[pg 1]Als Mauernweiler in Dollarica.Ein rechtschaffener „teutscher Tichter“ schlägt drei Kreuze vor dem Gedanken einer Auswanderung nach den Vereinigten Staaten. Nikolaus Lenau, der seinerzeit aus Begeisterung für die Freiheit und für die biederen Rothäute hinübersegelte, hat bekanntlich das nächste Retourschiff benutzt, und sein Entsetzen hat ihn das Wort prägen lassen von dem Lande, in welchem die Vögel keine Lieder und die Blumen keinen Duft hätten. (Eine Behauptung, die übrigens nicht einmal zutrifft.) Auch Detlev v. Liliencron mochte kein intimes Verhältnis mit der Dame Dollarica eingehen, weil sie gar keine Miene machte, ihm von ihrem Überfluß an Dollars etwas abzugeben. Ich vermute, daß sie ihn zunächst hat Flaschen spülen lassen, eine Prüfung auf die männliche Tüchtigkeit, die sie allen gestrandeten Offizieren und sonstigen mit Bildung oder hohen Lebensansprüchen beschwerten, zu grober Handarbeit jedoch untauglichen deutschen Gunstbewerbern zunächst einmal auferlegt. Wilhelm v. Polenz, der nicht mit den Hintergedanken eines galanten Räubers, sondern nur mit einem Scheckbuch bewaffnet einige Monate im Lande herumreiste, kehrte dagegen zufrieden und bereichert heim und bescherte uns, als Frucht seines fleißigen Studiums, sein schönes und gerechtes Buch „Das Land der Zukunft“. Dafür war aber auch Polenz kein solch närrischer Lyriker, der in zornige Tränen ausbricht, wenn ihm ein fremder Weltteil nicht den Gefallen tut, Nachtigallen in Kaktushainen schlagen und Affen auf Lindenbäumen herumklettern zu lassen. Paul Lindau, der welt-,[pg 2]witz- und wortgewandte, ist durch das Land geflitzt und hat eine Masse von Eindrücken gleich bunten Schmetterlingen im Vorbeifliegen mit „gewandter Feder“ feuilletonistisch aufgespießt; gelegentlich der großen Weltmessen von Chicago und St. Louis ist auch sonst wohl noch der und jener aus unserem Federvolke mit drüben gewesen, um mit mehr oder minder leichtsinniger Wichtigkeit den Maßstab seiner kleinen Person an die Ungeheuerlichkeit der Verhältnisse da drüben zu legen, und sie sind alle, durch starke Eindrücke bereichert, heimgekehrt. Erst seitdem einige hervorragende Deutsch-Amerikaner mit Hilfe der Professoren der germanistischen Fakultäten und Unterstützung etlicher für deutsche Kunst und Wissenschaft eingenommener amerikanischer Mäzene dieGermanistic Society of Americagegründet haben, ist es möglich geworden, richtigen deutschen Dichtern und Gelehrten, ohne Rücksicht auf Geldverdienst und etwaige lyrische Sentimentalitäten, die große Kinderstube im fernen Westen, das Märchenland der absoluten Gegenwärtigkeit, zu zeigen und andererseits diese seltsamen Tiere dem amerikanischen Volke lebend vorzuführen. Auf diese Weise sind Ludwig Fulda, Hermann Anders Krüger, Karl Hauptmann und zuletzt der Schreiber dieser Zeilen dazu gelangt, ihren deutschen Landsleuten drüben, sowie den für deutsche Geistesart interessierten Amerikanern lebendige Kunde vom deutschen Dichten der Gegenwart zu bringen.Psychologie des Publikums.Ich habe im Laufe von etwa acht Wochen an neunzehn Universitäten und Colleges, sowie fünfzehnmal in deutschen Vereinen gesprochen. Ich habe dabei teils aus meinen Werken rezitiert, teils die letzten dreißig Jahre deutscher Literaturgeschichte in skizzenhaften Schilderungen persönlicher Eindrücke und Begegnungen durchgenommen, oder[pg 3]mich über das Theater der deutschen Gegenwart verbreitet, oder endlich mit Unterstützung meiner Frau die Entwicklungsgeschichte des deutschen Volksliedes behandelt. Und daß ich diese kleine Singefrau mit hatte, war sehr gut. Denn wo immer sie in die Zupfgeige griff und ihre Volkslieder aus alten Zeiten erschallen ließ, da leuchteten die Augen, da war der Jubel groß, und die gewohnten Redensarten eines höflichen Dankes bekamen einen echten Herzensklang. Sie haben mir ja auch die Frau nicht wieder herausgegeben, als ich nach getaner Arbeit heimwärts strebte; sie haben sie mit sanfter Gewalt da behalten, weil sie von ihr noch lange nicht genug hatten. Das soll nun nicht etwa heißen, daß ich mich über eine laue Aufnahme oder über Unverständnis zu beklagen gehabt hätte. Ganz im Gegenteil: man muß bei uns schon bis nach Wien gehen, um eine solche Temperatur der dankbaren Begeisterung zu finden; aber ich merkte doch sehr bald, daß ich diesen lebhaften Beifall vornehmlich meiner rezitatorischen Leistung sowie dem Umstande zu verdanken hatte, daß ich einen wichtigen Teil meines Wesens vorsorglich unterschlug. Als praktischer Theatermann habe ich die Kunst gelernt, unterhaltende Programme zusammenzustellen, und auf die Psychologie der Massen verstehe ich mich auch einigermaßen; das ist der Grund, weshalb mir’s drüben so gut gegangen ist. Ich wußte schon vorher genug über den Geschmack des amerikanischen Publikums, um ungefähr beurteilen zu können, welche meiner Werke und Anschauungen für drüben möglich wären und welche nicht. Und da mußte von vornherein vieles von dem als unmöglich ausgeschlossen werden, womit ich mir hier meine wertvollsten Erfolge geholt und meiner literarischen Persönlichkeit überhaupt erst feste Umrisse gegeben habe. Die Natürlichkeiten der[pg 4]Erotik sind bei den Angloamerikanern ebenso von der öffentlichen Besprechung und künstlerischen Gestaltung ausgeschlossen wie die heiligen Stoffe, und die Deutsch-Amerikaner, die lange genug drüben gelebt haben, sind immerhin von diesem Puritanertum soweit angesteckt, daß die Grenzen des künstlerisch Erlaubten bei ihnen nicht weiter gehen als etwa beim deutschen Familienblatt älteren Stils. Du lieber Himmel – und ich bin der Verfasser des „Dritten Geschlechts“, der „Geschichten von lieben süßen Mädeln“ und gar „des Erzketzers“ und habe niemals einen Beitrag zur „Gartenlaube“ oder zum „Daheim“ geliefert! Selbstverständlich hatte ich wohl ausnahmslos an jedem meiner Vortragsabende ein paar literarisch gebildete, vorurteilslose Leute unter meinem Publikum, die sich gerne hätten stärker beschwören lassen; aber ich sollte mich doch der Mehrheit erfreulich und nützlich machen, den des Deutschen beflissenen Studenten englischer Zunge und besonders den aus allen Bildungsschichten zusammengewürfelten Deutsch-Amerikanern.Humoristische Lichter. Was sie alles komisch finden.Mit den Versen gab’s wenig Schwierigkeit. Meine Balladen und Hymnen auf die moderne Technik mußten ja in dem Lande der technischen Hochkultur zünden, und auch von den satirischen Scherzgedichten wurde das meiste verstanden; aber mit der Auswahl von Prosastücken hatte ich meine liebe Not, und bei meinen Streifzügen durch die deutsche Literatur der letzten dreißig Jahre bemerkte ich auch gar bald, wie wenig davon selbst dem gebildeten Publikum bekannt war. Sobald ich bei einer meiner Lieblingsfiguren etwas länger verweilte oder den Versuch machte, ein bißchen in die Tiefe zu bohren, bemerkte ich, wie sich alsbald ein suggestives Gähnen durch die Reihen fortpflanzte und die teilnahmsvoll ge[pg 5]spannten Züge zu erschlaffen begannen. Da mußte ich mich denn beeilen, mit einer scherzhaften Anekdote oder einer satirisch zugespitzten Bemerkung die entflatternde Aufmerksamkeit wieder einzufangen. Wie in so vieler anderer Beziehung, so sind die Amerikaner auch darin noch auf einem kindlichen Standpunkt, daß sie, und zwar nicht nur die Jungen, sondern auch die Alten, durchaus lachen wollen, wenn sie sich zu irgendwelchem Zwecke in Massen versammeln. Der Politiker muß so gut wie der Universitätsprofessor und sogar der Kanzelredner Witze machen, wenn er sein Publikum fesseln will. Kein Redner wird jemals in diesem Lande Erfolg haben, der nicht zum mindesten die Kunst versteht, selbst ernstesten Gegenständen humoristische Lichter aufzusetzen. Ich habe eine feierliche Universitätssitzung mitgemacht, bei welcher der Präsident der Universität eine ausgezeichnete Gedenkrede auf eine verstorbene Leuchte derselben hielt. Es war ein kalter, nebliger Morgen und man saß in Überziehern und Galoschen da, aber sobald der Vortragende eine drollige Wendung gebrauchte, einen freundlich heiteren Zug aus dem Leben des Gefeierten erzählte, oder gar eine witzige Nutzanwendung machte, erwärmte sich die frierende Gesellschaft an lautem Gelächter. In dem amerikanischen nationalen Drama, derBlood and Thunder-Show, muß die erbauliche Abwechslung zwischen Leichenaufhäufung unter Revolvergeknatter und sentimentaler Rührung über unmenschliche Edelmutsausbrüche (vom obligaten Tremolo der Geigen begleitet) in regelmäßigen Abständen von derbenClownspäßenunterbrochen werden, um dem guten Volke schmackhaft zu bleiben, und der bekannte kleine polnische Jude, der auf die Frage, wie ihm der „Tristan“ gefallen habe, achselzuckend erwiderte: „Nu, mer lacht“, könnte hier leicht manches Gegen[pg 6]stück finden. Das ist nun etwa nicht als besonderes Schandmal der amerikanischen Unkultur aufzufassen, denn der Banause hat in der ganzen Welt der Kunst gegenüber genau denselben Standpunkt: er schätzt sie bestenfalls als erheiternden Zeitvertreib. Die geistige Erhebung durch tragische Erschütterung vermag er ebensowenig zu genießen, wie die rein ästhetische Freude an der schönen Form; sein Interesse hängt rein am Stofflichen, am gröblich Sinnfälligen, an der handgreiflichen Moral oder Tendenz. Da in Amerika noch nicht viele Leute und auch diese erst seit kurzem Zeit gefunden haben, ihre etwaigen ästhetischen Veranlagungen zu pflegen, so ist es selbstverständlich, daß es dort im Verhältnis zur Einwohnerzahl sehr viel weniger ästhetisch interessierte Menschen gibt als bei uns, und unsere guten Landsleute können von dieser Regel um so weniger eine Ausnahme machen, als sie ja zum weitaus überwiegenden Teil von gänzlich amusischer Herkunft sind. Die deutschen Amerikaner, die heute vornehmlich sich eine Ehrenpflicht daraus machen, den Zusammenhang mit der deutschen Geisteskultur aufrecht zu erhalten, setzen sich zusammen aus den Überresten der achtundvierziger Emigranten und ihrer Nachkommen, aus den neuerdings Eingewanderten mit akademischer Bildung, die hier als Lehrer und Lehrerinnen, als Ärzte, Künstler usw. eine Lebensstellung gefunden haben, und endlich aus einigen nicht allzu zahlreichen Nachkommen von Leuten, die in Handel und Gewerbe hier ihr Glück gemacht haben und daher imstande waren, ihren Kindern eine höhere Schulbildung zuteil werden zu lassen. Die vielen deutschen Vereine sind folglich auch noch nicht imstande, sich rein künstlerischen und literarischen Bestrebungen zu widmen. Sie scheiden sich mehr nach Landsmannschaften oder[pg 7]Gesellschaftsschichten als nach geistigen Ansprüchen. Man darf also nicht erwarten, für irgend welche wissenschaftlichen oder künstlerischen Darbietungen in den Vereinigten Staaten ein so homogenes, wohlgezogenes und anspruchsvolles Publikum zu finden, wie etwa in unseren deutschen literarischen Gesellschaften, kaufmännischen oder auch selbst sozialdemokratischen Bildungsvereinen. Man kann aber sicher sein, überall unter seinen Zuhörern eine Anzahl fein gebildeter und verständnisvoller Menschen zu finden, wenn es auch nur eine kleine Minderheit sein mag. Für diese Minderheit wird man dann aber, wenn man seine Mission ernst nimmt, sein Bestes geben und die Kleinen und Armen im Geiste nach Möglichkeit durch Konzessionen an ihr Unterhaltungsbedürfnis mit zu ziehen suchen. Manchmal kann es einen freilich bei solchen überraschenden Ausbrüchen kindlicher Heiterkeit kalt überlaufen. Im Hörsaal der Universität zu Rochester wollten sich Studenten deutscher Abkunft halb tot lachen über die von mir berichtete traurige Tatsache, daß Liliencron im Feldzuge von 1870/71 diverse Kugeln in den Leib bekommen habe, von denen ihm alle paar Jahre eine im Operationssaal der Universitätsklinik zu Kiel herausgeholt wurde! Und in derHigh Schoolvon Youngstown (Ohio) kreischten dieBoysundGirlsvor Vergnügen, als ich ihnen die tief ergreifende Ballade von der Großmutter Schlangenköchin übersetzte. Über die Fischlein, die die böse Hexe mit einem Stock im Krautgärtlein fängt, und gar über „The black and tan Doggie, that burst into a thousand pieces“ (das schwarzbraune Hündlein, das in tausend Stücke zersprang), bogen sie sich krumm vor Lachen, und meine Frau, die sie gerade durch diese Ballade zu Tränen zu rühren gedachte, war blaß vor Schrecken, – hat sie aber dann doch zu packen[pg 8]gekriegt, diese robusten Neuweltler, denen die lieb herzige Einfalt des deutschen Märchenstiles so siebenfach versiegelt ist.Sehenswürdigkeiten und Gastfreundschaft. Nervös sind sie nicht.Wenn man in den Vereinigten Staaten unter den Auspizien einer hochangesehenen Gesellschaft reist, so bekommt man eine deutliche Vorstellung davon, wie angenehm und erhebend es sein muß, als Fürstlichkeit durchs Dasein zu wallen. Genau so wie bei uns eine die Provinzen bereisende bessere Fürstlichkeit wird man nämlich in den Vereinigten Staaten behandelt, sobald man offiziell als großes Tier, als illustrer Gast gemanagt wird. Am Bahnhof Empfang durch ein Komitee, das einen in das erste Hotel der Stadt geleitet, wo man sich kaum des Reiseschmutzes entledigt hat, als einem auch schon die Reporter auf den Leib rücken. In der kurzen Zeit, die einem das Komitee zum Säubern und Ausruhen gönnt, (meistens ist man ja die Nacht durch gefahren, denn die einzelnen Vortragsstädte liegen nicht selten so weit auseinander wie etwa Berlin und Neapel!) muß man mehrere Interviews über sich ergehen lassen, bei denen einen der stete Zweifel nervös macht, wer von beiden der größere Esel sei, der Interviewer oder der Interviewte. Dann tritt das Komitee wieder an, um einem die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen, wobei zu bemerken ist, daß im ganzen Osten bis zum Mittelwesten der Union, bis hinauf an die kanadische und hinunter an die virginische Grenze eine Stadt genau so reizlos und uninteressant ist wie die andere (mit vielleicht einziger Ausnahme von Boston und Washington), daß die Kriegerdenkmäler noch erheblich fürchterlicher sind als bei uns, und man die berühmtesten Bauten meistens schon im Original in Europa gesehen hat. Erfreulich werden diese Besichtigungsfahrten nur, wenn sie aus den wüsten Steinhaufen der[pg 9]Citys hinaus ins Land führen und man einen schönen Tag erwischt. Architektonisch interessante Villenviertel mit reizenden Schmuckgärten wie bei uns gibt es freilich kaum irgendwo. Aber wenn die Sonne lacht, sind selbst die zum Gähnen einförmigen gemütlichen Holzhäuschen, mit denen auch sehr wohlhabende Amerikaner glücklich und zufrieden sind, eine Wohltat zu sehen. Nachdem der ästhetische Graus der Städte dergestalt überstanden ist, geht es zum Lunch, und der ist eigentlich immer erfreulich und gemütlich, gleichviel ob man in eine wildfremde Familie, in ein feines Restaurant oder in einen exklusiven Klub geladen ist. Denn die amerikanische Gastfreundschaft, mag sie von Yankees oder Deutschen ausgeübt werden, ist über alles Lob erhaben. Und wenn bei solchen Gelegenheiten das Menü nur nicht zu amerikanisch und die Gastgeber keine Teatotalers sind, so kann man sich seines Lebens freuen, ohne durch steife Förmlichkeit oder durch aufdringliche Protzerei geärgert zu werden. Nicht selten ist bereits mit dem Lunch eine kleinereceptionverbunden, d. h. nach dem Essen treten mehrere Dutzend Menschen, die ganze Fakultät, wenn der Gastgeber ein Professor ist, die ganze Freundschaft und Verwandtschaft, wenn der Empfang inoffiziell ist, in den zumeist winzig kleinen Stuben an, um Bekanntschaft zu machen. Das ist die mildeste Form der „reception“. Man hört alle Namen, schüttelt alle Hände, schwätzt ein Stündchen herum und hat im Fluge einen oberflächlichen Eindruck von dem Verkehrskreis des Gastgebers gewonnen, vielleicht sogar eine wirklich interessante Persönlichkeit flüchtig angebohrt. Ist man an ein Komitee geraten, das bereits Erfahrungen mit europäischen Nerven gemacht hat, so darf man sich zu einem Ruhestündchen zurückziehen, andernfalls geht es ohne Gnade und Barm[pg 10]herzigkeit weiter im Programm. Man wird zur Besichtigung der Universitätsinstitute, der Bibliotheken, der Laboratorien, Museen, bemerkenswerter Fabrikbetriebe oder was es auch immer sei, mit Vorliebe auch zu dem Gouverneur des Staates oder doch mindestens zum Bürgermeister der Stadt geschleppt. Wenn man bedenkt, daß so ein Gouverneur der konstitutionelle Regent eines Landes ist, das in den meisten Fällen größer als das Königreich Bayern, in einigen Fällen sogar größer als ganz Deutschland ist, so ist man erstaunt über die leichte Zugänglichkeit und jeder steifen Förmlichkeit abholde Art dieser großen Herren. Sie haben natürlich keine Ahnung davon, wer man ist, aber sie beteuern, über die Bekanntschaft entzückt zu sein, und stellen sich aufs Liebenswürdigste unseren Wünschen zur Verfügung. Mittlerweile wird es dann Zeit, sich zumdinnerinfull dresszu werfen. Dabei geht es ohne mehrere Toaste niemals ab, denn der Amerikaner redet gern und hervorragend gut, und man muß sein bißchen Witz gehörig zusammennehmen, um diesem nationalen Talente gegenüber mit seiner Antwort zu bestehen. Hat man den Abend frei, so ist solch eindinnerum 7 Uhr eine erquickliche Angelegenheit; denn nirgends existiert in Amerika die deutsche Unsitte, stundenlang bei Tische zu sitzen, eine unmögliche Masse von Speisen und ebenso viel verschiedene, in der Schwere sich steigernde Weinsorten eingepumpt zu bekommen. Große offizielle Festessen dehnen sich freilich auch sehr lang aus, aber nicht wegen der Länge des Menüs, sondern nur wegen der nationalen Sitte, die Schleusen der Beredsamkeit erst nach dem Dessert zu öffnen.ToastmasterundChairmanregulieren den Strom nach parlamentarischer Sitte, und wenn die Rednerliste erschöpft ist, beginnt erst der echt amerikanische[pg 11]Hauptspaß, indem derToastmasternoch unter den besonders prominenten, durch ihre Eigenart berühmten oder berüchtigten Anwesenden eine ganze Anzahl zu Improvisationen reizt. Selten daß einer auf solche Reizung nicht reagiert. Natürlich reitet bei dieser Gelegenheit jeder sein Steckenpferd, wobei aber erst recht viel witziges oder gedankenreiches Eigengut zutage gefördert wird. Schlimm ist es, wenn man unmittelbar nach dem Essen seinen Vortrag halten muß, wie das gar nicht selten vorkommt. Und noch schlimmer, wenn einem, wie mir das auch passiert ist, erst beim Besteigen der Rednertribüne vom Vorsitzenden zugeraunt wird, daß man doch gefälligst nur eine Stunde lang sprechen möge – über ein Thema, das in dreien kaum halbwegs gründlich zu erledigen wäre! Diese beneidenswert robusten Neuweltler nehmen eben als selbstverständlich an, daß ein Mensch, der einen Beruf, ein Geschäft daraus macht, öffentliche Vorträge zu halten, jederzeit und unter allen Umständen bereit sein müßte, sie aus der Pistole zu schießen. Daß wir schwächlichen Ostleute zu jeder geistigen Leistung Sammlung und Stimmung brauchen, das scheinen sie nicht zu verstehen. Dem nervenlosen Amerikaner ist es auch ganz gleichgültig, wie das Lokal ausschaut, in dem er seine Kunst genießt oder seine Bildung bereichert; offene Türen, hin- und herlaufende Menschen, pfeifende und klingelnde Lokomotiven vor den Fenstern, polternde Kegel- unter und probende Gesangvereine über dem Lokal genieren ihn nicht im mindesten. Ich ging an einem Universitätshörsaal vorbei, dessen Tür sperrangelweit offen stand; im Korridor trappten laut schwatzende und lachende Studenten auf und ab, aber weder der vortragende Professor noch die eifrig nachschreibenden Hörer ließen sich dadurch auch nur im geringsten stören. In St. Louis[pg 12]waren die Leute, die mein Auditorium in Stand setzen sollten, ausgeblieben. Infolgedessen war das Lokal so schmutzig von Kohlenruß, daß ich einen weißen Handschuh, der mir entfiel, schwarz wieder aufhob und das elektrische Licht versagte; wir saßen also bei einigen Notlampen im Finstern, und ich trug eine rührende Geschichte vom bitteren Leiden und Sterben eines schwindsüchtigen Mädchens unter der rhythmischen Begleitung zweier melodisch knallender Heizkörper vor. Natürlich war ich nahe daran, aus der Haut zu fahren; mein Publikum aber schien durch diese stimmungsmordenden Umstände nicht im mindesten berührt zu werden. Der Vorsitzende bat für diese Übelstände um Entschuldigung, und damit war es gut. Der Amerikaner fügt sich in das Unvermeidliche mit bewundernswerter Ruhe und Geduld. Wenn er gekommen ist, um für sein Geld Kunst zu genießen oder Weisheit zu schlürfen, so führt er diesen Vorsatz auch unter den widrigsten Verhältnissen aus, denn er will auf seine Kosten kommen. Und seine Nerven parieren ihm so absolut, daß er imstande ist, durch einfachen Willensakt während des zartesten Pianissimos einer Sängerin den knallenden Heizkörper oder die läutende Lokomotive nicht zu hören.Nicht vorstellen! Great reception.Die großereception, dieser Schrecken aller Schrecken für berühmte Mauernweiler, diese echt amerikanische „Hetz“, pflegt nach dem Vortrag des zu feiernden Gastes in einem möglichst großen Saale stattzufinden. Der Amerikaner stellt sich bekanntlich nie selber vor. Man kann stundenlang im Eisenbahnwagen miteinander fahren und sich angeregt unterhalten, man kann sogar wochenlang auf einem Dampfer Tisch- und Kabinennachbar eines scharmanten Menschen sein, ohne daß es ihm einfallen wird, sich selber vorzustellen. Und wenn der wackere Deutsche in seiner angeborenen Höflichkeit sich bemüßigt[pg 13]fühlt, einer solch angenehmen Reise- oder Table d’hote-Bekanntschaft gegenüber die Hacken zusammenzuschlagen und mit kommentmäßig heruntergeklapptem Haupte zu schnarren: „Sie gestatten, mein Name ist Müller,“ so riskiert er, daß der Angeredete, ohne sich von seinem Sitz zu erheben, ihn von unten herauf gelangweilt anschaut und mit gequetschtem Nasentone die impertinent zweifelnde Frage zurückgibt: „Aoh, is that so?“ Der Amerikaner hat stets den Ehrgeiz, mit prominenten Leuten bekannt zu werden. Ausländische Berühmtheiten interessieren ihn brennend, und für Leute mit schönen Titeln und langen Namen aus Europa hat er eine besondere Schwäche, aber niemals würde er sich einfallen lassen, eine formlose Vorstellung zu provozieren. Man kann in der guten Gesellschaft nur miteinander bekannt werden, indem man von dem Gastgeber, bei dem man sich trifft, offiziell einander vorgestellt wird. Diesen Zweck erfüllen unter anderen Veranstaltungen auch die berüchtigtenreceptions. Jeder, der nur irgendwelche Berührungspunkte mit der gesellschaftlichen Sphäre oder mit dem Beruf des prominenten Gastes hat, bemüht sich, eine Einladung zu solcherreceptionzu bekommen. Der Vorgang bei dieser hochnotpeinlichen Prozedur, wie ich sie im Staate Wisconsin in musterhafter Form erlebt habe, ist folgender: Man stellte mich an eine Säule an der Schmalseite des großen Saales und meine Frau an eine andere Säule wenige Schritte davon entfernt. Mir zur Seite trat einGentleman-Usherund an die Seite meiner Frau eineLady-Usher(Usher = Einführer). Von diesen wird vorausgesetzt, daß sie wie ein Hofmarschall alle eingeladenen Herrschaften nach Namen, Rang und Stand kennen. In langer Reihe, einzeln oder paarweise hintereinander nahen sich nun die Scharen derer, die unsere Bekanntschaft zu machen[pg 14]wünschen, und der Usher waltet seines Amtes. „Erlauben Sie mir, Ihnen Mister und Missis John Dubbleju Weber (sprich: Uebbäh) vorzustellen. Einer der prominentesten Bürger unserer Stadt, man kann sagen einer ihrer Begründer, denn er hat vor vierzig Jahren hier in dem Indianerdorf, das damals auf dieser Stelle stand, den ersten Laden für baumwollene Taschentücher, Whisky, Kautabak und Schießpulver eröffnet.“„How do you do, Mister Uolsogen?“ gurgelt Mister John Dubbleju Uebbäh aus seiner respektablen Speckwampe heraus und beginnt mit meinem Arme wie mit einem Pumpenschwengel zu hantieren. „Komme Se mal zu mir, da wer’ ich Se mal was Scheenes ßeigen; und bringen Se auch de Frau Uolsogen mit, wenn se Äntiquitis gleicht.“ (Antiquitäten gern hat).Und Missis Uebbäh, eine umfangreiche Dame mit kolossalen Brillantboutons in den Ohrlappen, grinst mich mütterlich bewegt an und versichert, entzückt zu sein, mich zu treffen. Der Mann gibt meine Hand an sie weiter, und sie pumpt die Behauptung aus mir heraus, daß ich glücklich sei, Persönlichkeiten vor mir zu sehen, welche die ganze Geschichte dieser berühmten Stadt nicht nur mit erlebt, sondern sozusagen selber gemacht hätten.„Move on, please!“ sagt der Usher und schiebt das imposante Ehepaar sanft weiter, worauf er mich mit Mister und Missis Isaak O. Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) bekannt macht. Mister Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) ist mit sieben Cents in der Tasche vor fünfundzwanzig Jahren hier eingewandert und hat etwa ein Dutzend Mal seinen Beruf gewechselt, bis er sich auf Rattengift geworfen hat. Seit einigen Jahren steht er an der Spitze des Patent-Ungeziefervertilgungsmitteltrusts und ist elf Millionen Dollar wert.[pg 15]Seine Frau ist tief ausgeschnitten und bedeckt ihre wogende Blöße mit Brillanten für etliche Hunderttausende. Sie ist so schrecklich betrübt (so awfully sorry!), daß ihre Tochter mich nicht kennen lernen kann, denn die ist vergangenes Jahr in Deutschland gewesen und so eingenommen von der deutschen Literatur. Sie habe viele von meinen Büchern gelesen, darunter natürlich auch meinen entzückenden „Herrgottsschnitzer von Oberammergau“ und meinen reizenden „Hüttenbesitzer“ und überhaupt beinahe alles. Leider habe das Mädchen die Mumps.Beschämt und tief gerührt bekenne ich, daß diese genaue Kenntnis meines dichterischen Schaffens mich zum ersten Mal das Hochgefühl einer wahren Popularität auf zwei Hemisphären voll empfinden lasse.Mister Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) quetscht mir bewegt die Hand, und Missis Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) hat noch eine Frage auf den üppigen Lippen, als mein Usher mir bereits einen ehrwürdigen Greis in weißem Lockenschmucke, das glattrasierte Antlitz scharf und geistvoll geschnitten, als den berühmten Professor der Ethik, Dr. James Cadwalleder B. Mapletree vorstellt. Der berühmte Gelehrte ist so steinalt, daß ich ihm aufs Wort geglaubt hätte, wenn er mir versichert hätte, daß bereits George Washington, Benjamin Franklin und Henry Clay (welch letzterer übrigens keineswegs Zigarrenfabrikant in Havanna, sondern ein 1852 verstorbener bedeutender Staatsmann ist) bei ihm Colleg gehört hätten. „Froh, Sie zu treffen, Baron“, beginnt der große Gelehrte, mir kräftig die Hand drückend, und wissend, daß ihm nicht viel Zeit gegeben ist, knüpft er gleich eine Frage über den Stand der Ethik in Deutschland als wissenschaftliche Disziplin sowie als bewußte Ausdrucksform der Volks[pg 16]seele an. Ich erinnere mich zum Glück, daß ich jahrelang eifriges Mitglied des Ethischen Klubs im Kellerlokal des Hofbräu-Ausschankes in der Französischen Straße in Berlin gewesen bin und erkläre ihm, daß wir in der Ethik durchaus obenauf,up to datewären und überhaupt...„Move on, please!