VI.
Ewig! Wie leicht sich das spricht, wenn der Frühling das Blut durch die Adern treibt. Als ob es auf Erden außer dem Leben im allgemeinen überhaupt etwas Ewiges gäbe! Aber das Herz glaubt in kindlicher Ergriffenheit das Märchen, und der Frühling ist der größte und beste Märchenerzähler. Heute hat er mich an der Hand genommen und hat mich durch sein buntes Reich geführt. Die Sonne lag so warm auf dem Wald und streichelte mit ihren goldenen Strahlenfingern die ernsten Tannen und Fichten, daß es wie lächelnde Verklärung über ihre dunklen Häupter ging. Der Waldgrund bis zum See hinunter ist ein einziges Blühen. Gelb, Blau, Weiß und da und dort ein Tupfen Rot bedecken in kühnen Flächen den Boden und darüber summte es von unzähligen flügelblitzenden Wesen, die sich aus den Kelchen auf ihre Weise ihren Frühlingsrausch trinken. Und auch die Schmetterlinge sind schon da: der goldbraune Fuchs und der hellgelbe Zitronenfalter. Von Blüte zu Blüte taumeln sie und dann steigen ihrer zwei in kreisenden Wirbeln empor, hoch, hoch hinauf in das strahlende Ätherblau. Und ein leiser Wind ist da und trägt aus all den blühenden Weiten und Winkeln den Duft herbei und mit dem Duft zugleich den Gesang der Vögel, die auf allen Zweigen jubeln undschmettern, als sollte es ihnen die kleine, glückgeschwellte Brust zersprengen. Frühling! Und die junge Seele, die sich zum ersten Male seiner bewußt wird, die von der Sonne der Liebe zum ersten Blühen aufgeküßt wird, sie sieht Nähen und Weiten von seinem Walten erfüllt und meint, das könne nun nie mehr anders werden. Und wie sollte sie es auch wissen, daß der Frühling nur dazu da ist, das Vergängliche mit Ewigkeitsträumen zu erfüllen, auf daß es willig werde, den ewigen Lebenszwecken zu dienen. Ewigkeitstraum, Ewigkeitsrausch, das ist der Frühling. Aber aus Traum und Rausch gibt es ein Erwachen, und dann kommt die Reue und der Haß, und dieselben Lippen, über welche begeisterte Loblieder auf den Frühling geflossen sind, pressen Fluch auf Fluch hervor. Auch ich habe dem Frühling geflucht, der mir Heri in den Arm legte. Aber heute weiß ich, daß es so sein mußte, und ich wäre nicht der glückliche Mensch, der ich heute bin, wenn jener Frühling nicht gewesen wäre. Glücklich! Bin ich’s denn? Nein. Ich bin weder glücklich noch unglücklich, das sind Ausdrücke aus der Dumpfheit des Menschentums. Ich bin, schlechthin „ich bin.“ Ich bin der Frühling und der Winter, ich bin die Sonne und die Blume, ich bin ein Stück Natur, unvergänglich im Wesen, vergänglich in der Gestalt: ich bin der Friede, ich, der Einzige auf der weiten Welt!
Doch ich muß erzählen.
Als ich nach den Ferien wieder in die Anstalt kam, war in meinem Wesen eine so große Veränderung vor sich gegangen, daß auch Oskar aufmerksam wurde. Ich stürzte mich mit einem Eifer auf mein Studium, als gälte es, in einem Monat alles zu bewältigen, wozu mir noch zwei Jahre bevorstanden. Ich mied die Kameraden mehr als jemals, und auch mit Oskar kam ich weniger zusammen als je. Ich wollte allein sein, denn Lied auf Lied sproßte aus meinem Herzen empor, und wenn ich mir heute auch sagen muß, daß das meiste nicht einmal für einen der übel beleumundeten Goldschnittbände von Liebeslyrik getaugt hätte, damals fühlte ich doch über jeden Vers und jeden Reim ein Glück, das mich wie auf Engelsschwingen zum Himmel trug, in dem Heri als Gottheit auf leuchtendem Throne saß.
Ich blieb jetzt auch öfter, wenn allgemeiner Ausgang war, zu Hause, um meine Gedichte in ein Heftchen zu schreiben, dessen Blätter ich sorgfältig mit roter Tinte umrandet hatte und das ich dann binden lassen und Heri überreichen wollte.
Und bei dieser Arbeit überraschte mich an einem Nachmittage Oskar.
„Was schreibst du da?“ fragte er und griff nach dem Heft.
