VIII.
Ich mußte gestern mein Schreiben unterbrechen. Ein Brandgeruch ließ mich zu meinem Meiler eilen und es war höchste Zeit: noch eine Viertelstunde und alles wäre in Flammen aufgegangen. Weiß der Himmel, wie die Rasenbedeckung an der einen Seite zu dem Loch gekommen war. Ich habe gewiß mit aller Umsicht gearbeitet, wie immer den Meiler aufgeführt und meiner Wächterpflicht zu keiner Zeit vergessen. Und doch wäre auf ein Haar der ganze herrliche Stoß von Bergfichtenholz statt zu Kohle zu Asche geworden.
Und übrigens war es ganz gut, daß ich in meiner Schreiberei unterbrochen wurde. Ich merke, es tut mir nicht gut, mich in diese alte, Gott sei Dank, versunkene Zeit und ihre Schmerzen hineinzuwühlen. In dem Bestreben, wahr zu sein und so zu schildern, wie ich damals empfand, errege ich mich manchmal doch wieder und bedarf dann einiger Zeit, meinpochendes Herz zur gewohnten, süßen Ruhe zu zwingen.
Freilich ist keinem das besänftigende Mittel in so reichem Maße gegeben wie mir. Ich brauche ja nur die Augen zu erheben und von allen Seiten strömt es mir zu, in Licht und Farben; meine Augen trinken und trinken und meine Seele wird gesund und still.
Wie hehr und feierlich erschien mir im Winter meine schweigende Schneeeinsamkeit! Wie schön war es, den Frühling in seinem Werden und Wachsen und Gehen zu belauschen! Und nun ist der Sommer da, nicht der brütende, gewitterschwüle Hochsommer, nein, vorerst nur der Vorsommer, der mit behutsamer Hand die letzten Blüten von den Bäumen löst und langsam die ersten Früchte reift. Aber auch jetzt ist meine Einsamkeit schön, schön zum Jauchzen.
Die Bergtannen haben ihre rosaroten Blütenkerzen aufgesteckt und wie ein feiner Rauch schwebt um sie summend der Schwarm der mannigfaltigsten Insekten. Die Buchen haben nun auch endlich ihr Laub entfaltet und das junge Hellgrün lodert wie Flammen der Hoffnung durch das ernste Dunkel der Tannen und Fichten. Um die Berggipfel ziehen duftige blaue Schleier, die gemeine Deutlichkeit der Konturen verhüllend, und die ganze Natur hat den Ausdruck banger Sehnsucht, zager Erwartung der Erfüllung, die kommen muß.
Denn nichts kommt von ungefähr, alles mußkommen. Es ist nur merkwürdig, daß diese Binsenweisheit, die nun bald jeder Schuljunge im Munde haben wird, noch so wenig Gegenstand wahrer innerer Erkenntnis, so wenig Glaubenssache geworden ist. Wie könnten sonst die Menschen solche Don Quijote-Kämpfe gegen die Windmühlen der Notwendigkeit unternehmen! Wie könnten sie von Zufall sprechen und Dingen eine Bedeutung beimessen, die sie gar nicht besitzen? Es gibt keinen Zufall, es gibt nichts Äußerliches, was auf das Leben eines vollendeten Menschen bestimmend einwirken könnte. Wo der Zufall ein Leben in andere Bahnen gelenkt hat, war es, weil er eine unentwickelte Seele, unreifes Menschentum getroffen hat. Der reife Mensch ist Herr, nur darf man eben Reife nicht von einer gewissen Anzahl von Jahren abhängig machen.
Ich war damals, als mich der fremde Mann auf dem Friedhofe in so merkwürdiger Weise ansprach, nicht reif. Ich war es auch viel später nicht. Und weil ich damals nicht reif war, konnte mich dieser Zufall in seine Gewalt bekommen.
„Hunde nimmt man am Genick, Mädel um den Hals!“ Dieses zynische Wort ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich grübelte darüber Tag und Nacht, ich wehrte mich dagegen, gegen seine Brutalität, und doch, ich brachte es nicht los; es klang mir in den Ohren, es starrte mich plötzlich aus meinen Büchern an und es fiel mir auch ein, von meinen Kameraden ähnliches gehört zu haben, wenn sie von ihren Ferieneroberungen sprachen.
Die Ostern waren gekommen und ich blieb zum ersten Male in der Anstalt. Meine Mutter hatte mir endlich auch von ihrem Herzleiden geschrieben und mir angedeutet, daß es ihr für diesmal lieber sei, wenn ich nicht nach Hause kommen würde. Sie fürchtete die Aufregung, die sie jedesmal befiel, wenn ich wieder fortging. Auch hatte sie erfahren, daß meine Lernerfolge nicht so waren, wie es sein sollte und deshalb meinte sie, ich solle die Feiertage nur recht fleißig zum Lernen benützen. Daß ich zu Hause nur wieder planlos umherstreifen würde, wußte sie ja. Überdies stellte sie mir, allerdings nicht ganz sicher, in Aussicht, daß sie in der Karwoche in die Stadt kommen würde.
Sie kam aber nicht. Desto größer war meine Überraschung, als sie vierzehn Tage später, ohne daß sie mich vorher verständigt hatte, plötzlich vor mir stand. Sie hätte Heri allerlei von zu Hause bringen müssen, sagte sie, und außerdem wäre ihr auch der Auftrag zuteil geworden, Leinwand zu neuer Bettwäsche für das Dienstpersonal einzukaufen.
Es war ein warmer, goldener Apriltag und wir gingen mitsammen die Promenadewege durch die Au.
Wir sprachen wenig. Nachdem mich meine Mutter über meine Lernerfolge ausgefragt hatte und ich sie, allerdings nicht ganz der Wahrheit gemäß, getröstethatte, daß ich am Schlusse des Schuljahres wieder ein ganz gutes Zeugnis haben werde, ging sie stillschweigend neben mir her.
