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Der Befehl des Platzkommandos Wien, der sich auf die Ausrückung zum Trauerkondukt für den dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, Obersten im k. u. k. Generalstab bezog, war bereits verlautbart, in der Rossauerkaserne übte die Musikkapelle ihre Trauermärsche ein, im Hof exerzierten drei Bataillone die Generaldecharge ein, und die Truppen und Anstalten bestellten Trauerkränze, als am Mittwoch früh der Platzkommandant eine Zirkulardepesche absandte: „Das Leichenbegängnis des dahingeschiedenen Herrn Alfred Redl, ehemaligen Obersten, findet in aller Stille statt. Hiermit sind die mit gestrigem Platzkommandobefehl ausgegebenen Weisungen außer Kraft gesetzt. Bürkl, Oberst, m. p.“
Die Leiche wurde obduziert und dann im Wagen auf den Zentralfriedhof geschafft. Kein Offizier hat sie begleitet. Die Begräbniskosten, die des Toten Bruder (der inzwischen seinen Namen geändert hatte), später der Verlassenschaft liquidierte, betrugen 467 Kronen, samt Sarg, Transportkosten und Grab. Auf dem Zentralfriedhof von Wien, im Grab Nr. 38, Reihe 29, Gruppe 79, liegt Alfred Redl begraben.
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Die Schriftstücke, Bücher und photographischen Platten, die mit dem Verrate Redlsin Zusammenhang stehen konnten, wurden in einen großen Koffer gepackt, den der Chef des Evidenzbureaus nach Wien mitnahm. Die weiteren Untersuchungen in Prag wurden den Auditoren Dr. Leopold v. Mayersbach und Dr. Vladimir Dokoupil übertragen, zum Gerichtskommissär hatte das Kleinseitner Bezirksgericht den Notar Dr. Uhlir ernannt, der die Inventur vornehmen ließ. Es fand sich eine Barschaft von 15184 K 47 h, Wertpapiere in der Höhe von 5966 K 38 h, Einlagsbücher auf den Betrag von 2685 K 90 h, Pretiosen im Schätzwerte von 2618 K und Möbel im Schätzwerte von 3584 K vor, außerdem eine ungeheure Menge von gestickten Wäschestücken (darunter 195 Oberhemden), Garderobe mit zehn Uniformmänteln auf Seide und Pelz, sowie Gummi- und Reitmäntel, Zivilwinterröcke und Ulster, 25 Paar Pejachevich-Hosen, 400 Paar Glacéhandschuhe, 8 Offizierssäbel, 10 Paar Lackschuhe u. dergl. vor. Bloß eine Schußwaffe wurde versteigert: der Browning, mit dem sich Redl getötet hatte, und der natürlich als sein Eigentum agnosziert wurde. Die Bibliothek bestand aus 125 Bänden militärwissenschaftlichen Inhalts. Die Sattelkammer, wo sich Schabracken, Brustriemen und Kopfgestelle aus Lackleder, silberne Sporen und Steigbügel in Menge vorfanden, sowie das photographische Laboratorium mit Zeißapparaten,Tessar-Objektiven, Rollfilm-Kassetten, Kopierrahmen, Reflektoren, elektrischen Entwicklungslampen und Stativen, waren die reichstdotierten Teile der Wohnung. Obwohl diese von eigens berufenen Tapezierern einer Wiener Firma eingerichtet war, war sie äußerst geschmacklos. Ebensowenig zeugten die Nippes von besonderem Geschmack ihres Besitzers: eine alabasterne Frauenfigur im Hermelin z. B. ließ, wenn man auf einen versteckten Knopf drückte, ihren Pelz fallen und stand nackt da! Im ganzen wurde die Wohnungseinrichtung gerichtlich auf 33167 K 75 h geschätzt, wozu sich noch ein Vollblutschimmel, 2 Halbblut-Reitpferde, die beiden Autos (über die bei der Auktion Witze gemacht wurden: sie hätten keinen Führer-Sitz, sondern einen Redlsführer-Sitz; und diese Autos könnten ohne Chauffeur nach Warschau fahren u. dgl.) und der Grundbesitz Redls in Neustift-Innermanzing als weitere Aktivposten gesellten.
