4. Drei Frauenherzen.

Am Jungfernstiege stand mitten unter den andern palastgleichen Häusern der schönsten Straßen Hamburgs ein altes Gebäude von gediegener Aufführung im reinsten und edelsten Style der Renaissance. Weitbogige vergoldete, mit Blumen und Blattwerk reich verzierte Eisengitter sicherten die Fenster des untern Geschosses gegen Einbruch, metallene riesige Löwenköpfe trotzten an dem schweren Eichengetäfel der Thürflügel, die mit vergoldeten Bronzebändern in gekreuzter Gitterform überdeckt waren, wie grimmige Wächter. Das Portal zierten füllreiche Karyatiden, und über demselben hoben sich unter einer fürstlichen Krone, kunstvoll in Marmor gehauen, zwei schräg aneinander gelehnte Wappenschilde.

Das eine dieser Wappenschilde zeigte auf einer großen Tafel von Lapis Lazuli, aus massivem Silber getrieben, ein Ankerkreuz.

Es war das Haus, es waren die Wappen der alten Reichsgräfin.

Bis zu dem Dachgesimse hinan war die Außenwand dieses Palastes mit reizenden steinernen Arabesken und mancherlei Emblemen geschmückt, und hinter den doppelten Spiegelscheiben der hohen Fenster nickten herrliche Blumen, die schönste Winterflora, die nur immer von den Gewächshäusern der bedeutendsten Kunstgärtnereien Hamburgs geboten werden konnte. Die Matrone saß in einem höchst vornehm, aber wohnlich eingerichteten Zimmer, dessen Boden mit weichen Teppichen belegt war, dessen Sophas schwellende gestickte Kissen bedeckten, und dessen Wände einige Oelbilder von guten Künstlern zierten, darunter auch an einer Wand vereinigt drei reizende Seitenstücke von der Meisterhand Philipp Wouwermann’s, darstellend die drei Schlösser Varel, Kniphausen und Doorwerth, mit im Genre dieses berühmten Künstlers mannichfach belebten Vordergründen. Die Matrone saß,wie sie gewohnt war, von Büchern, Schriften und Schreibmaterialien umgeben, in einem bequemen Armsessel am Schreibpult, und überlas eine so eben von ihr selbst entworfene Schrift:

»Interims-Quittung.

Für zwanzigtausend Mark HamburgerBanco,welche Uns von Seiten Unsers ältesten Herrn Enkels, des GrafenWilhelm Gustav Friedrich,Grafen zu Varel, In- und Kniphausen, Herrn zu Rhoon und Pendrecht u. s. w., nach Maßgabe der mit demselben in Betreff Unserer habenden und dargelegten beträchtlichen Anforderungen sowohl, als wegen einerCessionUnserer HerrlichkeitDoorwerth cum pertinentisgeschlossenen Haupt-Conditionenzum Vergleich (dessen völliger Abschluß und Vollziehung durch die inmittelst eingetretenen Zeitläufte bisher behindert worden) in Abschlag des am 3. September jüngst bereits zu entrichten gewesenen erstenTerminisvon fünfzigtausend Gulden Holländisch ausgezahlt und von Uns,reservatis reservandisin Empfang genommen worden. Hamburg vom Heutigen.

Charlotte Sophie.«

So wird es ja wohl recht sein, sprach die Schreiberin, wenn der Rath Melchers nicht noch einige Wenn und Aber drum und dran macht, nach der Juristen Gewohnheit, der Styl aber ist abscheulich, in welchem man solche Dinge sich förmlich abquälen muß. Wenn ein Lateiner so geschrieben hätte, ein Franzose so schriebe! Für unsere Kanzleien und Gerichtshöfe leben und streben die edelsten und berufensten Geister der deutschen Nation vergebens. In diese Marterkammern unserer Sprache dringt kein Hauch von Klopstock, kein Geistesstrahl von Lessing, kein Blitz von Goethe. Ihre »Instrumente« bleiben ewig stumpf und darum um so peinlicher.

So, dies wäre gethan, das Geschäftliche abgemacht, jetzt zum rein Menschlichen! – Die Reichsgräfin klingelte, ihre Kammerfrau trat ein.

Ich bin fertig, sagen Sie das meinen lieben Gästen, der Herzogin und der regierenden Reichsgräfin und Erbherrin, gebot die Matrone, und jene entfernte sich wieder.

Warten Sie noch einen Augenblick, meine Liebe! rief die Gräfin ihre Dienerin zurück. Weißbrod soll keinen Fleiß sparen, daß dieArrangements zu meinem heutigen Cirkel nichts zu wünschen übrig lassen. Vier Spieltische; die neuesten Zeitungen in das Lesecabinet, die Sessel mit der Krone, welche mit blauem Purpursammet beschlagen und mit silbernen Lilien gestickt sind, an eine besondere Tafel zu sechs Gedecken. Dann ordnen Sie einstweilen meine Toilette, keine Brillanten, nur Perlen, die schwarze Sammetrobe mit den aufgestreuten Trauerweidenzweigen von Silber-Filigranarbeit. Man muß den Schmerz ehren und der Theilnahme einen sichtbaren Ausdruck geben, auch ziemt kein anderer Schmuck meinen Jahren.

Ich bin gespannt, sprach die Reichsgräfin dann zu sich selbst weiter. Es widerfährt meinem Hause eine schöne Auszeichnung, doch wer dürfte hier in Hamburg auch nähere Rechte auf dieselbe haben, als ich, die nächste Verwandte? Wohl vereinen hier sehr glänzende Cirkel einheimische und fremde geistreiche Männer aller politischen Farben, der alte blinde Busch und mein guter Doctor Reimarus mit den Seinen geben sich alle Mühe, ausgezeichnete Fremde an sich zu ziehen, und Sieveking machte ja sein Neumühlen im vergangenen Sommer förmlich zum Taubenschlag, allein diese Gesellschaften sind zu gemischt, es kann nicht ein Jeder sie besuchen, mein Vetter zum Beispiel, Prinz Talmont, würde sich unglücklich in einem solchen Kreise fühlen.

Die Flügelthüre des Zimmers wurde vom alten Weißbrod und einem jüngeren Lakaien in reich gallonirter Livrée ehrerbietigst geöffnet und es trat eine Dame von wunderbarer Schönheit ein, eilte freundlich auf die alte Reichsgräfin zu und begrüßte sie nach allen Regeln höfischen Herkommens. Es war keine junge Frau, aber ihr Wesen, die liebliche Fülle ihrer Formen, die frische Farbe ihrer Wangen und der helle Strahl ihrer Augen kündeten jene innerliche Jugendlichkeit an, die nicht welkt mit der äußern körperlichen Hülle, der im warmen Herzen die Nährquelle dauernder Schönheit entspringt.

Georgine! Mein lieber Gast! Meine Sonnenblume! begrüßte die Gräfin jene Dame mit Herzlichkeit.

Ach, Mutter – Sie erlaubten mir ja unter uns Beiden diesen süßen heiligen Namen – entgegnete jene, sagen Sie Herbstblume! Die Sonnenzeit ist dahin – leider!

Alles Schöne im Leben geht dahin, mein geliebtes Kind!

Altes Kind, das ich bin – ja wohl!

Es ist schrecklich, wie dies junge Herz sich über seine Jahre betrübt, spöttelte lächelnd die Reichsgräfin. Sieh doch mich an! Und wie alt ist Ludwig?

Eine Purpurgluth trat auf die Wangen Georginens, ein Sturm von Erinnerungen stürmte auf sie ein, und mit einem Gefühle tiefster Wehmuth sich auf die Hände der Gräfin niederbeugend, flüsterte sie: Darf ich denn noch an ihn denken? Darf ich denn? Oh, meine Mutter!