Bei einer Bank unter einem schon über und über blühenden Waldkirschenbaum blieb sie stehen und sagte: „Setzen wir uns hier ein wenig nieder. Ich bin so müde.“
Eine Weile saßen wir so und sahen in die junge Frühlingspracht hinein. Das erste grüne Gras, licht und frisch, leuchtete auf den Wiesen und über dasselbe erhoben sich gleich wahllos dort und da in die Erde gesteckten Blütensträußen die blühenden Kirschen- und Weichselbäume. In der sonnenflimmernden Luft jauchzten überall die Lerchen und gerade über uns sang ein Buchfink sein ganzes Glück in die Welt hinein. Und die Sonne war so warm, fast heiß, und in ihren Strahlen glitzerten und gleißten die fernen Kuppeln und Dächer der Stadt.
„Ich weiß nicht, Heini, was das ist,“ fing meine Mutter endlich zu sprechen an, „daß ich jetzt immer so rasch müde werde.“
Ich versuchte sie zu beruhigen: „Ach, das ist nur die ungewohnte Wärme. Daheim ist’s wohl noch lange nicht so!“
„Freilich nicht, aber warm ist’s bei uns auch schon, ganz ausnahmsweise heuer. Aber das hat mit meiner Müdigkeit nichts zu tun. Die liegt mir jetzt immer so in den Gliedern. Und weißt, das Herzklopfen, dasewige Herzklopfen, das ängstigt mich halt so. Heini, ich mein, du hast deine Mutter nicht mehr gar zu lang.“
Ich sprang auf diese Worte nicht auf, ich war nicht niedergeschmettert; mir war es nur, als ginge da draußen einer, ein dunkler, unbekannter Allmächtiger über die Felder und löschte auf ihnen die hellen Frühlingsfarben und -lichter aus, zöge ein graues Gespinst um die blühenden Bäume und schnüre den Lerchen und Finken die Kehle zu.
Erst nach einer geraumen Weile konnte ich ein paar Worte hervorbringen und sie kamen mir aus tiefstem Herzen.
„Mutter,“ bat ich, „das mußt du nicht sagen. Schau, wen hab ich denn dann noch? Ich werde ja so von Tag zu Tag immer einsamer!“
„Du, Heini, du, in deinen Jahren?“
Nicht nur Befremden, schmerzlichste Besorgnis klang aus den paar Worten und plötzlich faßte sie meine Hände, zog mich an sich und sagte zärtlich: „Heini, sag mir, was dich drückt, sag mir’s, deiner Mutter. Ich bin wohl ein einfaches Weib und hab nit viel gelernt, aber deine Mutter bin ich und du, du –“ ihre Stimme zitterte – „du bist ja mein einziges Kind!“
Ich liebte meine Mutter aus ganzem Herzen und sie mich; trotzdem beschränkte sich das Maß unserer äußeren Liebesbezeugungen auf das im Volke meiner Heimat übliche Maß. Wir küßten uns nie; das stilleinnige Aufleuchten der Augen beim Kommen oder Abschiednehmen mußte genügen. Von den Vertraulichkeiten und Zärtlichkeiten, die in den Häusern der Vornehmen die Liebe zwischen Eltern und Kindern bekunden, war bei uns nichts zu bemerken. In keuscher Scheu hielt jedes den Reichtum seiner Liebe in sich zurück und nur in Gedanken umarmten und küßten wir uns und sagten uns gegenseitig alles, was uns das Herz erfüllte.
Jetzt aber, da mir aus der Stimme der Mutter aus dem Zittern derselben der ganze Strom der Liebe entgegenquoll, da brachen alle Fesseln und Bande, die bisher mein Herz umschnürt hatten, und aufschluchzend preßte ich mein Gesicht in ihren Schoß und schrie es heraus mit ein paar Worten, was mich seit Oskars Tod zerquält und zermürbt hatte, schrie es heraus mit ein paar Worten: „Mutter, ich bin so unglücklich.“
Und wie als Kind fühlte ich ihre Hand mit sanftem Streicheln auf meinem Haar, immerzu, immerzu, und dann hob sie mir endlich den Kopf empor, küßte mich mit andächtiger Innigkeit und sagte leise: „Sei ruhig, Heini! Ich verlaß dich nicht. Schau, sag mir alles, vielleicht wird dir dann leichter.“
Und da stieß es mir alles heraus, was mich drückte: daß ich mich unter meinen Kameraden vereinsamt fühle, daß ich keinen hätte, der mich verstände, keiner mein Streben, denn ich wollte ja doch kein gewöhnlicher Mensch bleiben, sondern etwas Besonderes werden.
„Aber siehst du, Mutter,“ fuhr ich fort, „das gilt ja bei all den Leuten nichts. Da gilt nur der Reichtum und das schöne Gewand und wenn man den Leuten schön tun kann. Und das kann ich nicht, das werd ich nie können! Für mich wäre es am besten gewesen, ich wäre zu Hause geblieben, da wäre ich ein einfacher und glücklicher Mensch geworden. Nun aber ist’s zu spät. Nun kann ich nur mehr vorwärts und vor mir liegt doch nur das Elend. Mit den andern kann ich nicht gehen und allein sein, ganz allein sein, keinen Menschen haben – Mutter, laß mich wenigstens du nicht allein!“
Sie zog mich aufs neue an sich, und mit einem tiefen Aufseufzen sagte sie leise und strich mir wieder lind und tröstend übers Haar: „Mein armer Bub!“
Mittlerweile war die Zeit gekommen, wo sich die Promenadewege belebten. Wären wir noch eine Zeitlang allein gewesen, vielleicht hätte ich ihr doch noch den Grund all meines Jammers geklagt, meine Liebesnot. Nun aber fand sich keine Gelegenheit mehr.
Auf dem Wege zum Bahnhof sagte sie mir noch manches gute und tröstende Wort und als sie in den Eisenbahnwagen stieg, reichte sie mir nochmals die Hand, – einen Kuß vor all den vielen und meist vornehmen Leuten wagte sie nicht und auch mich hieltdie alte Scheu davor zurück, obwohl es in mir stürmte und drängte, mich ihr an die Brust zu werfen.