Ich wollte es ihm wegnehmen, aber da sah er mich so groß und fragend an, daß ich die Hand sinken ließ. Und nach einer Weile sagte er: „Sind wir nichtFreunde, Freunde“ – er betonte das stark und eindringlich – „Heini?“
Ich senkte beschämt den Kopf und er fuhr fort: „Wenn du nicht willst, daß ich lese, was du da geschrieben hast, so will ich gerne darauf verzichten. Aber ich müßte mir sagen, daß du nicht das rechte Vertrauen zu mir hättest und das, Heini, das täte mir wohl recht, recht weh!“
Nun fand auch ich wieder die Sprache: „Nein, nein, Oskar, lesen kannst du das schon. Aber weißt du, es ist halt nichts Besonderes, und ich hätte dir gerne etwas Besseres gezeigt.“
„Kein Meister ist vom Himmel gefallen und wir, die aus Eigenem lernen und werden müssen, wir werden noch lange brauchen, bis daß wir mit uns selbst zufrieden sein können. Darf ich also lesen?“
Ich nickte, und während ich mit klopfendem Herzen seine Mienen beobachtete, las er langsam Seite um Seite.
Dann legte er das Heft auf den Tisch, strich sich nach seiner Gewohnheit ein paarmal über die Stirne und fragte dann: „Lebt diese Frau, von der diese Lieder singen, oder ist sie nur ein Gebilde deiner Phantasie?“
„Sie lebt.“
„Hier?“
„Nein, zu Hause. Du kennst sie ja. Es ist das Mädchen, mit dem du mich wohl in Begleitung einerälteren Dame, ihrer Tante, einige Male spazieren gehen gesehen hast.“
„O, ich weiß schon, die Oberforstverwalterstochter aus euren Bergen, das Mädchen mit den wundervollen dunklen Augen!“
„Sind dir auch ihre Augen aufgefallen?“
„Ich sehe mir jeden Menschen nur auf seine Augen an. In diesen liegt sein Charakter und sein Wesen und die Entscheidung, ob er ein Herdentier oder ein Höhenmensch ist.“
„Und was hast du aus den Augen meiner Heri gelesen?“
„Ich sah sie nur flüchtig, aber wie gesagt, ihre Augen sind mir aufgefallen, es war ein so unergründliches Leuchten drinnen. Aber erzähl mir von ihr!“
Und ich erzählte und schwärmte.
Er hörte mir, das Haupt gedankenvoll gesenkt, zu, dann, als ich endlich schwieg, sagte er und seine Worte fielen langsam, wie kühle Tropfen, von seinen blassen, schmalen Lippen: „Schön muß es wohl sein, zu lieben und geliebt zu werden. Aber uns, Heini, darf die Liebe nicht in Gewalt bekommen. Uns darf sie nur Sehnsucht, nicht Erfüllung sein. Wir sind nicht geboren zum Glück im gewöhnlich menschlichen Sinne, sondern zum Schöpferglück. Lieben, irdisch lieben heißt für uns: sterben.“
Wie immer, wenn er so hohe Worte sprach, wußteich auch auf diese Rede nichts zu sagen. Da war ein Geist, der mir fremd war, der mir Scheu einflößte, vor dem sich meine Seele in sich zusammenkauerte wie ein Kind, dem sich im Dämmerlicht etwas Großes, Angsterregendes nähert. In solchen Augenblicken fühlte ich Oskars unendliche Überlegenheit und wußte nicht, daß diese Frühreife das Todeszeichen war, das ihm sein Schicksal auf die gedankenvolle Stirne gezeichnet hatte.
„Irdisch lieben heißt für uns: sterben!“
Tagelang grübelte ich über diese Worte nach; sie wühlten schroffen Widerspruch in mir auf und dann war’s doch wieder, als müßte ich mich ihnen beugen. Meine Lieder bekamen von diesen Grübeleien den dunklen Ton des Schmerzes und der Entsagung, und als ich zu Weihnachten Heri heimlich das Heftchen einhändigte, da fragte sie mich am nächsten Tage: „Warum schreibst du so traurige Lieder?“
„Heri, sieh, es kommt oft so über mich; ich muß dann denken, du gehörtest einem anderen und das – Heri – das stimmt mich so, daß ich am liebsten sterben möchte.“
„Was du für sonderbare Gedanken hast!“ sagte sie erstaunt und setzte nach einer kleinen Pause lächelnd hinzu: „Denkst du jetzt auch ans Sterben?“
Sanft schmiegte sie sich an mich und ihre Augen leuchteten so süß und ihre Lippen blühten so sehnsüchtig zu mir auf, daß ich alle Todesgedanken vergaß, sie in die Arme schloß und meine ganze Seele in einem langen, langen Kuß ausströmen ließ.
