»Komm' nach Dublin, wiederholte Grip. Soll ich Dir sagen, was ich denke?
– Sprich, lieber Grip.
– Nun, siehst Du, mir schwebt immer der Gedanke vor... daß Du... dort Dein Glück machen müssest....
– Mir wohl auch... ich habe immer denselben Gedanken gehabt, antwortete Findling einfach. Seine Augen leuchteten aber in hellerem Glanze auf.
– Ja, ja, fuhr Grip fort, ich sehe Dich dort eines Tages schon reich... sehr reich. In Cork freilich wirst Du nicht so viel verdienen. Ueberlege Dir meine Worte, denn man soll niemals ohne Ueberlegung handeln.
– Ganz recht, Grip.
– Jetzt aber, wo es nichts mehr zu essen giebt... seufzte Bob aufstehend.
– Du willst sagen, Junge, fiel ihm Grip ins Wort, daß Du wohl auch keinen Hunger mehr hast....
– Ja, vielleicht... ich weiß nicht. Das ist das erste Mal, daß mir das vorkommt....
– So wollen wir also ein wenig spazieren gehen,« schlug Findling vor.
So verlief der Nachmittag, wobei die Freunde vielerlei Pläne schmiedeten, während sie auf den Quais und durch die Straßen Queenstowns lustwandelten.
Als dann die Trennungsstunde gekommen war und Grip die Knaben nach dem Landungsplatze des Fährbootes begleitet hatte, begann er:
»Wir werden uns wiedersehen. Man kann sich nicht gefunden haben, um einander nie wieder zu begegnen.
– Gewiß, Grip... in Cork... sobald der »Vulcan« hier wieder anlegt...
– Warum nicht in Dublin, wo er meist einige Wochen liegen bleibt?... Ja, in Dublin, und wenn Du Dich entschließen kannst...
– Leb wohl, leb wohl, Grip!
– Auf Wiedersehen, mein Boy!«
Sie umarmten sich herzlich und mit tiefer Erregung, die keiner von beiden zu verheimlichen sich bemühte.
Bob und Birk nahmen ebenfalls mit Abschied, und als das Fährboot abgestoßen war, da folgte ihm Grip noch lange mit den Augen, während jenes den Fluß empor dampfte.
Einen Monat später schoben auf der Straße, die südwestlich von Cork und durch die östlichen Gebiete der Grafschaft nach Youghal führt, ein Knabe von elf und ein kleiner von acht Jahren einen leichten Karren, der von einem Hunde gezogen wurde.
Die beiden Kinder waren Findling und Bob. Der Hund war Birk.
Das Zureden Grips hatte gefruchtet. Ehe er mit dem ersten Heizer des »Vulcan« zusammentraf, träumte Findling nur davon, Cork zu verlassen und sein Glück in Dublin zu versuchen. Nach dem Zusammentreffen machte er seinen Traum zur Wahrheit. Gewiß hatte er über diesen wichtigen Schritt reiflich nachgedacht, denn er gab dabei ja das Gewisse für das Ungewisse hin. In Cork konnte er jedoch voraussichtlich niemals weiter vorwärts kommen, in Dublin dagegen eröffnete sich seiner Thätigkeit ein viel weiteres Feld. Auch Bob, den er deshalb befragte, erklärte sich bereit, sofort aufzubrechen, und einem Rathschlag Bobs durfte er schon einiges Gewicht beilegen.
Unser junger Held mußte infolge dessen seine Einlagen bei dem Buchhändler zurückziehen, der ihm einige Einwürfe wegen seiner Zukunftspläne machte. Er erzielte damit aber nichts bei dem so frühreifen Kinde, das ja nicht gewöhnt war, Chimären nachzujagen, was sonst vielfach in Paddys Natur liegt. Findling war nun einmal entschlossen, höher hinauf zu streben, und eine Ahnung sagte ihm, daß das nur gelingen werde, wenn er Cork mit Dublin vertauschte.
Ueber den einzuschlagenden Weg und die Art des Fortkommens war sich Findling bald im klaren.
Den kürzesten Weg bietet allerdings die Bahnlinie nach Limerick und von da durch die Provinz Leinster nach Dublin, und die schnellste Beförderung fand man, wenn man in Cork in einen Eisenbahnzug ein- und nach dessen Ankunft in der Hauptstadt Irlands wieder ausstieg. Das hätte aber das Opfer einer Guinee für jeden gekostet, und Findling pflegte auf seine Guineen zu halten. Wer gesunde Beine und genug Zeit hat, braucht sich den Kopf ja nicht zu zerbrechen und sich in einem Waggon durchrütteln zu lassen. Jetzt war die schönste Jahreszeit, und die Wege der Grafschaft sind vom Mai bis zum September in recht gutem Zustande. Da lag doch der Vortheil auf der Hand, lieber unterwegs noch etwas zu verdienen, als so viel Geld für eine schnelle Beförderung auszugeben.
So wollte der junge Händler also, von Dorf zu Dorf, von Flecken zu Flecken ziehend, das in Cork begonnene Geschäft ununterbrochen fortsetzen, wollte Journale, Broschüren, Papiere u. dgl. verkaufen, kurz, Handel treiben bis Dublin.
Dazu brauchte er höchstens noch einen Karren, um seine Hausierwaaren unterzubringen, und darüber eine Wachstuchdecke, um sie gegen Staub und Nässe zu schützen. Vor den Karren sollte Birk gespannt werden, der sich gewiß nicht weigerte, ihn zu ziehen, und die beiden Kinder wollten dem Hunde durch nachschieben helfen. Als Weg sollte der längs der Küste gewählt werden, weil dieser über mehrere, nicht unwichtige Städte, Waterford, Wexford, Wicklow, und auch durch verschiedene, zu dieser Zeit stark besuchte Badeorte hinführt. Kostete das auch zwei, vielleicht gar drei Monate Zeit, so brauchten sie sich darum nicht zu kümmern, wenn unterwegs nur immer etwas verdient wurde.
Am 18. April, einen Monat nach der Begegnung mit Grip in Queenstown, befanden sich also Findling, Bob und Birk, der letztere ziehend, die andern beiden schiebend, auf der Landstraße von Cork nach Youghal, wo sie nach wenig anstrengendem Marsche am Nachmittage ankamen.
Zu klagen hatten sie keine Ursache, jedenfalls fiel es Birk gar nicht ein zu murren. Dieser wurde übrigens nicht zu stark in Anspruch genommen, und wo der Weg anstieg, halfen die Knaben durch schieben mit besten Kräften nach. Der zweirädrige Karren war sehr leicht. Findling hatte ihn durch Gelegenheitskauf von einem Kaufmann in Cork erworben. Der Waarenvorrath bestand in Zeitungen, politischen Broschüren – einige freilich in Gedankengang und Stil gleich schwerfällig – in Schreibpapier, Bleistiften, Federn und andern ähnlichen Sachen, ferner in Tabakspacketen, deren Bestand durch Einkauf in den besten Läden mit dem bunten Schilde des Bergschotten erneuert werden sollte, undendlich in verschiedenen Artikeln und Kleinigkeiten. Alles das wog nicht schwer und ließ sich voraussichtlich leicht und mit hübschem Profit absetzen.
Die Leute auf dem Lande interessierten sich überall für die beiden Knaben, von denen der eine so ernst war, wie ein ergrauter Kaufmann, und der andre ein so gewinnendes Lächeln zeigte, daß es gar niemand einfiel, mit ihm zu feilschen.
Der Karren kam in Youghal an, einem großen Flecken mit sechstausend Einwohnern und einem in der Ausmündung des Blackwater gelegnen Hafen für Küstenfahrzeuge. Hier ist das Land, wo die »heilige Kartoffel« in höchsten Ehren steht. Der Irländer könnte es wohl nie vergessen, daß Sir Walter Raleigh in der Umgebung von Youghal mit der Kartoffel, dem eigentlichen Brode Irlands, die ersten Anbauversuche unternahm.
Findling verbrachte den Rest des Tages in Youghal, gönnte sich aber keine Rast, ehe er nicht sein Waarenlager, das auf dem Wege nach Dungarvan jedenfalls schnell gelichtet wurde, vollständig ergänzt hatte. Ein nahrhaftes Essen am Tisch eines Gasthauses, ein Bett für beide und ein Lager für Birk fanden sie für mäßigen Preis. Am folgenden Morgen zogen sie dann nach dem nächsten Dörfchen weiter und hielten auch vor den Farmen an, deren sie auf jede Meile zweien bis dreien begegneten. Meist blieben sie auch über Nacht auf einer solchen Farm, da es nicht rathsam erschien, noch im Dunkeln auf der Landstraße zu sein, wenn Birk auch da war, seinen Herrn und dessen zweirädrigen Kramladen zu vertheidigen.
Wie empfand Findling da die Veränderung gegen jene Zeit, wo er auf den Landstraßen von Connaughtso schwer hatte leiden müssen! Welcher Unterschied zwischen seinem Karren und dem des rohen Thornpipe, jenem finstern Kasten, worin er immer dem Ersticken nahe war! Diese Dinge ähnelten sich so wenig, wie Birk dem zottigen Köter des Puppenschaustellers. Jetzt brauchte er nicht mehr durch Drehen des Mechanismus die königliche Familie und den Hof von England Walzer tanzen zu lassen.... Er lebte nicht mehr von Almosen, sondern von seinem täglichen, ehrlichen Verdienst. Das flößte ihm auch Vertrauen für die Zukunft ein, die Hoffnung, in Dublin ebensoviel und wohl noch mehr Erfolg zu haben, als das halbe Jahr in Cork.
