III.
Es ist ganz merkwürdig, mit welcher Deutlichkeit all das Vergangene mir wieder vor die Sinne tritt. Wie mit schwerer Grabeserde schien mir bisher der größte Teil meiner Jugend verdeckt und nun flattert es allenthalben empor wie leichte, windwehende Schleier und vergangene Tage treten hinter ihnen hervor mit ihren strahlenden Sonnen und dumpfen Nächten, mit all ihrem zitternden Glück und heimlich weinenden Leid, mit der süßschmerzlichen Unruhe einer jungen Seele, die zum Leben, Lieben und Leiden erwacht.
Ich habe in den letzten Wochen nicht schreiben können; zu groß war die Fülle der Erinnerungen und ich mußte erst in mir selber klar werden. So bin ich denn im Schnee meiner Einsamkeit herumgestapft und habe all die leisen Zeichen beachtet, die mir sagen, daß es wieder Frühling wird.
Noch steht der Wald in tiefem Schnee, aber hier und dort schnellt ein Zweiglein, das bisher regungslos zu Boden gehangen ist, empor und wirft die weiße Last von sich, die es so lange getragen; eifriger turnen die Meisen im Geäst auf und ab, und ihr Zwitschern klingt von Tag zu Tag lauter. Die Luft ist durchsichtig und auf den Bergen und Felsgipfelnist jede Runse, jeder Stein deutlich zu erkennen. Am schönsten aber sind die Nächte. Sie werden gar nicht mehr dunkel. Der Mond leuchtet mit einer Helligkeit, daß jede Linie scharf hervortritt; wie geschmolzenes Silber liegen die blendenden Schneeflächen auf den Bergen und ebenholzschwarz heben sich von ihnen die Wälder ab. Die Sterne brennen hell und unruhig und ein Rauschen ist in der weiten Runde, als gingen unter dem tiefen Schnee tausend und tausend Bäche zu Tal und in der Welt hinter den Bergen sei ein Sturm erwacht, der Einlaß in meine Waldeinsamkeit sucht. Gestern schrie drüben am See, der schon dort und da die tiefschwarzen Flecken offener Stellen zeigt, ein fremder Vogel. Ein ganz eigener Ton war das, als hätte die Nacht plötzlich eine Stimme bekommen und schreie voll Sehnsucht nach Licht.
Ja, die Sehnsucht! Ein Kind des Lichtes ist sie und darum strebt sie auch zum Licht. Nur daß die Kreatur zumeist das Ziel nicht klar erkennt und wenige zum großen, ewigen Weltlicht, zum Frieden kommen, in dem alles Vergängliche untergeht wie in einem Meere von Harmonie.
Auch mein Leben ist auf den dunklen Irrpfaden der Sehnsucht gegangen und wenn ich auch in früheren Tagen oft bereut habe, daß ich willenlos mich auf ihnen hintreiben ließ, heute lächle ich dazu: sie waren doch Wege zum Frieden, wie überhaupt alles, wasda ist, diese Wege geht, mögen sie auch durch Dornen und Wüsten führen und mögen auch ganze Lachen roten Herzblutes auf ihnen stehen.
Ich war Heri verfallen. Wenn auch immer wieder eine Stunde kam, wo sich mein ganzes Wesen gegen die Macht aufbäumte, die von ihr ausging, wenn ich auch dann jedesmal den Versuch machte, zu Marieli zurückzukehren, die mir trotz aller Vernachlässigung in gleichmäßiger Innigkeit ihr stilles reines Kinderherz entgegentrug, – ich mußte wieder zu Heri zurück.