Diesem Vermögen standen große Forderungen gegenüber, die Uniformierungsanstalt Szallay in Wien hatte 9038 K, der Pferdefond des k. u. k. Generalstabs 3200 K zu bekommen, die Bücher waren der Verlagsbuchhandlung L. W. Seidel in Wien nicht bezahlt worden, der Bruder Redls meldete für geleistete Darlehen eine Forderung von 4400 K samt Zinsen an, Möbel-, Wäsche-, Auto-, Photographie- undSpeditionsfirmen, ein Zahnarzt, das Hotel Klomser (dieses verlangte übrigens für Logis, Abnützung und Schadenersatz bloß 450 Kronen) und der Diener stellten sich gleichfalls mit Forderungen ein, sodaß die Passiven etwa 45000 Kronen betrugen und die Aktiven weit überstiegen. Am 30. November 1913 verhängte daher das Prager Landesgericht den Konkurs über das Nachlaßvermögen. Da der Nachfolger Redls, Oberst Ludwig Sündermann, die Dienstwohnung beziehen mußte, wurde in einem eigens gemieteten Raume in der Kleinseitner Chotekgasse die Versteigerung des Nachlasses vorgenommen, deren Ergebnis hinter den Erwartungen zurückblieb. Demgemäß gelangten an die Gläubiger bloß 14938 Kronen 30 Heller zur Auszahlung, d. i. 17 Prozent.
Ein Prager Realschüler, der bei der Auktion ein Paket Rollfilms erstanden hatte, entdeckte, daß einer der Films belichtet war. Er entwickelte ihn im Beisein eines Lehrers im physikalischen Kabinett der Schule, wobei die Photographie eines reservat ausgegebenen Ergänzungsblattes zum res. Dienstbuch J 15 (Kriegsfahrordnung) zutage trat. Der Film wurde dem Korpskommando übergeben, das ihn an das Evidenzbureau des Generalstabs nach Wien weiterleitete.
Die Briefe, die mit dem Verrat offenkundig in keinerlei Beziehung standen, bewahrt derKonkursmasseverwalter noch heute auf. Es sind Liebesbriefe von Männern, deren Ungeistigkeit um so auffallender ist, als sich im allgemeinen bei Homosexuellen ein nervöseres, selbstbeobachtendes Empfinden zu äußern pflegt. Redls Liebhaber waren jedoch junge Offiziere und Soldaten. „Mit Freude ergreife ich die Feder ...“, – so beginnen die meisten und mit Geldforderungen enden sie. Eine Sammlung von etwa dreihundert Visitenkarten füllte eine Lade seines Schreibtisches: durchwegs aristokratische Namen. Auf seine Beziehungen zum böhmischen Adel schien er sich besonders viel einzubilden, die Erlangung des Adelsstandes sein besonderer Ehrgeiz zu sein. Vorläufig hatte er sich damit begnügen müssen, über seine Initialen auf dem Wagenschlag eine Bürgerkrone zu setzen.
Zwei oder drei Briefe waren von einer Prager Lebedame, Ludmila H., die als Geliebte des Generalstabschefs galt. Aber sie war eine „fausse maitresse“, nur da, um jeden aufkeimenden Verdacht der Homosexualität zu verscheuchen. Auch von ihr sind Briefe vorhanden, in denen sie Geld verlangt, ohne Umschweife erklärend, daß ihr die Rücksicht auf ihre Freundschaft mit Redl, „die von Dir immerfort verlangte Wahrung des Dekorums“ die wichtigsten Einnahmsquellen verstopfe ...
Für geistige Betätigungen Redls fanden sichkeinerlei Beweise vor. Die vor kurzem fertiggekaufte Bibliothek militärischen Charakters war nicht bezahlt, die Bücher nicht einmal aufgeschnitten. Andere Bücher hatte er nicht, im Theater war er bloß bei Operetten zu sehen gewesen. Seine Freundschaft mit Dr. Pollak, dem Oberprokurator Österreichs, scheint bloß auf der kriminalistischen Interessengemeinschaft aufgebaut gewesen zu sein.
Redl war groß und breit gewachsen, der Schnurrbart aufgezwirbelt, der Blondheit des sorgfältig gescheitelten Haares war mit Färbemitteln nachgeholfen. Er galt als der eifrigste Mann des Generalstabskorps, als der prompteste Aktenerlediger (in Deutschland hatte denselben Ruf schon im Frieden Ludendorff) und dieser Fleiß erscheint noch bemerkenswerter, wenn man dazu die Arbeit seiner Spionage, die Intrigen zu deren Verheimlichung und zur Verheimlichung seiner Gleichgeschlechtlichkeit, die Affären mit seinen geheimen Freunden und seiner öffentlichen Freundin addiert.
