»Geordnet Leben, ehelich Leben macht Stalltiere, die in der freien Wildnis und im Losbruch aller Kräfte zugrunde gehen. Raub und Einbruch: das ist ein unentbehrlich Stück Mann!«
Jetzt hatte er's. Wahr' dich, Wildling; wahr' dich, Tikosch Gabor! Unten auf der Erde brüllte es, um ihn jaulten und sausten die Kugeln, und er flog um Leben und Tod! Der Motor gab her, was er konnte, und sein tiefes Donnern übergrollte das Knattern der Flintenschüsse da unten. Nur wenn eine Kugel Metall faßte oder an die Versteifungsdrähte streifte, da biß sich ihr hohes Wimmerndurch das Geratter der Maschine. Der Wind sauste nicht so schneidend durch die Drähte als dieses Jammern der Geschosse, die blutdürstig aufschrien, wenn sie vorbeigingen. Wie das hundertfache Juchzen betrunkener Sennbuben mochte es in einem fort gehen. Uii, wiiiiu! Aber Tikosch Gabor hörte es nicht. Der Motor donnerte tief und metallen; und Tikosch flog wie im Fieber. Er wußte nicht, war er verwundet, lebte er überhaupt? Das Blut brauste ihm und rollte in eins zusammen mit dem knatternden Rasen seines Flugzeugs.
Das war ein Dahinstürmen durch die kugelzerrissene Luft! Bei Mehadia war er aufgeflogen. Alle Mädels hatten ihm »Eljen« nachgeschrien und mit hundert bunten Fahnen gewinkt; die ganze Erde schien voll junger Verliebtheit, und Tikosch hätte von jeder Küsse haben können, so viel er nur wollte. In dieserZeit waren ja alle Mädels zerlöst und verloren, wenn sie einen von den Soldaten sahen, die sterben gingen. Aber er hatte nur eine einzige im Sinne, und die mochte ihn nicht. Da hatte er sich's erbeten, an der Donau hin über serbisches Gebiet fliegen zu dürfen, um alles unter seine Bomben zu nehmen, was der Mühe wert war, Wacht- und Zollhaus von Kladowa, Bordoli, Brzapalanka, und dann, als allerbestes, die Negotiner Eisenbahn, bis zum wichtigen Knotenpunkte ob Zajetschar samt der Brücke, die bei Vrazograci über den Timok ging. Zwei Straßen- und eine Eisenbahnbrücke waren dort nahe beisammen; knallte es dort, so war der fruchtbarste Teil des Serbenlandes abgesperrt und Wein und Korn in Menge kaputt für die Zufuhr zum Feindesheer!
Nun war er schon über hundert Kilometer geflogen und hatte überall Feuer bekommen.Mit wilder Frechheit war er über den Militärstationen bis auf dreihundert Meter hinuntergegangen, um seine Knallerbsen hinabzuwerfen. Hatten sie gewirkt? Er wußte nicht viel davon, denn ihr Aufschlag unten erstickte in dem rasenden Knattern seines Motors und der Mausergewehre.
Durch die Tragflächen sah er die blaue Luft wie durch ein Sieb, und Leib und Steuer des Flugzeuges waren durchlöchert. Er allein noch nicht! Wenigstens fühlte er nichts am Körper und nichts im Hirn als ein Fiebern, ein dunkles: Weiter, weiter, und das Äußerste gewagt! Dumpf fühlte er die heulende Wut derer dort unten auf der Erde: über den siegreichen Raubvogel, der er noch war. Die Stimmen überschlugen sich vor weinendem Ingrimm, er aber schwamm wieder in die Höhen, schraubte sich empor wie ein Bussard zum dunklen Sommerhimmel und fuhr hochüber allen Kugeln in blendendem Sonnenglaste dahin. Nur nach Negotin kommen; das andere war gleich! Die Donau war sein Wegweiser. Ungeheuer breit, gelb und träge zog sie ihre zähe Straße. Jenseits das flache Rumänenland, Auen, Sümpfe, das weißliche Graugrün der Weiden, ganz stumpf und wie verstaubt; am diesseitigen Ufer jammervolle Lehmhöhen, immer gleich niedrig längs dem Strome hinkriechend, elende Dörfer, trostlose Wachhäuser, menschenunwürdige Lehmhöhlen, echt slawische Trostlosigkeit. Es war wenig Freude, hier seine Visitkarten abzuwerfen. Aber da kam Prahovo und mit ihm die Bahn. Und die Höhen, jetzt wurden sie anders! Wunderbar grünend schwang sich der Auslauf der wilden Golobinje Planina gegen die Donau, diese schwenkte links ab, und Tikosch flog donnernd über dem halbverwüsteten, aber immer noch reichen Rebenlande dahin. Rechtsdie Weingebirge, links und vor ihm die Sümpfe: Negotin!