“ ruft der unerbittliche Usher, und der große Gelehrte bezähmt lächelnd seinen Wissensdurst und läßt sich ohne Murren weiter schieben.Es kommen deutsche Mitglieder der Fakultät an die Reihe, mit denen ich im Fluge gemeinsame Beziehungen in der Heimat entdecke, es kommen Yankees, die wirklich im deutschen Geistesleben zu Hause sind und auch tatsächlich den „Kraft-Mayr“ gelesen haben, es kommt die Vorsteherin einer Mädchenschule, die just meine „Gloriahose“ in ihrer Klasse übersetzen läßt – lauter Menschen, mit denen man sich gern zum Warmwerden in ein Eckchen zurückziehen möchte – es hilft nichts: „Move on, please!“ kommandiert die sanfte Stimme meines Ushers. Folgsam und wohlanständig schieben sich die Hunderte von Menschen, alte und junge, Zierden der Alma mater und feste Säulen der Bürgerschaft, prominente und unerhebliche Leute, Männlein und Weiblein langsam weiter, und alle, die mir mit größerer oder geringerer Ausgiebigkeit die Hand geschüttelt und versichert hatten, daß siesoglücklich seien, mich zu treffen, fragen zwei Minuten später an der nächsten Säule meine Frau, wie es ihr gehe, und sind alle ausnahmslos so glücklich, sie zu treffen. Zuletzt kommt das junge Volk an die Reihe: lustige Studentinnen, die mit einem vergnügten Knall in die Hand einschlagen und die Affäre mit demstereotypen„How d’ye do?“ möglichst rasch erledigen, oder aber kichernd ihre deutschen Brocken anzubringen versuchen. Unter den letzten ist ein lang aufgeschossener Student[pg 17]mit sehr großen roten und kalten Händen, der mir sein deutsches Literaturgeschichtsbuch mit der Bitte überreicht, ihm da etwas hineinzuschreiben.„Stehe ich drin in diesem Leitfaden?“ frage ich den glatten Jüngling.„Ich bin betrübt, nein zu sagen,“ lächelte er verlegen, und ich attestiere es ihm schriftlich in sein Buch hinein, daß das eine ganz miserable Literaturgeschichte sei.Ausgestanden!Gott sei Dank, endlich ausgestanden! 170 Menschen sollen es gewesen sein. Man darf sich endlich setzen und bekommt ein Sandwich oder so etwas ähnliches und selbstverständlich das entsetzliche Eiswasser oder den unvermeidlichen Icecream angeboten. Man nimmt sich einige der Herrschaften beiseite und fragt sie auf Ehre und Gewissen, ob sie etwa durch diese „reception“ glücklich geworden seien. Die sind mit uns völlig einig darüber, das solche Veranstaltungen der größte Blödsinn von der Welt seien, so ungeeignet wie möglich, den angeblichen Zweck des gegenseitigen Kennenlernens zu erfüllen. Aber trotzdem: wenn das nächste Mal zur Besichtigung eines importierten Dichters oder eines sonstigen seltenen Tieres eingeladen wird, so sind sie doch alle wieder da. Missis Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) mit ihren sämtlichen Brillanten und mit der Tochter, die inzwischen vielleicht die Mumps überstanden haben wird, Mister und Missis John Dubbleju Uebbäh, der eigentliche Gründer des jetzt so blühenden Gemeinwesens, und die sämtlichen anderen Prominenten der Stadt, die Professoren mit ihren Damen, und auch der achtzigjährige James Cadwalleder B. Mapletree wird sich wieder geduldig in die Reihe stellen und wieder seine Frage nach dem Stand der Ethik in Europa nicht beantwortet kriegen. Es ist nun einmal eine Genugtuung für den richtigen Amerikaner, sagen zu[pg 18]dürfen: „Da und da traf ich den berühmten X. und schüttelte Hände mit ihm.“ Der Präsident der Vereinigten Staaten hat das Vergnügen, alljährlich bei der großen Neujahrsreception Tausenden von Menschen die Hände zu schütteln und jedem einzeln zu versichern, daß ersofroh sei, ihn zu treffen. Unser Prinz Heinrich soll sich nach Beendigung seiner Amerikatour in seine Kabine eingeschlossen und 48 Stunden hintereinander geschlafen haben. Ich glaub’s gerne, daß er das nötig hatte, denn der mußte täglich Bankette und Receptions mitmachen, bei denen noch x-mal so viel Hände zu schütteln und Trinksprüche zu beantworten waren, abgesehen davon, daß er im Laufe des Tages auch noch sämtliche Kriegerdenkmäler, Bibliotheken, bedeutende Fabrikbetriebe, Preisbullen und Deckhengste besichtigen mußte. Auch mir, dem bescheidenen Dichter, wurde der berühmte arabische Deckhengst von Columbus mit seinen hochmütig starren Monokelaugen vorgeführt, auch vor mir tänzelte der kokette Racker, die x-fach preisgekrönte Jerseykuh, auch mir zu Ehren wurden Hekatomben von Schweinen in den Stockyards abgestochen; aber für mich gab es doch immerhin Ruhepausen, stille Tage in befreundeten Familien, zeitweises Untertauchen in Hausrock und Pantoffeln. Für unseren unglücklichen Repräsentationsprinzen gab es das alles nicht, er war von früh bis in die späte Nacht tagtäglich im Geschirr. Seine Nervenleistung war so enorm, daß sie schließlich sogar den Amerikanern imponiert hat.Die erste Frage jedes Eingeborenen der Vereinigten Staaten an den Fremdling, und wäre er auch eben erst in Hoboken gelandet, ist: „Wie gefällt Ihnen Amerika?“ Sie sollten eigentlich fragen: „Wie halten Sie Amerika aus?“ Denn das ist, wenigstens für den offiziell herum[pg 19]gezeigten Mauernweiler, wirklich die Kardinalfrage da drüben. Mein Gott, es ist eben ein ganz junges Volk, und sie sind so ungeheuer stolz auf die riesigen Proportionen ihres Landes, auf die erstaunliche Größe, Neuheit, Kühnheit aller ihrer Unternehmungen, daß jeder Amerikaner den Kitzel in sich verspürt, jeden Fremden, der auf der Straße irgend etwas anstaunt, zu fragen: „Na, was sagen Sie dazu, elender Europäer, bartbewachsenes Blaßgesicht, kolossal, was? Habt Ihr drüben nicht!“Die reizende Reporterin.In Philadelphia wurde ich von einer reizenden jungen Reporterin interviewt. Selbstverständlich: „How do you like America“ usw., und dann kam die verfängliche Frage: „Und was denken Sie von unserer Kultur?“ Da kratzte ich mir den Kopf und sagte: „Mein liebes Fräulein, in diese Mausefalle spaziere ich Ihnen nicht.“ Und nun schlug das süße Ding seine wunderschönen Augen mit einem so traurig enttäuschten, kindlich erschrockenen Blick zu mir empor – ich werde diesen rührenden Blick nie vergessen! Und um Ihrer schönen traurigen Augen willen, reizendes Fräulein von Philadelphia, gedenke ich nunmehr alle meine Eindrücke von meiner Amerikafahrt unter dem Gesichtspunkt zu revidieren, daß bei diesem großen Volke eben alles noch Jugend, holde, wilde, ungezogene, starke, unanständig gesunde Jugend ist.[pg 20]Die Yankeerasse.Angelsachsen und Kelten. Rassestolz. Töchter im Tauschhandel.Es ist ein weitverbreiteter europäischer Irrtum, daß sich in den Vereinigten Staaten Nordamerikas allmählich durch energisches Umrühren eines überaus buntscheckigen Völkergemisches die Bildung einer neuen Rasse vollziehe. Ich gestehe, daß ich mich, bevor ich selber drüben war, gleichfalls in diesem Irrtum befunden habe und mir von jenem zukünftigen form- und farblosen Völkerbrei nichts Gutes versprach. Wer aber mit offenen Augen und ohne vorgefaßte Meinung sich die Menschen in den Vereinigten Staaten anschaut und von verkeilten Theoretikern sich nichts weis machen läßt, der muß zu der Erkenntnis kommen, daß es drüben (mit Ausnahme der südlichsten Staaten) nur Yankees1und Fremdvölker gibt.Der Yankee aber ist ein reiner Großbritannier oder, wenn man will, eine Mischrasse aus Angelsachsen und Kelten, in welcher das keltische Blut stärker vertreten ist als im alten England.Durch die neuen, eigenartigen Lebensbedingungen, vor die seit drei Jahrhunderten die Auswanderer aus den britischen Inseln in dem neuen Weltteil gestellt wurden – drei Jahrhunderte voll harter Kämpfe, wilder Arbeit und glänzender Erfolge – haben sich die guten wie die schlechten Eigenschaften des angelsächsischen und des keltischen Blutes aufs heftigste herauskristallisieren und der neuen, gut durchgemischten[pg 21]Rasse dadurch auch einen neu erscheinenden Charakter aufzwingen müssen. Angelsächsisch im Wesen des Yankees ist sein Kolonisationstalent, seine Zähigkeit im Verfolgen des Zwecks, seine nüchterne Beschränkung auf das Nächstliegende, Nützliche, Erfolgversprechende; dagegen ist auf den keltischen Einschlag zurückzuführen sein leichtherziger Optimismus, sein wagemutiges Spielertemperament, seine Begeisterungsfähigkeit und seine leichte Zugänglichkeit für alle Arten von Korruption. Der als Spieler, Säufer und Raufbold einigermaßen berüchtigte Irländer spielt in der Weltgeschichte gewiß keine besonders sympathische Rolle, aber der englische Puritaner aus Cromwells Zeiten war denn doch noch ein weit üblerer Geselle. Mit den argen Schwächen des Iren konnte seine katholisch gefärbte Phantastik, sein kindlich liebenswürdiger Frohsinn immerhin versöhnen, während die sittenstrenge Lebensführung und die ehrenhafte Geschäftstüchtigkeit des Puritaners doch noch lange nicht hinreichen, um uns mit seiner niedrigen, boshaften Feindschaft gegen die Natur, gegen alles Freie, Frohe, Schöne und mit seinem muffigen Tugendhochmut auszusöhnen. „Der Herr ist mit uns“, war das Feldgeschrei der Pilgerväter – aber dieser Herr war eben ein grimmiger Spezialgott für die Rechtgläubigen, d. h. also für die blinden Anbeter des Bibelbuchstabens. Und dieser grimmige Spezialgott begeisterte sein auserwähltes Volk dazu, die Rothäute mit Feuerwasser und Feuerwaffen auszurotten und die Ketzer mit Skorpionen zu züchtigen. Wenn drüben nicht anfangs die Menschen so rar und die Hände so notwendig gewesen wären, hätten diese europäischen Berserker gerade so eifervoll wie die Dominikaner der Inquisition mit Folter und Scheiterhaufen gegen Papisten und protestantische Sektierer gewütet, so aber begnügten[pg 22]sie sich damit, alle denkenden Köpfe, alle freien Geister, alle vornehmen Menschen geschäftlich lahm zu legen und aus ihren Wohnorten hinauszuekeln. Ein amerikanischer Geschichtsschreiber sagt, daß bei den Puritanern außer Heiraten und Geldverdienen eigentlich alles verboten war. Bei schwerer Strafe im Nichtbeachtungsfalle war jedem Bürger vorgeschrieben, wie er sich zu kleiden und zu benehmen, was er zu essen und zu trinken, was er zu denken und wie er zu fühlen habe. Selbstverständlich wären diese Menschen niemals die Begründer des größten demokratischen Freistaates der Welt geworden, wenn nicht ihre geschäftlichen Interessen sie gezwungen hätten, allmählich einen nach dem anderen von ihren starren Grundsätzen fallen zu lassen. Die Kolonie Rhode-Island, von einem abtrünnigen, grimmig verfolgten Prediger, dem edlen Roger Williams, gegründet, war die erste, welche religiöse Toleranz und wahrhaft freiheitliche Grundsätze einführte, und gerade sie gedieh so sichtbarlich besser als die Puritanerkolonien, daß die frommen Väter am geschäftlichen Vorteil ihrer Strenge zu zweifeln begannen. Das war das Ausschlaggebende. Von jeher hat der angelsächsischen Rasse der praktische Nutzen über allen Idealen gestanden, und ihr klarer, nüchterner Wirklichkeitssinn hat sie noch immer davor bewahrt, sich trotz ihres Hanges zum Spleen in unfruchtbare Träumereien und eigensinnige Prinzipienreiterei zu verlieren. Das englische Denken ist durchausmatter of fact, und diese Eigenschaft hat die Engländer befähigt, die mustergültigsten Kolonisatoren der Neuzeit, Handelsherren großen Stiles und kaltblütige Geschäfts-Politiker zu werden. Für das Klima des nördlichen amerikanischen Kontinents waren darum auch die Angelsachsen die denkbar geeignetsten Besiedler. Die rote[pg 23]Urbevölkerung war trotz ihrer Kriegstüchtigkeit, trotz ihrer Klugheit und Noblesse ihnen gegenüber verloren, denn die Indianer waren fromm naturgläubig und darum hilflos abhängig von der Natur, die für die naturfeindlichen Puritaner nur ein Objekt zur Ausbeutung durch den Menschen bedeutete. Die starke Beimischung keltischen Blutes hat nun, wie gesagt, viel dazu beigetragen, die unsympathischen Charaktereigenschaften der angelsächsischen Rasse zu verwischen. Das feurige Temperament der Kelten besiegte die englische Steifheit und langweilige Ehrpußlichkeit und erzeugte in der Vereinigung jenes Geschlecht von waghalsigen Draufgängern, von willensstarken Optimisten, dem allein das große Werk gelingen konnte, durch die Steppe, durch die Wüste und über das wilde Hochgebirge hinweg bis zu den üppigen Gestaden des Stillen Ozeans vorzudringen und sich selbst zu einer Herrenrasse aufzuschwingen, der alle übrigen von Europa nachdringenden Völker sich ebenso bedingungslos unterwerfen mußten, wie die unglücklichen Eingeborenen. Die unwiderstehliche Kraft des Yankeetums liegt ohne Zweifel in seinem unbeugsamen Rassestolz. Dem Yankee ist es so heilig ernst damit, daß er sich nicht einmal im Spaß, d. h. im freien Verhältnis, viel weniger in der Ehe, mit den Angehörigen der zahlreichen anderen Rassen, die seinen riesigen Kontinent bevölkern, vermischt. Für die lateinischen Eroberer Südamerikas und auch der südlichen Länder des nördlichen Kontinents hat es immer einen, wie es scheint, besonderen Reiz gehabt, sich liebespielerisch mit Frauen anderer Hautfarbe abzugeben. Und was ist dabei herausgekommen? Kreolen, Mestizen, Quatronen usw. usw., ein schauderhaftes Gesindel, das für jede höhere Gesittung verloren ist, zuchtlos, widerstandsunfähig, in Leidenschaften verlottert[pg 24]oder in Trägheit versumpft. Solches Menschenmaterial ist kaum durch Schrecken zu regieren, viel weniger durch friedliche Mittel zu einer höheren Kultur emporzuführen, dennMischmasch-Menschen nehmen eben keine Vernunft an; das Beispiel so mancher südamerikanischen Republik beweist es. Der Yankee-Mann dagegen hat sich selbst in den Zeiten, als die Frauen der größte Luxusartikel im Lande waren, niemals mit Indianermädchen beholfen; seine Vernunft begeisterte ihn zu der Großtat edelster Gerechtigkeit, die Sklaverei aufzuheben in einer Zeit, als diese Sklaverei im Grunde doch noch die einzige Möglichkeit gewährte, die Plantagenwirtschaft der üppig fruchtbaren Länder des heißen Südens durchzuführen. Dennoch hält er es bis auf den heutigen Tag für die größte Schande, die ein Weißer auf sich laden kann, sich geschlechtlich mit den von ihm zu Menschen gemachten Schwarzen zu vermischen. Aber er geht noch viel weiter, indem er auch die aus Europa herübergekommenen anderen weißen Rassen, die Romanen, die Slawen, die Juden, ja selbst die ihm nächst verwandten Deutschen und Franzosen als Menschen zweiter Klasse ansieht! Gewiß heißt er alle Völker der Erde vorläufig noch gastlich willkommen, weil eben noch recht viel Platz in seinem riesigen Lande ist und weil er die Arbeitskraft der Fremden, so lange sie sich bescheiden gebärden und mit Eifer nützlich machen, gut gebrauchen kann. Er gewährt diesen Fremden das Bürgerrecht, er läßt sie an allen Vorteilen seiner freien Einrichtungen teilnehmen, er hat nichts dawider, wenn sie sich von dem Reichtum seines Landes so viel aneignen, als ihnen irgend möglich ist, aber er weiß sie überaus geschickt von den einflußreichen Staatsämtern fernzuhalten und zeigt sich durch[pg 25]aus nicht übermäßig beflissen, um ihre schönen Töchter zu freien oder seine schönen Töchter ihnen ins Haus zu führen. Als im Februar dieses Jahres die Tochter des Milliardärs Jay Gould – nicht etwa einen herunter gekommenen deutschen oder polnischen Adeligen, sondern einen reichen und kerngesunden jungen englischen Lord heiraten wollte, empfingen sowohl die Braut wie deren Eltern aus allen Ländern der Union entrüstete Protestkundgebungen, ja sogar offene Drohungen, daß das Volk die Hochzeit durch Gewalt verhindern werde. Denn, wie es in einem solchen, in allen Zeitungen veröffentlichten Drohbriefe hieß: das gesunde Blut, der reine Leib und die starke Seele der freien Tochter Amerikas sei viel zu schade, um an die Sprößlinge entarteter Herrengeschlechter Europas verhandelt zu werden. Man sieht aus diesem Beispiel, daß der Hochmut der neuen Rasse sich bereits gegen das eigne Stammvolk zu kehren beginnt. Wie erbärmlich leicht werden bei uns in Deutschland Rassen- und Standesvorurteile vergessen, wenn sich eine Gelegenheit findet, den verblaßten Glanz eines alten Wappens durch die Mitgift einer jüdischen Braut aufzufrischen! Wenn ein Yankee eine Jüdin heiratet – der Fall dürfte übrigens selten genug vorkommen – so tut er es sicher aus Liebe, wie denn überhaupt die Geldheiraten in unserem Sinne unter den Yankees äußerst selten sind, weil es durchaus nicht Sitte ist, den Töchtern bei Lebzeiten der Eltern einen Teil des Vermögens in Gestalt einer Mitgift auszuliefern. Die Leichtigkeit des Verdienens und das Zutrauen, das jeder junge Amerikaner zu seinen Fähigkeiten und zu seinem Glück hat, macht tatsächlich die Liebesheirat zu dem normalen Verfahren, und damit ist auch schon eine starke Gewähr für die Aufrechterhaltung einer kräftigen Rasse durch natürliche[pg 26]Zuchtwahl geboten. Die bevorzugte Stellung der Frau spielt selbstverständlich unter den günstigen Bedingungen für die Verbesserung der Rasse auch eine wichtige Rolle. Die Frau ist in dem neuen Weltteil Jahrhunderte hindurch von den rauhen Pionieren wie eine Halbgöttin verehrt, wie ein Kätzchen verhätschelt worden. Niemals wurde ihr harte körperliche Arbeit zugemutet, niemals wurde ihren Schwächen, Launen und Eitelkeiten mit Grobheit begegnet, immer sah es der Mann als eine gern geübte Pflicht an, seine Kräfte bis aufs äußerste anzustrengen, um es der Frau zu ermöglichen, sich gut zu nähren, schön zu kleiden und in Muße ihre geistigen Anlagen zu pflegen. Die Folge dieser Behandlung war die, daß sich die Yankee-Frau, wenigstens körperlich, zur schönsten der Welt entwickelte. Allerdings wird diese Schönheit, vornehmlich was die Gesichtsbildung betrifft, von den meisten Europäern als kalt empfunden, auch fehlt ihr die weiche, schmiegsame Üppigkeit z. B. der Wienerinnen zumeist; aber unbestreitbar verdient sie den Preis von allen Frauen der Welt in bezug auf die Schmalheit des Fußes und die edle, schlanke Form des Beins. In ihrem Sinn für Eleganz, in ihrem aparten Geschmack für Kleidung kommt sie sogar der Pariserin mindestens sehr nahe. Da sich diese schöne und verwöhnte Frau nur äußerst selten zu mehr als zwei Kindern bequemt, erhält sie sich lange jung und frisch, und man sieht daher in den Vereinigten Staaten mehr schlanke, bewegliche, muntere und hübsch angezogene alte Damen, wie sonst irgendwo in der Welt. Übrigens hat die Rasse von England den Sinn für vernünftige Körperkultur, besonders für peinlichste Reinlichkeit mitgebracht, und diese Erbschaft ist auch den Männern zugute gekommen. Die Arbeit, die die ersten Kolonisten zu leisten hatten, und in den neuen Staaten heute noch[pg 27]leisten müssen, vollzog sich ja zumeist im Freien, und der stete Kampf mit Hitze und Kälte, mit wilden Tieren und Menschen, mit den bösen Fiebern der Sumpfgegenden, mit Hunger und Durst in den Wüsteneien raffte das widerstandsunfähige Menschenmaterial hinweg und ließ nur die Stärksten mit dem Leben davon kommen. Diese unerbittliche Auslese schuf ein Kapital von Muskel- und Nervenkraft, wovon die Männlichkeit der Nation noch auf eine gute Weile zu zehren haben wird. Außerdem ist es durch Gesetz streng verboten, Kranke oder gar Krüppel aus der alten Welt an den Gestaden der neuen landen zu lassen.Kongreß deutscher Mißgeburten.Unmittelbar nach meiner Rückkehr aus Amerika besuchte ich ein beliebtes Kaffeehaus in Berlin. Es war die erste größere Versammlung deutscher Menschen, die mir nach einer Abwesenheit von ungefähr vier Monaten wieder vor Augen kam. Und ich muß gestehen, ich war entsetzt, nein, geradezu erschüttert über den Anblick von so viel Garstigkeit. Diese Speckwampen, diese Bierbäuche, Kahlköpfe, X- und Säbelbeine, diese verpustelten und verpickelten, grämlich grauen, brutalen oder schwächlichen, gierigen oder ärgerlich verknitterten Gesichter gehörten also meinen lieben Landsleuten! Und mit diesen in ihrem schwappenden Fett schwankend daher watschelnden, geschmacklos aufgedonnerten Madams, mit diesen käsbleichen, blaßäugig blöden, stumpfnasigen, schiefzähnigen, feuchthändigen und dickbeinigen Jungfrauen hatten sie bereits oder gedachten sie fürderhin ihren Nachwuchs zu erzeugen! Herzzerkrampfend schauderhaft! Gewiß war es ein tückischer Zufall, der mich gerade bei meinem ersten Ausgang auf diesen Kongreß von Mißgeburten stoßen ließ, aber daß unsere arg vermanschte Rasse immer noch von dem ganzen Jammer der deutschen Geschichte[pg 28]in ihrer körperlichen Erscheinung Zeugnis ablegt, und erst neuerdings in der kultiviertesten Oberschicht und in der Generation, die bereits die Segnungen einer nach englischem Muster betätigten Säuglingspflege und einer vernunft- und naturgemäßen Lebensweise genossen hat, sich deutlich zu verschönern beginnt, das scheint mir leider unbestreitbar. Drüben in den Vereinigten Staaten ist der Deutsche und besondersdieDeutsche der ersten Generation meist auf den ersten Blick vom Yankee zu unterscheiden. Dem deutschen Einwanderer wird es, auch wenn er zu Wohlhabenheit und angesehener gesellschaftlicher Stellung gelangt, im allgemeinen doch recht schwer, sich die freie, selbstsichere Nonchalance der Haltung und die guten Manieren des gebildeten Yankees anzueignen. Und die deutsche Auswanderin lernt nur in sehr seltenen Fällen Toilette machen und scheint im höheren Lebensalter unrettbar zu verfetten. Die Kinder dieser Einwanderer sitzen aber in der Schule neben sehnig schlanken, körperlich glänzend gepflegten Yankeekindern. Der vornehmste Zweck dieser Schule ist, den Kindern die Überzeugung beizubringen, daß es ein unüberschätzbarer Vorzug sei, als amerikanischer Mensch auf die Welt zu kommen, daß sich alle übrigen Weltteile, alle übrigen Völker nicht im entferntesten mit der unerhörten Vorzüglichkeit der Vereinigten Staaten und der stolzen Yankeerasse messen könnten. Selbstverständlich lernt das Kind die englische Sprache sehr bald viel besser beherrschen, als es seinen Eltern jemals möglich wird. Es kommt dazu, daß das amerikanische Leben, die ganze Art der Erziehung die Beobachtungsgabe der Kinder außerordentlich schärft. Da können nun die deutschen Kinder nicht umhin, Vergleiche anzustellen und sich darüber ihre Gedanken zu machen; zudem lassen es die Yankeekinder an[pg 29]boshaften Sticheleien nicht fehlen. Ich habe selber gehört, wie ein Yankeebübchen einem deutschen Knaben, der bei irgendeinem Unternehmen mitzutun zauderte, weil sein Vater es ihm verboten hätte, verächtlich die Achsel zuckend entgegnete: „Ich würde mich doch nicht darum kümmern, was der olle Dutchman sagt.“ („I would’nt care, what that old Dutchman says.“) So wird es selbstverständlich der Kinder größter Ehrgeiz, in ihrem Äußeren zunächst ihre Abstammung zu verleugnen und sich dem Wirtsvolk anzuähneln. Und dieser Ehrgeiz entwickelt sich naturgemäß bei den geistig beweglichsten Kindern am stärksten. Es ist erstaunlich, wie rasch durch solche Selbstzucht oft die deutschen Kinder ihren Eltern unähnlich werden. Die Söhne schießen um Kopfeslänge über ihren Vater hinaus, und wenn sie zum ersten Mal dem amerikanischen Barbier unter die Finger geraten sind, so ist der smarte Yankeejüngling mit der aristokratischen Sicherheit seines schlottrig flegelhaften Auftretens bald fertig. Zu Hause liegen seine langen Beine auf allen Möbeln herum, und er trifft mit tödlicher Sicherheit die messingene Spuckvase in der entferntesten Ecke des Zimmers. Das sechzehnjährige Töchterchen aber kann seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten sein und wird ihr doch so unähnlich wie ein geraubtes Grafenkind seiner zigeunerischen Ziehmutter. Die Yankee-Miß führt in ihrer kecken Selbständigkeit ein so beneidenswertes Dasein, daß jedes deutsche Mädchen, wenn anders es nicht völlig auf den Kopf gefallen ist, sich mit Händen und Füßen dagegen sträuben müßte, sich von einer törichten Mutter gewaltsam zu einem ängstlich daher stolpernden, unmotiviert kichernden und errötenden, Sittigkeit und Bescheidenheit markierenden Backfisch dressieren zu lassen.[pg 30]Die Kinder der Einwanderer. Antisemitismus?So spornt das Beispiel der stärkeren und gesunderen Rasse die körperlich und geistig bevorzugtesten unter den Kindern der fremden Einwanderer mächtig zur Anpassung an. Die zweite Generation, vornehmlich der deutschen Einwanderer, weist schon recht zahlreiche Exemplare auf, die von echten Yankees kaum oder gar nicht zu unterscheiden sind – und dennoch verhält sich der Yankee selbst diesen seinen talentvollsten Nachahmern gegenüber in bezug auf die Ehe immer noch ziemlich spröde. Er sieht die Deutschen sehr gern in seinem Lande, er schätzt sie hoch als ehrliche, anständige Menschen, die der politischen Korruption einen zähen Widerstand entgegensetzen, die mit ihren geschickten Händen, ihrem Fleiß, ihrer Geduld zu allen feineren Handwerken vorzüglich geeignet und mit ihrer Klugheit und Gewissenhaftigkeit für allerlei ruhige Ämter, die dem Yankee zu langweilig sind, und schließlich auch in der Kunst und Wissenschaft ganz hervorragend brauchbar sind – und dennoch gibt er ihnen seine Töchter nicht gern zur Ehe! Nicht anders ist es mit den Angehörigen der romanischen, slawischen, mongolischen und semitischen Völker. Sie hocken alle in gewissen Stadtvierteln oder Straßenzügen der Großstädte, oder in kleineren Ansiedlungen auf dem Lande dicht beieinander und bleiben, obwohl mit allen Rechten des freien Bürgers der Vereinigten Staaten ausgestattet, fremde Einsprengsel in dem gastlichen Lande. Die Juden z. B. haben es ebenso wie in Europa zum großen Teil zu bedeutendem Wohlstand gebracht. Sie entwickeln unter den freiheitlichen Grundsätzen der Gesetze und Anschauungen einen ungeheuren Ehrgeiz und Lerneifer. In der Presse, in der Literatur, im Theater, in der Rechtsanwaltschaft und im ärztlichen Beruf haben sie, geradeso wie in Europa, die Oberherrschaft erlangt. Einzelne[pg 31]ihrer Mitglieder sind als Inhaber großer Bankhäuser zu einem weltumspannenden Einfluß gelangt, und dennoch haust die große Masse derselben noch immer im Ghetto beisammen. Die meisten Yankees würden, wenn man ihnen den Vorwurf des Antisemitismus machen wollte, erstaunt die Brauen hochziehen und gar nicht wissen, was das sei; nichtsdestoweniger findet man auf den gesellschaftlichen Veranstaltungen auch schwer reicher Juden kaum irgend welche Yankees von Belang, und in den vornehmsten Badeorten und vielen Hotels ersten Ranges werden Juden überhaupt nicht zugelassen!Wenn die Deutschen in der Zeit der großen Massenauswanderung, als auf dem nordamerikanischen Kontinent noch weite Gebiete herrenlos und unkultiviert waren, für sich ein solches Neuland erobert, zäh festgehalten, und alle neu zuströmenden Landsleute hätten zwingen können, sich dort gleichfalls anzusiedeln, dann hätten die Deutschen einen starken Staat im Staate bilden können und ihre Selbständigkeit zu wahren vermocht, auch wenn sie sich dem Staatenbund angeschlossen hätten. Diese Gelegenheit ist endgültig verpaßt. Aber damit sie in den anderen jungfräulichen Weltgegenden nicht abermals verpaßt werde, gehet hin, ihr lieben Landsleute, und lernt von den Yankees, was das unerschütterliche Kraftbewußtsein einer starken, gesunden Rasse vermag und wie man seine Rasse rein erhält!
