Durch hoch und tief, durch dünn und dick!Morgen ist morgen, doch der AugenblickAus deinem Lachen mir strahlt, mein Frauchen!Durch Sonnenglühen und Sturm, der droht!Das Werk von heute, von heute das BrotUnd deines Blickes der Trost, mein Frauchen!Durch Kampf und Traum, durch Freude und Schmerz!Doch Brüder mitsammen, und o, mein HerzBei deinem liebenden Herz, mein Frauchen!
Durch hoch und tief, durch dünn und dick!Morgen ist morgen, doch der AugenblickAus deinem Lachen mir strahlt, mein Frauchen!Durch Sonnenglühen und Sturm, der droht!Das Werk von heute, von heute das BrotUnd deines Blickes der Trost, mein Frauchen!Durch Kampf und Traum, durch Freude und Schmerz!Doch Brüder mitsammen, und o, mein HerzBei deinem liebenden Herz, mein Frauchen!
Durch hoch und tief, durch dünn und dick!Morgen ist morgen, doch der AugenblickAus deinem Lachen mir strahlt, mein Frauchen!
Durch hoch und tief, durch dünn und dick!
Morgen ist morgen, doch der Augenblick
Aus deinem Lachen mir strahlt, mein Frauchen!
Durch Sonnenglühen und Sturm, der droht!Das Werk von heute, von heute das BrotUnd deines Blickes der Trost, mein Frauchen!
Durch Sonnenglühen und Sturm, der droht!
Das Werk von heute, von heute das Brot
Und deines Blickes der Trost, mein Frauchen!
Durch Kampf und Traum, durch Freude und Schmerz!Doch Brüder mitsammen, und o, mein HerzBei deinem liebenden Herz, mein Frauchen!
Durch Kampf und Traum, durch Freude und Schmerz!
Doch Brüder mitsammen, und o, mein Herz
Bei deinem liebenden Herz, mein Frauchen!
Ahasverus ging hinter den Wagen: der Sänger war damit beschäftigt, seine Peitsche frisch zu knüpfen, und als wollte er ein heimliches Glück kundtun, winkte er Ahasverus zu dem hin, was da drinnen in dem wohlüberdeckten Wagen war. Ahasverus schlug ein Stück Segeltuch zurück und sah auf einigen Strohbündeln eine Frau liegen, die eben geboren hatte: ihr unschuldiges Würmchen hing an ihrer Brust und trank; ihr totenbleiches, eingefallenes Gesicht wollte, Mut zusprechend, lachen mit einem matten Lächeln. Aber da ließ Ahasverus das Segeltuch wieder fallen, denn in ihrem Blick hatte er etwas gesehen, das er nicht ertragen konnte, ja wahrhaftig, etwas von . . . jenem anderen . . .
„Warum befällt mich die Furcht nun wieder?“ dachte er.
Der Zug begann abzurücken mit Geschrei und Peitschenknallen und Rädergeknarr. Der Erzvater schritt voran wie ein hochbetagter Kain,der seinen umherschweifenden Stamm führte. Und als sie vorbeizogen, waren die Blicke all dieser Menschen auf Ahasverus gerichtet, und in den Adleraugen der jungen Männer, in den blutunterlaufenen und von Tränen herb gewordenen Augen der alten Weiber, in den Augen jenes wundersamen Mädchens, so einfältig wie Blumen, die sich öffnen, in all diesen Augen sah er die unbegreifliche Frage, die er, an jenem Freitag, gelesen hatte in den Augen des Nazareners . . .
„Was muß ich tun?“ flehte Ahasverus, „was muß ich tun?“ Und er rief nach Gott in seiner Einsamkeit.
Der Abend kam herauf, kalt und blau wie Stahl, und der Wind schwirrte durch den toten Wald.
War die Hoffnung gebrochen in ihm? Er hielt den Kopf in seine beiden Hände gesenkt und wollte nichts mehr sehen, nichts hören als die seraphischen Stimmen des Morgens, die er nie wieder vergessen würde; aber hinein in die unaussprechliche Seligkeit der Erinnerung hörte er nun eine andere Melodie, die er nicht bannen konnte, verschwommen klagen: wie das Rauschen eines Meeres, aus dem bisweilen ein Seufzer sich losreißt, oder der Lärm von vielen Menschen, die ganz in der Ferne schwermütig singen. Waren es die Zigeuner auf ihrem Weg da hinten in der Nacht? Oder der Wind in den Bäumen? Oder quoll es auch in ihm selbst auf wie eine Erinnerung?
Wie lastete ihm das Herz doch schwer in seiner Brust!
War dies alles eine Versuchung gewesen? Warum hatte er die Klause vergessen? Er wußte doch, daß dort die Wahrheit war; dort war er nicht der Raub seiner Unrast. Vielleicht war der Eremit tot? . . . Ahasverus stieg wieder zu der Höhe hinauf, wo das Hüttchen stand, und durch das Laufen nach einem Ziel kam endlich eine gewisse Ruhe in sein Gemüt.
Er betete: „Wärs denn möglich, daß ich noch etwas anderes schmecken könnte als dich, o Gott? Was muß ich tun? Ich werde keinen Willen mehr haben in meinem fleischlichen Leibe, bis er unbeweglich wird wie ein Stein, und werde warten, warten, ohne nur ein einziges Mal nach unten zu blicken, ganz dir zugekehrt, o Unerschaffenes Licht, bis du mich mit Blindheit schlägst und deine blitzende Schönheit mich befreit . . .“
Er erreichte die Rodung, wo die Klause dunkel stand unter dem beschneiten Dach. „Das Feuer ist aus,“ dachte Ahasverus; „er ist gestorben . . .“ Der Gedanke an den Tod verbreitete in ihm ein süßes Gefühl von Heiterkeit und Heimweh zugleich. Aber einen Augenblick blieb er stehn, so wundersam still war der Schnee und diese ganze funkelnde blaue Nacht voll diamantener Sterne, als wäre da überall das Schweigen von Engeln, die ihre Riesenflügel nicht bewegten und lauschten und warteten.
Ahasverus trat in die Klause: in der Klarheit der frostklingenden Nacht sah er das alte Antlitz noch immer hintenüber gebeugt und die Augen weit offen. Doch der Eremit war nicht tot; seine abgemagerte, kalte Hand suchte die von Ahasverus und packte sie fest mit einer unerwarteten Kraft. Das Herz klopfte noch sehr schwach: war es nicht, als hätte er auf Ahasverus gewartet, um zu sterben? Sollte dieser Tod ihm vielleicht das Rätsel des Lebens offenbaren?
„Was siehst du?“ rief Ahasverus, „was hörst du? Sag, sag, siehst du Gott? . . .“
Er beugte sich stammelnd über ihn und forschte in dem Spiegel seiner Augen, ob er dort das Unaussprechliche nicht sehen würde, das der Sterbende sah. „Rette mich! . . . Was muß ich tun? . . . Rette mich! Weise mir den Weg! . . .“ — Nein, nichts!EinenAugenblick noch, und es war zu spät, er blieb da stehn wie vor einer undurchdringlichen Mauer.