Und da war's, wo es ganz böse wurde. Er war der kleinen Brücke ganz nahe gekommen, die über das versumpfte Flüßchen im Süden der Stadt führte, und ein wahres Feuerwerk von Geschossen heulte zu ihm empor. Bedächtig warf er eine Bombe, dann noch eine; die Brücke unten riß sich auf. Menschen liefen zusammen, heulten und schossen, andere flüchteten, in Haufen, kreuz und quer über das Feld wie Hasen; ziellos, kopflos. Er sah alles unter sich, sah, wie die weißen Tauben von allen Dächern aufstoben und durcheinander schwärmten, wie die Rebhühner aufstanden und die Hunde wie toll rannten und jafften; und wie im Traum warf er die dritte Bombe da hinunter in all die Angst und Wut hinein. Da wimmerte das Drahtgetäu hell auf. Eine Versteifung war zerschossen; derwirbelnde Propeller schmiß lange Holzsplitter im Kreise herum, der Motor klatschte ein paarmal. Dann schlug es leicht und beinahe fühllos gegen seine Hüfte, und heiß kam es an seinem linken Bein heruntergelaufen; kreuz Teufel, nun war er angeschossen worden. Wird's was Böses sein? Weh tat's nicht, aber es hieß ausreißen; hoch in die sichere Abendbläue hinauf.
Er riß das Steuer steil aufwärts, zu steil im ersten Schreck, und der Monoplan überschlug sich. Heulender Jubel kam von der Erde, aber der wilde Flieger ließ das Steuer nicht los. Wie zum Hohn für die dort unten gelang ihm, halb aus Zufall, ein Saltomortale in den Lüftenà laPégoud, dann drängte er flacher hinauf. Ein tausendstimmiger Wutschrei hallte ihm lange, lange in seine Adlerhöhen nach, er aber kreiste immer höher und höher, und bald sangen die Kugeln nicht mehr. Beinahe friedlichsah die Erde aus, wie eine Landkarte, und jetzt hielt er die scheuenden Pferde einen Augenblick für Hasen und die Menschen, die mit roten Gesichtern zu ihm hinaufstarrten, für Truthühner, so hoch war er schon. Bald sah er einzelne Menschen nicht mehr, und jetzt nahm er Kurs gegen Norden.
Was tun? Untersuchen konnte er seine Wunde nicht. War eine Ader zerschossen, nun, dann wurde er schwächer und schwächer und fiel wie ein todwunder Vogel aus der Luft. Er dachte all das ganz ruhig und wenig erschrocken durch. Niedergehen konnte er nicht; hier nicht. Sie hätten ihn mit toller Wonne in Stücke gerissen da unten. Aber hinüber nach Rumänien? Und kriegsgefangen, entwaffnet, der schöne Taubeflieger fremde Prise? Er hatte doch sterben oder durchsetzen wollen, was er sich vorgenommen; die Vrazogracer Brücke, die er sprengen wollte, hatte er garnicht erreicht. Später einmal; jetzt mußte er zusehen, wie er wieder nach Ungarn hinüberkam. Und verzweifelt hielt er das Steuer fest: gegen Nordwesten.