[pg 1]Als Mauernweiler in Dollarica.Ein rechtschaffener „teutscher Tichter“ schlägt drei Kreuze vor dem Gedanken einer Auswanderung nach den Vereinigten Staaten. Nikolaus Lenau, der seinerzeit aus Begeisterung für die Freiheit und für die biederen Rothäute hinübersegelte, hat bekanntlich das nächste Retourschiff benutzt, und sein Entsetzen hat ihn das Wort prägen lassen von dem Lande, in welchem die Vögel keine Lieder und die Blumen keinen Duft hätten. (Eine Behauptung, die übrigens nicht einmal zutrifft.) Auch Detlev v. Liliencron mochte kein intimes Verhältnis mit der Dame Dollarica eingehen, weil sie gar keine Miene machte, ihm von ihrem Überfluß an Dollars etwas abzugeben. Ich vermute, daß sie ihn zunächst hat Flaschen spülen lassen, eine Prüfung auf die männliche Tüchtigkeit, die sie allen gestrandeten Offizieren und sonstigen mit Bildung oder hohen Lebensansprüchen beschwerten, zu grober Handarbeit jedoch untauglichen deutschen Gunstbewerbern zunächst einmal auferlegt. Wilhelm v. Polenz, der nicht mit den Hintergedanken eines galanten Räubers, sondern nur mit einem Scheckbuch bewaffnet einige Monate im Lande herumreiste, kehrte dagegen zufrieden und bereichert heim und bescherte uns, als Frucht seines fleißigen Studiums, sein schönes und gerechtes Buch „Das Land der Zukunft“. Dafür war aber auch Polenz kein solch närrischer Lyriker, der in zornige Tränen ausbricht, wenn ihm ein fremder Weltteil nicht den Gefallen tut, Nachtigallen in Kaktushainen schlagen und Affen auf Lindenbäumen herumklettern zu lassen. Paul Lindau, der welt-,[pg 2]witz- und wortgewandte, ist durch das Land geflitzt und hat eine Masse von Eindrücken gleich bunten Schmetterlingen im Vorbeifliegen mit „gewandter Feder“ feuilletonistisch aufgespießt; gelegentlich der großen Weltmessen von Chicago und St. Louis ist auch sonst wohl noch der und jener aus unserem Federvolke mit drüben gewesen, um mit mehr oder minder leichtsinniger Wichtigkeit den Maßstab seiner kleinen Person an die Ungeheuerlichkeit der Verhältnisse da drüben zu legen, und sie sind alle, durch starke Eindrücke bereichert, heimgekehrt. Erst seitdem einige hervorragende Deutsch-Amerikaner mit Hilfe der Professoren der germanistischen Fakultäten und Unterstützung etlicher für deutsche Kunst und Wissenschaft eingenommener amerikanischer Mäzene dieGermanistic Society of Americagegründet haben, ist es möglich geworden, richtigen deutschen Dichtern und Gelehrten, ohne Rücksicht auf Geldverdienst und etwaige lyrische Sentimentalitäten, die große Kinderstube im fernen Westen, das Märchenland der absoluten Gegenwärtigkeit, zu zeigen und andererseits diese seltsamen Tiere dem amerikanischen Volke lebend vorzuführen. Auf diese Weise sind Ludwig Fulda, Hermann Anders Krüger, Karl Hauptmann und zuletzt der Schreiber dieser Zeilen dazu gelangt, ihren deutschen Landsleuten drüben, sowie den für deutsche Geistesart interessierten Amerikanern lebendige Kunde vom deutschen Dichten der Gegenwart zu bringen.Psychologie des Publikums.Ich habe im Laufe von etwa acht Wochen an neunzehn Universitäten und Colleges, sowie fünfzehnmal in deutschen Vereinen gesprochen. Ich habe dabei teils aus meinen Werken rezitiert, teils die letzten dreißig Jahre deutscher Literaturgeschichte in skizzenhaften Schilderungen persönlicher Eindrücke und Begegnungen durchgenommen, oder[pg 3]mich über das Theater der deutschen Gegenwart verbreitet, oder endlich mit Unterstützung meiner Frau die Entwicklungsgeschichte des deutschen Volksliedes behandelt. Und daß ich diese kleine Singefrau mit hatte, war sehr gut. Denn wo immer sie in die Zupfgeige griff und ihre Volkslieder aus alten Zeiten erschallen ließ, da leuchteten die Augen, da war der Jubel groß, und die gewohnten Redensarten eines höflichen Dankes bekamen einen echten Herzensklang. Sie haben mir ja auch die Frau nicht wieder herausgegeben, als ich nach getaner Arbeit heimwärts strebte; sie haben sie mit sanfter Gewalt da behalten, weil sie von ihr noch lange nicht genug hatten. Das soll nun nicht etwa heißen, daß ich mich über eine laue Aufnahme oder über Unverständnis zu beklagen gehabt hätte. Ganz im Gegenteil: man muß bei uns schon bis nach Wien gehen, um eine solche Temperatur der dankbaren Begeisterung zu finden; aber ich merkte doch sehr bald, daß ich diesen lebhaften Beifall vornehmlich meiner rezitatorischen Leistung sowie dem Umstande zu verdanken hatte, daß ich einen wichtigen Teil meines Wesens vorsorglich unterschlug. Als praktischer Theatermann habe ich die Kunst gelernt, unterhaltende Programme zusammenzustellen, und auf die Psychologie der Massen verstehe ich mich auch einigermaßen; das ist der Grund, weshalb mir’s drüben so gut gegangen ist. Ich wußte schon vorher genug über den Geschmack des amerikanischen Publikums, um ungefähr beurteilen zu können, welche meiner Werke und Anschauungen für drüben möglich wären und welche nicht. Und da mußte von vornherein vieles von dem als unmöglich ausgeschlossen werden, womit ich mir hier meine wertvollsten Erfolge geholt und meiner literarischen Persönlichkeit überhaupt erst feste Umrisse gegeben habe. Die Natürlichkeiten der[pg 4]Erotik sind bei den Angloamerikanern ebenso von der öffentlichen Besprechung und künstlerischen Gestaltung ausgeschlossen wie die heiligen Stoffe, und die Deutsch-Amerikaner, die lange genug drüben gelebt haben, sind immerhin von diesem Puritanertum soweit angesteckt, daß die Grenzen des künstlerisch Erlaubten bei ihnen nicht weiter gehen als etwa beim deutschen Familienblatt älteren Stils. Du lieber Himmel – und ich bin der Verfasser des „Dritten Geschlechts“, der „Geschichten von lieben süßen Mädeln“ und gar „des Erzketzers“ und habe niemals einen Beitrag zur „Gartenlaube“ oder zum „Daheim“ geliefert! Selbstverständlich hatte ich wohl ausnahmslos an jedem meiner Vortragsabende ein paar literarisch gebildete, vorurteilslose Leute unter meinem Publikum, die sich gerne hätten stärker beschwören lassen; aber ich sollte mich doch der Mehrheit erfreulich und nützlich machen, den des Deutschen beflissenen Studenten englischer Zunge und besonders den aus allen Bildungsschichten zusammengewürfelten Deutsch-Amerikanern.Humoristische Lichter. Was sie alles komisch finden.Mit den Versen gab’s wenig Schwierigkeit. Meine Balladen und Hymnen auf die moderne Technik mußten ja in dem Lande der technischen Hochkultur zünden, und auch von den satirischen Scherzgedichten wurde das meiste verstanden; aber mit der Auswahl von Prosastücken hatte ich meine liebe Not, und bei meinen Streifzügen durch die deutsche Literatur der letzten dreißig Jahre bemerkte ich auch gar bald, wie wenig davon selbst dem gebildeten Publikum bekannt war. Sobald ich bei einer meiner Lieblingsfiguren etwas länger verweilte oder den Versuch machte, ein bißchen in die Tiefe zu bohren, bemerkte ich, wie sich alsbald ein suggestives Gähnen durch die Reihen fortpflanzte und die teilnahmsvoll ge[pg 5]spannten Züge zu erschlaffen begannen. Da mußte ich mich denn beeilen, mit einer scherzhaften Anekdote oder einer satirisch zugespitzten Bemerkung die entflatternde Aufmerksamkeit wieder einzufangen. Wie in so vieler anderer Beziehung, so sind die Amerikaner auch darin noch auf einem kindlichen Standpunkt, daß sie, und zwar nicht nur die Jungen, sondern auch die Alten, durchaus lachen wollen, wenn sie sich zu irgendwelchem Zwecke in Massen versammeln. Der Politiker muß so gut wie der Universitätsprofessor und sogar der Kanzelredner Witze machen, wenn er sein Publikum fesseln will. Kein Redner wird jemals in diesem Lande Erfolg haben, der nicht zum mindesten die Kunst versteht, selbst ernstesten Gegenständen humoristische Lichter aufzusetzen. Ich habe eine feierliche Universitätssitzung mitgemacht, bei welcher der Präsident der Universität eine ausgezeichnete Gedenkrede auf eine verstorbene Leuchte derselben hielt. Es war ein kalter, nebliger Morgen und man saß in Überziehern und Galoschen da, aber sobald der Vortragende eine drollige Wendung gebrauchte, einen freundlich heiteren Zug aus dem Leben des Gefeierten erzählte, oder gar eine witzige Nutzanwendung machte, erwärmte sich die frierende Gesellschaft an lautem Gelächter. In dem amerikanischen nationalen Drama, derBlood and Thunder-Show, muß die erbauliche Abwechslung zwischen Leichenaufhäufung unter Revolvergeknatter und sentimentaler Rührung über unmenschliche Edelmutsausbrüche (vom obligaten Tremolo der Geigen begleitet) in regelmäßigen Abständen von derbenClownspäßenunterbrochen werden, um dem guten Volke schmackhaft zu bleiben, und der bekannte kleine polnische Jude, der auf die Frage, wie ihm der „Tristan“ gefallen habe, achselzuckend erwiderte: „Nu, mer lacht“, könnte hier leicht manches Gegen[pg 6]stück finden. Das ist nun etwa nicht als besonderes Schandmal der amerikanischen Unkultur aufzufassen, denn der Banause hat in der ganzen Welt der Kunst gegenüber genau denselben Standpunkt: er schätzt sie bestenfalls als erheiternden Zeitvertreib. Die geistige Erhebung durch tragische Erschütterung vermag er ebensowenig zu genießen, wie die rein ästhetische Freude an der schönen Form; sein Interesse hängt rein am Stofflichen, am gröblich Sinnfälligen, an der handgreiflichen Moral oder Tendenz. Da in Amerika noch nicht viele Leute und auch diese erst seit kurzem Zeit gefunden haben, ihre etwaigen ästhetischen Veranlagungen zu pflegen, so ist es selbstverständlich, daß es dort im Verhältnis zur Einwohnerzahl sehr viel weniger ästhetisch interessierte Menschen gibt als bei uns, und unsere guten Landsleute können von dieser Regel um so weniger eine Ausnahme machen, als sie ja zum weitaus überwiegenden Teil von gänzlich amusischer Herkunft sind. Die deutschen Amerikaner, die heute vornehmlich sich eine Ehrenpflicht daraus machen, den Zusammenhang mit der deutschen Geisteskultur aufrecht zu erhalten, setzen sich zusammen aus den Überresten der achtundvierziger Emigranten und ihrer Nachkommen, aus den neuerdings Eingewanderten mit akademischer Bildung, die hier als Lehrer und Lehrerinnen, als Ärzte, Künstler usw. eine Lebensstellung gefunden haben, und endlich aus einigen nicht allzu zahlreichen Nachkommen von Leuten, die in Handel und Gewerbe hier ihr Glück gemacht haben und daher imstande waren, ihren Kindern eine höhere Schulbildung zuteil werden zu lassen. Die vielen deutschen Vereine sind folglich auch noch nicht imstande, sich rein künstlerischen und literarischen Bestrebungen zu widmen. Sie scheiden sich mehr nach Landsmannschaften oder[pg 7]Gesellschaftsschichten als nach geistigen Ansprüchen. Man darf also nicht erwarten, für irgend welche wissenschaftlichen oder künstlerischen Darbietungen in den Vereinigten Staaten ein so homogenes, wohlgezogenes und anspruchsvolles Publikum zu finden, wie etwa in unseren deutschen literarischen Gesellschaften, kaufmännischen oder auch selbst sozialdemokratischen Bildungsvereinen. Man kann aber sicher sein, überall unter seinen Zuhörern eine Anzahl fein gebildeter und verständnisvoller Menschen zu finden, wenn es auch nur eine kleine Minderheit sein mag. Für diese Minderheit wird man dann aber, wenn man seine Mission ernst nimmt, sein Bestes geben und die Kleinen und Armen im Geiste nach Möglichkeit durch Konzessionen an ihr Unterhaltungsbedürfnis mit zu ziehen suchen. Manchmal kann es einen freilich bei solchen überraschenden Ausbrüchen kindlicher Heiterkeit kalt überlaufen. Im Hörsaal der Universität zu Rochester wollten sich Studenten deutscher Abkunft halb tot lachen über die von mir berichtete traurige Tatsache, daß Liliencron im Feldzuge von 1870/71 diverse Kugeln in den Leib bekommen habe, von denen ihm alle paar Jahre eine im Operationssaal der Universitätsklinik zu Kiel herausgeholt wurde! Und in derHigh Schoolvon Youngstown (Ohio) kreischten dieBoysundGirlsvor Vergnügen, als ich ihnen die tief ergreifende Ballade von der Großmutter Schlangenköchin übersetzte. Über die Fischlein, die die böse Hexe mit einem Stock im Krautgärtlein fängt, und gar über „The black and tan Doggie, that burst into a thousand pieces“ (das schwarzbraune Hündlein, das in tausend Stücke zersprang), bogen sie sich krumm vor Lachen, und meine Frau, die sie gerade durch diese Ballade zu Tränen zu rühren gedachte, war blaß vor Schrecken, – hat sie aber dann doch zu packen[pg 8]gekriegt, diese robusten Neuweltler, denen die lieb herzige Einfalt des deutschen Märchenstiles so siebenfach versiegelt ist.Sehenswürdigkeiten und Gastfreundschaft. Nervös sind sie nicht.Wenn man in den Vereinigten Staaten unter den Auspizien einer hochangesehenen Gesellschaft reist, so bekommt man eine deutliche Vorstellung davon, wie angenehm und erhebend es sein muß, als Fürstlichkeit durchs Dasein zu wallen. Genau so wie bei uns eine die Provinzen bereisende bessere Fürstlichkeit wird man nämlich in den Vereinigten Staaten behandelt, sobald man offiziell als großes Tier, als illustrer Gast gemanagt wird. Am Bahnhof Empfang durch ein Komitee, das einen in das erste Hotel der Stadt geleitet, wo man sich kaum des Reiseschmutzes entledigt hat, als einem auch schon die Reporter auf den Leib rücken. In der kurzen Zeit, die einem das Komitee zum Säubern und Ausruhen gönnt, (meistens ist man ja die Nacht durch gefahren, denn die einzelnen Vortragsstädte liegen nicht selten so weit auseinander wie etwa Berlin und Neapel!) muß man mehrere Interviews über sich ergehen lassen, bei denen einen der stete Zweifel nervös macht, wer von beiden der größere Esel sei, der Interviewer oder der Interviewte. Dann tritt das Komitee wieder an, um einem die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen, wobei zu bemerken ist, daß im ganzen Osten bis zum Mittelwesten der Union, bis hinauf an die kanadische und hinunter an die virginische Grenze eine Stadt genau so reizlos und uninteressant ist wie die andere (mit vielleicht einziger Ausnahme von Boston und Washington), daß die Kriegerdenkmäler noch erheblich fürchterlicher sind als bei uns, und man die berühmtesten Bauten meistens schon im Original in Europa gesehen hat. Erfreulich werden diese Besichtigungsfahrten nur, wenn sie aus den wüsten Steinhaufen der[pg 9]Citys hinaus ins Land führen und man einen schönen Tag erwischt. Architektonisch interessante Villenviertel mit reizenden Schmuckgärten wie bei uns gibt es freilich kaum irgendwo. Aber wenn die Sonne lacht, sind selbst die zum Gähnen einförmigen gemütlichen Holzhäuschen, mit denen auch sehr wohlhabende Amerikaner glücklich und zufrieden sind, eine Wohltat zu sehen. Nachdem der ästhetische Graus der Städte dergestalt überstanden ist, geht es zum Lunch, und der ist eigentlich immer erfreulich und gemütlich, gleichviel ob man in eine wildfremde Familie, in ein feines Restaurant oder in einen exklusiven Klub geladen ist. Denn die amerikanische Gastfreundschaft, mag sie von Yankees oder Deutschen ausgeübt werden, ist über alles Lob erhaben. Und wenn bei solchen Gelegenheiten das Menü nur nicht zu amerikanisch und die Gastgeber keine Teatotalers sind, so kann man sich seines Lebens freuen, ohne durch steife Förmlichkeit oder durch aufdringliche Protzerei geärgert zu werden. Nicht selten ist bereits mit dem Lunch eine kleinereceptionverbunden, d. h. nach dem Essen treten mehrere Dutzend Menschen, die ganze Fakultät, wenn der Gastgeber ein Professor ist, die ganze Freundschaft und Verwandtschaft, wenn der Empfang inoffiziell ist, in den zumeist winzig kleinen Stuben an, um Bekanntschaft zu machen. Das ist die mildeste Form der „reception“. Man hört alle Namen, schüttelt alle Hände, schwätzt ein Stündchen herum und hat im Fluge einen oberflächlichen Eindruck von dem Verkehrskreis des Gastgebers gewonnen, vielleicht sogar eine wirklich interessante Persönlichkeit flüchtig angebohrt. Ist man an ein Komitee geraten, das bereits Erfahrungen mit europäischen Nerven gemacht hat, so darf man sich zu einem Ruhestündchen zurückziehen, andernfalls geht es ohne Gnade und Barm[pg 10]herzigkeit weiter im Programm. Man wird zur Besichtigung der Universitätsinstitute, der Bibliotheken, der Laboratorien, Museen, bemerkenswerter Fabrikbetriebe oder was es auch immer sei, mit Vorliebe auch zu dem Gouverneur des Staates oder doch mindestens zum Bürgermeister der Stadt geschleppt. Wenn man bedenkt, daß so ein Gouverneur der konstitutionelle Regent eines Landes ist, das in den meisten Fällen größer als das Königreich Bayern, in einigen Fällen sogar größer als ganz Deutschland ist, so ist man erstaunt über die leichte Zugänglichkeit und jeder steifen Förmlichkeit abholde Art dieser großen Herren. Sie haben natürlich keine Ahnung davon, wer man ist, aber sie beteuern, über die Bekanntschaft entzückt zu sein, und stellen sich aufs Liebenswürdigste unseren Wünschen zur Verfügung. Mittlerweile wird es dann Zeit, sich zumdinnerinfull dresszu werfen. Dabei geht es ohne mehrere Toaste niemals ab, denn der Amerikaner redet gern und hervorragend gut, und man muß sein bißchen Witz gehörig zusammennehmen, um diesem nationalen Talente gegenüber mit seiner Antwort zu bestehen. Hat man den Abend frei, so ist solch eindinnerum 7 Uhr eine erquickliche Angelegenheit; denn nirgends existiert in Amerika die deutsche Unsitte, stundenlang bei Tische zu sitzen, eine unmögliche Masse von Speisen und ebenso viel verschiedene, in der Schwere sich steigernde Weinsorten eingepumpt zu bekommen. Große offizielle Festessen dehnen sich freilich auch sehr lang aus, aber nicht wegen der Länge des Menüs, sondern nur wegen der nationalen Sitte, die Schleusen der Beredsamkeit erst nach dem Dessert zu öffnen.ToastmasterundChairmanregulieren den Strom nach parlamentarischer Sitte, und wenn die Rednerliste erschöpft ist, beginnt erst der echt amerikanische[pg 11]Hauptspaß, indem derToastmasternoch unter den besonders prominenten, durch ihre Eigenart berühmten oder berüchtigten Anwesenden eine ganze Anzahl zu Improvisationen reizt. Selten daß einer auf solche Reizung nicht reagiert. Natürlich reitet bei dieser Gelegenheit jeder sein Steckenpferd, wobei aber erst recht viel witziges oder gedankenreiches Eigengut zutage gefördert wird. Schlimm ist es, wenn man unmittelbar nach dem Essen seinen Vortrag halten muß, wie das gar nicht selten vorkommt. Und noch schlimmer, wenn einem, wie mir das auch passiert ist, erst beim Besteigen der Rednertribüne vom Vorsitzenden zugeraunt wird, daß man doch gefälligst nur eine Stunde lang sprechen möge – über ein Thema, das in dreien kaum halbwegs gründlich zu erledigen wäre! Diese beneidenswert robusten Neuweltler nehmen eben als selbstverständlich an, daß ein Mensch, der einen Beruf, ein Geschäft daraus macht, öffentliche Vorträge zu halten, jederzeit und unter allen Umständen bereit sein müßte, sie aus der Pistole zu schießen. Daß wir schwächlichen Ostleute zu jeder geistigen Leistung Sammlung und Stimmung brauchen, das scheinen sie nicht zu verstehen. Dem nervenlosen Amerikaner ist es auch ganz gleichgültig, wie das Lokal ausschaut, in dem er seine Kunst genießt oder seine Bildung bereichert; offene Türen, hin- und herlaufende Menschen, pfeifende und klingelnde Lokomotiven vor den Fenstern, polternde Kegel- unter und probende Gesangvereine über dem Lokal genieren ihn nicht im mindesten. Ich ging an einem Universitätshörsaal vorbei, dessen Tür sperrangelweit offen stand; im Korridor trappten laut schwatzende und lachende Studenten auf und ab, aber weder der vortragende Professor noch die eifrig nachschreibenden Hörer ließen sich dadurch auch nur im geringsten stören. In St. Louis[pg 12]waren die Leute, die mein Auditorium in Stand setzen sollten, ausgeblieben. Infolgedessen war das Lokal so schmutzig von Kohlenruß, daß ich einen weißen Handschuh, der mir entfiel, schwarz wieder aufhob und das elektrische Licht versagte; wir saßen also bei einigen Notlampen im Finstern, und ich trug eine rührende Geschichte vom bitteren Leiden und Sterben eines schwindsüchtigen Mädchens unter der rhythmischen Begleitung zweier melodisch knallender Heizkörper vor. Natürlich war ich nahe daran, aus der Haut zu fahren; mein Publikum aber schien durch diese stimmungsmordenden Umstände nicht im mindesten berührt zu werden. Der Vorsitzende bat für diese Übelstände um Entschuldigung, und damit war es gut. Der Amerikaner fügt sich in das Unvermeidliche mit bewundernswerter Ruhe und Geduld. Wenn er gekommen ist, um für sein Geld Kunst zu genießen oder Weisheit zu schlürfen, so führt er diesen Vorsatz auch unter den widrigsten Verhältnissen aus, denn er will auf seine Kosten kommen. Und seine Nerven parieren ihm so absolut, daß er imstande ist, durch einfachen Willensakt während des zartesten Pianissimos einer Sängerin den knallenden Heizkörper oder die läutende Lokomotive nicht zu hören.Nicht vorstellen! Great reception.Die großereception, dieser Schrecken aller Schrecken für berühmte Mauernweiler, diese echt amerikanische „Hetz“, pflegt nach dem Vortrag des zu feiernden Gastes in einem möglichst großen Saale stattzufinden. Der Amerikaner stellt sich bekanntlich nie selber vor. Man kann stundenlang im Eisenbahnwagen miteinander fahren und sich angeregt unterhalten, man kann sogar wochenlang auf einem Dampfer Tisch- und Kabinennachbar eines scharmanten Menschen sein, ohne daß es ihm einfallen wird, sich selber vorzustellen. Und wenn der wackere Deutsche in seiner angeborenen Höflichkeit sich bemüßigt[pg 13]fühlt, einer solch angenehmen Reise- oder Table d’hote-Bekanntschaft gegenüber die Hacken zusammenzuschlagen und mit kommentmäßig heruntergeklapptem Haupte zu schnarren: „Sie gestatten, mein Name ist Müller,“ so riskiert er, daß der Angeredete, ohne sich von seinem Sitz zu erheben, ihn von unten herauf gelangweilt anschaut und mit gequetschtem Nasentone die impertinent zweifelnde Frage zurückgibt: „Aoh, is that so?“ Der Amerikaner hat stets den Ehrgeiz, mit prominenten Leuten bekannt zu werden. Ausländische Berühmtheiten interessieren ihn brennend, und für Leute mit schönen Titeln und langen Namen aus Europa hat er eine besondere Schwäche, aber niemals würde er sich einfallen lassen, eine formlose Vorstellung zu provozieren. Man kann in der guten Gesellschaft nur miteinander bekannt werden, indem man von dem Gastgeber, bei dem man sich trifft, offiziell einander vorgestellt wird. Diesen Zweck erfüllen unter anderen Veranstaltungen auch die berüchtigtenreceptions. Jeder, der nur irgendwelche Berührungspunkte mit der gesellschaftlichen Sphäre oder mit dem Beruf des prominenten Gastes hat, bemüht sich, eine Einladung zu solcherreceptionzu bekommen. Der Vorgang bei dieser hochnotpeinlichen Prozedur, wie ich sie im Staate Wisconsin in musterhafter Form erlebt habe, ist folgender: Man stellte mich an eine Säule an der Schmalseite des großen Saales und meine Frau an eine andere Säule wenige Schritte davon entfernt. Mir zur Seite trat einGentleman-Usherund an die Seite meiner Frau eineLady-Usher(Usher = Einführer). Von diesen wird vorausgesetzt, daß sie wie ein Hofmarschall alle eingeladenen Herrschaften nach Namen, Rang und Stand kennen. In langer Reihe, einzeln oder paarweise hintereinander nahen sich nun die Scharen derer, die unsere Bekanntschaft zu machen[pg 14]wünschen, und der Usher waltet seines Amtes. „Erlauben Sie mir, Ihnen Mister und Missis John Dubbleju Weber (sprich: Uebbäh) vorzustellen. Einer der prominentesten Bürger unserer Stadt, man kann sagen einer ihrer Begründer, denn er hat vor vierzig Jahren hier in dem Indianerdorf, das damals auf dieser Stelle stand, den ersten Laden für baumwollene Taschentücher, Whisky, Kautabak und Schießpulver eröffnet.“„How do you do, Mister Uolsogen?“ gurgelt Mister John Dubbleju Uebbäh aus seiner respektablen Speckwampe heraus und beginnt mit meinem Arme wie mit einem Pumpenschwengel zu hantieren. „Komme Se mal zu mir, da wer’ ich Se mal was Scheenes ßeigen; und bringen Se auch de Frau Uolsogen mit, wenn se Äntiquitis gleicht.“ (Antiquitäten gern hat).Und Missis Uebbäh, eine umfangreiche Dame mit kolossalen Brillantboutons in den Ohrlappen, grinst mich mütterlich bewegt an und versichert, entzückt zu sein, mich zu treffen. Der Mann gibt meine Hand an sie weiter, und sie pumpt die Behauptung aus mir heraus, daß ich glücklich sei, Persönlichkeiten vor mir zu sehen, welche die ganze Geschichte dieser berühmten Stadt nicht nur mit erlebt, sondern sozusagen selber gemacht hätten.„Move on, please!“ sagt der Usher und schiebt das imposante Ehepaar sanft weiter, worauf er mich mit Mister und Missis Isaak O. Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) bekannt macht. Mister Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) ist mit sieben Cents in der Tasche vor fünfundzwanzig Jahren hier eingewandert und hat etwa ein Dutzend Mal seinen Beruf gewechselt, bis er sich auf Rattengift geworfen hat. Seit einigen Jahren steht er an der Spitze des Patent-Ungeziefervertilgungsmitteltrusts und ist elf Millionen Dollar wert.[pg 15]Seine Frau ist tief ausgeschnitten und bedeckt ihre wogende Blöße mit Brillanten für etliche Hunderttausende. Sie ist so schrecklich betrübt (so awfully sorry!), daß ihre Tochter mich nicht kennen lernen kann, denn die ist vergangenes Jahr in Deutschland gewesen und so eingenommen von der deutschen Literatur. Sie habe viele von meinen Büchern gelesen, darunter natürlich auch meinen entzückenden „Herrgottsschnitzer von Oberammergau“ und meinen reizenden „Hüttenbesitzer“ und überhaupt beinahe alles. Leider habe das Mädchen die Mumps.Beschämt und tief gerührt bekenne ich, daß diese genaue Kenntnis meines dichterischen Schaffens mich zum ersten Mal das Hochgefühl einer wahren Popularität auf zwei Hemisphären voll empfinden lasse.Mister Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) quetscht mir bewegt die Hand, und Missis Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) hat noch eine Frage auf den üppigen Lippen, als mein Usher mir bereits einen ehrwürdigen Greis in weißem Lockenschmucke, das glattrasierte Antlitz scharf und geistvoll geschnitten, als den berühmten Professor der Ethik, Dr. James Cadwalleder B. Mapletree vorstellt. Der berühmte Gelehrte ist so steinalt, daß ich ihm aufs Wort geglaubt hätte, wenn er mir versichert hätte, daß bereits George Washington, Benjamin Franklin und Henry Clay (welch letzterer übrigens keineswegs Zigarrenfabrikant in Havanna, sondern ein 1852 verstorbener bedeutender Staatsmann ist) bei ihm Colleg gehört hätten. „Froh, Sie zu treffen, Baron“, beginnt der große Gelehrte, mir kräftig die Hand drückend, und wissend, daß ihm nicht viel Zeit gegeben ist, knüpft er gleich eine Frage über den Stand der Ethik in Deutschland als wissenschaftliche Disziplin sowie als bewußte Ausdrucksform der Volks[pg 16]seele an. Ich erinnere mich zum Glück, daß ich jahrelang eifriges Mitglied des Ethischen Klubs im Kellerlokal des Hofbräu-Ausschankes in der Französischen Straße in Berlin gewesen bin und erkläre ihm, daß wir in der Ethik durchaus obenauf,up to datewären und überhaupt...„Move on, please!