3. Der Abschied.

[1]Urschriftlich; der Brief ist noch vorhanden.

[1]Urschriftlich; der Brief ist noch vorhanden.

Genug – er ist nun einmal der Wahrheit unerschütterlich treu; sollte ich dem redlichen Freunde zürnen? Wer die Wahrheit nicht hören will und kann, der ist sehr zu beklagen. Habe ich doch nur das Gute gewollt und die Wissenschaft zu fördern gesucht mit wahrhaft großartigen Opfern – und das Gute und Große aufrichtig gewollt zu haben, gibt schon ein Genügen.

Nun aber hierin nicht weiter – Anderes bringt die andere Stunde.

Die Reichsgräfin legte noch einige Schriften und Briefschaften sich zur Hand, und dann klingelte sie.

Der greise Kammerdiener Weisbrod trat ein.

Ich lasse Herrn Windt bitten!

Was nun werden wird, werden soll, nach dem gestrigen Auftritt? fragte sich die Matrone. O gewiß, ich muß die ganze Last der Sorge mit in die Grube nehmen – doch nicht ungestraft sollen sie mir die letzten Tage meines Alters verbittern, und thun will ich, was ich will, bis zum letzten Athemzuge. –

Windt trat ein, er sah noch bleicher aus, als am gestrigen Abend; seine Gebieterin nahm dies mit ihrem noch immer scharfen Fernblick sogleich wahr und fragte, als sie auf seinen ehrfurchtvollen Gruß gnädig gedankt: Was ist Ihnen, lieber Windt? Sie sehen so sehr angegriffen aus?

Ich bin es, Excellenz! – erwiederte Windt, und seine Stimme war matt und bebend; er war kein Jüngling mehr und die letztvergangene Zeit hatte körperliche wie geistige Anstrengungen in Fülle auf ihn gehäuft.

Es ist auch kein Wunder – fuhr Windt mit offener Freimüthigkeit fort. Ich wurde in Doorwerth von einem heftigen Gichtanfall heimgesucht, zu dem sich etwas Fieber gesellte, da empfing ich dieses kurze Briefchen von dem Herrn Erbgrafen aus dem Haag: »Ich werde nicht über Doorwerth nach Varel gehen, mein lieber Windt, aber geradevon Amsterdam über See und Ostfriesland, weil das viel kürzer ist, und so bitte ich Sie, wenn Sie mit mir die Reise machen wollen, binnen acht Tagen in Amsterdam zu sein. Bis dahin leben Sie wohl und glauben mir, Ihrem« – und so weiter. Aber ich gestehe Ihrer Excellenz, daß ich weder Muth noch Kraft genug in mir fühlte, mich bei dem stürmischen Wetter, wie die letzte Zeit des Aequinoctiums mit sich brachte, auf die See zu begeben und in des Herrn Grafen kleinem Schiffe herum zu treiben. Ich reiste zu Lande, eilend, angestrengt und schlecht. Ich zog mir dadurch eine Lähmung der linken Seite vom Scheitel bis zur Fußsohle zu, und nur einige Ruhe, Wärme und meine gute Natur stellten mich wieder her, auch tragen die guten Nachrichten von Ihrer Excellenz hohem Ergehen dazu bei, mich wieder vollkommen gesund und meinen Diensteifer frisch lebendig zu machen. Und ich will lieber Alles: Hals, Kopf und Kragen verlieren, ehe ich nur eines Haares breit eines Ihrer heiligen Rechte fahren lasse, die ich zwar nicht als Rechtsgelehrter, wohl aber nach gesunder Vernunft und natürlicher Billigkeit als ein redlicher Diener vertheidigen kann. Nur bitte ich um Dauer des hochgnädigsten Vertrauens. Ich sprach, noch ehe ich abreiste, in Doorwerth den Jäger des Herrn Grafen, der mit der Kutsche, zwei Pferden, drei Reitknechten und vier Reitpferden durchkam, um hierher vorauszureisen, und es wurde mir diese Gelegenheit angetragen; die Gesellschaft stand mir aber nicht an. Ich nahm Extrapost.

Sie kennen den gestrigen Vorgang? – fragte die Gräfin.

Ich kenne und beklage ihn, war Windt’s Antwort. Er reißt ein, was ich mühsam aufbaute und anbahnte, die friedliche, willfährig entgegenkommende Gesinnung. Halten es Ihre Excellenz zu Gnaden – aber Höchstihre persönliche Einmischung –

Galt dem Schutz meines Pathen – unterbrach die Herrin, stark betonend. Ich danke Gott, daß mir vergönnt war, zu rechter Zeit mich einzumischen, ich wollte es nicht, ich wollte nur ein wenig lauschen, welche Gesinnungen gegen mich sich aussprächen, da geschah das Aeußerste, da mußte ich den Fuß auf die Springfeder setzen, die das Bild wegschiebt, zwei Secunden vielleicht zu spät, und mein Enkel hätte meinen Enkel erschossen, und dieses mein durch Mord noch nie entweihtes Haus mit einer blutigen Unthat befleckt.

Gegen diese Gründe, Excellenz, kann ich nichts sagen – nahm Windt wieder das Wort.

Und was gedenken Sie zu thun? fragte die Gräfin.

Ich gedenke das Beste für Euere Excellenz zu thun, was sich nur immer thun läßt, obschon ich voraussehe, daß es mir ein Stück Lunge kosten wird; ich hoffe, eine wahre, gründliche und dauerhafte Ruhe zu bewirken, aber Ihre Excellenz müssen mich in Gnaden gewähren lassen, und die Erreichung dieser Absicht wäre mir der höchste Ruhm. Ihre Excellenz dürfen auch nicht das Unmögliche weder fordern noch erwarten. Vor Allem muß aller fremde Einfluß abgeschnitten bleiben, denn ich denke, daß, wenn Hochdieselben mit demjenigen, der nächst Höchstihnen Haupt der Familie, regierender Herr, Erstgeborener und eigentlicher Stammhalter ist, einen Vergleich errichten, durchaus kein Dritter, und wäre er der nächste Agnat, hinein zu reden hat.

So schließen Sie den Bruder und meinen Ludwig so zu sagen aus? fragte die Gräfin gespannt.

Hören Ihre Excellenz mich ruhig an, antwortete Windt. Vieles, was gefordert wird, ist dem Herrn Grafen zu erfüllen geradezu unmöglich; er kann nicht die Glieder der gesammten, in England und Holland verstreuten Familie zu einer bindenden Unterschrift bewegen und zusammenbringen; er kann nicht einhundertundfünfzigtausend holländische Gulden zu sechs Procent, wie jetzt üblich, aufnehmen, sie jährlich mit neuntausend Gulden verzinsen; nicht nach zwölf Jahren dieselbe Summe bezahlen und sie mittlerweile mit sechstausend Gulden verzinsen, dazu das zu gewährende Witthum von jährlich viertausend Gulden, und was noch jährlich an das schrecklich vernachlässigte Doorwerth zu wenden ist. Wenn der Herr Graf zu solchen Dingen sich verpflichten, so können Dieselben weder rechnen, noch Wort halten. Er ist und bleibt arm, seine Kinder vielleicht können dereinst fürchterlich reich werden – er – wird Reichthum nie besitzen. Doorwerth liebt er, dieses wünscht er gern zu haben, es ist gut und heilsam, wenn die Güter ungetrennt beisammen bleiben. Ich bin überzeugt, daß der Herr Graf redlich und im guten Glauben zu Werke gehen und noch edler und großmüthiger handeln würde, wenn er es hätte, wie er es nicht hat.

Ei, Sie sind ja plötzlich mein gegnerischer Anwalt geworden? rief mit schlecht verhehlter Gereiztheit die Reichsgräfin. Wie deut’ ich das? Was hat Sie denn so umgewandelt? Von der edeln großmüthigen Denkart wurde ja gestern Abend ein Pröbchen zum Besten gegeben. Wäre ein neuer tragischer Stoff geworden für Herrn Hofrath Leisewitz in Braunschweig, der ja den Julius von Tarent geschrieben hat und unserm hohen Hause Dinge und Thaten aufbürdet, die nie in ihm geschahen; was ganz schändlich ist, denn nie gab es im Hause der Fürsten von Tarent, das so eng mit meinem eigenen verzweigt und verwachsen ist, eine solche abominable Geschichte, und keiner von allen Fürsten dieses Hauses hieß Constantin, Julius, Guido und wie die von dem laxen Comödienschreiber sonst ersonnenen Namen noch heißen mögen!

Die Poeten, gnädigste Excellenz – entgegnete Windt, heimlich lächelnd über den antidramatischen Zorn seiner Herrin – haben ein Ding, das nennen sielicentiam poeticam– welches ich Hochgräflicher Gnaden, die besser Latein verstehen als ich, nicht zu übersetzen brauche.

Habe nichts dagegen, das Stück ist gut, Herr Lessing hat es gelobt – es ist sogar, wie mir geschrieben wurde, auf fürstlichen Privattheatern – ich glaube am Sachsen-Meiningenschen Hofe, unter Mitwirkung durchlauchter Personen selbst, zur Aufführung gebracht worden; ich verlange nur, die Herren Dichter sollen nicht Namen aus der Luft greifen, sollen nicht das erste beste hohe Haus mit ersonnenen Unthaten beflecken, sondern diese da spielen lassen, wo sie sich geschichtlich zugetragen haben, und sollen ihre Nasen in die Stammbäume stecken und die Leute, die sie brauchen, beim rechten Namen nennen. Des Herrn von Goethe allbewunderter Götz ist auch so ein Ding, das im Nebel und Schwebel spielt, ohne allen geschichtlichen Boden. Er läßt den fehdesüchtigen Raubritter für die deutsche Freiheit sterben, während der alte Kauz daran nicht im Entferntesten dachte, und in aller Gemüthsruhe über achtzig Jahre alt wurde, um Zeit zu haben, seine schlimmen Streiche selbst für die Nachwelt aufzuschreiben. – Ja, sehen Sie mich nur an, lieber Windt, das macht Ihnen wohl rechten Spaß, daß ich alte Frau mich noch über Comödien ereifere, aber sehen Sie, ich bin einmal eine Freundin der Wahrheit, wiemein lieber Abbe Eckhel in Wien auch deren Freund ist, der mich in meiner Eitelkeit und Gelehrsamkeit auf den Tod verwundete, und dem ich, ich sage ich, die Hand noch küssen möchte, mit der er die Feder führte, die mir nicht dumme Schmeicheleien, sondern die reine, in seiner gründlich tiefen und gelehrten Ueberzeugung wurzelnde Wahrheit schrieb. Doch – wie weit schweifen wir ab von unserm Ziele, mein lieber Windt – fahren Sie fort, Sie schlimmeradvocatus diaboli!

