XII.
Dieses vorige Kapitel aus meinem Leben habe ich gestern vormittag geschrieben. Wie ich dann noch an meinem Tische saß und nachdachte, da hörte ich auf einmal ein Pfeifen und Schnalzen und als ich über die Schwelle meiner Hütte trat, sah ich gerade vor mir auf der alten Wettertanne eine wilde Jagd. Ein Edelmarder verfolgte ein Eichhörnchen. In Spiralen lief das gehetzte Tier den Stamm empor, daß der buschige Schwanz wie ein rotes Fähnchen hinter ihm dreinwehte. Und der Edelmarder war dumm genug, diese Spiralen nachzulaufen. Schon glaubte ich die Eichkatz gerettet, da mußte der Marder auf sein Ungeschick gekommen sein. Er ließ sein Opfer um den Stamm laufen, schoß aber selber senkrecht empor, und da lief es ihm geradeaus in den Rachen. Ein Biß ins Genick und er sprang mit seiner Beute davon.
Das ist Natur, rauhe, „rohe“ Natur, wie die Menschen draußen in der Welt sagen würden. Und doch steht sie höher, tausendmal höher als ihre Kultur. Das Tier kennt den Mord, den brutalen Mord aus Selbsterhaltungstrieb; aber es kennt nicht das Quälen, das langsame Hinmorden. Die Natur arbeitet mit augenblicklich wirkenden Dolchstichen, die Kultur mit Nadelstichen. Je weiter der Mensch von der Natursich entfernt, desto grausamer wird er. Der Naturmensch, der Wilde, tötet, er tötet den Leib; der Kulturmensch tötet zuerst in langsamen Worten die Seele und überläßt es dann der geistigen Verwesung, auch den Körper zu zerstören.
Zu Millionen wandern sie auf Erden herum, die Menschen, denen in teuflischen Seelenqualen der Wille gebrochen, das redliche Denken, das ehrliche Fühlen geraubt wurde; mit toten Seelen, oder was noch schlechter ist, mit vergifteten, gehen sie ihren Lebensweg, wie Sklaven schleppen sie die Ketten ihrer erzwungenen Verdorbenheit mit sich, bis sie endlich im Ekel vor sich selbst zusammenbrechen, das brechende Auge noch in stummer Frage emporrichtend: warum?
Ich stand noch und sah dem Marder nach, wie er von Ast zu Ast springend in den Tiefen des Waldes verschwand, als mich Tritte aus meiner Betrachtung aufschreckten.
Wieder einmal einer aus der sogenannten Kulturwelt da draußen. Ich weiche diesen Leuten sonst am liebsten aus, denn sie bringen mir den ganzen Zank und Stank ihrer Armseligkeit in meine schöne Einsamkeit. Dieser Mann jedoch gefiel mir. Er bat mich um einen Trunk Milch und wenn ich es hätte, auch um ein Stück Brot dazu, und dann warf er sich auf der Wiese am See ins Gras hin, verschränkte die Arme unter dem Kopf und sah in den Himmel hinein.
Ich kümmerte mich nicht um ihn, sondern ging meiner Arbeit am Meiler nach.
Nach einer Stunde kam er wieder zu mir zurück und fragte mich, ob er eine Nacht bei mir bleiben könne.
Ich war von dieser Frage so überrascht, daß ich mich augenblicklich nicht entscheiden konnte, und um Zeit zu gewinnen, stellte ich die Gegenfrage, was er denn eigentlich da heroben wolle.
„Eigentlich wollte ich da ein wenig botanisieren,“ entgegnete er, „aber ich will auch das lassen und einmal einen ganzen Tag selbst nichts anderes sein als Pflanze, die Licht und reine Luft trinkt. Sie werden das freilich nicht verstehen und begreifen,“ setzte er noch hinzu, „denn Ihr Landleute meint ja, daß es nichts Schöneres gäbe, als das Leben in einer Stadt. Ihr wißt ja selbst nicht, wie schön, wie gut Ihr es habt. Dieser Friede hier, diese Ruhe und diese kostbare Luft! Ah! Wenn man das so ein Jahr haben könnte.“
„Nun so siedeln Sie sich einmal ein Jahr da irgendwo im Hochwald an!“ entgegnete ich lächelnd.
Da seufzte der Mann auf: „Ja, wer das könnte. Aber da hat man Weib und Kind und es heißt arbeiten, arbeiten von früh bis Abend. Aber nun sagen Sie mir, kann ich bei Ihnen da übernachten oder nicht. Ich brauche ja kein Bett, nur ein bißchen ein Dach möchte ich über meinem Kopfe haben.“
Meine Hütte beherbergte außer dem Raum, dermir zur Wohnung diente, noch einen zweiten, der meinem Vorgänger als Ziegenstall gedient hatte.
Diesen zeigte ich dem Professor, denn als solchen mußte ich ihn bald erkennen, und er war ganz zufrieden damit. Aus dürrem Buchenlaub machte er sich selbst eine Liegestatt zurecht und ich gab ihm eine meiner groben Decken.
Wir saßen noch eine Weile beieinander und ich lernte in ihm einen tiefen Menschen, einen echten Friedenssucher kennen, so daß ich unwillkürlich auch ein wenig aus meiner Verschlossenheit heraustrat.
Als er sich endlich erhob und mir die Hand reichte, sagte er: „Sie sind auch nicht immer Kohlenbrenner gewesen.“
„Ich will es aber bleiben,“ entgegnete ich.
