Die Landschaft.

[pg 207]Die Landschaft.Sommerfrischen.Schließlich sieht es doch nicht überall in den Vereinigten Staaten aus wie in der Gegend zwischen Kattowitz und Beuthen, wenn auch freilich der Charakter der reizlos platten Ackerbaugegend und des Schönheit mordenden Industriegeländes in den Mittelstaaten von den großen Seen bis zum Missouri vorherrschend ist. Man braucht durchaus nicht etwa Tage und Nächte lang durch Kohlen- und Petroleumhöllen, endlose Steppe und Wüste bis zum Felsengebirge im fernen Westen hinüberzufahren, um auf landschaftliche Schönheiten zu stoßen. Schon die Manhattan-Insel, auf der die Fünfmillionenstadt New York auf dem solidesten Untergrund der Welt erbaut ist, liegt malerisch genug in der weiten Meeresbucht zwischen den grünen Zungen Long-Island und Staaten-Island. Auf der Fahrt am Ostufer, von New York nach Providence, glaubt man sich im südlichen Schweden zu befinden; die liebliche Wald- und Hügelszenerie mit ihren dunklen Tälern und klaren Bächen, welche zwischen Boston und Albany sich erstreckt, könnte ganz gut einem deutschen Mittelgebirge entnommen sein; die Reize ostpreußischer oder märkischer Seenlandschaften finden wir wieder auf der Bahnfahrt von Philadelphia nach Washington; in den Alleghanies und vollends im Adirondak-Gebiete mit seinem Lake George, sowie in dem nordwestlichen Seengebiet des Staates New York, am Lake Seneca, Lake Cayuga und wie sie alle heißen; in den Tälern des Delaware, des Susquehanna, des Chesapeake und gar des Hudson ist so viel landschaftliche Schönheit herben und zarten,[pg 208]heroischen und idyllischen Stiles vorhanden, wie ein frommer Anbeter der Natur sie nur irgend wünschen kann, Schönheit genug, um Millionen abgehetzter Kopf- und Handarbeiter Ruhe und Erholung zu schaffen. Aber der europäische Naturfreund wird nirgends dieser Schönheit froh. Ich wenigstens habe alle diese Herrlichkeiten nur mit Seufzen und Fluchen an mir vorbeifliegen sehen, denn –es fehlt überall an der kulturellen Inszenesetzung. „O lieber Herrgott, wie gut hast du’s gemeint! Pfui Teufel, o Menschheit, wie übel hast du die Absichten der Natur verstanden!“ Das ist das Stoßgebet, das sich überall in den Vereinigten Staaten dem schwergekränkten ästhetischen Bewußtsein entringt. Nirgends hat die Landschaft einen eigenartigen Stil der Wohnhäuser, die Feld- und Waldwirtschaft einen der Landschaft angepaßten, von Gau zu Gau wechselnden Charakter angenommen; überall dasselbe tödliche Einerlei plattester Zweckmäßigkeit. Wohl finden wir im Osten den schwedischen Granit in mächtigen Brocken, die tiefeingeschnittenen Meeresbuchten und hie und da sogar ein Stückchen Wald, das der erbarmungslosen Axt der ersten Ansiedler entgangen ist; aber wo sind die reizenden, buntbemalten Holzhäuser, in lustigen Blumengärten sauber aufgestellt, darinnen derbe, blonde Dirnen in roten Röcken und grünen Schürzen hantieren? Wo ist die blühende Heide, der rauschende Hochwald? Wo bleibt in den Kiefernwald- und Seengegenden das so herrlich dazu passende niederdeutsche Bauernhaus mit seinem riesigen, fast bis zum Boden hinab reichenden Giebeldach? Wo ist in den anmutigen Flußtälern auch nur eine einzige Ansiedlung an den Ufern zu finden, die den Eindruck machte, als ob sie dort wirklich zu Hause wäre? Wo sind in den Glanzstücken der Gebirgslandschaft die romantischen[pg 209]Wege für Fußwanderer, die einsamen alten Wirtshäuser an der Landstraße, die verräucherten alten Räubernester italienischer Bergdörfer, oder gar die lustigen Sennhütten unserer Alpenländer zu finden? Nichts, nichts von alledem. Wo man nicht mit dem Automobil hinfahren kann, da ist überhaupt schwer hinzugelangen. Aber überall, wo so viel zu sehen ist, daß der Baedeker einen Stern dabei machen würde, spreizen sich die lieblosen großen Hotelbauten, die den Mann mit dem kleinen Geldbeutel in gebührender Entfernung halten. Für die reichen Sommergäste ist selbstverständlich gesorgt mit Polo-, Golf- und Tennisplätzen, mit Motorbooten und allen neuesten Mustern von Ruder- und Segelfahrzeugen, mit eleganten Restaurants zu Weltstadtpreisen, mit Icecream und Candy, und bei all diesen Futterplätzen konzertieren selbstverständlich kleine Musikkapellen, die die beliebtesten Operettenmelodien der vergangenen Wintersaison zum besten geben und den auf die Grammophonplatte gebannten Caruso begleiten.Kostspielige Ausrüstung des Touristen.Der Amerikaner allerdings scheint es nicht besser zu wollen. Das Bedürfnis nach Einsamkeit und Ruhe, nach einfachen Lebensfreuden, nach intimer Zwiesprache mit der Natur kennt er wohl schwerlich, denn auch bei uns sehen wir ihn ausschließlich die großen Hotels, die geräuschvollen internationalen Vergnügungsorte bevölkern, wo er von der Eigenart einer Gegend und ihrer Menschen niemals eine Ahnung bekommen kann. In unseren Gebirgen, an unseren Flüssen und Seen erscheint er mit seiner fashionablen Ausrüstung von modernsten Sportanzügen und neuesten patentierten Sportgerätschaften. Vom jüngsten Bübchen bis zum ältesten Greise widmet er sich unter jeglichem Himmelstrich seinen nationalen Spielen, und es freut ihn offenbar viel mehr, kleine dumme Bällchen in[pg 210]Gesellschaft hübscher Misses mit Knütteln zu bearbeiten, als mit dem Rucksack auf dem Buckel schwer zugänglicher Schönheit nachzusteigen. Jeder Boy und jedes Girl muß seinen Kodak umhängen haben, um die Eingeborenen im Nationalkostüm oder das mitgenommene süße Baby in allen Lebenslagen knipsen zu können. Allerdings, die Hochtouristik findet auch unter den Amerikanern begeisterte Verehrer, aber wohl nur, weil sie aufregend und gefährlich ist und ihrer Raserei für das Rekordbrechen entgegenkommt. Die wein- und sangesfrohe Wanderlust, die sich mit einem Käsebrot und einer Streu vergnügt bescheidet, den gründlichen Wissensdrang, der am liebsten die stillen Winkel durchstöbert, die fromme innige Naturschwärmerei, die den großen Menschenansammlungen und laut gepriesenen Sensationen aus dem Wege geht, die kennt er nicht. Dem richtigen Durchschnittsamerikaner gilt für schön, was ihm durch Dimension oder Quantität imponiert und – was viel gekostet hat. Niemals habe ich einen Amerikaner sich über die gräßlichen Reklameschildereien ereifern hören, die gerade an den landschaftlich bevorzugten Bahnstrecken sich breit machen und einem im Laufe einer Fahrt von einigen Stunden, die recht genußreich für das Auge sein könnte, etliche hundert Mal in der Gestalt eines überlebensgroßen rotbunten Ochsen entgegenschreit, daßDurham Bullder beste Rauch-, Kau- und Schnupftabak sei, oder sonst irgendeine mächtig interessante Feststellung. Hält man ihm die Poesielosigkeit der großen Hotelbauten in seinen berühmten Ausflugsorten vor, so entgegnet er: Wem die nicht gefielen, der könnte sich ja ein Hausboot auf einem der Seen zulegen, oder mit Zelt und Canoe ausgerüstet in die Wildnis ziehen. O gewiß, das würde auch unserem Geschmack poetisch vorkommen, dieses neuerdings unter[pg 211]den jungen Amerikanern beiderlei Geschlechts sehr beliebte „camping out“. Aber auch dieses Vergnügen des Biwakierens ist mit Kosten verknüpft, die sich nur wohlhabende Leute leisten können, denn es versteht sich von selbst, daß man solchen abenteuerlichen Auszug ins wilde Hinterland nicht antritt, ohne in bezug auf die Transportmittel, auf Kleidung, Schlafgelegenheit, Kochgeschirr, Angel- und Jagdgerät usw. auf das vollkommenste mit den allerneuesten Erzeugnissen auf diesem Gebiete ausgerüstet zu sein. In den Vereinigten Staaten freilich gibt es kaum Leute, die so wenig Geld hätten, daß sie sich nicht einmal so etwas leisten könnten, oder wenigstens kennt man in besseren Kreisen solche betrübliche Armseligkeit nicht. Andererseits würde wieder das geistige Gepäck, das unsere kultiviertesten Naturfreunde auf ihren Wanderungen mitzunehmen pflegen, drüben für ein außerordentlicher Luxus gelten: Sprach- und Dialektkenntnis, geographische und ethnographische, naturwissenschaftliche und kunstgeschichtliche gründliche Vorbereitung. Da im eigenen Lande so wenig vorhanden ist, was dem historischen Sinn Nahrung geben könnte, so vermißt der Amerikaner die edle Patina des Alters durchaus nicht, sondern findet selbstverständlich alles Frischgestrichene, Neulackierte erfreulicher denn alles alte Gerümpel.Die Niagarafälle.Es ist ein wahres Wunder zu nennen, daß die guten Kinder ihre Niagarafälle verhältnismäßig so unverschandelt gelassen haben. Bei der kolossalen Kraft, die dort umsonst zu haben ist, wäre es doch eine Kleinigkeit, zum Beispiel über dem Horseshoe-Fall des Nachts ein riesiges Stern- und Streifenbanner aus elektrischen Glühkörpern flattern zu lassen! (Sie machen solche bewegten elektrischen Lichtreklamen famos). Und wie würden sich die Canadier giften, wenn sie jede Nacht auf dem amerikanischen[pg 212]Ufer Onkel Sams Fahne flammen sehen müßten! Sie würden vermutlich nicht lange zögern, auf ihrer Seite einen wenn möglich noch größeren, elektrisch bewegtenUnion Jackzu hissen. Und damit wäre sozusagen das Eis gebrochen: in wenigen Wochen würde der strahlende Ochse Durham das Lob des besten Rauch-, Kau- und Schnupftabaks feuerspeiend in die Nacht hinaus brüllen; über, unter, zwischen und hinter den Fällen selbst würden in genial ersonnenen Lichtspielen die köstlichen Whiskys, die beliebtesten Biere, die anerkanntesten Leberpillen und sichersten Abführmittel sich dem staunenden Naturfreund empfehlen. Und es ist, wie gesagt, nicht zu begreifen, daß nicht wenigstens die Fabrikanten von Babywäsche diese glänzende Reklamegelegenheit ergriffen haben, da doch sämtliche amerikanischen Brautpaare ihre Hochzeitsreise nach den Niagarafällen zu unternehmen pflegen. Ich vermute, daß da irgend welche schlechten Demokraten die Freiheit durch volksfeindliche Gesetze schändlich unterbunden haben müssen; anders ist dieser geradezu barbarische und schamlose Zustand gar nicht zu erklären, daß man hier die Natur so nackt und bloß wirken lassen konnte, ohne jede zivilisierte Bekleidung durch den menschlichen Geschäfts- und Erfindungsgeist! Nur der dekadente Europäer kann so etwas schön finden!Und dennoch muß ich gestehen, daß ich dekadenter Europäer auch angesichts der Niagarafälle die feinere Regie vermißte. Ich mußte an unsern lieben Rheinfall bei Schaffhausen denken. Wie ist da das herrliche Naturschauspiel vorbereitet, wie ist da geschickt Stimmung gemacht durch eine idyllisch romantische Landschaft, durch das uralt heimliche Schaffhausen mit seiner gewaltigen Zitadelle, seiner begrünten Stadtmauer, seinen trauten, krummen Gassen und behaglichen alten Wirts[pg 213]häusern! Wie sind auf dem Wege nach Laufen die Kraftwerke und Aluminiumfabriken – denn auch hier ist der Mensch nicht so dumm, die üppigen Schätze der Natur aus reiner Sentimentalität ungehoben zu lassen –, wie sind sie so geschickt unter dichtem Grün versteckt! Dagegen dehnt sich drüben von der furchtbar garstigen Großstadt Buffalo bis zu dem fast ebenso scheußlichen Nest Niagara-Falls-City die trostloseste Einöde am Gestade des Eriesees entlang. Das Klima ist windig und regnerisch, der Boden wenig fruchtbar, und infolgedessen sieht man überall verlassene Ansiedlungen, Trümmerhaufen, Ödland. Dazwischen massenhafte Fabrikanlagen mit ihrem schmutzigem Abfall, Schlackenbergen und mißfarbigen Rinnsalen. Lange, trübe Straßenzüge mit garstigen Arbeiterhäusern durcheilt die elektrische Bahn nach den Fällen, an wüsten Schnapskneipen und Tanzsalons mit klirrenden Drehklavieren und kreischenden Grammophons muß man vorüber, bevor man den nett gehaltenen Park erreicht, den man um die beiden Hauptfälle angelegt hat. Dann gelangt man zunächst an den kleineren dritten Fall, den die Industrie ganz und gar für sich in Beschlag genommen hat. Dicht am Rande des senkrechten Felsabsturzes ragen die Mauern und Schlote der Fabriken empor, und die gebändigten Wassermassen quellen aus einer Menge von eisernen Röhren hervor, jedoch nicht mehr im kristallenen Naturzustand, sondern gar lieblich koloriert. Es müssen wohl Farbwerke sein, denen ihre Kraft dienstbar geworden ist, denn im Winter, als ich sie sah, waren alle diese Abflüsse zu Eiszapfen gefroren, die einen pittoresken Behang über dem ganzen Abgrund bildeten und abwechselnd schön chromgelb, vitriolblau und krapprot gefärbt waren. Die großen Fälle selbst gehören ja ohne Zweifel zu den ge[pg 214]waltigsten Naturschauspielen der Welt, besonders im Winter, wenn die Bäume im weiten Umkreis in wunderbar funkelnde Kristallkandelaber verwandelt sind und wilde phantastische Schneewachten und Eisgebilde die ungeheuren donnernden und dampfenden Wasserschleier einrahmen. Leider aber fehlt es dem gewaltigen Schaustück gänzlich an Hintergrund. Der Niagarafluß verbindet eben zwei an sich wenig reizvolle große Wasserflächen, und wenn nicht zufällig der Eriesee etliche 60 Meter höher als der Ontariosee gelegen wäre, so würde es überhaupt nicht zustande gekommen sein. Wenn unser Herrgott, sagen wir mal: die biedere Warthe in irgendeinem preußischen Kartoffelacker einen solchen Bocksprung von 40 bis 50 Meter ausführen ließe, so würde das einigen Hunderttausenden Deutschen genügenden Anlaß bieten, um entrüstet aus der Landeskirche auszutreten; in Amerika aber darf sogar der Weltbaumeister geschmacklos sein, ohne sich Unannehmlichkeiten zuzuziehen.Der Hudsonstil.Die Zeiten, wo man die absolute Geschmacklosigkeit keinem Amerikaner verübeln durfte, weil er eben zunächst für das Allernotwendigste zu sorgen, Neuland urbar zu machen und Weib, Kind, Ochs, Esel und alles, was sein war, vor wilden Tieren und roten Skalpjägern zu verteidigen hatte, die sind doch jetzt vorbei, zum mindesten für den hochkultivierten Osten, und die Zahl derer, die sich nach Schönheit zu sehnen beginnen, wächst von Jahr zu Jahr. Warum, ihr lieben Yankees, entnehmt ihr nicht eurer neuesten Schatzkammer Alaska ein paar lumpige Milliarden und stellt Landschaftsregisseure mit unbeschränktem Kredit an? Herrgott Saxendi, was ließe sich beispielsweise aus eurem Hudson machen! Ich weiß mir keinen schöneren Strom in der Welt. In seinem langen, gewundenen Lauf von New York bis Albany schlägt[pg 215]er leicht die gloriose Rheinstrecke von Bingen bis Bonn und kann es selbst mit der Donau zwischen Krems und Melk und sogar mit der Elbe zwischen Königstein und Schandau aufnehmen vermöge seiner herrlich geformten Uferberge und des imposanten Hintergrundes, den ihm die Catskillberge und noch weiter oben die Adirondaks geben. Wenn trotzdem der Hudson nicht entfernt so stark wirkt wie jene deutschen Ströme, so liegt das eben einfach daran, daß ihm die Rebenhänge mit den berühmten Weinmarken, die lieben alten Städtchen und ganz besonders die malerischen Burgruinen fehlen. Der Regisseur des Hudsons hätte also die Aufgabe, das ganze städtische und dörfliche charakterlose Gerümpel, das die Ufer des Flusses verschimpfiert, niederzureißen und durch Neubauten im Stil des Hudsontales und der Hudsonbewohner zu ersetzen. Das wäre mit viel Geld zu machen, wenn sich nicht von vornherein die Frage aufdrängte: Ja, welches ist denn der Stil der Hudsonbewohner, der Hudsonlandschaft? Das weiß eben kein Mensch! Die Hudsonleute haben eben keinen anderen Stil als die Susquehannaleute oder die Michiganleute. Es war mehr oder weniger Zufall, ob die ersten Kolonisten sich da oder dort niederließen, und jeder von ihnen hat sich an seinem Orte eingerichtet, wie sein Nutzen es erforderte und seine Mittel es erlaubten. Gewiß haben sich an unserem Rhein die Menschen ursprünglich auch nicht aus Bewunderung für die schöne Gegend niedergelassen, noch haben sie ihre Burgen auf die Höhen gebaut, um späteren Geschlechtern eine Sehenswürdigkeit durch deren Ruinen zu liefern. Nie und nirgends ist eine Landschaft späteren Dichtern und Malern zuliebe stilisiert worden, sondern das Notwendige und Zweckmäßige ist immer am Anfang der Entwicklung gestanden, in der Alten[pg 216]gerade so wie in der Neuen Welt. Erst der Edelrost der Jahrhunderte und Jahrtausende hat die Schönheit dazu getan. Aber diese Schönheit ist keineswegs ganz wild gewachsen aus der vollen Freiheit des Individuums heraus. Ein einheitlicher Stil konnte sich nur dadurch entwickeln, daß der Wille einzelner Überragender sich den Herdenmenschen aufzwang, daß die künstlerisch fruchtbaren Talente von den Herrschenden und Besitzenden erkannt und mit großen Aufgaben betraut wurden. So konnten sie die Muster schaffen, welche die Gedankenlosen alsdann aus Gewohnheit immer wieder nachmachten. Die Zünfte mußten ihren Zwang auf die Handwerker ausüben, die Stadtväter mußten Bau- und Kleiderordnungen erlassen, und durch die Engigkeit der Verhältnisse mußte ein konservatives Philisterium gezüchtet werden, damit kein individualistischer Zickzack die Gradlinigkeit der Entwicklung störte. Die Frage ist nur, ob man das alles heutzutage noch in einer großen demokratischen Republik nachahmen könnte. Gewiß, ein genialer Architekt, nennen wir ihn Meyer, könnte mit den zur Verfügung gestellten Millionen den ganzen Hudson in einem original meyerischen Stil bebauen, und das könnte vielleicht etwas sehr Schönes geben, aber dann müßten auch drakonische Gesetze erlassen werden, die die Anwohner des Hudsons zwängen, ihre notwendigen Neubauten immer wieder im meyerischen Stile zu errichten und sich überhaupt in allen Lebenslagen streng meyerisch zu benehmen. Würden sich die freien Bürger des Staates New York das gefallen lassen? Schwerlich. Sie würden jedoch nichts dawider haben, wenn spekulative Unternehmer darauf verfallen sollten, auf den schön geschwungenen Uferbergen des Hudson künstliche Burgruinen zu errichten, zu denen Zahnradbahnen oder Elevators hinaufführten. Es wäre weiterhin nur[pg 217]vernünftig, wenn in diesen Ruinen spekulative Wirte sich niederließen, die auf den Plattformen der Türme Flugschiffstationen und auf den Turnierplätzen Hangars für Äroplane einrichteten. Gewiß würden es die Hudsonleute auch gern sehen, wenn hie und da eine besonders garstige Fabrik hübschere Formen annähme und an Stelle manchen häßlichen Gerümpels reiche Mitbürger ihre Sommervillen in allen möglichen bizarren europäischen und asiatischen Stilen anlegen würden. Vermutlich wird man schon in naher Zukunft Seite an Seite mit imitierten Stolzenfelsen und Drachenburgen, japanische Teehäuser, russische Datschen und Darmstädter Eigenheime bewundern können, aber ein origineller Hudsonstil wird sich von selber auch in fernen Jahrhunderten schwerlich entwickeln. Wir sehen es ja bei uns, wie schwer es die Vereine für Denkmal- und Heimatschutz haben, unsere schönsten alten Städtebilder vor Verschandelung zu behüten, und wie auch die strengste Baupolizei höchstens unter Mitwirkung wirklich feinfühliger Künstler einigermaßen dem Eindringen der Stillosigkeit zu wehren vermag; denn die instinktive Stilsicherheit unserer Vorväter ist uns Modernen durch den Mangel an Seßhaftigkeit der großen Masse, die durch unsere Verkehrsverhältnisse erzeugt wurde, schon sehr abhanden gekommen. Drüben in der neuen Welt aber hat solche instinktive Stilsicherheit natürlich niemals bestanden; der Künstler, den man zum Landschaftsregisseur ernennen wollte, hätte es also mit Kindern und Barbaren zu tun, denen man wohl neue Moden importieren und schmackhaft machen, aber keinen Stil aufzwingen könnte. Die Yankees mit ihrem wundervollen Optimismus sind natürlich überzeugt davon, daß die Schönheit und der Stil in ihrem Lande ganz von selber sich entwickeln müßten als eine Frucht der fortschreitenden[pg 218]Geschmackskultur ihrer reichen und müßigen Leute. Ich vermag diese Zuversicht nicht zu teilen, sondern glaube vielmehr, daß sich auch im Laufe vieler Jahrhunderte der große Unterschied zwischen der alten Welt als einem Antiquitätenmuseum und der neuen als einem Novitätenbazar nur wenig verwischen wird. Jahrtausende allmählicher Kulturentwicklung sind selbst im heutigen Fortschrittstempo nicht einzuholen.Der Landschaftsregisseur. Aufgaben für deutsche Künstler.So müßte ich also meinen Antrag, Landschaftsregisseure für die Vereinigten Staaten zu ernennen, hoffnungslos fallen lassen? Vielleicht doch nicht ganz. Im weiten Süden, im äußersten Norden und im fernen Westen ist noch Platz genug für Hunderte, ja Tausende von neuen Ansiedlungen. Wenn die gesetzgebenden Körperschaften der betreffenden Bundesstaaten es zur Bedingung für neue Gründungen machten, daß die Pläne nicht ohne Hinzuziehung bewährter Künstler entworfen und ausgeführt werden dürften, so wäre von diesen neuen Städten und Dörfern des 20. Jahrhunderts doch wohl ein bißchen mehr Stil zu erhoffen. Ich kenne das neue San Franzisko nicht; ich weiß nicht, ob man bei dieser kostbaren Gelegenheit schon daran gedacht hat, die künstlerische Regie in ihre Rechte einzusetzen. Die Amerikaner behaupten ja, daß ihr neues Frisko, ihre neue Handelsmetropole Seattle und andere nordwestliche Gründungen von hervorragender Schönheit seien. Nun, dann würde zum erstenmal in der Weltgeschichte das Licht von Westen kommen. Im ganzen Osten der Union sieht es bisher noch aus wie in einer Kinderstube, in der unartige Buben alles durcheinander geworfen und vor dem Schlafengehen nicht fortgeräumt haben. Von dem großen Völkerumzug sind noch überall die ausgeräumten Kisten, die Stroh- und Papierhüllen, die ausgerissenen[pg 219]Nägel und zerschnittenen Stricke liegen geblieben. Wenn erst der Osten sich vor dem Westen zu schämen beginnt, dann findet er vielleicht auch Zeit, endlich einmal gründlich aufzuräumen. Und in der aufgeräumten Landschaft, dem gesäuberten Stadtbilde werden wenigstens die gröbsten Scheußlichkeiten so unliebsam auffallen, daß man sich um so mehr beeilt, sie gänzlich wegzutilgen und durch Schöneres zu ersetzen. Dann wird es eine starke Nachfrage geben nach solchen Regisseuren, wie ich mir sie denke, und wir Deutschen, die wir der Neuen Welt durch unsere Missionäre den Geschmack an edler Musik beigebracht haben, werden dann auch vielleicht berufen sein, als kostbarsten Importartikel Künstler hinüber zu senden, die nicht nur Architekten, sondern stilistische Universalgenies sind, so gut wie unsere modernen Orchesterbeherrscher und Theaterregisseure. Vielleicht erlebe ich es noch, vor einer neuen amerikanischen Stadt eine schöne Tafel zu erblicken, auf der unter ihrem Namen an Stelle des bei uns üblichen Hinweises auf Regierungsbezirk, Kreis und Landwehr-Bataillon zu lesen wäre: „Gestiftet von Carnegie, in Szene gesetzt von Johann Nepomuk Huber aus München-Pasing.