Während ich im Glück meiner jungen Liebe versank, hatte sich in der Anstalt Oskars Schicksal erfüllt. Da er keine Eltern hatte, war er in der Anstalt verblieben und benutzte die Ferientage zu fleißigem Zeichnen und Malen. An einem Tage war er nachmittags mit seinem Skizzenbuch fort, um eine Winterlandschaft nach der Natur zu zeichnen. Dabei hatte er sich erkältet und nun kam die Krankheit zum Ausbruch, der auch sein Vater in jungen Jahren erlegen war: die Lungenschwindsucht.
Am Sylvestertage war er ins Spital transportiert worden und als ich am Abende des Neujahrstages wieder in der Anstalt eintraf, war es das erste, was ich erfuhr, daß Oskar rettungslos verloren sei. Das Leiden war mit solcher Heftigkeit aufgetreten, daß ihm nur mehr einige Wochen zum Leben vergönnt sein konnten.
Diese Nachricht traf mich wie ein Keulenschlag, und als ich an dem ersten Tage, an dem wir freien Ausgang hatten, zu ihm eilte und an sein Bett trat, da mußte ich all meine Kraft zusammennehmen, um mich nicht aufschluchzend über ihn zu werfen.
Zum Glück hatte er selbst keine Ahnung, wie es um ihn stand, und schimpfte nur über den Doktor, der ihn wegen einer Bronchitis da hierher ins Spital habe bringen lassen. Es sei ja gar nicht übel hier, dieKrankenschwester sei sehr lieb zu ihm, aber wenn er im Krankenzimmer der Anstalt hätte bleiben können, wäre es ihm doch lieber gewesen, weil dann ich jeden Tag ein paarmal zu ihm hätte kommen können. Und er hätte mir so viel zu sagen, nun aber falle es ihm nicht ein und – er begann zu husten, trocken und heiser, minutenlang, ohne aufzuhören – jetzt könne er es auch nicht wegen der blödsinnigen Husterei.
Er konnte die letzten Worte, vollständig erschöpft, nur flüstern, und dann sank er in die Kissen zurück. Müde schloß er die Augen und wären die hektischen Rosen auf seinen Wangen nicht gewesen, man hätte ihn für tot halten können.
Eine geraume Zeit lag er so und dann erzählte ich ihm von meinen Ferien, aber ich erzählte sozusagen mit gedämpften Lichtern, es schien mir roh, vor dem dem Tode Verfallenen von meinem Glück zu reden. Und ihm schien merkwürdigerweise gar nicht einzufallen, daß ich auch bei Heri gewesen sei. Er fragte nur, ob und was ich geschaffen, und als ich ihm vorlog, daß ich eine größere Dichtung angefangen habe, war er sehr befriedigt. Ehe ich fortging, bat er mich noch, ihm das nächste Mal seine Zeichenutensilien, und zwar Skizzenbuch, Bleistifte und Pastellstifte mitzubringen, denn er wolle sich nicht zu Tode langweilen.
Ich vollführte seinen Auftrag und als ich dann wieder das dritte Mal zu ihm kam, hatte er auch schonetwas gezeichnet. Aus Mangel an passenden Objekten, hatte er sich den Christuskopf von dem riesigen Kruzifixe, das die Wand schmücken sollte, sie aber nur noch trostloser machte, zur Vorlage gewählt.
„Da schau, was ich gemacht habe,“ flüsterte er.
Ich war überrascht. Oskar, der sonst so peinlich genau war und nicht früher Ruhe gab, ehe nicht seine Zeichnung ihrem Vorbilde entsprach, hier hatte er dieses ganz wesentlich anders wiedergegeben. Der Christuskopf des Kruzifixes zeigte ein im Tode zur Brust niedergesunkenes Haupt mit geschlossenen Augen. Ein müder, dumpfer Friede lag auf dem hageren Antlitz. Auf Oskars Zeichnung aber hatte der Kopf eine nach vor- und aufwärts gerichtete Haltung; die Augen waren geöffnet und namenlose Qual, tödliches Entsetzen schrien aus ihnen; der Mund war verzerrt und jeder Muskel des Gesichts schien vor unsäglichem Schmerz gespannt. Die ganze, ungeheure Angst vor dem Tode lag im Ausdruck dieses Gesichtes.
Ich starrte bald die Zeichnung, bald das Kruzifix an, unfähig, ein Wort zu sagen, denn ich war im Innersten erschüttert: hier hatte nicht seine Hand, sondern sein Herz den Stift geführt.
„Nun, was sagst du dazu?“ fragte er mich mit seiner heiserleisen Stimme.
