Chapter 11

Es war herbstlich geworden, so schön auch die sonnigen Spätsommertage ihr blitzendes Seidennetz über die Wälder spannen. Die silbernen Marienfäden segelten, und aus den großen Kastanienbäumen fielen die ersten reifen, süßmehligen Früchte. Es war gut sein und schön am Lagerfeuer; die Gesellen rösteten sich die Himmelsgabe als wohlige Zutat zu dem, was ihnen der neue Kamerad mit der Flinte im Walde geholt hatte, und als es Abend ward, rückten sie nah zusammen und erzählten Geschichten. Dabei kam allerdings an das Licht, warum der philosophische Vagabund Heinrich »der nasse« hieß. Denn alle Abend trank er so viel, bis ein reichlicher Tränenstrom sein zärtliches Herz erleichterte. »Er hat alle Vesperzeit das heulende Elend,« sagte der Norddeutsche, der Scheckige, der dem Offizier immer sympathischer zu werden begann. Denn dem war es ernst mit seiner Sehnsucht, zu seinem kämpfenden Volke einzurücken.

»Bei Prahovo an der Donau unter der großen Insel ist der Strom schmal; da weiß ich 'n Kahn, der nur für uns Kunden versteckt ist und uns allen von der fahrenden Gilde gehört. Er ist so gut versteckt, daß sie 'n noch nie gefunden haben. Denn die Serben bewachen alles, was nach Rumänien rübergehen will. Uns aber wer'n sie nicht erwischen. Wenn wir eine Nacht lang rüstig wandern, so sind wir am Fluß; aber 'rüberfahren könn' wir erst in der andern Nacht, denn es dauert eine halbe Stunde, bis man drüberkommt, sogroß ist das Wasser selbst dort noch. Und wenn wir noch so gut marschieren, es sind doch gute fünfzig Kilometer, und es wird grau werden, bis wir hinkommen. Da heißt sich's verstecken, den Tag über, wie wir hier allemal zu leben gewohnt waren. Um Mitternacht fahren wir dann ins Rumänische hinüber und schlagen uns von dort am hellen Tage nach Ungarn durch. Herrgott, in welcher Sprache soll'n wir denn dann fechten?«

Der nasse Heinrich hatte sich erst in seiner ganzen Andacht den Hasenbraten schmecken lassen und dann die süßen Maronen. Aber er trank, obwohl er den Göttern spendete, gar nicht antik. Denn Wasser mischte er in seine Pulle durchaus nicht, sondern benahm sich ihr gegenüber so großzügig, daß sie bald leer war und er voll.

»Simon, was willst du dort oben tun?« bat er. »Simon, sie werden dich zum Krüppelschießen! Komm mit mir 'runter nach Hellas! Wenn's dort oben eine Zeit gäbe wie sonst, ja, wie sonst! Och, mein Deutschland, um die Zeit, da man in den Zimmern den Ofen zum ersten Male bullern hört, da bist du so schön, daß ich oft schon bürgerliche Triebe mächtig in mir erwachen fühlte und an gebratenen Äpfeln beinahe grundsatzlos geworden wäre. Ach, ich hätt' ja schon so oft heiraten können!«

Und er trank wieder und sank in tiefes Sinnen.

»Aber jetzt denkt jeder nur an Schießen und Stechen, und wer daheime sitzt, liest die verflixten Zeitungen und studiert Karten.«

Er sank wieder eine Zeit in Schweigen. Dann brach die erste Rührung hervor, als er weinerlich ergänzte:

»Oder Verlustlisten.«

Die andern drei waren ernst und still, das Feuer brannte klein und vorsichtig. Die Nacht war schneidend kalt, und jeder drehte sich, um gelegentlich auch seine Hinterseite zu wärmen. In dieser Beschäftigung hörten sie alle nur mit halbem Ohr auf die sattsam bekannten abendlichen Klagen des nassen Heinrich. Nur dem Leutnant war das neu, und er hörte dem sonderbaren Patron zu, der so wetterhart und lebensstark und dennoch in allem, was sonst den ganzen Mann erfordert, so weichlich war. Mit ein paar kurzen Worten sagte er ihm das auch:

»Mich wundert, woher du die Kraft nimmst, dies Leben zu ertragen, immer in Lebensgefahr, immer frierend oder hungernd, immer in denselben Lumpen; bald schauernd vor Regennässe, bald verschmachtend, und doch bist du an dieser einen Stelle heikler als ein Hund am Bauch: dort, wo es heißt: Pflicht!«