Nicht wenig trug dazu bei, daß ich mich auch geistig von dem Marieli von Tag zu Tag weiter entfernte. Der Unterricht, den Heri erhielt und an dem ich noch immer teilnehmen durfte, ging allmählich weit über das hinaus, was in der Dorfschule gelehrt wurde, und mir öffneten sich Blicke in die Welt und in die Natur, die mich mit dem eifrigsten Streben erfüllten, immer noch mehr und mehr kennen zu lernen. Hand in Hand mit Heri wanderte ich durch fremde Länder und sah längst begrabene Völker auferstehen. Ach Gott! wie glücklich mußte der sein, der alles lernen konnte, was es da noch zu lernen gab!
„Du mußt studieren!“ sagte eines Tages Heri zu mir und warf damit einen Brand in meine Seele, der nicht mehr zu löschen war. Nun fing ich auch an, über meine Zukunft nachzudenken. Bisher warich mit dem Lebenswege, wie ihn mir meine Mutter wiederholt vorgezeichnet hatte, ganz zufrieden gewesen. Ich sollte erst meine Lernzeit in der Dorfschule beenden, mit fünfzehn Jahren dann in eine niedere Forstschule eintreten und nach Absolvierung derselben in den Dienst des Grafen treten. Ich konnte es da bis zum Förster bringen und das schien meiner Mutter ein so hohes und ehrenvolles Ziel, daß sie ganz außer sich war, als ich ihr eines Tages sagte, daß ich weiter hinaus wolle.
„Kind,“ rief sie, erschrocken die Hände ringend, aus, „wie kommst du auf solche Gedanken! Bedenke doch, daß ich kein Geld habe, um dich studieren zu lassen. Und sonst haben wir auch niemand, der dir dazu verhelfen könnte. Und glaubst du, daß das Studieren allein glücklich macht? Dein Vater war nichts als ein einfacher Heger und war doch zeitlebens“ – sie seufzte auf, wie immer, wenn sie an die schöne, friedliche Zeit ihres kurzen Eheglücks dachte – „ein zufriedener, glücklicher Mensch. Du aber wirst mehr als er, bekommst selbständig dein Revier, das wird doch für ein Kind armer Leute, wie du eines bist, genug sein.“
Ich erwiderte darauf nichts, aber überzeugt war ich von den Worten der Mutter durchaus nicht. Warum sollte es für mich genug sein, nur Förster zu werden, warum sollte ich nicht auch hinaufgelangen können zu der Höhe, auf der z. B. HerisVater stand! Ich hatte durch den Verkehr im Hause des Oberforstverwalters eine Form des Lebens kennen gelernt, deren Schönheit tief auf meine junge, empfängliche Seele wirkte. Der ruhige, vornehme Ton, der im Hause herrschte, das innige Verhältnis zwischen den drei Personen mit all den hundert und hundert kleinen Aufmerksamkeiten und Rücksichten, mit denen man sich täglich das Leben verklärte, das waren Dinge, die mir das ganze Herz aufrührten. Wie schön müßte das sein, einmal ein Zimmer zu haben mit weichen Teppichen, einem schwellenden Sofa, schweren Samtvorhängen vor den großen Fenstern und großen Bildern an den Wänden. Sollte es das für mich nicht geben dürfen, daß mir in stiller Feierstunde ein Dichter die Welt der Schönheit erschließt oder daß mir nach des Tages Arbeit Musik das müde pochende Herz erquickt? Sollte ich, weil meine Eltern zufällig arme Hegersleute waren, in die Masse derjenigen hinabgestoßen werden, die nichts Höheres kennen, als gut Essen und Trinken. Da hätte man mich nicht mit Besserem bekannt machen, mich nicht an tieferem Unterrichte teilnehmen lassen sollen.
Stundenlang grübelte ich nun oft über meine Zukunft und entwarf Plan auf Plan, denn studieren mußte ich, das fühlte ich von Tag zu Tag stärker und klarer. Gewiß, auch das bescheidene und schlichte Leben, wie es mein Vater geführt hatte,hatte seinen Reiz und sein Glück, aber ich mußte höher hinauf, schon wegen Heri.