Du darfst es ohne Scheu, ohne Erröthen, theure Georgine, entgegnete sanft die Matrone. Mein Sohn war frei, war getrennt von seiner herrischen überstolzen Reneira, du warst frei, beide verletztet ihr kein drittes Anrecht, ihr liebtet euch wahrhaft, ihr wolltet euch vermählen, nur wenige Hindernisse waren noch zu beseitigen, dein Vater, der dir den Gemahl schon ausersehen, wollte noch nicht einwilligen, ihr erlagt dem Sturme eurer Leidenschaft, wie Tausende vor und nach euch, es wäre Alles noch in das rechte Geleise gebracht worden und dein Bewerber, der Großschatzmeister von Irland, hätte dir entsagen müssen, da starb mein armer Sohn Johann Albert auf seinen Gütern in Norfolk, und du, Aermste, wurdest als heimlich verlobte Braut schon Wittwe. Mir war es eine traurige, aber eine süße Pflicht, dich ganz unter die Flügel meines Schutzes und meiner Liebe zu nehmen, und Schloß Varel lag so einsam und so fern von London, und du warst bei mir zu Besuch auf lange Zeit, und ich konnte unseres Schmerzenskindes mich annehmen. Dann war ich selbst es, die dir anrieth, deine Trauer zu bannen, dein Herz stark zu machen, dem Willen deines Vaters Gehorsam zu leisten und die Hand des Mannes anzunehmen, der sich mit glühender Neigung um die Gunst der gefeiertsten Schönheit Londons bewarb und statt einer Grafenkrone mit einer Herzogskrone dein Haupt schmücken wollte. Du warst nicht nur schön, über alle Maßen schön, meine theure Georgine, du warst auch klug, du bezwangst dein Herz, folgtest meinem mütterlichen Rathe und bist noch immer, nachdem zwanzig Jahre seit deiner Vermählung vergangen sind, eine schöne, bewunderte, beneidete und eine glückliche Frau!

O, ich weiß, welche Fülle von Liebe, Güte und Großmuth ich Ihnen danke, beste Mutter! erwiederte Georgine voll tiefer Rührung. Und Ludwig? fragte sie leise, von Neuem erglühend.

Ich habe einen Brief, antwortete die Gräfin, doch nicht du allein sollst ihn hören; es schlägt noch ein Herz unter diesem meinem Dache, das Theil an ihm nimmt, das ihn in Gedanken begleitet. Der Knabe würde von Glück sagen können, wenn junge Herzen so voll Liebe für ihn schlügen, wie hier zwei ältere und mein – uraltes.

Das ewig frisch und jung bleibt!

Ist Schmeicheln geistreich, meine geistreiche Georgine? Sage, das ewig treu und wahr bleibt, so lange nämlich diese irdische Ewigkeit noch dauert.

Nicht auchdrüben,meine Mutter?

Ich hoffe, daß es ein Drüben gibt, und wenn es ein Drüben gibt, so denke ich nicht, daß dort ein Herz sich selbst untreu werden könne, zumal wenn es hienieden sich und Andern treu war.

Dies Gespräch unterbrach der Eintritt einer dritten und zwar jüngeren, sehr zarten Frau, deren Aussehen matt und leidend war, und die sich von den beiden schon anwesenden Frauen liebevoll begrüßt sah.

Wie ist Ihnen, meine Beste? fragte die Herzogin.

Jene verneigte sich tief und antwortete mit einer matten Stimme: Nicht zum Besten, meine Hochgnädige! Mich drückt die Winterkälte, meine Brust kann diese Luft nicht ertragen, und meine Nerven sind stets in fieberhafter Erregung.

Meine arme Ottoline! sprach mit Theilnahme die Reichsgräfin. – Bitte, meine Damen, lassen Sie sich nieder! Es ist betrübend, daß der Schöpfer es für uns arme Menschen so eingerichtet hat, daß die Freude nur einfach ist, nur geistig, aber der Schmerz doppelt, geistig und körperlich.

Oh, theure Großmutter! entgegnete mit einem Seufzer deren jugendschöne aber bleiche Enkelgemahlin: auch die körperliche Freude ist da, wer so glücklich ist, sie zu besitzen, wir haben nur ein anderes Wort dafür, es ist die Gesundheit. Wir sind uns ihrer nicht bewußt, so lange wir sie ungestört besitzen, wir denken kaum an sie, aber sobald sie uns verläßt, ja wenn sie nur uns zu verlassen droht, da möchten wir mit tausend Banden die entfliehende halten und an uns fesseln.

Die alte Reichsgräfin suchte dem Gespräch wie den Gedanken ihrer geliebten Verwandten andere Richtung zu geben, und wußte es geschickt so zu lenken, daß auf Ludwig die Rede kam, indem sie erst Windt’s und Doorwerth’s, dann des Erbherrn und seines Vetters William, des Vice-Admirals, der zur Zeit auch ein Gast ihres Hauses war, beiläufig erwähnte, dann seinen Namen nannte, und mit heimlicher Freude sich daran ergötzte, wie bei diesem Klange auf Ottolinens bleiche Wangen ein sanfter Rosenschimmer flog, und die Herzogin ihre Blicke erglühend senkte. Da sie nun inne hielt und die Letztere es nicht über sich vermochte, auch nur einen Laut zu äußern, um nicht ihr Gefühl vor der in ihr Geheimniß durchaus nicht eingeweihten Enkelin der Reichsgräfin blos zu geben, so war Ottoline fast genöthigt, das Wort zu nehmen, und fragte mit sanfter Theilnahme: Wie geht es dem jungen Herrn und wo weilt er jetzt?

Das war es, was die Matrone gewollt; sie nahm den schon bereit liegenden Brief, entfaltete ihn und sprach: Es geht ihm ganz gut, und er würde für diese freundliche und gnädige Frage sehr dankbar sein, wenn er sie ahnte. Er ist jetzt zum zweiten Male in Paris.

In Paris? fragten wie aus einem Munde die Herzogin und die Erbherrin.

Ja, in Paris, und werde ich gefragt, wie er dahin kam, so dürfte dieser Brief zur Lösung dieser Frage wohl das Meiste beitragen.

O, gewiß, beste Gräfin! theuerste Großmutter! riefen Georgine und Ottoline, und die Reichsgräfin sprach wieder: Mein geliebter Enkel hat mir bisher stets auf das Treulichste von seinem Ergehen Nachricht gegeben, von dem Tage an, an welchem er in Varel von mir schied, bis zu der neuesten Zeit. Mein Blick konnte ihn überall finden, auf der Meerfahrt am Bord der »vergulden Rose« bis Amsterdam, wie im Hause des reichen Handelsherrn Adrianus van der Valck, wo er mit seinem Vetter sich versöhnte.

Ja, sie versöhnten sich, dachte Ottoline mehr, als sie es sprach: und ich mußte so tief und bitter und schmerzlich leiden über denZwist der Männer, daß mir fast das Herz darüber brach, und halb – ist’s ja ohnehin gebrochen. Ich bin noch nicht wieder gesund und noch nicht wieder froh geworden, seit ich aus dem Falken von Kniphausen trank, ach, in jenem Tranke lag gewiß ein Zauber!

Wie Ludwig dann, fuhr, ohne auf Ottolinens Bewegung zu achten, die Reichsgräfin fort: unter falschem Namen nach Paris reiste, nachdem er Windt getroffen, wie Beide vergebens sich bemüht, für mich Günstiges zu bewirken, wie sie aus mancherlei drohender Gefahr sich retteten, und begleitet von seinem Freund und dessen Geliebter nebst einem schönen Kinde nach Doorwerth eilten. Wie jene schöne Frau mit ihren sanften Augen ihn stets an dich, meine Ottoline, erinnere, wie er sich absorge um dein Wohlsein, wie seine Gedanken fort und fort um Schloß Kniphausen flögen, gleich den Raben um die Warte von Kiphausen droben im deutschen Harzgebirge, unter der eine holdselige Prinzessin, des Kaisers Barbarossa zauberschöne Tochter, in den Banden magischen Schlummers ruhen und träumen soll. Er hat das gar schön auszumalen gewußt, der liebe Knabe. Er malt gut und treffend.