“ ruft der unerbittliche Usher, und der große Gelehrte bezähmt lächelnd seinen Wissensdurst und läßt sich ohne Murren weiter schieben.Es kommen deutsche Mitglieder der Fakultät an die Reihe, mit denen ich im Fluge gemeinsame Beziehungen in der Heimat entdecke, es kommen Yankees, die wirklich im deutschen Geistesleben zu Hause sind und auch tatsächlich den „Kraft-Mayr“ gelesen haben, es kommt die Vorsteherin einer Mädchenschule, die just meine „Gloriahose“ in ihrer Klasse übersetzen läßt – lauter Menschen, mit denen man sich gern zum Warmwerden in ein Eckchen zurückziehen möchte – es hilft nichts: „Move on, please!“ kommandiert die sanfte Stimme meines Ushers. Folgsam und wohlanständig schieben sich die Hunderte von Menschen, alte und junge, Zierden der Alma mater und feste Säulen der Bürgerschaft, prominente und unerhebliche Leute, Männlein und Weiblein langsam weiter, und alle, die mir mit größerer oder geringerer Ausgiebigkeit die Hand geschüttelt und versichert hatten, daß siesoglücklich seien, mich zu treffen, fragen zwei Minuten später an der nächsten Säule meine Frau, wie es ihr gehe, und sind alle ausnahmslos so glücklich, sie zu treffen. Zuletzt kommt das junge Volk an die Reihe: lustige Studentinnen, die mit einem vergnügten Knall in die Hand einschlagen und die Affäre mit demstereotypen„How d’ye do?“ möglichst rasch erledigen, oder aber kichernd ihre deutschen Brocken anzubringen versuchen. Unter den letzten ist ein lang aufgeschossener Student[pg 17]mit sehr großen roten und kalten Händen, der mir sein deutsches Literaturgeschichtsbuch mit der Bitte überreicht, ihm da etwas hineinzuschreiben.„Stehe ich drin in diesem Leitfaden?“ frage ich den glatten Jüngling.„Ich bin betrübt, nein zu sagen,“ lächelte er verlegen, und ich attestiere es ihm schriftlich in sein Buch hinein, daß das eine ganz miserable Literaturgeschichte sei.Ausgestanden!Gott sei Dank, endlich ausgestanden! 170 Menschen sollen es gewesen sein. Man darf sich endlich setzen und bekommt ein Sandwich oder so etwas ähnliches und selbstverständlich das entsetzliche Eiswasser oder den unvermeidlichen Icecream angeboten. Man nimmt sich einige der Herrschaften beiseite und fragt sie auf Ehre und Gewissen, ob sie etwa durch diese „reception“ glücklich geworden seien. Die sind mit uns völlig einig darüber, das solche Veranstaltungen der größte Blödsinn von der Welt seien, so ungeeignet wie möglich, den angeblichen Zweck des gegenseitigen Kennenlernens zu erfüllen. Aber trotzdem: wenn das nächste Mal zur Besichtigung eines importierten Dichters oder eines sonstigen seltenen Tieres eingeladen wird, so sind sie doch alle wieder da. Missis Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) mit ihren sämtlichen Brillanten und mit der Tochter, die inzwischen vielleicht die Mumps überstanden haben wird, Mister und Missis John Dubbleju Uebbäh, der eigentliche Gründer des jetzt so blühenden Gemeinwesens, und die sämtlichen anderen Prominenten der Stadt, die Professoren mit ihren Damen, und auch der achtzigjährige James Cadwalleder B. Mapletree wird sich wieder geduldig in die Reihe stellen und wieder seine Frage nach dem Stand der Ethik in Europa nicht beantwortet kriegen. Es ist nun einmal eine Genugtuung für den richtigen Amerikaner, sagen zu[pg 18]dürfen: „Da und da traf ich den berühmten X. und schüttelte Hände mit ihm.“ Der Präsident der Vereinigten Staaten hat das Vergnügen, alljährlich bei der großen Neujahrsreception Tausenden von Menschen die Hände zu schütteln und jedem einzeln zu versichern, daß ersofroh sei, ihn zu treffen. Unser Prinz Heinrich soll sich nach Beendigung seiner Amerikatour in seine Kabine eingeschlossen und 48 Stunden hintereinander geschlafen haben. Ich glaub’s gerne, daß er das nötig hatte, denn der mußte täglich Bankette und Receptions mitmachen, bei denen noch x-mal so viel Hände zu schütteln und Trinksprüche zu beantworten waren, abgesehen davon, daß er im Laufe des Tages auch noch sämtliche Kriegerdenkmäler, Bibliotheken, bedeutende Fabrikbetriebe, Preisbullen und Deckhengste besichtigen mußte. Auch mir, dem bescheidenen Dichter, wurde der berühmte arabische Deckhengst von Columbus mit seinen hochmütig starren Monokelaugen vorgeführt, auch vor mir tänzelte der kokette Racker, die x-fach preisgekrönte Jerseykuh, auch mir zu Ehren wurden Hekatomben von Schweinen in den Stockyards abgestochen; aber für mich gab es doch immerhin Ruhepausen, stille Tage in befreundeten Familien, zeitweises Untertauchen in Hausrock und Pantoffeln. Für unseren unglücklichen Repräsentationsprinzen gab es das alles nicht, er war von früh bis in die späte Nacht tagtäglich im Geschirr. Seine Nervenleistung war so enorm, daß sie schließlich sogar den Amerikanern imponiert hat.Die erste Frage jedes Eingeborenen der Vereinigten Staaten an den Fremdling, und wäre er auch eben erst in Hoboken gelandet, ist: „Wie gefällt Ihnen Amerika?“ Sie sollten eigentlich fragen: „Wie halten Sie Amerika aus?“ Denn das ist, wenigstens für den offiziell herum[pg 19]gezeigten Mauernweiler, wirklich die Kardinalfrage da drüben. Mein Gott, es ist eben ein ganz junges Volk, und sie sind so ungeheuer stolz auf die riesigen Proportionen ihres Landes, auf die erstaunliche Größe, Neuheit, Kühnheit aller ihrer Unternehmungen, daß jeder Amerikaner den Kitzel in sich verspürt, jeden Fremden, der auf der Straße irgend etwas anstaunt, zu fragen: „Na, was sagen Sie dazu, elender Europäer, bartbewachsenes Blaßgesicht, kolossal, was? Habt Ihr drüben nicht!“Die reizende Reporterin.In Philadelphia wurde ich von einer reizenden jungen Reporterin interviewt. Selbstverständlich: „How do you like America“ usw., und dann kam die verfängliche Frage: „Und was denken Sie von unserer Kultur?“ Da kratzte ich mir den Kopf und sagte: „Mein liebes Fräulein, in diese Mausefalle spaziere ich Ihnen nicht.“ Und nun schlug das süße Ding seine wunderschönen Augen mit einem so traurig enttäuschten, kindlich erschrockenen Blick zu mir empor – ich werde diesen rührenden Blick nie vergessen! Und um Ihrer schönen traurigen Augen willen, reizendes Fräulein von Philadelphia, gedenke ich nunmehr alle meine Eindrücke von meiner Amerikafahrt unter dem Gesichtspunkt zu revidieren, daß bei diesem großen Volke eben alles noch Jugend, holde, wilde, ungezogene, starke, unanständig gesunde Jugend ist.[pg 20]Die Yankeerasse.Angelsachsen und Kelten. Rassestolz. Töchter im Tauschhandel.Es ist ein weitverbreiteter europäischer Irrtum, daß sich in den Vereinigten Staaten Nordamerikas allmählich durch energisches Umrühren eines überaus buntscheckigen Völkergemisches die Bildung einer neuen Rasse vollziehe. Ich gestehe, daß ich mich, bevor ich selber drüben war, gleichfalls in diesem Irrtum befunden habe und mir von jenem zukünftigen form- und farblosen Völkerbrei nichts Gutes versprach. Wer aber mit offenen Augen und ohne vorgefaßte Meinung sich die Menschen in den Vereinigten Staaten anschaut und von verkeilten Theoretikern sich nichts weis machen läßt, der muß zu der Erkenntnis kommen, daß es drüben (mit Ausnahme der südlichsten Staaten) nur Yankees1und Fremdvölker gibt.Der Yankee aber ist ein reiner Großbritannier oder, wenn man will, eine Mischrasse aus Angelsachsen und Kelten, in welcher das keltische Blut stärker vertreten ist als im alten England.Durch die neuen, eigenartigen Lebensbedingungen, vor die seit drei Jahrhunderten die Auswanderer aus den britischen Inseln in dem neuen Weltteil gestellt wurden – drei Jahrhunderte voll harter Kämpfe, wilder Arbeit und glänzender Erfolge – haben sich die guten wie die schlechten Eigenschaften des angelsächsischen und des keltischen Blutes aufs heftigste herauskristallisieren und der neuen, gut durchgemischten[pg 21]Rasse dadurch auch einen neu erscheinenden Charakter aufzwingen müssen. Angelsächsisch im Wesen des Yankees ist sein Kolonisationstalent, seine Zähigkeit im Verfolgen des Zwecks, seine nüchterne Beschränkung auf das Nächstliegende, Nützliche, Erfolgversprechende; dagegen ist auf den keltischen Einschlag zurückzuführen sein leichtherziger Optimismus, sein wagemutiges Spielertemperament, seine Begeisterungsfähigkeit und seine leichte Zugänglichkeit für alle Arten von Korruption. Der als Spieler, Säufer und Raufbold einigermaßen berüchtigte Irländer spielt in der Weltgeschichte gewiß keine besonders sympathische Rolle, aber der englische Puritaner aus Cromwells Zeiten war denn doch noch ein weit üblerer Geselle. Mit den argen Schwächen des Iren konnte seine katholisch gefärbte Phantastik, sein kindlich liebenswürdiger Frohsinn immerhin versöhnen, während die sittenstrenge Lebensführung und die ehrenhafte Geschäftstüchtigkeit des Puritaners doch noch lange nicht hinreichen, um uns mit seiner niedrigen, boshaften Feindschaft gegen die Natur, gegen alles Freie, Frohe, Schöne und mit seinem muffigen Tugendhochmut auszusöhnen. „Der Herr ist mit uns“, war das Feldgeschrei der Pilgerväter – aber dieser Herr war eben ein grimmiger Spezialgott für die Rechtgläubigen, d. h. also für die blinden Anbeter des Bibelbuchstabens. Und dieser grimmige Spezialgott begeisterte sein auserwähltes Volk dazu, die Rothäute mit Feuerwasser und Feuerwaffen auszurotten und die Ketzer mit Skorpionen zu züchtigen. Wenn drüben nicht anfangs die Menschen so rar und die Hände so notwendig gewesen wären, hätten diese europäischen Berserker gerade so eifervoll wie die Dominikaner der Inquisition mit Folter und Scheiterhaufen gegen Papisten und protestantische Sektierer gewütet, so aber begnügten[pg 22]sie sich damit, alle denkenden Köpfe, alle freien Geister, alle vornehmen Menschen geschäftlich lahm zu legen und aus ihren Wohnorten hinauszuekeln. Ein amerikanischer Geschichtsschreiber sagt, daß bei den Puritanern außer Heiraten und Geldverdienen eigentlich alles verboten war. Bei schwerer Strafe im Nichtbeachtungsfalle war jedem Bürger vorgeschrieben, wie er sich zu kleiden und zu benehmen, was er zu essen und zu trinken, was er zu denken und wie er zu fühlen habe. Selbstverständlich wären diese Menschen niemals die Begründer des größten demokratischen Freistaates der Welt geworden, wenn nicht ihre geschäftlichen Interessen sie gezwungen hätten, allmählich einen nach dem anderen von ihren starren Grundsätzen fallen zu lassen. Die Kolonie Rhode-Island, von einem abtrünnigen, grimmig verfolgten Prediger, dem edlen Roger Williams, gegründet, war die erste, welche religiöse Toleranz und wahrhaft freiheitliche Grundsätze einführte, und gerade sie gedieh so sichtbarlich besser als die Puritanerkolonien, daß die frommen Väter am geschäftlichen Vorteil ihrer Strenge zu zweifeln begannen. Das war das Ausschlaggebende. Von jeher hat der angelsächsischen Rasse der praktische Nutzen über allen Idealen gestanden, und ihr klarer, nüchterner Wirklichkeitssinn hat sie noch immer davor bewahrt, sich trotz ihres Hanges zum Spleen in unfruchtbare Träumereien und eigensinnige Prinzipienreiterei zu verlieren. Das englische Denken ist durchausmatter of fact, und diese Eigenschaft hat die Engländer befähigt, die mustergültigsten Kolonisatoren der Neuzeit, Handelsherren großen Stiles und kaltblütige Geschäfts-Politiker zu werden. Für das Klima des nördlichen amerikanischen Kontinents waren darum auch die Angelsachsen die denkbar geeignetsten Besiedler. Die rote[pg 23]Urbevölkerung war trotz ihrer Kriegstüchtigkeit, trotz ihrer Klugheit und Noblesse ihnen gegenüber verloren, denn die Indianer waren fromm naturgläubig und darum hilflos abhängig von der Natur, die für die naturfeindlichen Puritaner nur ein Objekt zur Ausbeutung durch den Menschen bedeutete. Die starke Beimischung keltischen Blutes hat nun, wie gesagt, viel dazu beigetragen, die unsympathischen Charaktereigenschaften der angelsächsischen Rasse zu verwischen. Das feurige Temperament der Kelten besiegte die englische Steifheit und langweilige Ehrpußlichkeit und erzeugte in der Vereinigung jenes Geschlecht von waghalsigen Draufgängern, von willensstarken Optimisten, dem allein das große Werk gelingen konnte, durch die Steppe, durch die Wüste und über das wilde Hochgebirge hinweg bis zu den üppigen Gestaden des Stillen Ozeans vorzudringen und sich selbst zu einer Herrenrasse aufzuschwingen, der alle übrigen von Europa nachdringenden Völker sich ebenso bedingungslos unterwerfen mußten, wie die unglücklichen Eingeborenen. Die unwiderstehliche Kraft des Yankeetums liegt ohne Zweifel in seinem unbeugsamen Rassestolz. Dem Yankee ist es so heilig ernst damit, daß er sich nicht einmal im Spaß, d. h. im freien Verhältnis, viel weniger in der Ehe, mit den Angehörigen der zahlreichen anderen Rassen, die seinen riesigen Kontinent bevölkern, vermischt. Für die lateinischen Eroberer Südamerikas und auch der südlichen Länder des nördlichen Kontinents hat es immer einen, wie es scheint, besonderen Reiz gehabt, sich liebespielerisch mit Frauen anderer Hautfarbe abzugeben. Und was ist dabei herausgekommen? Kreolen, Mestizen, Quatronen usw. usw., ein schauderhaftes Gesindel, das für jede höhere Gesittung verloren ist, zuchtlos, widerstandsunfähig, in Leidenschaften verlottert[pg 24]oder in Trägheit versumpft. Solches Menschenmaterial ist kaum durch Schrecken zu regieren, viel weniger durch friedliche Mittel zu einer höheren Kultur emporzuführen, dennMischmasch-Menschen nehmen eben keine Vernunft an; das Beispiel so mancher südamerikanischen Republik beweist es. Der Yankee-Mann dagegen hat sich selbst in den Zeiten, als die Frauen der größte Luxusartikel im Lande waren, niemals mit Indianermädchen beholfen; seine Vernunft begeisterte ihn zu der Großtat edelster Gerechtigkeit, die Sklaverei aufzuheben in einer Zeit, als diese Sklaverei im Grunde doch noch die einzige Möglichkeit gewährte, die Plantagenwirtschaft der üppig fruchtbaren Länder des heißen Südens durchzuführen. Dennoch hält er es bis auf den heutigen Tag für die größte Schande, die ein Weißer auf sich laden kann, sich geschlechtlich mit den von ihm zu Menschen gemachten Schwarzen zu vermischen. Aber er geht noch viel weiter, indem er auch die aus Europa herübergekommenen anderen weißen Rassen, die Romanen, die Slawen, die Juden, ja selbst die ihm nächst verwandten Deutschen und Franzosen als Menschen zweiter Klasse ansieht! Gewiß heißt er alle Völker der Erde vorläufig noch gastlich willkommen, weil eben noch recht viel Platz in seinem riesigen Lande ist und weil er die Arbeitskraft der Fremden, so lange sie sich bescheiden gebärden und mit Eifer nützlich machen, gut gebrauchen kann. Er gewährt diesen Fremden das Bürgerrecht, er läßt sie an allen Vorteilen seiner freien Einrichtungen teilnehmen, er hat nichts dawider, wenn sie sich von dem Reichtum seines Landes so viel aneignen, als ihnen irgend möglich ist, aber er weiß sie überaus geschickt von den einflußreichen Staatsämtern fernzuhalten und zeigt sich durch[pg 25]aus nicht übermäßig beflissen, um ihre schönen Töchter zu freien oder seine schönen Töchter ihnen ins Haus zu führen. Als im Februar dieses Jahres die Tochter des Milliardärs Jay Gould – nicht etwa einen herunter gekommenen deutschen oder polnischen Adeligen, sondern einen reichen und kerngesunden jungen englischen Lord heiraten wollte, empfingen sowohl die Braut wie deren Eltern aus allen Ländern der Union entrüstete Protestkundgebungen, ja sogar offene Drohungen, daß das Volk die Hochzeit durch Gewalt verhindern werde. Denn, wie es in einem solchen, in allen Zeitungen veröffentlichten Drohbriefe hieß: das gesunde Blut, der reine Leib und die starke Seele der freien Tochter Amerikas sei viel zu schade, um an die Sprößlinge entarteter Herrengeschlechter Europas verhandelt zu werden. Man sieht aus diesem Beispiel, daß der Hochmut der neuen Rasse sich bereits gegen das eigne Stammvolk zu kehren beginnt. Wie erbärmlich leicht werden bei uns in Deutschland Rassen- und Standesvorurteile vergessen, wenn sich eine Gelegenheit findet, den verblaßten Glanz eines alten Wappens durch die Mitgift einer jüdischen Braut aufzufrischen! Wenn ein Yankee eine Jüdin heiratet – der Fall dürfte übrigens selten genug vorkommen – so tut er es sicher aus Liebe, wie denn überhaupt die Geldheiraten in unserem Sinne unter den Yankees äußerst selten sind, weil es durchaus nicht Sitte ist, den Töchtern bei Lebzeiten der Eltern einen Teil des Vermögens in Gestalt einer Mitgift auszuliefern. Die Leichtigkeit des Verdienens und das Zutrauen, das jeder junge Amerikaner zu seinen Fähigkeiten und zu seinem Glück hat, macht tatsächlich die Liebesheirat zu dem normalen Verfahren, und damit ist auch schon eine starke Gewähr für die Aufrechterhaltung einer kräftigen Rasse durch natürliche[pg 26]Zuchtwahl geboten. Die bevorzugte Stellung der Frau spielt selbstverständlich unter den günstigen Bedingungen für die Verbesserung der Rasse auch eine wichtige Rolle. Die Frau ist in dem neuen Weltteil Jahrhunderte hindurch von den rauhen Pionieren wie eine Halbgöttin verehrt, wie ein Kätzchen verhätschelt worden. Niemals wurde ihr harte körperliche Arbeit zugemutet, niemals wurde ihren Schwächen, Launen und Eitelkeiten mit Grobheit begegnet, immer sah es der Mann als eine gern geübte Pflicht an, seine Kräfte bis aufs äußerste anzustrengen, um es der Frau zu ermöglichen, sich gut zu nähren, schön zu kleiden und in Muße ihre geistigen Anlagen zu pflegen. Die Folge dieser Behandlung war die, daß sich die Yankee-Frau, wenigstens körperlich, zur schönsten der Welt entwickelte. Allerdings wird diese Schönheit, vornehmlich was die Gesichtsbildung betrifft, von den meisten Europäern als kalt empfunden, auch fehlt ihr die weiche, schmiegsame Üppigkeit z. B. der Wienerinnen zumeist; aber unbestreitbar verdient sie den Preis von allen Frauen der Welt in bezug auf die Schmalheit des Fußes und die edle, schlanke Form des Beins. In ihrem Sinn für Eleganz, in ihrem aparten Geschmack für Kleidung kommt sie sogar der Pariserin mindestens sehr nahe. Da sich diese schöne und verwöhnte Frau nur äußerst selten zu mehr als zwei Kindern bequemt, erhält sie sich lange jung und frisch, und man sieht daher in den Vereinigten Staaten mehr schlanke, bewegliche, muntere und hübsch angezogene alte Damen, wie sonst irgendwo in der Welt. Übrigens hat die Rasse von England den Sinn für vernünftige Körperkultur, besonders für peinlichste Reinlichkeit mitgebracht, und diese Erbschaft ist auch den Männern zugute gekommen. Die Arbeit, die die ersten Kolonisten zu leisten hatten, und in den neuen Staaten heute noch[pg 27]leisten müssen, vollzog sich ja zumeist im Freien, und der stete Kampf mit Hitze und Kälte, mit wilden Tieren und Menschen, mit den bösen Fiebern der Sumpfgegenden, mit Hunger und Durst in den Wüsteneien raffte das widerstandsunfähige Menschenmaterial hinweg und ließ nur die Stärksten mit dem Leben davon kommen. Diese unerbittliche Auslese schuf ein Kapital von Muskel- und Nervenkraft, wovon die Männlichkeit der Nation noch auf eine gute Weile zu zehren haben wird. Außerdem ist es durch Gesetz streng verboten, Kranke oder gar Krüppel aus der alten Welt an den Gestaden der neuen landen zu lassen.Kongreß deutscher Mißgeburten.Unmittelbar nach meiner Rückkehr aus Amerika besuchte ich ein beliebtes Kaffeehaus in Berlin. Es war die erste größere Versammlung deutscher Menschen, die mir nach einer Abwesenheit von ungefähr vier Monaten wieder vor Augen kam. Und ich muß gestehen, ich war entsetzt, nein, geradezu erschüttert über den Anblick von so viel Garstigkeit. Diese Speckwampen, diese Bierbäuche, Kahlköpfe, X- und Säbelbeine, diese verpustelten und verpickelten, grämlich grauen, brutalen oder schwächlichen, gierigen oder ärgerlich verknitterten Gesichter gehörten also meinen lieben Landsleuten! Und mit diesen in ihrem schwappenden Fett schwankend daher watschelnden, geschmacklos aufgedonnerten Madams, mit diesen käsbleichen, blaßäugig blöden, stumpfnasigen, schiefzähnigen, feuchthändigen und dickbeinigen Jungfrauen hatten sie bereits oder gedachten sie fürderhin ihren Nachwuchs zu erzeugen! Herzzerkrampfend schauderhaft! Gewiß war es ein tückischer Zufall, der mich gerade bei meinem ersten Ausgang auf diesen Kongreß von Mißgeburten stoßen ließ, aber daß unsere arg vermanschte Rasse immer noch von dem ganzen Jammer der deutschen Geschichte[pg 28]in ihrer körperlichen Erscheinung Zeugnis ablegt, und erst neuerdings in der kultiviertesten Oberschicht und in der Generation, die bereits die Segnungen einer nach englischem Muster betätigten Säuglingspflege und einer vernunft- und naturgemäßen Lebensweise genossen hat, sich deutlich zu verschönern beginnt, das scheint mir leider unbestreitbar. Drüben in den Vereinigten Staaten ist der Deutsche und besondersdieDeutsche der ersten Generation meist auf den ersten Blick vom Yankee zu unterscheiden. Dem deutschen Einwanderer wird es, auch wenn er zu Wohlhabenheit und angesehener gesellschaftlicher Stellung gelangt, im allgemeinen doch recht schwer, sich die freie, selbstsichere Nonchalance der Haltung und die guten Manieren des gebildeten Yankees anzueignen. Und die deutsche Auswanderin lernt nur in sehr seltenen Fällen Toilette machen und scheint im höheren Lebensalter unrettbar zu verfetten. Die Kinder dieser Einwanderer sitzen aber in der Schule neben sehnig schlanken, körperlich glänzend gepflegten Yankeekindern. Der vornehmste Zweck dieser Schule ist, den Kindern die Überzeugung beizubringen, daß es ein unüberschätzbarer Vorzug sei, als amerikanischer Mensch auf die Welt zu kommen, daß sich alle übrigen Weltteile, alle übrigen Völker nicht im entferntesten mit der unerhörten Vorzüglichkeit der Vereinigten Staaten und der stolzen Yankeerasse messen könnten. Selbstverständlich lernt das Kind die englische Sprache sehr bald viel besser beherrschen, als es seinen Eltern jemals möglich wird. Es kommt dazu, daß das amerikanische Leben, die ganze Art der Erziehung die Beobachtungsgabe der Kinder außerordentlich schärft. Da können nun die deutschen Kinder nicht umhin, Vergleiche anzustellen und sich darüber ihre Gedanken zu machen; zudem lassen es die Yankeekinder an[pg 29]boshaften Sticheleien nicht fehlen. Ich habe selber gehört, wie ein Yankeebübchen einem deutschen Knaben, der bei irgendeinem Unternehmen mitzutun zauderte, weil sein Vater es ihm verboten hätte, verächtlich die Achsel zuckend entgegnete: „Ich würde mich doch nicht darum kümmern, was der olle Dutchman sagt.“ („I would’nt care, what that old Dutchman says.“) So wird es selbstverständlich der Kinder größter Ehrgeiz, in ihrem Äußeren zunächst ihre Abstammung zu verleugnen und sich dem Wirtsvolk anzuähneln. Und dieser Ehrgeiz entwickelt sich naturgemäß bei den geistig beweglichsten Kindern am stärksten. Es ist erstaunlich, wie rasch durch solche Selbstzucht oft die deutschen Kinder ihren Eltern unähnlich werden. Die Söhne schießen um Kopfeslänge über ihren Vater hinaus, und wenn sie zum ersten Mal dem amerikanischen Barbier unter die Finger geraten sind, so ist der smarte Yankeejüngling mit der aristokratischen Sicherheit seines schlottrig flegelhaften Auftretens bald fertig. Zu Hause liegen seine langen Beine auf allen Möbeln herum, und er trifft mit tödlicher Sicherheit die messingene Spuckvase in der entferntesten Ecke des Zimmers. Das sechzehnjährige Töchterchen aber kann seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten sein und wird ihr doch so unähnlich wie ein geraubtes Grafenkind seiner zigeunerischen Ziehmutter. Die Yankee-Miß führt in ihrer kecken Selbständigkeit ein so beneidenswertes Dasein, daß jedes deutsche Mädchen, wenn anders es nicht völlig auf den Kopf gefallen ist, sich mit Händen und Füßen dagegen sträuben müßte, sich von einer törichten Mutter gewaltsam zu einem ängstlich daher stolpernden, unmotiviert kichernden und errötenden, Sittigkeit und Bescheidenheit markierenden Backfisch dressieren zu lassen.[pg 30]Die Kinder der Einwanderer. Antisemitismus?So spornt das Beispiel der stärkeren und gesunderen Rasse die körperlich und geistig bevorzugtesten unter den Kindern der fremden Einwanderer mächtig zur Anpassung an. Die zweite Generation, vornehmlich der deutschen Einwanderer, weist schon recht zahlreiche Exemplare auf, die von echten Yankees kaum oder gar nicht zu unterscheiden sind – und dennoch verhält sich der Yankee selbst diesen seinen talentvollsten Nachahmern gegenüber in bezug auf die Ehe immer noch ziemlich spröde. Er sieht die Deutschen sehr gern in seinem Lande, er schätzt sie hoch als ehrliche, anständige Menschen, die der politischen Korruption einen zähen Widerstand entgegensetzen, die mit ihren geschickten Händen, ihrem Fleiß, ihrer Geduld zu allen feineren Handwerken vorzüglich geeignet und mit ihrer Klugheit und Gewissenhaftigkeit für allerlei ruhige Ämter, die dem Yankee zu langweilig sind, und schließlich auch in der Kunst und Wissenschaft ganz hervorragend brauchbar sind – und dennoch gibt er ihnen seine Töchter nicht gern zur Ehe! Nicht anders ist es mit den Angehörigen der romanischen, slawischen, mongolischen und semitischen Völker. Sie hocken alle in gewissen Stadtvierteln oder Straßenzügen der Großstädte, oder in kleineren Ansiedlungen auf dem Lande dicht beieinander und bleiben, obwohl mit allen Rechten des freien Bürgers der Vereinigten Staaten ausgestattet, fremde Einsprengsel in dem gastlichen Lande. Die Juden z. B. haben es ebenso wie in Europa zum großen Teil zu bedeutendem Wohlstand gebracht. Sie entwickeln unter den freiheitlichen Grundsätzen der Gesetze und Anschauungen einen ungeheuren Ehrgeiz und Lerneifer. In der Presse, in der Literatur, im Theater, in der Rechtsanwaltschaft und im ärztlichen Beruf haben sie, geradeso wie in Europa, die Oberherrschaft erlangt. Einzelne[pg 31]ihrer Mitglieder sind als Inhaber großer Bankhäuser zu einem weltumspannenden Einfluß gelangt, und dennoch haust die große Masse derselben noch immer im Ghetto beisammen. Die meisten Yankees würden, wenn man ihnen den Vorwurf des Antisemitismus machen wollte, erstaunt die Brauen hochziehen und gar nicht wissen, was das sei; nichtsdestoweniger findet man auf den gesellschaftlichen Veranstaltungen auch schwer reicher Juden kaum irgend welche Yankees von Belang, und in den vornehmsten Badeorten und vielen Hotels ersten Ranges werden Juden überhaupt nicht zugelassen!Wenn die Deutschen in der Zeit der großen Massenauswanderung, als auf dem nordamerikanischen Kontinent noch weite Gebiete herrenlos und unkultiviert waren, für sich ein solches Neuland erobert, zäh festgehalten, und alle neu zuströmenden Landsleute hätten zwingen können, sich dort gleichfalls anzusiedeln, dann hätten die Deutschen einen starken Staat im Staate bilden können und ihre Selbständigkeit zu wahren vermocht, auch wenn sie sich dem Staatenbund angeschlossen hätten. Diese Gelegenheit ist endgültig verpaßt. Aber damit sie in den anderen jungfräulichen Weltgegenden nicht abermals verpaßt werde, gehet hin, ihr lieben Landsleute, und lernt von den Yankees, was das unerschütterliche Kraftbewußtsein einer starken, gesunden Rasse vermag und wie man seine Rasse rein erhält!
