XIV.Das Meer von drei Seiten.

– Nein... mir scheint, Sie kennen ihn nicht, antwortete Kat mit einem Blicke auf Grip, der die Augen niederschlug.

– Und... der... der gefällt auch Mamsell Sissy? fragte er, wobei ihm die Worte halb in der Kehle stecken blieben.

– Ja, wer kann das wissen? Bei Leuten, die nicht von der Leber weg reden...

– Herr Gott, was giebt es doch für Schwachköpfe! rief Grip.

– Ja, das find' ich allerdings auch!« stimmte die gute Kat ihm zu.

Auch dieser Wink mit dem Zaunpfahle verhinderte den Heizer nicht, acht Tage später mit abzufahren. Als er am 29. October wiederkam, sah man's ihm auf dem Gesicht an, daß er einen großen Entschluß gefaßt hatte, nur gelang es ihm noch nicht, diesen in Worte zu kleiden.

Jetzt hatte er freilich genügende Zeit dazu. Der »Vulcan« sollte zwei Monate lang hier liegen bleiben, um verschiedene nothwendig gewordene Reparaturen daran auszuführen, und zwei Monate reichen doch übrig dazu, ein einziges kleines Wort auszusprechen.

»Mamsell Sissy ist doch noch nicht verheiratet? hatte er die Kat beim ersten Besuche gefragt.

– Das noch nicht... lange wird's aber nicht mehr dauern... Es brennt schon!« antwortete darauf die gute Frau.

Nach Abtakelung des »Vulcan« hatte Grip an Bord selbstverständlich nichts zu thun, und folglich hielter sich sehr häufig – sagen wir lieber immer – im Bazar von Little Boy auf. Höchstens wenn er hier gleich wohnte, hätte er noch mehr daselbst sein können. Während seiner ganzen Urlaubszeit kamen die Sachen jedoch keinen Schritt weiter.

Als die Reparaturen des »Vulcan« in der dazu bestimmten Frist beendigt waren, sollte er eine Woche später wieder in See gehen. Und dieser Schwachkopf von Grip hatte den Mund noch immer nicht aufgethan – wenigstens nicht, um das zu sagen, was man von ihm erwartete.

Da ereignete sich in der ersten Decemberwoche ein unerwarteter Zwischenfall.

Ein an O'Brien gerichteter Brief, die Antwort auf dessen letzte Anfrage in Australien, brachte folgende Nachrichten:

Martin und Martine Mac Carthy, Murdock, dessen Frau und Töchterchen, sowie Sim und Pat, die jenen gefolgt waren, hatten sich in Melbourne zur Rückkehr nach Irland wieder eingeschifft. Das Glück war ihnen auch hier nicht günstig gewesen und sie kamen ebenso elend heim, wie sie einst fortgegangen waren. Das Emigrantenschiff, auf dem sie sich befanden, der Segler »Queensland«, konnte vor Ablauf von drei Monaten in Queenstown schwerlich eintreffen.

Unsern Findling betrübten diese Nachrichten recht schmerzlich, meldeten sie ihm doch, daß die Familie Mac Carthy auch heute noch unglücklich, ohne Arbeit und ohne Mittel sei. Er sollte aber wenigstens seine Adoptiveltern wiedersehen, sollte endlich die Genugthuung haben, ihnen beistehen zu können. Ja, wenn er zehnmal so vermögend gewesen wäre, um ihre Lage zehnmal besser gestalten zu können!

Den Brief, den er sich von O'Brien erbeten hatte, verschloß er in seinem Schreibtische, und – wunderbar! – von jenem Tage ab erwähnte er desselben mit keiner Silbe und sprach auch überhaupt nicht mehr von den früheren Pächtern von Kerwan.

Jene Nachrichten übten aber einen unerwarteten Einfluß auf Grip aus. Das Menschenherz bleibt ja immer gleich, selbst in der Brust eines ersten Heizers. Da sollten die Mac Carthy's heimkehren, die beiden Brüder Sim und Pat, gewiß jetzt ein paar prächtige Burschen, die Findling fast wie leibliche Brüder liebte... wer konnte wissen, ob er nicht einem von diesen diejenige, die fast seine Schwester war, zugedacht hatte? Kurz, Grip wurde eifersüchtig, entsetzlich eifersüchtig, und am 9. December war er fest entschlossen, der Ungewißheit ein Ende zu machen, als Findling ihn zur Seite nahm und sagte:

»Komm nach meinem Comptoir, Grip, ich habe mit Dir zu sprechen.«

Ganz bleich – er hatte das Vorgefühl, daß es sich um etwas sehr wichtiges handelte – folgte Grip der Aufforderung Findlings.

Als sie sich allein gegenüber saßen, begann der Chef des »Kleinen Geldbeutels« trocknen Tones:

»Ich werde mich voraussichtlich auf ein umfänglicheres Geschäft einlassen, und dazu braucht' ich Dein Geld.

– Na, meinte Grip, das giebt nicht sehr viel. Wie viel brauchst Du denn?

– Alles, was Du in der Sparcasse liegen hast.

– Nimm, was Du willst.

– Hier ist Dein Sparbuch. Du mußt es unterzeichnen, damit ich das Geld erheben kann.«

Grip schlug das Buch auf und unterschrieb.

»Was Deine Zinsen betrifft, fuhr Findling fort, sprech' ich davon jetzt nicht.

– Das ist auch nicht der Mühe werth....

– Nein, weil Du von heute an Theilhaber der Firma Little Boy and Co. bist.

– In welcher Eigenschaft?...

– Nun, als richtiger Associé.

– Ja... aber mein Schiff?

– Du verlangst Deine Entlassung.

– Und mein Beruf?

– Den giebst Du auf.

– Weshalb müßt' ich den aufgeben?

– Weil Du Sissy heiraten sollst.

– Heiraten?... Ich?... Die Mamsell Sissy! rief Grip, der das gar nicht fassen zu können schien.

– Ja, ja, sie will es selbst.

– Wa...s? Sie selbst wollte...

– Gewiß; und da es Dein Wunsch auch ist...

