X.
Ich wünsche durchaus nicht, daß es anders hätte kommen sollen, als es in meinem Leben tatsächlich kam. Solche Wünsche habe ich in früheren Zeiten einmal in meiner Brust getragen, aber mein Herz hat sie abgestoßen, wie der frühlingschwellende Baum die welken Blätter abstößt. Trotzdem aber lege ich mir noch manchmal die Frage vor, wie wohl allesgeworden wäre, wenn Heri den Mut zur Wahrheit besessen und bestätigt hätte, daß ich bei ihr gewesen sei. Dann wäre ich heute wohl Doktor oder Professor, säße in Amt und Würden und wäre ein Mensch wie tausend andere, mit denselben Rücksichten und Vorsichten, mit der ewigen Frage im Herzen, ob ich denn dies und das tun dürfe, ohne bei Gevatter Hinz und Kunz anzustoßen, ich wäre einer von jenen Halben geworden, die sich kein aufrichtiges „Ja“ oder „Nein“ mehr zu sprechen getrauen, die sogar, wenn sie hierher in meine Einsamkeit kommen, nur mit „könnte“ und „dürfte“ ihre Gedanken ausdrücken können; ich wäre einer von jenen geworden, die ich früher haßte aus meinem ganzen Herzen, die ich verachtete und die mir heute nur mehr ein Lächeln entlocken.
Jedenfalls aber wäre ich nicht zu dem süßen, heiligen Frieden gelangt, den ich gerade jetzt, wo ich die Geschichte meines Lebens in ihren herzblutroten Kapiteln niederschreibe, tiefer und beseligender empfinde als je. Wie eine Wanderung durch ein Land zähnefletschender Bestien kommt mir mein früheres Leben vor und wenn ich dann meinen Blick von den weißen Blättern erhebe, die Bilder meiner Erinnerung verwehen und versinken, und ich sehe meinen Wald vor mir und sein tausendfaches Leben, dann fühle ich ein tiefinniges Beglücktsein, ein so jauchzendes Daheimsein, daß ich mich ins Gras werfe, meinen Körper an den Boden andrücke, und daß esmir oft für Augenblicke ist, als spüre ich durch die warme Erde einen treuen Herzschlag, als umfange mich das ewige Leben selbst und löse mein Ich in göttlicher, erdenvergessender Umarmung.
Da zerbrechen sich die Philosophen die Köpfe darüber, warum das Leid auf Erden sei. Es ist da, um überwunden zu werden, um glücklich werden zu können. Denn nur eine Seele, die durch die Höllen geschritten ist, hat die Kraft, in die Himmel emporzusteigen. Das Leid ist der große Hammer, welcher die ehernen Schwingen schmiedet, auf denen man sich mit Gotteskraft über die Erde erheben kann. Wen dieser Hammer zerschlägt, der war nie mehr wert. Das Leid ist die Leiter, auf der das Menschliche zum Göttlichen hinansteigen soll, denn alles Göttliche ist überwundenes, ohnmächtiges Leid.
Kein wahrer Frieden, zu dem nicht das Leid den Grund gelegt hätte. Welch ein Bild tiefsten Friedens bietet nur auch jetzt wieder mein geliebter Wald in seinem sommerlichen Schweigen.
Traumstille weit und breit. Über den regungslosen Wipfeln das tiefe, unendliche Blau des Himmels, in das keiner Wolke silbernes Segel Leben und Bewegung bringt. Uferlose Ewigkeit, die kein anderes Gefühl aufkommen läßt, als das des Verströmens des eigenen Wesens, des Zusammenrinnens mit den Lebenswellen, die aus den Ewigkeitsgründen des Daseins fluten. Zeit und Raum versinken in diesemGefühle und der Hochwald macht die passende Musik dazu.