„Leb wohl, Heini,“ sagte sie, „tu brav lernen und alles andere überlaß unserem Herrgott, der wird schon alles wieder recht machen. Ich werd schon fleißig für dich beten.“
Die Lokomotive pfiff, meine Mutter winkte noch mit der Hand und dann mit dem Taschentuch, und das letzte, was ich von ihr sah, war, daß sie das Tüchlein an die Augen drückte.
Mir war, ich müßte dem Zuge nachstürzen und rufen: „Mutter, nimm mich mit!“ – aber ich mußte ja hier bleiben und mit einem unbeschreiblichen Weh im Herzen trat ich den Heimweg an.
Nach ein paar Tagen erhielt ich einen Brief. Er war aus der Heimat, von Marieli. Sie schrieb:
Lieber Heini!Gestern ist Deine Mutter bei uns gewesen und die hat uns gesagt, daß Dir alleweil so hart ums Herz ist. Das darf nicht sein, Heini, denn Du mußt studieren und da mußt Du lustig sein. Wann Du auch glaubst, Du bist allein, das ist doch nicht wahr, wir haben Dich ja alle so gern. Ich denk alle Tag an Dich und bete auch jeden Abend für Dich. Du wirst schon wieder recht glücklich werden. Ich schick Dir da ein kleines Blümel. Ich hab es alleweilin meinem Gebetbuch gehabt. Es ist vom Grab von Deinem Vater, wo ich im vorigen Jahr selber die Vergißmeinnichtstöckerl gesetzt hab. Heb Dir’s auf und denk dabei, wann Du’s anschaust, an mich, ich denk ja auch alleweil an Dich. Gelt?Einen schönen Gruß von meiner und Deiner Mutter.DeineMarie.
Lieber Heini!
Gestern ist Deine Mutter bei uns gewesen und die hat uns gesagt, daß Dir alleweil so hart ums Herz ist. Das darf nicht sein, Heini, denn Du mußt studieren und da mußt Du lustig sein. Wann Du auch glaubst, Du bist allein, das ist doch nicht wahr, wir haben Dich ja alle so gern. Ich denk alle Tag an Dich und bete auch jeden Abend für Dich. Du wirst schon wieder recht glücklich werden. Ich schick Dir da ein kleines Blümel. Ich hab es alleweilin meinem Gebetbuch gehabt. Es ist vom Grab von Deinem Vater, wo ich im vorigen Jahr selber die Vergißmeinnichtstöckerl gesetzt hab. Heb Dir’s auf und denk dabei, wann Du’s anschaust, an mich, ich denk ja auch alleweil an Dich. Gelt?
Einen schönen Gruß von meiner und Deiner Mutter.
DeineMarie.
Lieb und heimattraut wie die schlichten Zeilen sahen mich die trockenen, blaßblauen Blütensternlein an. Marielis Bild stieg in seiner ganzen reinen Lieblichkeit vor meinen Augen auf und durch mein Herz zog in süßwehem Schauer das Heimweh nach dem stillen Waldtale, nach der Bohnenlaube und nach meiner treuesten Jugendfreundin.
Die folgenden Tage waren Tage heißester Seelenkämpfe. Der Eindruck, den der Besuch meiner Mutter und der Brief Marielis hinterlassen hatten, rangen machtvoll gegen meine unselige Liebe zu Heri. Ich sah den Weg, der mich aus all meiner Pein hinausführen konnte; aber wenn in meiner Erinnerung die Stunde auftauchte, da Heri ihr Köpfchen an meine Brust gelehnt und mir mit süßschimmernden Augen ihre Lippen geboten hatte, dann versank all mein herber Stolz, mein besseres Wollen in einem Strom wahnsinniger Sehnsucht.
So war der erste Mai gekommen, an welchem Tage immer das erste Parkkonzert stattfand.
An diesem Tage erhielten auch wir Anstaltszöglinge immer die Erlaubnis, bis zum Abendessen ausgehen zu dürfen, und so konnten wir auch das Konzert anhören, das um fünf Uhr begann.
Es war ein herrlicher Abend. Die Bäume blühten über und über. An all den verschiedenen fremdländischen Sträuchern hingen Lasten von Blüten in allen Farben und in der weichen Luft lag ein wundersamer Duft.
Die ganze vornehme Welt der Stadt wogte auf den glitzernden Kieswegen auf und ab, die Damen alle in neuen, duftigen Toiletten, Frühling auf den Hüten, Frühling in den Augen.
Und da kam auch Heri daher. Ein weißes, spitzenbesetztes Kleid umschloß ihre schlanke, biegsame Gestalt, ein meergrünes Band, das in breiter Schleife an der Seite herabfiel, war der einzige Schmuck des Kleides. Unter dem rosenumwundenen Hut fielen ihre dunklen Locken in freien Wellen hernieder und ihre unergründlichen Augen schimmerten und blitzten in die tiefsten Tiefen hinein. Wie eine Nixe so schön war sie. An ihrer Seite schritt der Oberleutnant, heiter auf sie einsprechend, und ich sah es ihm an, wie sehr er von dem Liebreiz der holden Mädchengestalt an seiner Seite begeistert war. Hinter den beiden schritt die Tante in eifrigem Gespräch miteiner etwa gleichaltrigen Dame, wahrscheinlich der Mutter des Oberleutnants.
Ich schlich von der Ferne hinter den vieren drein, und mein Herz schlug zum Zerspringen. Eifersucht, Haß, wildester Schmerz, das alles tobte in wilden Wirbeln durch meine Seele. Mir war’s, als müßte ich hinspringen und Heri von der Seite des Oberleutnants reißen und im nächsten Augenblicke hätte ich wieder am liebsten aufgeweint in namenlosem Schmerz. Und da hielt ich es endlich nicht mehr länger aus und ich eilte aus dem menschenwimmelnden Parke fort und hinaus in die Au, wo ich mich schluchzend wie ein Kind niederwarf. Und während von ferneher leise die wiegenden Klänge der Musik an mein Ohr drangen, weinte ich meinen Jammer in die junggrüne Frühlingserde hinein.