– Mein Wunsch... ich weiß nicht... freilich...«

Grip wußte gar nicht, was er antwortete, und hörte kein Wort mehr von dem, was Findling zu ihm sagte. Er ergriff seinen Hut, stülpte ihn auf den Kopf, nahm ihn wieder ab, legte ihn auf einen Stuhl und setzte sich dann selbst darauf, ohne es zu merken.

»Achtung, rief Findling lachend, nun wirst Du Dir zur Hochzeit einen neuen anschaffen müssen.«

Natürlich kaufte er gern einen andern Hut, doch wie er überhaupt zu dieser Heirat gekommen war, das begriff er nimmermehr. Lange Zeit konnte ihn niemand aus seiner Verwunderung reißen... nicht einmal Sissy. Doch, so etwas geht ja mit der Zeit vorüber.

Jedenfalls legte Grip am frühen Morgen des Weihnachtsheiligabends ganz schwarze Kleidung an, als ob er zu einer Beerdigung – und Sissy ein ganz weißes Gewand, als ob sie zu einem Balle gehen wollte. Findling, Bob und Kat zogen ebenfalls den Sonntagsstaat an, obwohl es Freitag war. Dann holten zwei Wagen alle an der Thür des »Kleinen Geldbeutels« ab, um sie nach der Kapelle in der Bedford-Street zu bringen. Und als Grip und Sissy eine halbe Stunde später das Gotteshaus wieder verließen, da waren sie plötzlich Mann und Frau geworden.

Außer dieser Kleinigkeit hatte sich nichts verändert, als die fröhliche Gesellschaft nach dem Bazar von Little Boy and Co. zurückkehrte. Sofort wurde der Verkauf wieder aufgenommen, denn am Abend vor Weihnachten konnte man doch der zahlreich herbeiströmenden Kundschaft einen so reichlich ausgestatteten Laden nicht verschließen.

Am 15. März, etwa drei Monate nach der Hochzeit Grips und Sissys, verließ der Schooner »Doris« den Hafen von Londonderry und stach bei günstigem Nordostwind ins Meer.

Londonderry ist die Hauptstadt der gleichnamigen Grafschaft, die im Norden Irlands an Donegal grenzt. Die Bewohner von London sagen Londonderry, weil diese Grafschaft fast gänzlich Körperschaften der Hauptstadtder Britischen Inseln gehört – freilich nur in Folge früherer Confiscationen – und weil Londoner Capital die Stadt wieder aus ihren Ruinen erstehen ließ. Paddy dagegen sagt, weil er nicht anders zu protestieren vermag, einfach Derry, und es wird ihn niemand darum tadeln wollen.

Der am linken Ufer und nahe der Mündung der Foyle gelegne Hauptort der Grafschaft ist eine bedeutendere Stadt. Ihre breiten, luftigen, gut unterhaltenen Straßen zeigen, trotz einer Bevölkerung von fünfzehntausend Seelen, nicht viel Verkehr. Man findet hier Spaziergänge an der Stelle der alten Wälle, eine bischöfliche Kathedrale auf einem Hügel und auch einzelne, kaum erkennbare Spuren der Abtei St. Columba und des Tempal More, eines merkwürdigen Gebäudes aus dem zwölften Jahrhundert.

Der belebte Hafen führt eine Menge Erzeugnisse aus, Waaren aller Art, Schiefer, Bier und Vieh, aber auch recht viele Auswandrer. Wie viele dieser von der Noth vertriebenen unglücklichen Irländer kehren aber schließlich in die Heimat zurück!

Es ist kein besondres Ereigniß, daß ein Schooner den Hafen von Londonderry verläßt, wo täglich Hunderte von Fahrzeugen die enge Bai des Lough-Foyle hinauf- und herabsegeln. Warum sollte also die Abfahrt der »Doris« auffallen bei einem Schiffsverkehr, der sich jährlich auf sechsmalhunderttausend Tonnen beläuft?

Das ist ja richtig. Die Goëlette verdient aber unsre besondre Aufmerksamkeit, weil sie »Cäsar und sein Glück« trug. Cäsar war in diesem Falle freilich Findling, und sein Glück (oder Vermögen) war die Ladung, die das Schiff nach Dublin bringen sollte.

Der jugendliche Chef von Little Boy and Co. befand sich an Bord der »Doris« aber aus folgenden Gründen:

Nach der Verheiratung Sissys und Grips war der »Kleine Geldbeutel« wegen des neuen Jahres sehr stark beschäftigt gewesen. Da galt es, die Inventur aufzustellen, die zahlreichen Käufer zu befriedigen, den Bazar noch mehr zu erweitern u. s. w. Grip war tüchtig ins Zeug gegangen, obgleich er sein eheherrliches Erstaunen noch nicht überwunden hatte. Der Gatte der reizenden Sissy zu sein, das erschien ihm immer noch wie ein Traum, der jeden Augenblick verschwinden könnte.

»Ich versichere Dir aber, daß Du verheiratet bist, sagte ihm Bob wiederholt.

– Ja, ja, Bob, es scheint mir auch so, und doch... manchmal kann ich's gar nicht glauben.«

Das Jahr 1887 begann also unter den günstigsten Verhältnissen. Findling konnte nur wünschen, daß alles in gleicher Weise fortginge; nur eine schwere Sorge drückte ihn: das Los der Mac Carthy's sicherzustellen, wenn die armen Leute den Fuß wieder auf irischen Boden setzen würden.

Ueber den »Queensland«, auf dem sie sich befanden, war bisher nichts zu hören gewesen, obwohl Findling alle Seeberichte aufmerksam verfolgte. Erst am 14. März fand er in der »Shipping-Gazette« folgende Zeilen:

»Der Dampfer »Burnside« hat am 3. laufenden Monats den Segler »Queensland« bei Assuncion getroffen.«

Segelschiffe, die von Süden her kommen, können ihre Fahrt nicht durch Benützung des Suezcanales abkürzen, denn es ist schwierig, ohne Maschinenkraft das Rothe Meer hinauf zu fahren. Der »Queensland«mußte also von Australien nach Europa den Weg ums Cap der Guten Hoffnung einschlagen und befand sich demnach jetzt noch auf hoher See. Bei günstigem Winde konnte er nach zwei bis drei Wochen in Queenstown eintreffen. Bis dahin hieß es also sich zu gedulden.

