10. Der Abschied.

Die alte Reichsgräfin in ihrem Palast am Jungfernsteig zu Hamburg war außer sich vor Zorn, der sich wie ein schweres Gewitter auf ihre unschuldige Kammerfrau, die betagte Schwester Windt’s, entlud. Die Gräfin hatte zwei Briefe zugleich erhalten, jener vor der Abreise nach dem Haag geschriebene war wegen mangelhaften Ganges der Postschiffahrt lange in Amsterdam liegen geblieben; aber weder diesen, noch den anderen hatte sie geöffnet, sondern beide mit Heftigkeit auf den Fußboden geworfen.

Toll geworden muß Ihr Bruder sein, liebe Windt, sage ich, völlig toll! brach der Zorn der alten Herrin endlich aus. Sie wissen, was ich mir Alles von ihm gefallen lasse, manche Ungeschliffenheit, die sich kein anderer Diener gegen seine Gebieterin erlauben würde; er ist ein alter Mann, ist treu wie Gold, das steht für sich, ist abgemacht, aber so muß er mir nicht kommen, mir nicht, der Reichsgräfin, der Verwandtin von Kaisern!

Aber um Gottes Willen, Excellenz! Was ist es denn? Was hat denn mein unglücklicher Bruder verbrochen? Excellenz haben ja die Briefe noch gar nicht gelesen! rief Windt’s Schwester unter Thränen.

Habe nicht – will nicht – werde nicht! War mir als stächen mich Nattern! Fragen Sie nicht, heben sie die Briefe auf, lesen Sie die Aufschriften und sehen Sie die Siegel an! An dieser Signatur wird der ganze Mann erkannt!

Windt’s Schwester gehorchte, hob die Briefe auf, las, und erschrak.

A la Citoyenne Varelam Jungfernsteigà Hambourg, franco Amsterdam.

An die Bürgerin Varel! schrie die Reichsgräfin außer sich. Kann man Verrückteres, Unanständigeres erleben, hat man es je erlebt? Und die Rückseite! Da steht: Per Adresse Meveroow Adrianus Valck! Van der Valck muß es heißen! Wer in aller Welt hat ein Recht, den Leuten ihre uralten ererbten Namen zu nehmen? Welche Narren können sich das unterfangen? Können’s nicht, und wenn sie zehntausendmal wollten. Und das Siegel! Sehen Sie nur das Siegel an. Der Namenszug innerhalb eines Kränzchens, und darüber emporragend eine Jacobinermütze oder Narrenkappe, und die Umschrift? Lesen Sie!

»Je suis libre!«las die zitternde Kammerfrau.

Je suis libre!fuhr die Reichsgräfin in ihrem Zorneifer fort. In die Livrée will ich ihn wieder stecken, die er früher trug, meinen Bedienten! Ich will ihm sein»je suis libre«anstreichen, ich, sage ich! Oeffnen Sie, lesen Sie mir vor, aber zuerst rühren Sie mir einen Theelöffel voll Cremor Tartari in Zuckerwasser an. Bürgerin Varel! Bürgerin Varel! Nein, es ist um den Schlag zu kriegen!

Die Dienerin that, wie ihr geheißen war, erbrach zitternd ihres Bruders Brief, und theilte nach dem Datum deren Inhalt mit. Der erste Brief wurde mit sehr wechselnden Gefühlen angehört, und häufig glossirt. Gleich im Eingang, der von der französischen Besatzung sprach, rief die alte Dame: Da haben wir den Franzosenfreund, nun wieder gar der Lobredner dieser Republikaner! Und wie er auf die armen unglücklichen Emigranten erbittert ist! Wie er sich nicht entblödet, selbst auf meine hohen Verwandten zu schmähen! Er will auch ein Bürger sein, auch ein Citoyen – wie ich eine Bürgerin sein soll! Das macht mich lachen, liebe Windt! Vielleicht will er auch mit mirtheilen? Ich soll nicht mit meinem angeborenen undangestammten Wappen siegeln! Nun, er hat wahrlich Recht, das Sprichwort Hamlets, das Ihr Bruder so gern im Munde führte: die Welt ist aus ihren Fugen! erfüllt sich. Ich soll mich über die närrische Aufschrift nicht wundern? Das ist doch mindestens ein vernünftiges Wort, aber nicht närrisch ist diese Aufschrift – sie ist verrückt! Was die Herren französischen Generale über meine gräfliche Würde urtheilen, das gilt mir ganz gleich. In Frankreich kann jeder Schuhputzer jetzt General werden, solchen Leuten gestehe ich kein Urtheil über meine Person zu. Was den Respect vor deutschen Fürsten, Grafen und Herren betrifft, so wird schon eine Zeit kommen, wo sie den Respect wieder lernen, wo er ihnen hinlänglich fühlbar gemacht werden wird, diese – doch was ärgere ich mich? Immer hält Ihr Bruder sich Lobreden! Das ist albern – und was er mir über die Paduanischen nachgemachten Münzen unter die Nase reibt, das ist infam! Schweigen Sie – ich will nichts mehr hören – ich ärgere mich zu sehr – nur unter den Bajonetten der Republikaner kann ein Untergebener sich solche Aeußerungen gegen seine Herrschaft erlauben! Er soll aber meinen Zorn dafür schon gewahr werden. Legen Sie die Briefe hin, gehen Sie!

Die Kammerfrau verließ schweigend das Zimmer. Eine lange Weile blieb die Reichsgräfin in ihrem Armsessel sitzen, starr und steif, regungslos wie ein Steinbild. Von Zeit zu Zeit schüttelte sie blos heftig den Kopf, wie von einem Krampfe befallen, dann griff sie selbst nach Windt’s Briefen und murmelte: Es mag ihm freilich wohl bisweilen schlimm und schlecht ergangen sein, ich will nur sehen, welche Kostenrechnungen über alle diese Kriegslasten eingehen. Ich begreife nicht, wovon er sie bestreitet, da in der dortigen Rentnerei kein Geld ist. Er bittet für sich um eine Versorgung, wohl, verdient hat er sie, muß aber nicht so ungewaschenes Zeug in seine Briefe setzen. Was ist das, mit den Freiheitsbäumen? Hat noch keinen setzen lassen? So hätte ich ihm zuletzt doch Unrecht gethan? Denn hier spricht er wie Salomo der Weise. – Durch diesen Gedanken versöhnlicher gestimmt, griff die Reichsgräfin nach dem zweiten Briefe ihres treuen und nur zu offenherzigen Intendanten. Der Inhalt desselben bildete die kurze Schilderung der Reise, gab Nachricht über das Befinden des Erbherrn und Graf Ludwig’s, wie der Frau Gräfinvon Lynden. Von der zahlreichen Desertion der Holländer wurde Meldung gemacht, und wie täglich 70 bis 80 Gefangene durch die berittenen Jäger in das Kastell gebracht würden. »Ich bin jetzt«, schrieb Windt: »bei den hier herum lagernden Heeren so bekannt, wie ein bunter Pudel, und zwar unter dem Namenle citoyen d’Autrefér– denn Doorwerth können sie nicht über ihre wälschen Zungen bringen. Ich habe so viele Einquartierung, wie früher auch, und für mich selbst kaum so viel Zeit, um mich dann und wann einmal hinter den Ohren zu kratzen. In diesen Tagen kam ein Theil des Husaren-Regimentes Esterhazy hierher ins Quartier; ich brachte die Gemeinen und Unteroffiziere bei den Bauern unter; den Commandeur nahm ich ins Kastell und begleitete ihn dann nach Helsum, wo das ganze Regiment sich sammelte. Nie sah ich so schöne Husaren. Es sind lauter Elsasser. Auch das Husaren-Regiment von Lausanne habe ich hier gehabt. Von diesen waren fünf so gütig, in Helsum einigen Bauern die Fenster einzuschlagen; ich verklagte sie, sie mußten den Schaden mit sechzehn Gulden ersetzen, und haben auf drei Monate Arrest bei Wasser und Brod; ein theures Fensterln! – Vom Haag bekomme ich fast täglich Nachricht. Im Verhältniß des Gefangenen hat sich nicht das Geringste geändert. Die französischen Truppen sind fast alle aus dem Haag, in Amsterdam liegen nur ohngefähr 80 Mann. Preußische Werber hatten ohnlängst die Nachricht ausgestreut, Prinz Friedrich von Oranien stehe an der Grenze und werbe ein Heer; da strömten die holländischen Ausreißer in Schaaren hin und fielen den Preußen in die Hände.«

