XV.

»Dodo, lieber Dodo, ich bin todkrank und muß sterben, aber vorher muß ich schrecklich leiden und habe niemand, der mir hilft. Du bist der einzige, der mich lieb genug hat, um mich zu töten. Komm und befreie Deinearme Marmotte, von der Du weißt, wie sie sich vor Schmerzen fürchtet. Dies ist das erste Wort, das ich nach siebzehn Jahren an Dich richte, und es ist eine Bitte. Ach, Dodo, an kein anderes Herz als an Deines würde ich eine solche Bitte zu richten wagen. Komme bald, Du wirst wissen, wie es geschehen kann. Daß ich Dir geschrieben habe, wird kein Mensch erfahren.Deine Marmotte.«

»Dodo, lieber Dodo, ich bin todkrank und muß sterben, aber vorher muß ich schrecklich leiden und habe niemand, der mir hilft. Du bist der einzige, der mich lieb genug hat, um mich zu töten. Komm und befreie Deinearme Marmotte, von der Du weißt, wie sie sich vor Schmerzen fürchtet. Dies ist das erste Wort, das ich nach siebzehn Jahren an Dich richte, und es ist eine Bitte. Ach, Dodo, an kein anderes Herz als an Deines würde ich eine solche Bitte zu richten wagen. Komme bald, Du wirst wissen, wie es geschehen kann. Daß ich Dir geschrieben habe, wird kein Mensch erfahren.

Deine Marmotte.«

Dr.Bernburger las und las wieder. Es war ihm ernüchtert und ermüdet zumute. War dieser Brief vielleicht eine List, ein nachträglich angefertigtes Machwerk, das Deruga oder seine Freunde ihm in die Hände gespielt hatten? Nachdem er ihn sorgfältig untersucht und eingesehen hatte, daß ein Betrug ausgeschlossen war, schob er ihn in den Umschlag und steckte ihn in seine Brusttasche. Dann nahm er Hut und Mantel, um ins Café zu gehen. Als er nur wenige Schritte von dem Restaurant entfernt war, wo er zu Abend zu essen pflegte, kehrte er um und suchte ein anderes Lokal auf, um nicht von Bekannten angesprochen zu werden;er hatte das Bewußtsein zerstreut zu sein und wollte nicht auffallen.

Während er aß, mußte er denken, daß ihn nichts abhielte, den Brief in den kleinen eisernen Ofen zu werfen, der ein paar Schritt von ihm brannte. In einem Nu würden die hastigen Flammen das verhängnisvolle Zeugnis vernichtet haben. Er hatte nicht die Absicht es zu tun, aber die Vorstellung war so lebhaft in ihm, daß ihm angst wurde, er müsse es dennoch, wie man unter dem Eindruck des Schwindels wohl fürchtet, man würde sich wider Willen von einer Höhe in den Abgrund werfen.

Wie dumm, dachte er, daß er der alten Frau, durch die er in eine so peinliche Lage versetzt war, zehn Mark gegeben hatte! Würde er es über sich bringen, von dem Mantel Gebrauch zu machen und den Brief zu verschweigen? Wenn er es tat, so war er der Bewunderung und Dankbarkeit der Baronin sicher. Welche Genugtuung würde es ihm geben, sie von seinem Scharfsinn, von der Richtigkeit seiner Auffassung, die er von Anfang an gehabt hatte, zu überzeugen! Waswürde sie dagegen sagen, wenn er ihr den Brief zeigte: »Sie versprachen mir, Deruga als Verbrecher zu entlarven, und sie verschaffen ihm einen Heiligenschein! Sie verstehen es, Wort zu halten!« Wahrscheinlich würde sie ihm verbieten, von dem Brief Gebrauch zu machen; und das war schließlich für ihn die glücklichste Lösung, indem sie ihm zur Pflicht machte, was er aus eigener Verantwortung ungern getan hätte. Und wie würde Deruga sich verhalten?Dr.Bernburger begriff nicht, warum er den wahren Hergang verschwiegen hatte. Sollte er auch seinem Anwalt nichts davon gesagt haben?

Plötzlich überkam ihn der Wunsch, in die Anlagen zu gehen und die Stelle aufzusuchen, wo die Waschfrau den Anzug gefunden haben wollte; in der Restauration mochte er ohnehin nicht bleiben, und schlafen hätte er ebensowenig können. Er hatte fast eine Stunde zu gehen, bis er an die Brücke kam, die über den Kanal führte. Der Schnee, der in der letzten Nacht gefallen war, hatte sich aufgelöst und in Schmutzverwandelt, und er hörte in der Dunkelheit die Nässe unter seinen Füßen klatschen. Die hölzerne Brücke war schlüpfrig, und das Wasser stand sehr hoch; schwarz und heimlich-hastig floß es unter ihm fort. Nach einer Weile unterschied er etwas weiter unten die wild sich bäumenden Wurzeln einer alten Ulme, die das Ufer umklammerte; dort mochte das Bündel Kleider, das der Fluß trieb, sich festgehängt haben.

Lange starrte der späte Wanderer auf die Stelle und ging dann weiter, bis er nach einigen Schritten vor einer halbkreisförmigen Steinbank stand, von der aus man in der schönen Jahreszeit einen angenehmen Blick auf die Wiesen hatte, die sich weithin zwischen dunklen Gebüschen erstreckten. Vielleicht, dachte er, hatte in der stürmischen Oktobernacht Deruga dort gesessen und, nachdem er sich umgekleidet, die Stunde erwartet, wo der Zug abging, mit dem er heimfahren wollte. Vielleicht war er sehr bewegt und zugleich sehr erschöpft gewesen und hatte hier ausgeruht, wo niemand ihn beobachtete. Unwillkürlich durchwatete auchDr.Bernburger die aufgeweichte Erde und setzte sich auf die steinerne Bank, ohne zu beachten, wie naß sie war. Was mochte Deruga gefühlt und gedacht haben, nachdem er die Frau, die er einst geliebt und gehaßt hatte, wiedergesehen und für immer verlassen hatte? Was für Erinnerungen mochten ihn zusammen mit den raschelnden Blättern umschwirrt haben?

Indes er so sann, troff es kalt auf ihn herunter, und plötzlich überlief ihn ein Schauer, und er stand auf und ging schnell, ohne sich umzusehen, der Stadt zu.

Am anderen Morgen fühlteDr.Bernburger sich so abgespannt, daß es ihm erlaubt schien, sich als krank zu entschuldigen, und nachdem er das telephonisch besorgt hatte, legte er sich wieder zu Bett in der Hoffnung, noch einmal einschlafen zu können.

Das Klingeln des Telephons weckte ihn, und mit einem lebhaften Gefühl des Überdrusses beschloß er zu tun, als gehe es ihn nichts an. Aber als es von neuem begann, stand er mit einem Seufzer auf, um zu hören, was es gebe. Er erkannte sofort die Stimme der Baronin, der der Apparat eine schrille Färbung gab.

»Sie sind krank?« sagte sie. Das sei allerdings im höchsten Grade ungeschickt. Sie sei im Begriff abzureisen, und es sei darum gerade jetzt notwendig, daß er persönlich am Platze sei.

Er sei nicht zum Vergnügen krank, antwortete Bernburger. Die Krankheit sei wohl nicht so arg, sagte die Baronin, daß er nicht auf eine Viertelstunde ins Hotel kommen könne. Sie müsse ihn durchaus vor der Abreise sprechen.

Er bedauere, antwortete Bernburger, er läge zu Bett.

»Aber Herr Doktor, Sie sind ja am Telephon,« sagte die Baronin mit dem Lachen, von dem er wußte, wie verführerisch es klang, wenn es ihr darauf ankam.

»So komme ich in Gottes Namen,« rief er ärgerlich auf sich und sie.

»Das ist recht, Doktor,« antwortete ihre Stimme, »Sie können sich ja einen Wagen nehmen.«

»Sie sehen gar nicht krank aus, Doktor,« so empfing ihn die Baronin. »Mein Mann und ich haben uns plötzlich entschlossen nach Paris zu reisen,« fuhr sie fort, »da mich der schreckliche Prozeß, wie ich Ihnen schon sagte, so sehr angegriffen hat.«

»Die Stellungnahme Ihres Fräuleins Tochter,« sagteDr.Bernburger mit absichtlicher Dreistigkeit, »muß sehr erschwerend für Sie sein.«

Die Baronin errötete. »Sie wissen,« sagte sie, »daß ich meine Handlungen durch das Urteil der Jugend nicht beeinflussen lasse. Meine Tochter wird uns begleiten.«

»Sie sind um den Aufenthaltswechsel sehr zu beneiden,« sagteDr.Bernburger.