Die Begegnung der beiden Schiffe gab doch wenigstens einen Fingerzeig. Jedenfalls hatte Findling gut daran gethan, jene Nummer der »Shipping-Gazette« zu lesen, schon weil er dabei folgende Anzeige fand:

»Londonderry, den 13. März. – Uebermorgen, am 15. d., kommt die Ladung des Schooners »Doris« von Hamburg zur öffentlichen Versteigerung. Diese beträgt hundertfünfzig Tonnen und umfaßt Alkohol und Wein in Fässern, Kisten mit Seife, Ballen mit Kaffee, Säcke mit Gewürzen u. s. w. – Der Verkauf findet statt auf Antrag der Gläubiger, der Herren Gebrüder Harrington u. s. w.«

Findling kam beim Lesen dieser Annonce der Gedanke, daß hier vielleicht etwas zu verdienen sei, da die Fracht der »Doris« bei einer Auction voraussichtlich zu billigem Preise wegging. Die Art der Waaren paßte ja für sein eignes Geschäft, und so ging ihm die Sache so sehr im Kopfe herum, daß er O'Brien deshalb um Rath fragte.

Der Ex-Kaufmann durchlas die Anzeige, hörte die Erwägungen des Knaben an und antwortete nach einiger Ueberlegung:

»Ja, hier wäre wohl ein Geschäft zu machen. Alle diese Waaren ließen sich, wenn man sie billig ersteht, mit hübschem Nutzen verwerthen... doch unter zwei Bedingungen: erstens, daß sie tadelloser Qualitätsind, und zweitens, daß man sie fünfzig bis sechzig Procent unter dem Marktpreise erhält.

– Das ist auch meine Meinung, Herr O'Brien, antwortete Findling; es läßt sich etwas bestimmtes über die Sache nicht eher sagen, als bis man die Ladung der »Doris« selbst besichtigt hat. Ich denke noch heute Abend nach Londonderry zu fahren.

– Du hast Recht... ich werde Dich begleiten, mein Sohn. Ich verstehe mich auf derlei Waaren, mit denen ich mein Leben lang zu thun gehabt habe.

– Ich danke Ihnen, Herr O'Brien, nur weiß ich nicht, wie ich Ihnen meine Erkenntlichkeit beweisen kann....

– Versuchen wir, aus der Sache ein gutes Geschäft zu machen, mehr verlange ich nicht.

– Dann ist aber keine Zeit zu verlieren, erwiderte Findling, die Versteigerung ist schon für übermorgen angesetzt....

– Ich bin bereit, mein Sohn; ich brauche nur meine Reisetasche zu holen. Morgen sehen wir uns die Ladung der »Doris« ganz genau an. Uebermorgen kaufen wir sie oder kaufen sie nicht, je nach ihrer Güte und ihrem Preis, und am Abend geht's zurück nach Dublin.«

Findling benachrichtigte Grip und Sissy sofort von seiner Absicht, ein Geschäft zu wagen, das fast seine gesammten Geldmittel in Anspruch nehmen würde. Er vertraute ihnen also für achtundvierzig Stunden die Oberleitung des Bazars »Zum kleinen Geldbeutel« an.

So kurz die Trennung auch war, konnten sich Grip und Bob doch gar nicht darein finden... vorzüglich der kleine Knabe nicht. Seit viereinhalb Jahren war es das erste Mal, daß Findling und er nichtbei einander sein sollten. Auch zwei leibliche Brüder hätte kein innigeres Band verknüpfen können. Sissy sah »ihr liebes Kind« nicht ohne Beunruhigung fortgehen. Eine Abwesenheit von wenigen Tagen hatte am Ende aber doch nicht viel zu bedeuten. Was das Vorgehen Findlings selbst betraf, das auch O'Brien gebilligt hatte, wußte sie ja, daß jener nichts unternehmen würde, was seine Lage erschüttern und einer halsbrecherischen Speculation ähnlich sein könnte. Mit dem Zuge zehn Uhr abends fuhren die beiden Kaufleute, der alte und der junge, ab. Diesmal kam Findling über Belfast, die Hauptstadt der Grafschaft Down hinaus... Belfast, wo er seine liebe Sissy wiedergefunden hatte. Am folgenden Morgen um acht Uhr langten die beiden Reisenden am Bahnhofe in Londonderry glücklich an.

Wie seltsam doch das Schicksal spielt! In Londonderry, wo er jetzt ein bedeutendes Handelsgeschäft abschließen wollte, befand sich Findling nur dreißig Meilen weit von dem Weiler Rindock, im Herzen von Donegal, wo sein Leben unter so elenden Verhältnissen begonnen hatte. Ein Dutzend Jahre waren vergangen, er hatte inzwischen ganz Irland durchstreift und wie viel Glückswechsel erlitten, wie viele Widerwärtigkeiten zu besiegen gehabt! Mußte er nicht unwillkürlich an die jetzige Veränderung seiner Lage denken?

O'Brien unterwarf die Ladung der »Doris« einer sehr eingehenden Prüfung. Der Qualität und der Art nach entsprachen die Waaren vollständig den Ansprüchen des Hauses zum »Kleinen Geldbeutel«. Konnte er sie billig erstehen, so erzielte er damit einen großen Gewinn, der sein Capital mindestens vervierfachte. Der alte Kaufmann hätte auch nicht gezögert, dieses Geschäft für eigne Rechnung zu unternehmen. Er rieth Findlingsogar, den Gebrüdern Harrington noch vor der Auction einen annehmbaren Preis zu bieten.

Der Rath erwies sich gut. Findling traf mit den Gläubigern der »Doris« ein Uebereinkommen und erhielt die ganze Ladung zu einem desto annehmbareren Preise, als er sofortige Bezahlung dafür leistete. Wenn schon die Jugend des Käufers die Verwunderung der Herren Harrington erweckte, so that das der Scharfsinn, womit dieser sein Interesse wahrnahm, nur noch viel mehr. Da sich auch O'Brien persönlich verbürgte, wickelte sich die Angelegenheit ganz allein ab und wurde bei der ersten Verhandlung darüber mittelst eines Checks auf die Bank von Irland geregelt.