„Ich verstehe Sie,“ sagte er einfach, „und ich will Sie nicht stören. Jeder Mensch muß mit sich selber fertig werden und glücklich der, dem’s gelingt; der hat dann den Frieden. Gute Nacht!“
Der Professor ist auch heute noch geblieben und wir haben viel miteinander gesprochen und haben uns gut verstanden. Als er dann aufbrach, sagte er: „Leben Sie wohl, lieber Freund! Ich weiß heute, was ich mir schon gestern dachte, daß Sie einmal andere Zeiten gesehen haben. Aber ich frage nicht und glauben Sie meiner Versicherung, daß ich auch drunten im Tale Ihrer Lebensgeschichte nicht nachfragen werde. Ich freue mich, einen Menschen gefunden zu haben, dem der Friede ward, und ich nehme einen Teil davon mit in meine Arbeitsstube. Das nächste Jahr aber will ich wieder kommen und dann wollen wir es wieder genau so halten wie gestern und heute. Nicht wahr?“
Ich drückte dem Manne, dessen Auge hell und aufrichtig leuchtete, die Hand und dann schritt er davon. Wo der Weg zum See niedersteigend im Unterholz verschwindet, drehte er sich noch einmal um und winkte mit dem Hute zurück.
Also auch einer, der auf den Wegen der Einsamkeit geht trotz Weib und Kind. Er gibt Liebe, empfängt Liebe und ist doch einsam. Merkwürdig, sehr merkwürdig das!
Doch ich will zu meiner Geschichte zurückkehren.
Ich war also jetzt Soldat. Daß mir der Kasernenton behagt hätte, kann ich wohl nicht sagen, aber ich war es ja von der Anstalt her gewohnt, mich einem größeren Haufen einzufügen und die da üblichen Späße nicht gerade feiner Art wenigstens insoweit mitzumachen und mir gefallen zu lassen, um nicht allein zur Zielscheibe derselben zu werden.
Bei der Abrichtung war ich bald der erste und schon nach einem Vierteljahr wurde ich zum Kanzleidienst kommandiert. Da man mich hier sehr gut brauchen konnte und auch meine Vorstudien bekannt wurden, war ich nach einem halben Jahre schon Korporal und genoß eine Art Ausnahmestellung.
Niemand war froher als ich, als mir meine Übersetzung zum Kanzleidienst bekannt gegeben wurde. Hier unterstand ich in erster Linie dem Hauptmann und hatte mit den übrigen Offizieren, den Leutnants und Oberleutnants, nichts zu tun.
Unter Letzteren befand sich auch Oberleutnant von Steindl. Der war nach der Aussage aller älteren Unteroffiziere früher ein sehr lustiger und gutmütiger Mann gewesen; aber bald nach seiner Verheiratung hätte sich sein Charakter gänzlich geändert und nun sei er einer der ärgsten Soldatenschinder, dem eine Kleinigkeit genüge, um einen Mann schließlich sogar auf die „Latten“ zu bringen.
Ich hatte mich allerdings über ihn nicht zu beklagen gehabt. Er ließ zwar mit keiner Miene merken, daß er mich kannte, aber er dankte mir jedesmal auf meinen Gruß, was er meinen Kameraden gegenüber nur selten tat. Auch hatte ich von ihm nie ein böses Wort erhalten. Was mich aber an ihm so unangenehm berührte, das war, daß ich so oft einen mich belauernden Blick an ihm wahrzunehmen glaubte. Wie eine Katze kam er mir dann vor, die eine Beute im Auge hat und sich langsam zum Sprunge anschickt.
Durch die Übersetzung in die Kanzlei war ich ihm nun aber aus dem Auge gerückt und ich empfand das als eine große Erleichterung. In dieser Zeit erfuhr ich auch, daß er ein unglückliches Familienleben führen solle. Warum, das wußte mir niemandzu sagen, daß es aber so sei, das schien stadtbekannt zu sein.
Ich empfand darüber keine Genugtuung; ich hatte ja mit mir selbst so viel zu tun, denn von Marie kamen immer öfter und öfter Briefe, aus denen mich eine unsägliche Sehnsucht anrief. Ich tröstete sie, so gut ich konnte, und stellte ihr im Sommer einen Urlaubsbesuch in Aussicht; aber das schien nicht zu wirken. Und eines Tages hielt ich wieder eines der schlichten Blättlein in den Händen und mit unbeschreiblichem Gefühle las ich daraus, daß der Rausch jener stillen Gewitternachtsstunde in der Bohnenlaube nicht spurlos an Marie vorübergegangen sei.
Wie eine glühende Nadel fuhr es mir durchs Herz. Sorge um Marie, Scham und dabei doch wieder ein hohes, ernstes Gefühl wechselten beständig in mir ab und der Brief, den ich an Marie schrieb, muß trotz der hohen Worte, an die ich mich dunkel erinnern kann, recht verworren gewesen sein.
Was sollte nun werden? Der Gedanke verfolgte mich Tag und Nacht und ich gebe zu, daß darunter meine Kanzleiarbeit an manchem Tage zu leiden hatte.
Und da wollte es das Schicksal, daß unser Hauptmann erkrankte und der älteste Oberleutnant einstweilen an seiner statt die Leitung der Kanzlei zu übernehmen hatte. Dieser Oberleutnant war von Steindl.