Das ist ein leises Raunen und Summen, Singen und Sirren, Millionen und Millionen Stimmen sind es und doch wieder nur eine einzige. In einschläfernder Monotonie schwellt sie dahin, groß und feierlich und doch wieder so traut und heimlich, als sänge eine glückliche Mutter zum Wiegenschaukeln ihr: „Eia, popeia, schlaf, Kindlein, schlaf!“
Und doch geht auch zu dieser Stunde das Leid in mannigfachster Gestalt durch den Wald, in der Gestalt all der Tiere, die mit Zahn und Tatze, mit Klaue und Gift gegeneinander wüten. Furchtbar mag dieser Gedanke erscheinen, aber er ist es nicht. Dieser Wald könnte nicht seinen Frieden haben, risse eines der Wesen die Herrschaft an sich. Darum müssen sie sich gegenseitig verfolgen und morden, ganz so, wie es auch die Menschen tun, die auf Schlachtfeldern Hekatomben hinopfern, um zum Frieden zu gelangen.
Solange die Menschen nicht von der Notwendigkeit des Leides überzeugt sind, solange kein dauerndes Glück für sie, solange nicht der Friede.
Mein eigenes Leben ist das Beispiel dazu.
Ich war also in die Mühle eingezogen und hatte gleich am ersten Tage eine große Überraschung erlebt. Bartel, der immer mein Feind gewesen, war mir entgegengekommen und hatte mir die Hand gereicht: „Grüß dich Gott, Heini. Jetzt bist halt doch wieder bei uns. Mach dir nix draus, hast halt grad so wenig in die Stadt paßt, wie ich passen tät. Liegt nix dran, muß auch andere Leute geben, nit nur lauter studierte.“
Wohl war ein Zug um seinen schmalen Mund, über dem der erste Bartflaum stand, ein Schielen in seinen grauen Augen, die mir nicht gefielen, aber die Worte klangen so treuherzig, daß ich die dargebotene Hand mit aufrichtigem Drucke faßte und sagte: „Ich danke dir, Bartl, und wir wollen halt gute Freunde sein, nicht wahr?“
„Wann wir schon beieinander sind, wird’s wohl nit anders möglich sein.“
Die Müllerin hatte mir in dem weitläufigen Mühlengebäude eine eigene kleine Stube eingerichtet, in der ich auch meine Bücher vorfand. Später, nach der Verlassenschaftsabhandlung kamen auch noch einige Möbelstücke aus dem Nachlaß der Mutter hinzu und ich fühlte mich in dem kleinen Raum, zu dessen Fenster der Hochwald und die ragenden Felszinnen hereinsahen, recht behaglich.
Am nächsten Morgen gingen ich und Marieli auf den Friedhof zum Grabe meiner Mutter. Man sah der aufgeworfenen Erde an, daß das Grab noch frisch war; trotzdem aber war der kleine Hügel geordnet und mit Blumen geschmückt, ebenso wie der Grabhügel unter dem mein Vater schlief.
„Das ist wohl dein Werk, Marie, gelt?“ fragte ich.
„Ja, ich tu’s aber gern.“
Ich reichte ihr die Hand und sagte: „Ich danke dir, Marie!“ Was ich aber noch hinzusetzen wollte, daß ich ihr ihre Liebe vergelten wolle, das brachte ich nicht über die Lippen. Es war mir, als dürfe ich jetzt ein derartiges Versprechen noch nicht geben. Erst mußte ich ja doch wissen, wie sich mein ganzes zukünftiges Leben gestalten werde.
Merkwürdigerweise machte mir aber dies keine besondere Sorge. Das stetig zunehmende Gefühl der Kraft und Gesundheit und ein ganz eigentümliches, nicht jubelndes, aber doch wohltuendes Gefühl der Freiheit erfüllten mich so, daß ich immer wieder nach ein paar Minuten schon aus meinen Grübeleien gerissen wurde.
Einmal fing ich auch der Müllerin gegenüber von meiner Zukunft zu sprechen an, aber sie wehrte sofort ab und sagte nur: „Davon, Heini, reden wir später. Wird schon eine Zeit kommen. Jetzt ist’s noch zu früh. Noch bist du nit ganz gesund. Jetzt tu nur viel essen, gut schlafen und fleißig spazierengehen. Das ist vorläufig die Hauptsach. Ich vergiß deswegen auf das andere nit.“
Mitunter suchte ich mich auch in der Mühle zu betätigen, in der Bartl als gelernter Gehilfe hantierte. Aber er drängte mich jederzeit wieder fort, indem er sagte: „Das is nix für dich. Machst dich ganzstaubig. Und wenn die Mutter das sieht, brummt sie mit mir.“
So war ich also ganz wieder auf mich allein gestellt, mit meinem eigenen Herzen allein, und wie sonst in den Ferien begann ich ein planloses Streifen durch die Wälder und versank wieder in die Welt meiner Träume. Stundenlang las ich und dann lag ich irgendwo auf einer Waldwiese, die Arme unter dem Kopfe verschränkt, und sah zum Himmel auf, bis es vor meinen Augen in silbernen Ringeln zu flimmern begann.