„Siehst du das Licht? . . . Weise mir den Weg! . . .“
Die Augen waren gebrochen. Ahasverus wagte nicht mehr zu sprechen. Alles schwieg. Er fiel auf die Kniee nieder, und seiner Seele entquoll ein wortloses Gebet; all die Kräfte seines Wesens wurden leichter, wie ein Gebet, das emporsteigt, und es war, als ob er selbst sterben sollte, so sanft wurde er erlöst von allem, was war.
Er fand es nicht wunderbar: „Ist der Tod denn nichts anderes?“ dachte er; „wie natürlich und einfach! . . .“ In der schaurigen Öde hielt ihn jemand bei der Hand, und dann schlug er den Blick auf; der ganze Raum, der unsagbar weite Raum zitterte von Flügeln und niedersinkendem Licht. Ein Gefühl seliger Gewißheit überströmte seine Sehnsucht und seine Angst. „Gott! Gott!“ Aber sein Atem war aus ihm gesogen, er stieg inschwindelndem Fluge empor, und er sah da oben, wie Windhosen mit ihm zur Höhe wirbelnd, leuchtende Schwärme singender Heerscharen. Aus den Abgründen des Zenits schwebten, schwankten ihm strahlende Antlitze entgegen, triumphierend in Freude ohne Ende, und schossen dann wieder pfeilschnell zu ihren klingenden Sphären. „Licht! Licht!“ sangen sie, und dieser Gesang war selbst ein fliegendes Licht, und alle Welten sangen mit in der Reinheit dieses ewigen Morgenrotes, in das sie höher und höher hineinstiegen; und andere Stimmen, höher noch, ganz zart, wie ein Seufzer, und mächtiger doch als die dröhnenden Chöre der himmlischen Heerscharen, sangen unaufhörlich „Gloria! Gloria!“ in die blendende Unergründlichkeit.
„Leben, das alles Leben ist! Ewig! Ewig! Ewig!“
Die Cherubim und Seraphim waren wie Millionen schneeiger Blüten, getragen vom Frühlingswind; und über alle Gesänge hin rauschte ein Schweigen, das noch tiefer und schöner war. Alle Himmel blühten auf, und nun wußte Ahasverus, daß er dem Reich des Geheimnisses nahte, wo die Worte keine Bedeutung mehr haben, wo nicht Gut und Böse mehr ist, kein Wille, kein Begehren, sondern alleseinOzean von einfachem und ewigem Sein im Lichte, und die frohe Regung der Liebe nur eine Form der höchsten Ruhe in der unbegreiflichen Wesenheit.
Er schloß seine Augen vor dem Furchtbaren Licht, in dem es keinen Morgen mehr geben würde.
Und in diesem Augenblick tastete er nach einer Erinnerung, hörte er wieder den fernen Klang einer schwermütigen Melodie, die in seinem Herzen eingeschlossen lag, — und er wollte sich umschauen, zum letztenmal. Aber sobald dieser Gedanke ihn durchschimmerte, wankte das Weltall, wie zerrissen durch einen gewaltigen Schrei, die Hand hatte ihn losgelassen, — er war allein, er wußte nicht wo . . .
„Ewig! Ewig! Ewig!“ klang der Gesang der Engel aus dem Abgrund über seinem Haupt.
Aber andere Stimmen riefen wirr zu ihm hinauf wie aus vielen erstickten Kehlen. Und stöhnend blickte Ahasverus nach unten, nach einem Dämmer, woraus verschwommene Gestalten aufstiegen, die ihre Arme nach ihm ausstreckten wie aus einem Grab.
„Hosianna! Hosianna! Gloria in alle Ewigkeit!“
Aber ein langgezogenes Jammern stieg von unten herauf, wo verkrüppelte Gestalten im Schmutze krochen oder sich aufrichteten in dem aufgerissenen Leichenkleid, das sie hinter sich herschleppten.
„Gloria! Gloria! Friede in alle Ewigkeit!“
Aber von unten, wo die Krankheit war und der Gestank, der Widerstreit von Hoffnung und Verzweiflung, das Suchen ohne Ende, der Menschen Leid und der Menschen Liebe, schlug ein Heulen auf wie der Lärm eines Festes. In dem wühlenden Dunkel sah Ahasverus Fäuste, die sich fluchend erhoben, und Augen, in denen die düstere Flamme des Aufruhrs brannte. Waren da nicht die Zigeuner und das wundersame Mädchen mit ihrem Traumgesicht und die bleiche Mutter mit dem Kind an ihrer Brust? Aber ein ganzes Heer war da, es kamen immer, immer neue, soweit man schauen konnte, wie Ströme in einem dunklen Tal, über dem große Raubvögel von Nacht und Licht kreisten: ein Meer von Gesichtern, mit tausend und aber tausend Augen, die auf Ahasverus gerichtet waren, und mitten darin stand Einer, den er wohl kannte, der mit beiden Händen das Blut aus seiner offenen Brust aussprengte nach dem Himmel und über alle, so daß seine Arme jedesmal weit geöffnet waren, wie am Kreuze, und auch er betrachtete ihn still, wie an jenem Tag, da er gerufen hatte: „Vater, warum hast Du mich verlassen?“ und doch ein unbegreifliches Lächeln aus seinem Antlitz strahlte.
Einen Augenblick noch hörte Ahasverus das orgelnde Dröhnen der Cherubim und Seraphim in dem Licht, — ein Tropfen vom Blute Christi fiel auf sein Herz wie ein feuriger Tau, und die Kruste brach, sein Herz spaltete sich, und mit ausgestreckten Armen stürzte er niederwärts, hin zum Leide und zur ungewissen Dämmerung, vermaledeit, zerrissen, aber weit offen von Liebe.
Als Ahasverus wieder zur Besinnung kam, lief er durch den Wald, der dumpf rauschte. Nach unten, fort aus all diesem Spuk! Nach unten, wo die Menschen riefen! . . .
Wo riefen sie denn? In der Ferne, versunken im Nebel eines Tales? . . . Nirgend ein Lichtstrahl mehr, kein Stern, — nur der wilde Wind, der wachgerüttelt nun bald hier, bald dort war, voll undeutlicher Stimmen, zu Fetzen zerrissen in der Nacht. Und Ahasverus stürmte nur immer nach unten, die Hände vorgestreckt, strauchelnd durch die kalte Nässe des Gebüsches.
Denn es hatte wahrhaftig zu tauen angefangen: der beißende Winter zerschmolz, eine fröstelnde Feuchtigkeit durchdrang das Herz, und überall sickerte das Getröpfel in dem Dunkel, während eine neue Gewalt, da oben durch die Bäume rasend, brauste wie eine Sturmflut und die alten Riesen ächzten unter dem Wogenschlag der zerstiebenden Luft.