Ja, wegen Heri! Auf einmal war mir der Gedanke gekommen. Wenn ich nicht studierte, dann mußte sich mit den Jahren eine tiefe Kluft zwischen uns öffnen, dann stand sie hoch über mir, dem niederen Forstmanne, und ihre Augen würden stolz und kalt auf mich herabsehen. Eine glühende Welle lief bei diesem Gedanken durch meinen Körper, ich fühlte die Scham im voraus, die ich dabei empfinden würde. Nein, das durfte nicht sein, das könnte ich ja nicht ertragen und darum mußte ich es durchsetzen, studieren zu können. Nur so konnte ich an ihrer Seite bleiben.
Wer aber sollte mir zum Studium verhelfen, wer konnte es? Einzig und allein der Oberforstverwalter, und diesen für den Plan zu gewinnen, war niemand besser geeignet, als sein Abgott, Heri. Nur wußte ich nicht, wie ich das Gespräch auf mein Thema bringen sollte; denn eine direkte Bitte wollte ich nicht tun.
Und da kam mir wieder einmal etwas zu Hilfe, was die Menschen so gerne Zufall nennen und was doch, wie alles auf der Welt, seinen zwingenden Grund hat, und wäre das auch kein anderer, als unser sehnlicher Wunsch, der auf uns noch geheimnisvollen Wegen in den ehernen Ring von Ursache und Wirkung tritt.
Unsere Lernstunde war vorüber und Heri und ich stiegen die breite Schloßtreppe zum Garten hinab. Heri war heute so still und versonnen, in ihren Bewegungen lag etwas so Weiches und Wehmütiges daß ich sie endlich besorgt fragte: „Heri, was hast du denn heute?“
Da faßte sie meine Hand, sah mir tief in die Augen und erwiderte: „Heini, kannst du dir vorstellen, daß wir zwei in einem Vierteljahre nicht mehr beisammen sein sollen?“
Ich erschrak auf das heftigste und fühlte mein Herz für einen Augenblick stillstehen.
„Du – du sollst fort?“ stotterte ich dann hervor.
„Ja, in die Stadt ins Kloster zu den grauen Schwestern. Der höheren Ausbildung wegen, meinen Papa und Mama.“
„Und du freust dich darauf?“
„Nein. Das heißt: auf das Lernen freue ich mich schon, aber auf das andere alles nicht! Wie oft werde ich an unseren schönen Garten da zurückdenken und wie wir zwei da so lustig waren. Bei den Klosterschwestern, da heißt’s schön still zwei und zwei spazieren gehen, da gibt’s kein Laufen, kein Klettern und Springen und denk dir, lange Röcke soll ich dann auch schon tragen!“
Sie wußte noch von einer ganzen Menge von Dingen zu erzählen, die ihr nicht paßten; aber ich hörte nur mit halbem Ohre darauf hin und als sieendlich schloß: „Ja, Heini, so ist’s und du mußt dich an den Gedanken gewöhnen so wie ich!“ da platzte ich plötzlich heraus: „Und ich gehe auch mit in die Stadt!“
Sie sah mich eine Weile an, ob es mir Ernst sei, oder ob ich Scherz mache und dann sagte sie: „Du willst mit in die Stadt? Was wolltest du denn dort?“
„Studieren!“
„Ja, aber du, Heini, das kostet viel Geld. Papa muß auch für mich viel zahlen! Woher wolltest du denn das Geld nehmen?“
Wie mir da augenblicklich der Gedanke kam, weiß ich heute noch nicht, aber schlagfertig erwiderte ich: „Wenn dein Vater für mich bitten tät, wer weiß, ob mich nicht der Herr Graf studieren ließe. Der hat doch Geld genug!“
Heri heftete ihre dunklen Augen in die Ferne, dann fuhr sie plötzlich mit einem Ruck herum und rief: „Du, Heini, das muß gehen. Ich will den Papa bitten, daß er für dich bei dem Herrn Grafen ein gutes Wort einlegt. Und weißt: der Herr Graf hält große Stücke auf den Papa und wenn der etwas sagt, dann geschieht es auch.“