»Der junge Herr Graf, der mit mir vom Haag hierher reiste und halb krank ankam, ist beinahe gänzlich und fast wunderbar schnell wieder hergestellt worden, aber sein armer Freund, der die fünfzigtausend Gulden zum Ankauf von Doorwerth herlieh, davon leider nur zwanzigtausend Mark Banko in Ihrer Excellenz Hände gekommen sind, gibt wenig Hoffnung, noch lange zu leben. Das wird unseren guten jungen Herrn, der mit ganzer Seele an diesem Holländer hängt, bis zum Tode betrüben; er hat ohnehin ein sehr empfindsames Gemüth, und fühlt sich nirgend recht heimisch, nirgend recht glücklich. Es gibt Menschen, denen die Begabung mangelt glücklich zu sein, auch wenn sie äußerlich gegen Sorgen des irdischen Lebens ganz sicher gestellt sind.«

Leider! Leider! Da hat der Windt Recht! seufzte die Reichsgräfin. Es gehört Prädestination zum Glück, das ist mein fester Glaube, den ich schon als treue Bekennerin der reformirten Lehre festhalte. Gewiß, es gibt eine Gnadenwahl, wenn auch nicht im strengen orthodoxen Sinne unsers Calvin, aber Auserwählte durch die göttliche Gnade hat es von je gegeben, deren Auge hell blickt, deren Wesen rein, frei und heiter ist, über die das irdische Leid keine Macht hat, und die von ihm unberührt ihre Pilgerbahn vollenden. Aber sie sind selten, die auserwählt Glücklichen und glücklichen Auserwählten, ich und mein Haus gehören nicht zu ihnen! –

Als für Doorwerth wieder eine ruhigere Zeit eingetreten war und Leonardus Befinden sich in Etwas gebessert hatte, begleiteten die Freunde Windt auf der kleinen Erholungsreise, die der wackere Mann sich endlich vergönnte, in das Land Lippe-Schaumburg. Dort feierte Windt mit seinem nicht minder biedersinnigen, doch höher gestellten Bruder, dem fürstlichen Kammerrath zu Bückeburg, ein frohes Wiedersehen, dann begab er sich im Geleite der Freunde, indem er auf das etwas theure Pyrmont verzichtete, nach Stadthagen, wo ihm auch liebe Verwandte und Bekannte lebten, wo ebenfalls heilkräftige Gesundbrunnen der Erde mütterlichem Schooße entquellen, und wohin er sich zum Trinken Pyrmonter Brunnen kommen ließ. Selbst jetzt versäumte es sein Diensteifer nicht, die Nachrichten aus Holland, die er sich dorthin senden ließ, nach Hamburg zu schreiben, und kein Fürst Europa’s hatte einen so zuverlässigen und unermüdlichen Geschäftsträger, als die kleine halbsouveräne Reichsgräfin und Herrin von Varel und Kniphausen. Windt machte mit den Freunden oft Ausflüge in die Gegend, die wohl selbst bis Bückeburg ausgedehnt wurden, und die Luft der waldigen Gelände, der Anblick malerisch sich hinziehender schön bewachsener Hügel- und Bergketten wirkte in Verbindung mit dem so ganz veränderten Klima höchst vortheilhaft auf Alle ein, selbst Leonardus fühlte sich erleichtert und schöpfte wieder neue Lebenshoffnung.

Die Neuigkeiten, welche Windt seiner Gebieterin meldete, lauteten dahin, daß die Gefahr, in welcher der gefangene Erbherr schwebe, sich mit jedem Tage vermehre, da die Oranische Partei gegen die Batavische Republik aufs Neue rüste. »In Osnabrück liegen 1500holländische Offiziere, die ihren Abschied genommen haben und ein Corps errichten wollten. Sie haben bereits,« schrieb Windt, »unter sich die Chargen vertheilt und hoffen auf den Prinzen Friedrich von Oranien, wie die Juden auf ihren Messias. Auch würde der Prinz von Braunschweig aus nach Osnabrück kommen, und das Schloß daselbst ist bereits für ihn in Stand gesetzt. Unterwegs sprachen wir auch den Herrn Vice-Admiral, der dem Prinzen nach Osnabrück vorausgereist ist, und ich habe ihn gebeten, den vorherigen Gouverneur von Utrecht, der sich jetzt in Lingen befindet, zu warnen, nicht nach Holland zurückzugehen, denn es ist ein Brief von ihm aufgefangen worden, der ihm alsbald das Schicksal des Erbherrn zuziehen würde. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sich eine Unternehmung gegen Holland vorbereitet. In der Gegend von Osnabrück steht ein Corps preußische Jäger, ein Regiment Hessen ist von Rinteln aus nach Osnabrück marschirt, zwei Regimenter Emigranten, die in hiesiger Gegend lagern, sind ebenfalls dorthin aufgebrochen; aus der Gegend von Bremen ein Corps Engländer. Das Alles ist aber so gut als Nichts, wenn nicht Preußen kräftigen Beistand zu Lande leistet, und England zur See angreift. Wehe aber den armen Ländern Geldern und Ober-Issel, wenn die Engländer hin kommen, denn deren Plünderungslust kennt keine Grenzen. In Pyrmont liegen auch noch zwei Regimenter Emigranten, die Alles vertheuern und ganz unerträgliche Gesellschafter sein sollen. Uebrigens herrscht im Geldernlande jetzt nicht blos vollkommene Demokratie, sondern fast völlige Anarchie. Zum Glück wird in Paris wie in Amsterdam daran gearbeitet, alle sogenannten nichtsnutzen Klubs, Societäten,Genoodschappenund dergleichen gänzlich aufzuheben und abzuschaffen, was nur heilsam für das allgemeine, wie für das besondere Beste wirken wird. Die würdige, weise und edle Frau Fürstin Juliane ist nicht hier, sondern reiste nach Philippsthal, ihrer Heimath, um dort einen längeren Aufenthalt zu nehmen; ich habe derselben daher nicht Ihrer Excellenz Grüße und meinen unterthänigsten Respect zu Füßen legen können. Ihrer Excellenz Meinung, bezüglich des Verkaufes von Doorwerth, Alles auf bessere Zeiten zu verschieben, theile ich ganz und gar nicht. Ich habe der Frau Gräfin Lynden so zugesetzt, daß sie für die dem Erbherrn geliehenen fünfzigtausend Gulden einstehen will; davon würde dann der erste Termin vollends bezahlt werden können. Für denzweiten sehe ich bei den gegenwärtigen so sehr mißlichen Umständen der Familie, und den Unglücksfällen und Widerwärtigkeiten, welche dieselben betroffen haben, allerdings keinen Rath, doch hoffe ich noch ein kleines Kapital von etwa fünfzehntausend Gulden anzuschaffen. Da Excellenz mit der Frau Gräfin Lynden wie mit deren Frau Tochter selbst im Briefwechsel stehen, so bescheide ich mich des Weiteren, und bin zu Höchstdero Füßen der alte Windt.«

Mit Antwortschreiben an den gräflichen Intendanten empfing auch Ludwig eine Zuschrift der Großmutter, deren Inhalt für ihn später noch ungleich wichtiger werden sollte, als er es im Augenblick war. Wie oft hängt an einem armseligen Blatt Papier eines Menschen Lebensloos und das Wohl und Wehe seiner Zukunft!

Die alte Reichsgräfin schrieb ihrem Enkel freundlich und vertraulich, und hatte in ihren Brief einige andere Blätter eingelegt.