Um Gott, Excellenz! Dies Wort ist nicht Ihrer Gnaden Ernst. Ich hätte noch viel zu sagen – aber wenn Hochdieselbe mir zürnen –

Halten Sie mich für ein Kind, Windt? Fürwahr, dann wäre ich wohl ein recht altes. Noch denke ich nicht, obschon ich neunundsiebenzig Jahre zähle – kindisch zu sein.

Die Reichsgräfin unterbrach dieses Gespräch, indem sie klingelte. Weisbrod trat ein und erhielt den Befehl, den jungen Herrn zu ihr zu bescheiden. Dann nahm sie den Faden der Rede wieder auf und sprach zu Windt: Die gestrige Scene verlockte uns in den Irrgarten der dramatischen Poesie mit seinen unbeschnittenen Laubgängen – bleiben wir bei der Hauptsache: Warum hat sich Ihr Sinn gewendet? Sind Sie eine Windfahne?

Nein, Excellenz! vertheidigte sich Windt: eine solche bin ich nicht, vielmehr hoffe ich bewiesen zu haben, und denke es ferner zu beweisen, daß mir die Wünsche und Vortheile Ihrer Excellenz über Alles gehen. Aber – Excellenz lieben ja die Wahrheit, und Wahrheit muß Wahrheit bleiben. Was auch gestern Störendes, Widriges und aufs neue Hemmendes vorgefallen sein möge,dasdarf ich doch kühn behaupten, daß das Gemüth des gnädigen Erbherrn durch mich und meine Briefe zu wahrer Liebe und Ehrfurcht gegen Ihre Excellenz gestimmt war;freilich ist er äußerst empfindlich und reizbar und ein unbedachtes Wort ist im Stande, sein ganzes Wesen in Aufruhr zu bringen. Wie ich den Herrn Grafen kenne, sind wenige Worte im Stande, ihn zu bewegen, daß er Alles um sich nieder wirft und liegen läßt, es gehe wie es gehe, aber sein Charakter ist und bleibt redlich. Er ist nicht der Mann, welcher Excellenz beraubt, geplündert und von Land und Leuten verdrängt sehen will, im Gegentheil, er theilte mir gerade heraus mit: Will meine Frau Großmutter Varel wieder zu eigen haben, so nehme sie es gerne, wenn es nur ohne weitere Schulden und dereinst meinen Kindern bleibt.

In der That – sehr gnädig! – spöttelte die Herrin und machte einen Knix, aber Windt kehrte sich nicht an ihren Spott.

Der redliche Diener fuhr im Tone vollster Ueberzeugung fort: Halten Excellenz es mir zu Gnaden, daß ich so frei heraus meine Meinung sage! Die Hauptsache muß so behandelt werden, daß beide Theile mit Ehren nachgeben, mit Ehren annehmen und mit Ehren ablehnen können. Ich brauche wohl nicht erst an den Wahlspruch im reichsgräflichen Wappen zu erinnern.

Craignez honte!versetzte die Herrin, den Wahlspruch anführend, und fügte hinzu: Bravo, Herr Windt! Ich danke Ihnen für diese Lehre.

Eher würde ich selbst auf Ihrer Excellenz Vortheile verzichten, als im Punkt von Hochderselben Ehre nachgeben, und wenn der Herr Graf Alles anzunehmen verspräche, was Ihre Excellenz von ihm verlangen, so würdeichder Erste sein, der zu ihm sagte: Sie handeln ohne Ueberlegung, ohne Ehre, ohne Zartgefühl, denn Siekönnennicht Wort halten. Ihre Excellenz kennen in der That den Herrn Grafen zu wenig, er ist Ihnen entwachsen, er ist noch jung, und bei Gelegenheit wohl spöttisch, sarkastisch oder überreizt – er ist aber wahrhaftig ein edler Mann, und der Beste von den Seinen, so viel ich deren in Holland kennen lernte. Was ich von seinen Handlungen weiß, ist nur ehrenhaft. Um sein gegebenes Wort zu erfüllen, hat er sich mit seiner Frau Mutter auf eine Art entzweit, daß sie nie wieder einig wurden. Das kam so: In der unglücklichen Revolution hing sein Leben im Haag jeden Augenblick an einem Zwirnsfaden, und gleichwohl zeigte er stets den höchsten Grad von Entschlossenheit. Umzu seinem Ziele zu gelangen, mußte er sich eine Partei machen, zu der er auch geringe Bürger und Leute der niederen Klasse herbeizog. Diese wollten aber unter keiner anderen Bedingung ihm anhängen, als daß er ihnen gelobe, nach erkämpftem Siege ihr Schout, so viel wieGrand Baillifzu werden, denn das Volk war, wie das stets bei Revolutionen der Fall ist, mit der Polizei und Gerechtigkeitspflege im Haag höchst unzufrieden und suchte sie zu beseitigen. Der Herr Graf gab sein Wort, seine Partei gewann die Oberhand, und das Volk rief ihn aus Dankbarkeit zu seinem Ober-Amtmann aus. Darüber entsetzte sich seine Frau Mutter, die geborene Baronesse de Tuyll Serooskerken, auf das Aeußerste, wie Ihre Excellenz sich denken können.

Ja wohl, wie ich mir allerdings recht gut denken kann! unterbrach ihn die alte starre Aristokratin. Doch Windt fuhr ruhig fort: Die Frau Mutter des Herrn Grafen drohte, sich gänzlich von ihm loszusagen, wenn er dem Verlangen des Volkes nachgebe, der Graf aber sprach: Ich bin Edelmann und muß im Glücke halten, was ich im Unglücke versprochen habe. Die Zwietracht mit der Mutter blieb, und der Herr Graf blieb Ober-Amtmann.

So spalten die unseligen politischen Parteikämpfe den Frieden und die Herzen der edelsten Familien! rief fast im heftigen Tone die alte Reichsgräfin. Meine Frau Schwiegertochter hat vollkommen Recht! Auch mir schnitt es tief in das Herz, zu sehen, wie ein Angehöriger meiner Familie mit dem Pöbel, der Hefe, zu liebäugeln sich herabließ und sich wegwarf. Aber zuletzt sind Sie selbst solch ein elender Demokrat, Windt!

Der Haushofmeister war einen Augenblick betroffen durch den schneidenden und vorwurfsvollen Ton der alten Frau, deren Gemüth jetzt an der empfindlichsten Stelle und durch eine der unliebsamsten Erinnerungen berührt worden war; doch blieb er gefaßt und entgegnete in seiner zwar unterwürfigen, aber stets würdevollen Redeweise: Ihro Excellenz scheinen sich im Augenblick nicht daran erinnern zu wollen, daß die oranische Partei, für welche der Herr Graf wirkt, nicht die sogenannte Volkspartei war, daß erstere vielmehr durch die untern Schichtengegendie letztere zu wirken suchte, daß aber auchdie niederländischen Republikaner keineswegs eine Revolution wollten. Der Herr Graf ist als Oberrichter stets gerecht und unparteiisch erschienen; er hat darauf das wachsamste Auge, daß Niemand Unrecht erleide, er hilft Allen, denen er nur irgend helfen kann, seien es sogenannte Patrioten, oder keine, und viele Unglückliche hat er als geschickter und rechtskundiger Anwalt so vertheidigt, daß sie schweren Strafen entgingen, denen sie ohne ihn anheim gefallen wären; daher verdient sein Benehmen, als das eines Mannes von Wort und von Ehre, weder Tadel noch Mißtrauen. Und was endlich meine »elende Demokratie« betrifft, wie Excellenz sich auszudrücken beliebten, so gebe ich dem Wunsche Worte, es möchte das ganze heilige römische Reich so glücklich sein, lauter Demokraten meines Schlages zu besitzen, dann würde überall Ruhe, Friede und Ordnung, und nirgend Empörung gegen Obere sein. Aber jeder Mensch hat minder oder mehr Gefühl für dieFreiheit; wer dieses läugnet oder verläugnet, ist ein feiler Sclave, oder in seiner eigenen Seele selbst ein Stück von einem Despoten; ich bin keins von beiden. Derjenige jedoch, welcher an der gegenwärtigen, fanatischen, wahnsinnigen französischen Freiheitsraserei Theil nimmt und Behagen daran findet, ist ein Jacobiner, ein Anarchist, ein Verbrecher: das bin ich auch nicht, sondern stets zu Ihrer Excellenz Diensten.

Wackerer Windt – vergeben Sie mir, wenn ich Sie kränkte! sprach die Reichsgräfin mit ernstem Gefühl, und immer höher stieg der Mann in ihrer Achtung, der mit dem redlichsten Diensteifer die Würde des Hauses wie seine eigene nicht einen Augenblick aus den Augen setzte.

Der Eintritt des jungen Herrn, der schon fast völlig reisefertig erschien, unterbrach das Gespräch der Gebieterin und des Dieners. Ludwig brachte seiner Gönnerin den üblichen Handkuß als Morgengruß dar und ihr Herz, so fest und stark es war, hart geworden durch die Jahre und die Fülle bitterer und schmerzlicher Erfahrungen, wallte auf bei dem Andenken an die Trennung von dem Liebling, der heute ihr so bleich und trauervoll nahte.

Ein freundlich bittender Augenwink der Reichsgräfin entließ Windt, und gleich nach dessen Entfernung redete sie den Enkel mütterlich liebevoll an.

Du bist heute so blaß, mein Ludwig Carl – du fühlst was ich fühle. Du willst fort, und die Trennung von mir thut deinem kindlichen Herzen weh?

Theuerste Großmutter! antwortete der Enkel: ich wollte, der Erbherr hätte seine That gegen mich gestern vollbracht; glauben Sie mir, mir wäre besser. Mir wurde eine Wunde geschlagen, die niemals heilen wird – Gedanken stürmen in meiner Seele, die ich niemals dachte – ich kannte nicht den Haß, nicht das brennende Gefühl der Rache, nicht die Schaam über einen Makel, den ich ohne Schuld mit mir durchs Leben tragen soll. Beste Großmutter! Ich beschwöre Sie, entdecken Sie mir Alles – bin ich ein Edelmann, gehöre ich zu Ihrer Familie, oder bin ich –?