Für dreitausendfünfhundert Pfund – fast das ganze Vermögen Findlings – erhielt dieser die ganze Ladung der »Doris«, nach Abschluß des Geschäfts aber konnte er sich einer gewissen Erregung doch nicht ganz erwehren.

Was den Transport der Fracht nach Dublin betraf, schien es am einfachsten, gleich die »Doris« dazu zu benützen, um eine Ueberladung nach einem andern Schiffe zu ersparen. Der Kapitän derselben verlangte auch gar nicht mehr, als daß ihm seine Schiffsmiethe gesichert wurde, und bei günstigem Wind konnte die Ueberfahrt kaum mehr als zwei Tage in Anspruch nehmen.

Nachdem auch das geordnet war, hatten O'Brien und sein junger Begleiter nur wieder den Abendzug zu besteigen, dann würde ihre Abwesenheit nicht mehr als sechsunddreißig Stunden gedauert haben.

Da kam es Findling in den Sinn, O'Brien den Vorschlag zu machen, auf der »Doris« nach Dublin heimzukehren.

»Ich danke Dir, mein Sohn, antwortete der alte Kaufmann, doch das Meer und ich, wir sind niemals die besten Freunde gewesen. Doch wenn Du Lust hast...

– Gewiß, Herr O'Brien. Eine so kurze Ueberfahrt bietet ja keine so besondre Gefahr und ich würde lieber bei meiner Waarenladung bleiben.«

O'Brien fuhr also allein nach Dublin zurück, wo er mit dem Frühroth des folgenden Tages eintraf.

Im gleichen Augenblick verließ die »Doris« den Canal der Foyle und steuerte nach dem engen Fahrwasser, das die Bai mit dem Canal des Nordens in Verbindung setzt.

Die Nordwestbrise war ihrer Fahrt günstig; bei Fortdauer derselben mußte die Ueberfahrt ausgezeichnet verlaufen. Der Schooner konnte sich in der Nähe der Küste halten, wo das Meer unter dem Schutze der hohen Küsten stets ruhiger ist. Freilich ist man im Monat März bei Annäherung der Tagundnachtgleiche im irischen Meere niemals vor Ueberraschung sicher.

Die »Doris« wurde von einem Kapitän der Küstenfahrt John Clear befehligt, der acht Matrosen zu ihrer Bedienung hatte. Alle schienen mit ihrer Aufgabe bestens vertraut und kannten die Küste von Irland von vielen Fahrten längs derselben her genau. Von Londonderry nach Dublin wären sie zur Noth mit geschlossenen Augen gesegelt.

Unter vollen Segeln glitt die »Doris« aus der Bai hinaus. Auf dem Meere angelangt, konnte Findling den Hafen von Innishafen erkennen, der am Eingang einer durch die Spitze von Donegal gedeckten Bai liegt, und weiterhinaus das mit dem Cap Malin auslaufende lange Vorgebirge, das im Norden Irlands am allerweitesten hinausragt.

Der erste Tag ließ sich ganz glücklich an. Für den jungen Knaben war es ein wahrer Hochgenuß, unter den Segeln der »Doris« über das leicht bewegte Meer dahinzuschaukeln. Von der Seekrankheit fühlte er keine Spur. Ein Schiffsjunge hätte nicht mehr Seemann sein können als er. Nur ein Gedanke beschäftigte ihn wiederholt, der an die im Raum der Goëlette verstaute Fracht und daneben an die ungeheure Tiefe, die sich nur zu öffnen brauchte, um sein ganzes Vermögen zu verschlingen.

Für diese Befürchtung lag jedoch kaum ein Grund vor. Die »Doris« war ein solides Fahrzeug und ein vortrefflicher Segler, mit dem ihr Kapitän unter allen Verhältnissen umzugehen verstand.

Wie schade, daß Bob nicht mit an Bord war! Wie hätte sich dieser gefreut, einmal wirklich zu schwimmen, nicht wie auf dem »Vulcan«, wenn dieser im Hafen von Cork oder Dublin vor Anker lag. Hätte Findling eine Ahnung von dieser Rückfahrt zu Wasser gehabt, so würde er Bob unzweifelhaft mitgenommen haben und dieser wäre am Ziele seiner sehnlichsten Wünsche gewesen.

Das Ufer, das sich längs der Grafschaft Antrim hinzieht, ist herrlich anzusehen. Es hat überall weiße Mauern von Kreidefelsen und in diesen so viele Höhlen, daß das ganze Personal der gaëlischen Mythologie darin Raum gefunden hätte. Hier ragen die »Kaminschornsteine« empor, deren Rauch nur aus dem Wasserdunst der Brandung besteht, und erheben sich trotzige Steilufer, die mehr den Mauern einer Festung gleichen. Dort wieder dehnt sich die Chaussée der Riesen aus, die aus lothrecht stehenden Säulen, wunderlichen Basaltpfeilern, gebildet ist, welche von den anprallenden Wogeneinen metallischen Ton geben, und deren es, wenn man den Touristen glauben darf, über vierzigtausend geben soll. Alles das bietet einen bezaubernden Anblick.

Die »Doris« hütete sich freilich, dem Riffgürtel nahe zu kommen, und um vier Uhr nachmittags segelte sie, das schottische Mull von Cantire nordöstlich liegen lassend, zwischen dem Cap Fair und der Insel Rathlin ein, um den Nordcanal zu gewinnen.

Die Nordwestbrise hielt sich bis drei Uhr nachmittags und zertheilte die hoch in der Luft dahinziehenden Wolken.

Während der Schooner so in zwei bis drei Meilen Entfernung vom Ufer dahinsteuerte, war kaum ein leichtes Rollen, und vorzüglich gar kein Schlingern des Schiffes wahrzunehmen. Findling hatte das Deck keinen Augenblick verlassen; hier wollte er bleiben, bis ihn vielleicht die nächtliche Kälte nach der Cabine des Kapitäns hinuntertrieb. Voraussichtlich ließ diese erste Seefahrt in ihm die angenehmste Erinnerung zurück, und er beglückwünschte sich schon, seine Ladung selbst begleitet zu haben. Er hoffte mit einem gewissen Stolz in den Hafen von Dublin einzulaufen, wo ihn Grip, Sissy, Bob und Kat, die ja von O'Brien benachrichtigt sein mußten, gewiß mit Jubel empfangen würden.