»Ja, der Frühling ist in Deutschland unerträglich,« sagte die Baronin. »Vielleicht wird er gerade deshalb von deutschen Dichtern so besonders viel besungen; man rühmt ja das, was man nicht kennt.«

»Sich niemals kennenzulernen wäre also das Geheimnis der glücklichen Ehe,« erwiderteDr.Bernburger und setzte, sich selbst verweisend, hinzu: »Aber ich sehe, meine Schwäche macht mich zerstreut und geschwätzig. Was wünschen Frau Baronin mir zu sagen?«

»Ich wollte Ihnen den Prozeß auf Herz und Gewissen legen,« sagte sie. »Als wir uns das letztemal sahen, war ich schwankend geworden; eine Folge meiner Unklugheit, persönlich anwesend zu sein, wie ich jetzt eingesehen habe. Die vielen Einzelheiten, die wechselnden Aussagen, alle die starken Eindrücke machen einen nervös, wenn man nicht daran gewöhnt ist. Ich will nun, ohne mich persönlich darum zu kümmern, dem Prozeß seinen Lauf lassen und das Ergebnis erwarten. Daß es gerecht ausfällt, dafür sind die Anwälte und Richter da.«

»Jawohl,« sagteDr.Bernburger.

»Ich kann mich doch auf Sie verlassen?« fragte sie. »Ihre Krankheit wird doch nicht lange dauern? Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir zuweilen Bericht erstatten wollten. Sie sagten das letztemal, daß Sie eine entscheidende Entdeckung zu machen hofften.«

Dr.Bernburger hatte die Baronin starr angesehen und fuhr bei ihren letzten Worten zusammen. »Leider,« stieß er etwas gewaltsam hervor, »muß ich Ihnen mitteilen, daß ich mich gezwungen sehe, die Vertretung Ihrer Angelegenheit niederzulegen.«

Die erste Regung der Baronin bei diesen unerwarteten Worten war gekränkte Entrüstung, die sie so stark erfüllte, daß sie kaum Fassung gewinnen konnte, sich zu äußern.

»Das ist unerhört, das ist unmöglich,« rief sie endlich aus, während ein kalter, stechender Ausdruck in ihre grauen Augen trat. »Sie wollen sich aus der Verlegenheit zurückziehen, in die Sie mich verwickelt haben. Aber ich entlasse Sie nicht. Und diese Krankheit haben Sie nur vorgeschützt, ich durchschaue es gleich. Es ist der erste Schritt, uns, mich ehrlos im Stiche zu lassen.«

Dr.Bernburger wurde bleich, aber er blieb bei wachsender Entschlossenheit ruhig. »Ich fühle mich in der Tat krank,« sagte er, »und der Aufgabe nicht mehr gewachsen. Es ist um Ihretwillen, daß ich zurücktreten will.«

»Ich danke für Ihr rücksichtsvolles Opfer,« sagte die Baronin spöttisch. »Aber ich nehme es nicht an. Ich vertraue Ihnen trotz Ihrer Krankheit.«

Inzwischen hatte die aufgeregte und scharfe Stimme ihrer Mutter Mingos Aufmerksamkeiterregt, die sich im Nebenzimmer befand. Sie trat ein und betrachtete die Streitenden mit verwundert fragenden Blicken. Ohne daß er sich dessen bewußt wurde, flößte ihre Anwesenheit dem jungen Rechtsanwalt Mut ein.

»Wenn ich Ihnen den Namen und die Art meiner Krankheit nenne, Frau Baronin,« sagte er, »werden Sie mich besser begreifen. Sie besteht darin, daß ich anderer Überzeugung geworden bin.«

»So plötzlich?« fragte die Baronin. »Noch vor zwei oder drei Tagen sprachen Sie sich ganz anders aus.«

»Es kommt vor, daß einem die Augen ganz plötzlich geöffnet werden,« sagteDr.Bernburger.

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als Mingo seine heiße, feuchte Hand ergriff, deren Berührung sie sonst vermieden hatte, und ausrief: »O, Herr Doktor, sagen Sie uns alles! Ich danke Ihnen, Mama freut sich ebenso wie ich, wenn Sie es auch nicht gleich zugibt! Wie gut von Ihnen, daß Sie Ihren Irrtum eingestehen!«

Sie hielt seine Hand noch immer mit leidenschaftlichem Druck fest, und ihre Augen standen voll Tränen, während ihre Lippen zitterten. Auch in dem Gesicht der Baronin lösten sich die gespannten Mienen, obwohl sie Zurückhaltung und Überlegenheit zu bewahren suchte.

»Seien Sie aufrichtig gegen mich, Herr Doktor,« sagte sie mit gemäßigter Strenge. »Das wenigstens darf ich von Ihnen verlangen. Beruht Ihre Sinnesänderung auf psychischen Eindrücken oder auf neuen Tatsachen, die Sie erfahren haben?«

Erst jetzt forderte sie ihn durch eine Handbewegung auf, sich zu setzen, und da er einen Stuhl nehmen wollte, bot sie ihm mit lächelnder Anspielung auf seine Krankheit einen Sessel an. »Auch ein Glas Wein müssen Sie trinken,« fügte sie hinzu, indem sie Mingo durch einen Blick bedeutete zu klingeln. »Sie sehen wirklich angegriffen aus. Ich glaube, ich war vorhin zu hart gegen Sie, aber Sie haben es selbst durch Ihre Unaufrichtigkeit und vor allem durchIhre Zweifel verschuldet. Ich glaube, wenn Sie die schlechte Meinung in Rechnung ziehen, die Sie von mir hatten, bin ich Ihnen nichts mehr schuldig.«

AlsDr.Bernburger seine Erzählung beendet hatte, war Mingos blasses Gesicht von Tränen überströmt, die zu verbergen sie keinen Versuch machte; zu sprechen war sie nicht imstande. Ihrer Mutter war es nicht anzusehen, daß sie bewegt war.

»Erklären Sie mir nun, Herr Doktor, in welcher Weise sich durch Ihren Fund die Lage verändert hat,« sagte sie. »Was werden die Folgen sein?«

»Die Lage hat sich nur verändert, wenn Sie wollen,« sagteDr.Bernburger. »Wenn Sie es verlangen, habe ich die Pflicht, meinen Fund zu verschweigen.«

»Das kommt natürlich nicht in Frage,« rief die Baronin schnell aus. »Ich habe nie etwas anderes gewollt, als daß ein Verbrechen gesühnt würde. Was Herr Deruga getan hat, halte ich eher für eine großmütige Tat. Ich weiß aber nicht, wie die Justiz sich dazu stellt.«

»Durch den Brief,« erklärte der Anwalt, »ist einwandfrei festgestellt, daßDr.Deruga seine geschiedene Frau auf ihre Bitte getötet hat, und seine Tat fällt demnach unter eine Rubrik, die 'Tötung auf Verlangen' betitelt ist. Vermutlich wird er zu einigen Jahren Gefängnis verurteilt. Wird er aber auch freigesprochen, so haben Sie, Frau Baronin, mit einem Versuch, ihm die Erbschaft streitig zu machen, doch kaum noch Aussicht auf Erfolg.«

Ein schnelles, tiefes Rot flog über das Gesicht der Baronin. »Davon ist nicht mehr die Rede,« sagte sie mit einer abwehrenden Handbewegung. »Jetzt begreife ich die Verfügung meiner verstorbenen Kusine vollkommen. Alles, was ich getan habe, ging aus vollkommener Verkennung der Verhältnisse hervor. Ihrem Eifer, lieber Herr Doktor, habe ich es zu verdanken, daß ich noch rechtzeitig meinen Irrtum einsehen konnte.« Sie reichte ihm die Hand, die er an seine Lippen führte.

Mingo vermochte immer noch nicht zu sprechen. Erst alsDr.Bernburger fortgegangen war, riefsie, indem sie ihrer Mutter um den Hals fiel: »Was für ein guter Mensch, dieser unscheinbare Bernburger! Wie unrecht habe ich ihm getan! Und was für schöne traurige Augen hat er hinter der Brille!«

Die Baronin küßte Mingo auf die Stirn und sagte: »Süßliche Augen, gut, daß die Brille davor ist.«

Dr.Zeunemann eröffnete die nächste Sitzung durch eine überraschende Mitteilung:Dr.Bernburger, der von der Baronin Truschkowitz mit Nachforschungen über den Tod ihrer Kusine betraut gewesen sei, habe einige Tatsachen gesammelt, die geeignet wären, dem Prozeß eine andere Wendung zu geben. Nachdem er die Genehmigung der Baronin erhalten habe, bitte er dieselben dem Gericht vorlegen zu dürfen.

Das unvorhergesehene Ereignis schreckte selbst Deruga aus seiner bisher beobachteten schläfrigen Haltung. Unwillkürlich spannten seine Muskeln sich wie zu einem Kampfe, alsDr.Bernburger vortrat, von dem er sich eines tückischen Angriffs aus dem Hinterhalt versah.