“[pg 220]Dollaricas infamster Schurke.Der Leithammel.Ich bin niemals ein Pessimist gewesen. Ich habe den zahlreichen Leuten gegenüber, welche mir dringend anrieten, mich vor schmerzlichen Enttäuschungen dadurch zu schützen, daß ich meine Mitmenschen von vornherein jeder Bosheit und Niedertracht für fähig halten möge, stets mit Ernst und Eifer die Meinung verfochten, daß alle Kreatur von Mutterleibe an zur Ehrlichkeit und Biederkeit veranlagt sei, und daß nur widrige Umstände, zumeist gänzlich unverschuldeter Art, wie üble Herkunft, leibliche Not und ungestillte Sehnsüchte der Seele die bösen Triebe gewaltsam einzuimpfen vermöchten. Seitdem ich aber in Chicago (Illinois) Dollaricas infamsten Schurken kennen gelernt habe, muß ich gestehen, daß meine Meinung von der Unschuld der Kreatur um so heftiger erschüttert wurde, als dieser infamste aller Schurken nicht einmal ein Mensch, sondern sogar ein Vierfüßler war, jenem sanften, geduldigen, wolletragenden Geschlecht entsprossen, das der Mensch sich zum Symbol demütiger Ergebung und verehrungswürdiger Dummheit erkoren hat. Der infamste Schurke der ganzen Vereinigten Staaten ist nämlich, gerade herausgesagt –ein Hammel, und zwar der Leithammel inArmour & Co.’s Packing Companyin den Chicagoer Schlachthöfen. Wenn ich der pessimistische Menschenverachter wäre, der ich, wie gesagt, nicht bin, so würde ich diesen Hammel eineeingemenschte Bestietitulieren. Denn wer hätte es je für möglich gehalten, daß ein Schafskopf so viel Niederträchtigkeit beherbergen könne?! Nichts in dem vertrauen[pg 221]erweckenden Äußeren dieses Hammels deutet auf die Schändlichkeit seines Berufes hin. Sein stets vergnügtes Schafsgesicht verklärt das satte Lächeln eines gutmütigen Pfäffleins auf fetter Pfründe, und sein Gebaren und Gehaben ist ganz dasjenige eines beleibten, aber noch rüstigen alten Herren, der unter Umständen wohl noch zu lockeren Streichen aufgelegt ist. Offenbar hat ihm diese so geschickt getragene Maske der Bonhomie zu der einträglichen Stellung bei Armour & Co. verholfen.Dieser ehrenwerte Beamte erfüllt nämlich die Aufgabe, während der Schlachtperiode Hunderte und Aberhunderte, Tausende und Abertausende seiner unschuldigen, nichts ahnenden Familienangehörigen und Standesgenossen der Menschheit ans Messer zu liefern. In langen Eisenbahnzügen treffen sie aus allen Teilen der Union in denStockyardsvon Chicago zusammen. Die Wagentüren öffnen sich, und froh, der langen grausamen Haft entrinnen zu können, drängen sich die Scharen munterer Hammel von Ohio, Indiana, Illinois, ja selbst von Alabama, Jowa, Kentucky, von Texas selbst und Arizona auf die bequemen schiefen Ebenen, und ihren bedrängten Busen entringt sich das hoffnungsfreudige „Mäh“ der Erlösung von langer Qual. Weite Hürden nehmen sie auf, die krauswolligen, weißen und schwarzen Brüder und Schwestern, Vettern und Basen aus sämtlichen Staaten und Territorien der Union. Von vollen Raufen lockt das duftige Heu, in langen Rinnen der kräftig gemischte Trank. Und doch, die rechte Freudigkeit kann nicht aufkommen, denn alle diese Schafsseelen sind noch erfüllt von seliger Erinnerung an blauen Himmel, grüne Weide, kristallklare Bäche und muntere Spiele unter der freundlichen Aufsicht treu besorgter Hunde und frommer Schäfer; hier aber engen himmelhohe rotbraune Mauern sie ein,[pg 222]statt lustiger weißer Lämmerwölkchen wälzen schwere, schwarze Rauchschwaden sich ihnen zu Häupten daher, und statt des feierlichen Schweigens der Natur umtost das dumpfe Maschinengebrüll rastlos gieriger Menschenarbeit ihre erschrockenen Ohren. Traurig lassen sie die Schwänzlein und die Köpfe hängen, lassen sie die Trankrinne und die Futterraufe unberührt.Der TodessprungSiehe, da naht sich ihnen als Bote aus dieser beängstigend fremden Welt mit freundlicher, onkelhafter Vertraulichkeit ein fetter Hammel in den besten Jahren: „Munter, meine lieben Kinder, munter!“ beginnt er in humoristisch gefärbtem Bockston, und alsbald umdrängt ihn ein dichter Kreis von Zuhörern. „Ihrhabt nicht die geringste Ursache, Ohren und Schwänze mutlos hängen zu lassen; oder ist es vielleicht nicht eine große Ehre für euch ungebildete Prairieschafe, in die große Millionenstadt Chicago zu Besuch zu kommen? Meint ihr vielleicht, ihr wäret die einzigen Schafsköpfe hier am Orte, mähähähä!? Hier geht es hoch her, das könnt ihr mir glauben auf mein ehrliches Gesicht, und die Zeit wird euch hier nicht lang werden, auf Eh – hähähähä – re! Ich habe es zwar nicht nötig, mich für euch aufzuopfern, denn ich befinde mich Gott sei Dank in einer auskömmlichen und gesellschaftlich angesehenen Position, aber ich will mich dennoch eurer hilflosen Ländlichkeit annehmen, weil doch nun einmal der Korpsgeist in unserer Familie so stark entwickelt ist. Auf, mir nach, ich führe euch zu einem lustigen Spielplatz, wo kein Hund und kein Hirte uns geniert.“ – Und leichtfüßig tänzelt der feiste Onkel voran einen glatt gedielten Steg hinauf, der so schmal ist, daß nur zwei knapp nebeneinander gehen können, aber sicher eingeplankt, so daß keines an den Seiten herauspurzeln kann. Schon dieser Anfang des Vergnügens ist vielver[pg 223]sprechend. Wie auf einer Berg- und Talbahn oder einer russischen Rutschpartie geht’s auf diesen engen Bretterwegen hinauf, hinab und kreuz und quer, und die Tausende von leichten Hammelbeinchen trippeln und trappeln fein langsam hinauf und im lustigen Hui herunter, daß es klingt, wie wenn in schwülen Frühlingstagen St. Peter Erbsen siebt. Ein Auf- und Abschwellen wie Hagelrauschen in launischen Böen, ein dumpfes Wirbeln wie von gedämpften Trommeln, – als sollten durch solchen Trauermarsch den unschuldig Verurteilten die militärischen letzten Ehren erwiesen werden. Der muntere Leithammel immer an der Spitze, tapp tapp tapp, hinauf, und hurrdiburr hinunter, und zuletzt auf ein schmales Türchen in der rotbraunen Mauer zu. Gar im Galopp mit einem lustigen Bocksprung setzt er in die Seligkeit hinein. In einem Sprungtuch wird er aufgefangen und mit einem Ruck in ein gemütliches Seitenkabinett in Sicherheit gebracht, während seine Stammgenossen unaufhaltsam, einer nach dem anderen, zu Dutzenden, zu Hunderten, zu Tausenden ihm nachspringen in die finstere Todesnacht. Ein eiserner Haken erwischt sie an einem Hinterschenkel, an einer Kette fliegen sie mit dem Kopf nach unten aufwärts, ein gewaltiges Rad empfängt sie, hebt sie in weitem Bogen hoch und läßt sie auf der andern Seite rasch abwärts schweben der Stelle zu, wo der Mörder mit seinem blutigen Messer steht. Ein sicherer Stoß – und lautlos haben sie ausgelitten. Derweile läßt sich’s der erprobte Beamte von Armour & Co. in seinem Privatkabinett bei frischem Maisschrot und duftigen Lupinen wohl sein, bis man ihn abruft, um auf geheimem Gange sich abermals zu den neu Angekommenen in die Hürden hinunter zu begeben und seinen niederträchtigen Trick aufs neue auszuführen. Wenn er ein Mensch wäre, so[pg 224]würde er sicher auf seine alten Tage fromm werden, das Gebetbuch auswendig lernen, fleißig in geistlichen Kreisen verkehren und sein Vermögen wohltätigen Stiftungen vermachen; da er nur ein Hammel ist, hat er aber nicht einmal das Bedürfnis, sein Gewissen zu betäuben. Er bedarf nicht des Alkohols, um seinen Mut zur Infamie täglich neu zu entflammen, sondern sein eigentümlich hammelhafter Ehrbegriff läßt ihn vielmehr seinen Stolz drein setzen, jahrein, jahraus mit der gleichen heiteren Selbstverständlichkeit seine verräterische, gemeine Mordarbeit zu verrichten, bis er in Pension geht oder bis Herzverfettung oder versetzte Blähungen ihm unversehens den Garaus machen. – Habe ich nicht recht, diesen Oberaga der weißen Eunuchen von Chicago für den infamsten Schurken der ganzen Vereinigten Staaten zu erklären?Menschliche Niedertracht.Vielleicht, mein Herr, oder Sie, meine schöne Leserin, werden Sie mir entgegnen wollen, daß die Unschuld der Kreatur von Armour & Co. nur schändlich mißbraucht werde, indem der Leithammel sicherlich nicht wisse, daß seine von ihm verführten Artgenossen dem Tode verfallen seien. – Ich kann das leider nicht glauben; denn ich bin fest überzeugt, daß auch dem geistig mindestbegabten Tier der Blutgeruch, der die Chicagoer Schlachthöfe umwittert, eine Ahnung seines Schicksals aufzwingen muß, sobald es nur den Eisenbahnwagen verläßt. Und da ein Leithammel doch jedenfalls die Blüte der Intelligenz der Hammelschaft darstellt, so ist es doch schwer glaublich, daß gerade ihm der Umstand nicht zu denken geben sollte, daß alle die von ihm angeführten Herden auf Nimmerwiedersehen in dem Abgrund verschwinden, dem jener heiße Blutgeruch entströmt, und daß es immer wieder neue Bataillone von Schafen, Regimenter von[pg 225]Hammeln sind, an deren Spitze er anfeuernd dem schwarzen Loche zu galoppiert. Fraglich könnte es nur erscheinen, ob der Mensch, der sich solcher abgrundtiefen Gewissenlosigkeit einer gemeinen Hammelseele zu seinen Zwecken bedient, nicht noch eine größere Kanaille sei, als der Hammel selbst. Es ist ein beliebter Trick des menschlichen Genius, die garstig anrüchigen Handlungen, die im Interesse seiner höheren Zwecke verrichtet werden müssen, nicht selbst zu verrichten, sondern sich dafür scheinbar harmloser Umwege zu bedienen. So hat die edle weiße Haut der roten Haut ihre Spezialkrankheiten anvertraut und sie dadurch, unter freundlicher Nachhilfe des edlen Feuerwassers, langsam aber sicher vernichtet. Ja, man hat es sogar schon verstanden, eine Religion, die heiligste Ausstrahlung eines großen Herzens voller Liebe und eines tiefen, weltumfassenden Geistes, in zweckentsprechender Umgestaltung als wirksamstes Mittel zur Unterjochung und Vernichtung kraftvoller Völker zu verwenden. Solchen imposanten Großtaten menschlicher Niedertracht gegenüber will es moralisch nicht viel bedeuten, wenn die Herren Armour & Co. die Bestechlichkeit einer infamen Hammelseele benutzen, um ohne Tierquälerei und unliebsames Aufsehen ihren menschenfreundlichen Zweck zu erreichen. Und Menschenfreunde muß man doch diese genialen Unternehmer nennen, welche ganz Nordamerika tagtäglich mit leckeren Braten und die ganze bewohnte Erde mit ihren sauber in Blech verpackten, gepökelten und geräucherten Fleischwaren versehen. Wer an einem glänzenden Beispiel lernen will, wie der Menschengeist es fertig bringt, durch blutigen Mord und schnöden Verrat hindurch mit Einsatz aller seiner Erfindungskraft und körperlichen Geschicklichkeit schließlich dazu gelangen kann, die Vollendung des Zweck[pg 226]mäßigen sogar bis zum künstlerisch Erbaulichen zu steigern, der sehe sich das Verfahren in den Chicagoer Stockyards an.Durch Upton Sinclaires berühmten Roman „The Jungle“ (der Sumpf) sind ja die Augen der ganzen Welt auf Armour & Co.’s Packing Company gerichtet worden. Ganz Europa ist es nach diesem Roman übel geworden. Es hat monatelang keincorned beefmehr gekauft, in der Meinung, daß in den hübschen, sauberen Blechbüchsen mehr Rattenschwänze, abgehackte Menschenfinger und andere leckere Zutaten vorhanden wären, als solides Ochsen- und Schweinefleisch. Wer aber selber in jüngster Zeit, wie ich, die Schlachthäuser und Packräume Armours aufmerksam durchwandert hat, der wird doch sagen müssen, daß entweder Mister Sinclaire ein arger Schwarzseher und Schwarzmaler sein, oder daß die Gesellschaft sich sein Buch inzwischen zu Herzen genommen und durchgreifende Verbesserungen gemacht haben müsse. Denn so wie das Unternehmen sich heute präsentiert, bedeutet es einfach einen bisher unerreichten Gipfel in bezug auf sinnreichste Ausnutzung der Maschine und der menschlichen Arbeitskraft, auf Reinlichkeit, strengste Disziplin und restlose Ausnutzung des verarbeiteten Materials.An einem schönen klaren Wintertage brachte unser Chicagoer Gastfreund mich und meine Frau zu Armours und ersuchte einen ihm bekannten Beamten der Firma, uns herumzuführen. Es war zufällig derselbe Herr, der auch unseren Prinzen Heinrich geführt hatte. In der stolzen Haltung des freien Bürgers der größten Republik der Welt, d. h. die Hände in den Hosentaschen, eine ungeheure Havannanudel aus dem Mundwinkel herauslakelnd, machte uns dieser Herr zunächst einmal[pg 227]das Kompliment, daß unser kaiserlicher Prinz ein feiner Kerl –a fine fellow– sei. Man habe ihn vorher instruiert gehabt, den hohen Herrn mit „Your Royal Highness“ anzureden; aber daran habe er sich nicht gewöhnen können, und es habe offenbar dem Prinzen ganz gut gefallen, einmal einfach wie irgendein anderer besserer Herr von anständiger Familie behandelt zu werden. Wir wurden darauf sofort in den Mittelpunkt der Hölle geleitet. Sehr vernünftiges amerikanisches Prinzip: denn wer dieses Schrecknis, ohne einen Nervenchok zu kriegen oder wenigstens in Ohnmacht zu fallen, aushält, dem kann überhaupt auf dieser Wanderung nichts Schlimmes mehr passieren.Der Mittelpunkt der Hölle.Eine schwere schmale Tür wird aufgestoßen; eine heiße Welle von süßlichem Blutdunst schlägt über unseren Köpfen zusammen, und das furchtbare, wahnsinnig verzweifelte Todesgekreisch der Schweine betäubt uns die Ohren, zerreißt uns das Herz. Wir stehen auf einer hohen schmalen Holzgalerie, die dick mit Sägespänen bestreut ist, und schauen zwei Stockwerke tief hinunter. Dicht an der Mauer im ersten Stockwerk unter uns dreht sich langsam eine riesige, metallene Scheibe, über die eine schwere, eiserne Kette läuft. Aus einem dunkeln Raum unter der Galerie, den wir nicht übersehen können, werden die Schweine von riesenstarken Fäusten eines nach dem anderen gepackt und ein an der Kette schwebender Haken um einen ihrer Hinterschenkel befestigt. Im nächsten Augenblick wird das Tier emporgehoben und mit dem Kopf nach unten, aus Leibeskräften strampelnd und schreiend, über die große Scheibe weggeführt. Auf der anderen Seite dieser Scheibe steht der Metzger. In dem Augenblick, wo die unendliche, sich langsam fortbewegende Kette das Tier an seinen Standort bringt, führt er den Todesstoß in den Hals aus. Ein dicker Blutstrom schießt[pg 228]heraus. Der Mann ist über und über mit Blut bespritzt; er hat hohe Stiefel an und steht bis an die Knöchel in einem Bluttümpel. Ein zweiter Mann in seiner Nähe hat die Aufgabe, mit einem großen Besen das Blut in ein Loch im Estrich hineinzufegen; in einem unterirdischen Bassin wird es zur weiteren Verwertung aufgefangen. Alle paar Sekunden passiert ein Schwein den Schlächter, so daß er in den wenigen Stunden, die seine Arbeitszeit dauert, Hunderten den Garaus macht. Der Mann ist der höchstbezahlte Arbeiter des Unternehmens, ein Meister in seinem gräßlichen Fache; aber unfehlbar ist seine Hand natürlich doch nicht, und manche der gestochenen Tiere zappeln und schreien noch eine ganze Weile weiter. Lange währt ihre Qual jedoch auf keinen Fall, denn die Kette führt sie in die untere Etage hinunter, und da werden sie abgeladen in ein gewaltiges Bassin voll kochenden Wassers. Darin sieht man von oben die weißen Schweineleichen in dichtem Gedränge durcheinanderquirlen, und wenn sie an der Kette wieder nach oben schweben, so sind sie bereits so sauber abgebrüht, wie man sie in unseren Metzgerläden in der Auslage hängen sieht. Kein Unterschied mehr zwischen schwarzen, gelben, grauen und gescheckten Schweinen. Blaßrosig, starr und schwach dampfend kommen sie in Abständen von etwa 2 Meter wieder in die obere Etage heraufgeschwebt. Wir verlassen die Schreckenskammer und schreiten auf unserer erhöhten Schaugalerie in einen großen, lichten Saal hinein. Da stehen auf einem schmalen Podium an der Fensterseite die Arbeiter mit ihren scharfen Messern, Äxten, Knochensägen und Lötlampen auf ihren Posten, und während die Kette in langsamer Vorwärtsbewegung das Schwein an ihm vorbeiführt, verrichtet jeder mit sicherer Hand immer dieselbe ihm zugewiesene Arbeit. Der erste[pg 229]führt einen Bauchschnitt der ganzen Länge des Körpers nach aus, der zweite rafft mit einem Griff die Gedärme heraus, der dritte schneidet den Kopf durch bis auf den Knochen, der vierte sägt den Halswirbel durch, ein anderer sengt mit der Lötlampe die etwa noch übriggebliebenen Borsten weg – und so fort. Am Ende des Saales beschreibt die Kette einen Bogen, um ihn dann in entgegengesetzter Bewegung noch einmal zu durchlaufen, und am Ende dieses ganzen Weges ist das Schwein sauber zerlegt, die Speckseiten herausgelöst, die Schinken, die Hacksen zur besonderen Verwendung beiseite gepackt.Schlachtverfahren beim Rindvieh.Ganz ähnlich ist der Hergang in dem Riesenraum, in welchem die Rinder bearbeitet werden. Aus einer Falltür werden sie von unten heraufgehoben und durch einen Schlag mit einem Hammer auf den Kopf betäubt. Nach dem Grausen der Schweineschlächterei wirkt diese Art des Massenmords geradezu zart gedämpft, man möchte fast sagen, liebenswürdig diskret, denn das Rind schreit nicht, es ist betäubt, bewegungslos noch bevor es ihm zum Bewußtsein kommt, daß es in den Tod zu gehen bestimmt ist. Gewaltige Maschinenkraft hebt das schwere, bewußtlose Tier an den Hinterfüßen in die Höhe, und an der dicken Ankerkette bewegt es sich langsam durch den großen Arbeitssaal. Am Kopfe hängt jedem Tier ein Eimer, in dem das Blut beim Schlachten aufgefangen wird, und so geschickt verrichten die Schlächtergesellen ihre Arbeit, daß man in diesem Saale, mit den Augen wenigstens, fast kein Blut gewahr wird. Da in dem mächtigen Rindskadaver die Arbeit nicht so geschwind von statten geht, wie bei dem Kleinvieh, so hängen die Rinder in großen Abständen an der Kette, und jeder Arbeiter geht dem ihm zugewiesenen Stück so lange nach, bis sein Anteil an dem Werk des Abhäutens, Zersägens[pg 230]und Zerteilens verrichtet ist. Der Grundsatz der Arbeitsteilung ist strikte durchgeführt. Ein Arbeiter hat nie etwas anderes zu tun, als das Rückgrat von oben bis unten durchzusägen, ein anderer nur das Abhäuten zu besorgen – und wehe dem, wenn er das wertvolle Fell durch einen ungeschickten Messerstich verletzt; sofortige Entlassung ist seine Strafe.Der Zweck heiligt die Mittel.Von den Schlachträumen gelangen wir tiefaufatmend in die frische Luft. Über hölzerne Brücken und Viadukte, auf denen Schmalspurbahnen laufen, die die verarbeiteten Fleischteile von einem Raum zum andern befördern, gehen wir in die Packhäuser hinüber, wo das gekochte, geräucherte und eingepökelte Fleisch in die bekannten Blechdosen verpackt wird. Maschinen von fabelhafter Präzision verfertigen vor unseren Augen die Tausende und Abertausende von Blechgefäßen, und die einzige Menschenarbeit, die hierbei in Anspruch genommen wird, ist das letzte Verlöten des Deckels und das Bekleben der Dosen mit den schönen, buntgedruckten Papieretiketten. Das Schlußstück in der seltsam aufregenden und dennoch bezaubernden Schau ist der Saal, in welchem nette junge Mädchen in weißen, steif gestärkten Häubchen und blendenden Kleiderschürzen an langen Tischen sitzen, mit feinen weißen Händen die dünnen Fleischscheiben, die die lautlos arbeitende Maschine vor jedem einzelnen Arbeitsplatz im unfehlbaren Rhythmus hinstreut, in die Blechbüchsen verpacken. Die tadellose Sauberkeit dieser Mädchenhände wird dadurch sinnfällig gemacht, daß nicht nur reichliche Wascheinrichtungen dem Beschauer sofort ins Auge fallen, sondern daß in einer Ecke des Saales auf einer erhöhten Tribüne eine artige Maniküre fortwährend an der Arbeit ist, um die Fingernägel zu säubern und streng vorschriftsmäßig im Verschnitt zu halten. Diese Maniküre[pg 231]und jener infamste Schurke Dollaricas, nämlich der Leit – hammel, stehen also als symbolische Gestalten am Eingang und am Ausgang einer der gewaltigsten industriellen Unternehmungen der Erde: brutalste Rücksichtslosigkeit und raffinierteste Delikatesse reichen sich die Hand zur Vollendung eines notwendigen Menschenwerkes. Der Zweck, nämlich die Versorgung der Menschheit mit tadellos zubereiteter Fleischspeise, heiligt die Mittel, und die Mittel heiligen wiederum auch den Zweck; denn um mir die gutgepökelte Zunge in sauberer, luftdicht verschlossener Büchse auf den Tisch zu setzen, haben Menschenwitz und Menschenfleiß ihr Letztes hergegeben und durch geniale Ausnützung des Materials und Hinaufsteigerung aller Energien zu äußersten Leistungen das blutige Chaos in vollendete und darum ästhetisch wirkende Harmonie verwandelt.

