Die amerikanische Presse.

[pg 149]Die amerikanische Presse.In einer Ansprache, die Professor Henry Fairfield Osborn von der Columbia Universität zum Beginn des Wintersemesters 1910 an seine Studenten richtete, fand ich folgende höchst bezeichnende Worte über die amerikanische Presse, die ich hier in Übersetzung geben will: „Einen guten Maßstab für die Kultur Ihrer Umwelt bildet der Tiefstand, bis zu welchem Ihre Morgen-Zeitung sich dem Dollar zuliebe prostituiert, ihre Schattierungen von Gelbheit, ihre Frivolität, ihre Skrupellosigkeit. Mir scheint es manchmal wirklich besser, überhaupt keine Zeitungen zu lesen, selbst wenn sie gewissenhaft sind, und zwar wegen ihres Mangels an Verständnis für die relative Wichtigkeit der Haupterscheinungen des amerikanischen Lebens. Das Abendblatt, welches am ernsthaftesten über unser Studentenleben und Treiben berichtet, widmet einem Fußballspiel sechs Spalten und einer großen wissenschaftlichen Kontroverse zwischen zwei Hochschulen sechs Zeilen! Das ist der Unterschied zwischen dem, was seinsollteund dem, was praktischist. Amerikanische Lorbeeren grünen für die gigantischen Industriehäuptlinge: wenn das Leben eines solchen bedroht oder gar ausgelöscht ist, so müssen ganze Morgen herrlichen Waldes fallen, um das Material zu liefern für das Papier, das notwendig ist, um seine Verdienste in das gehörige Licht zu setzen, wohingegen unser größter Astronom und Mathematiker dahingehen kann und vielleicht die Schale eines einzigen Baumes genügt für die paar kurzen, unauffälligen Sätzchen, die über seine Krankheit und seinen Tod berichten. Ver[pg 150]gleichen Sie einmal die Ausführungen der britischen und der amerikanischen Presse über einen solch leicht wiegenden Gegenstand, wie ein internationales Polo: die ersteren allein sind lesenswert, weil sie von Fachleuten geschrieben sind und unser Wissen von dem Wesen des Spieles bereichern können. Über einen noch viel moderneren Gegenstand, die Aviatik, suchen wir in unserer Presse vergeblich nach irgendeiner soliden Belehrung über die Konstruktion der Apparate. Oder nehmen wir das Thema der praktischen Politik: der britische Student findet jede bedeutungsvolle Rede, die in irgendeinem Teil des Reiches gehalten wurde, in voller Ausführlichkeit in seinem Morgenblatt; er bekommt also in seiner Eigenschaft als Wähler sein Material aus erster Hand und nicht, wie wir, in der subjektiven Darstellung des Redakteurs.“Lesefutter für Kinder und Unmündige.Diese Stichprobe aus dem Munde eines hochgebildeten Amerikaners möge mir als Schild dienen gegen die empörten Anfeindungen amerikanischer Patrioten, die sonst sicherlich meine geringe Meinung von ihrer Presse als einen Ausfluß bornierten europäischen Neides hinstellen würden. Jeder ehrliche und geschmackvolle Mensch wird mir in der Behauptung beistimmen müssen, daß wir Europäer ein gutes Recht haben, über das kulturelle Niveau der Bürger der Vereinigten Staaten bedauernd die Achseln zu zucken, so lange sie sich eine solche Presse gefallen lassen. Professor Osborns Meinung ist selbstverständlich auch die aller fein empfindenden und für den guten Ruf ihrer Geisteshöhe besorgten Amerikaner; aber der Umstand, daß der Geschmack dieser Elite bisher noch nicht imstande gewesen ist, eine Wendung zum Besseren zu erzwingen, beweist leider, daß der schlechte Geschmack bei der erdrückenden Mehrheit zu finden sei. So lange der Stand der Zeitungsverleger noch nicht ausschließlich aus[pg 151]reinen Idealisten besteht, denen kein Geldopfer groß genug ist zur Hebung des geistigen Niveaus der Leserwelt, so lange wird selbstverständlich die Zeitung nach dem Geschmack ihrer Käufer zugeschnitten bleiben. Es gibt ohne Zweifel in den Vereinigten Staaten reichlich Journalisten, die sowohl Bildung als stilistisches Geschick genug besäßen, um auch einem erheblich anspruchsvolleren Publikum zu genügen. Es dünkt mich sogar nicht unwahrscheinlich, daß in dem Lande der glänzenden Redner, der scharfen, witzigen Beobachter und schlagfertigen Debatter mehr gute geborene Journalisten vorhanden sein dürften, als in manchen Ländern der Alten Welt; wie aber gegenwärtig die Dinge in der amerikanischen Presse liegen, haben die skrupellosen fixen Reporter das Übergewicht, und die besten Köpfe und Federn halten sich entweder der Tagespresse fern, oder schrauben, dem Zwange der Verhältnisse gehorchend, ihr Geistesniveau absichtlich herunter. Wie die amerikanische Presse nun einmal ist, erscheint sie in den Augen ernsthafter gebildeter Menschen als für Kinder und Unmündige zugeschnitten. Selbstverständlich ist drüben, wie schließlich auch überall in der Alten Welt, ein erheblicher Unterschied zwischen den solid fundierten, hochangesehenen alten Blättern und der gelben Sensationspresse modernster Aufmachung zu bemerken; aber das Betrübliche dabei ist eben, daß das Modernste auch das Schlechteste bedeutet, und daß die gebieterische Stimme des Publikums auch die besseren älteren Blätter zwingt, wenigstens in der äußeren Aufmachung sich immer mehr in jenem schlechten Sinn zu modernisieren.Illustrationsunfug.Das sicherste Mittel, eine Tageszeitung herunterzubringen, besteht darin, sie mit Illustrationen zu versehen. Selbst unsere außerordentlich fortgeschrittene[pg 152]Technik ist noch nicht imstande, für den Rotationsdruck auf Zeitungspapier in Massenauflagen künstlerisch wirkende Bilder herzustellen, abgesehen davon, daß es auch nur in sehr seltenen Ausnahmefällen möglich sein wird, von Tagesereignissen im Laufe weniger Stunden flotte künstlerische Handzeichnungen zu erhalten. Es wird sich also für den Bedarf der Tagespresse immer nur um Photographien handeln können, die durch irgend ein billiges Verfahren wiedergegeben werden. Was dabei für den guten Geschmack herauskommt, wenn man den Tagesereignissen mit dem Kodak nachläuft, jedes Festessen mit Magnesiumblitzen auffängt und die berühmten Zeitgenossen tückisch im Vorübergehen knipst, das erleben wir ja seit einer Reihe von Jahren bereits an unseren Wochenschriften. Immerhin geht es da noch mit einem gelinden Schauder ab, denn die verfügen wenigstens über ein besseres Papier und mehr Zeit für sorgfältige technische Wiedergabe; im Hurrdiburr des täglichen Rotationsbetriebes wird aber aus einer festlich bewegten Volksmenge ein Chaos von Klecksen und aus der geistvollen Physiognomie eines erstklassigen Gentleman die Karikatur eines Raubmörders. Mit vollem Rechte sehen wir, wenigstens in Deutschland, gottlob noch jede illustrierte Tageszeitung für ein Kutscherblatt an, und der bessere Mensch schämt sich, damit einen geräucherten Hering einzuwickeln.Eitelkeitsmarkt.In der Neuen Welt aber gibt es, so viel mir bewußt, überhaupt keine unillustrierten Tageszeitungen mehr; selbst die ernsthaftesten Blätter, die noch auf ihren guten alten Ruf etwas halten, glauben es ihren Lesern schuldig zu sein, wenigstens Porträts vom Tage und humoristische Beigaben zu bringen. In den ausdrücklich für den Geschmack der großen Masse bestimmten Blättern[pg 153]aber sieht man vor lauter Illustrationen bald keinen Text mehr. Die eigentliche Sensationspresse, drüben die gelbe genannt, läßt auf ihrer ersten Seite unter lauter schreienden Aufschriften und Bildern sogar ihren eignen Titelkopf verschwinden! Am oberen Rand der Zeitung lese ich in Riesenbuchstaben: „287 Menschen verkohlt“, oder „Rabenmutter läßt sieben Kinder verhungern“, oder „Das Arnoldmädchen mit Liebhaber in Neapel gesehen“ – wobei zu bemerken ist, daß „das Arnoldmädchen“ die durchgebrannte Tochter einer hochachtbaren bekannten Familie ist, die sich durch solch rohes Ausbrüllen ihres Herzeleides wie öffentlich geohrfeigt vorkommen muß! Dann folgen große Porträts der Rabenmutter mit den sieben Kindsleichen, wüst hingekleckste Darstellungen der großen Brandkatastrophe, Aufnahmen des Arnoldmädchens als Baby, als Schulmädel, als junge Dame, ihrer Eltern und ihres Entführers. Falls der letztere nicht wirklich von einem Detektiv oder Reporter geknipst werden konnte, tut es das Bild eines beliebigen anderen jungen Mannes natürlich auch. Reporternachrichten, wahre und unwahre, Telegramme über das gerade vorliegende Hauptereignis des Tages aus dem Bereich der Unglücks-, Verbrechens- oder Skandalchronik füllen die erste und vielleicht auch noch die zweite Seite aus; nötigenfalls schließen sich hier die Schauer- und Trauerfälle aus den anderen Teilen der Union und den anderen Weltteilen an. Jedenfalls bleibt als blamable Tatsache bestehen, daß alle die Nachrichten, die bei uns unter der Rubrik „Unglücksfälle und Verbrechen“ in möglichst knappen Notizen abgetan und nur von den Armen im Geiste mit lebhaftem Interesse gelesen werden, drüben an erster Stelle stehen und den meisten Raum beanspruchen, selbst in Blättern, die für anständig gelten. Den Sportereignissen werden tagtäglich, winters[pg 154]und sommers, viele, viele Spalten und massenhafte Illustrationen gewidmet. Auf diese Weise gelangt schließlich jeder amerikanische Junge, der sich auf dem grünen Felde in irgendeinem Sport eifrig betätigt, einmal dazu, seine interessanten Züge in der Zeitung festgehalten zu sehen, und daß das der jugendlichen Eitelkeit schmeichelt, ist ja begreiflich – weniger begreiflich jedoch, daß die Nation es nicht müde wird, jahraus, jahrein seine Bills, Bobs, Dicks, Johns und Jacks zum Frühstück serviert zu kriegen. Alle prominenten Persönlichkeiten, die gerade irgendwie von sich reden machen, werden fleißig interviewt und selbstverständlich abgebildet. Mehr oder minder harmlose Indiskretionen aus dem Leben der gerade im Brennpunkt des Tagesinteresses stehenden Personen füllen zahlreiche Spalten, und Big Bill (der Präsident Taft) muß sich’s gefallen lassen, ebenso burschikos angeulkt zu werden, wie irgendein Brettlstern. Um auch das meist trockene Gebiet der Politik nicht ganz ohne den Reiz der Illustration zu lassen, verfällt man auf die seltsamsten Auskunftsmittel. So war um die Weihnachtszeit 1910 unter den Nachrichten aus dem Weißen HauseThe Spinster AuntBig Bills, d. h. die Altjungferntante des Präsidenten, im Bilde zu sehen, welche ihrem lieben Neffen eigenhändig Lebkuchen und andere Gutseln gebacken hatte; das Paket und einzelne Gutseln waren gleichfalls abgebildet! Die Politik nimmt in den Sensationsblättern nur in Zeiten der Wahlkämpfe einen großen Raum ein, und die Sprache, die sie dann führt, zeichnet sich durch hahnebüchene Derbheit aus; jedes Mittel ist ihr recht, um den Parteigegner zu verunglimpfen. Sachlich gehaltene, gedankenvolle Leitartikel findet man nur in den besten Zeitungen. Einen breiten Raum beansprucht ferner die Rubrik, die bei uns „Hof und Gesellschaft“ überschrieben zu sein[pg 155]pflegt. Während aber bei uns nur die regierenden Häuser, der höchste Adel und ganz wenige große Persönlichkeiten der offiziellen Welt in dem Glashause der Öffentlichkeit sitzen, berichtet die amerikanische Presse tagtäglich von dem Leben und Treiben nicht nur ihrer höchsten Beamtenschaft, ihrer Multimillionäre und Modeberühmtheiten, sondern über alle ihre besser gestellten Mitbürger, soweit sie ein Haus ausmachen. „Mister und Missis Habakuk J. Flips von 132. Straße W. 385 hatten gestern abend zu Ehren ihrer Tochter Margaret Blossom, die ihr sechzehntes Lebensjahr erreichte, Gäste eingeladen. Unter den prominenten Persönlichkeiten bemerkte man ... usw.“ So geht es spaltenlang fort während der ganzen Saison. Wenn Damen aus der Gesellschaft für die Wohltätigkeit irgendeine Unterhaltung veranstalten, so bringt die Presse die Portraits sämtlicher Patronessen und ausführliche Berichte; ebenso wenn ein bekannter Bürger der Stadt eine große Reise unternimmt, wenn seine Tochter als Schönheit in der Gesellschaft Aufsehen erregt, oder sein Sohn beim Fußballspiel einige Rippen eingetreten kriegt, oder sein zu drei Viertel verkalkter Großvater achtzig Jahre alt wird – kurz und gut, der Markt der lieben Eitelkeit wird reich beschickt und trägt zu der fürchterlichen Papiervergeudung, als welche sich das ganze Preßunwesen darstellt, am meisten bei. Über Theater und Musik kann man unmittelbar neben den brillant geschriebenen Artikeln feiner Kenner in weit größerer Ausdehnung das alberne Gewäsch der Reporter finden, ebenso wie sich auch zwischen allen anderen Spalten unmittelbar neben dem sachverständigen Urteil des gereiften Fachmannes die zum Urteilen gänzlich unqualifizierte Volksstimme, das Gänsegeschnatter des Salons und der blödeste Tratsch der Hintertreppe breit macht. Hat man in dem Wirrsal von Nichtigkeiten[pg 156]doch einmal einen wirklich fesselnden, bedeutsamen Artikel erwischt, so wird man wieder des Genusses nicht froh durch die abscheuliche Gepflogenheit, den Text durch Geschäftsreklamen zu unterbrechen. Schreibt da ein feiner Kopf über irgendeine brennende, sagen wir sozialpolitische Frage. Ich folge gespannt den geistvollen Ausführungen, bis plötzlich in der Mitte der Spalte meine Augen vor einem Hindernis stutzen, denn da schiebt sich, dick und schwarz umrändert, die Reklame eines Apothekers für sein neues Abführmittel hinein; oder ich erbaue mich eben mit innerlichem Schmunzeln an den philosophischen Aphorismen zur Lebenskunst, die ein witziger Kopf in fein geschliffener Form zum besten gibt (eine Rubrik hierfür befindet sich in allen besseren Zeitungen und scheint sehr beliebt zu sein). Plötzlich wird eine reizende Bosheit über die Liebe durch das sich breit hereindrängende Inserat einer Bestattungsgesellschaft unterbrochen mit der fett gedruckten Überschritt: „Wähle dir nie dein Leichenbestattungsgeschäft aus persönlicher Freundschaft, denn wenn du das tust,“ geht es nun in kleinem Druck weiter, „so schädigst du erstens den Toten, weil du ihm nicht die erste Qualität Leichenbestattung zukommen läßt, und lädst zweitens den Hinterbliebenen eine Schuldenlast auf, für die sie keine Valuta empfangen haben, weil ein kleines Unternehmen, das jährlich nur wenige Begräbnisse zu liefern hat, selbstverständlich nicht so reich ausgestattet sein kann, wie ein großes von unserem Rang, und dennoch viel höhere Preise berechnen muß, weil es ja auch davon leben will. Unser Institut dagegen liefert ihnen zu billigerem Preise als irgendein anderes alles, was nur ein liebendes Herz zur Erweisung der letzten Ehre für seine teuren Verblichenen sich wünschen kann. Jedermann kann sich bei uns nach seinen eignen Ideen[pg 157]begraben lassen, wir haben Leute von allen Rassen, Glaubensbekenntnissen und Bruderschaften zu unserer Verfügung.“ Doppelstrich, – und dann geht es weiter im Text. So muß ich unglücklicher Zeitungsleser mir meine Reflexionen über die Liebe durch den unangemeldeten Besuch der Leichenwäscherin stören lassen; kann keinen Leitartikel bewältigen, ohne peinlichst an meine angeschoppte Leber, meine verdickte Galle oder mangelhafte Darmtätigkeit erinnert zu werden, und selbst wenn ich den harmlosen Roman in der Beilage schmökern will, halten mir die eifrigen Verkäufer aller möglichen Waren fortwährend ihre Muster mit lautem Geschrei unter die Nase.Intellektueller Schlangenfraß.Ich kann die aufreizende Wirkung dieser ewigen geschmacklosen Unterbrechungen nur mit den Gefühlen vergleichen, die das Telephon im Busen des modernen Menschen auslöst, wenn es ihm rücksichtslos in seinen Schlaf, in seine Andacht, in sein Nachdenken und seine Liebesfeier hineinklingelt. Man merkt auch aus dieser Aufmachung der Zeitung, daß der Durchschnittsamerikaner keinen Anspruch auf Schonung seiner Nerven erhebt. Er scheint seine Zeitung zu lieben, so wie sie ist, denn er widmet ihr alle seine freien Augenblicke, selbst während der Geschäftsstunden, und es ist für den denkenden Europäer höchst verwunderlich zu beobachten, wie Leute der verschiedensten geistigen Rangklassen, ohne Unterschied des Alters und Geschlechts, den nämlichen intellektuellen Schlangenfraß geduldig und sogar wohlig hinunterwürgen. Man traut seinen Augen nicht, wenn man einen ehrwürdigen Greis, dessen hohe, ausgearbeitete Stirn beträchtlichen Verstand bezeugt, mit verhaltenem Gekicher die sogenannte humoristische Ecke seiner Zeitung studieren sieht. In dieser Abteilung erscheint nämlich, ich weiß[pg 158]nicht seit wieviel Jahrzehnten bereits, tagtäglich eine Bilderserie von absichtlich unbeholfenen Karikaturen im Stile unseres „kleinen Moritz“. Die scheußlichen Fratzen, welche sich die amerikanischen Exzentrikkomiker des Varietés anzuschminken pflegen, fanden vielleicht ihre ersten Vorbilder in den tonangebenden Karikaturenzeichnungen der Tagesblätter, und diesen Fratzen hängen Zettel aus dem Munde, auf denen ihre erschütternd witzigen Aussprüche verzeichnet stehen. Gewiß können auch solche grotesken Kindereien zur Abwechslung einmal einen anspruchsvolleren Menschen belustigen – die goldig harmlosen Dollarikaner aber lassen sich in fast all ihren Blättern tagtäglich diesen Infantilismus gefallen; Sonntags kriegen sie sogar ganze Seiten davon in Buntdruck!Ein wenig begreiflicher wird einem ja allerdings diese kindliche Anspruchslosigkeit des Geschmacks, wenn man das unbegrenzte Vertrauen, das der amerikanische Leser in die Allwissenheit seiner Zeitung setzt, beobachtet. Wer kein Konversationslexikon im Hause hat, telephoniert an eine beliebige Redaktion und setzt voraus, daß er da eine prompte Auskunft auf alle erdenklichen Fragen erhält. Die Naivität der guten Leute geht soweit, daß sie dem Mister Editor sogar ihre Herzensgeheimnisse anvertrauen und ihn um guten Rat bitten. Manche Zeitungen haben eine eigne Abteilung für solche vertraulichen Auskünfte, die manchmal in ganz ernsthaftem Ton gegeben, oft aber auch von dem spaßhaften Redakteur zur ironischen Verulkung der Einfalt benutzt werden. Ich schlage eine angesehene Chicagoer Zeitung auf und finde unter der Rubrik „Die Frau und ihre Interessen“ folgende Anfrage aus dem Leserkreise: „Liebes Fräulein Libbey!“ – das ist die Redaktrice dieser Abteilung – „Schreiber dieses ist ein junger Mann, welcher in einer[pg 159]Landstadt lebt und keine Erfahrungen mit dem schönen Geschlecht hat. Letzte Woche begegnete mir eine junge Dame, und ich verliebte mich ganz verzweifelt in sie, sie machte mir aber nicht die geringsten Avancen. Mein Vater ist Besitzer einer Lohnkutscherei in der Stadt, und ich fahre den Omnibus vom Bahnhof. Wenn diese junge Dame von mir vom Bahnhof nach ihrer Wohnung gefahren zu werden wünschen sollte, würden Sie mir raten, sie gratis mitzunehmen? C. A.“Antwort: „Ja, das könnte Ihnen schon vorwärts helfen.“Ist das nicht rührend niedlich?Kopfzeilen.Eine allbekannte Eigentümlichkeit der amerikanischen Tageszeitung sind dieHead lines(Kopfzeilen). Die Redaktionen haben einen eignen Mann, welcher nichts zu tun hat, als die vorliegenden Manuskripte mit solchen auffallenden, kurz orientierenden Überschriften zu versehen, und dieser Mann wird gut bezahlt. Der europäische Leser läuft anfangs blau an vor Wut über diese gräßlichenHead lines; er fühlt sich zum Idioten erniedrigt, weil man durch diese Überschriften, die jeden Artikel alle Nase lang zusammenfassend unterbrechen, im Grunde genommen doch nur ausdrücken will, daß man ihn für zu stumpfsinnig halte, als daß er imstande sei, sich selber über den Hauptinhalt des Gelesenen klar zu werden. Er ärgert sich noch ganz besonders über die Gepflogenheit der Herren Headliner, bei Berichten über Äußerungen hervorragender Persönlichkeiten zu Tagesfragen den Namen des Sprechers weg zu lassen. Da steht also z. B. fett und gesperrt gedruckt: „Sagt, Kalifrage nicht schuld“, und erst in dem in Diamant- oder gar Perlschrift ohne Durchschuß gesetzten Text erfährt man, daß es sich um den amerikanischen Botschafter in Berlin[pg 160]handele, der die Mutmaßung zurückweise, daß seine Haltung in der Kalifrage die Ursache seiner Abberufung gebildet habe. – Ein Bericht über mein und meiner Frau Auftreten in einem Universitätshörsaal war beispielsweise überschrieben: „Tituliertes Paar produziert sich vor erlesener Hörerschaft“. Oder ein Mordbericht ist überschrieben: „Pfeift Signal aus Liebestagen, tötet sodann Frau“. Genug der Beispiele. Aber derselbe Europäer, der anfangs mit knapper Not dem Schlagfluß entging vor Ärger über so viel Kinderei und grobe Geschmacklosigkeit, kommt schon nach acht Tagen sicherlich dazu, die Einrichtung der Headlines zu segnen, denn sie bedeuten tatsächlich den Ariadnefaden, der allein einen durch das Labyrinth der zu wüsten Haufen aufgetürmten Tagesneuigkeiten sicher hindurchgeleiten kann. Mit Hilfe der Headlines ist man nämlich imstande, die umfänglichste Tageszeitung in fünf Minuten zu erledigen, während man reichlich fünf Stunden brauchen würde, wenn man den ganzen klein gedruckten Text lesen wollte. Sie sind also im Grunde eine ungemein menschenfreundliche Einrichtung.Ein smarter Reporter.Es sei mir gestattet, aus meiner eignen Erfahrung ein kleines Beispiel dafür anzuführen, was der Amerikaner unter journalistischerSmartnessversteht. In St. Louis wurde uns unmittelbar nach unserer Ankunft früh morgens ein Reporter gemeldet, der uns zu interviewen wünschte. Ich merkte sehr bald, daß der sympathische, bescheidene junge Mann keinen blassen Schimmer hatte, wer wir waren, und er gestand auch lächelnd ein, daß ihn nur der „Baron“ veranlaßt habe, uns so rücksichtslos zu überfallen, ehe wir uns noch den Schmutz der Nachtfahrt abgespült hatten. Da in jenen Tagen die Aufführung von Richard Strauß’ „Salome“ in Chicago viel Staub auf[pg 161]wirbelte, und die Leute von St. Louis mit Spannung darauf warteten, ob ihr Stadtoberhaupt die Aufführung dieses gotteslästerlichen Werkes gestatten werde, so brachte ich den netten jungen Mann auf die Idee, mich über meine Beziehungen zu Strauß und meine Ansicht über „Salome“ auszufragen. Er stenographierte fleißig, und wir brachten, wie mir schien, ein ganz nettes Feuilleton zustande. Höchst vergnügt zog er mit seiner Beute ab. Bereits eine Stunde später wurden wir von seiner Redaktion angeklingelt: da habe ihnen einer ihrer jungen Leute ein ganz blödsinniges Gewäsch abgeliefert, wir sollten doch die überflüssige Belästigung entschuldigen und den Besuch eines anderen jungen Herrn ihrer Redaktion freundlichst empfangen. Bereits nach zehn Minuten erschien dieser Ins-Reine-Interviewer. Nachdem der schneidige, elegante junge Mann seinen Kollegen für einen Trottel erklärt hatte, ließ er sich ein Bild von meiner Frau geben und fragte sie, wie ihr die amerikanischen Männer gefielen, ob ihr die glattrasierten Gesichter lieber seien als die Schnurrbärte, was sie von den Humpelröcken halte, ob sie nach dem Westen zu gehen beabsichtige, ob sie sich nicht vor den Cowboys dort fürchtete – und dergleichen weltbewegende Wichtigkeiten mehr. In der Nachmittagsausgabe seines höchst gelben Blattes erschienen bereits Bild und Interview, und es wurde uns nachher von vielen Leuten bestätigt, daß das Publikum tatsächlich dergleichen platte Nichtigkeiten sehr gerne lese. Einige Tage später waren wir zu Gast bei dem Besitzer jener Zeitung. Wir fanden ein reizendes Heim und eine aus belangreichen Männern und interessanten Frauen anmutig gemischte Gesellschaft und in der Gattin des Hausherrn eine hochgebildete, geschmackvolle und fein empfindende Dame.Ideale Möglichkeiten für die Zeitung.Ich glaube, aus dieser und manchen ähnlichen Erfahrung[pg 162]schließen zu dürfen, daß der Tiefstand der amerikanischen Presse durchaus nicht immer einen Rückschluß zulasse auf mangelhafte Befähigung der amerikanischen Journalisten. Im Gegenteil: diese Damen und Herren verfügen nicht selten über eine sehr gute Bildung, über eine höchst gewandte Feder, einen schlagfertigen Witz, und es wäre sehr wohl möglich, mit denselben Mitarbeitern auch eine nach unserem Geschmack gute Zeitung herzustellen. In allem Technischen ist uns die amerikanische Presse sogar vielfach überlegen. Die Schnelligkeit der Berichterstattung und besonders die Schnelligkeit in der Herstellung dieser, an Umfang unsere Tagesblätter meist weit übertreffenden Zeitungen sind ganz erstaunlich, und die Art und Weise, wie die Zeitung oft tatkräftig in öffentliche Angelegenheiten von Bedeutung eingreift, und wie sich bei solchen Gelegenheiten der Journalist zum Volksmanne großen Stiles, zum erfolgreichen Anwalt der Verkannten und Unterdrückten entwickelt, kann uns nur mit aufrichtiger Hochachtung erfüllen. Ich brauche wohl nur die NamenNew-York HeraldundHenry M. Stanleyzu nennen! Es betätigen sich eben im Journalismus nicht nur Leute, „die ihren Beruf verfehlt haben,“ nicht nur Klugschwätzer und Geistprotzen, sondern auch Tatmenschen, Willensgenies – weil sie wissen, daß aus einem Journalisten alles werden kann: ein Nordpol-Entdecker, ein Sherlok-Holmes, ein Theatertrustmagnat, ein Präsident der Republik! Unserer deutschen Eitelkeit ist es besonders schmeichelhaft, daß unter den hervorragendsten Journalisten englischer Feder sich auch zahlreiche deutsche Einwanderer befinden. Der anerkannt beste Musikkritiker New Yorks ist ein Deutscher; in dem amBoston Transcript, einer in geistigen Dingen führenden Tageszeitung, angestellten Redakteur für literarische Angelegenheiten entdeckte ich einen[pg 163]ehemaligen Wiener Feuilletonisten; er schreibt jetzt, wie viele seiner Landsleute im Journalismus und im Lehrfache, ein vorbildliches Englisch. Wenn solchen reichen Möglichkeiten zum Trotz dennoch das allgemeine Niveau der Tagespresse so erschreckend niedrig ist, so sind daran in der Hauptsache doch wohl nur die Verleger schuld, die sich an das gefährliche Goethewort halten: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.“Eine Zeitung für jedermann aus dem Volke kann es aber vernünftigerweise überhaupt nicht geben; denn was das Herz eines Waschweibes erfreut, bedeutet für einen denkenden Menschen eine schwere Beleidigung, was eine weltkluge Frau von reifem Verstande lebhaft interessiert, langweilt vielleicht einen aufgeweckten Ladenschwung zum Gähnen usw. usw. Eine Zeitung kann ungemein erziehlich wirken nicht nur für den Geschmack, sondern auch für die guten Sitten und sogar für das Denkvermögen ihrer Leser, indem sie allgemein verständlich schreibt, ohne sich jedoch zu dem Geschmack und dem beschränkten Begriffsvermögen der geistig Minderwertigen herabzulassen, indem sie den niedrigen Instinkten der Masse keine Konzessionen macht und den Erbärmlichkeiten gegenüber, die die Wogen des Lebens tagtäglich ans Ufer der Öffentlichkeit schleudern, gewissermaßen die Funktionen der Gesundheitspolizei ausübt, dadurch daß sie alle übel riechenden Materien diskret entfernt oder wenigstens desinfiziert und zum Nutzen der allgemeinen Moral chemisch verarbeitet. Die jämmerliche Liebedienerei, welche fast die gesamte amerikanische Tagespresse der Masse gegenüber betreibt, wirkt jedoch als schweres Kulturhemmnis, geschmacksverderbend und sogar demoralisierend. Daß sie, wie ich in den Ausführungen über öffentliche und private Moral bereits hervorhob, trotz ihrer[pg 164]indiskreten Zudringlichkeit, vor der selbst die zartesten Geheimnisse des Familienlebens nicht sicher sind, geschlechtlichen Dingen gegenüber eine geradezu ängstlich prüde Zurückhaltung ausübt, verringert die moralischen Gefahren, die sie heraufbeschwört, nicht im geringsten, wenn anders man zugibt, daß Moral keineswegs im Nichtswissen um die Natürlichkeiten des Geschlechtslebens besteht, sondern darin, daß man seinen Mitmenschen gegenüber eine anständige Gesinnung betätigt und seine schlechten Triebe in strenge Zucht nimmt. Wer den Instinkt der Masse zum obersten Richter über die Moral und den gesunden Menschenverstand zum Minister der geistigen Angelegenheiten einsetzt, der trägt notwendig zur Verflachung der Kultur bei. Und wer einmal vor dem Mob eine etwas zu tiefe Verbeugung gemacht hat, dem setzt er sich leicht auf den Nacken und reitet ihn in den Sumpf der tödlichsten Trivialität hinein. Es ist sehr schwer, sich da wieder herauszurappeln.Sensationsartikel ernster Zeitschriften.Auch dafür liefert uns die amerikanische Presse ein warnendes Beispiel; anstatt daß nämlich, um die Geringwertigkeit des täglichen Massenfutters auszugleichen, die Wochen- und Monatsschriften nun erst recht auf nahrhafte Qualität der von ihnen aufgetischten Geistesspeise ausgingen, sehen wir sie vielmehr fast samt und sonders von dem bösen Beispiel der Tagespresse angesteckt. Auch ihr Feldgeschrei lautet: Sensation um jeden Preis! Ich weiß nicht, ob es ein einziges Blatt in Amerika gibt, das absichtlich den Kreis seiner Leser einschränkte, um zwanglos zu einer Gemeinde von Auserwählten sprechen zu dürfen. Weil der Hunger nach Sensation, durch die schlechte Presse geflissentlich genährt, nunmehr bereits eine Charaktereigenschaft des ganzen Volkes geworden ist, so glauben ihm heute auch die guten, alten Wochen-[pg 165]und Monatsschriften Rechnung tragen zu müssen, wenn es auch nur mit einem einzigen Artikel wäre. Wenn man den Herausgebern daraus einen Vorwurf macht, so erwidern sie einem achselzuckend: „Ja, dieses einen Artikels wegen wird aber unsere Zeitschrift gekauft; bringen wir ihn nicht, so schnappt uns die Konkurrenz die Leser weg.“ Dieser eine Sensationsartikel, der zum Ärger geschmackvoller Menschen die Physiognomie einer sonst vornehmen Zeitschrift verschandelt wie eine behaarte Warze das Antlitz einer feinen, liebenswürdigen Matrone, wird bezogen aus dem Reiche des Schwindels, der literarischen Hochstapelei, er wird eingegeben vom Neid, von der Rachsucht, vom Cynismus derer, die nichts mehr zu verlieren haben. Während meiner Anwesenheit in den Vereinigten Staaten brachte so eine angesehene Zeitschrift einen Artikel, in welchem behauptet wurde, daß in New York täglich etliche hunderttausend Stück faule Eier importiert würden, und daß sämtliche Zuckerbäcker ihre appetitlichen Süßigkeiten grundsätzlich nur aus faulen Eiern herstellten! Und eine Monatsschrift von noch älterem Rufe entwarf ein schaudererregendes Bild von der lebensgefährlichen Ignoranz der amerikanischen Ärzte, insonderheit der Chirurgen. Da wurde als Beispiel erzählt, daß ein Chirurg mit großer Praxis eine Reise ins Ausland unternehmen wollte und seine Patienten einem älteren, angesehenen Kollegen empfahl; darunter eine Dame, an der er eine Blinddarmoperation ausgeführt hatte, die aber neuerdings wieder über Schmerzen klagte. Der ältere Kollege habe die Dame untersucht und beim besten Willen keine andere Diagnose als Blinddarmentzündung stellen können. Schließlich sei der Zustand der Dame so besorgniserregend geworden, daß sie selber auf eine nochmalige Operation bestanden habe. Dabei zeigte sich,[pg 166]daß der Blinddarm, und zwar in scheußlicher Verfassung, noch vorhanden war. Als der jüngere Kollege dann zurückkehrte und von dem sonderbaren Ergebnis der Operation erfuhr, habe er totenblaß ausgerufen: „Mein Gott, was habeichdann da der Dame herausgeschnitten!?“ Ich müßte mich sehr täuschen, wenn ich diesen Scherz nicht schon vor dreißig Jahren in Deutschland gehört hätte; aber er genügte, gehörig aufgefrischt, um die sämtlichen medizinischen Fakultäten, die ganze Ärzteschaft der Vereinigten Staaten mobil zu machen und einen erbitterten Kampf der Meinungen zu entfachen, von dem jene tüchtige alte Monatsschrift schmunzelnd den Profit einstrich. Man sieht aus diesen Beispielen, daß sich der Sensationsgier zuliebe selbst die für die geistige Oberschicht arbeitende Presse kein Gewissen daraus macht, mit der Ehre des Einzelnen, eines ganzen Standes, eines Berufs oder gar der ganzen Nation ein frivoles Spiel zu treiben. Die Entschuldigung dafür klingt freilich plausibel genug: „Was wollen Sie?“ sagen einem die Herausgeber, „die Wissenden täuschen wir ja doch nicht mit solchem Bluff, die amüsieren sich nur darüber, und im übrigen wird so unendlich viel gedruckt und gelesen, daß das Publikum es ja doch nicht alles behalten kann. Wenn also die ärgsten Lügen wirklich einmal nicht einwandfrei dementiert werden sollten, so vergißt sie das Publikum doch sicher über der nächsten Sensation. Wo bleibt also der große Schaden, den wir stiften sollen?