[pg 1]Als Mauernweiler in Dollarica.Ein rechtschaffener „teutscher Tichter“ schlägt drei Kreuze vor dem Gedanken einer Auswanderung nach den Vereinigten Staaten. Nikolaus Lenau, der seinerzeit aus Begeisterung für die Freiheit und für die biederen Rothäute hinübersegelte, hat bekanntlich das nächste Retourschiff benutzt, und sein Entsetzen hat ihn das Wort prägen lassen von dem Lande, in welchem die Vögel keine Lieder und die Blumen keinen Duft hätten. (Eine Behauptung, die übrigens nicht einmal zutrifft.) Auch Detlev v. Liliencron mochte kein intimes Verhältnis mit der Dame Dollarica eingehen, weil sie gar keine Miene machte, ihm von ihrem Überfluß an Dollars etwas abzugeben. Ich vermute, daß sie ihn zunächst hat Flaschen spülen lassen, eine Prüfung auf die männliche Tüchtigkeit, die sie allen gestrandeten Offizieren und sonstigen mit Bildung oder hohen Lebensansprüchen beschwerten, zu grober Handarbeit jedoch untauglichen deutschen Gunstbewerbern zunächst einmal auferlegt. Wilhelm v. Polenz, der nicht mit den Hintergedanken eines galanten Räubers, sondern nur mit einem Scheckbuch bewaffnet einige Monate im Lande herumreiste, kehrte dagegen zufrieden und bereichert heim und bescherte uns, als Frucht seines fleißigen Studiums, sein schönes und gerechtes Buch „Das Land der Zukunft“. Dafür war aber auch Polenz kein solch närrischer Lyriker, der in zornige Tränen ausbricht, wenn ihm ein fremder Weltteil nicht den Gefallen tut, Nachtigallen in Kaktushainen schlagen und Affen auf Lindenbäumen herumklettern zu lassen. Paul Lindau, der welt-,[pg 2]witz- und wortgewandte, ist durch das Land geflitzt und hat eine Masse von Eindrücken gleich bunten Schmetterlingen im Vorbeifliegen mit „gewandter Feder“ feuilletonistisch aufgespießt; gelegentlich der großen Weltmessen von Chicago und St. Louis ist auch sonst wohl noch der und jener aus unserem Federvolke mit drüben gewesen, um mit mehr oder minder leichtsinniger Wichtigkeit den Maßstab seiner kleinen Person an die Ungeheuerlichkeit der Verhältnisse da drüben zu legen, und sie sind alle, durch starke Eindrücke bereichert, heimgekehrt. Erst seitdem einige hervorragende Deutsch-Amerikaner mit Hilfe der Professoren der germanistischen Fakultäten und Unterstützung etlicher für deutsche Kunst und Wissenschaft eingenommener amerikanischer Mäzene dieGermanistic Society of Americagegründet haben, ist es möglich geworden, richtigen deutschen Dichtern und Gelehrten, ohne Rücksicht auf Geldverdienst und etwaige lyrische Sentimentalitäten, die große Kinderstube im fernen Westen, das Märchenland der absoluten Gegenwärtigkeit, zu zeigen und andererseits diese seltsamen Tiere dem amerikanischen Volke lebend vorzuführen. Auf diese Weise sind Ludwig Fulda, Hermann Anders Krüger, Karl Hauptmann und zuletzt der Schreiber dieser Zeilen dazu gelangt, ihren deutschen Landsleuten drüben, sowie den für deutsche Geistesart interessierten Amerikanern lebendige Kunde vom deutschen Dichten der Gegenwart zu bringen.Psychologie des Publikums.Ich habe im Laufe von etwa acht Wochen an neunzehn Universitäten und Colleges, sowie fünfzehnmal in deutschen Vereinen gesprochen. Ich habe dabei teils aus meinen Werken rezitiert, teils die letzten dreißig Jahre deutscher Literaturgeschichte in skizzenhaften Schilderungen persönlicher Eindrücke und Begegnungen durchgenommen, oder[pg 3]mich über das Theater der deutschen Gegenwart verbreitet, oder endlich mit Unterstützung meiner Frau die Entwicklungsgeschichte des deutschen Volksliedes behandelt. Und daß ich diese kleine Singefrau mit hatte, war sehr gut. Denn wo immer sie in die Zupfgeige griff und ihre Volkslieder aus alten Zeiten erschallen ließ, da leuchteten die Augen, da war der Jubel groß, und die gewohnten Redensarten eines höflichen Dankes bekamen einen echten Herzensklang. Sie haben mir ja auch die Frau nicht wieder herausgegeben, als ich nach getaner Arbeit heimwärts strebte; sie haben sie mit sanfter Gewalt da behalten, weil sie von ihr noch lange nicht genug hatten. Das soll nun nicht etwa heißen, daß ich mich über eine laue Aufnahme oder über Unverständnis zu beklagen gehabt hätte. Ganz im Gegenteil: man muß bei uns schon bis nach Wien gehen, um eine solche Temperatur der dankbaren Begeisterung zu finden; aber ich merkte doch sehr bald, daß ich diesen lebhaften Beifall vornehmlich meiner rezitatorischen Leistung sowie dem Umstande zu verdanken hatte, daß ich einen wichtigen Teil meines Wesens vorsorglich unterschlug. Als praktischer Theatermann habe ich die Kunst gelernt, unterhaltende Programme zusammenzustellen, und auf die Psychologie der Massen verstehe ich mich auch einigermaßen; das ist der Grund, weshalb mir’s drüben so gut gegangen ist. Ich wußte schon vorher genug über den Geschmack des amerikanischen Publikums, um ungefähr beurteilen zu können, welche meiner Werke und Anschauungen für drüben möglich wären und welche nicht. Und da mußte von vornherein vieles von dem als unmöglich ausgeschlossen werden, womit ich mir hier meine wertvollsten Erfolge geholt und meiner literarischen Persönlichkeit überhaupt erst feste Umrisse gegeben habe. Die Natürlichkeiten der[pg 4]Erotik sind bei den Angloamerikanern ebenso von der öffentlichen Besprechung und künstlerischen Gestaltung ausgeschlossen wie die heiligen Stoffe, und die Deutsch-Amerikaner, die lange genug drüben gelebt haben, sind immerhin von diesem Puritanertum soweit angesteckt, daß die Grenzen des künstlerisch Erlaubten bei ihnen nicht weiter gehen als etwa beim deutschen Familienblatt älteren Stils. Du lieber Himmel – und ich bin der Verfasser des „Dritten Geschlechts“, der „Geschichten von lieben süßen Mädeln“ und gar „des Erzketzers“ und habe niemals einen Beitrag zur „Gartenlaube“ oder zum „Daheim“ geliefert! Selbstverständlich hatte ich wohl ausnahmslos an jedem meiner Vortragsabende ein paar literarisch gebildete, vorurteilslose Leute unter meinem Publikum, die sich gerne hätten stärker beschwören lassen; aber ich sollte mich doch der Mehrheit erfreulich und nützlich machen, den des Deutschen beflissenen Studenten englischer Zunge und besonders den aus allen Bildungsschichten zusammengewürfelten Deutsch-Amerikanern.Humoristische Lichter. Was sie alles komisch finden.Mit den Versen gab’s wenig Schwierigkeit. Meine Balladen und Hymnen auf die moderne Technik mußten ja in dem Lande der technischen Hochkultur zünden, und auch von den satirischen Scherzgedichten wurde das meiste verstanden; aber mit der Auswahl von Prosastücken hatte ich meine liebe Not, und bei meinen Streifzügen durch die deutsche Literatur der letzten dreißig Jahre bemerkte ich auch gar bald, wie wenig davon selbst dem gebildeten Publikum bekannt war. Sobald ich bei einer meiner Lieblingsfiguren etwas länger verweilte oder den Versuch machte, ein bißchen in die Tiefe zu bohren, bemerkte ich, wie sich alsbald ein suggestives Gähnen durch die Reihen fortpflanzte und die teilnahmsvoll ge[pg 5]spannten Züge zu erschlaffen begannen. Da mußte ich mich denn beeilen, mit einer scherzhaften Anekdote oder einer satirisch zugespitzten Bemerkung die entflatternde Aufmerksamkeit wieder einzufangen. Wie in so vieler anderer Beziehung, so sind die Amerikaner auch darin noch auf einem kindlichen Standpunkt, daß sie, und zwar nicht nur die Jungen, sondern auch die Alten, durchaus lachen wollen, wenn sie sich zu irgendwelchem Zwecke in Massen versammeln. Der Politiker muß so gut wie der Universitätsprofessor und sogar der Kanzelredner Witze machen, wenn er sein Publikum fesseln will. Kein Redner wird jemals in diesem Lande Erfolg haben, der nicht zum mindesten die Kunst versteht, selbst ernstesten Gegenständen humoristische Lichter aufzusetzen. Ich habe eine feierliche Universitätssitzung mitgemacht, bei welcher der Präsident der Universität eine ausgezeichnete Gedenkrede auf eine verstorbene Leuchte derselben hielt. Es war ein kalter, nebliger Morgen und man saß in Überziehern und Galoschen da, aber sobald der Vortragende eine drollige Wendung gebrauchte, einen freundlich heiteren Zug aus dem Leben des Gefeierten erzählte, oder gar eine witzige Nutzanwendung machte, erwärmte sich die frierende Gesellschaft an lautem Gelächter. In dem amerikanischen nationalen Drama, derBlood and Thunder-Show, muß die erbauliche Abwechslung zwischen Leichenaufhäufung unter Revolvergeknatter und sentimentaler Rührung über unmenschliche Edelmutsausbrüche (vom obligaten Tremolo der Geigen begleitet) in regelmäßigen Abständen von derbenClownspäßenunterbrochen werden, um dem guten Volke schmackhaft zu bleiben, und der bekannte kleine polnische Jude, der auf die Frage, wie ihm der „Tristan“ gefallen habe, achselzuckend erwiderte: „Nu, mer lacht“, könnte hier leicht manches Gegen[pg 6]stück finden. Das ist nun etwa nicht als besonderes Schandmal der amerikanischen Unkultur aufzufassen, denn der Banause hat in der ganzen Welt der Kunst gegenüber genau denselben Standpunkt: er schätzt sie bestenfalls als erheiternden Zeitvertreib. Die geistige Erhebung durch tragische Erschütterung vermag er ebensowenig zu genießen, wie die rein ästhetische Freude an der schönen Form; sein Interesse hängt rein am Stofflichen, am gröblich Sinnfälligen, an der handgreiflichen Moral oder Tendenz. Da in Amerika noch nicht viele Leute und auch diese erst seit kurzem Zeit gefunden haben, ihre etwaigen ästhetischen Veranlagungen zu pflegen, so ist es selbstverständlich, daß es dort im Verhältnis zur Einwohnerzahl sehr viel weniger ästhetisch interessierte Menschen gibt als bei uns, und unsere guten Landsleute können von dieser Regel um so weniger eine Ausnahme machen, als sie ja zum weitaus überwiegenden Teil von gänzlich amusischer Herkunft sind. Die deutschen Amerikaner, die heute vornehmlich sich eine Ehrenpflicht daraus machen, den Zusammenhang mit der deutschen Geisteskultur aufrecht zu erhalten, setzen sich zusammen aus den Überresten der achtundvierziger Emigranten und ihrer Nachkommen, aus den neuerdings Eingewanderten mit akademischer Bildung, die hier als Lehrer und Lehrerinnen, als Ärzte, Künstler usw. eine Lebensstellung gefunden haben, und endlich aus einigen nicht allzu zahlreichen Nachkommen von Leuten, die in Handel und Gewerbe hier ihr Glück gemacht haben und daher imstande waren, ihren Kindern eine höhere Schulbildung zuteil werden zu lassen. Die vielen deutschen Vereine sind folglich auch noch nicht imstande, sich rein künstlerischen und literarischen Bestrebungen zu widmen. Sie scheiden sich mehr nach Landsmannschaften oder[pg 7]Gesellschaftsschichten als nach geistigen Ansprüchen. Man darf also nicht erwarten, für irgend welche wissenschaftlichen oder künstlerischen Darbietungen in den Vereinigten Staaten ein so homogenes, wohlgezogenes und anspruchsvolles Publikum zu finden, wie etwa in unseren deutschen literarischen Gesellschaften, kaufmännischen oder auch selbst sozialdemokratischen Bildungsvereinen. Man kann aber sicher sein, überall unter seinen Zuhörern eine Anzahl fein gebildeter und verständnisvoller Menschen zu finden, wenn es auch nur eine kleine Minderheit sein mag. Für diese Minderheit wird man dann aber, wenn man seine Mission ernst nimmt, sein Bestes geben und die Kleinen und Armen im Geiste nach Möglichkeit durch Konzessionen an ihr Unterhaltungsbedürfnis mit zu ziehen suchen. Manchmal kann es einen freilich bei solchen überraschenden Ausbrüchen kindlicher Heiterkeit kalt überlaufen. Im Hörsaal der Universität zu Rochester wollten sich Studenten deutscher Abkunft halb tot lachen über die von mir berichtete traurige Tatsache, daß Liliencron im Feldzuge von 1870/71 diverse Kugeln in den Leib bekommen habe, von denen ihm alle paar Jahre eine im Operationssaal der Universitätsklinik zu Kiel herausgeholt wurde! Und in derHigh Schoolvon Youngstown (Ohio) kreischten dieBoysundGirlsvor Vergnügen, als ich ihnen die tief ergreifende Ballade von der Großmutter Schlangenköchin übersetzte. Über die Fischlein, die die böse Hexe mit einem Stock im Krautgärtlein fängt, und gar über „The black and tan Doggie, that burst into a thousand pieces“ (das schwarzbraune Hündlein, das in tausend Stücke zersprang), bogen sie sich krumm vor Lachen, und meine Frau, die sie gerade durch diese Ballade zu Tränen zu rühren gedachte, war blaß vor Schrecken, – hat sie aber dann doch zu packen[pg 8]gekriegt, diese robusten Neuweltler, denen die lieb herzige Einfalt des deutschen Märchenstiles so siebenfach versiegelt ist.Sehenswürdigkeiten und Gastfreundschaft. Nervös sind sie nicht.Wenn man in den Vereinigten Staaten unter den Auspizien einer hochangesehenen Gesellschaft reist, so bekommt man eine deutliche Vorstellung davon, wie angenehm und erhebend es sein muß, als Fürstlichkeit durchs Dasein zu wallen. Genau so wie bei uns eine die Provinzen bereisende bessere Fürstlichkeit wird man nämlich in den Vereinigten Staaten behandelt, sobald man offiziell als großes Tier, als illustrer Gast gemanagt wird. Am Bahnhof Empfang durch ein Komitee, das einen in das erste Hotel der Stadt geleitet, wo man sich kaum des Reiseschmutzes entledigt hat, als einem auch schon die Reporter auf den Leib rücken. In der kurzen Zeit, die einem das Komitee zum Säubern und Ausruhen gönnt, (meistens ist man ja die Nacht durch gefahren, denn die einzelnen Vortragsstädte liegen nicht selten so weit auseinander wie etwa Berlin und Neapel!) muß man mehrere Interviews über sich ergehen lassen, bei denen einen der stete Zweifel nervös macht, wer von beiden der größere Esel sei, der Interviewer oder der Interviewte. Dann tritt das Komitee wieder an, um einem die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen, wobei zu bemerken ist, daß im ganzen Osten bis zum Mittelwesten der Union, bis hinauf an die kanadische und hinunter an die virginische Grenze eine Stadt genau so reizlos und uninteressant ist wie die andere (mit vielleicht einziger Ausnahme von Boston und Washington), daß die Kriegerdenkmäler noch erheblich fürchterlicher sind als bei uns, und man die berühmtesten Bauten meistens schon im Original in Europa gesehen hat. Erfreulich werden diese Besichtigungsfahrten nur, wenn sie aus den wüsten Steinhaufen der[pg 9]Citys hinaus ins Land führen und man einen schönen Tag erwischt. Architektonisch interessante Villenviertel mit reizenden Schmuckgärten wie bei uns gibt es freilich kaum irgendwo. Aber wenn die Sonne lacht, sind selbst die zum Gähnen einförmigen gemütlichen Holzhäuschen, mit denen auch sehr wohlhabende Amerikaner glücklich und zufrieden sind, eine Wohltat zu sehen. Nachdem der ästhetische Graus der Städte dergestalt überstanden ist, geht es zum Lunch, und der ist eigentlich immer erfreulich und gemütlich, gleichviel ob man in eine wildfremde Familie, in ein feines Restaurant oder in einen exklusiven Klub geladen ist. Denn die amerikanische Gastfreundschaft, mag sie von Yankees oder Deutschen ausgeübt werden, ist über alles Lob erhaben. Und wenn bei solchen Gelegenheiten das Menü nur nicht zu amerikanisch und die Gastgeber keine Teatotalers sind, so kann man sich seines Lebens freuen, ohne durch steife Förmlichkeit oder durch aufdringliche Protzerei geärgert zu werden. Nicht selten ist bereits mit dem Lunch eine kleinereceptionverbunden, d. h. nach dem Essen treten mehrere Dutzend Menschen, die ganze Fakultät, wenn der Gastgeber ein Professor ist, die ganze Freundschaft und Verwandtschaft, wenn der Empfang inoffiziell ist, in den zumeist winzig kleinen Stuben an, um Bekanntschaft zu machen. Das ist die mildeste Form der „reception“. Man hört alle Namen, schüttelt alle Hände, schwätzt ein Stündchen herum und hat im Fluge einen oberflächlichen Eindruck von dem Verkehrskreis des Gastgebers gewonnen, vielleicht sogar eine wirklich interessante Persönlichkeit flüchtig angebohrt. Ist man an ein Komitee geraten, das bereits Erfahrungen mit europäischen Nerven gemacht hat, so darf man sich zu einem Ruhestündchen zurückziehen, andernfalls geht es ohne Gnade und Barm[pg 10]herzigkeit weiter im Programm. Man wird zur Besichtigung der Universitätsinstitute, der Bibliotheken, der Laboratorien, Museen, bemerkenswerter Fabrikbetriebe oder was es auch immer sei, mit Vorliebe auch zu dem Gouverneur des Staates oder doch mindestens zum Bürgermeister der Stadt geschleppt. Wenn man bedenkt, daß so ein Gouverneur der konstitutionelle Regent eines Landes ist, das in den meisten Fällen größer als das Königreich Bayern, in einigen Fällen sogar größer als ganz Deutschland ist, so ist man erstaunt über die leichte Zugänglichkeit und jeder steifen Förmlichkeit abholde Art dieser großen Herren. Sie haben natürlich keine Ahnung davon, wer man ist, aber sie beteuern, über die Bekanntschaft entzückt zu sein, und stellen sich aufs Liebenswürdigste unseren Wünschen zur Verfügung. Mittlerweile wird es dann Zeit, sich zumdinnerinfull dresszu werfen. Dabei geht es ohne mehrere Toaste niemals ab, denn der Amerikaner redet gern und hervorragend gut, und man muß sein bißchen Witz gehörig zusammennehmen, um diesem nationalen Talente gegenüber mit seiner Antwort zu bestehen. Hat man den Abend frei, so ist solch eindinnerum 7 Uhr eine erquickliche Angelegenheit; denn nirgends existiert in Amerika die deutsche Unsitte, stundenlang bei Tische zu sitzen, eine unmögliche Masse von Speisen und ebenso viel verschiedene, in der Schwere sich steigernde Weinsorten eingepumpt zu bekommen. Große offizielle Festessen dehnen sich freilich auch sehr lang aus, aber nicht wegen der Länge des Menüs, sondern nur wegen der nationalen Sitte, die Schleusen der Beredsamkeit erst nach dem Dessert zu öffnen.ToastmasterundChairmanregulieren den Strom nach parlamentarischer Sitte, und wenn die Rednerliste erschöpft ist, beginnt erst der echt amerikanische[pg 11]Hauptspaß, indem derToastmasternoch unter den besonders prominenten, durch ihre Eigenart berühmten oder berüchtigten Anwesenden eine ganze Anzahl zu Improvisationen reizt. Selten daß einer auf solche Reizung nicht reagiert. Natürlich reitet bei dieser Gelegenheit jeder sein Steckenpferd, wobei aber erst recht viel witziges oder gedankenreiches Eigengut zutage gefördert wird. Schlimm ist es, wenn man unmittelbar nach dem Essen seinen Vortrag halten muß, wie das gar nicht selten vorkommt. Und noch schlimmer, wenn einem, wie mir das auch passiert ist, erst beim Besteigen der Rednertribüne vom Vorsitzenden zugeraunt wird, daß man doch gefälligst nur eine Stunde lang sprechen möge – über ein Thema, das in dreien kaum halbwegs gründlich zu erledigen wäre! Diese beneidenswert robusten Neuweltler nehmen eben als selbstverständlich an, daß ein Mensch, der einen Beruf, ein Geschäft daraus macht, öffentliche Vorträge zu halten, jederzeit und unter allen Umständen bereit sein müßte, sie aus der Pistole zu schießen. Daß wir schwächlichen Ostleute zu jeder geistigen Leistung Sammlung und Stimmung brauchen, das scheinen sie nicht zu verstehen. Dem nervenlosen Amerikaner ist es auch ganz gleichgültig, wie das Lokal ausschaut, in dem er seine Kunst genießt oder seine Bildung bereichert; offene Türen, hin- und herlaufende Menschen, pfeifende und klingelnde Lokomotiven vor den Fenstern, polternde Kegel- unter und probende Gesangvereine über dem Lokal genieren ihn nicht im mindesten. Ich ging an einem Universitätshörsaal vorbei, dessen Tür sperrangelweit offen stand; im Korridor trappten laut schwatzende und lachende Studenten auf und ab, aber weder der vortragende Professor noch die eifrig nachschreibenden Hörer ließen sich dadurch auch nur im geringsten stören. In St. Louis[pg 12]waren die Leute, die mein Auditorium in Stand setzen sollten, ausgeblieben. Infolgedessen war das Lokal so schmutzig von Kohlenruß, daß ich einen weißen Handschuh, der mir entfiel, schwarz wieder aufhob und das elektrische Licht versagte; wir saßen also bei einigen Notlampen im Finstern, und ich trug eine rührende Geschichte vom bitteren Leiden und Sterben eines schwindsüchtigen Mädchens unter der rhythmischen Begleitung zweier melodisch knallender Heizkörper vor. Natürlich war ich nahe daran, aus der Haut zu fahren; mein Publikum aber schien durch diese stimmungsmordenden Umstände nicht im mindesten berührt zu werden. Der Vorsitzende bat für diese Übelstände um Entschuldigung, und damit war es gut. Der Amerikaner fügt sich in das Unvermeidliche mit bewundernswerter Ruhe und Geduld. Wenn er gekommen ist, um für sein Geld Kunst zu genießen oder Weisheit zu schlürfen, so führt er diesen Vorsatz auch unter den widrigsten Verhältnissen aus, denn er will auf seine Kosten kommen. Und seine Nerven parieren ihm so absolut, daß er imstande ist, durch einfachen Willensakt während des zartesten Pianissimos einer Sängerin den knallenden Heizkörper oder die läutende Lokomotive nicht zu hören.Nicht vorstellen! Great reception.Die großereception, dieser Schrecken aller Schrecken für berühmte Mauernweiler, diese echt amerikanische „Hetz“, pflegt nach dem Vortrag des zu feiernden Gastes in einem möglichst großen Saale stattzufinden. Der Amerikaner stellt sich bekanntlich nie selber vor. Man kann stundenlang im Eisenbahnwagen miteinander fahren und sich angeregt unterhalten, man kann sogar wochenlang auf einem Dampfer Tisch- und Kabinennachbar eines scharmanten Menschen sein, ohne daß es ihm einfallen wird, sich selber vorzustellen. Und wenn der wackere Deutsche in seiner angeborenen Höflichkeit sich bemüßigt[pg 13]fühlt, einer solch angenehmen Reise- oder Table d’hote-Bekanntschaft gegenüber die Hacken zusammenzuschlagen und mit kommentmäßig heruntergeklapptem Haupte zu schnarren: „Sie gestatten, mein Name ist Müller,“ so riskiert er, daß der Angeredete, ohne sich von seinem Sitz zu erheben, ihn von unten herauf gelangweilt anschaut und mit gequetschtem Nasentone die impertinent zweifelnde Frage zurückgibt: „Aoh, is that so?“ Der Amerikaner hat stets den Ehrgeiz, mit prominenten Leuten bekannt zu werden. Ausländische Berühmtheiten interessieren ihn brennend, und für Leute mit schönen Titeln und langen Namen aus Europa hat er eine besondere Schwäche, aber niemals würde er sich einfallen lassen, eine formlose Vorstellung zu provozieren. Man kann in der guten Gesellschaft nur miteinander bekannt werden, indem man von dem Gastgeber, bei dem man sich trifft, offiziell einander vorgestellt wird. Diesen Zweck erfüllen unter anderen Veranstaltungen auch die berüchtigtenreceptions. Jeder, der nur irgendwelche Berührungspunkte mit der gesellschaftlichen Sphäre oder mit dem Beruf des prominenten Gastes hat, bemüht sich, eine Einladung zu solcherreceptionzu bekommen. Der Vorgang bei dieser hochnotpeinlichen Prozedur, wie ich sie im Staate Wisconsin in musterhafter Form erlebt habe, ist folgender: Man stellte mich an eine Säule an der Schmalseite des großen Saales und meine Frau an eine andere Säule wenige Schritte davon entfernt. Mir zur Seite trat einGentleman-Usherund an die Seite meiner Frau eineLady-Usher(Usher = Einführer). Von diesen wird vorausgesetzt, daß sie wie ein Hofmarschall alle eingeladenen Herrschaften nach Namen, Rang und Stand kennen. In langer Reihe, einzeln oder paarweise hintereinander nahen sich nun die Scharen derer, die unsere Bekanntschaft zu machen[pg 14]wünschen, und der Usher waltet seines Amtes. „Erlauben Sie mir, Ihnen Mister und Missis John Dubbleju Weber (sprich: Uebbäh) vorzustellen. Einer der prominentesten Bürger unserer Stadt, man kann sagen einer ihrer Begründer, denn er hat vor vierzig Jahren hier in dem Indianerdorf, das damals auf dieser Stelle stand, den ersten Laden für baumwollene Taschentücher, Whisky, Kautabak und Schießpulver eröffnet.“„How do you do, Mister Uolsogen?“ gurgelt Mister John Dubbleju Uebbäh aus seiner respektablen Speckwampe heraus und beginnt mit meinem Arme wie mit einem Pumpenschwengel zu hantieren. „Komme Se mal zu mir, da wer’ ich Se mal was Scheenes ßeigen; und bringen Se auch de Frau Uolsogen mit, wenn se Äntiquitis gleicht.“ (Antiquitäten gern hat).Und Missis Uebbäh, eine umfangreiche Dame mit kolossalen Brillantboutons in den Ohrlappen, grinst mich mütterlich bewegt an und versichert, entzückt zu sein, mich zu treffen. Der Mann gibt meine Hand an sie weiter, und sie pumpt die Behauptung aus mir heraus, daß ich glücklich sei, Persönlichkeiten vor mir zu sehen, welche die ganze Geschichte dieser berühmten Stadt nicht nur mit erlebt, sondern sozusagen selber gemacht hätten.„Move on, please!“ sagt der Usher und schiebt das imposante Ehepaar sanft weiter, worauf er mich mit Mister und Missis Isaak O. Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) bekannt macht. Mister Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) ist mit sieben Cents in der Tasche vor fünfundzwanzig Jahren hier eingewandert und hat etwa ein Dutzend Mal seinen Beruf gewechselt, bis er sich auf Rattengift geworfen hat. Seit einigen Jahren steht er an der Spitze des Patent-Ungeziefervertilgungsmitteltrusts und ist elf Millionen Dollar wert.[pg 15]Seine Frau ist tief ausgeschnitten und bedeckt ihre wogende Blöße mit Brillanten für etliche Hunderttausende. Sie ist so schrecklich betrübt (so awfully sorry!), daß ihre Tochter mich nicht kennen lernen kann, denn die ist vergangenes Jahr in Deutschland gewesen und so eingenommen von der deutschen Literatur. Sie habe viele von meinen Büchern gelesen, darunter natürlich auch meinen entzückenden „Herrgottsschnitzer von Oberammergau“ und meinen reizenden „Hüttenbesitzer“ und überhaupt beinahe alles. Leider habe das Mädchen die Mumps.Beschämt und tief gerührt bekenne ich, daß diese genaue Kenntnis meines dichterischen Schaffens mich zum ersten Mal das Hochgefühl einer wahren Popularität auf zwei Hemisphären voll empfinden lasse.Mister Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) quetscht mir bewegt die Hand, und Missis Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) hat noch eine Frage auf den üppigen Lippen, als mein Usher mir bereits einen ehrwürdigen Greis in weißem Lockenschmucke, das glattrasierte Antlitz scharf und geistvoll geschnitten, als den berühmten Professor der Ethik, Dr. James Cadwalleder B. Mapletree vorstellt. Der berühmte Gelehrte ist so steinalt, daß ich ihm aufs Wort geglaubt hätte, wenn er mir versichert hätte, daß bereits George Washington, Benjamin Franklin und Henry Clay (welch letzterer übrigens keineswegs Zigarrenfabrikant in Havanna, sondern ein 1852 verstorbener bedeutender Staatsmann ist) bei ihm Colleg gehört hätten. „Froh, Sie zu treffen, Baron“, beginnt der große Gelehrte, mir kräftig die Hand drückend, und wissend, daß ihm nicht viel Zeit gegeben ist, knüpft er gleich eine Frage über den Stand der Ethik in Deutschland als wissenschaftliche Disziplin sowie als bewußte Ausdrucksform der Volks[pg 16]seele an. Ich erinnere mich zum Glück, daß ich jahrelang eifriges Mitglied des Ethischen Klubs im Kellerlokal des Hofbräu-Ausschankes in der Französischen Straße in Berlin gewesen bin und erkläre ihm, daß wir in der Ethik durchaus obenauf,up to datewären und überhaupt...„Move on, please!“ ruft der unerbittliche Usher, und der große Gelehrte bezähmt lächelnd seinen Wissensdurst und läßt sich ohne Murren weiter schieben.Es kommen deutsche Mitglieder der Fakultät an die Reihe, mit denen ich im Fluge gemeinsame Beziehungen in der Heimat entdecke, es kommen Yankees, die wirklich im deutschen Geistesleben zu Hause sind und auch tatsächlich den „Kraft-Mayr“ gelesen haben, es kommt die Vorsteherin einer Mädchenschule, die just meine „Gloriahose“ in ihrer Klasse übersetzen läßt – lauter Menschen, mit denen man sich gern zum Warmwerden in ein Eckchen zurückziehen möchte – es hilft nichts: „Move on, please!“ kommandiert die sanfte Stimme meines Ushers. Folgsam und wohlanständig schieben sich die Hunderte von Menschen, alte und junge, Zierden der Alma mater und feste Säulen der Bürgerschaft, prominente und unerhebliche Leute, Männlein und Weiblein langsam weiter, und alle, die mir mit größerer oder geringerer Ausgiebigkeit die Hand geschüttelt und versichert hatten, daß siesoglücklich seien, mich zu treffen, fragen zwei Minuten später an der nächsten Säule meine Frau, wie es ihr gehe, und sind alle ausnahmslos so glücklich, sie zu treffen. Zuletzt kommt das junge Volk an die Reihe: lustige Studentinnen, die mit einem vergnügten Knall in die Hand einschlagen und die Affäre mit demstereotypen„How d’ye do?“ möglichst rasch erledigen, oder aber kichernd ihre deutschen Brocken anzubringen versuchen. Unter den letzten ist ein lang aufgeschossener Student[pg 17]mit sehr großen roten und kalten Händen, der mir sein deutsches Literaturgeschichtsbuch mit der Bitte überreicht, ihm da etwas hineinzuschreiben.„Stehe ich drin in diesem Leitfaden?“ frage ich den glatten Jüngling.„Ich bin betrübt, nein zu sagen,“ lächelte er verlegen, und ich attestiere es ihm schriftlich in sein Buch hinein, daß das eine ganz miserable Literaturgeschichte sei.Ausgestanden!Gott sei Dank, endlich ausgestanden! 170 Menschen sollen es gewesen sein. Man darf sich endlich setzen und bekommt ein Sandwich oder so etwas ähnliches und selbstverständlich das entsetzliche Eiswasser oder den unvermeidlichen Icecream angeboten. Man nimmt sich einige der Herrschaften beiseite und fragt sie auf Ehre und Gewissen, ob sie etwa durch diese „reception“ glücklich geworden seien. Die sind mit uns völlig einig darüber, das solche Veranstaltungen der größte Blödsinn von der Welt seien, so ungeeignet wie möglich, den angeblichen Zweck des gegenseitigen Kennenlernens zu erfüllen. Aber trotzdem: wenn das nächste Mal zur Besichtigung eines importierten Dichters oder eines sonstigen seltenen Tieres eingeladen wird, so sind sie doch alle wieder da. Missis Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) mit ihren sämtlichen Brillanten und mit der Tochter, die inzwischen vielleicht die Mumps überstanden haben wird, Mister und Missis John Dubbleju Uebbäh, der eigentliche Gründer des jetzt so blühenden Gemeinwesens, und die sämtlichen anderen Prominenten der Stadt, die Professoren mit ihren Damen, und auch der achtzigjährige James Cadwalleder B. Mapletree wird sich wieder geduldig in die Reihe stellen und wieder seine Frage nach dem Stand der Ethik in Europa nicht beantwortet kriegen. Es ist nun einmal eine Genugtuung für den richtigen Amerikaner, sagen zu[pg 18]dürfen: „Da und da traf ich den berühmten X. und schüttelte Hände mit ihm.“ Der Präsident der Vereinigten Staaten hat das Vergnügen, alljährlich bei der großen Neujahrsreception Tausenden von Menschen die Hände zu schütteln und jedem einzeln zu versichern, daß ersofroh sei, ihn zu treffen. Unser Prinz Heinrich soll sich nach Beendigung seiner Amerikatour in seine Kabine eingeschlossen und 48 Stunden hintereinander geschlafen haben. Ich glaub’s gerne, daß er das nötig hatte, denn der mußte täglich Bankette und Receptions mitmachen, bei denen noch x-mal so viel Hände zu schütteln und Trinksprüche zu beantworten waren, abgesehen davon, daß er im Laufe des Tages auch noch sämtliche Kriegerdenkmäler, Bibliotheken, bedeutende Fabrikbetriebe, Preisbullen und Deckhengste besichtigen mußte. Auch mir, dem bescheidenen Dichter, wurde der berühmte arabische Deckhengst von Columbus mit seinen hochmütig starren Monokelaugen vorgeführt, auch vor mir tänzelte der kokette Racker, die x-fach preisgekrönte Jerseykuh, auch mir zu Ehren wurden Hekatomben von Schweinen in den Stockyards abgestochen; aber für mich gab es doch immerhin Ruhepausen, stille Tage in befreundeten Familien, zeitweises Untertauchen in Hausrock und Pantoffeln. Für unseren unglücklichen Repräsentationsprinzen gab es das alles nicht, er war von früh bis in die späte Nacht tagtäglich im Geschirr. Seine Nervenleistung war so enorm, daß sie schließlich sogar den Amerikanern imponiert hat.Die erste Frage jedes Eingeborenen der Vereinigten Staaten an den Fremdling, und wäre er auch eben erst in Hoboken gelandet, ist: „Wie gefällt Ihnen Amerika?“ Sie sollten eigentlich fragen: „Wie halten Sie Amerika aus?“ Denn das ist, wenigstens für den offiziell herum[pg 19]gezeigten Mauernweiler, wirklich die Kardinalfrage da drüben. Mein Gott, es ist eben ein ganz junges Volk, und sie sind so ungeheuer stolz auf die riesigen Proportionen ihres Landes, auf die erstaunliche Größe, Neuheit, Kühnheit aller ihrer Unternehmungen, daß jeder Amerikaner den Kitzel in sich verspürt, jeden Fremden, der auf der Straße irgend etwas anstaunt, zu fragen: „Na, was sagen Sie dazu, elender Europäer, bartbewachsenes Blaßgesicht, kolossal, was? Habt Ihr drüben nicht!“Die reizende Reporterin.In Philadelphia wurde ich von einer reizenden jungen Reporterin interviewt. Selbstverständlich: „How do you like America“ usw., und dann kam die verfängliche Frage: „Und was denken Sie von unserer Kultur?“ Da kratzte ich mir den Kopf und sagte: „Mein liebes Fräulein, in diese Mausefalle spaziere ich Ihnen nicht.“ Und nun schlug das süße Ding seine wunderschönen Augen mit einem so traurig enttäuschten, kindlich erschrockenen Blick zu mir empor – ich werde diesen rührenden Blick nie vergessen! Und um Ihrer schönen traurigen Augen willen, reizendes Fräulein von Philadelphia, gedenke ich nunmehr alle meine Eindrücke von meiner Amerikafahrt unter dem Gesichtspunkt zu revidieren, daß bei diesem großen Volke eben alles noch Jugend, holde, wilde, ungezogene, starke, unanständig gesunde Jugend ist.