Dann setzte ich mich auf und begann zu grübeln. So konnte es nicht fortgehen, etwas mußte geschehen. Aber was? Ich sann und sann. Aber weder jetzt noch in den nächsten Tagen konnte ich zu einem Entschluß kommen. Ich zermarterte mir das Gehirn und hatte ich schon bisher mein Studium arg vernachlässigt, so wurde ich nun ganz unfähig, auch nur eine Seite zu lernen, einen Vortrag im Gedächtnisse zu behalten.
Und da ließ mich eines Tages mein Klassenvorstand, ein gemütlicher, mir wohlwollender Herr, rufen und sprach: „Sie Binder, ich muß Sie aufmerksam machen,daß es mit Ihnen sehr, aber schon sehr schlecht steht. Wenn Sie jetzt nicht allen Fleiß aufbieten und alle ihre Kräfte – und diese sind nicht unbedeutend – dem Studium zuwenden, so erleben Sie eine Katastrophe. Ich habe Ihnen bisher immer die Stange gehalten; in Zukunft könnte ich es aber nicht mehr tun. Was, zum Teufel, ist denn in Sie gefahren? Reden Sie doch!“
Ich schwieg.
„Na ja,“ polterte er, „das ist die alte Geschichte; wenn man fragt, dann erfährt man nichts. Wahrscheinlich, weil eben nichts dahinter ist als ein bißchen allzuviel Bequemlichkeit und ein Kopf voll Flausen. Sie wollen Dichter werden. Habe davon was läuten gehört. Merken Sie sich aber das: wer Dichter werden will, muß einen vollen Kopf haben. Geist und Herz müssen etwas zu verarbeiten haben, sonst bleibt einer ewig ein Stümper, ein Handwerker. Und übrigens: dazu haben Sie noch lange, lange Zeit. Jetzt ist das Studium Hauptsache. Vergessen Sie nicht, daß Sie ein Stipendiat sind. Fallen Sie durch, so ist’s damit aus. Dann können Sie Schuster werden! Also seien Sie vernünftig, Binder!“
Damit reichte er mir die Hand und ich war entlassen.
Diese Unterredung war entscheidend. Ich sah ein, daß es so nicht mehr weitergehen könne. Ich mußte so oder so zur Ruhe gelangen und das warnur möglich, wenn ich mit Heri selbst sprach. Ich mußte wissen, wie es zwischen uns stehe.
Ein paar Tage überlegte ich noch, dann aber, – ich hatte inzwischen Heri nochmal in Gesellschaft des Oberleutnants mit der Tante spazierengehen gesehen – stand mein Entschluß fest.
Da ich mit Bestimmtheit wußte, daß ich nicht soviel Zeit haben würde, mich gelegentlich eines Besuches mit Heri aussprechen zu können, schrieb ich ihr ein paar Zeilen:
Meine liebste Heri!Ich muß mit Dir dringend sprechen. Mein ganzes Lebensglück hängt davon ab. Du brauchst aber nichts zu fürchten. Ich möchte nur aus Deinem eigenen Munde hören, daß ich gehen soll. So ohne ein Wort wie ein davongejagter Hund kann und mag ich nicht von Dir gehen. Auch ich habe meinen Stolz. Und soviel muß ich Dir noch wert sein, daß du mir ehrlich und offen den Abschied gibst. Ich hoffe, daß Dich die vornehme Gesellschaft nicht schon soweit verdorben hat. Ich kann Dir entsagen, aber ich möchte Dich auch fernerhin achten können. Gib mir ehestens Bescheid.DeinHeini.
Meine liebste Heri!
Ich muß mit Dir dringend sprechen. Mein ganzes Lebensglück hängt davon ab. Du brauchst aber nichts zu fürchten. Ich möchte nur aus Deinem eigenen Munde hören, daß ich gehen soll. So ohne ein Wort wie ein davongejagter Hund kann und mag ich nicht von Dir gehen. Auch ich habe meinen Stolz. Und soviel muß ich Dir noch wert sein, daß du mir ehrlich und offen den Abschied gibst. Ich hoffe, daß Dich die vornehme Gesellschaft nicht schon soweit verdorben hat. Ich kann Dir entsagen, aber ich möchte Dich auch fernerhin achten können. Gib mir ehestens Bescheid.
DeinHeini.
Mit diesem Brief, den ich mit den zwiespältigsten Gefühlen hingeworfen hatte, ging ich am nächsten meiner Ausgangstage zu Heri und ich freute mich schon beim Eintritt doppelt: in erster Linie glaubte ich bei Heri wirklich eine freudige Überraschung bemerken zu können, denn sie stand sofort auf und reichte mir mit festem Drucke die Hand; in zweiter Linie aber konnte ich bei der Tante ebenso sicher einen leichten Verdruß feststellen, den offen zu äußern sie aber viel zu sehr Dame war.
Und dann fand sich auch die Gelegenheit, Heri den Brief zuzustecken. Sie entfernte sich unauffällig mit demselben und kam erst nach geraumer Zeit wieder in das Zimmer. Ein Blick sagte mir, daß sie den Brief gelesen. Und dieser Blick machte mich im innersten Herzen jubeln, denn es lagen Trauer und Vorwurf in ihm, nicht Stolz oder Zorn, wie ich befürchtet hatte.
Als ich mich bald darauf unter dem Vorwande empfahl, ich hätte nur wieder einmal mich erkundigen wollen, wie es den Damen gehe, wußte es Heri so anzustellen, daß sie mir unbemerkt ihre Antwort auf mein Brieflein in die Hand drücken konnte.
Es war ein vielmals zusammengefalteter Zettel und darauf stand nur:
Lieber Heini! Während des Tages kann ich unmöglich abkommen. Wenn es Dir aber möglichwäre, einmal abends fortzukommen, so komme übermorgen nach neun Uhr in unseren Garten. Die Tante ist an diesem Tage bei der Generalin und kommt vor zehn Uhr nicht heim.Heri.
Lieber Heini! Während des Tages kann ich unmöglich abkommen. Wenn es Dir aber möglichwäre, einmal abends fortzukommen, so komme übermorgen nach neun Uhr in unseren Garten. Die Tante ist an diesem Tage bei der Generalin und kommt vor zehn Uhr nicht heim.