[pg 207]Die Landschaft.Sommerfrischen.Schließlich sieht es doch nicht überall in den Vereinigten Staaten aus wie in der Gegend zwischen Kattowitz und Beuthen, wenn auch freilich der Charakter der reizlos platten Ackerbaugegend und des Schönheit mordenden Industriegeländes in den Mittelstaaten von den großen Seen bis zum Missouri vorherrschend ist. Man braucht durchaus nicht etwa Tage und Nächte lang durch Kohlen- und Petroleumhöllen, endlose Steppe und Wüste bis zum Felsengebirge im fernen Westen hinüberzufahren, um auf landschaftliche Schönheiten zu stoßen. Schon die Manhattan-Insel, auf der die Fünfmillionenstadt New York auf dem solidesten Untergrund der Welt erbaut ist, liegt malerisch genug in der weiten Meeresbucht zwischen den grünen Zungen Long-Island und Staaten-Island. Auf der Fahrt am Ostufer, von New York nach Providence, glaubt man sich im südlichen Schweden zu befinden; die liebliche Wald- und Hügelszenerie mit ihren dunklen Tälern und klaren Bächen, welche zwischen Boston und Albany sich erstreckt, könnte ganz gut einem deutschen Mittelgebirge entnommen sein; die Reize ostpreußischer oder märkischer Seenlandschaften finden wir wieder auf der Bahnfahrt von Philadelphia nach Washington; in den Alleghanies und vollends im Adirondak-Gebiete mit seinem Lake George, sowie in dem nordwestlichen Seengebiet des Staates New York, am Lake Seneca, Lake Cayuga und wie sie alle heißen; in den Tälern des Delaware, des Susquehanna, des Chesapeake und gar des Hudson ist so viel landschaftliche Schönheit herben und zarten,[pg 208]heroischen und idyllischen Stiles vorhanden, wie ein frommer Anbeter der Natur sie nur irgend wünschen kann, Schönheit genug, um Millionen abgehetzter Kopf- und Handarbeiter Ruhe und Erholung zu schaffen. Aber der europäische Naturfreund wird nirgends dieser Schönheit froh. Ich wenigstens habe alle diese Herrlichkeiten nur mit Seufzen und Fluchen an mir vorbeifliegen sehen, denn –es fehlt überall an der kulturellen Inszenesetzung. „O lieber Herrgott, wie gut hast du’s gemeint! Pfui Teufel, o Menschheit, wie übel hast du die Absichten der Natur verstanden!“ Das ist das Stoßgebet, das sich überall in den Vereinigten Staaten dem schwergekränkten ästhetischen Bewußtsein entringt. Nirgends hat die Landschaft einen eigenartigen Stil der Wohnhäuser, die Feld- und Waldwirtschaft einen der Landschaft angepaßten, von Gau zu Gau wechselnden Charakter angenommen; überall dasselbe tödliche Einerlei plattester Zweckmäßigkeit. Wohl finden wir im Osten den schwedischen Granit in mächtigen Brocken, die tiefeingeschnittenen Meeresbuchten und hie und da sogar ein Stückchen Wald, das der erbarmungslosen Axt der ersten Ansiedler entgangen ist; aber wo sind die reizenden, buntbemalten Holzhäuser, in lustigen Blumengärten sauber aufgestellt, darinnen derbe, blonde Dirnen in roten Röcken und grünen Schürzen hantieren? Wo ist die blühende Heide, der rauschende Hochwald? Wo bleibt in den Kiefernwald- und Seengegenden das so herrlich dazu passende niederdeutsche Bauernhaus mit seinem riesigen, fast bis zum Boden hinab reichenden Giebeldach? Wo ist in den anmutigen Flußtälern auch nur eine einzige Ansiedlung an den Ufern zu finden, die den Eindruck machte, als ob sie dort wirklich zu Hause wäre? Wo sind in den Glanzstücken der Gebirgslandschaft die romantischen[pg 209]Wege für Fußwanderer, die einsamen alten Wirtshäuser an der Landstraße, die verräucherten alten Räubernester italienischer Bergdörfer, oder gar die lustigen Sennhütten unserer Alpenländer zu finden? Nichts, nichts von alledem. Wo man nicht mit dem Automobil hinfahren kann, da ist überhaupt schwer hinzugelangen. Aber überall, wo so viel zu sehen ist, daß der Baedeker einen Stern dabei machen würde, spreizen sich die lieblosen großen Hotelbauten, die den Mann mit dem kleinen Geldbeutel in gebührender Entfernung halten. Für die reichen Sommergäste ist selbstverständlich gesorgt mit Polo-, Golf- und Tennisplätzen, mit Motorbooten und allen neuesten Mustern von Ruder- und Segelfahrzeugen, mit eleganten Restaurants zu Weltstadtpreisen, mit Icecream und Candy, und bei all diesen Futterplätzen konzertieren selbstverständlich kleine Musikkapellen, die die beliebtesten Operettenmelodien der vergangenen Wintersaison zum besten geben und den auf die Grammophonplatte gebannten Caruso begleiten.Kostspielige Ausrüstung des Touristen.Der Amerikaner allerdings scheint es nicht besser zu wollen. Das Bedürfnis nach Einsamkeit und Ruhe, nach einfachen Lebensfreuden, nach intimer Zwiesprache mit der Natur kennt er wohl schwerlich, denn auch bei uns sehen wir ihn ausschließlich die großen Hotels, die geräuschvollen internationalen Vergnügungsorte bevölkern, wo er von der Eigenart einer Gegend und ihrer Menschen niemals eine Ahnung bekommen kann. In unseren Gebirgen, an unseren Flüssen und Seen erscheint er mit seiner fashionablen Ausrüstung von modernsten Sportanzügen und neuesten patentierten Sportgerätschaften. Vom jüngsten Bübchen bis zum ältesten Greise widmet er sich unter jeglichem Himmelstrich seinen nationalen Spielen, und es freut ihn offenbar viel mehr, kleine dumme Bällchen in[pg 210]Gesellschaft hübscher Misses mit Knütteln zu bearbeiten, als mit dem Rucksack auf dem Buckel schwer zugänglicher Schönheit nachzusteigen. Jeder Boy und jedes Girl muß seinen Kodak umhängen haben, um die Eingeborenen im Nationalkostüm oder das mitgenommene süße Baby in allen Lebenslagen knipsen zu können. Allerdings, die Hochtouristik findet auch unter den Amerikanern begeisterte Verehrer, aber wohl nur, weil sie aufregend und gefährlich ist und ihrer Raserei für das Rekordbrechen entgegenkommt. Die wein- und sangesfrohe Wanderlust, die sich mit einem Käsebrot und einer Streu vergnügt bescheidet, den gründlichen Wissensdrang, der am liebsten die stillen Winkel durchstöbert, die fromme innige Naturschwärmerei, die den großen Menschenansammlungen und laut gepriesenen Sensationen aus dem Wege geht, die kennt er nicht. Dem richtigen Durchschnittsamerikaner gilt für schön, was ihm durch Dimension oder Quantität imponiert und – was viel gekostet hat. Niemals habe ich einen Amerikaner sich über die gräßlichen Reklameschildereien ereifern hören, die gerade an den landschaftlich bevorzugten Bahnstrecken sich breit machen und einem im Laufe einer Fahrt von einigen Stunden, die recht genußreich für das Auge sein könnte, etliche hundert Mal in der Gestalt eines überlebensgroßen rotbunten Ochsen entgegenschreit, daßDurham Bullder beste Rauch-, Kau- und Schnupftabak sei, oder sonst irgendeine mächtig interessante Feststellung. Hält man ihm die Poesielosigkeit der großen Hotelbauten in seinen berühmten Ausflugsorten vor, so entgegnet er: Wem die nicht gefielen, der könnte sich ja ein Hausboot auf einem der Seen zulegen, oder mit Zelt und Canoe ausgerüstet in die Wildnis ziehen. O gewiß, das würde auch unserem Geschmack poetisch vorkommen, dieses neuerdings unter[pg 211]den jungen Amerikanern beiderlei Geschlechts sehr beliebte „camping out“. Aber auch dieses Vergnügen des Biwakierens ist mit Kosten verknüpft, die sich nur wohlhabende Leute leisten können, denn es versteht sich von selbst, daß man solchen abenteuerlichen Auszug ins wilde Hinterland nicht antritt, ohne in bezug auf die Transportmittel, auf Kleidung, Schlafgelegenheit, Kochgeschirr, Angel- und Jagdgerät usw. auf das vollkommenste mit den allerneuesten Erzeugnissen auf diesem Gebiete ausgerüstet zu sein. In den Vereinigten Staaten freilich gibt es kaum Leute, die so wenig Geld hätten, daß sie sich nicht einmal so etwas leisten könnten, oder wenigstens kennt man in besseren Kreisen solche betrübliche Armseligkeit nicht. Andererseits würde wieder das geistige Gepäck, das unsere kultiviertesten Naturfreunde auf ihren Wanderungen mitzunehmen pflegen, drüben für ein außerordentlicher Luxus gelten: Sprach- und Dialektkenntnis, geographische und ethnographische, naturwissenschaftliche und kunstgeschichtliche gründliche Vorbereitung. Da im eigenen Lande so wenig vorhanden ist, was dem historischen Sinn Nahrung geben könnte, so vermißt der Amerikaner die edle Patina des Alters durchaus nicht, sondern findet selbstverständlich alles Frischgestrichene, Neulackierte erfreulicher denn alles alte Gerümpel.Die Niagarafälle.Es ist ein wahres Wunder zu nennen, daß die guten Kinder ihre Niagarafälle verhältnismäßig so unverschandelt gelassen haben. Bei der kolossalen Kraft, die dort umsonst zu haben ist, wäre es doch eine Kleinigkeit, zum Beispiel über dem Horseshoe-Fall des Nachts ein riesiges Stern- und Streifenbanner aus elektrischen Glühkörpern flattern zu lassen! (Sie machen solche bewegten elektrischen Lichtreklamen famos). Und wie würden sich die Canadier giften, wenn sie jede Nacht auf dem amerikanischen[pg 212]Ufer Onkel Sams Fahne flammen sehen müßten! Sie würden vermutlich nicht lange zögern, auf ihrer Seite einen wenn möglich noch größeren, elektrisch bewegtenUnion Jackzu hissen. Und damit wäre sozusagen das Eis gebrochen: in wenigen Wochen würde der strahlende Ochse Durham das Lob des besten Rauch-, Kau- und Schnupftabaks feuerspeiend in die Nacht hinaus brüllen; über, unter, zwischen und hinter den Fällen selbst würden in genial ersonnenen Lichtspielen die köstlichen Whiskys, die beliebtesten Biere, die anerkanntesten Leberpillen und sichersten Abführmittel sich dem staunenden Naturfreund empfehlen. Und es ist, wie gesagt, nicht zu begreifen, daß nicht wenigstens die Fabrikanten von Babywäsche diese glänzende Reklamegelegenheit ergriffen haben, da doch sämtliche amerikanischen Brautpaare ihre Hochzeitsreise nach den Niagarafällen zu unternehmen pflegen. Ich vermute, daß da irgend welche schlechten Demokraten die Freiheit durch volksfeindliche Gesetze schändlich unterbunden haben müssen; anders ist dieser geradezu barbarische und schamlose Zustand gar nicht zu erklären, daß man hier die Natur so nackt und bloß wirken lassen konnte, ohne jede zivilisierte Bekleidung durch den menschlichen Geschäfts- und Erfindungsgeist! Nur der dekadente Europäer kann so etwas schön finden!Und dennoch muß ich gestehen, daß ich dekadenter Europäer auch angesichts der Niagarafälle die feinere Regie vermißte. Ich mußte an unsern lieben Rheinfall bei Schaffhausen denken. Wie ist da das herrliche Naturschauspiel vorbereitet, wie ist da geschickt Stimmung gemacht durch eine idyllisch romantische Landschaft, durch das uralt heimliche Schaffhausen mit seiner gewaltigen Zitadelle, seiner begrünten Stadtmauer, seinen trauten, krummen Gassen und behaglichen alten Wirts[pg 213]häusern! Wie sind auf dem Wege nach Laufen die Kraftwerke und Aluminiumfabriken – denn auch hier ist der Mensch nicht so dumm, die üppigen Schätze der Natur aus reiner Sentimentalität ungehoben zu lassen –, wie sind sie so geschickt unter dichtem Grün versteckt! Dagegen dehnt sich drüben von der furchtbar garstigen Großstadt Buffalo bis zu dem fast ebenso scheußlichen Nest Niagara-Falls-City die trostloseste Einöde am Gestade des Eriesees entlang. Das Klima ist windig und regnerisch, der Boden wenig fruchtbar, und infolgedessen sieht man überall verlassene Ansiedlungen, Trümmerhaufen, Ödland. Dazwischen massenhafte Fabrikanlagen mit ihrem schmutzigem Abfall, Schlackenbergen und mißfarbigen Rinnsalen. Lange, trübe Straßenzüge mit garstigen Arbeiterhäusern durcheilt die elektrische Bahn nach den Fällen, an wüsten Schnapskneipen und Tanzsalons mit klirrenden Drehklavieren und kreischenden Grammophons muß man vorüber, bevor man den nett gehaltenen Park erreicht, den man um die beiden Hauptfälle angelegt hat. Dann gelangt man zunächst an den kleineren dritten Fall, den die Industrie ganz und gar für sich in Beschlag genommen hat. Dicht am Rande des senkrechten Felsabsturzes ragen die Mauern und Schlote der Fabriken empor, und die gebändigten Wassermassen quellen aus einer Menge von eisernen Röhren hervor, jedoch nicht mehr im kristallenen Naturzustand, sondern gar lieblich koloriert. Es müssen wohl Farbwerke sein, denen ihre Kraft dienstbar geworden ist, denn im Winter, als ich sie sah, waren alle diese Abflüsse zu Eiszapfen gefroren, die einen pittoresken Behang über dem ganzen Abgrund bildeten und abwechselnd schön chromgelb, vitriolblau und krapprot gefärbt waren. Die großen Fälle selbst gehören ja ohne Zweifel zu den ge[pg 214]waltigsten Naturschauspielen der Welt, besonders im Winter, wenn die Bäume im weiten Umkreis in wunderbar funkelnde Kristallkandelaber verwandelt sind und wilde phantastische Schneewachten und Eisgebilde die ungeheuren donnernden und dampfenden Wasserschleier einrahmen. Leider aber fehlt es dem gewaltigen Schaustück gänzlich an Hintergrund. Der Niagarafluß verbindet eben zwei an sich wenig reizvolle große Wasserflächen, und wenn nicht zufällig der Eriesee etliche 60 Meter höher als der Ontariosee gelegen wäre, so würde es überhaupt nicht zustande gekommen sein. Wenn unser Herrgott, sagen wir mal: die biedere Warthe in irgendeinem preußischen Kartoffelacker einen solchen Bocksprung von 40 bis 50 Meter ausführen ließe, so würde das einigen Hunderttausenden Deutschen genügenden Anlaß bieten, um entrüstet aus der Landeskirche auszutreten; in Amerika aber darf sogar der Weltbaumeister geschmacklos sein, ohne sich Unannehmlichkeiten zuzuziehen.Der Hudsonstil.Die Zeiten, wo man die absolute Geschmacklosigkeit keinem Amerikaner verübeln durfte, weil er eben zunächst für das Allernotwendigste zu sorgen, Neuland urbar zu machen und Weib, Kind, Ochs, Esel und alles, was sein war, vor wilden Tieren und roten Skalpjägern zu verteidigen hatte, die sind doch jetzt vorbei, zum mindesten für den hochkultivierten Osten, und die Zahl derer, die sich nach Schönheit zu sehnen beginnen, wächst von Jahr zu Jahr. Warum, ihr lieben Yankees, entnehmt ihr nicht eurer neuesten Schatzkammer Alaska ein paar lumpige Milliarden und stellt Landschaftsregisseure mit unbeschränktem Kredit an? Herrgott Saxendi, was ließe sich beispielsweise aus eurem Hudson machen! Ich weiß mir keinen schöneren Strom in der Welt. In seinem langen, gewundenen Lauf von New York bis Albany schlägt[pg 215]er leicht die gloriose Rheinstrecke von Bingen bis Bonn und kann es selbst mit der Donau zwischen Krems und Melk und sogar mit der Elbe zwischen Königstein und Schandau aufnehmen vermöge seiner herrlich geformten Uferberge und des imposanten Hintergrundes, den ihm die Catskillberge und noch weiter oben die Adirondaks geben. Wenn trotzdem der Hudson nicht entfernt so stark wirkt wie jene deutschen Ströme, so liegt das eben einfach daran, daß ihm die Rebenhänge mit den berühmten Weinmarken, die lieben alten Städtchen und ganz besonders die malerischen Burgruinen fehlen. Der Regisseur des Hudsons hätte also die Aufgabe, das ganze städtische und dörfliche charakterlose Gerümpel, das die Ufer des Flusses verschimpfiert, niederzureißen und durch Neubauten im Stil des Hudsontales und der Hudsonbewohner zu ersetzen. Das wäre mit viel Geld zu machen, wenn sich nicht von vornherein die Frage aufdrängte: Ja, welches ist denn der Stil der Hudsonbewohner, der Hudsonlandschaft? Das weiß eben kein Mensch! Die Hudsonleute haben eben keinen anderen Stil als die Susquehannaleute oder die Michiganleute. Es war mehr oder weniger Zufall, ob die ersten Kolonisten sich da oder dort niederließen, und jeder von ihnen hat sich an seinem Orte eingerichtet, wie sein Nutzen es erforderte und seine Mittel es erlaubten. Gewiß haben sich an unserem Rhein die Menschen ursprünglich auch nicht aus Bewunderung für die schöne Gegend niedergelassen, noch haben sie ihre Burgen auf die Höhen gebaut, um späteren Geschlechtern eine Sehenswürdigkeit durch deren Ruinen zu liefern. Nie und nirgends ist eine Landschaft späteren Dichtern und Malern zuliebe stilisiert worden, sondern das Notwendige und Zweckmäßige ist immer am Anfang der Entwicklung gestanden, in der Alten[pg 216]gerade so wie in der Neuen Welt. Erst der Edelrost der Jahrhunderte und Jahrtausende hat die Schönheit dazu getan. Aber diese Schönheit ist keineswegs ganz wild gewachsen aus der vollen Freiheit des Individuums heraus. Ein einheitlicher Stil konnte sich nur dadurch entwickeln, daß der Wille einzelner Überragender sich den Herdenmenschen aufzwang, daß die künstlerisch fruchtbaren Talente von den Herrschenden und Besitzenden erkannt und mit großen Aufgaben betraut wurden. So konnten sie die Muster schaffen, welche die Gedankenlosen alsdann aus Gewohnheit immer wieder nachmachten. Die Zünfte mußten ihren Zwang auf die Handwerker ausüben, die Stadtväter mußten Bau- und Kleiderordnungen erlassen, und durch die Engigkeit der Verhältnisse mußte ein konservatives Philisterium gezüchtet werden, damit kein individualistischer Zickzack die Gradlinigkeit der Entwicklung störte. Die Frage ist nur, ob man das alles heutzutage noch in einer großen demokratischen Republik nachahmen könnte. Gewiß, ein genialer Architekt, nennen wir ihn Meyer, könnte mit den zur Verfügung gestellten Millionen den ganzen Hudson in einem original meyerischen Stil bebauen, und das könnte vielleicht etwas sehr Schönes geben, aber dann müßten auch drakonische Gesetze erlassen werden, die die Anwohner des Hudsons zwängen, ihre notwendigen Neubauten immer wieder im meyerischen Stile zu errichten und sich überhaupt in allen Lebenslagen streng meyerisch zu benehmen. Würden sich die freien Bürger des Staates New York das gefallen lassen? Schwerlich. Sie würden jedoch nichts dawider haben, wenn spekulative Unternehmer darauf verfallen sollten, auf den schön geschwungenen Uferbergen des Hudson künstliche Burgruinen zu errichten, zu denen Zahnradbahnen oder Elevators hinaufführten. Es wäre weiterhin nur[pg 217]vernünftig, wenn in diesen Ruinen spekulative Wirte sich niederließen, die auf den Plattformen der Türme Flugschiffstationen und auf den Turnierplätzen Hangars für Äroplane einrichteten. Gewiß würden es die Hudsonleute auch gern sehen, wenn hie und da eine besonders garstige Fabrik hübschere Formen annähme und an Stelle manchen häßlichen Gerümpels reiche Mitbürger ihre Sommervillen in allen möglichen bizarren europäischen und asiatischen Stilen anlegen würden. Vermutlich wird man schon in naher Zukunft Seite an Seite mit imitierten Stolzenfelsen und Drachenburgen, japanische Teehäuser, russische Datschen und Darmstädter Eigenheime bewundern können, aber ein origineller Hudsonstil wird sich von selber auch in fernen Jahrhunderten schwerlich entwickeln. Wir sehen es ja bei uns, wie schwer es die Vereine für Denkmal- und Heimatschutz haben, unsere schönsten alten Städtebilder vor Verschandelung zu behüten, und wie auch die strengste Baupolizei höchstens unter Mitwirkung wirklich feinfühliger Künstler einigermaßen dem Eindringen der Stillosigkeit zu wehren vermag; denn die instinktive Stilsicherheit unserer Vorväter ist uns Modernen durch den Mangel an Seßhaftigkeit der großen Masse, die durch unsere Verkehrsverhältnisse erzeugt wurde, schon sehr abhanden gekommen. Drüben in der neuen Welt aber hat solche instinktive Stilsicherheit natürlich niemals bestanden; der Künstler, den man zum Landschaftsregisseur ernennen wollte, hätte es also mit Kindern und Barbaren zu tun, denen man wohl neue Moden importieren und schmackhaft machen, aber keinen Stil aufzwingen könnte. Die Yankees mit ihrem wundervollen Optimismus sind natürlich überzeugt davon, daß die Schönheit und der Stil in ihrem Lande ganz von selber sich entwickeln müßten als eine Frucht der fortschreitenden[pg 218]Geschmackskultur ihrer reichen und müßigen Leute. Ich vermag diese Zuversicht nicht zu teilen, sondern glaube vielmehr, daß sich auch im Laufe vieler Jahrhunderte der große Unterschied zwischen der alten Welt als einem Antiquitätenmuseum und der neuen als einem Novitätenbazar nur wenig verwischen wird. Jahrtausende allmählicher Kulturentwicklung sind selbst im heutigen Fortschrittstempo nicht einzuholen.Der Landschaftsregisseur. Aufgaben für deutsche Künstler.So müßte ich also meinen Antrag, Landschaftsregisseure für die Vereinigten Staaten zu ernennen, hoffnungslos fallen lassen? Vielleicht doch nicht ganz. Im weiten Süden, im äußersten Norden und im fernen Westen ist noch Platz genug für Hunderte, ja Tausende von neuen Ansiedlungen. Wenn die gesetzgebenden Körperschaften der betreffenden Bundesstaaten es zur Bedingung für neue Gründungen machten, daß die Pläne nicht ohne Hinzuziehung bewährter Künstler entworfen und ausgeführt werden dürften, so wäre von diesen neuen Städten und Dörfern des 20. Jahrhunderts doch wohl ein bißchen mehr Stil zu erhoffen. Ich kenne das neue San Franzisko nicht; ich weiß nicht, ob man bei dieser kostbaren Gelegenheit schon daran gedacht hat, die künstlerische Regie in ihre Rechte einzusetzen. Die Amerikaner behaupten ja, daß ihr neues Frisko, ihre neue Handelsmetropole Seattle und andere nordwestliche Gründungen von hervorragender Schönheit seien. Nun, dann würde zum erstenmal in der Weltgeschichte das Licht von Westen kommen. Im ganzen Osten der Union sieht es bisher noch aus wie in einer Kinderstube, in der unartige Buben alles durcheinander geworfen und vor dem Schlafengehen nicht fortgeräumt haben. Von dem großen Völkerumzug sind noch überall die ausgeräumten Kisten, die Stroh- und Papierhüllen, die ausgerissenen[pg 219]Nägel und zerschnittenen Stricke liegen geblieben. Wenn erst der Osten sich vor dem Westen zu schämen beginnt, dann findet er vielleicht auch Zeit, endlich einmal gründlich aufzuräumen. Und in der aufgeräumten Landschaft, dem gesäuberten Stadtbilde werden wenigstens die gröbsten Scheußlichkeiten so unliebsam auffallen, daß man sich um so mehr beeilt, sie gänzlich wegzutilgen und durch Schöneres zu ersetzen. Dann wird es eine starke Nachfrage geben nach solchen Regisseuren, wie ich mir sie denke, und wir Deutschen, die wir der Neuen Welt durch unsere Missionäre den Geschmack an edler Musik beigebracht haben, werden dann auch vielleicht berufen sein, als kostbarsten Importartikel Künstler hinüber zu senden, die nicht nur Architekten, sondern stilistische Universalgenies sind, so gut wie unsere modernen Orchesterbeherrscher und Theaterregisseure. Vielleicht erlebe ich es noch, vor einer neuen amerikanischen Stadt eine schöne Tafel zu erblicken, auf der unter ihrem Namen an Stelle des bei uns üblichen Hinweises auf Regierungsbezirk, Kreis und Landwehr-Bataillon zu lesen wäre: „Gestiftet von Carnegie, in Szene gesetzt von Johann Nepomuk Huber aus München-Pasing.