Wie du kindisch fragst, mein liebes Kind! war die Antwort. Würdeichdich laut und offen meinen Enkel nennen? Würde ich dich mit Sorgfalt und Liebe auferzogen haben? Würde ich dir gestattet haben, unser Wappen zu führen? Glaube das Eine fest, und lasse dich durch das Andere nicht beugen. Du bist auf dem Wege ein Mann zu werden, sei ein Mann! Vergiß das Herbe und Peinliche der gestrigen Stunde; vergieb dem Grafen: er war gereizt, er wußte nicht, was er that.

An ihm wird es daher sein, mich um Vergebung zu bitten, entgegnete der Jüngling, dessen Wangen neu auflodernde Schaam mit Zorn im Bunde wieder röthete.

Lass’ das jetzt, sprach die Gräfin. Entdecken kann und darf ich dir nichts, mein geliebtes Kind! Du mußt das Dunkel deiner Geburt mit dir nehmen als deinen Schatten, denn ich bin nicht berechtigt, die Geheimnisse gewisser Personen zu lösen, die jene mir anvertraut und die mit sieben Siegeln verschlossen und mit den dichtesten Schleiern überhüllt sind. Aber etwas Tröstliches kann und will ich dir sagen. Es ist ein mächtiger Unterschied, den aber die Befangenheit, Mangelhaftigkeit und Starrheit der Gesetzgebung niemals anerkannt hat, zwischen den zur Welt gebrachten Früchten böser Lust und wilder Sinnengier, die ein Rausch des Augenblicks von dem Lebensbaume abschüttelte, und zwischen jenen Kindern hoher und reiner Liebe, gegen deren gesetzliche Einigung gebieterische Verhältnisse unübersteigliche Schranken zogen. Oft verjüngten sich durch solche Sprößlinge uralte bedeutende Geschlechter, und die Welt hatdeß kein Arg. Du hörtest gestern aus meinem Munde ein Beispiel; ich könnte dir deren viele sagen. War es gut oder nicht gut, daß der letzte Graf zu Oldenburg und Delmenhorst, da seine Gemahlin ihm keine Kinder schenkte, den Sohn eines geliebten ihm nicht ebenbürtigen Weibes in die Rechte des alten Stammes einsetzte? Ohne diesen Sohn der Elisabeth von Ungnad, Herrin zu Sonneck – wären wir alle nicht. Möge Gottes Gnade trotz dieser Abstammung von einer Ungnad mit uns allen sein!MeineGroßmutter, die Abkömmlingin von Königen, wurde Anton’s des Ersten zweite Gemahlin; die erste, eine Gräfin von Wittgenstein, schenkte ihm nur Töchter; meine Großmutter wurde die Fortpflanzerin des Stammes, von dem auch du ein Zweig bist. – König Alphons der Weise in Aragonien und Sicilien zeugte, da seine Gemahlin Maria, Tochter König Heinrich des Dritten in Castilien, ihn nicht mit Kindern beglückte, drei Kinder außer der Ehe. Seinem erstgeborenen und einzigen Sohne Ferdinand dem Ersten, dem Papst Eugen der Vierte selbst die Rechte gesetzlicher Geburt verlieh, hinterließ sein Vater das Königreich Neapel, der zweite Sohn Friedrich ward vertrieben und kam nach Frankreich, wo er starb. Dieser Letztere wurde der Großvater der Erbtochter des Hauses de la Val, Anna, deren Gemahl Franz de la Tremouille, Prinz von Talmont, wurde. Beider ältester Sohn, Ludwig, wie du geheißen, war der erste Herzog von Thouars, er war mein Urgroßvater, und unser Haus wurde auf das Engste verwandt und verschwägert mit allen den hohen, alten, angesehenen Familien derer von Bouillon, von Orleans, von Montmorency, der de la Tour d’Aubergne, der Taleyrand und anderer in Frankreich, der Sforza in Mailand, der Landgrafen zu Hessen, durch meine Urgroßmutter, und der Herzoge zu Sachsen, denn meine Urgroßtante Maria wurde die Gemahlin des Herzogs Bernhard zu Sachsen-Jena, eine Linie, die leider früh erlosch. Aus diesen Beispielen magst du entnehmen, daß eine in Dunkel gehüllte Abstammung, die vielleicht einst noch in Licht und Glanz zu Tage treten dürfte, je nachdem des Glückes und der Zeiten Gunst oder Ungunst waltet, noch lange kein Schimpf und kein Makel ist, mindestens nicht in den Augen der Einsichtvollen und Vernünftigen, denn überhaupt erinnert das an das alte Sprichwort: »es ist ein wunderkluges Kind, das seinen Vater kennt.«

Der Enkel schwieg zu dieser Rede und blickte mit träumerischem Sinnen auf die Werke seines spielenden Fleißes, die Münztafeln.

Du willst reisen, und du mußt reisen – fuhr die Reichsgräfin fort. Längst fühlte ich das, aber die große Liebe zu dir, die trauliche Macht der Gewohnheit unseres täglichen Beisammenseins, mein Alter, der Gedanke, daß unsere erste Trennung wohl eine Trennung für immer ist, bewältigte meine Einsicht und machte mich schwach und allzu nachgiebig gegen mich selbst. Das Schicksal führte diesen Anstoß herbei, ich muß dich von mir lassen, du liebes Schmerzenskind! Setze dich, höre mich weiter an, und vergiß nie in deinem ganzen Leben – möge es ein langes und glückliches sein – dieser heutigen ernsten und wichtigen Stunde! Wie ich auch gepeinigt, gedrückt, bedrängt und so zu sagen fast ausgezogen worden bin, arm haben sie mich, trotz ihres allerbesten Willens und trotz herzoglich oldenburgischer und königlich dänischer Hülfe doch nicht machen können; es hätte so gar wenig gefehlt, so wäre der deutsche Kaiser vermocht worden, gegen die alte eigensinnige Frau, die ihr Geld nicht alle hergeben wollte, einige Reichstruppen marschiren zu lassen. – Da fast Alles von mir kommt, ist’s zuletzt kein Wunder, daß man es von mir haben will, denn von den Schätzen des Hauses habe ich noch nichts gesehen, und die Lehengüter im Mond tragen höchstens einmal einen Steinregen ein. Gleichwohl will ich ihnen nichts vergeben, nicht auf’s Neue den Vorwurf unüberlegter Schenkungen auf mich laden, wie ich allerdings gethan. Ich selbst bedarf wenig mehr; ich werde keine Bücher, keine Münzen und Medaillen mehr sammeln – ich werde nur für dich leben, so lange der Himmel mir noch meine bereits gezählten Tage fristet.

O gütigste aller Großmütter! rief Ludwig Carl aus, und beugte sich tief auf die treuen Hände, die seine Jugend gepflegt, und jetzt erhoben wurden, um sich segnend auf sein schönes Haupt zu legen.

Nach einer Pause stiller und unaussprechlicher Rührung winkte die Reichsgräfin dem Enkel, ihr ein nahe stehendes, verschlossenes kupfernes Schatzkästchen zu bringen, während sie aus einer zusammengebundenen Anzahl kleiner Schlüssel den rechten suchte. Das Kästchen war leicht, baares Geld augenscheinlich nicht darin. Die Herrin erschloß es, es enthielt nur Papiere. Eines nach dem andern dieser Papierenahm sie heraus und legte es vor den Enkel, der wieder auf ihren Wink neben ihr Platz genommen hatte, indem sie mit kurzen Worten den Inhalt dieser wichtigen Schriften andeutete.

Dies ist, begann die Aufzählung: der Original-Ehecontract zwischen dem Prinzen Henri Charles de la Tremouille et Talmont und der Prinzessin Emilie zu Hessen-Cassel. Der Brautschatz dieser meiner Urgroßmutter betrug einhundertundfünfzigtausend Livres, und blieb der Vermählten als Wittwe vertragsmäßig zu freier Verfügung, nebst einer Summe von vierundzwanzigtausend Livres für Kleider und Juwelen. Vom Jahr eintausendsechshundertundachtundvierzig.

Hier der Ehecontract meiner Großmutter, vom Jahr eintausendsechshundertundachtzig, mit der Bemerkung, daß die Prinzessin alle Gerechtsame an väterliche und großväterliche Verlassenschaften, auch andere künftige Erbfälle anzusprechen habe, nur nicht die ihrer beiden Brüder und ihrer einzigen Schwester Maria Sylvia. Letzteres hat sich dennoch durch besonderes Vermächtniß geändert.

Hier ein Document, das der Großmutter anstatt der genannten Ansprüche von Seiten ihres Bruders, des Herzogs Charles de la Tremouille, die Summe von sechzigtausend Livres fest zusichert. Aus diesem wichtigen Vergleichsinstrument vom Jahre sechzehnhundertdreiundachtzig geht hervor, daß die de la Tremouille’schen Gütereinkünfte in den Provinzen Poitou, Bretagne, Maine, Xaintoque, Auluis und Laudunois auf das in Paris, Straße Vaugirard, gelegene Palais der Familie gestellt sind.

Hier eine Schrift über die unserm Hause zustehende Baronie Vitré, deren Ertrag als Bürgschaft für ein Kapital von sechzigtausend Livres verschrieben ist, welche Summe meiner Großmutter von ihrer Mutter, der geborenen Landgräfin zu Hessen, vererbt und vermacht wurde. Dieses Kapital ist ebenfalls auf mich übergegangen.

Hier ein Schuldbrief des Bruders der Großmutter wegen Antheils an fünfundzwanzigtausend Livres am Erbe der verstorbenen Prinzessin Maria Sylvia, vom Jahre sechzehnhundertdreiundsechzig.

Hier wieder ein Vergleich vom zwölften Juli siebzehnhundertundeins, betreffend den Antheil der Großmutter von vierzigtausend Livres der Verlassenschaft ihrer königlichen Hoheit, Mademoiselle de Montpensier.Aus dieser Verlassenschaft kam das Herzogthum Chatellerault und die Vicomté Brossé an das Haus de la Tremouille, und es erhellt aus diesem Vergleich des Weiteren die Verwandtschaft unseres Hauses mit den Häusern Orleans, Bourbon, Nassau-Oranien, Bouillon und andern.

