XV.

XV.

Noch immer liegt die Sommerglut über der Landschaft. Alles Gras ist vergilbt und selbst auf den Bäumen rollt sich schon das Laub ein und färbt sich gelb. Meine Quelle, die noch in keinem der Jahre, da ich hier in der Einsamkeit lebe, ausgetrocknet ist, nun gibt auch sie keinen Tropfen mehr und ich muß mir mein Wasser vom See holen. An den Fichten- und Tannenstämmen rinnt das Harz in hellen Bächlein herab und ein Duft steht in der Luft, drückend und schwül, daß man kaum atmen kann. Wie Schleier von stumpfem Bleigrau zieht es sich um die Berge und selbst in den Nächten ist nicht mehr das klare, dunkle Blau zu sehen, sondern ein trübes Dunkel, aus dem die Sterne nur ganz matt hervorleuchten. Ab und zu jagen Blitze durch den Nachthimmel und in weiter Ferne grollt ein dumpfes Murren auf; aber das erlösende Gewitter will nicht kommen.

Die Vögel singen nicht mehr, sondern ab und zu wird nur ein leises Piepsen laut, die Rehe und Hirscheziehen langsam zum See und scheinen wie in der futterarmen Winterszeit alle Scheu abgelegt zu haben, denn wenn ich mit meinem Kruge an das Ufer komme, da heben sie wohl spähend die Häupter, sehen mich aber ganz ruhig, fast traurig an und ziehen langsam, den Boden nach einem grünen Kräutlein abschnuppernd, in den Hochwald zurück.

Ein tiefes, banges Müdesein hat von der ganzen Natur Besitz ergriffen, ein Gleichgültigsein und stumpfes Fügen ins Unvermeidliche. Vielleicht ist’s auch nur ein Träumen, ein ahnendes Erwarten. Denn mitunter seh ich’s, da geht durch einen Baum plötzlich ein leises Zittern, da ist’s, als hätte ihn der Gedanke an ein nahes Glück erfaßt, das ihn süß durchbebt.

Denn nichts kommt von ungefähr, alles muß kommen und meldet sich in geheimnisvollen Schauern an. Die natürlichen Wesen empfinden diese Schauer; der Mensch ist ihnen fremd geworden, weil er sich der Natur entfremdet hat.

Auch in mir zittert nun manchmal solch ein geheimnisvolles Schauern auf und mir ist dann, als müßte etwas kommen, was meinem Frieden eine göttliche Krone auf das leuchtende Seraphshaupt drückt, als müßte sich mir noch eine Tiefe erschließen, voll der heiligsten Wunder, und als müßte eines derselben aufsteigen und meinem so still und schön gewordenen Leben die letzte Weihe geben, das letzteunverstandene Sehnen stillen, das mir dann und wann wie ein fernes Wetterleuchten durch die traumstille Seele huscht.

Vielleicht kommt’s, wenn sich in diesen Blättern der Ring meines Lebens geschlossen hat. Darum will ich eilen und von der letzten Station auf meinem Pfade zum Frieden der Einsamkeit erzählen.

Ich war also Sträfling. In einem weiten, grauen Saale wurde ich mit anderen damit beschäftigt, Papiersäcke zu kleben. Stunde um Stunde stand ich dort und verrichtete mechanisch diese Arbeit. Meine Gedanken aber, die gingen weit, weit ab von dieser grauen, eintönigen Welt ihre Wege und besonders nachts, wenn ich in der dunklen Zelle wach auf meiner Pritsche lag, da wichen die Mauern um mich und ich fand mich in einem fremden Lande und da gab es kein Verbrechen, da war nur harte, unerbittliche Notwendigkeit.