»Du glaubst nicht, lieber Ludwig,« schrieb die Großmutter, »wie sehr mir das Glück meiner Enkel am Herzen liegt, wenn auch nicht alle in dem Maaß meine Liebe verdienen, wie du, mein Liebling! Ich kann nicht ruhig zusehen, daß fort und fort über dem Haupte deines gefangenen Vetters das Schwert des Damocles schwebt, und biete daher im Stillen Alles auf, zu seiner Befreiung mitzuwirken. Niemand weiß, welche Fäden ich anknüpfe, wie ich sie weiter spinne, oft kommt mir der Wunsch, ich möchte noch einmal jung sein; ich wollte meine Lebenstage dann gewiß nicht mit Sammlung alter Münzen vertreiben, sondern ich würde der Länder und Menschen Loose lenken und leiten helfen, nicht eine Münznärrin würde ich dann geworden sein, sondern eine Diplomatin, und unendlich bedauere ich, daß deine Eigenthümlichkeit, mein Ludwig, dich nicht eine Bahn auf die Dauer beschreiten ließ, die Ehre, Macht, Ansehen und irdische Mittel vollauf gewährt. Mag den Staatsmann auch manche Verkennung, Zurücksetzung und die Folge manchen Irrthums treffen, immer ist es etwas Hohes, nach dem Höchsten gestrebt und dieses Ziel erreicht zu haben, selbst um den Preis, nach einer kurzen Zeit von der erklommenen Höhe wieder herabzusteigen. Man bleibt nicht ewig auf hohen Bergen, man baut nicht Hütten auf dem Montblanc und dem Chimborasso, aber das stolze Gefühl: ich war droben, das gibt dem Leben Halt und Höhe bis an die Grabestiefe. Ich habe mich nach London gewendet an meinen Freund,den Baron von Kutzleben, und dessen Vermittlung angesprochen; ich schrieb an den Grafen von Bernstorf, königlich dänischen Gesandten zu Berlin, nicht minder an den holländischen Minister von Hartsinck, und bat alle um ihre Verwendung, eben so schrieb ich an den Prinzen Statthalter. Baron von Kutzleben hat meinen an diesen eingeschlossenen Brief dem Baron von Vogel übergeben, welcher jetzt holländischer Gesandter am englischen Hofe ist und sich im Augenblick beim Prinzen von Oranien befindet. Der Prinz Statthalter aber ist leider dermalen in trauriger Lage. Vor Allem erfreute mich in derselben Angelegenheit ein Brief der liebenswürdigsten herrlichsten Prinzessin, den ich dir beilege und als ein Heiligthum anvertraue; auch ihr hatte ich mich anvertraut, und diese Seele voll Engelgüte hat mir auf das Freundlichste geantwortet. Es ist Luise, die Kronprinzessin von Preußen K. H., geborene Prinzessin von Mecklenburg Strelitz, die ich in Darmstadt bei ihrer trefflichen Großmutter, welche die Erziehung dieser Prinzessin leitete, kennen lernte. Dann sah und sprach ich sie wieder bei ihrer Schwester Charlotte, Herzogin zu Sachsen-Hildburghausen, wohin sie vor einigen Jahren gegangen war, da Darmstadt sich von feindlichem Ueberzug der Franzosen bedroht sah. Diese Prinzessin und ihre beiden Schwestern athmen nur Geist und Liebenswürdigkeit, und wenn du in Deutschland reisest, so versäume ja nicht, dich an dem preußischen, mecklenburgischen, hessischen und sächsischen Höfen vorzustellen. Dem Haus Sachsen-Hildburghausen sind wir ohnehin verwandt, denn schon die Tochter König Christian des Sechsten von Dänemark, Luise, vermählte sich dem Herzoge Ernst Friedrich zu Sachsen-Hildburghausen; sie brachte diesem Hause ein schönes Heirathsgut mit, und reiche Sammlungen an Seltenheiten der Natur und Kunst, die man in dem gebildeten und glücklichen Sachsenlande höher als sonst wo zu schätzen weiß. Es bedarf in Hildburghausen nur der Nennung meines Namens, um dich dort einzuführen, mein geliebter Enkel. Du findest einen sehr gebildeten, umgänglichen und menschenfreundlichen Hof; findest wissenschaftliche Anstalten dort in Blüthe, und auch in der Bevölkerung ungleich mehr Bildung als in vielen anderen Staaten Deutschlands. Es ist auf alle diese Ernestiner Etwas übergegangen vom Geist und Strebesinn ihres großen Ahnherrn, Herzog Ernst des Frommen zu Sachsen, ein Fürst, der für die Wohlfahrteines Landes und Volkes Alles that, und für Wissenschaften und Künste mit Aufopferung thätig war.«

Mit Freude griff Ludwig nach dem eingelegten Briefe der Kronprinzessin von Preußen und las:

»Madame!

Ich war sehr geschmeichelt von dem Zeichen des Vertrauens, welches Sie mir gegeben, indem Sie in meine Hände Ihre kostbarsten Interessen legten. Auch hatte ich nichts Eiligeres zu thun, als gleich darauf an meinen Gemahl zu schreiben, welcher ganz gewiß alles ihm Mögliche thun wird, um Ihnen zu dienen. Gebe der Himmel, daß diese Angelegenheit nach Ihren Wünschen gelinge. Wenn er meine Wünsche zu erhören geruht, so wird Ihnen, Madame, Ihr Enkel erhalten bleiben und ich werde mich sehr aufrichtig freuen, in Etwas zu Ihrer Zufriedenstellung beigetragen zu haben. Mit der vollkommensten Hochachtung habe ich die Ehre zu sein

Ihre ergebene DienerinLuise.«[13]

[13]Die Urschrift dieses Briefes ist französisch.

[13]Die Urschrift dieses Briefes ist französisch.

Diese Zeilen einer reizendschönen, edelgesinnten und über alle Worte herrlichen jungen Fürstin, welche von Gott berufen war, dereinst der angebetete Schutzengel Preußens und der Stolz des ganzen großen deutschen Vaterlandes zu werden, entzückten Ludwig, und er hielt dieselben mit Ehrfurcht in seiner Hand.

Die Großmutter schrieb noch: »Du findest in diesen Sächsischen Residenzen die herrlichsten und ausgezeichnetsten Gemäldesammlungen, Münzsammlungen, Kunst-Museen, Bibliotheken, und ich rathe dir, da du doch nach Thüringen zu gehen gedenkst und in Jena den Hofrath Starke zu Rathe ziehen willst, ja nicht zu versäumen, den Weimarischen Hof zu besuchen und dort mein Andenken zu erneuern. Vielleicht weckt das Beisammenleben strebender Geister in der schönen Literatur dich auf, und du gefällst dir dort. Der Herzog Carl August kennt mich, und seine Gemahlin Luise Auguste, eine Frau von trefflichem und hochsinnigen Charakter, hat mich von Jugend auf als eine ältere Freundin geehrt. Dann gehe nach Gotha, nach Meiningen und von da nach Hildburghausen, du wirst, von mir empfohlen, dich überall gut aufgenommenund ausgezeichnet sehen. Versäume das nicht, man kann nicht wissen, ob nicht eines dieser kleinen Herzogthümer dich einst dauernd fesselt, und es steht dieser mein Rath nicht im Widerspruch mit dem, den ich dir bei unserm Scheiden gab, auch – wenn du es in Einsamkeit suchen solltest, in Einsamkeit dein Glück zu finden – denn du kannst dort ganz nach deinem Gefallen leben und bist, wenn du den Landesgesetzen gemäß dich hältst, von deinem Thun und Lassen Niemandem Rechenschaft schuldig.«

Ja, ja – das wäre wohl das Beste, sprach Graf Ludwig vor sich hin; ein Asyl – ein stilles Asyl, mit Leonardus, mit Angés. – Ich will der Großmutter Rath befolgen, ich will jene Länder und Städte sehen, aber Leonardus – wird er mit können? Und Angés? Wird sie mit wollen? Und wo, ach wo sie finden, da sie sich selbst dem heißgeliebten Jugendfreund in züchtiger Strenge entzogen hat? – Diese Betrachtungen unterbrach Leonardus, welcher bleich und wankend in das Zimmer trat, und mit dem letzten Aufgebot seiner Kraft zu ihm sagte: Bruder! Es geht zu Ende – wir scheiden!

Was fällt dir ein? Wie ist dir? rief Ludwig erschrocken und stützte den auf einen Stuhl zusammengesunkenen Freund, indem er heftig klingelte und dem eintretenden Philipp zurief: Herrn Windt! Eilig! Und den Arzt!

Laß das doch, Bruder, die können mir nicht helfen! sprach Leonardus. Ich fühle, daß ich sterben muß, nichts weiter – und mir ist, wie einem eben ist bei diesem so bedenklichen Wechsel. Bruder – ich habe keine Stunde mehr zu leben – die Besserung war nur ein trügender Schein. Nun – mein Haus ist bestellt – diese Papiere habe ich bereits in Amsterdam gerichtlich bezeugen lassen. Was ich besitze, – ist Alles dein – geknüpft an meine letzte Bitte, die du auch schriftlich aufgezeichnet findest, für den Fall, daß mir nicht vergönnt gewesen wäre, sie noch mündlich an dein Herz zu legen. In mir stirbt Leonardus Cornelius van der Valck aus Amsterdam – in dir lebt Leonardus Cornelius van der Valck aus Amsterdam fort – mindestens so lange noch, als meine gute Mutter am Leben bleibt – ihrdarf, ihrsollder Sohn nicht sterben! Du schreibst ihr von Zeit zu Zeit, als wenn ich noch bei dir wäre, du empfängst und beantwortest in meinem Namen alle an mich eingehenden Briefe; ich habe das so testamentarischgeordnet, die Gleichheit unserer Handschrift erleichtert es. Stirbst du ohne Erben, so mögen dann meine nächsten Verwandten ihr Erbtheil erheben, so viel dessen eben noch vorhanden sein wird. Außerdem aber bleibt AllesdeinenErben ohne jede beschränkende Klausel. – Ich sterbe für Angés – siehst du sie, so sage ihr meinen letzten Segensgruß! Wäre sie je in Noth, und diese käme zu deiner Kenntniß – dann brauche ich wohl nicht erst eine Bitte auszusprechen – dein eigenes Herz – wird – o Gott – ich kann nicht mehr – meine Brust – zerspringt! –

Freund! Bruder! Leonardus! rief Ludwig mit Heftigkeit, und umschlang den Leidenden, der ihm das versiegelte Schriftenpaket in die Hand drückte. Sprich, was kann ich für dich thun?