“[pg 220]Dollaricas infamster Schurke.Der Leithammel.Ich bin niemals ein Pessimist gewesen. Ich habe den zahlreichen Leuten gegenüber, welche mir dringend anrieten, mich vor schmerzlichen Enttäuschungen dadurch zu schützen, daß ich meine Mitmenschen von vornherein jeder Bosheit und Niedertracht für fähig halten möge, stets mit Ernst und Eifer die Meinung verfochten, daß alle Kreatur von Mutterleibe an zur Ehrlichkeit und Biederkeit veranlagt sei, und daß nur widrige Umstände, zumeist gänzlich unverschuldeter Art, wie üble Herkunft, leibliche Not und ungestillte Sehnsüchte der Seele die bösen Triebe gewaltsam einzuimpfen vermöchten. Seitdem ich aber in Chicago (Illinois) Dollaricas infamsten Schurken kennen gelernt habe, muß ich gestehen, daß meine Meinung von der Unschuld der Kreatur um so heftiger erschüttert wurde, als dieser infamste aller Schurken nicht einmal ein Mensch, sondern sogar ein Vierfüßler war, jenem sanften, geduldigen, wolletragenden Geschlecht entsprossen, das der Mensch sich zum Symbol demütiger Ergebung und verehrungswürdiger Dummheit erkoren hat. Der infamste Schurke der ganzen Vereinigten Staaten ist nämlich, gerade herausgesagt –ein Hammel, und zwar der Leithammel inArmour & Co.’s Packing Companyin den Chicagoer Schlachthöfen. Wenn ich der pessimistische Menschenverachter wäre, der ich, wie gesagt, nicht bin, so würde ich diesen Hammel eineeingemenschte Bestietitulieren. Denn wer hätte es je für möglich gehalten, daß ein Schafskopf so viel Niederträchtigkeit beherbergen könne?! Nichts in dem vertrauen[pg 221]erweckenden Äußeren dieses Hammels deutet auf die Schändlichkeit seines Berufes hin. Sein stets vergnügtes Schafsgesicht verklärt das satte Lächeln eines gutmütigen Pfäffleins auf fetter Pfründe, und sein Gebaren und Gehaben ist ganz dasjenige eines beleibten, aber noch rüstigen alten Herren, der unter Umständen wohl noch zu lockeren Streichen aufgelegt ist. Offenbar hat ihm diese so geschickt getragene Maske der Bonhomie zu der einträglichen Stellung bei Armour & Co. verholfen.Dieser ehrenwerte Beamte erfüllt nämlich die Aufgabe, während der Schlachtperiode Hunderte und Aberhunderte, Tausende und Abertausende seiner unschuldigen, nichts ahnenden Familienangehörigen und Standesgenossen der Menschheit ans Messer zu liefern. In langen Eisenbahnzügen treffen sie aus allen Teilen der Union in denStockyardsvon Chicago zusammen. Die Wagentüren öffnen sich, und froh, der langen grausamen Haft entrinnen zu können, drängen sich die Scharen munterer Hammel von Ohio, Indiana, Illinois, ja selbst von Alabama, Jowa, Kentucky, von Texas selbst und Arizona auf die bequemen schiefen Ebenen, und ihren bedrängten Busen entringt sich das hoffnungsfreudige „Mäh“ der Erlösung von langer Qual. Weite Hürden nehmen sie auf, die krauswolligen, weißen und schwarzen Brüder und Schwestern, Vettern und Basen aus sämtlichen Staaten und Territorien der Union. Von vollen Raufen lockt das duftige Heu, in langen Rinnen der kräftig gemischte Trank. Und doch, die rechte Freudigkeit kann nicht aufkommen, denn alle diese Schafsseelen sind noch erfüllt von seliger Erinnerung an blauen Himmel, grüne Weide, kristallklare Bäche und muntere Spiele unter der freundlichen Aufsicht treu besorgter Hunde und frommer Schäfer; hier aber engen himmelhohe rotbraune Mauern sie ein,[pg 222]statt lustiger weißer Lämmerwölkchen wälzen schwere, schwarze Rauchschwaden sich ihnen zu Häupten daher, und statt des feierlichen Schweigens der Natur umtost das dumpfe Maschinengebrüll rastlos gieriger Menschenarbeit ihre erschrockenen Ohren. Traurig lassen sie die Schwänzlein und die Köpfe hängen, lassen sie die Trankrinne und die Futterraufe unberührt.Der TodessprungSiehe, da naht sich ihnen als Bote aus dieser beängstigend fremden Welt mit freundlicher, onkelhafter Vertraulichkeit ein fetter Hammel in den besten Jahren: „Munter, meine lieben Kinder, munter!“ beginnt er in humoristisch gefärbtem Bockston, und alsbald umdrängt ihn ein dichter Kreis von Zuhörern. „Ihrhabt nicht die geringste Ursache, Ohren und Schwänze mutlos hängen zu lassen; oder ist es vielleicht nicht eine große Ehre für euch ungebildete Prairieschafe, in die große Millionenstadt Chicago zu Besuch zu kommen? Meint ihr vielleicht, ihr wäret die einzigen Schafsköpfe hier am Orte, mähähähä!? Hier geht es hoch her, das könnt ihr mir glauben auf mein ehrliches Gesicht, und die Zeit wird euch hier nicht lang werden, auf Eh – hähähähä – re! Ich habe es zwar nicht nötig, mich für euch aufzuopfern, denn ich befinde mich Gott sei Dank in einer auskömmlichen und gesellschaftlich angesehenen Position, aber ich will mich dennoch eurer hilflosen Ländlichkeit annehmen, weil doch nun einmal der Korpsgeist in unserer Familie so stark entwickelt ist. Auf, mir nach, ich führe euch zu einem lustigen Spielplatz, wo kein Hund und kein Hirte uns geniert.“ – Und leichtfüßig tänzelt der feiste Onkel voran einen glatt gedielten Steg hinauf, der so schmal ist, daß nur zwei knapp nebeneinander gehen können, aber sicher eingeplankt, so daß keines an den Seiten herauspurzeln kann. Schon dieser Anfang des Vergnügens ist vielver[pg 223]sprechend. Wie auf einer Berg- und Talbahn oder einer russischen Rutschpartie geht’s auf diesen engen Bretterwegen hinauf, hinab und kreuz und quer, und die Tausende von leichten Hammelbeinchen trippeln und trappeln fein langsam hinauf und im lustigen Hui herunter, daß es klingt, wie wenn in schwülen Frühlingstagen St. Peter Erbsen siebt. Ein Auf- und Abschwellen wie Hagelrauschen in launischen Böen, ein dumpfes Wirbeln wie von gedämpften Trommeln, – als sollten durch solchen Trauermarsch den unschuldig Verurteilten die militärischen letzten Ehren erwiesen werden. Der muntere Leithammel immer an der Spitze, tapp tapp tapp, hinauf, und hurrdiburr hinunter, und zuletzt auf ein schmales Türchen in der rotbraunen Mauer zu. Gar im Galopp mit einem lustigen Bocksprung setzt er in die Seligkeit hinein. In einem Sprungtuch wird er aufgefangen und mit einem Ruck in ein gemütliches Seitenkabinett in Sicherheit gebracht, während seine Stammgenossen unaufhaltsam, einer nach dem anderen, zu Dutzenden, zu Hunderten, zu Tausenden ihm nachspringen in die finstere Todesnacht. Ein eiserner Haken erwischt sie an einem Hinterschenkel, an einer Kette fliegen sie mit dem Kopf nach unten aufwärts, ein gewaltiges Rad empfängt sie, hebt sie in weitem Bogen hoch und läßt sie auf der andern Seite rasch abwärts schweben der Stelle zu, wo der Mörder mit seinem blutigen Messer steht. Ein sicherer Stoß – und lautlos haben sie ausgelitten. Derweile läßt sich’s der erprobte Beamte von Armour & Co. in seinem Privatkabinett bei frischem Maisschrot und duftigen Lupinen wohl sein, bis man ihn abruft, um auf geheimem Gange sich abermals zu den neu Angekommenen in die Hürden hinunter zu begeben und seinen niederträchtigen Trick aufs neue auszuführen. Wenn er ein Mensch wäre, so[pg 224]würde er sicher auf seine alten Tage fromm werden, das Gebetbuch auswendig lernen, fleißig in geistlichen Kreisen verkehren und sein Vermögen wohltätigen Stiftungen vermachen; da er nur ein Hammel ist, hat er aber nicht einmal das Bedürfnis, sein Gewissen zu betäuben. Er bedarf nicht des Alkohols, um seinen Mut zur Infamie täglich neu zu entflammen, sondern sein eigentümlich hammelhafter Ehrbegriff läßt ihn vielmehr seinen Stolz drein setzen, jahrein, jahraus mit der gleichen heiteren Selbstverständlichkeit seine verräterische, gemeine Mordarbeit zu verrichten, bis er in Pension geht oder bis Herzverfettung oder versetzte Blähungen ihm unversehens den Garaus machen. – Habe ich nicht recht, diesen Oberaga der weißen Eunuchen von Chicago für den infamsten Schurken der ganzen Vereinigten Staaten zu erklären?Menschliche Niedertracht.Vielleicht, mein Herr, oder Sie, meine schöne Leserin, werden Sie mir entgegnen wollen, daß die Unschuld der Kreatur von Armour & Co. nur schändlich mißbraucht werde, indem der Leithammel sicherlich nicht wisse, daß seine von ihm verführten Artgenossen dem Tode verfallen seien. – Ich kann das leider nicht glauben; denn ich bin fest überzeugt, daß auch dem geistig mindestbegabten Tier der Blutgeruch, der die Chicagoer Schlachthöfe umwittert, eine Ahnung seines Schicksals aufzwingen muß, sobald es nur den Eisenbahnwagen verläßt. Und da ein Leithammel doch jedenfalls die Blüte der Intelligenz der Hammelschaft darstellt, so ist es doch schwer glaublich, daß gerade ihm der Umstand nicht zu denken geben sollte, daß alle die von ihm angeführten Herden auf Nimmerwiedersehen in dem Abgrund verschwinden, dem jener heiße Blutgeruch entströmt, und daß es immer wieder neue Bataillone von Schafen, Regimenter von[pg 225]Hammeln sind, an deren Spitze er anfeuernd dem schwarzen Loche zu galoppiert. Fraglich könnte es nur erscheinen, ob der Mensch, der sich solcher abgrundtiefen Gewissenlosigkeit einer gemeinen Hammelseele zu seinen Zwecken bedient, nicht noch eine größere Kanaille sei, als der Hammel selbst. Es ist ein beliebter Trick des menschlichen Genius, die garstig anrüchigen Handlungen, die im Interesse seiner höheren Zwecke verrichtet werden müssen, nicht selbst zu verrichten, sondern sich dafür scheinbar harmloser Umwege zu bedienen. So hat die edle weiße Haut der roten Haut ihre Spezialkrankheiten anvertraut und sie dadurch, unter freundlicher Nachhilfe des edlen Feuerwassers, langsam aber sicher vernichtet. Ja, man hat es sogar schon verstanden, eine Religion, die heiligste Ausstrahlung eines großen Herzens voller Liebe und eines tiefen, weltumfassenden Geistes, in zweckentsprechender Umgestaltung als wirksamstes Mittel zur Unterjochung und Vernichtung kraftvoller Völker zu verwenden. Solchen imposanten Großtaten menschlicher Niedertracht gegenüber will es moralisch nicht viel bedeuten, wenn die Herren Armour & Co. die Bestechlichkeit einer infamen Hammelseele benutzen, um ohne Tierquälerei und unliebsames Aufsehen ihren menschenfreundlichen Zweck zu erreichen. Und Menschenfreunde muß man doch diese genialen Unternehmer nennen, welche ganz Nordamerika tagtäglich mit leckeren Braten und die ganze bewohnte Erde mit ihren sauber in Blech verpackten, gepökelten und geräucherten Fleischwaren versehen. Wer an einem glänzenden Beispiel lernen will, wie der Menschengeist es fertig bringt, durch blutigen Mord und schnöden Verrat hindurch mit Einsatz aller seiner Erfindungskraft und körperlichen Geschicklichkeit schließlich dazu gelangen kann, die Vollendung des Zweck[pg 226]mäßigen sogar bis zum künstlerisch Erbaulichen zu steigern, der sehe sich das Verfahren in den Chicagoer Stockyards an.Durch Upton Sinclaires berühmten Roman „The Jungle“ (der Sumpf) sind ja die Augen der ganzen Welt auf Armour & Co.’s Packing Company gerichtet worden. Ganz Europa ist es nach diesem Roman übel geworden. Es hat monatelang keincorned beefmehr gekauft, in der Meinung, daß in den hübschen, sauberen Blechbüchsen mehr Rattenschwänze, abgehackte Menschenfinger und andere leckere Zutaten vorhanden wären, als solides Ochsen- und Schweinefleisch. Wer aber selber in jüngster Zeit, wie ich, die Schlachthäuser und Packräume Armours aufmerksam durchwandert hat, der wird doch sagen müssen, daß entweder Mister Sinclaire ein arger Schwarzseher und Schwarzmaler sein, oder daß die Gesellschaft sich sein Buch inzwischen zu Herzen genommen und durchgreifende Verbesserungen gemacht haben müsse. Denn so wie das Unternehmen sich heute präsentiert, bedeutet es einfach einen bisher unerreichten Gipfel in bezug auf sinnreichste Ausnutzung der Maschine und der menschlichen Arbeitskraft, auf Reinlichkeit, strengste Disziplin und restlose Ausnutzung des verarbeiteten Materials.An einem schönen klaren Wintertage brachte unser Chicagoer Gastfreund mich und meine Frau zu Armours und ersuchte einen ihm bekannten Beamten der Firma, uns herumzuführen. Es war zufällig derselbe Herr, der auch unseren Prinzen Heinrich geführt hatte. In der stolzen Haltung des freien Bürgers der größten Republik der Welt, d. h. die Hände in den Hosentaschen, eine ungeheure Havannanudel aus dem Mundwinkel herauslakelnd, machte uns dieser Herr zunächst einmal[pg 227]das Kompliment, daß unser kaiserlicher Prinz ein feiner Kerl –a fine fellow– sei. Man habe ihn vorher instruiert gehabt, den hohen Herrn mit „Your Royal Highness“ anzureden; aber daran habe er sich nicht gewöhnen können, und es habe offenbar dem Prinzen ganz gut gefallen, einmal einfach wie irgendein anderer besserer Herr von anständiger Familie behandelt zu werden. Wir wurden darauf sofort in den Mittelpunkt der Hölle geleitet. Sehr vernünftiges amerikanisches Prinzip: denn wer dieses Schrecknis, ohne einen Nervenchok zu kriegen oder wenigstens in Ohnmacht zu fallen, aushält, dem kann überhaupt auf dieser Wanderung nichts Schlimmes mehr passieren.Der Mittelpunkt der Hölle.Eine schwere schmale Tür wird aufgestoßen; eine heiße Welle von süßlichem Blutdunst schlägt über unseren Köpfen zusammen, und das furchtbare, wahnsinnig verzweifelte Todesgekreisch der Schweine betäubt uns die Ohren, zerreißt uns das Herz. Wir stehen auf einer hohen schmalen Holzgalerie, die dick mit Sägespänen bestreut ist, und schauen zwei Stockwerke tief hinunter. Dicht an der Mauer im ersten Stockwerk unter uns dreht sich langsam eine riesige, metallene Scheibe, über die eine schwere, eiserne Kette läuft. Aus einem dunkeln Raum unter der Galerie, den wir nicht übersehen können, werden die Schweine von riesenstarken Fäusten eines nach dem anderen gepackt und ein an der Kette schwebender Haken um einen ihrer Hinterschenkel befestigt. Im nächsten Augenblick wird das Tier emporgehoben und mit dem Kopf nach unten, aus Leibeskräften strampelnd und schreiend, über die große Scheibe weggeführt. Auf der anderen Seite dieser Scheibe steht der Metzger. In dem Augenblick, wo die unendliche, sich langsam fortbewegende Kette das Tier an seinen Standort bringt, führt er den Todesstoß in den Hals aus. Ein dicker Blutstrom schießt[pg 228]heraus. Der Mann ist über und über mit Blut bespritzt; er hat hohe Stiefel an und steht bis an die Knöchel in einem Bluttümpel. Ein zweiter Mann in seiner Nähe hat die Aufgabe, mit einem großen Besen das Blut in ein Loch im Estrich hineinzufegen; in einem unterirdischen Bassin wird es zur weiteren Verwertung aufgefangen. Alle paar Sekunden passiert ein Schwein den Schlächter, so daß er in den wenigen Stunden, die seine Arbeitszeit dauert, Hunderten den Garaus macht. Der Mann ist der höchstbezahlte Arbeiter des Unternehmens, ein Meister in seinem gräßlichen Fache; aber unfehlbar ist seine Hand natürlich doch nicht, und manche der gestochenen Tiere zappeln und schreien noch eine ganze Weile weiter. Lange währt ihre Qual jedoch auf keinen Fall, denn die Kette führt sie in die untere Etage hinunter, und da werden sie abgeladen in ein gewaltiges Bassin voll kochenden Wassers. Darin sieht man von oben die weißen Schweineleichen in dichtem Gedränge durcheinanderquirlen, und wenn sie an der Kette wieder nach oben schweben, so sind sie bereits so sauber abgebrüht, wie man sie in unseren Metzgerläden in der Auslage hängen sieht. Kein Unterschied mehr zwischen schwarzen, gelben, grauen und gescheckten Schweinen. Blaßrosig, starr und schwach dampfend kommen sie in Abständen von etwa 2 Meter wieder in die obere Etage heraufgeschwebt. Wir verlassen die Schreckenskammer und schreiten auf unserer erhöhten Schaugalerie in einen großen, lichten Saal hinein. Da stehen auf einem schmalen Podium an der Fensterseite die Arbeiter mit ihren scharfen Messern, Äxten, Knochensägen und Lötlampen auf ihren Posten, und während die Kette in langsamer Vorwärtsbewegung das Schwein an ihm vorbeiführt, verrichtet jeder mit sicherer Hand immer dieselbe ihm zugewiesene Arbeit. Der erste[pg 229]führt einen Bauchschnitt der ganzen Länge des Körpers nach aus, der zweite rafft mit einem Griff die Gedärme heraus, der dritte schneidet den Kopf durch bis auf den Knochen, der vierte sägt den Halswirbel durch, ein anderer sengt mit der Lötlampe die etwa noch übriggebliebenen Borsten weg – und so fort. Am Ende des Saales beschreibt die Kette einen Bogen, um ihn dann in entgegengesetzter Bewegung noch einmal zu durchlaufen, und am Ende dieses ganzen Weges ist das Schwein sauber zerlegt, die Speckseiten herausgelöst, die Schinken, die Hacksen zur besonderen Verwendung beiseite gepackt.Schlachtverfahren beim Rindvieh.Ganz ähnlich ist der Hergang in dem Riesenraum, in welchem die Rinder bearbeitet werden. Aus einer Falltür werden sie von unten heraufgehoben und durch einen Schlag mit einem Hammer auf den Kopf betäubt. Nach dem Grausen der Schweineschlächterei wirkt diese Art des Massenmords geradezu zart gedämpft, man möchte fast sagen, liebenswürdig diskret, denn das Rind schreit nicht, es ist betäubt, bewegungslos noch bevor es ihm zum Bewußtsein kommt, daß es in den Tod zu gehen bestimmt ist. Gewaltige Maschinenkraft hebt das schwere, bewußtlose Tier an den Hinterfüßen in die Höhe, und an der dicken Ankerkette bewegt es sich langsam durch den großen Arbeitssaal. Am Kopfe hängt jedem Tier ein Eimer, in dem das Blut beim Schlachten aufgefangen wird, und so geschickt verrichten die Schlächtergesellen ihre Arbeit, daß man in diesem Saale, mit den Augen wenigstens, fast kein Blut gewahr wird. Da in dem mächtigen Rindskadaver die Arbeit nicht so geschwind von statten geht, wie bei dem Kleinvieh, so hängen die Rinder in großen Abständen an der Kette, und jeder Arbeiter geht dem ihm zugewiesenen Stück so lange nach, bis sein Anteil an dem Werk des Abhäutens, Zersägens[pg 230]und Zerteilens verrichtet ist. Der Grundsatz der Arbeitsteilung ist strikte durchgeführt. Ein Arbeiter hat nie etwas anderes zu tun, als das Rückgrat von oben bis unten durchzusägen, ein anderer nur das Abhäuten zu besorgen – und wehe dem, wenn er das wertvolle Fell durch einen ungeschickten Messerstich verletzt; sofortige Entlassung ist seine Strafe.Der Zweck heiligt die Mittel.Von den Schlachträumen gelangen wir tiefaufatmend in die frische Luft. Über hölzerne Brücken und Viadukte, auf denen Schmalspurbahnen laufen, die die verarbeiteten Fleischteile von einem Raum zum andern befördern, gehen wir in die Packhäuser hinüber, wo das gekochte, geräucherte und eingepökelte Fleisch in die bekannten Blechdosen verpackt wird. Maschinen von fabelhafter Präzision verfertigen vor unseren Augen die Tausende und Abertausende von Blechgefäßen, und die einzige Menschenarbeit, die hierbei in Anspruch genommen wird, ist das letzte Verlöten des Deckels und das Bekleben der Dosen mit den schönen, buntgedruckten Papieretiketten. Das Schlußstück in der seltsam aufregenden und dennoch bezaubernden Schau ist der Saal, in welchem nette junge Mädchen in weißen, steif gestärkten Häubchen und blendenden Kleiderschürzen an langen Tischen sitzen, mit feinen weißen Händen die dünnen Fleischscheiben, die die lautlos arbeitende Maschine vor jedem einzelnen Arbeitsplatz im unfehlbaren Rhythmus hinstreut, in die Blechbüchsen verpacken. Die tadellose Sauberkeit dieser Mädchenhände wird dadurch sinnfällig gemacht, daß nicht nur reichliche Wascheinrichtungen dem Beschauer sofort ins Auge fallen, sondern daß in einer Ecke des Saales auf einer erhöhten Tribüne eine artige Maniküre fortwährend an der Arbeit ist, um die Fingernägel zu säubern und streng vorschriftsmäßig im Verschnitt zu halten. Diese Maniküre[pg 231]und jener infamste Schurke Dollaricas, nämlich der Leit – hammel, stehen also als symbolische Gestalten am Eingang und am Ausgang einer der gewaltigsten industriellen Unternehmungen der Erde: brutalste Rücksichtslosigkeit und raffinierteste Delikatesse reichen sich die Hand zur Vollendung eines notwendigen Menschenwerkes. Der Zweck, nämlich die Versorgung der Menschheit mit tadellos zubereiteter Fleischspeise, heiligt die Mittel, und die Mittel heiligen wiederum auch den Zweck; denn um mir die gutgepökelte Zunge in sauberer, luftdicht verschlossener Büchse auf den Tisch zu setzen, haben Menschenwitz und Menschenfleiß ihr Letztes hergegeben und durch geniale Ausnützung des Materials und Hinaufsteigerung aller Energien zu äußersten Leistungen das blutige Chaos in vollendete und darum ästhetisch wirkende Harmonie verwandelt.