Genug mit diesen, der Kasten ist noch halb voll, wir wollen uns nicht ermüden. Kurz und rund: Ich, deine Großmutter, habe an das herzogliche Haus de la Tremouille und Talmont in FrankreichSumma Summarumzweihundertundfünfundfünfzigtausend Livres zu fordern, welche als Erbtheil meiner Frau Großmutter mir überkommen, und die bei dem Stadthause zu Paris, obschon leider mit nur dritthalb Procent verzinslich angelegt sind, so daß sie eine Rente von sechstausenddreihundertundfünfundsiebenzig Livres, die halbjährlich ausgezahlt wird, abwerfen. Seit dem tödtlichen Hintritt meines in Gott ruhenden Herrn Vaters, des Reichsgrafen Anton des Zweiten, sind diese bis zu den letzten Jahren richtig ausbezahlt worden, und weder Krieg noch Friede haben daran gekürzt. Diesen Zinsabfall trete ich an dich ab zu deinen Reisen und deiner ferneren Ausbildung, mein in Wahrheit geliebtester Enkel. Hier hast du die nöthigen Ausweise zu deren Erhebung vom nächsten Monat an. Bedarfst du der Hülfe von Bankiers, so eröffnen dir diese Briefe Credit in Hamburg beim Hause des Procurators, Wechselsensals und Senators Egbertus Bernardus Den Tale, einer niederländischen weltberühmten Firma, und ebenso beim Hause Chapeaurouge dort, in Amsterdam bei dem Hause van der Valck, im Haag bei den Gebrüdern Le Ferrier, in Paris bei Grossier Vater und Söhne.

Wie soll, wie kann ich Ihnen danken für so viele himmlische Güte! rief Ludwig, ganz überrascht von dem Reichthum, der ihn so plötzlich überströmte.

Das sollst du sogleich hören, antwortete die Matrone. Dein Dank bethätige sich dadurch, daß du genau die Lehren befolgst, die ich dir jetzt bei unserm Scheiden herzlich und schmerzlich mit auf den Lebensweg gebe. Halte, mein geliebtes Kind, dein Herz frei und rein von allen unlautern Trieben, wie vom Laster; meide stets das Gemeine im Denken, wie im Thun und Handeln. Halte stets treu am gegebenen Wort und übernommener Pflicht, wenn es dirauch schwer ankommt und Neigung und Sinne sich dagegen sträuben; ja, scheue nicht die größten Opfer, wenn es gilt, Pflichterfüllung und Ueberzeugungstreue zu üben. Suche dich auszubilden und zu lernen so viel als möglich; nützliche Kenntnisse sind eine Macht, und ihre Anwendung bewahrt vor Mißmuth und Langeweile. Gehe mit dem Gelde weise und sparsam um, und lerne dessen selbst erwerben; verlasse dich nicht auf den dir jetzt groß erscheinenden Besitz, denn diese Quelle könnte leicht plötzlich versiegen. Achte treue Freundschaft hoch und hüte dich vor falschen Freunden. Suche dein Glück, wenn du dir Erfahrungen gesammelt, nicht im glanzreichen Hofleben, nicht im Geräusch der großen Städte und glaube mir, daß die Einsamkeit wunderköstliche Stunden gewährt. Führt dein Geschick dich auf eine kriegerische Laufbahn, so vereine mit Muth und Tapferkeit Milde und Menschenfreundlichkeit; sei hülfreich dem Unterdrückten, schütze verfolgte Unschuld – sei das Beste, was du auf Erden werden kannst – ein reiner, guter, edler Mensch!

Ein heiliges überwältigendes Gefühl, wie er gleiches noch nie empfunden, ging durch des Jünglings noch unentweihte Seele. Thränen stürzten aus seinen Augen, und er sank lautlos auf seine Kniee vor der wunderbaren alten Frau nieder, die so treu, so mütterlich, so fest und stark auf ihn einsprach. Ihr nahete nicht leicht eine Rührung, ihre Seele war voll Kraft; dennoch fühlte sie, daß in dieser Stunde ein Theil ihres Herzens sich von ihr losriß; sie fühlte, wie sie ihren Liebling geliebt, fühlte, was sie ohne ihn entbehren werde, hätte so gerne alles Glück der Welt auf ihn gehäuft, hätte ihr Leben in dieser Stunde lassen wollen, wäre damit eine Bürgschaft zu erkaufen gewesen für sein Leben und für seine Zukunft.

Noch einmal legte sie segnend ihre Hände auf das Haupt des vor ihr knieenden Enkels und sprach bewegt: Gott mit dir, sein heiliger Wille führe dich! Auch du wirst durch die schmerzlichen Flammen der Läuterung gehen; o gehe rein aus ihnen hervor! Ehre Gottes Gebote und liebe die Menschen. Sei mildthätig und barmherzig, und vergelte Kränkungen nur mit Wohlthaten, auf daß dereinst in dem Kreise, in den du eingetreten bist, dein Name im Segen fortdauere von Geschlecht zu Geschlecht! –

Stehe auf, mein Ludwig Carl – laß uns recht ruhig noch diese Weihestunde mit einander feiern, es ist ja – o Gott – es ist die letzte!

O nein – nein, meine theure, meine angebetete Großmutter! rief der Jüngling mit schwärmerischem Blick.

Widersprich mir doch nicht, mein Kind, entgegnete die Großmutter mit dem alten gemüthvoll-traulichen Tone, den sie meist beim Zusammensein mit dem Enkel angenommen. Nur in so weit hast du recht, daß ich nicht eher an das Ueberirdische denken soll, bis ich dir das nächstnaheliegende Irdische geordnet. Also höre meinen nächsten Lebensplan für dich. In dieser Brieftasche findest du Wechsel und baares Geld, die deinen Unterhalt mindestens auf ein halbes Jahr bestreiten lassen, für den Fall, daß die blutigen Ereignisse in Frankreich jetzt nicht zuließen, vom Pariser Stadthaus Geld zu erheben, denn dieses Haus ist jetzt ein Tollhaus und ein Schlächterhaus geworden. Daher rathe ich, überhaupt jetzt noch nicht nach Paris zu gehen. Jedenfalls wirst du mich durch Briefe meiner liebevollen Besorgniß um dich, so oft es dir immer möglich ist, entreißen.

Und welchen Namen soll ich führen, Großmutter? fragte der Jüngling mit einem eigenthümlichen Erbangen.

Dieses mein Haus gibt dir einen Namen, – den die Welt achten muß, Graf Ludwig Carl von Varel! entgegnete die Reichsgräfin. Vielleicht – wird dereinst noch ein anderer Name dir zu Theil. Einen Reisepaß auf diesen unsern Namen besorgt Herr Windt in unserer Hofkanzlei.

O Himmel, wie viel möchte ich dir noch sagen – aber ein Gedanke drängt den anderen von hinnen, und das Wortscheidenjagt wie ein Cherub mit dem flammenden Schwerte alles Denken der Liebe aus seinem stillen Paradiese. Doch – sieh, wie vergeßlich das Alter ist – fast hätte ich dir unbehändigt gelassen, was ich eigens als ein Andenken dir zurückgelegt. Möge dieses Buch und mögen diese Blätter dir werth und theuer bleiben, ich gedachte mich nie von ihnen zu trennen, aber mit in die Ewigkeit hinüber kann ich sie ja doch nicht nehmen, so bewahre du sie treulich auf. Dieses Buch ist das Tagebuch meiner Großmutter, Charlotte Aemilie; sie schrieb es mit eigener Hand für ihren Sohn, meinen Vater, nieder, und meine inGott ruhende Frau Mutter, die geborene Landgräfin, bemerkte dies auf dem Titelblatt mit den Zügen ihres theuren Namens. Das Buch umfaßt sechsundfünfzig Jahre, von der Vermählung bis zum Tode.

Und diese Blätter hier sind Alles, was mir von meinen treugeführten reichhaltigen Tagebüchern übrig blieb, was bei der Beraubung, die ich erdulden mußte, nur der Zufall durch eine treue Hand rettete; lies bisweilen darin und denke meiner dabei in Liebe. Wie der Botaniker aus einem einzigen Blatt einen Baum oder eine Pflanzenart erkennt, der Anatom aus einem Knochen die Art des Thieres, dem der Knochen gehörte, so wird auch der Einblick in diese Blätter dir mich auf’s Neue vor die Seele führen, wer und wie ich bin. Vieles wird dir anziehend sein, mein Verhältniß zum französischen, wie zum preußischen Königshause, meine Befreundung mit Voltaire; viele berühmte Namen findest du darin erwähnt, deren Träger mir mehr oder minder nahe traten in jenem nur kurzen Abschnitt meines Lebens. Ich habe Viel erlebt und Unvergeßliches, vielleicht darf ich sagen: der Verlust meines Tagebuchs ist, wenn nicht ein Verlust für die Welt, doch einer für meine Familie! Du hast die letzten Blätter der alten, nicht mehr in die Zukunft, sondern rückwärtsschauenden Sibylle nun in Händen und bist besser daran, wie jener Tarquinius Priscus, dem die Sibylle Cumana Amalthea ihre Orakelbücher so theuer anbot – du hast sie umsonst. Und nun, mein Liebling, nun noch ein Wort über deine Reisen; du findest in der Brieftasche Empfehlungskarten von meiner Hand an zahlreiche hochgestellte und einflußreiche Personen; deine Jugend und Offenheit, im Bunde mit einem bescheidenen und ehrenhaften Benehmen wird dir überall Wege bahnen, dir Pforten und Herzen öffnen. Bewahre nur dein eigenes Herz, achte es als einen Schatz, wirf es nicht auf die Gasse. Siehe zunächst, wie es dir in Holland gefällt, und was sich dir vielleicht dort bietet; außerdem gehe nach Deutschland, Dänemark, Rußland, die Welt ist groß und überall des Herrn. Und in jedem Lande bleibe treu und bleibe deutsch gesinnt! Das ist mein letztes Segenswort, dies mein: Mit Gott! – Nun gehe – sage mir kein weiteres Lebewohl, denn mit meinemwohlleben ist es längst vorüber!