Zwischen vier und fünf Uhr nachmittags ballten sich im Osten dichte Dunstmassen zusammen. Der Himmel nahm schnell ein mehr bedrohliches Aussehen an. Die scharfbegrenzten, vor entgegengesetztem Winde treibenden Wolken stiegen mit großer Schnelligkeit auf. Keine Lichtung verrieth, daß diese Windrichtung vor Einbruch der Nacht wieder umschlagen würde.

»Achtung vor der Böe!« Das schien am äußersten Rande des Meeres geschrieben zu sein. John Clear verstandes, denn seine Stirn verdüsterte sich, als er den Horizont aufmerksam musterte.

»Nun, Herr Kapitän, fragte Findling, den die Haltung John Clear's nicht weniger wie die der Matrosen etwas staunen machte.

– Ja, die Sache gefällt mir nicht,« antwortete der Kapitän, der sich nach Westen zu wandte.

In der That flaute die bisherige Brise schon merkbar ab. Die schlaffen Segel begannen klatschend an die Masten zu schlagen. Nur dann und wann vermochte sie noch ein leiser Windhauch zu schwellen. Die jetzt weniger gehaltene »Doris« begann zu rollen. Das Steuerruder versagte, da das Schiff kaum noch Fahrt machte, fast den Dienst.

Findling litt von diesem Rollen indeß nicht allzuviel, obwohl dasselbe auf den sonst ruhigen Meeren unangenehmer erscheint, und er ging auch nicht nach der Kapitänscabine hinunter, wozu ihn John Clear schon aufgefordert hatte.

Inzwischen wurden die Windstöße von Osten her häufiger und stärker, so daß sie das Wasser der Oberfläche des Canals zerstäubten. Ueber zwei Drittel des Horizonts flohen lange Wolken hin, die bei den Strahlen der sinkenden Sonne noch drohender erschienen, als sie vielleicht wirklich waren.

Der Kapitän Clear ordnete nun die nöthigen Vorsichtsmaßregeln an; er ließ die Segel einziehen oder brassen, und behielt nur die Stagsegel bei, die ein Schiff nicht entbehren kann, wenn es gegen einen Sturm aufkommen will. Der Schooner war übrigens schon vorher etwas weiter vom Ufer abgebracht worden, um, wenn er den Wind nicht passend abfangen konnte, wenigstens nicht bis ans Land getrieben zu werden.

Jeder Seemann weiß, daß die atmosphärischen Strömungen zur Zeit der Aequinoctien vorzüglich im Norden häufig mit furchtbarer Gewalt auftreten. Noch war es auch nicht Nacht geworden, als die »Doris« vom heulenden Sturm gepackt wurde. Niemand, der nicht selbst Zeuge eines solchen Vorganges gewesen ist, vermag sich davon eine richtige Vorstellung zu machen.

Nach Sonnenuntergang erschien der Himmel vollkommen schwarz. Die Luft zerriß ein schrilles Pfeifen, unter dem zahlreiche Möwen nach dem Lande zu flatterten. In einem Augenblick wurde der Schooner vom Kiel bis zu den Mastspitzen gewaltig erschüttert. Das Meer kam, wie der Ausdruck lautet, »von drei Seiten«, das heißt, die von wechselnden Windstößen gepeitschten Wogen stürzten sich gleichzeitig über den Bug und über die Seiten der »Doris« herein. Alles, vom Klüverbaum bis zum Steuerruder, wurde umgerissen und nur mit größter Mühe vermochte man sich auf dem Verdeck zu erhalten. Der Mann am Steuer mußte festgebunden werden und die Matrosen suchten sich längs der Bordwand zu schützen.

»Gehen Sie hinunter, sagte John Clear zu Findling.

– Erlauben Sie mir, Kapitän...

– Nein, nein, hinunter, sag' ich, oder Sie werden von einer Sturzwelle mit hinausgespült.«

Findling gehorchte. Sehr beunruhigt kam er nach der Cabine, obwohl er weit weniger an sich selbst dachte. Nur seine Ladung lag ihm am Herzen. Sein ganzes Vermögen war jetzt an Bord eines Schiffes in Gefahr... und wenn er es einbüßte, mußte er auf alles, was er Gutes thun wollte, verzichten....

Die Lage wurde allmählich sehr ernst. Vergebens hatte der Kapitän versucht, die »Doris« dem Sturme gerade entgegenzustellen, um sich von der Küste zu entfernen, oder wenigstens nicht näher an dieselbe herangetrieben zu werden. Da wurde gegen ein Uhr nachts leider die Fock- und die Bugsprietstenge weggerissen und eine Stunde später brachen auch Masten.

Sofort neigte sich die »Doris« auf Steuerbord, und da die Fracht im Raum sich verschoben hatte, konnte sie sich nicht wieder aufrichten und kam in Gefahr, über die Reling voll Wasser zu laufen.

Findling, der gegen die Wände der Cabine geschleudert worden war, kam, im Finstern umhertappend, mit Mühe wieder auf die Füße.

Da drang in einem ruhigeren Augenblicke lautes Geschrei bis zu ihm herab. Auf dem Verdeck entstand ein unerkennbares Geräusch, so daß man fast glauben konnte, es sei durch eine einstürzende Welle eingeschlagen worden.

Doch nein. Außer Stande, die Goëlette wieder emporzurichten und in der Befürchtung, daß sie untergehen werde, traf John Clear Vorbereitungen, sie zu verlassen. Trotz der Schwierigkeit, die das Schiefstehen des Schiffes mit sich brachte, hatte man bereits die Schaluppe ins Wasser niedergelassen, um sich sofort in diese zu retten. Findling begriff das, als er sich vom Kapitän durch die geöffnete Treppenkappe rufen hörte.

Ihm konnte es aber gar nicht in den Sinn kommen, die Goëlette und alles, was sie trug, zu verlassen. Wenn es nur eine einzige Aussicht auf Rettung gab, wollte er diese wahrnehmen. Er kannte ja die Seegesetze: wenn das Meer ein verlassenes Schiff nicht verschlingt, gehört es dem ersten, der an Bord desselben kommt.Das ist gesetzliche Bestimmung und wird in England buchstäblich so gehalten.

