Chapter 9

Es ging ein Tag um den andern in leuchtender Gleichheit dahin. Tikosch schoß mit seinem Vorderlader das Wild der Planinen und der Wälder und sagte zu dem Gewehre: »Knall', knall', meine Flinte, daß dich die Herrin hört und sagt: Er grüßt mich! Und wenn sie es nicht hören will, so bring' mir die Serbenhunde auf den Hals, ein Dutzend und mehr, damit ich mich wehren kann wie ein hauendes Schwein! Nur vergessen, wie stolz und schlank und schön das Mädel ist, das verhexte, verruchte!«

Und er weinte vor Wut und Scham, verschmäht zu sein.

Dann wieder zog die endlose Weichheit des Gottes dieser stillen Höhen in seine Seele ein, und er litt in einer wehen Süßigkeit dahin, wie er sie nie gekannt hatte. Alles schien ihm schön, und sein Leid war ihm rasend lieb. Es strömte ein Seufzen und Klagen unablässig, still und köstlich aus seiner Wunde, so wie Honig aus reifen und vollen Waben rinnt. Und der über alles Singen und Sagen goldene Herbst sah ihm zu und stimmte ihn wie ein göttlicher Sänger seine Harfe.

Er kam sich vor wie der einzige Mensch auf Erden; allein mit der Natur, rings um sich Tiefe und Tod. Blieb er hier oben, so war es ein beständiges Verbluten, aber Gott sang immer reiner sein ewiges Lied in ihm. Er begriff nun, wie Livia die Bäume und Felsen Geschwister nennen konnte; ihm waren sie es auch geworden, und ihnen erzählte er sein Leid. Wunderbar gütig hielten dieBäume zu ihm, die er umschlang und ihnen sagte, was er Livia nicht sagen durfte; ihre Rinde bewahrte ihren Namen wohl zehn- und zwölfmal. Das sanfte Rauschen ihrer Zweige sprach mit ihm, das Fallen, Fliegen und Treiben ihrer Blätter rief ihm zu: »Sieh her, auch wir verlieren unser Schönstes und Liebstes.« Und das Stöhnen der Äste, wenn Sturm im Walde war, schrie wie mit seiner eigenen Stimme zu Gott: »Warum hast Du mich verlassen?« So wuchs er in unsagbarem Weh und ansaugender Liebe in diese ferne, verschollene Welt hinein, und oft überraschte ihn der Gedanke: »Hier möchte ich mein Leben verbringen.«

Die Fernen waren immer noch silbrig, der Himmel strahlte in Gold und Blau, und weithin sah man ins angstvoll stille Land, in dem Kriegssorge wohnte. Da mußte Livia noch unten im Waldhause sein, und er sandteder Nahen und endlos Fernen seine wundesten Grüße über die Baumwipfel hinab. Dann aber, eines Nachts, als um Sonnenuntergang das Abendrot gebrannt hatte wie das zerrissene Herz Gottes, als die Fernen schmerzlich scharf und rein ringsum herübergeschaut hatten, da kam ein hochherrlich warmer Sturm über die Wälder und raubte ihnen mit lachender, johlender Gewalttat Milliarden von Blättern. Es brauste wie die Orgel des ersten Gottesdienstes nach Weltuntergang, wenn die Entsetzten und Erlösten das »Herrgott, wir loben Dich« anstimmen müssen. Die gewaltigen Äste hagelten dicht um das Versteck, unter dem sich Tikosch zu ducken versuchte. Aber da sein Herz von dem Aufruhr angesteckt wurde, litt es ihn nicht in der dumpfen Luft seiner unterirdischen Hütte, und er trat mit offener Brust in den kämpfenden Wald und sang und schrie mit. Es machte ihn wie toll, daßer wieder schreien, schreien konnte, er, der so lange still gewesen war und nicht mucken durfte.

In der Sturmnacht hörte ihn niemand, und wie ein frecher Knabe aus sicherer Ferne schrie er wilde Kriegsworte und Herausforderungen ins serbische Land hinunter, forderte er Gott heraus, ihn mit einem Blitz zu zerspellen, und sprang lautlachend zur Seite, als ein Baum sich neben ihm wie ein niederkniender Beter neigte und dem Herrn der Wälder krachend zu Füßen sank.

»Hoho, er reagiert,« schrie Tikosch, »er hat mich gehört und gibt mir einen Deuter, der ewig hochmütige Schweigsame!« Er war wie toll; der Aufruhr des Himmels und der Wälder steckte ihn an wie eine Carmagnole des Satans, und so schrie und tanzte er aus dem Walde auf die felsige Blöße hinaus, juchte die gehetzten Wolken an wie der wilde Jäger sein Schattenwild und wünschte nichts mehr undsehnlicher, als daß die alte Sage zu dieser Stunde wahr würde und der verdammte Hackelberg da oben über die Wipfel käme und ihn mitnähme! Den Reiter und Flieger, für den auf Erden keine Liebe wuchs, und der gern verdammt wäre zu ewigem Hetzen in der Luft, immer nur mit Hunden und Pferden und Raubvögeln, zu denen er ja gehören mußte!