Den lebenden Wind, — Ahasverus schnob ihn auf mit wilder Lust und spürte bisweilen einen feuchten Atem darin, der die Kälte der Nacht erweichte und ihm entgegengeweht kam wie ein gewaltiger Seufzer.
Sein Fieber ließ mählich nach, als er die seltsamen Gestalten des Waldgewirrs,das ihn umschloß, im Dämmergrau zu unterscheiden begann. Der Wald wuchs heraus aus der Dunkelheit: alles wurde deutlicher nun, vertraut in dem Tag, der sich hellte; die Bäume, mächtig bewurzelt, ihre Arme in der Luft, sangen ernst in der trübseligen Feuchte, während der Weltatem hindurchfuhr mit einem Geruch von Moos und faulen Blättern und lau durchsickerter Erde, einem Geruch von Auflösung und Tod und von nahendem Frühling.
Aber als der Himmel ganz blaß geworden war und das Dunkel sich zwischen den grünschimmernden Stämmen in die Tiefe des Waldes zurückzog, da legte sich auch der Wind nieder, wie ein furchtsames Tier, und kroch brummend in seine Höhle vor dem Dämmern des Morgens. Nur das kurze Geflöt eines Vogels, der von einem Ast zum andern hüpfte und seine Federn plusterte, ertönte noch dann und wann. Der Wald wurde weniger dicht, ausgerodete Stellen unterbrachen die sich herabsenkende und wieder sanft wogende Ferne: dahinter, über fahlrotem Gesträuch, erschienen die Buchen viel größer, nun alles so still blieb.
Und auf einmal sah Ahasverus, hier, und dort, und dort wieder, Spalten von Licht: die Welt! die Weite! Sein Herz klopfte, stammelnd lief er, die Augen gierig voraus gerichtet, und stand bald betäubt am Waldessaum: das Land lag vor ihm, unabsehbar, mit Höhen und Flächen und Dörfern und Wäldern, alles noch im frischen Nebeldunst der Frühe, und am Horizont, in dem stillen Feuerwerk, das durch langgestreckte Wolken aufglühte, stieg die Sonne, wie eine gläserne Kugel, in der eine Flamme glomm.
Von dort kam eine leichte Brise auf, und der junge, lichte Tag zitterte überall. Die Welt schien ohne Ende; die Äcker waren schon ein mattes, zottiges Grün oder lagen noch nackt und fett, violett schimmernd im rauhen Morgen, längs heller, roter Pappeln; und in den Mulden drängten sich weit und breit zwischen Obstgärten die rotgedeckten Häuschen zusammen, mit ein wenig Rauch, der in Fasern aus dem Schatten abzog. Dahinter vermutete man ein Tal, und dann erhob sich Hügel an Hügel die gläsern-blaue Ferne, wo der Turm einer Burg auf einer Anhöhe in die Luft ragte und Mühlen sich eifrig drehten, um Brot zu machen mit ihren vierArmen. Doch wo die Sonne aus ihrem sauber gewaschenen Himmelstor die Erde überglänzte, die noch feucht war von der Nacht, da zerfunkelte alles zur reinem Gold. Einen Augenblick kämpfte sie gegen Dünste, hinter denen sie fahlgelb schwelte, denn der Wind kam stärker wieder, blies mit vollen Backen, die Wolkenstreifen kräuselnd, und Schatten flogen übers Land mit schnellem Flügelschlag; aber dann schoß sie von neuem empor wie ein ewiger Springbrunn und blinkte von sprühender, triumphierender Herrlichkeit.
Die göttliche! Es war, als ob das „Hosianna!“ der Engel in ihr nachsang, der furchtbare Gesang von Licht, der nicht schweigen konnte. Ahasverus’ scharfe Augen wollten ins Herz der Sonne schauen, aber sie stach blendend mit allen ihren Speeren, und er mußte den Blick wieder abwenden; nur ihren Widerschein ertrug er auf dem Saum der Luftkolosse und über der baumreichen Erde, die so erhaben und fruchtbar dalag, daß ihre Schönheit ihn traf wie die Schönheit einer Frau.
Sein Herz lief über von ungekannter Rührung; er trank wollüstig den Wind, der alle Dinge umgriff, und den Geruch des kalten, schweren, gärenden Bodens. Ja, er wußte es, er hatte recht getan! Ja, vermaledeit auf diese Erde geschleudert, fühlte er sich als Überwinder, das trotzige Leben rauschte durch sein Blut; und doch, in der Lauigkeit des weiten Raumes, die seine Schläfen umfächelte, den Kopf umzittert von den Saiten der Sonne, — wie stand er so klein und verloren da vor dieser Welt, die die Welt der Menschen war! Und warum schlich sich in sein begehrendes Staunen die Wehmut wieder, — je schöner die Erde, um so heißer diese Wehmut, — wie wenn in den Tiefen seiner Seele ein Gott schlummerte, dessen Träume dort trübe flackerten, und der niemals, niemals erwachen würde!
O, bei Menschen sein, mit Menschen sprechen! . . .
Im ersten Dorf, in das er kam, waren die Lehmhütten, grau und schief gesunken unter ihren Strohdächern, aneinandergelehnt, als wollten sie sich gegen das Unglück wehren. Einige Kinder bummelten zur Schule in ihren Holzschuhen; eine Frau scheuerte ihre Schwelle und sah mißtrauisch zu dem fremden Landstreicher hinüber. Weiter, vor der Schmiede, warenzwei Gesellen dabei, ein Pferd zu beschlagen, und gegenüber lag der Wirt eines Kruges mit seinem Backsteingesicht über seiner Halbtür und rauchte; sie gafften den wunderlichen Vogel an und getrauten sich nicht zu spaßen. Und dann war da ein Haufen Mädchen, die mit lautem Geplapper in einem Bach Wäsche spülten: sie verstummten plötzlich, als Ahasverus vorüberschritt. „Ich sehe aus wie eine Vogelscheuche“, dachte er. Er schämte sich seiner knochigen Gestalt in dem zerlumpten Mantel, seines Zuchthäuslergesichts, seiner bloßen, verdreckten Füße, seiner Schlotterhose, durch die man die Haut sah.
Und er wagte nicht zu betteln; nun er sich wieder unter Menschen befand, hatte er auf einmal Angst bekommen, daß sie ihn mit einem rauhen Wort abweisen würden. Er lief weiter.
Das Wetter war trüber geworden: dann und wann flitzte die Sonne noch durch den treibenden Vorhang und brannte die blauen Tiefen offen, aber als sie wieder erkaltet war und umflort, wurde es auf einmal rauh, als ob es hageln wollte; der Wind tollte in Stößen über die spärlich grünenden Äcker, und unter dem Flug der Regenwolken sah die Erde beinah verlassen aus: nur hier und da ein Bauer, der Mist über sein Land streute oder Rinnen grub für den Abfluß des Wassers. Das ganze Land war in Stücke zerschnitten: dies gehörte Jan und das da Peter, dies hier war für Rüben und das da für Weizen und jenes für Roggen, und nirgend ging ein Plätzchen verloren. „Nur weiter, weiter!“ knurrte Ahasverus.