»Ich bin allein geboren und habe allein zu sterben,« sagte der nasse Heinrich mit wiedererwachender Klarheit. »So geht es niemanden was an, wenn ich mein Leben auch abgesondert von den allgemeinen Bemerkungen eurer Weisheit führe. Du bist wohl noch nie in einer Großstadt im Kaffeehause gesessen, mein lieber Aviatiker, wo solche Genies ihre Ecken haben, die immer noch auf den Ruhm warten. Sonst wüßtest du, daß es kein nutzloseres Ding für den Staat gibt als eine große Intelligenz ohne Güte. Leute wie du sind das Richtige für das allgemeine Wohl; sie fühlen sich als Kanonenfutter geheiligt. Aber sobald ein Gehirn die ganze zwecklose Grausamkeit des Geborenwordenseins zu erkennen fähig ist, so ist es für die Allgemeinheit verloren und sucht nur mehr sich selber zu retten, wie ein Kopfloser auf einem sinkenden Schiff. Drum hat der Staat die Einrichtunggetroffen, daß die Schiffsoffiziere mit Revolvern auf diejenigen schießen, die allzu deutlich auf ihre eigene Haut bedacht sind, und das ist ganz recht und billig. Ich für mein sterblich Teil würde auch auf einem sinkenden Schiffe an die Frauen und Kinder denken. Das kann ich dir versichern. Aber ich habe nicht Lust genug, ohne Not mit den andern ihr trauriges Spiel zu machen. Daß wir alle mit'nandereinWesen sind, das ist die Erkenntnis des Herzens. Daß wir einsam sind, ist die Erkenntnis des Kopfes. Wenn du gut beraten sein willst, so wisse, daß das Hirn der irrende Teil ist, und daß näher an der göttlichen Erkenntnis der ist, der sich für andere totschießen läßt. Er weiß mehr als der gescheiteste Professor an der berühmtesten Universität! Ogottogott! Aber ich! Ich bin ja so unglücklich, daß ich so intelligent bin! Ich schäme mich ja so durchdringend,daß ich es aus Gründen der Hochschätzung meiner Person vermeide, mich für alle zu opfern, was der Weisheit und Güte letzter Schluß wäre. Das ist mir versagt, oh, das ist mir versagt!« Und der nasse Heinrich begann zu heulen und zu jaffen wie ein Hund, der bei Nachtfrost ausgesperrt wurde.

Mit seltsamen Gefühlen sah Tikosch auf dieses Musterbeispiel eines gänzlich Freien, der sich selber anklagte. Er überlegte, ob er in seiner simplen Freude, das Gefährliche zu wagen, nicht eine bessere Antwort dem höhnischen Gotte gab, der das Leben als Fraß des Todes schuf, als dieser Genießer, der dem Leben unwürdig bettelnd nachkroch und nur sich selber kannte.

Und in das erbärmliche Weinen des haltlosen Trunkenen, dem der Tiroler gleichmütig, der Hannoveraner mitleidig schmunzelndhorchte, klang seine entschlossene Soldatenstimme:

»Komm, scheckiger Simon, mit dir hab' ich ein gutes deutsches Wort zu reden.«

Beide verschwanden im Busch, und Tikosch schlug mit dem Gefährten den Weg nach dem Timok ein. Er gab dem Deutschen seine geladene Schrotflinte, zog seine Repetierpistole hervor, und vorsichtig, als ahne er, daß irgendein Soldatenstück im Werke sei, folgte der Scheckensimon dem neuen Kameraden.

Als sie weit genug waren und das Weinen des Betrunkenen nicht mehr hören konnten, erzählte Tikosch dem Hannoveraner seine ganze Geschichte mit völliger Offenheit und sagte, als der gute dicke Kerl beim Erwähnen der Tatsache, daß Tikosch Leutnant wäre, mit einem kurzen Ausruf der Freude stramm stehen blieb:

»Simon, auf dich zähle ich. Wir wollen hier mitten in Feindesland für unser verbündetes Vaterland kämpfen. Da unten ist die große Lebensader des Serbenreiches nach Osten; die Brücke, die zwei Eisenbahnen an die rumänische Grenze bringt! Hier holen sich die Serben alles, was sie brauchen. Das Negotiner Land ist reich, aus Rumänien bekommen sie russische Hilfe dazu. Wenn wir diese eine Brücke sprengen, so treffen wir die Kerle in den Magen.«

»Haben denn der Herr Leutnant die Mittel, die Brücke zu sprengen?« fragte der scheckige Simon.

»Simon, wir sind in der gemeinsamen Not Kameraden geworden, und für euch bin und bleibe ich der arme Kunde, als der ich unter euch vertrauliche Aufnahme gefunden habe. Wir sind per Du. Jetzt wollen wir rekognoszieren.«

Der Deutsche ging mit beflügeltem Eifer mit. Die Sache gefiel ihm über die Maßen; namentlich, als ihm Tikosch sagte, daß er den Neuangeworbenen sicherlich für eine soldatische österreichische Auszeichnung melden könnte, wenn die Geschichte gut ginge. »Denk dir, Simon, was für ein Furore die große goldene Tapferkeitsmedaille auf deiner Brust bei euch oben machen tät! Ich nehm' dich gleich, nachdem wir gesehen haben, was mit der Brucken zu machen ist, für den Kaiser in Eid, und du bist dann Soldat. Die Tapferkeitsmedaille ist dann nur deine eigene Sach'!«

»Donnerwetter, wenn ich mit der fechten gehe, kann ich bei jedem Landrat anklopfen: dann rücken sie mit silbernen Halbmärkern 'raus,« sagte Simon begeistert.