Es muß sehr schön sein, schaltete Georgine fast schwärmerisch ein: in der Ferne ein so junges unentweihetes Herz zu wissen, das an uns verehrend denkt, vielleicht mit voller hingebender Liebe denkt.

Ottoline schwieg, doch konnte sie ihre innere Bewegung nicht verbergen. Charlotte Sophie nahm den geöffneten Brief und las:

»Meine theuerste, geliebteste Großmutter!

»Die letzten Briefe, die ich Ihnen aus Doorwerth sandte, schilderten Ihnen mein und meiner Freunde dortiges Leben, die angenehmen und schönen Bekanntschaften, die ich dort gemacht, die kurze Reise, die ich in Begleitung meines Leonardus eine Strecke rheinaufwärts auf der deutschen Seite vornahm, um ihn und meine Freundin Angés mit dem wunderholden Kinde zu geleiten.«

»Ich reiste mit Leonardus in Gesellschaft des niederländischen Gesandten hierher nach Paris und arbeite jetzt unter ihm, ich gestehe, daß diese Arbeit mir ungleich besser zusagt, als das zu Pferde sitzen und Umherreiten ohne rechten Zweck und Nutzen, wie wir es in und bei Doorwerth treiben mußten, so lange wir uns im Corpsdes Vetters Wilhelm Gustav Friedrich befanden. Haben Sie Nachricht von dessen Frau Gemahlin, o, so theilen Sie mir dieselbe recht bald mit, möge dieselbe günstig lauten! Täglich denke ich ihrer und beklage stets aufs Neue schmerzlich, daß mir kein Wiedersehen vergönnt ward, vielleicht auch nie vergönnt sein wird.«

Wahrscheinlich nie, wenn nicht drüben! seufzte Ottoline vor sich hin: denn die Tage deiner Freundin sind gezählt, du lieber seelenguter Ludwig!

»Ueber das hiesige Leben kann ich nicht viel schreiben, und darf es auch kaum. Dem gesammten Gesandtschaftspersonal ist streng untersagt, sich mündlich oder schriftlich über Frankreichs Politik zu äußern, oder Mittheilungen nach Außen zu machen, die nicht auch in den Zeitungen stehen. Jedenfalls lesen Sie den Moniteur hochverehrte Großmutter, der enthält die Quintessenz aller Ereignisse.«

»Unsere Gesandtschaft hat den Zweck, zwischen Frankreich den Frieden zu vermitteln, und der Erbstatthalter hat dazu dem Minister die ausgedehntesten Vollmachten ertheilt; allein ich fürchte, daß die günstigen Anerbietungen Hollands nicht mehr genügen, und daß Pichegru Alles aufbieten wird, um vorzudringen und Holland zu unterwerfen, dann wird wohl Friede werden, denn die Neigung zum Frieden geht jetzt durch die meisten Cabinette Europa’s. Viele aber werden auch leiden; ich fürchte sehr für meinen Vetter, den Erbherrn. Alles, was er dem Vaterlande und der treuen Anhänglichkeit an den Erbstatthalter und den Erbprinzen zum Opfer gebracht hat, wird verloren sein, ja selbst seine Freiheit ist bedroht. Ihr zweiter Enkel, beste Großmutter, Graf Johann Carl, ist zur Zeit, wo ich dies schreibe, Statthalter in Utrecht – ich fürchte ebenfalls, daß diese Statthalterschaft nur von sehr kurzer Dauer sein wird. Der Vice-Admiral soll, wie ich vernahm, sich jetzt in Hamburg aufhalten; sollte dies der Fall sein, so wird er ohne Zweifel bei Ihnen wohnen, und dann bitte ich gehorsamst, ihn freundlich zu grüßen. Er ist ein jovialer Mann, der mir Achtung und Liebe abgewonnen hat, trotz seiner Neigung zu Spott und Satyre.«

»Die Pariser Luft, die freilich vielen Leuten in diesen Zeiten nicht zusagte, behagt auch mir nicht, beste Großmutter. Ich fühle michheimlich krank, beklommen; möglich auch, daß es noch Folge der spätherbstlichen Sumpfluft ist, die in Doorwerth mich umwehte. Mein Arzt, den ich auf Anrathen meines Chefs und auf Leonardus Drängen befragte, sagte mir, ich müsse Seeluft athmen, die würde mich stärken.«

Seeluft! Seeluft! ich weiß eine ganz andere Luft, in deren reiner Sphäre ich mich gesund baden würde!«

Unser Liebling schwärmt, bemerkte lächelnd die Vorleserin, und die Herzogin sagte: Schreiben Sie ihm, theuerste Excellenz, er solle nach England reisen, da kann er Seeluft genießen und Gebirgsluft, senden Sie ihn in unsere Grafschaft, in deren blühenden Garten.

In die Nebelforste und Marschen Ihres Dartmoor? fragte Ottoline besorgt.

Nein, auf unser Schloß Chatsworth, erwiederte die Herzogin: dort will ich selbst ihn bewirthen, und Sie mit, meine Gnädige, wenn Sie meiner Einladung nach jener meiner schönen Heimath Folge leisten wollen.

Mir wäre eine solche Veränderung des Klima’s vielleicht sehr heilsam, warf Ottoline unbefangen hin. Die Reichsgräfin sprach lächelnd: Stellen Sie sich, liebe Enkelin, mit dem Beginn des Frühjahrs unter den Schutz Ihrer Freundin, und wenn Sie wollen, auch unter den unseres Vice-Admirals, und besuchen Sie einmal unsere Verwandten in England. Ich aber muß unterthänig für Ihre freundliche Einladung danken, beste Herzogin! Sehen Sie mich altes Wrack nur einmal recht an. Sollte ich noch einmal in See gehen? Unter welcher Lebensflagge sollte ich segeln? Mein Segeltuch heißt Todtenhemd, mein Schifflein Sarg, und mein Anker, der wird zum Kreuz über meinem Grabe. Doch, vollenden wir den Brief unseres Ludwig:

»Die gesellschaftlichen Zustände stehen hier unter dem Gefrierpunkt, fast hätte ich gesagt, durch alle Klassen, was ein großer Fehler meinerseits gewesen wäre, denn hier gibt es keine Klassen mehr. Die englische Handelssperre, das unfruchtbare Jahr, der strenge Winter erzeugten allgemeinen Mangel. Das so heißblutige Paris hungert undfriert jetzt. Die Waarenpreise in Beziehung zu den Assignaten stehen etwa so: ein Louisd’or in Gold ist sechzehn- bis achtzehntausend Livres werth, nämlich stets in Assignaten; ein paar Schuhe kosten zweitausend, eine Flasche Wein zweihundert, ein Ei zwanzig Livres; ein Pfund Butter fünfhundert, ein Pfund Kaffee vierzehnhundert, ein Sack Kohlen dreitausend Livres. Der Arzt, den ich um Rath gefragt habe, war so gütig, mir für seinen einzigen Besuch nur sechshundert Livres abzunehmen. Silbergeld ist äußerst willkommen, wer dessen hat, bekommt ein Pfund Zucker gegen baar für vierzig Livres. Eine Klafter Brennholz kostet vierundzwanzigtausend Livres. Da wir an Gold und Silber keinen Mangel haben, so kommen wir leidlich durch, aber von Vergnügen, von geistvollen Kreisen, von jenen schönen und angenehmen Vereinigungen gebildeter Menschen ist keine Rede mehr. Doch ich eile zum Schlusse und küsse meiner theuersten Großmutter in kindlichster Liebe und Verehrung die treuen Hände, die mich durch mein Jugendleben geleitet haben. Hier fühle ich erst recht, was es sagen will, den Pardisesgarten, jener stillen und reinen Freuden hinter sich zu haben.