Es war gerade die Zeit, wo sich die politischen Ereignisse zu dem großen Kriege zwischen Rußland und der Türkei zuspitzten. Wir Soldaten hatten keine Ahnung, daß es dazu kommen könnte, daß auch wir in die Geschichten an der unteren Donau verwickelt werden könnten, doch konnte uns nicht verborgen bleiben, daß sich auch in unserem Heer eine wohl geheim gehaltene aber sehr rege Tätigkeit entwickelte. In allen Magazinen wurden die Vorräte teils ergänzt, teils erneuert, und wir Kanzleimenschen hatten jetzt alle Hände voll Arbeit.
Mir war die Arbeit eine willkommene Ablenkung von meinen schweren Gedanken und von meinen bitteren Sorgen um Marie. Wenn aber wieder ein Brief von ihr in meinen Händen lag und ich aus ihren so mutig sein wollenden Worten ihre ganze Verzagtheit herauslas, dann ließ ich doch unwillkürlich meine Feder sinken, und gab mich meinen schmerzlich sehnsüchtigen Gedanken hin.
Dabei traf mich eines Tages Oberleutnant von Steindl. „Sie glauben wohl, hier privatisieren zu können!“ fuhr er mich an. „Was haben Sie da?“
Mit diesen Worten wollte er nach meinem Briefe greifen.
Rasch zog ich aber denselben an mich und sagte fest und bestimmt: „Zu Befehl, Herr Oberleutnant, das ist ein Privatbrief.“
„Hier in einer k. k. Militärkanzlei gibt es keinePrivatbriefe!“ donnerte er mich an. „Her mit dem Wisch!“
In mir begann es zu kochen, aber noch bezwang ich mich und entgegnete nochmals: „Es ist ein Privatbrief, Herr Oberleutnant.“
„Her damit, ich befehle!“ brüllte er und griff nach dem Papier, das ich in meiner Faust zusammenknitterte.
Ich aber trat einen Schritt zurück und sagte: „Und ich verweigere. Dazu haben Sie kein Recht!“
Hätte ich geahnt, was in der Seele des Mannes vorging, ich hätte ihm den Brief gegeben, so aber glaubte ich nur an boshafte Quälerei und als er nun auf mich zustürzte und mir den Brief aus der Hand zu reißen versuchte, da war es um meine Selbstbeherrschung getan. Ich sah nicht mehr den Vorgesetzten vor mir, sondern nur die Bestie, die mich quälen und verhöhnen wollte. Denn jedenfalls wollte er dies und nur dies. Verhöhnen wollte er mich, daß ich, der ich einst seine Frau geliebt, nun mit meiner Liebe bei einem Bauernmädel angelangt sei. Schneller als die Blitze durch die heiße Sommernacht irren, schossen mir diese Gedanken durch den Kopf; wie eine jähe Flamme, die in fessellosem Emporlodern alles um sich her ergreift, so brauste in mir die Wut empor, und da hatte ich auch schon einen Schlag gegen den Oberleutnant geführt, der ihn zurücktaumeln machte. Er stieß einen unartikuliertenSchrei aus und riß den Säbel aus der Scheide. In demselben Augenblick aber hatten sich schon zwei ältere Unteroffiziere auf ihn geworfen und hielten ihm den Arm fest. Zwei andere hatten mich gepackt und verhinderten mich, mich nochmal auf ihn zu stürzen.
Ich kann mir’s heute noch nicht anders erklären, als daß damals alles plötzlich in mir aufwachte, was ich an Groll und Grimm, zum großen Teil unbewußt und noch aus den Tagen stammend, da ich ihn als Nebenbuhler erkennen mußte, in mir trug. Ich meine, ich hätte ihn damals trotz seines Säbels umgebracht.
Eine halbe Stunde später saß ich schon im Garnisonsarrest und nach einer Woche wanderte ich für ein halbes Jahr ins Stockhaus. Mein tadelloses Vorleben, mein bisher bewiesener Pflichteifer und auch meine höhere Bildung waren als mildernde Umstände sehr bedeutend in Rechnung gezogen worden.
Graue Tage kamen nun. Wie lahme Bettler auf ächzenden Krücken schlichen die Stunden dahin und ich habe fühlen gelernt, daß es für den Menschen nichts Entsetzlicheres, nichts Unbarmherzigeres gibt, als nicht arbeiten zu dürfen, zur Untätigkeit verurteilt zu sein, wenn jeder Muskel nach Betätigung schreit.
Und das allerfurchtbarste war: ich konnte meiner Marie nicht schreiben. In ihre Briefe kam ein banger Ton, wie er mir an ihr ganz unbekannt war. Wie dieTränen eines verzagten Kindes, so quoll es mir aus den Zeilen entgegen. Und ich konnte ihr nicht antworten. Ich beschwor den Kameraden, der mir täglich das Essen brachte, mir Bleistift und Briefpapier zu bringen; aber die Überwachung war so streng, daß er sich nicht getraute.
So saß ich Tag für Tag in meinem Gefängnisse und mußte zusehen, wie sich an Marie das Schicksal erfüllte.