Um meine Erschütterung zu verbergen, tat ichganz kühl kritisch und erwiderte: „Hier hast du dir aber sehr starke künstlerische Freiheiten erlaubt.“
„Hab’ ich auch. Und zwar, weil der Mensch, der diesen Christus dort geschnitzt hat, ein ganz oberflächlicher Mensch ist. Weißt du, so still und ergeben, so stumpf wie der dort, stirbt keiner, der einer ganzen Welt das Glück bringen wollte. Wie muß der die Erde geliebt haben, die große, weite, schöne Erde! Ich weiß das, und ich habe mich in ihn hineingedacht. Wissen, daß man all die Schönheit zum letzten Male schaut, daß dann ewige, ewige Nacht ist, daß all das, was man noch wirken wollte, mit einem begraben wird, Heini, das muß ein Schmerz sein, gegen den nicht einmal der physische der Kreuzigung selbst aufkommen kann. Siehst du und das wollte ich zeichnen. Es ist mir ohnedies nicht recht gelungen, mir stand es noch ganz anders vor der Seele.“
Er wollte noch weitersprechen, aber ein furchtbarer Hustenanfall machte es ihm unmöglich. Nach demselben aber war er so matt, daß er neben mir einschlummerte.
Die Krankenschwester war hereingekommen, während er noch hustete. Sie rückte ihm die Kissen zurecht, und als sie sah, daß er schlummerte, sagte sie leise zu mir: „Das Leiden macht bei ihm rapide Fortschritte. Sie müssen sich auf den Gedanken gefaßt machen, Ihren Freund schon sehr bald zu verlieren.“ Und ihm behutsam den Schweiß von der Stirnewischend, flüsterte sie voll inniger Teilnahme: „Armer, armer Mensch!“
„Was sagt der Doktor?“ fragte ich.
Sie zuckte mit den Achseln und erwiderte: „Bei normalem Verlauf, sagt er, kann es noch einen Monat mit ihm dauern, aber es kann auch schon in vierzehn Tagen, ja sogar noch früher die Katastrophe eintreten. Hoffen wir das erstere.“
Wie ein Trunkener verließ ich das Spital. Ich hatte meinen Vater verloren, auf entsetzliche Weise verloren und war darüber zum bewußten Leben erwacht; aber in seiner Allmacht und Größe war mir erst jetzt der Tod zum Bewußtsein gekommen. In einem Monat also sollte ich meinen Oskar nicht mehr haben; da lag er schon drunten in der dunklen Erde, die ernsten treuen Augen für immer geschlossen und nie, nie mehr sollte ich ein Wort mit ihm sprechen können, nie mehr seinen hohen und für mich oft so dunklen Worten lauschen können. Wie konnte, wie durfte es das geben! Sollte ich da nichts, gar nichts machen können? Es mußte, es mußte doch etwas geben! Und wem sollte es einfallen als mir, mir, seinem einzigen Freunde!
Mir brannten die Augen, das Herz schlug mir, mein ganzes Wesen war in Aufruhr. Ich durfte Oskar nicht sterben lassen, es war meine Pflicht, meine heiligste Pflicht. Aber was sollte ich tun?
Ich lief wie irrsinnig nach Hause.
Da, im Vestibül trat der Portier, der auch die Post in Empfang nahm, auf mich zu und überreichte mir einen Brief. Die schlanken, zierlichen Buchstaben kannte ich: es war Heris Schrift. Um die in meine Wangen aufschießende glühende Röte zu verbergen, eilte ich in weiten Sprüngen die Treppe empor, und erst oben im zweiten Stocke auf dem noch leeren Korridor riß ich den Umschlag auf. Es war das erste Mal, daß mir Heri schrieb, und es mußte gewiß etwas Wichtiges sein.
Es waren nur ein paar Zeilen und sie lauteten:
Mein lieber Heini!Nächsten Sonntag komme ich zu Tante Berta und zwar auf längere Zeit. Sie war bei uns und man fand, daß es für mich Zeit sei, in die Welt eingeführt zu werden. Richte es so ein, daß ich Dich an einem Deiner nächsten Ausgangstage von Tantes Fenster aus sehen kann. Ich werde sie dann veranlassen, Dich einzuladen. Ich schreibe das in aller Eile, verzeih also die Kürze.DeineHeri.
Mein lieber Heini!
Nächsten Sonntag komme ich zu Tante Berta und zwar auf längere Zeit. Sie war bei uns und man fand, daß es für mich Zeit sei, in die Welt eingeführt zu werden. Richte es so ein, daß ich Dich an einem Deiner nächsten Ausgangstage von Tantes Fenster aus sehen kann. Ich werde sie dann veranlassen, Dich einzuladen. Ich schreibe das in aller Eile, verzeih also die Kürze.
DeineHeri.