»Meine Herren Richter und Geschworenen,« begannDr.Bernburger, »ich habe einen wichtigen Fund gemacht, den ich Ihnen keine Stunde vorenthalten zu sollen glaube, da er den dunklen Fall, der Sie beschäftigt, mit einem Schlage ins klare Licht setzt. Meine Herren, ich ging von der Überzeugung aus, daß Deruga den Mord an Frau Swieter begangen haben müsse, weil er erstens der einzige war, der ein Interesse an ihrem Tode hatte, und zweitens der einzige, dessen Schicksal mit dem ihrigen eng und in tragischster Weise verflochten gewesen war; sodann, weil es mir schien, daß ohne den Willen der Frau Swieter oder ihres Dienstmädchens oder beider niemand ihre Wohnung hätte betreten können. Diese meine Ansicht wurde durch die Zeugenaussagen bestärkt und darin verändert, daß ich von Frau Swieters Dienstmädchen absah und sie allein für diejenige ansah, die den Mörder eingelassen hatte.

Ich stellte mir den Vorgang so vor, daß entweder Frau Swieter ihren geschiedenen Gatten zu sich gerufen habe, um von ihm Abschied zu nehmen, oder aber, was ich für wahrscheinlicher hielt, daß er sie aufgesucht habe, um Geld von ihrzu erbitten; und daß irgendeine unvorhergesehene Wendung des Gesprächs ihn zum Mörder gemacht habe. In beiden Fällen ließ sich das durch die besonderen Beziehungen, die zwischen ihnen bestanden hatten, sowie durch Derugas unbezähmbares Temperament erklären. Ich nahm an, daß er sich angemeldet oder sich durch irgendein ihnen beiden aus früherer Zeit bekanntes Zeichen bemerkbar gemacht habe. Er brauchte ja nur unter ihrem Fenster ihren Namen zu rufen, eine Melodie zu singen oder zu pfeifen, um von ihr erkannt zu werden.

Als die wackere Ursula von dem Slowaken erzählte, der um die Mittagszeit angeläutet hatte und nachher verschwunden war, stand es bei mir fest, daß dies Deruga gewesen sei. Ich stellte mir vor, daß er irgendwo im Hause, vermutlich im Keller, die Zeit erwartet hatte, wo Ursula ausging, dann von Frau Swieter eingelassen wurde und das Haus verließ, kurz bevor Ursula zurückzuerwarten war. Auf dem Wege zum Gartentor begegnete er dem Hausmeister, der ihn neugierig betrachtete unddadurch, oder nur durch seine Anwesenheit, das Bewußtsein des begangenen Frevels und die Gefahr der Entdeckung in ihm rege machte. Er wollte sich unbefangen stellen, und es fiel ihm nichts Besseres ein, als eine Zigarette aus der Tasche zu ziehen und zu fragen: 'Haben Sie Feuer, Euer Gnaden?' Da er aber nicht in der Stimmung war, zu rauchen, und zu aufgeregt, um folgerichtig zu handeln, beging er eine Unvorsichtigkeit und warf die eben angezündete Zigarette in das Gebüsch am Gartentor.«

Die Zuhörer folgten der Erzählung mit einer Spannung, als ob sie die angeführten Ereignisse zum ersten Male hörten. Die Aufmerksamkeit war zwischenDr.Bernburger und Deruga geteilt, der nicht daran dachte, sein Gesicht wie sonst den Blicken zu entziehen, indem er es in der Hand verbarg.

»Meine Überzeugung, daß der Slowak Deruga gewesen sein müsse,« fuhrDr.Bernburger fort, »war so stark, daß ich sagen kann, ich wußte es. Ich verfolgte nun alle seine Schritte von demAugenblick an, wo er am Bahnhof in Prag die Fahrkarte, wie ja festgestellt war, löste. Er trug damals einen gewöhnlichen Anzug, vermutlich einen Gehrock, denn wenn er im Kittel seine Wohnung verlassen hätte, wäre es aufgefallen und gemerkt worden; den Kittel hatte er im Paket bei sich. Die Frage war nun, wo er sich umgekleidet hatte. Geschah es im Eisenbahnzuge? Irgendwo in den Bahnhofsräumen? Oder etwa des Nachts im Freien? Er mußte einen solchen Ort wählen, wo er sich nicht nur umkleiden, sondern auch den gewöhnlichen Anzug zurücklassen, später wiederfinden und gegen den Kittel vertauschen konnte. Den Kittel hatte er entweder im Paket mit nach Hause genommen oder, wahrscheinlicher, unterwegs weggeworfen oder versteckt. War das letztere der Fall, so konnte er gefunden und an einen Trödler verkauft worden sein, und trotz der schwachen Aussicht auf Erfolg, die eine darauf gerichtete Nachforschung haben konnte, machte ich mir die Mühe, in einer großen Reihe derartiger Geschäfte nachzufragen.

Ich erhielt keine irgendwie brauchbare Auskunft und hatte bereits die Hoffnung, auf diesem Wege eine Spur zu finden, aufgegeben, als sich eine alte Frau bei mir meldete, die zufällig in dem Laden eines Trödlers von meinem Wunsche Kunde erhalten hatte. Diese Frau, eine Wäscherin, war am Morgen des 3. Oktober bald nach fünf Uhr morgens durch die Bahnhofsanlagen gegangen und hatte von der Brücke herunter, die über den Kanal führt, etwas Dunkles im Wasser gesehen, das sie zuerst für etwas Lebendiges hielt. Als sie es näher untersuchte, ergab sich, daß es ein Anzug war, in der Art, wie Arbeiter ihn tragen, der sich an der Wurzel eines Baumes festgehängt hatte, und nachdem sie ihn ausgerungen hatte, nahm sie ihn als herrenloses Gut mit.«

Bei diesen Worten tratDr.Bernburger an den Tisch, legte das Paket, das er unter dem Arm gehalten hatte, auf den Tisch, wickelte es auf und breitete den Anzug auseinander, über den die Richter und der Rechtsanwalt, von ihren Sitzen aufstehend, sich beugten.

»Der Anzug,« fuhrDr.Bernburger fort, »würde nur eben eine Spur gewesen sein. Den Beweis, daß er dem Angeklagten gehörte, erbrachte mir ein Brief, den ich in einer zugeknöpften Seitentasche des Kittels fand. Er ist trotz der stellenweise verwischten Schrift vollkommen lesbar, und ich bitte um die Erlaubnis, ihn vorlesen zu dürfen.«

Im Laufe seines Berichtes hatte sich die Erregung des Erzählers mehr und mehr verraten. Beim Lesen des Briefes überschlug sich seine Stimme mehrere Male, und als er ihn zum Schlusse auf den Tisch legte, zitterte seine Hand.

»Donnerwetter!«

Mit diesem Ausdruck des Erstaunens unterbrach Justizrat Fein zuerst die eingetretene Stille.

Dr.Zeunemann hatte inzwischen den Brief ergriffen, hielt ihn dicht vor die Augen, prüfte sorgfältig die Schrift, den Poststempel und das Papier und fragte: »Wie mag er denn befördert worden sein?«

»Darüber wird uns wohl Fräulein Schwertfeger Auskunft geben können,« sagteDr.Bernburger.

Nach einer neuen Pause wendete sich der Vorsitzende langsam zu Deruga mit der Frage, ob er etwas zu der Mitteilung desDr.Bernburger zu bemerken habe.

Deruga schüttelte stumm den Kopf, ohne aufzublicken.

»Wir möchten gern eine Bestätigung von Ihnen hören,« begannDr.Zeunemann von neuem, »daß die Darstellung desDr.Bernburger zutreffend ist, oder eine Richtigstellung.«

Bevor er jedoch den Satz vollendet hatte, unterbrach ihn der Staatsanwalt, mit seinen langen Armen gestikulierend und auf Deruga deutend. »Sehen Sie denn nicht, Herr Kollege,« sagte er, »daß der Mann krank geworden ist? Lassen Sie ihm doch jetzt Ruhe, das muß ja den stärksten Magen angreifen! Ein Glas Wasser! Schnell!« winkte er dem nächsten Gerichtsdiener, ihn mit drohenden Blicken zur Eile antreibend.

Justizrat Fein hatte inzwischen seinen Arm um Derugas Schulter gelegt und auf ihn eingeredet. Dann wandte er sich gegen den Richtertisch und sagte: »Mein Klient fühlt sich nicht wohl und bittet um die Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen. Er wird morgen alle wünschbaren Erklärungen geben.«

Die beiden verließen zusammen den Saal, und als sie draußen waren, sagte der Justizrat: »Hören Sie, Doktor, ich komme mir zum erstenmal in meinem Leben wie ein gemeiner Kerl vor.«

»Da seien Sie froh,« erwiderte Deruga mit seinem gewinnenden Lächeln. »In Ihrem Alter könnte es leicht das zehnte oder hundertste Mal sein. Übrigens hatten Sie ganz recht, die Menschen sind dumme, schwache Tiere. Warum hätten Sie mir glauben sollen?«

Der Justizrat schüttelte den Kopf. »Ein alter Praktiker wie ich«, sagte er, »müßte unterscheiden können. Aber, daß ich Sie von Anfang an gern leiden mochte, Deruga, das haben Sie hoffentlich bemerkt.«

»Ja, obwohl Sie mich nebenbei für einen Hundsfott hielten,« sagte Deruga.