“Es muß allerdings zugegeben werden, daß unter den besonderen amerikanischen Verhältnissen der Schaden vielleicht geringer ist, als er bei uns in Deutschland sein würde, weil dort verhältnismäßig nur wenige Menschen auf ein Blatt abonniert sind. Der Großstädter zumal kauft sich seine Zeitung und selbst seine Wochen- und[pg 167]Monatsschrift auf der Straße, und zwar heute die und morgen jene, wie es der Zufall will. Er lernt also die politischen Tagesfragen heute in republikanischer, morgen in demokratischer Betrachtung kennen; er sieht heute rot, morgen blau und übermorgen gelb – wenn er noch seinen eignen grünen Optimismus hinzutut, ergibt die Mischung nach dem Newtonschen Gesetz schließlich doch das Weiß der reinen Wahrheit! Die Gefahr der Verblödung durch die Presse ist also schließlich doch nicht so groß, wenigstens für den an sich schon freieren Geist. Gesetzt aber selbst den Fall, daß unter den etlichen 90 Millionen Menschen, welche die Vereinigten Staaten bevölkern, nur wenige Tausend noch auf dem kindlichen Standpunkt stehen sollten, alles, was gedruckt ist, für wahr zu halten, so bliebe noch immer die ungeheure Blamage vor der übrigen gebildeten Welt, welche doch nicht gut umhin kann, die Intelligenz und den Geschmack der ganzen Nation nach der Presse zu beurteilen, die sie sich gefallen läßt.Die deutsche Presse.Es sei übrigens nachdrücklich betont, daß wenigstens ein Teil der deutschen Presse Amerikas, und besonders der führenden Blätter New Yorks, sich die redlichste Mühe gibt, sich über den Standard der englischen Presse zu erheben. In den großen deutschen Zeitungen findet man, besonders über das Ausland, eine bei weitem ausführlichere und zuverlässigere Berichterstattung, als selbst in der guten englischen Presse. Und was beispielsweise die New Yorker Staatszeitung in ihrem Sonntagsblatt an Belehrungs- und Unterhaltungsstoff bietet, wird an Qualität und Quantität von keiner unserer Zeitungen erreicht. Aber freilich: die große Mehrzahl der deutschen Einwanderer amerikanisiert sich überraschend schnell in Dingen des Ungeschmacks und der oberflächlichen Neu[pg 168]gier, und so zwingt der Selbsterhaltungstrieb auch die deutschen Blätter, manchen betrüblichen Unfug mitzumachen. Die Frage ist nun die: ist es überhaupt möglich, diesem rapiden Herabsinken Einhalt zu gebieten in einem großen demokratischen Freistaat, in dem die Masse sich zum allmächtigen Tyrannen aufgeschwungen hat? Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, daß es die natürliche Tendenz jeder menschlichen Gemeinschaft sei, eine Aristokratie aus sich heraus zu entwickeln. Nun, ich sehe auch die Vereinigten Staaten auf dem besten Wege dazu. Die Zeit muß kommen, wo diese Aristokratie zahlreich und stark genug ist, um die geistige Führung an sich zu reißen. Eine aristokratische Kultur aber läßt sich eine kulturlose Presse nicht gefallen. Die gebildete Welt wird die Amerikaner erst dann unter die Kulturvölker rechnen, wenn sie eine Presse besitzen, die es sich zur heiligen Aufgabe macht, den Geschmack der Masse zu vergewaltigen.[pg 169]Von der demokratischen Gesellschaft.Die demokratische Freiheit.Deutsche Auswanderer, die in den Vereinigten Staaten zu Wohlstand gelangt sind, und es sich leisten können, von Zeit zu Zeit die alte Heimat zu besuchen, versichern einen in weitaus den meisten Fällen, daß sie mit staunender Genugtuung den großen Aufschwung des Vaterlandes in wirtschaftlicher, verkehrstechnischer, wissenschaftlicher und künstlerischer Beziehung wahrgenommen, daß sie mit stiller Rührung so manche treu behütete Wahrzeichen der Vergangenheit, liebenswürdige alte Sitten und Gebräuche, feuchtfröhliche Kneipwinkel und traute Gemütlichkeit im Familienheim wieder gefunden und ihre Heimatliebe dadurch gestärkt hätten. Wenn man sie aber dann fragt, ob sie denn das alles nicht in der Neuen Welt schmerzlich vermißten und ihr Leben nicht lieber mehr oder minder bescheiden, jedenfalls aber in der ruhigen Behaglichkeit des Rentners in der alten Heimat beschließen wollten, da bekommt man fast immer zur Antwort: „Nein, Wurzel fassen könnte ich auch in dem üppigen modernen Deutschland nicht mehr. So sehr ihr auch fortgeschritten seid, so habt ihr doch noch keine Ahnung von der wahren demokratischen Freiheit. Ihr fühlt euch immer noch als Untertanen, und es scheint euch vollständig in der Ordnung, euch euer ganzes Leben lang von euren großen und kleinen Fürsten, von Adel und Geistlichkeit, von euren geschwollenen Beamten und aufdringlich neugierigen Polizeiorganen grob oder sanft stupfen, gängeln und behüten zu lassen. Euer Dasein ist nach wie vor umzäunt von Warnungs- und Verordnungstafeln, der freie Entschluß[pg 170]und die freie Meinung trauen sich immer noch nicht recht heraus, ihr wartet immer noch auf Erlaubnis oder Befehl von oben, anstatt auf Biegen oder Brechen dem Unheil Trotz zu bieten. Die Disziplin und Ordnung bei euch ist ja eine ganz schöne Sache, aber die behagliche Ruhe, die sie bieten, muß doch mit zu viel Demütigungen des Selbstbewußtseins erkauft werden. Eure gesellschaftlichen Einrichtungen erscheinen uns Republikanern nun vollends lächerlich und unerträglich, denn ihr habt ja noch kaum angefangen, mit den unmöglichsten Standesvorurteilen und dem engherzigsten alten Kastengeist aufzuräumen. Das sind die Gründe, weshalb ein Mensch, der etliche Jahrzehnte lang die Luft echter demokratischer Freiheit geatmet hat, im alten Vaterlande nicht mehr heimisch werden kann.“ Und dann werden einem allerlei blamabel komische Reiseerlebnisse aufgetischt, die dieses Urteil über unsere Unfreiheit erhärten sollen: polizeiliche Meldeformulare, welche nicht nur Namen, Stand und Herkunft, sondern auch Alter, Religion und Zweck des Aufenthalts des Reisenden zu wissen begehren, das Zusammenknicken schnauzender Beamten vor einer Leutnantsuniform, die aufgeregte Wichtigtuerei des Mannes mit der roten Mütze, der mit Papieren in der Hand auf dem Bahnsteig hin und her rennt und seine Lunge anstrengt wie ein Brigadegeneral, um einen harmlosen Personenzug abzufertigen; die komische Angst der Gastgeber vor Verstößen gegen die Rangordnung bei Einladungen in ihr Haus, die Einbeziehung der Frauen in diese Rangordnung, die umständlichen Höflichkeitsbezeigungen wildfremder Menschen gegeneinander – und was dergleichen niedliche Reliquien aus jammervoller deutscher Vorzeit mehr sind.Das stimmt alles, und wir haben kein Recht, es dem Ausländer zu verübeln, wenn er diese Dinge bei uns mit[pg 171]ironischer Heiterkeit oder gar mit bitterem Zorn bemerkt. Die Frage ist für uns nur die: lebt man in der demokratischen Gesellschaft der größten amerikanischen Republik wirklich so sehr viel freier? Und ist es überhaupt möglich, ein friedliches Nebeneinanderleben von Menschen, eine öffentliche Ordnung, Sicherung des Lebens und Eigentums, eine Entwicklung von Gesittung zu schaffen ohne Gesetze, welche die absolute Freiheit des einzelnen beschränken und ohne Gewaltmittel, durch welche diesen Gesetzen Achtung verschafft wird? Die republikanische Regierung der Vereinigten Staaten hat diese Frage sehr energisch verneint. Ich wüßte nicht, wo in der Welt mehr und eifriger Gesetze fabriziert würden, als gerade in der Union, wo nicht nur im Senatspalast von Washington, sondern in den Kapitalen sämtlicher 44 Bundesstaaten, jahrein, jahraus Paragraphen geschmiedet werden, die wiederum durch die lokalen Verordnungen der einzelnen Gemeinwesen weitgehende Ergänzungen erfahren. Gewiß, unsere Verordnungswut, unsere kleinliche Polizeischikane verderben uns manche schöne Stunde und reizen die Galle öfter als das Zwerchfell – aber ist das drüben so sehr viel besser? Wenn der Zug die Grenze eines Prohibitionsstaates passiert, reißt mir der Schwarze im Speisewagen das Bierglas vom Munde weg; in Wisconsin mache ich mich strafbar, wenn ich jemandem eine Zigarette anbiete; in Boston werde ich in den Kerker geworfen, wenn ich auf der Straße ausspucke, auf der New-Yorker Untergrundbahn mit schwerer Geldstrafe belegt, wenn ich mich auf dem Bahnsteig mit einer glimmenden Zigarre sehen lasse; wenn ich ein schönes Mädchen bewundernd anblicke, riskiere ich, durchgeprügelt zu werden, und wenn ich das Opernhaus anders als im Frack und weißer Weste betrete, werde ich durch verächtliche Blicke in den Boden gebohrt.[pg 172]In der demokratischen Gesellschaft gibt es angeblich keinen Unterschied der Stände, und diese allgemeine Gleichheit soll ihren deutlichsten Ausdruck darin finden, daß auf der Eisenbahn nur eine einzige Wagenklasse für alle vorhanden ist. Dieser Grundsatz ist aber in Wahrheit nur bei langsamen Lokalzügen durchgeführt, die der „bessere Mensch“ ja doch selten benutzt, weil er sein eignes Auto hat. Sobald ich aber weite Strecken fahren will, denke ich nicht im Traume daran, mich mit Arbeitern, Chinesen, Negern, gummikauenden Ladenmädchen und Viehtreibern in die Car mit den gräßlich engen Sitzen aus schmutzigem Strohgeflecht zu setzen, sondern ich bezahle meinen Zuschlag am Schalter der Pullman-Gesellschaft und erwerbe mir damit das Anrecht, in einem großen luftigen, schön ausgestatteten Salonwagen einen bequemen drehbaren Polstersessel zu benutzen und an den besonderen Luxuseinrichtungen, wie Wasch- und Rauchkabinett, Speisewagen, Büfettwagen mit Schreibgelegenheit und reichhaltige Journalauswahl nach Belieben teilzunehmen. Hier kann ich sicher sein, mich in Gesellschaft reinlicher, gut gekleideter, manierlicher und wohlhabender Menschen zu bewegen, gerade so gut oder besser, als wenn ich in Deutschland zweiter Klasse führe. Fühle ich mich aber so außerordentlichprominent, daß mir auch diese Gesellschaft noch zu ordinär ist, gehöre ich also nach deutschen Begriffen zu denerstklassigenMenschen, so lege ich noch ein paar Dollar zu und kaufe mir dafür einCompartement, d. h. einen abgeschlossenen, bequemen Raum innerhalb des großenPullman-Wagens, in dem ich über üppige Salonmöbel verfüge und nachts auch allein schlafen kann, während die Leute zweiter Klasse, Männlein und Weiblein pêle-mêle, der Länge nach hinter einem grünen Vorhang übereinander geschichtet und sorgfältig von der frischen[pg 173]Luft abgeschlossen werden. Selbstverständlich kann man es, ebenso wie bei uns, einem Protzenbauer in dreckigen Schmierstiefeln nicht verwehren, wenn es ihm Spaß macht, für sein Geld erster Klasse zu fahren. Wenn aber drüben etwa ein Cowboy in verwegenem Räuberaufzug sich für seine zerknitterten Greenbacks (Dollarscheine) einen Platz im Pullman-Wagen leistet, so wird er sich in der manierlichen Gesellschaft, in der er weder rauchen noch spucken darf, bald genug ungemütlich fühlen und ganz bescheiden in den Rauchwagen abschieben, wo die Sitten freier sind. Ist das nun etwas anderes wie unser Dreiklassensystem? Wir mit unserer dünkelhaften Verachtung des Proletariers schufen sogar noch eine vierte Klasse für die Leute mit der ganz schmalen Börse – die Eisenbahnkönige im Lande der Freiheit und Gleichheit denken aber natürlich nicht daran, diesem Bettelpack zuliebe ganz billige Fahrgelegenheiten einzuführen. Daß – in den Südstaaten wenigstens – Neger in der Eisen- und selbst in der Straßenbahn im besonderen Wagen fahren müssen, ist ja eine weltbekannte, echt demokratische Einrichtung.Die alte Tante.Man sieht aus diesen wenigen Beispielen, daß auch in der großen Republik dafür gesorgt ist, daß der freie Kulturmensch sich hie und da an Gesetzestafeln Beulen stößt und wegen lächerlicher Bevormundung gerade so schön die Kränke kriegen kann, wie bei uns. Wenn wir näher zusehen, welchen Mächten es denn zu danken sei, daß wir drüben nicht vor lauter Freiheit allzu übermütig werden, so stoßen wir in den meisten Fällen auf –die alte Tante! Ich für meinen Teil muß gestehen, daß mir diese alte Tante, welche, mit einer Axt und mit einer Bibel bewaffnet, Türen einschlägt, Schnapsflaschen demoliert, gesetzgebenden Körperschaften die Fenster des Sitzungssaales einschmeißt und am liebsten alle freie Fröhlichkeit durch ihr sauer[pg 174]töpfisches Geplärr ersticken möchte, bei weitem unsympathischer ist, als unsere grimmigsten Polizeigewaltigen. Das ist überhaupt die üble Kehrseite der ritterlichen Frauenverehrung bei den Amerikanern, daß sie so leicht vor den verrücktesten Anschlägen boshafter und beschränkter alter Weiber zu Kreuze kriecht, sobald sie im Namen der Religion oder der Sittlichkeit unternommen werden. Denn es ist dieselbe bösartige alte Tante, welche mich zwingt, mein gutes Diner in einem erstklassigen Hotel wie das liebe Vieh mit Wasser hinunter zu spülen, oder mir ein harmloses Glas Bier durch eine Lüge zu erschleichen3, dieselbe auch, welche mir an meinen freien Sonntagen die Theater vor der Nase zusperrt, mir jede schöne künstlerische Nacktheit mit Feigenblättern verschandelt und sogar meine Lektüre kontrolliert, indem sie die Tore des Freistaates gegen die Einfuhr „freier“ Bücher verschließt und dem einheimischen Schriftsteller nicht gestattet, seine Feder Dinge und Gedankenkreise berühren zu lassen, diesiefür anstößig erklärt! Daß diese biedere Tante mit ihrem frommen Eifer weder die Trunk- noch die Vergnügungssucht, noch gar Kunst und Wissenschaft gänzlich auszurotten vermag, versteht sich von selbst; ihr Erfolg besteht darin, daß sie eine scheußliche und lächerliche Heuchelei züchtet und auf künstlerischem und wissenschaftlichem Gebiete die freie Entwicklung immerhin beträchtlich hemmt. Da es dem Bürger der Vereinigten Staaten an so vielen Plätzen verboten ist, seinen Durst mit alkoholischem Naß zu löschen, so verlernt er die guten Sitten im Umgang mit geistigen Getränken und berauscht[pg 175]sich bei verschlossenen Türen an konzentrierten Giften. Da ihm Sonntags der Genuß des Schauspiels wie der Oper versagt ist, die Gesetzgeber aber doch nicht so unmenschlich sein wollen, um Leute, die nur Sonntags Zeit haben, ganz und gar von dieser unter Umständen sogar bildenden Unterhaltung auszuschließen, verfielen sie auf den Ausweg, theatralische Vorstellungen unter dem NamenSacred Concertzu gestatten, wobei aber Kostüm und Tanz fortfallen müssen. Zu meiner Zeit wurde im deutschen Theater in New York am Sonntag nachmittag „Madame Bonivard“, der französische Schwank von der alten Balletteuse, alsgeistliches Konzertgegeben!Raubritter hüben und drüben.Und wenn die Amerikaner behaupten, daß es einen Kastengeist oder überhaupt gesellschaftliche Vorurteile bei ihnen nicht gebe, so muß ich mir erlauben, auch dahinter ein großes Fragezeichen zu machen. Die Abkommen der Knickerbockers, der True Virginians oder gar der biederen Londoner Handwerker, die 1620 mit der „Mayflower“ landeten, entwickeln einen Adelstick, der unsere blaublütigsten ostelbischen Junker neidisch machen könnte. Ganz natürlich: denn ein Amerikaner, der seine Großeltern noch kennt, ist schon ein leidlich vornehmer Mensch, da es ja ihrer viele gibt, die kaum wissen, wes Standes und Landes ihre Eltern waren. Folglich rechnen sich Leute, deren Ureltern schon Amerikaner waren, schon zum hohen Adel, selbst wenn diese Herrschaften Viehräuber gewesen sein und am Galgen geendet haben sollten. Die Nachkommen namhafter Kolonisatoren und Pioniere genießen ganz folgerichtig eine Verehrung, wie bei uns kaum die Sprossen königlicher Häuser. Da aber dieser Adel nicht durch Titel äußerlich erkennbar ist, so sorgt er durch strengste Absperrung seines gesellschaftlichen Kreises dafür, daß er nicht mit der Krapüle verwechselt werden[pg 176]kann. Es ist schwerer in die Gesellschaft der sogenannten Vierhundert hineinzukommen, als an den Höfen europäischer Kaiser und Könige Zutritt erhalten. Und geradeso wie unsere Potentaten von den Hofgeschichtsschreibern Fälschungen und Unterschlagungen begehen lassen, um unangenehme Eigenschaften ihrer Vorfahren vergessen zu machen, so scheuen die Vanderbilts, Jay Goulds, Astors usw. keine Kosten, um unangenehme Veröffentlichungen über ihre Ahnen zu hintertreiben. Nachschlagewerke wie „Wer ist wer?“ spielen drüben eine Rolle wie bei uns der „Gotha“. Die guten alten Familien schütteln ihre Bekanntschaften durch sieben Siebe, bevor sie sie ihres näheren Umganges würdigen, und die Emporkömmlinge, mögen sie auch Millionen schwer sein, kennen kein höheres Ziel ihres Ehrgeizes, als eine Einladung in eines dieser erlauchten Häuser zu erreichen oder wenigstens irgend einen ihrer jüngeren Prinzen oder Prinzessinnen bei sich zu sehen. Orden und Titel gibt es drüben offiziell nicht, dafür recken sich aber die guten Leute in den Theater- und Konzertsälen die Hälse aus, um die funkelnden Dekorationen der Herren Diplomaten zu bestaunen und schmücken ihre Knopflöcher mit Vereinszeichen in Gestalt blitzender Sternchen und Kreuzchen, die unseren Miniaturorden von weitem wenigstens sehr ähnlich sehen. Und jeder Bürger, der durch sein geschäftliches Glück oder durch eine gute Karriere unter die Prominenten geraten ist, trägt eifrig dafür Sorge, so oft wie irgend möglich in den Zeitungen erwähnt, abgebildet und interviewt zu werden, weil das seine gesellschaftliche Stellung ungemein erhöht. Die guten Republikaner scheinen ein vortreffliches Gedächtnis sowohl für die Zeitungsberühmtheiten wie für die Familienverhältnisse aller ihrer großen Tiere zu haben, denn in den besseren Kreisen wissen sie alle und besonders die Damen[pg 177]ganz genau, mit wem man anstandshalber verkehren kann und mit wem nicht. Sie haben ihre Liste dermöglichenMenschen so sicher im Kopfe wie bei uns nur die Damen der exklusivsten Kreise, deren Evangelium die Rangliste und das Gothaische Taschenbuch ist. Der Unterschied von hüben und drüben ist also nicht gar so groß – nur daß die europäischen Raubritter doch wenigstens ursprünglich Sprossen erlesensten Blutes waren und nur durch die Not, die Rauheit der Zeiten zur Räuberei verführt wurden. Drüben war aber doch meistens der Raubinstinkt das Primäre und wurde durch den Besitz eher gesteigert als vermindert. Zum Erwerben von ungeheuren Vermögen gehört neben hervorragender Klugheit, Beharrlichkeit, Phantasie und Wagemut noch immer eine große Portion Rücksichts- und Gewissenlosigkeit. In einer Gesellschaft von Abenteurern, Spielern und Gewaltmenschen wurde das Diebsgenie begreiflicherweise mehr bewundert als jedes andere.Pluckynessist heute noch ein höchstes Lob für einen Amerikaner, und wer die Dummheit anderer nicht ausnutzt, der gilt ihm für einen Schwachkopf. Wer diese Seite der amerikanischen Lebensauffassung mit Hochgenuß studieren will, der lese die kürzlich erschienenen Memoiren des alten Gauners Drew4. Darin kommt eine köstliche Anekdote vor, wie er einstens den alten ehrlichen Jakob Astor hineinlegte. Drew hatte eine gute Gelegenheit benutzt und für ein Spottgeld eine ganze Herde höchst minderwertigen Rindviehs gekauft. Er trieb sie selbst bis nahe vor New York und ließ die armen Tiere in den letzten zwei Tagen Salz lecken und erbärmlich Durst leiden. Dann ersuchte er Jakob Astor, hinauszukommen und sich seine kapitalen Tiere anzusehen. Eine Stunde vor Ankunft des mißtrauischen alten Geschäftsfreundes ließ[pg 178]er seine Herde saufen, saufen, saufen, bis sie mit ihren prallen Wasserbäuchen eine unerhört strotzende Gesundheit vortäuschte. Astor fiel darauf herein und bezahlte ihm einen glänzenden Preis. Dieses Schwindelmanöver hat eine sozusagen klassische Berühmtheit erlangt, und man nennt seither den Trick, Aktien durch Vortäuschung großer Rentabilität bei gesundem finanziellem Fundament in die Höhe zu treiben „Watering the stock“ die Herde wässern – denn das Wortstockbedeutet sowohl Aktie wie Herde. – Natürlich fällt es mir gar nicht ein, den Yankees aus ihren undemokratischen Gelüsten einen Vorwurf machen zu wollen; ich sehe vielmehr darin nur eine Bestätigung meiner Überzeugung, daß das Streben nach Züchtung einer Aristokratie ein Naturgesetz sei. Der gesunde Ehrgeiz, der zum Vorwärts- und Hochkommen anspornt, saugt seine Nahrung aus dem Naturtriebe aller stärkeren, wertvolleren Menschen, sich von den minderwertigen Schwächlingen abzusondern.Soldatenwerbung.Es war mir sehr interessant, die Klage eines New Yorker Führers der Sozialdemokratie zu vernehmen, daß es in den Vereinigten Staaten so außerordentlich schwer sei, die Partei hoch zu bringen, weil die Leute keine Disziplin halten wollten. Da liegt der Hase im Pfeffer. Bei uns bekämpft die Sozialdemokratie den Militarismus aufs grimmigste – und dennoch verdankt sie einzig und allein diesem Militarismus ihren gewaltigen Erfolg in der Gegenwart. Der militärische Drill sitzt seit etwa fünf Generationen unserem Volke im Blut und hat es zum Disziplinhalten erzogen; dem freien Bürger der Vereinigten Staaten aber ist nichts auf der Welt so verhaßt als wie Disziplin. Obwohl drüben die Herdeninstinkte noch viel stärker wirken als bei uns, weil erst eine alte Kultur zu weitgehender Differenzierung der Persönlichkeit führt, so ist doch jeder[pg 179]Einzelne als Republikaner viel eifersüchtiger auf seine persönliche Freiheit als bei uns. Schon im Kapitel über die Dienstbotenfrage habe ich diesen Punkt berührt. Fast noch deutlicher tritt diese republikanische Eitelkeit, wie ich es nennen möchte, in der Frage der Rekrutierung des stehenden Heeres zutage. Die Armee wird vom amerikanischen Patriotismus naiv glorifiziert und liebenswürdig verhätschelt. Es braucht nur ein Bataillon mit klingendem Spiel durch die Straßen zu ziehen, und alles ist tief gerührt vor nationaler Begeisterung – aber dienen will niemand, und die allgemeine Wehrpflicht scheint undurchführbar. Die Regierung sieht sich gezwungen, an dem alten Werbesystem festzuhalten. Riesige Plakate müssen mit schreienden Farben die Söhne des Vaterlandes zum Heeresdienst verlocken. Da sieht man unter azurblauem Himmel, im Schatten von Palmen und Sykomoren, ein lustiges Zeltlager aufgeschlagen und liebestrahlende Offiziere, den Arm in väterlichem Wohlwollen um die Schultern gemeiner Soldaten gelegt, in freundschaftlich belehrendem Gespräch einherwandeln; und auf den Schmuckplätzen großer Städte etablieren sich Feldwebel und harren unter ähnlichen vielversprechenden Plakaten der jungen Leute, die es gelüstet, dem Vaterlande als Soldat zu dienen. Diese Werber müssen reden können wie die Versicherungsagenten und Weinreisenden. Sie stecken voll lustiger Schwänke und sind nicht so leicht unter den Tisch zu trinken – denn Freund Alkohol muß meistens ein übriges tun, um den schwankenden Heldenjüngling soweit zu bringen, daß er Handgeld annimmt. Übrigens versprechen die Werber kaum zu viel, denn so gut wie der amerikanische dürfte es schwerlich ein anderer Soldat der Welt haben. Auf Manneszucht wird freilich streng gehalten, und im Dienst werden die Kräfte gehörig angespannt, aber dafür[pg 180]wird auch der gemeine Mann wie ein anständiger Mensch behandelt und durch ausgezeichnete Verpflegung, musterhafte hygienische Einrichtungen und Vorkehrungen für Unterhaltung und Erholung dafür gesorgt, daß er nicht von Kräften komme und bei guter Laune bleibe. Die Liebenswürdigkeit eines prächtigen, fein gebildeten Kavallerieobersten in Columbus (Ohio) ließ mich einen Einblick in das Kasernenleben tun. Jeder Mann hat ein blitzsauberes, behagliches Bett, jeder seine eigne Waschgelegenheit, sein Wannen- oder Brausebad, so oft er will, und wenn er krank ist in dem mit allen modernen Errungenschaften ausgestatteten Hospital die denkbar sorgfältigste Pflege. Sein Dinner nimmt er abends um 6 Uhr in einer eigens dafür bestimmten großen Halle mit den Kameraden ein und sitzt dabei ordentlich am Tisch, wird von hierzu kommandierten Kameraden bedient und bekommt bei jedem Gang Geschirr und Besteck gewechselt. Ich nahm an einem solchen Dinner teil, und da gab es eine vorzügliche Reissuppe, Hamburger Beefsteaks mit Bohnengemüse und hinterher anständigen Kaffee mit delikatem Weißbrot. Selbstverständlich haben sie auch ihr eignes Feld zum Football- und Baseball-Spiel. Mit ihrem Griffeklopfen und ihrem Parademarsch ist es allerdings nach altpreußischen Begriffen nicht weit her, dafür wird aber die Entschlußfähigkeit des einzelnen Mannes, die Gewandtheit und Ausdauer im Felddienst mit bestem Erfolge anerzogen. Daß die Löhnung eine ungleich viel bessere ist als bei uns, ist wohl selbstverständlich. Der amerikanische Soldat könnte also den unsrigen höchstens in dem einen Punkte beneiden, daß er keine so bunte und blitzende Uniform zur Schau tragen darf. Dafür ist die seinige aber auch viel bequemer als die unsrige und außerdem ein sichererer Schutz als der festeste Küraß, denn ihre staubgraue Farbe macht[pg 181]den Mann schon in einer Entfernung von etwa 300 Meter völlig dem Erdboden gleich. Die Frau Oberst erzählte mir, daß sie eines schönen Tages ihren Gatten vom Reitplatz habe abholen wollen und nicht wenig erschrocken gewesen sei, als sie, auf etwa 350 Meter herangekommen, das Pferd, das der Herr Oberst an jenem Morgen bestiegen hatte, reiterlos im Karriere durch die Bahn jagen sah. Von Angst beflügelt, sei sie vorwärts gestürzt und – nach ein paar Minuten sei der schmerzlich Vermißte erst schattengleich, dann immer deutlicher und kompakter wieder auf dem Rücken seines Pferdes erschienen. Es würde also aus der Höhe eines beobachtenden Flugzeuges zum Beispiel von einer amerikanischen Armee unter Umständen überhaupt nichts zu sehen sein. Doch dies nur nebenbei.Vom Söldnerheere.Die Frage, ob eine noch so wohl gehaltene und gut ausgebildete Söldnertruppe einem großen, intelligent geleiteten Volksheer gegenüber standzuhalten vermöge, wird über kurz oder lang doch einmal zur Entscheidung kommen, denn es ist allgemein bekannt, daß die Japs ein äußerst begehrliches Auge auf Kalifornien gerichtet halten. Als die amerikanische Flotte im Jahre 1910 ihre Demonstrationsfahrt um das Kap Horn nach Japan unternahm, erkannte der amerikanische Admiral unter den ihm zur Begrüßung entgegengeschickten hohen Würdenträgern des japanischen Marineministeriums zu seinem nicht geringen Schreck das harmlos freundliche Gesicht eines Mannes, der längere Zeit bei ihm als Gärtner angestellt gewesen war! Sie sind die verteufeltsten Spione der Welt, sie wissen tatsächlich alles und verstehen es vortrefflich, ihre Pläne von langer Hand vorzubereiten und ganz versteckt zu intrigieren. Eingeweihte behaupten, daß die pacifischen Republiken Südamerikas schon alle durch die Versprechungen der Japaner für deren Zwecke eingefangen und bereit seien,[pg 182]beim ersten Versuch der Japaner sich der pacifischen Küste zu bemächtigen, dem großen Bruder in den Rücken und in die Flanke zu fallen. Gelingt es aber den Gelben wirklich, sich in Kalifornien festzusetzen, dann würde es eine überaus schwierige Aufgabe sein, sie wieder hinaus zu jagen. Denn es gibt über die Rocky Mountains nur fünf einigermaßen gangbare Pässe, die militärisch leicht zuzuschließen sind. Nur angesichts eines solchen nationalen Unglücks würde die glühende Vaterlandsliebe der Amerikaner sich zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht hinreißen lassen. Ich glaube, sie wäre ein Segen für das Volk; denn der Mangel an Disziplin, an persönlicher Opferwilligkeit macht sich überall als Hemmnis für den Fortschritt wahrer Zivilisation bemerkbar. Eine Disziplin aber, die im Blute sitzt, und nicht etwa, wie in Rußland, durch Angst und Schrecken mühsam aufrecht erhalten werden muß, schafft überhaupt erst die Vorbedingungen für das segensreiche Wirken freiheitlicher Ideen und Einrichtungen.Demokratische Tugenden.Neidlosigkeit.Die Freiheit, welche die Bürger der Vereinigten Staaten tatsächlich vor uns voraus haben, und um die wir sie heute noch beneiden müssen, besteht also keineswegs in der verlockenden Disziplinlosigkeit, in der frivolen Verhöhnung der Gesetze und in der geringen Empfindung für die Wichtigkeit einer ängstlich gewissenhaften Aufrechterhaltung der Standes- und Berufsehre, als vielmehr darin, daß drüben tatsächlich jede Energie, jedes Talent freie Bahn zum Auswirken besitzt. Wer etwas kann und etwas weiß, wer Arbeitskraft und Eifer an den Tag legt, wer etwas Neues zu sagen hat, der kann sicher sein, ein Feld für Betätigung seiner Kräfte zu finden, Ohren, die auf ihn hören und Hände, die ihm vorwärts helfen. Gute Zeugnisse, gute Familienbeziehungen, einflußreiche Gönner[pg 183]und ererbtes Betriebskapital sind selbstverständlich auch drüben eine wertvolle Vorbedingung; aber der wirklich Tüchtige kann auch ohne all das sicher sein, vorwärts zu kommen. Bei uns hat sich die offizielle Welt mit dünkelhafter Ängstlichkeit einen hohen Zaun um ihren geheiligten Bezirk errichtet und sieht es schadenfroh mit an, wie so mancher temperamentvoll Einlaßheischende sich an diesem Zaun seinen guten Kopf einrennt und gewandte Kletterer sich wenigstens die Hosen daran zerreißen; das Beste an der demokratischen Freiheit ist es, daß sie einen solchen Bretterzaun zwischen Regierung und „Untertan“, zwischen Behörde und Publikum nicht duldet. Bei uns stecken die Regierenden immer noch in der Anschauung fest, daß nicht sie des Volkes wegen, sondern im Gegenteil das Volk ihretwegen da sei; dagegen entspringt aus dem Bewußtsein des freien Bürgers, daß nicht er regiert werde, sondern vielmehr sich für sein Geld eine Regierung nach seinem Geschmack leisten könne, jenes Herrenbewußtsein, das die wahre Menschenwürde erst zur rechten Blüte bringt. Dieses Herrenbewußtsein ist aber auch der grimmigste Feind aller Duckmäuserei, Neidhammelei, Nörgelsucht und aller sonstigen Laster geborener Philisterseelen. Jene beiden, bei uns leider immer noch recht zahlreichen Typen des Spießertums, nämlich einerseits der untertänigst vor jeder Art Obrigkeit ersterbende und wunschlos zufriedene und andererseits der noch viel häufigere, auf alles schimpfende und doch nie zur Selbsthülfe greifende Spießer dürften in den Vereinigten Staaten nicht einmal in den ödesten Kleinstädten zu finden sein. In der Luft der Freiheit gedeihen die Tugenden der wahren Noblesse: Wagemut, Hochherzigkeit, Freigebigkeit, Zutrauen zum guten Willen des Nebenmenschen. Man begegnet diesen Herrentugenden überall in der Öffentlichkeit, nicht nur[pg 184]in den großartigen Organisationen der Wohltätigkeit, der Erziehung, der Fürsorge für die physisch und moralisch Kranken, in den königlichen Stiftungen der Milliardäre, sondern in vielen kleinen Zügen, die beweisen, daß auch der ärmste dieser freien Bürger an jenen Tugenden teil hat. So wird beispielsweise in dem Lande, das für die genialen Diebe großen Stils so viel lächelndes Verständnis übrig hat, das auf der Straße liegende Eigentum des Nächsten auffallend respektiert. Wenn der Zeitungsjunge austreten oder seinen Lunch einnehmen will, so legt er seinen Packen ruhig auf das Trottoir. Wer unterdessen eine Zeitung kaufen will, nimmt sich eine von dem Haufen und legt seine zwei Cent oben drauf. Man hört nie davon, daß sich jemand an dem angesammelten Kleingeld vergriff; wenn der Briefkasten voll ist oder der Spalt für Drucksachen und dergleichen zu eng, so legt man einfach seine Postsachen oben drauf, und keinem kommt der Gedanke, daß sie da fortgenommen werden könnten; ja noch mehr: man sieht in den Straßen massenhaft herrenlose Automobile herumstehen, denn bei der Kostspieligkeit der Dienstboten können sich nur sehr reiche Leute einen Chauffeur leisten; im Winter sind die Vergaser der Maschinen oft mit wertvollen Decken und Teppichen vor der Kälte geschützt – und man hört selten oder nie davon, daß ein Auto oder auch nur eine solche Decke von der Straße weg gestohlen worden wäre. Bei hellichtem Tage bandenweise in einen Laden oder in einenSalooneinfallen und Inhaber wie Kunden ausplündern, das ist guter Sport, das ist fesch, würde der Wiener sagen; aber von der Straße etwas fortnehmen, das ist gemeiner Vertrauensmißbrauch, das tut nicht einmal der Lumpenproletarier. Der Kleine, der sich von dem Großen geschädigt und schlecht behandelt fühlt, setzt sich energisch zur Wehr. Der Arbeiter[pg 185]ist leicht mit dem Streik bei der Hand, wenn er die großen Geldsäcke allzu zugeknöpft findet. Aber es fällt ihm nicht ein, den Arbeitgeber zu hassen und grimmig zu beneiden um seinen Überfluß. Weiß er doch von so vielen dieser schwer reichen Herren, daß sie ganz klein angefangen haben; folglich nimmt er an, daß die Kerle eben einen guten Kopf, Fleiß, Energie und Glück gehabt haben – ihm selber oder seinen Kindern mag es ja ebenfalls gelingen, es so weit zu bringen. Warum nicht? Die Bahn ist ja frei! Das ist auch ein Grund, weshalb der Weizen des Sozialismus drüben nicht blühen will.Ob man wohl unsere Regierung dazu bewegen könnte, einige Schiffsladungen voll Philister, Spießer, Paragraphenreiter, Schulfüchse, Bureaukratsbürsten und Einfaltspinsel hinüber zu schaffen, um bei Bruder Jonathan einen mehrjährigen Kursus zwecks Charakterverbesserung durchzumachen?