Es ist kein Zweifel, daß der Profoßensohn Alfred Redl (sein Vater war Verwalter des k. u. k. Garnisongerichtes Lemberg) zu hohen Ehren aufgestiegen wäre, wenn seine klandestine Tätigkeit noch ein weiteres Jahr unentdeckt geblieben wäre, wenn er den Weltkrieg erlebt hätte.
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Während Kaiser Franz Josef die ganze Affäre als einen Unglücksfall betrachtete, der die Monarchie betroffen hatte, und gegen den sich nichts mehr machen ließ, stand der Thronfolger Franz Ferdinand auf einem anderen Standpunkt: er faßte die Angelegenheit als für die Armee typisch auf und versuchte mit allen Mitteln, eine Schuld anderer zu konstruieren. Er setzte nun mit Verfolgungen ein, die bis zu seinem Tode dauerten. Von drei Briefen, in die uns Einsicht gewährt worden ist, bezieht sich der erste auf den Redl’schen Selbstmord. Es heißt darin: „... Se. kais. Hoheit trat sofort auf mich zu, und sagte mir mit erhobener Stimme: ‚Es ist unchristlich, einen Selbstmord noch zu begünstigen. Der Selbstmord ist überhaupt unchristlich, und wenn man noch seine Hand dazu bietet (ihn zu ermöglichen), so ist das eine Barbarei! Jawohl, eine Barbarei! Wie darf man einen Menschen ohne letzte Ölung sterben lassen? Auch wenn er zehnmal ein Schweinehund ist! Jeder Kerl, der gehängt wird, bekommt unter dem Galgen die Segnungen der Religion, – auf den Galgen hätte übrigens dieser Schweinehund gehört. Ich hätte ihn ruhig baumeln lassen, aber einen Selbstmord zu befehlen, ist unchristlich.‘ Ich erlaubte mir zu bemerken, daß der Selbstmord ja nicht befohlen worden war, aber Se. kais. Hoheitunterbrach mich ungnädig: ‚Nur keine Wortspaltereien! Genug daran, daß man den Selbstmord nicht verhindert hat.‘ Auch darüber war Se. kais. Hoheit äußerst ungehalten, daß man von der Veranlagung Redls nichts gewußt habe, und wiederholte, es sei ein Skandal, daß so ein Mensch für die Krone (den Orden der Eis. Krone 3. Kl.) eingegeben wurde.“
Ein zweiter Brief eines hohen Militärs befaßt sich mit der Reorganisation der Kriegsschule und des Generalstabs, die der Erzherzog unter dem Eindrucke der Causa Redl durchführen wollte:
„Wie mir aus der Militärkanzlei Se. kais. Hoheit des Herrn Erzherzogs-Thronfolger intimat mitgeteilt wurde, will Se. kais. Hoheit eine vollständige Reorganisation der Kriegsschule durchführen. Die Fälle der absolvierten Kriegsschüler Jandric (Spionage), Firbas (Spionage) und Hofrichter (Giftmord), vor allem aber Redls beweisen, daß die Moral dort faul sei. Es müsse mit einem eisernen Besen hineingefahren werden. Gegen die Kps.- und Dions.-Generalstabschefs und Bureauchefs des Gstbs. richte sich der Groll Se. kais. Hoheit im Besonderen, er verlange Ablösung aller Herren auf diesem Posten und Regeneration des gesamten Gstbs. Man müsse unbedingt den Adel zum Gstb. heranziehen,man müsse das Vorurteil bekämpfen, daß die Aristokratie nur bei der Kavallerie dienen könne.“
Der Erzherzog verkannte die Gründe für diese Ausartungen von Kriegsschülern und Generalstäblern. Die Prüfungen und Aufnahmebedingungen in die Kriegsschule waren überaus schwer, der Lehrstoff widerstritt sich innerlich derart, daß im allgemeinen nur der krankhafte Ehrgeiz Erfolg haben konnte; die besondere Befähigung für ein oder das andere Fach (z. B. zeichnerisches, strategisches, mathematisches oder Sprachentalent) war eher hinderlich als fördernd, da eine solche Sonderfähigkeit zumeist auf Kosten eines anderen Wirkungsgebietes geht. Mit dem gleichen Aufwand an Selbstverleugnung, Energie und Ehrgeiz, der zur Aufnahme in den Generalstab erforderlich war, hätte wohl jeder ebensogut z. B. Akrobat werden können. Daß solcher Ehrgeiz auch anderweitig ausmünden könne, in verbrecherische Betätigungen um der Karriere oder des Geldes willen, erfaßte der Erzherzog nicht und gab lieber der plebejischen Abkunft die Schuld.