Ein rechtschaffener „teutscher Tichter“ schlägt drei Kreuze vor dem Gedanken einer Auswanderung nach den Vereinigten Staaten. Nikolaus Lenau, der seinerzeit aus Begeisterung für die Freiheit und für die biederen Rothäute hinübersegelte, hat bekanntlich das nächste Retourschiff benutzt, und sein Entsetzen hat ihn das Wort prägen lassen von dem Lande, in welchem die Vögel keine Lieder und die Blumen keinen Duft hätten. (Eine Behauptung, die übrigens nicht einmal zutrifft.) Auch Detlev v. Liliencron mochte kein intimes Verhältnis mit der Dame Dollarica eingehen, weil sie gar keine Miene machte, ihm von ihrem Überfluß an Dollars etwas abzugeben. Ich vermute, daß sie ihn zunächst hat Flaschen spülen lassen, eine Prüfung auf die männliche Tüchtigkeit, die sie allen gestrandeten Offizieren und sonstigen mit Bildung oder hohen Lebensansprüchen beschwerten, zu grober Handarbeit jedoch untauglichen deutschen Gunstbewerbern zunächst einmal auferlegt. Wilhelm v. Polenz, der nicht mit den Hintergedanken eines galanten Räubers, sondern nur mit einem Scheckbuch bewaffnet einige Monate im Lande herumreiste, kehrte dagegen zufrieden und bereichert heim und bescherte uns, als Frucht seines fleißigen Studiums, sein schönes und gerechtes Buch „Das Land der Zukunft“. Dafür war aber auch Polenz kein solch närrischer Lyriker, der in zornige Tränen ausbricht, wenn ihm ein fremder Weltteil nicht den Gefallen tut, Nachtigallen in Kaktushainen schlagen und Affen auf Lindenbäumen herumklettern zu lassen. Paul Lindau, der welt-,[pg 2]witz- und wortgewandte, ist durch das Land geflitzt und hat eine Masse von Eindrücken gleich bunten Schmetterlingen im Vorbeifliegen mit „gewandter Feder“ feuilletonistisch aufgespießt; gelegentlich der großen Weltmessen von Chicago und St. Louis ist auch sonst wohl noch der und jener aus unserem Federvolke mit drüben gewesen, um mit mehr oder minder leichtsinniger Wichtigkeit den Maßstab seiner kleinen Person an die Ungeheuerlichkeit der Verhältnisse da drüben zu legen, und sie sind alle, durch starke Eindrücke bereichert, heimgekehrt. Erst seitdem einige hervorragende Deutsch-Amerikaner mit Hilfe der Professoren der germanistischen Fakultäten und Unterstützung etlicher für deutsche Kunst und Wissenschaft eingenommener amerikanischer Mäzene dieGermanistic Society of Americagegründet haben, ist es möglich geworden, richtigen deutschen Dichtern und Gelehrten, ohne Rücksicht auf Geldverdienst und etwaige lyrische Sentimentalitäten, die große Kinderstube im fernen Westen, das Märchenland der absoluten Gegenwärtigkeit, zu zeigen und andererseits diese seltsamen Tiere dem amerikanischen Volke lebend vorzuführen. Auf diese Weise sind Ludwig Fulda, Hermann Anders Krüger, Karl Hauptmann und zuletzt der Schreiber dieser Zeilen dazu gelangt, ihren deutschen Landsleuten drüben, sowie den für deutsche Geistesart interessierten Amerikanern lebendige Kunde vom deutschen Dichten der Gegenwart zu bringen.
Psychologie des Publikums.
Psychologie des Publikums.
Ich habe im Laufe von etwa acht Wochen an neunzehn Universitäten und Colleges, sowie fünfzehnmal in deutschen Vereinen gesprochen. Ich habe dabei teils aus meinen Werken rezitiert, teils die letzten dreißig Jahre deutscher Literaturgeschichte in skizzenhaften Schilderungen persönlicher Eindrücke und Begegnungen durchgenommen, oder[pg 3]mich über das Theater der deutschen Gegenwart verbreitet, oder endlich mit Unterstützung meiner Frau die Entwicklungsgeschichte des deutschen Volksliedes behandelt. Und daß ich diese kleine Singefrau mit hatte, war sehr gut. Denn wo immer sie in die Zupfgeige griff und ihre Volkslieder aus alten Zeiten erschallen ließ, da leuchteten die Augen, da war der Jubel groß, und die gewohnten Redensarten eines höflichen Dankes bekamen einen echten Herzensklang. Sie haben mir ja auch die Frau nicht wieder herausgegeben, als ich nach getaner Arbeit heimwärts strebte; sie haben sie mit sanfter Gewalt da behalten, weil sie von ihr noch lange nicht genug hatten. Das soll nun nicht etwa heißen, daß ich mich über eine laue Aufnahme oder über Unverständnis zu beklagen gehabt hätte. Ganz im Gegenteil: man muß bei uns schon bis nach Wien gehen, um eine solche Temperatur der dankbaren Begeisterung zu finden; aber ich merkte doch sehr bald, daß ich diesen lebhaften Beifall vornehmlich meiner rezitatorischen Leistung sowie dem Umstande zu verdanken hatte, daß ich einen wichtigen Teil meines Wesens vorsorglich unterschlug. Als praktischer Theatermann habe ich die Kunst gelernt, unterhaltende Programme zusammenzustellen, und auf die Psychologie der Massen verstehe ich mich auch einigermaßen; das ist der Grund, weshalb mir’s drüben so gut gegangen ist. Ich wußte schon vorher genug über den Geschmack des amerikanischen Publikums, um ungefähr beurteilen zu können, welche meiner Werke und Anschauungen für drüben möglich wären und welche nicht. Und da mußte von vornherein vieles von dem als unmöglich ausgeschlossen werden, womit ich mir hier meine wertvollsten Erfolge geholt und meiner literarischen Persönlichkeit überhaupt erst feste Umrisse gegeben habe. Die Natürlichkeiten der[pg 4]Erotik sind bei den Angloamerikanern ebenso von der öffentlichen Besprechung und künstlerischen Gestaltung ausgeschlossen wie die heiligen Stoffe, und die Deutsch-Amerikaner, die lange genug drüben gelebt haben, sind immerhin von diesem Puritanertum soweit angesteckt, daß die Grenzen des künstlerisch Erlaubten bei ihnen nicht weiter gehen als etwa beim deutschen Familienblatt älteren Stils. Du lieber Himmel – und ich bin der Verfasser des „Dritten Geschlechts“, der „Geschichten von lieben süßen Mädeln“ und gar „des Erzketzers“ und habe niemals einen Beitrag zur „Gartenlaube“ oder zum „Daheim“ geliefert! Selbstverständlich hatte ich wohl ausnahmslos an jedem meiner Vortragsabende ein paar literarisch gebildete, vorurteilslose Leute unter meinem Publikum, die sich gerne hätten stärker beschwören lassen; aber ich sollte mich doch der Mehrheit erfreulich und nützlich machen, den des Deutschen beflissenen Studenten englischer Zunge und besonders den aus allen Bildungsschichten zusammengewürfelten Deutsch-Amerikanern.
Humoristische Lichter. Was sie alles komisch finden.
Humoristische Lichter. Was sie alles komisch finden.
Mit den Versen gab’s wenig Schwierigkeit. Meine Balladen und Hymnen auf die moderne Technik mußten ja in dem Lande der technischen Hochkultur zünden, und auch von den satirischen Scherzgedichten wurde das meiste verstanden; aber mit der Auswahl von Prosastücken hatte ich meine liebe Not, und bei meinen Streifzügen durch die deutsche Literatur der letzten dreißig Jahre bemerkte ich auch gar bald, wie wenig davon selbst dem gebildeten Publikum bekannt war. Sobald ich bei einer meiner Lieblingsfiguren etwas länger verweilte oder den Versuch machte, ein bißchen in die Tiefe zu bohren, bemerkte ich, wie sich alsbald ein suggestives Gähnen durch die Reihen fortpflanzte und die teilnahmsvoll ge[pg 5]spannten Züge zu erschlaffen begannen. Da mußte ich mich denn beeilen, mit einer scherzhaften Anekdote oder einer satirisch zugespitzten Bemerkung die entflatternde Aufmerksamkeit wieder einzufangen. Wie in so vieler anderer Beziehung, so sind die Amerikaner auch darin noch auf einem kindlichen Standpunkt, daß sie, und zwar nicht nur die Jungen, sondern auch die Alten, durchaus lachen wollen, wenn sie sich zu irgendwelchem Zwecke in Massen versammeln. Der Politiker muß so gut wie der Universitätsprofessor und sogar der Kanzelredner Witze machen, wenn er sein Publikum fesseln will. Kein Redner wird jemals in diesem Lande Erfolg haben, der nicht zum mindesten die Kunst versteht, selbst ernstesten Gegenständen humoristische Lichter aufzusetzen. Ich habe eine feierliche Universitätssitzung mitgemacht, bei welcher der Präsident der Universität eine ausgezeichnete Gedenkrede auf eine verstorbene Leuchte derselben hielt. Es war ein kalter, nebliger Morgen und man saß in Überziehern und Galoschen da, aber sobald der Vortragende eine drollige Wendung gebrauchte, einen freundlich heiteren Zug aus dem Leben des Gefeierten erzählte, oder gar eine witzige Nutzanwendung machte, erwärmte sich die frierende Gesellschaft an lautem Gelächter. In dem amerikanischen nationalen Drama, derBlood and Thunder-Show, muß die erbauliche Abwechslung zwischen Leichenaufhäufung unter Revolvergeknatter und sentimentaler Rührung über unmenschliche Edelmutsausbrüche (vom obligaten Tremolo der Geigen begleitet) in regelmäßigen Abständen von derbenClownspäßenunterbrochen werden, um dem guten Volke schmackhaft zu bleiben, und der bekannte kleine polnische Jude, der auf die Frage, wie ihm der „Tristan“ gefallen habe, achselzuckend erwiderte: „Nu, mer lacht“, könnte hier leicht manches Gegen[pg 6]stück finden. Das ist nun etwa nicht als besonderes Schandmal der amerikanischen Unkultur aufzufassen, denn der Banause hat in der ganzen Welt der Kunst gegenüber genau denselben Standpunkt: er schätzt sie bestenfalls als erheiternden Zeitvertreib. Die geistige Erhebung durch tragische Erschütterung vermag er ebensowenig zu genießen, wie die rein ästhetische Freude an der schönen Form; sein Interesse hängt rein am Stofflichen, am gröblich Sinnfälligen, an der handgreiflichen Moral oder Tendenz. Da in Amerika noch nicht viele Leute und auch diese erst seit kurzem Zeit gefunden haben, ihre etwaigen ästhetischen Veranlagungen zu pflegen, so ist es selbstverständlich, daß es dort im Verhältnis zur Einwohnerzahl sehr viel weniger ästhetisch interessierte Menschen gibt als bei uns, und unsere guten Landsleute können von dieser Regel um so weniger eine Ausnahme machen, als sie ja zum weitaus überwiegenden Teil von gänzlich amusischer Herkunft sind. Die deutschen Amerikaner, die heute vornehmlich sich eine Ehrenpflicht daraus machen, den Zusammenhang mit der deutschen Geisteskultur aufrecht zu erhalten, setzen sich zusammen aus den Überresten der achtundvierziger Emigranten und ihrer Nachkommen, aus den neuerdings Eingewanderten mit akademischer Bildung, die hier als Lehrer und Lehrerinnen, als Ärzte, Künstler usw. eine Lebensstellung gefunden haben, und endlich aus einigen nicht allzu zahlreichen Nachkommen von Leuten, die in Handel und Gewerbe hier ihr Glück gemacht haben und daher imstande waren, ihren Kindern eine höhere Schulbildung zuteil werden zu lassen. Die vielen deutschen Vereine sind folglich auch noch nicht imstande, sich rein künstlerischen und literarischen Bestrebungen zu widmen. Sie scheiden sich mehr nach Landsmannschaften oder[pg 7]Gesellschaftsschichten als nach geistigen Ansprüchen. Man darf also nicht erwarten, für irgend welche wissenschaftlichen oder künstlerischen Darbietungen in den Vereinigten Staaten ein so homogenes, wohlgezogenes und anspruchsvolles Publikum zu finden, wie etwa in unseren deutschen literarischen Gesellschaften, kaufmännischen oder auch selbst sozialdemokratischen Bildungsvereinen. Man kann aber sicher sein, überall unter seinen Zuhörern eine Anzahl fein gebildeter und verständnisvoller Menschen zu finden, wenn es auch nur eine kleine Minderheit sein mag. Für diese Minderheit wird man dann aber, wenn man seine Mission ernst nimmt, sein Bestes geben und die Kleinen und Armen im Geiste nach Möglichkeit durch Konzessionen an ihr Unterhaltungsbedürfnis mit zu ziehen suchen. Manchmal kann es einen freilich bei solchen überraschenden Ausbrüchen kindlicher Heiterkeit kalt überlaufen. Im Hörsaal der Universität zu Rochester wollten sich Studenten deutscher Abkunft halb tot lachen über die von mir berichtete traurige Tatsache, daß Liliencron im Feldzuge von 1870/71 diverse Kugeln in den Leib bekommen habe, von denen ihm alle paar Jahre eine im Operationssaal der Universitätsklinik zu Kiel herausgeholt wurde! Und in derHigh Schoolvon Youngstown (Ohio) kreischten dieBoysundGirlsvor Vergnügen, als ich ihnen die tief ergreifende Ballade von der Großmutter Schlangenköchin übersetzte. Über die Fischlein, die die böse Hexe mit einem Stock im Krautgärtlein fängt, und gar über „The black and tan Doggie, that burst into a thousand pieces“ (das schwarzbraune Hündlein, das in tausend Stücke zersprang), bogen sie sich krumm vor Lachen, und meine Frau, die sie gerade durch diese Ballade zu Tränen zu rühren gedachte, war blaß vor Schrecken, – hat sie aber dann doch zu packen[pg 8]gekriegt, diese robusten Neuweltler, denen die lieb herzige Einfalt des deutschen Märchenstiles so siebenfach versiegelt ist.
Sehenswürdigkeiten und Gastfreundschaft. Nervös sind sie nicht.
Sehenswürdigkeiten und Gastfreundschaft. Nervös sind sie nicht.
Wenn man in den Vereinigten Staaten unter den Auspizien einer hochangesehenen Gesellschaft reist, so bekommt man eine deutliche Vorstellung davon, wie angenehm und erhebend es sein muß, als Fürstlichkeit durchs Dasein zu wallen. Genau so wie bei uns eine die Provinzen bereisende bessere Fürstlichkeit wird man nämlich in den Vereinigten Staaten behandelt, sobald man offiziell als großes Tier, als illustrer Gast gemanagt wird. Am Bahnhof Empfang durch ein Komitee, das einen in das erste Hotel der Stadt geleitet, wo man sich kaum des Reiseschmutzes entledigt hat, als einem auch schon die Reporter auf den Leib rücken. In der kurzen Zeit, die einem das Komitee zum Säubern und Ausruhen gönnt, (meistens ist man ja die Nacht durch gefahren, denn die einzelnen Vortragsstädte liegen nicht selten so weit auseinander wie etwa Berlin und Neapel!) muß man mehrere Interviews über sich ergehen lassen, bei denen einen der stete Zweifel nervös macht, wer von beiden der größere Esel sei, der Interviewer oder der Interviewte. Dann tritt das Komitee wieder an, um einem die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen, wobei zu bemerken ist, daß im ganzen Osten bis zum Mittelwesten der Union, bis hinauf an die kanadische und hinunter an die virginische Grenze eine Stadt genau so reizlos und uninteressant ist wie die andere (mit vielleicht einziger Ausnahme von Boston und Washington), daß die Kriegerdenkmäler noch erheblich fürchterlicher sind als bei uns, und man die berühmtesten Bauten meistens schon im Original in Europa gesehen hat. Erfreulich werden diese Besichtigungsfahrten nur, wenn sie aus den wüsten Steinhaufen der[pg 9]Citys hinaus ins Land führen und man einen schönen Tag erwischt. Architektonisch interessante Villenviertel mit reizenden Schmuckgärten wie bei uns gibt es freilich kaum irgendwo. Aber wenn die Sonne lacht, sind selbst die zum Gähnen einförmigen gemütlichen Holzhäuschen, mit denen auch sehr wohlhabende Amerikaner glücklich und zufrieden sind, eine Wohltat zu sehen. Nachdem der ästhetische Graus der Städte dergestalt überstanden ist, geht es zum Lunch, und der ist eigentlich immer erfreulich und gemütlich, gleichviel ob man in eine wildfremde Familie, in ein feines Restaurant oder in einen exklusiven Klub geladen ist. Denn die amerikanische Gastfreundschaft, mag sie von Yankees oder Deutschen ausgeübt werden, ist über alles Lob erhaben. Und wenn bei solchen Gelegenheiten das Menü nur nicht zu amerikanisch und die Gastgeber keine Teatotalers sind, so kann man sich seines Lebens freuen, ohne durch steife Förmlichkeit oder durch aufdringliche Protzerei geärgert zu werden. Nicht selten ist bereits mit dem Lunch eine kleinereceptionverbunden, d. h. nach dem Essen treten mehrere Dutzend Menschen, die ganze Fakultät, wenn der Gastgeber ein Professor ist, die ganze Freundschaft und Verwandtschaft, wenn der Empfang inoffiziell ist, in den zumeist winzig kleinen Stuben an, um Bekanntschaft zu machen. Das ist die mildeste Form der „reception“. Man hört alle Namen, schüttelt alle Hände, schwätzt ein Stündchen herum und hat im Fluge einen oberflächlichen Eindruck von dem Verkehrskreis des Gastgebers gewonnen, vielleicht sogar eine wirklich interessante Persönlichkeit flüchtig angebohrt. Ist man an ein Komitee geraten, das bereits Erfahrungen mit europäischen Nerven gemacht hat, so darf man sich zu einem Ruhestündchen zurückziehen, andernfalls geht es ohne Gnade und Barm[pg 10]herzigkeit weiter im Programm. Man wird zur Besichtigung der Universitätsinstitute, der Bibliotheken, der Laboratorien, Museen, bemerkenswerter Fabrikbetriebe oder was es auch immer sei, mit Vorliebe auch zu dem Gouverneur des Staates oder doch mindestens zum Bürgermeister der Stadt geschleppt. Wenn man bedenkt, daß so ein Gouverneur der konstitutionelle Regent eines Landes ist, das in den meisten Fällen größer als das Königreich Bayern, in einigen Fällen sogar größer als ganz Deutschland ist, so ist man erstaunt über die leichte Zugänglichkeit und jeder steifen Förmlichkeit abholde Art dieser großen Herren. Sie haben natürlich keine Ahnung davon, wer man ist, aber sie beteuern, über die Bekanntschaft entzückt zu sein, und stellen sich aufs Liebenswürdigste unseren Wünschen zur Verfügung. Mittlerweile wird es dann Zeit, sich zumdinnerinfull dresszu werfen. Dabei geht es ohne mehrere Toaste niemals ab, denn der Amerikaner redet gern und hervorragend gut, und man muß sein bißchen Witz gehörig zusammennehmen, um diesem nationalen Talente gegenüber mit seiner Antwort zu bestehen. Hat man den Abend frei, so ist solch eindinnerum 7 Uhr eine erquickliche Angelegenheit; denn nirgends existiert in Amerika die deutsche Unsitte, stundenlang bei Tische zu sitzen, eine unmögliche Masse von Speisen und ebenso viel verschiedene, in der Schwere sich steigernde Weinsorten eingepumpt zu bekommen. Große offizielle Festessen dehnen sich freilich auch sehr lang aus, aber nicht wegen der Länge des Menüs, sondern nur wegen der nationalen Sitte, die Schleusen der Beredsamkeit erst nach dem Dessert zu öffnen.ToastmasterundChairmanregulieren den Strom nach parlamentarischer Sitte, und wenn die Rednerliste erschöpft ist, beginnt erst der echt amerikanische[pg 11]Hauptspaß, indem derToastmasternoch unter den besonders prominenten, durch ihre Eigenart berühmten oder berüchtigten Anwesenden eine ganze Anzahl zu Improvisationen reizt. Selten daß einer auf solche Reizung nicht reagiert. Natürlich reitet bei dieser Gelegenheit jeder sein Steckenpferd, wobei aber erst recht viel witziges oder gedankenreiches Eigengut zutage gefördert wird. Schlimm ist es, wenn man unmittelbar nach dem Essen seinen Vortrag halten muß, wie das gar nicht selten vorkommt. Und noch schlimmer, wenn einem, wie mir das auch passiert ist, erst beim Besteigen der Rednertribüne vom Vorsitzenden zugeraunt wird, daß man doch gefälligst nur eine Stunde lang sprechen möge – über ein Thema, das in dreien kaum halbwegs gründlich zu erledigen wäre! Diese beneidenswert robusten Neuweltler nehmen eben als selbstverständlich an, daß ein Mensch, der einen Beruf, ein Geschäft daraus macht, öffentliche Vorträge zu halten, jederzeit und unter allen Umständen bereit sein müßte, sie aus der Pistole zu schießen. Daß wir schwächlichen Ostleute zu jeder geistigen Leistung Sammlung und Stimmung brauchen, das scheinen sie nicht zu verstehen. Dem nervenlosen Amerikaner ist es auch ganz gleichgültig, wie das Lokal ausschaut, in dem er seine Kunst genießt oder seine Bildung bereichert; offene Türen, hin- und herlaufende Menschen, pfeifende und klingelnde Lokomotiven vor den Fenstern, polternde Kegel- unter und probende Gesangvereine über dem Lokal genieren ihn nicht im mindesten. Ich ging an einem Universitätshörsaal vorbei, dessen Tür sperrangelweit offen stand; im Korridor trappten laut schwatzende und lachende Studenten auf und ab, aber weder der vortragende Professor noch die eifrig nachschreibenden Hörer ließen sich dadurch auch nur im geringsten stören. In St. Louis[pg 12]waren die Leute, die mein Auditorium in Stand setzen sollten, ausgeblieben. Infolgedessen war das Lokal so schmutzig von Kohlenruß, daß ich einen weißen Handschuh, der mir entfiel, schwarz wieder aufhob und das elektrische Licht versagte; wir saßen also bei einigen Notlampen im Finstern, und ich trug eine rührende Geschichte vom bitteren Leiden und Sterben eines schwindsüchtigen Mädchens unter der rhythmischen Begleitung zweier melodisch knallender Heizkörper vor. Natürlich war ich nahe daran, aus der Haut zu fahren; mein Publikum aber schien durch diese stimmungsmordenden Umstände nicht im mindesten berührt zu werden. Der Vorsitzende bat für diese Übelstände um Entschuldigung, und damit war es gut. Der Amerikaner fügt sich in das Unvermeidliche mit bewundernswerter Ruhe und Geduld. Wenn er gekommen ist, um für sein Geld Kunst zu genießen oder Weisheit zu schlürfen, so führt er diesen Vorsatz auch unter den widrigsten Verhältnissen aus, denn er will auf seine Kosten kommen. Und seine Nerven parieren ihm so absolut, daß er imstande ist, durch einfachen Willensakt während des zartesten Pianissimos einer Sängerin den knallenden Heizkörper oder die läutende Lokomotive nicht zu hören.
Nicht vorstellen! Great reception.
Nicht vorstellen! Great reception.