Und im nächsten Augenblicke hatte sie auch schon das Angenehme für sich selbst herausgefunden und sie klatschte in die Hände und jubelte: „Heini, das ist ein vorzüglicher Gedanke. Weißt du: die Elternhaben mir versprochen, daß ich alle Sonntage zu Tante Berta kommen darf und da kommst du dann auch hin und wir können wenigstens jeden Sonntag beisammen sein. Tante Berta ist sehr nett und hat bei ihrem Haus auch einen netten Garten, freilich viel kleiner als unserer da, aber ein Garten ist’s doch. Ja, Heini, du mußt mit. Ganz gewiß, und ich, wenn der Papa nicht gleich will, ich werde schon mit Betteln nicht nachlassen. Ich setz’ es durch!“
Und sie setzte es durch. Über Verwendung des Oberforstverwalters erklärte sich der Graf bereit, die Kosten für meine Unterbringung in dem Studentenheim der Stadt zu tragen. Für die Bücher versprach der Oberforstverwalter zu sorgen und das andere, Kleider und weitere Notwendigkeiten, konnte schon meine Mutter bestreiten.
Es war ein herrlicher Septembertag, als ich mit meiner Mutter zur Mühle hinabschritt, um mich von der Müllerin und dem Marieli zu verabschieden.
Die Müllerin saß in der großen Stube, von der einige Stufen hinaufführten zur Tür in das Mühlenwerk, und hatte einen gewaltigen Stoß Wäsche zum Ausbessern vor sich. Sogleich aber schob sie ihn zur Seite und den Zweck unseres Kommens erratend, sagte sie: „Also jetzt wird’s Ernst.“ Und mit diesen Worten reichte sie nicht nur der Mutter, sondern auch mir die Hand. Letzteres hatte sie noch nie getan und ich fühlte mich deshalb jetzt sehr gehoben. Nun galt ich schon als Erwachsener.
Und die Müllerin wollte zur Feier des Abschieds sogar etwas Besonderes tun, nämlich Tee kochen.
„Das Zuschaun wird dich wohl nit interessieren, Heini,“ meinte sie, „such derweil das Marieli auf. Sie wird im Garten sein.“
So war sie nun gekommen, die Stunde, die ich schon seit Wochen so arg gefürchtet hatte. Aber ich nahm allen Mut zusammen und ging in den Garten hinaus.
Still lag er da im weichen, lauen Sonnenschein. Keine Glut strömte von den sauber gepflegten weißen Kieswegen aus, nur sanfte, wohlige Wärme. An den Seiten der dunkelgrünen Buchseinfassung leuchtete das Tiefrot der Georginen und dazwischen schimmerten in blassen, vornehmen Farben die Astern. Darüber lagen flimmernde, zarte Gewebe, die Sommerfäden, und ließen in dem sanften Lufthauch ihre Enden wie silberne Wimpel wehen.
Von dem gelben Hauch des Welkens umwittert, lag die Bohnenlaube vor mir, und da meine Blicke das Marieli sonst nirgends fanden, schritt ich auf die Laube zu.
Ich hatte wider Willen meine Schritte verlangsamt und war auf den Zehenspitzen gegangen und deshalb hatte auch Marieli mein Kommen gar nichtgehört. Sie hatte beide Arme auf den Tisch gelegt, den Kopf darauf gesenkt und schluchzte, daß es mir das Herz zusammenzog.
Eine Weile stand ich regungslos und überlegte, ob ich mich melden oder heimlich wieder davonschleichen sollte. Am liebsten hätte ich eigentlich letzteres getan, aber ich schämte mich und dann dachte ich daran, daß ich mich wohl auch vor der Müllerin und der Mutter nicht verantworten konnte.