Als der Erzherzog die Undurchführbarkeit seiner radikalen Maßnahmen einsehen mußte, wandte sich sein verschärfter Groll gegen das Evidenzbureau. Die Äußerung lautet in einem Briefe:
„Ich sehe nicht ein, wozu es ein Evidenzbureau gibt, wenn ein Offizier ein oder zwei Automobile besitzt und Orgien feiert, ohne daß so etwas auffällt.“
Der Chef des Evidenzbureaus, FMLt. von Urbañski, war insbesondere der Zielpunkt der erzherzoglichen Angriffe. Obwohl der Chef des Generalstabs und der Kriegsminister darauf hinwiesen, daß ja das Evidenzbureau seine Pflicht nur allzu gut erfüllt habe, indemes den mit der Technik der Spionenentlarvung so vertrauten Redl selbst entlarvte, war der Thronfolger nicht zu überzeugen und beharrte auf seinen Beschuldigungen. Urbañski stellte die Bitte um gerichtliche Untersuchung seines Verhaltens, doch wurde diese abgewiesen.
FMLt. von Urbañski spricht über die Verfolgungen und Kränkungen, die er durch den Thronfolger zu erleiden hatte, mit großer Bitterkeit. Er hat auf meinen Wunsch den Verlauf dieser ganzen Aktion in einem Memoire niedergelegt, das hier im Wortlaut veröffentlicht wird: „Bei den vielen Berührungspunkten, die zwischen der Militärkanzlei des Thronfolgers und dem Evidenzbureau in jener Zeit latenter Kriegsgefahr bestanden, fühlten ich und mein Personal den Druck des Thronfolgers sehr empfindlich. Exzellenz Conrad von Hötzendorf vertröstete mich mit dem Hinweis auf den oft plötzlichen Stimmungswechseldes Thronfolgers, auf die kommenden großen Manöver, wo sich gewiß Gelegenheit ergeben werde, dem Thronfolger endlich klarzulegen, daß mich keinerlei wie immer geartetes Verschulden treffe. Man legte mir vor allem die Zulassung des Selbstmordes als gegen die christlich-katholische Religion verstoßend, zur Last. Die zwingenden Motive, die für den Selbstmord sprachen, waren von allen Kommissionsmitgliedern anerkannt worden – ich war nicht der Älteste unter ihnen und doch griff der Groll des Thronfolgers gerade mich heraus! Ich hätte Redls Leidenschaft erkennen sollen, mir hätte sein angeblicher Aufwand, speziell sein „Autohalten“ auffallen sollen. Redl war Junggeselle, hatte die vollen Gebühren eines Oberst-Generalstabschefs, es war ihm im Korpskommando-Gebäude in Prag eine Wohnung und Stall unentgeltlich eingeräumt worden; er verfügte daher über reichliche Einkünfte. Übrigens wußte ich aus seiner Qualifikationsliste, daß er vor Jahren eine kleine Erbschaft gemacht hatte, ich hatte ihn mit dem Vermerk übernommen, ‚besitzt eigenes Vermögen‘. Solange er mein Untergebener war, hat Redl kein Auto besessen, später, bei der Truppendienstleistung in Wien und sodann als Generalstabschef in Prag konnte man mich für seinen Lebenswandel nicht verantwortlich machen.