Wie eine Barre lag die in Abendglut brennende, kühle Planina zwischen ihm und dem Ziel; tief unten dunkelten die Wälder, näher an ihm glühten die karstigen Gipfel. Es waren die Berge um den Lukapaß, wohl zwölfhundert Meter hoch und mehr, und da mußte er drüber. Er zwang sich, nicht an das heiße Rieseln da unten, an seiner Hüfte, zu denken, und lenkte seine Taube höher empor. Recht hoch, denn mit dem Motor war etwas nicht in Ordnung; er hörte es mit klammem Herzen. Nur das jetzt nicht; das war ein Tod, schlimmer als der des Wolfes unter Hundezähnen. Wenigstens empor, empor mußte das Flugzeug, und wenn's siebentausend Meter waren, damit er Luft, eine ganze, lange, schräge Luftbahnbis nach Österreich und über die Donau unter den Schwingen hatte, wenn die Maschine aussetzte und er gezwungen war, in langsamem, sparsamem Gleiten niederzugehen! Wie weit er kommen würde? Er rechnete gar nicht, er biß bloß die Zähne zusammen wie ein Verzweifelter. Nur Wut war in ihm, Angst noch nicht — noch nicht. Aber wenn der Motor versagte? O, dies wunde, rote, grimmig brennende Abendlicht!
Will denn der Tag kein Ende nehmen? Wenn er niedergehen muß, und sie sehen ihn, dann ist es um ihn geschehen. In der tiefsten Einsamkeit der waldigen Planina finden ihn die Tollgewordenen und hetzen ihn mit Hunden, bis er sich stellt! Tikosch Gabor läßt die eine Hand frei, tastet nach der Wunde und dann nach seinem großen Kriegsbrowning; eine Neunmillimeterkugel wirdwohl für ihn genügen. Aber die letzte wird es sein; alle andern müssen in Feindesleiber schlagen!
Und der Motor wird launenhafter und störrischer, Zündungen setzen aus, Vollgas nimmt er nicht mehr, und Tikosch muß drosseln. Da erholt sich der Motor; aber mit der jetzigen Tourenzahl kann er wenig Höhe mehr gewinnen. Tikosch starrt mit glasgewordenen Augen auf das Barometer. Das steht, steigt wohl auch ein wenig. Also geht es doch bergab: Teufel, es geht bergab!
Unten wird das Gebirge wilder und einsamer; die Dörfer haben aufgehört; nur in der Scharte, in der Luka, da ducken sich Häuser, und man sieht ihn, man sieht ihn sicherlich hier oben. Wäre nur die Nacht schon da, die gesegnete, verhehlende Nacht der Verfolgten, der Diebe und der Wundgeschossenen, die sich verkriechen möchten! Der Abend wird weitund violett, aber Nacht ist es noch nicht. In unverständlicher Größe und seliger Langsamkeit verdämmert das Land wie immer, und er, er fliegt in einem kranken Apparate um sein Leben!
Da, östlich von der Luka, ist die Planina gänzlich einsam und rauh. Die Buchen, die Eichen, die Edelkastanien kriechen nicht eben hoch aus den steilen Tälern empor, dann kommt Fichtendickicht und dann die karstige Höhe der Hirten und der Ziegen. Auch die werden ihn sehen, die Hirten; auch die sind Hatzhunde für ihn, und er ist allein über Feindesland. Bald muß er hinunter.
Und der Motor zögert und zögert immer mehr.
Da ändert Tikosch Gabor seinen Entschluß. Vorwärts kommt er nicht mehr weit. Nach Ungarn und über die Donau sind es freilich nur mehr fünfzig Kilometer; wenn er sichnicht verflogen hat und wenn es ihm gelingt, das weit nach Serbien einschneidende Donauknie von Milanowatsch zu finden. Aber geht er nur ein wenig rechts oder links daran vorbei, so kann es viel weiter werden, und sein Motor hält vielleicht keine zehn Kilometer aus; wenn er fünfzig in der Stunde fliegt, krank, wie er ist, so wär's noch ein Glück. Also wunderbarenfalls noch eine Stunde bis Ungarn! Das aber geht nicht mehr an. Er fliegt also mit gedrosseltem Motor, immer sinkend, über die Golobinje Planina, dort, wo sie am ödesten ist und ihn wenige sehen. Dann wird er sich immer links halten, soweit die Planina unbewohnt und wild ist, bis zum Veliki Krisch hin, wenn es geht.
