mittelpositur des Körpers von den Hüften bis zu den Knieen unentwegt in der Perpendikularlinie auf dem Sattel bleiben müssen. Der herabfallende Ball, welcher nach rechts und nach links, nach vorn und nach hinten fällt, zwingt den Oberkörper, zum Wiederauffangendesselben seiner Richtung zu folgen, wodurch eine stete Verlegung des Schwerpunkts und folgerichtig eine enorme Sicherheit des Sitzes entsteht. Die Dame eignet sich dadurch gleichsam mechanisch in ca. vier Wochen den unabhängigen Sitz und dieBalancean, zu deren gründlicher Erlernung sonst Jahre gehören.

DasBarrierespringendient dem gleichen Zwecke. Hat beim Ballwerfen der Körper der Reiterin seine Haltung verändert, während das Pferd in gleichmäßiger Bewegung blieb, so ist es hier umgekehrt. Der Körper lernt den Sitz behalten, indes das Pferd eine heftigere und sozusagen anormale Bewegung macht. Nach kurzer Übung kann auch hierbei wieder Ball geworfen werden, und durch dieses Zusammenwirken bildet sich eine solche Sicherheit des Sitzes aus, daß die Reiterin nach wenigen Lektionen sich bereits auf dem Pferde zuhause fühlen wird. Nicht zuletzt wird man finden, wie auf diese Weise auch das moralische Element gehoben wird, ohne welches doch alles Reiten nur ein Unding ist. Ist nun die Reiterin solchergestalt vorgebildet, dann bekommt sie die Zügel in die Hand und lernt ihr Pferdselbstführen, und ich glaube mit Bestimmtheit sagen zu dürfen, daß die Amazone nach solchen Vorstudien nur noch recht selten die Zügel als Regulatoren ihres Sitzes benutzen wird, und daß dementsprechend das Damenpferd stets ein frisches Maul behalten wird. Das ganze Geheimnis beruht eben in derUnabhängigkeit der Zügelführung vom Sitz.

Lassen wir uns an diesen kurzen Anführungen genügen, die auch der Anfängerin einleuchten müssen, – die praktische Anwendung werden wir später kennen lernen.

Gleichzeitig aber sei hier noch angeführt, daß für diese Lektionen ein Pferd vorhanden sein muß, welches tadellos das Gehen an der Longe auf dem Zirkel gewohnt ist, und welches auch die Kommandos für die betreffenden Gangarten kennt. Der Herr, welcher derDame den Reitunterricht erteilt, muß daher, falls er nach dieser sehr empfehlenswerten Methode unterrichtet, das Pferd vorher dafür dressieren, was einem zum Damenpferd bestimmten Tiere sehr nützlich ist und was seitens desselben auch in sehr kurzer Zeit erlernt wird.

Der gute Reitsitz dient aber nicht allein zur Sicherung der Dame in allen Gangarten und bei allerhand Zufällen, sondern er ist das wichtigste Hilfsmittel, um das Pferdim Gehorsam und im Gleichgewichtzu erhalten. Ohne diese beiden Eigenschaften gibt es kein Damenpferd. Im guten Reitsitz, wie er beschrieben worden ist, vereinigt sich daher dieSicherheit der Reiterinmit derBeherrschung des Pferdes.

Wenn man unter »Hilfen« die tätigen Einwirkungen des Reiters bezw. der Reiterin auf den Pferdekörper, besser vielleicht -Mechanismus versteht, welche diesen in Gang setzen, regulieren und wieder zum Stillstand bringen, so stehen bei der Dame besonders, welcher der tätige zweite Schenkel fehlt, allen anderen Hilfen dieGewichtshilfenvoran, ohne welche eine zweckdienliche Wirkung der anderen, welche wir später kennen lernen werden, gar nicht gedacht werden kann. Sie sind eben Vorbedingungen für die Herbeiführung und Erhaltung des Gleichgewichts, ohne welches gemeinsame, regelmäßige Bewegungen nicht ausgeführt werden können. Geschickte Reiterinnen können ein Pferd lediglich durch Gewichtshilfen zum Antreten, Anhalten und Wenden veranlassen. Diese Hilfen äußern sich naturgemäß durch das Gesäß und die Mittelpositur der Reiterin auf deren Unterstützungsfläche auf dem Pferdekörper. Die Einwirkungen der Mittelpositur (von den Hüften bis zum Knie) können nun aktiv oder passiv sein. Im ersteren Falle äußern sie sich in verschärftem Belasten, also vermehrtem Einsitzen und Fühlenlassen des Gesäßes in Richtung des Geworfenwerdens durch das Pferd im Gleichgewicht,oder in seitlichen Verlegungen des Reiterkörpers. Im anderen Falle geht die Mittelpositur ruhig im Gleichgewicht mit dem Pferde mit, d. h. sie fällt bei jedem Tritt wieder auf den Schwerpunkt zurück, von welchem sie durch die Bewegung des vorhergehenden soeben erhoben wurde. Das nennt man »Mitgehen mit dem Pferde«. Fällt die Mittelpositur immer hinter den gemeinsamen Schwerpunkt zwischen Reiter und Pferd, dann ist doch ein Aufrechterhalten des Gleichgewichtes unmöglich. Der Mangel an Mitgehen mit dem Pferde sorgt am meisten dafür, daß die unfolgsamen Pferde nicht aussterben.