Mir nicht die Scheidestunde durch Jammer erschweren, seufzte der sterbende Leonardus. Habe Dank für deine Liebe, mit der dein jüngeres Herz sich an das meine anschloß! Es war ein schöner, nur zu kurzer Lebenstraum – wir hätten wohl länger mit einander gehen sollen – das Schicksal – o Gott!

Stirb nicht, Leonardus! Stirb nicht! rief Ludwig außer sich. Ich sah noch Niemanden sterben und soll jetzt meinen liebsten Freund – meinen Bruder dahin gehen sehen?

Windt, der Arzt und Philipp stürzten in das Zimmer – Hülfe ward versucht, der Arzt fühlte den Puls, dieser stockte schon. Durch einen Wink bedeutete er der Umgebung, daß hier seine Hülfe zu spät sei. Schon umflorte der Tod die brechenden Augen – Leonardus tastete nach der Hand des Freundes und lallte mit gedämpfter Stimme: Ludwig – dunkel – Gute Nacht!

Es trat Blut auf die Lippen des Sterbenden.

O Angés!

Dies war sein letzter Hauch.

Nie zuvor trat ein größerer Schmerz in Ludwig’s Leben. Er stand stumm, vernichtet, fand nicht einmal Thränen. Der Arzt ging hinweg, Philipp weinte.

Windt’s klarer Verstand zeigte sich auch bei diesem Falle thatkräftig, entschieden handelnd.

Auf dem Schriftenpaket stand unter der Aufschrift: an Graf Ludwig, die Weisung:»Sogleichnach meinem Tode zu eröffnen!«Ludwig wollte dies nicht thun, sein Gefühl verbot es ihm, ein edles und rein menschliches Gefühl.

Ich ehre Ihren Schmerz, Herr Graf, sprach Windt, ich ehre ihn nicht nur, ich fühle ihn mit, ich theile ihn, aber der Wille eines Todten ist Gesetz. Ich habe alle Ursache, zu glauben, daß der verklärte Freund Wichtiges für den Fall seines Ablebens verfügte, erlauben Sie mir zu öffnen.

Gleich oben lag ein Blatt des Inhalts: »Da ich für meine Mutter fortleben will, so muß eine Täuschung Statt finden, die Niemand schadet. Ein Paß liegt bei, der auf einen andern Namen lautet, dessen ich mich auf Reisen bisweilen bediente. Es kann nicht in Zeitungen oder in ein Todtenregister geschrieben werden, daß Leonardus Cornelius van der Valck aus Amsterdam hier in Stadthagen gestorben und begraben worden sei, denn ein solches Blatt, eine solche Kunde würde leicht nach Amsterdam gelangen. Ich wünsche in der Stille, in früher Morgenstunde begraben zu werden, ohne alles Gepränge, wünsche weder Kreuz noch Stein mit einer Grabschrift, und mache meinem Herrn Erben die Befolgung dieses meines letzten Wunsches zur ersten Pflicht.«

Sie sehen wie sehr ich Recht hatte, Herr Graf, sprach Windt, und nun kommen Sie auf ein anderes Zimmer, fassen Sie sich, und beweinen Sie den Freund; wahrlich es schlug in ihm ein edles, reines Herz, mir aber überlassen Sie mit Philipp die Beschickung alles Nöthigen.

Ludwig folgte Windts Weisung fast willenlos, es hing über ihm, wie der Trauermantel eines Katafalks, wie ein dunkler, dumpfer Traum, er wankte hinüber auf des Freundes Zimmer, fand überall in Kleidern und Geräthen dessen irdische Spur, und mußte sich nun sagen, daß Leonardus nie wieder lebend in dieses Zimmer eintreten werde.

Windt öffnete von Zeit zu Zeit leise die Thüre, um nach Ludwig zu sehen, doch überließ er ihn der Wohlthat stiller Thränen, hütete sich wohl, durch herkömmliche Redensarten jene heilige Stimmung zu stören, die mit dem Dahingeschiedenen noch liebend lautlose Worte redet und im Stillen der aufwärtsschwebenden befreiten Psyche das schmerzliche Geleite gibt. Es machte kein großes Aufsehen, daß in einem Gasthause zu Stadthagen ein fremder Badegast gestorben war.Da Leonardus nur den Freunden gelebt und mit Ludwig jede Gesellschaft gemieden hatte, so war sein wahrer Name nie genannt worden. Der fremde Paß genügte, und das in aller Rechtsform aufgesetzte und gehörig besiegelte Testament in holländischer Sprache, welches den Grafen und Baronet Ludwig Carl Varel de Versay als Universalerben einsetzte, machte jede Weitläufigkeit einer Versiegelung überflüssig.

In früher, nebeltrüber Morgenstunde eines Herbsttages wurde Leonardus eingesenkt. Windt hatte zwei Gräber nebeneinander gekauft. Philipp fragte: Für wen das zweite Grab? – Windt gab keine Antwort.

In stiller Stunde saßen dann Ludwig und der Haushofmeister beim Ordnen von des Freundes nachgelassenen Papieren.

Leonardus war weit reicher gewesen, als Jene geglaubt hatten. Es fanden sich mehrere Tausende in vollgültigen holländischen Staatsobligationen und in Noten der englischen Bank, mehrere Tausende in noch zu erhebenden Wechseln und Anweisungen auf auswärtige Handlungshäuser, alle in der besten Form, es fand sich eine Obligation im Werthe von fünftausend holländischen Gulden mit der Bestimmung, daß sie Windt’s Frau als Witthum verbleiben sollten, wenn ihr Mann vor ihr stürbe. Philipp empfing als Andenken ein Kapital von eintausend Gulden. Es fand sich ferner eine kleine Schachtel voll großer brasilianischer Diamanten, die Leonardus die Freunde nie hatte sehen lassen, deren Werth geradezu unschätzbar war. Von dem Gelde, welches er in Amsterdam stehen hatte, lagen Uebersichten vor, es ergab dasselbe eine Jahresrente von fünftausend Gulden; diese hatte Leonardus dadurch erworben, daß er sein einst zu erhoffendes Muttererbe an seine Verwandten mit Zustimmung seiner Mutter käuflich abgetreten hatte – um nach ihrem Tode, falls er denselben erlebte, aller Geschäfte dort überhoben zu sein. Von dem Tode der Frau van der Valck an aber vermehrte sich dieser Rentenbezug um abermals fünftausend Gulden.

Ludwig überließ es Windt, das vom Freund überkommene Vermögen geeignet anzulegen und zu sichern, und dieser war so gerührt von Leonardus Großmuth, daß er ausrief: Sie müssen Herr von Doorwerth und der ganzen Herrlichkeit werden! Aus dem Kaufe des Erbherrn wird in Ewigkeit nichts! Die fünfzigtausend Gulden, darüberwir Quittung in Händen haben, gehören jetzt Ihnen. Und wenn Sie die Herrlichkeit besitzen, dann will ich auch dort bleiben, wenn Sie mich nicht wegjagen, außerdem aber auf keinen Fall! Sobald meine Kur hier beendet ist, reise ich nach Hamburg zur Excellenz, ich bringe sie ganz sicher herum, denn Sie sind ja doch der Liebling, und Ihnen gönnt sie das schöne und reichlich zinsende Besitzthum vor Allen, darauf wollt’ ich wetten, zumal Sie ja derjenige sind, welcher Doorwerth baar bezahlen kann!