Noch einmal wollte der Enkel vor der Großmutter auf die Kniee sinken, sie fing ihn aber auf, preßte ihn an sich, drückte einen Kußmit ihren kalten Lippen auf seine Stirne, wandte sich und schritt rasch in ein Nebenzimmer, aus dem sie nicht wiederkehrte. Sie wollte keine Weichheit, sie wollte keine Thräne zeigen, vielleicht war ihr auch der Quell der Thränen längst versiegt und vertrocknet, und es schmerzte sie, die in ihrem bewegten Leben der Thränen so viele geweint, jetzt keine Thränen mehr zu haben.

Der junge Graf nahm, was ihm gegeben war und trug es aus dem Zimmer, damit Philipp die Schriften noch recht sorglich verwahre. Auf dem Fenstergang, der nach dem Hofe hinabsah, begegnete ihm Windt mit bestürztem Gesicht.

Schlimm! schlimm! schlimm! rief dieser aus. O daß Sie gestern schon, und nicht heute erst den gnädigen Erbherrn begrüßten – Alles, Alles – Alles stände anders.Oleum et operam perdidi!Da – junger Herr, schauen Sie hinab in den Schloßhof!

Ludwig folgte mit den Augen dieser Aufforderung und gewahrte, daß so eben der Erbherr in seinen Reisewagen stieg, der Kammerdiener sich hinten aufschwang, der Jäger Jacob auf dem Reitpferde des Grafen saß, und die drei Reitknechte und Stalldiener auf die übrigen Pferde sich schwangen – wie die Herren Hofrath Brünings, Kammerrath Melchers und Secretär Wippermann tiefe Bücklinge vor dem Grafen machten, ein Theil der Hausdienerschaft neugierig gaffend aus Thüren und Fenstern zusah, und wie der Gebieter ohne einen Blick nach dem Gebäude herauf zu werfen, auf und davon fuhr, von seiner ganzen mitgebrachten Dienerschaft begleitet. – Als der Wagen entrollte, nahmen die Herren Beamten drunten aus Hofrath Brünings goldener Dose jeder eine Prise. –Adieu partie!rief Windt droben mit komischem Zorn und schlecht verhehltem ernstem Aerger. Der kommt sobald nicht wieder! Habe mir die Finger fast abgeschrieben, bin krank und lahm geworden, habe in Doorwerth geschmorcht und geschmachtet, bin davon eine lebendige Satyre auf meinen eigenen Namen, nämlich dürr wie ein Windspiel geworden, habe Himmel und Hölle beschworen, den regierenden Herrn zu bewegen, zur Schließung gütlichen Vergleiches hierher zu kommen, habe mir endlich die Zunge fast aus dem Halse geredet, Ihre Excellenz zu annehmbaren Vergleichsbestimmungen zu bewegen, habe auf große Kosten Ihrer Excellenz und meiner Gesundheit die schändliche Reise gemacht von Arnhem erstnach Amsterdam, dann wieder zurück nach Arnhem und über Deventer durch das reizende Over-Yssel, von dem schon die alte gereimte Schulgeographie singt:

Over-Yssel, viel Morast,Macht das ganze Land verhaßt –

Over-Yssel, viel Morast,Macht das ganze Land verhaßt –

und noch dazu jetzt im März, nach dem geschmolzenen Schnee – und durch die Grafschaft Lingen – auch eine schöne Gegend – und über alle tausend Teufelsnester und Sumpfmoore, so groß, daß man in jedes ein paar kleine deutsche Fürstenthümer versenken könnte – und Alles nun für nichts und wieder nichts!

Aber, bester Herr Windt, Sie sind ja ganz außer sich! entgegnete dem Odemschöpfenden der erstaunte junge Graf. Und an all’ diesem schweren Unheil soll ich die Schuld tragen? War der Erbherr nicht schon vor dem Auftritt mit mir in Harnisch gebracht? Ich frage nicht, durch wen? denn ich habe hier nichts mehr zu fragen, noch zu sagen; doch wenn Sie mich schuldig glauben, lieber Herr Windt, so verzeihen Sie mir, denn ich bin eben im Begriff, mein Vergehen zu sühnen – ich gehe auch fort.

Sie gehen auch fort? rief Windt ganz erstaunt aus.

Heute noch, jetzt – in dieser Stunde – und auf immer. Mit meinem Willen sehe ich Varel nicht wieder. Haben Sie Dank, Herr Windt, für so manche mir erzeigte gütevolle Freundlichkeit, und leben Sie wohl, recht wohl, und bleiben Sie der Großmutter wie bisher der beste, treueste, redlichste Diener.

Ludwig drückte dem alten Manne mit Wärme die Hand, und schritt von dannen, ohne die Gegenrede des von Staunen fast sprachlos Gewordenen abzuwarten. In seinem Zimmer angelangt, empfing Ludwig aus Philipp’s Hand einen Brief: er war vom Erbherrn. Ludwig steckte den Brief zu sich und befahl zu satteln. Eine halbe Stunde später sprengte er und Philipp durch das innere Thor aus dem Schlosse, sie ritten den Parkweg. Mit thränenumflorten Augen blickte Ludwig nach dem Fenster der Großmutter hinauf, droben winkte wehend ein weißes Tuch den schmerzlichen Abschiedsgruß.

Eine Zeitlang ritt Graf Ludwig in trüben Gedanken durch die frühlingsknospende Waldung im stummen Schweigen dahin. Er fühlte, daß seine erste Jugendzeit mit jedem Schritt seines Rosses weiter hinter ihn zurücktrete, wie ein schöner Traum, daß eine eigenthümliche Welt hinter ihm sinke, in der er heimisch und glücklich gewesen war, und mit dem heutigen Tage eine neue fremde Welt sich ihm aufthue, die er noch nicht kannte und die keineswegs geneigt sein werde, ihn mit Liebe zu empfangen und auf Rosen zu betten. Bald genug erinnerte schon der immer schlechtere Weg durch das Gehölz an den rauhen Boden der Wirklichkeit, und störte gewaltsam die Erinnerungen an das entschwundene Jugendglück. Es galt, dem Schritt der Pferde mit Aufmerksamkeit zu folgen und sie so zu lenken, daß sie nicht allzutief in die zahllosen Moraststellen traten. Hie und da lagen noch von Buschwerk geschützte und gehäufte Schneemassen, die weder Sonne noch Regen bisher zu überwältigen vermochten, und so waren Herr und Diener herzlich froh, als nach einem langsamen und beschwerlichen Ritt der Waldweg ein Ende nahm und ein Gehöft erreicht wurde, das aus nur wenigen Häusern bestand und den Namen Clus führte; es saß ein gräflicher Zinsbauer dort und hielt eine kleine Schankwirthschaft.

Dort stieg der junge Graf mit Philipp ab, damit der Knecht des Bauern die Füße der Pferde ein wenig wasche und reinige. Ludwig erging sich in seinen Gedanken, die auf’s Neue brütend und trübe wurden, in der Nähe des Gehöfts, während Philipp dem Knechte behülflich war und mit diesem und dem Bauer schwatzte, und da war ringsum nichts, was aufheiternd auf des Jünglings Seele zu wirken vermocht hätte. Selbst der klare blaue Morgenhimmel hatte getäuscht, den zahllosen Mooren des Landes waren so viele und starke Nebel entdampft, daß sie emporziehend den Himmel wieder völlig verdüstert hatten. So hemmten sie zwar die Aussicht und Fernsicht nicht ganz,aber welche Aussicht und welche Fernsicht ließen sie frei! Oede farblose Haidestrecken, so weit das Auge reichte, und weit reichte es nicht, denn die völlige Fläche der Gegend gönnte keinen ausgedehnten Blick. Der Freund schöner, romantischer Gegenden darf nicht in diese sumpfigen Oeden wallen; hier in diesen Nordseeküstenländern erhebt nur eins die Seele, das ist das Meer, das gewaltige Meer! Zur Rechten streifte der Blick am Vareler Busch, der hier endete, ostwärts bis Seggehorn und Jürgengrave hinab, Oertchen, die der Wald verdeckte. Dort am Nordrande des beschränkten Rundes der Aussicht grenzten der Kirchthurm von Bockhorn und die Windmühle dieses Ortes jene ab. Westwärts das weitgedehnte Marschland des Amtes Neuenburg – dort ein einsames Gehöft – es heißt Grabhorn – dort wieder eins – es heißt Grabstätte – und ganz nahe dem Hofe Clus, im Westen, da erhob sich auf einem niedrigen Hügel jener Ort, den am gestrigen Abend die alte Reichsgräfin in ihrem Zorne genannt: der Vareler Rabenstein, und zeichnete seine düstern Formen wie eine dunkle Gespensterwarte auf die graue Nebelwand, die dahinter stand und nach dieser Richtung hin den Fernblick völlig abschnitt. Das war eine Umgebung, ganz geeignet, Gedanken düsterer Melancholie zu wecken und zu nähren.