Was ich dachte, wohin meine Gedanken zogen, das weiß ich heute nicht mehr. Ich hätte es auch damals nicht bestimmt sagen können. Schimmernde Gestalten tauchten plötzlich aus dem Blau der strahlenden Ewigkeitsweite auf, traumhaft verschleiert, und wenn sie mein Bewußtsein greifen wollte, zerrannen sie wieder, lösten sich spurlos auf. Ich weiß, daß ich manchmal Verse vor mich hinsprach, aber wenn ich sie niederschreiben wollte, fiel mir auch nicht ein einziges Wort ein. Nur eines weiß ich genau, daß in jenen Tagen eine unendliche Liebe zum Walde und seinem Wesen in mir aufwuchs. Jeder Vogel, jeder Käfer, jede Ameise, jede Mücke und jeder Wurm, Blume und Baum, ja jeder Grashalm wurde mir zum Gegenstand liebevollster Betrachtung und stundenlanger Beobachtung und daraus ward ein brüderliches Mitempfinden, das mich unsäglich glücklich machte.Wie oft bahnte ich einer Ameise, die sich mit einem großen Holzsplitter abmühte, den Weg, und wenn ich dabei eine Kräutlein zur Seite bringen mußte, entschuldigte ich mich bei ihm. Hätten mich Menschen bei diesen Spielereien beobachtet, sie hätten mich jedenfalls ausgelacht oder mich gar für einen Irrsinnigen gehalten, wie sie ja alles für unvernünftig und lächerlich halten, was nicht aus dem Grunde der Selbstsucht emporwächst und in ziffernmäßige Werte umzusetzen ist.
Kam ich aber von solchen Streifereien nach Hause, dann umgab mich dort die schlichte Zärtlichkeit der Müllerin, die ihr Versprechen, mir Mutter zu sein, in heiliger Treue hielt, dann breitete die Liebe Maries weiche Teppiche unter meine Füße. Mein Stübchen war immer so sauber aufgeräumt und jeden Tag stand auf dem Tisch ein Strauß frischer Blumen. Wie ein junger Vogel im warmen Nestlein fühlte ich mich, und selbst die leise Wehmut, die vom Grabe meiner Eltern herüber ihre Waisenfäden spann, war nur wie ein dunkler melancholischer Akkord in einem süßen, weichen Liede.
Ich hatte das Grübeln und Sorgen verlernt und was mir noch vor ein paar Monaten die entsetzlichste Pein bereitet hätte, das glitt nun machtlos an meiner Seele ab. Bartel erzählte mir eines Tages, daß sich Heri mit einem Oberleutnant verlobt hätte und daß der Oberforstverwalter demnächst als Güterdirektordes Grafen auf dessen große Besitzung in Böhmen versetzt werden solle.
Was war mir Heri noch! Ich fühlte keinen Haß gegen sie, aber auch keine Liebe. Sie war für mich gestorben und die Welt voll Glanz, die mir aus ihren dunklen Augen entgegengeleuchtet hatte, war versunken. Meine Seele war in einer anderen Welt heimisch geworden, über welche eine wundersame Stille und Genügsamkeit ihren Friedensbogen spannte.
So gingen die Sommertage dahin mit leise tönendem Schritt, ein Reigen holder Gestalten, um die das sanfte Licht der Wunschlosigkeit floß.