Der linke Unterschenkel und die Reitpeitsche, drückend auf der rechten Seite des Pferdes angewendet, können nur in Verbindung mit Gewichtshilfen richtig vorschiebend wirken, so wie die Zügel nur im Verein mit ihnen den Kopf herbeistellen und dadurch die Vorhand beeinflussen können. Die treibende Wirkung des Gesäßes spielt stets eine hervorragende Rolle, namentlich aber in allen den Fällen, in denen ein Pferd das Vorwärtsgehen verweigert. Darum hat jede Reiterin ihre Aufmerksamkeit vor allem der Haltung der Mittelpositur zuzuwenden.

Nun kann auch eine Seite des Gesäßes mehr belastend wirken als die andere, ohne daß sie ihre Lage auf dem Rücken verändert. Der Oberkörper der Reiterin ist dabei wesentlich in Anschlag zu bringen. Je senkrechter sie nämlich auf den Hüften ruht, desto belastender wirkt sie senkrecht nach unten. Je mehr sie sich nach vorn neigt, desto mehr verliert das Gesäß an Treib- und Belastungskraft; je mehr sie das Kreuz über den Hüften anzieht und das Gesäß dem gemeinsamen Schwerpunkt zuschiebt, desto treibender wirkt ihr Körpergewicht. Ein Zurücksetzen im Sattel bedeutet vermehrte Belastung der Hinterhand. Je mehr der Körper nach einer der Seiten geneigt wird, desto größer wird seine Wirkung auf die Gesamtunterstützungsflächeder Mittelpositur. Diese muß der Bewegung des Oberkörpers folgen. Wird der Oberkörper mit der rechten Hüfte nach rechts geneigt, dann wird die rechte Seite des Pferderückens mehr belastet, knickt aber der Oberkörper über der rechten Hüfte ein, dann geht die Mittelpositur nach links, um das Gleichgewicht herzustellen. Während also im ersten Falle eine Mehrbelastung der rechten Pferdeseite stattfindet, ist das im andern nicht der Fall. Verschieben sichbeideGesäßknochen nach links, dann ist der Oberkörper ebenfalls genötigt, sich über der rechten Hüfte nach links zu neigen. Auch ist es ein Fehler, mit dem Gesäß eine Wendung zu machen, so daß der eine Gesäßknochen mehr zurückliegt als der andere, denn dann wird die Bewegung der Hinterbeine unregelmäßig gefühlt, sie werden ebenso belastet. Eine Belastung der rechten Seite erfolgt nur dann, wenn der rechte Gesäßknochen schärfer aufzuliegen kommt, während gleichzeitig der Oberkörper, ohne über der Hüfte einzuknicken, auch nach rechts vermehrt belastet. Diese richtige Gewichtsverlegung ist sehr wichtigbei allen Wendungen und Seitengängen, so wichtig, daß eine unbestimmte oder ungeschickte seitliche Gewichtsverlegung sehr oft eine Wendung zu hindern vermag. Befördert nämlich die richtige Gewichtsverlegung der Reiterin nach einer Seite die Verlegung des Pferdeschwerpunktes nach dieser Seite und bereitet eine Wendung vor, so wird die entgegengesetzte Belastung die Wendung hindern oder mindestens erschweren. Selbst viele gut gerittene Pferde verweigern mit der Zeit das Wenden, wenn es fortgesetzt so falsch eingeleitet wird.