Von Cork aus mußte eine Brücke überschritten werden, um zur Landstraße nach Dungarvan zu gelangen.
»Da ist eine Brücke, rief Bob; von solcher Länge hab' ich noch keine gesehen.
– Ich auch nicht,« antwortete Findling.
Die Brücke über die Bai des Blackwater, ohne die man einen starken Tagesmarsch mehr gehabt hätte, ist in der That zweihundertsiebzig Toisen (circa 527 Meter) lang.
Der Karren rollte auf ihrem Plankenbelag hin, über den ein frischer Westwind strich.
»Das ist fast, als wäre man auf einem Schiffe! bemerkte Bob.
– Jawohl, Bob, wie auf einem Schiffe mit Rückenwind. Fühlst Du, wie er uns vorwärts treibt?«
Jenseits der Brücke gelangte man nun in die Grafschaft Waterford, die ihrerseits wieder an die Grafschaft Kilkenny in der Provinz Leinster grenzt.
Findling und Bob ermüdeten sich nicht allzusehr. Sie wanderten ohne besondre Eile weiter. Es kam ihnen ja vor allem darauf an, die in Youghal eingekauften Waaren mit Nutzen abzusetzen, ehe sie Dungarvan erreichten, wo alle Vorräthe erneuert werden sollten. Fünfundzwanzig bis dreißig Meilen, die Abweichungen vom geraden Wege eingerechnet, hätten einen Spaziergang von wenigen Tagen erfordert. Lagen hier auch nahe der Küste nur wenige Dörfer, so trafen sie doch auf weit mehr einzelne Gehöfte, und das bot ihnen Aussichten auf reichlichen Absatz, die sie nicht unbeachtet lassen durften. Eine Eisenbahn gab es auf dem Küstengürtel nicht und die Bauern konnten sich nur schwierig mit den gewöhnlichsten kleinen Bedürfnissen versorgen. Findling wollte sich diesen Vortheil also jedenfalls nicht entgehen lassen.
Der Erfolg gab ihm Recht. Jeden Abend, ehe sie sich zur Ruhe begaben, zählte Bob die seit dem Morgen vereinnahmten Schillinge und Pence, und Findling trug die Summe in sein »Cassabuch« auf der Seite der Einnahmen gegenüber der der Ausgaben für persönliche Bedürfnisse, Essen, Trinken, Nachtlager u. s. w. gewissenhaft ein. Nichts machte Bob mehr Vergnügen, als die Geldstücke hübsch in Ordnung aufzuzählen, und Findling nichts mehr, als sein Guthaben zusammenzurechnen, während Birk zufrieden bei ihnen lag, bis sie fertig waren und dann alle die Ruhe suchten.
Am 3. Mai gelangte der Karren nach dem Flecken Dungarvan. Er war leer – nicht der Flecken, sondern der Karren – und mußte von Grund auf frisch gefüllt werden, was in dem sechstausend Einwohner zählenden Orte keine großen Schwierigkeiten machte. Dungarvan hat einen Hafen für flächer gehende Schiffe,an der Bai gleichen Namens, deren Ufer durch einen fünfhundert Toisen (975 Meter) langen Damm mit Durchlaß für die Schiffe, verbunden sind. Wie bei Youghal kann man also auch hier über die Bai hinweg gelangen, statt diese umkreisen zu müssen.
Zwei Tage verweilte Findling in Dungarvan. Er hatte hier den trefflichen Einfall, von den Küstenfahrern sehr billig verschiedene Wollenwaaren zu kaufen, die ihm seiner Meinung nach im Lande draußen gern abgenommen würden. Birks Last wurde dadurch auch nicht wesentlich vergrößert.
Die nutzbringende Reise ging immer langsam weiter, und wenn sie nicht von erwähnenswerthen Ereignissen unterbrochen wurde, so blieb sie zum Glück doch auch frei von Unfällen. Die Witterung blieb unverändert günstig. Auf der Landstraße kein Abenteuer. Wer hätte den Kindern auch ein Leid anthun sollen? An den Küsten Südirlands begegnet man überhaupt wenigeren zu Rohheiten und Gewaltthätigkeiten geneigten Leuten. Die Gegend ist auch nicht so arm, wie viele andre Grafschaften, z. B. die von Connaught und von Ulster. Das Meer liefert hier reiche Beute. Fischfang und Küstenfahrt ernähren den Schiffer und den Matrosen hinreichend, und der Landmann fühlt noch deren Nachbarschaft.
Unter solchen günstigen Verhältnissen gelangte der Karren über das siebzehn Meilen von Dungarvan entfernte Trenmore und erreichte vierzehn Tage später das von hier wieder ebenso weite Waterford an der Grenze von Munster. Nun sollte Findling endlich die Provinz verlassen, wo ihm ein so wechselvolles Schicksal beschieden gewesen war, das seinen Aufenthalt in Limerick, auf der Farm von Kerwan, im Schlosse Trelingar,die Reise nach den Seen von Killarney und endlich den Anfang seiner Handelsthätigkeit in Cork umschloß. Alle traurigen Tage hatte er jetzt schon vergessen. Er erinnerte sich nur seines Verweilens im Schoße der Familie Mac Carthy, und die Tage dort vermißte er allein, wie man den Verlust der Freuden des häuslichen Herdes schmerzlich empfindet.
»Sagt' ich Dir nicht, Bob, begann er da, daß wir in Waterford ausruhen wollten?
– Ich glaube, antwortete Bob. Müde bin ich aber gar nicht, und wenn Du weiter gehen willst...
– Nein, nein; wir wollen einige Tage hier bleiben....
– Und gar nichts thun?...
– O, etwas zu thun giebt es immer, Bob.«
Man »thut« ja doch auch etwas, wenn man, wie hier, eine hübsche Stadt von fünfundzwanzigtausend Einwohnern besucht, die am Ufer des mit einer Brücke von neununddreißig Bogen überspannten Suir liegt. Waterford ist überdies ein ziemlich lebhafter Hafenplatz, was unsern jungen Handelsmann stets interessierte – der bedeutendste des östlichen Munster und mit regelmäßiger Schiffsverbindung mit Liverpool, Bristol und Dublin.
Nach Auffindung eines passenden Gasthofs, in dem der Karren eingestellt wurde, begaben sich beide Knaben nach den Quais, wo sie einige Stunden umherspazierten. Bei dem Anblick der ein- und auslaufenden Schiffe konnte ihnen ja keine Langeweile ankommen.
»Ei, rief Bob, wenn wir jetzt zufällig Grip wieder träfen!
– Nein, Bob, das ist nicht möglich. Der »Vulcan« geht in Waterford nicht vor Anker und meinerBerechnung nach muß er jetzt weit fort... an der Küste Amerikas sein.
– Da draußen, fragte Bob, der nach dem entfernten Horizonte hinwies.
– Ja... nur noch weiter; ich glaube aber, er wird in Dublin zurück sein, wenn wir daselbst eintreffen.
– Wie freue ich mich, Grip wiederzusehen! rief der kleine Knabe. Ob er dann wohl immer noch so schwarz aussieht?
– Höchst wahrscheinlich.
– Ach, deshalb kann man ihn doch lieb haben!
– Gewiß, Bob; er hat mich, als ich recht unglücklich war, auch so herzlich geliebt....
– Ja, so wie Du mich!« antwortete das Kind, dessen Augen dankbar erglänzten.
Hätte Findling mehr Eile gehabt, Dublin zu erreichen, so hätte er sich hier auf einem Passagierdampfer, der zwischen Waterford und der Hauptstadt verkehrt, einschiffen können. Der Fahrpreis ist ein sehr niedriger. Da der Waarenkarren ausverkauft war, wäre dieser an Bord geschafft worden, die beiden Knaben hätten dafür, so wie für Verdeckplätze für sich (und den Hund) nur einige Schillinge zu zahlen gehabt und wären binnen zwölf Stunden an ihr Reiseziel gekommen. Außerdem wäre es ein herrliches Vergnügen gewesen, auf einem großen Dampfer über den St. Georgscanal auf dem schönen irischen Meere fast stets angesichts der Küste dahinzugleiten.
Das war gewiß verlockend. Findling blieb jedoch besonnen wie immer und es erschien ihm gar nicht angezeigt, vor der Rückkehr Grips in Dublin einzutreffen. Grip kannte die Stadt, er würde die beidenKinder durch das Häusermeer lootsen, das ihrer regen Phantasie noch weit ausgedehnter erschien, so daß sie sich nicht darin verirrten. Warum hätten sie auch die so einträgliche Landreise unterbrechen sollen? Die Empfindung für das Richtige, die Findling von jeher auszeichnete, überwog auch den Reiz einer so verlockenden Seefahrt. Nachdem er Bob nicht ohne Mühe zu einer verständigeren Auffassung der Verhältnisse bekehrt hatte, wurde denn beschlossen, die Reise auf dem Küstenlande von Leinster in der bisherigen Weise fortzusetzen.
Drei Tage später sehen wir die beiden also in der Grafschaft Wexford wieder, wo Birk den aufs neue assortierten Karren unverdrossen weiter zog. Ein Maulesel, selbst ein Pferd hätte keine besseren Dienste leisten können. Ging es zu sehr bergaufwärts, dann spannte sich freilich Bob mit an die Deichsel und Findling schob, sich mit der Schulter anstemmend, von rückwärts, so gut er konnte.