[pg 207]Die Landschaft.Sommerfrischen.Schließlich sieht es doch nicht überall in den Vereinigten Staaten aus wie in der Gegend zwischen Kattowitz und Beuthen, wenn auch freilich der Charakter der reizlos platten Ackerbaugegend und des Schönheit mordenden Industriegeländes in den Mittelstaaten von den großen Seen bis zum Missouri vorherrschend ist. Man braucht durchaus nicht etwa Tage und Nächte lang durch Kohlen- und Petroleumhöllen, endlose Steppe und Wüste bis zum Felsengebirge im fernen Westen hinüberzufahren, um auf landschaftliche Schönheiten zu stoßen. Schon die Manhattan-Insel, auf der die Fünfmillionenstadt New York auf dem solidesten Untergrund der Welt erbaut ist, liegt malerisch genug in der weiten Meeresbucht zwischen den grünen Zungen Long-Island und Staaten-Island. Auf der Fahrt am Ostufer, von New York nach Providence, glaubt man sich im südlichen Schweden zu befinden; die liebliche Wald- und Hügelszenerie mit ihren dunklen Tälern und klaren Bächen, welche zwischen Boston und Albany sich erstreckt, könnte ganz gut einem deutschen Mittelgebirge entnommen sein; die Reize ostpreußischer oder märkischer Seenlandschaften finden wir wieder auf der Bahnfahrt von Philadelphia nach Washington; in den Alleghanies und vollends im Adirondak-Gebiete mit seinem Lake George, sowie in dem nordwestlichen Seengebiet des Staates New York, am Lake Seneca, Lake Cayuga und wie sie alle heißen; in den Tälern des Delaware, des Susquehanna, des Chesapeake und gar des Hudson ist so viel landschaftliche Schönheit herben und zarten,[pg 208]heroischen und idyllischen Stiles vorhanden, wie ein frommer Anbeter der Natur sie nur irgend wünschen kann, Schönheit genug, um Millionen abgehetzter Kopf- und Handarbeiter Ruhe und Erholung zu schaffen. Aber der europäische Naturfreund wird nirgends dieser Schönheit froh. Ich wenigstens habe alle diese Herrlichkeiten nur mit Seufzen und Fluchen an mir vorbeifliegen sehen, denn –es fehlt überall an der kulturellen Inszenesetzung. „O lieber Herrgott, wie gut hast du’s gemeint! Pfui Teufel, o Menschheit, wie übel hast du die Absichten der Natur verstanden!“ Das ist das Stoßgebet, das sich überall in den Vereinigten Staaten dem schwergekränkten ästhetischen Bewußtsein entringt. Nirgends hat die Landschaft einen eigenartigen Stil der Wohnhäuser, die Feld- und Waldwirtschaft einen der Landschaft angepaßten, von Gau zu Gau wechselnden Charakter angenommen; überall dasselbe tödliche Einerlei plattester Zweckmäßigkeit. Wohl finden wir im Osten den schwedischen Granit in mächtigen Brocken, die tiefeingeschnittenen Meeresbuchten und hie und da sogar ein Stückchen Wald, das der erbarmungslosen Axt der ersten Ansiedler entgangen ist; aber wo sind die reizenden, buntbemalten Holzhäuser, in lustigen Blumengärten sauber aufgestellt, darinnen derbe, blonde Dirnen in roten Röcken und grünen Schürzen hantieren? Wo ist die blühende Heide, der rauschende Hochwald? Wo bleibt in den Kiefernwald- und Seengegenden das so herrlich dazu passende niederdeutsche Bauernhaus mit seinem riesigen, fast bis zum Boden hinab reichenden Giebeldach? Wo ist in den anmutigen Flußtälern auch nur eine einzige Ansiedlung an den Ufern zu finden, die den Eindruck machte, als ob sie dort wirklich zu Hause wäre? Wo sind in den Glanzstücken der Gebirgslandschaft die romantischen[pg 209]Wege für Fußwanderer, die einsamen alten Wirtshäuser an der Landstraße, die verräucherten alten Räubernester italienischer Bergdörfer, oder gar die lustigen Sennhütten unserer Alpenländer zu finden? Nichts, nichts von alledem. Wo man nicht mit dem Automobil hinfahren kann, da ist überhaupt schwer hinzugelangen. Aber überall, wo so viel zu sehen ist, daß der Baedeker einen Stern dabei machen würde, spreizen sich die lieblosen großen Hotelbauten, die den Mann mit dem kleinen Geldbeutel in gebührender Entfernung halten. Für die reichen Sommergäste ist selbstverständlich gesorgt mit Polo-, Golf- und Tennisplätzen, mit Motorbooten und allen neuesten Mustern von Ruder- und Segelfahrzeugen, mit eleganten Restaurants zu Weltstadtpreisen, mit Icecream und Candy, und bei all diesen Futterplätzen konzertieren selbstverständlich kleine Musikkapellen, die die beliebtesten Operettenmelodien der vergangenen Wintersaison zum besten geben und den auf die Grammophonplatte gebannten Caruso begleiten.Kostspielige Ausrüstung des Touristen.Der Amerikaner allerdings scheint es nicht besser zu wollen. Das Bedürfnis nach Einsamkeit und Ruhe, nach einfachen Lebensfreuden, nach intimer Zwiesprache mit der Natur kennt er wohl schwerlich, denn auch bei uns sehen wir ihn ausschließlich die großen Hotels, die geräuschvollen internationalen Vergnügungsorte bevölkern, wo er von der Eigenart einer Gegend und ihrer Menschen niemals eine Ahnung bekommen kann. In unseren Gebirgen, an unseren Flüssen und Seen erscheint er mit seiner fashionablen Ausrüstung von modernsten Sportanzügen und neuesten patentierten Sportgerätschaften. Vom jüngsten Bübchen bis zum ältesten Greise widmet er sich unter jeglichem Himmelstrich seinen nationalen Spielen, und es freut ihn offenbar viel mehr, kleine dumme Bällchen in[pg 210]Gesellschaft hübscher Misses mit Knütteln zu bearbeiten, als mit dem Rucksack auf dem Buckel schwer zugänglicher Schönheit nachzusteigen. Jeder Boy und jedes Girl muß seinen Kodak umhängen haben, um die Eingeborenen im Nationalkostüm oder das mitgenommene süße Baby in allen Lebenslagen knipsen zu können. Allerdings, die Hochtouristik findet auch unter den Amerikanern begeisterte Verehrer, aber wohl nur, weil sie aufregend und gefährlich ist und ihrer Raserei für das Rekordbrechen entgegenkommt. Die wein- und sangesfrohe Wanderlust, die sich mit einem Käsebrot und einer Streu vergnügt bescheidet, den gründlichen Wissensdrang, der am liebsten die stillen Winkel durchstöbert, die fromme innige Naturschwärmerei, die den großen Menschenansammlungen und laut gepriesenen Sensationen aus dem Wege geht, die kennt er nicht. Dem richtigen Durchschnittsamerikaner gilt für schön, was ihm durch Dimension oder Quantität imponiert und – was viel gekostet hat. Niemals habe ich einen Amerikaner sich über die gräßlichen Reklameschildereien ereifern hören, die gerade an den landschaftlich bevorzugten Bahnstrecken sich breit machen und einem im Laufe einer Fahrt von einigen Stunden, die recht genußreich für das Auge sein könnte, etliche hundert Mal in der Gestalt eines überlebensgroßen rotbunten Ochsen entgegenschreit, daßDurham Bullder beste Rauch-, Kau- und Schnupftabak sei, oder sonst irgendeine mächtig interessante Feststellung. Hält man ihm die Poesielosigkeit der großen Hotelbauten in seinen berühmten Ausflugsorten vor, so entgegnet er: Wem die nicht gefielen, der könnte sich ja ein Hausboot auf einem der Seen zulegen, oder mit Zelt und Canoe ausgerüstet in die Wildnis ziehen. O gewiß, das würde auch unserem Geschmack poetisch vorkommen, dieses neuerdings unter[pg 211]den jungen Amerikanern beiderlei Geschlechts sehr beliebte „camping out“. Aber auch dieses Vergnügen des Biwakierens ist mit Kosten verknüpft, die sich nur wohlhabende Leute leisten können, denn es versteht sich von selbst, daß man solchen abenteuerlichen Auszug ins wilde Hinterland nicht antritt, ohne in bezug auf die Transportmittel, auf Kleidung, Schlafgelegenheit, Kochgeschirr, Angel- und Jagdgerät usw. auf das vollkommenste mit den allerneuesten Erzeugnissen auf diesem Gebiete ausgerüstet zu sein. In den Vereinigten Staaten freilich gibt es kaum Leute, die so wenig Geld hätten, daß sie sich nicht einmal so etwas leisten könnten, oder wenigstens kennt man in besseren Kreisen solche betrübliche Armseligkeit nicht. Andererseits würde wieder das geistige Gepäck, das unsere kultiviertesten Naturfreunde auf ihren Wanderungen mitzunehmen pflegen, drüben für ein außerordentlicher Luxus gelten: Sprach- und Dialektkenntnis, geographische und ethnographische, naturwissenschaftliche und kunstgeschichtliche gründliche Vorbereitung. Da im eigenen Lande so wenig vorhanden ist, was dem historischen Sinn Nahrung geben könnte, so vermißt der Amerikaner die edle Patina des Alters durchaus nicht, sondern findet selbstverständlich alles Frischgestrichene, Neulackierte erfreulicher denn alles alte Gerümpel.Die Niagarafälle.Es ist ein wahres Wunder zu nennen, daß die guten Kinder ihre Niagarafälle verhältnismäßig so unverschandelt gelassen haben. Bei der kolossalen Kraft, die dort umsonst zu haben ist, wäre es doch eine Kleinigkeit, zum Beispiel über dem Horseshoe-Fall des Nachts ein riesiges Stern- und Streifenbanner aus elektrischen Glühkörpern flattern zu lassen! (Sie machen solche bewegten elektrischen Lichtreklamen famos). Und wie würden sich die Canadier giften, wenn sie jede Nacht auf dem amerikanischen[pg 212]Ufer Onkel Sams Fahne flammen sehen müßten! Sie würden vermutlich nicht lange zögern, auf ihrer Seite einen wenn möglich noch größeren, elektrisch bewegtenUnion Jackzu hissen. Und damit wäre sozusagen das Eis gebrochen: in wenigen Wochen würde der strahlende Ochse Durham das Lob des besten Rauch-, Kau- und Schnupftabaks feuerspeiend in die Nacht hinaus brüllen; über, unter, zwischen und hinter den Fällen selbst würden in genial ersonnenen Lichtspielen die köstlichen Whiskys, die beliebtesten Biere, die anerkanntesten Leberpillen und sichersten Abführmittel sich dem staunenden Naturfreund empfehlen. Und es ist, wie gesagt, nicht zu begreifen, daß nicht wenigstens die Fabrikanten von Babywäsche diese glänzende Reklamegelegenheit ergriffen haben, da doch sämtliche amerikanischen Brautpaare ihre Hochzeitsreise nach den Niagarafällen zu unternehmen pflegen. Ich vermute, daß da irgend welche schlechten Demokraten die Freiheit durch volksfeindliche Gesetze schändlich unterbunden haben müssen; anders ist dieser geradezu barbarische und schamlose Zustand gar nicht zu erklären, daß man hier die Natur so nackt und bloß wirken lassen konnte, ohne jede zivilisierte Bekleidung durch den menschlichen Geschäfts- und Erfindungsgeist! Nur der dekadente Europäer kann so etwas schön finden!Und dennoch muß ich gestehen, daß ich dekadenter Europäer auch angesichts der Niagarafälle die feinere Regie vermißte. Ich mußte an unsern lieben Rheinfall bei Schaffhausen denken. Wie ist da das herrliche Naturschauspiel vorbereitet, wie ist da geschickt Stimmung gemacht durch eine idyllisch romantische Landschaft, durch das uralt heimliche Schaffhausen mit seiner gewaltigen Zitadelle, seiner begrünten Stadtmauer, seinen trauten, krummen Gassen und behaglichen alten Wirts[pg 213]häusern! Wie sind auf dem Wege nach Laufen die Kraftwerke und Aluminiumfabriken – denn auch hier ist der Mensch nicht so dumm, die üppigen Schätze der Natur aus reiner Sentimentalität ungehoben zu lassen –, wie sind sie so geschickt unter dichtem Grün versteckt! Dagegen dehnt sich drüben von der furchtbar garstigen Großstadt Buffalo bis zu dem fast ebenso scheußlichen Nest Niagara-Falls-City die trostloseste Einöde am Gestade des Eriesees entlang. Das Klima ist windig und regnerisch, der Boden wenig fruchtbar, und infolgedessen sieht man überall verlassene Ansiedlungen, Trümmerhaufen, Ödland. Dazwischen massenhafte Fabrikanlagen mit ihrem schmutzigem Abfall, Schlackenbergen und mißfarbigen Rinnsalen. Lange, trübe Straßenzüge mit garstigen Arbeiterhäusern durcheilt die elektrische Bahn nach den Fällen, an wüsten Schnapskneipen und Tanzsalons mit klirrenden Drehklavieren und kreischenden Grammophons muß man vorüber, bevor man den nett gehaltenen Park erreicht, den man um die beiden Hauptfälle angelegt hat. Dann gelangt man zunächst an den kleineren dritten Fall, den die Industrie ganz und gar für sich in Beschlag genommen hat. Dicht am Rande des senkrechten Felsabsturzes ragen die Mauern und Schlote der Fabriken empor, und die gebändigten Wassermassen quellen aus einer Menge von eisernen Röhren hervor, jedoch nicht mehr im kristallenen Naturzustand, sondern gar lieblich koloriert. Es müssen wohl Farbwerke sein, denen ihre Kraft dienstbar geworden ist, denn im Winter, als ich sie sah, waren alle diese Abflüsse zu Eiszapfen gefroren, die einen pittoresken Behang über dem ganzen Abgrund bildeten und abwechselnd schön chromgelb, vitriolblau und krapprot gefärbt waren. Die großen Fälle selbst gehören ja ohne Zweifel zu den ge[pg 214]waltigsten Naturschauspielen der Welt, besonders im Winter, wenn die Bäume im weiten Umkreis in wunderbar funkelnde Kristallkandelaber verwandelt sind und wilde phantastische Schneewachten und Eisgebilde die ungeheuren donnernden und dampfenden Wasserschleier einrahmen. Leider aber fehlt es dem gewaltigen Schaustück gänzlich an Hintergrund. Der Niagarafluß verbindet eben zwei an sich wenig reizvolle große Wasserflächen, und wenn nicht zufällig der Eriesee etliche 60 Meter höher als der Ontariosee gelegen wäre, so würde es überhaupt nicht zustande gekommen sein. Wenn unser Herrgott, sagen wir mal: die biedere Warthe in irgendeinem preußischen Kartoffelacker einen solchen Bocksprung von 40 bis 50 Meter ausführen ließe, so würde das einigen Hunderttausenden Deutschen genügenden Anlaß bieten, um entrüstet aus der Landeskirche auszutreten; in Amerika aber darf sogar der Weltbaumeister geschmacklos sein, ohne sich Unannehmlichkeiten zuzuziehen.Der Hudsonstil.Die Zeiten, wo man die absolute Geschmacklosigkeit keinem Amerikaner verübeln durfte, weil er eben zunächst für das Allernotwendigste zu sorgen, Neuland urbar zu machen und Weib, Kind, Ochs, Esel und alles, was sein war, vor wilden Tieren und roten Skalpjägern zu verteidigen hatte, die sind doch jetzt vorbei, zum mindesten für den hochkultivierten Osten, und die Zahl derer, die sich nach Schönheit zu sehnen beginnen, wächst von Jahr zu Jahr. Warum, ihr lieben Yankees, entnehmt ihr nicht eurer neuesten Schatzkammer Alaska ein paar lumpige Milliarden und stellt Landschaftsregisseure mit unbeschränktem Kredit an? Herrgott Saxendi, was ließe sich beispielsweise aus eurem Hudson machen! Ich weiß mir keinen schöneren Strom in der Welt. In seinem langen, gewundenen Lauf von New York bis Albany schlägt[pg 215]er leicht die gloriose Rheinstrecke von Bingen bis Bonn und kann es selbst mit der Donau zwischen Krems und Melk und sogar mit der Elbe zwischen Königstein und Schandau aufnehmen vermöge seiner herrlich geformten Uferberge und des imposanten Hintergrundes, den ihm die Catskillberge und noch weiter oben die Adirondaks geben. Wenn trotzdem der Hudson nicht entfernt so stark wirkt wie jene deutschen Ströme, so liegt das eben einfach daran, daß ihm die Rebenhänge mit den berühmten Weinmarken, die lieben alten Städtchen und ganz besonders die malerischen Burgruinen fehlen. Der Regisseur des Hudsons hätte also die Aufgabe, das ganze städtische und dörfliche charakterlose Gerümpel, das die Ufer des Flusses verschimpfiert, niederzureißen und durch Neubauten im Stil des Hudsontales und der Hudsonbewohner zu ersetzen. Das wäre mit viel Geld zu machen, wenn sich nicht von vornherein die Frage aufdrängte: Ja, welches ist denn der Stil der Hudsonbewohner, der Hudsonlandschaft? Das weiß eben kein Mensch! Die Hudsonleute haben eben keinen anderen Stil als die Susquehannaleute oder die Michiganleute. Es war mehr oder weniger Zufall, ob die ersten Kolonisten sich da oder dort niederließen, und jeder von ihnen hat sich an seinem Orte eingerichtet, wie sein Nutzen es erforderte und seine Mittel es erlaubten. Gewiß haben sich an unserem Rhein die Menschen ursprünglich auch nicht aus Bewunderung für die schöne Gegend niedergelassen, noch haben sie ihre Burgen auf die Höhen gebaut, um späteren Geschlechtern eine Sehenswürdigkeit durch deren Ruinen zu liefern. Nie und nirgends ist eine Landschaft späteren Dichtern und Malern zuliebe stilisiert worden, sondern das Notwendige und Zweckmäßige ist immer am Anfang der Entwicklung gestanden, in der Alten[pg 216]gerade so wie in der Neuen Welt. Erst der Edelrost der Jahrhunderte und Jahrtausende hat die Schönheit dazu getan. Aber diese Schönheit ist keineswegs ganz wild gewachsen aus der vollen Freiheit des Individuums heraus. Ein einheitlicher Stil konnte sich nur dadurch entwickeln, daß der Wille einzelner Überragender sich den Herdenmenschen aufzwang, daß die künstlerisch fruchtbaren Talente von den Herrschenden und Besitzenden erkannt und mit großen Aufgaben betraut wurden. So konnten sie die Muster schaffen, welche die Gedankenlosen alsdann aus Gewohnheit immer wieder nachmachten. Die Zünfte mußten ihren Zwang auf die Handwerker ausüben, die Stadtväter mußten Bau- und Kleiderordnungen erlassen, und durch die Engigkeit der Verhältnisse mußte ein konservatives Philisterium gezüchtet werden, damit kein individualistischer Zickzack die Gradlinigkeit der Entwicklung störte. Die Frage ist nur, ob man das alles heutzutage noch in einer großen demokratischen Republik nachahmen könnte. Gewiß, ein genialer Architekt, nennen wir ihn Meyer, könnte mit den zur Verfügung gestellten Millionen den ganzen Hudson in einem original meyerischen Stil bebauen, und das könnte vielleicht etwas sehr Schönes geben, aber dann müßten auch drakonische Gesetze erlassen werden, die die Anwohner des Hudsons zwängen, ihre notwendigen Neubauten immer wieder im meyerischen Stile zu errichten und sich überhaupt in allen Lebenslagen streng meyerisch zu benehmen. Würden sich die freien Bürger des Staates New York das gefallen lassen? Schwerlich. Sie würden jedoch nichts dawider haben, wenn spekulative Unternehmer darauf verfallen sollten, auf den schön geschwungenen Uferbergen des Hudson künstliche Burgruinen zu errichten, zu denen Zahnradbahnen oder Elevators hinaufführten. Es wäre weiterhin nur[pg 217]vernünftig, wenn in diesen Ruinen spekulative Wirte sich niederließen, die auf den Plattformen der Türme Flugschiffstationen und auf den Turnierplätzen Hangars für Äroplane einrichteten. Gewiß würden es die Hudsonleute auch gern sehen, wenn hie und da eine besonders garstige Fabrik hübschere Formen annähme und an Stelle manchen häßlichen Gerümpels reiche Mitbürger ihre Sommervillen in allen möglichen bizarren europäischen und asiatischen Stilen anlegen würden. Vermutlich wird man schon in naher Zukunft Seite an Seite mit imitierten Stolzenfelsen und Drachenburgen, japanische Teehäuser, russische Datschen und Darmstädter Eigenheime bewundern können, aber ein origineller Hudsonstil wird sich von selber auch in fernen Jahrhunderten schwerlich entwickeln. Wir sehen es ja bei uns, wie schwer es die Vereine für Denkmal- und Heimatschutz haben, unsere schönsten alten Städtebilder vor Verschandelung zu behüten, und wie auch die strengste Baupolizei höchstens unter Mitwirkung wirklich feinfühliger Künstler einigermaßen dem Eindringen der Stillosigkeit zu wehren vermag; denn die instinktive Stilsicherheit unserer Vorväter ist uns Modernen durch den Mangel an Seßhaftigkeit der großen Masse, die durch unsere Verkehrsverhältnisse erzeugt wurde, schon sehr abhanden gekommen. Drüben in der neuen Welt aber hat solche instinktive Stilsicherheit natürlich niemals bestanden; der Künstler, den man zum Landschaftsregisseur ernennen wollte, hätte es also mit Kindern und Barbaren zu tun, denen man wohl neue Moden importieren und schmackhaft machen, aber keinen Stil aufzwingen könnte. Die Yankees mit ihrem wundervollen Optimismus sind natürlich überzeugt davon, daß die Schönheit und der Stil in ihrem Lande ganz von selber sich entwickeln müßten als eine Frucht der fortschreitenden[pg 218]Geschmackskultur ihrer reichen und müßigen Leute. Ich vermag diese Zuversicht nicht zu teilen, sondern glaube vielmehr, daß sich auch im Laufe vieler Jahrhunderte der große Unterschied zwischen der alten Welt als einem Antiquitätenmuseum und der neuen als einem Novitätenbazar nur wenig verwischen wird. Jahrtausende allmählicher Kulturentwicklung sind selbst im heutigen Fortschrittstempo nicht einzuholen.Der Landschaftsregisseur. Aufgaben für deutsche Künstler.So müßte ich also meinen Antrag, Landschaftsregisseure für die Vereinigten Staaten zu ernennen, hoffnungslos fallen lassen? Vielleicht doch nicht ganz. Im weiten Süden, im äußersten Norden und im fernen Westen ist noch Platz genug für Hunderte, ja Tausende von neuen Ansiedlungen. Wenn die gesetzgebenden Körperschaften der betreffenden Bundesstaaten es zur Bedingung für neue Gründungen machten, daß die Pläne nicht ohne Hinzuziehung bewährter Künstler entworfen und ausgeführt werden dürften, so wäre von diesen neuen Städten und Dörfern des 20. Jahrhunderts doch wohl ein bißchen mehr Stil zu erhoffen. Ich kenne das neue San Franzisko nicht; ich weiß nicht, ob man bei dieser kostbaren Gelegenheit schon daran gedacht hat, die künstlerische Regie in ihre Rechte einzusetzen. Die Amerikaner behaupten ja, daß ihr neues Frisko, ihre neue Handelsmetropole Seattle und andere nordwestliche Gründungen von hervorragender Schönheit seien. Nun, dann würde zum erstenmal in der Weltgeschichte das Licht von Westen kommen. Im ganzen Osten der Union sieht es bisher noch aus wie in einer Kinderstube, in der unartige Buben alles durcheinander geworfen und vor dem Schlafengehen nicht fortgeräumt haben. Von dem großen Völkerumzug sind noch überall die ausgeräumten Kisten, die Stroh- und Papierhüllen, die ausgerissenen[pg 219]Nägel und zerschnittenen Stricke liegen geblieben. Wenn erst der Osten sich vor dem Westen zu schämen beginnt, dann findet er vielleicht auch Zeit, endlich einmal gründlich aufzuräumen. Und in der aufgeräumten Landschaft, dem gesäuberten Stadtbilde werden wenigstens die gröbsten Scheußlichkeiten so unliebsam auffallen, daß man sich um so mehr beeilt, sie gänzlich wegzutilgen und durch Schöneres zu ersetzen. Dann wird es eine starke Nachfrage geben nach solchen Regisseuren, wie ich mir sie denke, und wir Deutschen, die wir der Neuen Welt durch unsere Missionäre den Geschmack an edler Musik beigebracht haben, werden dann auch vielleicht berufen sein, als kostbarsten Importartikel Künstler hinüber zu senden, die nicht nur Architekten, sondern stilistische Universalgenies sind, so gut wie unsere modernen Orchesterbeherrscher und Theaterregisseure. Vielleicht erlebe ich es noch, vor einer neuen amerikanischen Stadt eine schöne Tafel zu erblicken, auf der unter ihrem Namen an Stelle des bei uns üblichen Hinweises auf Regierungsbezirk, Kreis und Landwehr-Bataillon zu lesen wäre: „Gestiftet von Carnegie, in Szene gesetzt von Johann Nepomuk Huber aus München-Pasing.“