Nun aber kam der Herbst von den Bergen hernieder. Purpurrote Fahnen schwang er und wenn die blauen Nebelschleier, die morgens Nähe und Weiten verhängten, gegen Mittag an den Felsenstirnen der Berge zerflattert waren, dann standen diese in so klarem Leuchten da, daß man glaubte, die Gemsen sehen zu müssen, die oben auf den schmalen Bändern des Gewändes ihre Heimat hatten.
Und an diesen Tagen trat auch meine mütterliche Freundin, die Müllerin, einmal auf mich zu und sagte: „Heini, wenn dir’s recht ist, so könnten wir heute einmal davon reden, was du jetzt anfangen sollst.“
Ich folgte ihr in die große Wohnstube, wo auch Marie bei einer Näharbeit saß, und wir beratschlagten nun.
Ich war in aller Form aus der Anstalt, wie auch aus dem Gymnasium hinausgeworfen worden unddamit hatte ich auch die Unterstützung des Grafen verloren. Aus dem Verkauf der paar Einrichtungsstücke meiner Mutter hatte ich etwa zweihundert Gulden und die hätten immerhin gereicht, um mir für ein weiteres Jahr das Studium an irgend einem anderen Gymnasium zu ermöglichen. Für das Schlußjahr wäre die Müllerin aufgekommen. Aber was war’s dann mit mir? Für die Universität war kein Geld da und auf irgend ein Stipendium durfte ich nicht hoffen. Konnte ich aber nicht an die Universität gehen, so hatte auch das Weiterstudieren am Gymnasium keinen Zweck, und so wurde dieser Plan endgültig von uns verworfen.
Was aber sonst? Ich konnte in ein Handlungshaus eintreten, ich konnte als Schreiber mir einen Posten in einer Kanzlei suchen, zum Militär konnte ich gehen und auch die Laufbahn eines Forstmanns stand mir offen, da man dazumal noch von Pike auf es wenigstens bis zum Förster bringen konnte.
Ich entschied mich also für das Forstwesen. Als aber die Müllerin zum Oberforstverwalter ging, um ihn zu bitten, mir zu einer Forstgehilfenstelle zu verhelfen, da lehnte er rundweg ab und meinte, der Graf sei so erzürnt über mich, daß er sich ihm mit einer solchen Bitte gar nicht zu nahen getraue. Ein direktes Gesuch an den Grafen blieb ohne Antwort.
Ich wandte mich nun an andere mir bekannte Herrschaften, bekam aber jedesmal ablehnende Antworten, und ich sah bald ein, daß es meine Vergangenheit war, die mir überall die Riegel vor die Türen schob. Einen wegen unmoralischen Lebenswandels aus dem Gymnasium geworfenen Menschen nimmt man nicht auf.
Ich muß aber der Wahrheit die Ehre geben und gestehen, daß ich mich über all diese Ablehnungen nicht sonderlich aufregte. Ich fühlte mich in der Mühle zu wohl und wenn auch oft Stunden schweren, traurigen Sinnes über mich kamen und meine Sehnsucht laut nach der toten Mutter rief, wenn mir die Zweck- und Nutzlosigkeit meines Daseins wie ein eiserner Ring die Seele umschnürte, und ich mir den ätzenden Stachel des Vorwurfs, unter lauter arbeitsamen Leuten der einzige Schmarotzer zu sein, selbst ins Herz drückte, die mütterliche Zärtlichkeit der Müllerin und Maries liebende Sorge, die mich auf Schritt und Tritt umgaben, sie trugen mich über all die dunklen Stunden hinweg und ließen mein Inneres nicht für längere Dauer aus seinem Gleichgewicht kommen.
Und als ich eines Tages wieder eine Ablehnung in der Hand hielt, da war mein Entschluß gefaßt; ich wollte Müller werden. Der neben Bartel in der Mühle arbeitende Gehilfe mußte im Oktober zum Militär einrücken und ich konnte also an seine Stelle treten. Wenn ich auch noch zu lernen hatte, viele von den Hantierungen kannte ich doch schon und Kraftund guten Willen hatte ich auch. Ich war ganz glücklich über diesen Entschluß.
Die Müllerin hatte zwar noch Bedenken, indem sie meinte, daß ich mich als studierter Mensch am Ende doch nicht dauernd in diesem Berufe glücklich fühlen würde, aber ich wußte ihre Bedenken zu zerstreuen und so willigte sie ein.