Kein Teufel hätte eine ärgere Qual für mich erfinden können, als sie mir damals der natürliche Lauf der Dinge bereitete. Marie schrieb mir, daß sie ihrer schweren Stunde entgegengehe und daß sie ihr Bruder unermüdlich bestürme, einem der Bauern der Nachbarschaft die Hand zur Ehe zu reichen. Auch die Mutter sei jetzt ganz auf der Seite Bartls und verlange von ihr, daß sie des Bruders Willen erfülle. Marie bat und beschwor mich, ihr doch um Gotteswillen eine Antwort zu geben. Nur ein paar Worte wolle sie zum Zeichen, daß ich an sie denke; dann würde sie neuen Mut und frische Kraft finden, gegen Mutter und Bruder zu kämpfen. Alles, alles wolle sie tun, nur schreiben solle ich ihr, ihr sagen, daß ich sie noch immer lieb habe. Sonst wisse sie nicht, was noch geschehe.
Wieder bat und flehte ich, man möge mich einen Brief schreiben lassen und als mir dies nicht bewilligt wurde, meldete ich mich direkt zum Gefängnisrapport und trug dem kommandierenden Offizier meine Bitte vor. Die Angst um Marie trieb mich sogar dazu, ihm wahrheitsgetreu den ganzen Sachverhalt zu erzählen.
Und der Mann dachte menschlich.
„Es ist zwar nicht gestattet,“ meinte er, „daß Militärsträflinge Briefe schreiben, aber in diesem Falle will ich eine Ausnahme machen, vorausgesetzt, daß ich den Brief zu lesen bekomme.“
Der Brief ging fort, aber er hat Marie nie erreicht. Später habe ich erfahren, daß Bartl den Briefträger bestochen hatte, ihm alle an Marie gerichteten Briefe auszuliefern. Nun, der Mann hatte nicht oft Gelegenheit, seinen Diensteid zu brechen; ganze zwei Male.
Eine ganze Woche verlief, ohne daß ein Brief von Marie kam, und ich fühlte mich schon beruhigter. Da kam auf einmal wieder ein kleines Schreiben, mit Bleistift hingekritzelt, und ich sah auf dem Papiere die Spur der Tränen, die darauf gefallen waren. Es lautete:
Lieber Heini!Ich kann Dir nicht viel schreiben, denn ich liege im Bett. Neben mir liegt unser Kind, ein Bub mit blaue Augerl. Hanserl heißt er, sie haben es nicht gelten lassen, daß er Heini heißen soll. Heini,schreib mir, ich bitte Dich um alles in der Welt, schreib mir, daß Du uns alle zwei gern hast. Ich kann’s sonst nimmer aushalten. Heini, Heini, verlaß mich nicht, verlaß uns nicht.Deine Marie.
Lieber Heini!
Ich kann Dir nicht viel schreiben, denn ich liege im Bett. Neben mir liegt unser Kind, ein Bub mit blaue Augerl. Hanserl heißt er, sie haben es nicht gelten lassen, daß er Heini heißen soll. Heini,schreib mir, ich bitte Dich um alles in der Welt, schreib mir, daß Du uns alle zwei gern hast. Ich kann’s sonst nimmer aushalten. Heini, Heini, verlaß mich nicht, verlaß uns nicht.
Deine Marie.
Ich sandte den Brief an den Kommandanten und bat ihn abermals, mir ein paar Zeilen zu erlauben, doch diesmal glaubte er, mir die Erlaubnis verweigern zu müssen, denn einen sozusagen ständigen Briefwechsel könne er nicht verantworten. Übrigens dauere meine Strafe ohnehin nur mehr ein paar Wochen.
Träge, entsetzlich träge schlichen die Stunden und die Tage dahin. Von dem sehnsüchtig erwarteten Augenblick, da ein blasses Grau durch die vergitterten Fenster kam und sich leise in dem kahlen Raum ausbreitete, bis der letzte Schimmer auf den schmutzigen Wänden erlosch, schien es mir eine Ewigkeit zu sein, und wenn mir in jener Zeit ein Glück beschieden war, so war es das, daß ich wenigstens einige Stunden in der Nacht schlafen konnte. Wäre ich damals so schlaflos geblieben, wie es mir später geschah, ich hätte mir im Wahnsinn den Schädel an den Mauern einrennen müssen.
Eines Tages aber kam mein Kamerad mit dem Essen ganz aufgeregt herein.
„Weißt das neueste?“ rief er mir zu.
Ich mußte in all meinem Jammer lächeln. Wie sollte ich etwas wissen können!
„Krieg ist,“ sagte er aufgeregt, „mit die Türken geht’s los!“
Da ich in meinem Gefängnisse selbstverständlich nicht das geringste von den Wirren im Orient gelesen, legte ich der Sache keine Bedeutung bei und glaubte, der Mann habe irgend eine Nachricht falsch aufgefaßt. Aber bald wurde ich eines besseren belehrt.
Auch unser Regiment wurde mobilisiert, und da mir nur mehr einige Tage zur völligen Abbüßung meiner Strafe fehlten, wurde ich vorzeitig aus dem Gefängnisse entlassen und als Gemeiner ins Regiment eingestellt. Ich gehörte zum ersten Bataillon, Oberleutnant von Steindl war zu meiner größten Freude dem zweiten zugeteilt worden.