Mancher von den hier ausgesprochenen Grundsätzen wird allerdings der Anfängerin erst verständlich werden, wenn sie auch das übrige gelesen hat, noch mehr, wenn sie von ihrem Reitlehrerauf dem Pferdedarauf aufmerksam gemacht wird. Ein gut gerittenes Pferd wird sich diesen Hilfen willig fügen, und dieReiterin wird es angenehm empfinden – notabene wenn sie das richtige »Reitergefühl« hat – wie leicht und ohne Anstrengung man das Pferd nach seinem Willen lenkt und führt.

Es ist bereits mehrfach betont worden, daß der Reitsitz vollständig unabhängig von der Zügelführung sein müßte. Wir haben den ersteren kennen gelernt, und wenden uns nun der letzteren zu.

Wie also ausgeführt, bildet der richtige Sitz der Reiterin die Basis, während die Zügelführung allerdings in ihrer Wechselwirkung mit dem linken Schenkel der Reiterin – der rechte wird durch eine kurze, aber kräftige Reitpeitsche ersetzt – das Steuerruder ist, vermittels dessen die ganze Maschinerie geleitet wird. Zuförderst dienen die Zügel zur Beizäumung bezw. Aufrichtung des Pferdes, also zumZurückhalten, der linke Schenkel in Zusammenwirkung mit der Reitpeitsche auf der rechten Seite zum Herantreiben und Gegenschieben des Pferdes an das Gebiß, demnach zumVorwärtstreiben. Dadurch wird das Pferd gezwungen, seine Vorhand zu erleichtern und seine eigene, sowie die Last der Reiterin auf die Hinterhand zu nehmen, wodurch die Biegung der Hanken erreicht wird. Sind dieselben biegsam gemacht und haben sie sich so gestellt, daß sie geeignet sind, die Last, die auf sie gelegt wird, federnd aufzunehmen, hat gleichzeitig jede Steifheit des Halses und der Ganaschen aufgehört, so ist das Pferd kampagnemäßig dressiert und gehorsam. Ist das Pferd dagegen noch steif in den Ganaschen und Hanken, widersetzt es sich der Aufnahme der Gewichtsverteilung durch Steifen dieser Gelenke, so wird es auf der Vorhand liegen und unfähig zu kurzen Wendungen, Arrêts, überhaupt zum Tummeln sein. Das Pferd demgemäß auszubilden, ist Sache der Dressur, es darin zu erhalten, Sache der Reiterin. Geschieht dies von seitender letzteren nicht, so sinkt das bestdressierte Pferd allmählich wieder in seine natürliche Stellung und geht, wie man es nennt, auseinander, womit das richtige Zusammenwirken von Vor- und Hinterhand verloren geht.

Um dies zu verhüten, arbeitet man gleichzeitig mit Zügeln und linkem Schenkel bezw. mit der Reitpeitsche auf der rechten Seite. Letztere beide Faktoren treiben das Pferd gegen das Gebiß, wodurch das Pferd gezwungen ist, dasselbe anzunehmen und sich in die von der Reiterin geforderte Haltung zu stellen, da jeder Zügelanzug, die richtige Stellung des Halses vorausgesetzt, von den Laden sich über Hals- und Rückenwirbel bis in die Hanken fortsetzt. Eine einseitige Wirkung auf das Pferd, ob mit Schenkel oder Zügel, ist demnach ein Unding.

Inwieweit ein Pferd aufgerichtet bezw. beigezäumt werden kann, ist von der Art seines Baues abhängig, und es muß dem einsichtsvollen Reitmeister, welcher dem Damenpferde seine Form gibt, überlassen bleiben, das Pferd dabei nicht zu übernehmen.

Für ein normal gebautes, gut dressiertes Pferd wird die Stellung anzustreben sein, wie sie Fig. 34 zeigt, d. h. die Nase ungefähr in der Höhe des Widerristes, die Stirn annähernd senkrecht zum Boden gestellt; die Biegung des Halses erstreckt sich nur auf die drei ersten Wirbel, die beiden mittleren stehen senkrecht aufeinander. – Steht und bewegt sich das Pferd in eben beschriebener Art und Weise, folgt es willig allen Hilfen, so sagt man: das Pferd ist in Haltung. Diese Haltung jedoch – welche im Stillstand »Neigung in den Gang« genannt wird – ist bei den Pferden verschieden, je nachdem sie für besondere Zwecke bestimmt sind.