Die großereception, dieser Schrecken aller Schrecken für berühmte Mauernweiler, diese echt amerikanische „Hetz“, pflegt nach dem Vortrag des zu feiernden Gastes in einem möglichst großen Saale stattzufinden. Der Amerikaner stellt sich bekanntlich nie selber vor. Man kann stundenlang im Eisenbahnwagen miteinander fahren und sich angeregt unterhalten, man kann sogar wochenlang auf einem Dampfer Tisch- und Kabinennachbar eines scharmanten Menschen sein, ohne daß es ihm einfallen wird, sich selber vorzustellen. Und wenn der wackere Deutsche in seiner angeborenen Höflichkeit sich bemüßigt[pg 13]fühlt, einer solch angenehmen Reise- oder Table d’hote-Bekanntschaft gegenüber die Hacken zusammenzuschlagen und mit kommentmäßig heruntergeklapptem Haupte zu schnarren: „Sie gestatten, mein Name ist Müller,“ so riskiert er, daß der Angeredete, ohne sich von seinem Sitz zu erheben, ihn von unten herauf gelangweilt anschaut und mit gequetschtem Nasentone die impertinent zweifelnde Frage zurückgibt: „Aoh, is that so?“ Der Amerikaner hat stets den Ehrgeiz, mit prominenten Leuten bekannt zu werden. Ausländische Berühmtheiten interessieren ihn brennend, und für Leute mit schönen Titeln und langen Namen aus Europa hat er eine besondere Schwäche, aber niemals würde er sich einfallen lassen, eine formlose Vorstellung zu provozieren. Man kann in der guten Gesellschaft nur miteinander bekannt werden, indem man von dem Gastgeber, bei dem man sich trifft, offiziell einander vorgestellt wird. Diesen Zweck erfüllen unter anderen Veranstaltungen auch die berüchtigtenreceptions. Jeder, der nur irgendwelche Berührungspunkte mit der gesellschaftlichen Sphäre oder mit dem Beruf des prominenten Gastes hat, bemüht sich, eine Einladung zu solcherreceptionzu bekommen. Der Vorgang bei dieser hochnotpeinlichen Prozedur, wie ich sie im Staate Wisconsin in musterhafter Form erlebt habe, ist folgender: Man stellte mich an eine Säule an der Schmalseite des großen Saales und meine Frau an eine andere Säule wenige Schritte davon entfernt. Mir zur Seite trat einGentleman-Usherund an die Seite meiner Frau eineLady-Usher(Usher = Einführer). Von diesen wird vorausgesetzt, daß sie wie ein Hofmarschall alle eingeladenen Herrschaften nach Namen, Rang und Stand kennen. In langer Reihe, einzeln oder paarweise hintereinander nahen sich nun die Scharen derer, die unsere Bekanntschaft zu machen[pg 14]wünschen, und der Usher waltet seines Amtes. „Erlauben Sie mir, Ihnen Mister und Missis John Dubbleju Weber (sprich: Uebbäh) vorzustellen. Einer der prominentesten Bürger unserer Stadt, man kann sagen einer ihrer Begründer, denn er hat vor vierzig Jahren hier in dem Indianerdorf, das damals auf dieser Stelle stand, den ersten Laden für baumwollene Taschentücher, Whisky, Kautabak und Schießpulver eröffnet.“
„How do you do, Mister Uolsogen?“ gurgelt Mister John Dubbleju Uebbäh aus seiner respektablen Speckwampe heraus und beginnt mit meinem Arme wie mit einem Pumpenschwengel zu hantieren. „Komme Se mal zu mir, da wer’ ich Se mal was Scheenes ßeigen; und bringen Se auch de Frau Uolsogen mit, wenn se Äntiquitis gleicht.“ (Antiquitäten gern hat).
Und Missis Uebbäh, eine umfangreiche Dame mit kolossalen Brillantboutons in den Ohrlappen, grinst mich mütterlich bewegt an und versichert, entzückt zu sein, mich zu treffen. Der Mann gibt meine Hand an sie weiter, und sie pumpt die Behauptung aus mir heraus, daß ich glücklich sei, Persönlichkeiten vor mir zu sehen, welche die ganze Geschichte dieser berühmten Stadt nicht nur mit erlebt, sondern sozusagen selber gemacht hätten.
„Move on, please!“ sagt der Usher und schiebt das imposante Ehepaar sanft weiter, worauf er mich mit Mister und Missis Isaak O. Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) bekannt macht. Mister Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) ist mit sieben Cents in der Tasche vor fünfundzwanzig Jahren hier eingewandert und hat etwa ein Dutzend Mal seinen Beruf gewechselt, bis er sich auf Rattengift geworfen hat. Seit einigen Jahren steht er an der Spitze des Patent-Ungeziefervertilgungsmitteltrusts und ist elf Millionen Dollar wert.[pg 15]Seine Frau ist tief ausgeschnitten und bedeckt ihre wogende Blöße mit Brillanten für etliche Hunderttausende. Sie ist so schrecklich betrübt (so awfully sorry!), daß ihre Tochter mich nicht kennen lernen kann, denn die ist vergangenes Jahr in Deutschland gewesen und so eingenommen von der deutschen Literatur. Sie habe viele von meinen Büchern gelesen, darunter natürlich auch meinen entzückenden „Herrgottsschnitzer von Oberammergau“ und meinen reizenden „Hüttenbesitzer“ und überhaupt beinahe alles. Leider habe das Mädchen die Mumps.
Beschämt und tief gerührt bekenne ich, daß diese genaue Kenntnis meines dichterischen Schaffens mich zum ersten Mal das Hochgefühl einer wahren Popularität auf zwei Hemisphären voll empfinden lasse.
Mister Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) quetscht mir bewegt die Hand, und Missis Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) hat noch eine Frage auf den üppigen Lippen, als mein Usher mir bereits einen ehrwürdigen Greis in weißem Lockenschmucke, das glattrasierte Antlitz scharf und geistvoll geschnitten, als den berühmten Professor der Ethik, Dr. James Cadwalleder B. Mapletree vorstellt. Der berühmte Gelehrte ist so steinalt, daß ich ihm aufs Wort geglaubt hätte, wenn er mir versichert hätte, daß bereits George Washington, Benjamin Franklin und Henry Clay (welch letzterer übrigens keineswegs Zigarrenfabrikant in Havanna, sondern ein 1852 verstorbener bedeutender Staatsmann ist) bei ihm Colleg gehört hätten. „Froh, Sie zu treffen, Baron“, beginnt der große Gelehrte, mir kräftig die Hand drückend, und wissend, daß ihm nicht viel Zeit gegeben ist, knüpft er gleich eine Frage über den Stand der Ethik in Deutschland als wissenschaftliche Disziplin sowie als bewußte Ausdrucksform der Volks[pg 16]seele an. Ich erinnere mich zum Glück, daß ich jahrelang eifriges Mitglied des Ethischen Klubs im Kellerlokal des Hofbräu-Ausschankes in der Französischen Straße in Berlin gewesen bin und erkläre ihm, daß wir in der Ethik durchaus obenauf,up to datewären und überhaupt...
„Move on, please!“ ruft der unerbittliche Usher, und der große Gelehrte bezähmt lächelnd seinen Wissensdurst und läßt sich ohne Murren weiter schieben.
Es kommen deutsche Mitglieder der Fakultät an die Reihe, mit denen ich im Fluge gemeinsame Beziehungen in der Heimat entdecke, es kommen Yankees, die wirklich im deutschen Geistesleben zu Hause sind und auch tatsächlich den „Kraft-Mayr“ gelesen haben, es kommt die Vorsteherin einer Mädchenschule, die just meine „Gloriahose“ in ihrer Klasse übersetzen läßt – lauter Menschen, mit denen man sich gern zum Warmwerden in ein Eckchen zurückziehen möchte – es hilft nichts: „Move on, please!“ kommandiert die sanfte Stimme meines Ushers. Folgsam und wohlanständig schieben sich die Hunderte von Menschen, alte und junge, Zierden der Alma mater und feste Säulen der Bürgerschaft, prominente und unerhebliche Leute, Männlein und Weiblein langsam weiter, und alle, die mir mit größerer oder geringerer Ausgiebigkeit die Hand geschüttelt und versichert hatten, daß siesoglücklich seien, mich zu treffen, fragen zwei Minuten später an der nächsten Säule meine Frau, wie es ihr gehe, und sind alle ausnahmslos so glücklich, sie zu treffen. Zuletzt kommt das junge Volk an die Reihe: lustige Studentinnen, die mit einem vergnügten Knall in die Hand einschlagen und die Affäre mit demstereotypen„How d’ye do?“ möglichst rasch erledigen, oder aber kichernd ihre deutschen Brocken anzubringen versuchen. Unter den letzten ist ein lang aufgeschossener Student[pg 17]mit sehr großen roten und kalten Händen, der mir sein deutsches Literaturgeschichtsbuch mit der Bitte überreicht, ihm da etwas hineinzuschreiben.
„Stehe ich drin in diesem Leitfaden?“ frage ich den glatten Jüngling.
„Ich bin betrübt, nein zu sagen,“ lächelte er verlegen, und ich attestiere es ihm schriftlich in sein Buch hinein, daß das eine ganz miserable Literaturgeschichte sei.
Ausgestanden!
Ausgestanden!
Gott sei Dank, endlich ausgestanden! 170 Menschen sollen es gewesen sein. Man darf sich endlich setzen und bekommt ein Sandwich oder so etwas ähnliches und selbstverständlich das entsetzliche Eiswasser oder den unvermeidlichen Icecream angeboten. Man nimmt sich einige der Herrschaften beiseite und fragt sie auf Ehre und Gewissen, ob sie etwa durch diese „reception“ glücklich geworden seien. Die sind mit uns völlig einig darüber, das solche Veranstaltungen der größte Blödsinn von der Welt seien, so ungeeignet wie möglich, den angeblichen Zweck des gegenseitigen Kennenlernens zu erfüllen. Aber trotzdem: wenn das nächste Mal zur Besichtigung eines importierten Dichters oder eines sonstigen seltenen Tieres eingeladen wird, so sind sie doch alle wieder da. Missis Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) mit ihren sämtlichen Brillanten und mit der Tochter, die inzwischen vielleicht die Mumps überstanden haben wird, Mister und Missis John Dubbleju Uebbäh, der eigentliche Gründer des jetzt so blühenden Gemeinwesens, und die sämtlichen anderen Prominenten der Stadt, die Professoren mit ihren Damen, und auch der achtzigjährige James Cadwalleder B. Mapletree wird sich wieder geduldig in die Reihe stellen und wieder seine Frage nach dem Stand der Ethik in Europa nicht beantwortet kriegen. Es ist nun einmal eine Genugtuung für den richtigen Amerikaner, sagen zu[pg 18]dürfen: „Da und da traf ich den berühmten X. und schüttelte Hände mit ihm.“ Der Präsident der Vereinigten Staaten hat das Vergnügen, alljährlich bei der großen Neujahrsreception Tausenden von Menschen die Hände zu schütteln und jedem einzeln zu versichern, daß ersofroh sei, ihn zu treffen. Unser Prinz Heinrich soll sich nach Beendigung seiner Amerikatour in seine Kabine eingeschlossen und 48 Stunden hintereinander geschlafen haben. Ich glaub’s gerne, daß er das nötig hatte, denn der mußte täglich Bankette und Receptions mitmachen, bei denen noch x-mal so viel Hände zu schütteln und Trinksprüche zu beantworten waren, abgesehen davon, daß er im Laufe des Tages auch noch sämtliche Kriegerdenkmäler, Bibliotheken, bedeutende Fabrikbetriebe, Preisbullen und Deckhengste besichtigen mußte. Auch mir, dem bescheidenen Dichter, wurde der berühmte arabische Deckhengst von Columbus mit seinen hochmütig starren Monokelaugen vorgeführt, auch vor mir tänzelte der kokette Racker, die x-fach preisgekrönte Jerseykuh, auch mir zu Ehren wurden Hekatomben von Schweinen in den Stockyards abgestochen; aber für mich gab es doch immerhin Ruhepausen, stille Tage in befreundeten Familien, zeitweises Untertauchen in Hausrock und Pantoffeln. Für unseren unglücklichen Repräsentationsprinzen gab es das alles nicht, er war von früh bis in die späte Nacht tagtäglich im Geschirr. Seine Nervenleistung war so enorm, daß sie schließlich sogar den Amerikanern imponiert hat.
Die erste Frage jedes Eingeborenen der Vereinigten Staaten an den Fremdling, und wäre er auch eben erst in Hoboken gelandet, ist: „Wie gefällt Ihnen Amerika?“ Sie sollten eigentlich fragen: „Wie halten Sie Amerika aus?“ Denn das ist, wenigstens für den offiziell herum[pg 19]gezeigten Mauernweiler, wirklich die Kardinalfrage da drüben. Mein Gott, es ist eben ein ganz junges Volk, und sie sind so ungeheuer stolz auf die riesigen Proportionen ihres Landes, auf die erstaunliche Größe, Neuheit, Kühnheit aller ihrer Unternehmungen, daß jeder Amerikaner den Kitzel in sich verspürt, jeden Fremden, der auf der Straße irgend etwas anstaunt, zu fragen: „Na, was sagen Sie dazu, elender Europäer, bartbewachsenes Blaßgesicht, kolossal, was? Habt Ihr drüben nicht!“
Die reizende Reporterin.
Die reizende Reporterin.
In Philadelphia wurde ich von einer reizenden jungen Reporterin interviewt. Selbstverständlich: „How do you like America“ usw., und dann kam die verfängliche Frage: „Und was denken Sie von unserer Kultur?“ Da kratzte ich mir den Kopf und sagte: „Mein liebes Fräulein, in diese Mausefalle spaziere ich Ihnen nicht.“ Und nun schlug das süße Ding seine wunderschönen Augen mit einem so traurig enttäuschten, kindlich erschrockenen Blick zu mir empor – ich werde diesen rührenden Blick nie vergessen! Und um Ihrer schönen traurigen Augen willen, reizendes Fräulein von Philadelphia, gedenke ich nunmehr alle meine Eindrücke von meiner Amerikafahrt unter dem Gesichtspunkt zu revidieren, daß bei diesem großen Volke eben alles noch Jugend, holde, wilde, ungezogene, starke, unanständig gesunde Jugend ist.
[pg 20]Die Yankeerasse.Angelsachsen und Kelten. Rassestolz. Töchter im Tauschhandel.Es ist ein weitverbreiteter europäischer Irrtum, daß sich in den Vereinigten Staaten Nordamerikas allmählich durch energisches Umrühren eines überaus buntscheckigen Völkergemisches die Bildung einer neuen Rasse vollziehe. Ich gestehe, daß ich mich, bevor ich selber drüben war, gleichfalls in diesem Irrtum befunden habe und mir von jenem zukünftigen form- und farblosen Völkerbrei nichts Gutes versprach. Wer aber mit offenen Augen und ohne vorgefaßte Meinung sich die Menschen in den Vereinigten Staaten anschaut und von verkeilten Theoretikern sich nichts weis machen läßt, der muß zu der Erkenntnis kommen, daß es drüben (mit Ausnahme der südlichsten Staaten) nur Yankees1und Fremdvölker gibt.Der Yankee aber ist ein reiner Großbritannier oder, wenn man will, eine Mischrasse aus Angelsachsen und Kelten, in welcher das keltische Blut stärker vertreten ist als im alten England.Durch die neuen, eigenartigen Lebensbedingungen, vor die seit drei Jahrhunderten die Auswanderer aus den britischen Inseln in dem neuen Weltteil gestellt wurden – drei Jahrhunderte voll harter Kämpfe, wilder Arbeit und glänzender Erfolge – haben sich die guten wie die schlechten Eigenschaften des angelsächsischen und des keltischen Blutes aufs heftigste herauskristallisieren und der neuen, gut durchgemischten[pg 21]Rasse dadurch auch einen neu erscheinenden Charakter aufzwingen müssen. Angelsächsisch im Wesen des Yankees ist sein Kolonisationstalent, seine Zähigkeit im Verfolgen des Zwecks, seine nüchterne Beschränkung auf das Nächstliegende, Nützliche, Erfolgversprechende; dagegen ist auf den keltischen Einschlag zurückzuführen sein leichtherziger Optimismus, sein wagemutiges Spielertemperament, seine Begeisterungsfähigkeit und seine leichte Zugänglichkeit für alle Arten von Korruption. Der als Spieler, Säufer und Raufbold einigermaßen berüchtigte Irländer spielt in der Weltgeschichte gewiß keine besonders sympathische Rolle, aber der englische Puritaner aus Cromwells Zeiten war denn doch noch ein weit üblerer Geselle. Mit den argen Schwächen des Iren konnte seine katholisch gefärbte Phantastik, sein kindlich liebenswürdiger Frohsinn immerhin versöhnen, während die sittenstrenge Lebensführung und die ehrenhafte Geschäftstüchtigkeit des Puritaners doch noch lange nicht hinreichen, um uns mit seiner niedrigen, boshaften Feindschaft gegen die Natur, gegen alles Freie, Frohe, Schöne und mit seinem muffigen Tugendhochmut auszusöhnen. „Der Herr ist mit uns“, war das Feldgeschrei der Pilgerväter – aber dieser Herr war eben ein grimmiger Spezialgott für die Rechtgläubigen, d. h. also für die blinden Anbeter des Bibelbuchstabens. Und dieser grimmige Spezialgott begeisterte sein auserwähltes Volk dazu, die Rothäute mit Feuerwasser und Feuerwaffen auszurotten und die Ketzer mit Skorpionen zu züchtigen. Wenn drüben nicht anfangs die Menschen so rar und die Hände so notwendig gewesen wären, hätten diese europäischen Berserker gerade so eifervoll wie die Dominikaner der Inquisition mit Folter und Scheiterhaufen gegen Papisten und protestantische Sektierer gewütet, so aber begnügten[pg 22]sie sich damit, alle denkenden Köpfe, alle freien Geister, alle vornehmen Menschen geschäftlich lahm zu legen und aus ihren Wohnorten hinauszuekeln. Ein amerikanischer Geschichtsschreiber sagt, daß bei den Puritanern außer Heiraten und Geldverdienen eigentlich alles verboten war. Bei schwerer Strafe im Nichtbeachtungsfalle war jedem Bürger vorgeschrieben, wie er sich zu kleiden und zu benehmen, was er zu essen und zu trinken, was er zu denken und wie er zu fühlen habe. Selbstverständlich wären diese Menschen niemals die Begründer des größten demokratischen Freistaates der Welt geworden, wenn nicht ihre geschäftlichen Interessen sie gezwungen hätten, allmählich einen nach dem anderen von ihren starren Grundsätzen fallen zu lassen. Die Kolonie Rhode-Island, von einem abtrünnigen, grimmig verfolgten Prediger, dem edlen Roger Williams, gegründet, war die erste, welche religiöse Toleranz und wahrhaft freiheitliche Grundsätze einführte, und gerade sie gedieh so sichtbarlich besser als die Puritanerkolonien, daß die frommen Väter am geschäftlichen Vorteil ihrer Strenge zu zweifeln begannen. Das war das Ausschlaggebende. Von jeher hat der angelsächsischen Rasse der praktische Nutzen über allen Idealen gestanden, und ihr klarer, nüchterner Wirklichkeitssinn hat sie noch immer davor bewahrt, sich trotz ihres Hanges zum Spleen in unfruchtbare Träumereien und eigensinnige Prinzipienreiterei zu verlieren. Das englische Denken ist durchausmatter of fact, und diese Eigenschaft hat die Engländer befähigt, die mustergültigsten Kolonisatoren der Neuzeit, Handelsherren großen Stiles und kaltblütige Geschäfts-Politiker zu werden. Für das Klima des nördlichen amerikanischen Kontinents waren darum auch die Angelsachsen die denkbar geeignetsten Besiedler. Die rote[pg 23]Urbevölkerung war trotz ihrer Kriegstüchtigkeit, trotz ihrer Klugheit und Noblesse ihnen gegenüber verloren, denn die Indianer waren fromm naturgläubig und darum hilflos abhängig von der Natur, die für die naturfeindlichen Puritaner nur ein Objekt zur Ausbeutung durch den Menschen bedeutete. Die starke Beimischung keltischen Blutes hat nun, wie gesagt, viel dazu beigetragen, die unsympathischen Charaktereigenschaften der angelsächsischen Rasse zu verwischen. Das feurige Temperament der Kelten besiegte die englische Steifheit und langweilige Ehrpußlichkeit und erzeugte in der Vereinigung jenes Geschlecht von waghalsigen Draufgängern, von willensstarken Optimisten, dem allein das große Werk gelingen konnte, durch die Steppe, durch die Wüste und über das wilde Hochgebirge hinweg bis zu den üppigen Gestaden des Stillen Ozeans vorzudringen und sich selbst zu einer Herrenrasse aufzuschwingen, der alle übrigen von Europa nachdringenden Völker sich ebenso bedingungslos unterwerfen mußten, wie die unglücklichen Eingeborenen. Die unwiderstehliche Kraft des Yankeetums liegt ohne Zweifel in seinem unbeugsamen Rassestolz. Dem Yankee ist es so heilig ernst damit, daß er sich nicht einmal im Spaß, d. h. im freien Verhältnis, viel weniger in der Ehe, mit den Angehörigen der zahlreichen anderen Rassen, die seinen riesigen Kontinent bevölkern, vermischt. Für die lateinischen Eroberer Südamerikas und auch der südlichen Länder des nördlichen Kontinents hat es immer einen, wie es scheint, besonderen Reiz gehabt, sich liebespielerisch mit Frauen anderer Hautfarbe abzugeben. Und was ist dabei herausgekommen? Kreolen, Mestizen, Quatronen usw. usw., ein schauderhaftes Gesindel, das für jede höhere Gesittung verloren ist, zuchtlos, widerstandsunfähig, in Leidenschaften verlottert[pg 24]oder in Trägheit versumpft. Solches Menschenmaterial ist kaum durch Schrecken zu regieren, viel weniger durch friedliche Mittel zu einer höheren Kultur emporzuführen, dennMischmasch-Menschen nehmen eben keine Vernunft an; das Beispiel so mancher südamerikanischen Republik beweist es. Der Yankee-Mann dagegen hat sich selbst in den Zeiten, als die Frauen der größte Luxusartikel im Lande waren, niemals mit Indianermädchen beholfen; seine Vernunft begeisterte ihn zu der Großtat edelster Gerechtigkeit, die Sklaverei aufzuheben in einer Zeit, als diese Sklaverei im Grunde doch noch die einzige Möglichkeit gewährte, die Plantagenwirtschaft der üppig fruchtbaren Länder des heißen Südens durchzuführen. Dennoch hält er es bis auf den heutigen Tag für die größte Schande, die ein Weißer auf sich laden kann, sich geschlechtlich mit den von ihm zu Menschen gemachten Schwarzen zu vermischen. Aber er geht noch viel weiter, indem er auch die aus Europa herübergekommenen anderen weißen Rassen, die Romanen, die Slawen, die Juden, ja selbst die ihm nächst verwandten Deutschen und Franzosen als Menschen zweiter Klasse ansieht! Gewiß heißt er alle Völker der Erde vorläufig noch gastlich willkommen, weil eben noch recht viel Platz in seinem riesigen Lande ist und weil er die Arbeitskraft der Fremden, so lange sie sich bescheiden gebärden und mit Eifer nützlich machen, gut gebrauchen kann. Er gewährt diesen Fremden das Bürgerrecht, er läßt sie an allen Vorteilen seiner freien Einrichtungen teilnehmen, er hat nichts dawider, wenn sie sich von dem Reichtum seines Landes so viel aneignen, als ihnen irgend möglich ist, aber er weiß sie überaus geschickt von den einflußreichen Staatsämtern fernzuhalten und zeigt sich durch[pg 25]aus nicht übermäßig beflissen, um ihre schönen Töchter zu freien oder seine schönen Töchter ihnen ins Haus zu führen. Als im Februar dieses Jahres die Tochter des Milliardärs Jay Gould – nicht etwa einen herunter gekommenen deutschen oder polnischen Adeligen, sondern einen reichen und kerngesunden jungen englischen Lord heiraten wollte, empfingen sowohl die Braut wie deren Eltern aus allen Ländern der Union entrüstete Protestkundgebungen, ja sogar offene Drohungen, daß das Volk die Hochzeit durch Gewalt verhindern werde. Denn, wie es in einem solchen, in allen Zeitungen veröffentlichten Drohbriefe hieß: das gesunde Blut, der reine Leib und die starke Seele der freien Tochter Amerikas sei viel zu schade, um an die Sprößlinge entarteter Herrengeschlechter Europas verhandelt zu werden. Man sieht aus diesem Beispiel, daß der Hochmut der neuen Rasse sich bereits gegen das eigne Stammvolk zu kehren beginnt. Wie erbärmlich leicht werden bei uns in Deutschland Rassen- und Standesvorurteile vergessen, wenn sich eine Gelegenheit findet, den verblaßten Glanz eines alten Wappens durch die Mitgift einer jüdischen Braut aufzufrischen! Wenn ein Yankee eine Jüdin heiratet – der Fall dürfte übrigens selten genug vorkommen – so tut er es sicher aus Liebe, wie denn überhaupt die Geldheiraten in unserem Sinne unter den Yankees äußerst selten sind, weil es durchaus nicht Sitte ist, den Töchtern bei Lebzeiten der Eltern einen Teil des Vermögens in Gestalt einer Mitgift auszuliefern. Die Leichtigkeit des Verdienens und das Zutrauen, das jeder junge Amerikaner zu seinen Fähigkeiten und zu seinem Glück hat, macht tatsächlich die Liebesheirat zu dem normalen Verfahren, und damit ist auch schon eine starke Gewähr für die Aufrechterhaltung einer kräftigen Rasse durch natürliche[pg 26]Zuchtwahl geboten. Die bevorzugte Stellung der Frau spielt selbstverständlich unter den günstigen Bedingungen für die Verbesserung der Rasse auch eine wichtige Rolle. Die Frau ist in dem neuen Weltteil Jahrhunderte hindurch von den rauhen Pionieren wie eine Halbgöttin verehrt, wie ein Kätzchen verhätschelt worden. Niemals wurde ihr harte körperliche Arbeit zugemutet, niemals wurde ihren Schwächen, Launen und Eitelkeiten mit Grobheit begegnet, immer sah es der Mann als eine gern geübte Pflicht an, seine Kräfte bis aufs äußerste anzustrengen, um es der Frau zu ermöglichen, sich gut zu nähren, schön zu kleiden und in Muße ihre geistigen Anlagen zu pflegen. Die Folge dieser Behandlung war die, daß sich die Yankee-Frau, wenigstens körperlich, zur schönsten der Welt entwickelte. Allerdings wird diese Schönheit, vornehmlich was die Gesichtsbildung betrifft, von den meisten Europäern als kalt empfunden, auch fehlt ihr die weiche, schmiegsame Üppigkeit z. B. der Wienerinnen zumeist; aber unbestreitbar verdient sie den Preis von allen Frauen der Welt in bezug auf die Schmalheit des Fußes und die edle, schlanke Form des Beins. In ihrem Sinn für Eleganz, in ihrem aparten Geschmack für Kleidung kommt sie sogar der Pariserin mindestens sehr nahe. Da sich diese schöne und verwöhnte Frau nur äußerst selten zu mehr als zwei Kindern bequemt, erhält sie sich lange jung und frisch, und man sieht daher in den Vereinigten Staaten mehr schlanke, bewegliche, muntere und hübsch angezogene alte Damen, wie sonst irgendwo in der Welt. Übrigens hat die Rasse von England den Sinn für vernünftige Körperkultur, besonders für peinlichste Reinlichkeit mitgebracht, und diese Erbschaft ist auch den Männern zugute gekommen. Die Arbeit, die die ersten Kolonisten zu leisten hatten, und in den neuen Staaten heute noch[pg 27]leisten müssen, vollzog sich ja zumeist im Freien, und der stete Kampf mit Hitze und Kälte, mit wilden Tieren und Menschen, mit den bösen Fiebern der Sumpfgegenden, mit Hunger und Durst in den Wüsteneien raffte das widerstandsunfähige Menschenmaterial hinweg und ließ nur die Stärksten mit dem Leben davon kommen. Diese unerbittliche Auslese schuf ein Kapital von Muskel- und Nervenkraft, wovon die Männlichkeit der Nation noch auf eine gute Weile zu zehren haben wird. Außerdem ist es durch Gesetz streng verboten, Kranke oder gar Krüppel aus der alten Welt an den Gestaden der neuen landen zu lassen.Kongreß deutscher Mißgeburten.Unmittelbar nach meiner Rückkehr aus Amerika besuchte ich ein beliebtes Kaffeehaus in Berlin. Es war die erste größere Versammlung deutscher Menschen, die mir nach einer Abwesenheit von ungefähr vier Monaten wieder vor Augen kam. Und ich muß gestehen, ich war entsetzt, nein, geradezu erschüttert über den Anblick von so viel Garstigkeit. Diese Speckwampen, diese Bierbäuche, Kahlköpfe, X- und Säbelbeine, diese verpustelten und verpickelten, grämlich grauen, brutalen oder schwächlichen, gierigen oder ärgerlich verknitterten Gesichter gehörten also meinen lieben Landsleuten! Und mit diesen in ihrem schwappenden Fett schwankend daher watschelnden, geschmacklos aufgedonnerten Madams, mit diesen käsbleichen, blaßäugig blöden, stumpfnasigen, schiefzähnigen, feuchthändigen und dickbeinigen Jungfrauen hatten sie bereits oder gedachten sie fürderhin ihren Nachwuchs zu erzeugen! Herzzerkrampfend schauderhaft! Gewiß war es ein tückischer Zufall, der mich gerade bei meinem ersten Ausgang auf diesen Kongreß von Mißgeburten stoßen ließ, aber daß unsere arg vermanschte Rasse immer noch von dem ganzen Jammer der deutschen Geschichte[pg 28]in ihrer körperlichen Erscheinung Zeugnis ablegt, und erst neuerdings in der kultiviertesten Oberschicht und in der Generation, die bereits die Segnungen einer nach englischem Muster betätigten Säuglingspflege und einer vernunft- und naturgemäßen Lebensweise genossen hat, sich deutlich zu verschönern beginnt, das scheint mir leider unbestreitbar. Drüben in den Vereinigten Staaten ist der Deutsche und besondersdieDeutsche der ersten Generation meist auf den ersten Blick vom Yankee zu unterscheiden. Dem deutschen Einwanderer wird es, auch wenn er zu Wohlhabenheit und angesehener gesellschaftlicher Stellung gelangt, im allgemeinen doch recht schwer, sich die freie, selbstsichere Nonchalance der Haltung und die guten Manieren des gebildeten Yankees anzueignen. Und die deutsche Auswanderin lernt nur in sehr seltenen Fällen Toilette machen und scheint im höheren Lebensalter unrettbar zu verfetten. Die Kinder dieser Einwanderer sitzen aber in der Schule neben sehnig schlanken, körperlich glänzend gepflegten Yankeekindern. Der vornehmste Zweck dieser Schule ist, den Kindern die Überzeugung beizubringen, daß es ein unüberschätzbarer Vorzug sei, als amerikanischer Mensch auf die Welt zu kommen, daß sich alle übrigen Weltteile, alle übrigen Völker nicht im entferntesten mit der unerhörten Vorzüglichkeit der Vereinigten Staaten und der stolzen Yankeerasse messen könnten. Selbstverständlich lernt das Kind die englische Sprache sehr bald viel besser beherrschen, als es seinen Eltern jemals möglich wird. Es kommt dazu, daß das amerikanische Leben, die ganze Art der Erziehung die Beobachtungsgabe der Kinder außerordentlich schärft. Da können nun die deutschen Kinder nicht umhin, Vergleiche anzustellen und sich darüber ihre Gedanken zu machen; zudem lassen es die Yankeekinder an[pg 29]boshaften Sticheleien nicht fehlen. Ich habe selber gehört, wie ein Yankeebübchen einem deutschen Knaben, der bei irgendeinem Unternehmen mitzutun zauderte, weil sein Vater es ihm verboten hätte, verächtlich die Achsel zuckend entgegnete: „Ich würde mich doch nicht darum kümmern, was der olle Dutchman sagt.“ („I would’nt care, what that old Dutchman says.“) So wird es selbstverständlich der Kinder größter Ehrgeiz, in ihrem Äußeren zunächst ihre Abstammung zu verleugnen und sich dem Wirtsvolk anzuähneln. Und dieser Ehrgeiz entwickelt sich naturgemäß bei den geistig beweglichsten Kindern am stärksten. Es ist erstaunlich, wie rasch durch solche Selbstzucht oft die deutschen Kinder ihren Eltern unähnlich werden. Die Söhne schießen um Kopfeslänge über ihren Vater hinaus, und wenn sie zum ersten Mal dem amerikanischen Barbier unter die Finger geraten sind, so ist der smarte Yankeejüngling mit der aristokratischen Sicherheit seines schlottrig flegelhaften Auftretens bald fertig. Zu Hause liegen seine langen Beine auf allen Möbeln herum, und er trifft mit tödlicher Sicherheit die messingene Spuckvase in der entferntesten Ecke des Zimmers. Das sechzehnjährige Töchterchen aber kann seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten sein und wird ihr doch so unähnlich wie ein geraubtes Grafenkind seiner zigeunerischen Ziehmutter. Die Yankee-Miß führt in ihrer kecken Selbständigkeit ein so beneidenswertes Dasein, daß jedes deutsche Mädchen, wenn anders es nicht völlig auf den Kopf gefallen ist, sich mit Händen und Füßen dagegen sträuben müßte, sich von einer törichten Mutter gewaltsam zu einem ängstlich daher stolpernden, unmotiviert kichernden und errötenden, Sittigkeit und Bescheidenheit markierenden Backfisch dressieren zu lassen.[pg 30]Die Kinder der Einwanderer. Antisemitismus?So spornt das Beispiel der stärkeren und gesunderen Rasse die körperlich und geistig bevorzugtesten unter den Kindern der fremden Einwanderer mächtig zur Anpassung an. Die zweite Generation, vornehmlich der deutschen Einwanderer, weist schon recht zahlreiche Exemplare auf, die von echten Yankees kaum oder gar nicht zu unterscheiden sind – und dennoch verhält sich der Yankee selbst diesen seinen talentvollsten Nachahmern gegenüber in bezug auf die Ehe immer noch ziemlich spröde. Er sieht die Deutschen sehr gern in seinem Lande, er schätzt sie hoch als ehrliche, anständige Menschen, die der politischen Korruption einen zähen Widerstand entgegensetzen, die mit ihren geschickten Händen, ihrem Fleiß, ihrer Geduld zu allen feineren Handwerken vorzüglich geeignet und mit ihrer Klugheit und Gewissenhaftigkeit für allerlei ruhige Ämter, die dem Yankee zu langweilig sind, und schließlich auch in der Kunst und Wissenschaft ganz hervorragend brauchbar sind – und dennoch gibt er ihnen seine Töchter nicht gern zur Ehe! Nicht anders ist es mit den Angehörigen der romanischen, slawischen, mongolischen und semitischen Völker. Sie hocken alle in gewissen Stadtvierteln oder Straßenzügen der Großstädte, oder in kleineren Ansiedlungen auf dem Lande dicht beieinander und bleiben, obwohl mit allen Rechten des freien Bürgers der Vereinigten Staaten ausgestattet, fremde Einsprengsel in dem gastlichen Lande. Die Juden z. B. haben es ebenso wie in Europa zum großen Teil zu bedeutendem Wohlstand gebracht. Sie entwickeln unter den freiheitlichen Grundsätzen der Gesetze und Anschauungen einen ungeheuren Ehrgeiz und Lerneifer. In der Presse, in der Literatur, im Theater, in der Rechtsanwaltschaft und im ärztlichen Beruf haben sie, geradeso wie in Europa, die Oberherrschaft erlangt. Einzelne[pg 31]ihrer Mitglieder sind als Inhaber großer Bankhäuser zu einem weltumspannenden Einfluß gelangt, und dennoch haust die große Masse derselben noch immer im Ghetto beisammen. Die meisten Yankees würden, wenn man ihnen den Vorwurf des Antisemitismus machen wollte, erstaunt die Brauen hochziehen und gar nicht wissen, was das sei; nichtsdestoweniger findet man auf den gesellschaftlichen Veranstaltungen auch schwer reicher Juden kaum irgend welche Yankees von Belang, und in den vornehmsten Badeorten und vielen Hotels ersten Ranges werden Juden überhaupt nicht zugelassen!Wenn die Deutschen in der Zeit der großen Massenauswanderung, als auf dem nordamerikanischen Kontinent noch weite Gebiete herrenlos und unkultiviert waren, für sich ein solches Neuland erobert, zäh festgehalten, und alle neu zuströmenden Landsleute hätten zwingen können, sich dort gleichfalls anzusiedeln, dann hätten die Deutschen einen starken Staat im Staate bilden können und ihre Selbständigkeit zu wahren vermocht, auch wenn sie sich dem Staatenbund angeschlossen hätten. Diese Gelegenheit ist endgültig verpaßt. Aber damit sie in den anderen jungfräulichen Weltgegenden nicht abermals verpaßt werde, gehet hin, ihr lieben Landsleute, und lernt von den Yankees, was das unerschütterliche Kraftbewußtsein einer starken, gesunden Rasse vermag und wie man seine Rasse rein erhält!