Die Konzentration der Wut des Thronfolgers auf meine Person war geradezu pathologisch, es sollte noch ärger kommen. Bei den großen Manövern des Jahres 1913, die in der Gegend von Tabor stattfanden (hier trat übrigens der Thronfolger ganz besonders hervor, indem er plötzlich am zweiten Manövertag die Gefechtstätigkeit einstellen ließ und über den Kopf des gänzlich verblüfften Chefs des Generalstabes und der Manöverleitung eine ganz neue Annahme ausgab, in der ein heute ganz besonders komisch wirkendes ad hoc zusammengestelltes ‚Kavalleriekorps‘ auch eine Rolle spielte), führte ich, wie in den Vorjahren, das ‚Attachéquartier‘, das ist die Vereinigung aller fremdländischen Offiziere, die als Gäste den Manövern beiwohnten. Bei der Vorstellung der fremden Offiziere war der Thronfolger ganz gegen seine bisherige Gewohnheit bei solchen Anlässen abweisend kühl gegen mich, reichte mir nicht wie sonst die Hand, sprach nicht mit mir, so daß es die fremden Offiziere als offenen Affront gegen mich auffaßten. So ging es nach den Manövern fort, bis einige Monate später ein Ereignis den Zorn des Thronfolgers von Neuem anfachte: aus dem Nachlasse Redls hatte ein Prager Schüler einen photographischen Apparat erstanden, worin noch ein nicht entwickelter Film lag. Dieser wurde entwickelt und produzierteeine Seite einer Mobilisierungs-Instruktion. Eine Zeitung brachte die Nachricht mit der Sensationsmeldung, der Film enthielte einen wichtigen Befehl des Thronfolgers an das 8. Korpskommando in Prag. Nach wenigen Stunden lag schon der telegraphische Befehl aus Konopischt vor, ‚gerichtliche Untersuchung, die Schuldigen auf das Strengste zu bestrafen‘. Obwohl ich auf den Gang der gerichtlichen Untersuchung des Falles Redl, die in Prag geführt wurde, organisationsgemäß gar keinen Einfluß nehmen konnte, hatte ich mich veranlaßt gefühlt, den Rat zu erteilen, daß das Gericht eine Schadensumme festsetze, die aus der verräterischen Tätigkeit Redls für die Heeresverwaltung entstanden ist, womit ich erreichen wollte, daß der ganze Nachlaß Redls an die Heeresverwaltung verfalle. Ich fand es vom ethischen Standpunkte nicht angängig, daß sich Erben aus diesem auf verbrecherischem Wege erworbenen Gelde bereichern, ganz besonders lag mir daran, daß nicht eventuell Dinge, die mit Redls Spionage-Tätigkeit zusammenhingen und die trotz eifrigster Sichtung immerhin durch einen bösen Zufall noch vorhanden sein könnten, auf dem Wege der Versteigerung in unrechte Hände kämen, wo sie neues Unheil anrichten konnten. Die Heeresverwaltung hätte dann mit dem Nachlaß disponieren können, Unnützesvernichten, Geld oder Geldeswert einer wohltätigen Sache zuwenden können oder dergl. Das Gericht hat aus mir unbekannten Gründen meinen Vorschlag nicht akzeptiert; so kam es, daß der ganze Nachlaß Redls zur Versteigerung an den Notar gelangte. Als ich hiervon erfahren hatte, ließ ich (wiederum in Form eines Rates) das Korpskommando aufmerksam machen, daß der Nachlaß vor Übergabe an den Notar einer gründlichen Sichtung vom Standpunkte der Spionagetätigkeit Redls unterzogen werde. Das Korpskommando hatte, diesem Rate folgend, eine Kommission zur Durchsicht des Nachlasses bestimmt – und dennoch konnte es geschehen, daß niemand daran dachte, den photographischen Apparat, das wichtigste Corpus delicti näher zu untersuchen. Trotzdem alle diese Tatsachen dem Thronfolger bekannt wurden, war er jetzt mehr denn je von meiner Schuld überzeugt, wieder half keine Einsprache des Chefs des Generalstabes, des Kriegsministers, nicht die Ergebnisse der gerichtlichen Einvernahmen – es war umsonst, man stand vor einer Wand! Die Prager Auditoren wurden in Strafgarnisonen versetzt, mich konnte man nicht so schnell absägen, bevor man einen eingearbeiteten Nachfolger besaß.
Im Januar 1914 erhielt ich die amtliche Verständigung, daß ich im Laufe des Jahres1914 ein Brigade-Kommando erhalten werde, weshalb ich sofort die Ablösung des Militärattachés in Bukarest, Oberst von Hranilovic, als meinem Nachfolger in die Wege zu leiten habe, weil der Chef des Generalstabes Wert darauf lege, daß wir bei der Reichhaltigkeit der Materien mindestens ein halbes Jahr zusammen arbeiten.