Geht? So lange nur kann er fliegen, als sein Apparat über der Kammhöhe der höchsten Gipfel bleibt; die im Süden haben ihn dann aufgegeben und glauben, er sei schon nachÖsterreich hinüber. Ist er aber bis auf dritthalbtausend herabgesunken, dann muß er schwenken, die Planina wieder südwärts überfliegen und, auf die Dämmerung trauend, knapp über den Kamm streichen wie ein Sperber, der Sperlinge vom Boden weghaschen will, und sofort hinter dem Kamm niedergehen, wo es am höchsten, einsamsten und ödesten ist. Er hat früher hoch oben, zwischen Luka und Krivelj mußte es sein, einen Jungfichtenhorst gesehen, wahrscheinlich eine Neuaufforstung in einer Staatsdomäne. Nun, in jetziger Zeit ist die Försterei einberufen, und es wird dort einsam sein. Sein Flugzeug soll in die Schonung hineinfahren, wo sie am dichtesten ist; da findet es nicht so bald einer.
Und er, er wird dann in der erbarmungslosen Öde dieser verlassenen Höhen verrecken wie ein wundes Tier. Oder sich ausheilen?Auf eigene Faust dort oben sein Leben ertrotzen wie ein Mann und Räuber der Urzeit? Es zuckt in ihm vor Hoffnung. — Und der Motor versagt gänzlich.
Da wendet er im düsteren Halbdämmern das kraftlose, stillgewordene Fahrzeug gegen die verdunkelnden Wälder hinab; in weitem Bogen geht es gegen Süden. Das da unten wird Plavna sein und das Crnajika. Sie scheinen ihn dort in ihrer Kriegsbekümmernis und ihrem Abendfrieden nicht bemerkt zu haben, oder der schweigende Motor täuscht ihnen einen der vielen Adler dieser ungastlichen Höhen vor. Wer fände auch sonst ein Vergnügen, jetzt, bei einbrechender Nacht, Kreise zu ziehen über der Planina, dort, wo sie am rauhesten und fernsten ist?
Nun senkt er sich über den Kamm hin. Keine zwanzig Meter über dem Boden schießt das Flugzeug des Verzweifelten über dieWasserscheide; dann hat es wieder Luft unter sich: Abgrund.
Tikosch sucht nach der großen Fichtenschonung; er hat sich den Rückwechsel genau gemerkt und findet das dunkle Wirrsal der hunderttausend schwarzgrünen Bäumchen sogleich. Nun gleitet er nahe an der Erde hin. Gott erhalte, jetzt gilt es. Einer dieser sperrigen Wipfel kann höher und stärker sein, als er abschätzte, und dann überschlägt er sich oder wird gepfählt. Aber es muß, es muß! Und mit zusammengebissenen Zähnen saust er hinein in das krause, grüne Sträuben und Schnellen der Äste und Wipfel.
Das Flugzeug neigt sich, bohrt sich krachend weiter, senkt sich abwärts, eine der Tragflächen knarrt, knirscht, knickt tief ein, aber schon ist der ganze Aeroplan im Netze der Bäumchen, die nur zwei Klafter hoch sind, gefangen. Schwer atmend klettert Tikosch heraus undwürgt sich in das unermeßliche Dickicht hinein. Das war auf Leben und Tod gegangen. Und er wirft sich auf die Erde und möchte am liebsten haben, alles wäre schon zu Ende, wie seine Kräfte es sind.
Eine Weile brüten unsagbare Dumpfheit und Gleichgültigkeit in ihm. Gerettet? Ha, was: jetzt geht erst die Hetze hinter dem gehaßten, flügellahmen Geier her! Und er ist schwach und verwundet. Ja: die Wunde. Er öffnet seine Kleider und sieht die linke Seite an; dann lacht er leise und grimmig. Gleich neben der Niere kam der Schuß von unten, und über dem Beckenknochen fuhr er wieder heraus, ganz nahe unter der Haut; die beiden glatten Schußöffnungen liegen keine drei Zoll voneinander. Aber nur ein wenig weiter nach hinten, und der wahnwitzige, betäubende Schmerz eines Nierenschusses hätte ihn entnervt. Ein wenig weiter abwärts, und derBeckenknochen wäre zersprengt! Nun war's nur das dicke Lendenfleisch, von großen Adern ist keine mitgenommen, und die Wunde klebt schon fest am Hemd. Er will sie nur oberflächlich reinigen; sie ist ja schon halb verharscht.
Und dann kniete der wildeste Leutnant des Ungarlandes, Tikosch Gabor, im Fichtengewirre nieder und betete zu einem Gotte, von dem er lange, lange nichts gewußt und dessen Namen er nur in den tollen Flüchen seines Landes zerfrevelt hatte.