Jetzt gedachte Ludwig des empfangenen Briefes, er zog denselben hervor, und stärker klopfte sein Herz – was konnte der Brief enthalten? Jedenfalls eine Ausforderung zum Kampfe auf Tod und Leben – nach dem was vorgefallen war, gab es keinen andern Weg der Sühne für beiderseitige unaussprechliche Beleidigung. Folgendes schrieb der Erbherr:

»Der gestrige Vorgang trennt uns beide für dieses Leben, keiner von uns darf und wird den andern mehr kennen. Verzeihen können wir einander die gegenseitigen, in maßloser Uebereilung ausgestoßenen Beleidigungen, aber vergessen können wir sie nicht. Ein Zweikampf wäre zwecklos und widersinnig, er wäre allzuungleich. Das Leben meines Gegners ist ein noch unbeschriebenes Blatt, es beginnt erst – warum sollte ich es zu vernichten trachten? Ich bin nicht mordlustig. Mein Leben aber gehört nicht mir allein, es gehört meiner Familie, es gehört noch höheren Zwecken, denen ich diene und treu dienen werde, es gehört meinem Vaterlande. Eines nur willich aussprechen, und das allein ist der Zweck, weshalb ich überhaupt noch einmal das schriftliche Wort ergreife. Die alte Frau – in ihrer stets ungerechten und unbeugsamen Härte, in ihrem unermeßlichen Stolze auf ihre Familie und ihre Abkunft – hat auf das Empfindlichste die Ehre der Familie angegriffen, der sie sich doch ohne Zwang verbunden hat. Wenn nun in meinem Gegner, wie sie zu sagen beliebte, wie in mir, das Blut jenes Ahnherrn, den sie nannte, fließt, so wird derselbe nicht wollen und wünschen, daß seine deutsche Abkunft wegwerfend behandelt und der französischen untergeordnet werde. Auch wir haben Familienehre, auch wir haben einen Namen von hellem Klang und guter Geltung, wenn wir auch nicht voll aragonischer Arroganz mit Königskronen und Sternenmänteln halbmythischer Personen prahlen. Nicht ererbter Glanz und hohe Namen eines wälschen Geschlechtes, das auch in den Schoos seiner Verwandtschaft eine Lucretia Borgia aufnahm, sondern Thaten, Thaten des Muthes, der Aufopferung und der Treue, habenunsernVorfahren die Wege zu Ruhm und Ehre gebahnt. Jener berühmte William schwang sich durch seine Treue und Einsicht von einem Leibpagen empor zum Baron von Cirenchester, Viscount von Woodstock, zum Grafen – zum Herzog von Portland, zum Pair von England. Er war es, der Wilhelm den Dritten, Prinzen von Oranien, auf den Königsthron Großbritanniens hob, er war es, der den weltgeschichtlichen Frieden zu Ryswik vermittelte und zu Stande brachte, und den von langjährigen Kriegen erschöpften Ländern die Ruhe wieder gab. Das wiegt schwerer als das verdienstlose Glück, in weiblicher Linie von einem vertriebenen Titularkönige von Neapel abzustammen, dem Frankreich das Gnadenbrod bis zu seinem ruhmlosen Tode gab. Meine Vettern in England bekleiden hohe Aemter zu Lande und bei der Marine, sie sind Lords und Ritter des Hosenbandordens, die Töchter des Hauses vermählten sich in die angesehensten englischen Familien, eine mit einem Grafen von Essex, eine andere mit Wilhelm, Lord Byron, u. s. w. Mein Großvater war Präsident des Rathes der Staaten von Holland und Westfriesland, ein Herr zu Rhoon und Pentrecht, welche Herrschaften in Holland noch heute mir und Niemand sonst, als meiner Familie gehören. Der Zwist, in dessen Folge die Großmutter sich von dem Großvater trennte, entsprang über die vonihrer Familie allerdings herrührenden deutschen Güter, und die so oft von der Ersteren im Munde geführte Beraubung ist nichts, als die vom Reichshofrath in Anspruch genommene Hülfe Dänemarks zum Behufe der Wiedereinsetzung meines Vaters in seine wohlerworbenen Rechte. Daß Streitigkeiten zwischen der englischen Linie des Hauses und der niederländischen entstanden, hervorgerufen durch die verschiedenartigsten und ungeheuer verwickelten Rechtsansprüche an die so zerstreut und fern von einander liegenden Besitzungen, ist genugsam bekannt, doch auch erwiesen, daß sie in Güte und für ewige Zeiten feierlich vertragen wurden, und nur die Großmutter ist es, die unaufhörlich ihre an das Fabelhafte grenzenden Ansprüche immer auf’s Neue erhebt, und wiederum auf neue sinnt, wenn man sich irgend geneigt zeigt, in einem und dem andern Punkte nachzugeben. Es ist vorauszusehen, daß nur ihr Tod diesen verwickelten Knoten lösen wird.

Mein Gemüth kennt keinen Haß, keine Rache, auch keinen Neid – nie habe ich gesucht, in ein Familiengeheimniß einzudringen und den Schlüssel einer dunkeln Abkunft zu finden, nie darnach gefragt, mit welchem Recht oder mit welchem Unrecht ein junger Mensch gleichsam alsSohndes Hauses im Hause und als der Großmutter bevorzugter Liebling auferzogen wurde, wenn auch oft durch Andere die Frage darnach an mich gethan ward. Gefällt es der Großmutter, die so gern verhüllt und verheimlicht, den Schleier zu heben, und finden sich dann Rechte an das Familiengut, so werde ich sie gewiß nicht antasten; finden sich aber keine rechtsbegründeten Ansprüche, und werden deren dennoch erhoben, so weiß ich, was ich mir und dem Namen, wie der makellosen Ehre meiner Familie schuldig bin. Damit wünsche ich dem Herrn Prätendenten Glück auf den Weg, und zeichne

Wilhelm Gustav Friedrich,des heiligen römischen Reiches Graf und regierender Souverainvon In- und Kniphausen etc.

Schloß Varel, am 20. März 1794.«

Mit eigenthümlichen Gefühlen las Ludwig diesen Brief. Der Anfang hatte ihn versöhnt, der Schluß verletzte ihn wieder, das heiße Jugendblut kochte in ihm auf, und Glut trat auf seine Wangen.

So gibt er mir den Laufpaß, der mächtige »Souverain«, der Souverain über ein Paar Quadratmeilen Landes; und sieht mit Hohn auf mich, den nicht ebenbürtigen, ungesetzlichen Sprößling und Eindringling, herab! O Großmutter, Großmutter! Ich sag’ es noch einmal: wärst du doch gestern Abend nicht dazwischen getreten! Was soll mir das Leben mit einem geliehenen Namen, von dem ich nicht weiß, habe ich das Recht, ihn zu führen oder nicht? Ein Mensch ohne Namen ist wie ein Mensch ohne Schatten, beides ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wie sprach die Großmutter? »Du mußt das Dunkel deiner Geburt mit dir nehmen als deinen Schatten!« – Also ein Schatten ist meine ganze Habe, mein Erbtheil – mein Alles – mein Name ist ein Darlehn – auch nur ein Schatten, meine Geburt – meine Abstammung, meine Herkunft – Alles Dunkel und Schatten – so bin ich denn einDunkelgraf– Hahaha! Es ist gleich sehr lächerlich, wie zum Verzweifeln!

Es war gut, daß Philipp die gereinigten Pferde vorführte und dadurch den trüben Gang der Gedanken des Jünglings unterbrach, den das Schmerzgefühl, sich namen- und heimathlos in die ihm fremde Welt hinaus gestoßen zu sehen, zu übermannen drohte. Sein Jugendleben war so schön und so sorgenlos, so freudenvoll und so glücklich dahin geflossen, wie ein heller freudiger Murmelbach muntern Laufs durch blumenvolle hellbesonnte Bergmatten rollt, und in Sprüngen über glattes Gestein und glänzende Kiesel hüpft. Treffliche Lehrer hatten ihn gut unterrichtet; ohne auf die Bahn eines Gelehrten geführt werden zu sollen, hatte man ihm doch eine Grundlage von der Kenntniß der alten Sprachen beigebracht, aber Ludwig sprach und schrieb auch gleich geläufig deutsch und holländisch, englisch und französisch. An den ritterlichen Uebungen des Reitens, Fahrens, Fechtens, Eislaufens, wie an den Künsten des Weidwerkes im Wald, auf Feld, auf Fluß und im Meere, war kein Unterricht gespart worden. Der junge, körperlich zart, aber doch kräftig entwickelte Mann vermochte das wildeste Roß zu bändigen, ein Boot durch stürmisch empörte Wellen glücklich zu rudern, und hatte stets Gefallen an solchen Uebungen der Kraft und Gewandtheit gefunden. –

Wohin denn reiten der junge gnädige Herr? mit dieser Frage riß Philipp den Sinnenden aus seinem grübelnden und brütenden Nachdenken,und diese Frage war eine äußerst wichtige, denn es gab nur zwei Wege, einer, der nach Norden zu den Städten und Orten und Inseln der Nordseeküste führte, und ein zweiter, der in gerade entgegengesetzter Richtung nach dem Herzen des Herzogthums Oldenburg und nach dessen Hauptstadt leitete; doch trat dem neuen Herkules am Scheidewege beim Clushof weder eine Gestalt der Tugend, noch eine des Lasters nahe, sondern nur die Gestalt des Bauers und seines Knechtes, die nach einem Trinkgeld für ihre Bemühung lungernd die groben schmutzigen und arbeitgewohnten Hände aufhielten.

Wohin wir reiten, Philipp? fuhr Ludwig aus seinen träumerischen und selbstquälerischen Gedanken auf, indem er die Ansprüche des Bauers und des Knechtes zu befriedigen Anstalt traf; denn wahrlich, er hatte an diese Frage selbst noch nicht gedacht, er hatte keine Absicht, keinen Plan, keinen Zweck, nie wurde mehr ein Ritt ins Blaue hinein, was in das Friesische übersetzt: ins Nebelgraue hinein lautet, angetreten, und so sah sich der Graf Ludwig wider Verhoffen und fast willenlos zu einem fahrenden Ritter und Abenteurer durch des Schicksals Willen gestempelt. Er überdachte einige Augenblicke die an ihn gestellte Frage und erwog deren Schwere. »Nach den Niederlanden!« Dies setzte sich in ihm als Hauptgedanke fest, aber welchen Weg dahin einschlagen? Den endlos langen einförmigen über Oldenburg, Quaakenbrück und Lingen, oder den an der frischen Nordsee, durch Friesland, wo täglich, ja stündlich sich Gelegenheit bot, zu Schiffe zu gehen und die Welt zu durchfahren? Nordwärts lichtete sich der Himmel und die Ferne, und die Bockhorner Mühle ließ ihre gewaltigen Flügel, ein Spiel des Windes, rasch umdrehen; südwärts schleierte die stehende Nebelwand alles ein, und so kam es, daß Ludwig, zumal ihm zu rechter Zeit die abschreckende Schilderung einfiel, welche ihm vor wenigen Stunden noch der Haushofmeister seiner Großmutter, Herr Windt, von seinem Wege gemacht, raschen Entschlusses auf seine Isabelle sich schwang und dem Diener, der ein Gleiches auf seinen Braunen gethan, gegen Bockhorn zu auf der sandigen Haidestraße voransprengte, bis es nöthig wurde, die Thiere wieder im gemachsamen Schritt gehen zu lassen. Der Weg war besser, und führte in schnurgerader Linie nach und durch Bockhorn, von da am Blauhand Grod und an cultivirtem und nicht cultivirtem Geestlandvorüber, bis fast nahe zu den Deichdämmen des Jahdebusens, in die Herrlichkeit (soviel als Herrschaft) Gödens hinein und hindurch und endlich in die Herrlichkeit Kniphausen.