Der Justizrat musterte ihn mit liebevollen Blicken.

»Sie sehen schlecht aus. Trinken wir eine Flasche Wein zusammen!«

Deruga entschuldigte sich mit starken Kopfschmerzen.

»Ich weiß nicht, was mich so mitgenommen hat,« sagte er. »Ich glaube, es war das Gefühl, wie dieser Herr mir Schritt für Schritt nachgeschlichen ist.«

»Eigentlich,« sagte der Justizrat, sich besinnend, »habe ich der Kanaille unrecht getan. Er hat sich wie ein anständiger Mensch benommen.«

»Schade, nicht?« sagte Deruga, worauf sie sich trennten.

Im Gerichtsgebäude standen die am Prozeß beteiligten Juristen noch zusammen, umDr.Bernburger geschart, den sie nach verschiedenen Einzelheiten ausfragten. Der Staatsanwalt schüttelte ihm zum dritten Male beide Händeund lobte seinen Eifer. Seine dünnen Haare waren zerzaust, und seine hellen Augen blinkten feucht unter den fuchsschwänzigen Augenbrauen.

»Ich gelte für scharf,« sagte er, »und das bin ich auch und will es bleiben. Aber diesem Italiener gegenüber mag man gern einmal Mensch sein. Der ist durch und durch Mensch, ohne gemein zu sein, das gefällt mir an ihm.«

»Sie sind durch und durch Staatsanwalt, ohne gemein zu sein,« sagteDr.Zeunemann. »Das ist vielleicht noch schwerer.«

»Was ist seltener, Schönheit im Kostüm oder Schönheit bei nacktem Leibe?« sagte der Staatsanwalt gedankenvoll. »Nun, ich will jedenfalls das Kostüm nicht ganz abreißen, sondern juristisch-menschlich sein, indem ich alle die vonDr.Bernburger beigebrachten Tatsachen ignoriere und, als wäre nichts geschehen, die Anklage auf Totschlag aufrechterhalte.«

»Vorzüglich, vorzüglich,« sagteDr.Bernburger. »Sonst hätte ich ihm am Ende einen schlechten Dienst geleistet.«

»Auf die Art ginge Feins Plan durch,« sagteDr.Zeunemann. »Etwas willkürlich finde ich es aber bei der Lage der Dinge.«

»Wieso, mein Bester?« rief der Staatsanwalt lebhaft aus. »Wie ist denn die Lage der Dinge eigentlich? Allerdings, wir wissen jetzt, daß die gute Frau Swieter ihre Leiden durch den Tod abzukürzen wünschte, daß sie ihren geschiedenen Mann bat, ihr diesen Dienst zu leisten, und daß Deruga sie daraufhin tötete. Aber wissen wir denn, ob er es wirklich aus Mitleid getan hat? Ob er nicht eigennützige Nebenabsichten hatte? Wissen wir, ob er ihren Tod nicht längst herbeiwünschte? Ob er nicht über den Brief frohlockte, der ihm die gewünschte Handhabe bot? Dergleichen wäre nicht zum ersten Male vorgekommen. Vergegenwärtigen Sie sich nur die Geschwindigkeit, mit der er den heiklen Auftrag übernahm! Das Gift hatte er augenscheinlich schon bereit.«

»Hören Sie auf,« unterbrachDr.Zeunemann lachend. »Wenn das so weiter geht, erheben Sie die Anklage auf Mord.«

»Juristisch wäre es vielleicht richtiger,« meinte der Staatsanwalt nachdenklich, »aber ich habe mir vorgenommen, menschlich zu urteilen, und außerdem liefe ich, glaub' ich, Gefahr, von den Mänaden zerrissen zu werden, wenn ich ihren Liebling angreife.«

»Im anderen Falle werden sie Sie aus Dankbarkeit zerreißen,« sagteDr.Zeunemann. »Ein Opfer der Frauen zu sein, ist nun einmal Ihr Los!«

Nachmittags ließ sich die Baronin bei Deruga melden. Er erhob sich aus dem unbequemen Sofa, auf dem er gelegen und geschlafen hatte, und blinzelte verdrossen gegen das Licht. »Lieber Doktor,« sagte sie, indem sie ihm die Hand entgegenstreckte, »ich komme, mir Ihre Verzeihung zu holen. Dem reuigen Sünder vergibt selbst Gott. Sie werden nicht unerbittlicher sein.«

»Ich maße mir nicht an, mit Gott vergleichbar zu sein,« sagte Deruga, »aber es kommt nichts darauf an, da ich Ihnen nichts zu verzeihen habe. Sie verfolgten ja nicht mich, sondern traten für das vermeintliche Recht ein.«

»Sie weichen einer Versöhnung aus,« sagte die Baronin. »Ich verstehe Sie wohl; aber ich lasse mich nicht so leicht abweisen. Von einem Manne, der so lieben kann wie Sie, erträgtman wohl auch Haß und noch Schlimmeres. Welche Frau gäbe nicht alles hin, was sie hat, um einmal so geliebt zu werden, wie Sie geliebt haben!«

»Wahrhaftig!« rief Deruga, »von Ihnen will das, glaub' ich, etwas sagen.«

»Das klingt boshaft,« sagte die Baronin, »und doch kränkt es mich nicht, weil ich fühle, daß Sie es nicht böse meinen. Es ist wahr, ich wüßte nicht, wie ich ohne Geld und sogar ohne ziemlich viel Geld sollte leben können. Mein Gott, jeder hat seine Gewohnheiten. Aber habsüchtig bin ich nicht, am Gelde an und für sich liegt mir nichts. Und wissen Sie, warum ich so außer mir war, daß die Erbschaft mir entging? Ich war sehr erpicht auf das Geld gewesen, das leugne ich nicht, und Ihnen, nur Ihnen will ich sagen, warum. Ich habe mich in meiner Ehe unbeschreiblich gelangweilt.«

»Ja, die Langeweile ist das größte Problem und die größte Gefahr des Lebens,« sagte Deruga. »Aber Ihr Mann scheint eine liebe, feine Person zu sein.«

»Natürlich,« stimmte die Baronin zu, »man kann sich nichts Angenehmeres denken. Er ist wie reine Luft, man spürt ihn gar nicht, und ich bildete mir auch fast ein, ihn ein wenig zu lieben, als ich ihn heiratete. Aber ich habe mich in seiner Gesellschaft so gelangweilt, daß ich ihm wahrscheinlich untreu geworden wäre, wenn sich das mit meinen Grundsätzen vertragen hätte. Da es sich aber um den einzigen Grundsatz handelt, zu dem ich mich bekenne, habe ich daran festgehalten.«

»Sie hatten doch eine Tochter,« wandte Deruga ein.

»Sie fand es vermutlich bei uns ebenso langweilig wie ich,« sagte die Baronin, »denn seit sie herangewachsen war und mir eine Gesellschafterin hätte sein können, ergriff sie jede Gelegenheit, um von Hause fort zu sein. Inzwischen verkürzte ich mir die Zeit mit einem Zukunftsplane: dem, mich von meinem Manne freizumachen, sobald meine Tochter versorgt, das heißt, verheiratet wäre.«

In Derugas Mienen malte sich aufrichtiges Erstaunen.

»Sie denken wirklich daran, sich jetzt noch scheiden zu lassen?« sagte er.

Ein reizendes Lächeln, das sie jung machte, glitt über das Gesicht der Baronin.

»In meinem Alter, wollen Sie sagen? Solange ich den Wunsch habe, bin ich offenbar jung genug dazu,« entgegnete sie.

»Und dann wollen Sie einen amüsanteren Mann heiraten?« fragte Deruga.

»O, heiraten!« wiederholte sie. »Darauf kommt es mir nicht an, auch nicht auf förmliche Scheidung, nur darauf, frei zu sein und die Atmosphäre der Langenweile zu verlassen.«

Deruga zuckte die Schultern. »Im Grunde herrscht auf der ganzen Erde dasselbe Klima,« sagte er.

»Nein, nein,« rief sie lebhaft, »ich kann mir zum Beispiel nicht denken, wie man sich in Ihrer Gesellschaft je langweilen sollte!« Sie hatte so eine freie Art, die Dinge naiv wie ein Kind herauszusagen, daß selbst Deruga, der sich für einen Kenner der Frauen hielt, nicht unterscheiden konnte, ob die Blüte echt oder künstlich war.