[pg 149]Die amerikanische Presse.In einer Ansprache, die Professor Henry Fairfield Osborn von der Columbia Universität zum Beginn des Wintersemesters 1910 an seine Studenten richtete, fand ich folgende höchst bezeichnende Worte über die amerikanische Presse, die ich hier in Übersetzung geben will: „Einen guten Maßstab für die Kultur Ihrer Umwelt bildet der Tiefstand, bis zu welchem Ihre Morgen-Zeitung sich dem Dollar zuliebe prostituiert, ihre Schattierungen von Gelbheit, ihre Frivolität, ihre Skrupellosigkeit. Mir scheint es manchmal wirklich besser, überhaupt keine Zeitungen zu lesen, selbst wenn sie gewissenhaft sind, und zwar wegen ihres Mangels an Verständnis für die relative Wichtigkeit der Haupterscheinungen des amerikanischen Lebens. Das Abendblatt, welches am ernsthaftesten über unser Studentenleben und Treiben berichtet, widmet einem Fußballspiel sechs Spalten und einer großen wissenschaftlichen Kontroverse zwischen zwei Hochschulen sechs Zeilen! Das ist der Unterschied zwischen dem, was seinsollteund dem, was praktischist. Amerikanische Lorbeeren grünen für die gigantischen Industriehäuptlinge: wenn das Leben eines solchen bedroht oder gar ausgelöscht ist, so müssen ganze Morgen herrlichen Waldes fallen, um das Material zu liefern für das Papier, das notwendig ist, um seine Verdienste in das gehörige Licht zu setzen, wohingegen unser größter Astronom und Mathematiker dahingehen kann und vielleicht die Schale eines einzigen Baumes genügt für die paar kurzen, unauffälligen Sätzchen, die über seine Krankheit und seinen Tod berichten. Ver[pg 150]gleichen Sie einmal die Ausführungen der britischen und der amerikanischen Presse über einen solch leicht wiegenden Gegenstand, wie ein internationales Polo: die ersteren allein sind lesenswert, weil sie von Fachleuten geschrieben sind und unser Wissen von dem Wesen des Spieles bereichern können. Über einen noch viel moderneren Gegenstand, die Aviatik, suchen wir in unserer Presse vergeblich nach irgendeiner soliden Belehrung über die Konstruktion der Apparate. Oder nehmen wir das Thema der praktischen Politik: der britische Student findet jede bedeutungsvolle Rede, die in irgendeinem Teil des Reiches gehalten wurde, in voller Ausführlichkeit in seinem Morgenblatt; er bekommt also in seiner Eigenschaft als Wähler sein Material aus erster Hand und nicht, wie wir, in der subjektiven Darstellung des Redakteurs.“Lesefutter für Kinder und Unmündige.Diese Stichprobe aus dem Munde eines hochgebildeten Amerikaners möge mir als Schild dienen gegen die empörten Anfeindungen amerikanischer Patrioten, die sonst sicherlich meine geringe Meinung von ihrer Presse als einen Ausfluß bornierten europäischen Neides hinstellen würden. Jeder ehrliche und geschmackvolle Mensch wird mir in der Behauptung beistimmen müssen, daß wir Europäer ein gutes Recht haben, über das kulturelle Niveau der Bürger der Vereinigten Staaten bedauernd die Achseln zu zucken, so lange sie sich eine solche Presse gefallen lassen. Professor Osborns Meinung ist selbstverständlich auch die aller fein empfindenden und für den guten Ruf ihrer Geisteshöhe besorgten Amerikaner; aber der Umstand, daß der Geschmack dieser Elite bisher noch nicht imstande gewesen ist, eine Wendung zum Besseren zu erzwingen, beweist leider, daß der schlechte Geschmack bei der erdrückenden Mehrheit zu finden sei. So lange der Stand der Zeitungsverleger noch nicht ausschließlich aus[pg 151]reinen Idealisten besteht, denen kein Geldopfer groß genug ist zur Hebung des geistigen Niveaus der Leserwelt, so lange wird selbstverständlich die Zeitung nach dem Geschmack ihrer Käufer zugeschnitten bleiben. Es gibt ohne Zweifel in den Vereinigten Staaten reichlich Journalisten, die sowohl Bildung als stilistisches Geschick genug besäßen, um auch einem erheblich anspruchsvolleren Publikum zu genügen. Es dünkt mich sogar nicht unwahrscheinlich, daß in dem Lande der glänzenden Redner, der scharfen, witzigen Beobachter und schlagfertigen Debatter mehr gute geborene Journalisten vorhanden sein dürften, als in manchen Ländern der Alten Welt; wie aber gegenwärtig die Dinge in der amerikanischen Presse liegen, haben die skrupellosen fixen Reporter das Übergewicht, und die besten Köpfe und Federn halten sich entweder der Tagespresse fern, oder schrauben, dem Zwange der Verhältnisse gehorchend, ihr Geistesniveau absichtlich herunter. Wie die amerikanische Presse nun einmal ist, erscheint sie in den Augen ernsthafter gebildeter Menschen als für Kinder und Unmündige zugeschnitten. Selbstverständlich ist drüben, wie schließlich auch überall in der Alten Welt, ein erheblicher Unterschied zwischen den solid fundierten, hochangesehenen alten Blättern und der gelben Sensationspresse modernster Aufmachung zu bemerken; aber das Betrübliche dabei ist eben, daß das Modernste auch das Schlechteste bedeutet, und daß die gebieterische Stimme des Publikums auch die besseren älteren Blätter zwingt, wenigstens in der äußeren Aufmachung sich immer mehr in jenem schlechten Sinn zu modernisieren.Illustrationsunfug.Das sicherste Mittel, eine Tageszeitung herunterzubringen, besteht darin, sie mit Illustrationen zu versehen. Selbst unsere außerordentlich fortgeschrittene[pg 152]Technik ist noch nicht imstande, für den Rotationsdruck auf Zeitungspapier in Massenauflagen künstlerisch wirkende Bilder herzustellen, abgesehen davon, daß es auch nur in sehr seltenen Ausnahmefällen möglich sein wird, von Tagesereignissen im Laufe weniger Stunden flotte künstlerische Handzeichnungen zu erhalten. Es wird sich also für den Bedarf der Tagespresse immer nur um Photographien handeln können, die durch irgend ein billiges Verfahren wiedergegeben werden. Was dabei für den guten Geschmack herauskommt, wenn man den Tagesereignissen mit dem Kodak nachläuft, jedes Festessen mit Magnesiumblitzen auffängt und die berühmten Zeitgenossen tückisch im Vorübergehen knipst, das erleben wir ja seit einer Reihe von Jahren bereits an unseren Wochenschriften. Immerhin geht es da noch mit einem gelinden Schauder ab, denn die verfügen wenigstens über ein besseres Papier und mehr Zeit für sorgfältige technische Wiedergabe; im Hurrdiburr des täglichen Rotationsbetriebes wird aber aus einer festlich bewegten Volksmenge ein Chaos von Klecksen und aus der geistvollen Physiognomie eines erstklassigen Gentleman die Karikatur eines Raubmörders. Mit vollem Rechte sehen wir, wenigstens in Deutschland, gottlob noch jede illustrierte Tageszeitung für ein Kutscherblatt an, und der bessere Mensch schämt sich, damit einen geräucherten Hering einzuwickeln.Eitelkeitsmarkt.In der Neuen Welt aber gibt es, so viel mir bewußt, überhaupt keine unillustrierten Tageszeitungen mehr; selbst die ernsthaftesten Blätter, die noch auf ihren guten alten Ruf etwas halten, glauben es ihren Lesern schuldig zu sein, wenigstens Porträts vom Tage und humoristische Beigaben zu bringen. In den ausdrücklich für den Geschmack der großen Masse bestimmten Blättern[pg 153]aber sieht man vor lauter Illustrationen bald keinen Text mehr. Die eigentliche Sensationspresse, drüben die gelbe genannt, läßt auf ihrer ersten Seite unter lauter schreienden Aufschriften und Bildern sogar ihren eignen Titelkopf verschwinden! Am oberen Rand der Zeitung lese ich in Riesenbuchstaben: „287 Menschen verkohlt“, oder „Rabenmutter läßt sieben Kinder verhungern“, oder „Das Arnoldmädchen mit Liebhaber in Neapel gesehen“ – wobei zu bemerken ist, daß „das Arnoldmädchen“ die durchgebrannte Tochter einer hochachtbaren bekannten Familie ist, die sich durch solch rohes Ausbrüllen ihres Herzeleides wie öffentlich geohrfeigt vorkommen muß! Dann folgen große Porträts der Rabenmutter mit den sieben Kindsleichen, wüst hingekleckste Darstellungen der großen Brandkatastrophe, Aufnahmen des Arnoldmädchens als Baby, als Schulmädel, als junge Dame, ihrer Eltern und ihres Entführers. Falls der letztere nicht wirklich von einem Detektiv oder Reporter geknipst werden konnte, tut es das Bild eines beliebigen anderen jungen Mannes natürlich auch. Reporternachrichten, wahre und unwahre, Telegramme über das gerade vorliegende Hauptereignis des Tages aus dem Bereich der Unglücks-, Verbrechens- oder Skandalchronik füllen die erste und vielleicht auch noch die zweite Seite aus; nötigenfalls schließen sich hier die Schauer- und Trauerfälle aus den anderen Teilen der Union und den anderen Weltteilen an. Jedenfalls bleibt als blamable Tatsache bestehen, daß alle die Nachrichten, die bei uns unter der Rubrik „Unglücksfälle und Verbrechen“ in möglichst knappen Notizen abgetan und nur von den Armen im Geiste mit lebhaftem Interesse gelesen werden, drüben an erster Stelle stehen und den meisten Raum beanspruchen, selbst in Blättern, die für anständig gelten. Den Sportereignissen werden tagtäglich, winters[pg 154]und sommers, viele, viele Spalten und massenhafte Illustrationen gewidmet. Auf diese Weise gelangt schließlich jeder amerikanische Junge, der sich auf dem grünen Felde in irgendeinem Sport eifrig betätigt, einmal dazu, seine interessanten Züge in der Zeitung festgehalten zu sehen, und daß das der jugendlichen Eitelkeit schmeichelt, ist ja begreiflich – weniger begreiflich jedoch, daß die Nation es nicht müde wird, jahraus, jahrein seine Bills, Bobs, Dicks, Johns und Jacks zum Frühstück serviert zu kriegen. Alle prominenten Persönlichkeiten, die gerade irgendwie von sich reden machen, werden fleißig interviewt und selbstverständlich abgebildet. Mehr oder minder harmlose Indiskretionen aus dem Leben der gerade im Brennpunkt des Tagesinteresses stehenden Personen füllen zahlreiche Spalten, und Big Bill (der Präsident Taft) muß sich’s gefallen lassen, ebenso burschikos angeulkt zu werden, wie irgendein Brettlstern. Um auch das meist trockene Gebiet der Politik nicht ganz ohne den Reiz der Illustration zu lassen, verfällt man auf die seltsamsten Auskunftsmittel. So war um die Weihnachtszeit 1910 unter den Nachrichten aus dem Weißen HauseThe Spinster AuntBig Bills, d. h. die Altjungferntante des Präsidenten, im Bilde zu sehen, welche ihrem lieben Neffen eigenhändig Lebkuchen und andere Gutseln gebacken hatte; das Paket und einzelne Gutseln waren gleichfalls abgebildet! Die Politik nimmt in den Sensationsblättern nur in Zeiten der Wahlkämpfe einen großen Raum ein, und die Sprache, die sie dann führt, zeichnet sich durch hahnebüchene Derbheit aus; jedes Mittel ist ihr recht, um den Parteigegner zu verunglimpfen. Sachlich gehaltene, gedankenvolle Leitartikel findet man nur in den besten Zeitungen. Einen breiten Raum beansprucht ferner die Rubrik, die bei uns „Hof und Gesellschaft“ überschrieben zu sein[pg 155]pflegt. Während aber bei uns nur die regierenden Häuser, der höchste Adel und ganz wenige große Persönlichkeiten der offiziellen Welt in dem Glashause der Öffentlichkeit sitzen, berichtet die amerikanische Presse tagtäglich von dem Leben und Treiben nicht nur ihrer höchsten Beamtenschaft, ihrer Multimillionäre und Modeberühmtheiten, sondern über alle ihre besser gestellten Mitbürger, soweit sie ein Haus ausmachen. „Mister und Missis Habakuk J. Flips von 132. Straße W. 385 hatten gestern abend zu Ehren ihrer Tochter Margaret Blossom, die ihr sechzehntes Lebensjahr erreichte, Gäste eingeladen. Unter den prominenten Persönlichkeiten bemerkte man ... usw.“ So geht es spaltenlang fort während der ganzen Saison. Wenn Damen aus der Gesellschaft für die Wohltätigkeit irgendeine Unterhaltung veranstalten, so bringt die Presse die Portraits sämtlicher Patronessen und ausführliche Berichte; ebenso wenn ein bekannter Bürger der Stadt eine große Reise unternimmt, wenn seine Tochter als Schönheit in der Gesellschaft Aufsehen erregt, oder sein Sohn beim Fußballspiel einige Rippen eingetreten kriegt, oder sein zu drei Viertel verkalkter Großvater achtzig Jahre alt wird – kurz und gut, der Markt der lieben Eitelkeit wird reich beschickt und trägt zu der fürchterlichen Papiervergeudung, als welche sich das ganze Preßunwesen darstellt, am meisten bei. Über Theater und Musik kann man unmittelbar neben den brillant geschriebenen Artikeln feiner Kenner in weit größerer Ausdehnung das alberne Gewäsch der Reporter finden, ebenso wie sich auch zwischen allen anderen Spalten unmittelbar neben dem sachverständigen Urteil des gereiften Fachmannes die zum Urteilen gänzlich unqualifizierte Volksstimme, das Gänsegeschnatter des Salons und der blödeste Tratsch der Hintertreppe breit macht. Hat man in dem Wirrsal von Nichtigkeiten[pg 156]doch einmal einen wirklich fesselnden, bedeutsamen Artikel erwischt, so wird man wieder des Genusses nicht froh durch die abscheuliche Gepflogenheit, den Text durch Geschäftsreklamen zu unterbrechen. Schreibt da ein feiner Kopf über irgendeine brennende, sagen wir sozialpolitische Frage. Ich folge gespannt den geistvollen Ausführungen, bis plötzlich in der Mitte der Spalte meine Augen vor einem Hindernis stutzen, denn da schiebt sich, dick und schwarz umrändert, die Reklame eines Apothekers für sein neues Abführmittel hinein; oder ich erbaue mich eben mit innerlichem Schmunzeln an den philosophischen Aphorismen zur Lebenskunst, die ein witziger Kopf in fein geschliffener Form zum besten gibt (eine Rubrik hierfür befindet sich in allen besseren Zeitungen und scheint sehr beliebt zu sein). Plötzlich wird eine reizende Bosheit über die Liebe durch das sich breit hereindrängende Inserat einer Bestattungsgesellschaft unterbrochen mit der fett gedruckten Überschritt: „Wähle dir nie dein Leichenbestattungsgeschäft aus persönlicher Freundschaft, denn wenn du das tust,“ geht es nun in kleinem Druck weiter, „so schädigst du erstens den Toten, weil du ihm nicht die erste Qualität Leichenbestattung zukommen läßt, und lädst zweitens den Hinterbliebenen eine Schuldenlast auf, für die sie keine Valuta empfangen haben, weil ein kleines Unternehmen, das jährlich nur wenige Begräbnisse zu liefern hat, selbstverständlich nicht so reich ausgestattet sein kann, wie ein großes von unserem Rang, und dennoch viel höhere Preise berechnen muß, weil es ja auch davon leben will. Unser Institut dagegen liefert ihnen zu billigerem Preise als irgendein anderes alles, was nur ein liebendes Herz zur Erweisung der letzten Ehre für seine teuren Verblichenen sich wünschen kann. Jedermann kann sich bei uns nach seinen eignen Ideen[pg 157]begraben lassen, wir haben Leute von allen Rassen, Glaubensbekenntnissen und Bruderschaften zu unserer Verfügung.“ Doppelstrich, – und dann geht es weiter im Text. So muß ich unglücklicher Zeitungsleser mir meine Reflexionen über die Liebe durch den unangemeldeten Besuch der Leichenwäscherin stören lassen; kann keinen Leitartikel bewältigen, ohne peinlichst an meine angeschoppte Leber, meine verdickte Galle oder mangelhafte Darmtätigkeit erinnert zu werden, und selbst wenn ich den harmlosen Roman in der Beilage schmökern will, halten mir die eifrigen Verkäufer aller möglichen Waren fortwährend ihre Muster mit lautem Geschrei unter die Nase.Intellektueller Schlangenfraß.Ich kann die aufreizende Wirkung dieser ewigen geschmacklosen Unterbrechungen nur mit den Gefühlen vergleichen, die das Telephon im Busen des modernen Menschen auslöst, wenn es ihm rücksichtslos in seinen Schlaf, in seine Andacht, in sein Nachdenken und seine Liebesfeier hineinklingelt. Man merkt auch aus dieser Aufmachung der Zeitung, daß der Durchschnittsamerikaner keinen Anspruch auf Schonung seiner Nerven erhebt. Er scheint seine Zeitung zu lieben, so wie sie ist, denn er widmet ihr alle seine freien Augenblicke, selbst während der Geschäftsstunden, und es ist für den denkenden Europäer höchst verwunderlich zu beobachten, wie Leute der verschiedensten geistigen Rangklassen, ohne Unterschied des Alters und Geschlechts, den nämlichen intellektuellen Schlangenfraß geduldig und sogar wohlig hinunterwürgen. Man traut seinen Augen nicht, wenn man einen ehrwürdigen Greis, dessen hohe, ausgearbeitete Stirn beträchtlichen Verstand bezeugt, mit verhaltenem Gekicher die sogenannte humoristische Ecke seiner Zeitung studieren sieht. In dieser Abteilung erscheint nämlich, ich weiß[pg 158]nicht seit wieviel Jahrzehnten bereits, tagtäglich eine Bilderserie von absichtlich unbeholfenen Karikaturen im Stile unseres „kleinen Moritz“. Die scheußlichen Fratzen, welche sich die amerikanischen Exzentrikkomiker des Varietés anzuschminken pflegen, fanden vielleicht ihre ersten Vorbilder in den tonangebenden Karikaturenzeichnungen der Tagesblätter, und diesen Fratzen hängen Zettel aus dem Munde, auf denen ihre erschütternd witzigen Aussprüche verzeichnet stehen. Gewiß können auch solche grotesken Kindereien zur Abwechslung einmal einen anspruchsvolleren Menschen belustigen – die goldig harmlosen Dollarikaner aber lassen sich in fast all ihren Blättern tagtäglich diesen Infantilismus gefallen; Sonntags kriegen sie sogar ganze Seiten davon in Buntdruck!Ein wenig begreiflicher wird einem ja allerdings diese kindliche Anspruchslosigkeit des Geschmacks, wenn man das unbegrenzte Vertrauen, das der amerikanische Leser in die Allwissenheit seiner Zeitung setzt, beobachtet. Wer kein Konversationslexikon im Hause hat, telephoniert an eine beliebige Redaktion und setzt voraus, daß er da eine prompte Auskunft auf alle erdenklichen Fragen erhält. Die Naivität der guten Leute geht soweit, daß sie dem Mister Editor sogar ihre Herzensgeheimnisse anvertrauen und ihn um guten Rat bitten. Manche Zeitungen haben eine eigne Abteilung für solche vertraulichen Auskünfte, die manchmal in ganz ernsthaftem Ton gegeben, oft aber auch von dem spaßhaften Redakteur zur ironischen Verulkung der Einfalt benutzt werden. Ich schlage eine angesehene Chicagoer Zeitung auf und finde unter der Rubrik „Die Frau und ihre Interessen“ folgende Anfrage aus dem Leserkreise: „Liebes Fräulein Libbey!“ – das ist die Redaktrice dieser Abteilung – „Schreiber dieses ist ein junger Mann, welcher in einer[pg 159]Landstadt lebt und keine Erfahrungen mit dem schönen Geschlecht hat. Letzte Woche begegnete mir eine junge Dame, und ich verliebte mich ganz verzweifelt in sie, sie machte mir aber nicht die geringsten Avancen. Mein Vater ist Besitzer einer Lohnkutscherei in der Stadt, und ich fahre den Omnibus vom Bahnhof. Wenn diese junge Dame von mir vom Bahnhof nach ihrer Wohnung gefahren zu werden wünschen sollte, würden Sie mir raten, sie gratis mitzunehmen? C. A.“Antwort: „Ja, das könnte Ihnen schon vorwärts helfen.“Ist das nicht rührend niedlich?Kopfzeilen.Eine allbekannte Eigentümlichkeit der amerikanischen Tageszeitung sind dieHead lines(Kopfzeilen). Die Redaktionen haben einen eignen Mann, welcher nichts zu tun hat, als die vorliegenden Manuskripte mit solchen auffallenden, kurz orientierenden Überschriften zu versehen, und dieser Mann wird gut bezahlt. Der europäische Leser läuft anfangs blau an vor Wut über diese gräßlichenHead lines; er fühlt sich zum Idioten erniedrigt, weil man durch diese Überschriften, die jeden Artikel alle Nase lang zusammenfassend unterbrechen, im Grunde genommen doch nur ausdrücken will, daß man ihn für zu stumpfsinnig halte, als daß er imstande sei, sich selber über den Hauptinhalt des Gelesenen klar zu werden. Er ärgert sich noch ganz besonders über die Gepflogenheit der Herren Headliner, bei Berichten über Äußerungen hervorragender Persönlichkeiten zu Tagesfragen den Namen des Sprechers weg zu lassen. Da steht also z. B. fett und gesperrt gedruckt: „Sagt, Kalifrage nicht schuld“, und erst in dem in Diamant- oder gar Perlschrift ohne Durchschuß gesetzten Text erfährt man, daß es sich um den amerikanischen Botschafter in Berlin[pg 160]handele, der die Mutmaßung zurückweise, daß seine Haltung in der Kalifrage die Ursache seiner Abberufung gebildet habe. – Ein Bericht über mein und meiner Frau Auftreten in einem Universitätshörsaal war beispielsweise überschrieben: „Tituliertes Paar produziert sich vor erlesener Hörerschaft“. Oder ein Mordbericht ist überschrieben: „Pfeift Signal aus Liebestagen, tötet sodann Frau“. Genug der Beispiele. Aber derselbe Europäer, der anfangs mit knapper Not dem Schlagfluß entging vor Ärger über so viel Kinderei und grobe Geschmacklosigkeit, kommt schon nach acht Tagen sicherlich dazu, die Einrichtung der Headlines zu segnen, denn sie bedeuten tatsächlich den Ariadnefaden, der allein einen durch das Labyrinth der zu wüsten Haufen aufgetürmten Tagesneuigkeiten sicher hindurchgeleiten kann. Mit Hilfe der Headlines ist man nämlich imstande, die umfänglichste Tageszeitung in fünf Minuten zu erledigen, während man reichlich fünf Stunden brauchen würde, wenn man den ganzen klein gedruckten Text lesen wollte. Sie sind also im Grunde eine ungemein menschenfreundliche Einrichtung.Ein smarter Reporter.Es sei mir gestattet, aus meiner eignen Erfahrung ein kleines Beispiel dafür anzuführen, was der Amerikaner unter journalistischerSmartnessversteht. In St. Louis wurde uns unmittelbar nach unserer Ankunft früh morgens ein Reporter gemeldet, der uns zu interviewen wünschte. Ich merkte sehr bald, daß der sympathische, bescheidene junge Mann keinen blassen Schimmer hatte, wer wir waren, und er gestand auch lächelnd ein, daß ihn nur der „Baron“ veranlaßt habe, uns so rücksichtslos zu überfallen, ehe wir uns noch den Schmutz der Nachtfahrt abgespült hatten. Da in jenen Tagen die Aufführung von Richard Strauß’ „Salome“ in Chicago viel Staub auf[pg 161]wirbelte, und die Leute von St. Louis mit Spannung darauf warteten, ob ihr Stadtoberhaupt die Aufführung dieses gotteslästerlichen Werkes gestatten werde, so brachte ich den netten jungen Mann auf die Idee, mich über meine Beziehungen zu Strauß und meine Ansicht über „Salome“ auszufragen. Er stenographierte fleißig, und wir brachten, wie mir schien, ein ganz nettes Feuilleton zustande. Höchst vergnügt zog er mit seiner Beute ab. Bereits eine Stunde später wurden wir von seiner Redaktion angeklingelt: da habe ihnen einer ihrer jungen Leute ein ganz blödsinniges Gewäsch abgeliefert, wir sollten doch die überflüssige Belästigung entschuldigen und den Besuch eines anderen jungen Herrn ihrer Redaktion freundlichst empfangen. Bereits nach zehn Minuten erschien dieser Ins-Reine-Interviewer. Nachdem der schneidige, elegante junge Mann seinen Kollegen für einen Trottel erklärt hatte, ließ er sich ein Bild von meiner Frau geben und fragte sie, wie ihr die amerikanischen Männer gefielen, ob ihr die glattrasierten Gesichter lieber seien als die Schnurrbärte, was sie von den Humpelröcken halte, ob sie nach dem Westen zu gehen beabsichtige, ob sie sich nicht vor den Cowboys dort fürchtete – und dergleichen weltbewegende Wichtigkeiten mehr. In der Nachmittagsausgabe seines höchst gelben Blattes erschienen bereits Bild und Interview, und es wurde uns nachher von vielen Leuten bestätigt, daß das Publikum tatsächlich dergleichen platte Nichtigkeiten sehr gerne lese. Einige Tage später waren wir zu Gast bei dem Besitzer jener Zeitung. Wir fanden ein reizendes Heim und eine aus belangreichen Männern und interessanten Frauen anmutig gemischte Gesellschaft und in der Gattin des Hausherrn eine hochgebildete, geschmackvolle und fein empfindende Dame.Ideale Möglichkeiten für die Zeitung.Ich glaube, aus dieser und manchen ähnlichen Erfahrung[pg 162]schließen zu dürfen, daß der Tiefstand der amerikanischen Presse durchaus nicht immer einen Rückschluß zulasse auf mangelhafte Befähigung der amerikanischen Journalisten. Im Gegenteil: diese Damen und Herren verfügen nicht selten über eine sehr gute Bildung, über eine höchst gewandte Feder, einen schlagfertigen Witz, und es wäre sehr wohl möglich, mit denselben Mitarbeitern auch eine nach unserem Geschmack gute Zeitung herzustellen. In allem Technischen ist uns die amerikanische Presse sogar vielfach überlegen. Die Schnelligkeit der Berichterstattung und besonders die Schnelligkeit in der Herstellung dieser, an Umfang unsere Tagesblätter meist weit übertreffenden Zeitungen sind ganz erstaunlich, und die Art und Weise, wie die Zeitung oft tatkräftig in öffentliche Angelegenheiten von Bedeutung eingreift, und wie sich bei solchen Gelegenheiten der Journalist zum Volksmanne großen Stiles, zum erfolgreichen Anwalt der Verkannten und Unterdrückten entwickelt, kann uns nur mit aufrichtiger Hochachtung erfüllen. Ich brauche wohl nur die NamenNew-York HeraldundHenry M. Stanleyzu nennen! Es betätigen sich eben im Journalismus nicht nur Leute, „die ihren Beruf verfehlt haben,“ nicht nur Klugschwätzer und Geistprotzen, sondern auch Tatmenschen, Willensgenies – weil sie wissen, daß aus einem Journalisten alles werden kann: ein Nordpol-Entdecker, ein Sherlok-Holmes, ein Theatertrustmagnat, ein Präsident der Republik! Unserer deutschen Eitelkeit ist es besonders schmeichelhaft, daß unter den hervorragendsten Journalisten englischer Feder sich auch zahlreiche deutsche Einwanderer befinden. Der anerkannt beste Musikkritiker New Yorks ist ein Deutscher; in dem amBoston Transcript, einer in geistigen Dingen führenden Tageszeitung, angestellten Redakteur für literarische Angelegenheiten entdeckte ich einen[pg 163]ehemaligen Wiener Feuilletonisten; er schreibt jetzt, wie viele seiner Landsleute im Journalismus und im Lehrfache, ein vorbildliches Englisch. Wenn solchen reichen Möglichkeiten zum Trotz dennoch das allgemeine Niveau der Tagespresse so erschreckend niedrig ist, so sind daran in der Hauptsache doch wohl nur die Verleger schuld, die sich an das gefährliche Goethewort halten: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.“Eine Zeitung für jedermann aus dem Volke kann es aber vernünftigerweise überhaupt nicht geben; denn was das Herz eines Waschweibes erfreut, bedeutet für einen denkenden Menschen eine schwere Beleidigung, was eine weltkluge Frau von reifem Verstande lebhaft interessiert, langweilt vielleicht einen aufgeweckten Ladenschwung zum Gähnen usw. usw. Eine Zeitung kann ungemein erziehlich wirken nicht nur für den Geschmack, sondern auch für die guten Sitten und sogar für das Denkvermögen ihrer Leser, indem sie allgemein verständlich schreibt, ohne sich jedoch zu dem Geschmack und dem beschränkten Begriffsvermögen der geistig Minderwertigen herabzulassen, indem sie den niedrigen Instinkten der Masse keine Konzessionen macht und den Erbärmlichkeiten gegenüber, die die Wogen des Lebens tagtäglich ans Ufer der Öffentlichkeit schleudern, gewissermaßen die Funktionen der Gesundheitspolizei ausübt, dadurch daß sie alle übel riechenden Materien diskret entfernt oder wenigstens desinfiziert und zum Nutzen der allgemeinen Moral chemisch verarbeitet. Die jämmerliche Liebedienerei, welche fast die gesamte amerikanische Tagespresse der Masse gegenüber betreibt, wirkt jedoch als schweres Kulturhemmnis, geschmacksverderbend und sogar demoralisierend. Daß sie, wie ich in den Ausführungen über öffentliche und private Moral bereits hervorhob, trotz ihrer[pg 164]indiskreten Zudringlichkeit, vor der selbst die zartesten Geheimnisse des Familienlebens nicht sicher sind, geschlechtlichen Dingen gegenüber eine geradezu ängstlich prüde Zurückhaltung ausübt, verringert die moralischen Gefahren, die sie heraufbeschwört, nicht im geringsten, wenn anders man zugibt, daß Moral keineswegs im Nichtswissen um die Natürlichkeiten des Geschlechtslebens besteht, sondern darin, daß man seinen Mitmenschen gegenüber eine anständige Gesinnung betätigt und seine schlechten Triebe in strenge Zucht nimmt. Wer den Instinkt der Masse zum obersten Richter über die Moral und den gesunden Menschenverstand zum Minister der geistigen Angelegenheiten einsetzt, der trägt notwendig zur Verflachung der Kultur bei. Und wer einmal vor dem Mob eine etwas zu tiefe Verbeugung gemacht hat, dem setzt er sich leicht auf den Nacken und reitet ihn in den Sumpf der tödlichsten Trivialität hinein. Es ist sehr schwer, sich da wieder herauszurappeln.Sensationsartikel ernster Zeitschriften.Auch dafür liefert uns die amerikanische Presse ein warnendes Beispiel; anstatt daß nämlich, um die Geringwertigkeit des täglichen Massenfutters auszugleichen, die Wochen- und Monatsschriften nun erst recht auf nahrhafte Qualität der von ihnen aufgetischten Geistesspeise ausgingen, sehen wir sie vielmehr fast samt und sonders von dem bösen Beispiel der Tagespresse angesteckt. Auch ihr Feldgeschrei lautet: Sensation um jeden Preis! Ich weiß nicht, ob es ein einziges Blatt in Amerika gibt, das absichtlich den Kreis seiner Leser einschränkte, um zwanglos zu einer Gemeinde von Auserwählten sprechen zu dürfen. Weil der Hunger nach Sensation, durch die schlechte Presse geflissentlich genährt, nunmehr bereits eine Charaktereigenschaft des ganzen Volkes geworden ist, so glauben ihm heute auch die guten, alten Wochen-[pg 165]und Monatsschriften Rechnung tragen zu müssen, wenn es auch nur mit einem einzigen Artikel wäre. Wenn man den Herausgebern daraus einen Vorwurf macht, so erwidern sie einem achselzuckend: „Ja, dieses einen Artikels wegen wird aber unsere Zeitschrift gekauft; bringen wir ihn nicht, so schnappt uns die Konkurrenz die Leser weg.“ Dieser eine Sensationsartikel, der zum Ärger geschmackvoller Menschen die Physiognomie einer sonst vornehmen Zeitschrift verschandelt wie eine behaarte Warze das Antlitz einer feinen, liebenswürdigen Matrone, wird bezogen aus dem Reiche des Schwindels, der literarischen Hochstapelei, er wird eingegeben vom Neid, von der Rachsucht, vom Cynismus derer, die nichts mehr zu verlieren haben. Während meiner Anwesenheit in den Vereinigten Staaten brachte so eine angesehene Zeitschrift einen Artikel, in welchem behauptet wurde, daß in New York täglich etliche hunderttausend Stück faule Eier importiert würden, und daß sämtliche Zuckerbäcker ihre appetitlichen Süßigkeiten grundsätzlich nur aus faulen Eiern herstellten! Und eine Monatsschrift von noch älterem Rufe entwarf ein schaudererregendes Bild von der lebensgefährlichen Ignoranz der amerikanischen Ärzte, insonderheit der Chirurgen. Da wurde als Beispiel erzählt, daß ein Chirurg mit großer Praxis eine Reise ins Ausland unternehmen wollte und seine Patienten einem älteren, angesehenen Kollegen empfahl; darunter eine Dame, an der er eine Blinddarmoperation ausgeführt hatte, die aber neuerdings wieder über Schmerzen klagte. Der ältere Kollege habe die Dame untersucht und beim besten Willen keine andere Diagnose als Blinddarmentzündung stellen können. Schließlich sei der Zustand der Dame so besorgniserregend geworden, daß sie selber auf eine nochmalige Operation bestanden habe. Dabei zeigte sich,[pg 166]daß der Blinddarm, und zwar in scheußlicher Verfassung, noch vorhanden war. Als der jüngere Kollege dann zurückkehrte und von dem sonderbaren Ergebnis der Operation erfuhr, habe er totenblaß ausgerufen: „Mein Gott, was habeichdann da der Dame herausgeschnitten!?“ Ich müßte mich sehr täuschen, wenn ich diesen Scherz nicht schon vor dreißig Jahren in Deutschland gehört hätte; aber er genügte, gehörig aufgefrischt, um die sämtlichen medizinischen Fakultäten, die ganze Ärzteschaft der Vereinigten Staaten mobil zu machen und einen erbitterten Kampf der Meinungen zu entfachen, von dem jene tüchtige alte Monatsschrift schmunzelnd den Profit einstrich. Man sieht aus diesen Beispielen, daß sich der Sensationsgier zuliebe selbst die für die geistige Oberschicht arbeitende Presse kein Gewissen daraus macht, mit der Ehre des Einzelnen, eines ganzen Standes, eines Berufs oder gar der ganzen Nation ein frivoles Spiel zu treiben. Die Entschuldigung dafür klingt freilich plausibel genug: „Was wollen Sie?“ sagen einem die Herausgeber, „die Wissenden täuschen wir ja doch nicht mit solchem Bluff, die amüsieren sich nur darüber, und im übrigen wird so unendlich viel gedruckt und gelesen, daß das Publikum es ja doch nicht alles behalten kann. Wenn also die ärgsten Lügen wirklich einmal nicht einwandfrei dementiert werden sollten, so vergißt sie das Publikum doch sicher über der nächsten Sensation. Wo bleibt also der große Schaden, den wir stiften sollen?“Es muß allerdings zugegeben werden, daß unter den besonderen amerikanischen Verhältnissen der Schaden vielleicht geringer ist, als er bei uns in Deutschland sein würde, weil dort verhältnismäßig nur wenige Menschen auf ein Blatt abonniert sind. Der Großstädter zumal kauft sich seine Zeitung und selbst seine Wochen- und[pg 167]Monatsschrift auf der Straße, und zwar heute die und morgen jene, wie es der Zufall will. Er lernt also die politischen Tagesfragen heute in republikanischer, morgen in demokratischer Betrachtung kennen; er sieht heute rot, morgen blau und übermorgen gelb – wenn er noch seinen eignen grünen Optimismus hinzutut, ergibt die Mischung nach dem Newtonschen Gesetz schließlich doch das Weiß der reinen Wahrheit! Die Gefahr der Verblödung durch die Presse ist also schließlich doch nicht so groß, wenigstens für den an sich schon freieren Geist. Gesetzt aber selbst den Fall, daß unter den etlichen 90 Millionen Menschen, welche die Vereinigten Staaten bevölkern, nur wenige Tausend noch auf dem kindlichen Standpunkt stehen sollten, alles, was gedruckt ist, für wahr zu halten, so bliebe noch immer die ungeheure Blamage vor der übrigen gebildeten Welt, welche doch nicht gut umhin kann, die Intelligenz und den Geschmack der ganzen Nation nach der Presse zu beurteilen, die sie sich gefallen läßt.Die deutsche Presse.Es sei übrigens nachdrücklich betont, daß wenigstens ein Teil der deutschen Presse Amerikas, und besonders der führenden Blätter New Yorks, sich die redlichste Mühe gibt, sich über den Standard der englischen Presse zu erheben. In den großen deutschen Zeitungen findet man, besonders über das Ausland, eine bei weitem ausführlichere und zuverlässigere Berichterstattung, als selbst in der guten englischen Presse. Und was beispielsweise die New Yorker Staatszeitung in ihrem Sonntagsblatt an Belehrungs- und Unterhaltungsstoff bietet, wird an Qualität und Quantität von keiner unserer Zeitungen erreicht. Aber freilich: die große Mehrzahl der deutschen Einwanderer amerikanisiert sich überraschend schnell in Dingen des Ungeschmacks und der oberflächlichen Neu[pg 168]gier, und so zwingt der Selbsterhaltungstrieb auch die deutschen Blätter, manchen betrüblichen Unfug mitzumachen. Die Frage ist nun die: ist es überhaupt möglich, diesem rapiden Herabsinken Einhalt zu gebieten in einem großen demokratischen Freistaat, in dem die Masse sich zum allmächtigen Tyrannen aufgeschwungen hat? Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, daß es die natürliche Tendenz jeder menschlichen Gemeinschaft sei, eine Aristokratie aus sich heraus zu entwickeln. Nun, ich sehe auch die Vereinigten Staaten auf dem besten Wege dazu. Die Zeit muß kommen, wo diese Aristokratie zahlreich und stark genug ist, um die geistige Führung an sich zu reißen. Eine aristokratische Kultur aber läßt sich eine kulturlose Presse nicht gefallen. Die gebildete Welt wird die Amerikaner erst dann unter die Kulturvölker rechnen, wenn sie eine Presse besitzen, die es sich zur heiligen Aufgabe macht, den Geschmack der Masse zu vergewaltigen.[pg 169]Von der demokratischen Gesellschaft.Die demokratische Freiheit.Deutsche Auswanderer, die in den Vereinigten Staaten zu Wohlstand gelangt sind, und es sich leisten können, von Zeit zu Zeit die alte Heimat zu besuchen, versichern einen in weitaus den meisten Fällen, daß sie mit staunender Genugtuung den großen Aufschwung des Vaterlandes in wirtschaftlicher, verkehrstechnischer, wissenschaftlicher und künstlerischer Beziehung wahrgenommen, daß sie mit stiller Rührung so manche treu behütete Wahrzeichen der Vergangenheit, liebenswürdige alte Sitten und Gebräuche, feuchtfröhliche Kneipwinkel und traute Gemütlichkeit im Familienheim wieder gefunden und ihre Heimatliebe dadurch gestärkt hätten. Wenn man sie aber dann fragt, ob sie denn das alles nicht in der Neuen Welt schmerzlich vermißten und ihr Leben nicht lieber mehr oder minder bescheiden, jedenfalls aber in der ruhigen Behaglichkeit des Rentners in der alten Heimat beschließen wollten, da bekommt man fast immer zur Antwort: „Nein, Wurzel fassen könnte ich auch in dem üppigen modernen Deutschland nicht mehr. So sehr ihr auch fortgeschritten seid, so habt ihr doch noch keine Ahnung von der wahren demokratischen Freiheit. Ihr fühlt euch immer noch als Untertanen, und es scheint euch vollständig in der Ordnung, euch euer ganzes Leben lang von euren großen und kleinen Fürsten, von Adel und Geistlichkeit, von euren geschwollenen Beamten und aufdringlich neugierigen Polizeiorganen grob oder sanft stupfen, gängeln und behüten zu lassen. Euer Dasein ist nach wie vor umzäunt von Warnungs- und Verordnungstafeln, der freie Entschluß[pg 170]und die freie Meinung trauen sich immer noch nicht recht heraus, ihr wartet immer noch auf Erlaubnis oder Befehl von oben, anstatt auf Biegen oder Brechen dem Unheil Trotz zu bieten. Die Disziplin und Ordnung bei euch ist ja eine ganz schöne Sache, aber die behagliche Ruhe, die sie bieten, muß doch mit zu viel Demütigungen des Selbstbewußtseins erkauft werden. Eure gesellschaftlichen Einrichtungen erscheinen uns Republikanern nun vollends lächerlich und unerträglich, denn ihr habt ja noch kaum angefangen, mit den unmöglichsten Standesvorurteilen und dem engherzigsten alten Kastengeist aufzuräumen. Das sind die Gründe, weshalb ein Mensch, der etliche Jahrzehnte lang die Luft echter demokratischer Freiheit geatmet hat, im alten Vaterlande nicht mehr heimisch werden kann.“ Und dann werden einem allerlei blamabel komische Reiseerlebnisse aufgetischt, die dieses Urteil über unsere Unfreiheit erhärten sollen: polizeiliche Meldeformulare, welche nicht nur Namen, Stand und Herkunft, sondern auch Alter, Religion und Zweck des Aufenthalts des Reisenden zu wissen begehren, das Zusammenknicken schnauzender Beamten vor einer Leutnantsuniform, die aufgeregte Wichtigtuerei des Mannes mit der roten Mütze, der mit Papieren in der Hand auf dem Bahnsteig hin und her rennt und seine Lunge anstrengt wie ein Brigadegeneral, um einen harmlosen Personenzug abzufertigen; die komische Angst der Gastgeber vor Verstößen gegen die Rangordnung bei Einladungen in ihr Haus, die Einbeziehung der Frauen in diese Rangordnung, die umständlichen Höflichkeitsbezeigungen wildfremder Menschen gegeneinander – und was dergleichen niedliche Reliquien aus jammervoller deutscher Vorzeit mehr sind.Das stimmt alles, und wir haben kein Recht, es dem Ausländer zu verübeln, wenn er diese Dinge bei uns mit[pg 171]ironischer Heiterkeit oder gar mit bitterem Zorn bemerkt. Die Frage ist für uns nur die: lebt man in der demokratischen Gesellschaft der größten amerikanischen Republik wirklich so sehr viel freier? Und ist es überhaupt möglich, ein friedliches Nebeneinanderleben von Menschen, eine öffentliche Ordnung, Sicherung des Lebens und Eigentums, eine Entwicklung von Gesittung zu schaffen ohne Gesetze, welche die absolute Freiheit des einzelnen beschränken und ohne Gewaltmittel, durch welche diesen Gesetzen Achtung verschafft wird? Die republikanische Regierung der Vereinigten Staaten hat diese Frage sehr energisch verneint. Ich wüßte nicht, wo in der Welt mehr und eifriger Gesetze fabriziert würden, als gerade in der Union, wo nicht nur im Senatspalast von Washington, sondern in den Kapitalen sämtlicher 44 Bundesstaaten, jahrein, jahraus Paragraphen geschmiedet werden, die wiederum durch die lokalen Verordnungen der einzelnen Gemeinwesen weitgehende Ergänzungen erfahren. Gewiß, unsere Verordnungswut, unsere kleinliche Polizeischikane verderben uns manche schöne Stunde und reizen die Galle öfter als das Zwerchfell – aber ist das drüben so sehr viel besser? Wenn der Zug die Grenze eines Prohibitionsstaates passiert, reißt mir der Schwarze im Speisewagen das Bierglas vom Munde weg; in Wisconsin mache ich mich strafbar, wenn ich jemandem eine Zigarette anbiete; in Boston werde ich in den Kerker geworfen, wenn ich auf der Straße ausspucke, auf der New-Yorker Untergrundbahn mit schwerer Geldstrafe belegt, wenn ich mich auf dem Bahnsteig mit einer glimmenden Zigarre sehen lasse; wenn ich ein schönes Mädchen bewundernd anblicke, riskiere ich, durchgeprügelt zu werden, und wenn ich das Opernhaus anders als im Frack und weißer Weste betrete, werde ich durch verächtliche Blicke in den Boden gebohrt.[pg 172]In der demokratischen Gesellschaft gibt es angeblich keinen Unterschied der Stände, und diese allgemeine Gleichheit soll ihren deutlichsten Ausdruck darin finden, daß auf der Eisenbahn nur eine einzige Wagenklasse für alle vorhanden ist. Dieser Grundsatz ist aber in Wahrheit nur bei langsamen Lokalzügen durchgeführt, die der „bessere Mensch“ ja doch selten benutzt, weil er sein eignes Auto hat. Sobald ich aber weite Strecken fahren will, denke ich nicht im Traume daran, mich mit Arbeitern, Chinesen, Negern, gummikauenden Ladenmädchen und Viehtreibern in die Car mit den gräßlich engen Sitzen aus schmutzigem Strohgeflecht zu setzen, sondern ich bezahle meinen Zuschlag am Schalter der Pullman-Gesellschaft und erwerbe mir damit das Anrecht, in einem großen luftigen, schön ausgestatteten Salonwagen einen bequemen drehbaren Polstersessel zu benutzen und an den besonderen Luxuseinrichtungen, wie Wasch- und Rauchkabinett, Speisewagen, Büfettwagen mit Schreibgelegenheit und reichhaltige Journalauswahl nach Belieben teilzunehmen. Hier kann ich sicher sein, mich in Gesellschaft reinlicher, gut gekleideter, manierlicher und wohlhabender Menschen zu bewegen, gerade so gut oder besser, als wenn ich in Deutschland zweiter Klasse führe. Fühle ich mich aber so außerordentlichprominent, daß mir auch diese Gesellschaft noch zu ordinär ist, gehöre ich also nach deutschen Begriffen zu denerstklassigenMenschen, so lege ich noch ein paar Dollar zu und kaufe mir dafür einCompartement, d. h. einen abgeschlossenen, bequemen Raum innerhalb des großenPullman-Wagens, in dem ich über üppige Salonmöbel verfüge und nachts auch allein schlafen kann, während die Leute zweiter Klasse, Männlein und Weiblein pêle-mêle, der Länge nach hinter einem grünen Vorhang übereinander geschichtet und sorgfältig von der frischen[pg 173]Luft abgeschlossen werden. Selbstverständlich kann man es, ebenso wie bei uns, einem Protzenbauer in dreckigen Schmierstiefeln nicht verwehren, wenn es ihm Spaß macht, für sein Geld erster Klasse zu fahren. Wenn aber drüben etwa ein Cowboy in verwegenem Räuberaufzug sich für seine zerknitterten Greenbacks (Dollarscheine) einen Platz im Pullman-Wagen leistet, so wird er sich in der manierlichen Gesellschaft, in der er weder rauchen noch spucken darf, bald genug ungemütlich fühlen und ganz bescheiden in den Rauchwagen abschieben, wo die Sitten freier sind. Ist das nun etwas anderes wie unser Dreiklassensystem? Wir mit unserer dünkelhaften Verachtung des Proletariers schufen sogar noch eine vierte Klasse für die Leute mit der ganz schmalen Börse – die Eisenbahnkönige im Lande der Freiheit und Gleichheit denken aber natürlich nicht daran, diesem Bettelpack zuliebe ganz billige Fahrgelegenheiten einzuführen. Daß – in den Südstaaten wenigstens – Neger in der Eisen- und selbst in der Straßenbahn im besonderen Wagen fahren müssen, ist ja eine weltbekannte, echt demokratische Einrichtung.Die alte Tante.Man sieht aus diesen wenigen Beispielen, daß auch in der großen Republik dafür gesorgt ist, daß der freie Kulturmensch sich hie und da an Gesetzestafeln Beulen stößt und wegen lächerlicher Bevormundung gerade so schön die Kränke kriegen kann, wie bei uns. Wenn wir näher zusehen, welchen Mächten es denn zu danken sei, daß wir drüben nicht vor lauter Freiheit allzu übermütig werden, so stoßen wir in den meisten Fällen auf –die alte Tante! Ich für meinen Teil muß gestehen, daß mir diese alte Tante, welche, mit einer Axt und mit einer Bibel bewaffnet, Türen einschlägt, Schnapsflaschen demoliert, gesetzgebenden Körperschaften die Fenster des Sitzungssaales einschmeißt und am liebsten alle freie Fröhlichkeit durch ihr sauer[pg 174]töpfisches Geplärr ersticken möchte, bei weitem unsympathischer ist, als unsere grimmigsten Polizeigewaltigen. Das ist überhaupt die üble Kehrseite der ritterlichen Frauenverehrung bei den Amerikanern, daß sie so leicht vor den verrücktesten Anschlägen boshafter und beschränkter alter Weiber zu Kreuze kriecht, sobald sie im Namen der Religion oder der Sittlichkeit unternommen werden. Denn es ist dieselbe bösartige alte Tante, welche mich zwingt, mein gutes Diner in einem erstklassigen Hotel wie das liebe Vieh mit Wasser hinunter zu spülen, oder mir ein harmloses Glas Bier durch eine Lüge zu erschleichen3, dieselbe auch, welche mir an meinen freien Sonntagen die Theater vor der Nase zusperrt, mir jede schöne künstlerische Nacktheit mit Feigenblättern verschandelt und sogar meine Lektüre kontrolliert, indem sie die Tore des Freistaates gegen die Einfuhr „freier“ Bücher verschließt und dem einheimischen Schriftsteller nicht gestattet, seine Feder Dinge und Gedankenkreise berühren zu lassen, diesiefür anstößig erklärt! Daß diese biedere Tante mit ihrem frommen Eifer weder die Trunk- noch die Vergnügungssucht, noch gar Kunst und Wissenschaft gänzlich auszurotten vermag, versteht sich von selbst; ihr Erfolg besteht darin, daß sie eine scheußliche und lächerliche Heuchelei züchtet und auf künstlerischem und wissenschaftlichem Gebiete die freie Entwicklung immerhin beträchtlich hemmt. Da es dem Bürger der Vereinigten Staaten an so vielen Plätzen verboten ist, seinen Durst mit alkoholischem Naß zu löschen, so verlernt er die guten Sitten im Umgang mit geistigen Getränken und berauscht[pg 175]sich bei verschlossenen Türen an konzentrierten Giften. Da ihm Sonntags der Genuß des Schauspiels wie der Oper versagt ist, die Gesetzgeber aber doch nicht so unmenschlich sein wollen, um Leute, die nur Sonntags Zeit haben, ganz und gar von dieser unter Umständen sogar bildenden Unterhaltung auszuschließen, verfielen sie auf den Ausweg, theatralische Vorstellungen unter dem NamenSacred Concertzu gestatten, wobei aber Kostüm und Tanz fortfallen müssen. Zu meiner Zeit wurde im deutschen Theater in New York am Sonntag nachmittag „Madame Bonivard“, der französische Schwank von der alten Balletteuse, alsgeistliches Konzertgegeben!Raubritter hüben und drüben.Und wenn die Amerikaner behaupten, daß es einen Kastengeist oder überhaupt gesellschaftliche Vorurteile bei ihnen nicht gebe, so muß ich mir erlauben, auch dahinter ein großes Fragezeichen zu machen. Die Abkommen der Knickerbockers, der True Virginians oder gar der biederen Londoner Handwerker, die 1620 mit der „Mayflower“ landeten, entwickeln einen Adelstick, der unsere blaublütigsten ostelbischen Junker neidisch machen könnte. Ganz natürlich: denn ein Amerikaner, der seine Großeltern noch kennt, ist schon ein leidlich vornehmer Mensch, da es ja ihrer viele gibt, die kaum wissen, wes Standes und Landes ihre Eltern waren. Folglich rechnen sich Leute, deren Ureltern schon Amerikaner waren, schon zum hohen Adel, selbst wenn diese Herrschaften Viehräuber gewesen sein und am Galgen geendet haben sollten. Die Nachkommen namhafter Kolonisatoren und Pioniere genießen ganz folgerichtig eine Verehrung, wie bei uns kaum die Sprossen königlicher Häuser. Da aber dieser Adel nicht durch Titel äußerlich erkennbar ist, so sorgt er durch strengste Absperrung seines gesellschaftlichen Kreises dafür, daß er nicht mit der Krapüle verwechselt werden[pg 176]kann. Es ist schwerer in die Gesellschaft der sogenannten Vierhundert hineinzukommen, als an den Höfen europäischer Kaiser und Könige Zutritt erhalten. Und geradeso wie unsere Potentaten von den Hofgeschichtsschreibern Fälschungen und Unterschlagungen begehen lassen, um unangenehme Eigenschaften ihrer Vorfahren vergessen zu machen, so scheuen die Vanderbilts, Jay Goulds, Astors usw. keine Kosten, um unangenehme Veröffentlichungen über ihre Ahnen zu hintertreiben. Nachschlagewerke wie „Wer ist wer?“ spielen drüben eine Rolle wie bei uns der „Gotha“. Die guten alten Familien schütteln ihre Bekanntschaften durch sieben Siebe, bevor sie sie ihres näheren Umganges würdigen, und die Emporkömmlinge, mögen sie auch Millionen schwer sein, kennen kein höheres Ziel ihres Ehrgeizes, als eine Einladung in eines dieser erlauchten Häuser zu erreichen oder wenigstens irgend einen ihrer jüngeren Prinzen oder Prinzessinnen bei sich zu sehen. Orden und Titel gibt es drüben offiziell nicht, dafür recken sich aber die guten Leute in den Theater- und Konzertsälen die Hälse aus, um die funkelnden Dekorationen der Herren Diplomaten zu bestaunen und schmücken ihre Knopflöcher mit Vereinszeichen in Gestalt blitzender Sternchen und Kreuzchen, die unseren Miniaturorden von weitem wenigstens sehr ähnlich sehen. Und jeder Bürger, der durch sein geschäftliches Glück oder durch eine gute Karriere unter die Prominenten geraten ist, trägt eifrig dafür Sorge, so oft wie irgend möglich in den Zeitungen erwähnt, abgebildet und interviewt zu werden, weil das seine gesellschaftliche Stellung ungemein erhöht. Die guten Republikaner scheinen ein vortreffliches Gedächtnis sowohl für die Zeitungsberühmtheiten wie für die Familienverhältnisse aller ihrer großen Tiere zu haben, denn in den besseren Kreisen wissen sie alle und besonders die Damen[pg 177]ganz genau, mit wem man anstandshalber verkehren kann und mit wem nicht. Sie haben ihre Liste dermöglichenMenschen so sicher im Kopfe wie bei uns nur die Damen der exklusivsten Kreise, deren Evangelium die Rangliste und das Gothaische Taschenbuch ist. Der Unterschied von hüben und drüben ist also nicht gar so groß – nur daß die europäischen Raubritter doch wenigstens ursprünglich Sprossen erlesensten Blutes waren und nur durch die Not, die Rauheit der Zeiten zur Räuberei verführt wurden. Drüben war aber doch meistens der Raubinstinkt das Primäre und wurde durch den Besitz eher gesteigert als vermindert. Zum Erwerben von ungeheuren Vermögen gehört neben hervorragender Klugheit, Beharrlichkeit, Phantasie und Wagemut noch immer eine große Portion Rücksichts- und Gewissenlosigkeit. In einer Gesellschaft von Abenteurern, Spielern und Gewaltmenschen wurde das Diebsgenie begreiflicherweise mehr bewundert als jedes andere.Pluckynessist heute noch ein höchstes Lob für einen Amerikaner, und wer die Dummheit anderer nicht ausnutzt, der gilt ihm für einen Schwachkopf. Wer diese Seite der amerikanischen Lebensauffassung mit Hochgenuß studieren will, der lese die kürzlich erschienenen Memoiren des alten Gauners Drew4. Darin kommt eine köstliche Anekdote vor, wie er einstens den alten ehrlichen Jakob Astor hineinlegte. Drew hatte eine gute Gelegenheit benutzt und für ein Spottgeld eine ganze Herde höchst minderwertigen Rindviehs gekauft. Er trieb sie selbst bis nahe vor New York und ließ die armen Tiere in den letzten zwei Tagen Salz lecken und erbärmlich Durst leiden. Dann ersuchte er Jakob Astor, hinauszukommen und sich seine kapitalen Tiere anzusehen. Eine Stunde vor Ankunft des mißtrauischen alten Geschäftsfreundes ließ[pg 178]er seine Herde saufen, saufen, saufen, bis sie mit ihren prallen Wasserbäuchen eine unerhört strotzende Gesundheit vortäuschte. Astor fiel darauf herein und bezahlte ihm einen glänzenden Preis. Dieses Schwindelmanöver hat eine sozusagen klassische Berühmtheit erlangt, und man nennt seither den Trick, Aktien durch Vortäuschung großer Rentabilität bei gesundem finanziellem Fundament in die Höhe zu treiben „Watering the stock“ die Herde wässern – denn das Wortstockbedeutet sowohl Aktie wie Herde. – Natürlich fällt es mir gar nicht ein, den Yankees aus ihren undemokratischen Gelüsten einen Vorwurf machen zu wollen; ich sehe vielmehr darin nur eine Bestätigung meiner Überzeugung, daß das Streben nach Züchtung einer Aristokratie ein Naturgesetz sei. Der gesunde Ehrgeiz, der zum Vorwärts- und Hochkommen anspornt, saugt seine Nahrung aus dem Naturtriebe aller stärkeren, wertvolleren Menschen, sich von den minderwertigen Schwächlingen abzusondern.Soldatenwerbung.Es war mir sehr interessant, die Klage eines New Yorker Führers der Sozialdemokratie zu vernehmen, daß es in den Vereinigten Staaten so außerordentlich schwer sei, die Partei hoch zu bringen, weil die Leute keine Disziplin halten wollten. Da liegt der Hase im Pfeffer. Bei uns bekämpft die Sozialdemokratie den Militarismus aufs grimmigste – und dennoch verdankt sie einzig und allein diesem Militarismus ihren gewaltigen Erfolg in der Gegenwart. Der militärische Drill sitzt seit etwa fünf Generationen unserem Volke im Blut und hat es zum Disziplinhalten erzogen; dem freien Bürger der Vereinigten Staaten aber ist nichts auf der Welt so verhaßt als wie Disziplin. Obwohl drüben die Herdeninstinkte noch viel stärker wirken als bei uns, weil erst eine alte Kultur zu weitgehender Differenzierung der Persönlichkeit führt, so ist doch jeder[pg 179]Einzelne als Republikaner viel eifersüchtiger auf seine persönliche Freiheit als bei uns. Schon im Kapitel über die Dienstbotenfrage habe ich diesen Punkt berührt. Fast noch deutlicher tritt diese republikanische Eitelkeit, wie ich es nennen möchte, in der Frage der Rekrutierung des stehenden Heeres zutage. Die Armee wird vom amerikanischen Patriotismus naiv glorifiziert und liebenswürdig verhätschelt. Es braucht nur ein Bataillon mit klingendem Spiel durch die Straßen zu ziehen, und alles ist tief gerührt vor nationaler Begeisterung – aber dienen will niemand, und die allgemeine Wehrpflicht scheint undurchführbar. Die Regierung sieht sich gezwungen, an dem alten Werbesystem festzuhalten. Riesige Plakate müssen mit schreienden Farben die Söhne des Vaterlandes zum Heeresdienst verlocken. Da sieht man unter azurblauem Himmel, im Schatten von Palmen und Sykomoren, ein lustiges Zeltlager aufgeschlagen und liebestrahlende Offiziere, den Arm in väterlichem Wohlwollen um die Schultern gemeiner Soldaten gelegt, in freundschaftlich belehrendem Gespräch einherwandeln; und auf den Schmuckplätzen großer Städte etablieren sich Feldwebel und harren unter ähnlichen vielversprechenden Plakaten der jungen Leute, die es gelüstet, dem Vaterlande als Soldat zu dienen. Diese Werber müssen reden können wie die Versicherungsagenten und Weinreisenden. Sie stecken voll lustiger Schwänke und sind nicht so leicht unter den Tisch zu trinken – denn Freund Alkohol muß meistens ein übriges tun, um den schwankenden Heldenjüngling soweit zu bringen, daß er Handgeld annimmt. Übrigens versprechen die Werber kaum zu viel, denn so gut wie der amerikanische dürfte es schwerlich ein anderer Soldat der Welt haben. Auf Manneszucht wird freilich streng gehalten, und im Dienst werden die Kräfte gehörig angespannt, aber dafür[pg 180]wird auch der gemeine Mann wie ein anständiger Mensch behandelt und durch ausgezeichnete Verpflegung, musterhafte hygienische Einrichtungen und Vorkehrungen für Unterhaltung und Erholung dafür gesorgt, daß er nicht von Kräften komme und bei guter Laune bleibe. Die Liebenswürdigkeit eines prächtigen, fein gebildeten Kavallerieobersten in Columbus (Ohio) ließ mich einen Einblick in das Kasernenleben tun. Jeder Mann hat ein blitzsauberes, behagliches Bett, jeder seine eigne Waschgelegenheit, sein Wannen- oder Brausebad, so oft er will, und wenn er krank ist in dem mit allen modernen Errungenschaften ausgestatteten Hospital die denkbar sorgfältigste Pflege. Sein Dinner nimmt er abends um 6 Uhr in einer eigens dafür bestimmten großen Halle mit den Kameraden ein und sitzt dabei ordentlich am Tisch, wird von hierzu kommandierten Kameraden bedient und bekommt bei jedem Gang Geschirr und Besteck gewechselt. Ich nahm an einem solchen Dinner teil, und da gab es eine vorzügliche Reissuppe, Hamburger Beefsteaks mit Bohnengemüse und hinterher anständigen Kaffee mit delikatem Weißbrot. Selbstverständlich haben sie auch ihr eignes Feld zum Football- und Baseball-Spiel. Mit ihrem Griffeklopfen und ihrem Parademarsch ist es allerdings nach altpreußischen Begriffen nicht weit her, dafür wird aber die Entschlußfähigkeit des einzelnen Mannes, die Gewandtheit und Ausdauer im Felddienst mit bestem Erfolge anerzogen. Daß die Löhnung eine ungleich viel bessere ist als bei uns, ist wohl selbstverständlich. Der amerikanische Soldat könnte also den unsrigen höchstens in dem einen Punkte beneiden, daß er keine so bunte und blitzende Uniform zur Schau tragen darf. Dafür ist die seinige aber auch viel bequemer als die unsrige und außerdem ein sichererer Schutz als der festeste Küraß, denn ihre staubgraue Farbe macht[pg 181]den Mann schon in einer Entfernung von etwa 300 Meter völlig dem Erdboden gleich. Die Frau Oberst erzählte mir, daß sie eines schönen Tages ihren Gatten vom Reitplatz habe abholen wollen und nicht wenig erschrocken gewesen sei, als sie, auf etwa 350 Meter herangekommen, das Pferd, das der Herr Oberst an jenem Morgen bestiegen hatte, reiterlos im Karriere durch die Bahn jagen sah. Von Angst beflügelt, sei sie vorwärts gestürzt und – nach ein paar Minuten sei der schmerzlich Vermißte erst schattengleich, dann immer deutlicher und kompakter wieder auf dem Rücken seines Pferdes erschienen. Es würde also aus der Höhe eines beobachtenden Flugzeuges zum Beispiel von einer amerikanischen Armee unter Umständen überhaupt nichts zu sehen sein. Doch dies nur nebenbei.Vom Söldnerheere.Die Frage, ob eine noch so wohl gehaltene und gut ausgebildete Söldnertruppe einem großen, intelligent geleiteten Volksheer gegenüber standzuhalten vermöge, wird über kurz oder lang doch einmal zur Entscheidung kommen, denn es ist allgemein bekannt, daß die Japs ein äußerst begehrliches Auge auf Kalifornien gerichtet halten. Als die amerikanische Flotte im Jahre 1910 ihre Demonstrationsfahrt um das Kap Horn nach Japan unternahm, erkannte der amerikanische Admiral unter den ihm zur Begrüßung entgegengeschickten hohen Würdenträgern des japanischen Marineministeriums zu seinem nicht geringen Schreck das harmlos freundliche Gesicht eines Mannes, der längere Zeit bei ihm als Gärtner angestellt gewesen war! Sie sind die verteufeltsten Spione der Welt, sie wissen tatsächlich alles und verstehen es vortrefflich, ihre Pläne von langer Hand vorzubereiten und ganz versteckt zu intrigieren. Eingeweihte behaupten, daß die pacifischen Republiken Südamerikas schon alle durch die Versprechungen der Japaner für deren Zwecke eingefangen und bereit seien,[pg 182]beim ersten Versuch der Japaner sich der pacifischen Küste zu bemächtigen, dem großen Bruder in den Rücken und in die Flanke zu fallen. Gelingt es aber den Gelben wirklich, sich in Kalifornien festzusetzen, dann würde es eine überaus schwierige Aufgabe sein, sie wieder hinaus zu jagen. Denn es gibt über die Rocky Mountains nur fünf einigermaßen gangbare Pässe, die militärisch leicht zuzuschließen sind. Nur angesichts eines solchen nationalen Unglücks würde die glühende Vaterlandsliebe der Amerikaner sich zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht hinreißen lassen. Ich glaube, sie wäre ein Segen für das Volk; denn der Mangel an Disziplin, an persönlicher Opferwilligkeit macht sich überall als Hemmnis für den Fortschritt wahrer Zivilisation bemerkbar. Eine Disziplin aber, die im Blute sitzt, und nicht etwa, wie in Rußland, durch Angst und Schrecken mühsam aufrecht erhalten werden muß, schafft überhaupt erst die Vorbedingungen für das segensreiche Wirken freiheitlicher Ideen und Einrichtungen.Demokratische Tugenden.Neidlosigkeit.Die Freiheit, welche die Bürger der Vereinigten Staaten tatsächlich vor uns voraus haben, und um die wir sie heute noch beneiden müssen, besteht also keineswegs in der verlockenden Disziplinlosigkeit, in der frivolen Verhöhnung der Gesetze und in der geringen Empfindung für die Wichtigkeit einer ängstlich gewissenhaften Aufrechterhaltung der Standes- und Berufsehre, als vielmehr darin, daß drüben tatsächlich jede Energie, jedes Talent freie Bahn zum Auswirken besitzt. Wer etwas kann und etwas weiß, wer Arbeitskraft und Eifer an den Tag legt, wer etwas Neues zu sagen hat, der kann sicher sein, ein Feld für Betätigung seiner Kräfte zu finden, Ohren, die auf ihn hören und Hände, die ihm vorwärts helfen. Gute Zeugnisse, gute Familienbeziehungen, einflußreiche Gönner[pg 183]und ererbtes Betriebskapital sind selbstverständlich auch drüben eine wertvolle Vorbedingung; aber der wirklich Tüchtige kann auch ohne all das sicher sein, vorwärts zu kommen. Bei uns hat sich die offizielle Welt mit dünkelhafter Ängstlichkeit einen hohen Zaun um ihren geheiligten Bezirk errichtet und sieht es schadenfroh mit an, wie so mancher temperamentvoll Einlaßheischende sich an diesem Zaun seinen guten Kopf einrennt und gewandte Kletterer sich wenigstens die Hosen daran zerreißen; das Beste an der demokratischen Freiheit ist es, daß sie einen solchen Bretterzaun zwischen Regierung und „Untertan“, zwischen Behörde und Publikum nicht duldet. Bei uns stecken die Regierenden immer noch in der Anschauung fest, daß nicht sie des Volkes wegen, sondern im Gegenteil das Volk ihretwegen da sei; dagegen entspringt aus dem Bewußtsein des freien Bürgers, daß nicht er regiert werde, sondern vielmehr sich für sein Geld eine Regierung nach seinem Geschmack leisten könne, jenes Herrenbewußtsein, das die wahre Menschenwürde erst zur rechten Blüte bringt. Dieses Herrenbewußtsein ist aber auch der grimmigste Feind aller Duckmäuserei, Neidhammelei, Nörgelsucht und aller sonstigen Laster geborener Philisterseelen. Jene beiden, bei uns leider immer noch recht zahlreichen Typen des Spießertums, nämlich einerseits der untertänigst vor jeder Art Obrigkeit ersterbende und wunschlos zufriedene und andererseits der noch viel häufigere, auf alles schimpfende und doch nie zur Selbsthülfe greifende Spießer dürften in den Vereinigten Staaten nicht einmal in den ödesten Kleinstädten zu finden sein. In der Luft der Freiheit gedeihen die Tugenden der wahren Noblesse: Wagemut, Hochherzigkeit, Freigebigkeit, Zutrauen zum guten Willen des Nebenmenschen. Man begegnet diesen Herrentugenden überall in der Öffentlichkeit, nicht nur[pg 184]in den großartigen Organisationen der Wohltätigkeit, der Erziehung, der Fürsorge für die physisch und moralisch Kranken, in den königlichen Stiftungen der Milliardäre, sondern in vielen kleinen Zügen, die beweisen, daß auch der ärmste dieser freien Bürger an jenen Tugenden teil hat. So wird beispielsweise in dem Lande, das für die genialen Diebe großen Stils so viel lächelndes Verständnis übrig hat, das auf der Straße liegende Eigentum des Nächsten auffallend respektiert. Wenn der Zeitungsjunge austreten oder seinen Lunch einnehmen will, so legt er seinen Packen ruhig auf das Trottoir. Wer unterdessen eine Zeitung kaufen will, nimmt sich eine von dem Haufen und legt seine zwei Cent oben drauf. Man hört nie davon, daß sich jemand an dem angesammelten Kleingeld vergriff; wenn der Briefkasten voll ist oder der Spalt für Drucksachen und dergleichen zu eng, so legt man einfach seine Postsachen oben drauf, und keinem kommt der Gedanke, daß sie da fortgenommen werden könnten; ja noch mehr: man sieht in den Straßen massenhaft herrenlose Automobile herumstehen, denn bei der Kostspieligkeit der Dienstboten können sich nur sehr reiche Leute einen Chauffeur leisten; im Winter sind die Vergaser der Maschinen oft mit wertvollen Decken und Teppichen vor der Kälte geschützt – und man hört selten oder nie davon, daß ein Auto oder auch nur eine solche Decke von der Straße weg gestohlen worden wäre. Bei hellichtem Tage bandenweise in einen Laden oder in einenSalooneinfallen und Inhaber wie Kunden ausplündern, das ist guter Sport, das ist fesch, würde der Wiener sagen; aber von der Straße etwas fortnehmen, das ist gemeiner Vertrauensmißbrauch, das tut nicht einmal der Lumpenproletarier. Der Kleine, der sich von dem Großen geschädigt und schlecht behandelt fühlt, setzt sich energisch zur Wehr. Der Arbeiter[pg 185]ist leicht mit dem Streik bei der Hand, wenn er die großen Geldsäcke allzu zugeknöpft findet. Aber es fällt ihm nicht ein, den Arbeitgeber zu hassen und grimmig zu beneiden um seinen Überfluß. Weiß er doch von so vielen dieser schwer reichen Herren, daß sie ganz klein angefangen haben; folglich nimmt er an, daß die Kerle eben einen guten Kopf, Fleiß, Energie und Glück gehabt haben – ihm selber oder seinen Kindern mag es ja ebenfalls gelingen, es so weit zu bringen. Warum nicht? Die Bahn ist ja frei! Das ist auch ein Grund, weshalb der Weizen des Sozialismus drüben nicht blühen will.Ob man wohl unsere Regierung dazu bewegen könnte, einige Schiffsladungen voll Philister, Spießer, Paragraphenreiter, Schulfüchse, Bureaukratsbürsten und Einfaltspinsel hinüber zu schaffen, um bei Bruder Jonathan einen mehrjährigen Kursus zwecks Charakterverbesserung durchzumachen?