Angelsachsen und Kelten. Rassestolz. Töchter im Tauschhandel.
Angelsachsen und Kelten. Rassestolz. Töchter im Tauschhandel.
Es ist ein weitverbreiteter europäischer Irrtum, daß sich in den Vereinigten Staaten Nordamerikas allmählich durch energisches Umrühren eines überaus buntscheckigen Völkergemisches die Bildung einer neuen Rasse vollziehe. Ich gestehe, daß ich mich, bevor ich selber drüben war, gleichfalls in diesem Irrtum befunden habe und mir von jenem zukünftigen form- und farblosen Völkerbrei nichts Gutes versprach. Wer aber mit offenen Augen und ohne vorgefaßte Meinung sich die Menschen in den Vereinigten Staaten anschaut und von verkeilten Theoretikern sich nichts weis machen läßt, der muß zu der Erkenntnis kommen, daß es drüben (mit Ausnahme der südlichsten Staaten) nur Yankees1und Fremdvölker gibt.Der Yankee aber ist ein reiner Großbritannier oder, wenn man will, eine Mischrasse aus Angelsachsen und Kelten, in welcher das keltische Blut stärker vertreten ist als im alten England.Durch die neuen, eigenartigen Lebensbedingungen, vor die seit drei Jahrhunderten die Auswanderer aus den britischen Inseln in dem neuen Weltteil gestellt wurden – drei Jahrhunderte voll harter Kämpfe, wilder Arbeit und glänzender Erfolge – haben sich die guten wie die schlechten Eigenschaften des angelsächsischen und des keltischen Blutes aufs heftigste herauskristallisieren und der neuen, gut durchgemischten[pg 21]Rasse dadurch auch einen neu erscheinenden Charakter aufzwingen müssen. Angelsächsisch im Wesen des Yankees ist sein Kolonisationstalent, seine Zähigkeit im Verfolgen des Zwecks, seine nüchterne Beschränkung auf das Nächstliegende, Nützliche, Erfolgversprechende; dagegen ist auf den keltischen Einschlag zurückzuführen sein leichtherziger Optimismus, sein wagemutiges Spielertemperament, seine Begeisterungsfähigkeit und seine leichte Zugänglichkeit für alle Arten von Korruption. Der als Spieler, Säufer und Raufbold einigermaßen berüchtigte Irländer spielt in der Weltgeschichte gewiß keine besonders sympathische Rolle, aber der englische Puritaner aus Cromwells Zeiten war denn doch noch ein weit üblerer Geselle. Mit den argen Schwächen des Iren konnte seine katholisch gefärbte Phantastik, sein kindlich liebenswürdiger Frohsinn immerhin versöhnen, während die sittenstrenge Lebensführung und die ehrenhafte Geschäftstüchtigkeit des Puritaners doch noch lange nicht hinreichen, um uns mit seiner niedrigen, boshaften Feindschaft gegen die Natur, gegen alles Freie, Frohe, Schöne und mit seinem muffigen Tugendhochmut auszusöhnen. „Der Herr ist mit uns“, war das Feldgeschrei der Pilgerväter – aber dieser Herr war eben ein grimmiger Spezialgott für die Rechtgläubigen, d. h. also für die blinden Anbeter des Bibelbuchstabens. Und dieser grimmige Spezialgott begeisterte sein auserwähltes Volk dazu, die Rothäute mit Feuerwasser und Feuerwaffen auszurotten und die Ketzer mit Skorpionen zu züchtigen. Wenn drüben nicht anfangs die Menschen so rar und die Hände so notwendig gewesen wären, hätten diese europäischen Berserker gerade so eifervoll wie die Dominikaner der Inquisition mit Folter und Scheiterhaufen gegen Papisten und protestantische Sektierer gewütet, so aber begnügten[pg 22]sie sich damit, alle denkenden Köpfe, alle freien Geister, alle vornehmen Menschen geschäftlich lahm zu legen und aus ihren Wohnorten hinauszuekeln. Ein amerikanischer Geschichtsschreiber sagt, daß bei den Puritanern außer Heiraten und Geldverdienen eigentlich alles verboten war. Bei schwerer Strafe im Nichtbeachtungsfalle war jedem Bürger vorgeschrieben, wie er sich zu kleiden und zu benehmen, was er zu essen und zu trinken, was er zu denken und wie er zu fühlen habe. Selbstverständlich wären diese Menschen niemals die Begründer des größten demokratischen Freistaates der Welt geworden, wenn nicht ihre geschäftlichen Interessen sie gezwungen hätten, allmählich einen nach dem anderen von ihren starren Grundsätzen fallen zu lassen. Die Kolonie Rhode-Island, von einem abtrünnigen, grimmig verfolgten Prediger, dem edlen Roger Williams, gegründet, war die erste, welche religiöse Toleranz und wahrhaft freiheitliche Grundsätze einführte, und gerade sie gedieh so sichtbarlich besser als die Puritanerkolonien, daß die frommen Väter am geschäftlichen Vorteil ihrer Strenge zu zweifeln begannen. Das war das Ausschlaggebende. Von jeher hat der angelsächsischen Rasse der praktische Nutzen über allen Idealen gestanden, und ihr klarer, nüchterner Wirklichkeitssinn hat sie noch immer davor bewahrt, sich trotz ihres Hanges zum Spleen in unfruchtbare Träumereien und eigensinnige Prinzipienreiterei zu verlieren. Das englische Denken ist durchausmatter of fact, und diese Eigenschaft hat die Engländer befähigt, die mustergültigsten Kolonisatoren der Neuzeit, Handelsherren großen Stiles und kaltblütige Geschäfts-Politiker zu werden. Für das Klima des nördlichen amerikanischen Kontinents waren darum auch die Angelsachsen die denkbar geeignetsten Besiedler. Die rote[pg 23]Urbevölkerung war trotz ihrer Kriegstüchtigkeit, trotz ihrer Klugheit und Noblesse ihnen gegenüber verloren, denn die Indianer waren fromm naturgläubig und darum hilflos abhängig von der Natur, die für die naturfeindlichen Puritaner nur ein Objekt zur Ausbeutung durch den Menschen bedeutete. Die starke Beimischung keltischen Blutes hat nun, wie gesagt, viel dazu beigetragen, die unsympathischen Charaktereigenschaften der angelsächsischen Rasse zu verwischen. Das feurige Temperament der Kelten besiegte die englische Steifheit und langweilige Ehrpußlichkeit und erzeugte in der Vereinigung jenes Geschlecht von waghalsigen Draufgängern, von willensstarken Optimisten, dem allein das große Werk gelingen konnte, durch die Steppe, durch die Wüste und über das wilde Hochgebirge hinweg bis zu den üppigen Gestaden des Stillen Ozeans vorzudringen und sich selbst zu einer Herrenrasse aufzuschwingen, der alle übrigen von Europa nachdringenden Völker sich ebenso bedingungslos unterwerfen mußten, wie die unglücklichen Eingeborenen. Die unwiderstehliche Kraft des Yankeetums liegt ohne Zweifel in seinem unbeugsamen Rassestolz. Dem Yankee ist es so heilig ernst damit, daß er sich nicht einmal im Spaß, d. h. im freien Verhältnis, viel weniger in der Ehe, mit den Angehörigen der zahlreichen anderen Rassen, die seinen riesigen Kontinent bevölkern, vermischt. Für die lateinischen Eroberer Südamerikas und auch der südlichen Länder des nördlichen Kontinents hat es immer einen, wie es scheint, besonderen Reiz gehabt, sich liebespielerisch mit Frauen anderer Hautfarbe abzugeben. Und was ist dabei herausgekommen? Kreolen, Mestizen, Quatronen usw. usw., ein schauderhaftes Gesindel, das für jede höhere Gesittung verloren ist, zuchtlos, widerstandsunfähig, in Leidenschaften verlottert[pg 24]oder in Trägheit versumpft. Solches Menschenmaterial ist kaum durch Schrecken zu regieren, viel weniger durch friedliche Mittel zu einer höheren Kultur emporzuführen, dennMischmasch-Menschen nehmen eben keine Vernunft an; das Beispiel so mancher südamerikanischen Republik beweist es. Der Yankee-Mann dagegen hat sich selbst in den Zeiten, als die Frauen der größte Luxusartikel im Lande waren, niemals mit Indianermädchen beholfen; seine Vernunft begeisterte ihn zu der Großtat edelster Gerechtigkeit, die Sklaverei aufzuheben in einer Zeit, als diese Sklaverei im Grunde doch noch die einzige Möglichkeit gewährte, die Plantagenwirtschaft der üppig fruchtbaren Länder des heißen Südens durchzuführen. Dennoch hält er es bis auf den heutigen Tag für die größte Schande, die ein Weißer auf sich laden kann, sich geschlechtlich mit den von ihm zu Menschen gemachten Schwarzen zu vermischen. Aber er geht noch viel weiter, indem er auch die aus Europa herübergekommenen anderen weißen Rassen, die Romanen, die Slawen, die Juden, ja selbst die ihm nächst verwandten Deutschen und Franzosen als Menschen zweiter Klasse ansieht! Gewiß heißt er alle Völker der Erde vorläufig noch gastlich willkommen, weil eben noch recht viel Platz in seinem riesigen Lande ist und weil er die Arbeitskraft der Fremden, so lange sie sich bescheiden gebärden und mit Eifer nützlich machen, gut gebrauchen kann. Er gewährt diesen Fremden das Bürgerrecht, er läßt sie an allen Vorteilen seiner freien Einrichtungen teilnehmen, er hat nichts dawider, wenn sie sich von dem Reichtum seines Landes so viel aneignen, als ihnen irgend möglich ist, aber er weiß sie überaus geschickt von den einflußreichen Staatsämtern fernzuhalten und zeigt sich durch[pg 25]aus nicht übermäßig beflissen, um ihre schönen Töchter zu freien oder seine schönen Töchter ihnen ins Haus zu führen. Als im Februar dieses Jahres die Tochter des Milliardärs Jay Gould – nicht etwa einen herunter gekommenen deutschen oder polnischen Adeligen, sondern einen reichen und kerngesunden jungen englischen Lord heiraten wollte, empfingen sowohl die Braut wie deren Eltern aus allen Ländern der Union entrüstete Protestkundgebungen, ja sogar offene Drohungen, daß das Volk die Hochzeit durch Gewalt verhindern werde. Denn, wie es in einem solchen, in allen Zeitungen veröffentlichten Drohbriefe hieß: das gesunde Blut, der reine Leib und die starke Seele der freien Tochter Amerikas sei viel zu schade, um an die Sprößlinge entarteter Herrengeschlechter Europas verhandelt zu werden. Man sieht aus diesem Beispiel, daß der Hochmut der neuen Rasse sich bereits gegen das eigne Stammvolk zu kehren beginnt. Wie erbärmlich leicht werden bei uns in Deutschland Rassen- und Standesvorurteile vergessen, wenn sich eine Gelegenheit findet, den verblaßten Glanz eines alten Wappens durch die Mitgift einer jüdischen Braut aufzufrischen! Wenn ein Yankee eine Jüdin heiratet – der Fall dürfte übrigens selten genug vorkommen – so tut er es sicher aus Liebe, wie denn überhaupt die Geldheiraten in unserem Sinne unter den Yankees äußerst selten sind, weil es durchaus nicht Sitte ist, den Töchtern bei Lebzeiten der Eltern einen Teil des Vermögens in Gestalt einer Mitgift auszuliefern. Die Leichtigkeit des Verdienens und das Zutrauen, das jeder junge Amerikaner zu seinen Fähigkeiten und zu seinem Glück hat, macht tatsächlich die Liebesheirat zu dem normalen Verfahren, und damit ist auch schon eine starke Gewähr für die Aufrechterhaltung einer kräftigen Rasse durch natürliche[pg 26]Zuchtwahl geboten. Die bevorzugte Stellung der Frau spielt selbstverständlich unter den günstigen Bedingungen für die Verbesserung der Rasse auch eine wichtige Rolle. Die Frau ist in dem neuen Weltteil Jahrhunderte hindurch von den rauhen Pionieren wie eine Halbgöttin verehrt, wie ein Kätzchen verhätschelt worden. Niemals wurde ihr harte körperliche Arbeit zugemutet, niemals wurde ihren Schwächen, Launen und Eitelkeiten mit Grobheit begegnet, immer sah es der Mann als eine gern geübte Pflicht an, seine Kräfte bis aufs äußerste anzustrengen, um es der Frau zu ermöglichen, sich gut zu nähren, schön zu kleiden und in Muße ihre geistigen Anlagen zu pflegen. Die Folge dieser Behandlung war die, daß sich die Yankee-Frau, wenigstens körperlich, zur schönsten der Welt entwickelte. Allerdings wird diese Schönheit, vornehmlich was die Gesichtsbildung betrifft, von den meisten Europäern als kalt empfunden, auch fehlt ihr die weiche, schmiegsame Üppigkeit z. B. der Wienerinnen zumeist; aber unbestreitbar verdient sie den Preis von allen Frauen der Welt in bezug auf die Schmalheit des Fußes und die edle, schlanke Form des Beins. In ihrem Sinn für Eleganz, in ihrem aparten Geschmack für Kleidung kommt sie sogar der Pariserin mindestens sehr nahe. Da sich diese schöne und verwöhnte Frau nur äußerst selten zu mehr als zwei Kindern bequemt, erhält sie sich lange jung und frisch, und man sieht daher in den Vereinigten Staaten mehr schlanke, bewegliche, muntere und hübsch angezogene alte Damen, wie sonst irgendwo in der Welt. Übrigens hat die Rasse von England den Sinn für vernünftige Körperkultur, besonders für peinlichste Reinlichkeit mitgebracht, und diese Erbschaft ist auch den Männern zugute gekommen. Die Arbeit, die die ersten Kolonisten zu leisten hatten, und in den neuen Staaten heute noch[pg 27]leisten müssen, vollzog sich ja zumeist im Freien, und der stete Kampf mit Hitze und Kälte, mit wilden Tieren und Menschen, mit den bösen Fiebern der Sumpfgegenden, mit Hunger und Durst in den Wüsteneien raffte das widerstandsunfähige Menschenmaterial hinweg und ließ nur die Stärksten mit dem Leben davon kommen. Diese unerbittliche Auslese schuf ein Kapital von Muskel- und Nervenkraft, wovon die Männlichkeit der Nation noch auf eine gute Weile zu zehren haben wird. Außerdem ist es durch Gesetz streng verboten, Kranke oder gar Krüppel aus der alten Welt an den Gestaden der neuen landen zu lassen.
Kongreß deutscher Mißgeburten.
Kongreß deutscher Mißgeburten.
Unmittelbar nach meiner Rückkehr aus Amerika besuchte ich ein beliebtes Kaffeehaus in Berlin. Es war die erste größere Versammlung deutscher Menschen, die mir nach einer Abwesenheit von ungefähr vier Monaten wieder vor Augen kam. Und ich muß gestehen, ich war entsetzt, nein, geradezu erschüttert über den Anblick von so viel Garstigkeit. Diese Speckwampen, diese Bierbäuche, Kahlköpfe, X- und Säbelbeine, diese verpustelten und verpickelten, grämlich grauen, brutalen oder schwächlichen, gierigen oder ärgerlich verknitterten Gesichter gehörten also meinen lieben Landsleuten! Und mit diesen in ihrem schwappenden Fett schwankend daher watschelnden, geschmacklos aufgedonnerten Madams, mit diesen käsbleichen, blaßäugig blöden, stumpfnasigen, schiefzähnigen, feuchthändigen und dickbeinigen Jungfrauen hatten sie bereits oder gedachten sie fürderhin ihren Nachwuchs zu erzeugen! Herzzerkrampfend schauderhaft! Gewiß war es ein tückischer Zufall, der mich gerade bei meinem ersten Ausgang auf diesen Kongreß von Mißgeburten stoßen ließ, aber daß unsere arg vermanschte Rasse immer noch von dem ganzen Jammer der deutschen Geschichte[pg 28]in ihrer körperlichen Erscheinung Zeugnis ablegt, und erst neuerdings in der kultiviertesten Oberschicht und in der Generation, die bereits die Segnungen einer nach englischem Muster betätigten Säuglingspflege und einer vernunft- und naturgemäßen Lebensweise genossen hat, sich deutlich zu verschönern beginnt, das scheint mir leider unbestreitbar. Drüben in den Vereinigten Staaten ist der Deutsche und besondersdieDeutsche der ersten Generation meist auf den ersten Blick vom Yankee zu unterscheiden. Dem deutschen Einwanderer wird es, auch wenn er zu Wohlhabenheit und angesehener gesellschaftlicher Stellung gelangt, im allgemeinen doch recht schwer, sich die freie, selbstsichere Nonchalance der Haltung und die guten Manieren des gebildeten Yankees anzueignen. Und die deutsche Auswanderin lernt nur in sehr seltenen Fällen Toilette machen und scheint im höheren Lebensalter unrettbar zu verfetten. Die Kinder dieser Einwanderer sitzen aber in der Schule neben sehnig schlanken, körperlich glänzend gepflegten Yankeekindern. Der vornehmste Zweck dieser Schule ist, den Kindern die Überzeugung beizubringen, daß es ein unüberschätzbarer Vorzug sei, als amerikanischer Mensch auf die Welt zu kommen, daß sich alle übrigen Weltteile, alle übrigen Völker nicht im entferntesten mit der unerhörten Vorzüglichkeit der Vereinigten Staaten und der stolzen Yankeerasse messen könnten. Selbstverständlich lernt das Kind die englische Sprache sehr bald viel besser beherrschen, als es seinen Eltern jemals möglich wird. Es kommt dazu, daß das amerikanische Leben, die ganze Art der Erziehung die Beobachtungsgabe der Kinder außerordentlich schärft. Da können nun die deutschen Kinder nicht umhin, Vergleiche anzustellen und sich darüber ihre Gedanken zu machen; zudem lassen es die Yankeekinder an[pg 29]boshaften Sticheleien nicht fehlen. Ich habe selber gehört, wie ein Yankeebübchen einem deutschen Knaben, der bei irgendeinem Unternehmen mitzutun zauderte, weil sein Vater es ihm verboten hätte, verächtlich die Achsel zuckend entgegnete: „Ich würde mich doch nicht darum kümmern, was der olle Dutchman sagt.“ („I would’nt care, what that old Dutchman says.“) So wird es selbstverständlich der Kinder größter Ehrgeiz, in ihrem Äußeren zunächst ihre Abstammung zu verleugnen und sich dem Wirtsvolk anzuähneln. Und dieser Ehrgeiz entwickelt sich naturgemäß bei den geistig beweglichsten Kindern am stärksten. Es ist erstaunlich, wie rasch durch solche Selbstzucht oft die deutschen Kinder ihren Eltern unähnlich werden. Die Söhne schießen um Kopfeslänge über ihren Vater hinaus, und wenn sie zum ersten Mal dem amerikanischen Barbier unter die Finger geraten sind, so ist der smarte Yankeejüngling mit der aristokratischen Sicherheit seines schlottrig flegelhaften Auftretens bald fertig. Zu Hause liegen seine langen Beine auf allen Möbeln herum, und er trifft mit tödlicher Sicherheit die messingene Spuckvase in der entferntesten Ecke des Zimmers. Das sechzehnjährige Töchterchen aber kann seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten sein und wird ihr doch so unähnlich wie ein geraubtes Grafenkind seiner zigeunerischen Ziehmutter. Die Yankee-Miß führt in ihrer kecken Selbständigkeit ein so beneidenswertes Dasein, daß jedes deutsche Mädchen, wenn anders es nicht völlig auf den Kopf gefallen ist, sich mit Händen und Füßen dagegen sträuben müßte, sich von einer törichten Mutter gewaltsam zu einem ängstlich daher stolpernden, unmotiviert kichernden und errötenden, Sittigkeit und Bescheidenheit markierenden Backfisch dressieren zu lassen.
Die Kinder der Einwanderer. Antisemitismus?
Die Kinder der Einwanderer. Antisemitismus?
So spornt das Beispiel der stärkeren und gesunderen Rasse die körperlich und geistig bevorzugtesten unter den Kindern der fremden Einwanderer mächtig zur Anpassung an. Die zweite Generation, vornehmlich der deutschen Einwanderer, weist schon recht zahlreiche Exemplare auf, die von echten Yankees kaum oder gar nicht zu unterscheiden sind – und dennoch verhält sich der Yankee selbst diesen seinen talentvollsten Nachahmern gegenüber in bezug auf die Ehe immer noch ziemlich spröde. Er sieht die Deutschen sehr gern in seinem Lande, er schätzt sie hoch als ehrliche, anständige Menschen, die der politischen Korruption einen zähen Widerstand entgegensetzen, die mit ihren geschickten Händen, ihrem Fleiß, ihrer Geduld zu allen feineren Handwerken vorzüglich geeignet und mit ihrer Klugheit und Gewissenhaftigkeit für allerlei ruhige Ämter, die dem Yankee zu langweilig sind, und schließlich auch in der Kunst und Wissenschaft ganz hervorragend brauchbar sind – und dennoch gibt er ihnen seine Töchter nicht gern zur Ehe! Nicht anders ist es mit den Angehörigen der romanischen, slawischen, mongolischen und semitischen Völker. Sie hocken alle in gewissen Stadtvierteln oder Straßenzügen der Großstädte, oder in kleineren Ansiedlungen auf dem Lande dicht beieinander und bleiben, obwohl mit allen Rechten des freien Bürgers der Vereinigten Staaten ausgestattet, fremde Einsprengsel in dem gastlichen Lande. Die Juden z. B. haben es ebenso wie in Europa zum großen Teil zu bedeutendem Wohlstand gebracht. Sie entwickeln unter den freiheitlichen Grundsätzen der Gesetze und Anschauungen einen ungeheuren Ehrgeiz und Lerneifer. In der Presse, in der Literatur, im Theater, in der Rechtsanwaltschaft und im ärztlichen Beruf haben sie, geradeso wie in Europa, die Oberherrschaft erlangt. Einzelne[pg 31]ihrer Mitglieder sind als Inhaber großer Bankhäuser zu einem weltumspannenden Einfluß gelangt, und dennoch haust die große Masse derselben noch immer im Ghetto beisammen. Die meisten Yankees würden, wenn man ihnen den Vorwurf des Antisemitismus machen wollte, erstaunt die Brauen hochziehen und gar nicht wissen, was das sei; nichtsdestoweniger findet man auf den gesellschaftlichen Veranstaltungen auch schwer reicher Juden kaum irgend welche Yankees von Belang, und in den vornehmsten Badeorten und vielen Hotels ersten Ranges werden Juden überhaupt nicht zugelassen!
Wenn die Deutschen in der Zeit der großen Massenauswanderung, als auf dem nordamerikanischen Kontinent noch weite Gebiete herrenlos und unkultiviert waren, für sich ein solches Neuland erobert, zäh festgehalten, und alle neu zuströmenden Landsleute hätten zwingen können, sich dort gleichfalls anzusiedeln, dann hätten die Deutschen einen starken Staat im Staate bilden können und ihre Selbständigkeit zu wahren vermocht, auch wenn sie sich dem Staatenbund angeschlossen hätten. Diese Gelegenheit ist endgültig verpaßt. Aber damit sie in den anderen jungfräulichen Weltgegenden nicht abermals verpaßt werde, gehet hin, ihr lieben Landsleute, und lernt von den Yankees, was das unerschütterliche Kraftbewußtsein einer starken, gesunden Rasse vermag und wie man seine Rasse rein erhält!