Und als ich wieder einmal durch dieses fremde Land schritt, da kam meiner müden, zermarterten Seele eine andere entgegen und die fragte die meine: „Warum bist so müde und warum blutest du?“

Und da sprach meine Seele leise: „Ich habe geliebt.“

Da brach ein hartes, herrisches Leuchten aus der anderen Seele hervor und sie sagte: „Dann mußt du allerdings leiden. Denn wer liebt, muß auch hassen und der Haß schlägt seinem eigenen Herrn dieschmerzlichsten Wunden. Tue ab deine Liebe und du wirst stolz, stark und gesund werden. Nichts so lieben, daß es weh tut, wenn man’s verliert, nichts so hassen, daß man ihm nicht doch die Hand reichen möchte, das ist das Vernünftige. Nur so kommst du zur Ruhe und Ruhe ist Kraft.“

Tagelang sann ich über diese Worte nach, die die dunkle Nacht zu mir gesprochen, und immer wieder und wieder ließ ich mein Leben an mir vorüberziehen. Und es war wirklich so: die Liebe hatte mich in dieses graue Haus gebracht, die Liebe, die den Haß an der Hand führte. Von ihr mußte ich mein Herz lösen und ich tat es.

Wie ein eisiger Hauch ging es durch meine Seele, alles ertötend, was noch an menschlicher Liebessehnsucht darinnen lebte und webte, und dann war ich einsam, so einsam, daß mir vor mir selber graute.

Und wieder gingen meine Gedanken auf Wanderschaft und die Frage stieg vor mir auf: was wird das werden, wenn du wieder unter die Menschen zurückkommst? Du wirst dich abfinden müssen, denn wenn du leben willst, so bist du auf sie angewiesen. Das Königtum meiner eben erworbenen Einsamkeit bäumte sich dagegen auf und ich beneidete das Tier, das das Glück genießt, auf sich selbst gestellt zu sein.

Aber bald sagte mir mein Denken, daß auch das Tier von seinesgleichen abhängt, wieder vom Tiere, und damit tröstete ich mich. Aber eines stand fest inmir: ich wollte den Menschen dienen, mir von ihnen mein Brot verdienen, aber mit meinem Herzen sollten sie nichts mehr zu tun haben. Niemand lieben und niemand hassen: das sollte in Zukunft mein Leitstern sein.

Der Gefangenhausdirektor, ein guter Mensch, der, wie ich heute weiß, die lebhafteste Sympathie für mich hegte, hatte schon einen Posten für mich in Aussicht. Ich sollte bei einem reichen Holzhändler, welcher Mitglied des Vereins zur Unterstützung für entlassene Sträflinge war, Aufseher über den Holzplatz werden.

Aber ehe er noch dazukam, mir von dem günstigen Abschluß seiner Verhandlungen zu erzählen, fand ich meinen ferneren Lebensweg.

Eines Tages wurde ich gerufen: eine Frau wünsche mich zu sprechen.

Meine Ahnung bestätigte sich: es war Marie. Die Sorge um mich hatte sie hierher getrieben. Sie wußte, daß meine Strafzeit zu Ende ging und war gekommen, mir ihren rettenden Arm zu bieten.

Als ich eintrat, zuckte sie zusammen, dann aber reichte sie mir beide Hände und sagte: „Grüß dich Gott, Heini!“

Kein Wort kam sonst über ihre Lippen, aber in ihren Augen lag Liebe, Glück und Leid. Noch heute fühle ich diesen Blick in all seiner Innigkeit; dazumal aber wandte ich mich ab.

Es herrschte eine Weile Stille.

Da nahm Marie das Wort und fragte: „Nit wahr, Heini, in einem Monat bist du frei?“

Ich nickte und sah sie fragend an.

Wieder mußte sie sprechen und stockend kam es über ihre Lippen: „Heini, ich möchte dich bitten, zu mir auf die Mühle zu kommen!“

Diese Bitte kam mir unerwartet, aber auch unerwünscht. Ich wollte nicht mehr unter Menschen und darum erwiderte ich: „Nein, das geschieht nicht. Ich bin mein Leben genug unter Menschen gewesen und diesem Aufenthalt verdank ich dieses Gewand hier. Ich möcht’s jetzt einmal allein probieren. Zu dir kommen, ginge aber überhaupt nicht. Über kurz oder lang müßte ich da ja doch einen niederschlagen, der sagen täte, ich hätte deinen Bruder nur deswegen umgebracht, damit du Geld kriegst und ich mich bei dir ins warme Nest setzen kann. Und dann: was würden die Leute sagen, wenn du einen Zuchthäusler, den Mörder deines Bruders, bei dir hättest! Nein, nein, ich bleib allein.“