Und nun ging’s nach Süden. Durch Weingärten flog der Zug, an schmucken Sommerfrischen und reizenden Villen vorüber, dann rollte er in das steinige Feld hinein, das sich vom Wienerwald bis zur ungarischen Grenze hinzieht. Sonnverbrannt lag es da und von dem mißfarbenen Rauch überdacht, der dort aus hunderten von Schloten unaufhörlich und in dichten Massen quillt. Bald aber tat sich die grüne Wunderwelt des Gebirges auf. Raxalpe und Schneeberg grüßten mit klaren Felsenstirnen nieder ins Land, ein schneller Gebirgsfluß kam uns mit seinenspiegelhellen, blitzenden Wellen entgegen und dann kletterte der Zug über die grünen Matten des Semmering hinan, donnerte über Viadukte und rasselte durch Tunnels, und in sausendem Fluge ging es dann abwärts durch die lieblichen Täler der Obersteiermark, an der schäumenden Mur entlang, bis sich die Rebenhügel der alten windischen Mark an sie herandrängten und ihren Lauf nach Osten lenkten. Nun leuchteten uns rechts und links von den sonnüberflimmerten Weinbergen die schmucken, weißen Winzerhäuschen entgegen, bis sich beim Überschreiten der stolz einherflutenden Drau wieder weites Flachland, von graugrünen Föhrenwäldern durchträumt, vor uns auftat. Und nochmals Weinhügel, ein romantisches Tal mit kühnen Felsenbildungen und dann ging es der Save entlang ins Kroatische und zur bosnischen Grenze.
Da, jenseits des träge mit grünbraunen Wassern flutenden Stromes lag also das Land, das uns Ruhm oder Tod bringen sollte. Mit fahlen Wolken lag der Abend über ihm, als wir es das erste Mal sahen und als wir nach bleiernem Schlafe durch die schmetternden Trompeten geweckt wurden, da breitete sich um uns ein dichtes graues Nebelmeer, aus dem nur allgemach die dunklen Laubmassen der weiten Auen auftauchten.
Auf einer von unseren Pionieren erbauten Schiffbrücke zogen wir hinüber ins feindliche Land. Mehr oder minder gute Witze begrüßten es, dann aber nahm alle der eigentümliche Charakter der Landschaft gefangen. Da waren ungeheure Maisfelder und in wahren Wildnissen von Zwetschkenbäumen standen die armseligen Dörfer, über deren herabhängende Strohdächer sich da und dort ein Minarett erhob. Aber das war nicht der zierliche Bau, den ich aus manchen Abbildungen orientalischer Städte kannte, sondern eher ein plumper, mit einem primitiven Dache gedeckter Rauchfang.
Und wie schmutzig und verwahrlost sah es da überall aus. Die Straßen tiefdurchfurchte Kothaufen, Dächer, Zäune, Mauern, alles ruinenhaft, die Schweine wühlten rings um die Häuser, die wie verlassen dastanden. Nur da und dort, daß sich ein Mensch zeigte; meistens waren es Kinder in bauschigen Gewändern von nicht mehr zu bestimmender Farbe, die, den Finger im Mund, die blanken Geschwader anstarrten, die lachend und plaudernd an ihnen vorüberzogen. Wenn wir sie aber anriefen, dann waren sie im Nu hinter den zerlemperten Zäunen verschwunden und wir sahen nur mehr ihre dunklen Augen hinter den Latten hervorlugen. Nur einer der kleinen Kerle kam auf unsern Ruf heran, hielt uns aber sofort bettelnd den mit Schmutzkrusten bedeckten Handteller entgegen.
Und tiefer und tiefer ging es in das unbekannte Land hinein. Auf kaum erkennbaren Wegen marschierten wir weiter und um uns breiteten riesige Urwälder ihre düsteren Schatten. Wo sie sich etwaslichteten sahen wir zu kahlen, trümmerbedeckten und oft wunderlich ausgezackten Bergesgipfeln empor. Neben unserem Wege aber rauschte in wildzerrissenem Bette ein Fluß, sich ab und zu donnernd und brüllend über mächtige Felsklötze stürzend.
Am dritten Tage kam uns ein Transport mit Verwundeten entgegen. Unter starker Bedeckung zog er einher und von ihnen hörten wir bestätigt, was wir bisher nicht glauben konnten, daß unsere Toten und Schwerverwundeten oft in entsetzlichster Weise verstümmelt würden.
Aus war’s mit den fröhlichen Witzen und den lustigen Marschliedern; ein wilder Grimm hatte alle erfaßt und man nahm sich vor, diesen Menschenbestien gegenüber keine Schonung walten zu lassen.
Und bald sollten auch wir den Feind kennen lernen. Die ständigen Überfälle erheischten ein ungemein vorsichtiges Vorgehen, und um die Hauptmacht vor Überraschungen zu bewahren, wurden wir seitwärts dirigiert, um jener die Flanken zu decken.
Der völlig ungebahnte Weg, den wir zu nehmen hatten, ließ kein Marschieren in größeren Verbänden zu. Zugweise schlugen wir uns durch Wald und Gestrüpp hindurch, durchwateten Bäche und kletterten an Felshalden empor; doch nirgends war die Spur eines Feindes zu entdecken.
Am Abende des zweiten Tages, dieser uns wahnsinnig und auch unsinnig dünkenden Streiferei, schlugen wir auf einer mit hohem Grase bewachsenen Blöße das Lager auf. In weitem Bogen, unheimlich still, stand der Hochwald um den Lagerplatz; gegen Osten aber stieg das Gelände zu einem mit riesigen Steintrümmern besäten Gipfel auf, der aber wie ich mich später überzeugte, nur der Absturz einer ausgedehnten Hochfläche war, zwischen deren weißen Steinwellen dürres Gestrüpp und hartes, sonnverbranntes Gras in fahlen Büscheln stand.