Fig. 34.Pferd im mittleren Gleichgewicht.

Fig. 34.Pferd im mittleren Gleichgewicht.

Wenn die Zügel und die Schenkelhilfen richtig zusammenwirken, dann kaut sich das Pferd auf dem Gebiß ab und schäumt, ein Zeichen, daß keine Steifung der Ganaschen und des Genickes mehr vorhanden ist. EinkauendesPferd wird stets in Gehorsam sein.

Die Stellung und Bewegung der Zügelfaust geben dem Gebiß mittels der Zügel die Wirkung auf den ganzen Körper des Pferdes. EinVorgehen mit der Handgibt dem Pferde Luft und wirkt demnach auf die Vorhand, wie ein Heben der Hand nach vorwärts das Pferd aufrichtet, indem Kopf und Hals dadurch in die Höhe genommen werden. Eine Bewegung rückwärts wirkt dagegen auf die Rücken- und Hinterhandmuskeln, vorausgesetzt, daß der Körper durch leichte Neigung nach rückwärts die Bewegung der Faust unterstützt. Sie spannt die Steifung der Muskeln der Hinterhand ab, veranlaßt das Pferd, das Kreuz herzugeben, und zwingt die Hanken in die Beuge. Hebt man die Faust nach rückwärts, so wirkt man damit auf die Vor- und Hinterhand. Die Bewegung der Faust nach rechts oder links zwingt das Pferd, dieser Bewegung zu folgen,bringt es also von der geraden Linie ab – doch ist es dabei erforderlich, den Schwerpunkt des Körpers nach der betreffenden Seite hin zu verlegen, da ohne dieses die Rechts- resp. Linksschieberei der Faust auf das Pferdemaul fast ohne alle mechanische Wirkung ist, die dem Pferde nur als ein Zeichen zur Wendung dient.

Die richtige Anlehnung des Pferdes an das Gebiß gibt der Reiterin das Gefühl der unbedingten Sicherheit der Führung; sie weiß, daß das Pferd jeder, auch der geringsten Bewegung der Hand Folge leistet, woraus erhellt, wie wichtig es ist, keine unmotivierten Bewegungen mit der zügelführenden Hand zu machen, am wenigsten unwillkürliche, durch etwaige Unsicherheit des Sitzes hervorgerufene. Noch weniger aber dürfen es beabsichtigte sein, z. B. Rucken und Reißen in den Zügeln, wie man es leider bei unerfahrenen oder ungeduldigen Reiterinnen öfters sehen kann. Dadurch bekommt das Pferd Furcht vor dem Gebiß und der Faust der Reiterin, wird widersetzlich und schließlich bis zur Unreitbarkeit unbequem.

Daß gegen die Regeln der Wirkung der Zügel und deren Führung im allgemeinen stark gesündigt wird, ist eine Tatsache, die nicht geleugnet werden kann. In erster Linie geschieht dies durchBummelnlassender Zügel, bei welchem die Reiterin meist von der ganz löblichen Absicht ausgeht, das Pferd nicht unnötig zu molestieren. Sie vergißt aber dabei, daß sie dadurch sich und dem Pferde nur Schaden bereitet, da dann das Pferd nicht am Zügel steht, wodurch die mühsam andressierte Gleichgewichtsstellung wieder verloren geht, wie schon mehrfach angeführt.

Der Gegensatz dazu, nämlich das Pferd zu fest zu halten, entsteht einerseits aus zu schwerer Faust, andererseits aus Ängstlichkeit der Reiterin. Darauf basiert ein großer Teil der Unarten des Pferdes, Hartmäuligkeit, Kopfschlagen etc., bei Pferden mit schwacher Hinterhand und weichem Maule Steigen und Überschlagen.Endlich ist auch dieunruhigeFaust noch zu erwähnen. Bei den schnelleren Gangarten, Trab, Galopp und Karriere, wo die Sicherheit des Sitzes erst erprobt werden soll, kommt die Stetigkeit der Hand am meisten zur Geltung, denn wenn die Hand dabei, jedem Stoß der Gangart folgend, wie ein Schmiedehammer auf- und niederfährt oder sich hin- und herschleudern läßt, so muß das feine Gefühl des Pferdemaules verloren gehen, muß ein unruhiger, ungleichmäßiger Gang zum Vorschein kommen, der weder schön noch angenehm, aber oft gefährlich ist. Deshalb kann nicht oft genug wiederholt werden:Weiche, stetige Führung, ruhiger Sitz und weiches Annehmen und Nachgeben erhalten das Pferd in Gefühl und Gehorsam.