»Das hat auch seine Kehrseite,« antwortete er gutmütig. »Erinnern Sie sich nicht an den Vers, den mir die arme Marmotte in ein Buch schrieb:

'Deruga, du bist ebenSo schön als wunderlich;Man kann nicht ohne dichUnd auch nicht mit dir leben.'«

'Deruga, du bist ebenSo schön als wunderlich;Man kann nicht ohne dichUnd auch nicht mit dir leben.'«

Die Baronin errötete ein wenig, vermochte aber noch mit leidlicher Unbefangenheit zu sagen: »Nun ja, das tägliche Sich-an-einander-Reiben, das die Ehe mit sich bringt, das würde ich freilich wohl nicht wieder auf mich nehmen, und ich halte es auch für verderblich und gemein. Aber nun,« setzte sie hinzu, indem sie aufstand, »geben Sie mir zum Abschied einen Versöhnungshändedruck!«

»Gern, Baronin,« sagte er, indem er ihr die Hand reichte. »Ihre Strafe haben Sie ja ohnehin, indem das Geld Ihnen entgangen ist.«

»Ja, das Geld,« sagte sie wehmütig, »das mir den Käfig öffnen sollte. Wir waren vorhin davon abgekommen: Einzig der Umstand,daß ich kein eigenes Vermögen habe und nicht wußte, wovon ich leben sollte, wenn ich meinen Mann verließe, stand vor der Erfüllung meines Wunsches. Das Erbe meiner armen, kranken Kusine sollte mir das neue Leben geben! Nun aber genug von mir! Erlauben Sie mir, Ihnen dies Zimmer, für die Zeit, wo Sie es noch bewohnen werden, ein wenig zu erheitern? Mit Blumen?«

»Wenn es Ihnen Freude macht,« sagte er.

Während sie zögernd auf der Schwelle stand, ruhten ihre Augen auf seiner wohlgeformten braunen Hand, die sie immer noch hielt, und dann ging sie mit einem Lächeln.

Ihr war zumute, wie sie die etwas abgelegene, düstere Straße entlang ging, als habe sie sich noch nie, in ihrem ganzen Leben nie, in einer solchen das ganze Leben durchglühenden Aufregung befunden. Es war eine prickelnde, zugleich ängstigende und wohltuende Empfindung, in der sich, so schien es ihr, alle ihre Kräfte steigerten und veredelten. Freilich, noch ein wenig mehr, so könnte es unbehaglich werden, ja, schonjetzt lief ein leises Angstgefühl mit unter, das jedoch die Wonne des allgemeinen Aufruhrs noch übertönte.

Die Baronin beschloß, einen Spaziergang zu machen. Es war noch nicht spät, die Lichter auf den Straßen und in den Schaufenstern wurden allmählich entzündet und loderten wie feuergelbe Tupfen in das Durcheinander der dämmerblassen Farben. Langsam und lächelnd ging sie ziellos weiter. Wie reizend war es, sich so jung zu fühlen und wie ein verliebtes Mädchen verbotene Wege zu gehen! Ja, es war fast, als ginge sie zu einem Stelldichein. Als sie an einem Blumengeschäft vorbeikam, das das Aussehen eines pompösen Urwaldes hatte, fiel es ihr ein, etwas für Derugas Zimmer auszusuchen. Sie wählte lange und fragte kaum nach den Preisen, die sie sonst, besonders wenn es sich um Geschenke handelte, durchaus nicht unberücksichtigt ließ. Zufällig erblickte sie in einem Spiegel ihre Gestalt: schlank, tadellos, voll natürlicher Eleganz. Ein frohes Gefühl von Glück und Stolz durchzuckte sie. War sie auchkeine frische, im Morgentau glitzernde Blume, so ersetzte den fehlenden Schmelz und das Farbenprangen die sichtbar gewordene Form und ein Parfüm, das erst die Dämmerung entwickelt. Sie fühlte, daß sie noch anziehen, noch bezaubern konnte; und hätte sie selbst nicht lieben können sollen? Sie hatte ja noch nie geliebt.

Sie kämpfte mit sich, ob sie am folgenden Morgen zur Sitzung gehen sollte, denn es war ihr, als könne es Deruga mißfallen, und als liege überhaupt etwas Geschmackloses und Gefühlswidriges darin, wenn sie sich jetzt auf dem Platze zeigte, den sie früher aus Neugier und dem ungeduldigen Wunsche eingenommen hatte, ihre Sache triumphieren zu sehen. Doch war es ihr unmöglich, dem Drange zu widerstehen, der sie in Derugas Nähe trieb, sei es auch nur, um sich Gewißheit über sein Befinden zu verschaffen.

»Hat man unrecht gehabt,« sagte sie beim Frühstück zu ihrem Mann und ihrer Tochter, »so muß man es dadurch wieder gutmachen, daß man es eingesteht. Ich möchte nicht nachParis reisen, ehe ich weiß, was aus Deruga wird, und was wir etwa für ihn tun können.«

Der Baron war derselben Meinung, und Mingo errötete vor Freude.

»Liebe Mama,« sagte sie, »ich bin froh, daß du doch ein guter Mensch bist.«

»Aber Mingo,« sagte die Baronin verweisend, indem sie sich doch nicht enthalten konnte, zu lachen.

»Darf ich mitgehen, Mama?« bat sie, die aufgesprungen war und ihre Mutter umarmt hatte. »Du weißt, wie ich darunter gelitten habe, nun möchte ich auch dabei sein, nachdem es sich so schön gewendet hat. Er wird doch sicher freigesprochen?«

»Daran ist wohl nicht zu zweifeln,« sagte der Baron, indes die Baronin sich von Mingos Umarmung freimachte und ein peinliches Gefühl von Eifersucht, das plötzlich in ihr aufstieg, zu unterdrücken suchte. Ihr Blick glitt schnell prüfend über Mingo hin, deren Dasein sie plötzlich als Einengung und Hemmung empfand. Aber sie wollte ja studieren, sagte sie sich, unddas war ja ein gutes, richtiges Gefühl von ihr, daß sie noch an sich arbeiten und sich entwickeln wollte. Die Berührung der frischen Lippen war doch unsäglich lieblich. Die Baronin legte ihre Hand liebkosend unter das noch kinderrunde Gesicht ihrer Tochter und sagte:

»Ich werde Deruga gelegentlich erzählen, daß du von Anfang an sein tapferer, kleiner Ritter gewesen bist.«

Mingo leuchtete vor Stolz. »Und ich stecke mein Schwert nicht ein, bis er frei ist,« sagte sie.

Die Ungeduld des auf die Aussage Derugas gespannten Publikums wurde nicht sofort befriedigt, da als erste Zeugin Fräulein Gundel Schwertfeger vernommen wurde. Der Vorsitzende legte ihr den Brief der verstorbenen Frau Swieter an Deruga vor und fragte sie, ob er ihr bekannt sei.

»Ja,« sagte Fräulein Schwertfeger, kaum einen flüchtigen Blick darauf werfend, »es ist derselbe, den ich einige Tage vor Mingos Tode zur Post gegeben habe.«

Dr.Zeunemann räusperte sich ein wenig und sah vor sich auf den Tisch. »Sie haben uns das im Beginn des Prozesses verschwiegen,« sagte er.

»Nein, ich habe gelogen,« sagte Fräulein Schwertfeger mit trotziger Tapferkeit, während ihre großen, grauen Augen sich verdunkelten. »Es war das erstemal in meinem Leben, undich mußte es tun, weil ich sonst meiner verstorbenen Freundin das Wort gebrochen hätte. Dazu konnte ich mich nicht entschließen, gerade weil sie tot ist.«

»Wollen Sie uns jetzt vielleicht,« sagteDr.Zeunemann sanft, »kurz erzählen, was sich wegen des Briefes zwischen Ihnen begab?«

»Meine Freundin fragte mich, ob ich ihr etwas zuliebe tun wolle. Ich sagte, ich würde alles tun, was in meinen Kräften stände, die leider gering wären. Sie küßte mich und sagte, es wäre nicht viel an sich, aber für mich bedeutete es vielleicht viel: ich sollte nämlich einen Brief an Deruga besorgen, ohne daß es jetzt oder später jemand erführe. Ich versprach zu tun, was sie wünschte, und fragte, ob sie mir sagen könnte, was sie ihm schriebe, und warum es niemand erfahren dürfte. Sie sagte, sie habe das Bedürfnis, ihm für den Fall, daß sie nicht lange mehr leben sollte, Lebewohl zu sagen, und daß sie das heimlich halten wolle, entspringe nur der vielleicht törichten Furcht, man würde sie nicht verstehen und lächerlich finden.«

»Haben Sie sich damals,« fragte der Vorsitzende, »gar keine Gedanken gemacht, ob es sich wirklich so verhalte?«

»Damals dachte ich,« sagte Fräulein Schwertfeger, »sie habe ihm vielleicht geschrieben, sie wünsche ihn noch einmal zu sehen, bevor sie stürbe, und habe sich gescheut, mir das zu sagen. Als dann die Anklage gegen Deruga erhoben wurde, sah ich ein, wie gefährlich der Brief für ihn werden könne, sei es, daß sie ihn gebeten hatte zu kommen, oder daß sie ihn von dem Inhalt des Testamentes in Kenntnis gesetzt hatte; und ich nahm mir vor, lieber zu lügen, als ihn ins Unglück zu bringen, da ich wußte, welchen Schmerz das meiner Freundin bereitet hätte.«

»Steht vielleicht damit im Zusammenhang,« sagteDr.Zeunemann, »daß Sie das Vermächtnis Ihrer Freundin ausschlugen und später sogar die Ihnen vermachten Wertsachen verschenkten?«

Fräulein Schwertfeger wurde dunkelrot.