So nahm ich denn allen Mut zusammen und rief leise: „Marieli!“ Sie hörte mich nicht, denn ich hatte ihren Namen nur so hervorgewürgt und er klang zu leise und heiser.
Da tat ich einen festen Schritt auf sie zu und rief lauter: „Du, Marieli!“
Nun hob sie jäh ihr tränenüberströmtes Gesichtchen empor und Erschrecken und Glück zugleich malte sich auf ihren Mienen.
Ich konnte mir zwar denken, warum sie weine, ein inneres Gefühl sagte es mir; trotzdem aber fragte ich: „Warum weinst du denn, Marieli?“
Sie sah mich groß an, als wollte sie sagen, wie ich denn so fragen könne, dann aber senkte sie das blonde Köpfchen und erwiderte leise: „Ich hab’ dich und deine Mutter kommen sehen.“
Ich wußte nichts zu sagen und es entstand eine lange Pause, in der ich mich vergebens nach einem erlösenden Worte abquälte. Wie sie so dasaß mitihren lieben, nun so nassen und traurigen Augen, fühlte ich plötzlich wieder, wie lieb ich sie hatte und wie schwer es mir sein würde, sie nun auf Monate nicht mehr zu sehen. Denn wenn mich auch Heri ganz mit Beschlag belegt hatte, dann und wann hatte ich doch ein Stündchen mit Marieli verplaudert und gespielt und jedesmal hatte ich die wundersame Ruhe gefühlt, die von ihrem Wesen auf das meine überströmte.
So stand ich hilflos vor ihr und meine Seele bebte in Leid und Wehmut.
„Fahrst morgen schon fort?“ unterbrach sie endlich das Schweigen.
„Nein, übermorgen in der Frühe fahren wir fort.“
„Du und deine Mutter?“
„Nein, der Herr Oberforstverwalter und die Frau und die Heri. Und da nehmen sie mich auch gleich mit.“
Auf diese Erklärung senkte Marieli wieder den Kopf und es entstand wieder ein Schweigen zwischen uns. Ich sah, wie sich ihr Gesichtchen immer tiefer und tiefer zur Brust hinabneigte und wie plötzlich ein Zittern durch ihren Körper lief. Ich wußte, nein, ich ahnte nur, was in ihr vorgehen mochte, und quälte mich neuerdings vergebens, ihr ein liebes, beschwichtigendes Wort zu sagen. Aber als ich auch diesmal keines fand, und plötzlich ihr leises Schluchzen an mein Ohr drang, da nahm ich siein heißer, inniger Aufwallung in die Arme, drückte ihren Kopf an meine Wange und flüsterte: „Marieli, nicht weinen, ich bitt’ dich, nicht weinen!“
Und als sie nun ruhiger wurde und dann ihre Augen zu mir aufschlug, die im Schimmer taufeuchter Veilchen erglänzten, da kam es plötzlich über mich so seltsam, so fremd und stark und ich küßte sie.
Heri hatte mich schon manches Mal geküßt, wenn sie gerade in toller Laune gewesen war oder ein Unrecht gutzumachen hatte, das ihr stürmischer Sinn an mir begangen hatte, aber außer einem Gefühl augenblicklicher Verwirrung hatten diese Küsse nichts in mir bewirkt. Nun ich aber selbst und zum ersten Male Marieli geküßt hatte, war es mir, als sei etwas Großes geschehen, etwas, das nie und nie mehr aus meinem Leben zu schaffen sei.
Über Marielis verweintes Gesichtchen aber glitt ein unsäglich seliges Lächeln und in ihre blauen Augen kam ein so süßes Leuchten, als sei ein ganzer Frühlingshimmel in sie herabgesunken.
„Gelt, Heini, du schreibst mir auch einmal?“ sagte sie nach einer Weile.