Wenn Sie, meine Damen, angenehm und ohne Ärger mit Ihrem Pferde reiten wollen, so behandeln Sie dasselbe nicht als ihren Untergebenen, sondern als Ihren Freund. Finden Sie sich durch Entgegenkommen bei seinen Eigentümlichkeiten mit ihm ab.

Von besonderem Einfluß auf das Pferd ist die Stimme, deshalb sprechen Sie zu ihm, wenn Sie reiten, je nach dem Anlaß lobend, warnend, beruhigend, tadelnd oder energisch. Das Ohrenspiel des Pferdes wird Sie belehren, wie alles wohl gehört und auch verstanden wird. Jede rohe Behandlung ist zu vermeiden, keine wilden Hetzen, keine harte Bestrafung durch Peitsche oder Sporn, wenn nicht eine ganz außergewöhnliche Unart sie bedingt – am allerwenigsten darf ein Rucken und Reißen im Maule mit der Kandare stattfinden.

In erster Linie sollte sich jede Reiterin angelegen sein lassen, die Eigentümlichkeiten ihres Pferdes, dessen Charakter und Temperament zu studieren und kennen zu lernen, sie wird dann am ehesten den »Vergleich« mit ihm abschließen können, wie sie am besten mit ihm auskommt. Im allgemeinen wird sie ihr Tier meistzu allem willig finden, was sie von ihm verlangt, wenn es nicht der Natur oder den Kräften desselben zuwiderläuft, sie wird mit ihm dahin gelangen, wohin sie will – was ja das Endziel und der Zweck des Reitens ist –, sie wird auch die Gangarten durchsetzen, die sie wünscht, aber dann hat sie dem Pferde auch Gegenleistungen und Konzessionen zu machen. – Wir sehen, daß in einem gewissen Stadium des Fehlens der Selbstbeherrschung auch das Pferd darunter zu leiden hat, obgleich es, wenigstens häufig, gänzlich unschuldig an dem Unwillen der Reiterin ist. Dadurch aber schadet sich diese mehr, als sie glaubt, denn in dem gleichen Maße wie sie wird auch ihr Pferd nervös und – unbequem werden. Nur gleichmäßige, ruhige Behandlung kann ein bequemes Pferd schaffen. Die angehende Reiterin kann weder den Grund irgend einer ihr unbequemen Angewohnheit des Pferdes beurteilen, noch rationelle Mittel dagegen anwenden, beides aber ist unerläßlich zur Abstellung des Übels, wenn nicht durch die angewendeten falschen, oft auch nur unvollkommen zum Ausdruck gelangenden Mittel eine neue Unbequemlichkeit, wenn nicht Schlimmeres hervorgerufen werden soll. Die Dame begnüge sich, aufmerksam, denkend zu reiten, um ihr Pferd und dessen eventuelle Unarten kennen zu lernen, dann wird sie auch bald dazu gelangen, denselben vorbeugen zu können,bevorsie zur Ausführung gelangt sind. Wie schon angeführt, suche die Dame stets nur ein Pferd ohne besondere Eigentümlichkeiten zu erwerben und es dann durch Fleiß und Aufmerksamkeit, durch Achten auf sich selbst und ihre eigenen Eigentümlichkeiten auf demselben Standpunkt zu erhalten.

Das Pferd ist zwar im allgemeinen kein mit hervorragenden Verstandesgaben ausgezeichnetes Geschöpf, immerhin darf man aber an seine Leistungsfähigkeit in körperlicher wie geistiger Beziehung schon ganz beträchtliche Anforderungen stellen. Vermöge seines vorzüglichenGedächtnisses empfindet es Abneigung und Zuneigung sowohl mit bezug auf den Menschen, wie auf gewisse Handlungen, hat ein feines Verständnis für seine Behandlung und weiß sein Benehmen danach einzurichten.

