Chapter 15

Auf der Gerebenczer Pußta stand das neue Flugzeug des Oberleutnants Tikosch klar zum Aufstieg. Ein Generalstabsoffizier saß schon im zweiten Sitz und breitete seine Karten vor sich aus. Tikosch sah seinen Ettrich-Flieger noch einmal in allen Teilen sorgsam durch, dann ließ er es sich nicht nehmen, selber den Motor anzuwerfen. In diesem Augenblick trat ein Mann in der Uniform des deutschen Skutaridetachements, jedoch mit der großen silbernen Tapferkeitsmedaille geschmückt, auf ihn zu, machte stramm Stellung und sagte: »Ich wollte dem Herrn Oberleutnant nur Glück zu seinem Fluge wünschen und mich vor Abschied gehorsamst für die schöne Eingabe über mich bedanken, der ich die Medaille verdanke.«

Einen Augenblick starrte Tikosch, der schon ganz bei seinem Fluge gewesen war, den Khakibraunen verständnislos an, dann aber schrie er lachend heraus: »Ja, Simon, scheckerter Simon, was machst denn du in der Maskerad?«

»Ich melde gehorsamst, Herr Oberleutnant, die ist von einem Gefallenen des deutschen Detachements, und ich liefere sie gleich auf meinem Leibe nach der Heimat zurück ab. Ich bin telegraphisch angenommen worden, und Herr Oberleutnant werden verstehen, daß ich doch lieber an der Seite der eigenen Leute gegen unsre vollen Franzosen gehe, als hier gegen diese Mistkerls.«

»Du, Mistkerls sind die Serben gerade nicht,« sagte Tikosch. »Sie schlagen sich wiedie Teufel. Aber du willst natürlich besser verpflegt sein, du alter Lump! Glückliche, ihr da droben in den Weingärten der Champagne! Unsere armen Kerle da fressen seit Wochen rohen Kukuruz und sonst nichts. Wenn du zu deinen Kameraden hinauf kommst, erzähl' ihnen von unsern stillen Tagen im Dickicht! Weißt du, warum es damals gar so einsam in der Negotiner Gegend war? Die Timokdivision hat gerade damals den Vorstoß nach Österreich gemacht, und während wir die Brücke bei Zajetschar gesprengt haben, ist sie mit Putz und Stengel von den Unserigen aufgerieben worden. Und jetzt geht's nach Serbien hinein, aber schon ordentlich! Leb' wohl, Simon, grüß' mir die deutschen Brüder und sag' ihnen, daß wir da herunten noch nie gewichen sind!«

Er stieg in das Flugzeug. Seine letzten Worte mußte er schreien, denn der donnerndeMotor verschlang jeden anderen Ton. Das Flugzeug zitterte unter seinen Vibrationen, Simon sprang zur Seite, denn der Vogel begann zu laufen, erhob sich leicht wippend in die Lüfte und kreiste empor. Tikosch war wieder in seinem Element. Trunken vor Glück zog er die scharf entgegenpfeifende Luft ein; das viele Licht des herrlichen Oktobertages machte ihn wie toll. Und als er, hoch in den Lüften, ganz klein geworden war für die vielen, die ihm von der Erde her hoffnungsreich nachsahen, lenkte er den Kurs über die Donau ins Serbische hinein, für den Plan des großen Angriffes, den die Österreicher auf die wankenden Mordbrüder zu machen gedachten, klaren Tisch zu schaffen.

Als sie von Pozarewatsch gegen Palanka flogen, immer von Kugeln umschwirrt wie von lästigen Fliegen, lachend in ihrer sicheren Höhe, da zeigte Tikosch dem Generalstabshauptmannlinks vor sich die kahlen Höhen des Lissatz.

»Schau, dort hinüber; hinter diesen höchsten Waldbergen, das ganz Blaue, das ist die Golobinje Planina und der Stol. Dort bin ich aus der Luft gefallen und hab' dem wilden Wald so recht alle Geheimnisse abgucken müssen, damit ich nur hab' leben können. Wie Robinson hab' ich mir alles selber machen und einlernen müssen. Du! Denn wenn sie mich erwischt hätten, ich wär' massakriert worden. Du, hast du auch schon philosophische Anwandlungen g'habt?«

»Ja,« schrie der Generalstäbler, was er konnte; denn der Motor donnerte gar zu prächtig.

»Ich noch nie,« sagte Tikosch, »aber dort oben bin ich ins Grübeln 'kommen. Weißt du, eine Zeit hab' ich die Leut' beneidet, die so mit einem recht gescheiten Schädel auf dieWelt 'kommen sind und jetzt ihr Leben dazu benützen, um nachzudenken, was mit allen diesen Verrücktheiten, die wir erleben müssen, gemeint sein könnt'! Alsdann: da oben im Wald sind auch mir solche Gedanken gewachsen. Du, und ein Mädel hab' ich dort kennen gelernt, schön und g'scheit wie eine Göttin! Aber im Grund genommen war sie doch eine Gans. Denn wozu ist das Weib auf der Welt, als seine Armerln unsereinem um den Hals zu legen? Also, das hat sie nicht wollen, auch bei keinem andern. Ich hab' damals schon geglaubt, ich bin keinen luckerten Kreuzer wert. Fazit: das Denken entnervt und nimmt einem sein Selbstvertrauen; der Mensch soll nicht denken!«

»Hast recht! Zu große Gescheitheit ist immer das End',« schrie der Generalstäbler fröhlich zurück. »Das Volk, das am festesten an irgendeiner Nationaldummheit hängt, lebtam längsten. Erfinden wir für Deutschland und Österreich einen Spezialjehova. He, he, wo fliegst denn hin?«

»Herr Hauptmann, ich nehm' Richtung auf das Hügelland im Westen. Ist das da unten Palanka?«

»Noch weiter nach Süden,« rief der Hauptmann. »Wir müssen uns in Kragujewatsch umschauen!«

Eine Schrapnellsalve platzte; rings um sie pufften die gelben Wölkchen. Tikosch lachte.

»Herrgott,« rief er, »müssen sich die Kerl' unten ärgern, daß sie uns nicht herunterkriegen! Jede Kugel, die sie uns schicken, ersparen wir einem von unsern Bakas! Schießt's, was ihr habt's, herauf und geht's betteln!«

Die Tragflächen wurden da und dort durchlöchert, aber selten. Und wie berauscht, daß sie im feindlichen Feuer, siegreich wie Adler und lachend über den Grimm der Tiefe,ihren stolzen Zug über das Himmelsblau schrieben, saßen die beiden kühnen Männer; der eine über seiner Karte notierend und kurze Weisungen nach vorne rufend, die der andere jedesmal mit einer neuen graziösen Kurve ausführte, die Hand am Steuer, den Blick fest und fröhlich, alle Sinne gespannt, alles auf einen Punkt gerichtet.

Auf einen Punkt!

Ganz, ganz anders als dort oben, in den gotteseinsamen Wäldern des Stol, wo der Geist sich ins Grenzenlose breiten wollte und zu verzagen begann! Kein Philosoph: Nein! Aber ein Mann der Tat! — — —


Back to IndexNext