Marie hatte das Haupt gesenkt. Nun hob sie es stolz empor und sagte: „Was die Leute sagen, ist mir gleich, was mir mein Herz sagt, das ist für mich das Wichtigste.“

„Und für mich das, was mein Kopf sagt,“ warf ich ein, „mein Herz hat schlafen gehn müssen. Ich will nicht, daß es am Ende in der Mühle noch einmal aufgeweckt würde.“

Aber Marie gab ihren Plan nicht so leicht auf: „Heini, ich glaube, uns hat das Schicksal so arg in die Hand genommen, daß wir nichts mehr zu fürchten haben. Ich will dich nur bei mir haben, um dich vor Not sicher zu wissen. Ich hätte ja auch eine Arbeit für dich: die Oberaufsicht über die Kohlenbrennerei im Seeforst. Das könntest du ja doch leicht besorgen. Schau, Heini, es hat halt nit sein sollen, daß wir zwei einmal zusammenkommen. Warum, das wissen wir nit. Aber es ist so und wir müssen uns fügen. Aber um das eine bitt ich dich, Heini, laß mir wenigstens den Trost, daß ich dich sicher vor Not und Elend weiß. Für mich hast du gelitten, meine Pflicht ist’s, dafür zu sorgen, daß du in Zukunft in Ruh und Frieden leben kannst.“

Ihre Stimme zitterte und ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt.

In mir war für einen Augenblick ein heißer Strom aufgewallt; aber er verrieselte im Wüstensande meines Herzens und kalt entgegnete ich: „Ich hab nicht für dich gelitten, sondern nur für mich selber. Als ich deinen Bruder niedergeschlagen habe, da hab ich nicht an dich gedacht, da hab ich nur meine eigene Wut befriedigt. Du bist mir nichts schuldig.“

Marie sah mich starr und entsetzt an, dann rief sie: „Nein, Heini, das glaubst du selber nit. Weil sie dich schlecht gemacht haben, liegt dir nichts mehr dran,und du willst dich selbst auch schlecht machen. Heini, das darfst du nimmer sagen!“

Ich zuckte die Achseln, und es war mir wirklich vollkommener Ernst, als ich sagte: „Ob sie mich schlecht gemacht haben oder nicht, das ist mir gleichgültig. Was mein Verteidiger gesagt hat, ist mir geradeso gleichgültig, wie das, was der Staatsanwalt gesagt hat. Für mich gilt nur das mehr, was ich selber über mich denke. Andere Leute gelten mir nichts mehr.“

Marie sah mich groß und traurig an und fragte leise: „Auch ich nit?“

„Auch du nicht.“

Da senkte sie den Kopf und ein Schluchzen erschütterte ihren Körper.

In mir ward kein Mitleid wach, sondern nur ein Gefühl unendlicher Erhabenheit über dies kleine Menschentum. Ich legte dem weinenden Weibe die Hand auf die Schulter und sagte: „Wein nicht, Marie, es steht nicht dafür. Ich habe zuviel denken gelernt, als daß wir zwei uns noch verstehen könnten. Aber wenn dir’s irgend einen Trost gewähren kann, so verspreche ich dir, daß ich mir deinen Antrag überlegen will. Irgend etwas muß ich anfangen und vielleicht paßt mir die Kohlenbrennerei im Seeforst am besten. Für mich ist die Hauptsache, daß ich allein sein kann.“

Da schlug Marie ihre tränenfeuchten Augen zu mir auf, und wie ein zarter Sonnenstrahl leuchtetees in denselben auf, als sie sprach: „Ja, Heini, versprich mir’s, daß du wenigstens kommst. Wie du dir’s einrichten willst, das sei dir überlassen. Wenn du glaubst, daß du nur mehr allein sein kannst und darfst, ich will dir nicht dreinreden. Also gib mir die Hand darauf.“

Ich reichte ihr die Hand, und so bin ich nach Ablauf meiner Strafzeit der geworden, der ich heute bin, der Kohlenbrenner im Seeforst.