Das erste Erfordernis ist demnach, das Pferd gut zu behandeln, und ängstlich zu vermeiden, ihm ohne Veranlassung einen Schmerz zuzufügen. Ein solcher darf, wenn man sich ein williges und gehorsames Pferd erhalten will, nur als Strafverfahren zur Anwendung gelangen, wenn andere Mittel erschöpft sind. Ungeschick und Ungeduld, letztere oft ein Ausfluß der Stimmung der Reiterin, machen das Pferd oft widersetzlich und schließlich unreitbar. Die Reiterin wird daher gut tun, nicht alles nur dem Pferde zuzuschreiben, was ihr an ihm unbequem ist, sondern sie hat sich zu prüfen, ob sie nicht selbst die Veranlassung dazu war. Wo eine wirkliche Ungezogenheit auftritt, die nicht aus Furcht vor äußeren Eindrücken hervorgerufen wurde, soll und muß energisch mit Sporn und Peitsche gestraft werden.

Am sichersten wird stets diejenige Dame reiten, welche es versteht, mit dem Pferde in einem Gleichgewicht und in einer Schwere zu verharren, was durch ein Eingehen auf jede Bewegung des Pferdes und ein Fortgehen mit demselben ermöglicht wird. Das Festhalten des Gesäßes auf dem Sattel ist dabei von besonderer Wichtigkeit, denn es vermittelt die Gefühlsverbindung zwischen Pferd und Reiterin. Zwischen diesen beiden Faktoren findet nämlich eine fortwährende Gefühlsäußerung und Gefühlsübertragung, gewissermaßen ein Hin- und Hertelegraphieren von Empfindungen statt, welche in den beiderseitigen Gehirnen auslaufen und daselbst in dem einen die Vorstellungen von der jeweiligen Willensmeinung des anderen hervorrufen, auf welche dann die Entschließung zur Befolgung oder Nichtbefolgung des jenseitigen Willens eintritt. Die erste Bedingung, welche die Reiterin zu erfüllen hat, wenn sie Herrin ihres Pferdes bleiben will, ist selbstverständlichdie, daß sie stets mit ihm zu einem Ganzen verbunden bleibt, also unter allen Verhältnissen festsitzt. Der ruhige Sitz und die Erhaltung des Gleichgewichts bei jeder Bewegung des Pferdes geben der Reiterin erst die wahre Beherrschung des letzteren, indem sie ihr die Herrschaft über das kräftige Hinterteil und somit über das ganze Pferd sichern.

Wie im übrigen der Sitz der Dame zu Pferde sein soll, hat bereits seine Besprechung gefunden.

Unerläßlich ist ferner dieweiche, stetige Führung des Pferdes. Dasselbe kann nur dann auf alle Hilfen, welche die Willensmeinung der Reiterin darstellen, reagieren, wenn es so am Zügel steht, daß die kleinste Handbewegung der Zügelfaust genügt, den Willen der Reiterin dem Pferde verständlich zu machen und diesen zur Ausführung gelangen zu lassen. Je mehr es der letzteren gelingt, durch die Unabhängigkeit ihres Sitzes von der Zügelführung dem Pferde jeden unmotivierten Ruck und Druck im Maule zu ersparen, um so eher wird es geneigt sein, allen Anforderungen zu entsprechen. Die Weichheit und Stetigkeit der Hand liegt in der Federkraft des Gelenkes. Daran scheitern nicht nur viele Reiter, sondern auch manche Damen, denn die Weichheit der Hand ist gleichsam angeboren, sie kann aber auch erlernt werden, wenn der sichere Sitz bereits gewonnen ist, bevor die Zügelführung geübt wird. Es ist ebenso unrichtig, die Zügel mit eiserner Faust zu halten, d. h. die Pferde mit ganz starker An- resp. Auflehnung zu reiten, wie im Gegensatz dazu das Reiten »ohne Zügel«, da die Anfängerin sehr oft glaubt, daß sie sich ehestens eine weiche Hand aneignet, wenn sie ihr Pferd mit hängenden Zügeln reitet. Erziehen sich jene die sogenannten Durchgänger (da das Pferd müde wird, den ewigen schmerzhaften Druck auf die Laden zu ertragen), so geht bei der letzteren Art und Weise die andressierte Haltung des Pferdes und damit das Gleichgewicht verloren. In derweichen Zügelführung auf der Basis sicheren, von der Zügelführung unabhängigen Sitzes beruht das Geheimnis der Reitkunst, sowohl bei den Herren wie bei den Damen. Jede Abnormität, jede Unsicherheit des Sitzes setzt sich durch die Zügel auf das Maul des Pferdes fort, verursacht diesem Schmerz und gibt dadurch Veranlassung zu irgend welchen Unzuträglichkeiten. Daß in bezug auf sicheren Sitz die Damen auf dem Damensattel den Männern gegenüber im Vorteil sind, dürfte einleuchtend sein, und das ist einer von den Hauptpunkten, warum ich gegen den Herrensitz der Damen plaidiere, welcher außerdem noch wegen des für diesen Zweck ungünstigen Körperbaues der Damen noch unsicherer ist, wie der der Herren.