In diesem Augenblick war all mein Schmerz um Oskar vergessen und mein ganzes Wesen beherrschte nur ein Gedanke: Heri kommt! Ich würde mit ihrdieselbe Luft atmen, sie ein paarmal in jeder Woche sehen, sprechen und küssen können. Und im Geiste malte ich mir das Glück aus, ihr lockendunkles Köpfchen an meiner Schulter fühlen, ihre meertiefen Augen in feuchtem Glanze leuchten sehen zu können.
Aber plötzlich fiel es wie Mehltau auf die Blüten meiner Freude. Sie war gekommen, um in die Welt eingeführt zu werden. Das hieß also, sie sollte in Gesellschaften mitgenommen werden, und daß sie bei ihrer Schönheit die jungen Männer fesseln mußte, das war mir klar. Wie würden sie sich huldigend um sie drängen, all die geschniegelten jungen Herren und die weltgewandten Offiziere. Wie würden sie Heri mit Schmeicheleien und galanten Worten überschütten! Und wie mußte ich dann daneben stehen, ich, der arme, unfertige Student! Was war ich gegen die anderen! Ein Nichts, nein, noch weniger: eine Lächerlichkeit!
Und da fiel mir wieder Oskar ein. Ja, wenn ich so sein könnte wie der! Der würde die ganze Gesellschaft mit all ihrem Prunk nur so von oben herab behandeln, mit seinem halb geringschätzigen, halb mitleidigen Lächeln! Ja, Oskar, der wäre der Mensch, einen solchen Kampf aufzunehmen, aber ich, das mußte ich mir sagen, ich konnte es nicht. Und da befiel mich ein grauenvolles Verlassenheitsgefühl und ich warf mich im Schlafsaale auf mein Bett und ließmeinen Jammer in sinn- und fassungslosen Tränenströmen ausfließen.
Am Samstag sollte ich wieder zu Oskar gehen; ich wußte, daß er mich sehnsüchtig erwartete, und doch trieb es mich, den Zug abzuwarten, der Heri bringen sollte. Er mußte ungefähr um zwei Uhr ankommen und dann hatte ich immerhin noch Zeit, Oskar zu besuchen. Erst hatte ich die Absicht, Heri auf dem Perron zu erwarten; aber diesen Gedanken gab ich auf. Sie wurde ja sicher von ihrer Tante abgeholt, und wenn mich diese auf dem Bahnhofe traf, mußte sie sofort unser heimliches Einverständnis entdecken. Und das durfte, solange ich noch Schüler war, unter keinen Umständen geschehen.
Ich stellte mich also hinter einer der alten Riesenkastanien auf, die vom Bahnhof bis zur Stadt eine Allee bildeten, und wartete dort. Im geeigneten Momente wollte ich hervortreten; Heri sollte mich sehen, die Tante nicht.
Qualvoll langsam schlichen die Minuten dahin, während ich, den Rockkragen hochgeschlagen und die Mütze tief in die Stirne gezogen, auf dem Promenadeweg vor dem Bahnhof auf und ab spazierte. Durch die Winterlandschaft klangen die Glockensignale, im frischen Wind summten die Telegraphendrähte; dann und wann pfiff eine Lokomotive und dumpf dröhnte das Aneinanderstoßen verschiebender Wagen.
Sonst wenn ich auf den Bahnhof kam oder wennich vom Bahndamm aus den Zügen zusah, wie sie in die ferne Heimat eilten, hatten mich alle diese mit dem Verkehre zusammenhängenden Töne und Geräusche mit froher Reisesehnsucht erfüllt, heute auf einmal fühlte ich so etwas Fremdes, Kaltes von ihnen ausgehen, und eine tiefe Melancholie preßte mein Herz wie mit eisernen Händen zusammen.
Endlich schlug es drei Viertel zwei und ich begab mich auf meinen Posten. Der Wagen der Tante Berta war bereits vorgefahren und der Kutscher stand bei den Pferden und tätschelte ihnen den Hals.
Nun ein langgezogenes Pfeifen, dann dröhnte der Zug in die Station herein, das Brausen der Dampfbremse erscholl, nun mußte der Zug stehen.
Mir klopfte das Herz bis zum Halse herauf. Jeden Augenblick mußte Heri, meine schöne Heri erscheinen.
Der Kutscher stand am Wagenschlag und spähte in die Halle des Vestibüls, nun zog er seinen Hut und neben der Tante erschien Heri. Sie war in einem grauen Reisekleid und zum ersten Male sah ich, daß sie eine junge Dame war. Bisher war sie mir nur ein Mädchen gewesen, und trotz der Liebe und der Küsse war sie für mich noch immer der alte, eigensinnige Wildfang aus unserer Kinderzeit. Nun aber war sie eine wirkliche Dame und ich – mein Blick glitt unwillkürlich an meinem vernachlässigten äußeren Menschen hinab – ich war ein armes Studentlein, sonst nichts.