Mein lieber Windt, entgegnete Ludwig: Allerdings ist die Herrlichkeit Doorwerth eine schöne Besitzung, allein sie ist wirklich nicht das Ziel meiner Wünsche. Entweder muß der Besitzer eines so ausgedehnten Gutes selbst Landwirth sein und dieses Fach verstehen, oder er muß Beamte haben, wie Sie Einer sind. Solche gibt es aber nur wenige. Sie haben am letzten dortigen Rentmeister ein Beispiel erlebt; was hat ein Güterbesitzer davon, wenn sein Beamter das, was erspart wird, sich als Gratification in die Tasche leitet, wie jener Bauernschinder gethan? Das gemahnt mich gerade so, als wenn in einem Staats-Haushalt gewisse Leute das Wort Ersparnisse stets auf der Zunge haben, und wenn sie genug Haare geviertheilt und genug Kümmelkörner gespalten haben, und Alles über ihre Klugheit seufzt und flucht, sich in ihrer eingebildeten Unfehlbarkeit Wunder was dünken, sich selbst beloben, da sie sonst Niemand lobt, und schließlich einen hübschen Theil der Ersparnisse klug und weise in ihre eigenen Taschen stecken. Nein, lieber Windt, ich möchte kein Wasserschloß besitzen – ich vertrage die Luft dieser morastigen Flächen nicht. Ich werde nun den Wunsch der Frau Großmutter erfüllen, ich werde reisen, schlicht und einfach, nur von Philipp begleitet. Ich werde Angés suchen! Ich will, wenn ich sie finde, mit ihr die Diamanten theilen, sie theilt gewiß mit mir die Thränen um unsern verklärten Freund. Wir aber, Windt, wir beide wollen nicht außer Verbindung treten, Sie geben mir wohl zuweilen Nachricht von Allem, was in der gräflichen Familie vorgeht, besonders Nachricht von der Gemahlin des Erbherrn, und vergessen Sie nicht, mein braver, edler, wackrer Windt, daß Sie an mir in allen Verhältnissen des Lebens einen wahren und treuen Freund haben.

Ludwig leistete dem Rathe der Großmutter Folge; von seinem treuen Diener begleitet, mit guten Pässen versehen und mit allen Mitteln ausgestattet, war es ihm leicht, sich allenthalben Eingang zu verschaffen. Seine edle gewinnende Persönlichkeit machte ihn bald zum Gegenstand der Aufmerksamkeit. Er verhüllte sich nicht, so wenig als er es liebte, sich zu offenbaren und sein Vertrauen an den Ersten den Besten hinzugeben; er suchte keine neuen Freunde, ach, an dem lieben entschlafenen Freund hing noch mit aller trauernden Wehmuth seine ganze Seele! Häufig, ja fast immer bediente er sich des ganz auf ihn lautenden Passes des Verstorbenen; der Unterschied der Jahre kam dabei nicht in Betracht, es war ja gleichviel, wie alt der junge Graf war, und sein Ernst, wie die Spuren eines stillen Leidens, ließen ihn ohnehin älter erscheinen, als er wirklich war. Graf Ludwig reiste zu seiner Belehrung; er hatte überall ein offenes Auge für die Reize der Natur, die Beschaffenheit und Ergiebigkeit des Bodens, für den Stand der Kultur in den verschiedenen deutschen Ländern, für die Sammlungen der Künste und Wissenschaften, und fühlte sich angezogen vom Umgang ausgezeichneter Menschen. Er selbst galt entweder für einen Franzosen, da er in der Sprache dieses Landes völlig fehlerfrei sich ausdrückte, oder für einen Holländer, da durch den längeren Aufenthalt in den Niederlanden allerdings manche Eigenthümlichkeit dieser Nation an ihm haften geblieben war, und um so lieber gab er sich für einen solchen aus, wenn er als Leonardus Cornelius van der Valck reiste. Auch in seiner Weise, sich schriftlich auszudrücken, so schön er auch Deutsch zu schreiben verstand, floß bisweilen eine niederländische Redeform mit ein.

Manchen Scherz hatten Herr und Diener auf ihren mannichfaltigen Reisen dadurch, daß sich die Leute weit mehr darüber die Köpfe zerbrachen, wer und woher der Diener eigentlich sei, als woher derHerr stamme. Wenn Philipp zu seiner Erholung Abends in bürgerliche Bier- und Kegel-Gesellschaften gegangen war, hatte er stets am andern Morgen seinem Herren lachend zu erzählen, was er Alles gefragt worden sei, für wen man ihn Alles gehalten habe. Auch konnte er dem Grafen nicht lebhaft genug schildern, wie groß die Neugierde des biedern Sachsenvolkes sei, absonderlich der verschiedenen kundigen Thebaner und Athener am Ilm- und Saalestrande. Mehr als hundertmal war er schon gefragt worden, wer sein Herr eigentlich sei, und wenn er nun zur Antwort gab: sein Herr sei ein Kaufmann, dann lautete insgemein das Urtheil der guten Leute dahin, daß sie ihm das gleich angesehen hätten. Erzählte hingegen Philipp, sein Herr sei ein Graf, dann hieß es ebenso bestimmt, man sähe ihm den Grafen auf hundert Schritte an.

Diese oft sehr aufdringliche und lästig werdende Neugier der guten Mitteldeutschen war es, die den Grafen bewog, mehr und mehr eine ernste Zurückhaltung zu beobachten und mehr aus den Mittheilungen Anderer, die so häufig und selbst unverlangt gegeben wurden, zu lernen und Gewinn zu ziehen, als sich selbst mitzutheilen, und mit diplomatischer Ruhe und einem besonnenen Schweigen durch alle Lebenskreise zu schreiten.

So erschien er als ein feiner, gebildeter Weltmann an manchem Hofe, überall räthselhaft schnell eingeführt durch wenige Zeilen, die er vorwies; man zog ihn zu den fürstlichen Tafeln, erzeigte ihm Aufmerksamkeiten, unterhielt sich gerne mit ihm in der beliebten Modesprache der Höfe; aber da er nirgend lange verweilte, so ging seine Erscheinung gleich andern flüchtig vorüber und wurde schnell wieder vergessen. Er aber gewann für sein ganzes späteres Leben den Vortheil, manchen großen und berühmten Mann persönlich kennen gelernt zu haben, auch Einblicke gethan zu haben in manches Verhältniß, das glänzende Außenseiten zeigte und innerlich morsch und zerrüttet war. Häufig trat dem Reisenden offen und unverhüllt die Selbstsucht der Menschen entgegen, der gelehrte Dünkel, die Schriftsteller-Eitelkeit, der Künstler-Stolz, stets mit einem guten Theil Anmaßung und Rechthaberei gepaart; die Klatsch- und Verkleinerungssucht in ihrer ganzen Widerwärtigkeit, und Trugsucht und Heuchelei unter allen möglichen Larven.

Nirgends ließ sich der Graf in ein ihn bindendes Verhältniß ein, wie sehr man auch bemüht war, ihn da und dort zu fesseln, denn er schien wohl des Besitzens werth zu sein. Jugend, Schönheit, Reichthum, Adel, Verstand und Bildung, Alles war in ihm vereinigt, und für ein edles Gemüth, für ein sanftes Herz sprach der Zug sinnigen Ernstes, die leise Melancholie in seinen Mienen, sprachen auch die Züge eines ganz besonders in seinem Charakter hervortretenden Wohlthätigkeitssinnes, der aber sorgsam sich und seine Liebesthaten in Dunkel hüllte. Wenn es je zu Tage kam, wer der gewesen, der manche Thränen der Noth und verschämter Armuth getrocknet, und die Beglückten ihm danken wollten, dann war er gewöhnlich schon abgereist.

Mit der Reichsgräfin blieb er im ununterbrochenen Verkehr, sie war entzückt von seinen Briefen und theilte sie gerne ihrer geliebten, stets leidenden Ottoline mit, welche jetzt wieder das Schloß zu Kniphausen bewohnte, und oft die Besuche der Großmutter ihres immer noch gefangen gehaltenen Gemahls vom nachbarlichen Schlosse Varel empfing.