Es nahte Ostern 1914. Unser Gesandter in Cetinje, Freiherr v. Giesl (der Jüngere) lag nach einer schweren Operation in einem Sanatorium in Berlin. Die politischen Wogen gingen noch immer sehr hoch, die Abwesenheit unseres Gesandten gerade auf diesem heißen Boden wurde sehr schwer empfunden: Se. Majestät der Kaiser wünschte die baldigste Rückkehr Giesl’s auf seinen Posten. Kaum reisefähig, eilte Exz. Giesl nach Cetinje. Um diese Zeit erhielt mein Bureau von mehreren Seiten Andeutungen, daß montenegrinischerseits Attentatsabsichten gegen den Gesandten bestünden, um künstlich die Situation zu verwirren, und zwar sollten diese Angriffe gegen unseren Gesandten während seiner Reise noch auf österreichischem Gebiet erfolgen. Ich erhielt den Auftrag, dafür zu sorgen, daß Exz. v. Giesl ungestört nach Cetinje gelange, weil die Folgen sonst unabsehbar seien. Ich fuhr in die Bocche di Cattaro. Gesandter v. Giesl wurde aus dem Eildampfer noch auf See aufein Torpedoboot gebracht, landete in der Marinestation, von wo er ungefährdet auf seinen Dienstposten gebracht wurde. Während des Aufenthaltes des Schiffes in Spalato hatte ich erfahren, daß der Posten des Brigadiers in Spalato bald frei würde. – Die Aussicht, nach Jahren aufreibender Arbeit an der Zentrale, ein ruhiges Provinzleben zu führen, hatte mich so gepackt, daß ich noch am Tage meines Eintreffens in Wien, am 10. April 1914, den Kriegsminister um die Vormerkung für das Brigadekommando in Spalato bat. Zu meiner größten Überraschung eröffnete mir der Kriegsminister, er hätte einen mich betreffenden, bestimmten Befehl des Thronfolgers, den er zwar nicht ausführe, aber es sei eben der Antrag des Kriegsministeriums gemacht worden, mir das Brigadekommando Semlin (an der serbischen Grenze) zu geben, dort hätte ich Gelegenheit, mich zu ‚rehabilitieren‘! Also noch immer der alte Groll, – es war nutzlos, die starre Natur des Thronfolgers konnte sich keinem fremden Urteil fügen.
Am 29. April 1914 kam endlich der Schlußakkord dieser nur pathologisch zu erklärenden Verfolgung. Auf ein Glockensignal des Chefs des Generalstabes erschien ich ahnungslos wie alle Tage zum Vortrag. Mit Zeichen sichtlicher Erregung eröffnete mir Exz. v. Conrad, daß er mir einen Befehl des Thronfolgersvorzulesen habe. Das Schriftstück hatte meritorisch folgenden Wortlaut:
‚Ich bin zu der unumstößlichen Ansicht gelangt, daß die Energie und geistige Spannkraft des Oberst v. Urbañski in derartigem Maße gelitten haben, daß er für eine aktive Verwendung nicht mehr in Betracht kommt und ist er der Superarbitrierung zu unterziehen.‘
Ich fand so viel Fassung, lediglich zu erwidern:
‚Ich hoffe, daß ich in diesem ungleichen Kampfe der vornehmere Teil bleiben werde.‘
Dann nahm die Komödie ihren Fortgang – – mit dem Arzt wurde ein Kompromiß geschlossen. Ich war, Gottlob, ganz gesund, so einigten wir uns denn auf eine ‚Nervosität mittleren Grades, die im Verlaufe eines halben Jahres zweifellos behoben sein wird‘. Diesen weisen medizinischen Ausspruch eigneten sich auch die beiden Ärzte der Superarbitrierungs-Kommission an, worauf der Präses der Kommission den verabredeten Antrag auf Beurlaubung des Obersten von Urbañski auf sechs Monate mit Wartegebühr stellte. So war es zwischen dem Chef des Generalstabes, dem Kriegsminister und mir besprochen, denn ein offener Widerstand gegen den Befehl des Thronfolgers schien ganz aussichtslos, die Zeiten nicht danach angetan, daß diese Funktionäre wegen meiner Person die Kabinettsfrage stellten.Ich leistete nun keinen Dienst mehr, wickelte meine persönlichen Angelegenheiten ab, um die Zeit bis zur Entscheidung meines Schicksals auf dem Besitze meiner Frau bei Graz zuzubringen. Doch ich sollte auch da nicht zur Ruhe kommen. Die Kunde meines plötzlichen Abganges hatte sich in Wien verbreitet, er wurde in der Presse kommentiert, Parlamentarier verschiedener Schattierung beider Reichshälften, namentlich die nicht seltenen Gegner des Thronfolgers suchten mich auszuholen, führende Militärs forderten Aufklärung. Unter anderen lud mich ein Erzherzog zu sich. Auf die Aufforderung, ihm die volle Wahrheit über meine Maßregelung ungeschminkt zu sagen, suchte ich mich durch den Hinweis auf das Amtsgeheimnis zu entziehen, das mir ein Gespräch über dieses Thema verbiete. Hierauf erwiderte mir der Erzherzog, er frage nicht aus Neugier, dann kam ein Satz, der mich durch seine Offenheit verblüffte: ‚Ihnen kann es schließlich gleichgültig sein, ob Sie in absehbarer Zeit in Ihrer Kappenrosette das Emblême F. J. I. oder W. II. tragen ... ja, ja, wir Habsburger sind uns darüber klar, daß unser Thron auf schwanker Basis steht, daß unsere einzige Stütze die Armee ist. Wenn diese in ihrem Vertrauen zur Dynastie erschüttert ist, dann ist es um uns geschehen. Willkürakte, wie sie vom Thronfolgerschon kursieren, und auch in Ihrem Fall vorzuliegen scheinen, sind nur zu geeignet, das Vertrauen in der Armee zu untergraben ...‘
Mir war zur Genüge bekannt, daß bei Hofe eine Richtung bestand, die dem Thronfolger die Eignung für die Nachfolge abzusprechen bestrebt war – mein Fall sollte dazu beitragen, den Beweis für diese Nichtbefähigung zu erhärten.