Am wenigsten schien mit meinem Entschlusse Bartel zufrieden zu sein. War er mir bisher freundlich begegnet, so wurde er jetzt verschlossen und mürrisch und zeigte mir die einzelnen Hantierungen nur mit sichtlichem Widerwillen.
Erst später, viel später lernte ich die Gründe seines Verhaltens kennen.
Bevor ich in die Mühle kam, hatte es zwischen Mutter und Sohn schon manchen bösen Auftritt gegeben. Der Verkehr mit Knechten und besonders der mit einem leichtfertigen Bauernsohne der Nachbarschaft hatte ihn auf Wege gebracht, welche der braven, tüchtigen Mutter umsomehr Entsetzen eingeflößt, als sie da etwas auferstehen sah, was sie mit ihrem im Säuferwahnsinn gestorbenen Manne für ewig begraben wähnte. Bartel war wohl weniger ein Säufer, dafür aber ein desto leidenschaftlicherer Spieler, der es in seiner Habsucht mit der Ehrlichkeit nicht allzu genau nahm. Dieserhalb war es schon oft zu Raufereien gekommen, bei denen sogar die Messer gezückt worden waren. Einzelne Bauern, mit derenSöhnen Bartel Streit gehabt hatte und die bisher Mahlkunden der Müllerin gewesen waren, hatten andere Müller aufgesucht, und die Müllerin, die nicht gesonnen war, sich durch ihren Sohn ihr Geschäft zugrunde richten zu lassen, hatte diesem sogar gedroht, ihn davonzujagen. Und Bartel wußte, daß seine Mutter gegebenenfalls auch ihre Drohung ausführen würde. Darum verbarg er seinen heimlichen Groll gegen meine Aufnahme im Hause und trug eine gewisse bärbeißige Gutmütigkeit zur Schau. Nun aber, da ich selbst die Müllerei lernte, kam aufs neue seine Angst, ich könnte mich am Ende soweit in die Gunst der Mutter eindrängen, daß sie mir die Mühle übergeben würde. Ein Rechtstitel konnte ja leicht gefunden werden, wenn ich Marie heiratete, deren Liebe zu mir ihm nicht verborgen bleiben konnte.
Wie gesagt, das erfuhr ich alles erst später. Damals aber konnte ich mir den jähen Umschlag in Bartels Verhalten zu mir nicht erklären und ich fragte ihn eines Tages, was er denn gegen mich habe.
Darauf gab er mir keine gerade Antwort, sondern meinte nur, man könne nicht immer lustig sein und jeder Mensch habe etwas, was ihn ärgere, wenn er das auch anderen nicht so klipp und klar sagen könne.
Und allmählich wurde seine Laune auch wieder eine bessere. Nur trat jetzt der schleichende Zug in seinem Wesen, den er von Jugend auf besessen hatte,wieder stärker und mit jedem Tag stärker hervor. Ins Gasthaus ging er fast gar nicht mehr. Das Spiel hatte er ebenfalls eingestellt und von einem Tanzen oder Singen war bei ihm überhaupt nie die Rede gewesen. Er sprach so wenig als möglich, und wenn die Mühlgänge mit frischem Malter versorgt waren und ich aus der staubigen Mühlstube hinausging, um in Stube, Küche oder Garten ein wenig mit Marie zu plaudern, dann tauchte plötzlich irgendwo sein sommersprossiges Gesicht mit den fuchsigen Haaren auf, spähend, verschwand aber sogleich, wenn es sich bemerkt sah. Bald erschien er da, bald dort und ich hatte das Gefühl, immer von ihm belauscht zu werden.
Und auch seine Habsucht wuchs. Nicht nur, daß er die Bauern beim Wiegen des Getreides und Mehles übervorteilte, nein, wenn die Mehlsäcke schon zugebunden der Reihe nach zum Abholen bereit standen, er mußte sie nocheinmal aufmachen und aus jedem, wenn auch nur eine Handvoll herausnehmen. War’s auch wenig, mit der Zeit mußte es doch etwas ausmachen. Die Müllerin war aber über diese Wandlung ihres Sohnes sehr erfreut und schrieb dieselbe mir zu. Bartel hätte sich vor mir geschämt, meinte sie, und wenn er jetzt so einsilbig sei, so sei das eben ein Ausdruck seines Schamgefühls.