Schon erhob sich vor den Blicken des Reiters das stattliche alterthümliche und feste Herrenschloß. Ludwig dachte nicht daran, auf dasselbe, das Besitzthum des Mannes zuzureiten, der sein einziger, aber auch zugleich sein bitterster Feind war, sondern wollte dasselbe rechts liegen lassen, mit seinem Diener noch bis Jever reiten, und dort Nachtrast halten. Ludwig kannte jenes Schloß; die Großmutter hatte mit ihm auch dort bisweilen gewohnt, da der Vetter meist sich in den Niederlanden aufhielt, es war groß und reich ausgestattet. Die Gedanken des jungen Grafen konnten sich, so lange er in dem Bereiche der Besitzungen der Familie sich befand, in der er sich selbst von den ersten Jugenderinnerungen an gefunden und heimisch gefühlt, von dieser nicht losreißen. Er dachte beim Anblick des Schlosses auch an den jüngern Vetter, den Grafen Johann Carl, der sein Vaterland verlassen hatte, um in England Kriegsdienste zu nehmen. Dieser hatte sich mit dem älteren Bruder nie recht vertragen. Ebenso war der Oheim, der zweite Sohn der Großmutter, in englischen Seedienst gegangen, hatte sich dort vermählt und eine jüngere Linie begründet. Diesen hatte Ludwig nicht gekannt; er war vor des Letzteren Geburt bereits im Jahre 1775 verstorben. –

Als am Morgen dieses Tages der Erbherr mißmuthig und schweigsam aus dem Schlosse Varel fuhr, war es seine Absicht, nur bis zum Strande zu fahren, und sich auf seiner Jacht einzuschiffen, seine Dienerschaft aber, bis auf die nöthigste, wieder zurückzusenden. Mit aufgeregtem und grollendem Gemüth, und weit mehr von Haß und Aerger gegen die Großmutter, als gegen den ihm im Wege stehenden Verwandten erfüllt, sehnte er sich wieder auf das Meer, dessen stürmisch bewegte Wellen zu dem unruhevollen Wogen seines Gemüthes paßten. Er wollte dann in rascher Fahrt aus dem Jahdebusen steuern und längs der Inselkette der Nordseeküste, von Wangerooge bis Norderney und Ameland segeln, dann durch die Watten in die Zuyder-See einlaufen und Amsterdam gewinnen, wo jetzt der Schauplatz seiner politischen Thätigkeit war. Vor der Einschiffung aber wollte der Graf einen Weg, den seine Vorfahren um die Mitte des Jahrhunderts angelegt hatten, der in Abfall gekommen und durch ihn erneut wordenwar, besichtigen und mit eigenen Augen schauen, da er sich einmal im Lande befand, in welcher Weise seine Aufträge vollzogen worden seien. Dieser neue Weg führte über das Gehöft Buppel zu einem zweiten, welches vorzugsweise den Namen: »beim neuen Wege« führte, übersprang dort das kleine Flüßchen Wapel und führte über Heupult nach Jahde, dessen 1523 erbaute Kirche stattlich in Mitten der Häuser des bedeutenden Dorfes stand, welche sich wie ein großer Zug wilder Gänse, oder in Form des Gestirns der Hyaden unabsehbar erstreckten. Mitten hindurch rann das Flüßchen Jahde und ringsum wurde außer den Häusern und wenigen vereinzelten Bäumen nichts erblickt, als Dämme und Deiche, die Zeugen des ewigen Kampfes der die Ufer bewohnenden Menschen mit dem gewaltigen Element des Wassers, das fort und fort wühlend, steigend und fallend, fluthend und ebbend, mit jedem Wellenschlage der Fluth wiederholend und drohend anpocht, und verheißt, seine Drohungen wahr zu machen, die es schon oft und zum starren Entsetzen ganzer, großer, weiter und blühender Landstrecken wahr gemacht hat.

Graf Wilhelm Gustav Friedrich fand den neuen Weg vortrefflich und besser als die Wege außerhalb seiner Herrlichkeit, und fuhr nun in etwas erheiterterer Stimmung über die Vareler Groden nach dem großen und hohen Deichdamm, der in unermeßlicher Zickzackausdehnung den Jahdebusen und seine Geesten umfängt. Als das Deichthor geöffnet war, rollte der Reisewagen rasch über die harte Kiesfläche des unfruchtbaren grobkörnigen Meersandes, dem Jahder und Wapler Siel vorüber und dem Vareler Siel zu, wo die »schöne Susanna«, so hieß die Jacht des Grafen, vor Anker lag. Des Grafen scharfer Blick fand sie bald unter den andern in der Bucht geankerten Fahrzeugen heraus, aber dieser Blick verfinsterte sich, als er mit kundigem Auge entdeckte, daß das Schiff nicht segelfertig sei, und er entsann sich jetzt mit Verdruß, daß er vergessen hatte, dazu Befehl zu geben, vielmehr wußten der Steuermann und die wenigen Matrosen, die der Dienst des kleinen Schiffes erforderte, nicht anders, als der Gebieter werde mehrere Tage am Lande bleiben, daher auch sie sich an demselben nach ihrer Art von der widrigen Seereise zu erholen trachteten. Noch mehr aber stieg der Unwille des Grafen, als er am Hafenplatze den Zimmermann seines Schiffes mit einigen am Lande geholten Arbeiternantraf, der eben nach der Jacht sich zu begeben im Begriff war, und meldete, das Schiff habe eine Beschädigung erlitten, zu deren völliger Ausbesserung mehr als die Zeit eines Tages erforderlich sei, eher könne die schöne Susanne ohne große Gefahr nicht wieder in die See gehen. Da half weder Zürnen noch Schelten, an welchem der Erbherr, ohnedies in der übelsten Stimmung, es nicht fehlen ließ; er mußte sich in das Unvermeidliche fügen, und da er mit seiner Dienerschaft und den Pferden nicht am Strande verweilen konnte, so blieb ihm nur die Wahl, entweder nach Varel zurückzukehren, oder nach einem andern in der Nähe gelegenen bedeutenderen und für ihn angemesseneren Orte zu fahren.

Zur Rückkehr konnte sich der Graf unmöglich entschließen, denn sein schneller Weggang sollte für die Großmutter eine Strafe sein – er faßte daher rasch seinen Entschluß, befahl, daß die Jacht sogleich nach ihrer Wiederherstellung in fahrbaren Stand durch den Busen hinab, an der Ecke von Heppens vorbei, in die Jahde-Strömung einfahren und am Rustringer Siel anlegen sollte. Als dieser Befehl gegeben war, fuhr der Graf längs des sich endlos vor ihm ausdehnenden, vielfach gewinkelten Deichs (Dammes) bis hinunter zur Dan-Geest, ließ das Salze-Brak rechts, fuhr am Ellenser Grod hin, und verließ erst drunten beim Marien-Siel den Deichwall, um aus dem Gebiete des umfangreichen Jahdebusens weiter nordwärts zu eilen. Es verging eine gute Anzahl Stunden, durch mancherlei Aufenthalt und der Wege Unfahrbarkeit, bevor der Graf das OertchenAccumerreichte. –

Graf Ludwig nebst seinem Diener Philipp ließen ihre Rosse gemachsamen Schritt gehen, als sie von weitem eine Kutsche, die mit vier Apfelschimmeln bespannt war, auf sich zukommen sahen, und plötzlich rief Philipp aus: Sind die toll, oder was ist das? – und Ludwig gewahrte jetzt auch, daß die Pferde in den rasendsten Sätzen galoppirten, daß der Wagen gar nicht mehr auf der Fahrstraße war, daß er schwankend und wankend wie eine Feder emporhüpfte, wenn es über einen durch das Marschland gezogenen schmalen Wassergraben ging, jeden Augenblick umzustürzen drohte, daß der Kutscher wie ein Wüthender an den Strängen zog und zerrte, und bereits den Hut verloren hatte, und daß für Menschen und Thiere die augenscheinlichsteTodesgefahr vorhanden war. Das ist ein Unglück! die Pferde gehen durch! – Dies rufend und sein Pferd in Galopp setzend, dem Wagen entgegen, war von Seiten Graf Ludwig’s das Werk eines Augenblicks, Philipp folgte nicht minder rasch dem Beispiele seines Gebieters. Wenn jener Wagen nur noch eine Minute lang in dieser Weise fuhr, so stürzte Schiff und Geschirr und alles in das zwar schmale, aber tiefe Flüßchen, die Made, die von Dickhusen her den Weg kreuzte. Mit einem furchtbaren Satze flog die kräftige Isabella über das Bette des Flüßchens, und Philipp’s Brauner wollte sich nicht an Bravheit von jener übertreffen lassen. Auf Tod und Leben jagte der Graf den durchgehenden Pferden entgegen, Philipp sah mit einem Blick voll Schreck, welcher Gefahr derselbe sich selbst tollkühn aussetzte, stach seinem Rosse die Sporen noch einmal in die Seite und überholte die Isabella, um mit kühner Todesverachtung den ersten Anprall selbst zu empfangen.

Wenige Secunden später, und in einen furchtbaren entsetzlichen Knäuel verwickelt wälzten sich Rosse und Mann am Boden, Philipp hatte sein Pferd gerade auf die entgegenstürmenden über und über mit Schaum bedeckten wilden Pferde losgetrieben, der Graf folgte alsbald und hatte Noth, nicht auch zu stürzen. Die vordern Pferde lagen, die hintern standen zitternd und bebend und heftig schnaubend, immer noch versuchend, sich zu bäumen, und an den innern Seiten war beiden die Haut furchtbar blutig und zerrissen. Philipp arbeitete sich unter den Pferden hervor, wie durch ein Wunder war er unverletzt, der Kutscher sprang, von unerhörter Anstrengung schweißtriefend und an allen Gliedern zitternd, vom Bock, und suchte seinen Pferden aufzuhelfen; der Wagen, ein starker fester Bau, sonst wäre er auf diesem Wege zertrümmert, stand – von fern her liefen einige Menschen herbei, der Jäger und der Jokei, welche bei den heftigen Stößen von ihrem Sitz im hintern Halbtheil des Wagens herabgeschleudert worden waren. Der Graf ritt rasch zum Schlage, – da lag ein marmorbleiches schönes Frauenbild, wie eine geknickte Lilie in regungsloser tiefer Ohnmacht, und ein zartes Kind, ein Mädchen zwischen drei und vier Jahren, umklammerte mit seinen Händchen die Kniee der Mutter und barg sein blondes Lockenköpfchen in deren Schoos, ebenfalls ohne sich zu regen; der Mutter Arme und Hände waren um das Kindangstvoll geschlungen. Rasch schwang sich der Graf vom Roß, riß den Schlag auf und hob das Kind heraus.