Das Schreien wurde lauter. John Clear rief auch noch immer nach Findling.

»Wo steckt er denn? wiederholte er.

– Wir sinken!... Wir sinken! riefen die Matrosen.

– Aber... der Knabe?...

– Wir können nicht warten...

– O, ich werde ihn finden!«

Der Kapitän kam die Treppe herunter.

Findling war nicht mehr in der Cabine.

Ohne darüber nachzudenken, mehr von Instinct geleitet, hatte er sich, fest entschlossen, auf dem Schiffe auszuhalten, durch eine gebrochene Luke in den untern Raum geflüchtet.

»Wo ist er? Wo ist er? wiederholte der Kapitän ihn laut rufend.

– Er wird auf's Verdeck gekommen sein... meinte ein Matrose.

– Wird ins Meer gestürzt sein, setzte ein andrer hinzu.

– Wir sinken!... Wir sinken!«

Diese Rufe kreuzten sich unter einem entsetzlichen Wirrwarr. Die »Doris« hatte sich in der That bei einer furchtbaren Rollbewegung so weit geneigt, daß man fürchten konnte, sie würde bald mit dem Kiel nach oben schwimmen.

Ein Zögern war nicht mehr möglich. Da Findling keine Antwort gab, war er sicherlich, bei der Finsterniß von keinem bemerkt, nach dem Verdeck hinausgekommen und über Bord geschwemmt worden.

Der Kapitän Clear erschien wieder, als die Goëlette unter zwei ungeheuern Wellenbergen fast verschwand. Seine Mannschaft und er sprangen in die Schaluppe, deren Taue sofort losgeworfen wurden. So wenig man hoffen konnte, daß das Boot dem wüthenden Meere werde Trotz bieten können, so gab es doch die letzte Aussicht auf Rettung, und unter kräftigem Ruderschlage entfernte es sich, um nicht in den Strudel des versinkenden Schooners hineingezogen zu werden.

Die »Doris« war nun ohne Kapitän, ohne Mannschaft; sie war aber kein verlassnes Fahrzeug, keine Seetrift, da Findling sich noch darauf befand.

Er war allein... allein... jeden Augenblick bedroht, in die Tiefe gerissen zu werden. Und doch verzweifelte er nicht; ein wunderbares Vertrauen hielt ihn aufrecht. Nach dem Deck emporgestiegen, glitt er bis zur Schanzkleidung unter dem Winde nach einer Stelle, wo das Wasser nicht durch Speigatten eindringen konnte. Doch wie drängten sich da die Gedanken in seinem Kopfe! Vielleicht war es zum letzten Male, daß er derer gedachte, die er liebte, der Mac Carthy's, der Familie, die er sich mit Grip, Sissy, Bob, Kat und O'Brien geschaffen hatte, und inbrünstig flehte er zu Gott, daß er ihn retten möchte um ihret-, wie um seiner selbst willen....

Die »Doris« beugte sich nicht weiter zur Seite, so daß eine unmittelbare Gefahr ausgeschlossen schien. Zum Glück hatte der feste Rumpf des Schiffes gut zusammengehalten und noch konnte kein Wasser in dessen Inneres dringen. Lag die Goëlette im Course eines andern Schiffes und machten deren Retter ein Eigenthumsrecht daran geltend, so würde Findling bei derHand sein, seine unversehrt gebliebene Fracht zu beanspruchen, die von dem aufgeregten Meere ja nicht erreicht worden war.

Die Nacht verging. Mit dem ersten Morgenrothe verlor der Sturm an Stärke. Freilich dauerte der hohe Seegang noch immer fort.

Findling lugte ins Weite hinaus und in der Richtung nach dem Lande zu.

Im Westen war nichts zu erkennen, keine Umrisse einer Küste in Sicht.

Jedenfalls hatte der nächtliche Sturm die »Doris« aus dem Nordcanal verschlagen und schwankte sie jetzt auf dem freien irischen Meere, vielleicht Dundalk oder Drogheda gegenüber... doch in welcher Entfernung von da?...

Draußen auf hoher See zeigte sich auch weder ein Schiff noch ein Fischerboot, und von einem solchen aus hätte man den schiefliegenden Rumpf, der immer und immer wieder von den Wellenbergen verdeckt wurde, kaum bemerken können.

Die einzige Hoffnung lag aber doch darin, bald aufgefunden zu werden. Wenn die »Doris« etwa wieder weiter nach Westen hintrieb, mußte sie noch auf den Klippen, die die Küste umgürten, elend zu Grunde gehen.

Leider erwies sich jeder Versuch, ihr eine bestimmte Richtung zu geben, ganz vergeblich, und vergeblich spannte Findling einen Fetzen Leinen zwischen zwei Tauen auf. Auf eigne Hilfe konnte er also nicht mehr rechnen – er war nur noch in der Hand Gottes.

Der Tag verstrich ohne Verschlimmerung der Lage. Findling fürchtete jetzt nicht mehr, daß die »Doris« untergehen könne, vorzüglich, da auch ihre Neigungnach Steuerbord nicht weiter zugenommen hatte. Nun blieb ihm nur noch eins übrig: Ausschau zu halten, ob sich nicht ein Schiff in der Ferne zeige.

Inzwischen verzehrte der Knabe einen Imbiß, um wieder etwas zu Kräften zu kommen, und keinen Augenblick bemächtigte sich seiner, der die volle Herrschaft über seine geistigen Fähigkeiten behielt, die Verzweiflung. Er hatte nur das Eine im Auge: er vertheidigte hier sein ganzes Hab und Gut.

Um drei Uhr nachmittags wirbelte im Osten eine Rauchsäule in die Luft. Eine halbe Stunde später wurde ein großer Dampfer sichtbar, der in der Entfernung von fünf bis sechs Meilen von der »Doris« nach Norden zu steuerte.

Findling gab mit einer Flagge Nothzeichen... sie wurden nicht bemerkt.