Marie hat mir die Hütte etwas wohnlicher herrichten lassen und Woche für Woche bringt mir ein Knecht aus der Mühle die nötigen Lebensmittel.

Im Anfange habe ich mich scheu von allen Menschen fern gehalten und vermied es selbst mit dem zu sprechen, der mir die Nahrungsmittel brachte oder die Kohlen holte. Aber diese Art Einsamkeit war mir kein Segen. Meine Gedanken waren noch immer bei den Menschen, und fühlte ich auch keine Liebe, keinen Haß, ein Groll war doch da, ich machte die Menschen für mein verpfuschtes Leben verantwortlich.

Allmählich aber begann der Wald zu mir zu sprechen. Öfter und öfter geschah es, daß ich der Menschen ganz vergaß und nur mehr den Stimmen lauschte, die da um mich tönten: dem Windgesang in den Wipfeln, dem Läuten der Hummeln über den blühenden Kräutern, den raunenden Stimmen der Nacht und dem lauten Jubel der lichtfreudigenSänger. Und da wachten auch meine Augen auf, und mit stummem Entzücken tranken sie die Schönheit von Licht und Farbe im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten. Zum ersten Male glaubte ich nun das leuchtende Silber der Mondnacht zu sehen, das samtene Dunkel des sterngestickten Himmels, den Rosenflor der Morgenfrühe und den Goldstrom des Abends. Neu war mir die weiße Wunderwelt des Winters und das große, zitternde Schweigen glühender Sommertage.

Und je mehr ich mich diesem Schauen und Lauschen hingab, desto tieferes Glück zog in meine Seele ein und dieses Glück führte einen scheuen Gast an seiner Hand: die Liebe. Jede Schönheit weckt Liebe. Und da wurden mir alle die Wesen, Tier und Pflanze, um mich vertraut und sie in ihrem lauten und leisen Leben zu beobachten, war nun das Licht meines Tages. Wie tief hat es mich geschmerzt, wenn ich eines der geliebten Wesen sterben sehen mußte! Da ist es mir wohl mitunter gewesen, als sei all die Schönheit trügerischer Schein und die Freude daran Verruchtheit. Aber als ich eines Tages an der Stelle, wo ich ein verendetes Reh begraben hatte, einen so üppigen Flor von Waldblumen fand, wie nirgends sonst, da wußte ich, daß auch aus dem Tode neues Leben erblüht. Und kann tot sein, was neues Leben schafft?

Mir war, als hätte bisher ein Vorhang vor meiner Seele geschattet und eine starke Faust hätte ihn nunplötzlich weggerissen. Eine Segensflut heiligen Lichtes durchströmte meine tiefsten Tiefen und jauchzend ward ich mir bewußt: es gibt keinen Tod, es gibt nur ewiges Leben. Was vergeht, ist nur Form, das Wesen bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Diese Welt aber ist die Welt der Form. Wenn sie ihren Zweck erfüllt hat, fällt sie. So verwittert der Stein, so verwelkt die Pflanze, so verendet das Tier, so stirbt der Mensch, so wird einst dieser riesige Erdenball, in Atome zersplittert, ans Herz der Urmutter Sonne zurücksinken. Aus Mutterarmen kommen wir, in Mutterarme gehen wir und einsam sind wir nur, solange wir an die vergängliche Form gebunden sind. Sie aber ist notwendig, notwendig wie für den Schmetterling die Puppe, aus der er zum Lichtdasein erwacht.

So habe ich mich mit der Einsamkeit abgefunden und so ist sie mir Freundin, ja noch mehr, sie ist mir mein Lebenslicht geworden.

Millionen und Millionen leben neben mir auf dieser Erde. Aber ich muß einsam sein, denn ich muß den Zweck meiner Form erfüllen und dazu kann mir kein Mensch etwas geben, davon kann mir keiner etwas nehmen. Niemand kann für einen andern leben oder sterben; er tut es nur immer für sich selbst.