Sommerfrischen.

Sommerfrischen.

Schließlich sieht es doch nicht überall in den Vereinigten Staaten aus wie in der Gegend zwischen Kattowitz und Beuthen, wenn auch freilich der Charakter der reizlos platten Ackerbaugegend und des Schönheit mordenden Industriegeländes in den Mittelstaaten von den großen Seen bis zum Missouri vorherrschend ist. Man braucht durchaus nicht etwa Tage und Nächte lang durch Kohlen- und Petroleumhöllen, endlose Steppe und Wüste bis zum Felsengebirge im fernen Westen hinüberzufahren, um auf landschaftliche Schönheiten zu stoßen. Schon die Manhattan-Insel, auf der die Fünfmillionenstadt New York auf dem solidesten Untergrund der Welt erbaut ist, liegt malerisch genug in der weiten Meeresbucht zwischen den grünen Zungen Long-Island und Staaten-Island. Auf der Fahrt am Ostufer, von New York nach Providence, glaubt man sich im südlichen Schweden zu befinden; die liebliche Wald- und Hügelszenerie mit ihren dunklen Tälern und klaren Bächen, welche zwischen Boston und Albany sich erstreckt, könnte ganz gut einem deutschen Mittelgebirge entnommen sein; die Reize ostpreußischer oder märkischer Seenlandschaften finden wir wieder auf der Bahnfahrt von Philadelphia nach Washington; in den Alleghanies und vollends im Adirondak-Gebiete mit seinem Lake George, sowie in dem nordwestlichen Seengebiet des Staates New York, am Lake Seneca, Lake Cayuga und wie sie alle heißen; in den Tälern des Delaware, des Susquehanna, des Chesapeake und gar des Hudson ist so viel landschaftliche Schönheit herben und zarten,[pg 208]heroischen und idyllischen Stiles vorhanden, wie ein frommer Anbeter der Natur sie nur irgend wünschen kann, Schönheit genug, um Millionen abgehetzter Kopf- und Handarbeiter Ruhe und Erholung zu schaffen. Aber der europäische Naturfreund wird nirgends dieser Schönheit froh. Ich wenigstens habe alle diese Herrlichkeiten nur mit Seufzen und Fluchen an mir vorbeifliegen sehen, denn –es fehlt überall an der kulturellen Inszenesetzung. „O lieber Herrgott, wie gut hast du’s gemeint! Pfui Teufel, o Menschheit, wie übel hast du die Absichten der Natur verstanden!“ Das ist das Stoßgebet, das sich überall in den Vereinigten Staaten dem schwergekränkten ästhetischen Bewußtsein entringt. Nirgends hat die Landschaft einen eigenartigen Stil der Wohnhäuser, die Feld- und Waldwirtschaft einen der Landschaft angepaßten, von Gau zu Gau wechselnden Charakter angenommen; überall dasselbe tödliche Einerlei plattester Zweckmäßigkeit. Wohl finden wir im Osten den schwedischen Granit in mächtigen Brocken, die tiefeingeschnittenen Meeresbuchten und hie und da sogar ein Stückchen Wald, das der erbarmungslosen Axt der ersten Ansiedler entgangen ist; aber wo sind die reizenden, buntbemalten Holzhäuser, in lustigen Blumengärten sauber aufgestellt, darinnen derbe, blonde Dirnen in roten Röcken und grünen Schürzen hantieren? Wo ist die blühende Heide, der rauschende Hochwald? Wo bleibt in den Kiefernwald- und Seengegenden das so herrlich dazu passende niederdeutsche Bauernhaus mit seinem riesigen, fast bis zum Boden hinab reichenden Giebeldach? Wo ist in den anmutigen Flußtälern auch nur eine einzige Ansiedlung an den Ufern zu finden, die den Eindruck machte, als ob sie dort wirklich zu Hause wäre? Wo sind in den Glanzstücken der Gebirgslandschaft die romantischen[pg 209]Wege für Fußwanderer, die einsamen alten Wirtshäuser an der Landstraße, die verräucherten alten Räubernester italienischer Bergdörfer, oder gar die lustigen Sennhütten unserer Alpenländer zu finden? Nichts, nichts von alledem. Wo man nicht mit dem Automobil hinfahren kann, da ist überhaupt schwer hinzugelangen. Aber überall, wo so viel zu sehen ist, daß der Baedeker einen Stern dabei machen würde, spreizen sich die lieblosen großen Hotelbauten, die den Mann mit dem kleinen Geldbeutel in gebührender Entfernung halten. Für die reichen Sommergäste ist selbstverständlich gesorgt mit Polo-, Golf- und Tennisplätzen, mit Motorbooten und allen neuesten Mustern von Ruder- und Segelfahrzeugen, mit eleganten Restaurants zu Weltstadtpreisen, mit Icecream und Candy, und bei all diesen Futterplätzen konzertieren selbstverständlich kleine Musikkapellen, die die beliebtesten Operettenmelodien der vergangenen Wintersaison zum besten geben und den auf die Grammophonplatte gebannten Caruso begleiten.

Kostspielige Ausrüstung des Touristen.

Kostspielige Ausrüstung des Touristen.

Der Amerikaner allerdings scheint es nicht besser zu wollen. Das Bedürfnis nach Einsamkeit und Ruhe, nach einfachen Lebensfreuden, nach intimer Zwiesprache mit der Natur kennt er wohl schwerlich, denn auch bei uns sehen wir ihn ausschließlich die großen Hotels, die geräuschvollen internationalen Vergnügungsorte bevölkern, wo er von der Eigenart einer Gegend und ihrer Menschen niemals eine Ahnung bekommen kann. In unseren Gebirgen, an unseren Flüssen und Seen erscheint er mit seiner fashionablen Ausrüstung von modernsten Sportanzügen und neuesten patentierten Sportgerätschaften. Vom jüngsten Bübchen bis zum ältesten Greise widmet er sich unter jeglichem Himmelstrich seinen nationalen Spielen, und es freut ihn offenbar viel mehr, kleine dumme Bällchen in[pg 210]Gesellschaft hübscher Misses mit Knütteln zu bearbeiten, als mit dem Rucksack auf dem Buckel schwer zugänglicher Schönheit nachzusteigen. Jeder Boy und jedes Girl muß seinen Kodak umhängen haben, um die Eingeborenen im Nationalkostüm oder das mitgenommene süße Baby in allen Lebenslagen knipsen zu können. Allerdings, die Hochtouristik findet auch unter den Amerikanern begeisterte Verehrer, aber wohl nur, weil sie aufregend und gefährlich ist und ihrer Raserei für das Rekordbrechen entgegenkommt. Die wein- und sangesfrohe Wanderlust, die sich mit einem Käsebrot und einer Streu vergnügt bescheidet, den gründlichen Wissensdrang, der am liebsten die stillen Winkel durchstöbert, die fromme innige Naturschwärmerei, die den großen Menschenansammlungen und laut gepriesenen Sensationen aus dem Wege geht, die kennt er nicht. Dem richtigen Durchschnittsamerikaner gilt für schön, was ihm durch Dimension oder Quantität imponiert und – was viel gekostet hat. Niemals habe ich einen Amerikaner sich über die gräßlichen Reklameschildereien ereifern hören, die gerade an den landschaftlich bevorzugten Bahnstrecken sich breit machen und einem im Laufe einer Fahrt von einigen Stunden, die recht genußreich für das Auge sein könnte, etliche hundert Mal in der Gestalt eines überlebensgroßen rotbunten Ochsen entgegenschreit, daßDurham Bullder beste Rauch-, Kau- und Schnupftabak sei, oder sonst irgendeine mächtig interessante Feststellung. Hält man ihm die Poesielosigkeit der großen Hotelbauten in seinen berühmten Ausflugsorten vor, so entgegnet er: Wem die nicht gefielen, der könnte sich ja ein Hausboot auf einem der Seen zulegen, oder mit Zelt und Canoe ausgerüstet in die Wildnis ziehen. O gewiß, das würde auch unserem Geschmack poetisch vorkommen, dieses neuerdings unter[pg 211]den jungen Amerikanern beiderlei Geschlechts sehr beliebte „camping out“. Aber auch dieses Vergnügen des Biwakierens ist mit Kosten verknüpft, die sich nur wohlhabende Leute leisten können, denn es versteht sich von selbst, daß man solchen abenteuerlichen Auszug ins wilde Hinterland nicht antritt, ohne in bezug auf die Transportmittel, auf Kleidung, Schlafgelegenheit, Kochgeschirr, Angel- und Jagdgerät usw. auf das vollkommenste mit den allerneuesten Erzeugnissen auf diesem Gebiete ausgerüstet zu sein. In den Vereinigten Staaten freilich gibt es kaum Leute, die so wenig Geld hätten, daß sie sich nicht einmal so etwas leisten könnten, oder wenigstens kennt man in besseren Kreisen solche betrübliche Armseligkeit nicht. Andererseits würde wieder das geistige Gepäck, das unsere kultiviertesten Naturfreunde auf ihren Wanderungen mitzunehmen pflegen, drüben für ein außerordentlicher Luxus gelten: Sprach- und Dialektkenntnis, geographische und ethnographische, naturwissenschaftliche und kunstgeschichtliche gründliche Vorbereitung. Da im eigenen Lande so wenig vorhanden ist, was dem historischen Sinn Nahrung geben könnte, so vermißt der Amerikaner die edle Patina des Alters durchaus nicht, sondern findet selbstverständlich alles Frischgestrichene, Neulackierte erfreulicher denn alles alte Gerümpel.

Die Niagarafälle.

Die Niagarafälle.

Es ist ein wahres Wunder zu nennen, daß die guten Kinder ihre Niagarafälle verhältnismäßig so unverschandelt gelassen haben. Bei der kolossalen Kraft, die dort umsonst zu haben ist, wäre es doch eine Kleinigkeit, zum Beispiel über dem Horseshoe-Fall des Nachts ein riesiges Stern- und Streifenbanner aus elektrischen Glühkörpern flattern zu lassen! (Sie machen solche bewegten elektrischen Lichtreklamen famos). Und wie würden sich die Canadier giften, wenn sie jede Nacht auf dem amerikanischen[pg 212]Ufer Onkel Sams Fahne flammen sehen müßten! Sie würden vermutlich nicht lange zögern, auf ihrer Seite einen wenn möglich noch größeren, elektrisch bewegtenUnion Jackzu hissen. Und damit wäre sozusagen das Eis gebrochen: in wenigen Wochen würde der strahlende Ochse Durham das Lob des besten Rauch-, Kau- und Schnupftabaks feuerspeiend in die Nacht hinaus brüllen; über, unter, zwischen und hinter den Fällen selbst würden in genial ersonnenen Lichtspielen die köstlichen Whiskys, die beliebtesten Biere, die anerkanntesten Leberpillen und sichersten Abführmittel sich dem staunenden Naturfreund empfehlen. Und es ist, wie gesagt, nicht zu begreifen, daß nicht wenigstens die Fabrikanten von Babywäsche diese glänzende Reklamegelegenheit ergriffen haben, da doch sämtliche amerikanischen Brautpaare ihre Hochzeitsreise nach den Niagarafällen zu unternehmen pflegen. Ich vermute, daß da irgend welche schlechten Demokraten die Freiheit durch volksfeindliche Gesetze schändlich unterbunden haben müssen; anders ist dieser geradezu barbarische und schamlose Zustand gar nicht zu erklären, daß man hier die Natur so nackt und bloß wirken lassen konnte, ohne jede zivilisierte Bekleidung durch den menschlichen Geschäfts- und Erfindungsgeist! Nur der dekadente Europäer kann so etwas schön finden!

Und dennoch muß ich gestehen, daß ich dekadenter Europäer auch angesichts der Niagarafälle die feinere Regie vermißte. Ich mußte an unsern lieben Rheinfall bei Schaffhausen denken. Wie ist da das herrliche Naturschauspiel vorbereitet, wie ist da geschickt Stimmung gemacht durch eine idyllisch romantische Landschaft, durch das uralt heimliche Schaffhausen mit seiner gewaltigen Zitadelle, seiner begrünten Stadtmauer, seinen trauten, krummen Gassen und behaglichen alten Wirts[pg 213]häusern! Wie sind auf dem Wege nach Laufen die Kraftwerke und Aluminiumfabriken – denn auch hier ist der Mensch nicht so dumm, die üppigen Schätze der Natur aus reiner Sentimentalität ungehoben zu lassen –, wie sind sie so geschickt unter dichtem Grün versteckt! Dagegen dehnt sich drüben von der furchtbar garstigen Großstadt Buffalo bis zu dem fast ebenso scheußlichen Nest Niagara-Falls-City die trostloseste Einöde am Gestade des Eriesees entlang. Das Klima ist windig und regnerisch, der Boden wenig fruchtbar, und infolgedessen sieht man überall verlassene Ansiedlungen, Trümmerhaufen, Ödland. Dazwischen massenhafte Fabrikanlagen mit ihrem schmutzigem Abfall, Schlackenbergen und mißfarbigen Rinnsalen. Lange, trübe Straßenzüge mit garstigen Arbeiterhäusern durcheilt die elektrische Bahn nach den Fällen, an wüsten Schnapskneipen und Tanzsalons mit klirrenden Drehklavieren und kreischenden Grammophons muß man vorüber, bevor man den nett gehaltenen Park erreicht, den man um die beiden Hauptfälle angelegt hat. Dann gelangt man zunächst an den kleineren dritten Fall, den die Industrie ganz und gar für sich in Beschlag genommen hat. Dicht am Rande des senkrechten Felsabsturzes ragen die Mauern und Schlote der Fabriken empor, und die gebändigten Wassermassen quellen aus einer Menge von eisernen Röhren hervor, jedoch nicht mehr im kristallenen Naturzustand, sondern gar lieblich koloriert. Es müssen wohl Farbwerke sein, denen ihre Kraft dienstbar geworden ist, denn im Winter, als ich sie sah, waren alle diese Abflüsse zu Eiszapfen gefroren, die einen pittoresken Behang über dem ganzen Abgrund bildeten und abwechselnd schön chromgelb, vitriolblau und krapprot gefärbt waren. Die großen Fälle selbst gehören ja ohne Zweifel zu den ge[pg 214]waltigsten Naturschauspielen der Welt, besonders im Winter, wenn die Bäume im weiten Umkreis in wunderbar funkelnde Kristallkandelaber verwandelt sind und wilde phantastische Schneewachten und Eisgebilde die ungeheuren donnernden und dampfenden Wasserschleier einrahmen. Leider aber fehlt es dem gewaltigen Schaustück gänzlich an Hintergrund. Der Niagarafluß verbindet eben zwei an sich wenig reizvolle große Wasserflächen, und wenn nicht zufällig der Eriesee etliche 60 Meter höher als der Ontariosee gelegen wäre, so würde es überhaupt nicht zustande gekommen sein. Wenn unser Herrgott, sagen wir mal: die biedere Warthe in irgendeinem preußischen Kartoffelacker einen solchen Bocksprung von 40 bis 50 Meter ausführen ließe, so würde das einigen Hunderttausenden Deutschen genügenden Anlaß bieten, um entrüstet aus der Landeskirche auszutreten; in Amerika aber darf sogar der Weltbaumeister geschmacklos sein, ohne sich Unannehmlichkeiten zuzuziehen.

Der Hudsonstil.

Der Hudsonstil.

Die Zeiten, wo man die absolute Geschmacklosigkeit keinem Amerikaner verübeln durfte, weil er eben zunächst für das Allernotwendigste zu sorgen, Neuland urbar zu machen und Weib, Kind, Ochs, Esel und alles, was sein war, vor wilden Tieren und roten Skalpjägern zu verteidigen hatte, die sind doch jetzt vorbei, zum mindesten für den hochkultivierten Osten, und die Zahl derer, die sich nach Schönheit zu sehnen beginnen, wächst von Jahr zu Jahr. Warum, ihr lieben Yankees, entnehmt ihr nicht eurer neuesten Schatzkammer Alaska ein paar lumpige Milliarden und stellt Landschaftsregisseure mit unbeschränktem Kredit an? Herrgott Saxendi, was ließe sich beispielsweise aus eurem Hudson machen! Ich weiß mir keinen schöneren Strom in der Welt. In seinem langen, gewundenen Lauf von New York bis Albany schlägt[pg 215]er leicht die gloriose Rheinstrecke von Bingen bis Bonn und kann es selbst mit der Donau zwischen Krems und Melk und sogar mit der Elbe zwischen Königstein und Schandau aufnehmen vermöge seiner herrlich geformten Uferberge und des imposanten Hintergrundes, den ihm die Catskillberge und noch weiter oben die Adirondaks geben. Wenn trotzdem der Hudson nicht entfernt so stark wirkt wie jene deutschen Ströme, so liegt das eben einfach daran, daß ihm die Rebenhänge mit den berühmten Weinmarken, die lieben alten Städtchen und ganz besonders die malerischen Burgruinen fehlen. Der Regisseur des Hudsons hätte also die Aufgabe, das ganze städtische und dörfliche charakterlose Gerümpel, das die Ufer des Flusses verschimpfiert, niederzureißen und durch Neubauten im Stil des Hudsontales und der Hudsonbewohner zu ersetzen. Das wäre mit viel Geld zu machen, wenn sich nicht von vornherein die Frage aufdrängte: Ja, welches ist denn der Stil der Hudsonbewohner, der Hudsonlandschaft? Das weiß eben kein Mensch! Die Hudsonleute haben eben keinen anderen Stil als die Susquehannaleute oder die Michiganleute. Es war mehr oder weniger Zufall, ob die ersten Kolonisten sich da oder dort niederließen, und jeder von ihnen hat sich an seinem Orte eingerichtet, wie sein Nutzen es erforderte und seine Mittel es erlaubten. Gewiß haben sich an unserem Rhein die Menschen ursprünglich auch nicht aus Bewunderung für die schöne Gegend niedergelassen, noch haben sie ihre Burgen auf die Höhen gebaut, um späteren Geschlechtern eine Sehenswürdigkeit durch deren Ruinen zu liefern. Nie und nirgends ist eine Landschaft späteren Dichtern und Malern zuliebe stilisiert worden, sondern das Notwendige und Zweckmäßige ist immer am Anfang der Entwicklung gestanden, in der Alten[pg 216]gerade so wie in der Neuen Welt. Erst der Edelrost der Jahrhunderte und Jahrtausende hat die Schönheit dazu getan. Aber diese Schönheit ist keineswegs ganz wild gewachsen aus der vollen Freiheit des Individuums heraus. Ein einheitlicher Stil konnte sich nur dadurch entwickeln, daß der Wille einzelner Überragender sich den Herdenmenschen aufzwang, daß die künstlerisch fruchtbaren Talente von den Herrschenden und Besitzenden erkannt und mit großen Aufgaben betraut wurden. So konnten sie die Muster schaffen, welche die Gedankenlosen alsdann aus Gewohnheit immer wieder nachmachten. Die Zünfte mußten ihren Zwang auf die Handwerker ausüben, die Stadtväter mußten Bau- und Kleiderordnungen erlassen, und durch die Engigkeit der Verhältnisse mußte ein konservatives Philisterium gezüchtet werden, damit kein individualistischer Zickzack die Gradlinigkeit der Entwicklung störte. Die Frage ist nur, ob man das alles heutzutage noch in einer großen demokratischen Republik nachahmen könnte. Gewiß, ein genialer Architekt, nennen wir ihn Meyer, könnte mit den zur Verfügung gestellten Millionen den ganzen Hudson in einem original meyerischen Stil bebauen, und das könnte vielleicht etwas sehr Schönes geben, aber dann müßten auch drakonische Gesetze erlassen werden, die die Anwohner des Hudsons zwängen, ihre notwendigen Neubauten immer wieder im meyerischen Stile zu errichten und sich überhaupt in allen Lebenslagen streng meyerisch zu benehmen. Würden sich die freien Bürger des Staates New York das gefallen lassen? Schwerlich. Sie würden jedoch nichts dawider haben, wenn spekulative Unternehmer darauf verfallen sollten, auf den schön geschwungenen Uferbergen des Hudson künstliche Burgruinen zu errichten, zu denen Zahnradbahnen oder Elevators hinaufführten. Es wäre weiterhin nur[pg 217]vernünftig, wenn in diesen Ruinen spekulative Wirte sich niederließen, die auf den Plattformen der Türme Flugschiffstationen und auf den Turnierplätzen Hangars für Äroplane einrichteten. Gewiß würden es die Hudsonleute auch gern sehen, wenn hie und da eine besonders garstige Fabrik hübschere Formen annähme und an Stelle manchen häßlichen Gerümpels reiche Mitbürger ihre Sommervillen in allen möglichen bizarren europäischen und asiatischen Stilen anlegen würden. Vermutlich wird man schon in naher Zukunft Seite an Seite mit imitierten Stolzenfelsen und Drachenburgen, japanische Teehäuser, russische Datschen und Darmstädter Eigenheime bewundern können, aber ein origineller Hudsonstil wird sich von selber auch in fernen Jahrhunderten schwerlich entwickeln. Wir sehen es ja bei uns, wie schwer es die Vereine für Denkmal- und Heimatschutz haben, unsere schönsten alten Städtebilder vor Verschandelung zu behüten, und wie auch die strengste Baupolizei höchstens unter Mitwirkung wirklich feinfühliger Künstler einigermaßen dem Eindringen der Stillosigkeit zu wehren vermag; denn die instinktive Stilsicherheit unserer Vorväter ist uns Modernen durch den Mangel an Seßhaftigkeit der großen Masse, die durch unsere Verkehrsverhältnisse erzeugt wurde, schon sehr abhanden gekommen. Drüben in der neuen Welt aber hat solche instinktive Stilsicherheit natürlich niemals bestanden; der Künstler, den man zum Landschaftsregisseur ernennen wollte, hätte es also mit Kindern und Barbaren zu tun, denen man wohl neue Moden importieren und schmackhaft machen, aber keinen Stil aufzwingen könnte. Die Yankees mit ihrem wundervollen Optimismus sind natürlich überzeugt davon, daß die Schönheit und der Stil in ihrem Lande ganz von selber sich entwickeln müßten als eine Frucht der fortschreitenden[pg 218]Geschmackskultur ihrer reichen und müßigen Leute. Ich vermag diese Zuversicht nicht zu teilen, sondern glaube vielmehr, daß sich auch im Laufe vieler Jahrhunderte der große Unterschied zwischen der alten Welt als einem Antiquitätenmuseum und der neuen als einem Novitätenbazar nur wenig verwischen wird. Jahrtausende allmählicher Kulturentwicklung sind selbst im heutigen Fortschrittstempo nicht einzuholen.

Der Landschaftsregisseur. Aufgaben für deutsche Künstler.

Der Landschaftsregisseur. Aufgaben für deutsche Künstler.