Endlich war er müde geworden, und lachend über seine eigene Tollheit und doch mit beschämtem und wundem Herzen suchte er seine überzeltete Erdhütte auf.

Die ersten, schweren Tropfen, mit Hagelgeschossen untermischt, schlugen gerade auf ihn hernieder wie Hetzpeitschenhiebe. Ungeheuer prasselte der Regen über sein Dach herab, hob und blähte es, riß daran und schlug seine nassen Schauer bis hinein. Da verkroch sich Tikosch fröstelnd in seinen Schlafsack undhorchte lange, lange auf das Schauern, Sturmheulen und Anschlagen der Wolkenbruchsaat an sein leichtes Zelt.

Am andern Tage geschah etwas Wunderbares. Er mußte spät eingeschlafen und so übermüdet sein, daß er es gar nicht hörte, wie jemand durch den Tunnel im Gebüsche bis an seine Behausung kam. Livia hatte schon die Zeltwand zurückgeschlagen und sah zu ihm herein, als er, geblendet vom blaßgrauen Regenhimmel, erwachte und im Erkennen des schönen Mädchens regungslos liegen blieb, als wollte er ein Wunder nicht stören und zerstieben machen.

Aber Livia begann zu sprechen: »Ich habe Sorge um Sie gehabt in dieser schrecklichen Nacht, die die letzte war, die ich hier oben verbringen durfte. Ich bringe Ihnen zum Abschied noch alles, was Ihnen an Nahrungdienlich sein kann, und wenn Sie Ihren halsstarrigen Entschluß ändern wollten, so habe ich Ihnen auf dieser Karte mit einem roten Strich den Weg bezeichnet, auf dem Sie in der Nacht unbemerkt bis nach Rgotina kommen können. Nein, bleiben Sie liegen, ich muß wieder gehen. Gott sei mit Ihnen, und seien Sie vernünftig!«

Sie beugte sich zu dem jungen Menschen, der erschreckt stillhielt, und küßte ihn auf die Stirne.

»Lebwohl, mein Bruder,« sagte sie leise. Dann war sie auf und fort.

Und im Walde war Regen; grauer, eintöniger Regen, der so still über dem Lande hinging, daß nicht einmal die Nebel, die naßschauernd über die Kämme des Stol und der Planina zogen, lebhafter wanderten. Es war ein müder, träger Luftzug, der sie trug. Sonst pfiff es immer aufdiesen karstigen Höhen, jetzt langweilten sich die Wolken unschlüssig dort umher und weinten, weinten um den Sommer, der tot war. Ein Tag war wie der andere, und die Wildtauben waren fort; der Waldhase lag melancholisch in seiner Sasse, und kein Reh schritt durch die triefenden Wälder. Immer war es gleich, und wie ein zwecklos trödelnder Mensch mit den Fingern an hoffnungslosen Fensterscheiben, so trommelte tagaus, tagein der Regen auf die Plache des Zeltdaches, bis sie regelmäßige Tropfenzeilen und Regenfäden da und dort durchließ, die ihm die Erde feuchteten, auf der sein Lager war.

»Gott kann sich sehr versagen,« dachte Tikosch in der Sprache des schönen, abgewanderten Mädchens. Und alles in ihm war bange, hoffnungslos und grau wie diese nutzlosen Tage.

Endlich ward ihm der Regen und die Verschleierung der ganzen kleinen Welt, die ihm zur Verfügung stand, zu viel, und er bedachte, daß er von der Höhe des Stol aus die Timokbrücke nicht sprengen konnte.

Es mußte sich doch eine Möglichkeit finden, in der schmerzlichen, aber dennoch beseligenden Nähe Liviens weilen zu können. Er konnte auch dabei die gute Gelegenheit, seine Sprengbüchse zärtlich an die Brücke zu binden, wahrnehmen. Nur Livia durfte dabei nicht, wie sie sich auszudrücken pflegte, »bloßgestellt« werden. Er dachte an das bei dem Mädchen seltene Lachen, mit dem sie von der Gesellschaft erzählte, der er sich hätte anschließen sollen, und mutmaßte ein paar versprengte österreichische Soldaten oder Deserteure, die er vielleicht durch seine Tatkraftdem lieben Vaterlande zurückgewinnen, ja wohl gar mit ihnen Großes vollbringen könnte!

Dieser Gedanke, mit ein paar verwegenen Kerlen nach Betyarenart auf eigene Faust Krieg zu führen, machte ihn ganz heiß vor Freude, und für den Augenblick wenigstens war alle Weichheit und aller pantheistische Dusel der letzten verliebten Tage von ihm abgefallen. Er glühte und plante. Ah, Bandenführer sein, das wäre herrlich!


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