Hinter den schwarzen Leibern krumm gemarterter Apfelbäume sah er die spitzen Dächer eines großen Pachthofes aufragen, der dunkel gegen den silbernen Himmel stand wie eine Burg. Er ging darauf zu. Mürrisch und schielend stand er vor dem Tor: in dieser stillen Umzäunung von Ställen und Scheunen, alt und braun, wo der Hahn mit seinen Hennen auf dem Misthaufen der Herr zu sein schien, war eine Frau, die unter einem Schuppen bei den Wagen das Essen für die Tiere kochte; zwei Männer luden eine Fuhre Rübenkraut ab, ein Mädchen ging, in jeder Hand einen Eimer, über den Hof, die Bäuerin hing die Käsekörbe in Reihen an das Haus. Sie blickten flüchtig auf, und jeder tat gemächlich seine Arbeit, wie Menschen, die die Pflicht des Tages kennen. Aber als Ahasverusein paar Schritte vorwärts tat, sprang plötzlich wie aus der Mauer heraus ein häßliches Biest von einem Hund, der laut bellte und wütend an seiner Kette riß. „Der Teufel soll dich holen!“ fluchte Ahasverus — und begab sich wieder auf den Weg.
Die alte Empörung begann in ihm zu grollen. „Schön! Ich werde mir meinen Platz mit meinen Krallen schon erobern!“ beschloß er. Und da war nun just, bei einer abgelegenen Hütte, eine Frau, die ihren Küken Körner hinstreute. Sie sah ihn kommen und blieb in ihrer Türe stehn. „Die soll dran glauben“, war sein erster Gedanke. Er wollte sich schon holen, was er brauchte, wenn sie es nicht gutwillig hergab, — er wollte sie packen, er wollte in ihrem Fleisch wühlen, sie fühlen lassen, daß er ein Mann war, und er wollte ein Mensch sein! . . .
Ihr Gesicht war voller Sommersprossen, müde und gleichgültig.
„Ich möchte trinken!“ sagte er barsch.
Ohne ein Wort zu sprechen, kehrte sie ihm den Rücken zu und ging hinein.
Die Wut schoß Ahasverus in den Kopf, er erinnerte sich, wie Christus einst vor ihm gestanden hatte, und mit drei Schritten war er in der Hütte, gerade hinter der Frau. Sie drehte sich verwirrt um, ein wenig erschreckt: „Ssst! Ihr weckt das Kind auf . . .“, und während sie dem Landstreicher eine Kumme Milch reichte, beugte sie sich schnell über die Wiege, in der das Würmlein leise zu weinen anfing und sich mit seiner kleinen Faust das Nasenstümpfchen rieb. Und Ahasverus stand nun da, mit der Kumme in der Hand.
„Eia, eia, mein Mäuschen . . .“ Sie drückte es liebevoll an sich, aber quäkend grabbelte es nach der Brust, und ein wenig zur Wiege sich abwendend, ließ die Mutter es dann nur trinken, soviel es wollte, — „da, mein Herzchen, da!“ — und betrachtete es immerfort, als ob sein Leben ihr Leben wäre.
„Ist da jemand?“ wurde von der Schlafkammer herab gefragt.
„Gut Freund, Mann!“ — „Er ist krank“, sagte die Frau leise, während Ahasverus endlich trank, der Topf zitterte ein wenig zwischen seinen Zähnen, „nun muß ich für zwei arbeiten, und das ist immerhin kein Kinderspiel.“
Sie sagte es ohne Bitterkeit, wie zu sich selbst; niederknieend legte sie das einschlafende Kind vorsichtig wieder in die Wiege, und Ahasverus fühlte, als er auf das arme Geschöpf blickte, das da so ruhig und so wehrlos mit seinem offenen Mündchen lag, Trauer in sich aufwallen, ohne zu wissen warum. Tief in ihm löste sich etwas, als ob er weinen müßte.
Die Mutter sah zu ihm auf mit dem sanften Blinken eines schüchternen Glücks in ihren Augen, und sie war nicht häßlich mehr.
„Habt schönen Dank“, sagte Ahasverus mit gedämpfter Stimme und hätte schon draußen sein mögen. Sie lächelte ein wenig, um ihm zu bedeuten, daß es gern geschehen sei, — Menschen helfen einander doch —, und fragte: „Habt Ihr noch weit?“
Er machte eine mutlose Gebärde, als würde es zu weit führen, das zu sagen, — und als sein Wanderstab dann wieder auf dem endlosen Wege hallte, schlich sich eine seltsame Gelassenheit in ihn hinein, seine Erregung war geschwunden, er fühlte sich als ein Nichts, mittreibend auf einem Strom, aber ohne rechte Hoffnung oder auch Verzweiflung. Nur immer wandern, aufs Geratewohl! Die Sonne siebte wieder flüchtige Lichtflecken über die Felder, und eine Lerche trillerte unsichtbar in dem grauen Licht.
So blieb Ahasverus auf der Walze. Er fand nichts zu tun: die Bauern hatten ihre Leute, sie sahen ihn schief an, den Vagabunden, und zuckten die Achseln, wenn er sich für alle mögliche Arbeit anbot: man fiel doch nicht so einfach aus dem Himmel herab! Nur bei den Ziegelbrennern, abgerackerten Kerlen, durfte er ein bißchen mithelfen, wurde aber noch vor dem Abend an die Luft gesetzt. „Solch ein Gepfusch kriegt ja ein Schwein mit dem Schwanze fertig!“ meinte der Meister. Und als Schuhflicker konnte Ahasverus da auch keinen Pfennig verdienen, denn all diese armen Teufel liefen nur ihre bloßen Fußsohlen ab. Nun er mit seinesgleichen leben wollte, war er doch nirgend zu Haus. „Das ist nur natürlich“, dachte er mit bitterer Wehmut. Alles Tun und Treiben der Menschen war einmal so eingerichtet, es war auch kein Plätzchen mehr da, wo man nur so hineinschlüpfen konnte. Und wie mußte in der Erde herumgewühlt werden, bald auf diese Weise und dann wieder anders, um die Äcker dahin zu bringen, daß sie ihr bißchen Brot trugen! An der Weizenähre,die geduldig, geduldig wächst, lernte Ahasverus, wie lange Sonne und Regen und die Sorge von Menschenhand zusammen wirken mußten, ehe das Mehl aus der Mühle kam. Und so war es mit allem, was auf dieser Erde wuchs; das Leben kannte keine Hast und hatte seine eigenen Wege. Aber mit dieser Weisheit durfte Ahasverus sich vorläufig an muffigen Rüben gütlich tun.