Heri.
Nun, möglich war’s schon, daß ich mich nach neun Uhr aus der Anstalt fortstehlen konnte, aber es war auch mit Gefahr verbunden, denn man konnte entdeckt werden. Aber immerhin hatten es schon zwei meiner Kameraden gewagt und sie waren glücklich wieder ins Haus gekommen. Einmal konnte ich’s doch auch versuchen.
Wir waren unser zwanzig in einem Schlafsaal und der Älteste unter uns war Ordner. Um neun Uhr hieß es zu Bette gehen. Dann kam der Präfekt und sah nach, ob jeder da sei und ging dann in den nächsten Schlafsaal. Dieser Zeitpunkt mußte geschickt ausgenützt werden und war auch von den anderen benützt worden.
Getreu nach ihrem Muster legte ich auf den Sessel neben dem Bett meine Kleidung, während ich im Sonntagsanzug, nur ohne Rock und Kragen im Bette lag. Der Präfekt kam und fand alles in Ordnung. Kaum hatte er aber den Saal verlassen, so sprang ich auf, nahm Rock, Kragen und Hut und lief, so schnell und so leise mich die Füße trugen, vom zweiten Stock, wo unsere Schlafsäle lagen, ins Parterre hinab,öffnete dort leise ein Korridorfenster und schwang mich in den Anstaltsgarten hinaus. Da hier in der warmen Jahreszeit die Fenster öfter auch während der Nacht offen blieben, konnte das weiter nicht auffallen. Dann lief ich durch den Anstaltsgarten, und an der den Feldern zugekehrten Seite desselben kletterte ich über den Zaun.
Die einsamsten und dunkelsten Gassen benützend, kam ich zum Hause der Oberstin, fand die Haustüre offen, auch die gegenüberliegende und in den Garten führende, und im nächsten Augenblicke stand ich mit hochklopfendem Herzen vor Heri.
Und sie war schöner denn je. Über das weiche, lose Hausgewand, das sie umfloß, fiel ihr dunkles Gelock in duftigen Wellen, im matten Dämmerlicht schimmerten mir ihre Augen entgegen, als läge drinnen die ganze süßschwere Sehnsucht der lauen Maiennacht.
Mir schlug das Herz bis an den Hals herauf und ich konnte kein Wort hervorbringen. Ich sah sie nur in einemfort an und mein ganzes Inneres erbebte in namenlosem Glück.
Da faßte sie mich an der Hand und sagte leise: „Komm hierher, Heini, da ist eine Bank.“
Und da saß ich nun neben ihr und wußte kein Wort zu finden, bis sie endlich fragte: „Du wolltest mir etwas sagen, Heini!“
Ich fühlte: nun ist die Stunde da und wirr begannich zu reden: „Ja, Heri, ich mußte mit dir reden. Ich kann’s gar nicht länger ertragen. Ich hab dir’s nicht sagen wollen, aber ich muß. Sei mir nicht böse. Heri, ich bitte dich, sag mir’s aufrichtig, hast du mich noch lieb?“
Sie senkte den Kopf und atmete schwer, und dann antwortete sie leise: „Ich hab dich doch immer lieb gehabt, Heini.“
„Ob du mich jetzt noch lieb hast, weißt so, wie du damals gesagt hast, Heri, damals zu Hause im Park.“
Sie schwieg.
Da bat ich wieder und mit aufgehobenen Händen: „Heri, ich bitte dich, ich bitte dich um alles in der Welt, sag mir’s, aufrichtig und ehrlich: so wie damals?“
Und da kam es leise, leise von ihren Lippen: „Damals waren wir noch Kinder!“
Auf diese Worte war es mir, als drehe es mir das Herz zu einem Knäuel zusammen, eine Faust schloß sich würgend um meine Kehle und nur stöhnend konnte ich endlich hervorbringen: „Ich danke dir, Heri, – ich – ich gehe.“
Die Knie schlotterten mir, als ich aufstand, vor meinen Augen zuckten Flammen, ein Brausen war um mich, ein wildes Rauschen, und da wußte ich nicht mehr, was ich tat: ich schloß das erbebende Mädchen in meine Arme und meine glühenden und zuckenden Lippen suchten ihren Mund.
„Laß mich los, Heini, laß mich los!“ flehte sie flüsternd und suchte sich mir zu entwinden.
Aber ich ließ sie nicht; außer mir stammelte ich zwischen meinen Küssen: „Heri, dies eine Mal, – dies eine Mal – will ich noch glücklich sein, Heri – ich hab dich so lieb – so lieb, Heri – so lieb – –“
Ihr Widerstand erstarb in meinen Armen, schlaff lag sie an meiner Brust und auf einmal fühlte ich heiße Tropfen auf meiner Wange.
Das brachte mich zur Besinnung.
„Heri,“ flüsterte ich, „weine nicht. Ich hab dich nur nochmal küssen wollen, ehe ich für immer von dir gehe: Bist du mir böse?“
Sie schüttelte weinend den Kopf, reichte mir die Hand und sagte mit tränenzitternder Stimme: „Geh jetzt, Heini!“
„Ja, ich gehe!“
Mit einem Blick umfing ich nochmals die geliebte Gestalt, dann stürmte ich hinaus in die nächtliche Straße.
Frei hatte ich meine Seele machen wollen und nun lag sie hilfloser denn je am Boden. Meine junge, erste, heilige Liebe hatte ich auslöschen wollen und nun flammte sie in mir in dem himmelhohen Lodern eines vernichtenden Weltbrandes. Wie in vulkanischen Essen tobte es in meiner Brust und warf Glück und Schmerz in wilden, unbewußten Worten über meine Lippen. Ich fühlte noch ihren schlankenLeib in meinen Armen, ihren heißen Lippen auf meinem Munde, und während ich durch die dunklen Gassen ziellos dahinstürmte, sprach ich vor mich in qualdurchschauerter Seligkeit: „Ich habe dich geküßt, Heri, zum letztenmal, und du kannst diese Küsse nicht vergessen, nie und nimmer!“
Ein Mann ging an mir vorüber. Ich achtete es nicht, daß er mich ansah und dann stehen bleibend mein Fortstürmen beobachtete. Ich war im Rausch und merkte es nicht einmal, daß warme Windstöße durch die Straßen fuhren und den Staub aufwirbelten und daß in der Ferne ein Frühgewitter zu murren begann.