Die beiden Damen waren inzwischen in den Wagen gestiegen, in den ein Gepäckträger Koffer und Schachteln in allen Größen verstaute, so daß der nun seinen Sitz erkletternde Kutscher kaum mehr Platz fand. Ein leichter Ruck an den Zügeln und der Wagen rollte gegen mich heran. Als er an der Kastanie eben vorüberfuhr, hinter der ich mich verborgen hatte, neigte ich mich mit halbem Leibe vor, aber die beiden im Wagen waren so in ihr Gespräch vertieft, daß sie mich nicht sahen.
Ich hatte heimlich gehofft, Heris Blicke würden mich suchen, aber nichts davon war der Fall gewesen. Das setzte meine ohnehin schon ganz gedrückte Stimmung noch um vieles herunter und aufs neue befiel mich jenes furchtbare Verlassenheitsgefühl, das mich nach ihrem Briefe überkommen hatte.
Ich trat vollends aus meinem Versteck hervor und schritt dem rasch sich entfernenden Wagen nach. In meinem Herzen war es so öd und leer und ich kam mir vor wie ein Mensch, dem man sein letztes bißchen Hab und Gut genommen und den man dann in graue Nebelnacht hinausgestoßen hat.
Und dieses Gefühl wurde verstärkt durch das Gespräch zweier Offiziere, die hinter mir her ebenfalls vom Bahnhof zur Stadt schritten.
„Hast du die junge Dame gekannt, die mit der Frau Oberstin fuhr?“ fragte der eine.
„Gekannt habe ich sie nicht; aber jedenfalls dürftedas die Nichte sein, von der sie unlängst im Kasino erzählte, daß sie sie hier in die Gesellschaft einführen wolle.“
„Ein ganz verdammt und apart hübsches Mädel! Unsere Damen hier werden über die importierte Konkurrenz nicht besonders entzückt sein. Ist sie auch reich?“
„Interessiert dich das?“
„Na, weißt du, du mußt nicht gleich wieder anzüglich werden. Übrigens: geheiratet muß es doch einmal sein, und, na, wenn ich mich einmal verkaufe, dann will ich auch was haben davon und mehr als bloß einen Haufen Geld. So viel Idealismus habe ich mir immer noch bewahrt. Weg werfe ich mich nicht!“
Während der letzten Worte hatten mich die beiden Offiziere, die sich offensichtlich wegen eines so jungen nebensächlichen Menschen, wie ich einen vorstellte, keinerlei Reserve in ihrem Gespräch auferlegten, überholt und ich sah mir den einen, den mit den Heiratsgedanken, genauer an. Er war ein junger, hübscher Mensch mit fröhlichen Augen im offenen, ehrlichen Gesicht, und wenn ich ihn damals auch bei mir selbst einen Gecken und Laffen nannte, das empfand ich doch, und all mein gewaltsam aufgepeitschtes Selbstgefühl konnte es nicht ändern, daß er mir gesellschaftlich unvergleichlich überlegen sei, daß ich neben ihm überhaupt nicht in Betracht kommen könnte. Wozu solche Menschen wie ich auf der Welt herumlaufen? Am besten wäre es: eine Kugel durch den Kopf, und Schluß. Sterben, ja sterben, das wäre jetzt gut, oh, so gut!
Und da fiel mir Oskar ein. Sein abgezehrtes, bleiches Antlitz tauchte vor mir auf; leibhaftig sah ich es vor mir mit den fieberisch glänzenden Augen, die in ängstlicher Frage auf die Türe gerichtet waren, durch die ich eintreten mußte: warum kommst du nicht? Warum kommst du nicht, Heini?
Ja, dort war ein Mensch, der sich nach mir sehnte, dem ich, der arme, unscheinbare Student, alles war, und wenn jetzt dieser schmucke Offizier dort vor mir vor ihn hingetreten wäre und gesagt hätte: „Ich will dein Freund sein!“ er hätte ihn stehen lassen und die Hand nach mir ausgestreckt.
Oskar und ich, wir gehörten zusammen, und wie ich nun auf das Spital zuschritt, wurde es mir immer klarer und klarer: wenn er gestorben war, dann wollte ich ihm nachfolgen.
Auf dem langen Korridor des Spitals, der zu dem Zimmer führte, in dem Oskar lag, traf ich die Krankenschwester.