Und Marie und ich glaubten ihr das, obwohl in mir dann und wann ein Gedanke aufschnellte, alsmüßte Bartels Verschlossenheit und Lauerei einen Grund haben.
So verging das erste Jahr meiner Lehrzeit. Noch vor Ablauf desselben erfuhr ich von einem Ereignis, das mich mit meinem neuen Beruf vollständig aussöhnte. Denn obwohl ich mich sehr wohl fühlte, so kamen doch ab und zu Stunden, wo ich, der frühere Gymnasialschüler, die Müllerei als eine Herabsetzung meines Ichs empfand. Nun aber las ich in dem Wochenblatt, das wir uns hielten, daß sich einer meiner Kameraden, er war einer der besten Schüler gewesen, erschossen hatte, weil er bei der Matura durchgefallen war. Das Blatt knüpfte noch die Mitteilung daran, daß die diesjährige Matura überhaupt eine der schlechtesten seit Jahren sei, da nahezu die Hälfte der Studierenden durchgefallen sei. Ich wußte, daß unter den Durchgefallenen jedenfalls auch einige arme Stipendisten sein würden, deren Eltern nicht das Geld hatten, sie ein Jahr wiederholen zu lassen, und die standen nun also dort, wo ich gestanden hatte. Arme Teufel! Knapp am Ziele zurückgestoßen zu werden in das Nichts, das mußte entsetzlich sein. Vielleicht hatte es das Schicksal gut mit mir gemeint, daß es mich vor einem solchen vernichtenden Schlage bewahrt hatte.
Genau acht Tage darauf las ich von der Vermählung Heris mit dem Oberleutnant Hans von Steindl. Es mußte der Beschreibung nach ein glänzendes Hochzeitsfest gewesen sein und der Zeitungsmann, der den Bericht geliefert hatte, schwärmte in den Ausdrücken höchsten Entzückens von dem Liebreiz der Braut, die seit Jahren zu den Zierden der Stadt gezählt werde und von deren Liebenswürdigkeit, Bescheidenheit, Gutherzigkeit und von deren feinem Geiste man ebensoviel Rühmliches wisse, wie von der Ritterlichkeit und Tüchtigkeit ihres Gemahls, der eine der beliebtesten Erscheinungen im ganzen Offizierskorps sei.
Wäre vielleicht nur eine kurze Vermählungsanzeige zu lesen gewesen, so hätte sie mich doch berührt; der lange Schwall abgegriffener Phrasen aber ließ mich kühl. Mir war’s, als schlüge mir die Eiswelle der Heuchelei jener Gesellschaftskreise entgegen, in denen man mit bezauberndem Lächeln dem andern Dinge sagt, von denen das eigene Herz nichts weiß, oder noch schlechter, an die es selbst nicht glaubt.
Und daß ich so leicht überwand, dazu half auch noch etwas anderes, etwas, was ich mir selbst noch nicht einzugestehen getraute: eine neu aufkeimende Liebe, die zu Marie. Das zarte Samenkorn, das seit den Tagen meiner Kindheit in meiner Seele lag und dessen erste schüchterne Triebe, von den üppigen Schößlingen meiner Liebesleidenschaft zurückgedrängt, verwelkt waren, regte nun wieder seine unsterblichen Lebenskräfte und unter der sanften Sonne der blauen Augen Maries, unter dem weichenLenzhauch ihres ganz aus Güte und selbstvergessender Liebe zusammengesetzten Wesens wuchs es in mir empor, zart und keusch, und streckte sehnsüchtige Knospen mit wonnigem Zagen in das aufdämmernde Licht eines neuen Liebesfrühlings.
Da waren leise Worte, voll von süßen Geheimnissen, die gingen zwischen unseren Seelen hin und her wie der laue Wisperwind warmer Märztage von Blüte zu Blüte eilt und so lange kost und schmeichelt, bis mit seligscheuem Augenaufschlag eine Blüte das Köpfchen hervorstreckt und in süßer Demut die Sonne grüßt, die segnend ihre Strahlenhand auf alles legt, was hoffend und gläubig zu ihr aufsieht.