„Ich werde dir alles schreiben, wie’s in der Stadt ist, und weißt,“ – ich war in dem Augenblicke wirklich fest entschlossen dazu – „wenn’s mir dort nicht gefällt, dann komm’ ich zurück und bleib’ da. Und dann werd’ ich auch nicht Förster, dann lern’ ich die Müllerei.“
In diesem Augenblicke erscholl hinter mir ein höhnisch meckerndes Lachen. Bartl war nach seiner Gewohnheit, überall zu horchen und zu lauern, heimlich herangeschlichen und hatte jedenfalls unser Gespräch oder wenigstens einen Teil desselben belauscht.
Wir beide haßten uns aufs grimmigste, und hätte mich nicht ein bittender Blick Marielis abgehalten, ich hätte mich augenblicklich auf ihn gestürzt und mit den Fäusten Abschied von ihm genommen.
Aber auch er erkannte, daß mit mir jetzt nicht gut Kirschenessen sei, und ein paar Schritte zurückweichend sagte er: „O je, was der jetzt für Augen macht, so wild! Und grad hat er so gut Busserl geben können!“
Ich trat einen Schritt auf ihn zu und drohte ihn an: „Du!“
Schon war er aber wieder zurückgewichen und an der Gartentür höhnte er: „Mit einem Studenten rauf ich nit; aber wannst heimkommst und Müller wirst, dann ja. Bhüt dich Gott, Busserlstudent!“
Wieder ein höhnisch meckerndes Lachen und der Bursche war verschwunden.
Zornglühend wandte ich mich wieder dem Marieli zu. Sie stand da, das liebe Gesichtchen mit flammender Röte bedeckt.
„Was hast du denn, Marieli?“ fragte ich, als sie vor meinem Blick die Augen senkte.
Da ging ein leichter Schauer durch ihren schmächtigen Körper, und dann sah sie mich an, so eigen, sofremd und doch so vertraut, wie mich noch kein Mensch angesehen hatte. Es war nicht Heris fordernder und zugleich verheißender Blick, es war etwas, wie aus einem mir ganz unbekannten Lande. Wie ein Schauer zog es durch meine noch eben von heißem Zorn erfüllte Seele, wie ein kühler Strom, der alle Aufgeregtheit besänftigt und doch das Herz wieder erzittern macht. Ein Neues war in mein Leben getreten, dessen Namen ich damals noch nicht kannte, aber noch tief und schmerzlich kennen lernen sollte: die Liebe.
Verwirrt standen Marieli und ich voreinander und es war uns beiden eine Erleichterung, als wir die Stimmen unserer Mütter hörten, die sich voneinander verabschiedeten.
Die Müllerin gab mir noch herzliche und wohlgemeinte Worte und Lehren auf den Weg mit und ließ sich’s auch nicht nehmen, mir zwei blanke Guldenstücke in die Westentasche zu schieben, denn, meinte sie, sie habe einmal gehört, daß Studenten immerzu Geld brauchten.
Meine Mutter und ich schritten weiter. Wir hatten noch einen Abschiedsbesuch zu machen, den auf dem Friedhofe.
Dieser lag vor Beginn des Dorfes auf einem sanft geneigten Abhang, der sich zum Hochwald hinanhob. Auf der Wiese zwischen der niederen Kirchhofsmauer und dem Wald ästen in den frühenMorgenstunden die Rehe und von den gewaltigen, moosüberzogenen Buchen jubelten die Finken, als wüßten sie um das köstliche Geheimnis, daß alles Schlafen da unten unter den grünen Hügeln eigentlich nichts anderes sei, als ein Ausruhen zwischen zwei Reisen.
Jetzt, als meine Mutter und ich durch die alte, schon ganz verrostete Pforte, die immerfort offen stand, eintraten, war es auf dem Friedhofe wundersam still. Kein Fink sang in den Buchen, kein Lüftchen raschelte in den dürren Kränzen, die hie und da an den schmucklosen Kreuzen hingen; ich konnte den eigenen Atem hören, das eigene Herz, das immer heftiger pochte, wenn ich zum Grabe meines Vaters kam.