Soll die Zügelführung normal sein, so dürfen die Zügel nur so fest anstehen, daß das Pferd ihre Wirkung fühlt, ohne sich auf das Gebiß fest aufzulehnen. Die ungefähr 15 cm vom Leibe aufgestellte Zügelfaust muß dabei notgedrungen eine fortwährende, vom Leibe nach dem Halse des Pferdes gerichtete federnde Bewegung machen und den willkürlichen wie unwillkürlichen Bewegungen des Pferdekopfes folgen, um sofort sanft wieder in die Grundstellung zurückzukehren. Die Regelmäßigkeit dieser Bewegung wird zur »stetigen Hand«, zu welcher das Pferd bald Zutrauen gewinnt.

Aus alledem ersehen Sie, schöne Leserin, daß das Reiten doch nicht ganz so einfach ist, wie Sie es sich vielleicht gedacht haben. Wählen Sie den Damensattel, so werden Sie sehr bald – sagen wir etwa in drei Wochen – zu einem leidlich sicheren Sitz mit ein wenig Reitergefühl gelangen können, – wählen Sie den Herrensitz, so werden kaum zwei Jahre ausreichen, um ein wirkliches Gefühl der Sicherheit auf dem Pferde zu erringen, ja vielleicht werden Sie es nie empfinden. Glauben Sie, daß es bei den Herren anders ist? Es gibt grade genug, denen man mit tiefer Überzeugung einen Damensattel empfehlen möchte – leider gibt es aber keine »Kavaliere«, welche auf diesen Ratschlag eingehen würden.

Wenn Sie, schöne Leserin, nunmehr mit sich einig geworden sind, daß nach allem, was hier ausgesprochen ist, der Damenreitsitz für Sie noch gewiß der praktischste und – ästhetischste ist, so treffen Sie Ihre Vorbereitungen. Wählen Sie Ihren Reitlehrer, studieren Sie, bitte, bitte, dieses Buch – Sie dürfen auch ein anderes nehmen, ich bin nicht eifersüchtig – recht eingehend, damit Sie in den Geist der Reitkunst ein wenig eindringen, – geben Sie Ihre Toilette in Auftrag. Für die einsamen Lektionen in der Bahn wird sich wohl vorläufig etwas aus Vorhandenem zusammenstoppeln lassen – und ziehen Sie es an. Vergessen Sie auch das notwendige neue,festeArrangement des Haares nicht und setzen Sie den für die Bahn bestimmten Hut auf. Es braucht kein Zylinder zu sein, vielleicht ein steifer Filzhut, wie ihn die Herren tragen. Sie müssen sich einmal erst zu Fuß an alle diese Neuerungen gewöhnen, damit Sie zu Pferde davon nicht verwirrt werden. Sodann leihen Sie sich einen Damensattel und ein Kopfzeug aus. Den Sattel schnallen Sie auf irgend einem Bock fest – aber ja recht fest, – die Kandare befestigen Sie etwa 1 Meter vor demselben, so daß Sie die Zügel bequem handhaben können.

Nun rate ich Ihnen, einige Tage lang auf Viertelstunden in den Sattel zu steigen, um Ihren Körper an die Haltung auf demselben zu gewöhnen, natürlich nachdem der Bügel passend eingeschnallt ist. Sie werdengleichzeitig dabei sehen, ob Ihr Ajustement auch zweckentsprechend ist, ob nichts drückt oder kneift, ob alles recht bequem ist. In die linke Hand werden Sie dabei die Zügel nehmen, in der Art, wie es im nächsten Kapitel Ihnen mitgeteilt werden wird, – auch würden Sie gut tun, vom Sattel aus mit ruhigem Unterkörper – der Oberkörper darf nach allen Seiten bewegt werden – Ball zu werfen, wobei natürlich die Hauptsache ist, den Ball wieder aufzufangen. Die Zügel werden während des Ballspiels selbstverständlich fortgelassen. Wenn Sie in dieser Weise Ihre praktischen Studien beginnen, werden Sie in ruhig fortschreitender Weise sich bald einen guten und sicheren Reitsitz ohne besondere Unbequemlichkeiten angewöhnt haben.