Ihr ewig dankbarer Ludwig.«

Dieser junge Mann beste Frau Gräfin, taugt nicht in die große Welt, äußerte Georgine. Wer in diesen Jahren sich in ihr nicht heimisch fühlt, wird sie später schwerlich lieb gewinnen. Lassen Sie ihn jagen, fischen, Häuser bauen und Parks anlegen, ich halte dafür, daß er dazu besser geschaffen sei.

Mit zwanzig Jahren ist mancher junge Mann noch Nichts, versetzte die Reichsgräfin, wenn das Leben ihn nicht recht zeitig in seine rauhe Schule nahm. Das war bei meinem jüngsten Enkel nicht der Fall, ich will es nur eingestehen, ich verzog ihn. Ich führte ihn nicht in die Welt der Salons ein, sondern in die Welt der Wissenschaft, der Bücher, der Alterthumskunde – ohne doch ihm hinderlich zu sein an ritterlichen Leibesübungen. Er übte sie, ohne an einer dieser Künste vorzugsweise Gefallen zu finden. Ich glaube, daß er nie tanzen wird, musikalisch ist er auch nicht geworden, nur am Malen fand er einige Freude, und am Lesen die meiste. Weil ich fühlte, wie mangelhaft und unvollendet noch seine Erziehung sei, entschied ich mich dafür, ihn reisen zu lassen, damit das Leben ihn in die Schule nehme und erdurch das Leben sich selbst bilde. Kaum setzte er den Fuß von der Schwelle jenes heimathlichen Schlosses, das dort im Bilde hängt, so hat ihn auch schon das Leben erfaßt, aber nicht wie ich gehofft und gewünscht habe. Viel zu tief sah er im Beginn seiner Laufbahn in zwei schöne Augen, die nun im Wachen und Träumen vor seiner Seele stehen und ihn zurückwinken nach der kaum verlassenen Heimath. Bald darauf muß er wieder in ein seltsames Verhältniß verwickelt werden, in welches ich noch gar nicht recht klar sehe. Er und Windt schreiben mir nicht bestimmt darüber, aber so viel läßt die Erfahrung eines langen Lebens mich zwischen den Zeilen lesen, daß ohngeachtet der schönen verbotenen Heimathaugen doch ein neuer Himmel ihm in einem Augenpaar der Fremde aufging, und daß er, ohne sich dies selbst zu gestehen, sich in stiller Liebe zu der Freundin seines Freundes verzehrt. Darum ist es sehr gut, gut für Alle, daß jenes Kleeblatt auseinanderging.

Ludwig ist zu edel, um auf Verrath gegen den Freund zu sinnen, sagte Ottoline mit mühsam errungener Fassung.

Gewiß, das meine ich auch, meine Beste, versetzte die Reichsgräfin: eben weil er edel ist, ringt er mit sich selbst den stillen gefährlichen Kampf. Ein unedler Mensch versucht sein Glück, betrügt und verräth den Freund, wenn der Gegenstand der beiderseitigen Flamme ihn nicht mit Entschiedenheit abweist, und geschieht dies, nun so verschmerzt er’s leicht und sieht sich nach einer andern, vielleicht williger ihm entgegenkommenden Neigung um. Aber unser Ludwig soll und darf sich nicht in solche Labyrinthe verlieren; und ich glaube, daß nur die Leitung einer edeln Frauenhand ihn auf die Pfade des richtigen Lebensweges führen kann. Wie glücklich wäre ich, wie sehr verdient um meinen Enkel würden Sie sich machen, Frau Herzogin, wenn ihm nach Ihrer Rückkehr nach England dort in Ihre Kreise einzutreten vergönnt würde. Das schwebte mir schon lange vor, doch wollte ich mit Absicht ihn erst eine Zeitlang frei gewähren lassen und zusehen, wohin seine Neigung ihn lenke.

Georgine fühlte, wie unendlich viel für sie in diesen Worten lag, die Ottoline so und nicht anders zu deuten vermochte, wie sie gesprochen wurden; die lebhafte Herzogin aber rief flammend aus: An mir, sollte Ihr Enkel gewiß eine wahrhaft mütterliche Freundin finden, senden Sie ihn mir, er soll mit offenen Armen empfangen werden.Sind wir doch längst als Freundinnen vereint, und die Familien stehen sich nahe, ist doch mir und Ihrem berühmten Verwandten, dem Lord William Henry, ein hoher Name gemeinsam, der Name Cavendish.

Und ich will alle meine Wünsche und mein Gebet mit Ihnen vereinen, daß es ihn, den Retter meines Lebens, wie den meines Kindes, zu Heil und Segen führe, was Sie Beide vereint Gutes für Ludwig beschließen! rief Ottoline tief bewegt aus und barg ihre hervorbrechenden Thränen in ihrem Tuche. –

Ach, nur zu schnell verrauschen die schönen Augenblicke, in denen der Menschen Herzen und Seelen sich hochemporgehoben fühlen über alles Flüchtige und Vergängliche, was das Leben umgiebt, wie ein Gewand aus Erdenstoff gebildet – auch diese Minuten flogen schnell dahin – die Thüre ging auf und Weisbrod brachte einen Brief.

Die Reichsgräfin nahm denselben, entließ den alten Diener mit gnädigem Winke und sprach mit ihrer gewohnten Ruhe: Ein Schreiben Windt’s; es ist angenehm, daß nach dem, was wir so eben besprochen und beschlossen haben, die Wirklichkeit wieder in ihr Recht zu treten begehrt, denn wir verloren uns in das Gebiet der Zukunft mehr als gut ist. Hören wir noch, bevor wir an unsere Toilette für den heutigen Abend denken, was unser ehrlicher Stadthagener, mein treuer Hausintendant schreibt. Von Formen und Formeln ist er kein Freund, er kennt nur eine Formel, die heißt: zu Füßen, oderaux pieds. Außerdem überspringt er alle die läppischen Schnörkel der gedruckten Briefsteller, drückt sich aus, wie er spricht, und stets ungemein verständlich, ja bisweilen selbst drastisch. Dabei hat er einen völlig klaren praktischen Blick in die Verhältnisse, die ihn umgeben. Nun, Sie vernahmen ja schon sein Lob aus meines Enkels Brief. Wir werden gleich sehen, was sich zur Mittheilung eignet.

Die Reichsgräfin öffnete den Brief und las abwechselnd bald leise für sich, bald laut, den Inhalt ihren Freundinnen vor. Leider lauteten die Nachrichten nicht sehr erfreulich, wie denn überhaupt in jener Zeit Erfreuliches fast von keiner Seite her zu erwarten war. »Daß mein Nest ausgeflogen und leer von seinen liebsten Bewohnern, wissen Ihre Excellenz bereits, nur die Unlieben blieben nebst meiner braven Jule. Ich sah die schöne junge Frau Angés, wahrscheinlich Wittwe, mit dem himmlischen Kinde nicht ohne Wehmuth scheiden. Daskleine Mädchen ist ein Engelskind! Es hat Kräfte, Artigkeit und Verstand weit über sein Alter hinaus. Es ist ein Glück, daß sie fort sind, lieb ist mir auch, daß der junge Herr Graf und Herr van der Valck weg sind, denn als Hauptleute waren beide nur ein fünftes Rad am Wagen, und es herrscht bei mir fortwährend eine gräuliche Verwirrung und wird von Tage zu Tage schlimmer. Ich sitze, wie ein züngelnder Wappenlöwe, als Thorwächter in einer Trophäe zwischen eitel Pauken, Spießen, Trompeten, Standarten und Hellebarten.«

Die fernere Mittheilung aus Windt’s Brief wurde durch Weisbrod’s Wiedereintritt unterbrochen, welcher abermals mehrere Briefe und Karten brachte. Die Mehrzahl dieser Billets war französisch geschrieben; Baron von Binder bezeugte seinen Respect und bedauerte, mit seiner Frau absagen zu müssen. Frau Gräfin von Schimmelmann schrieb: »Empfangen Sie unsere Entschuldigung, daß wir nicht die uns zugedachte Ehre genießen können, an Ihrem Zirkel Theil zu nehmen. Meine Schwiegertochter leidet an den Folgen einer heftigen Erkältung und dies hält uns zu unserem großen Bedauern ab, in die Stadt zu fahren; ich ersehne aber mit Ungeduld den Augenblick, Ihrer Excellenz die Gefühle meiner größten Ergebenheit zu wiederholen, mit welchen ich – und so weiter.