Ernster war meine Aussprache mit dem Vorstand der Militärkanzlei Sr. Majestät des Kaisers Frh. v. Bolfras. Als der Superarbitrierungsakt über mich in seine Hände kam, ließ er mich zu sich bitten und empfing mich mit den Worten: ‚Lieber Urbañski, haben Sie einen Silberlöffel gestohlen, daß man Sie plötzlich davonjagen will?‘ Als ich Exz. Bolfras die Gründe für meine Versetzung in das nichtaktive Verhältnis mitgeteilt hatte, erklärte er auf das Entschiedenste, den Akt Sr. Majestät nicht vorlegen zu können. Der Kaiser hätte mich in frischester Erinnerung aus vielfachen Anlässen in den letzten Jahren. Ich war 1908 als adjoint militaire d’Autriche-Hongrie der Reform-Gendarmerie für Mazedonien in Uesküb tätig gewesen, als die Revolution in der Türkei losbrach, ich hatte dort den ersten Ansturm der serbischen Wut anläßlich der drohenden Annexion Bosniens und der Herzegovina durchzuhalten gehabt, Se. Majestäthatte persönlich meine Ansichten über die voraussichtlichen Folgen der Annexion angehört. Während der folgenden Jahre hatte mein Bureau täglich die informierenden Berichte über die laufenden kriegerischen Verwickelungen, Balkankrieg, Tripolis-Feldzug usw. geliefert, die schon um vier Uhr früh in Schönbrunn sein mußten, wenn der Kaiser sein Tagewerk begann. Während meiner Bureauführung hatten zwei russische Militärattachés der Botschaft in Wien, durch das Evidenzbureau der Spionage überführt, ihren Posten verlassen müssen, – kurz, ich stand beim Kaiser in lebhafter Erinnerung, hatte er mir doch zu Weihnachten 1913 den Leopolds-Orden, eine für einen Oberst recht seltene Auszeichnung, verliehen und im Januar 1914 entschieden, daß ich im Laufe des Jahres auf einen Generalsposten zu gelangen habe. Und nun plötzlich die Pensionierung, – der Kaiser werde unbedingt nach den Gründen fragen. Antworte man ihm wahrheitsgemäß, daß das ein Willkürakt des Thronfolgers gegen alle Vorstellungen der verantwortlichen Männer sei, dann sei, bei dem bekannten gespannten Verhältnis zwischen Kaiser und Thronfolger, ein schwerer Konflikt unvermeidlich, und dieser sei angesichts des leidenden Zustandes des Kaisers nicht zu riskieren. So blieb denn das Aktenstück in der Lade Exz. v. Bolfras’ liegen.– Dort lag es noch unerledigt, als der Tod den Thronfolger ereilte, und meine Angelegenheit hierdurch in ein anderes Stadium trat. Der Chef des Generalstabes hatte sich lange gegen die Abhaltung der Manöver in Bosnien und noch mehr gegen den darauf geplanten feierlichen Einzug des Thronfolgers mit seiner Gemahlin in Serajevo gewehrt; waren doch in meinem Bureau wiederholt Warnungen eingetroffen, die fast mit Gewißheit serbischerseits feindselige Handlungen erwarten ließen. Trotz all dem setzte der Thronfolger das politische Besuchsprogramm für Bosnien durch. Der Chef des Generalstabes mußte als solcher den Manövern beiwohnen, an dem folgenden politischen Akt wollte er auf keinen Fall teilnehmen, weshalb eine Generalstabsreise in Hoch-Kroatien so angesetzt wurde, daß der Chef den Thronfolger unmittelbar nach Schluß der Manöver verlassen mußte. Auf dem Wege nach Lika, dem Ausgangspunkt dieser Reise, traf ihn die Nachricht des Serajevoer Mordes und der Befehl sofort nach Wien zu