»In Jena, schrieb Ludwig unter Anderm: »habe ich an den Doctoren Starke und Loder vortreffliche Aerzte gefunden. Starke hat mir guten Trost gegeben, und mir gesagt, ich solle meiner Gesundheit halber ganz außer Sorgen sein, ich solle wo möglich guten starken Wein trinken, und kein Lichtenhainer Bier, überhaupt kein Bier, das nur dickes Blut verursache. Man trinkt hier zu Lande fabelhaft viel Bier, besonders thun das die Studenten, die dessen bis zum Uebermaß in sich hineingießen und eine Bravheit darin erblicken, sich durch Unmäßigkeit die Gesundheit zu untergraben und das Leben zu kürzen. Ich habe hier auch den Hofrath und Professor Schiller kennen gelernt, den berühmten Dichter, dessen erste Stücke Ihnen, geliebteste Großmutter, damals äußerst mißfallen haben. Er ist ein Mann von großen Gaben, aber kein Mann der Gesellschaft; er hält sich sehr zurückgezogen, und ist in seiner Kunst mit Titanenschritten weiter gegangen; von dem anfänglich Rohen und Gewaltthätigen in die Region des Maßes und der Schönheit. Sein Don Carlos befriedigt alle Ansprüche. Leider ist der gefeierte Dichter brustkrank, und es war eine wahrhaft hochherzige That des Herzogs von Holstein-Augustenburgund Ihres wackeren Freundes, des Grafen Ernst Heinrich von Schimmelmann, Schiller auf drei Jahre ein Einkommen von eintausend Thalern zu sichern, damit er der Wiederherstellung seiner Gesundheit leben könne. Sie glauben nicht, geliebteste Großmutter, wie armselig in diesen Ländern die Gelehrten bezahlt werden; während manche Professuren und andere Stellen häufig als Sinecuren betrachtet werden, sind es in Wahrheit permanente Hungercuren und die Leute haben, wie man hier zu Lande zu sagen pflegt, zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig.«

»Gegenwärtig hat Schiller an einem dramatischen Gedicht:Wallenstein, zu arbeiten begonnen, welches jedenfalls Epoche machen wird.«

»Ich war auch in Weimar, und bin dort mit großer Güte und Zuvorkommenheit aufgenommen worden. Der ganze Hof hat sich nach Ihrem Befinden auf das Theilnehmendste erkundigt. Ich lernte immer mehr und mehr bewundern, welche hohe Achtung und welches große, ruhmvolle Ansehen Sie, theuerste Großmutter, in ganz Deutschland genießen. Sie hatten vollkommen Recht, als Sie mir sagten, daß man in diesen sächsischen Staaten die Wissenschaften höher schätze, als irgend wo anders. Bei äußerlich ziemlich beschränkten Mitteln geschieht für dieselben das Mögliche; man will viele Gelehrte, viele gute Köpfe um sich sehen, daher entspringt dann der vorhin erwähnte Mangel an Mitteln, um dieselben Alle nach Verdienst zu belohnen. Dieses kleine Weimar, als Stadt ziemlich unansehnlich, ist eine Centralsonne deutschen Geisteslebens, die weithin über die Welt ihre lichten Strahlen wirft. Ich habe dort mehr berühmte und bedeutende Männer kennen gelernt, als, etwa mit Ausnahme der Staatsmänner und großen Politiker Englands und Frankreichs – sonst in meinem ganzen früheren Leben. Vom Hofe selbst schreibe ich Ihnen nicht, Sie kennen denselben besser als ich, auch bin ich, Gott sei Dank, nicht angesteckt von der klein- und spießbürgerlichen Klatschsucht, die sich darin gefällt, die Blätter ihrer Skandalchroniken mit Schattenseiten aus dem Leben berühmter Männer anzufüllen, und halte solches Thun geradezu für eine Erbärmlichkeit; nur das Eine kann ich nicht unterdrücken zu sagen, daß der Herzog Carl August ein Mann von hoher Genialität, seine Mutter eine Fürstin von der anerkennenswerthesten Hoheit derGesinnung, und seine Gemahlin Luise Auguste ein Engel an Liebenswürdigkeit und Herzensgüte ist, ganz so, wie Sie, geliebte Großmutter, mir diese Personen schon früher geschildert haben.«

»Von Weimar begab ich mich nach Erfurt, wo ich dem geistvollen und so sehr menschenfreundlichen Statthalter, Coadjutor von Dalberg, aufwartete; dieser ist ein Prälat nach dem Herzen Gottes, ein Mann, der für das Wohl seiner Untergebenen auf das Eifrigste bemüht ist, und der mir die größte Hochachtung gegen sein ganzes Wesen, Wissen und Wirken abnöthigte. Am Hofe zu Gotha fand ich in Herzog Ernst II. den trefflichen Sohn einer ausgezeichneten Mutter, jener herrlichen Herzogin Luise Dorothea, geborene Prinzessin zu Sachsen-Meiningen, welche, gleich Ihnen, geliebteste Großmutter, eine Freundin König Friedrichs des Großen und Voltaires war, und, wenn ich nicht irre, auch mit Ihnen im Briefwechsel stand. Der Herzog ist ein sehr gelehrter Herr, so wie ein Freund und Beschützer der Gelehrten, er erweist den französischen Emigranten viele Freundlichkeiten. Auf seinen besonderen Befehl mußte mir das herzogliche Münzkabinet gezeigt werden, und ich wünschte lebhaft meine beste Großmutter zu mir, um diesen für Sie gewiß sehr anziehenden Genuß zu theilen. Die Münzbibliothek allein umfaßt gegen 6000 Bände; mit besonderer Anerkennung zeigte man mir in derselben auch Ihren dorthin verehrten Catalog Ihres eigenen Cabinets. Ich sah dort auch das theuerste Buch der Welt, die berühmte Handschrift des Jacob von Strada über die orientalischen Münzen in 31 Folio-Bänden, mit 9000 Abbildungen, deren jede als sauberste Handzeichnung einen Dukaten in Gold gekostet hat.«

»Ich war der Letzte, der vielleicht auf lange Zeit dieses bewunderungswürdige Münzkabinet sah, denn so eben hatte der Herzog Befehl gegeben, dasselbe einzupacken, da sich die Herren Franzosen nähern, und so sehr der Herzog ein Verehrer der Sprache, Literatur und Geistesbildung dieser Nation ist, so wenig scheint er von ihrer Freiheit, Gleichheit und Brüderschaft zu halten, und hat nicht Lust, diese auf seinen Münzschatz erstreckt zu sehen. Auch die herzoglichen Kunstsammlungen wie die große Bibliothek sind sehr bedeutend. Mit einem Wort, Herzog Ernst II., der mit seiner Gemahlin, Maria Charlotte, auch einer Prinzessin zu Sachsen-Meiningen, im innigstenEinverständniß lebt, ist für Gotha ganz das, was Carl August für Weimar, ein Mäcen der Wissenschaften und Künste und der Erwecker einer neuen Literatur-Aera.«

»Von Gotha reiste ich über den Thüringer Wald nach Meiningen, dessen Herzog, Georg, den beiden genannten Herzögen innig befreundet ist. Alle diese Fürsten beseelt das gleiche Streben, eine bessere Zeit, als die vergangene, für ihre Länder heraufzuführen. Ich fand in Meiningen einen gebildeten Hofkreis, fern vom allzusteifen Etikettenzwang, den der Herzog, ein freisinniger Fürst, abgeschafft hat.«

»Noch immer ist man in Meiningen sehr aufgebracht über eine elende Klatscherei, die der Ihnen sicher bekannte Tourist, Herr von Heß aus Hamburg, in seinem Buche: Durchflüge durch Deutschland, die Niederlande und Frankreich, vor einigen Jahren aufgetischt hat. Mit unendlicher Breite ergoß sich die verletzte Eitelkeit dieses Herrn in völlig lügenhaftem Geträtsch und in Ausfällen gegen den Herzog, den er als einen kleinen Tyrannen schilderte. Vier Seiten seines Geschreibsels verwendete Herr von Heß blos auf die Schilderung des Gesichtes eines Thorschreibers.«