[pg 149]Die amerikanische Presse.In einer Ansprache, die Professor Henry Fairfield Osborn von der Columbia Universität zum Beginn des Wintersemesters 1910 an seine Studenten richtete, fand ich folgende höchst bezeichnende Worte über die amerikanische Presse, die ich hier in Übersetzung geben will: „Einen guten Maßstab für die Kultur Ihrer Umwelt bildet der Tiefstand, bis zu welchem Ihre Morgen-Zeitung sich dem Dollar zuliebe prostituiert, ihre Schattierungen von Gelbheit, ihre Frivolität, ihre Skrupellosigkeit. Mir scheint es manchmal wirklich besser, überhaupt keine Zeitungen zu lesen, selbst wenn sie gewissenhaft sind, und zwar wegen ihres Mangels an Verständnis für die relative Wichtigkeit der Haupterscheinungen des amerikanischen Lebens. Das Abendblatt, welches am ernsthaftesten über unser Studentenleben und Treiben berichtet, widmet einem Fußballspiel sechs Spalten und einer großen wissenschaftlichen Kontroverse zwischen zwei Hochschulen sechs Zeilen! Das ist der Unterschied zwischen dem, was seinsollteund dem, was praktischist. Amerikanische Lorbeeren grünen für die gigantischen Industriehäuptlinge: wenn das Leben eines solchen bedroht oder gar ausgelöscht ist, so müssen ganze Morgen herrlichen Waldes fallen, um das Material zu liefern für das Papier, das notwendig ist, um seine Verdienste in das gehörige Licht zu setzen, wohingegen unser größter Astronom und Mathematiker dahingehen kann und vielleicht die Schale eines einzigen Baumes genügt für die paar kurzen, unauffälligen Sätzchen, die über seine Krankheit und seinen Tod berichten. Ver[pg 150]gleichen Sie einmal die Ausführungen der britischen und der amerikanischen Presse über einen solch leicht wiegenden Gegenstand, wie ein internationales Polo: die ersteren allein sind lesenswert, weil sie von Fachleuten geschrieben sind und unser Wissen von dem Wesen des Spieles bereichern können. Über einen noch viel moderneren Gegenstand, die Aviatik, suchen wir in unserer Presse vergeblich nach irgendeiner soliden Belehrung über die Konstruktion der Apparate. Oder nehmen wir das Thema der praktischen Politik: der britische Student findet jede bedeutungsvolle Rede, die in irgendeinem Teil des Reiches gehalten wurde, in voller Ausführlichkeit in seinem Morgenblatt; er bekommt also in seiner Eigenschaft als Wähler sein Material aus erster Hand und nicht, wie wir, in der subjektiven Darstellung des Redakteurs.“Lesefutter für Kinder und Unmündige.Diese Stichprobe aus dem Munde eines hochgebildeten Amerikaners möge mir als Schild dienen gegen die empörten Anfeindungen amerikanischer Patrioten, die sonst sicherlich meine geringe Meinung von ihrer Presse als einen Ausfluß bornierten europäischen Neides hinstellen würden. Jeder ehrliche und geschmackvolle Mensch wird mir in der Behauptung beistimmen müssen, daß wir Europäer ein gutes Recht haben, über das kulturelle Niveau der Bürger der Vereinigten Staaten bedauernd die Achseln zu zucken, so lange sie sich eine solche Presse gefallen lassen. Professor Osborns Meinung ist selbstverständlich auch die aller fein empfindenden und für den guten Ruf ihrer Geisteshöhe besorgten Amerikaner; aber der Umstand, daß der Geschmack dieser Elite bisher noch nicht imstande gewesen ist, eine Wendung zum Besseren zu erzwingen, beweist leider, daß der schlechte Geschmack bei der erdrückenden Mehrheit zu finden sei. So lange der Stand der Zeitungsverleger noch nicht ausschließlich aus[pg 151]reinen Idealisten besteht, denen kein Geldopfer groß genug ist zur Hebung des geistigen Niveaus der Leserwelt, so lange wird selbstverständlich die Zeitung nach dem Geschmack ihrer Käufer zugeschnitten bleiben. Es gibt ohne Zweifel in den Vereinigten Staaten reichlich Journalisten, die sowohl Bildung als stilistisches Geschick genug besäßen, um auch einem erheblich anspruchsvolleren Publikum zu genügen. Es dünkt mich sogar nicht unwahrscheinlich, daß in dem Lande der glänzenden Redner, der scharfen, witzigen Beobachter und schlagfertigen Debatter mehr gute geborene Journalisten vorhanden sein dürften, als in manchen Ländern der Alten Welt; wie aber gegenwärtig die Dinge in der amerikanischen Presse liegen, haben die skrupellosen fixen Reporter das Übergewicht, und die besten Köpfe und Federn halten sich entweder der Tagespresse fern, oder schrauben, dem Zwange der Verhältnisse gehorchend, ihr Geistesniveau absichtlich herunter. Wie die amerikanische Presse nun einmal ist, erscheint sie in den Augen ernsthafter gebildeter Menschen als für Kinder und Unmündige zugeschnitten. Selbstverständlich ist drüben, wie schließlich auch überall in der Alten Welt, ein erheblicher Unterschied zwischen den solid fundierten, hochangesehenen alten Blättern und der gelben Sensationspresse modernster Aufmachung zu bemerken; aber das Betrübliche dabei ist eben, daß das Modernste auch das Schlechteste bedeutet, und daß die gebieterische Stimme des Publikums auch die besseren älteren Blätter zwingt, wenigstens in der äußeren Aufmachung sich immer mehr in jenem schlechten Sinn zu modernisieren.Illustrationsunfug.Das sicherste Mittel, eine Tageszeitung herunterzubringen, besteht darin, sie mit Illustrationen zu versehen. Selbst unsere außerordentlich fortgeschrittene[pg 152]Technik ist noch nicht imstande, für den Rotationsdruck auf Zeitungspapier in Massenauflagen künstlerisch wirkende Bilder herzustellen, abgesehen davon, daß es auch nur in sehr seltenen Ausnahmefällen möglich sein wird, von Tagesereignissen im Laufe weniger Stunden flotte künstlerische Handzeichnungen zu erhalten. Es wird sich also für den Bedarf der Tagespresse immer nur um Photographien handeln können, die durch irgend ein billiges Verfahren wiedergegeben werden. Was dabei für den guten Geschmack herauskommt, wenn man den Tagesereignissen mit dem Kodak nachläuft, jedes Festessen mit Magnesiumblitzen auffängt und die berühmten Zeitgenossen tückisch im Vorübergehen knipst, das erleben wir ja seit einer Reihe von Jahren bereits an unseren Wochenschriften. Immerhin geht es da noch mit einem gelinden Schauder ab, denn die verfügen wenigstens über ein besseres Papier und mehr Zeit für sorgfältige technische Wiedergabe; im Hurrdiburr des täglichen Rotationsbetriebes wird aber aus einer festlich bewegten Volksmenge ein Chaos von Klecksen und aus der geistvollen Physiognomie eines erstklassigen Gentleman die Karikatur eines Raubmörders. Mit vollem Rechte sehen wir, wenigstens in Deutschland, gottlob noch jede illustrierte Tageszeitung für ein Kutscherblatt an, und der bessere Mensch schämt sich, damit einen geräucherten Hering einzuwickeln.Eitelkeitsmarkt.In der Neuen Welt aber gibt es, so viel mir bewußt, überhaupt keine unillustrierten Tageszeitungen mehr; selbst die ernsthaftesten Blätter, die noch auf ihren guten alten Ruf etwas halten, glauben es ihren Lesern schuldig zu sein, wenigstens Porträts vom Tage und humoristische Beigaben zu bringen. In den ausdrücklich für den Geschmack der großen Masse bestimmten Blättern[pg 153]aber sieht man vor lauter Illustrationen bald keinen Text mehr. Die eigentliche Sensationspresse, drüben die gelbe genannt, läßt auf ihrer ersten Seite unter lauter schreienden Aufschriften und Bildern sogar ihren eignen Titelkopf verschwinden! Am oberen Rand der Zeitung lese ich in Riesenbuchstaben: „287 Menschen verkohlt“, oder „Rabenmutter läßt sieben Kinder verhungern“, oder „Das Arnoldmädchen mit Liebhaber in Neapel gesehen“ – wobei zu bemerken ist, daß „das Arnoldmädchen“ die durchgebrannte Tochter einer hochachtbaren bekannten Familie ist, die sich durch solch rohes Ausbrüllen ihres Herzeleides wie öffentlich geohrfeigt vorkommen muß! Dann folgen große Porträts der Rabenmutter mit den sieben Kindsleichen, wüst hingekleckste Darstellungen der großen Brandkatastrophe, Aufnahmen des Arnoldmädchens als Baby, als Schulmädel, als junge Dame, ihrer Eltern und ihres Entführers. Falls der letztere nicht wirklich von einem Detektiv oder Reporter geknipst werden konnte, tut es das Bild eines beliebigen anderen jungen Mannes natürlich auch. Reporternachrichten, wahre und unwahre, Telegramme über das gerade vorliegende Hauptereignis des Tages aus dem Bereich der Unglücks-, Verbrechens- oder Skandalchronik füllen die erste und vielleicht auch noch die zweite Seite aus; nötigenfalls schließen sich hier die Schauer- und Trauerfälle aus den anderen Teilen der Union und den anderen Weltteilen an. Jedenfalls bleibt als blamable Tatsache bestehen, daß alle die Nachrichten, die bei uns unter der Rubrik „Unglücksfälle und Verbrechen“ in möglichst knappen Notizen abgetan und nur von den Armen im Geiste mit lebhaftem Interesse gelesen werden, drüben an erster Stelle stehen und den meisten Raum beanspruchen, selbst in Blättern, die für anständig gelten. Den Sportereignissen werden tagtäglich, winters[pg 154]und sommers, viele, viele Spalten und massenhafte Illustrationen gewidmet. Auf diese Weise gelangt schließlich jeder amerikanische Junge, der sich auf dem grünen Felde in irgendeinem Sport eifrig betätigt, einmal dazu, seine interessanten Züge in der Zeitung festgehalten zu sehen, und daß das der jugendlichen Eitelkeit schmeichelt, ist ja begreiflich – weniger begreiflich jedoch, daß die Nation es nicht müde wird, jahraus, jahrein seine Bills, Bobs, Dicks, Johns und Jacks zum Frühstück serviert zu kriegen. Alle prominenten Persönlichkeiten, die gerade irgendwie von sich reden machen, werden fleißig interviewt und selbstverständlich abgebildet. Mehr oder minder harmlose Indiskretionen aus dem Leben der gerade im Brennpunkt des Tagesinteresses stehenden Personen füllen zahlreiche Spalten, und Big Bill (der Präsident Taft) muß sich’s gefallen lassen, ebenso burschikos angeulkt zu werden, wie irgendein Brettlstern. Um auch das meist trockene Gebiet der Politik nicht ganz ohne den Reiz der Illustration zu lassen, verfällt man auf die seltsamsten Auskunftsmittel. So war um die Weihnachtszeit 1910 unter den Nachrichten aus dem Weißen HauseThe Spinster AuntBig Bills, d. h. die Altjungferntante des Präsidenten, im Bilde zu sehen, welche ihrem lieben Neffen eigenhändig Lebkuchen und andere Gutseln gebacken hatte; das Paket und einzelne Gutseln waren gleichfalls abgebildet! Die Politik nimmt in den Sensationsblättern nur in Zeiten der Wahlkämpfe einen großen Raum ein, und die Sprache, die sie dann führt, zeichnet sich durch hahnebüchene Derbheit aus; jedes Mittel ist ihr recht, um den Parteigegner zu verunglimpfen. Sachlich gehaltene, gedankenvolle Leitartikel findet man nur in den besten Zeitungen. Einen breiten Raum beansprucht ferner die Rubrik, die bei uns „Hof und Gesellschaft“ überschrieben zu sein[pg 155]pflegt. Während aber bei uns nur die regierenden Häuser, der höchste Adel und ganz wenige große Persönlichkeiten der offiziellen Welt in dem Glashause der Öffentlichkeit sitzen, berichtet die amerikanische Presse tagtäglich von dem Leben und Treiben nicht nur ihrer höchsten Beamtenschaft, ihrer Multimillionäre und Modeberühmtheiten, sondern über alle ihre besser gestellten Mitbürger, soweit sie ein Haus ausmachen. „Mister und Missis Habakuk J. Flips von 132. Straße W. 385 hatten gestern abend zu Ehren ihrer Tochter Margaret Blossom, die ihr sechzehntes Lebensjahr erreichte, Gäste eingeladen. Unter den prominenten Persönlichkeiten bemerkte man ... usw.“ So geht es spaltenlang fort während der ganzen Saison. Wenn Damen aus der Gesellschaft für die Wohltätigkeit irgendeine Unterhaltung veranstalten, so bringt die Presse die Portraits sämtlicher Patronessen und ausführliche Berichte; ebenso wenn ein bekannter Bürger der Stadt eine große Reise unternimmt, wenn seine Tochter als Schönheit in der Gesellschaft Aufsehen erregt, oder sein Sohn beim Fußballspiel einige Rippen eingetreten kriegt, oder sein zu drei Viertel verkalkter Großvater achtzig Jahre alt wird – kurz und gut, der Markt der lieben Eitelkeit wird reich beschickt und trägt zu der fürchterlichen Papiervergeudung, als welche sich das ganze Preßunwesen darstellt, am meisten bei. Über Theater und Musik kann man unmittelbar neben den brillant geschriebenen Artikeln feiner Kenner in weit größerer Ausdehnung das alberne Gewäsch der Reporter finden, ebenso wie sich auch zwischen allen anderen Spalten unmittelbar neben dem sachverständigen Urteil des gereiften Fachmannes die zum Urteilen gänzlich unqualifizierte Volksstimme, das Gänsegeschnatter des Salons und der blödeste Tratsch der Hintertreppe breit macht. Hat man in dem Wirrsal von Nichtigkeiten[pg 156]doch einmal einen wirklich fesselnden, bedeutsamen Artikel erwischt, so wird man wieder des Genusses nicht froh durch die abscheuliche Gepflogenheit, den Text durch Geschäftsreklamen zu unterbrechen. Schreibt da ein feiner Kopf über irgendeine brennende, sagen wir sozialpolitische Frage. Ich folge gespannt den geistvollen Ausführungen, bis plötzlich in der Mitte der Spalte meine Augen vor einem Hindernis stutzen, denn da schiebt sich, dick und schwarz umrändert, die Reklame eines Apothekers für sein neues Abführmittel hinein; oder ich erbaue mich eben mit innerlichem Schmunzeln an den philosophischen Aphorismen zur Lebenskunst, die ein witziger Kopf in fein geschliffener Form zum besten gibt (eine Rubrik hierfür befindet sich in allen besseren Zeitungen und scheint sehr beliebt zu sein). Plötzlich wird eine reizende Bosheit über die Liebe durch das sich breit hereindrängende Inserat einer Bestattungsgesellschaft unterbrochen mit der fett gedruckten Überschritt: „Wähle dir nie dein Leichenbestattungsgeschäft aus persönlicher Freundschaft, denn wenn du das tust,“ geht es nun in kleinem Druck weiter, „so schädigst du erstens den Toten, weil du ihm nicht die erste Qualität Leichenbestattung zukommen läßt, und lädst zweitens den Hinterbliebenen eine Schuldenlast auf, für die sie keine Valuta empfangen haben, weil ein kleines Unternehmen, das jährlich nur wenige Begräbnisse zu liefern hat, selbstverständlich nicht so reich ausgestattet sein kann, wie ein großes von unserem Rang, und dennoch viel höhere Preise berechnen muß, weil es ja auch davon leben will. Unser Institut dagegen liefert ihnen zu billigerem Preise als irgendein anderes alles, was nur ein liebendes Herz zur Erweisung der letzten Ehre für seine teuren Verblichenen sich wünschen kann. Jedermann kann sich bei uns nach seinen eignen Ideen[pg 157]begraben lassen, wir haben Leute von allen Rassen, Glaubensbekenntnissen und Bruderschaften zu unserer Verfügung.“ Doppelstrich, – und dann geht es weiter im Text. So muß ich unglücklicher Zeitungsleser mir meine Reflexionen über die Liebe durch den unangemeldeten Besuch der Leichenwäscherin stören lassen; kann keinen Leitartikel bewältigen, ohne peinlichst an meine angeschoppte Leber, meine verdickte Galle oder mangelhafte Darmtätigkeit erinnert zu werden, und selbst wenn ich den harmlosen Roman in der Beilage schmökern will, halten mir die eifrigen Verkäufer aller möglichen Waren fortwährend ihre Muster mit lautem Geschrei unter die Nase.Intellektueller Schlangenfraß.Ich kann die aufreizende Wirkung dieser ewigen geschmacklosen Unterbrechungen nur mit den Gefühlen vergleichen, die das Telephon im Busen des modernen Menschen auslöst, wenn es ihm rücksichtslos in seinen Schlaf, in seine Andacht, in sein Nachdenken und seine Liebesfeier hineinklingelt. Man merkt auch aus dieser Aufmachung der Zeitung, daß der Durchschnittsamerikaner keinen Anspruch auf Schonung seiner Nerven erhebt. Er scheint seine Zeitung zu lieben, so wie sie ist, denn er widmet ihr alle seine freien Augenblicke, selbst während der Geschäftsstunden, und es ist für den denkenden Europäer höchst verwunderlich zu beobachten, wie Leute der verschiedensten geistigen Rangklassen, ohne Unterschied des Alters und Geschlechts, den nämlichen intellektuellen Schlangenfraß geduldig und sogar wohlig hinunterwürgen. Man traut seinen Augen nicht, wenn man einen ehrwürdigen Greis, dessen hohe, ausgearbeitete Stirn beträchtlichen Verstand bezeugt, mit verhaltenem Gekicher die sogenannte humoristische Ecke seiner Zeitung studieren sieht. In dieser Abteilung erscheint nämlich, ich weiß[pg 158]nicht seit wieviel Jahrzehnten bereits, tagtäglich eine Bilderserie von absichtlich unbeholfenen Karikaturen im Stile unseres „kleinen Moritz“. Die scheußlichen Fratzen, welche sich die amerikanischen Exzentrikkomiker des Varietés anzuschminken pflegen, fanden vielleicht ihre ersten Vorbilder in den tonangebenden Karikaturenzeichnungen der Tagesblätter, und diesen Fratzen hängen Zettel aus dem Munde, auf denen ihre erschütternd witzigen Aussprüche verzeichnet stehen. Gewiß können auch solche grotesken Kindereien zur Abwechslung einmal einen anspruchsvolleren Menschen belustigen – die goldig harmlosen Dollarikaner aber lassen sich in fast all ihren Blättern tagtäglich diesen Infantilismus gefallen; Sonntags kriegen sie sogar ganze Seiten davon in Buntdruck!Ein wenig begreiflicher wird einem ja allerdings diese kindliche Anspruchslosigkeit des Geschmacks, wenn man das unbegrenzte Vertrauen, das der amerikanische Leser in die Allwissenheit seiner Zeitung setzt, beobachtet. Wer kein Konversationslexikon im Hause hat, telephoniert an eine beliebige Redaktion und setzt voraus, daß er da eine prompte Auskunft auf alle erdenklichen Fragen erhält. Die Naivität der guten Leute geht soweit, daß sie dem Mister Editor sogar ihre Herzensgeheimnisse anvertrauen und ihn um guten Rat bitten. Manche Zeitungen haben eine eigne Abteilung für solche vertraulichen Auskünfte, die manchmal in ganz ernsthaftem Ton gegeben, oft aber auch von dem spaßhaften Redakteur zur ironischen Verulkung der Einfalt benutzt werden. Ich schlage eine angesehene Chicagoer Zeitung auf und finde unter der Rubrik „Die Frau und ihre Interessen“ folgende Anfrage aus dem Leserkreise: „Liebes Fräulein Libbey!“ – das ist die Redaktrice dieser Abteilung – „Schreiber dieses ist ein junger Mann, welcher in einer[pg 159]Landstadt lebt und keine Erfahrungen mit dem schönen Geschlecht hat. Letzte Woche begegnete mir eine junge Dame, und ich verliebte mich ganz verzweifelt in sie, sie machte mir aber nicht die geringsten Avancen. Mein Vater ist Besitzer einer Lohnkutscherei in der Stadt, und ich fahre den Omnibus vom Bahnhof. Wenn diese junge Dame von mir vom Bahnhof nach ihrer Wohnung gefahren zu werden wünschen sollte, würden Sie mir raten, sie gratis mitzunehmen? C. A.“Antwort: „Ja, das könnte Ihnen schon vorwärts helfen.“Ist das nicht rührend niedlich?Kopfzeilen.Eine allbekannte Eigentümlichkeit der amerikanischen Tageszeitung sind dieHead lines(Kopfzeilen). Die Redaktionen haben einen eignen Mann, welcher nichts zu tun hat, als die vorliegenden Manuskripte mit solchen auffallenden, kurz orientierenden Überschriften zu versehen, und dieser Mann wird gut bezahlt. Der europäische Leser läuft anfangs blau an vor Wut über diese gräßlichenHead lines; er fühlt sich zum Idioten erniedrigt, weil man durch diese Überschriften, die jeden Artikel alle Nase lang zusammenfassend unterbrechen, im Grunde genommen doch nur ausdrücken will, daß man ihn für zu stumpfsinnig halte, als daß er imstande sei, sich selber über den Hauptinhalt des Gelesenen klar zu werden. Er ärgert sich noch ganz besonders über die Gepflogenheit der Herren Headliner, bei Berichten über Äußerungen hervorragender Persönlichkeiten zu Tagesfragen den Namen des Sprechers weg zu lassen. Da steht also z. B. fett und gesperrt gedruckt: „Sagt, Kalifrage nicht schuld“, und erst in dem in Diamant- oder gar Perlschrift ohne Durchschuß gesetzten Text erfährt man, daß es sich um den amerikanischen Botschafter in Berlin[pg 160]handele, der die Mutmaßung zurückweise, daß seine Haltung in der Kalifrage die Ursache seiner Abberufung gebildet habe. – Ein Bericht über mein und meiner Frau Auftreten in einem Universitätshörsaal war beispielsweise überschrieben: „Tituliertes Paar produziert sich vor erlesener Hörerschaft“. Oder ein Mordbericht ist überschrieben: „Pfeift Signal aus Liebestagen, tötet sodann Frau“. Genug der Beispiele. Aber derselbe Europäer, der anfangs mit knapper Not dem Schlagfluß entging vor Ärger über so viel Kinderei und grobe Geschmacklosigkeit, kommt schon nach acht Tagen sicherlich dazu, die Einrichtung der Headlines zu segnen, denn sie bedeuten tatsächlich den Ariadnefaden, der allein einen durch das Labyrinth der zu wüsten Haufen aufgetürmten Tagesneuigkeiten sicher hindurchgeleiten kann. Mit Hilfe der Headlines ist man nämlich imstande, die umfänglichste Tageszeitung in fünf Minuten zu erledigen, während man reichlich fünf Stunden brauchen würde, wenn man den ganzen klein gedruckten Text lesen wollte. Sie sind also im Grunde eine ungemein menschenfreundliche Einrichtung.Ein smarter Reporter.Es sei mir gestattet, aus meiner eignen Erfahrung ein kleines Beispiel dafür anzuführen, was der Amerikaner unter journalistischerSmartnessversteht. In St. Louis wurde uns unmittelbar nach unserer Ankunft früh morgens ein Reporter gemeldet, der uns zu interviewen wünschte. Ich merkte sehr bald, daß der sympathische, bescheidene junge Mann keinen blassen Schimmer hatte, wer wir waren, und er gestand auch lächelnd ein, daß ihn nur der „Baron“ veranlaßt habe, uns so rücksichtslos zu überfallen, ehe wir uns noch den Schmutz der Nachtfahrt abgespült hatten. Da in jenen Tagen die Aufführung von Richard Strauß’ „Salome“ in Chicago viel Staub auf[pg 161]wirbelte, und die Leute von St. Louis mit Spannung darauf warteten, ob ihr Stadtoberhaupt die Aufführung dieses gotteslästerlichen Werkes gestatten werde, so brachte ich den netten jungen Mann auf die Idee, mich über meine Beziehungen zu Strauß und meine Ansicht über „Salome“ auszufragen. Er stenographierte fleißig, und wir brachten, wie mir schien, ein ganz nettes Feuilleton zustande. Höchst vergnügt zog er mit seiner Beute ab. Bereits eine Stunde später wurden wir von seiner Redaktion angeklingelt: da habe ihnen einer ihrer jungen Leute ein ganz blödsinniges Gewäsch abgeliefert, wir sollten doch die überflüssige Belästigung entschuldigen und den Besuch eines anderen jungen Herrn ihrer Redaktion freundlichst empfangen. Bereits nach zehn Minuten erschien dieser Ins-Reine-Interviewer. Nachdem der schneidige, elegante junge Mann seinen Kollegen für einen Trottel erklärt hatte, ließ er sich ein Bild von meiner Frau geben und fragte sie, wie ihr die amerikanischen Männer gefielen, ob ihr die glattrasierten Gesichter lieber seien als die Schnurrbärte, was sie von den Humpelröcken halte, ob sie nach dem Westen zu gehen beabsichtige, ob sie sich nicht vor den Cowboys dort fürchtete – und dergleichen weltbewegende Wichtigkeiten mehr. In der Nachmittagsausgabe seines höchst gelben Blattes erschienen bereits Bild und Interview, und es wurde uns nachher von vielen Leuten bestätigt, daß das Publikum tatsächlich dergleichen platte Nichtigkeiten sehr gerne lese. Einige Tage später waren wir zu Gast bei dem Besitzer jener Zeitung. Wir fanden ein reizendes Heim und eine aus belangreichen Männern und interessanten Frauen anmutig gemischte Gesellschaft und in der Gattin des Hausherrn eine hochgebildete, geschmackvolle und fein empfindende Dame.Ideale Möglichkeiten für die Zeitung.Ich glaube, aus dieser und manchen ähnlichen Erfahrung[pg 162]schließen zu dürfen, daß der Tiefstand der amerikanischen Presse durchaus nicht immer einen Rückschluß zulasse auf mangelhafte Befähigung der amerikanischen Journalisten. Im Gegenteil: diese Damen und Herren verfügen nicht selten über eine sehr gute Bildung, über eine höchst gewandte Feder, einen schlagfertigen Witz, und es wäre sehr wohl möglich, mit denselben Mitarbeitern auch eine nach unserem Geschmack gute Zeitung herzustellen. In allem Technischen ist uns die amerikanische Presse sogar vielfach überlegen. Die Schnelligkeit der Berichterstattung und besonders die Schnelligkeit in der Herstellung dieser, an Umfang unsere Tagesblätter meist weit übertreffenden Zeitungen sind ganz erstaunlich, und die Art und Weise, wie die Zeitung oft tatkräftig in öffentliche Angelegenheiten von Bedeutung eingreift, und wie sich bei solchen Gelegenheiten der Journalist zum Volksmanne großen Stiles, zum erfolgreichen Anwalt der Verkannten und Unterdrückten entwickelt, kann uns nur mit aufrichtiger Hochachtung erfüllen. Ich brauche wohl nur die NamenNew-York HeraldundHenry M. Stanleyzu nennen! Es betätigen sich eben im Journalismus nicht nur Leute, „die ihren Beruf verfehlt haben,“ nicht nur Klugschwätzer und Geistprotzen, sondern auch Tatmenschen, Willensgenies – weil sie wissen, daß aus einem Journalisten alles werden kann: ein Nordpol-Entdecker, ein Sherlok-Holmes, ein Theatertrustmagnat, ein Präsident der Republik! Unserer deutschen Eitelkeit ist es besonders schmeichelhaft, daß unter den hervorragendsten Journalisten englischer Feder sich auch zahlreiche deutsche Einwanderer befinden. Der anerkannt beste Musikkritiker New Yorks ist ein Deutscher; in dem amBoston Transcript, einer in geistigen Dingen führenden Tageszeitung, angestellten Redakteur für literarische Angelegenheiten entdeckte ich einen[pg 163]ehemaligen Wiener Feuilletonisten; er schreibt jetzt, wie viele seiner Landsleute im Journalismus und im Lehrfache, ein vorbildliches Englisch. Wenn solchen reichen Möglichkeiten zum Trotz dennoch das allgemeine Niveau der Tagespresse so erschreckend niedrig ist, so sind daran in der Hauptsache doch wohl nur die Verleger schuld, die sich an das gefährliche Goethewort halten: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.“Eine Zeitung für jedermann aus dem Volke kann es aber vernünftigerweise überhaupt nicht geben; denn was das Herz eines Waschweibes erfreut, bedeutet für einen denkenden Menschen eine schwere Beleidigung, was eine weltkluge Frau von reifem Verstande lebhaft interessiert, langweilt vielleicht einen aufgeweckten Ladenschwung zum Gähnen usw. usw. Eine Zeitung kann ungemein erziehlich wirken nicht nur für den Geschmack, sondern auch für die guten Sitten und sogar für das Denkvermögen ihrer Leser, indem sie allgemein verständlich schreibt, ohne sich jedoch zu dem Geschmack und dem beschränkten Begriffsvermögen der geistig Minderwertigen herabzulassen, indem sie den niedrigen Instinkten der Masse keine Konzessionen macht und den Erbärmlichkeiten gegenüber, die die Wogen des Lebens tagtäglich ans Ufer der Öffentlichkeit schleudern, gewissermaßen die Funktionen der Gesundheitspolizei ausübt, dadurch daß sie alle übel riechenden Materien diskret entfernt oder wenigstens desinfiziert und zum Nutzen der allgemeinen Moral chemisch verarbeitet. Die jämmerliche Liebedienerei, welche fast die gesamte amerikanische Tagespresse der Masse gegenüber betreibt, wirkt jedoch als schweres Kulturhemmnis, geschmacksverderbend und sogar demoralisierend. Daß sie, wie ich in den Ausführungen über öffentliche und private Moral bereits hervorhob, trotz ihrer[pg 164]indiskreten Zudringlichkeit, vor der selbst die zartesten Geheimnisse des Familienlebens nicht sicher sind, geschlechtlichen Dingen gegenüber eine geradezu ängstlich prüde Zurückhaltung ausübt, verringert die moralischen Gefahren, die sie heraufbeschwört, nicht im geringsten, wenn anders man zugibt, daß Moral keineswegs im Nichtswissen um die Natürlichkeiten des Geschlechtslebens besteht, sondern darin, daß man seinen Mitmenschen gegenüber eine anständige Gesinnung betätigt und seine schlechten Triebe in strenge Zucht nimmt. Wer den Instinkt der Masse zum obersten Richter über die Moral und den gesunden Menschenverstand zum Minister der geistigen Angelegenheiten einsetzt, der trägt notwendig zur Verflachung der Kultur bei. Und wer einmal vor dem Mob eine etwas zu tiefe Verbeugung gemacht hat, dem setzt er sich leicht auf den Nacken und reitet ihn in den Sumpf der tödlichsten Trivialität hinein. Es ist sehr schwer, sich da wieder herauszurappeln.Sensationsartikel ernster Zeitschriften.Auch dafür liefert uns die amerikanische Presse ein warnendes Beispiel; anstatt daß nämlich, um die Geringwertigkeit des täglichen Massenfutters auszugleichen, die Wochen- und Monatsschriften nun erst recht auf nahrhafte Qualität der von ihnen aufgetischten Geistesspeise ausgingen, sehen wir sie vielmehr fast samt und sonders von dem bösen Beispiel der Tagespresse angesteckt. Auch ihr Feldgeschrei lautet: Sensation um jeden Preis! Ich weiß nicht, ob es ein einziges Blatt in Amerika gibt, das absichtlich den Kreis seiner Leser einschränkte, um zwanglos zu einer Gemeinde von Auserwählten sprechen zu dürfen. Weil der Hunger nach Sensation, durch die schlechte Presse geflissentlich genährt, nunmehr bereits eine Charaktereigenschaft des ganzen Volkes geworden ist, so glauben ihm heute auch die guten, alten Wochen-[pg 165]und Monatsschriften Rechnung tragen zu müssen, wenn es auch nur mit einem einzigen Artikel wäre. Wenn man den Herausgebern daraus einen Vorwurf macht, so erwidern sie einem achselzuckend: „Ja, dieses einen Artikels wegen wird aber unsere Zeitschrift gekauft; bringen wir ihn nicht, so schnappt uns die Konkurrenz die Leser weg.“ Dieser eine Sensationsartikel, der zum Ärger geschmackvoller Menschen die Physiognomie einer sonst vornehmen Zeitschrift verschandelt wie eine behaarte Warze das Antlitz einer feinen, liebenswürdigen Matrone, wird bezogen aus dem Reiche des Schwindels, der literarischen Hochstapelei, er wird eingegeben vom Neid, von der Rachsucht, vom Cynismus derer, die nichts mehr zu verlieren haben. Während meiner Anwesenheit in den Vereinigten Staaten brachte so eine angesehene Zeitschrift einen Artikel, in welchem behauptet wurde, daß in New York täglich etliche hunderttausend Stück faule Eier importiert würden, und daß sämtliche Zuckerbäcker ihre appetitlichen Süßigkeiten grundsätzlich nur aus faulen Eiern herstellten! Und eine Monatsschrift von noch älterem Rufe entwarf ein schaudererregendes Bild von der lebensgefährlichen Ignoranz der amerikanischen Ärzte, insonderheit der Chirurgen. Da wurde als Beispiel erzählt, daß ein Chirurg mit großer Praxis eine Reise ins Ausland unternehmen wollte und seine Patienten einem älteren, angesehenen Kollegen empfahl; darunter eine Dame, an der er eine Blinddarmoperation ausgeführt hatte, die aber neuerdings wieder über Schmerzen klagte. Der ältere Kollege habe die Dame untersucht und beim besten Willen keine andere Diagnose als Blinddarmentzündung stellen können. Schließlich sei der Zustand der Dame so besorgniserregend geworden, daß sie selber auf eine nochmalige Operation bestanden habe. Dabei zeigte sich,[pg 166]daß der Blinddarm, und zwar in scheußlicher Verfassung, noch vorhanden war. Als der jüngere Kollege dann zurückkehrte und von dem sonderbaren Ergebnis der Operation erfuhr, habe er totenblaß ausgerufen: „Mein Gott, was habeichdann da der Dame herausgeschnitten!?“ Ich müßte mich sehr täuschen, wenn ich diesen Scherz nicht schon vor dreißig Jahren in Deutschland gehört hätte; aber er genügte, gehörig aufgefrischt, um die sämtlichen medizinischen Fakultäten, die ganze Ärzteschaft der Vereinigten Staaten mobil zu machen und einen erbitterten Kampf der Meinungen zu entfachen, von dem jene tüchtige alte Monatsschrift schmunzelnd den Profit einstrich. Man sieht aus diesen Beispielen, daß sich der Sensationsgier zuliebe selbst die für die geistige Oberschicht arbeitende Presse kein Gewissen daraus macht, mit der Ehre des Einzelnen, eines ganzen Standes, eines Berufs oder gar der ganzen Nation ein frivoles Spiel zu treiben. Die Entschuldigung dafür klingt freilich plausibel genug: „Was wollen Sie?“ sagen einem die Herausgeber, „die Wissenden täuschen wir ja doch nicht mit solchem Bluff, die amüsieren sich nur darüber, und im übrigen wird so unendlich viel gedruckt und gelesen, daß das Publikum es ja doch nicht alles behalten kann. Wenn also die ärgsten Lügen wirklich einmal nicht einwandfrei dementiert werden sollten, so vergißt sie das Publikum doch sicher über der nächsten Sensation. Wo bleibt also der große Schaden, den wir stiften sollen?“Es muß allerdings zugegeben werden, daß unter den besonderen amerikanischen Verhältnissen der Schaden vielleicht geringer ist, als er bei uns in Deutschland sein würde, weil dort verhältnismäßig nur wenige Menschen auf ein Blatt abonniert sind. Der Großstädter zumal kauft sich seine Zeitung und selbst seine Wochen- und[pg 167]Monatsschrift auf der Straße, und zwar heute die und morgen jene, wie es der Zufall will. Er lernt also die politischen Tagesfragen heute in republikanischer, morgen in demokratischer Betrachtung kennen; er sieht heute rot, morgen blau und übermorgen gelb – wenn er noch seinen eignen grünen Optimismus hinzutut, ergibt die Mischung nach dem Newtonschen Gesetz schließlich doch das Weiß der reinen Wahrheit! Die Gefahr der Verblödung durch die Presse ist also schließlich doch nicht so groß, wenigstens für den an sich schon freieren Geist. Gesetzt aber selbst den Fall, daß unter den etlichen 90 Millionen Menschen, welche die Vereinigten Staaten bevölkern, nur wenige Tausend noch auf dem kindlichen Standpunkt stehen sollten, alles, was gedruckt ist, für wahr zu halten, so bliebe noch immer die ungeheure Blamage vor der übrigen gebildeten Welt, welche doch nicht gut umhin kann, die Intelligenz und den Geschmack der ganzen Nation nach der Presse zu beurteilen, die sie sich gefallen läßt.Die deutsche Presse.Es sei übrigens nachdrücklich betont, daß wenigstens ein Teil der deutschen Presse Amerikas, und besonders der führenden Blätter New Yorks, sich die redlichste Mühe gibt, sich über den Standard der englischen Presse zu erheben. In den großen deutschen Zeitungen findet man, besonders über das Ausland, eine bei weitem ausführlichere und zuverlässigere Berichterstattung, als selbst in der guten englischen Presse. Und was beispielsweise die New Yorker Staatszeitung in ihrem Sonntagsblatt an Belehrungs- und Unterhaltungsstoff bietet, wird an Qualität und Quantität von keiner unserer Zeitungen erreicht. Aber freilich: die große Mehrzahl der deutschen Einwanderer amerikanisiert sich überraschend schnell in Dingen des Ungeschmacks und der oberflächlichen Neu[pg 168]gier, und so zwingt der Selbsterhaltungstrieb auch die deutschen Blätter, manchen betrüblichen Unfug mitzumachen. Die Frage ist nun die: ist es überhaupt möglich, diesem rapiden Herabsinken Einhalt zu gebieten in einem großen demokratischen Freistaat, in dem die Masse sich zum allmächtigen Tyrannen aufgeschwungen hat? Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, daß es die natürliche Tendenz jeder menschlichen Gemeinschaft sei, eine Aristokratie aus sich heraus zu entwickeln. Nun, ich sehe auch die Vereinigten Staaten auf dem besten Wege dazu. Die Zeit muß kommen, wo diese Aristokratie zahlreich und stark genug ist, um die geistige Führung an sich zu reißen. Eine aristokratische Kultur aber läßt sich eine kulturlose Presse nicht gefallen. Die gebildete Welt wird die Amerikaner erst dann unter die Kulturvölker rechnen, wenn sie eine Presse besitzen, die es sich zur heiligen Aufgabe macht, den Geschmack der Masse zu vergewaltigen.