Die außergewöhnliche Energie des Knaben ließ ihn auch jetzt den Muth noch nicht verlieren, wo er mit herangekommenem Abend auf eine weitere Begegnung nicht mehr zählen durfte. Nichts deutete darauf hin, daß er sich nahe dem Lande befand. Die bewölkte, mondlose Nacht mußte ganz dunkel werden. Zum Glück schien wenigstens der Wind nicht wieder auffrischen zu wollen und das Meer hatte sich wesentlich beruhigt.

Da es ziemlich kalt geworden war, schien es ihm am rathsamsten, in die Cabine hinunter zu gehen, denn vom Deck aus hätte er schon auf eine halbe Kabellänge hinaus doch nichts zu erkennen vermocht. Erschöpft von den langen Stunden der Angst und außer Stande, dem Schlafe zu widerstehen, zog Findling die Decke vom Lager, auf das er sich wegen der schiefen Haltung des Schiffes nicht hätte legen können undnachdem er sich eingehüllt und neben der Wand hingestreckt hatte, fiel er bald in tiefen Schlummer.

Der Tag begann schon zu grauen, als er durch ein lautes Zanken draußen erweckt wurde. Er richtete sich auf und lauschte. Befand sich die »Doris« jetzt nahe der Küste?

War sie am frühen Morgen von einem andern Schiffe aufgefunden worden?

»Uns gehört es!... Wir waren zuerst daran! riefen einige Männerstimmen.

– Nein... uns!« antworteten andre.

Findling begriff sofort, was hier vorging. Irgendwelche Schiffsmannschaften hatten wettgeeifert, das Wrack anzulaufen, und stritten sich jetzt, wem es zufallen sollte. Jetzt hatten sie den Rumpf erklettert, waren auf das Verdeck gekommen und geriethen ins Handgemenge. Zwischen den Rettungsmannschaften hagelte es Schläge.

Findling hätte sich nur zu zeigen gebraucht, um die Kampfhähne zur Ruhe zu bringen. Dessen hütete er sich aber weislich. Die Leute hätten sich einfach gegen ihn gewendet und ihn jedenfalls über Bord geworfen, um jeder späteren Reclamation zu entgehen. Er mußte sich also ohne Säumen verstecken und brachte sich zwischen den Waarenballen im Schiffsraume in Sicherheit.

Einige Minuten später hatte der Tumult aufgehört – ein Beweis, daß die Leute Friede geschlossen hatten. Sie waren übereingekommen, das verlassene Schiff vereint nach dem nächsten Hafen zu bugsieren und dort ihre Beute zu theilen.

Zwei Fischerboote, die vor Tagesanbruch aus der Bai von Dublin abgesegelt waren, hatten den treibendenSchooner zwei bis drei Meilen seewärts entdeckt und sofort aus Leibeskräften darauf zugehalten, denn nach geltendem Gesetz und Recht gehörte die Trift dem, der zuerst die Hand daran legte. Die Boote waren jedoch zu gleicher Zeit herangekommen. Daraus entstand der Streit, das Handgemenge, die Prügelei, und schließlich der beiderseitige Beschluß, die Beute zu theilen. Da hätten die saubern Küstenfischer freilich »einen schönen Fang« gemacht.

Kaum hatte Findling sich in den Frachtraum geflüchtet, als die Kerle auch schon die Treppe herabgepoltert kamen, um die Cabine zu untersuchen. Findling konnte sich wahrlich Glück wünschen, ein sichres Versteck aufgesucht zu haben, als er die Worte hörte:

»Es ist ein wahrer Segen, daß sich kein Mensch an Bord befindet!

– O, wenn's nur einer war, den hätten wir ja bald abgethan!«

Die rohen Patrone würden auch vor einem Verbrechen nicht zurückgeschreckt sein, um sich das Eigenthum an der Seetrift zu sichern.

Eine halbe Stunde später wurde der Rumpf der »Doris« von zwei Booten ins Schlepptau genommen, die mit Hilfe der Segel und der Ruder der Bai von Dublin zustrebten.

Um neuneinhalb Uhr befanden sie sich an deren Eingange. Da sie bei der herrschenden Ebbe die »Doris« aber nur schwierig hätten hineinlootsen können, wendeten sie sich nach Kingstown, wo sie am Bollwerke anlegten.

Hier warteten viele Leute. Da die Ankunft der »Doris« signalisirt worden war, hatten O'Brien, Grip und Sissy, Bob und Kat, die von deren Rettung erfuhren,sofort einen Zug nach Kingstown benutzt und befanden sich jetzt am Bollwerk.

Ihren Schmerz, als sie hörten, daß die Fischer nur ein verlassenes Wrack hereingeschleppt hätten, kann man sich wohl vorstellen. Findling war nicht mehr an Bord... er war also umgekommen. Grip und Sissy, Bob und Kat weinten heiße Zähren.

Da erschien der Hafenkapitän, dem die Untersuchung der Bergung oblag und der zu entscheiden hatte, wem Schiff und Ladung rechtlich zukam. Hier schienen die Bergungsmannschaften außergewöhnliches Glück gehabt zu haben.

Plötzlich tauchte durch die Treppenkappe ein Knabe auf. Da jubelten die Seinigen hoch auf vor Freude und murrten und schimpften die Fischer als Antwort.

Im nächsten Augenblick befand sich Findling auf dem Quai, wo ihn alle herzlich umarmten. Dann trat er auf den Hafenkapitän zu.

»Die »Doris« ist niemals verlassen gewesen, erklärte er mit fester Stimme, und die Fracht, die sie trägt, gehört mir!«

In der That hatte er die reiche Ladung nur durch sein Verbleiben an Bord gerettet.

Jede Verhandlung erschien überflüssig. Findlings Anrecht war unbestreitbar, das Eigenthum an der Fracht wurde ihm zugesprochen, wie das an der »Doris« dem Kapitän Clear und seinen Leuten, die sich am Tage vorher zu retten vermocht hatten. Die Fischer mußten sich mit dem gesetzlich bestimmten Bergelohn begnügen.

Das war nun eine Freude, als alle eine Stunde später im Bazar »Zum kleinen Geldbeutel« wieder vereinigt waren. Die erste Seefahrt Findlings hatte sichleider gar zu gefährlich gestaltet. Und doch rief Bob immer:

»Ach, ich möchte mit Dir auf dem Schiffe gewesen sein!