Fester umspannte die Hand meiner Mutter meine Rechte und da standen wir vor dem kleinen Hügel, den ebenso wie das schlichte Kreuz aus Eichenholz ein Kranz aus Tannenreisig umwand.
„Jetzt, Heini,“ sagte meine Mutter mit zitternder Stimme, „tu noch einmal recht andächtig drei Vaterunser beten.“
Mit diesen Worten zog sie mich neben sich auf die Knie und schlug das Kreuz. Ich folgte ihrem Beispiel und begann zu beten. Aber ich war noch mit dem ersten Vaterunser nicht zu Ende, als ich neben mir heftiges Schluchzen vernahm. Da stieg es auch mir würgend in die Kehle, und all der bange Abschiedsschmerz, den ich bisher so mutig zurückgedämmt hatte, brach mit einem Male los und ich begann ebenfalls zu weinen.
Da zog mich meine Mutter sanft an sich und sagte: „Sei still, Heini, sei still! Schau, mir ist nur jetzt plötzlich so schwer ums Herz geworden, weil ich jetzt ganz allein bin. Und dann ist’s mir auch eingefallen, was für eine Freud’ der Vater haben tät’, wenn er das sehen könnt’, daß du jetzt studieren darfst. An so was hat er sicher nie gedacht, gerade so wenig wie ich. Und gelt, Heini, du versprichst es mir und dem Vater da drunten, daß du alleweil recht brav bleibst. Gelt, du versprichst es uns?“
Ich nickte, denn sprechen konnte ich nicht vor Tränen.
Aber die Mutter drängte: „Heini, laut mußt es sagen!“
Da stammelte ich hervor: „Ja, Mutter!“
Aber auch damit war sie noch nicht zufrieden. „Auch dem Vater mußt du’s versprechen. Denn, weißt, er hört dich ganz gut, vom Himmel schaut er herab und sieht uns und jedes Wort hört er, ganz so wie unser Hergott!“
Und da hob ich die Augen gegen Himmel und sprach laut und fest: „Ja, Vater, ich werd’ alleweil recht brav sein!“
„So ist’s recht, Heini! und jetzt beten wir noch miteinander einen Vaterunser.“
Laut hub meine Mutter das Gebet an und ich sprach es mit und dann schlugen wir das Kreuz und erhoben uns langsam.
In der Höhe des Grabhügels war an dem Kreuze ein kleiner Blechkessel mit Weihwasser angebracht, über dem ein vollständig abgewelkter Strauß von Kornblumen steckte. In diesen Kessel tauchte nun die Mutter die Finger und zeichnete mir dann drei Kreuze auf die Stirne. Darauf wandte sie sich nochmal zum Grabe und wie in einem Selbstgespräche sagte sie: „Bhüt dich Gott, Franzl! Schau auf unser Kind, du kannst es. Laß ihn nit unglücklich werden!“
Schweigend verließen wir den Friedhof. Als wir die rostige Gitterpforte hinter uns hatten, sah ich nochmals zurück und da hatte sich auf die weißlackierte Blechtafel des Grabkreuzes, die den Namen des Vaters trug, soeben die Sonne gelegt und es war mir, als lächle mir von dort das liebe Gesicht des Vaters zu. So stark war dieser Eindruck, daß ich leise zurückwinkte und mit gestärktem Mute ging ich weiter.
Zu Hause gab es noch allerlei zu packen und die Mutter begleitete jedes Stück, das sie in den großen Holzkoffer legte, mit guten Lehren, Ermahnungen, Gebrauchsanweisungen und von all dem Aufmerken und den Aufregungen des Tages war ich schließlich so müde geworden, daß ich wie ein Stück Holz ins Bett fiel und auch sofort einschlief. Und kein Traum störte diesen Schlaf.