Ich war in den Park gekommen und da kam endlich die Müdigkeit über mich. Auf einer Bank warf ich mich nieder. Schwüler, drückender Blumenduft. Wie heiße Hände strich mir der Gewitterwind über das Gesicht und nun fielen die ersten Tropfen, groß und schwer und kalt. Wie das auf meiner glühenden Stirn, auf meinen brennenden Augen wohltat! Und plötzlich eine jagende Flamme über den ganzen Himmel hin und darauf ein langgezogenes Rollen.
Das brachte mich zur Besinnung. Wenn ich nicht bis auf die Haut naß werden wollte, so mußte ich so schnell als möglich nach Hause. Und auch aus einem anderen Grund. Dem Hausdiener der Anstalt konnte es einfallen, nachzusehen, ob alle Fenster geschlossen seien. Und wenn er dann das zumachte,durch das ich entwichen war, so konnte ich nicht mehr in die Anstalt hinein und ich war entdeckt. Die Folge davon aber konnte bei der strengen Hausordnung nur eine sein: der Ausschluß aus der Anstalt.
Auf den nächsten Wegen stürmte ich der Anstalt zu. Mein einziger Gedanke war: nur jetzt das Fenster noch offen treffen! Aber ehe ich noch die Anstalt erreichte, brach das Gewitter los und im gießenden Regen kletterte ich über den Zaun und jagte durch den Garten. Gott sei Dank! das Fenster stand noch offen.
Ein Schwung und ich saß auf dem Fensterbrett. Vorsichtig ließ ich mich auf die Fliesen des Korridors niedergleiten.
In diesem Augenblicke aber fühlte ich mich gepackt und während der volle Schein einer Blendlaterne auf mich fiel, hörte ich eine mir nur zu wohlbekannte Stimme mit ingrimmiger Befriedigung sagen: „Also, da haben wir ihn nun! Lassen Sie ihn nicht los, Herr Präfekt, der Bursche ist zu allem fähig.“
Es war der Direktor der Anstalt, der mich auf solche Weise empfing, und da wußte ich, daß ich verloren sei. Der Mann war mir nie grün gewesen! Er liebte nur die in Hundedemut vor ihm Ersterbenden unter seinen Zöglingen und so wenig er Oskars Freund gewesen war, so wenig war er auch der meinige.
„Woher kommen Sie!“ fuhr er mich nun an.
Ich gab keine Antwort.
„Haben Sie meine Frage gehört oder nicht?“
Ich gab abermals keine Antwort.
Nun stürzte er auf mich zu, packte mich an der Brust und ich glaube heute noch, er hätte nach mir geschlagen, wenn ihn nicht der Präfekt abgewehrt hätte.
Der aber sagte: „Herr Direktor, ich möchte vorschlagen, ihn für heute nacht im Karzer zu internieren. Ich glaube nämlich, daß er so erschrocken ist, daß er jetzt tatsächlich nicht antworten kann.“
Der Präfekt hatte eine so bestimmte Art zu sprechen, daß der Direktor immer beigeben mußte. So stimmte er denn auch jetzt zu: „Gut. Und da mag der junge Herr über seine nächtlichen Vergnügen und deren Folgen nachdenken. Aber Sie haften mir für ihn, Herr Präfekt!“
„Gewiß, Herr Direktor!“
„Gute Nacht!“
„Gute Nacht, Herr Direktor!“
Dann wandte sich der Präfekt an mich, nickte einige Male bedeutungsvoll und sagte dann ernst: „Das hätte ich gerade von Ihnen, Binder, nicht erwartet. Aber jetzt kommen Sie und holen Sie sich trockene Kleider und Wäsche.“
Nun saß ich also im Karzer und hatte Zeit nachzudenken, was nun werden solle. Aber ich konnte nicht denken. Ich starrte nur in einemfort zu dem kleinen Gitterfenster empor, durch welches in kurzen Zwischenräumen die Blitze ihre blendenden Brändewarfen, ich horchte dem Schmettern der Donner und dem Rauschen des Regens. Eine unendliche Müdigkeit machte mir das Blut in den Adern träge, die Augenlieder schwer und während draußen noch das Maigewitter forttobte, schlief ich ein. Und ich schlief so fest, daß ich am nächsten Morgen zum Frühstück erst geweckt werden mußte.
Bald darauf kam auch der Präfekt und teilte mir mit, daß um zehn Uhr die Konferenz zusammentreten werde. Ich solle der Wahrheit die Ehre geben, denn nur ein ganz offenes Geständnis könne mir, wenn das überhaupt möglich sei, noch etwas helfen.
Nun begann in meinem Kopfe wieder der Hexentanz. Auf der einen Seite stand Heri in all dem berückenden Schimmer, mit dem meine Liebe sie verklärte, seit dem gestrigen Abend mehr denn je; auf der anderen Seite stand meine Mutter, die müde, stille Frau, deren einziges Glück ich war. Zwischen den beiden hatte ich zu wählen. Sagte ich offen, daß ich im Hause der Oberstin gewesen sei, dann konnte ich noch gerettet werden; denn die Oberstin genoß in der Stadt ein hohes Ansehen und ich wußte, daß man es sich gründlich überlegen würde, sie bloßzustellen. Und was hatte ich auch getan? Ich hatte ein Mädchen geküßt, hatte von ihm Abschied genommen, um mich selbst und meine Pflicht als Studierender zu retten. Aber andererseits stellte gerade ich wieder nicht nur Heri, sondern auch die Oberstin bloß,denn die mußte doch wissen, daß ich um neun Uhr abends keinen Ausgang hatte. Wenn es aber bekannt wurde, daß mich Heri in den Garten bestellt hatte, dann war diese in der Stadt unmöglich gemacht, und wenn ihr Vater und der Graf davon erfuhren, dann war es mit meinem Studium auch so aus, dann hatte ich auf keinen Kreuzer Unterstützung mehr zu hoffen.