Im Hintergrunde der Bai von Waterford verläßt die Landstraße die vielfach von Buchten und kleinen Fjorden eingeschnittene Küste, und damit verloren sie den Theil des Meeres aus den Augen, wo das Cap Carnsore, die äußerste Spitze des Grünen Erin, am weitesten in den St. Georgscanal vorspringt.
Zu beklagen brauchten sie sich deshalb nicht. Statt durch einen wilden, öden Landstrich zu verlaufen, berührt die Straße Dörfer und Weiler und verbindet sie viele Pachtgüter miteinander, wo die verschiedenen Waaren des Wanderladens zu hohen Preisen an den Mann zu bringen waren. In Wexford langte Findling auch erst am 27. Mai an, obgleich die Luftlinie zwischen hier und Waterford nur etwa dreißig Meilen mißt.Freilich war der Karren genöthigt gewesen, nach rechts und links vielfach vom geraden Wege abzuweichen.
Wexford ist ein Städtchen von zwölf- bis dreizehntausend Seelen. Es liegt am Flusse Sancy, nahe der Mündung desselben, und macht den Eindruck, als wäre eine kleine englische Stadt mitten in eine irische Grafschaft versetzt worden. Das kommt daher, daß Wexford der erste Waffenplatz war, den die Engländer hierzulande inne hatten, und der Ort hat dann, zur Stadt aufgewachsen, seine ursprüngliche Physiognomie beibehalten. Findling erstaunte nicht wenig, hier so viele Ruinen, verfallene Wälle und zerstörte Vertheidigungswerke zu sehen. Er kannte aber die Geschichte dieser Gegend zur Zeit Georgs III. nicht, wo hier, während der erbitterten Kämpfe zwischen Protestanten und Katholiken, schreckliche Metzeleien auf beiden Seiten, Feuersbrünste und Verwüstungen zur Tagesordnung gehörten. Vielleicht war es besser, daß er hiervon nichts wußte, denn es sind entsetzliche Erinnerungen, die auf so vielen Seiten der irischen Geschichte mit Blut geschrieben stehen. Das konnte er noch zeitig genug kennen lernen, wenn er dazu Muße hatte.
Von Wexford aus mußte sich der wohlausgestattete Wagen wieder von der Küste entfernen, die er erst fünfzehn Meilen weiter hin, in der Nähe des Hafens von Arklow, wieder treffen sollte. Das war, und zwar aus zwei Gründen, nicht zu bedauern.
Erstens beherbergt dieser Theil der Grafschaft eine dichtere Bevölkerung und hat auch viel mehr Dörfer und Einzelgüter, wohl infolge der Bahnlinie, die Wexford über Arklow und Wicklow mit Dublin in Verbindung setzt.
Zweitens ist das Land hier ausnehmend schön. Der Weg verläuft durch üppige Wälder mit mächtigen Buchen und Eichen, darunter die im gaëlischen Lande so bemerkenswerthe schwarze Eiseneiche. Die Landschaft war von der Slaney, der Ovoca und deren Nebenflüssen ebenso reich bewässert, wie sie zur Zeit der religiösen Zwistigkeiten mit Blut begossen wurde. Und gerade dieser Theil des irischen Bodens, der an Schwefel und Kupfer so reich ist, auf den so viele Wasseradern von den nahen Bergen herabrieseln, die sogar etwas Gold führen – dieser besonders begünstigte Theil mußte zum Schauplatz der wildesten Kämpfe werden. Die Spuren davon erkennt man noch heute in Ennscarthy, in Ferns und in andern Orten bis nach Arklow hin, wo die Söldner des Königs Georg von dreißigtausend Rebellen – so nannte man die, die ihr Vaterland und ihren Glauben vertheidigten – aufs Haupt geschlagen wurden.
Zu einem Aufenthalt im Hafen von Arklow glaubte Findling seinem Personal – wenn man Birk als Person zählt – einen Rasttag aufnöthigen zu müssen.
Arklow mit fünftausend Einwohnern ist ein Fischerort mit regem Leben. Den Hafen schließen breite Sandbänke vom hohen Meere ab. Am Fuße mit grünen See-Eichen bedeckter Felsen werden hier viele Austern gefangen, die an Ort und Stelle natürlich billig zu haben sind.
»Ich glaube sicherlich, daß Du noch keine Austern gegessen hast? fragte Findling den Gourmand Bob.
– Niemals.
– Möchtest Du sie denn probieren?
– Ei, herzlich gern.«
Bob wollte so etwas immer gern. Hier kam er aber damit nicht weiter, als bis zu einem Versuche.
»Nein, da ist mir Hummer lieber! erklärte er.
– Du bist nur noch zu jung zum Austern essen, Bob.«
Und Bob erwiderte, er sehne sich gar sehr nach dem Alter, wo er diese Mollusken richtiger zu schätzen verstehen werde.
Am Vormittag des 19. Juni legten beide die Wegstrecke nach Wicklow zurück, dem Hauptorte der gleichnamigen Grafschaft, die an die von Dublin anstößt.
Von hier aus kamen sie durch die schönste und merkwürdigste Gegend von ganz Irland, die von Touristen fast ebenso viel besucht wird, wie das Seengebiet von Killarney, und die dem Blicke die entzückendste Abwechslung bietet. Da und dort streben Berge empor, die mit denen von Donegal und Kerry wetteifern können, schimmern herrliche Seen, wie die von Bray und von Dan, deren klares Wasser die Alterthümer an ihren Ufern wiederspiegelt. Ferner dehnt sich hier, längs des Ovocabettes, das Thal von Glendalough aus mit seinen epheuumrankten Thürmen, seinen alten Kapellen am Rande eines mit glitzernden Moränen besetzten Sees, und das Heilige Thal mit den sieben Kirchen von Saint-Kevin, wo die Wallfahrer aus dem ganzen Erin zusammenströmen.
Das Handelsgeschäft der Knaben entwickelte sich inzwischen mehr und mehr. Ueberall wurden die jungen Hausierer willkommen geheißen. Freilich zogen sie hier durch eine der wohlhabendsten Landschaften Irlands, wo sich schon die Nähe der großen Hauptstadt bemerkbar machte. Von Arklow aus verbindet die Landstraßenämlich eine Anzahl Seebadeorte, die zur Zeit bereits von der Dubliner Gentry besucht waren. Diese ganze elegante Welt hatte wohlgefüllte Taschen. In diesen Bädern sah man mehr Guineen, als Schillinge in den Ortschaften von Sligo oder Donegal. Es bedurfte nur des Talents für den jungen Händler, um davon etwas in seine Tasche herüberzulocken. Das gelang ihm auch nach und nach, und Findling hatte die beste Aussicht, mit verdoppeltem Vermögen in Dublin anzukommen.
Da hatte Bob einen recht guten Gedanken, der seinem großen Bruder bisher nicht gekommen war, einen Gedanken, dessen Ausführung ihm hundert Procent Nutzen abwerfen mußte, allein durch die vielen Kinder reicher Leute, die sich gewöhnlich auf dem Strande von Wicklow tummelten.
Bob war nämlich – er hatte das schon häufig bewiesen – sehr geschickt im Ausnehmen von Vogelnestern, und solche giebt es auf den Chausseebäumen Irlands in großer Menge.
Bisher hatte Bob seine Kunstfertigkeit im Klettern noch gar nicht ausgebeutet. Nur ein- oder zweimal verkaufte er um geringen Preis einige Vögel, die er dem Neste auf einer hohen Buche entnommen oder in einer sehr einfachen Falle gefangen hatte. Ehe sie Wicklow verließen, fiel es ihm aber ein, daraus einen Erwerb zu machen, und daher bat er Findling, einen Bauer anzuschaffen, der eine größere Anzahl Sperlinge, Meisen, Finken, Stieglitze und andre kleine Vögel aufnehmen konnte.
»Und wozu? fragte Findling. Willst Du etwa Vögel züchten?
– Keineswegs.
– Was soll also damit geschehen?
– Ich will sie wieder fliegen lassen.
– Weshalb sollen sie dann erst in einen Käfig gesteckt werden?«
Wenn Findling das zuerst nicht begriff, so verstand er es doch, als Bob sich etwas weiter erklärt hatte.
Dieser beabsichtigte nämlich, den Thierchen gegen Entgelt die Freiheit zu geben. Mit den zwitschernden Vögeln im Käfig wollte er unter die nicht weniger zwitschernde Schaar von Kindern am Strande der Seebäder treten, die gewiß gern bereit waren, den oder jenen der Gefangenen Bobs für einige Pence loszukaufen; ist's doch so reizend, einen Vogel lustig davonfliegen zu sehen, wenn man für ihn das Lösegeld bezahlt hat.
Bob zweifelte gar nicht an dem Erfolge seiner Speculation und auch Findling erkannte die praktische Idee des Kleinen an. Ein Versuch kostete ja so gut wie nichts. So wurde also ein Käfig gekauft, und Bob war von Wicklow kaum eine Meile weit weg, da hatte er diesen schon voller Vögel, die unruhig darin umherflatterten.