Und noch näher brachte uns beide ein trauriges Ereignis. Meine mütterliche Freundin, die Müllerin, erkrankte plötzlich. Nach ein paar Tagen eines leichten Unwohlseins brach eine Krankheit aus, die sie nahe an den Rand des Grabes brachte. Sie erholte sich zwar wieder, aber ihre frühere Kraft und Willensstärke, ihr heiteres Wesen gewann sie nicht wieder zurück. Es war etwas in ihr zurückgeblieben, was ihr ihre Kraft und damit auch ihre frühere Daseinslust zu auf ewig verlorenen Gütern machte und mit wehem Herzen sahen wir die Gute und Liebreiche einem unaufhaltsam dem Ende entgegentreibenden Siechtum ausgeliefert.
Sie selbst sprach zwar immerfort vom Gesundwerden; aber ihren Worten fehlte der überzeugendeTon des Überzeugten; es war mehr wie das eigensinnige Beharren eines kranken Kindes auf einem unerfüllbaren Wunsche, wie die weinerliche Ungeduld eines Menschen, der unbewußt selbst an dem verzweifelt, wonach er verlangend die Arme streckt.
Oft und oft trafen uns Marie und ich, zuerst am Bette der Mutter, dann am Rollstuhl, und die gleiche Liebe, die gleiche Sorge zogen die Fäden, die sich von Herz zu Herz gesponnen hatten, immer enger zusammen.
Und der Winter kam und legte der Erde den demantglitzernden Königsmantel um und wenn sich das große Mühlrad nach kurzer Rast wieder in Bewegung setzte, dann klang es fast wie ein Glockenspiel von dem Brechen der Eiszapfen, die sich daran gehängt hatten. In dem großen Kachelofen der Mühlenstube krachten die Fichtenscheite, der Pendelschlag der großen Schwarzwälderuhr ging langsam und schwer durch den Raum und dazwischen hinein wispelte die Müllerin in einem fort ihre Gebete, in denen sie Trost in ihrem Leide und wohl auch einen Ersatz für die ihr liebgewordene Arbeit im Hause suchte, die sie nun nicht mehr verrichten konnte.
Wir aber, Marie und ich, saßen an dem kleinen Tischchen in der Fensternische, und meine Blicke folgten dem Spiel ihrer Finger, welche flink und geschickt die Stricknadeln oder die Häkelnadeln führten, oder sie streiften wohl auch die zarte Beugung desNackens, die anmutig schwellende Linie der Büste, und wenn meinem Blick dann zufällig der Maries begegnete, dann zog es wie ein leiser Rosenschimmer über ihr Gesicht und machte dieses so schön, daß ich darüber ganz verwirrt wurde.
Um unsere gegenseitige Verlegenheit zu verbergen, fingen wir dann immer von gleichgültigen Dingen zu reden an.
So saßen wir Tag für Tag beisammen und so verging der Winter, der Frühling kam und der Mühlbach rauschte wieder stärker mit lenzgeschwellten Wassern unter seinem Rade dahin. Dann kamen die Schneeglöcklein und die Himmelschlüssel und die Welt wurde mit jedem Tag lichter und wärmer.
Im Befinden der Müllerin aber stellte sich nicht, wie sie und wir gehofft hatten, eine Besserung ein, sondern im Gegenteil, der Verfall schritt sichtlich vor.
Ich war mittlerweile zwanzig Jahre alt geworden und erhielt die Vorladung zur Assentierung.
Als ich von derselben nach Hause kehrte, trug ich ein buntes Sträußlein von künstlichen Blumen mit großen Glaskugeln geschmückt auf dem Hut, denn man hatte mich für den Militärdienst für tauglich befunden. Der mir das Sträußlein gekauft hatte, war aber Bartel gewesen, der zum dritten Male, und also endgültig für untauglich erklärt worden war und der darüber, wie er sagte, eine Freude hatte, als hätte man ihm einen blanken Tausender geschenkt.