»Von Meiningen fuhr ich nach Hildburghausen, wo vor einer Reihe von Jahren ein großer Brand gewüthet hat, und wo ich gegenwärtig noch verweile. Der Herzog Friedrich steht seinen Vettern an Geist nach, aber er ist äußerst gutmüthig, sehr gesprächig und außerordentlich gern mittheilsam über Alles, was ihn irgend Neues berührt oder begegnet, daher ich ihm unter keiner Bedingung ein Geheimniß anvertrauen möchte; dagegen ist die Herzogin, seine Gemahlin, eine außerordentlich liebliche Erscheinung; sie singt gern und entzückend schön. Denken Sie, sie singt in jeder Osterwoche in Grau’s Tod Jesu die Hauptstimme vor einem großen Kreise ihrer Verehrer. Das fürstliche Haus hat manches Mißgeschick zu ertragen; durch frühere üble Wirthschaft ist das Land in große Verlegenheiten gebracht worden, die den Hof mit treffen, zwei Töchter und ein Sohn starben bald nach der Geburt, doch versprechen die leben gebliebenen Prinzen und Prinzessinnen eine gute Entwicklung. Es sind schöne Kinder, drei Prinzen und drei Prinzessinnen. Die Vergnügungen des Hofes sind die gewöhnlichen,und die gute Jahreszeit wird abwechselnd auf nahen Jagd- und Lustschlössern, welche sich zu Heldburg, Hellingen, Eishausen und Seidingstadt befinden, zugebracht. Die Heldburg ist ein stattlicher spätmittelalterlicher Bau, auf hohem Felsenkegel ragend und weit das Land überschauend, majestätisch wie ein Königsschloß; Hellingen erinnert nach Lage und Anlage an Doorwerth, nur ist es weniger groß und es fehlen ihm die Parke. Dort wohnte unsere Verwandte, die Gemahlin des Prinzen Ludwig Friedrich zu Sachsen-Hildburghausen, Christine Luise, geborene Prinzessin von Holstein-Plön. Seidingstadt ist das Trianon des hiesigen Hofes; Schloß Eishausen liegt etwas abseit der Straße, die nach Coburg führt, ernst und einsam neben einem Dorfe, still und wie geschaffen für die Einsamkeit der Weltüberwinder.«

»Leider ist der idyllische Frieden dieses Hofes und des Ländchens in der Gegenwart hart bedroht durch die Kriegswirren, die sich bedenklich nahen. Zwischen hier und dem Mainstrom hausen bereits die Franzosen wie Kanibalen und ärger als die so übel verschrieenen Kroaten im dreißigjährigen Kriege. Ich werde mit Philipp in Begleitung eines herzoglichen Rathes und begleitet von dem Kammerdiener Grimm, der mit dem Günstling der Kaiserin Maria Theresia, Prinz Joseph Hollandinus Herzog zu Sachsen-Hildburghausen, schon einige Feldzüge des Prinzen mitmachte, einen Ritt in das bedrohte Gebiet machen, um zu sehen, ob ich vielleicht dazu beitragen kann, einigen Schaden von dem Lande abzuwenden, da ich ein wenig verstehe, wie man mit den Emigranten und Republikanern verhandeln muß, und hier sich Alles schrecklich vor beiden fürchtet, auch der Herzog selbst nicht der Mann ist, mit persönlichem Muth einer Gefahr unter die Augen zu treten. Die Mehrzahl seiner Räthe wird ebenfalls schwerlich große Heldenthaten verrichten.«

Die Reiter nahmen ihren Weg nach Heldburg und von da nach Hellingen. Schon in Heldburg hörten sie von Bürgern und Landleuten, die neugierig auf die Höhe geeilt waren, welche zwischen beiden Ortschaften sich hinzieht, daß in Hellingen Alles drunter und drüber hergehe, daß es brenne, und Mord und Todschlag von den Franzosen unter dem General Wartensleben, die von Königsberg in Franken herüber gekommen, verübt werde. Rasch galoppirten die Reiter densandigen Weg zur Höhe hinan, und der Graf überblickte durch ein Fernglas die weiten fränkischen, sonst so friedlichen Ebenen, die im milden Glanze eines Sommertages sich unter ihm ausbreiteten, und jetzt der Schauplatz eines Krieges werden sollten, in denen sich die Söhne eines und desselben Landes, im blutigen Streite zwischen Königthum und Republik, zerfleischen wollten. Große Heereszüge schwenkten durch die sanftgehügelten Ebenen, dort blitzten Flinten und Bajonette, dort Helme und Cürasse im Sonnenglanze; dort zogen in endloser Reihe Rüst- und Pulverwagen und Geschütze heran, dort schlug Dampf auf, in welchem helle züngelnde Flammen leckten; von den Thürmen der zahllosen katholischen und protestantischen Kirchen in diesem dichtbevölkerten fruchtbaren Lande tönten die Sturmglocken, vom nahen Marktflecken Hellingen scholl wüstes Geschrei und Gebrüll des Viehes verworren zur Höhe, wie bei einem Brande, obschon ein solcher nicht ausgebrochen war. Es war ein wimmelndes Gedränge in dem Ort und außer dem Ort, es war die Furie des Krieges in ihrer ganzen Scheußlichkeit, die hier bereits ihr verheerendes Wüthen begonnen hatte.

Der herzogliche Beamte, Graf Ludwig’s Begleiter, ein wackerer und sonst unerschrockener Mann, erbebte doch beim Anblick dieser Gräuel. – Was meinen Sie, Herr Graf? richtete er mit bedenklicher Miene an Ludwig die Frage: sollen wir uns in diese Gefahr hinein stürzen?

Haben Sie Jourdans Schutzbrief? fragte Ludwig, und als der Beamte bejahte, sprach er: Geben Sie ihn mir! Dann zu dem Diener sich wendend, fragte er: Wie steht’s, willst Du mit, Philipp?

Hm! brummte Philipp: Ich weiß nicht, warum Sie mich erst fragen, gnädiger Herr!

Und Sie, Herr Grimm? –

Das ist mir nur ein Spaß! antwortete dieser. Bin schon bei ganz anderen Affairen gewesen, habe zwar nicht immer die Victoria beim Schopf erwischt, war aber nicht mein durchlauchtigster Herr kaiserlich königlicher Reichsgeneral-Feldmarschall schuld daran, sondern die Reißaus-Armee, die er zu befehligen hatte, seine »sechzigtausend Läufer«, wie der alte Fritz sagte.

Wohlan denn, hinunter! rief Ludwig, und trieb sein Pferd zu raschem Schritt, die Diener folgten und der Beamte, welcher dem Grafen einen vom General Jourdan dem herzoglichen Hofe eigens ertheilten Schutzbrief für das Land zugestellt hatte, folgte nicht ohne Herzklopfen nach.

Gräuelvoll war der Anblick in Hellingen, darin die Schaaren der den Ort durchziehenden Colonnen sich verbreiteten. Bereits war alles Getreide, das noch auf dem Halm stand, niedergetreten oder niedergeritten. Die eingeernteten Garben wurden aus den Scheunen gerissen, alles Vieh der Einwohner aus den Ställen in die Kirche getrieben, die zum Schlachthaus diente. Jeder Einwohner, der nur die mindeste Gegenwehr versuchte, wurde mit Kolben gestoßen, geschlagen, mit Füßen getreten, mit Bajonetten bedroht, oder gar mit scharfer Klinge gehauen. Dort sendete man einem fliehenden Bauer Musketenkugeln nach, dort versuchte man einen Andern an den Beinen aufzuhängen, dort verübte man den schändlichsten Muthwillen gegen Mütter und selbst Greisinnen, dort pfiff man gellend auf den Pfeifen, die aus der Orgel in der Kirche gerissen waren. In den Häusern wurde Alles geraubt, zerstört, verwüstet, aus den Fenstern schüttelte man die Federn aus den aufgehauenen Betten, aus den Kellern schleppte der rasende Feind die Fässer voll Frankenweines und ließ, was er nicht trank, auf die Straßen laufen. Ueber alle dem Lärm, dem Wehgeheul und den Jammerrufen hörten Wenige den von Königsberg herübertönenden Schall einer heftigen Kanonade. Mit Entsetzen sahen Graf Ludwig und seine Begleiter das unermeßliche Elend nur in diesem einen Dorfe, und doch ging es so in jedem, das die Heersäulen der Franzosen auf ihrem Zuge berührten.

Wo ist der General? Wo sind die Kommandirenden? schrie Ludwig herrisch einem Trupp Reiter zu, der ihm mitten im Orte aufstieß.

Im Pfarrerhaus! war die Antwort, und zugleich zeigten ihm die Soldaten, die ihn für einen Landsmann und Courier hielten, die Richtung nach der Wohnung des Pfarrers Link, die ein alter räucheriger, architectonisch mit Schnitzwerk und krummen, verschränkten Kreuzbogen gezierter Bau war, gegen welchen die erst vor zwei Jahren als schöner Neubau vollendete Kirche seltsam abstach.