Durch sumpfige Marschen gelangte er endlich zu einem breiten Strom, wo wohl tausend Arbeiter einen Deich bauten, und er wurde in dies gewaltige Treiben aufgenommen, um eiserne Loren voll Kies mit gespannten Muskeln vorwärtszuschieben: das war ja so etwas für ihn!
Man hätte meinen können, daß dort ein ganzes Heer herabgefallen war, um die Erde aufzuwühlen: es lag eine Menschenmenge da und mühte sich ab in den Gruben und Laufgräben, voller Schmutz und die Füße in dem gelblichen Schlamm. Hier wurde eine schräge Steinwand gegen das Wasser gemauert, dort rammten sie Pfähle wie Baumstämme in den Boden: ihrer zwanzig oder dreißig hingen halbnackte Fronknechte an den Tauen, stießen bei jedem Ruck einen rauhen Schrei aus und ließen dann den Block wie einen Donner niederdröhnen. Dazwischen das Rollen der Sandkarren, das Pfeifen von Aufsehern oder das befehlende Rufen von Werkmeistern, und alles ging im Takt. Es war da ein ganzes Dorf von hölzernen Baracken, Schuppen und Kantinen, und wenn die Sonne durch den Dunst des flachen Landes niedersank, dann schien all dies geregelte Schuften längs des trägen Gewässers, das sich buchtend in die Ferne schob, wie in einem Dampf von Schweiß zu stehen.
Am ersten Tage, bei der Eßpause, hatten einige harmlose Sticheleien den Neuling begrüßt, den mageren Hungerleider. „Das war zu erwarten“, dachte Ahasverus, aber er sah den Kerlen frei in die freien Augen: er ließ sich hier nicht hinausschmeißen, denn er fühlte, daß er bei den Seinen war, Verstoßenen, die den Bauch voll Elend hatten und harte Gesichter, aus denen finstere Kraft ihm entgegenglomm.
Wartet nur! Er wollte schon zeigen, daß Mumm in ihm saß, er hatte zwei Arme an seinem Leibe, er stand seinen Mann! Laßt sie nur kommen! Und gearbeitet sollte werden, daß die Lappen flogen! Was war das nunendlich für eine Veränderung: er kannte wieder die Freude an der warmen Körperarbeit; er war glücklich, als er, gestützt auf den Fuß, der sich tief in den Sand grub, die schwere Last zum Weichen brachte vor dem hartnäckigen Druck seiner Hände; und wenn er am Ende des Weges sein Wägelchen umkippte und, sich die Stirn wischend, einen Augenblick Atem holte, lachte er schweigend dem Kameraden zu, der mit verhaltenem Keuchen schiebend hinter ihm ankam. Sein Blick ging weiter über das Land, folgte dem Widerschein des hohen Lichts auf dem Strom, und alles hatte ein neues Aussehen für ihn. Er war zufrieden, daß er nicht mehr allein war.
Aber wenn er dann am Abend erschöpft in der sauer-dumpfigen Baracke lag und die armen Schächer überall die Lehmwände entlang auf ihren Strohsäcken liegen sah, zusammengesunken vor Müdigkeit, den Mund geöffnet in einem Gesicht, das die Farbe der Erde hatte, dann begann wieder ein dumpfes Weh ihn zu lähmen um dieses Dasein ohne Traum, von dem er nun ein Teil geworden war. Er war nicht mehr allein, er wußte fortan, daß allein zu leben nicht möglich war; aber in welche Trübseligkeit waren sie nun alle eingeschlossen! Warum all dies Schuften und Sichabschinden, ohne einen Ausblick? Wie ertrugen diese Ewigblinden ihr Leben? Aber wie ertrug er selbst es? Er, einer von diesen tausend . . .
Und der unbezwingliche Brand in seiner Brust verzehrte ihn. Doch dieser Schmerz war ihm nun beinah willkommen. „Ich habe ihn wahrscheinlich nötig,“ dachte er, „und wer weiß, durch was ich noch hindurch muß, um alles zu vollbringen! Leide nur, mein Junge, was du leiden mußt; so fühlst du, daß du lebst! Und bleibe nur bei der Stange, du bist hier an deinem Platz!“ Denn wie er sich auch abquälen mochte, dies wenigstens stand nun unverrückbar fest in seinem Herzen: daß er durch eine Welt ging, die kein trügerischer Alp ihm geschaffen hatte, daß dieser Weg der rechte für ihn war, wohin er auch führen mochte . . . Und er dachte dabei an die Weizenähre, die so geduldig wächst, als wäre sie die Weisheit selbst.
Unterdessen kam der Vorfrühling und ließ in den Morästen ein geheimnisvolles Brüten und Bollern von Pflanzen und Tieren sich regen und im Herzen der Menschen das süßbittere Verlangen der Liebe schwellen.Wenn am Sonnabendabend ein Teil nach Hause zog, zum Dorf, wo ihre Frau oder ihr Schatz sie erwartete, verfielen die andern in trübseliges Träumen oder in allerhand tierische Gelüste. Übrigens war jede Kantine ein Hurenstall, wo bei Bier und Schnaps gehörig geküßt und geknutscht wurde, bisweilen auch mit Messern gestochen, wenn die Kameraden zu sehr in Hitze gerieten. Ahasverus, der sich eine andere Art von Brüderlichkeit vorgestellt hatte, fühlte sich wie einer, der die Arme ausstreckt und niemals etwas zu greifen vermag, und dachte in seinem Innern, wie schön es sein würde, wenn er das zarte, warme Leben einer Frau an das seine drücken konnte und das Klopfen ihres Herzens fühlen, wie in sich selbst . . .
So versteht ihr, daß er in der schmierigen Holzbude, wo sie des Abends, die ganze Rotte, ihre Suppe schlabberten, die junge Dirne, die sie zu bedienen hatte, schweigend verfolgte mit Blicken voll finsterer Glut, denn sie hatte ein Paar liebe und unverdorbene Augen in ihrem Gesicht, das hellbraun war wie eine goldene Traube, und in ihren Bewegungen etwas so lieblich Eigenwilliges, das Feuer und die Flinkheit einer Hinde. Wenn sie auch tat, als ob sie Ahasverus nicht bemerkte, so war sie doch ein wenig bange geworden vor diesem Sonderling, es war ihr, als ob er einst Unheil über sie bringen würde, und zugleich mußte sie doch, insgeheim, ein wenig zu ihm hingucken. Was wollte er denn, der sie nicht einmal anredete?
Aber die Frühjahrssonne in ihrer ersten Kraft weckte zugleich noch etwas ganz anderes als Leben und Liebe: aus dem umgewühlten Schlammboden sprang ein seltsames Fieber auf die kräftigsten Arbeiter und ließ sie nicht wieder los. Sie schudderten, ihre Augen glänzten aus der trockenen, durchscheinend gelben Haut ihres Gesichts. Zwei hatte man schon in einem Wagen abgeholt, damit sie sich anderswo erholen sollten; aber danach lagen wieder vier oder fünf am Abend im Schüttelfrost, gleichgültig gegen alles, was um sie herum vorging, wenn man ihnen nur zu trinken gab, denn sie brannten von kratzendem Durst; und auch die mußte man sogleich wegbringen. Die Männer bekamen Angst vor diesem unsichtbaren Feind und begannen zu murren, aber das half nichts.