Und hier noch – ein versiegeltes Billet – ah, von unserem ehrwürdigen alten Legationsrath und markgräflich badenschen Hofrath, was schreibt doch der? »Gnädigste Frau Gräfin Excellenz! Ihre Güte entschuldigt wohl mich alten Mann, wenn ich mit gehorsamem Danke auf Hochdero gnädige Einladung verzichte. Ich tauge nicht mehr in die Kreise der heutigen Welt. Der Kreis, in welchem Sie so gnädig sind, mich dulden zu wollen, besteht, wie ich höre, aus Personen, deren Unglück mir gewiß heilig ist, ohne daß ich aber die Vergötterung billigen kann, welche die Deutschen ihnen, den Ausländern,den Flüchtlingen, angedeihen lassen. Ich müßte mir selbst untreu werden, denn was ich einst sang, ist noch heute das Wort meiner Ueberzeugung:

Dem Fremden, den ihr vorzieht, kam’sNie ein, den Fremden vorzuziehn;Er haßt die Empfindung dieser Kriechsucht,Verachtet euchWeil ihr ihn vorzieht. –

Dem Fremden, den ihr vorzieht, kam’sNie ein, den Fremden vorzuziehn;Er haßt die Empfindung dieser Kriechsucht,Verachtet euchWeil ihr ihn vorzieht. –

Diese Worte dürften mir schwerlich vergeben werden, wenn ich mich immer noch zu denselben bekenne. Mit der tiefsten Verehrung!«

Nun, das ist stark! rief Georgine aus. Wer ist dieser kühne Mann?

Es ist Deutschlands größter Dichter – es ist unser Klopstock, antwortete Ottoline.

So ist es, bestätigte die Reichsgräfin. Wieder ein Typus des ächten deutschen Gelehrten, gerade wie mein Abbé Eckhel in Wien, gerade durch, starrköpfig, liebenswürdig und zu Zeiten sehr – wahrhaftig.

Die Reichsgräfin nahm nach dieser Unterbrechung Windt’s Brief wieder auf und fuhr fort darin zu lesen.

»Die beiden Grafen du Boutier, nach denen Excellenz sich bei mir erkundigen, befinden sich zur Zeit zu Schloß Brunsberg bei Zütphen, unter dem Schutze der Legion Rohan, von wo sie sich nach Hamburg begeben werden; vielleicht sind sie schon dort. Es ist sehr gefährlich, sich mit Emigranten in irgend eine Verbindung einzulassen, und die Carmagnolen sind auf nichts so wüthend und erbittert, als auf sie und wer ihnen Vorschub leistet. Ich sage es Excellenz gerade heraus, ich bin kein Emigrantenfreund. Das Betragen dieser Leute ist die verkörperte Anmaßung und ihre Belohnungen für erwiesene Dienste bestehen nur aus Undank. Ich habe sie im Kastell gehabt und habe nur eine einzige Ausnahme zu rühmen, diese machte ein junger, sehr schöner Prinz von Condé.«

»Durch den hannover’schen Feldpostmeister, frühern Secretär bei Graf Walmoden, erhalte ich die Hamburger Zeitung, ich kann aber mittheilen, daß alle die hiesigen Vorfälle darin ganz unwahr und falsch angegeben und des Lesens unwerth sind. Graf Walmodens Gemahlin wollte erst in Arnhem in Brantsens Hause Wochenbett halten, wird sich aber nun nach Osnabrück begeben.«

»Ich bin so mit Fremden und Geschäften besetzt und beladen, daß es kein Quartiermeister bei der Armee im stärkeren Grade sein kann. Außer den Jägern von Hompesch habe ich einen Theil der hessischen Artillerie, hundertvier Pferde und vierzig Mann gehabt. Ohnlängst fiel zwischen den hessischen Dragonern von Prinz Friedrich und den leichten englischen Dragonern ganz in unserer Nähe eine blutige Attaque vor; Letztere hatten acht Todte und vierzehn Verwundete.«

Das ist ja entsetzlich, rief Georgine: wenn die Verbündeten einander selbst bekämpfen!

Die Reichsgräfin las weiter:

»Man bricht sich die Hälse um eine einzige Bauernhütte, während bei dem Feinde die vollste Eintracht herrscht.«

»Prinz Ernst August von England war zum öftern hier, er hat mich gerne bei sich und sprach viel vom Frieden. Vom Commandanten der holländischen Garde, die hier lag, erhalte ich fortwährend die freundschaftlichsten Briefe und Danksagungen, auch von Amsterdam aus allerlei Lebensmittel, ungeheuere Pasteten, Liqueure, Citronen; der Commandant der Jäger von Hompesch, Major Baron von Pheilitzer aus Kurland, hat mir Büschings Erdbeschreibung in prächtigem Einband verehrt; die Emigranten hingegen, die mir die meiste Last gemacht haben, sind undankbare Menschen und drücken die Ohren auf den Hals. Um unsere Truppen sieht es trübselig aus, sie stehen bis über die Kniee im Morast und Eis, und Holland ist in Nöthen, wie das Sprichwort sagt.«

»Dem Prinzen Ernst August habe ich die Infamie begreiflich gemacht, eine Batterie gerade dem Kastell gegenüber anzulegen und ihm bewiesen, daß es eine Thorheit sei, den Rhein auf diese Weise vertheidigen zu wollen. Zum Glück hat die Kälte alle Arbeiten gehindert, und sie waren auch völlig überflüssig, denn es ist schnell anders geworden, wie ein Handumwenden. Die Kälte, wie sich einer ähnlichen Niemand erinnert, nimmt jeden Augenblick zu; sie wird die beste Friedensgesandtschaft sein. Gott gebe es! Haben es die Engländer bei uns schlimm gemacht, so machen es die Oesterreicher noch toller. Den alten Landdrosten Rhencke van Parkeloes haben sie in seinem eigenen Hause schier todt geschlagen. Sieben Menschen wurden an einem Morgen auf den Straßen in Arnhem todtgefunden. Das schöne neue Kastell zu Lune ist mit allen Nebengebäuden bis auf den Grund niedergebrannt; Tag und Nacht sehen wir Häuser brennen. Die Krieger sind durch Mangel und Kälte zur Verzweiflung gebracht. Ich hatte neulich neunhundert Mann und ebenso viele Pferde unterzubringen; alle Vorräthe gehen zu Ende, ich muß bei Ihrer Excellenz um ein Stück geräuchertes Fleisch betteln.«