»Es schien mir allerdings nun so auszusehen,«sagte sie, »als wolle meine Freundin mich für mein Stillschweigen belohnen. Später vollends, als der Verdacht gegen Deruga aufkam, den ich teilte, wäre ich mir selbst vorgekommen wie eine Bestochene und wie eine Helfershelferin bei der abscheulichen Tat, wenn ich das Geringste von den Kostbarkeiten meiner Freundin behalten hätte.«

»Es ist Ihnen also niemals,« fragte der Vorsitzende, »die Möglichkeit des Zusammenhangs aufgetaucht, so wie sie sich jetzt dargestellt hat? Ihre Freundin hat Ihnen doch selbst einmal gesagt, wie Sie gelegentlich erwähnten, daß sie demjenigen dankbar sein würde, der ihrem Leiden ein Ende bereitete, indem er sie tötete?«

»Ich hielt das nur für eine augenblickliche Regung,« sagte Fräulein Schwertfeger. »Jetzt erst habe ich eingesehen, wie sehr sich meine Freundin im allgemeinen beherrschte, wenn ich bei ihr war. Dazu kommt, daß ich Deruga nichts Gutes, aber wohl Schlechtes zutraute. Ich habe ihm sehr unrecht getan.«

»Aber das bedachten Sie nie,« sagteDr.Zeunemann mit mildem Vorwurf, »daß derGerechtigkeit dadurch Abbruch geschähe, wenn Deruga seine geschiedene Frau gemordet hätte und unbestraft bliebe?«

»Ich dachte,« sagte Fräulein Schwertfeger trotzig, »ich wollte tun, was mein Gewissen mich hieße, und das übrige Gott überlassen.«

»Als Mensch,« sagteDr.Zeunemann nach einer Pause, »kann ich Ihre Handlungsweise nicht tadeln, obwohl sie nicht als Muster für andere Fälle gelten dürfte.«

Nachdem Fräulein Schwertfeger entlassen war, kam Derugas Vernehmung. Um von den Geschworenen besser verstanden zu werden, wurde er aufgefordert, die Anklagebank zu verlassen und sich auf den für die Zeugen bestimmten Platz zu begeben.

Er sah blaß, gleichgültig, verdrossen und verschlossen aus, fast als habe er es auf eine abstoßende Wirkung abgesehen und empfinde Genugtuung darüber.

»Sie haben zugestanden,« begann der Vorsitzende ernst, »Ihre geschiedene Gattin getötet zu haben, was Sie bis jetzt leugneten. Siereisten zu diesem Zwecke und mit dahinzielender Absicht von Prag ab?«

»Ich weiß nicht,« sagte Deruga unmutig, »warum Sie mich noch einmal mit Fragen behelligen. Sie wissen, daß meine Frau sich sehnte, von unerträglichen Leiden befreit zu werden, und daß sie sich an mich wendete, weil sie das Zutrauen zu mir hatte. Ich fühlte menschlich genug, um ihre Bitte zu erhören. Die Ärzte im allgemeinen haben den Mut zu einer so vernünftigen Tat nicht. Ich reiste sofort hin und tat es. Das sollte genügen.«

»Es kommt uns nicht nur darauf an, die Tat zu wissen,« sagteDr.Zeunemann, »sondern auch die Absichten kennenzulernen, die den Täter leiteten.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fuhr Deruga heftig auf. »Was für Absichten könnte ich gehabt haben, außer der armen Person zu helfen? Daß ich von der Erbschaft nichts wußte, geht aus ihrem Briefe hervor.«

»Aus dem Brief geht allerdings hervor,« sagte der Vorsitzende mit gelassener Würde,»daß Sie mit Ihrer geschiedenen Frau seit Ihrer Scheidung in keiner Verbindung standen, daß Sie also damals von der Erbschaft nichts wußten.«

»Damals!« rief Deruga. »Wollen Sie damit sagen, daß ich hingereist wäre, um meiner Frau anzubieten, ich wolle ihr den Gefallen tun, wenn sie mir soundso viel Geld dafür gäbe? Und um den Preis ihres Vermögens hätte ich mich kaufen lassen? Ich weiß nicht, nach was für einem Maßstab Sie die Menschen beurteilen. Ekelhafte Welt, wo Menschen richten, die nur gemeine Triebe zu kennen scheinen!«

»Ich muß Sie bitten,« sagte der Vorsitzende, »Ihre Ausdrücke zu mäßigen. Die gefallenen Worte lasse ich deshalb hingehen, weil ich eine krankhafte Erregung bei Ihnen voraussetze. Nachdem ich Sie aber gewarnt habe, würde ich mich im Wiederholungsfalle zu ernsten Maßregeln gezwungen sehen.«

Inzwischen war Justizrat Fein aufgestanden und bat, ein paar Worte mit seinem Klienten reden zu dürfen.

»Aber, liebster Doktor,« sagte er halblaut, indem er ihn am Rock faßte, »was für Geschichten machen Sie? Es hängt jetzt alles davon ab, daß Sie einen guten Eindruck machen. Nachher ist alles vorüber. Nehmen Sie sich doch zusammen, tun Sie es mir zuliebe! Bilden Sie sich ein, Sie erzählten die ganze Begebenheit mir! Der arme Teufel tut am Ende nur seine Pflicht, wenn er alle Möglichkeiten ins Auge faßt. Sie könnten ja auch ein Schweinehund sein, wie es viele gibt.«

»Ich weiß nicht, warum sich mein Blut empört,« entgegnete Deruga, »wenn ich diesen Areopag von Stallhammeln sehe, die über hungrige Wölfe zu Gericht sitzen. Wäre ich doch ein Raubmörder oder Brandstifter! Hier schäme ich mich, ein anständiger Mensch zu sein.«

»Das sind Sie ja gar nicht,« sagte der Justizrat beruhigend, »das heißt, nicht in dem Sinne, wie Sie es eben meinten. Und haben Sie denn gar kein Gefühl für das wackere alte Jüngferchen auf der Zeugenbank? Erzählen Sie der die Geschichte! Denken Sie, wie froh siesein wird, wenn sie Sie für keinen Bösewicht mehr zu halten braucht.«

»Dumme, eigensinnige Gans,« brummte Deruga, aber sein Blick war freundlicher geworden, und er erklärte sich bereit, die Fragen, die man an ihn richten würde, zu beantworten.

»Als Sie den Brief Ihrer geschiedenen Frau erhielten,« begannDr.Zeunemann von neuem, »faßten Sie da sofort den Beschluß, ihren Wunsch zu erfüllen?«

»Als ich ihre Handschrift sah,« sagte Deruga in ruhig erzählendem Tone, »die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, und die ganz unverändert war, so daß ich sie sofort erkannte, da erfaßte mich sofort das Gefühl von Unruhe, Wut und Haß, das mich immer überkommen hatte, wenn ich zufällig einmal an sie erinnert wurde, was aber in den letzten Jahren nur sehr selten geschehen war. Was kann sie von mir wollen? dachte ich. Will sie mir sagen, es tue ihr leid, daß sie mein Leben zerstört habe? Bildet sie sich ein, es bestehe noch irgendein Band zwischen uns? Bildet sie sich ein, ich könneje vergessen, was ich durch sie gelitten habe? So ungefähr. Als ich den Brief gelesen hatte, war das alles verschwunden, und ich empfand nur Mitleid und Liebe. Ich empfand, was ich noch nie zuvor empfunden hatte: reine, große, ungetrübte Liebe für das leidende Geschöpf, das ich soviel gequält hatte, eine Liebe, die nur in dem Wunsche bestand, sie zu trösten und ihr zu helfen. Ich erinnerte mich an ihre Angst vor Schmerzen, und wie oft sie mich gefragt hatte, ob ich sie lieb genug haben würde, sie zu töten, wenn sie einmal von einer sehr schmerzhaften Krankheit befallen werden sollte, wie dankbar sie mir war, wenn ich es versprach, und wie dann ihre Sicherheit und Überlegenheit verschwand und sie wie ein Kind sich an mich schmiegte. Es war alles ausgelöscht, was mich einst an Eifersucht, Empfindlichkeit und Rachsucht gegen sie verbittert hatte, vor dem einen Gefühl, daß sie mich nicht vergeblich angerufen haben sollte, und daß ich sie von ihren Leiden befreien wollte, wenn ich sie nicht etwa heilen könnte.«

Die Pause, die Deruga machte, benützte der Staatsanwalt, um durch weitausholende Gestikulationen und im Flüsterton gezischte Anweisungen einen Diener zu beauftragen, daß er dem Angeklagten, der angegriffen zu sein scheine, einen Sessel brächte.