So geschah es, daß ein strammer Bursche, der seine Kameraden alsfurchtsame Hasen ausgelacht hatte, selbst ergriffen wurde; aber er wollte sich aufrecht halten, trank viel Genever, „um das Fieber in seinen Beinen zum Sinken zu bringen“, und blieb unbeirrt scherzend bei seiner Arbeit, beim Graben. Er scherzte nicht lange: nach einem dieser Apriltage voll kalter Regenschauer und stechender Sonne ließ er die Schaufel aus den Händen gleiten, und bald lag er da wie ein Haufen Lumpen, zuckend vom Fieber, mit starren Augen, die etwas im Himmel suchten. Von allen Seiten eilte man hinzu mit wirrem Gerufe; ein alter Arbeiter hatte den Kopf des Unglücklichen ein wenig hochgehoben und sagte: „Hol zu trinken!“ Ahasverus eilte zu seiner Kantine.
Er fand dort nur die Dirne, die hintenüber an die Wand gelehnt fest eingenickt war in der ungewohnten Stille des leeren Saales, und er mußte schweigend eine Weile vor ihr stehen bleiben, so unschuldig atmend schlief sie, schon wie eine wilde Blume, die im Dunkel eines Waldes duftet.
Als er sie vorsichtig geweckt hatte, indem er ihr schwarzes Haar mit seinen Fingerspitzen berührte, sah sie ihn an wie aus ihrem Traum, verwundert über den gedämpften Ton dieser Stimme. Dann erst begriff sie auf einmal, was er sagte, — einen Augenblick blickten sie einander unbeweglich an, offenen Angesichts, den Gedanken des Todes über sich.
Sie ging mit ihm zu der Grube zurück, wo der Sterbende lag. Der Mann, der den Kopf hielt, starrte finster wie ein alter Wolf, und die andern wagten nicht mehr laut zu sprechen, sie standen unschlüssig da mit herabhängenden Armen.
„Genever?“ fragte einer. „Nein, Milch!“ antwortete das Mädchen und versuchte niederkniend die Flüssigkeit zwischen die geschlossenen Zähne zu gießen; aber sie lief die Mundwinkel entlang über das Kinn und die Brust, auf der die stachligen Haare zottig in dem wächsernen Fleisch standen, das schon tot schien. Ahasverus sah widerwillig auf den mageren Körper: es war, als ob diese Hände, die in die Erde griffen, und diese schmutzigen Füße, die nur immer leise tanzten, nicht mehr dazu gehörten, so unnatürlich groß erschienen sie nun; und er merkte, wie unter dem Staub und dem Schmutz des Gesichtes sich eine furchtbare Blässe verbreitete.
„Wir müssen ihn hineintragen, Hein!“ sagte das Mädchen; und in derBaracke, während die Männer, nicht wissend, was sie machen sollten, dastanden — immer mehr drängten sich hinzu —, tat sie schweigend, was zu tun war, machte die Strohsäcke und die Decken zurecht, half den Jungen aufnehmen unter seinen eckigen Schultern, um ihn besser zu legen, und wusch mit frischem Wasser sein Gesicht ab, auf dem nun etwas kalter Schweiß perlte.
Inzwischen waren ein paar Werkmeister erschienen, die kurzen Prozeß machten: „Luft muß er haben, — was steht ihr da und gafft, ihr Lohndiebe?“ Und sie trieben die murrende Herde wieder nach draußen, zu ihrer Arbeit.
Aber die Angst vor dem Tode hatte die Arbeiter beschlichen, einige von ihnen fluchten, sie würden keine Hand mehr ausstrecken, und Aufseher mußten dazwischenspringen, um den Kram wieder in Gang zu bringen. Nur Hein, der alte Isegrim, hatte kein Wort gesprochen: er war geradewegs zu seinem Platz gegangen, wo der andere umgefallen war, und fuhr fort, mit zähen Lendenstößen seinen Wagen zu füllen; und Ahasverus sah in seinem Blick eine düstere, herausfordernde Willenskraft, als ob die Gefahr ihn aufgepeitscht hätte. So kam auch in ihn mit einemmal ein trotziges Leben, das ihn größer machte, und alles, was er nun gesehen hatte, floß zusammen ineinneues Gefühl, das weder Schmerz war noch Freude, vielmehr etwas weiteres als diese beiden, eine Art bitteren Glücks, eines Glücks, das ohne Hoffnung, ohne Täuschung war und sein Blut doch wärmer klopfen machte.
Als der Mann eine halbe Stunde später weggebracht wurde, um wo anders zu sterben, war die Arbeit mit ihrem vielfältigen Lärm überall in gewohnter Weise wieder aufgenommen.
Dann sank die Pracht der Sonne hinter Wolken, die von rosigem Licht gesättigt waren und sich auftürmten bis zum höchsten Himmel, und aus dem feurigen Mund des Horizonts schauerte der Abendwind über den Strom.
Wieder ein Tag zu Ende! Die Arbeiter, die an ihrem Hunger wohl merkten, wie spät es war, waren froh, daß sie ihr Arbeitszeug bis morgen niederlegen durften. In der Nacht würde hier nichts mehr sein alsdas sanfte Rauschen des Rieds und das Klatschen des Wassers, das immerfort hinabfloß zu anderen Gegenden. Ahasverus, der seinen letzten Wagen leer zurückgerollt hatte, blieb einen Augenblick stehen und dachte an all die Menschen, die da drüben, in den fernen Dörfern und Städten, unzählbar, jung oder schwer von Jahren, nun in den Abend hineingingen, — unbekannt, hier weinend und dort lachend, jeder mit seinen Heimlichkeiten.
Hein, der mit seinem verwitterten Gesicht und den beringten Ohren voll Büscheln weißen Haares fast aussah wie ein alter Matrose, stand auch da und sah mit scharfem Blick über das weite Land. Und er sagte zu Ahasverus:
„Das wird hier noch schön werden, wenn wirs erst mal trocken gekriegt haben.“
Ahasverus begann zu sinnen und verstand das große Werk: die Stauung der stummen Gewalt der Flut, die geduldige Geschäftigkeit einer ganzen Bevölkerung, wo jetzt alles so verlassen war; er sah die Saat gesät, das Korn, das aus der tiefen, dunklen Erde emporwächst, langsam gedörrt und reifend im Wechsel des Wetters, Brot für die Menschen; und vom Deiche aus würden die jungen Burschen, an einem Abend wie dieser, nach den Schiffen ausschauen, die von der See kommen.