Dort ging es her wie auf einem Jahrmarkte. Aus der unten am Flur liegenden Küche schlug heller Feuerschein hervor, die Flur selbst lag ganz voll von Geflügel aller Art: Gänse, Enten, Tauben, Rebhühner, denen allen die Köpfe fehlten. Ein Koch war beschäftigt, zu sieden und zu braten, Soldaten rupften und weideten aus, den Hof, die Flur und das ganze Haus füllten lauter Offiziere an, welche Ludwig militärisch grüßte und die Frage an sie richtete, ob er den Chef dieser Heeresabtheilung nicht sprechen könne? Nach einer Weile trat der Reiterbrigadegeneral aus dem Hause, ein Mann von Mittelgröße und martialischem Aussehen; ihm auf dem Fuße folgte sein General-Adjutant, ein Mann von wahrhaft riesigem Bau, dabei von vollendeter Formschöne und nicht unfreundlichen Zügen; hinter diesen schritt noch ein zweiter Adjutant, und ein Kreis von vielleicht fünfzig bis sechzig Offizieren umdrängte nun die Ankömmlinge. Ludwig und der Beamte schwangen sich rasch von ihren Pferden. Mein Bürgergeneral! begann der Graf ganz ohne Verlegenheit seine Anrede: darf ich bitten, mir einiges Gehör zu gönnen, und mir vor Allem zu sagen, mit wem ich die Ehre habe, zu sprechen? Ich bin nebst diesem Herrn ein Abgeordneter des Herzogs von diesem Lande.

Ich bin General d’Hautpoule, Bürger! antwortete der Anführer. Hier mein General-Adjutant, Bürger Mortier, hier mein Aide de Camp, Bürger David. Womit können wir dienen?

Bürger Jean Baptist Jourdan, sprach Ludwig: der Oberbefehlshaber der Rheinarmee hat ausdrücklich durch eine schriftliche Zusicherung dieses Land gegen alle feindliche Begegnung gesichert. Hier steht, daß er die dem Gesammthause Sachsen zugestandene Neutralität auch gegen das Haus Sachsen-Hildburghausen so lange wolle beobachten lassen, als diese Neutralität vom Directorium der Republik nicht verworfen wird. Wenn ein Neutralitätsvertrag nicht vollständig zu Stande kommt, soll dem herzoglichen Hause die Nachricht officiell mitgetheilt werden, daß die Feindseligkeiten ihren Anfang nähmen. Dieses letztere ist zur Zeit nicht geschehen, und dennoch, wie feindselig hausen Deine Truppen, Bürger-General, in diesem friedlichen und neutralen Lande!

D’Hautpoule warf einen flüchtigen Blick auf das von Jourdan eigenhändig unterzeichnete Schutzpapier, schlug leicht mit der Handdarauf und entgegnete, indem er es zurückgab: Was wissen wir vom Geschmier der Kriegskanzleien! Hier ist Krieg und keine Kanzlei!

Der Herr General erlauben gnädigst – nahm jetzt auch der herzogliche Beamte das Wort: Unsere Regierung hat Sorge getragen, und es ist auch vom Obergeneral an alle Divisionen der republikanischen Armee der Befehl ergangen, bekannt zu machen, wie mir selbst ohnlängst in einem Nachbarort französische Offiziere, die wir verpflegten, mitgetheilt haben, daß die Sächsische Neutralität beim ganzen Heere respectirt werden und jede Thätlichkeit gegen die Einwohner unterbleiben soll.

Nun denn! wandte sich d’Hautpoule lachend gegen Mortier, so wollen wir die Neutralität respectiren, so viel sich thun läßt. Gib sogleich Befehl, Bürger David, und allen Bürger Kapitäns sei es gesagt, es soll sich Keiner unterstehen, noch eine Feder oder einen Strohhalm Werths zu rauben oder auch nur anzufassen. Sacre Dieu! Keiner!

Eine Bewegung entstand, die Offiziere trafen Anstalt, den erhaltenen Befehl zu vollziehen, da kam der Schulmeister gelaufen, drängte sich an seinen Pfarrer, der neben den Beamten getreten war, und flüsterte: Um Gotteswillen Herr Pfarrer! Die Soldaten zerstören uns die ganze Orgel!

Sagen wir das laut! rief der Pfarrer, der eine sehr sonore Stimme hatte, trat zum General und sprach: Herr General! Ihre Soldaten zerstören unsere schöne neue Orgel! Ich bitte, retten Sie! Schonen Sie!

Sacre bleu! schrie der General: Wo? Wo? und schwang den Stock, den er in der Hand führte, denn er war bereits ein ergrauter Sechziger, und folgte mit raschen Schritten dem Schulmeister, der ihm voran in die neue Kirche eilte. Der alte Kriegsmann rannte wie rasend die Treppe hinauf und theilte auf die das werthvolle Orgelwerk freventlich zerstörenden Soldaten so viele und schwere Prügel aus, daß die Uebelthäter laut aufschrieen und schwuren, in ihrem Leben keine Orgel wieder anzurühren.

Mittlerweile hatte sich der Riese Mortier auf ein Pferd geworfen, David und andere Offiziere waren ihm gefolgt, und es verging keine Viertelstunde, so war Ruhe, Ordnung und Stille im Flecken; alle nachrückenden Truppen mußten sofort ohne Rast hindurchziehen, ausder Kirche kam d’Hautpoule sehr erheitert zurück und sprach zu Ludwig und dem Beamten: Nichts wirkt schneller und heftiger, wie Prügel. Diese Sprache verstehen die Hallunken aller Völker, Prügel sind die wahre Weltsprache, und die Gelehrten werden sich vergebens die Köpfe zerbrechen, um eine bessere zu erfinden.

Bald kamen auch Mortier und die andern Offiziere in den Pfarrhof zurück; das Geschrei der Einwohner verhallte allmählig. Mortier, so riesenhaft seine Leibesgröße war, sah gar nicht aus wie ein Soldat; die Haut seines Gesichts und seiner Hände war zart und weiß. Er drückte dem Grafen, dem Beamten und dem Pfarrer oft die Hände und versicherte allen, er meine es gut, allein die Soldaten seien schwer im Zaum zu halten.

Man begab sich in die Stube des Pfarrers, in deren Mitte eine Bütte stand, welche mit Wein gefüllt war. D’Hautpoule war sehr artig gegen den Besuch aus Hildburghausen; er lud die Herren ein, an seinem Male Theil zu nehmen, fuhr mit bereitstehenden Biergläsern eigenhändig in die Bütte, füllte diese voll Wein, reichte sie seinen Gästen und dem Pfarrer dar und rief lustig und froh gelaunt.A votre santé et bonheur!Alle andere Offiziere, soviel die Stube faßte, drängten sich herzu, schöpften ebenfalls und tranken; man setzte sich auf hölzerne Stühle, der General saß auf einem dreibeinigen Schemel, Mortier und David hatten die Ofenbank besetzt. Der Koch brachte mächtige Bratenstücke herein, der Pfarrer schaffte Brod, weder Teller noch Messer und Gabeln waren vorhanden, man aß aus der Hand, nur der General schnitt sein Fleisch mit einem Schnappbastelmesser. Die Bütte Wein war bald geleert, eine zweite wurde aus dem Keller herauf geschafft, dann erfolgte ein rascher Aufbruch, ein kurzes Adieu.

Ein Wehe war dahin, wie geschrieben steht in der Offenbarung, »aber siehe, es kommen noch zwei Wehe.« Dem Volke d’Hautpoule’s folgte die Division des General Colaud nach, 15,000 Mann stark, und der General richtete sogleich seinen Weg nach dem Pfarrhaus. Dort kam ihm Ludwig entgegen, erbat Schutz für den Ort, für alle Orte dieses Landstrichs, auf Jourdans Schrift sich berufend. Mittlerweile war der Divisionsgeneral Lefebre ebenfalls im Orte angelangt und hatte sich nach dem Schlosse begeben, ihm folgte dessen Division Avantgarde,25,000 Mann stark, da galt es! Alle Beredsamkeit mußte aufgeboten werden, um den Schutzbrief zur Geltung zu bringen; es gelang Ludwig, aber nur hier in dem einen Orte; was der Schreckenszug außerhalb Hellingen berührte, litt dennoch unendlich. Die Generale zeigten sich menschenfreundlich und zur Hülfe gern bereit; wo ihre gebietende Persönlichkeit einen Ort beschützte, war es gut, sie ließen wohl auch Schutzwachen zurück; aber wenn sie abgezogen waren, erpreßte die Letztere selbst von den armen Leuten Geld und Kleider. Ein Lieutenant nahm zwei im Waschzuber liegende schmutzige Hemden aus demselben, rang sie geschickt aus und schob sie in seinen Tornister.

Was bei diesen Durchzügen das Allerschlimmste war, die bedrängten Landbewohner wußten oft nicht einmal, wer Freund, wer Feind war: Feinde wie Freunde drückten, raubten, brandschatzten und hauseten ärger wie Teufel.


Back to IndexNext