Er wollte mich auf dem Heimwege in freigebigster Weise in jedem Wirtshause mit Wein bewirten aber mir stand der Sinn nicht darnach. Ich fürchtete das Militärleben durchaus nicht, denn ich sagte mir, daß ich bei meiner Vorbildung wohl sehr rasch die Stelle eines Unteroffiziers erreichen würde, aber ich dachte an mein friedsames Leben in der Mühle und ich dachte an Marie. So ließ ich denn Bartel seinen Jubel allein in den vollen Krug hineinjauchzen und tat ihm nur scheinbar Bescheid. Und als wir endlich nach Hause kamen, da torkelte er in seine Kammer und kam an diesem Tage nicht mehr zum Vorschein.
Als Marie das Sträußlein auf meinem Hute sah, erblaßte sie, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Wir standen in dem kleinen Vorgarten vor dem Hause, in dem gelber und blauer Krokus blühte.
„Ja,“ sagte ich, „jetzt haben sie mich und im Herbst heißt es fort von da.“
Darauf sagte Marie kein Wort, sondern schritt den Kiesweg entlang und auf die Bohnenlaube zu, um deren graue Latten sich noch das dürre Gewinde vom Vorjahre schlang.
Ich folgte ihr und sie ließ sich auf der Bank in der Laube nieder und blickte, ohne mich anzusehen, vor sich hin.
Mir preßte es das Herz zusammen, aber ich bot all meine Selbstüberwindungskraft auf und sagte in leichtem Tone: „Mein Gott, eigentlich liegt gar nichtsdran. Die drei Jahre werden auf ja und nein wieder vorbei sein!“
Da, im nächsten Augenblick schlug Marie die Schürze vor das Gesicht, ihr Kopf sank auf die Tischplatte nieder und sie begann zu schluchzen, daß ihr ganzer Körper bebte.
„Aber Marie, Marie, was hast denn?“ versuchte ich sie zu trösten, und zum ersten Male wagte ich es, über ihr blondes, weiches Haar zu streichen. Aber ihr Schluchzen wurde nur noch heftiger.
„Marie,“ bat ich wieder und fühlte dabei, wie es mir die Kehle zuschnürte, „Marie, sei doch ruhig. – – Marieli!“
Ganz von selbst war mir der alte Kinderkosename über die Lippen gegangen und da hob sie das tränenüberströmte Gesicht und sah mich mit einem Blick an, in dem all ihre Liebe und all ihr Schmerz lagen.
Und da ließ ich mich neben ihr auf die Bank nieder, legte scheu den Arm um ihre Schultern und fragte mit vor Glück bei jedem Wort stockender Stimme: „Marieli, hast du mich denn wirklich so gern?“
Statt jeder Antwort schlang sie beide Hände um meinen Nacken, preßte ihr glühendes, nasses Gesicht an meine Brust und begann aufs neue zu schluchzen.
In meiner Seele aber stieg es jubelnd empor wie ein Frühlingslied aus tausend sonnberauschten Lerchenkehlen, ich drückte meinen Mund auf MariesHaar immer wieder und wieder und dazwischen stammelte ich in abgebrochenen Worten mein Glück hervor: „Marieli, ist’s denn wirklich wahr! Du hast mich gern?“
Und als sie keine Antwort gab preßte ich sie inniger an mich und bat und flehte: „Marieli, du mußt mirs sagen, daß du mich gern hast. Ich muß es von dir hören, sonst kann ich’s nicht glauben! Marieli!“
Da hob sich ihr Kopf an meiner Brust empor, und wie nach einem verregneten Tage ein großes, schönes Sonnenleuchten die Erde mit Glück und Glanz übergießt und alles Leid des ganzen Tages vergessen läßt, so glänzte mir nun aus Maries feuchten Augen eine Welt von Liebe entgegen und leise sagte sie: „Ich hab’ dich ja immer gern gehabt, Heini!“
„Und kannst du mir auch verzeihen –“ flüsterte ich, „du kannst mir das –“
„Sei still, Heini!“
Sie preßte ihre Wange an die meine und sachte drehte ich ihr Köpfchen herum, bis Lippe auf Lippe lag.