„Gott sei Dank!“ sagte sie, „daß Sie endlich kommen! Ihr Freund ist entsetzlich aufgeregt. Schon seit zwei Stunden wartet er auf Sie. Alle paar Minuten fragt er nach Ihnen und erst vor zehn Minuten sagte er, ich müsse Sie holen lassen, wennSie nicht bald kämen. Er ist ganz verändert, gar nicht mehr so ruhig wie bisher. Seien Sie ja recht vorsichtig und lassen Sie um Gottes willen ja nichts merken. Ich fürchte nämlich, er hat irgendwie, wie, das weiß ich nicht, erfahren, wie es um ihn steht.“
Leise klinkte ich die Türe auf und trat ein.
Zwei große und brennende Augen empfingen mich, aber kein Schimmer von Freude erhellte sie. Starr, eindringlich forschend waren sie auf mich gerichtet, und so folgten sie mir auch, während ich auf das Bett zuschritt, ihm die Hand reichte und mich dann auf den Sessel niederließ.
Er sah mich noch eine ganze Weile an, als wollte er von meiner Stirne die Gedanken lesen, die ich bei seinem Anblick dachte, und auch als ich ihn, um meine unbehagliche Verlegenheit zu verbergen, fragte, wie es ihm gehe, antwortete er nicht sofort, hielt den Blick nach wie vor fest auf mich geheftet und dann sagte er endlich, jedes Wort hinter den Zähnen hervorpressend: „Ich muß sterben!“
„Aber Oskar, wie kommst du auf solche Gedanken!“ Ich wunderte mich selbst, wie gut mir der Ton vorwurfsvoller Ungläubigkeit gelang.
Er aber umklammerte mit seinen feuchtkühlen, mageren Fingern meine Hand und flüsterte heiser und aufgeregt: „Ja, ich muß sterben. Ich habe es gehört, wie es der Doktor gesagt hat!“
„Na, hörst du, Oskar, das hast du aber doch bloßgeträumt. Bedenke, selbst wenn es wahr wäre, so würde es doch der Doktor vor dir nicht sagen.“
Er schüttelte den Kopf und erwiderte: „Er hat geglaubt, ich höre es nicht. Es war gestern. Ich hatte eben wieder einen Hustenanfall gehabt und lag totmüde da. Obwohl ich den Doktor mit der Schwester kommen hörte, war ich doch zu müde, die Augen aufzumachen. Ich fürchtete das Fragen, wollte Ruhe haben und stellte mich deswegen schlafend. Und da hat er’s gesagt: ‚Es geht rapid mit ihm abwärts, wir werden ihn auf den Empfang der Sterbesakramente vorbereiten müssen.‘“
„Geh,“ versuchte ich, ihm in die Rede fallend, diesen Gedanken aus seinem Kopfe zu bannen, „du hast doch nur geträumt. Du wirst eben schon ungeduldig, hast zu viel Zeit zum Grübeln und diese ganze Umgebung da – na, es ist eben ein Spital! – ist auch nicht danach angetan, heitere Gedanken aufkommen zu lassen. Aber vom Sterben ist doch ganz und gar keine Rede! Ich bitte dich, Oskar, schlag dir doch solch selbstquälerische Gedanken aus dem Kopf!“
Ich staunte neuerdings über meine eigene Beredsamkeit und war der festen Überzeugung, sie würde auch Oskar besiegen.
Aber er schüttelte nur wieder den Kopf und seine Züge verzerrten sich wie die auf dem Christusbilde, das er gezeichnet hatte.
„Nein, nein,“ keuchte er, „ich muß sterben! Esgibt keine Hilfe mehr! Da drinnen“ – er krampfte die linke Hand über der Brust zusammen – „ist alles hin, ich spür’s. Das hab ich von meinen Eltern. Und dafür sollen wir ihnen dankbar sein! Dankbar, daß ich jetzt fortgehen soll, verfaulen in jungen Jahren, Heini, verfaulen!“
Wie ein weidwundgeschossenes Tier stöhnte er und dann faßte ihn plötzlich die Angst; seine Wangen erglühten in hektischer Röte, der kalte Schweiß trat in großen Perlen auf seine Stirn, keuchend und röchelnd suchte er sich zu erheben und als ich ihm dabei half, umkrallten mich seine Hände und stoßweise, in grauenvoller Angst, kam es über seine krampfhaft gegen die Mundwinkel zuckenden Lippen: „Hilf mir – Heini – ich mag nicht sterben – hilf mir – ich – ich –“
Er rang nach Luft, konnte aber kein Wort mehr herausbringen, ein Knattern und Prasseln scholl aus seiner Brust, er begann zu husten und da quoll auch schon über seine Lippe ein dünner Streifen schaumigen Blutes. Leise aufächzend, mit verglasenden Augen sank er in sich zusammen.