In den zahlreichen Badeorten, die jetzt viele Gäste hatten, ließ sich das Nebengeschäft sehr gut an. Während Findling seine Waaren vertrieb, erweckte Bob mit dem Käfig in der Hand das Mitleid der jungen Gentlemen und der jungen Misses für seine hübschen Gefangenen. Unter lautem Jubel der Kinder flogen die freigekauften Vögel davon; der Käfig wurde bald leer und die Tasche des findigen Knaben bald voll von den dafür vereinnahmten Pence.
Jetzt freute er sich desto mehr über seinen einträglichen Gedanken und berechnete jeden Abend diesen besondernGewinn, ehe derselbe der Gesammteinnahme zugeschlagen wurde.
Beide Knaben befanden sich, immer längs der Küste nach Dublin hinaufwandernd, am Nachmittage des 9. Juli in Bray, das nur noch etwa fünfzehn Meilen von Dublin entfernt und am Fuße eines zu der Gruppe der Wicklow-Mounts gehörigen Vorgebirges liegt, das von dem dreitausend Fuß hohen Lugnaquilla überragt wird.
Dank dieser bezaubernden Lage übertrifft es hierin sogar Brighton an der englischen Küste. So urtheilt wenigstens Fräulein de Bovet, die bei ihrer Beschreibung der Schönheiten der Grünen Insel einen sehr feinen, künstlerischen Geschmack erkennen läßt.
Ganz Bray besteht nur aus schönen Hôtels, blendend weißen Villen und zierlichen Landhäusern und zählt im Sommer mit den Badegästen gegen sechstausend Bewohner. Die Straße bis Dublin ist fast ohne Unterbrechung von hübschen Landsitzen umrahmt. Bray steht mit der Hauptstadt auch durch einen Schienenweg in Verbindung. Dieser verschwindet nicht selten unter den hereintreibenden Dunstmassen vom Meere, das schäumend in die enge, nach Süden zu durch ein schroffes Vorgebirge abgeschlossene Bai von Killiney fluthet. Wie überall auf der Smaragdenen Insel finden sich auch bei Bray zahlreiche Ruinen: hier die Ueberreste einer alten Benedictinerabtei, dort eine Gruppe sogenannter Martellothürme, die im 13. Jahrhundert zur Küstenvertheidigung dienten. Erklimmt man den Abhang des Caps, so kann man mittelst guten Fernrohres und bei günstiger Witterung die Umrisse der Waliser Berge jenseits des Irischen Meeres erkennen. Findling erfreute sich jedoch an dieserAussicht nicht, einmal weil er kein Fernrohr besaß, und dann, weil er Bray unerwartet schnell verlassen mußte.
Auf dem sandigen, von den Wellen weithin überspülten Strande tummeln sich sehr viele Kinder, ebenso wie längs der »Parade«, d. i. des Molos von Bray. Hier treffen die kleinen pausbäckigen und rothwangigen Reichen zusammen, deren Leben nur ein ununterbrochener Sonnenschein war, Knaben, die die Ferienzeit genießen, und Mädchen, die sich unter der Aufsicht ihrer Mütter und Erzieherinnen belustigen. Man wäre jedoch nicht in Irland, wenn – selbst hier in Bray – nicht das darbende Elend durch eine Rotte zerlumpter Jungen vertreten gewesen wäre, die den Tang am Ufer durchwühlten.
Die ersten drei Tage waren – was den Handel der Knaben betraf – recht ergiebig, so daß der Karren sich beinahe leerte. Sein Inhalt bestand auch aus Dingen, die den fremden Kindern viel Vergnügen versprachen, aus billigen, reichen Gewinn abwerfenden Spielwaaren. Mit den Vögeln Bobs wurde ebenfalls hübsches Geld verdient. Von früh vier Uhr beschäftigte sich dieser mit dem Fange, der seinen Käfig meist schnell füllte. Am Nachmittage drängte sich dann die jugendliche Kundschaft, ihn wieder zu entleeren. Immerhin durften Findling und Bob ihr Reiseziel Dublin nicht aus den Augen verlieren; sie freuten sich ja auch gar zu sehr darauf, den »Vulcan« dort vor Anker und Grip auf seinem Posten zu finden, Grip, von dem sie nun schon seit mehreren Monaten ohne jede Nachricht waren.
Findling gedachte also am folgenden Tage aufzubrechen, als ein Zwischenfall eintrat, der seine Abreise unerwarteter Weise noch beschleunigte.
Es war am 13. Juli. Gegen acht Uhr des Morgens kam Bob mit dem frischbevölkerten Käfig nach dem Hafen, wo er für den letzten Tag noch eine reiche Ernte zu machen hoffte.
Noch befand sich niemand am Strande oder auf der »Parade«.
Als Bob gerade am Anfang des Molos vorüberkam, begegnete er drei Knaben von zwölf bis fünfzehn Jahren, übermüthigen Bürschchen in feiner Kleidung, mit dem Matrosenhut tief im Nacken und scharlachrothen, goldknöpfigen Jacken, die mit dem vorschriftsmäßigen Anker verziert waren.
Bob wollte womöglich seinen Vorrath gleich bei dieser Gelegenheit abzusetzen suchen, da er ihn bis zur eigentlichen Badestunde wieder erneuern zu können hoffte. Die etwas höhnisch aussehenden und deshalb wenig Vertrauen erweckenden jungen Gentlemen veranlaßten ihn jedoch, davon abzustehen. Er fürchtete sammt seinen Vögeln einen übeln Empfang. Das Dreiblatt schien weit mehr aufgelegt, ihn und seinen Handel zu verspotten, darum ging er an den Knaben stumm vorüber.
Das paßte aber den Bürschchen nicht, deren ältester – schon ein kleiner Herr mit recht boshaften Augen – Bob den Weg vertrat und ihn barsch fragte, wohin er gehe.
»Ich will eben wieder nach Hause gehen, antwortete Bob höflich.
– Und der Käfig da?...
– Der gehört mir.
– Die Vögel darin aber?...
– Die hab' ich heute früh gefangen.
– Aha, das ist der Junge, der sich immer am Strande umhertreibt! rief da einer der drei Gentlemen.Den hab' ich schon gesehen... ich erkenne ihn wieder.... Für zwei bis drei Pence läßt er allemal einen der Vögel fliegen....
– Jetzt aber, fiel ihm der größere ins Wort, sollen alle ihre Freiheit umsonst haben... alle!«
Damit entriß er Bob den Käfig, öffnete ihn, und die ganze gefiederte Gesellschaft flog davon.
Für Bob war das ein fühlbarer Verlust, und er rief bestürzt:
»Meine Vögel!... Meine Vögel!«
Die frechen Knaben antworteten darauf nur durch ein höhnisches Gelächter.
Erfreut durch ihre garstige Handlung, wollten sie sich schon nach dem Molo begeben, als sie hinter sich eine Stimme vernahmen.
»Das war ein schlechter Streich, den Ihr ausgeführt habt!«
Findling war mit Birk eben auf dem Platze erschienen. Er sah, was sich zugetragen hatte, und rief mit lauter Stimme:
»Ja... das war ein Unrecht, eine Schlechtigkeit von Euch!«
Und als er den größeren Burschen stärker ins Auge gefaßt hatte, setzte er hinzu:
»Uebrigens ist eine solche Bosheit von dem Grafen Ashton nicht zu verwundern!«
Hier stand in der That der Erbe des Marquis vor ihm. Die hochvornehme Familie hatte sich von Trelingar-castle aus nach diesem Seebade begeben und bewohnte seit dem Tage vorher eine der schönsten Villen des Ortes.
»Ah, das ist der Schlingel von Groom! versetzte mit verächtlichem Tone der Graf Ashton.
– Gewiß!... Ich bins.
– Und, irre ich nicht, ist da auch der Köter, der meinen Wachtelhund todtgebissen hat?... Er ist also davon gekommen?... Ich glaubte ihm das Lebenslicht ausgeblasen zu haben....
– Es scheint nicht so, bemerkte Findling, der sich durch das hochmüthige Auftreten seines frühern Herrn nicht irre machen ließ.
– Nun, da ich Dich erwische, arger Schlingel, will ich gleich heimzahlen, was ich Dir schulde, rief der Graf Ashton, mit geschwungenem Stocke auf ihn eindringend.
– Oder Sie... Sie werden vielmehr den Preis für Bobs Vögel zahlen, Herr Piborne.
– Nein... erst Du... dann ich!«
Damit schlug er schon mit seinem Stöckchen auf Findling los.
Dieser, obwohl jünger als sein Gegner, war ihm doch an Körperkraft gleich und an Muth überlegen. Mit einem Satze sprang er auf den Grafen Ashton zu, entriß ihm den Stock und versetzte ihm ein paar schallende Ohrfeigen.
Der Nachkomme der Piborne's wollte Gleiches mit Gleichem vergelten... er kam jedoch gar nicht dazu. Im nächsten Augenblick lag er auf der Erde und Findling hielt ihn hier mit den Knien fest.
Seine beiden Kameraden wollten ihm zu Hilfe kommen. Da richtete sich jedoch Birk auf und zeigte ihnen knurrend die Zähne. Er würde den Bürschchen wohl übel mitgespielt haben, wenn ihn sein Herr, der wieder aufgestanden war, nicht gehalten hätte.
Dann wandte sich dieser an Bob.
»Komm her!« rief er ihm zu.
Ohne sich weiter um den Grafen Ashton und die beiden andern zu bekümmern, die sich wohl hüteten, mit Birk in Streit zu kommen, kehrten Findling und Bob nach ihrem Gasthofe zurück.