In einer Ansprache, die Professor Henry Fairfield Osborn von der Columbia Universität zum Beginn des Wintersemesters 1910 an seine Studenten richtete, fand ich folgende höchst bezeichnende Worte über die amerikanische Presse, die ich hier in Übersetzung geben will: „Einen guten Maßstab für die Kultur Ihrer Umwelt bildet der Tiefstand, bis zu welchem Ihre Morgen-Zeitung sich dem Dollar zuliebe prostituiert, ihre Schattierungen von Gelbheit, ihre Frivolität, ihre Skrupellosigkeit. Mir scheint es manchmal wirklich besser, überhaupt keine Zeitungen zu lesen, selbst wenn sie gewissenhaft sind, und zwar wegen ihres Mangels an Verständnis für die relative Wichtigkeit der Haupterscheinungen des amerikanischen Lebens. Das Abendblatt, welches am ernsthaftesten über unser Studentenleben und Treiben berichtet, widmet einem Fußballspiel sechs Spalten und einer großen wissenschaftlichen Kontroverse zwischen zwei Hochschulen sechs Zeilen! Das ist der Unterschied zwischen dem, was seinsollteund dem, was praktischist. Amerikanische Lorbeeren grünen für die gigantischen Industriehäuptlinge: wenn das Leben eines solchen bedroht oder gar ausgelöscht ist, so müssen ganze Morgen herrlichen Waldes fallen, um das Material zu liefern für das Papier, das notwendig ist, um seine Verdienste in das gehörige Licht zu setzen, wohingegen unser größter Astronom und Mathematiker dahingehen kann und vielleicht die Schale eines einzigen Baumes genügt für die paar kurzen, unauffälligen Sätzchen, die über seine Krankheit und seinen Tod berichten. Ver[pg 150]gleichen Sie einmal die Ausführungen der britischen und der amerikanischen Presse über einen solch leicht wiegenden Gegenstand, wie ein internationales Polo: die ersteren allein sind lesenswert, weil sie von Fachleuten geschrieben sind und unser Wissen von dem Wesen des Spieles bereichern können. Über einen noch viel moderneren Gegenstand, die Aviatik, suchen wir in unserer Presse vergeblich nach irgendeiner soliden Belehrung über die Konstruktion der Apparate. Oder nehmen wir das Thema der praktischen Politik: der britische Student findet jede bedeutungsvolle Rede, die in irgendeinem Teil des Reiches gehalten wurde, in voller Ausführlichkeit in seinem Morgenblatt; er bekommt also in seiner Eigenschaft als Wähler sein Material aus erster Hand und nicht, wie wir, in der subjektiven Darstellung des Redakteurs.“