Auf den gellenden Hilferuf, den ich in meinem wahnsinnigen Entsetzen unwillkürlich ausgestoßen hatte, stürzte aus dem Nebenzimmer die Schwester herbei. Nur einen Blick auf den Kranken, dessen Gesicht aschfahl geworden war, und sie sprang zur elektrischen Klingel.
In der nächsten Minute war schon der Arzt da. Er beugte sich über den Kranken, dessen Brust sich röchelnd in immer länger aussetzenden Stößen hob.
„Soll ich den hochwürdigen Herrn Kaplan rufen?“ fragte die Schwester.
„Es ist zu spät!“ entgegnete der Arzt leise und legte sein Ohr an die Brust des Sterbenden, während seine Finger sanft nach der Pulsader fühlten.
Die Schwester kniete nieder und begann mit leiser Stimme das apostolische Glaubensbekenntnis zu sprechen. Ich aber stand da, am ganzen Körper zitternd, und starrte nur in einem fort auf Oskars liebes, nun ganz still gewordenes Antlitz, über das sich allmählich bläuliche Schatten breiteten.
Und eben, als die Schwester die Worte sprach, mit denen sie ihr Gebet schloß: „Herr, gib ihm die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihm!“ da richtete sich der Arzt empor und über Oskars gebrochene Augen streichend, sprach er leise: „Es ist vorbei!“
In meiner Brust knäulte sich etwas zusammen, ich spürte an der Kehle einen ehernen Ring, der sie zusammenpreßte, daß ich nicht mehr atmen konnte, ich wollte schreien, konnte es aber nicht, vor meinen Augen begannen schwarze und feurige Ringe in wildem Wirbel zu kreisen und da brach ich neben dem Bette zusammen.
Nach einer Stunde führte mich der Arzt wie einen Trunkenen in die Anstalt.
Am zweiten Tage darauf fand das Leichenbegängnis statt.
Es war ein stürmischer Tag. Über Nacht war der Föhn gekommen und nun trommelten in den Dachrinnen die Schmelzwasser und in den kahlen Linden der Allee, die zum Friedhof führte, sauste und brauste es und die gewaltigen Stimmen der Natur übertönten den kläglichen Leichenchor, der, von den Stößen des Sturms zerfetzt, in einzelnen Akkorden in die Weite verflatterte. Nur die dünne, schrille Stimme des Friedhofglöckleins hielt ihm stand, das nun, da sich der Leichenzug der Friedhofspforte näherte, seinen Jammer erhob. Wie ein Vogel, der sein Nest nicht findet und nun schreit und schreit, so folgte der Ton des Glöckleins dem Zuge, stieß sich an Mauern und Leichensteinen, wand sich durch die sausenden Zypressen und kam erst zur Ruhe, als der Sarg auf den zwei Pfosten über dem gähnenden Grabe stand.
Und nun erklang von jungen Kehlen das alte Heimwehlied, das so schwer ist von Tränen, von unsäglichem Herzeleid, und das doch so weich wie eine Mutterhand über den Scheitel des schluchzenden Kindes, über die schmerzbebende Seele streicht und sie auf den zärtlichen Armen seiner schlichten innigen Melodie wiegend zur Ruhe singt.
„Es ist bestimmt in Gottes Rat,Daß man vom Liebsten, was man hat,Muß scheiden!“
„Es ist bestimmt in Gottes Rat,Daß man vom Liebsten, was man hat,Muß scheiden!“
„Es ist bestimmt in Gottes Rat,Daß man vom Liebsten, was man hat,Muß scheiden!“
„Es ist bestimmt in Gottes Rat,
Daß man vom Liebsten, was man hat,
Muß scheiden!“
Bei diesen Worten löste sich in mir der dumpfe Schmerz, der mich bisher in Bann geschlagen hatte. Was ich, seit ich Oskar sterben gesehen, nicht gekonnt hatte: nämlich weinen, das konnte ich jetzt und wie eine Erlösung empfand ich den Segen der unaufhaltsam und in Strömen rinnenden Tränen.
„Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn!“ klang das Lied leise aus und in diesem Augenblicke senkte sich der Sarg langsam in die Tiefe hinab. Mit verschwimmenden Augen sah ich ihn verschwinden, und da konnte ich mich nicht mehr zurückhalten, ich drängte mich bis an den Rand des Grabes vor und sank dort, wild und fassungslos aufschluchzend, in die Knie.
Ein Professor hob mich auf. „Kommen Sie,“ sagte er gütig, „gönnen Sie Ihrem Freunde seine Ruhe. Es war das beste für ihn. Kommen Sie, seien Sie ein Mann!“
Und mit mildem Zwange führte er mich von dem Grabe meines einzigen wahren Freundes fort. Was ich hier begraben, sollte in meinem Leben nie wieder auferstehen: die Freundschaft.