Nach einem für die Eigenliebe des jungen Piborne so unerquicklichen Auftritte schien es das beste, Bray schleunigst zu verlassen. Es mußte immerhin eine unangenehme Geschichte werden, wenn der Geschlagene, obwohl er der Angreifer war, Klage erhob. Bei richtiger Beurtheilung der menschlichen Natur hätte sich Findling freilich sagen müssen, daß der thörichte und eitle junge Mann sich hüten würde, ein Abenteuer, um dessenwillen er erröthen mußte, unter die Leute zu bringen. Da er dessen aber nicht ganz sicher war, beglich er seine Rechnung, spannte Birk vor den jetzt leeren Karren, und bald nach acht Uhr hatten Bob und er Bray schon verlassen.
Sehr spät am Abend desselben Tages kamen unsre jungen Reisenden in Dublin an, nachdem sie binnen drei Monaten von Cork aus eine Strecke von fast zweihundertfünfzig Meilen zurückgelegt hatten.
Dublin!... Findling in Dublin!... Jetzt gleicht er dem Thespisjünger, der sich zum ersten Male in großen Rollen versucht oder von einer umherziehenden Gesellschaft an die Bühne der Großstadt übergeht.
Dublin, die Hauptstadt Irlands, hat eine Bevölkerung von dreihundertfünfundzwanzigtausend Seelen. Verwaltet von einem Lordmajor, der gleichzeitig Chef des Militärwesens und damit überhaupt der zweithöchste Beamte der Insel ist, während ihm vierundzwanzig Aldermen, zwei Sheriffs und hundertvierundvierzig Räthe zur Seite stehen, gehört Dublin mit zu den bedeutendsten Städten des britischen Inselreichs. Handelsthätig mit seinen Docks, gewerbfleißig mit seinen Fabriken, wissenschaftlich hervorragend mit seiner Universität und seinen Schulen, reichen hier dennoch weder die Workhouses für die Armen, noch dieRagged-Schoolsfür die Verlassenen und Waisen aus.
Da er auf die letzteren beiden Anstaltsorte keine Ansprüche zu machen gedachte, mußte Findling also ein Gelehrter, ein Kaufmann oder Gewerbtreibender werden, wenn ihn die Zukunft nicht etwa zum Rentier machte.
Cork verlassen zu haben, bedauerte unser junger Held gewiß nicht, und furchtsam machte es ihn nicht, den Vorschlägen Grips, die ja mit seinen geheimen Wünschen so schön übereinstimmten, gefolgt zu sein. Auch der Gedanke, daß der Kampf ums Dasein bei den vielen Mitbewerbern hier weit schwerer werden müsse, vermochte ihn nicht zu ängstigen – er war mit Vertrauen von Cork abgereist und sein Vertrauen war unterwegs nicht erschüttert worden.
Die Grafschaft Dublin gehört zur Provinz Leinster. Bergig im Süden, eben oder wellenförmig im Norden, erzeugt sie vor allem viel Lein und Hafer. Hierin liegt indeß die Quelle ihres Reichthums nicht. Diesen verdankt sie dem Meere, dem Seehandelsverkehr, der sich auf eine Jahresbewegung von zwölftausend Schiffenmit dreiundeinhalb Millionen Tonnen beziffert. Hiermit nimmt Dublin unter allen Häfen des Vereinigten Königreichs die siebente Rangstufe ein.
Die Bai von Dublin, an der sich die elf Meilen im Umfang messende Stadt erhebt, hält den Vergleich mit den schönsten in Europa aus. Sie erstreckt sich vom Hafen Kingstown im Süden bis zum Hafen Howth im Norden; der von Dublin selbst wird durch die Mündungen der Liffey gebildet. Zwei zur Abhaltung der Versandung bis weit hinaus vorgeschobene »Walls« haben die Barre, die sonst den Zugang zum Hafen erschwerte, beseitigt und gestatten jetzt Schiffen bis zu zwanzig Fuß Tiefgang die Fahrt auf dem Flusse bis zur ersten (der Carlisle-) Brücke hinauf.
Vom Meere aus, bei einem sonnigen Tage mit klarer Luft, muß man nach dieser Hauptstadt kommen, um das prächtige Gesammtbild mit einem Blicke erfassen zu können. Bob und Findling hatten sich dieses Glücks nicht zu erfreuen gehabt. Die Nacht war finster und die Atmosphäre dunsterfüllt, als sie die ersten Häuser einer Vorstadt von Dublin erreichten, nachdem sie der Straße längs der Bahnlinie, auf der man von Kingstown aus die Hauptstadt binnen zwanzig Minuten erreicht, nachgegangen waren.
Der Anblick der unteren Quartiere der Stadt in trübem, nur von wenigen Gasflammen unterbrochenem Dunste war keineswegs einladend zu nennen. Der von Birk gezogene Wagen bewegte sich durch enge, verwickelte Gassen dahin. Ueberall schmutzige Häuser, geschlossene Läden und offnepublics houses, überall eine Menge obdachloser Armer oder ein Gedränge ganzer Familien in qualmerfüllten Spelunken, und das widerwärtige Bild der Trunkenheit, vor allem der vonWhisky, der den schlimmsten Rausch verursacht und so oft Streitigkeiten, Beleidigungen und Gewaltthätigkeiten erzeugt.
Die beiden Knaben hatten so etwas auch anderswo gesehen, darüber erstaunten sie also nicht besonders. Wie zahlreich lungerten hier aber auch Kinder ihres Alters herum, die auf den Stufen und Ecksteinen saßen oder Abfälle durchwühlten – alle barfuß, ohne Kopfbedeckung und mit jämmerlichen Lumpen umhüllt! Bob und Findling kamen an einer, jetzt schwer zu überblickenden großen Kirche vorbei, einer der beiden phantastischen Kathedralen, die mit den Millionen des großen Brauers Leo Guineß und des großen Branntweinbrenners Roe wieder hergestellt worden war. Von dem gewaltigen Thurme mit seiner achteckigen Spitze, die von den Bewegungen seines achtstimmigen Glockenspiels ins Schwanken kommt, schlug gerade die neunte Stunde.
Von der langen und schnellen Wanderung von Bray bis hierher ermüdet, hatte Bob im Karren Platz genommen. Findling schob diesen zur Entlastung Birks. Er suchte ein Unterkommen für die Nacht, bereit, es am folgenden Tage, wenn nöthig, umzutauschen. Ohne es zu wissen, durchzog er den Stadttheil, der »die Freiheiten« genannt wird, nahe dem Eingang der Hauptstraße Saint-Patrick, die von der erwähnten Kathedrale bis zur andern, Christ-Church, hin verläuft. Es ist das eine breite, mit Häusern, die früher als comfortabel galten, besetzte Straße, auf die ungesunde Gassen, schmutzige »Lanes« einmünden. Diese sind angefüllt mit erbärmlichen Höhlen, mit Löchern, denen gegenüber man die Hütte der Hard noch vorgezogen hätte. Findling erinnerte sich dieser mit heimlichem Entsetzen.Und doch befand er sich ja nicht in einem Dorfe von Donegal, sondern in Dublin, der Hauptstadt der Smaragdnen Insel, und er besaß jetzt mehr verdiente Guineen, als alle diese Bettelkinder Farthings in der Tasche haben mochten. Er suchte auch nicht nach einem jener verdächtigen Häuser, wo es mit der Sicherheit sehr zweifelhaft bestellt ist, sondern einen bescheidnen Gasthof, in dem Nachtlager und Nahrung für einen bescheidnen Preis zu haben waren.
Das fand er zufällig in der Mitte der Saint-Patrick-Street, ein Gasthaus von bescheidnem, aber ordentlich erscheinendem Aeußern, in dem der Karren in einem Schuppen Platz fand. Nach dem Abendessen stiegen die Knaben nach ihrem engen Kämmerchen hinauf, und in dieser Nacht hätten alle Glockenspiele der Kathedrale, aller Lärm der Freiheiten ihren Schlaf nicht zu stören vermocht.
Am folgenden Tage standen sie frühzeitig auf; sie wollten auf Recognoscierung ausgehen und vorzüglich vielleicht Grip aufsuchen, was ja nicht schwierig sein konnte, wenn der »Vulcan« in seinem Heimathafen wieder zurück war.
»Birk nehmen wir doch mit? fragte Bob.
– Natürlich, antwortete Findling, er muß doch die Stadt kennen lernen.«
Birk ließ sich darum nicht bitten.
Dublin bildet ein Oval, dessen großer Halbmesser drei Meilen beträgt. Die von Westen nach Osten fließende Liffey scheidet es in zwei fast gleich große Theile. An ihrer Mündung verbindet sich der Strom mit einem, die Stadt umrahmenden doppelten Canal – im Norden dem Royal-Canal, der sich an der Midland-Great-Western hinzieht, im Süden dem Grand-Canal, der bisGalway reicht und den Atlantischen Ocean mit dem Irischen Meere verbindet.
Die Saint-Patrick-Street zählt unter ihren Bewohnern – und zwar als den wohlhabensten – zahlreiche jüdische Trödler. Von diesen Händlern entnehmen die Paddys der untern Volksclassen alles, was zu ihrer sehr primitiven Kleidung gehört, ausgebesserte Leibwäsche, abgetragene Röcke, Hosen mit aufgesetzten andersfarbigen Flicken, unbeschreibbare Männerhüte und Frauenhüte mit unmöglichen Federn. Hier versetzen die Leute auch ihre Lumpen für wenige Pence, die sie dann in den benachbarten »Inns« schnellstens vertrinken, wo Whisky und Gin verschänkt werden. Jene Kramladen erregten schon die Aufmerksamkeit Findlings.