„So machte ich also, einer von diesen tausend, einen Teil aus von einem schönen Traum,“ sann Ahasverus, „so wäre ich mit diesen tausend das Werkzeug, wodurch ein schöner Traum verwirklicht wird . . .“
Wie dieser Gedanke in ihm Klarheit gewann, atmete er freier, als sei die Welt weiter geworden und zugleich vertrauter, die geringsten Dinge bekamen ein lieblicheres Ansehen, — und dann kam von selbst wieder in sein Herz das Bild jenes Mädchens mit ihren jugendlichen, ungezwungenen Bewegungen und dem stillen Ernst ihres lachenden Gesichts.
In der Kantine gab es, beim Essen und mehr noch beim Saufen darnach, ein mächtiges Summen und Rumoren, denn der Meister hatte ein paar Dutzend Dickköpfe nach Hause geschickt, die gegen ihn rebelliert hatten, und die Kameraden stachelten, erhitzt durch das Pfeffergetränk, einander mit Flüchen und Verwünschungen auf in dem dicken Rauch, worin eine Petroleumlampe trübselig brannte. Das Mädchen schenkte ein und lief zwischen den Bänken dahin, wo sie gerufen wurde, — „Lene! he, liebesLenchen!“ — flink sich umdrehend, überall zur Hand mit ihren kecken Augen, gekniffen vom einen, umfaßt vom anderen, aber immer frei und unbekümmert, und in dem Lärm erklang bisweilen ihre spottende Stimme, wie ein Glöcklein in der Luft. Über den Schenktisch lehnte der Wirt der Baracke, wie gewöhnlich sternhagelvoll, ein Riese von einem Kerl, mit einer fürchterlichen Narbe quer übers Maul.
Ahasverus sah von seiner Ecke aus, gegen ein Fenster gelehnt, das sich in die laue Nacht hinein öffnete, lauernd zu Lene hinüber mit einer Art verdrießlicher Ergebung; aber die schweigende Frage, die unerträgliche Frage mußte wie immer in seinem Blick sein, denn:
„Habe ich dir etwas gestohlen?“ scherzte Lene plötzlich, gereizt ausfallend, gerade vor ihm.
Ahasverus begriff nicht, was ihn so peinlich furchtsam und schwach machte; er wurde ärgerlich gegen sich selbst und hätte ihr beinahe zugeschnaubt: „Was ist los, Hurenbalg? . . .“ Aber es war, als ob sie es fühlte; sie errötete, und einen Augenblick sahen sie einander an wie zwei Feinde, die sich kampfbereit gegenüberstehen, die ein Geheimnis in des anderen Gesicht zu lesen trachten, — wie zwei Liebende, die einander Leid zufügen wollen in der Seele, um das Geheimnis herauszubrechen, damit es reden sollte . . . Sie hörten den Trubel nicht mehr, für sie war es da in diesem Augenblick so still wie an dem Nachmittag, als der Gedanke an den Tod da war . . . Doch ihr Blick zauderte dann und wich zurück und schien fast um Verzeihung zu bitten.
„Warum hast du Angst vor mir?“ sagte Ahasverus mit gedämpfter Stimme.
„Ich habe keine Angst vor dir“, antwortete sie kurz. Er griff sie bei den Handgelenken, aber sie kehrte ihr Gesicht ab, wollte sich kleinmachen, weg sein.
„Lene . . . Lene . . .“
„Laß mich, wie ich bin! Laß mich, wie ich bin! . . .“ Und dann sagte sie leiser, wie jemand, der Furcht hat: „Was könntest du wohl mit mir tun?“
Sie hatte sich sanft losgemacht und blickte dann doch ein wenig zu ihmauf mit einem unbewußten Lächeln, aber es war, als ob sie in diese Welt voll lärmenden Gewühls, das sie umgab, nicht zurückflüchten und auch Ahasverus’ Blick nicht ertragen konnte und sich an ihn hätte pressen mögen, daß er sie nicht sähe, daß niemand sie sähe . . .
Sie hörte wieder das Gemurre und Geschrei, das den Saal erfüllte, — Lene wurde gerufen und lief, die Kerle brüllten immerfort. Einer unter ihnen fuhr sie, gebückt und den Kopf vorgestreckt, an, daß sie Memmen seien:
„Wir gehn hier kaputt! Sie dürfen — verflucht noch mal! — uns nicht behandeln wie Tiere! . . .“
„Was sollen wir machen?“ schimpfte ein anderer, „mit dem Kopf gegen die Wand rennen? Sie sind doch allemal stärker als wir! . . .“
Und aus ohnmächtiger Wut tranken sie doppelt und hatten Lust, einander zu Leibe zu gehn. Es kam Ahasverus vor, als ob er mit diesen Unglücklichen irgendwo in einem Abgrund läge, aus dem sie verzweifelt die Arme nach oben ausstreckten, er und sie alle, nach einem schöneren Leben rufend, das sie nicht sehen konnten, — und die ganze Welt schien ihm solch ein Abgrund . . .
Auch sie — mit ihren ewigen Augen! — sie war mit ihm in dieser Tiefe. Und er fühlte es nun wohl, mit einer Art herben Genusses, daß er sie lieb hatte, daß er sie noch inniger lieb hatte, so wie sie war, mit all den Küssen, die sie besudelt hatten, mit diesen Fältchen von Schwermut um den jungen Mund, mit diesem stillen, unschuldigen Lächeln, das bisweilen wie eine Wintersonne ihr braunes Gesicht erhellte, — mit dem Geheimnis ihrer Menschenseele voll Gut und Böse, voll werdender, lebender, unendlicher Schönheit . . .
Was trieb ihn zu ihr, was trieb sie zueinander, durch diese große Welt von Menschen, die alle suchten nach etwas, das sie nicht nennen konnten — er und sie alle —, ohne zu überlegen, was aus all diesem Verlangen einmal erblühen würde?
War nicht wie das Werk seiner Hände vielleicht auch dieses Begehren seines armen Herzens, die Regung selbst, die seine Seele emporhob, ein Teil eines schönen Traumes, eine der tausend und aber tausend Regungen,durch dieeinschöner, unbegreiflicher Traum verwirklicht wird, mit dem Blut, mit dem Geist und der Seele, von Geschlecht zu Geschlecht, ein werdender, lebender, unendlicher Traum? . . .
Und all diese Stimmen, die da grölten und fluchten aus finsteren Mündern in dem halberleuchteten Loch, sie drangen nun zu ihm beinah wie Flammen, die aus dem Schweigen geweckt waren und die immer wieder herausschlagen würden.
„Jungens,“ rief er plötzlich, die beiden Fäuste hoch erhoben, „so gehts nicht! so gehts nicht! Wir müssen wissen, was wir wollen! Und dann alle zugleich, wieeinMann! . . .“ Es ging wie eine Glocke durch das Geschrei.