Die Dame reitet ihr gut gerittenes Pferd meist nur auf Kandare, wobei die Trensenzügel herunter hängen, doch können dieselben auch mit anstehen. Zu diesen beiden Zügelführungen wird nur die linke Hand verwendet. Wird der Trensenzügel mit angefaßt, wozu Veranlassung vorkommen kann, z. B. um dem Pferde im Maul etwas Luft zu geben und die Kinnenkette etwas außer Wirkung treten zu lassen, so gelangt auch die rechte Hand mit zur Verwendung.

Die Stangen- oder Kandarenzügel werden mit der linken Hand folgendermaßen gehalten (Fig. 35):

Der vierte Finger wird von oben zwischen den rechten und linken Stangenzügel a und b hineingeschoben, darauf der die beiden Zügel zusammenhaltende Schieber bis an den Finger herangebracht und das herabfallende Ende c über den Zeigefinger gelegt. Der Trensenzügel dd wird mit seiner Mitte flach ohne Spannung darüber gelegt und nun dieser sowohl, wie das übrige Ende des Stangenzügels mit dem Daumen auf dem untersten Gliede des Zeigefingers festgedrückt, nachdem die vorschriftsmäßige aufrechte Stellung derFaust angenommen worden ist. Ist ein Schieber nicht vorhanden, so zieht man die Stangenzügel mit der rechten Hand, sie am zusammengenähten Ende c erfassend, so weit durch, bis man glaubt, daß sie richtig und gleichmäßig anstehen. Die Zügel müssen so in der Hand liegen, daß sie auf den untersten Fingergliedern ruhen. Will man den Trensenzügel mit anfassen (Fig. 36), so erfaßt die rechte Hand den rechten Trensenzügel a, von oben mit den ersten drei Fingern hineingreifend, und zieht ihn durch die linke Hand soweit durch, bis der linke Trensenzügel a ansteht, worauf man den rechten ebensoweit verkürzt und nun beide Fäuste gegeneinander in Entfernung von Faustbreite stehen läßt. – Lehnt sich das Pferd in den schnelleren Gangarten so auf den Zügel auf, daß die linke Hand ermüdet, so nimmt man auch wohl die rechte Hand und legt sie leicht auf die linke Hand, wodurch man dieser die Führung erleichtert.

Das Damenpferd soll, unter der Annahme, daß sein Hals und sein Kopf korrekt stehen, tief geführt werden, d. h. so tief, als dies der hochliegende rechte Schenkel der Dame es zuläßt. Keinesfalls aber darf die die Zügel führende Hand aufliegen. Sie wird so gehalten, daß der Daumen, welcher die beiden Zügel festhält, oben liegt, die Knöchel nach vorn, die zur Faust geballten Fingerglieder gegen den Körper. Das kann nur erreicht werden, wenn das Handgelenk etwas konkav nach innen gebogen und der Ellenbogen im rechten Winkel gekrümmt leicht über der Hüfte liegt. Die führende Hand wird dann, wie etwa im vorigen Kapitel erwähnt, richtig etwa 10-15 cm vom Körper entfernt stehen. Diese äußerlich konkave Krümmung des Handgelenks ist von besonderer Wichtigkeit, sie allein erzeugt diefedernde, stetige Hand. Nachgeben, annehmen, alles nur aus dem Handgelenk! Steht das Handgelenk grade zum Unterarm, so wird die nötige Federung vom Ellbogen ausgehen müssen, was leicht zu einer harten, unnachgiebigen Hand führt, und ist das Handgelenk nachaußen gar konvex durchgebogen, so muß die Federung vom Schultergelenk ausgehen, während die Ellbogen abgespreizt werden. Die moderne Renn- und Jagdreiterei hat allerdings derartige Bilder gezeitigt, – ich möchte aber jede Reiterin bitten, bei der alten Schule zu bleiben und jene »Mode« nicht mitzumachen, die grade für eine Dame höchst unschön aussieht.


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