So müßte ich also meinen Antrag, Landschaftsregisseure für die Vereinigten Staaten zu ernennen, hoffnungslos fallen lassen? Vielleicht doch nicht ganz. Im weiten Süden, im äußersten Norden und im fernen Westen ist noch Platz genug für Hunderte, ja Tausende von neuen Ansiedlungen. Wenn die gesetzgebenden Körperschaften der betreffenden Bundesstaaten es zur Bedingung für neue Gründungen machten, daß die Pläne nicht ohne Hinzuziehung bewährter Künstler entworfen und ausgeführt werden dürften, so wäre von diesen neuen Städten und Dörfern des 20. Jahrhunderts doch wohl ein bißchen mehr Stil zu erhoffen. Ich kenne das neue San Franzisko nicht; ich weiß nicht, ob man bei dieser kostbaren Gelegenheit schon daran gedacht hat, die künstlerische Regie in ihre Rechte einzusetzen. Die Amerikaner behaupten ja, daß ihr neues Frisko, ihre neue Handelsmetropole Seattle und andere nordwestliche Gründungen von hervorragender Schönheit seien. Nun, dann würde zum erstenmal in der Weltgeschichte das Licht von Westen kommen. Im ganzen Osten der Union sieht es bisher noch aus wie in einer Kinderstube, in der unartige Buben alles durcheinander geworfen und vor dem Schlafengehen nicht fortgeräumt haben. Von dem großen Völkerumzug sind noch überall die ausgeräumten Kisten, die Stroh- und Papierhüllen, die ausgerissenen[pg 219]Nägel und zerschnittenen Stricke liegen geblieben. Wenn erst der Osten sich vor dem Westen zu schämen beginnt, dann findet er vielleicht auch Zeit, endlich einmal gründlich aufzuräumen. Und in der aufgeräumten Landschaft, dem gesäuberten Stadtbilde werden wenigstens die gröbsten Scheußlichkeiten so unliebsam auffallen, daß man sich um so mehr beeilt, sie gänzlich wegzutilgen und durch Schöneres zu ersetzen. Dann wird es eine starke Nachfrage geben nach solchen Regisseuren, wie ich mir sie denke, und wir Deutschen, die wir der Neuen Welt durch unsere Missionäre den Geschmack an edler Musik beigebracht haben, werden dann auch vielleicht berufen sein, als kostbarsten Importartikel Künstler hinüber zu senden, die nicht nur Architekten, sondern stilistische Universalgenies sind, so gut wie unsere modernen Orchesterbeherrscher und Theaterregisseure. Vielleicht erlebe ich es noch, vor einer neuen amerikanischen Stadt eine schöne Tafel zu erblicken, auf der unter ihrem Namen an Stelle des bei uns üblichen Hinweises auf Regierungsbezirk, Kreis und Landwehr-Bataillon zu lesen wäre: „Gestiftet von Carnegie, in Szene gesetzt von Johann Nepomuk Huber aus München-Pasing.“

[pg 220]Dollaricas infamster Schurke.Der Leithammel.Ich bin niemals ein Pessimist gewesen. Ich habe den zahlreichen Leuten gegenüber, welche mir dringend anrieten, mich vor schmerzlichen Enttäuschungen dadurch zu schützen, daß ich meine Mitmenschen von vornherein jeder Bosheit und Niedertracht für fähig halten möge, stets mit Ernst und Eifer die Meinung verfochten, daß alle Kreatur von Mutterleibe an zur Ehrlichkeit und Biederkeit veranlagt sei, und daß nur widrige Umstände, zumeist gänzlich unverschuldeter Art, wie üble Herkunft, leibliche Not und ungestillte Sehnsüchte der Seele die bösen Triebe gewaltsam einzuimpfen vermöchten. Seitdem ich aber in Chicago (Illinois) Dollaricas infamsten Schurken kennen gelernt habe, muß ich gestehen, daß meine Meinung von der Unschuld der Kreatur um so heftiger erschüttert wurde, als dieser infamste aller Schurken nicht einmal ein Mensch, sondern sogar ein Vierfüßler war, jenem sanften, geduldigen, wolletragenden Geschlecht entsprossen, das der Mensch sich zum Symbol demütiger Ergebung und verehrungswürdiger Dummheit erkoren hat. Der infamste Schurke der ganzen Vereinigten Staaten ist nämlich, gerade herausgesagt –ein Hammel, und zwar der Leithammel inArmour & Co.’s Packing Companyin den Chicagoer Schlachthöfen. Wenn ich der pessimistische Menschenverachter wäre, der ich, wie gesagt, nicht bin, so würde ich diesen Hammel eineeingemenschte Bestietitulieren. Denn wer hätte es je für möglich gehalten, daß ein Schafskopf so viel Niederträchtigkeit beherbergen könne?! Nichts in dem vertrauen[pg 221]erweckenden Äußeren dieses Hammels deutet auf die Schändlichkeit seines Berufes hin. Sein stets vergnügtes Schafsgesicht verklärt das satte Lächeln eines gutmütigen Pfäffleins auf fetter Pfründe, und sein Gebaren und Gehaben ist ganz dasjenige eines beleibten, aber noch rüstigen alten Herren, der unter Umständen wohl noch zu lockeren Streichen aufgelegt ist. Offenbar hat ihm diese so geschickt getragene Maske der Bonhomie zu der einträglichen Stellung bei Armour & Co. verholfen.Dieser ehrenwerte Beamte erfüllt nämlich die Aufgabe, während der Schlachtperiode Hunderte und Aberhunderte, Tausende und Abertausende seiner unschuldigen, nichts ahnenden Familienangehörigen und Standesgenossen der Menschheit ans Messer zu liefern. In langen Eisenbahnzügen treffen sie aus allen Teilen der Union in denStockyardsvon Chicago zusammen. Die Wagentüren öffnen sich, und froh, der langen grausamen Haft entrinnen zu können, drängen sich die Scharen munterer Hammel von Ohio, Indiana, Illinois, ja selbst von Alabama, Jowa, Kentucky, von Texas selbst und Arizona auf die bequemen schiefen Ebenen, und ihren bedrängten Busen entringt sich das hoffnungsfreudige „Mäh“ der Erlösung von langer Qual. Weite Hürden nehmen sie auf, die krauswolligen, weißen und schwarzen Brüder und Schwestern, Vettern und Basen aus sämtlichen Staaten und Territorien der Union. Von vollen Raufen lockt das duftige Heu, in langen Rinnen der kräftig gemischte Trank. Und doch, die rechte Freudigkeit kann nicht aufkommen, denn alle diese Schafsseelen sind noch erfüllt von seliger Erinnerung an blauen Himmel, grüne Weide, kristallklare Bäche und muntere Spiele unter der freundlichen Aufsicht treu besorgter Hunde und frommer Schäfer; hier aber engen himmelhohe rotbraune Mauern sie ein,[pg 222]statt lustiger weißer Lämmerwölkchen wälzen schwere, schwarze Rauchschwaden sich ihnen zu Häupten daher, und statt des feierlichen Schweigens der Natur umtost das dumpfe Maschinengebrüll rastlos gieriger Menschenarbeit ihre erschrockenen Ohren. Traurig lassen sie die Schwänzlein und die Köpfe hängen, lassen sie die Trankrinne und die Futterraufe unberührt.Der TodessprungSiehe, da naht sich ihnen als Bote aus dieser beängstigend fremden Welt mit freundlicher, onkelhafter Vertraulichkeit ein fetter Hammel in den besten Jahren: „Munter, meine lieben Kinder, munter!“ beginnt er in humoristisch gefärbtem Bockston, und alsbald umdrängt ihn ein dichter Kreis von Zuhörern. „Ihrhabt nicht die geringste Ursache, Ohren und Schwänze mutlos hängen zu lassen; oder ist es vielleicht nicht eine große Ehre für euch ungebildete Prairieschafe, in die große Millionenstadt Chicago zu Besuch zu kommen? Meint ihr vielleicht, ihr wäret die einzigen Schafsköpfe hier am Orte, mähähähä!? Hier geht es hoch her, das könnt ihr mir glauben auf mein ehrliches Gesicht, und die Zeit wird euch hier nicht lang werden, auf Eh – hähähähä – re! Ich habe es zwar nicht nötig, mich für euch aufzuopfern, denn ich befinde mich Gott sei Dank in einer auskömmlichen und gesellschaftlich angesehenen Position, aber ich will mich dennoch eurer hilflosen Ländlichkeit annehmen, weil doch nun einmal der Korpsgeist in unserer Familie so stark entwickelt ist. Auf, mir nach, ich führe euch zu einem lustigen Spielplatz, wo kein Hund und kein Hirte uns geniert.“ – Und leichtfüßig tänzelt der feiste Onkel voran einen glatt gedielten Steg hinauf, der so schmal ist, daß nur zwei knapp nebeneinander gehen können, aber sicher eingeplankt, so daß keines an den Seiten herauspurzeln kann. Schon dieser Anfang des Vergnügens ist vielver[pg 223]sprechend. Wie auf einer Berg- und Talbahn oder einer russischen Rutschpartie geht’s auf diesen engen Bretterwegen hinauf, hinab und kreuz und quer, und die Tausende von leichten Hammelbeinchen trippeln und trappeln fein langsam hinauf und im lustigen Hui herunter, daß es klingt, wie wenn in schwülen Frühlingstagen St. Peter Erbsen siebt. Ein Auf- und Abschwellen wie Hagelrauschen in launischen Böen, ein dumpfes Wirbeln wie von gedämpften Trommeln, – als sollten durch solchen Trauermarsch den unschuldig Verurteilten die militärischen letzten Ehren erwiesen werden. Der muntere Leithammel immer an der Spitze, tapp tapp tapp, hinauf, und hurrdiburr hinunter, und zuletzt auf ein schmales Türchen in der rotbraunen Mauer zu. Gar im Galopp mit einem lustigen Bocksprung setzt er in die Seligkeit hinein. In einem Sprungtuch wird er aufgefangen und mit einem Ruck in ein gemütliches Seitenkabinett in Sicherheit gebracht, während seine Stammgenossen unaufhaltsam, einer nach dem anderen, zu Dutzenden, zu Hunderten, zu Tausenden ihm nachspringen in die finstere Todesnacht. Ein eiserner Haken erwischt sie an einem Hinterschenkel, an einer Kette fliegen sie mit dem Kopf nach unten aufwärts, ein gewaltiges Rad empfängt sie, hebt sie in weitem Bogen hoch und läßt sie auf der andern Seite rasch abwärts schweben der Stelle zu, wo der Mörder mit seinem blutigen Messer steht. Ein sicherer Stoß – und lautlos haben sie ausgelitten. Derweile läßt sich’s der erprobte Beamte von Armour & Co. in seinem Privatkabinett bei frischem Maisschrot und duftigen Lupinen wohl sein, bis man ihn abruft, um auf geheimem Gange sich abermals zu den neu Angekommenen in die Hürden hinunter zu begeben und seinen niederträchtigen Trick aufs neue auszuführen. Wenn er ein Mensch wäre, so[pg 224]würde er sicher auf seine alten Tage fromm werden, das Gebetbuch auswendig lernen, fleißig in geistlichen Kreisen verkehren und sein Vermögen wohltätigen Stiftungen vermachen; da er nur ein Hammel ist, hat er aber nicht einmal das Bedürfnis, sein Gewissen zu betäuben. Er bedarf nicht des Alkohols, um seinen Mut zur Infamie täglich neu zu entflammen, sondern sein eigentümlich hammelhafter Ehrbegriff läßt ihn vielmehr seinen Stolz drein setzen, jahrein, jahraus mit der gleichen heiteren Selbstverständlichkeit seine verräterische, gemeine Mordarbeit zu verrichten, bis er in Pension geht oder bis Herzverfettung oder versetzte Blähungen ihm unversehens den Garaus machen. – Habe ich nicht recht, diesen Oberaga der weißen Eunuchen von Chicago für den infamsten Schurken der ganzen Vereinigten Staaten zu erklären?Menschliche Niedertracht.Vielleicht, mein Herr, oder Sie, meine schöne Leserin, werden Sie mir entgegnen wollen, daß die Unschuld der Kreatur von Armour & Co. nur schändlich mißbraucht werde, indem der Leithammel sicherlich nicht wisse, daß seine von ihm verführten Artgenossen dem Tode verfallen seien. – Ich kann das leider nicht glauben; denn ich bin fest überzeugt, daß auch dem geistig mindestbegabten Tier der Blutgeruch, der die Chicagoer Schlachthöfe umwittert, eine Ahnung seines Schicksals aufzwingen muß, sobald es nur den Eisenbahnwagen verläßt. Und da ein Leithammel doch jedenfalls die Blüte der Intelligenz der Hammelschaft darstellt, so ist es doch schwer glaublich, daß gerade ihm der Umstand nicht zu denken geben sollte, daß alle die von ihm angeführten Herden auf Nimmerwiedersehen in dem Abgrund verschwinden, dem jener heiße Blutgeruch entströmt, und daß es immer wieder neue Bataillone von Schafen, Regimenter von[pg 225]Hammeln sind, an deren Spitze er anfeuernd dem schwarzen Loche zu galoppiert. Fraglich könnte es nur erscheinen, ob der Mensch, der sich solcher abgrundtiefen Gewissenlosigkeit einer gemeinen Hammelseele zu seinen Zwecken bedient, nicht noch eine größere Kanaille sei, als der Hammel selbst. Es ist ein beliebter Trick des menschlichen Genius, die garstig anrüchigen Handlungen, die im Interesse seiner höheren Zwecke verrichtet werden müssen, nicht selbst zu verrichten, sondern sich dafür scheinbar harmloser Umwege zu bedienen. So hat die edle weiße Haut der roten Haut ihre Spezialkrankheiten anvertraut und sie dadurch, unter freundlicher Nachhilfe des edlen Feuerwassers, langsam aber sicher vernichtet. Ja, man hat es sogar schon verstanden, eine Religion, die heiligste Ausstrahlung eines großen Herzens voller Liebe und eines tiefen, weltumfassenden Geistes, in zweckentsprechender Umgestaltung als wirksamstes Mittel zur Unterjochung und Vernichtung kraftvoller Völker zu verwenden. Solchen imposanten Großtaten menschlicher Niedertracht gegenüber will es moralisch nicht viel bedeuten, wenn die Herren Armour & Co. die Bestechlichkeit einer infamen Hammelseele benutzen, um ohne Tierquälerei und unliebsames Aufsehen ihren menschenfreundlichen Zweck zu erreichen. Und Menschenfreunde muß man doch diese genialen Unternehmer nennen, welche ganz Nordamerika tagtäglich mit leckeren Braten und die ganze bewohnte Erde mit ihren sauber in Blech verpackten, gepökelten und geräucherten Fleischwaren versehen. Wer an einem glänzenden Beispiel lernen will, wie der Menschengeist es fertig bringt, durch blutigen Mord und schnöden Verrat hindurch mit Einsatz aller seiner Erfindungskraft und körperlichen Geschicklichkeit schließlich dazu gelangen kann, die Vollendung des Zweck[pg 226]mäßigen sogar bis zum künstlerisch Erbaulichen zu steigern, der sehe sich das Verfahren in den Chicagoer Stockyards an.Durch Upton Sinclaires berühmten Roman „The Jungle“ (der Sumpf) sind ja die Augen der ganzen Welt auf Armour & Co.’s Packing Company gerichtet worden. Ganz Europa ist es nach diesem Roman übel geworden. Es hat monatelang keincorned beefmehr gekauft, in der Meinung, daß in den hübschen, sauberen Blechbüchsen mehr Rattenschwänze, abgehackte Menschenfinger und andere leckere Zutaten vorhanden wären, als solides Ochsen- und Schweinefleisch. Wer aber selber in jüngster Zeit, wie ich, die Schlachthäuser und Packräume Armours aufmerksam durchwandert hat, der wird doch sagen müssen, daß entweder Mister Sinclaire ein arger Schwarzseher und Schwarzmaler sein, oder daß die Gesellschaft sich sein Buch inzwischen zu Herzen genommen und durchgreifende Verbesserungen gemacht haben müsse. Denn so wie das Unternehmen sich heute präsentiert, bedeutet es einfach einen bisher unerreichten Gipfel in bezug auf sinnreichste Ausnutzung der Maschine und der menschlichen Arbeitskraft, auf Reinlichkeit, strengste Disziplin und restlose Ausnutzung des verarbeiteten Materials.An einem schönen klaren Wintertage brachte unser Chicagoer Gastfreund mich und meine Frau zu Armours und ersuchte einen ihm bekannten Beamten der Firma, uns herumzuführen. Es war zufällig derselbe Herr, der auch unseren Prinzen Heinrich geführt hatte. In der stolzen Haltung des freien Bürgers der größten Republik der Welt, d. h. die Hände in den Hosentaschen, eine ungeheure Havannanudel aus dem Mundwinkel herauslakelnd, machte uns dieser Herr zunächst einmal[pg 227]das Kompliment, daß unser kaiserlicher Prinz ein feiner Kerl –a fine fellow– sei. Man habe ihn vorher instruiert gehabt, den hohen Herrn mit „Your Royal Highness“ anzureden; aber daran habe er sich nicht gewöhnen können, und es habe offenbar dem Prinzen ganz gut gefallen, einmal einfach wie irgendein anderer besserer Herr von anständiger Familie behandelt zu werden. Wir wurden darauf sofort in den Mittelpunkt der Hölle geleitet. Sehr vernünftiges amerikanisches Prinzip: denn wer dieses Schrecknis, ohne einen Nervenchok zu kriegen oder wenigstens in Ohnmacht zu fallen, aushält, dem kann überhaupt auf dieser Wanderung nichts Schlimmes mehr passieren.Der Mittelpunkt der Hölle.Eine schwere schmale Tür wird aufgestoßen; eine heiße Welle von süßlichem Blutdunst schlägt über unseren Köpfen zusammen, und das furchtbare, wahnsinnig verzweifelte Todesgekreisch der Schweine betäubt uns die Ohren, zerreißt uns das Herz. Wir stehen auf einer hohen schmalen Holzgalerie, die dick mit Sägespänen bestreut ist, und schauen zwei Stockwerke tief hinunter. Dicht an der Mauer im ersten Stockwerk unter uns dreht sich langsam eine riesige, metallene Scheibe, über die eine schwere, eiserne Kette läuft. Aus einem dunkeln Raum unter der Galerie, den wir nicht übersehen können, werden die Schweine von riesenstarken Fäusten eines nach dem anderen gepackt und ein an der Kette schwebender Haken um einen ihrer Hinterschenkel befestigt. Im nächsten Augenblick wird das Tier emporgehoben und mit dem Kopf nach unten, aus Leibeskräften strampelnd und schreiend, über die große Scheibe weggeführt. Auf der anderen Seite dieser Scheibe steht der Metzger. In dem Augenblick, wo die unendliche, sich langsam fortbewegende Kette das Tier an seinen Standort bringt, führt er den Todesstoß in den Hals aus. Ein dicker Blutstrom schießt[pg 228]heraus. Der Mann ist über und über mit Blut bespritzt; er hat hohe Stiefel an und steht bis an die Knöchel in einem Bluttümpel. Ein zweiter Mann in seiner Nähe hat die Aufgabe, mit einem großen Besen das Blut in ein Loch im Estrich hineinzufegen; in einem unterirdischen Bassin wird es zur weiteren Verwertung aufgefangen. Alle paar Sekunden passiert ein Schwein den Schlächter, so daß er in den wenigen Stunden, die seine Arbeitszeit dauert, Hunderten den Garaus macht. Der Mann ist der höchstbezahlte Arbeiter des Unternehmens, ein Meister in seinem gräßlichen Fache; aber unfehlbar ist seine Hand natürlich doch nicht, und manche der gestochenen Tiere zappeln und schreien noch eine ganze Weile weiter. Lange währt ihre Qual jedoch auf keinen Fall, denn die Kette führt sie in die untere Etage hinunter, und da werden sie abgeladen in ein gewaltiges Bassin voll kochenden Wassers. Darin sieht man von oben die weißen Schweineleichen in dichtem Gedränge durcheinanderquirlen, und wenn sie an der Kette wieder nach oben schweben, so sind sie bereits so sauber abgebrüht, wie man sie in unseren Metzgerläden in der Auslage hängen sieht. Kein Unterschied mehr zwischen schwarzen, gelben, grauen und gescheckten Schweinen. Blaßrosig, starr und schwach dampfend kommen sie in Abständen von etwa 2 Meter wieder in die obere Etage heraufgeschwebt. Wir verlassen die Schreckenskammer und schreiten auf unserer erhöhten Schaugalerie in einen großen, lichten Saal hinein. Da stehen auf einem schmalen Podium an der Fensterseite die Arbeiter mit ihren scharfen Messern, Äxten, Knochensägen und Lötlampen auf ihren Posten, und während die Kette in langsamer Vorwärtsbewegung das Schwein an ihm vorbeiführt, verrichtet jeder mit sicherer Hand immer dieselbe ihm zugewiesene Arbeit. Der erste[pg 229]führt einen Bauchschnitt der ganzen Länge des Körpers nach aus, der zweite rafft mit einem Griff die Gedärme heraus, der dritte schneidet den Kopf durch bis auf den Knochen, der vierte sägt den Halswirbel durch, ein anderer sengt mit der Lötlampe die etwa noch übriggebliebenen Borsten weg – und so fort. Am Ende des Saales beschreibt die Kette einen Bogen, um ihn dann in entgegengesetzter Bewegung noch einmal zu durchlaufen, und am Ende dieses ganzen Weges ist das Schwein sauber zerlegt, die Speckseiten herausgelöst, die Schinken, die Hacksen zur besonderen Verwendung beiseite gepackt.Schlachtverfahren beim Rindvieh.Ganz ähnlich ist der Hergang in dem Riesenraum, in welchem die Rinder bearbeitet werden. Aus einer Falltür werden sie von unten heraufgehoben und durch einen Schlag mit einem Hammer auf den Kopf betäubt. Nach dem Grausen der Schweineschlächterei wirkt diese Art des Massenmords geradezu zart gedämpft, man möchte fast sagen, liebenswürdig diskret, denn das Rind schreit nicht, es ist betäubt, bewegungslos noch bevor es ihm zum Bewußtsein kommt, daß es in den Tod zu gehen bestimmt ist. Gewaltige Maschinenkraft hebt das schwere, bewußtlose Tier an den Hinterfüßen in die Höhe, und an der dicken Ankerkette bewegt es sich langsam durch den großen Arbeitssaal. Am Kopfe hängt jedem Tier ein Eimer, in dem das Blut beim Schlachten aufgefangen wird, und so geschickt verrichten die Schlächtergesellen ihre Arbeit, daß man in diesem Saale, mit den Augen wenigstens, fast kein Blut gewahr wird. Da in dem mächtigen Rindskadaver die Arbeit nicht so geschwind von statten geht, wie bei dem Kleinvieh, so hängen die Rinder in großen Abständen an der Kette, und jeder Arbeiter geht dem ihm zugewiesenen Stück so lange nach, bis sein Anteil an dem Werk des Abhäutens, Zersägens[pg 230]und Zerteilens verrichtet ist. Der Grundsatz der Arbeitsteilung ist strikte durchgeführt. Ein Arbeiter hat nie etwas anderes zu tun, als das Rückgrat von oben bis unten durchzusägen, ein anderer nur das Abhäuten zu besorgen – und wehe dem, wenn er das wertvolle Fell durch einen ungeschickten Messerstich verletzt; sofortige Entlassung ist seine Strafe.Der Zweck heiligt die Mittel.Von den Schlachträumen gelangen wir tiefaufatmend in die frische Luft. Über hölzerne Brücken und Viadukte, auf denen Schmalspurbahnen laufen, die die verarbeiteten Fleischteile von einem Raum zum andern befördern, gehen wir in die Packhäuser hinüber, wo das gekochte, geräucherte und eingepökelte Fleisch in die bekannten Blechdosen verpackt wird. Maschinen von fabelhafter Präzision verfertigen vor unseren Augen die Tausende und Abertausende von Blechgefäßen, und die einzige Menschenarbeit, die hierbei in Anspruch genommen wird, ist das letzte Verlöten des Deckels und das Bekleben der Dosen mit den schönen, buntgedruckten Papieretiketten. Das Schlußstück in der seltsam aufregenden und dennoch bezaubernden Schau ist der Saal, in welchem nette junge Mädchen in weißen, steif gestärkten Häubchen und blendenden Kleiderschürzen an langen Tischen sitzen, mit feinen weißen Händen die dünnen Fleischscheiben, die die lautlos arbeitende Maschine vor jedem einzelnen Arbeitsplatz im unfehlbaren Rhythmus hinstreut, in die Blechbüchsen verpacken. Die tadellose Sauberkeit dieser Mädchenhände wird dadurch sinnfällig gemacht, daß nicht nur reichliche Wascheinrichtungen dem Beschauer sofort ins Auge fallen, sondern daß in einer Ecke des Saales auf einer erhöhten Tribüne eine artige Maniküre fortwährend an der Arbeit ist, um die Fingernägel zu säubern und streng vorschriftsmäßig im Verschnitt zu halten. Diese Maniküre[pg 231]und jener infamste Schurke Dollaricas, nämlich der Leit – hammel, stehen also als symbolische Gestalten am Eingang und am Ausgang einer der gewaltigsten industriellen Unternehmungen der Erde: brutalste Rücksichtslosigkeit und raffinierteste Delikatesse reichen sich die Hand zur Vollendung eines notwendigen Menschenwerkes. Der Zweck, nämlich die Versorgung der Menschheit mit tadellos zubereiteter Fleischspeise, heiligt die Mittel, und die Mittel heiligen wiederum auch den Zweck; denn um mir die gutgepökelte Zunge in sauberer, luftdicht verschlossener Büchse auf den Tisch zu setzen, haben Menschenwitz und Menschenfleiß ihr Letztes hergegeben und durch geniale Ausnützung des Materials und Hinaufsteigerung aller Energien zu äußersten Leistungen das blutige Chaos in vollendete und darum ästhetisch wirkende Harmonie verwandelt.