»Mit allen Friedensgerüchten war es nichts; die Gesandtschaft des Herrn Brantsen nach Paris ist eine fruchtlose und vergebliche gewesen; der Feind hat sich Meister gemacht vom Bommeler Weerd. Und welcher Feind! Der französische General Daendels, ein Parteigänger an der Spitze von siebentausend Holländern und Brabantern, lauterPatrioten, die für den Feind ihr Vaterland erobern. Man fuhr über die Wahl und den fest zugefrorenen Rhein unter Wageningen mit sechsspännigen Geschützen und den schwersten Packwagen. Unsere ganze Armee brach dorthin auf, Prinz Ernst August kam noch einmal hierher, speiste und nahm Abschied; er steht an der Spitze des zweiten Regiments hannoversche Kavallerie und führt es nach Amerongen. Er ist voll Feuer und Eifer, obgleich er schon einen lahmen Arm bekommen hat; ich mußte ihm die Hand darauf geben, daß ich ihm hier ein Zimmer bereit halten wolle, er möge gesund oder verwundet zurückkommen. Der Feind ist guter Dinge und hat sich wieder verproviantirt, auf unserer Seite aber ist Nachlässigkeit und Verwirrung an der Tagesordnung. Entweder will man es so und nicht anders haben, oder es müssen in manchem Hirnkasten viele Schrauben los sein, oder mein Verstand ist so klimperklein, daß ich von Allem gar nichts mehr verstehe, welches wohl das Wahrscheinlichste ist. – Unser Erbherr eilte sogleich, als die üble Nachricht kam, nach Gorkum; von da aus, von Geldermaalseen aus und von Heßel aus sollte nun der Feind durch drei Heersäulen holländischer, englischer und hessischer, darmstädter und hannoverscher Truppen zugleich angegriffen werden, aber die englische Colonne kam zu spät. Die Franken sind vor den Thoren von Arnhem, ich sehe schon ihre Vorposten in unseren Feldern herum reiten, bald werden ihre Kanonen unter meiner Nase feuern. Es geht gräulich zu und wird noch schlimmer. Das Herz im Leibe blutet mir über das Elend der Menschen; wenn ich weggegangen wäre, so wäre die Herrlichkeit jetzt eine Einöde. Die Leute sehen,was ich für sie thue und theilen ihren letzten Bissen mit mir; so eben geht ein Bauer von mir, der gab mir sein letztes halbes Brod und fünf Eier, weil sie wissen, daß wir an Allem Mangel leiden. Solche Leute zu verlassen, wäre himmelschreiend. Ich lege mich zu Füßen.«

Die Reichsgräfin endete und Gräfin Ottoline beurlaubte sich von den beiden Damen. Nach ihrem Weggang sagte die Matrone zu ihrer Freundin, der Herzogin: Ach, liebstes Kind! Da steht noch eine schlimme Nachschrift, die durfte Ottoline nicht vernehmen, es hätte sie niedergeworfen. Hören Sie die Hiobsbotschaft!

»Man spricht für gewiß, daß demnächst Pichegru in Utrecht einziehen und dann straks aus Amsterdam losrücken werde, daß unsere Flotte im Texel sitzt und eingefroren ist, daß die Stelle des Erbstatthalters, welcher bereits flüchtig sein soll, aufgehoben sei und dieser für sich und den Erbprinzen auf seine Würde Verzicht leisten werde und müsse – und endlich – erschrecken Sie nicht – soll der Erbherr gefangen genommen und nach der Citadelle Woerden abgeführt worden sein.«

Großer Gott! rief die Herzogin erbleichend.

Mein armer Enkel! seufzte die Reichsgräfin. Und mit dieser Nachricht, mit diesen Gefühlen im Herzen gebe ich heute den royalistischen Emigréesgrande Assemblée. –

Der Abend war da und die Säle strahlten; die Versammlung fand sich ein, zahlreich und glänzend – es ging ein widerlicher Moschusduft durch die Räume, als lägen hier hundert Kranke in den letzten Zügen. Diesen ganz abscheulichen Geruch fand damals die vornehme Welt, besonders die Frauenwelt, außerordentlich salonwürdig und angenehm.

Alles glänzte in der kostbaren Pracht der Frisuren, Coiffüren und der großen Trauer-Toiletten; man trug im Haar hochemporstehende schwarze Marabuts oder auch Blumen aus schwarzer Wolle; das Haar war in große Locken gepufft, mit Perlen durchflochten, auch wohl mit kleinen turbanförmigen leichten Kopfzeugen bedeckt und gepudert, oder zeigte auch kleine mit schwarzen Steinen besetzte Diademe. Die Damen trugen an dunkeln Schnüren übergroße Medaillons, welche meist unglückliche Zeitgenossen und Personen der ermordeten Königsfamilie Frankreichs darstellten. Die Taillen waren von mehr als bäuerischer Unform, von einer fast fabelhaften Kürze und die schönenherrlichen Formen des weiblichen Oberkörpers erschienen in dieser Verkürzung als ein auffallender Gegensatz zu dem endlos lang erscheinenden Unterkörper. Die Kleider und Roben selbst waren nicht ohne Geschmack verziert und garnirt, doch herrschte in ihren Stoffen das Kleinblumige vor, was zu großen und füllereichen Gestalten nicht paßt. Die Tracht der Herren war die bekannte des Zeitalters, bei den Deutschen mehr einfach, bei den Franzosen mehr als je gesucht und auffallend, als wolle man den guten Deutschen so recht bemerklich machen, was Mode sei. Die Herzogin trug sich nach altenglischer Weise, sie trug noch eine Art Reifrock, hatte die wundervollste Taille, eine Büste zum Anbeten, strahlte von Juwelen und überstrahlte alle, selbst die jüngsten Damen, an Glanz und Pracht ihrer äußeren Erscheinung. Viele Französinnen blickten mit Neid auf die schöne Tochter Albions, und Georgine schien in Wahrheit die ihr in Ueberfülle dargebrachten Schmeicheleien zu bestätigen, daß sie einer Fee gleiche, die aus einer andern Welt herabgeschwebt sei, um Alles zu bezaubern, was gewürdigt ward, sich ihres Anblicks zu erfreuen.

In den glänzenden Kreis der Geladenen traten zuletzt die Angehörigen der Königsfamilie Frankreichs, die der Zufall oder eigene Wahl auf kurze Zeit in Hamburg vereinte. Sie traten auf, nicht wie aus ihrem Vaterland Vertriebene, nicht wie geächtete Flüchtlinge, sondern mit allem Pomp eines regierenden Hofes –grand cortège– ein Heer von Kammerdienern voraus, eine Schaar hoher Militärpersonen, Adjutanten und Gardeoffiziere – dann nach einer Pause der Graf von Artois, an seinem Arme führend seine Nichte Marie Therese, des enthaupteten Königs Tochter, vermählte Herzogin von Angoulême; diesem Paare folgte der Herzog Ludwig von Angoulême, der Gemahl der vor ihm Gehenden, am Arm die Gemahlin des Grafen von Artois, auch eine Marie Therese, Tochter des Königs Victor Amadeus III. von Sardinien. Nach diesen erschien Louis Heinrich Joseph von Bourbon, Herzog von Condé, an seinem Arm die reizende Prinzessin Charlotte von Rohan-Rochefort, und dem Paare auf dem Fuße folgte ohne weibliche Begleitung ein schöner, junger, schlanker Herr in reicher Militärtracht, dem ein etwas älterer Herr, ebenfalls in kriegerischem Waffenschmuck, aber mit Zeichen der Trauer, zur Linken ging. Dieser Letztere war dernächste Verwandte der Reichsgräfin, war Charles Bretagne Marie Joseph Herzog von Tremouille, Prinz von Tarent und Talmont; er stand im Heere des Herzogs von Condé, das er mit ihm auf kurze Zeit verlassen hatte, und die Abzeichen seiner Trauer galten seinem Vater, dem Herzog August Philipp, dem tapfern Vertheidiger des Königthums, der früher als treuanhänglicher Adjutant des Grafen von Artois manchen Sieg in der Vendée erfochten hatte, endlich aber als Cavallerie-General an der Spitze der kriegerischen Vendéer in Gefangenschaft gerieth und seine Treue gegen das Königshaus mit dem Tode büßte. Kein Wunder, daß der junge Prinz von Talmont ernst einherschritt, und daß man ihm ansah, er komme nicht in diesen Kreis, sich und Andere zu erfreuen, sondern er folge dem Zwang des Herkömmlichen wie des Dienstes, der ihn an einen Prinzen aus königlichem Blute bannte.