Seitdem ich dieses Gesetz begriffen, ist in mir Friede, und kein Mensch ist imstande, denselben zu stören. Ich weiche deswegen auch keinem Menschenmehr aus, denn ich weiß, er kann meine Kreise nicht stören. Ich bin der Einzige auf der weiten Welt!

Der einsame Einzige! Und doch fühle ich, wie ich mit allem ringsumher aufs innigste verkettet bin. Ein Ring schließt mich mit all dem zusammen, was ist. Und in diesen Ring gehören auch die Menschen, die Menschheit. Ich diene ihr gerne, insofern jedes Glied in dem Ringe ein dienendes ist. Aber ich bleibe einsam, weil ich mich fernhalte von der Sünde der Menschen, die darin besteht, sich hochmütig aus dem Ringe zu lösen, mehr und Besseres sein zu wollen als die anderen, sich der Notwendigkeit zu entziehen.

Wie sie rennen und jagen und Geld und Gut und Ehre und Glück suchen! Wie sie bluten und verbluten an ihrer irren Sehnsucht! Und das Glück liegt doch so nahe!

Wie ruhig und wie heiter man wird, wenn man die Menschen aus der Ewigkeitsperspektive betrachtet! Lächelnd sieht man ihr Lieben und Hassen, ihr Siegen und Verzweifeln. Es ist ja alles nur Traum.

Wie ruhig ich nun mit Marie reden kann, wenn sie manches Mal zu mir in meine Einsamkeit heraufkommt, wie ruhig ich an alle denken kann, die jemals in mein Leben getreten sind!

Marie ist glücklich, mich so glücklich zu sehen, und sie ist die Wohltäterin der Armen der ganzen Umgegend geworden.

Durch mein Haar ziehen sich die ersten silbernenFäden, und wenn ich Marie ansehe, dann ist mir auch, als läge ein ganz leiser Reif über ihrem Scheitel. Unser Bub aber ist ein starker froher Mann, der auf seine Art das Leben meistert. Er ist Herr der Mühle, hat Weib und Kind und tut doch nichts, ohne seine Mutter zu fragen.

Er weiß, daß ich sein Vater bin und ist auch als Kind oft bei mir gewesen. Jetzt kommt er nur mehr sehr selten. Er weiß mit seinem Vater nichts zu reden. Noch hängt er ja mit allen Fasern seines Herzens an der Welt der Erscheinungen und es dünkt ihm jedenfalls verrückte Grübelei, hinter diesen nach dem Glück zu suchen.

Ich war ja nicht anders. Wenn ich das Bilderbuch meines Lebens aufschlage, sehe ich überall bunte Szenen aus einem an die Erde gebundenen Leben. Da sind Frauen, die ich liebte, ein Freund, und da sind auch Männer, die ich haßte! Ein Dichter hatte ich werden wollen und der Lorbeer schien mir höher als eine Königskrone.

Ich bin kein Dichter geworden; und doch fühle ich es um meine Schläfen wie einen Kranz. Aber es ist kein Lorbeerkranz und er ist auch nicht aus duftenden Veilchen oder glühenden Rosen geflochten, sondern aus großen, kühlen Blumen, die in einem fernen, fernen Lande weit von dieser Erde gewachsen sind. Ihr Duft macht fiebernde Stimmen heiter und heiße Herzen kühl und friedsam; er löst die Seelen aus irdischen Gefängnissen und läßt sie in seligem Tanz zurückkehren in den Reigen kreisender Welten, weit, weit, jenseits aller gemessenen Sonnensysteme und Milchstraßenunendlichkeiten. Wer diesen Duft in sich gesogen, der tritt aus den Reihen der um die irdische Form sorgenden Menschheit, und im Königsmantel der Einsamkeit schreitet er durch die hohen Pforten der Ewigkeit ins Land des Friedens.

So will auch ich meinen Pfad weiter wandern, und wenn einst die Stunde kommt, wo diese Form zerfällt, dann wird kein Abschiedsweh meine Seele durchzittern, in stillem Jubel wird sie hineingleiten in den Strom, der ohne Anfang und Ende durch die Äonen flutet.


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