Nachdem er sich bedankt hatte, fuhr Deruga fort:

»Meine Regung war, sofort abzureisen, aber ich überlegte mir, was für höchst bedenkliche Folgen die Tat für mich haben könnte, und ich beschloß, dieselben, wenn möglich, abzuwenden. Die Art und Weise betreffend, wie ich Mingo töten wollte, beschloß ich, es durch Curare zu tun, wovon ich zufällig eine genügende Dosis besaß. Chloroform, das in gewisser Beziehung vorzuziehen gewesen wäre, schloß ich deshalb aus, weil der Geruch es sofort verraten hätte. Allerdings hätte man gerade dabei am ersten auf Selbstmord geschlossen, außer wenn sich feststellen ließ, daß kein Chloroform im Hause gewesen war; sicherer erschien es mir, auf alle Fälle ein Gift zu wählen, das im Augenblickkeine Spur hinterließ, damit der Verdacht eines gewaltsamen Endes überhaupt nicht aufkam.

Da meine Frau nicht geschrieben hatte, wie ich zu ihr gelangen könnte, dachte ich, zuerst deswegen bei ihr anzufragen, unterließ es jedoch, weil ich mir sagte, der Brief würde vielleicht einer Dienerin oder Pflegerin in die Hände fallen, die voraussichtlich nicht in das Geheimnis gezogen werden durfte. Nachdem ich vielerlei geplant und verworfen hatte, entschloß ich mich, als Vagabund oder Hausierer verkleidet in ihrer Wohnung vorzusprechen und die Gelegenheit auszukundschaften; ich traute mir zu, daß ich auf diese Art irgendeinen Weg ausfindig machen würde, und rechnete auf die glücklichen Einfälle, die dem Unternehmenden gewöhnlich zu Hilfe kommen. Darauf brachte mich auch der Umstand, daß ich vor Jahren einmal auf einem Maskenballe als Mausefallenverkäufer aufgetreten und nicht nur von niemandem erkannt, sondern von verschiedenen sogar für einen echten, zum Spaß eingeschmuggelten Slowaken gehalten worden war. Ich wickelteden Anzug, den ich aufgehoben hatte, in ein Papier ein und nahm ihn als einziges Gepäck mit, um mich entweder in der Eisenbahn oder im Bahnhof umzukleiden.

Unterwegs überlegte ich mir, daß der Kleiderwechsel im Zuge bemerkt werden und Verdacht erregen könnte, wodurch ich vielleicht aufgehalten würde, und im Bahnhof fand ich keine Gelegenheit. Da es noch sehr früh, etwa halb sechs Uhr war, nahm ich an, daß ich in den Bahnhofsanlagen vollkommen unbeobachtet sein würde. In der Tat war es rings öde und still, und als ich die halbrunde, steinerne Bank sah, die uns HerrDr.Bernburger beschrieben hat, schien mir das der geeignete Ort zu sein, wo ich mich umkleiden und meinen bürgerlichen Anzug, den ich ja zur Heimreise brauchte, verbergen könnte. Nachdem ich den Vagabundenkittel angezogen hatte, wickelte ich den anderen Anzug ein und verbarg ihn unter der Bank. Zum Überfluß häufte ich noch welkes Laub darüber, das überall verstreut war.

Zunächst ging ich in ein kleines Café in der äußeren Stadt und frühstückte, weniger um michzu erfrischen, als um den Eindruck zu prüfen, den ich machte, und ich stellte fest, daß ich durchaus für das genommen wurde, was ich vorstellen wollte. Bis zum Mittag trieb ich mich herum, dann begab ich mich in die Gartenstraße. Ich war durchaus nicht aufgeregt, außer daß ich mich sehnte, die Marmotte wiederzusehen. An den Zweck, der mich hergeführt hatte, dachte ich kaum noch, nur daran, wieviel wir uns zu erzählen haben würden.

Als Ursula mir die Tür öffnete, wurde es mir schwer, mich nicht zu verraten, denn ich freute mich, sie wiederzusehen; ich hätte sie gern begrüßt und gefragt, ob sie mich denn nicht erkennte. Als Mingo läutete und Ursula im Weglaufen die Tür zuschlug, steckte ich rasch einen der hölzernen Löffel, die ich als Verkaufsgegenstände bei mir hatte, dazwischen. Es war eine Eingebung des Augenblicks, der ich vielleicht nicht gefolgt wäre, wenn ich Zeit zur Überlegung gehabt hätte, denn das Wagnis konnte leicht mißglücken. Immerhin traute ich mir zu, mich mit Ursula, wenn sie mir auf die Spurkäme, auf irgendeine Weise zu verständigen. Ich stellte den Teller Suppe, den Ursula mir gebracht hatte, auf die Treppe und ging aufs Geratewohl in die nächste Zimmertür; sie führte in das Fremdenzimmer, das unbenutzt war. Von dort aus hörte ich, wie Ursula wiederkam, die Wohnungstür öffnete und brummte, als sie draußen den vollen Teller fand. Nachdem sie in der Küche verschwunden war, ging ich vorsichtig weiter und erblickte durch die offenstehende Tür des Nebenzimmers Mingos Bett. Ich sagte leise: 'Marmotte, da ist Dodo!' und sie antwortete ebenso: 'Dodo! Warte, bis Ursula fort ist.'

Während ich allein in dem Fremdenzimmer saß und wartete, habe ich die Seligkeit des Himmels genossen. Mehrere Stunden lang fühlte ich die mit nichts auf Erden vergleichbare Wonne, die vielleicht gemarterte Heilige empfunden haben, wenn der Schmerz aufhörte und Engel mit der Krone des ewigen Lebens sich aus den Wolken auf sie niederließen. Mein Herz war ganz und gar voll von der göttlichenLiebe, die nichts will als das Glück des Geliebten. Ich hatte sie nun wiedergesehen, die Frau, deren bloßer Name früher einen Ausbruch von Leidenschaften, Liebe, Haß, Rachsucht in mir entfesselt hatte. Was ist noch an uns von dem Kinde, das wir vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren einmal waren? Unser ganzer Körper hat sich seitdem erneuert, wir haben vielleicht keinen Gedanken und keine Empfindung mehr von denen, die wir damals hatten, und doch, daß wir es sind, ist das Sicherste, was wir wissen. Ach, von der Marmotte, die ich einmal mein genannt hatte, war nichts mehr da, und doch hatte ich in dem einzigen Augenblick in ihrem von den Jahren und der Krankheit zerstörten Gesicht dasselbe Gesicht gesehen, das ihr als Kind schon eigen gewesen sein mochte: aus Unschuld, Liebe und Güte zusammengezaubert. Es war nur als eine geistige Erscheinung da, und ich weiß nicht, mit was für Augen ich es gesehen habe. Das Körperliche war das einer alternden, todkranken Frau, einer Pflanze ähnlich, die, vom Nachtfrost überrascht, mumienhaft imSonnenschein steht. Es war nichts mehr an meiner armen Marmotte, was die Leidenschaft irgendeines Mannes hätte erregen können, aber sie war mir so teuer, so kostbar und heilig, daß ich nicht gezögert hätte, mein Leben hinzugeben, wenn ich ihr Glück damit hätte erkaufen können. Armes, ohnmächtiges Geschöpf, dachte ich, du sollst nicht mehr leiden! Was es mich auch kosten mag, wie hart die Folgen für mich sein mögen, ich will dir Frieden bringen. Und wenn alle deine Qualen auf mich übergingen, so wollte ich sie annehmen und mich freuen, daß du statt dessen ruhen könntest.