Lesefutter für Kinder und Unmündige.

Lesefutter für Kinder und Unmündige.

Diese Stichprobe aus dem Munde eines hochgebildeten Amerikaners möge mir als Schild dienen gegen die empörten Anfeindungen amerikanischer Patrioten, die sonst sicherlich meine geringe Meinung von ihrer Presse als einen Ausfluß bornierten europäischen Neides hinstellen würden. Jeder ehrliche und geschmackvolle Mensch wird mir in der Behauptung beistimmen müssen, daß wir Europäer ein gutes Recht haben, über das kulturelle Niveau der Bürger der Vereinigten Staaten bedauernd die Achseln zu zucken, so lange sie sich eine solche Presse gefallen lassen. Professor Osborns Meinung ist selbstverständlich auch die aller fein empfindenden und für den guten Ruf ihrer Geisteshöhe besorgten Amerikaner; aber der Umstand, daß der Geschmack dieser Elite bisher noch nicht imstande gewesen ist, eine Wendung zum Besseren zu erzwingen, beweist leider, daß der schlechte Geschmack bei der erdrückenden Mehrheit zu finden sei. So lange der Stand der Zeitungsverleger noch nicht ausschließlich aus[pg 151]reinen Idealisten besteht, denen kein Geldopfer groß genug ist zur Hebung des geistigen Niveaus der Leserwelt, so lange wird selbstverständlich die Zeitung nach dem Geschmack ihrer Käufer zugeschnitten bleiben. Es gibt ohne Zweifel in den Vereinigten Staaten reichlich Journalisten, die sowohl Bildung als stilistisches Geschick genug besäßen, um auch einem erheblich anspruchsvolleren Publikum zu genügen. Es dünkt mich sogar nicht unwahrscheinlich, daß in dem Lande der glänzenden Redner, der scharfen, witzigen Beobachter und schlagfertigen Debatter mehr gute geborene Journalisten vorhanden sein dürften, als in manchen Ländern der Alten Welt; wie aber gegenwärtig die Dinge in der amerikanischen Presse liegen, haben die skrupellosen fixen Reporter das Übergewicht, und die besten Köpfe und Federn halten sich entweder der Tagespresse fern, oder schrauben, dem Zwange der Verhältnisse gehorchend, ihr Geistesniveau absichtlich herunter. Wie die amerikanische Presse nun einmal ist, erscheint sie in den Augen ernsthafter gebildeter Menschen als für Kinder und Unmündige zugeschnitten. Selbstverständlich ist drüben, wie schließlich auch überall in der Alten Welt, ein erheblicher Unterschied zwischen den solid fundierten, hochangesehenen alten Blättern und der gelben Sensationspresse modernster Aufmachung zu bemerken; aber das Betrübliche dabei ist eben, daß das Modernste auch das Schlechteste bedeutet, und daß die gebieterische Stimme des Publikums auch die besseren älteren Blätter zwingt, wenigstens in der äußeren Aufmachung sich immer mehr in jenem schlechten Sinn zu modernisieren.

Illustrationsunfug.

Illustrationsunfug.

Das sicherste Mittel, eine Tageszeitung herunterzubringen, besteht darin, sie mit Illustrationen zu versehen. Selbst unsere außerordentlich fortgeschrittene[pg 152]Technik ist noch nicht imstande, für den Rotationsdruck auf Zeitungspapier in Massenauflagen künstlerisch wirkende Bilder herzustellen, abgesehen davon, daß es auch nur in sehr seltenen Ausnahmefällen möglich sein wird, von Tagesereignissen im Laufe weniger Stunden flotte künstlerische Handzeichnungen zu erhalten. Es wird sich also für den Bedarf der Tagespresse immer nur um Photographien handeln können, die durch irgend ein billiges Verfahren wiedergegeben werden. Was dabei für den guten Geschmack herauskommt, wenn man den Tagesereignissen mit dem Kodak nachläuft, jedes Festessen mit Magnesiumblitzen auffängt und die berühmten Zeitgenossen tückisch im Vorübergehen knipst, das erleben wir ja seit einer Reihe von Jahren bereits an unseren Wochenschriften. Immerhin geht es da noch mit einem gelinden Schauder ab, denn die verfügen wenigstens über ein besseres Papier und mehr Zeit für sorgfältige technische Wiedergabe; im Hurrdiburr des täglichen Rotationsbetriebes wird aber aus einer festlich bewegten Volksmenge ein Chaos von Klecksen und aus der geistvollen Physiognomie eines erstklassigen Gentleman die Karikatur eines Raubmörders. Mit vollem Rechte sehen wir, wenigstens in Deutschland, gottlob noch jede illustrierte Tageszeitung für ein Kutscherblatt an, und der bessere Mensch schämt sich, damit einen geräucherten Hering einzuwickeln.

Eitelkeitsmarkt.

Eitelkeitsmarkt.

In der Neuen Welt aber gibt es, so viel mir bewußt, überhaupt keine unillustrierten Tageszeitungen mehr; selbst die ernsthaftesten Blätter, die noch auf ihren guten alten Ruf etwas halten, glauben es ihren Lesern schuldig zu sein, wenigstens Porträts vom Tage und humoristische Beigaben zu bringen. In den ausdrücklich für den Geschmack der großen Masse bestimmten Blättern[pg 153]aber sieht man vor lauter Illustrationen bald keinen Text mehr. Die eigentliche Sensationspresse, drüben die gelbe genannt, läßt auf ihrer ersten Seite unter lauter schreienden Aufschriften und Bildern sogar ihren eignen Titelkopf verschwinden! Am oberen Rand der Zeitung lese ich in Riesenbuchstaben: „287 Menschen verkohlt“, oder „Rabenmutter läßt sieben Kinder verhungern“, oder „Das Arnoldmädchen mit Liebhaber in Neapel gesehen“ – wobei zu bemerken ist, daß „das Arnoldmädchen“ die durchgebrannte Tochter einer hochachtbaren bekannten Familie ist, die sich durch solch rohes Ausbrüllen ihres Herzeleides wie öffentlich geohrfeigt vorkommen muß! Dann folgen große Porträts der Rabenmutter mit den sieben Kindsleichen, wüst hingekleckste Darstellungen der großen Brandkatastrophe, Aufnahmen des Arnoldmädchens als Baby, als Schulmädel, als junge Dame, ihrer Eltern und ihres Entführers. Falls der letztere nicht wirklich von einem Detektiv oder Reporter geknipst werden konnte, tut es das Bild eines beliebigen anderen jungen Mannes natürlich auch. Reporternachrichten, wahre und unwahre, Telegramme über das gerade vorliegende Hauptereignis des Tages aus dem Bereich der Unglücks-, Verbrechens- oder Skandalchronik füllen die erste und vielleicht auch noch die zweite Seite aus; nötigenfalls schließen sich hier die Schauer- und Trauerfälle aus den anderen Teilen der Union und den anderen Weltteilen an. Jedenfalls bleibt als blamable Tatsache bestehen, daß alle die Nachrichten, die bei uns unter der Rubrik „Unglücksfälle und Verbrechen“ in möglichst knappen Notizen abgetan und nur von den Armen im Geiste mit lebhaftem Interesse gelesen werden, drüben an erster Stelle stehen und den meisten Raum beanspruchen, selbst in Blättern, die für anständig gelten. Den Sportereignissen werden tagtäglich, winters[pg 154]und sommers, viele, viele Spalten und massenhafte Illustrationen gewidmet. Auf diese Weise gelangt schließlich jeder amerikanische Junge, der sich auf dem grünen Felde in irgendeinem Sport eifrig betätigt, einmal dazu, seine interessanten Züge in der Zeitung festgehalten zu sehen, und daß das der jugendlichen Eitelkeit schmeichelt, ist ja begreiflich – weniger begreiflich jedoch, daß die Nation es nicht müde wird, jahraus, jahrein seine Bills, Bobs, Dicks, Johns und Jacks zum Frühstück serviert zu kriegen. Alle prominenten Persönlichkeiten, die gerade irgendwie von sich reden machen, werden fleißig interviewt und selbstverständlich abgebildet. Mehr oder minder harmlose Indiskretionen aus dem Leben der gerade im Brennpunkt des Tagesinteresses stehenden Personen füllen zahlreiche Spalten, und Big Bill (der Präsident Taft) muß sich’s gefallen lassen, ebenso burschikos angeulkt zu werden, wie irgendein Brettlstern. Um auch das meist trockene Gebiet der Politik nicht ganz ohne den Reiz der Illustration zu lassen, verfällt man auf die seltsamsten Auskunftsmittel. So war um die Weihnachtszeit 1910 unter den Nachrichten aus dem Weißen HauseThe Spinster AuntBig Bills, d. h. die Altjungferntante des Präsidenten, im Bilde zu sehen, welche ihrem lieben Neffen eigenhändig Lebkuchen und andere Gutseln gebacken hatte; das Paket und einzelne Gutseln waren gleichfalls abgebildet! Die Politik nimmt in den Sensationsblättern nur in Zeiten der Wahlkämpfe einen großen Raum ein, und die Sprache, die sie dann führt, zeichnet sich durch hahnebüchene Derbheit aus; jedes Mittel ist ihr recht, um den Parteigegner zu verunglimpfen. Sachlich gehaltene, gedankenvolle Leitartikel findet man nur in den besten Zeitungen. Einen breiten Raum beansprucht ferner die Rubrik, die bei uns „Hof und Gesellschaft“ überschrieben zu sein[pg 155]pflegt. Während aber bei uns nur die regierenden Häuser, der höchste Adel und ganz wenige große Persönlichkeiten der offiziellen Welt in dem Glashause der Öffentlichkeit sitzen, berichtet die amerikanische Presse tagtäglich von dem Leben und Treiben nicht nur ihrer höchsten Beamtenschaft, ihrer Multimillionäre und Modeberühmtheiten, sondern über alle ihre besser gestellten Mitbürger, soweit sie ein Haus ausmachen. „Mister und Missis Habakuk J. Flips von 132. Straße W. 385 hatten gestern abend zu Ehren ihrer Tochter Margaret Blossom, die ihr sechzehntes Lebensjahr erreichte, Gäste eingeladen. Unter den prominenten Persönlichkeiten bemerkte man ... usw.“ So geht es spaltenlang fort während der ganzen Saison. Wenn Damen aus der Gesellschaft für die Wohltätigkeit irgendeine Unterhaltung veranstalten, so bringt die Presse die Portraits sämtlicher Patronessen und ausführliche Berichte; ebenso wenn ein bekannter Bürger der Stadt eine große Reise unternimmt, wenn seine Tochter als Schönheit in der Gesellschaft Aufsehen erregt, oder sein Sohn beim Fußballspiel einige Rippen eingetreten kriegt, oder sein zu drei Viertel verkalkter Großvater achtzig Jahre alt wird – kurz und gut, der Markt der lieben Eitelkeit wird reich beschickt und trägt zu der fürchterlichen Papiervergeudung, als welche sich das ganze Preßunwesen darstellt, am meisten bei. Über Theater und Musik kann man unmittelbar neben den brillant geschriebenen Artikeln feiner Kenner in weit größerer Ausdehnung das alberne Gewäsch der Reporter finden, ebenso wie sich auch zwischen allen anderen Spalten unmittelbar neben dem sachverständigen Urteil des gereiften Fachmannes die zum Urteilen gänzlich unqualifizierte Volksstimme, das Gänsegeschnatter des Salons und der blödeste Tratsch der Hintertreppe breit macht. Hat man in dem Wirrsal von Nichtigkeiten[pg 156]doch einmal einen wirklich fesselnden, bedeutsamen Artikel erwischt, so wird man wieder des Genusses nicht froh durch die abscheuliche Gepflogenheit, den Text durch Geschäftsreklamen zu unterbrechen. Schreibt da ein feiner Kopf über irgendeine brennende, sagen wir sozialpolitische Frage. Ich folge gespannt den geistvollen Ausführungen, bis plötzlich in der Mitte der Spalte meine Augen vor einem Hindernis stutzen, denn da schiebt sich, dick und schwarz umrändert, die Reklame eines Apothekers für sein neues Abführmittel hinein; oder ich erbaue mich eben mit innerlichem Schmunzeln an den philosophischen Aphorismen zur Lebenskunst, die ein witziger Kopf in fein geschliffener Form zum besten gibt (eine Rubrik hierfür befindet sich in allen besseren Zeitungen und scheint sehr beliebt zu sein). Plötzlich wird eine reizende Bosheit über die Liebe durch das sich breit hereindrängende Inserat einer Bestattungsgesellschaft unterbrochen mit der fett gedruckten Überschritt: „Wähle dir nie dein Leichenbestattungsgeschäft aus persönlicher Freundschaft, denn wenn du das tust,“ geht es nun in kleinem Druck weiter, „so schädigst du erstens den Toten, weil du ihm nicht die erste Qualität Leichenbestattung zukommen läßt, und lädst zweitens den Hinterbliebenen eine Schuldenlast auf, für die sie keine Valuta empfangen haben, weil ein kleines Unternehmen, das jährlich nur wenige Begräbnisse zu liefern hat, selbstverständlich nicht so reich ausgestattet sein kann, wie ein großes von unserem Rang, und dennoch viel höhere Preise berechnen muß, weil es ja auch davon leben will. Unser Institut dagegen liefert ihnen zu billigerem Preise als irgendein anderes alles, was nur ein liebendes Herz zur Erweisung der letzten Ehre für seine teuren Verblichenen sich wünschen kann. Jedermann kann sich bei uns nach seinen eignen Ideen[pg 157]begraben lassen, wir haben Leute von allen Rassen, Glaubensbekenntnissen und Bruderschaften zu unserer Verfügung.“ Doppelstrich, – und dann geht es weiter im Text. So muß ich unglücklicher Zeitungsleser mir meine Reflexionen über die Liebe durch den unangemeldeten Besuch der Leichenwäscherin stören lassen; kann keinen Leitartikel bewältigen, ohne peinlichst an meine angeschoppte Leber, meine verdickte Galle oder mangelhafte Darmtätigkeit erinnert zu werden, und selbst wenn ich den harmlosen Roman in der Beilage schmökern will, halten mir die eifrigen Verkäufer aller möglichen Waren fortwährend ihre Muster mit lautem Geschrei unter die Nase.

Intellektueller Schlangenfraß.

Intellektueller Schlangenfraß.

Ich kann die aufreizende Wirkung dieser ewigen geschmacklosen Unterbrechungen nur mit den Gefühlen vergleichen, die das Telephon im Busen des modernen Menschen auslöst, wenn es ihm rücksichtslos in seinen Schlaf, in seine Andacht, in sein Nachdenken und seine Liebesfeier hineinklingelt. Man merkt auch aus dieser Aufmachung der Zeitung, daß der Durchschnittsamerikaner keinen Anspruch auf Schonung seiner Nerven erhebt. Er scheint seine Zeitung zu lieben, so wie sie ist, denn er widmet ihr alle seine freien Augenblicke, selbst während der Geschäftsstunden, und es ist für den denkenden Europäer höchst verwunderlich zu beobachten, wie Leute der verschiedensten geistigen Rangklassen, ohne Unterschied des Alters und Geschlechts, den nämlichen intellektuellen Schlangenfraß geduldig und sogar wohlig hinunterwürgen. Man traut seinen Augen nicht, wenn man einen ehrwürdigen Greis, dessen hohe, ausgearbeitete Stirn beträchtlichen Verstand bezeugt, mit verhaltenem Gekicher die sogenannte humoristische Ecke seiner Zeitung studieren sieht. In dieser Abteilung erscheint nämlich, ich weiß[pg 158]nicht seit wieviel Jahrzehnten bereits, tagtäglich eine Bilderserie von absichtlich unbeholfenen Karikaturen im Stile unseres „kleinen Moritz“. Die scheußlichen Fratzen, welche sich die amerikanischen Exzentrikkomiker des Varietés anzuschminken pflegen, fanden vielleicht ihre ersten Vorbilder in den tonangebenden Karikaturenzeichnungen der Tagesblätter, und diesen Fratzen hängen Zettel aus dem Munde, auf denen ihre erschütternd witzigen Aussprüche verzeichnet stehen. Gewiß können auch solche grotesken Kindereien zur Abwechslung einmal einen anspruchsvolleren Menschen belustigen – die goldig harmlosen Dollarikaner aber lassen sich in fast all ihren Blättern tagtäglich diesen Infantilismus gefallen; Sonntags kriegen sie sogar ganze Seiten davon in Buntdruck!

Ein wenig begreiflicher wird einem ja allerdings diese kindliche Anspruchslosigkeit des Geschmacks, wenn man das unbegrenzte Vertrauen, das der amerikanische Leser in die Allwissenheit seiner Zeitung setzt, beobachtet. Wer kein Konversationslexikon im Hause hat, telephoniert an eine beliebige Redaktion und setzt voraus, daß er da eine prompte Auskunft auf alle erdenklichen Fragen erhält. Die Naivität der guten Leute geht soweit, daß sie dem Mister Editor sogar ihre Herzensgeheimnisse anvertrauen und ihn um guten Rat bitten. Manche Zeitungen haben eine eigne Abteilung für solche vertraulichen Auskünfte, die manchmal in ganz ernsthaftem Ton gegeben, oft aber auch von dem spaßhaften Redakteur zur ironischen Verulkung der Einfalt benutzt werden. Ich schlage eine angesehene Chicagoer Zeitung auf und finde unter der Rubrik „Die Frau und ihre Interessen“ folgende Anfrage aus dem Leserkreise: „Liebes Fräulein Libbey!“ – das ist die Redaktrice dieser Abteilung – „Schreiber dieses ist ein junger Mann, welcher in einer[pg 159]Landstadt lebt und keine Erfahrungen mit dem schönen Geschlecht hat. Letzte Woche begegnete mir eine junge Dame, und ich verliebte mich ganz verzweifelt in sie, sie machte mir aber nicht die geringsten Avancen. Mein Vater ist Besitzer einer Lohnkutscherei in der Stadt, und ich fahre den Omnibus vom Bahnhof. Wenn diese junge Dame von mir vom Bahnhof nach ihrer Wohnung gefahren zu werden wünschen sollte, würden Sie mir raten, sie gratis mitzunehmen? C. A.“

Antwort: „Ja, das könnte Ihnen schon vorwärts helfen.“

Ist das nicht rührend niedlich?

Kopfzeilen.

Kopfzeilen.

Eine allbekannte Eigentümlichkeit der amerikanischen Tageszeitung sind dieHead lines(Kopfzeilen). Die Redaktionen haben einen eignen Mann, welcher nichts zu tun hat, als die vorliegenden Manuskripte mit solchen auffallenden, kurz orientierenden Überschriften zu versehen, und dieser Mann wird gut bezahlt. Der europäische Leser läuft anfangs blau an vor Wut über diese gräßlichenHead lines; er fühlt sich zum Idioten erniedrigt, weil man durch diese Überschriften, die jeden Artikel alle Nase lang zusammenfassend unterbrechen, im Grunde genommen doch nur ausdrücken will, daß man ihn für zu stumpfsinnig halte, als daß er imstande sei, sich selber über den Hauptinhalt des Gelesenen klar zu werden. Er ärgert sich noch ganz besonders über die Gepflogenheit der Herren Headliner, bei Berichten über Äußerungen hervorragender Persönlichkeiten zu Tagesfragen den Namen des Sprechers weg zu lassen. Da steht also z. B. fett und gesperrt gedruckt: „Sagt, Kalifrage nicht schuld“, und erst in dem in Diamant- oder gar Perlschrift ohne Durchschuß gesetzten Text erfährt man, daß es sich um den amerikanischen Botschafter in Berlin[pg 160]handele, der die Mutmaßung zurückweise, daß seine Haltung in der Kalifrage die Ursache seiner Abberufung gebildet habe. – Ein Bericht über mein und meiner Frau Auftreten in einem Universitätshörsaal war beispielsweise überschrieben: „Tituliertes Paar produziert sich vor erlesener Hörerschaft“. Oder ein Mordbericht ist überschrieben: „Pfeift Signal aus Liebestagen, tötet sodann Frau“. Genug der Beispiele. Aber derselbe Europäer, der anfangs mit knapper Not dem Schlagfluß entging vor Ärger über so viel Kinderei und grobe Geschmacklosigkeit, kommt schon nach acht Tagen sicherlich dazu, die Einrichtung der Headlines zu segnen, denn sie bedeuten tatsächlich den Ariadnefaden, der allein einen durch das Labyrinth der zu wüsten Haufen aufgetürmten Tagesneuigkeiten sicher hindurchgeleiten kann. Mit Hilfe der Headlines ist man nämlich imstande, die umfänglichste Tageszeitung in fünf Minuten zu erledigen, während man reichlich fünf Stunden brauchen würde, wenn man den ganzen klein gedruckten Text lesen wollte. Sie sind also im Grunde eine ungemein menschenfreundliche Einrichtung.

Ein smarter Reporter.

Ein smarter Reporter.

Es sei mir gestattet, aus meiner eignen Erfahrung ein kleines Beispiel dafür anzuführen, was der Amerikaner unter journalistischerSmartnessversteht. In St. Louis wurde uns unmittelbar nach unserer Ankunft früh morgens ein Reporter gemeldet, der uns zu interviewen wünschte. Ich merkte sehr bald, daß der sympathische, bescheidene junge Mann keinen blassen Schimmer hatte, wer wir waren, und er gestand auch lächelnd ein, daß ihn nur der „Baron“ veranlaßt habe, uns so rücksichtslos zu überfallen, ehe wir uns noch den Schmutz der Nachtfahrt abgespült hatten. Da in jenen Tagen die Aufführung von Richard Strauß’ „Salome“ in Chicago viel Staub auf[pg 161]wirbelte, und die Leute von St. Louis mit Spannung darauf warteten, ob ihr Stadtoberhaupt die Aufführung dieses gotteslästerlichen Werkes gestatten werde, so brachte ich den netten jungen Mann auf die Idee, mich über meine Beziehungen zu Strauß und meine Ansicht über „Salome“ auszufragen. Er stenographierte fleißig, und wir brachten, wie mir schien, ein ganz nettes Feuilleton zustande. Höchst vergnügt zog er mit seiner Beute ab. Bereits eine Stunde später wurden wir von seiner Redaktion angeklingelt: da habe ihnen einer ihrer jungen Leute ein ganz blödsinniges Gewäsch abgeliefert, wir sollten doch die überflüssige Belästigung entschuldigen und den Besuch eines anderen jungen Herrn ihrer Redaktion freundlichst empfangen. Bereits nach zehn Minuten erschien dieser Ins-Reine-Interviewer. Nachdem der schneidige, elegante junge Mann seinen Kollegen für einen Trottel erklärt hatte, ließ er sich ein Bild von meiner Frau geben und fragte sie, wie ihr die amerikanischen Männer gefielen, ob ihr die glattrasierten Gesichter lieber seien als die Schnurrbärte, was sie von den Humpelröcken halte, ob sie nach dem Westen zu gehen beabsichtige, ob sie sich nicht vor den Cowboys dort fürchtete – und dergleichen weltbewegende Wichtigkeiten mehr. In der Nachmittagsausgabe seines höchst gelben Blattes erschienen bereits Bild und Interview, und es wurde uns nachher von vielen Leuten bestätigt, daß das Publikum tatsächlich dergleichen platte Nichtigkeiten sehr gerne lese. Einige Tage später waren wir zu Gast bei dem Besitzer jener Zeitung. Wir fanden ein reizendes Heim und eine aus belangreichen Männern und interessanten Frauen anmutig gemischte Gesellschaft und in der Gattin des Hausherrn eine hochgebildete, geschmackvolle und fein empfindende Dame.

Ideale Möglichkeiten für die Zeitung.

Ideale Möglichkeiten für die Zeitung.

Ich glaube, aus dieser und manchen ähnlichen Erfahrung[pg 162]schließen zu dürfen, daß der Tiefstand der amerikanischen Presse durchaus nicht immer einen Rückschluß zulasse auf mangelhafte Befähigung der amerikanischen Journalisten. Im Gegenteil: diese Damen und Herren verfügen nicht selten über eine sehr gute Bildung, über eine höchst gewandte Feder, einen schlagfertigen Witz, und es wäre sehr wohl möglich, mit denselben Mitarbeitern auch eine nach unserem Geschmack gute Zeitung herzustellen. In allem Technischen ist uns die amerikanische Presse sogar vielfach überlegen. Die Schnelligkeit der Berichterstattung und besonders die Schnelligkeit in der Herstellung dieser, an Umfang unsere Tagesblätter meist weit übertreffenden Zeitungen sind ganz erstaunlich, und die Art und Weise, wie die Zeitung oft tatkräftig in öffentliche Angelegenheiten von Bedeutung eingreift, und wie sich bei solchen Gelegenheiten der Journalist zum Volksmanne großen Stiles, zum erfolgreichen Anwalt der Verkannten und Unterdrückten entwickelt, kann uns nur mit aufrichtiger Hochachtung erfüllen. Ich brauche wohl nur die NamenNew-York HeraldundHenry M. Stanleyzu nennen! Es betätigen sich eben im Journalismus nicht nur Leute, „die ihren Beruf verfehlt haben,“ nicht nur Klugschwätzer und Geistprotzen, sondern auch Tatmenschen, Willensgenies – weil sie wissen, daß aus einem Journalisten alles werden kann: ein Nordpol-Entdecker, ein Sherlok-Holmes, ein Theatertrustmagnat, ein Präsident der Republik! Unserer deutschen Eitelkeit ist es besonders schmeichelhaft, daß unter den hervorragendsten Journalisten englischer Feder sich auch zahlreiche deutsche Einwanderer befinden. Der anerkannt beste Musikkritiker New Yorks ist ein Deutscher; in dem amBoston Transcript, einer in geistigen Dingen führenden Tageszeitung, angestellten Redakteur für literarische Angelegenheiten entdeckte ich einen[pg 163]ehemaligen Wiener Feuilletonisten; er schreibt jetzt, wie viele seiner Landsleute im Journalismus und im Lehrfache, ein vorbildliches Englisch. Wenn solchen reichen Möglichkeiten zum Trotz dennoch das allgemeine Niveau der Tagespresse so erschreckend niedrig ist, so sind daran in der Hauptsache doch wohl nur die Verleger schuld, die sich an das gefährliche Goethewort halten: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.“

Eine Zeitung für jedermann aus dem Volke kann es aber vernünftigerweise überhaupt nicht geben; denn was das Herz eines Waschweibes erfreut, bedeutet für einen denkenden Menschen eine schwere Beleidigung, was eine weltkluge Frau von reifem Verstande lebhaft interessiert, langweilt vielleicht einen aufgeweckten Ladenschwung zum Gähnen usw. usw. Eine Zeitung kann ungemein erziehlich wirken nicht nur für den Geschmack, sondern auch für die guten Sitten und sogar für das Denkvermögen ihrer Leser, indem sie allgemein verständlich schreibt, ohne sich jedoch zu dem Geschmack und dem beschränkten Begriffsvermögen der geistig Minderwertigen herabzulassen, indem sie den niedrigen Instinkten der Masse keine Konzessionen macht und den Erbärmlichkeiten gegenüber, die die Wogen des Lebens tagtäglich ans Ufer der Öffentlichkeit schleudern, gewissermaßen die Funktionen der Gesundheitspolizei ausübt, dadurch daß sie alle übel riechenden Materien diskret entfernt oder wenigstens desinfiziert und zum Nutzen der allgemeinen Moral chemisch verarbeitet. Die jämmerliche Liebedienerei, welche fast die gesamte amerikanische Tagespresse der Masse gegenüber betreibt, wirkt jedoch als schweres Kulturhemmnis, geschmacksverderbend und sogar demoralisierend. Daß sie, wie ich in den Ausführungen über öffentliche und private Moral bereits hervorhob, trotz ihrer[pg 164]indiskreten Zudringlichkeit, vor der selbst die zartesten Geheimnisse des Familienlebens nicht sicher sind, geschlechtlichen Dingen gegenüber eine geradezu ängstlich prüde Zurückhaltung ausübt, verringert die moralischen Gefahren, die sie heraufbeschwört, nicht im geringsten, wenn anders man zugibt, daß Moral keineswegs im Nichtswissen um die Natürlichkeiten des Geschlechtslebens besteht, sondern darin, daß man seinen Mitmenschen gegenüber eine anständige Gesinnung betätigt und seine schlechten Triebe in strenge Zucht nimmt. Wer den Instinkt der Masse zum obersten Richter über die Moral und den gesunden Menschenverstand zum Minister der geistigen Angelegenheiten einsetzt, der trägt notwendig zur Verflachung der Kultur bei. Und wer einmal vor dem Mob eine etwas zu tiefe Verbeugung gemacht hat, dem setzt er sich leicht auf den Nacken und reitet ihn in den Sumpf der tödlichsten Trivialität hinein. Es ist sehr schwer, sich da wieder herauszurappeln.

Sensationsartikel ernster Zeitschriften.

Sensationsartikel ernster Zeitschriften.