Die Assemblée hatte ihren Gang, die Franzosen zeigten sich steif und förmlich, in jedem Gesicht lag der peinliche Ausdruck, als suche dasselbe etwas, das vermißt werde und nicht zu finden sei. Waren es die Räume des Louvre, oder der Tuilerien, waren es die Zimmer der Schlösser von St. Cloud, St. Germain, Fontainebleau oder Versailles, die hier gesucht und nicht gefunden wurden? Sehnte man sich hier unter Hamburgs Himmel in das idyllische Schäferdörfchen von Klein-Trianon zurück? Wer vermochte dies zu sagen, wer konnte im Innern so vieler Personen lesen? Man sprach, man lächelte fein, man schmeichelte, man witzelte und erging sich auch zum Theil in hohlen Phrasen.

Der Graf von Artois wandte sich an die Reichsgräfin mit dem schmeichelhaften Kompliment: Frau Comtesse! Ihr Hotel ist la France – ah – la France ist im Hotel d’Aldenbourg zu Hamburg.

Ein Höfling, einer der Boutier’s, schnappte diese fade Schmeichelei auf und wisperte sie weiter; sie ging durch alle Zimmer, von Mund zu Mund, wie der Orakelspruch eines Propheten. Man besprach allerdings auch vielfach die Ereignisse der Zeit, aber stets aus einem einseitigen, meist falschen Gesichtspunkt, betäubt von dem Schwindel unerfüllbarer Hoffnungen, in die man sich einwiegte, triumphirend über die Volksaufstände, die in Paris der Hunger hervorrief, und in diesen Aufständen die Strohhalmen einer erfolgreichen Reaction erblickend,an die man sich zu klammern versuchte. Daß bei dem furchtbaren Mangel an baarem Gelde und Lebensmitteln die Abgeordneten des National-Convents ihre Diäten auf 36 Livres erhöhten und dadurch die geld- und besitzlose Menge gegen sich aufbrachten, wurde voreilig genug als ein gutes Zeichen baldigen Umschlags gedeutet.

Die alte Reichsgräfin ließ jetzt auf goldenem Teller ein Kästchen herbeitragen, welches von dem reinsten durchsichtigen Bernstein gefertigt und mit Purpursammt ausgefüttert war, und als sie es öffnete, erblickten die um sie Versammelten eine Anzahl einzelner, mit einem schwarzen schmalen Seidenbändchen gebundener greiser Locken.

Sehen Sie hier, meine allerhöchsten und allergnädigsten Gäste, sprach die Matrone mit Ernst und Würde: eine geweihte Reliquie, über welche freilich nicht der Papst seinen Segen gesprochen hat. Sie ist geweiht mit dem Blute des gesalbten Hauptes, das diese Locken trug, diese Locken, die einst blond waren, und die der Kerker in kurzer Frist weiß färbte. Eine treue Hand setzte sich in den Besitz dieses Haares und übergab es der meinen, und die meinige soll nicht weniger treu befunden werden. Sie alle, meine hochverehrtesten Verwandte und Freunde, deren gemeinsame Abstammung aus dem uralten Königshause Capet Sie dem Hause Bourbon verbindet, sollen von mir, wie von ihr, der Unvergeßlichen, eine dieser Locken zum Andenken empfangen; es ist das Haar Ihrer unglücklichen Königin, es ist das Haar Marie Antoinettens von Frankreich!

Jede einzelne Locke lag in einem großen goldenen Medaillon zwischen zwei feingeschliffenen ovalen Platten von Bergkrystall hermetisch verschlossen, und in das Gold am untern Rande war auf der einen Seite die ChiffreMAund darunter die verhängnißvolle Jahrzahl, auf der andern aber der einfache Namenszug der Geberin, wie sie gewöhnlich zu unterzeichnen pflegte, und die Jahrzahl 1795 eingegraben.

Prinz Talmont stand bei der Reichsgräfin und bei Georgine, und sprach ernst über die ernste Zeit. Georgine, welcher im hohen Grade die Schattenseite der Emigranten aufgefallen war, die bei dem Prinzen Talmont wenig, und noch am Wenigsten bei dem jüngeren Prinzen Condé hervortrat, bekämpfte die eitle Selbsttäuschung, welcher die Emigranten sich hingaben, indem sie sagte: Ich muß Ihnen eine Stelle unseres Thomson mittheilen, mein Prinz, nicht um Ihr Gefühlzu verletzen, oder irgend einem Würdigen damit weh zu thun, das sei ferne; aber im Allgemeinen ist auf Ihre geflüchteten Landsleute jenes Dichterwort anwendbar, welches lautet: »Wo bist du, lügenhafte Eitelkeit? Ihr immer lockenden, ihre immer täuschenden Wünsche, wo seid ihr und was Anders erreichtet ihr, als Beunruhigung, Kummer und Gewissensbisse? Ach und dennoch, schwer niederbeugender Gedanke! ist kaum ein Auftritt des gauklerischen Trugspiels abgespielt, so erwacht aufs Neue der getäuschte Mensch aus kurzem Schlummer, gestärkt von neuer Hoffnung, zu des schwindelvollen Kreislaufs abermaligem Beginn.«

Ihr Thomson ist ein demokratischer Visionär, erwiderte Prinz Talmont: er hat ja die liebe Freiheit in einem Lehrgedicht besungen, daraus sich noch viel Anderes gegen uns würde anführen lassen. Erlauben Sie mir aber, Frau Herzogin, Ihnen auf Ihres Dichters Worte mit denen eines französischen zu antworten, der mit ungleich weniger Worten das ausdrückt, was wir alle fühlen, die wir im Unglück und aus unserem Vaterlande verbannt sind; es ist Corneille, den ich meine. »Ein großes Herz kann einem Thron entsagen, und kann dies mit Ehren thun; die That der Tugend wird gekrönt vom Nachruhm. Aber wer auf Das freiwillig verzichtet, was sein Herz mit flammender Liebe umfaßt, der ist ein Feiger und weiß nicht zu lieben.« Was unser aller Herzen mit flammender Liebe umfassen, Frau Herzogin, das ist unser Frankreich, unser Vaterland. An ihm hangen und halten wir, unsere Vaterlandsliebe ist unser Palladium, sein unsichtbares Bild tragen wir mit uns in Ferne und Verbannung, wie Anchises aus Troja’s Flammen die sichtbaren Bilder seiner Laren mit von dannen trug. Nehmen Sie uns Franzosen diese Liebe, diese Treue, dann ist uns Alles genommen, dann sind wir ganz vernichtet. Würden wir unsere Liebe aufgeben, dann verdienten wir, daß unsere Namen ausgetilgt würden von den Tafeln der Geschichte.

Georgine schwieg, sie fühlte sich tief getroffen, nicht durch die allgemeine Wahrheit, die in den Worten des Dichters und des Prinzen ausgedrückt wurde – noch etwas Anderes, etwas Besonderes traf und berührte empfindlich ihr Herz. War sie es nicht, die Dem freiwillig entsagt hatte, was ihr Herz mit flammender Liebe umfaßte? Hatte sie sich nicht ihres Sohnes entäußert durch so lange Jahre? Ruhig hatte sie es geschehen lassen, daß eine fremde Hand ihn pflegte und auferzog, zufriedenund beruhigt war ihr Gemüth, daß ihr Geheimniß so trefflich bewahrt blieb, daß Niemand die leiseste Ahnung davon hatte, daß sie vor ihrer Vermählung schon einmal Mutter geworden. War sie denn diesem Sohne gar nichts schuldig? Sollte die einfache Gabe des Lebens sein ganzes mütterliches Erbtheil sein?

Alle diese Gedanken fuhren wie Blitze durch der Herzogin Seele, indem sie schweigend in ihrer Hoheit und Schönheitfülle dastand und manche Blicke an ihr bewundernd hingen. Niemand aber ahnte, was hinter diesen sanft gesenkten Wimpern, hinter dieser herrlich geformten Stirne von rosigem Marmor leuchtete. Sie gelobte sich, Versäumtes gut zu machen.