Vorher hatte ich gedacht, ich müsse mir erst Gewißheit über den Charakter und Grad ihrer Krankheit verschaffen, aber ihr Anblick zeigte mir überflüssig, wie fortgeschritten sie war. Sowie ich Ursula die Tür hinter sich schließen und die Treppe hinuntergehen hörte, erhob ich mich, und gleichzeitig rief mich auch die Marmotte. Ich setzte mich auf den Rand ihres Bettes und sagte, wie ich mich gefreut hätte, daß Ursula noch bei ihr wäre, und wie ich kaum hätte unterlassen können, sie auszulachen, weil sie mich nicht erkannt hätte. 'Ich hätte dich gleich erkannt,' sagte sie, und dann schwatzten wir von der Vergangenheit und tauschten kleine Erinnerungen aus. Auch von ihrer Krankheit, ihren Operationen, und wie sie behandelt wurde, erzählte sie mir auf mein Befragen. Ihre Stimme war unverändert, nur fast süßer als früher. Sie klang so, wie man wohl des Abends im Gebirge ein entferntes Alphorn hört, in dem die rosigen, grünen und grauen Farben des dämmernden Horizontes mitzutönen scheinen. Während wir sprachen, hielt sie eine meiner Hände fest zwischen den ihren, und einmal küßte sie sie und sagte: 'Du liebe, gute, schöne Hand, ich habe oft an dich gedacht, und daß du mich erlösen würdest!'

Es mochte eine halbe Stunde vergangen sein, da sah ich in ihrem Gesicht, daß ein Anfall von Schmerzen im Anzuge war, Und ich dachte, nun sei der Augenblick gekommen. Ich hätte etwas mitgebracht, um ihr die Schmerzen zu vertreiben, sagte ich, und wolle es jetzt inder Küche zurechtmachen, damit wir ungestört weiterplaudern könnten. 'Wird es weh tun?' fragte sie, indem sie mich ängstlich ansah, und ihre Mundwinkel zitterten. Arme, kleine, furchtsame Marmotte! Trotzdem sie den Tod herbeiwünschte, fürchtete sie sich vor ihm. Ich lachte und sagte: 'Was denkst du, so schnell geht es nicht. Erst will ich dich ein wenig beobachten, denn vielleicht kannst du durch verständige Behandlung noch einmal gesund gemacht werden.' Mit den Worten ging ich in die Küche, suchte mir ein Glas und mischte das Gift so mit Limonade und Zucker, daß man seine Bitterkeit nicht schmeckte. Als ich zurückkam, hatte sie starke Schmerzen, und während ich sie aufrichtete, um sie trinken zu lassen, erzählte sie mir, daß sie in der letzten Nacht von unserm Mingo geträumt hatte. 'Wie sehne ich mich danach, sie wiederzusehen,' sagte sie, 'und später, wenn du auch kommst, stehen wir Hand in Hand und warten auf dich.' Ich nickte, stützte sie mit meinem Arm und setzte das Glas an die Lippen. Sie sah mich dankbar an und trank begierig.

Ich wartete, bis sie gestorben war, dann legte ich sie nieder, küßte sie auf die Stirn und sagte: 'Adieu, liebe, süße Marmotte.' Dann stellte ich in den beiden Zimmern alles so, wie es vorher gewesen war, ging in die Küche, reinigte das Glas, vertilgte überhaupt jede Spur meiner Anwesenheit und ging fort. Im Hause begegnete mir niemand, aber auf dem gepflasterten Wege, der zum Gartentor führte, sah ich den Hausmeister stehen. Bis dahin war ich vollkommen ruhig gewesen oder hatte geglaubt, es zu sein. Aber als ich den Hausmeister sah, kam es mir vor, als müsse ich ihm auffallen und müsse irgend etwas tun, um unbefangen zu erscheinen. Unwillkürlich faßte ich in die Tasche und zog eine Zigarette heraus, stellte mich vor ihn hin und sagte: 'Haben Sie Feuer, Euer Gnaden?' Als ich einen Zug getan hatte, ekelte es mich, und ich warf die Zigarette ins Gebüsch, ohne in dem Augenblick daran zu denken, daß das auffallen könnte.

Der nächste Zug nach Prag ging in der Frühe, und es war erst halb sechs Uhr nachmittags.Ich schlenderte wieder in die äußeren Stadtteile und setzte mich dort in ein Café. Als es Nacht wurde, begab ich mich in die Bahnhofsanlagen. Es schien mir noch zu früh zu sein, um mich umzukleiden. Da ich jedoch nicht mehr gehen mochte, setzte ich mich auf die steinerne Bank, unter der ich meinen Anzug verborgen hatte, um die Dunkelheit zu erwarten. Die himmlischen Gefühle, die mich bei Marmotte gehoben hatten, waren verschwunden, ich war schrecklich ernüchtert, und mich fror. Ich hatte den ganzen Tag nichts zu mir genommen als etwas schwarzen Kaffee, und ich war so schwach und abgespannt, daß ich kaum wußte, wozu ich eigentlich dasaß. Ich kam mir abgeschmackt und lächerlich vor.

Gegen Mitternacht erhob sich ein starker Wind, der mich bis in die Knochen schaudern machte und die trübe Erstarrung, in die ich versunken war, durchbrach. Da weit und breit Totenstille herrschte, stand ich auf, zog das Paket unter den welken Blättern hervor, mit denen ich es bedeckt hatte, und kleidete michum. Den Arbeitskittel wollte ich nicht mitnehmen und dachte erst daran, ihn wieder unter die Bank zu legen. Da fiel mir plötzlich ein, daß ich ihn, um ihn aus der Welt zu schaffen, noch besser in den Kanal werfen könnte.

Ich stand schon auf der Brücke, als ich an mein Geld dachte, das noch in dem Kittel war. Auf dem Wege zum Bahnhof malte ich mir aus, wie verhängnisvoll es für mich hätte werden können, wenn ich ohne Geld geblieben wäre, und dabei fiel mir endlich ein, daß ich auch Mingos Brief bei mir gehabt hatte für den Fall, daß ich ihre Wohnung vergäße. Es tat mir leid, den Brief verloren zu haben, aber ich war zu müde und zu gleichgültig, um umzukehren und einen Versuch zu machen, ob ich das Paket noch aus dem Wasser fischen könnte, was ohnehin unwahrscheinlich war. Auch graute mir, obwohl ich solchen Stimmungen sonst nicht unterworfen bin, vor der verlassenen Stelle, und es war mir zumute, als würde ich mich selbst auf der weißen Bank vor dem schwarzen Wasser sitzen sehen, wenn ich zurückkehrte. Im Eisenbahnwagenschlief ich sofort ein und schlief fest, bis ich zu Hause ankam. Ich hatte den Eindruck, daß niemand mich kommen sah und niemandem meine Abwesenheit aufgefallen war.«

»Warum haben Sie den Sachverhalt nicht sofort der Wahrheit gemäß dargestellt?« fragte der Vorsitzende, der während der langen Erzählung mit seinem Bleistift gespielt hatte und in den Anblick desselben versunken schien. »Das hätte Ihnen von vornherein eine andere Stellung gesichert.«

»Ja, wenn man mir geglaubt hätte!« sagte Deruga. »Den einzigen Beweis, den ich beibringen konnte, den Brief meiner Frau, hatte ich verloren, und ich dachte nicht an die Möglichkeit, ihn wiederzufinden. Freilich war ich überzeugt, selbst wenn sich der Kittel herbeischaffen ließe, würde das Wasser den Brief zerstört haben.«

»Sonderbare Geschichte das!« sagteDr.Zeunemann nach der Sitzung zu den übrigen Herren. »Ich gestehe, der Mensch hat mich beinahe gerührt. Ein derartiges gegenseitiges Wohlwollen findet man selten bei Eheleuten.«

»Die waren ja auch geschieden,« sagte der Staatsanwalt listig.

Alle Herren lachten. »Übrigens,« sagteDr.Zeunemann, »für ein bißchen nervös und empfindsam halte ich unseren Italiener doch. Ich hatte nicht unrecht, wenn ich ihn mit einem Chamäleon verglich.«

Das wurde zugegeben. Aber es sei schließlich kein Verbrechen, ein Chamäleon zu sein. Viele fänden es sogar reizvoll.

»Ein Spielzeug für Damen,« sagte der Staatsanwalt vergnügt, »und um der Damen willen muß er freigesprochen werden. Ich hoffe, unsere Geschworenen vergessen nicht, daß es die Damen sind, die im öffentlichen wie im privaten Leben den Ausschlag geben.«

»Besonders vergessen Sie hoffentlich nicht,« sagteDr.Zeunemann, »daß es Frauen gibt, die weder im öffentlichen noch im privaten Leben hervortreten und doch tapferer sind als unser starkes Geschlecht.«

Man wollte allerseits an dem Vorsitzenden eine Vorliebe für Fräulein Gundel Schwertfeger bemerkt haben und neckte ihn damit.

Ja, er sähe auf den Kern, rechtfertigte sichDr.Zeunemann, lasse sich nicht durch Schein und Schimmer verblenden wie der ewig junge Staatsanwalt.

»Sie hat gelogen wie eine Heilige,« sagte dieser, »und mir ist es recht, wenn das Gericht ihr eine Aureole statt der Strafe zuerkennt, denn das Martyrium hat sie schon hinter sich. Hernach werde ich aber mit verdoppelter Kraft den Buchstaben des Gesetzes schwingen.«


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