Auch dafür liefert uns die amerikanische Presse ein warnendes Beispiel; anstatt daß nämlich, um die Geringwertigkeit des täglichen Massenfutters auszugleichen, die Wochen- und Monatsschriften nun erst recht auf nahrhafte Qualität der von ihnen aufgetischten Geistesspeise ausgingen, sehen wir sie vielmehr fast samt und sonders von dem bösen Beispiel der Tagespresse angesteckt. Auch ihr Feldgeschrei lautet: Sensation um jeden Preis! Ich weiß nicht, ob es ein einziges Blatt in Amerika gibt, das absichtlich den Kreis seiner Leser einschränkte, um zwanglos zu einer Gemeinde von Auserwählten sprechen zu dürfen. Weil der Hunger nach Sensation, durch die schlechte Presse geflissentlich genährt, nunmehr bereits eine Charaktereigenschaft des ganzen Volkes geworden ist, so glauben ihm heute auch die guten, alten Wochen-[pg 165]und Monatsschriften Rechnung tragen zu müssen, wenn es auch nur mit einem einzigen Artikel wäre. Wenn man den Herausgebern daraus einen Vorwurf macht, so erwidern sie einem achselzuckend: „Ja, dieses einen Artikels wegen wird aber unsere Zeitschrift gekauft; bringen wir ihn nicht, so schnappt uns die Konkurrenz die Leser weg.“ Dieser eine Sensationsartikel, der zum Ärger geschmackvoller Menschen die Physiognomie einer sonst vornehmen Zeitschrift verschandelt wie eine behaarte Warze das Antlitz einer feinen, liebenswürdigen Matrone, wird bezogen aus dem Reiche des Schwindels, der literarischen Hochstapelei, er wird eingegeben vom Neid, von der Rachsucht, vom Cynismus derer, die nichts mehr zu verlieren haben. Während meiner Anwesenheit in den Vereinigten Staaten brachte so eine angesehene Zeitschrift einen Artikel, in welchem behauptet wurde, daß in New York täglich etliche hunderttausend Stück faule Eier importiert würden, und daß sämtliche Zuckerbäcker ihre appetitlichen Süßigkeiten grundsätzlich nur aus faulen Eiern herstellten! Und eine Monatsschrift von noch älterem Rufe entwarf ein schaudererregendes Bild von der lebensgefährlichen Ignoranz der amerikanischen Ärzte, insonderheit der Chirurgen. Da wurde als Beispiel erzählt, daß ein Chirurg mit großer Praxis eine Reise ins Ausland unternehmen wollte und seine Patienten einem älteren, angesehenen Kollegen empfahl; darunter eine Dame, an der er eine Blinddarmoperation ausgeführt hatte, die aber neuerdings wieder über Schmerzen klagte. Der ältere Kollege habe die Dame untersucht und beim besten Willen keine andere Diagnose als Blinddarmentzündung stellen können. Schließlich sei der Zustand der Dame so besorgniserregend geworden, daß sie selber auf eine nochmalige Operation bestanden habe. Dabei zeigte sich,[pg 166]daß der Blinddarm, und zwar in scheußlicher Verfassung, noch vorhanden war. Als der jüngere Kollege dann zurückkehrte und von dem sonderbaren Ergebnis der Operation erfuhr, habe er totenblaß ausgerufen: „Mein Gott, was habeichdann da der Dame herausgeschnitten!?“ Ich müßte mich sehr täuschen, wenn ich diesen Scherz nicht schon vor dreißig Jahren in Deutschland gehört hätte; aber er genügte, gehörig aufgefrischt, um die sämtlichen medizinischen Fakultäten, die ganze Ärzteschaft der Vereinigten Staaten mobil zu machen und einen erbitterten Kampf der Meinungen zu entfachen, von dem jene tüchtige alte Monatsschrift schmunzelnd den Profit einstrich. Man sieht aus diesen Beispielen, daß sich der Sensationsgier zuliebe selbst die für die geistige Oberschicht arbeitende Presse kein Gewissen daraus macht, mit der Ehre des Einzelnen, eines ganzen Standes, eines Berufs oder gar der ganzen Nation ein frivoles Spiel zu treiben. Die Entschuldigung dafür klingt freilich plausibel genug: „Was wollen Sie?“ sagen einem die Herausgeber, „die Wissenden täuschen wir ja doch nicht mit solchem Bluff, die amüsieren sich nur darüber, und im übrigen wird so unendlich viel gedruckt und gelesen, daß das Publikum es ja doch nicht alles behalten kann. Wenn also die ärgsten Lügen wirklich einmal nicht einwandfrei dementiert werden sollten, so vergißt sie das Publikum doch sicher über der nächsten Sensation. Wo bleibt also der große Schaden, den wir stiften sollen?“

Es muß allerdings zugegeben werden, daß unter den besonderen amerikanischen Verhältnissen der Schaden vielleicht geringer ist, als er bei uns in Deutschland sein würde, weil dort verhältnismäßig nur wenige Menschen auf ein Blatt abonniert sind. Der Großstädter zumal kauft sich seine Zeitung und selbst seine Wochen- und[pg 167]Monatsschrift auf der Straße, und zwar heute die und morgen jene, wie es der Zufall will. Er lernt also die politischen Tagesfragen heute in republikanischer, morgen in demokratischer Betrachtung kennen; er sieht heute rot, morgen blau und übermorgen gelb – wenn er noch seinen eignen grünen Optimismus hinzutut, ergibt die Mischung nach dem Newtonschen Gesetz schließlich doch das Weiß der reinen Wahrheit! Die Gefahr der Verblödung durch die Presse ist also schließlich doch nicht so groß, wenigstens für den an sich schon freieren Geist. Gesetzt aber selbst den Fall, daß unter den etlichen 90 Millionen Menschen, welche die Vereinigten Staaten bevölkern, nur wenige Tausend noch auf dem kindlichen Standpunkt stehen sollten, alles, was gedruckt ist, für wahr zu halten, so bliebe noch immer die ungeheure Blamage vor der übrigen gebildeten Welt, welche doch nicht gut umhin kann, die Intelligenz und den Geschmack der ganzen Nation nach der Presse zu beurteilen, die sie sich gefallen läßt.

Die deutsche Presse.

Die deutsche Presse.

Es sei übrigens nachdrücklich betont, daß wenigstens ein Teil der deutschen Presse Amerikas, und besonders der führenden Blätter New Yorks, sich die redlichste Mühe gibt, sich über den Standard der englischen Presse zu erheben. In den großen deutschen Zeitungen findet man, besonders über das Ausland, eine bei weitem ausführlichere und zuverlässigere Berichterstattung, als selbst in der guten englischen Presse. Und was beispielsweise die New Yorker Staatszeitung in ihrem Sonntagsblatt an Belehrungs- und Unterhaltungsstoff bietet, wird an Qualität und Quantität von keiner unserer Zeitungen erreicht. Aber freilich: die große Mehrzahl der deutschen Einwanderer amerikanisiert sich überraschend schnell in Dingen des Ungeschmacks und der oberflächlichen Neu[pg 168]gier, und so zwingt der Selbsterhaltungstrieb auch die deutschen Blätter, manchen betrüblichen Unfug mitzumachen. Die Frage ist nun die: ist es überhaupt möglich, diesem rapiden Herabsinken Einhalt zu gebieten in einem großen demokratischen Freistaat, in dem die Masse sich zum allmächtigen Tyrannen aufgeschwungen hat? Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, daß es die natürliche Tendenz jeder menschlichen Gemeinschaft sei, eine Aristokratie aus sich heraus zu entwickeln. Nun, ich sehe auch die Vereinigten Staaten auf dem besten Wege dazu. Die Zeit muß kommen, wo diese Aristokratie zahlreich und stark genug ist, um die geistige Führung an sich zu reißen. Eine aristokratische Kultur aber läßt sich eine kulturlose Presse nicht gefallen. Die gebildete Welt wird die Amerikaner erst dann unter die Kulturvölker rechnen, wenn sie eine Presse besitzen, die es sich zur heiligen Aufgabe macht, den Geschmack der Masse zu vergewaltigen.

[pg 169]Von der demokratischen Gesellschaft.Die demokratische Freiheit.Deutsche Auswanderer, die in den Vereinigten Staaten zu Wohlstand gelangt sind, und es sich leisten können, von Zeit zu Zeit die alte Heimat zu besuchen, versichern einen in weitaus den meisten Fällen, daß sie mit staunender Genugtuung den großen Aufschwung des Vaterlandes in wirtschaftlicher, verkehrstechnischer, wissenschaftlicher und künstlerischer Beziehung wahrgenommen, daß sie mit stiller Rührung so manche treu behütete Wahrzeichen der Vergangenheit, liebenswürdige alte Sitten und Gebräuche, feuchtfröhliche Kneipwinkel und traute Gemütlichkeit im Familienheim wieder gefunden und ihre Heimatliebe dadurch gestärkt hätten. Wenn man sie aber dann fragt, ob sie denn das alles nicht in der Neuen Welt schmerzlich vermißten und ihr Leben nicht lieber mehr oder minder bescheiden, jedenfalls aber in der ruhigen Behaglichkeit des Rentners in der alten Heimat beschließen wollten, da bekommt man fast immer zur Antwort: „Nein, Wurzel fassen könnte ich auch in dem üppigen modernen Deutschland nicht mehr. So sehr ihr auch fortgeschritten seid, so habt ihr doch noch keine Ahnung von der wahren demokratischen Freiheit. Ihr fühlt euch immer noch als Untertanen, und es scheint euch vollständig in der Ordnung, euch euer ganzes Leben lang von euren großen und kleinen Fürsten, von Adel und Geistlichkeit, von euren geschwollenen Beamten und aufdringlich neugierigen Polizeiorganen grob oder sanft stupfen, gängeln und behüten zu lassen. Euer Dasein ist nach wie vor umzäunt von Warnungs- und Verordnungstafeln, der freie Entschluß[pg 170]und die freie Meinung trauen sich immer noch nicht recht heraus, ihr wartet immer noch auf Erlaubnis oder Befehl von oben, anstatt auf Biegen oder Brechen dem Unheil Trotz zu bieten. Die Disziplin und Ordnung bei euch ist ja eine ganz schöne Sache, aber die behagliche Ruhe, die sie bieten, muß doch mit zu viel Demütigungen des Selbstbewußtseins erkauft werden. Eure gesellschaftlichen Einrichtungen erscheinen uns Republikanern nun vollends lächerlich und unerträglich, denn ihr habt ja noch kaum angefangen, mit den unmöglichsten Standesvorurteilen und dem engherzigsten alten Kastengeist aufzuräumen. Das sind die Gründe, weshalb ein Mensch, der etliche Jahrzehnte lang die Luft echter demokratischer Freiheit geatmet hat, im alten Vaterlande nicht mehr heimisch werden kann.“ Und dann werden einem allerlei blamabel komische Reiseerlebnisse aufgetischt, die dieses Urteil über unsere Unfreiheit erhärten sollen: polizeiliche Meldeformulare, welche nicht nur Namen, Stand und Herkunft, sondern auch Alter, Religion und Zweck des Aufenthalts des Reisenden zu wissen begehren, das Zusammenknicken schnauzender Beamten vor einer Leutnantsuniform, die aufgeregte Wichtigtuerei des Mannes mit der roten Mütze, der mit Papieren in der Hand auf dem Bahnsteig hin und her rennt und seine Lunge anstrengt wie ein Brigadegeneral, um einen harmlosen Personenzug abzufertigen; die komische Angst der Gastgeber vor Verstößen gegen die Rangordnung bei Einladungen in ihr Haus, die Einbeziehung der Frauen in diese Rangordnung, die umständlichen Höflichkeitsbezeigungen wildfremder Menschen gegeneinander – und was dergleichen niedliche Reliquien aus jammervoller deutscher Vorzeit mehr sind.Das stimmt alles, und wir haben kein Recht, es dem Ausländer zu verübeln, wenn er diese Dinge bei uns mit[pg 171]ironischer Heiterkeit oder gar mit bitterem Zorn bemerkt. Die Frage ist für uns nur die: lebt man in der demokratischen Gesellschaft der größten amerikanischen Republik wirklich so sehr viel freier? Und ist es überhaupt möglich, ein friedliches Nebeneinanderleben von Menschen, eine öffentliche Ordnung, Sicherung des Lebens und Eigentums, eine Entwicklung von Gesittung zu schaffen ohne Gesetze, welche die absolute Freiheit des einzelnen beschränken und ohne Gewaltmittel, durch welche diesen Gesetzen Achtung verschafft wird? Die republikanische Regierung der Vereinigten Staaten hat diese Frage sehr energisch verneint. Ich wüßte nicht, wo in der Welt mehr und eifriger Gesetze fabriziert würden, als gerade in der Union, wo nicht nur im Senatspalast von Washington, sondern in den Kapitalen sämtlicher 44 Bundesstaaten, jahrein, jahraus Paragraphen geschmiedet werden, die wiederum durch die lokalen Verordnungen der einzelnen Gemeinwesen weitgehende Ergänzungen erfahren. Gewiß, unsere Verordnungswut, unsere kleinliche Polizeischikane verderben uns manche schöne Stunde und reizen die Galle öfter als das Zwerchfell – aber ist das drüben so sehr viel besser? Wenn der Zug die Grenze eines Prohibitionsstaates passiert, reißt mir der Schwarze im Speisewagen das Bierglas vom Munde weg; in Wisconsin mache ich mich strafbar, wenn ich jemandem eine Zigarette anbiete; in Boston werde ich in den Kerker geworfen, wenn ich auf der Straße ausspucke, auf der New-Yorker Untergrundbahn mit schwerer Geldstrafe belegt, wenn ich mich auf dem Bahnsteig mit einer glimmenden Zigarre sehen lasse; wenn ich ein schönes Mädchen bewundernd anblicke, riskiere ich, durchgeprügelt zu werden, und wenn ich das Opernhaus anders als im Frack und weißer Weste betrete, werde ich durch verächtliche Blicke in den Boden gebohrt.[pg 172]In der demokratischen Gesellschaft gibt es angeblich keinen Unterschied der Stände, und diese allgemeine Gleichheit soll ihren deutlichsten Ausdruck darin finden, daß auf der Eisenbahn nur eine einzige Wagenklasse für alle vorhanden ist. Dieser Grundsatz ist aber in Wahrheit nur bei langsamen Lokalzügen durchgeführt, die der „bessere Mensch“ ja doch selten benutzt, weil er sein eignes Auto hat. Sobald ich aber weite Strecken fahren will, denke ich nicht im Traume daran, mich mit Arbeitern, Chinesen, Negern, gummikauenden Ladenmädchen und Viehtreibern in die Car mit den gräßlich engen Sitzen aus schmutzigem Strohgeflecht zu setzen, sondern ich bezahle meinen Zuschlag am Schalter der Pullman-Gesellschaft und erwerbe mir damit das Anrecht, in einem großen luftigen, schön ausgestatteten Salonwagen einen bequemen drehbaren Polstersessel zu benutzen und an den besonderen Luxuseinrichtungen, wie Wasch- und Rauchkabinett, Speisewagen, Büfettwagen mit Schreibgelegenheit und reichhaltige Journalauswahl nach Belieben teilzunehmen. Hier kann ich sicher sein, mich in Gesellschaft reinlicher, gut gekleideter, manierlicher und wohlhabender Menschen zu bewegen, gerade so gut oder besser, als wenn ich in Deutschland zweiter Klasse führe. Fühle ich mich aber so außerordentlichprominent, daß mir auch diese Gesellschaft noch zu ordinär ist, gehöre ich also nach deutschen Begriffen zu denerstklassigenMenschen, so lege ich noch ein paar Dollar zu und kaufe mir dafür einCompartement, d. h. einen abgeschlossenen, bequemen Raum innerhalb des großenPullman-Wagens, in dem ich über üppige Salonmöbel verfüge und nachts auch allein schlafen kann, während die Leute zweiter Klasse, Männlein und Weiblein pêle-mêle, der Länge nach hinter einem grünen Vorhang übereinander geschichtet und sorgfältig von der frischen[pg 173]Luft abgeschlossen werden. Selbstverständlich kann man es, ebenso wie bei uns, einem Protzenbauer in dreckigen Schmierstiefeln nicht verwehren, wenn es ihm Spaß macht, für sein Geld erster Klasse zu fahren. Wenn aber drüben etwa ein Cowboy in verwegenem Räuberaufzug sich für seine zerknitterten Greenbacks (Dollarscheine) einen Platz im Pullman-Wagen leistet, so wird er sich in der manierlichen Gesellschaft, in der er weder rauchen noch spucken darf, bald genug ungemütlich fühlen und ganz bescheiden in den Rauchwagen abschieben, wo die Sitten freier sind. Ist das nun etwas anderes wie unser Dreiklassensystem? Wir mit unserer dünkelhaften Verachtung des Proletariers schufen sogar noch eine vierte Klasse für die Leute mit der ganz schmalen Börse – die Eisenbahnkönige im Lande der Freiheit und Gleichheit denken aber natürlich nicht daran, diesem Bettelpack zuliebe ganz billige Fahrgelegenheiten einzuführen. Daß – in den Südstaaten wenigstens – Neger in der Eisen- und selbst in der Straßenbahn im besonderen Wagen fahren müssen, ist ja eine weltbekannte, echt demokratische Einrichtung.Die alte Tante.Man sieht aus diesen wenigen Beispielen, daß auch in der großen Republik dafür gesorgt ist, daß der freie Kulturmensch sich hie und da an Gesetzestafeln Beulen stößt und wegen lächerlicher Bevormundung gerade so schön die Kränke kriegen kann, wie bei uns. Wenn wir näher zusehen, welchen Mächten es denn zu danken sei, daß wir drüben nicht vor lauter Freiheit allzu übermütig werden, so stoßen wir in den meisten Fällen auf –die alte Tante! Ich für meinen Teil muß gestehen, daß mir diese alte Tante, welche, mit einer Axt und mit einer Bibel bewaffnet, Türen einschlägt, Schnapsflaschen demoliert, gesetzgebenden Körperschaften die Fenster des Sitzungssaales einschmeißt und am liebsten alle freie Fröhlichkeit durch ihr sauer[pg 174]töpfisches Geplärr ersticken möchte, bei weitem unsympathischer ist, als unsere grimmigsten Polizeigewaltigen. Das ist überhaupt die üble Kehrseite der ritterlichen Frauenverehrung bei den Amerikanern, daß sie so leicht vor den verrücktesten Anschlägen boshafter und beschränkter alter Weiber zu Kreuze kriecht, sobald sie im Namen der Religion oder der Sittlichkeit unternommen werden. Denn es ist dieselbe bösartige alte Tante, welche mich zwingt, mein gutes Diner in einem erstklassigen Hotel wie das liebe Vieh mit Wasser hinunter zu spülen, oder mir ein harmloses Glas Bier durch eine Lüge zu erschleichen3, dieselbe auch, welche mir an meinen freien Sonntagen die Theater vor der Nase zusperrt, mir jede schöne künstlerische Nacktheit mit Feigenblättern verschandelt und sogar meine Lektüre kontrolliert, indem sie die Tore des Freistaates gegen die Einfuhr „freier“ Bücher verschließt und dem einheimischen Schriftsteller nicht gestattet, seine Feder Dinge und Gedankenkreise berühren zu lassen, diesiefür anstößig erklärt! Daß diese biedere Tante mit ihrem frommen Eifer weder die Trunk- noch die Vergnügungssucht, noch gar Kunst und Wissenschaft gänzlich auszurotten vermag, versteht sich von selbst; ihr Erfolg besteht darin, daß sie eine scheußliche und lächerliche Heuchelei züchtet und auf künstlerischem und wissenschaftlichem Gebiete die freie Entwicklung immerhin beträchtlich hemmt. Da es dem Bürger der Vereinigten Staaten an so vielen Plätzen verboten ist, seinen Durst mit alkoholischem Naß zu löschen, so verlernt er die guten Sitten im Umgang mit geistigen Getränken und berauscht[pg 175]sich bei verschlossenen Türen an konzentrierten Giften. Da ihm Sonntags der Genuß des Schauspiels wie der Oper versagt ist, die Gesetzgeber aber doch nicht so unmenschlich sein wollen, um Leute, die nur Sonntags Zeit haben, ganz und gar von dieser unter Umständen sogar bildenden Unterhaltung auszuschließen, verfielen sie auf den Ausweg, theatralische Vorstellungen unter dem NamenSacred Concertzu gestatten, wobei aber Kostüm und Tanz fortfallen müssen. Zu meiner Zeit wurde im deutschen Theater in New York am Sonntag nachmittag „Madame Bonivard“, der französische Schwank von der alten Balletteuse, alsgeistliches Konzertgegeben!Raubritter hüben und drüben.Und wenn die Amerikaner behaupten, daß es einen Kastengeist oder überhaupt gesellschaftliche Vorurteile bei ihnen nicht gebe, so muß ich mir erlauben, auch dahinter ein großes Fragezeichen zu machen. Die Abkommen der Knickerbockers, der True Virginians oder gar der biederen Londoner Handwerker, die 1620 mit der „Mayflower“ landeten, entwickeln einen Adelstick, der unsere blaublütigsten ostelbischen Junker neidisch machen könnte. Ganz natürlich: denn ein Amerikaner, der seine Großeltern noch kennt, ist schon ein leidlich vornehmer Mensch, da es ja ihrer viele gibt, die kaum wissen, wes Standes und Landes ihre Eltern waren. Folglich rechnen sich Leute, deren Ureltern schon Amerikaner waren, schon zum hohen Adel, selbst wenn diese Herrschaften Viehräuber gewesen sein und am Galgen geendet haben sollten. Die Nachkommen namhafter Kolonisatoren und Pioniere genießen ganz folgerichtig eine Verehrung, wie bei uns kaum die Sprossen königlicher Häuser. Da aber dieser Adel nicht durch Titel äußerlich erkennbar ist, so sorgt er durch strengste Absperrung seines gesellschaftlichen Kreises dafür, daß er nicht mit der Krapüle verwechselt werden[pg 176]kann. Es ist schwerer in die Gesellschaft der sogenannten Vierhundert hineinzukommen, als an den Höfen europäischer Kaiser und Könige Zutritt erhalten. Und geradeso wie unsere Potentaten von den Hofgeschichtsschreibern Fälschungen und Unterschlagungen begehen lassen, um unangenehme Eigenschaften ihrer Vorfahren vergessen zu machen, so scheuen die Vanderbilts, Jay Goulds, Astors usw. keine Kosten, um unangenehme Veröffentlichungen über ihre Ahnen zu hintertreiben. Nachschlagewerke wie „Wer ist wer?“ spielen drüben eine Rolle wie bei uns der „Gotha“. Die guten alten Familien schütteln ihre Bekanntschaften durch sieben Siebe, bevor sie sie ihres näheren Umganges würdigen, und die Emporkömmlinge, mögen sie auch Millionen schwer sein, kennen kein höheres Ziel ihres Ehrgeizes, als eine Einladung in eines dieser erlauchten Häuser zu erreichen oder wenigstens irgend einen ihrer jüngeren Prinzen oder Prinzessinnen bei sich zu sehen. Orden und Titel gibt es drüben offiziell nicht, dafür recken sich aber die guten Leute in den Theater- und Konzertsälen die Hälse aus, um die funkelnden Dekorationen der Herren Diplomaten zu bestaunen und schmücken ihre Knopflöcher mit Vereinszeichen in Gestalt blitzender Sternchen und Kreuzchen, die unseren Miniaturorden von weitem wenigstens sehr ähnlich sehen. Und jeder Bürger, der durch sein geschäftliches Glück oder durch eine gute Karriere unter die Prominenten geraten ist, trägt eifrig dafür Sorge, so oft wie irgend möglich in den Zeitungen erwähnt, abgebildet und interviewt zu werden, weil das seine gesellschaftliche Stellung ungemein erhöht. Die guten Republikaner scheinen ein vortreffliches Gedächtnis sowohl für die Zeitungsberühmtheiten wie für die Familienverhältnisse aller ihrer großen Tiere zu haben, denn in den besseren Kreisen wissen sie alle und besonders die Damen[pg 177]ganz genau, mit wem man anstandshalber verkehren kann und mit wem nicht. Sie haben ihre Liste dermöglichenMenschen so sicher im Kopfe wie bei uns nur die Damen der exklusivsten Kreise, deren Evangelium die Rangliste und das Gothaische Taschenbuch ist. Der Unterschied von hüben und drüben ist also nicht gar so groß – nur daß die europäischen Raubritter doch wenigstens ursprünglich Sprossen erlesensten Blutes waren und nur durch die Not, die Rauheit der Zeiten zur Räuberei verführt wurden. Drüben war aber doch meistens der Raubinstinkt das Primäre und wurde durch den Besitz eher gesteigert als vermindert. Zum Erwerben von ungeheuren Vermögen gehört neben hervorragender Klugheit, Beharrlichkeit, Phantasie und Wagemut noch immer eine große Portion Rücksichts- und Gewissenlosigkeit. In einer Gesellschaft von Abenteurern, Spielern und Gewaltmenschen wurde das Diebsgenie begreiflicherweise mehr bewundert als jedes andere.Pluckynessist heute noch ein höchstes Lob für einen Amerikaner, und wer die Dummheit anderer nicht ausnutzt, der gilt ihm für einen Schwachkopf. Wer diese Seite der amerikanischen Lebensauffassung mit Hochgenuß studieren will, der lese die kürzlich erschienenen Memoiren des alten Gauners Drew4. Darin kommt eine köstliche Anekdote vor, wie er einstens den alten ehrlichen Jakob Astor hineinlegte. Drew hatte eine gute Gelegenheit benutzt und für ein Spottgeld eine ganze Herde höchst minderwertigen Rindviehs gekauft. Er trieb sie selbst bis nahe vor New York und ließ die armen Tiere in den letzten zwei Tagen Salz lecken und erbärmlich Durst leiden. Dann ersuchte er Jakob Astor, hinauszukommen und sich seine kapitalen Tiere anzusehen. Eine Stunde vor Ankunft des mißtrauischen alten Geschäftsfreundes ließ[pg 178]er seine Herde saufen, saufen, saufen, bis sie mit ihren prallen Wasserbäuchen eine unerhört strotzende Gesundheit vortäuschte. Astor fiel darauf herein und bezahlte ihm einen glänzenden Preis. Dieses Schwindelmanöver hat eine sozusagen klassische Berühmtheit erlangt, und man nennt seither den Trick, Aktien durch Vortäuschung großer Rentabilität bei gesundem finanziellem Fundament in die Höhe zu treiben „Watering the stock“ die Herde wässern – denn das Wortstockbedeutet sowohl Aktie wie Herde. – Natürlich fällt es mir gar nicht ein, den Yankees aus ihren undemokratischen Gelüsten einen Vorwurf machen zu wollen; ich sehe vielmehr darin nur eine Bestätigung meiner Überzeugung, daß das Streben nach Züchtung einer Aristokratie ein Naturgesetz sei. Der gesunde Ehrgeiz, der zum Vorwärts- und Hochkommen anspornt, saugt seine Nahrung aus dem Naturtriebe aller stärkeren, wertvolleren Menschen, sich von den minderwertigen Schwächlingen abzusondern.Soldatenwerbung.Es war mir sehr interessant, die Klage eines New Yorker Führers der Sozialdemokratie zu vernehmen, daß es in den Vereinigten Staaten so außerordentlich schwer sei, die Partei hoch zu bringen, weil die Leute keine Disziplin halten wollten. Da liegt der Hase im Pfeffer. Bei uns bekämpft die Sozialdemokratie den Militarismus aufs grimmigste – und dennoch verdankt sie einzig und allein diesem Militarismus ihren gewaltigen Erfolg in der Gegenwart. Der militärische Drill sitzt seit etwa fünf Generationen unserem Volke im Blut und hat es zum Disziplinhalten erzogen; dem freien Bürger der Vereinigten Staaten aber ist nichts auf der Welt so verhaßt als wie Disziplin. Obwohl drüben die Herdeninstinkte noch viel stärker wirken als bei uns, weil erst eine alte Kultur zu weitgehender Differenzierung der Persönlichkeit führt, so ist doch jeder[pg 179]Einzelne als Republikaner viel eifersüchtiger auf seine persönliche Freiheit als bei uns. Schon im Kapitel über die Dienstbotenfrage habe ich diesen Punkt berührt. Fast noch deutlicher tritt diese republikanische Eitelkeit, wie ich es nennen möchte, in der Frage der Rekrutierung des stehenden Heeres zutage. Die Armee wird vom amerikanischen Patriotismus naiv glorifiziert und liebenswürdig verhätschelt. Es braucht nur ein Bataillon mit klingendem Spiel durch die Straßen zu ziehen, und alles ist tief gerührt vor nationaler Begeisterung – aber dienen will niemand, und die allgemeine Wehrpflicht scheint undurchführbar. Die Regierung sieht sich gezwungen, an dem alten Werbesystem festzuhalten. Riesige Plakate müssen mit schreienden Farben die Söhne des Vaterlandes zum Heeresdienst verlocken. Da sieht man unter azurblauem Himmel, im Schatten von Palmen und Sykomoren, ein lustiges Zeltlager aufgeschlagen und liebestrahlende Offiziere, den Arm in väterlichem Wohlwollen um die Schultern gemeiner Soldaten gelegt, in freundschaftlich belehrendem Gespräch einherwandeln; und auf den Schmuckplätzen großer Städte etablieren sich Feldwebel und harren unter ähnlichen vielversprechenden Plakaten der jungen Leute, die es gelüstet, dem Vaterlande als Soldat zu dienen. Diese Werber müssen reden können wie die Versicherungsagenten und Weinreisenden. Sie stecken voll lustiger Schwänke und sind nicht so leicht unter den Tisch zu trinken – denn Freund Alkohol muß meistens ein übriges tun, um den schwankenden Heldenjüngling soweit zu bringen, daß er Handgeld annimmt. Übrigens versprechen die Werber kaum zu viel, denn so gut wie der amerikanische dürfte es schwerlich ein anderer Soldat der Welt haben. Auf Manneszucht wird freilich streng gehalten, und im Dienst werden die Kräfte gehörig angespannt, aber dafür[pg 180]wird auch der gemeine Mann wie ein anständiger Mensch behandelt und durch ausgezeichnete Verpflegung, musterhafte hygienische Einrichtungen und Vorkehrungen für Unterhaltung und Erholung dafür gesorgt, daß er nicht von Kräften komme und bei guter Laune bleibe. Die Liebenswürdigkeit eines prächtigen, fein gebildeten Kavallerieobersten in Columbus (Ohio) ließ mich einen Einblick in das Kasernenleben tun. Jeder Mann hat ein blitzsauberes, behagliches Bett, jeder seine eigne Waschgelegenheit, sein Wannen- oder Brausebad, so oft er will, und wenn er krank ist in dem mit allen modernen Errungenschaften ausgestatteten Hospital die denkbar sorgfältigste Pflege. Sein Dinner nimmt er abends um 6 Uhr in einer eigens dafür bestimmten großen Halle mit den Kameraden ein und sitzt dabei ordentlich am Tisch, wird von hierzu kommandierten Kameraden bedient und bekommt bei jedem Gang Geschirr und Besteck gewechselt. Ich nahm an einem solchen Dinner teil, und da gab es eine vorzügliche Reissuppe, Hamburger Beefsteaks mit Bohnengemüse und hinterher anständigen Kaffee mit delikatem Weißbrot. Selbstverständlich haben sie auch ihr eignes Feld zum Football- und Baseball-Spiel. Mit ihrem Griffeklopfen und ihrem Parademarsch ist es allerdings nach altpreußischen Begriffen nicht weit her, dafür wird aber die Entschlußfähigkeit des einzelnen Mannes, die Gewandtheit und Ausdauer im Felddienst mit bestem Erfolge anerzogen. Daß die Löhnung eine ungleich viel bessere ist als bei uns, ist wohl selbstverständlich. Der amerikanische Soldat könnte also den unsrigen höchstens in dem einen Punkte beneiden, daß er keine so bunte und blitzende Uniform zur Schau tragen darf. Dafür ist die seinige aber auch viel bequemer als die unsrige und außerdem ein sichererer Schutz als der festeste Küraß, denn ihre staubgraue Farbe macht[pg 181]den Mann schon in einer Entfernung von etwa 300 Meter völlig dem Erdboden gleich. Die Frau Oberst erzählte mir, daß sie eines schönen Tages ihren Gatten vom Reitplatz habe abholen wollen und nicht wenig erschrocken gewesen sei, als sie, auf etwa 350 Meter herangekommen, das Pferd, das der Herr Oberst an jenem Morgen bestiegen hatte, reiterlos im Karriere durch die Bahn jagen sah. Von Angst beflügelt, sei sie vorwärts gestürzt und – nach ein paar Minuten sei der schmerzlich Vermißte erst schattengleich, dann immer deutlicher und kompakter wieder auf dem Rücken seines Pferdes erschienen. Es würde also aus der Höhe eines beobachtenden Flugzeuges zum Beispiel von einer amerikanischen Armee unter Umständen überhaupt nichts zu sehen sein. Doch dies nur nebenbei.Vom Söldnerheere.Die Frage, ob eine noch so wohl gehaltene und gut ausgebildete Söldnertruppe einem großen, intelligent geleiteten Volksheer gegenüber standzuhalten vermöge, wird über kurz oder lang doch einmal zur Entscheidung kommen, denn es ist allgemein bekannt, daß die Japs ein äußerst begehrliches Auge auf Kalifornien gerichtet halten. Als die amerikanische Flotte im Jahre 1910 ihre Demonstrationsfahrt um das Kap Horn nach Japan unternahm, erkannte der amerikanische Admiral unter den ihm zur Begrüßung entgegengeschickten hohen Würdenträgern des japanischen Marineministeriums zu seinem nicht geringen Schreck das harmlos freundliche Gesicht eines Mannes, der längere Zeit bei ihm als Gärtner angestellt gewesen war! Sie sind die verteufeltsten Spione der Welt, sie wissen tatsächlich alles und verstehen es vortrefflich, ihre Pläne von langer Hand vorzubereiten und ganz versteckt zu intrigieren. Eingeweihte behaupten, daß die pacifischen Republiken Südamerikas schon alle durch die Versprechungen der Japaner für deren Zwecke eingefangen und bereit seien,[pg 182]beim ersten Versuch der Japaner sich der pacifischen Küste zu bemächtigen, dem großen Bruder in den Rücken und in die Flanke zu fallen. Gelingt es aber den Gelben wirklich, sich in Kalifornien festzusetzen, dann würde es eine überaus schwierige Aufgabe sein, sie wieder hinaus zu jagen. Denn es gibt über die Rocky Mountains nur fünf einigermaßen gangbare Pässe, die militärisch leicht zuzuschließen sind. Nur angesichts eines solchen nationalen Unglücks würde die glühende Vaterlandsliebe der Amerikaner sich zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht hinreißen lassen. Ich glaube, sie wäre ein Segen für das Volk; denn der Mangel an Disziplin, an persönlicher Opferwilligkeit macht sich überall als Hemmnis für den Fortschritt wahrer Zivilisation bemerkbar. Eine Disziplin aber, die im Blute sitzt, und nicht etwa, wie in Rußland, durch Angst und Schrecken mühsam aufrecht erhalten werden muß, schafft überhaupt erst die Vorbedingungen für das segensreiche Wirken freiheitlicher Ideen und Einrichtungen.Demokratische Tugenden.Neidlosigkeit.Die Freiheit, welche die Bürger der Vereinigten Staaten tatsächlich vor uns voraus haben, und um die wir sie heute noch beneiden müssen, besteht also keineswegs in der verlockenden Disziplinlosigkeit, in der frivolen Verhöhnung der Gesetze und in der geringen Empfindung für die Wichtigkeit einer ängstlich gewissenhaften Aufrechterhaltung der Standes- und Berufsehre, als vielmehr darin, daß drüben tatsächlich jede Energie, jedes Talent freie Bahn zum Auswirken besitzt. Wer etwas kann und etwas weiß, wer Arbeitskraft und Eifer an den Tag legt, wer etwas Neues zu sagen hat, der kann sicher sein, ein Feld für Betätigung seiner Kräfte zu finden, Ohren, die auf ihn hören und Hände, die ihm vorwärts helfen. Gute Zeugnisse, gute Familienbeziehungen, einflußreiche Gönner[pg 183]und ererbtes Betriebskapital sind selbstverständlich auch drüben eine wertvolle Vorbedingung; aber der wirklich Tüchtige kann auch ohne all das sicher sein, vorwärts zu kommen. Bei uns hat sich die offizielle Welt mit dünkelhafter Ängstlichkeit einen hohen Zaun um ihren geheiligten Bezirk errichtet und sieht es schadenfroh mit an, wie so mancher temperamentvoll Einlaßheischende sich an diesem Zaun seinen guten Kopf einrennt und gewandte Kletterer sich wenigstens die Hosen daran zerreißen; das Beste an der demokratischen Freiheit ist es, daß sie einen solchen Bretterzaun zwischen Regierung und „Untertan“, zwischen Behörde und Publikum nicht duldet. Bei uns stecken die Regierenden immer noch in der Anschauung fest, daß nicht sie des Volkes wegen, sondern im Gegenteil das Volk ihretwegen da sei; dagegen entspringt aus dem Bewußtsein des freien Bürgers, daß nicht er regiert werde, sondern vielmehr sich für sein Geld eine Regierung nach seinem Geschmack leisten könne, jenes Herrenbewußtsein, das die wahre Menschenwürde erst zur rechten Blüte bringt. Dieses Herrenbewußtsein ist aber auch der grimmigste Feind aller Duckmäuserei, Neidhammelei, Nörgelsucht und aller sonstigen Laster geborener Philisterseelen. Jene beiden, bei uns leider immer noch recht zahlreichen Typen des Spießertums, nämlich einerseits der untertänigst vor jeder Art Obrigkeit ersterbende und wunschlos zufriedene und andererseits der noch viel häufigere, auf alles schimpfende und doch nie zur Selbsthülfe greifende Spießer dürften in den Vereinigten Staaten nicht einmal in den ödesten Kleinstädten zu finden sein. In der Luft der Freiheit gedeihen die Tugenden der wahren Noblesse: Wagemut, Hochherzigkeit, Freigebigkeit, Zutrauen zum guten Willen des Nebenmenschen. Man begegnet diesen Herrentugenden überall in der Öffentlichkeit, nicht nur[pg 184]in den großartigen Organisationen der Wohltätigkeit, der Erziehung, der Fürsorge für die physisch und moralisch Kranken, in den königlichen Stiftungen der Milliardäre, sondern in vielen kleinen Zügen, die beweisen, daß auch der ärmste dieser freien Bürger an jenen Tugenden teil hat. So wird beispielsweise in dem Lande, das für die genialen Diebe großen Stils so viel lächelndes Verständnis übrig hat, das auf der Straße liegende Eigentum des Nächsten auffallend respektiert. Wenn der Zeitungsjunge austreten oder seinen Lunch einnehmen will, so legt er seinen Packen ruhig auf das Trottoir. Wer unterdessen eine Zeitung kaufen will, nimmt sich eine von dem Haufen und legt seine zwei Cent oben drauf. Man hört nie davon, daß sich jemand an dem angesammelten Kleingeld vergriff; wenn der Briefkasten voll ist oder der Spalt für Drucksachen und dergleichen zu eng, so legt man einfach seine Postsachen oben drauf, und keinem kommt der Gedanke, daß sie da fortgenommen werden könnten; ja noch mehr: man sieht in den Straßen massenhaft herrenlose Automobile herumstehen, denn bei der Kostspieligkeit der Dienstboten können sich nur sehr reiche Leute einen Chauffeur leisten; im Winter sind die Vergaser der Maschinen oft mit wertvollen Decken und Teppichen vor der Kälte geschützt – und man hört selten oder nie davon, daß ein Auto oder auch nur eine solche Decke von der Straße weg gestohlen worden wäre. Bei hellichtem Tage bandenweise in einen Laden oder in einenSalooneinfallen und Inhaber wie Kunden ausplündern, das ist guter Sport, das ist fesch, würde der Wiener sagen; aber von der Straße etwas fortnehmen, das ist gemeiner Vertrauensmißbrauch, das tut nicht einmal der Lumpenproletarier. Der Kleine, der sich von dem Großen geschädigt und schlecht behandelt fühlt, setzt sich energisch zur Wehr. Der Arbeiter[pg 185]ist leicht mit dem Streik bei der Hand, wenn er die großen Geldsäcke allzu zugeknöpft findet. Aber es fällt ihm nicht ein, den Arbeitgeber zu hassen und grimmig zu beneiden um seinen Überfluß. Weiß er doch von so vielen dieser schwer reichen Herren, daß sie ganz klein angefangen haben; folglich nimmt er an, daß die Kerle eben einen guten Kopf, Fleiß, Energie und Glück gehabt haben – ihm selber oder seinen Kindern mag es ja ebenfalls gelingen, es so weit zu bringen. Warum nicht? Die Bahn ist ja frei! Das ist auch ein Grund, weshalb der Weizen des Sozialismus drüben nicht blühen will.Ob man wohl unsere Regierung dazu bewegen könnte, einige Schiffsladungen voll Philister, Spießer, Paragraphenreiter, Schulfüchse, Bureaukratsbürsten und Einfaltspinsel hinüber zu schaffen, um bei Bruder Jonathan einen mehrjährigen Kursus zwecks Charakterverbesserung durchzumachen?