Jetzt zu früher Morgenstunde waren die Straßen fast menschenleer. Man steht spät auf in Dublin, wo es übrigens nicht viel Industrie giebt. Werkstätten findet man fast gar nicht, außer den Etablissements, die Seide, Flachs, Wolle und vor allem Popeline (Halbseidenstoffe) erzeugen, deren Fabrication einst durch Franzosen eingeführt wurde, welche in Folge der Aufhebung des Edicts von Nantes hier eingewandert waren. Brauereien und Brennereien stehen dagegen in hoher Blüthe. Hier erhebt sich die großartige und weitberühmte Whiskybrennerei von Roe, dort die ausgedehnte Stoutbrauerei von Guineß, die einen Werth von hundertzwanzig Millionen Mark haben soll und die durch unterirdische Canäle mit dem Victoria-Dock in Verbindung steht, von wo hunderte von Schiffen ausgehen, die das Bier nach beiden Welten befördern. Ist aber die Industrie dürftig, so nimmt der Handelsverkehr wenigstens immer mehr zu, und was die Ausfuhr von Schweinen und Rindern betrifft, hat sich Dublin unter den Häfen desVereinigten Königreichs sogar zum ersten Range emporgeschwungen.
Findling wußte das, da er den volkswirthschaftlichen Theil der Zeitungen und Broschüren, die er verkaufte, stets zu lesen pflegte.
Während sie nach der Liffey wanderten, verloren Bob und er nichts Bemerkenswerthes aus den Augen. Bob schwatzte unterwegs nach alter Gewohnheit.
»O, diese Kirche!... Ah, dieser Platz!... Welch' ungeheures Gebäude!... Welch' schöner Square!«
Das genannte Gebäude war die Börse, die Royal-Exchange. In der Dame-Street lag die City-Hall, die Commercial Building, der Sammelplatz für die Kaufleute der Stadt. Weiterhin erschien das Schloß auf dem Rücken des Cork-Hill, mit seinem großen, zinnengekrönten Thurm und den schwerfälligen Backsteinmauern. Früher ein von Elisabeth ausgebautes Festungswerk, dessen Spuren man kaum noch wiederfindet, dient es jetzt als Amtswohnung des Lord-Lieutenant und als Sitz der Civil-Militärbehörden. Darunter breitet sich Steffen-Square aus mit einer Reiterstatue Georgs I., die von üppigen Rasenplätzen und schönen Bäumen umgeben ist. Die Einfassung des Square aber bilden ebenso traurige wie symmetrische Häuser, unter denen der Palast des protestantischen Erzbischofs und der Boardroom die umfänglichsten sind. Weiter nach rechts liegt dann der Merrion-Square, wo sich die alte Ritterburg von Leinster, das Hôtel der königlichen Gesellschaft, mit korinthischer Façade und dorischem Vestibül erhebt und an dem auch das Geburtshaus O'Connell's liegt.
Findling ließ Bob plaudern und gab sich seinen Gedanken hin. Er bemühte sich, aus dem, was er sah,einen praktischen Nutzen zu ziehen. Noch wußte er ja nicht, was er mit seinem kleinen Vermögen beginnen, welche Art von Handel er mit Aussicht auf Erfolg anfangen sollte.
Auf ihrem Wege durch die ärmlichen Straßen, die die bessern Quartiere umgeben, verliefen sich die Knaben mehr als einmal, so daß sie eine Stunde nach ihrem Aufbruche aus Saint-Patrick-Street noch nicht einmal die Quais der Liffey erreicht hatten.
»Einen Fluß giebt's hier also wohl gar nicht? fragte Bob wiederholt.
– Doch... einen Fluß, der in den Hafen mündet,« versicherte Findling.
Immer fast blindlings weitergehend, gelangten sie nach einer Gruppe vier Etagen hoher, aus Portland-Cement errichteter Gebäude, mit hundert Meter langer griechischer Façade, einem von vier korinthischen Säulen getragenen Fronton und mit zwei Eckpavillons mit Pilastern und Antiken. Um das Ganze erstreckt sich ein wirklicher Park, worin junge Leute dem Sport aller Art huldigten. Das Ganze war aber nicht etwa eine Art Turnanstalt, sondern die von Elisabeth gegründete Universität, das Trinity-College. Die jungen Leute hier waren irische Studenten, lauter eifrige Sportsmen, die sich an Kühnheit und Feuer mit ihren Kameraden von Oxford und Cambridge messen können. Das Ganze glich freilich nicht derRagged-Schoolvon Galway, und der Vorsteher hier mochte wohl eine ganz andre Persönlichkeit sein, als jener O'Bodkins.
Bob und Findling wandten sich von hier aus weiter nach rechts, und sie hatten kaum hundert Schritte gemacht, als der kleine Knabe jubelnd ausrief:
»Dort... dort sehe ich Masten!
– Also, Bob, muß auch ein Strom dort sein!«
Von den Masten sah man zunächst freilich nur die über die Häuser am Quai hinausragenden Spitzen. Deshalb suchten sie sich also eine nach der Liffey hinabführende Straße, wobei ihnen Birk, mit der Nase an der Erde schnüffelnd, als hätte er eine Spur gewittert, lustig vorauslief.
Ihm schnell folgend, schenkten sie der Christ-Church-Kathedrale nur einen flüchtigen Blick. Diese liegt aber von der ersten Kathedrale nur durch die Länge der Saint-Patrick-Street getrennt – ein Beweis für die weiten Umwege, die die Knaben gemacht hatten. Letztere ist übrigens eine recht bemerkenswerthe Kirche, erbaut im 13. Jahrhundert in Form eines lateinischen Kreuzes, mit Nebenthurm und spitzen Dachreitern u. s. w. Doch sie näher zu betrachten, dazu fand sich wohl immer noch einmal Zeit.
Endlich erreichten Findling und Bob das rechte Ufer der Liffey.
»O, wie schön das ist, rief der eine.
– Etwas so Schönes haben wir noch nie gesehen!« meinte der andre.
In Limerick wie in Cork, am Shannon wie an der Lee würde man freilich das herrliche Bild granitner Quais, die mit prächtigen Gebäuden besetzt sind, vergeblich suchen – zur Rechten die von Ushers-Aleschants, von Word und von Essex, zur Linken die von Ellis, Avan, von Kings-Inn und andre.
Hier gingen die Seeschiffe indeß nicht vor Anker. Ihr Mastenwald erhob sich weiter stromabwärts in einem tiefen Einschnitt des linken Ufers der Liffey.
»Das sind dort jedenfalls die Docks? sagte Findling.
– Ei, komm, dahin gehen wir sofort!« antwortete Bob, dessen Neugier das Wort »Dock« erregte.
Die beiden Hälften von Dublin stehen durch neun Strombrücken in bequemer Verbindung, und die östlichste davon, die Carlisle-bridge – gleichzeitig die bedeutendste – führt unmittelbar von der Westmoreland-Street auf der einen, nach der Sackeville-Street auf der andern Seite.
In die letztere bogen die Knaben nicht ein, denn das hätte sie zu weit von den Docks weggeführt. Dagegen musterten sie aufmerksam alle Schiffe, die unterhalb der Carlisle-bridge auf der Liffey lagen. Vielleicht fanden sie den »Vulcan« darunter. Den Dampfer Grips hätten sie ja unter Tausenden erkannt.
Der »Vulcan« lag aber nicht an den Quais der Liffey. Vielleicht war er noch gar nicht zurückgekehrt, vielleicht ankerte er inmitten der Docks oder war wegen nothwendiger Ausbesserungen ins Trockendock gegangen.
Findling und Bob folgten dem Quai am linken Stromufer. In Gedanken an den »Vulcan« bemerkte der eine vielleicht gar nicht das Custom-house (Zollgebäude), ein mächtiges, viereckiges Bauwerk mit hundert Fuß hoher, von einer Statue der Hoffnung bekrönter Kuppel. Der andre dagegen blieb einen Augenblick in Betrachtung verloren stehen. Er dachte daran, ob wohl jemals auch Waaren von ihm hier der Zollbehandlung unterliegen würden. Ein erhebendes Gefühl mußte es sein, hier Frachtgüter, die aus fremdem Lande für ihn eingetroffen wären, in Empfang zu nehmen. Doch sollte ihm das jemals beschieden sein?
Die Knaben gelangten nach den Victoria-Docks. In dem Bassin, dem Herzen der Handelsstadt, dessen Venen nach allen Meeren hin ausstrahlen, lagen eineMenge Schiffe, die entweder ihre Ladung löschten oder aufs neue befrachtet wurden.
Da entfuhr Bob ein Schrei.
»Der »Vulcan«! Da... da!«
Wirklich lag der »Vulcan« an einem der Quais und nahm eben Fracht ein.
Bald darauf hatte Grip, der an Bord unbeschäftigt war, seine beiden Freunde gefunden.
»Endlich... seid Ihr da!« rief er, sie an sich drückend, als sollte er sie ersticken.
Alle drei gingen nun, um ungestörter plaudern zu können, am Quai wieder zurück nach dem Ufer des Royal-Canal zu, wo dieser in die Liffey einmündet.
Hier war es hübsch still.
»Seit wann seid Ihr denn in Dublin? fragte Grip, der beide Knaben an den Armen führte.