kommen. Unmittelbar nach seiner Ankunft in Wien verständigte mich Exz. v. Conrad, daß meine Angelegenheit nunmehr eine andere Wendung genommen habe; wenige Tage später kam ein Schreiben des Kriegsministeriums gleicher Mitteilung, mit dem Antrage, mich auf einem dreimonatigenUrlaub von meinen Aufregungen und Kränkungen zu erholen. Unterdessen brach der Krieg aus, ich zog als Kommandant einer Brigade ins Feld, und erhielt bald das Kommando derselben Division, die ich bis zum Schluß geführt habe.“
Damit schließt das Memoire, aus dessen Fassung nicht bloß die Verteidigung seines Autors, sondern auch des ganzen Generalstabes spricht. Sie billigt nicht allein die Haltung „des Chefs“, der einen seiner Untergebenen einfach zum Selbstmord kommandiert hat, sondern auch den Verräter-Spion Redl zu entlasten versucht, von dem Urbañski auch im Gespräche behauptet, daß er nichts Entscheidendes gewußt und keine aktuelle Kriegsvorbereitung verraten habe. Das Memoire ist eben ein Dokument des „flaschengrünen Korpsgeistes“, mit dem sich die Korpsbrüder vom österreichisch-ungarischen Generalstab als höchste Klasse der Militärkaste fühlten und sich nur von ihrem Senior befehlen ließen. (Auch den Tod.) Sie verachteten die Truppe, sie mißachteten das Rechtsgefühl, wenn es sich um einen der Ihren handelte, und sie achteten auch des Thronfolgers und seiner Militärkanzlei nicht, – sie duldeten keine Einmischung in interne Korpsangelegenheiten. Immer war die Prätorianergarde mächtiger als der Regent. Selbst der Weltskandal der Redl-Affäre gab dem ErzherzogFranz Ferdinand keine Handhabe, trotz aller Mühen und Anstrengungen einen ihm (allerdings grundlos) mißliebigen Oberst zu beseitigen, im Gegenteil, der Offizier wurde noch durch den Leopolds-Orden ausgezeichnet und für den Generalsrang vorgeschlagen; ja, der endlich erwirkte Superarbitrierungsakt wurde dem Kaiser nicht zur Unterschrift vorgelegt und wie ein Hohn der Überlebenden klingt die ostentativ schnelle Zurücknahme dieses Aktes nach der Ermordung des Thronfolgers. Natürlich war die Haltung des Erzherzogs von der Wut darüber bestimmt, daß seiner Macht die Macht des Generalstabs gegenüberstand, und seinem Hochmut der Hochmut der doppelreihigen flaschengrünen Waffenröcke. Der Generalstab ließ keinen der Seinen vor ein Militärgericht stellen, kein Auditor durfte einen Generalstäbler verurteilen, – deshalb Redls Selbstmord.
Offenbar hatte Oberst Redl auch um alle entscheidenden Mobilisierungsmaßnahmen der Armee gewußt und um alle aktuellen Kriegsvorbereitungen. Denn voreinander hatten die Mitglieder der Bruderschaft kein Geheimnis. Und verraten mußte Redl, auch wenn er nicht aus Geldgier gerade die besten Nachrichten hätte liefern müssen, das, was man von ihm wollte. Er war österreichisch-ungarischer Generalstabschef und russisch-italienisch-serbischerSpion. Mit einem einzigen Wort konnte man ihn zwingen.
So einzigartig der Kriminalfall Redl auch scheinen mag, – er wird sich immer in irgendeiner Form wiederholen. Denn die Staaten sind selbst die Auftraggeber dieses Verbrechens, das die Staaten selbst bestrafen, mit dem Tod durch den Strang oder mit der Verbannung nach der Teufelsinsel oder mit dem Kommando zum Selbstmord.