Ein Kamerad und ich erhielten den Vorpostendienst und hatten die einsame Kuppe zu beziehen.
Über den fernen Karstgipfeln ging die Sonne zur Ruhe. In dem Goldstrom, der von ihr floß, färbten sich die kahlen Felshöhen erst mit flammendem Gelb, dann aber ging dieses in glühenden Purpur über, und der rann in breiten Strömen hinab in die waldigen Schluchten und Täler und hing in die dunklen Kronen der riesigen Fichten und Tannen ganze Lasten von Rosen, die aber immer blässer und blässer wurden. Wie zu Hause in meinen Bergen war das, und jetzt war mir, als müsse der leise Klang der Abendglocke ertönen. Und ein geliebtes Antlitz tauchte vor mir auf, ein schmales, süßes Gesicht mit blauen Augen. Ich sah die Augen mit stummer, aber inbrünstiger Bitte gegen Himmel gerichtet: gewiß, jetzt betete Marie für mich, denn nun war’s ja auch zu Hause Avezeit.
Ich hatte Marie vor unserem Abmarsch schnell noch ein paar Zeilen schreiben können und wähnte sie getröstet, soweit ein Frauenherz getröstet sein kann, das den Geliebten in fernem, feindlichem Lande weiß.
Und auf einmal durchrieselte mich ein eigenartiger Schauer: mir fiel ein, daß nun Marie nicht mehr allein sei; dort im Norden, wo die Nacht ihre dunklen Schleier an den Himmel hängte, dort lag mein Kind, und die Heimatwälder rauschten ihm ein Schlummerlied, weil der Mutter selbst die Lippen von Weh und Sorge verschlossen waren.
Aus meinen Träumen riß mich die Stimme meines Kameraden, der meinte: „Saudumm, daß wir da heroben stehn müssen. Ist eh weit und breit nit einmal eine Katz, viel weniger ein Bosniak. Da schau, wie sich’s die da drunten gut g’schehn lassen.“
Und er wies mit dem Finger auf die Halde hinab, auf der die Lagerfeuer flammten und von wo ab und zu dumpfes Stimmengewirr zu uns empordrang.
„Na tröst’ dich,“ erwiderte ich „morgen trifft’s dafür andere, dann können wir’s uns gemütlich machen.“
Arm in Arm gelegt, das Gewehr bei Fuß sahen wir hinab.
Plötzlich ein Knall, ein klirrender Ton in unmittelbarer Nähe, und mein Kamerad riß seinen Arm aus dem meinen. Ein Schuß hatte die Menageschaleauf seinem Tornister getroffen und wie wir uns nun umdrehten, pfiff eine zweite Kugel hart an meinem Ohre vorbei.
Hinter einem großen Felsblock wurden zwei Gestalten flüchtig, eine höhere, dunklere, augenscheinlich ein Mann, und eine kleinere in lichter Kleidung, eine Frau.
Wir rissen unsere Flinten an die Wangen und fast gleichzeitig krachten unsere Schüsse den wie Katzen gebückt Davonspringenden nach. Und wir hatten getroffen. Die kleinere Gestalt warf die Arme empor und sank zu Boden. Der Mann wollte sie fortziehen, aber schon hatten wir wieder geladen und wieder krachten unsere Schüsse über die steinige Hochfläche hin. Zugleich schmetterten vom Lager herauf die Alarmsignale und Kommandorufe ertönten.
Da eilte der Mann fort und wir stürmten ihm nach. Bald waren wir bei der Getroffenen. Es war eine junge, bildschöne Frau. Rabenschwarzes Haar quoll unter einer kleinen roten Mütze hervor, in krampfhaften Stößen hob sich die jugendstrotzende Brust unter dem weißen Hemd, über das sich noch ein rotes, goldgesticktes Leibchen spannte, und als die Sterbende nochmal das Auge aufschlug, das schöne, tiefdunkle Auge, da war mir’s mit einem Male, als wäre es Heri, die da vor mir läge.
„Wie eine Wildkatz,“ meinte mein Kamerad.
Aber wir hatten nicht Zeit uns Betrachtungenhinzugeben, denn eben pfiff wieder eine Kugel an unserem Ohre vorbei: im nächsten Augenblick lagen wir hinter einem Felsblock in Deckung und begannen das Feuer zu erwidern, das uns hinter einem von Gestrüpp umwucherten Felswall hervor entgegenschlug.
Schon kam aber auch unsere Hilfe. Jede Deckung verschmähend, sprangen die Kameraden, unser Oberleutnant voran, durch die Felsblöcke daher und rollende Salven schlugen in das Gebüsch, die das dortige Feuer rasch verstummen machten.
Als wir dann das Gebüsch absuchten, fanden wir zwar Blutspuren, aber weder Tote noch Verwundete. Die hatten die Insurgenten mitgenommen, wie sie das auch immer taten, wenn ihnen nur halbwegs die Möglichkeit geboten war.
Das war unser erster Zusammenstoß mit dem Feinde.
Nachdem die ganze Umgegend abgesucht worden war und die Posten verstärkt waren, kehrte die Truppe ins Lager zurück. Mein Kamerad und ich blieben auf unserem alten Posten.