„Ja! Ja! Wir können doch nicht länger liegen bleiben wie Hunde! . . .“
Hartnäckig hämmerte er weiter:
„Alle gleich! Und so wollen wirs ihnen morgen sagen, wie wir behandelt werden wollen! Und hören sie nicht darauf, dann zeigen wir, was wir sind! . . .“
„Ja! Ja! Hand in Hand!“
„Und ob wir durchkommen oder nicht, das werden wir später schon sehn! . . .“
Die Genossen hatten sich dichter zueinander gedrängt,einWille begann zu sprechen aus diesen wüsten Gesichtern, die das flackernde Licht der qualmenden Lampe scharf umriß.
Ja! so brannte da auch ein Verlangen, das Geschlecht auf Geschlecht die Menschen durchbrannt hatte . . . Nutzlos vielleicht, ohnmächtig? . . . Wie viel solcher Aufwallungen, worüber die Zeit wie Wasser hinweggegangen war! Wie viel Herzen gleich diesen, die Blut geweint hatten und nun etwas geworden waren von jenem Staube, wovoneinKörnchen all den anderen gleicht! Aber wer weiß — Ahasverus blickte auf Lene, die still lächelte —, wer weiß, was auseinemTropfen Blut einst erblühen kann? Und wer weiß, wie viel Tropfen Blut nötig sind, ehe die geduldig, geduldig wachsende Ernte einst blond von Reife die Menschen erfreut?
„Ob wir durchkommen oder nicht, das werden wir später schon sehn!“So sprach das Leben, das, kampfbereit vorwärtsblickend, — auf den Tod vielleicht! darauf kam es nicht an! — doch lächelt, weil es das Leben ist, weil es dem Traume nicht widerstehen kann, der es immer reifer machen will.
„Ob wir durchkommen oder nicht, das werden wir später schon sehn!“ Sie fühlten es alle nun, bis zu denen, die unbeweglich stierten in ihrem Geneverrausch; und viele Blicke, die lange mutlos in sich selbst gekehrt gewesen waren, lachten einander zu, mit dem frohen Bewußtsein ihrer vereinten Macht, — so wie Ahasverus und Lene einander betrachtend ihre eigene Winzigkeit erkannten und zugleich eines in des anderen Blick das Vorgefühl lasen ihrer beider Göttlichkeit.
Aus einer Ecke stieg ein Lied auf, — es verlor sich in wirrem Gebrüll. Ja, singen, singen mußten sie nun! An einer anderen Stelle wurde von neuem eingesetzt, aber dann hob plötzlich eine alte Stimme an, vor der alle Stimmen schwiegen, denn wie alt sie auch war, beinahe furchtbar klang sie von Ernst und verhaltener Willenskraft: Hein war es, den weißen Strubelkopf kerzengerade aufgerichtet, die eine Faust geballt auf dem Tisch, unbeweglich, mit demselben festen, herausfordernden Blick wie damals, als er die Arbeit wieder aufgenommen hatte. Und es war eine seltsame Weise, die er sang, ein Lied von den alten Wassergeusen, er sang es feierlich und langsam, wie einen Psalm, — wo hatte er es hervorgeholt? Wie lange hatte es schlummernd in ihm gelegen, um nun auf einmal herauszubrechen? — Sie fragten nach dem Sinne nicht: es handelte von Aufruhr und Vertrauen, von Kampf und Glauben, und sie lauschten ergriffen und suchten halblaut den Kehrreim mitzusingen sie fühlten einander in dem alten Lied.
Ahasverus hatte Lene beim Arm gefaßt, und er flüsterte mit einer sonderbaren Betonung: „Ich halte dich fest! ich lasse dich nicht mehr los! . . .“ Sie ließ ihn gewähren und sah nach ihm auf, aber seine Züge waren wie gespannt in einer wilden, tollen Begierde, und in ihren flehenden Augen stieg da solch eine Angst auf, daß all seine Macht bezwungen hinfiel, und er konnte nicht anders, als das Mädchen, wie ein zartes Ding nun, an sich drücken, innig sanft, bis ihre Blicke ineinanderlächelten, mit der stummen Bewunderung, die in dem Blick eines Kindes sein kann.
Am anderen Tage brach der Ausstand aus, ungestüm und fröhlich; Ahasverus und andere wurden fortgejagt, aber sie lachten, denn sie sahen den Aufruhr hinter sich aufflammen. Ein und dieselbe Hoffnung pochte in aller Herzen.
Und in der Nacht flüchtete Ahasverus mit Lene.
Als die Luft allmählich durchsichtig wurde, lagen sie am Saum eines Wäldchens; sie schlief noch in seinem Arm, gehüllt in ihre grauen Lumpen, und er, auf den Ellbogen gestützt, wachte und träumte und betrachtete ihr schlafendes Gesicht im Morgenlicht.
Er dachte an alles, was geschehen war, — an den Gesang der Engel in dem ewigen Morgenrot, an den Gesang des Meerweibes im feurigen Dunkel, — aber ohne Vorwurf, ohne Reue, — es waren alles Stimmen, die nachklangen in den Stimmen des großen Traumes, den er vorfühlte, unaufhörlich reifend, und der kein Traum war.
Er dachte an Christus, — an die Sehnsucht seiner Augen, an den Segen seines Lächelns, — und diese Augen und dieses Lächeln brannten noch tief in seinem Herzen; aber ein Schmerz war diese Glut nicht mehr, — er war etwas Besseres und Volleres geworden, als Freude selbst.
Als der Tag in der Stille des Taues gekommen war, wurde Lene wach, und Ahasverus sah Erde und Himmel in ihren vertrauenden Augen sich spiegeln.
Dann zogen sie zusammen in die Welt: denn der Wanderer wußte, daß er wandern mußte, frohgemut, und daß nichts gesünder war als solch ein Wandern . . .
Unter der Sonne, die in feuchtem Dunst die sprießende Schöpfung bestrahlte, glänzten die Weiden wie Weiher, in denen Perlengefunkel versunken lag; der Frühling begann vom Saft zu schwellen; die ersten zarten Blätter an den alten Bäumen längs des Weges erschienen wie ein hellgrüner Regenschauer, der da oben hängen geblieben war mit dem Zittern des hohen silbrigen Lichtes; und da hinten, weit, weit, war die Luft offen und klar, wie über dem Meer.
So gingen sie an Obstgärten mit Apfelbäumen entlang, die blühten voller Gezwitscher und Geflöte, an Dörfern und Feldern vorbei, wo dieMenschen überall bei der Arbeit waren; und die erhoben den Kopf, als Ahasverus und Lene vorüberzogen, und grüßten: „Gott segne euch!“
„’s ist heute ja Karfreitag!“ sagte Lene.
So gingen sie, ihr Brot verdienend auf die eine oder andere Weise, neuen Sommern und Wintern entgegen, neuem Lebenskampf, neuem Leiden und neuen Höhen, — so gehen sie noch, und was einst die letzte Höhe und das Ende des Weges sein wird, kann zum Glück niemand verkünden.