– Seit gestern Abend, erwiderte Findling.
– Erst?... Ich sehe, mein Boy, Du hast Dir Zeit genommen zu einem Entschlusse....
– Nein, das nicht, Grip; nach Deiner Abfahrt zögerte ich gar nicht mehr, Cork zu verlassen.
– Ja, das ist aber drei Monate her, und ich bin inzwischen zweimal in Amerika gewesen. Allemal, wenn ich nach Dublin kam, bin ich in der Hoffnung, Dich zu treffen, in der ganzen Stadt umhergelaufen... doch keine Spur von Findling oder dem Kleinen und Eurem Birk. Darauf hab' ich an Dich geschrieben. Hast Du keinen Brief von mir erhalten?
– Nein, Grip, jedenfalls, weil wir bei dessen Eintreffen gar nicht mehr in Cork waren. Wir befinden uns schon volle zwei Monate unterwegs.
– Zwei Monate, rief Grip. Nun sagt mir, welchen Zug habt Ihr denn hierher benützt?
– Welchen Zug? fragte Bob, den Heizer verwundert anschauend, den Zug mit unsern Beinen.
– Ihr habt die ganze Strecke zu Fuß zurückgelegt?
– Natürlich, und auch nicht einmal auf dem nächsten Wege.
– Zwei volle Monate unterwegs! rief Grip.
– Die uns aber nichts gekostet haben, versicherte Bob.
– Sondern die sogar ein hübsches Sümmchen einbrachten!« setzte Findling hinzu.
Sie berichteten Grip nun ausführlich über ihre Fahrt längs der Küste, über den Handel, den sie getrieben, und dabei wurde auch die Speculation Bobs mit dem Einfangen und Freilassen von Vögeln erwähnt.
Natürlich kam dabei der Aufenthalt in Bray, das Zusammentreffen mit dem Erben der Piborne's, dessen tadelnswerthes Auftreten und was darauf folgte, mit zur Sprache.
»Du hast ihn doch ordentlich durchgeprügelt? fragte Grip.
– Nein, der erbärmliche Ashton war mehr dadurch gestraft, daß er unter meinen Knien auf der Erde lag, als wenn ich ihn geschlagen hätte.
– Das ist gleichgiltig, ich hätte ihm noch einen Denkzettel obendrein gegeben,« erklärte der erste Heizer des »Vulcan«.
Inzwischen spazierte das fröhliche Kleeblatt am rechten Ufer des Canals hinauf. Grip wollte immer weitere Einzelheiten hören. Seine Bewunderung Findlings suchte er gar nicht zu verbergen. Was der schon alles vom Handel verstand!
Er wußte zu kaufen, zu verkaufen und Buch und Rechnung zu führen... mindestens ebensogut wie O'Bodkins. Und als Findling ihm mitgetheilt hatte, daß er jetzt ein Capital von hundertfünfzig Pfund »in der Casse« hatte, rief er verwundert:
»Alle Wetter, da bist Du ja ebenso reich wie ich, mein Junge!... Nur daß ich sechs Jahre gebraucht habe, diese Summe zu erwerben, und Du nur sechs Monate!... Ich wiederhole Dir, was ich schon damals in Cork sagte, Du wirst Geschäfte machen... wirst ein Vermögen ansammeln...
– Wo denn? fragte Findling.
– Ueberall, wohin Du gehst, versicherte Grip mit dem Tone vollster Ueberzeugung. In Dublin, wenn Du hier bleibst... irgendwo, wenn Du wo anders hingehst.
– Und ich? ließ Bob sich vernehmen.
– Du auch, Knirps, vorzüglich wenn Du öfters so gute Ideen hast, wie die mit den Vögeln.
– Daran soll's nicht fehlen, Grip.
– Und wenn Du nichts unternimmst, ohne Dich mit dem Patron zu besprechen...
– Mit wem?... Dem Patron?...
– Natürlich mit Findling! Erscheint er Dir denn etwa nicht wie ein richtiger Patron oder Principal?...
– Ja, ja, davon plaudern wir noch mehr....
– Doch erst nach dem Frühstück, meinte Grip. Für heute bin ich ganz frei. Ich kenne die Stadt durch und durch und will Euch durch Dublin lootsen. Da wirst Du auch sehen, Findling, was hier am besten zu thun ist.«
Das Frühstück wurde in einer Matrosenschenke am Quai eingenommen und mundete vortrefflich, wenn auch die Leckerbissen des unvergeßlichen Festmahls in Cork dabei nicht wieder auf den Tisch kamen. Grip erzählte von seinen Reisen. Bob lauschte seinen Worten mit Entzücken, Findling immer nachsinnend. – Der Knabe machte wirklich den Eindruck, als ob er gleich zwanzig Jahre alt geboren wäre und jetzt im dreißigsten Jahre stände.
Hierauf führte Grip seine beiden Freunde nach der Mitte der Stadt, in die Gegend der Liffey. Hier erhob sich das reiche Quartier Dublins, das umsomehr von den andern absticht, als es an einem vermittelnden Uebergang von den Hütten zu den Palästen gänzlich fehlt. Einen Mittelstand giebt es in der Hauptstadt Irlands nicht. Luxus und Armuth stoßen sich mit dem Ellbogen. Das reiche Stadtviertel erstreckt sich vom Flusse aus bis nach dem Stephens-Square, wo die vornehme Bürgerschaft wohnt, die sich zwar durch seine Sitten und Bildung auszeichnet, leider aber durch religiöse und politische Streitfragen in zwei Lager zerfällt.
Eine der schönsten Straßen ist hier die Sackeville-Street. Hier hat auch das Centralcomité der Landliga seinen Sitz, der durch ein Schild mit goldnen Buchstaben gekennzeichnet ist.
In der herrlichen Straße wimmelt es freilich auch von Armen, die überall herumsitzen und am Fuße der Denkmäler stehen. Findling fühlte sich recht sehr davon ergriffen. Was in dem Quartier Saint-Patrick vielleicht natürlich erschien, bildete in der schönen Sackeville-Street einen gar zu schreienden Contrast.
Auffallend war hier auch die erstaunliche Menge von Kindern, die alle Zeitungen, wie die Gazette deDublin, den Dublin Expreß, die National Preß, Freemann's Journal, die hauptsächlichsten protestantischen und katholischen Blätter und noch manche andre zum Verkauf ausboten.
»Seh' einer, bemerkte Grip, die vielen kleinen Händler auf den Straßen, an den Bahnhöfen und den Quais!
– Ja freilich, an ein solches Geschäft ist hier gar nicht zu denken, antwortete Findling. In Cork ging das ganz gut, hier dürfte es fehlschlagen.«
In der That machte es die übermäßige Concurrenz sehr wahrscheinlich, daß der früh morgens gefüllte Karren Birks am Abend auch noch voll gewesen wäre. Auf dem weiteren Spaziergange entdeckten sie nun noch andre schöne Straßen mit prächtigen Gebäuden, so die Post-Office, deren Mittelporticus auf einer Reihe jonischer Säulen ruht. Findling dachte beim Anblick derselben an die unendliche Menge von Briefen, die hier zusammenströmen oder von hier ausgehen.
»Dieses Haus hat man auch für Deinen Gebrauch gebaut, mein Boy, sagte Grip, denn hier werden Deine Briefe eingehen mit der Adresse: »Master Findling, Kaufmann in Dublin.«
Der Knabe konnte nicht umhin, über den Enthusiasmus seines alten Gefährten aus derRagged-Schoolzu lachen.
Fernerhin kamen die drei Freunde nach dem Gebäude der vier unter einem Dache vereinigten Gerichtshöfe, mit seiner dreiundsechzig Toisen langen Front und der von zwölf Fenstern unterbrochenen Kuppel, die heute dann und wann von einem Sonnenstrahl erglänzten.
»Ich hoffe, ließ Grip sich vernehmen, daß Du mit dem großen Hause da niemals etwas zu thun hast!
– Und warum nicht?...
– Weil das auch ein Heizraum ist, wie der auf dem »Vulcan«, nur daß man hier keine Steinkohlen verbrennt, sondern Verklagte langsam schmoren läßt, wobei Solicitors, Attorneys, Proctors und andre Händler mit Gesetzen einheizen... einheizen....
– Man kann kein Geschäft machen, ohne einmal in einen Proceß zu gerathen, Grip.
– Jedenfalls bemühe Dich, deren so wenig wie möglich zu haben. Es kostet einem viel Geld, wenn man sie gewinnt, und ruiniert einen, wenn man sie verliert!«
Es klang, als wenn Grip aus Erfahrung spräche. Wie wechselte er aber den Ton, als alle drei ein rundes Gebäude bewunderten, das durchweg einen dorischen Styl zeigte.
»Die Bank von Irland! rief er grüßend. Da hinein, mein Boy, solltest Du einmal recht häufig zu gehen haben. Da drinnen stehen Geldschränke so groß wie Häuser! Möchtest Du nicht in einem solchen wohnen, Bob?
– Sind die aus Gold?
– Nein, doch was darin steckt, ist Gold.... Ich hoffe bestimmt, daß Findling hier einmal seine Gelder anlegen wird!«
Grip übertrieb wie immer, wenn er auch nur seiner festen Ueberzeugung Ausdruck gab. Findling hörte ihm nur halb zu, während er das geräumige Gebäude betrachtete, worin nach Grips Aussage ein Haufe von Millionen auf dem andern liegen sollte.