– Auch unter diesen Verhältnissen, Bob?

– Ja, erst recht!«

Entschieden verfolgte das Glück geradezu Findling, seit er Trelingar-castle den Rücken gekehrt hatte, das Glück, Bob gerettet und zu sich genommen, Grip und Sissy wiedergefunden und sie miteinander vermählt zu haben, ohne von den erfolgreichen Geschäften zu reden, die der junge Chef des »Kleinen Geldbeutels« machte. Er ging mit Sicherheit in Folge seiner Intelligenz, sagen wir auch, seines Muthes, der Gewinnung eines beträchtlichen Vermögens entgegen. Sein Verhalten auf der »Doris« legte von seinem Muthe gewiß ein rühmliches Zeugniß ab.

Nur eines fehlte ihm, ohne das er nicht vollkommen glücklich sein konnte: der Familie Mac Carthy die Wohlthaten, die er von ihr genossen hatte, nicht haben vergelten zu können.

Jetzt erwartete er die Ankunft des »Queensland« mit größter Ungeduld, wenn er sich auch sagte, daß von Wind und Wetter abhängige Segler ja sehr häufig Verspätungen in ihrer Fahrt erleiden. Uebrigens hatte Findling nicht versäumt, nach Queenstown zu schreiben,damit die Rheder des »Queensland« ihn sofort benachrichtigten, wenn ein Schiff gemeldet wurde.

Inzwischen legte man im Bazar »Zum kleinen Geldbeutel« die Hände nicht in den Schoß. Durch sein Abenteuer und sein muthiges Aushalten auf der »Doris« war Findling zu einem Helden geworden – einem Helden von fünfzehn Jahren, was ihm das Interesse der ganzen Stadt nur noch mehr sicherte. Die mit eigner Lebensgefahr vertheidigte Waarenladung brachte ihm über die maßen Glück. Der Zulauf im Laden wurde immer größer, denn jedermann wollte Thee aus der »Doris«, Zucker aus der »Doris«, Gewürze und Wein... immer aus der »Doris« haben. Jetzt trat das Spielwaarengeschäft etwas zurück. Bob mußte deshalb Findling, Grip und noch zwei eingestellten Verkäufern helfen, während Sissy kaum mit dem Schreiben der Rechnungen fertig wurde. Nach O'Brien's Ansicht mußte sich das in jene Speculation gewagte Capital binnen wenigen Monaten vervierfacht, wenn nicht verfünffacht haben. Aus den dreitausend Pfund wurden voraussichtlich fünfzehntausend Pfund Sterling. Der Exkaufmann gab Findling bezüglich dieses Unternehmens gern allein die Ehre. Dabei zugeredet hatte er ihm wohl, den ersten Gedanken daran hatte aber Findling gehabt, als er die Anzeige in der »Shipping-Gazette« las, und der Leser weiß, mit welcher Energie er sein Vorhaben durchgeführt hatte.

So erscheint es als kein Wunder, daß der Bazar von Little Boy nicht allein der reichlichst ausgestattete, sondern auch der schönste in der Bedford-Street, ja im ganzen Stadtviertel wurde. Daß hier eine Frauenhand eingriff, erkannte man an tausend Kleinigkeiten. Grip, der redlich half, fing auch allmählich an zuglauben, daß er deren Ehemann sei, vorzüglich als ihm die Ahnung kam, daß die Reihe seiner Vorfahren nicht mit ihm abschließen würde.

Alle fühlten sich glücklich und dankbar verpflichtet dem Knaben, der ihnen ein so schönes Los zu bereiten verstanden hatte – das heißt alle, die sich jetzt im Bazar »Zum kleinen Geldbeutel« um Findling vereinigt fanden.

Was aus den andern, die in seinem Leben eine mehr vorübergehende Rolle spielten, geworden wäre oder werden würde, darüber wollte sich Findling nicht den Kopf zerbrechen. Thornpipe zog wahrscheinlich noch im Lande umher und stellte seine etwas alt gewordenen Königspuppen zur Schau; O'Bodkins wurmte gewiß noch die freche Zerstörung seiner musterhaften Bücher; der Marquis und die Marquise Piborne lebten in der hochvornehmen Geistesbeschränktheit weiter, die ihr Sohn unverändert geerbt hatte; Scarlett verwaltete ohne Zweifel Trelingar-castle und was dazu gehörte zu seinem Vortheil weiter und Miß Anna Walston.... starb jedenfalls fast Abend für Abend im fünften Acte. Von keinem der genannten war je etwas zu hören gewesen, außer daß sich – nach der Times – Lord Piborne doch einmal entschlossen hatte, im Oberhause eine Rede zu halten, welch löbliche Absicht nur deshalb nicht zur Ausführung kam, weil, als er das Wort ergreifen wollte, das künstliche Gebiß des hochedlen Herrn nicht nach Wunsch fungierte. Carker war zum Erstaunen Grips noch immer nicht gehenkt worden; er näherte sich dem Galgen aber jedenfalls mehr und mehr, nachdem er unlängst in London bei einer polizeilichen Razzia mit einer ganzen Rotte seines Schlags hinter Schloß und Riegel gebracht worden war.

Nun blieben nur die Mac Carthy's übrig, an die Findling unausgesetzt dachte und deren Heimkehr er ungeduldig erwartete. In den Seenachrichten fand sich noch nichts vom »Queensland«. Erschien er binnen einigen Wochen noch nicht, so mußte man für ihn fürchten, denn in der letzten Zeit war der Atlantische Ocean von sehr heftigen Stürmen heimgesucht worden. Und noch immer traf keine Depesche von den Rhedern in Queenstown ein!

Am 5. April brachte diese endlich ein Telegraphenbote. Bob hatte sie in Empfang genommen und sofort ertönte seine Stimme:

»Eine Depesche aus Queenstown!... Ein Telegramm aus Queenstown!«

Endlich eine Nachricht über die Adoptiveltern Findlings, die also jedenfalls in Irland zurück waren... die erste, einzigste Nachricht über sie!

Alle liefen erwartungsvoll zusammen.

Die Depesche hatte folgenden Inhalt:


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