Schimmernd im Lichte unzähliger Sterne war die Nacht gekommen. Weithin wundersame Stille, nur ein ganz, ganz leises Rauschen der Wälder zu unseren Füßen und ein geisterhaftes Flüstern in dem dürren Gras zwischen den Felsblöcken. Und dort drüben lag ein junges, schönes, totes Weib. Nochvor ein paar Stunden hatte sie nichts von uns, wir nichts von ihr gewußt, und nun lag sie von unseren Kugeln dahingestreckt, und ihre gebrochenen dunklen Augen fragten die friedlich ziehenden Sterne dort droben: warum?
Damals in der einsamen Nachtwache droben auf dem Felskamm des bosnischen Gebirges, da habe auch ich mich im Herzen gefragt: wozu all dieses erbitterte Kämpfen von Menschen gegen Menschen, wozu all das Blut- und Tränenvergießen? Ändert das alles auch nur das Geringste an dem Gang der Welt? Nicht das kleinste Sternchen rollt deswegen aus seinem Geleise, Tag und Nacht kommen und gehen wie immer, der Frühling treibt seine Blüten und der Herbst nimmt die Blätter von den Bäumen, immerdar, immerdar. Und wenn sich ganze Völker hinmorden, an diesem ewigen Pendelschlag des Lebens ändert das nichts. Wozu also?
Ein philosophierender Vorposten. Daß ein solcher nichts taugt, sahen wir am nächsten Tag, denn die Leiche des jungen Weibes war verschwunden und uns hatte wahrscheinlich nur das Dunkel vor einem rächenden Schuß bewahrt.
Von nun an gab es fast tagtäglich kleine Zusammenstöße, Scharmützel und Gefechte. Unvermutet tauchten bald da bald dort die hohen sehnigen Gestalten der Insurgenten in ihrer bunten Tracht auf, und es kam auch der Tag, wo wir uns entsetzt über dieverstümmelten Leichname von Kameraden beugten, die auf Vorposten von dem katzenartig anschleichenden Feind überfallen und ermordet worden waren.
Eines Tages hatte eine ganz kleine Abteilung von uns, im ganzen acht Mann, den Auftrag erhalten, gegen eine dicht bewaldete Schlucht hin aufzuklären. Mit all der Vorsicht, an die wir uns schon gewöhnt hatten, führten wir unter der Führung eines Leutnants den Befehl aus.
Da stieß aber unvermutet zu uns eine Abteilung des zweiten Bataillons, und der Führer der etwa dreißig Mann war Oberleutnant von Steindl. Er hatte dieselbe Aufgabe wie wir, nur nach einer anderen Richtung sollte er, und von dieser war er im Gewirr des Urwaldes abgekommen.
Nun standen die beiden Offiziere beisammen, studierten eingehend die Karte und tauschten ihre Vermutungen aus. Aber sich in diesen Wildnissen zu orientieren, war keine so leichte Aufgabe, und so beschlossen die beiden Offiziere, ein Stück mitsammen zu marschieren. Da der Weg aufwärts führte, war Hoffnung, auf eine Waldblöße zu kommen, die einen Ausblick auf die Umgegend gestatte.
Etwa eine Viertelstunde ging es durch den Hochwald über gestürzte Stämme, riesige Äste und durch wildverwachsenes Strauchwerk empor, dann tat sich plötzlich der Wald in weitem Kreise auf und ließ Platz füreine Wiese, in deren Mitte einsam eine alte, riesige Eiche stand.
Auf diesen Baum marschierten wir nun zu und ein Mann sollte emporklettern, um Ausschau zu halten.
Wir waren aber noch nicht dort angelangt, als es rings um uns lebendig wurde. Von vornher und von den Seiten blitzten Schüsse auf und im nächsten Augenblick lagen drei unserer Kameraden zuckend auf dem Boden.
„Nieder!“ scholl das Kommando, das wir aber gar nicht gebraucht hätten, denn schon lagen wir alle in dem ziemlich hohen Grase, das uns wenigstens einige Deckung bot, und begannen nun das Feuer zu erwidern, das uns nun auch von der Richtung, aus der wir selbst gekommen waren, entgegensprühte.
Die Insurgenten mußten uns heimlich gefolgt sein, hatten es aber nicht gewagt, uns im Walde anzugreifen. Dort in der guten Deckung der ungeheuren Stämme wäre es uns mit unseren ausgezeichneten Gewehren ein leichtes gewesen, selbst mit einer bedeutenden Übermacht den Kampf aufzunehmen. Hier aber, auf freier Wiese konnten uns selbst unsere guten Waffen nicht viel helfen. Immerhin aber verloren wir den Mut nicht und nahmen uns die roten und blauen Gewänder, die hinter Sträuchern und Bäumen sichtbar wurden, gründlich aufs Korn und mancher der hageren, braunen Gesellen mußte an die Treffsicherheit österreichischer Alpensöhne glauben.
Aber auch in unseren Reihen wurde es lichter. Die Kugeln aus den langen Flinten der Insurgenten ließen manches Gewehr in den Händen unserer Kameraden verstummen. Schon wagte es da und dort einer der verwegenen Kerle, aus seiner Deckung vorzubrechen, um mit dem blanken Handschar an dem Leibe eines unserer Gefallenen sein Mütchen zu kühlen; aber vorläufig war das noch zu früh, jeder dieser Versuche mußte mit dem Tode bezahlt werden.