Die demokratische Freiheit.

Die demokratische Freiheit.

Deutsche Auswanderer, die in den Vereinigten Staaten zu Wohlstand gelangt sind, und es sich leisten können, von Zeit zu Zeit die alte Heimat zu besuchen, versichern einen in weitaus den meisten Fällen, daß sie mit staunender Genugtuung den großen Aufschwung des Vaterlandes in wirtschaftlicher, verkehrstechnischer, wissenschaftlicher und künstlerischer Beziehung wahrgenommen, daß sie mit stiller Rührung so manche treu behütete Wahrzeichen der Vergangenheit, liebenswürdige alte Sitten und Gebräuche, feuchtfröhliche Kneipwinkel und traute Gemütlichkeit im Familienheim wieder gefunden und ihre Heimatliebe dadurch gestärkt hätten. Wenn man sie aber dann fragt, ob sie denn das alles nicht in der Neuen Welt schmerzlich vermißten und ihr Leben nicht lieber mehr oder minder bescheiden, jedenfalls aber in der ruhigen Behaglichkeit des Rentners in der alten Heimat beschließen wollten, da bekommt man fast immer zur Antwort: „Nein, Wurzel fassen könnte ich auch in dem üppigen modernen Deutschland nicht mehr. So sehr ihr auch fortgeschritten seid, so habt ihr doch noch keine Ahnung von der wahren demokratischen Freiheit. Ihr fühlt euch immer noch als Untertanen, und es scheint euch vollständig in der Ordnung, euch euer ganzes Leben lang von euren großen und kleinen Fürsten, von Adel und Geistlichkeit, von euren geschwollenen Beamten und aufdringlich neugierigen Polizeiorganen grob oder sanft stupfen, gängeln und behüten zu lassen. Euer Dasein ist nach wie vor umzäunt von Warnungs- und Verordnungstafeln, der freie Entschluß[pg 170]und die freie Meinung trauen sich immer noch nicht recht heraus, ihr wartet immer noch auf Erlaubnis oder Befehl von oben, anstatt auf Biegen oder Brechen dem Unheil Trotz zu bieten. Die Disziplin und Ordnung bei euch ist ja eine ganz schöne Sache, aber die behagliche Ruhe, die sie bieten, muß doch mit zu viel Demütigungen des Selbstbewußtseins erkauft werden. Eure gesellschaftlichen Einrichtungen erscheinen uns Republikanern nun vollends lächerlich und unerträglich, denn ihr habt ja noch kaum angefangen, mit den unmöglichsten Standesvorurteilen und dem engherzigsten alten Kastengeist aufzuräumen. Das sind die Gründe, weshalb ein Mensch, der etliche Jahrzehnte lang die Luft echter demokratischer Freiheit geatmet hat, im alten Vaterlande nicht mehr heimisch werden kann.“ Und dann werden einem allerlei blamabel komische Reiseerlebnisse aufgetischt, die dieses Urteil über unsere Unfreiheit erhärten sollen: polizeiliche Meldeformulare, welche nicht nur Namen, Stand und Herkunft, sondern auch Alter, Religion und Zweck des Aufenthalts des Reisenden zu wissen begehren, das Zusammenknicken schnauzender Beamten vor einer Leutnantsuniform, die aufgeregte Wichtigtuerei des Mannes mit der roten Mütze, der mit Papieren in der Hand auf dem Bahnsteig hin und her rennt und seine Lunge anstrengt wie ein Brigadegeneral, um einen harmlosen Personenzug abzufertigen; die komische Angst der Gastgeber vor Verstößen gegen die Rangordnung bei Einladungen in ihr Haus, die Einbeziehung der Frauen in diese Rangordnung, die umständlichen Höflichkeitsbezeigungen wildfremder Menschen gegeneinander – und was dergleichen niedliche Reliquien aus jammervoller deutscher Vorzeit mehr sind.

Das stimmt alles, und wir haben kein Recht, es dem Ausländer zu verübeln, wenn er diese Dinge bei uns mit[pg 171]ironischer Heiterkeit oder gar mit bitterem Zorn bemerkt. Die Frage ist für uns nur die: lebt man in der demokratischen Gesellschaft der größten amerikanischen Republik wirklich so sehr viel freier? Und ist es überhaupt möglich, ein friedliches Nebeneinanderleben von Menschen, eine öffentliche Ordnung, Sicherung des Lebens und Eigentums, eine Entwicklung von Gesittung zu schaffen ohne Gesetze, welche die absolute Freiheit des einzelnen beschränken und ohne Gewaltmittel, durch welche diesen Gesetzen Achtung verschafft wird? Die republikanische Regierung der Vereinigten Staaten hat diese Frage sehr energisch verneint. Ich wüßte nicht, wo in der Welt mehr und eifriger Gesetze fabriziert würden, als gerade in der Union, wo nicht nur im Senatspalast von Washington, sondern in den Kapitalen sämtlicher 44 Bundesstaaten, jahrein, jahraus Paragraphen geschmiedet werden, die wiederum durch die lokalen Verordnungen der einzelnen Gemeinwesen weitgehende Ergänzungen erfahren. Gewiß, unsere Verordnungswut, unsere kleinliche Polizeischikane verderben uns manche schöne Stunde und reizen die Galle öfter als das Zwerchfell – aber ist das drüben so sehr viel besser? Wenn der Zug die Grenze eines Prohibitionsstaates passiert, reißt mir der Schwarze im Speisewagen das Bierglas vom Munde weg; in Wisconsin mache ich mich strafbar, wenn ich jemandem eine Zigarette anbiete; in Boston werde ich in den Kerker geworfen, wenn ich auf der Straße ausspucke, auf der New-Yorker Untergrundbahn mit schwerer Geldstrafe belegt, wenn ich mich auf dem Bahnsteig mit einer glimmenden Zigarre sehen lasse; wenn ich ein schönes Mädchen bewundernd anblicke, riskiere ich, durchgeprügelt zu werden, und wenn ich das Opernhaus anders als im Frack und weißer Weste betrete, werde ich durch verächtliche Blicke in den Boden gebohrt.[pg 172]In der demokratischen Gesellschaft gibt es angeblich keinen Unterschied der Stände, und diese allgemeine Gleichheit soll ihren deutlichsten Ausdruck darin finden, daß auf der Eisenbahn nur eine einzige Wagenklasse für alle vorhanden ist. Dieser Grundsatz ist aber in Wahrheit nur bei langsamen Lokalzügen durchgeführt, die der „bessere Mensch“ ja doch selten benutzt, weil er sein eignes Auto hat. Sobald ich aber weite Strecken fahren will, denke ich nicht im Traume daran, mich mit Arbeitern, Chinesen, Negern, gummikauenden Ladenmädchen und Viehtreibern in die Car mit den gräßlich engen Sitzen aus schmutzigem Strohgeflecht zu setzen, sondern ich bezahle meinen Zuschlag am Schalter der Pullman-Gesellschaft und erwerbe mir damit das Anrecht, in einem großen luftigen, schön ausgestatteten Salonwagen einen bequemen drehbaren Polstersessel zu benutzen und an den besonderen Luxuseinrichtungen, wie Wasch- und Rauchkabinett, Speisewagen, Büfettwagen mit Schreibgelegenheit und reichhaltige Journalauswahl nach Belieben teilzunehmen. Hier kann ich sicher sein, mich in Gesellschaft reinlicher, gut gekleideter, manierlicher und wohlhabender Menschen zu bewegen, gerade so gut oder besser, als wenn ich in Deutschland zweiter Klasse führe. Fühle ich mich aber so außerordentlichprominent, daß mir auch diese Gesellschaft noch zu ordinär ist, gehöre ich also nach deutschen Begriffen zu denerstklassigenMenschen, so lege ich noch ein paar Dollar zu und kaufe mir dafür einCompartement, d. h. einen abgeschlossenen, bequemen Raum innerhalb des großenPullman-Wagens, in dem ich über üppige Salonmöbel verfüge und nachts auch allein schlafen kann, während die Leute zweiter Klasse, Männlein und Weiblein pêle-mêle, der Länge nach hinter einem grünen Vorhang übereinander geschichtet und sorgfältig von der frischen[pg 173]Luft abgeschlossen werden. Selbstverständlich kann man es, ebenso wie bei uns, einem Protzenbauer in dreckigen Schmierstiefeln nicht verwehren, wenn es ihm Spaß macht, für sein Geld erster Klasse zu fahren. Wenn aber drüben etwa ein Cowboy in verwegenem Räuberaufzug sich für seine zerknitterten Greenbacks (Dollarscheine) einen Platz im Pullman-Wagen leistet, so wird er sich in der manierlichen Gesellschaft, in der er weder rauchen noch spucken darf, bald genug ungemütlich fühlen und ganz bescheiden in den Rauchwagen abschieben, wo die Sitten freier sind. Ist das nun etwas anderes wie unser Dreiklassensystem? Wir mit unserer dünkelhaften Verachtung des Proletariers schufen sogar noch eine vierte Klasse für die Leute mit der ganz schmalen Börse – die Eisenbahnkönige im Lande der Freiheit und Gleichheit denken aber natürlich nicht daran, diesem Bettelpack zuliebe ganz billige Fahrgelegenheiten einzuführen. Daß – in den Südstaaten wenigstens – Neger in der Eisen- und selbst in der Straßenbahn im besonderen Wagen fahren müssen, ist ja eine weltbekannte, echt demokratische Einrichtung.

Die alte Tante.

Die alte Tante.

Man sieht aus diesen wenigen Beispielen, daß auch in der großen Republik dafür gesorgt ist, daß der freie Kulturmensch sich hie und da an Gesetzestafeln Beulen stößt und wegen lächerlicher Bevormundung gerade so schön die Kränke kriegen kann, wie bei uns. Wenn wir näher zusehen, welchen Mächten es denn zu danken sei, daß wir drüben nicht vor lauter Freiheit allzu übermütig werden, so stoßen wir in den meisten Fällen auf –die alte Tante! Ich für meinen Teil muß gestehen, daß mir diese alte Tante, welche, mit einer Axt und mit einer Bibel bewaffnet, Türen einschlägt, Schnapsflaschen demoliert, gesetzgebenden Körperschaften die Fenster des Sitzungssaales einschmeißt und am liebsten alle freie Fröhlichkeit durch ihr sauer[pg 174]töpfisches Geplärr ersticken möchte, bei weitem unsympathischer ist, als unsere grimmigsten Polizeigewaltigen. Das ist überhaupt die üble Kehrseite der ritterlichen Frauenverehrung bei den Amerikanern, daß sie so leicht vor den verrücktesten Anschlägen boshafter und beschränkter alter Weiber zu Kreuze kriecht, sobald sie im Namen der Religion oder der Sittlichkeit unternommen werden. Denn es ist dieselbe bösartige alte Tante, welche mich zwingt, mein gutes Diner in einem erstklassigen Hotel wie das liebe Vieh mit Wasser hinunter zu spülen, oder mir ein harmloses Glas Bier durch eine Lüge zu erschleichen3, dieselbe auch, welche mir an meinen freien Sonntagen die Theater vor der Nase zusperrt, mir jede schöne künstlerische Nacktheit mit Feigenblättern verschandelt und sogar meine Lektüre kontrolliert, indem sie die Tore des Freistaates gegen die Einfuhr „freier“ Bücher verschließt und dem einheimischen Schriftsteller nicht gestattet, seine Feder Dinge und Gedankenkreise berühren zu lassen, diesiefür anstößig erklärt! Daß diese biedere Tante mit ihrem frommen Eifer weder die Trunk- noch die Vergnügungssucht, noch gar Kunst und Wissenschaft gänzlich auszurotten vermag, versteht sich von selbst; ihr Erfolg besteht darin, daß sie eine scheußliche und lächerliche Heuchelei züchtet und auf künstlerischem und wissenschaftlichem Gebiete die freie Entwicklung immerhin beträchtlich hemmt. Da es dem Bürger der Vereinigten Staaten an so vielen Plätzen verboten ist, seinen Durst mit alkoholischem Naß zu löschen, so verlernt er die guten Sitten im Umgang mit geistigen Getränken und berauscht[pg 175]sich bei verschlossenen Türen an konzentrierten Giften. Da ihm Sonntags der Genuß des Schauspiels wie der Oper versagt ist, die Gesetzgeber aber doch nicht so unmenschlich sein wollen, um Leute, die nur Sonntags Zeit haben, ganz und gar von dieser unter Umständen sogar bildenden Unterhaltung auszuschließen, verfielen sie auf den Ausweg, theatralische Vorstellungen unter dem NamenSacred Concertzu gestatten, wobei aber Kostüm und Tanz fortfallen müssen. Zu meiner Zeit wurde im deutschen Theater in New York am Sonntag nachmittag „Madame Bonivard“, der französische Schwank von der alten Balletteuse, alsgeistliches Konzertgegeben!

Raubritter hüben und drüben.

Raubritter hüben und drüben.

Und wenn die Amerikaner behaupten, daß es einen Kastengeist oder überhaupt gesellschaftliche Vorurteile bei ihnen nicht gebe, so muß ich mir erlauben, auch dahinter ein großes Fragezeichen zu machen. Die Abkommen der Knickerbockers, der True Virginians oder gar der biederen Londoner Handwerker, die 1620 mit der „Mayflower“ landeten, entwickeln einen Adelstick, der unsere blaublütigsten ostelbischen Junker neidisch machen könnte. Ganz natürlich: denn ein Amerikaner, der seine Großeltern noch kennt, ist schon ein leidlich vornehmer Mensch, da es ja ihrer viele gibt, die kaum wissen, wes Standes und Landes ihre Eltern waren. Folglich rechnen sich Leute, deren Ureltern schon Amerikaner waren, schon zum hohen Adel, selbst wenn diese Herrschaften Viehräuber gewesen sein und am Galgen geendet haben sollten. Die Nachkommen namhafter Kolonisatoren und Pioniere genießen ganz folgerichtig eine Verehrung, wie bei uns kaum die Sprossen königlicher Häuser. Da aber dieser Adel nicht durch Titel äußerlich erkennbar ist, so sorgt er durch strengste Absperrung seines gesellschaftlichen Kreises dafür, daß er nicht mit der Krapüle verwechselt werden[pg 176]kann. Es ist schwerer in die Gesellschaft der sogenannten Vierhundert hineinzukommen, als an den Höfen europäischer Kaiser und Könige Zutritt erhalten. Und geradeso wie unsere Potentaten von den Hofgeschichtsschreibern Fälschungen und Unterschlagungen begehen lassen, um unangenehme Eigenschaften ihrer Vorfahren vergessen zu machen, so scheuen die Vanderbilts, Jay Goulds, Astors usw. keine Kosten, um unangenehme Veröffentlichungen über ihre Ahnen zu hintertreiben. Nachschlagewerke wie „Wer ist wer?“ spielen drüben eine Rolle wie bei uns der „Gotha“. Die guten alten Familien schütteln ihre Bekanntschaften durch sieben Siebe, bevor sie sie ihres näheren Umganges würdigen, und die Emporkömmlinge, mögen sie auch Millionen schwer sein, kennen kein höheres Ziel ihres Ehrgeizes, als eine Einladung in eines dieser erlauchten Häuser zu erreichen oder wenigstens irgend einen ihrer jüngeren Prinzen oder Prinzessinnen bei sich zu sehen. Orden und Titel gibt es drüben offiziell nicht, dafür recken sich aber die guten Leute in den Theater- und Konzertsälen die Hälse aus, um die funkelnden Dekorationen der Herren Diplomaten zu bestaunen und schmücken ihre Knopflöcher mit Vereinszeichen in Gestalt blitzender Sternchen und Kreuzchen, die unseren Miniaturorden von weitem wenigstens sehr ähnlich sehen. Und jeder Bürger, der durch sein geschäftliches Glück oder durch eine gute Karriere unter die Prominenten geraten ist, trägt eifrig dafür Sorge, so oft wie irgend möglich in den Zeitungen erwähnt, abgebildet und interviewt zu werden, weil das seine gesellschaftliche Stellung ungemein erhöht. Die guten Republikaner scheinen ein vortreffliches Gedächtnis sowohl für die Zeitungsberühmtheiten wie für die Familienverhältnisse aller ihrer großen Tiere zu haben, denn in den besseren Kreisen wissen sie alle und besonders die Damen[pg 177]ganz genau, mit wem man anstandshalber verkehren kann und mit wem nicht. Sie haben ihre Liste dermöglichenMenschen so sicher im Kopfe wie bei uns nur die Damen der exklusivsten Kreise, deren Evangelium die Rangliste und das Gothaische Taschenbuch ist. Der Unterschied von hüben und drüben ist also nicht gar so groß – nur daß die europäischen Raubritter doch wenigstens ursprünglich Sprossen erlesensten Blutes waren und nur durch die Not, die Rauheit der Zeiten zur Räuberei verführt wurden. Drüben war aber doch meistens der Raubinstinkt das Primäre und wurde durch den Besitz eher gesteigert als vermindert. Zum Erwerben von ungeheuren Vermögen gehört neben hervorragender Klugheit, Beharrlichkeit, Phantasie und Wagemut noch immer eine große Portion Rücksichts- und Gewissenlosigkeit. In einer Gesellschaft von Abenteurern, Spielern und Gewaltmenschen wurde das Diebsgenie begreiflicherweise mehr bewundert als jedes andere.Pluckynessist heute noch ein höchstes Lob für einen Amerikaner, und wer die Dummheit anderer nicht ausnutzt, der gilt ihm für einen Schwachkopf. Wer diese Seite der amerikanischen Lebensauffassung mit Hochgenuß studieren will, der lese die kürzlich erschienenen Memoiren des alten Gauners Drew4. Darin kommt eine köstliche Anekdote vor, wie er einstens den alten ehrlichen Jakob Astor hineinlegte. Drew hatte eine gute Gelegenheit benutzt und für ein Spottgeld eine ganze Herde höchst minderwertigen Rindviehs gekauft. Er trieb sie selbst bis nahe vor New York und ließ die armen Tiere in den letzten zwei Tagen Salz lecken und erbärmlich Durst leiden. Dann ersuchte er Jakob Astor, hinauszukommen und sich seine kapitalen Tiere anzusehen. Eine Stunde vor Ankunft des mißtrauischen alten Geschäftsfreundes ließ[pg 178]er seine Herde saufen, saufen, saufen, bis sie mit ihren prallen Wasserbäuchen eine unerhört strotzende Gesundheit vortäuschte. Astor fiel darauf herein und bezahlte ihm einen glänzenden Preis. Dieses Schwindelmanöver hat eine sozusagen klassische Berühmtheit erlangt, und man nennt seither den Trick, Aktien durch Vortäuschung großer Rentabilität bei gesundem finanziellem Fundament in die Höhe zu treiben „Watering the stock“ die Herde wässern – denn das Wortstockbedeutet sowohl Aktie wie Herde. – Natürlich fällt es mir gar nicht ein, den Yankees aus ihren undemokratischen Gelüsten einen Vorwurf machen zu wollen; ich sehe vielmehr darin nur eine Bestätigung meiner Überzeugung, daß das Streben nach Züchtung einer Aristokratie ein Naturgesetz sei. Der gesunde Ehrgeiz, der zum Vorwärts- und Hochkommen anspornt, saugt seine Nahrung aus dem Naturtriebe aller stärkeren, wertvolleren Menschen, sich von den minderwertigen Schwächlingen abzusondern.

Soldatenwerbung.

Soldatenwerbung.

Es war mir sehr interessant, die Klage eines New Yorker Führers der Sozialdemokratie zu vernehmen, daß es in den Vereinigten Staaten so außerordentlich schwer sei, die Partei hoch zu bringen, weil die Leute keine Disziplin halten wollten. Da liegt der Hase im Pfeffer. Bei uns bekämpft die Sozialdemokratie den Militarismus aufs grimmigste – und dennoch verdankt sie einzig und allein diesem Militarismus ihren gewaltigen Erfolg in der Gegenwart. Der militärische Drill sitzt seit etwa fünf Generationen unserem Volke im Blut und hat es zum Disziplinhalten erzogen; dem freien Bürger der Vereinigten Staaten aber ist nichts auf der Welt so verhaßt als wie Disziplin. Obwohl drüben die Herdeninstinkte noch viel stärker wirken als bei uns, weil erst eine alte Kultur zu weitgehender Differenzierung der Persönlichkeit führt, so ist doch jeder[pg 179]Einzelne als Republikaner viel eifersüchtiger auf seine persönliche Freiheit als bei uns. Schon im Kapitel über die Dienstbotenfrage habe ich diesen Punkt berührt. Fast noch deutlicher tritt diese republikanische Eitelkeit, wie ich es nennen möchte, in der Frage der Rekrutierung des stehenden Heeres zutage. Die Armee wird vom amerikanischen Patriotismus naiv glorifiziert und liebenswürdig verhätschelt. Es braucht nur ein Bataillon mit klingendem Spiel durch die Straßen zu ziehen, und alles ist tief gerührt vor nationaler Begeisterung – aber dienen will niemand, und die allgemeine Wehrpflicht scheint undurchführbar. Die Regierung sieht sich gezwungen, an dem alten Werbesystem festzuhalten. Riesige Plakate müssen mit schreienden Farben die Söhne des Vaterlandes zum Heeresdienst verlocken. Da sieht man unter azurblauem Himmel, im Schatten von Palmen und Sykomoren, ein lustiges Zeltlager aufgeschlagen und liebestrahlende Offiziere, den Arm in väterlichem Wohlwollen um die Schultern gemeiner Soldaten gelegt, in freundschaftlich belehrendem Gespräch einherwandeln; und auf den Schmuckplätzen großer Städte etablieren sich Feldwebel und harren unter ähnlichen vielversprechenden Plakaten der jungen Leute, die es gelüstet, dem Vaterlande als Soldat zu dienen. Diese Werber müssen reden können wie die Versicherungsagenten und Weinreisenden. Sie stecken voll lustiger Schwänke und sind nicht so leicht unter den Tisch zu trinken – denn Freund Alkohol muß meistens ein übriges tun, um den schwankenden Heldenjüngling soweit zu bringen, daß er Handgeld annimmt. Übrigens versprechen die Werber kaum zu viel, denn so gut wie der amerikanische dürfte es schwerlich ein anderer Soldat der Welt haben. Auf Manneszucht wird freilich streng gehalten, und im Dienst werden die Kräfte gehörig angespannt, aber dafür[pg 180]wird auch der gemeine Mann wie ein anständiger Mensch behandelt und durch ausgezeichnete Verpflegung, musterhafte hygienische Einrichtungen und Vorkehrungen für Unterhaltung und Erholung dafür gesorgt, daß er nicht von Kräften komme und bei guter Laune bleibe. Die Liebenswürdigkeit eines prächtigen, fein gebildeten Kavallerieobersten in Columbus (Ohio) ließ mich einen Einblick in das Kasernenleben tun. Jeder Mann hat ein blitzsauberes, behagliches Bett, jeder seine eigne Waschgelegenheit, sein Wannen- oder Brausebad, so oft er will, und wenn er krank ist in dem mit allen modernen Errungenschaften ausgestatteten Hospital die denkbar sorgfältigste Pflege. Sein Dinner nimmt er abends um 6 Uhr in einer eigens dafür bestimmten großen Halle mit den Kameraden ein und sitzt dabei ordentlich am Tisch, wird von hierzu kommandierten Kameraden bedient und bekommt bei jedem Gang Geschirr und Besteck gewechselt. Ich nahm an einem solchen Dinner teil, und da gab es eine vorzügliche Reissuppe, Hamburger Beefsteaks mit Bohnengemüse und hinterher anständigen Kaffee mit delikatem Weißbrot. Selbstverständlich haben sie auch ihr eignes Feld zum Football- und Baseball-Spiel. Mit ihrem Griffeklopfen und ihrem Parademarsch ist es allerdings nach altpreußischen Begriffen nicht weit her, dafür wird aber die Entschlußfähigkeit des einzelnen Mannes, die Gewandtheit und Ausdauer im Felddienst mit bestem Erfolge anerzogen. Daß die Löhnung eine ungleich viel bessere ist als bei uns, ist wohl selbstverständlich. Der amerikanische Soldat könnte also den unsrigen höchstens in dem einen Punkte beneiden, daß er keine so bunte und blitzende Uniform zur Schau tragen darf. Dafür ist die seinige aber auch viel bequemer als die unsrige und außerdem ein sichererer Schutz als der festeste Küraß, denn ihre staubgraue Farbe macht[pg 181]den Mann schon in einer Entfernung von etwa 300 Meter völlig dem Erdboden gleich. Die Frau Oberst erzählte mir, daß sie eines schönen Tages ihren Gatten vom Reitplatz habe abholen wollen und nicht wenig erschrocken gewesen sei, als sie, auf etwa 350 Meter herangekommen, das Pferd, das der Herr Oberst an jenem Morgen bestiegen hatte, reiterlos im Karriere durch die Bahn jagen sah. Von Angst beflügelt, sei sie vorwärts gestürzt und – nach ein paar Minuten sei der schmerzlich Vermißte erst schattengleich, dann immer deutlicher und kompakter wieder auf dem Rücken seines Pferdes erschienen. Es würde also aus der Höhe eines beobachtenden Flugzeuges zum Beispiel von einer amerikanischen Armee unter Umständen überhaupt nichts zu sehen sein. Doch dies nur nebenbei.

Vom Söldnerheere.

Vom Söldnerheere.

Die Frage, ob eine noch so wohl gehaltene und gut ausgebildete Söldnertruppe einem großen, intelligent geleiteten Volksheer gegenüber standzuhalten vermöge, wird über kurz oder lang doch einmal zur Entscheidung kommen, denn es ist allgemein bekannt, daß die Japs ein äußerst begehrliches Auge auf Kalifornien gerichtet halten. Als die amerikanische Flotte im Jahre 1910 ihre Demonstrationsfahrt um das Kap Horn nach Japan unternahm, erkannte der amerikanische Admiral unter den ihm zur Begrüßung entgegengeschickten hohen Würdenträgern des japanischen Marineministeriums zu seinem nicht geringen Schreck das harmlos freundliche Gesicht eines Mannes, der längere Zeit bei ihm als Gärtner angestellt gewesen war! Sie sind die verteufeltsten Spione der Welt, sie wissen tatsächlich alles und verstehen es vortrefflich, ihre Pläne von langer Hand vorzubereiten und ganz versteckt zu intrigieren. Eingeweihte behaupten, daß die pacifischen Republiken Südamerikas schon alle durch die Versprechungen der Japaner für deren Zwecke eingefangen und bereit seien,[pg 182]beim ersten Versuch der Japaner sich der pacifischen Küste zu bemächtigen, dem großen Bruder in den Rücken und in die Flanke zu fallen. Gelingt es aber den Gelben wirklich, sich in Kalifornien festzusetzen, dann würde es eine überaus schwierige Aufgabe sein, sie wieder hinaus zu jagen. Denn es gibt über die Rocky Mountains nur fünf einigermaßen gangbare Pässe, die militärisch leicht zuzuschließen sind. Nur angesichts eines solchen nationalen Unglücks würde die glühende Vaterlandsliebe der Amerikaner sich zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht hinreißen lassen. Ich glaube, sie wäre ein Segen für das Volk; denn der Mangel an Disziplin, an persönlicher Opferwilligkeit macht sich überall als Hemmnis für den Fortschritt wahrer Zivilisation bemerkbar. Eine Disziplin aber, die im Blute sitzt, und nicht etwa, wie in Rußland, durch Angst und Schrecken mühsam aufrecht erhalten werden muß, schafft überhaupt erst die Vorbedingungen für das segensreiche Wirken freiheitlicher Ideen und Einrichtungen.

Demokratische Tugenden.Neidlosigkeit.

Demokratische Tugenden.Neidlosigkeit.

Die Freiheit, welche die Bürger der Vereinigten Staaten tatsächlich vor uns voraus haben, und um die wir sie heute noch beneiden müssen, besteht also keineswegs in der verlockenden Disziplinlosigkeit, in der frivolen Verhöhnung der Gesetze und in der geringen Empfindung für die Wichtigkeit einer ängstlich gewissenhaften Aufrechterhaltung der Standes- und Berufsehre, als vielmehr darin, daß drüben tatsächlich jede Energie, jedes Talent freie Bahn zum Auswirken besitzt. Wer etwas kann und etwas weiß, wer Arbeitskraft und Eifer an den Tag legt, wer etwas Neues zu sagen hat, der kann sicher sein, ein Feld für Betätigung seiner Kräfte zu finden, Ohren, die auf ihn hören und Hände, die ihm vorwärts helfen. Gute Zeugnisse, gute Familienbeziehungen, einflußreiche Gönner[pg 183]und ererbtes Betriebskapital sind selbstverständlich auch drüben eine wertvolle Vorbedingung; aber der wirklich Tüchtige kann auch ohne all das sicher sein, vorwärts zu kommen. Bei uns hat sich die offizielle Welt mit dünkelhafter Ängstlichkeit einen hohen Zaun um ihren geheiligten Bezirk errichtet und sieht es schadenfroh mit an, wie so mancher temperamentvoll Einlaßheischende sich an diesem Zaun seinen guten Kopf einrennt und gewandte Kletterer sich wenigstens die Hosen daran zerreißen; das Beste an der demokratischen Freiheit ist es, daß sie einen solchen Bretterzaun zwischen Regierung und „Untertan“, zwischen Behörde und Publikum nicht duldet. Bei uns stecken die Regierenden immer noch in der Anschauung fest, daß nicht sie des Volkes wegen, sondern im Gegenteil das Volk ihretwegen da sei; dagegen entspringt aus dem Bewußtsein des freien Bürgers, daß nicht er regiert werde, sondern vielmehr sich für sein Geld eine Regierung nach seinem Geschmack leisten könne, jenes Herrenbewußtsein, das die wahre Menschenwürde erst zur rechten Blüte bringt. Dieses Herrenbewußtsein ist aber auch der grimmigste Feind aller Duckmäuserei, Neidhammelei, Nörgelsucht und aller sonstigen Laster geborener Philisterseelen. Jene beiden, bei uns leider immer noch recht zahlreichen Typen des Spießertums, nämlich einerseits der untertänigst vor jeder Art Obrigkeit ersterbende und wunschlos zufriedene und andererseits der noch viel häufigere, auf alles schimpfende und doch nie zur Selbsthülfe greifende Spießer dürften in den Vereinigten Staaten nicht einmal in den ödesten Kleinstädten zu finden sein. In der Luft der Freiheit gedeihen die Tugenden der wahren Noblesse: Wagemut, Hochherzigkeit, Freigebigkeit, Zutrauen zum guten Willen des Nebenmenschen. Man begegnet diesen Herrentugenden überall in der Öffentlichkeit, nicht nur[pg 184]in den großartigen Organisationen der Wohltätigkeit, der Erziehung, der Fürsorge für die physisch und moralisch Kranken, in den königlichen Stiftungen der Milliardäre, sondern in vielen kleinen Zügen, die beweisen, daß auch der ärmste dieser freien Bürger an jenen Tugenden teil hat. So wird beispielsweise in dem Lande, das für die genialen Diebe großen Stils so viel lächelndes Verständnis übrig hat, das auf der Straße liegende Eigentum des Nächsten auffallend respektiert. Wenn der Zeitungsjunge austreten oder seinen Lunch einnehmen will, so legt er seinen Packen ruhig auf das Trottoir. Wer unterdessen eine Zeitung kaufen will, nimmt sich eine von dem Haufen und legt seine zwei Cent oben drauf. Man hört nie davon, daß sich jemand an dem angesammelten Kleingeld vergriff; wenn der Briefkasten voll ist oder der Spalt für Drucksachen und dergleichen zu eng, so legt man einfach seine Postsachen oben drauf, und keinem kommt der Gedanke, daß sie da fortgenommen werden könnten; ja noch mehr: man sieht in den Straßen massenhaft herrenlose Automobile herumstehen, denn bei der Kostspieligkeit der Dienstboten können sich nur sehr reiche Leute einen Chauffeur leisten; im Winter sind die Vergaser der Maschinen oft mit wertvollen Decken und Teppichen vor der Kälte geschützt – und man hört selten oder nie davon, daß ein Auto oder auch nur eine solche Decke von der Straße weg gestohlen worden wäre. Bei hellichtem Tage bandenweise in einen Laden oder in einenSalooneinfallen und Inhaber wie Kunden ausplündern, das ist guter Sport, das ist fesch, würde der Wiener sagen; aber von der Straße etwas fortnehmen, das ist gemeiner Vertrauensmißbrauch, das tut nicht einmal der Lumpenproletarier. Der Kleine, der sich von dem Großen geschädigt und schlecht behandelt fühlt, setzt sich energisch zur Wehr. Der Arbeiter[pg 185]ist leicht mit dem Streik bei der Hand, wenn er die großen Geldsäcke allzu zugeknöpft findet. Aber es fällt ihm nicht ein, den Arbeitgeber zu hassen und grimmig zu beneiden um seinen Überfluß. Weiß er doch von so vielen dieser schwer reichen Herren, daß sie ganz klein angefangen haben; folglich nimmt er an, daß die Kerle eben einen guten Kopf, Fleiß, Energie und Glück gehabt haben – ihm selber oder seinen Kindern mag es ja ebenfalls gelingen, es so weit zu bringen. Warum nicht? Die Bahn ist ja frei! Das ist auch ein Grund, weshalb der Weizen des Sozialismus drüben nicht blühen will.

Ob man wohl unsere Regierung dazu bewegen könnte, einige Schiffsladungen voll Philister, Spießer, Paragraphenreiter, Schulfüchse, Bureaukratsbürsten und Einfaltspinsel hinüber zu schaffen, um bei Bruder Jonathan einen mehrjährigen Kursus zwecks Charakterverbesserung durchzumachen?


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