Die Reichsgräfin hatte indeß gegen den Prinzen das Wort genommen: Was Sie empfinden und aussprachen, mein Prinz, war eine gute und edle Entgegnung, und Jeder wird die Gefühle ehren, denen Sie im Namen aller Ihrer unglücklichen Landsleute so eben Worte gaben. Doch möchte ich, da wir uns eben mit den Federn fremder Gedanken schmücken, als mahnenden Zuruf ein Wort meines Lieblingsdichters zur Geltung bringen, und ich wünsche, ich könnte dasselbe für eine große Anzahl Ihrer Landsleute zum Glaubensartikel erheben; mein Dichter ist Horaz, und seine Worte, die ich meine, sind diese: »Wem allzusehr das Glück die Seele schwellte, den erschrecken die Wechsel der Geschicke auf das Heftigste. Denn von Allem, was wir bewunderten, reißen wir uns ungern los. Fliehe das große Leben! Es ist gestattet, unter niederem Dach Könige und Königsfreunde zu übertreffen.«

Und Könige und Königsfreunde zu bleiben! fiel die Prinzessin von Rohan-Rochefort ein, welche den Sprechenden nahe getreten war und diese Worte vernommen hatte. Zur Reichsgräfin gewendet, fuhr sie fort: Gewiß, Comtesse, dies ist ein schönes Wort, und wir, die Meinen und ich, haben es bereits zur Wahrheit gemacht. Die Gnade des Markgrafen von Baden hat uns in seinem Lande ein stilles Asyl gewährt; ich wünschte es nie zu verlassen!

Glücklich Die, Prinzessin, welche leichthin ein Vaterland aufzugeben und es mit einem andern Lande zu vertauschen vermögen ohne Kummer und nagenden Schmerz in der Seele! sprach mit bewegter Stimme der Prinz Talmont und mit sanftem Vorwurf, den er durch den Zusatzmilderte: Kindesliebe ist der Frauen Panier, Vaterlandsliebe das der Männer. Bleibe Jedem das Seine!

Der Graf von Artois hatte alle seine schönen Redensarten verbraucht und gab der Gesellschaft das Zeichen zum Aufbruch, der auf seiner und seiner nächsten Umgebung Seite ebenso feierlich und ceremoniös war, wie sein Eintritt.

Bald darauf zerstreuten sich diese vornehmen und zum Theil jetzt so unglücklichen Personen, welche nicht ohne Absicht in der freien Stadt Hamburg eine flüchtige Vereinigung zur Besprechung ihrer Angelegenheiten gehalten hatten, nach verschiedenen Richtungen hin. Der Graf von Artois begab sich nach Hamm, der Prinz von Condé wieder zur Armee an den Rhein. Die Angehörigen der Familie Rohan-Rochefort suchten ihr Asyl in Baden wieder auf; Georgine hatte mit ihrer würdigen Freundin noch einige sehr wichtige Unterredungen, welche alle das Lebensglück Ludwigs zum Gegenstand hatten, der nicht ahnte, daß zarte weibliche Hände den Versuch zu machen unternahmen, in die Räder seines Lebensganges bestimmend und lenkend einzugreifen. Armer Sterblicher schwaches Mühen! Wie kurzsichtig ist oft selbst die reinste Liebe! Nichts läßt im Voraus sich bestimmen; alle Fäden lenkt allein die allmächtige Hand des Geschickes, und kaum vergönnt sie der einzelnen Menschenhand, diesen Fäden eine hellere oder dunklere Färbung zu geben. Mancher Lebensfaden blitzt freilich glanzhell, wie ein Sonnenstrahl, andere sind lebenslänglich hoffnungsgrün, andere aber sind düster gefärbt und manche völlig nachtschwarz.

Die ältere und die jüngere Freundin beschlossen in ihren vertraulichen Berathungen, daß der Graf Ludwig zur Stärkung seiner Gesundheit nach England kommen und durch Empfehlungsbriefe seiner Großmutter sich bei der Herzogin einführen solle. Diese wollte ihn dann in hohe Kreise ziehen, ihm die edelsten Herzen zu gewinnen suchen, und vielleicht eine glückliche Vermählung zwischen ihm und einer liebenswürdigen jungen Lady zu Stande bringen. Der Graf sollte in die Fußtapfen seiner Verwandten treten, und entweder unter der Leitung der angesehenen Glieder der englischen Familie des gemeinsamen Stammes die Laufbahn eines Staatsmannes beginnen, oder, falls ihm das minder zusage, wollte man ihm ein Landgut kaufen, das er nach Lust und Liebe bewirthschaften könne. Glücklich sollte er werden, der gemeinsameLiebling, durch Glück und Lebensfreuden in Fülle entschädigt werden für des Dunkel seiner Geburt. Auch noch ein Name von irgend einer Besitzung sollte ihm zufallen, auf daß er ein neues Geschlecht begründe, das mit ihm beginne.

Ottoline verweilte noch mit ihren Kindern in Hamburg, Georgine ging nach England zurück; William blieb aus unbekannten Gründen; er erheiterte oft in guten Stunden die alte Verwandte und wußte sich ihr angenehm zu machen durch Eingehen auf ihre Ideen und Lieblingsbeschäftigungen; denn ganz vermochte sie sich doch nicht von ihren lieben Büchern und Münzen zu trennen, wenn sie auch das sich selbst auferlegte Gelübde hielt, deren nicht mehr zu kaufen. Der Vice-Admiral war auch ein Enkel der Reichsgräfin, der Sohn ihres Sohnes Johann Albert.

Auch bei den Verhandlungen über den Verkauf der Herrlichkeit Doorwerth verfehlte William nicht, seinen Rath zu ertheilen, und verkehrte viel darüber mit Kammerrath Melchers, dem rechtskundigen Geschäftsführer der Gräfin. Beiden war unter Anderm die einfache Quittung, welche die Besitzerin von Doorwerth entworfen, nicht genügend; sie kalkulierten und spintisirten so lange, bis sie nachstehenden Zusatz ausgegrübelt hatten, zu welchem die Matrone ihre Einwilligung zu geben durch beider Rathgeber überwiegende Gründe sich bewogen fand.

AdditamentumzurInterims-Quittung

in Abschlag des am 3. Sept. jüngst bereits zu entrichten gewesenen erstenTerminsvon Fünfzig Tausend Gulden Holländisch ausgezahlt und von Uns,reservatis reservandis, und mit dem ausdrücklichen Beifügen in Empfang genommen worden, daß dadurch an Unsern Gerechtsamen und Forderungen nichtspraejudicirliches eingeräumet sein soll, die gedachteCessionUnsrer HerrlichkeitDoorwerthund übriger in der ProvinzGeldernbelegenen Güter auch von selbst wegfallen würde, falls gedachter Unser Herr Enkel die eingegangenen Bedingungen zu erfüllen außer Stande sein oder an dem völligen Abschluß des Vergleichs selbst sich in der Folge sonstige Hindernisse ergeben sollten; in welchen unverhofften Fällen Wir Uns jedoch verpflichtet achten, demselben diese einstweilen ausgezahlteSummeder Zwanzig Tausend Mark HamburgerBanco, nach desfalls zu nehmenderAbrede, zurückzuzahlen oder Uns an Unseren aus den GräflichAldenburgischen in Deutschland belegenen Gütern zu beziehendenAliment-und Jahresgeldernsuccessivekürzen zu lassen.

Hamburg den 1. Februar 1795.

In dieser Form wurde die Quittung nach hinlänglich langer Kanzleiverzögerung abgesendet, ohne Rücksicht darauf, daß der erwähnte Enkel als politischer Gefangener und als ein des Handelns in dieser Sache ganz ohnmächtiger Mann in der niederländischen Festung Woerden saß.

Jetzt besaß der Erbherr Doorwerth und besaß es auch nicht.


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