Vorsichtig schlichen die neuen Gesellen zur Brücke, die ein zartes, dunkles Eisengewebeüber den raschen Bergfluß spann. Das Mondlicht, das im Schwinden war, zeigte ihnen den Posten, der auf der Brücke hin und her schlenderte. Er war in Nationalkleidung, also kein geschulter Soldat. Aber jenseits des Flusses, knapp an der Brücke, stand eine Bretterbaracke, aus der ein kleines, rötliches Licht in die Nacht hinaus sagte, daß dort eine Wachabteilung ihren Sitz hatte, welche gegen Bulgarien zu scharf aufpaßte.

»Wir müssen ins Wasser, sonst sehen sie uns,« sagte Tikosch.

»Donnerwetter,« fluchte der Scheckensimon, aber er stieg entschlossen hinter dem Leutnant das Steilufer hernieder, warf die Kleider ab und panschte leise in die herbstkalte Flut.

»Gib acht, Simon! Ich schwimme über den Fluß und untersuche den Pfeiler, der drüben im tiefen Wasser steht. Du watest bis an dieBrücke. Entdeckt uns der Posten, so schieß' ihn nieder, und der zweite Schuß gehört dem ersten, der ihm zu Hilfe kommt. Sie werden verschlafen und verwirrt sein. Kannst du schwimmen?«

»Ja.«

»Werden wir gesehen, so schwimmen wir bis in die Donau hinunter! Bei Tag werden wir in den Dickungen schlafen; fangen sollen sie uns nicht! Was?«

Die Ausforschung der Brücke gelang aber ohne Störung. Hier, weitab vom Feinde, glaubten die schlecht geschulten Komitatschis nicht an Gefahr, und der Posten langweilte sich in dumpfer Zwecklosigkeit auf der Brücke hin und her.

Tikosch sah bald, wo im Pfeiler das Sprengloch für die Mine war, das an jeder Brücke angebracht ist, und es tat ihm nur leid, daß er die Ekrasitbüchse nicht gleichzur Hand hatte. Aber beim Emporklettern wäre er ja doch entdeckt worden. Es mußte ein eigener Plan entworfen werden. Aufmerksam prüfte Tikosch die ganze Gegend, merkte sich jeden Busch, hinter dem man Versteck finden konnte, und besonders die Umgebung des Wachhauses prägte er sich aufs beste ein. Dann schwamm er wieder über den Fluß zurück, dessen reißende Strömung ihn so weit nach abwärts trug, daß er erst nach langem Flußaufwandern den wartenden Simon, schon in ehrlicher Angst, antraf, weil er glaubte, der Leutnant müsse ertrunken sein.

Tikosch kleidete sich an. Beide schnapperten vor Kälte, lachten aber.

»Und nun Laufschritt,« kommandierte Tikosch, als sie aus dem Bereich der Wache gekommen waren. Und fröhlich liefen sie bergauf, erreichten die Straße, die in dritthalbStunden nach Rgotina führte, und waren bald wieder warm und aufrecht.

In der Dickung empfing sie der Schlampenschneider in seiner phlegmatischen Art, aber doch mit Vorwürfen. »Da laßt ös ein alleinig mit der b'soffenen Metten in der Nacht!« brummte er. Aber Simon warf einen raschen Blick auf den nassen Heinrich, der in steinfestem Schlafe lag, und erzählte dann klipp und klar den ganzen Plan des Leutnants. Ob der Tiroler mittun wollte?

»Wär net schlecht,« schmunzelte der; »unsereiner hat doch nie net das Vaterland im Stich lassen.«

So hatte Tikosch zwei Mann für seinen Kaiser angeworben, und es galt nur noch, den nassen Heinrich zur Tat zu überreden.

»Er wird mithalten,« sagte der scheckige Simon. »Aber nach Österreich geht der nicht mit uns. Ihr werdet sehen, in Rumäniensagt er uns Adjes und wendet sich ins Griechische hinunter. Er kann kein Schnee vertragen, der länger liegen bleibt als bis zur nächsten Sonne; das ist einmal seine Eigenheit, und er nennt's Religion.«

Zufrieden und neubelebt, daß es mal was Ordentliches zu tun gab in ihrem zwecklosen Dasein, legten sich alle dreie nieder. Der scheckige Simon tat noch ein paar Scheite ins Feuer, liebe Wärme zog sich an ihren müden Gliedern entlang; dann schliefen sie, tief und getrost.


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