Ich sah ein, daß es aus dem Netze von Schicksalsfäden, in das ich geraten war, kein Entrinnen mehr gebe und da tauchte zum ersten Male jener große Gedanke in mir auf, dem ich heute meinen Frieden danke: das alles ist ja nur Spiel, Traum! Dein innerstes Wesen berührt das ja gar nicht, du kannst ruhig zusehen, zusehen und lächeln.
Und da stand es auch in mir fest: ich wollte allem Schweigen entgegensetzen. Kein Wort sollten sie aus mir herauspressen können. Mochte kommen, was da wolle.
Um zehn Uhr trat die Konferenz zusammen. Sie bestand aus dem Direktor des Internates, dem Präfekten, dem Direktor des Gymnasiums und meinem Klassenvorstand.
Und der Internatsdirektor begann mit dem ihm eigenen Pathos: „Es ist ein sehr trauriger Fall moralischer Verwahrlosung, zu dessen Untersuchung ich die Herren habe entbieten müssen. Es wird sich darum handeln, Mittel und Wege zu finden, wie dieübrigen Schüler vor Ansteckung durch diesen moralischen Giftstoff bewahrt werden können. Sie aber“ – damit wandte er sich an mich – „fordere ich auf, die Wahrheit, die volle Wahrheit zu sagen. Glauben Sie ja nicht, durch Lügen sich retten zu können. Und nun sprechen Sie: wo waren Sie gestern Abend?“
Ich schwieg.
„Wollen Sie auch heute nicht antworten?“
Keine Antwort.
„Aber so reden Sie doch!“ mahnte der Gymnasialdirektor.
Ich schwieg.
„Nun, so werde ich es selbst sagen. Als ich gestern abend vor Ausbruch des Gewitters nach Hause ging, stürzte mir aus der Spittelgasse ein junger Mann entgegen. Obwohl er den Hut tief in die Stirne gedrückt hatte, erkannte ich doch in ihm den Zögling Binder und überrascht blieb ich stehen und sah ihm nach. Er lief die Parkstraße entlang. Meine Herren, Sie wissen, welche Art von Menschen leider die Spittelgasse bevölkert, und ich frage Sie: wie tief muß ein junger Mensch gesunken sein, der sich wie ein Dieb aus der Anstalt schleicht, seine Vorgesetzten in raffinierter Weise täuscht, um jene Lasterstätten aufsuchen zu können!“
Allgemeines entsetztes Kopfschütteln und der Gymnasialdirektor meinte: „Nun begreife ich freilich die schlechten Lernerfolge des jungen Mannes!“
Mein Klassenvorstand aber sprang auf, faßte mich an der Schulter und rief: „Mensch, so reden Sie doch! Das kann ja gar nicht wahr sein! So kann ich mich doch an Ihnen nicht getäuscht haben!“
Der ehrliche Schmerz des schon alten Mannes schnitt mir ins Herz und da vergaß ich meinen Vorsatz und sagte: „Ich war nicht in der Spittelgasse, ich bin nur hindurchgelaufen.“
„Wo waren Sie dann?“
Sollte ich vor diesen Leuten da mein Herz entblößen, sie mit ihren brutalen Händen in dem Heiligtum meiner Seele wühlen lassen?
Mein Klassenvorstand las mir die Qual aus den Augen und sagte: „Ich möchte die Herren bitten, mich eine kurze Zeit mit dem jungen Manne allein zu lassen. Ich glaube garantieren zu dürfen, daß er mir die volle Wahrheit bekennen wird!“
„Wie meinen Sie, Herr Direktor?“ fragte der Direktor unserer Anstalt.
Der Gymnasialdirektor zuckte mit den Achseln und erwiderte: „Wenn der Herr Kollege glaubt, soviel Macht zu besitzen, den Burschen zum Reden zu bringen, so meine ich, liegt kein Anstand vor, ihm seinen Wunsch zu bewilligen. Ich schlage also vor, wir ziehen uns für eine Viertelstunde zurück.“
Damit erhob er sich und schritt der Türe zu. Mit einem giftigen Seitenblick auf mich folgte ihm der Anstaltsdirektor und diesem der Präfekt.
Und der alte Professor nahm das Wort: „Also, lieber junger Freund, wir sind allein. Ich halte Sie nicht für schlecht, denn ich sah die Scham in ihren Augen. Nun sagen Sie mir alles. Denken Sie, ich sei Ihr Beichtvater oder noch mehr, ich wäre Ihr Vater, zu dem Sie in Ihres Herzens Not kommen. Seien Sie offen und wahr, wie es sich für einen braven und mutigen Menschen geziemt. Was es auch sei, seien Sie versichert, ich werde es mir angelegen sein lassen, den Urteilsspruch nach Kräften zu mildern. Setzen Sie sich hier neben mich und reden Sie.“
Ich setzte mich und dann erzählte ich ihm alles, wie es gewesen war.
Er hörte aufmerksam zu, die grauen guten Augen fest auf mich heftend, und wenn ich stockte, sagte er nur: „Erzählen Sie ruhig weiter.“
Als ich geendet hatte, sah er mich lange an und dann sagte er, indem ein mildes Lächeln um seine Lippen spielte: „Sie sind ein großer Kindskopf, Binder. Eine solche Dummheit machen! Nun, ich hoffe, daß alles zu einem glücklichen Ende führen wird. Gehen Sie hinaus, sagen Sie den Herren, ich lasse bitten, zu kommen, und warten Sie selbst draußen, bis Sie gerufen werden.“
Ich ging und tat, wie mir geheißen. Eine Bergeslast war mir von der Seele gewälzt. Ich lauschte nicht den Stimmen im Nebenzimmer, ich stand an dem Fenster und sah mit hoffnungsfreudigen Augen inden Garten hinaus, der nun nach dem nächtlichen Gewitter in frischen Frühlingsfarben und Tau leuchtete und blitzte und über dem die Sonne in einer Strahlenglorie stand, in jeden Winkel den Segen ihrer goldenen Lichtflut sendend.