Weiterhin führte der Weg wiederholt aus den Straßen des Elends in die des prunkenden Luxus; hier die reichen Leute, die zum Vergnügen lustwandelten,dort die Armen, die die Hand ausstreckten, ohne sich gerade Mühe zu geben, die Vorübergehenden zu rühren. Ueberall Polizisten mit dem Skiff in der Hand und zur besseren Sicherheit der Schwesterinsel den Revolver im Gürtel, eine Vorsicht, die bei der leidenschaftlichen politischen Erregung hier allerdings geboten erscheint. Die Irländer vertragen sich untereinander nur, so lange keine religiöse oder eine Home-rule betreffende Frage sie nicht gegeneinander aufhetzt. Dann gerathen sie ganz außer sich, dann fließt nicht mehr das Blut der alten Gaëler in ihren Adern und sie sind so weit unter einander uneinig, daß sie ein Sprichwort ihres Landes bestätigen, welches lautet: Setzt einen Irländer an den Bratspieß, so wird sich stets ein andrer einfinden, um diesen zu drehen.
Bei ihrem Ausfluge zeigte Grip seinen kleinen Freunden auch eine große Menge Statuen. Noch ein halbes Jahrhundert, und es sind ihrer so viele wie Einwohner in der Stadt. Da steht in Bronze oder Marmor eine ganze Bevölkerung von Wellington, O'Connell, O'Brien, Burke, Goldsmith, Grawan, Thomas Moore, Crampton, Nelson, der Wilhelme von Oranien und der Könige Georg, von denen vor der Hand erst vier vorhanden sind. Noch niemals hatte Findling oder Bob eine solche Versammlung berühmter Persönlichkeiten auf ihren Piedestalen gesehen.
Dann unternahmen sie eine Fahrt mit der Trambahn und während der Wagen an verschiedenen Gebäuden, die ihre Aufmerksamkeit erregten, vorüberrollte, fragten sie Grip darüber, der allemal Auskunft zu geben wußte. Einmal war es das Gefängniß, wo man die Leute einsperrt, und dann wieder Workhouses, wo mansie gegen sehr geringe Entschädigung zum Arbeiten zwingt.
»Und das da?... erkundigte sich Bob, auf ein sehr großes Haus in der Coombe-Street zeigend.
– Das?... antwortete Grip; das ist dieRagged-School«.
Das Wort erweckte in Findling manch' trübe Erinnerung. Hatte er unter einem solchen traurigen Dache aber einst auch viel gelitten, so hatte er daselbst doch Grip kennen gelernt... und das hob sich auf. Jene Mauern bargen also eine Schaar verlassner Kinder! Mit ihrem blauen Jersey, dem grauen Beinkleid und derben Schuhen an den Füßen, nebst einem Barret auf dem Kopfe, glichen sie freilich nicht im geringsten den zerlumpten Knaben in Galway, um die sich O'Bodkins so wenig bekümmerte. Hier bemühte sich die »Missionsgesellschaft der Irischen Kirche«, die Eigenthümerin der Schule, ihre Zöglinge nicht nur körperlich und geistig zu erziehen, sondern ihnen auch die Glaubenssätze der anglicanischen Kirche einzupflanzen, und ähnliche Ziele verfolgen mit den gleichen Mitteln auch verschiedne katholische religiöse Vereine.
Immer unter Leitung ihres Führers verließen Findling und Bob endlich die Trambahn am Eingang eines im Westen der Stadt gelegenen Gartens, der auf jener Seite von der Liffey begrenzt wird.
Ein Garten ist es weniger, vielmehr ein großer Park von eintausendsiebenhundertundfünfzig Acres (709 Hektaren), der Phönix-Park, auf den Dublin mit Recht stolz ist. Dickichte von herrlichen Ulmen, saftige Rasenflächen, auf denen Kühe und Schafe weiden, dichte Gebüsche, in denen sich Ziegen tummeln, große Beete mit prächtigen Blumen, freie Plätze für Paraden, geräumigeFlächen für das Fußball- und das Polospiel... nichts fehlt diesem mitten in einer Stadt gelegenen Stück Landschaft. Unfern der großen Mittelallee erhebt sich die Residenz des Lord-Lieutenant, neben der sich eine Schule und ein Krankenhaus für das Militär sowie ein Artilleriehof mit Kaserne befinden.
Der Phönix-Park ist freilich auch der Schauplatz mancher Mordthat gewesen, und Grip zeigte den Knaben zwei Einschnitte in Form eines Kreuzes, wo kaum drei Monate vorher, am 6. Mai und fast unter den Augen des Lord-Lieutenant, der Dolch der Unbezwinglichen den Staatssecretär von Irland und den Untersecretär, Burke und Lord Frederick Cavendish, tödtlich getroffen hatte.
Ein Spaziergang durch den Phönix-Park bis zu dem hier angeschlossenen Zoologischen Garten beendigte diesen Ausflug durch die Stadt. Es war um fünf Uhr, als die Knaben von Grip Abschied nahmen, um nach ihrem Gasthaus in der Saint-Patrick-Street zurückzukehren, nachdem sie übereingekommen waren, sich alle drei jeden Tag bis zur Abfahrt des Dampfers zu treffen.
Als sie sich trennen wollten, sagte Grip noch zu Findling:
»Nun, mein Boy, ist Dir denn im Laufe dieses Nachmittags ein guter Gedanke gekommen?
– Ein Gedanke, Grip?...
– Nun ja, hast Du Dich für etwas entschieden, was Du anfangen willst?
– Was ich anfangen will... nein, das noch nicht, doch was ich nicht anfangen will, ja. Unsern Straßenhandel wie in Cork wieder aufzunehmen, das ist hier aussichtslos. Für den Verkauf von Zeitungen und Broschüren giebt es zu viel Concurrenz.
– Das mein' ich auch, sagte Grip.
– Ob wir mit dem Karren durch die Straßen fahren sollen... das weiß ich nicht... welcherlei Waaren sollte man da verkaufen?... Auch solche fahrende Händler giebt es schon sehr viele. Nein, es erscheint mir das rathsamste, gleich einen kleinen Laden zu miethen....
– Jetzt bist Du auf dem richtigen Wege, mein Boy!
– Einen Laden in einem Stadttheil mit lebhaftem Verkehr... nicht von reichen Leuten... so etwa in einer Straße der Freiheiten....
– Ganz vortrefflich! rief Grip.
– Was sollen wir da aber verkaufen? fragte Bob.
– Lauter nützliche Dinge, antwortete Findling, alles, was täglich gebraucht wird....
– Also etwas zum Essen? meinte Bob, zum Beispiel Kuchen, nicht wahr?
– Das Leckermäulchen! rief Grip. Kuchen gehören doch nicht zu den nützlichen Dingen....
– O doch, weil sie gut schmecken.
– Das genügt nicht, vor allem müssen die Dinge nothwendig sein, erwiderte Findling. Doch... das wird sich finden. Erst will ich mir das Quartier da unten noch ansehen. Allem Anscheine nach machen die Händler daselbst gar nicht so schlechte Geschäfte. Ich denke, so eine Art Bazar....
– Ein Bazar... richtig! jubelte Grip, der schon den großen, reich ausgestatteten Laden Findlings mit glänzender Firma vor sich sah.
– Ich werde mir's überlegen, Grip. – Nur nicht überhasten! Ehe man sich entscheidet, muß man alles reiflich erwägen.
– Und vergiß nicht, mein Boy, daß ich mein ganzes Geld zu Deiner Verfügung stelle. Ich weiß sowie so nicht, was ich damit anfangen soll, und wirklich, es belästigt mich nicht wenig, es immer bei mir zu tragen....
– Warum legst Du es denn nicht an, Grip...?
– Ja, gern, bei Dir... Willst Du es?
– Wir werden sehen, vielleicht später... wenn unser Handel gut geht. Für jetzt fehlt mir ja nur mehr das Haus, in dem ich einen Laden eröffnen könnte, und wo nicht zu viel Risico dabei wäre...
– Keine Angst, mein Boy! Ich sage Dir, Du erwirbst Dir ein Vermögen, das weiß ich gewiß! Ich sehe Dich schon im Besitz von hunderten, von tausenden Pfund Sterling...
– Wann fährt denn der »Vulcan« ab, Grip?
– Etwa in acht Tagen.
– Und kehrt hierher zurück?
– Nicht vor Verlauf von zwei Monaten, denn wir wollen nach Boston, Baltimore, ich weiß nicht, wohin, oder vielmehr überall hin, wo Fracht einzunehmen...
– Und hierher zu bringen ist!« rief Findling mit heimlichem Neide.
Endlich trennten sie sich. Grip wandte sich nach den Docks zu, während Findling mit Bob und Birk die Brücke über die Liffey überschritt, um nach Saint-Patrik zurückzugelangen.
Wie vielen Armen beiderlei Geschlechts begegneten sie da, doch auch wie vielen, die von übermäßig genossenem Whisky und Gin widerwärtig dahinschwankten!
Wozu hatte es genützt, daß der Erzbischof Johann bei einem 1186 in der Hauptstadt Irlands abgehaltenen Concil so wüthend gegen die Trunksucht gedonnert hatte? Sieben Jahrhunderte später trank Paddy nochimmer über die maßen und weder ein andrer Erzbischof noch ein andres Concil dürfte jemals im Stande sein, diesen traurigen Erbfehler auszurotten.