Der Leithammel.

Der Leithammel.

Ich bin niemals ein Pessimist gewesen. Ich habe den zahlreichen Leuten gegenüber, welche mir dringend anrieten, mich vor schmerzlichen Enttäuschungen dadurch zu schützen, daß ich meine Mitmenschen von vornherein jeder Bosheit und Niedertracht für fähig halten möge, stets mit Ernst und Eifer die Meinung verfochten, daß alle Kreatur von Mutterleibe an zur Ehrlichkeit und Biederkeit veranlagt sei, und daß nur widrige Umstände, zumeist gänzlich unverschuldeter Art, wie üble Herkunft, leibliche Not und ungestillte Sehnsüchte der Seele die bösen Triebe gewaltsam einzuimpfen vermöchten. Seitdem ich aber in Chicago (Illinois) Dollaricas infamsten Schurken kennen gelernt habe, muß ich gestehen, daß meine Meinung von der Unschuld der Kreatur um so heftiger erschüttert wurde, als dieser infamste aller Schurken nicht einmal ein Mensch, sondern sogar ein Vierfüßler war, jenem sanften, geduldigen, wolletragenden Geschlecht entsprossen, das der Mensch sich zum Symbol demütiger Ergebung und verehrungswürdiger Dummheit erkoren hat. Der infamste Schurke der ganzen Vereinigten Staaten ist nämlich, gerade herausgesagt –ein Hammel, und zwar der Leithammel inArmour & Co.’s Packing Companyin den Chicagoer Schlachthöfen. Wenn ich der pessimistische Menschenverachter wäre, der ich, wie gesagt, nicht bin, so würde ich diesen Hammel eineeingemenschte Bestietitulieren. Denn wer hätte es je für möglich gehalten, daß ein Schafskopf so viel Niederträchtigkeit beherbergen könne?! Nichts in dem vertrauen[pg 221]erweckenden Äußeren dieses Hammels deutet auf die Schändlichkeit seines Berufes hin. Sein stets vergnügtes Schafsgesicht verklärt das satte Lächeln eines gutmütigen Pfäffleins auf fetter Pfründe, und sein Gebaren und Gehaben ist ganz dasjenige eines beleibten, aber noch rüstigen alten Herren, der unter Umständen wohl noch zu lockeren Streichen aufgelegt ist. Offenbar hat ihm diese so geschickt getragene Maske der Bonhomie zu der einträglichen Stellung bei Armour & Co. verholfen.

Dieser ehrenwerte Beamte erfüllt nämlich die Aufgabe, während der Schlachtperiode Hunderte und Aberhunderte, Tausende und Abertausende seiner unschuldigen, nichts ahnenden Familienangehörigen und Standesgenossen der Menschheit ans Messer zu liefern. In langen Eisenbahnzügen treffen sie aus allen Teilen der Union in denStockyardsvon Chicago zusammen. Die Wagentüren öffnen sich, und froh, der langen grausamen Haft entrinnen zu können, drängen sich die Scharen munterer Hammel von Ohio, Indiana, Illinois, ja selbst von Alabama, Jowa, Kentucky, von Texas selbst und Arizona auf die bequemen schiefen Ebenen, und ihren bedrängten Busen entringt sich das hoffnungsfreudige „Mäh“ der Erlösung von langer Qual. Weite Hürden nehmen sie auf, die krauswolligen, weißen und schwarzen Brüder und Schwestern, Vettern und Basen aus sämtlichen Staaten und Territorien der Union. Von vollen Raufen lockt das duftige Heu, in langen Rinnen der kräftig gemischte Trank. Und doch, die rechte Freudigkeit kann nicht aufkommen, denn alle diese Schafsseelen sind noch erfüllt von seliger Erinnerung an blauen Himmel, grüne Weide, kristallklare Bäche und muntere Spiele unter der freundlichen Aufsicht treu besorgter Hunde und frommer Schäfer; hier aber engen himmelhohe rotbraune Mauern sie ein,[pg 222]statt lustiger weißer Lämmerwölkchen wälzen schwere, schwarze Rauchschwaden sich ihnen zu Häupten daher, und statt des feierlichen Schweigens der Natur umtost das dumpfe Maschinengebrüll rastlos gieriger Menschenarbeit ihre erschrockenen Ohren. Traurig lassen sie die Schwänzlein und die Köpfe hängen, lassen sie die Trankrinne und die Futterraufe unberührt.

Der Todessprung

Der Todessprung

Siehe, da naht sich ihnen als Bote aus dieser beängstigend fremden Welt mit freundlicher, onkelhafter Vertraulichkeit ein fetter Hammel in den besten Jahren: „Munter, meine lieben Kinder, munter!“ beginnt er in humoristisch gefärbtem Bockston, und alsbald umdrängt ihn ein dichter Kreis von Zuhörern. „Ihrhabt nicht die geringste Ursache, Ohren und Schwänze mutlos hängen zu lassen; oder ist es vielleicht nicht eine große Ehre für euch ungebildete Prairieschafe, in die große Millionenstadt Chicago zu Besuch zu kommen? Meint ihr vielleicht, ihr wäret die einzigen Schafsköpfe hier am Orte, mähähähä!? Hier geht es hoch her, das könnt ihr mir glauben auf mein ehrliches Gesicht, und die Zeit wird euch hier nicht lang werden, auf Eh – hähähähä – re! Ich habe es zwar nicht nötig, mich für euch aufzuopfern, denn ich befinde mich Gott sei Dank in einer auskömmlichen und gesellschaftlich angesehenen Position, aber ich will mich dennoch eurer hilflosen Ländlichkeit annehmen, weil doch nun einmal der Korpsgeist in unserer Familie so stark entwickelt ist. Auf, mir nach, ich führe euch zu einem lustigen Spielplatz, wo kein Hund und kein Hirte uns geniert.“ – Und leichtfüßig tänzelt der feiste Onkel voran einen glatt gedielten Steg hinauf, der so schmal ist, daß nur zwei knapp nebeneinander gehen können, aber sicher eingeplankt, so daß keines an den Seiten herauspurzeln kann. Schon dieser Anfang des Vergnügens ist vielver[pg 223]sprechend. Wie auf einer Berg- und Talbahn oder einer russischen Rutschpartie geht’s auf diesen engen Bretterwegen hinauf, hinab und kreuz und quer, und die Tausende von leichten Hammelbeinchen trippeln und trappeln fein langsam hinauf und im lustigen Hui herunter, daß es klingt, wie wenn in schwülen Frühlingstagen St. Peter Erbsen siebt. Ein Auf- und Abschwellen wie Hagelrauschen in launischen Böen, ein dumpfes Wirbeln wie von gedämpften Trommeln, – als sollten durch solchen Trauermarsch den unschuldig Verurteilten die militärischen letzten Ehren erwiesen werden. Der muntere Leithammel immer an der Spitze, tapp tapp tapp, hinauf, und hurrdiburr hinunter, und zuletzt auf ein schmales Türchen in der rotbraunen Mauer zu. Gar im Galopp mit einem lustigen Bocksprung setzt er in die Seligkeit hinein. In einem Sprungtuch wird er aufgefangen und mit einem Ruck in ein gemütliches Seitenkabinett in Sicherheit gebracht, während seine Stammgenossen unaufhaltsam, einer nach dem anderen, zu Dutzenden, zu Hunderten, zu Tausenden ihm nachspringen in die finstere Todesnacht. Ein eiserner Haken erwischt sie an einem Hinterschenkel, an einer Kette fliegen sie mit dem Kopf nach unten aufwärts, ein gewaltiges Rad empfängt sie, hebt sie in weitem Bogen hoch und läßt sie auf der andern Seite rasch abwärts schweben der Stelle zu, wo der Mörder mit seinem blutigen Messer steht. Ein sicherer Stoß – und lautlos haben sie ausgelitten. Derweile läßt sich’s der erprobte Beamte von Armour & Co. in seinem Privatkabinett bei frischem Maisschrot und duftigen Lupinen wohl sein, bis man ihn abruft, um auf geheimem Gange sich abermals zu den neu Angekommenen in die Hürden hinunter zu begeben und seinen niederträchtigen Trick aufs neue auszuführen. Wenn er ein Mensch wäre, so[pg 224]würde er sicher auf seine alten Tage fromm werden, das Gebetbuch auswendig lernen, fleißig in geistlichen Kreisen verkehren und sein Vermögen wohltätigen Stiftungen vermachen; da er nur ein Hammel ist, hat er aber nicht einmal das Bedürfnis, sein Gewissen zu betäuben. Er bedarf nicht des Alkohols, um seinen Mut zur Infamie täglich neu zu entflammen, sondern sein eigentümlich hammelhafter Ehrbegriff läßt ihn vielmehr seinen Stolz drein setzen, jahrein, jahraus mit der gleichen heiteren Selbstverständlichkeit seine verräterische, gemeine Mordarbeit zu verrichten, bis er in Pension geht oder bis Herzverfettung oder versetzte Blähungen ihm unversehens den Garaus machen. – Habe ich nicht recht, diesen Oberaga der weißen Eunuchen von Chicago für den infamsten Schurken der ganzen Vereinigten Staaten zu erklären?

Menschliche Niedertracht.

Menschliche Niedertracht.

Vielleicht, mein Herr, oder Sie, meine schöne Leserin, werden Sie mir entgegnen wollen, daß die Unschuld der Kreatur von Armour & Co. nur schändlich mißbraucht werde, indem der Leithammel sicherlich nicht wisse, daß seine von ihm verführten Artgenossen dem Tode verfallen seien. – Ich kann das leider nicht glauben; denn ich bin fest überzeugt, daß auch dem geistig mindestbegabten Tier der Blutgeruch, der die Chicagoer Schlachthöfe umwittert, eine Ahnung seines Schicksals aufzwingen muß, sobald es nur den Eisenbahnwagen verläßt. Und da ein Leithammel doch jedenfalls die Blüte der Intelligenz der Hammelschaft darstellt, so ist es doch schwer glaublich, daß gerade ihm der Umstand nicht zu denken geben sollte, daß alle die von ihm angeführten Herden auf Nimmerwiedersehen in dem Abgrund verschwinden, dem jener heiße Blutgeruch entströmt, und daß es immer wieder neue Bataillone von Schafen, Regimenter von[pg 225]Hammeln sind, an deren Spitze er anfeuernd dem schwarzen Loche zu galoppiert. Fraglich könnte es nur erscheinen, ob der Mensch, der sich solcher abgrundtiefen Gewissenlosigkeit einer gemeinen Hammelseele zu seinen Zwecken bedient, nicht noch eine größere Kanaille sei, als der Hammel selbst. Es ist ein beliebter Trick des menschlichen Genius, die garstig anrüchigen Handlungen, die im Interesse seiner höheren Zwecke verrichtet werden müssen, nicht selbst zu verrichten, sondern sich dafür scheinbar harmloser Umwege zu bedienen. So hat die edle weiße Haut der roten Haut ihre Spezialkrankheiten anvertraut und sie dadurch, unter freundlicher Nachhilfe des edlen Feuerwassers, langsam aber sicher vernichtet. Ja, man hat es sogar schon verstanden, eine Religion, die heiligste Ausstrahlung eines großen Herzens voller Liebe und eines tiefen, weltumfassenden Geistes, in zweckentsprechender Umgestaltung als wirksamstes Mittel zur Unterjochung und Vernichtung kraftvoller Völker zu verwenden. Solchen imposanten Großtaten menschlicher Niedertracht gegenüber will es moralisch nicht viel bedeuten, wenn die Herren Armour & Co. die Bestechlichkeit einer infamen Hammelseele benutzen, um ohne Tierquälerei und unliebsames Aufsehen ihren menschenfreundlichen Zweck zu erreichen. Und Menschenfreunde muß man doch diese genialen Unternehmer nennen, welche ganz Nordamerika tagtäglich mit leckeren Braten und die ganze bewohnte Erde mit ihren sauber in Blech verpackten, gepökelten und geräucherten Fleischwaren versehen. Wer an einem glänzenden Beispiel lernen will, wie der Menschengeist es fertig bringt, durch blutigen Mord und schnöden Verrat hindurch mit Einsatz aller seiner Erfindungskraft und körperlichen Geschicklichkeit schließlich dazu gelangen kann, die Vollendung des Zweck[pg 226]mäßigen sogar bis zum künstlerisch Erbaulichen zu steigern, der sehe sich das Verfahren in den Chicagoer Stockyards an.

Durch Upton Sinclaires berühmten Roman „The Jungle“ (der Sumpf) sind ja die Augen der ganzen Welt auf Armour & Co.’s Packing Company gerichtet worden. Ganz Europa ist es nach diesem Roman übel geworden. Es hat monatelang keincorned beefmehr gekauft, in der Meinung, daß in den hübschen, sauberen Blechbüchsen mehr Rattenschwänze, abgehackte Menschenfinger und andere leckere Zutaten vorhanden wären, als solides Ochsen- und Schweinefleisch. Wer aber selber in jüngster Zeit, wie ich, die Schlachthäuser und Packräume Armours aufmerksam durchwandert hat, der wird doch sagen müssen, daß entweder Mister Sinclaire ein arger Schwarzseher und Schwarzmaler sein, oder daß die Gesellschaft sich sein Buch inzwischen zu Herzen genommen und durchgreifende Verbesserungen gemacht haben müsse. Denn so wie das Unternehmen sich heute präsentiert, bedeutet es einfach einen bisher unerreichten Gipfel in bezug auf sinnreichste Ausnutzung der Maschine und der menschlichen Arbeitskraft, auf Reinlichkeit, strengste Disziplin und restlose Ausnutzung des verarbeiteten Materials.

An einem schönen klaren Wintertage brachte unser Chicagoer Gastfreund mich und meine Frau zu Armours und ersuchte einen ihm bekannten Beamten der Firma, uns herumzuführen. Es war zufällig derselbe Herr, der auch unseren Prinzen Heinrich geführt hatte. In der stolzen Haltung des freien Bürgers der größten Republik der Welt, d. h. die Hände in den Hosentaschen, eine ungeheure Havannanudel aus dem Mundwinkel herauslakelnd, machte uns dieser Herr zunächst einmal[pg 227]das Kompliment, daß unser kaiserlicher Prinz ein feiner Kerl –a fine fellow– sei. Man habe ihn vorher instruiert gehabt, den hohen Herrn mit „Your Royal Highness“ anzureden; aber daran habe er sich nicht gewöhnen können, und es habe offenbar dem Prinzen ganz gut gefallen, einmal einfach wie irgendein anderer besserer Herr von anständiger Familie behandelt zu werden. Wir wurden darauf sofort in den Mittelpunkt der Hölle geleitet. Sehr vernünftiges amerikanisches Prinzip: denn wer dieses Schrecknis, ohne einen Nervenchok zu kriegen oder wenigstens in Ohnmacht zu fallen, aushält, dem kann überhaupt auf dieser Wanderung nichts Schlimmes mehr passieren.

Der Mittelpunkt der Hölle.

Der Mittelpunkt der Hölle.

Eine schwere schmale Tür wird aufgestoßen; eine heiße Welle von süßlichem Blutdunst schlägt über unseren Köpfen zusammen, und das furchtbare, wahnsinnig verzweifelte Todesgekreisch der Schweine betäubt uns die Ohren, zerreißt uns das Herz. Wir stehen auf einer hohen schmalen Holzgalerie, die dick mit Sägespänen bestreut ist, und schauen zwei Stockwerke tief hinunter. Dicht an der Mauer im ersten Stockwerk unter uns dreht sich langsam eine riesige, metallene Scheibe, über die eine schwere, eiserne Kette läuft. Aus einem dunkeln Raum unter der Galerie, den wir nicht übersehen können, werden die Schweine von riesenstarken Fäusten eines nach dem anderen gepackt und ein an der Kette schwebender Haken um einen ihrer Hinterschenkel befestigt. Im nächsten Augenblick wird das Tier emporgehoben und mit dem Kopf nach unten, aus Leibeskräften strampelnd und schreiend, über die große Scheibe weggeführt. Auf der anderen Seite dieser Scheibe steht der Metzger. In dem Augenblick, wo die unendliche, sich langsam fortbewegende Kette das Tier an seinen Standort bringt, führt er den Todesstoß in den Hals aus. Ein dicker Blutstrom schießt[pg 228]heraus. Der Mann ist über und über mit Blut bespritzt; er hat hohe Stiefel an und steht bis an die Knöchel in einem Bluttümpel. Ein zweiter Mann in seiner Nähe hat die Aufgabe, mit einem großen Besen das Blut in ein Loch im Estrich hineinzufegen; in einem unterirdischen Bassin wird es zur weiteren Verwertung aufgefangen. Alle paar Sekunden passiert ein Schwein den Schlächter, so daß er in den wenigen Stunden, die seine Arbeitszeit dauert, Hunderten den Garaus macht. Der Mann ist der höchstbezahlte Arbeiter des Unternehmens, ein Meister in seinem gräßlichen Fache; aber unfehlbar ist seine Hand natürlich doch nicht, und manche der gestochenen Tiere zappeln und schreien noch eine ganze Weile weiter. Lange währt ihre Qual jedoch auf keinen Fall, denn die Kette führt sie in die untere Etage hinunter, und da werden sie abgeladen in ein gewaltiges Bassin voll kochenden Wassers. Darin sieht man von oben die weißen Schweineleichen in dichtem Gedränge durcheinanderquirlen, und wenn sie an der Kette wieder nach oben schweben, so sind sie bereits so sauber abgebrüht, wie man sie in unseren Metzgerläden in der Auslage hängen sieht. Kein Unterschied mehr zwischen schwarzen, gelben, grauen und gescheckten Schweinen. Blaßrosig, starr und schwach dampfend kommen sie in Abständen von etwa 2 Meter wieder in die obere Etage heraufgeschwebt. Wir verlassen die Schreckenskammer und schreiten auf unserer erhöhten Schaugalerie in einen großen, lichten Saal hinein. Da stehen auf einem schmalen Podium an der Fensterseite die Arbeiter mit ihren scharfen Messern, Äxten, Knochensägen und Lötlampen auf ihren Posten, und während die Kette in langsamer Vorwärtsbewegung das Schwein an ihm vorbeiführt, verrichtet jeder mit sicherer Hand immer dieselbe ihm zugewiesene Arbeit. Der erste[pg 229]führt einen Bauchschnitt der ganzen Länge des Körpers nach aus, der zweite rafft mit einem Griff die Gedärme heraus, der dritte schneidet den Kopf durch bis auf den Knochen, der vierte sägt den Halswirbel durch, ein anderer sengt mit der Lötlampe die etwa noch übriggebliebenen Borsten weg – und so fort. Am Ende des Saales beschreibt die Kette einen Bogen, um ihn dann in entgegengesetzter Bewegung noch einmal zu durchlaufen, und am Ende dieses ganzen Weges ist das Schwein sauber zerlegt, die Speckseiten herausgelöst, die Schinken, die Hacksen zur besonderen Verwendung beiseite gepackt.

Schlachtverfahren beim Rindvieh.

Schlachtverfahren beim Rindvieh.

Ganz ähnlich ist der Hergang in dem Riesenraum, in welchem die Rinder bearbeitet werden. Aus einer Falltür werden sie von unten heraufgehoben und durch einen Schlag mit einem Hammer auf den Kopf betäubt. Nach dem Grausen der Schweineschlächterei wirkt diese Art des Massenmords geradezu zart gedämpft, man möchte fast sagen, liebenswürdig diskret, denn das Rind schreit nicht, es ist betäubt, bewegungslos noch bevor es ihm zum Bewußtsein kommt, daß es in den Tod zu gehen bestimmt ist. Gewaltige Maschinenkraft hebt das schwere, bewußtlose Tier an den Hinterfüßen in die Höhe, und an der dicken Ankerkette bewegt es sich langsam durch den großen Arbeitssaal. Am Kopfe hängt jedem Tier ein Eimer, in dem das Blut beim Schlachten aufgefangen wird, und so geschickt verrichten die Schlächtergesellen ihre Arbeit, daß man in diesem Saale, mit den Augen wenigstens, fast kein Blut gewahr wird. Da in dem mächtigen Rindskadaver die Arbeit nicht so geschwind von statten geht, wie bei dem Kleinvieh, so hängen die Rinder in großen Abständen an der Kette, und jeder Arbeiter geht dem ihm zugewiesenen Stück so lange nach, bis sein Anteil an dem Werk des Abhäutens, Zersägens[pg 230]und Zerteilens verrichtet ist. Der Grundsatz der Arbeitsteilung ist strikte durchgeführt. Ein Arbeiter hat nie etwas anderes zu tun, als das Rückgrat von oben bis unten durchzusägen, ein anderer nur das Abhäuten zu besorgen – und wehe dem, wenn er das wertvolle Fell durch einen ungeschickten Messerstich verletzt; sofortige Entlassung ist seine Strafe.

Der Zweck heiligt die Mittel.

Der Zweck heiligt die Mittel.

Von den Schlachträumen gelangen wir tiefaufatmend in die frische Luft. Über hölzerne Brücken und Viadukte, auf denen Schmalspurbahnen laufen, die die verarbeiteten Fleischteile von einem Raum zum andern befördern, gehen wir in die Packhäuser hinüber, wo das gekochte, geräucherte und eingepökelte Fleisch in die bekannten Blechdosen verpackt wird. Maschinen von fabelhafter Präzision verfertigen vor unseren Augen die Tausende und Abertausende von Blechgefäßen, und die einzige Menschenarbeit, die hierbei in Anspruch genommen wird, ist das letzte Verlöten des Deckels und das Bekleben der Dosen mit den schönen, buntgedruckten Papieretiketten. Das Schlußstück in der seltsam aufregenden und dennoch bezaubernden Schau ist der Saal, in welchem nette junge Mädchen in weißen, steif gestärkten Häubchen und blendenden Kleiderschürzen an langen Tischen sitzen, mit feinen weißen Händen die dünnen Fleischscheiben, die die lautlos arbeitende Maschine vor jedem einzelnen Arbeitsplatz im unfehlbaren Rhythmus hinstreut, in die Blechbüchsen verpacken. Die tadellose Sauberkeit dieser Mädchenhände wird dadurch sinnfällig gemacht, daß nicht nur reichliche Wascheinrichtungen dem Beschauer sofort ins Auge fallen, sondern daß in einer Ecke des Saales auf einer erhöhten Tribüne eine artige Maniküre fortwährend an der Arbeit ist, um die Fingernägel zu säubern und streng vorschriftsmäßig im Verschnitt zu halten. Diese Maniküre[pg 231]und jener infamste Schurke Dollaricas, nämlich der Leit – hammel, stehen also als symbolische Gestalten am Eingang und am Ausgang einer der gewaltigsten industriellen Unternehmungen der Erde: brutalste Rücksichtslosigkeit und raffinierteste Delikatesse reichen sich die Hand zur Vollendung eines notwendigen Menschenwerkes. Der Zweck, nämlich die Versorgung der Menschheit mit tadellos zubereiteter Fleischspeise, heiligt die Mittel, und die Mittel heiligen wiederum auch den Zweck; denn um mir die gutgepökelte Zunge in sauberer, luftdicht verschlossener Büchse auf den Tisch zu setzen, haben Menschenwitz und Menschenfleiß ihr Letztes hergegeben und durch geniale Ausnützung des Materials und Hinaufsteigerung aller Energien zu äußersten Leistungen das blutige Chaos in vollendete und darum ästhetisch wirkende Harmonie verwandelt.


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