Und ich dachte an meine Mutter. Alles, alles, was ich ihr an Leid bereitet hatte, wollte ich nun gutmachen. Nun wollte ich zeigen, was ich zu leisten imstande sei. Und der Mann da drinnen, der mich zum moralisch Verwahrlosten gestempelt hatte, er sollte noch erfahren, wie sehr er sich getäuscht habe. Ihn selbst zur Anerkennung meines Wertes zu zwingen, das sollte meine beste Rache sein.
In diese frohe Zuversicht und maiengrüne Hoffnungsstimmung fiel aber bald ein Schatten. Statt zu einem Abschluß zu kommen, wurde die Konferenz auf den Nachmittag vertagt und ich kam vorläufig wieder in den Karzer zurück. Daß der Präfekt, der die Tür abschloß, mich noch angelächelt hatte, gab mir aber neue Hoffnung, daß sich meine Angelegenheit in günstigem Fahrwasser befinde.
Langsam, nur allzu langsam rannen die Stunden dahin. Endlich aber, es hatte eben von den Türmen die dritte Nachmittagsstunde geschlagen, holte mich der Präfekt neuerdings ab.
„Kommen Sie,“ sagte er kurz.
Mir schlug das Herz und auf der Treppe wagte ich die Frage an ihn: „Herr Präfekt, wie steht es mit mir?“
„Das werden Sie sofort erfahren. Ich habe Ihnen nichts zu sagen.“ Der kalte, beinahe feindselige Ton machte mich stutzig und eine bange Ahnung stieg in mir auf.
Vor die Konferenz gestellt, sah ich auf den Gesichtern der vier Männer feierlichen, finsteren Ernst.
Und der Anstaltsdirektor fragte mich: „Bleiben Sie bei der Aussage, die Sie heute vormittag Ihrem Klassenvorstand gegenüber machten?“
Ich war verblüfft. Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet gewesen. Und was sollte sie? Fest gab ich zur Antwort: „Ja.“
„Nun“ – der Direktor zog eine höhnische Miene – „ich habe die Frau Oberstin von Tattenbach schriftlich von Ihrer Aussage verständigt und sie war selbst hier und hat mir beteuert, daß alles erlogen sei. Sie war allerdings bis zehn Uhr in ihrer gewöhnlichen Gesellschaft bei der Frau Generalin von Hohenstein, doch hat der Hausmeister wie sonst um neun Uhr die Türe gesperrt, und als sie nach Hause kam, fand sie diese Angabe bestätigt. Auch ihre Nichte beteuerte, daß sie den Zögling Binder nicht gesehen habe. Er hält sich überhaupt seit Monaten von dem Hause, wo man ihn in liebenswürdigster Weise aufgenommen hatte, vollständig fern. Sehr erklärlich allerdings. Wir haben keinen Anlaß, in die Angaben der Frau Oberstin sowie die ihrer Nichte nur den geringsten Zweifel zu setzen und“ – er erhob seine Stimme –„stehen vor der Tatsache, daß ein Mensch, der dieser hochangesehenen Frau, wie deren Bruder, dem Herrn Oberforstverwalter, die größten Wohltaten dankt, sich nicht scheut, Schande auf sie zu häufen, um seine eigene Schande zu bemänteln.“
Mit triumphierenden Blicken sah der Anstaltsdirektor hauptsächlich den Klassenvorstand an, dann wandte er sich an mich: „Haben Sie darauf etwas zu erwidern?“
Nein, ich hatte nichts zu erwidern. In mir stürzte aber eine Welt zusammen, in der ich bisher mit dem Gefühl gewandelt war, daß es außer ihr keine geben könne: die Welt der Wahrheit. Und nun war ich hinausgeschleudert ins Haltlose und nichts mehr gab es für mich als rettungsloses Versinken. Erde, Himmel, Gott, Menschen, alles sah ich um mich wanken und stürzen; ich fühlte, wie alles Blut aus meinen Wangen wich, ein Schwindel überkam mich und ich mußte mich stützen, um nicht zu fallen. Heri, Heri hatte mich verleugnet, mich dem Elend ausgeliefert, sie, die mir geschworen hatte, mich hinanzuführen zu den Höhen des Glückes, die ich liebte, so unsäglich liebte! Mir fiel nicht ein, daß ich in dem Brieflein, in dem sie mich zum Stelldichein geladen hatte, ein Beweismittel gegen sie und ihre Tante in den Händen hielt, ich konnte nur immer das eine denken, daß sie mich verleugnet hatte, und ein Schmerz ohne Ende zerwühlte mir das Herz.
Ich hörte nicht, was man mich noch fragte, ich gab keine Antwort, ich stand wie betäubt und meine Augen starrten zu Boden, als öffne sich da vor ihnen der Abgrund, in dem alles versunken war, was mir bisher als heilig und unverbrüchlich gegolten hatte.
Was kümmerte es mich jetzt, daß der Anstaltsdirektor meine Ausschließung beantragte, daß der Gymnasialdirektor erklärte, er wolle sofort eine Konferenz seines Lehrkörpers einberufen und denselben Antrag stellen, denn er habe tatsächlich einsehen gelernt, daß ich eine Gefahr für die Moralität der ganzen Klasse, ja der ganzen Anstalt sei. Mochten sie reden, mochten sie tun, was sie wollten; in dieser Welt, in die mich diese Stunde geworfen hatte, war alles möglich. Gegen die Mächte, die in ihr das Szepter führten, war ich machtlos.
Mein Klassenvorstand trat auf mich zu und fragte mich: „Haben Sie denn gar nichts zu Ihrer Verteidigung anzuführen?“
Ich wußte nichts, mir fiel nichts ein und achselzuckend wandte sich der alte Mann ab und ich hörte nur noch, wie er sagte: „Das ist die größte Enttäuschung in meinem vierzigjährigen Lehrerleben.“
Dann trat der Präfekt auf mich zu und führte mich schweigend in den Karzer zurück.