Doch die Lücken, die in unseren Reihen entstanden, konnten uns gefährlich werden und nach Krebsenart rückwärts kriechend, dabei aber immer gegen die Angreifer feuernd, zogen wir uns auf die Eiche zurück.
Da lagen und knieten und standen wir nun im Kreise um diese herum, ununterbrochen Kugel auf Kugel den Angreifern entgegensendend.
Oberleutnant von Steindl hatte sich in halb hockender Stellung an den Stamm der Eiche gelehnt und mit beiden Händen seinen Revolver haltend, suchte er sich das Ziel für seine Schüsse.
Plötzlich aber rief er aus: „Hol’s der Teufel, das Zeug taugt nichts!“
Und damit warf er seinen Revolver weg und sprang vor, um sich von einem der Gefallenen Gewehr und Patronen zu holen.
Es war das eines jener kühnen, todesverachtendenStücklein seitens unserer Offiziere, an denen gerade die Geschichte des bosnischen Feldzuges so außerordentlich reich ist.
Tatsächlich erreichte der Oberleutnant auch ein Gewehr und nun richtete er sich frei empor, zielte und schoß und traf. Aber fast zugleich mit dem baumlangen Bosniaken, den er sich aufs Korn genommen hatte, sank auch er von einer Feindeskugel getroffen zu Boden.
In diesem Augenblicke hatte ich vollständig vergessen, daß der Gefallene der Oberleutnant von Steindl, Heris Gatte und mein persönlicher Feind war. Ein tapferer Offizier war’s, ein Kamerad, und ich mußte mich seiner annehmen.
Ich hatte an der Eiche gekniet; nun warf ich mich nieder und kroch auf dem Bauche zum Oberleutnant.
„Herr Oberleutnant, sind Sie schwer verwundet?“
Er hatte die Hand im Tuche der blauen Bluse auf der Brust festgekrallt und ächzte: „Mit mir ist’s aus!“
Er hatte die Augen geschlossen gehabt, nun öffnete er sie und drehte den Kopf nach mir. Für einen Augenblick sah ich eine staunende Frage in seinen Augen, dann aber glitt es wie ein tiefes, tiefes Weh über seine Züge.
„Sie, Binder?“ sagte er leise.
„Kann ich etwas für Sie tun, Herr Oberleutnant?“ fragte ich.
Er reichte mir die Hand: „Dank schön, Kamerad!– Ich bin fertig! Sagen Sie meiner Frau, ich, der Lump, bin als ehrlicher Soldat gestorben.“
Nur stockend und stöhnend hatte er diese Worte herausgebracht, und in den paar Worten lag so eine Bitternis, daß mir mit einem Schlage der ganze Jammer der Ehe bewußt wurde, die ihn und Heri verbunden hatte.
Und merkwürdig: jetzt dachte ich nicht an die Frau, sondern nur an den Mann und ein allgewaltiges Mitleid, das alles auslöschte, was mir dieser Mann getan, nahm mein ganzes Herz ein und ich sagte: „Herr Oberleutnant, Sie müssen leben, für Ihre Kinder müssen Sie leben!“
Da quoll ein feuchter Schimmer in seine Augen, fester umschloß seine Hand die meine, und mit brechender Stimme flüsterte er: „Heri soll meinen Kindern nichts sagen, wie wir gelebt. Sagen Sie’s ihr, Ihren Wunsch erfüllt sie, sie hat Sie ja noch immer lieb – lieber als mich.“
Die letzten Worte erstarben in seinem Munde; nur wie ein Hauch kamen sie noch an mein Ohr.
Noch einmal öffneten sich groß und starr die Augen, dann ein jäher Ruck, ein Guß Blut aus dem Munde, Heris Gatte war tot.
Ich rüttelte ihn, ich schrie: „Herr Oberleutnant!“ – vergeblich, er war heimgegangen.
In meinem Kopfe brauste es: „Lieber als mich!“ Diese Worte des Sterbenden brachten mich außermir. Gedankenabwesend sprang ich auf und begann wieder zu feuern.
Da, ein Schlag in die rechte Schulter, und das Gewehr sank mir aus dem Arm. Ich wollte darnach greifen, taumelte und stürzte nach vorne.
Was nachher war, deß weiß ich mich nicht mehr genau zu entsinnen. Nur so viel ist mir dunkel in der Erinnerung geblieben, daß ein lautes „Hurra!“ über mich wegbrauste. Rechtzeitig, durch das Gewehrknattern aufmerksam gemacht, waren die Unseren noch auf dem Gefechtsplatz eingetroffen, hatten den Feind von rückwärts gepackt und das kleine Häuflein der Überlebenden, etwa zwanzig von vierzig, gerettet.
Als ich aus meiner Betäubung erwachte, stand der Regimentsarzt vor mir.
„Na, also,“ meinte er, „das geht schon noch. Die Lungenspitze hat’s erwischt und das Schlüsselbein ist auch kaputt, aber das flickt man schon noch zusammen.“
Damit war der bosnische Feldzug für mich zu Ende. Mit einem der nächsten Verwundetentransporte wurde ich nach Kroatien zurückgebracht, und während die Kameraden Sarajewo mit stürmender Faust nahmen und die schnellen Wasser der Miljatzka mit Blut färbten, lag ich im Lazarett und hatte Zeit und Muße, meinen Gedanken Audienz zu geben.