Onkel Ludwig! Wir todt! sprach das Kind. Mutter hat sagt: Mariechen – wir todt!

O Himmel, die Gräfin! seufzte Ludwig erschüttert und sprach zu dem Kinde, einen flüchtigen Kuß auf dessen Stirn hauchend: Nicht todt, nicht sterben, kleine Marie, nicht sterben, nicht todt sein!

Doch – Mutter – sterben, Onkel Ludwig! stammelte das Kind und weinte. Das wolle Gott nicht; die gnädige Gräfin ist nur ohnmächtig! Mit Hülfe der herbeigeeilten Dienerschaft und des Wassers der Made geschah alles Nöthige, die ohnmächtige Gräfin in das Leben zurückzurufen; es fand sich im Wagen ein Fläschchen mit kölnischem Wasser. Decken wurden auf den neu hervorsprossenden Rasenteppich gebreitet, die Gräfin wurde sanft und vorsichtig aus dem Wagen gehoben, durch Kissen, die sich vorfanden, ihr Haupt gestützt, und so lag sie sanft und warm und weich, und Graf Ludwig kniete neben ihr und rieb ihr mit der von gewürzreichen Oelen gesättigten geistigen Flüssigkeit, die so falsch kölnisches Wasser heißt, und kölnischer Weingeist heißen sollte, die Schläfe.

Die Gemahlin des Erbherrn von In- und Kniphausen, Ottoline Friederike Louise, geborne Gräfin von Lynden-Reede, Tochter des holländischen Gesandten am königlichen Hofe zu Berlin, schlug die Augen auf, und hauchte nach einigen Secunden: Marie! Meine Marie!

Da bin, Mama! rief das Kind.

O Gott, o Gott, Dank! seufzte die Mutter, und richtete sich empor. Verwundert fiel ihr Blick auf die veränderte Umgebung, auf den um sie bemühten ihr wohlbekannten jungen Mann, auf ihr sich zärtlich an sie anschmiegendes Töchterchen, auf die verwirrte und bestürzte Dienerschaft – doch kehrte ihr schnell Erinnerung und besonnene Fassung zurück. Dort stand der Wagen, dort schnaubten noch die wieder aufgerichteten Pferde stark und heftig, und jetzt sprach Ludwig: Gnädige Frau Gräfin, das war eine entsetzliche Gefahr! Dem Himmel sei Dank, der mich durch wunderbaren Zufall auf diesen Weg führte!

Sie sind es, Vetter! erwiederte die junge Reichsgräfin, und versuchte sich zu erheben, wobei sie aber seiner Unterstützung bedurfte, und mit einem schmachtenden Blick aus ihren schönen blauen Augenihn lohnend, blieb sie sanft an ihn gelehnt, der ihr eine starke Stütze war, und suchte ihre dahin geschwundene Kraft mit leisem Erathmen zu sammeln.

Da nahte diesem Paare der Kutscher und stürzte in die Kniee vor den beiden Gebietern: Gnädigste Frau Gräfin, gnädigster junger Herr, üben Sie Barmherzigkeit und verzeihen Sie mir! Unversehens stieß die Wagendeichsel beim Ausfahren aus dem Schlosse an einen Prallstein, ohne daß ihr Bruch erfolgte, sonst würde ich denselben gewahrt haben; ich fuhr daher ohne irgend eine Sorge weiter; plötzlich während der Spazierfahrt brach das vordere Holz der Deichsel splitternd ab, und das hintere Theil verwundete nun ebenso plötzlich mit seiner scharfen Spitze die Pferde fort und fort, die dadurch wüthend wurden und durchgingen, und auf die andern Pferde einhieben, daß auch diese wie toll mit von dannen rannten. Wenn der junge gnädige Herr nicht im einzig möglichen Augenblick der Rettung dazukam, so wären wir vielleicht jetzt alle todt, denn die Pferde hätten sich sammt dem Wagen in die tiefe Made gestürzt, auf die sie unaufhaltsam zuliefen. Ich bin unschuldig, das kann ich bei Gott beschwören! – Todt! todt! rief schaudernd die junge, schöne, im vollen Leben reizend blühende Gräfin aus. Todt – ich und meine kleine Marie! – Stehe auf, Klas – mir schaudert. Ich will dir glauben! – Nicht todt, Mama! rief das Kind zu ihr hinauf und langte mit seinen Händchen nach der Hand der Mutter.

Und Sie mein Retter! der Retter meines Lebens, und meines theuren Kindes! rief die Gräfin zu dem ritterlichen Jüngling, der mit mannigfach einander widerstreitenden Gefühlen vor ihr stand.

Zurück nach dem Schlosse! Sie kommen mit, Cousin! sprach Ottoline. Sie hatten uns wohl ohnehin und ohne Zweifel Ihren Besuch zugedacht?

Ich danke, gnädige Gräfin, erwiederte Ludwig verwirrt. Ich war nicht auf dem Wege nach Schloß Kniphausen, ich wollte – zur Seeküste. Ein glücklicher Zufall führte mich Ihnen zur günstigen Stunde entgegen, und ich danke diesem – aber –

Aber? Mein junger Cousin? wiederholte die Gräfin. Wollen Sie Ihren Ritterdienst nur halb thun? Soll ich hier harren, bis vom Schlosse ein anderer Wagen geholt ist? Sehen Sie nicht, daßder Abend naht, und wie ich angegriffen bin? Oder soll ich bis zum Schlosse mit dem Kinde gehen? Denn fahren kann ich doch nicht ohne Deichsel und mit diesen Pferden – und wir sind über eine Viertelstunde von Kniphausen entfernt. Das hilft Ihnen nun nichts, mein lieber Lebensretter. Ich besteige das Pferd Ihres Dieners, nehme mein Kind vor mich, Sie begleiten mich und Ihr Diener folgt mit meinen Leuten, Pferden und dem Wagen uns nach. Wissen Sie einen bessern Rath?

Dann bitte ich nur unterthänig, meine Isabelle, die sanft geht, zu besteigen, und mir die holde Last der kleinen Marie anzuvertrauen, antwortete Graf Ludwig, einsehend, daß er nicht anders könne, als die Gemahlin seines bittern Feindes zu geleiten, es möge daraus folgen, was da wolle.

Auf dem in angedeuteter Weise erfolgenden Rückwege nach dem Schlosse, das in heller Beleuchtung der Frühlingssonne erglänzte und dessen hohe zahlreiche Spiegelfenster diesen Glanz weithin über die flache Gegend zurückstrahlten, sprach die Gräfin zu dem neben ihr reitenden hülfreichen Beschützer, der ihr munter und freudvoll jauchzendes Kind sorglich vor sich hielt: Daß mein Mann in Varel ist, wissen Sie ohne Zweifel. Er eilte eigens von Amsterdam dorthin, um mit seiner alten Großmutter wieder einige der ewigen Familienstreitigkeiten zu schlichten, und einen Vergleich abzuschließen, und hat mir geschrieben, daß er nach drei bis vier Tagen hoffe, auf unserm Schlosse bei mir hier eintreffen zu können. Er werde, wenn er könne, seine Jacht im Rustringer Siel beilegen, dahin wir nur eine gute Wegstunde haben, einen oder zwei Tage hier verweilen, und dann die Rückfahrt zur See nach Amsterdam antreten. Ohne Zweifel kommen Sie doch von Varel, Cousin – was wissen Sie von meinem lieben Mann?

Welche Pein diese unbefangenen Fragen der im höchsten Grade liebenswürdigen Frau dem jungen neben ihr reitenden Mann verursachten, läßt sich nicht schildern. Er erwiederte, indem wechselnde Gluth und Blässe sein Gesicht überflog: Gnädige Gräfin – allerdings komme ich von Varel, aber um nie wieder dorthin zurückzukehren – und der mich von dort wegtreibt, ist – Ihr Gemahl!

Wilhelm? Mein Mann? fragte die Gräfin mit großem Blick.

Ein unseliger Auftritt zwischen uns Beiden trennt uns für immer – das kam wie ein Blitz – ein unbedachtes Wort von mir, das bei meiner Ehre! nicht verletzen sollte, reizte ihn zu maßloser Heftigkeit – auch in mir flammte nun Zorn auf – es fiel hartes Wort um hartes Wort, und ich – gehe – denn ich habe in Varel nichts mehr zu suchen. Auch Ihr Herr Gemahl, gnädige Frau Gräfin, verließ noch vor mir Schloß Varel – wahrscheinlich um zurückzureisen, denn auch mit der Großmutter, die zwischen uns trat, nicht versöhnend, sondern heftig und zürnend, scheint er alles Angebahnte abbrechen zu wollen. Jedenfalls hat der Graf sich auf seine Jacht begeben, doch weiß ich dies nicht gewiß, da ich den Weg über Bockhorn einschlug. Aus diesem allen ersehen Sie, gnädige Frau Gräfin, daß ich ganz unmöglich Ihr Schloß betreten kann und darf, das Haus eines Mannes, der mich haßt und mich, was mir noch schwerer fällt zu tragen, verachtet.

Das ist ja eine schmerzlich betrübende Mär, die Sie mir da verkünden, mein Cousin! versetzte die Gräfin Ottoline. Aber das Alles hilft Ihnen nichts, Sie müssen dennoch mit mir auf unser Schloß. Hat mein Mann Sie beleidigt, so ist er ganz gewiß der Mann, keine Genugthuung zu verweigern, die Sie irgend fordern können, dafür kenne ich ihn, dafür kennen auch Sie ihn sicherlich – und haben Sie ihn und wär’ es tödtlich, beleidigt, so muß er Ihnen vergeben, um meinetwillen, um unsers lieben Kindes willen, meiner süßen Marie, die sich jetzt so sanft und traulich an ihren ritterlichen Lebensretter schmiegt.


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