Chapter 3

Zweiter Auftritt

Adrast.—Was für ein neuer Streich!—Ich kann nicht wieder zur mir selbst kommen!—Es ist nicht auszuhalten!—Verachtungen, Beleidigungen, —Beleidigungen in dem Gegenstande, der ihm der liebste sein muß:— alles ist umsonst; nichts will er fühlen. Was kann ihn so verhärten? Die Bosheit allein, die Begierde allein, seine Rache reif werden zu lassen.—Wen sollte dieser Mann nicht hinter das Licht führen? Ich weiß nicht, was ich denken soll. Er dringt seine Wohltaten mit einer Art auf—Aber verwünscht sind seine Wohltaten, und seine Art! Und wenn auch keine Schlange unter diesen Blumen läge, so würde ich ihn doch nicht anders als hassen können. Hassen werde ich ihn, und wenn er mir das Leben rettete. Er hat mir das geraubt, was kostbarer ist, als das Leben: das Herz meiner Juliane; ein Raub, den er nicht ersetzen kann, und wenn er sich mir zu eigen schenkte. Doch er will ihn nicht ersetzen; ich dichte ihm noch eine zu gute Meinung an.—

Dritter Auftritt

Theophan. Adrast.

Theophan. In welcher heftigen Bewegung treffe ich Sie abermals Adrast?

Adrast. Sie ist Ihr Werk.

Theophan. So muß sie eines von denen Werken sein, die wir alsdann wider unsern Willen hervorbringen, wann wir uns am meisten nach ihrem Gegenteile bestreben. Ich wünsche nichts, als Sie ruhig zu sehen, damit Sie mit kaltem Blute von einer Sache mit mir reden könnten, die uns beide nicht näher angehen kann.

Adrast. Nicht wahr, Theophan? es ist der höchste Grad der List, wenn man alle seine Streiche so zu spielen weiß, daß die, denen man sie spielt, selbst nicht wissen, ob und was für Vorwürfe sie uns machen sollen?

Theophan. Ohne Zweifel.

Adrast. Wünschen Sie sich Glück: Sie haben diesen Grad erreicht.

Theophan. Was soll das wieder?

Adrast. Ich versprach Ihnen vorhin, die bewußten Wechsel zu bezahlen— (spöttisch) Sie werden es nicht übelnehmen, es kann nunmehr nicht sein. Ich will Ihnen, anstatt der zerrissenen, andere Wechsel schreiben.

Theophan (in eben dem Tone). Es ist wahr, ich habe sie in keiner andern Absicht zerrissen, als neue von Ihnen zu bekommen.—

Adrast. Es mag Ihre Absicht gewesen sein, oder nicht: Sie sollen sie haben.—Wollten Sie aber nicht etwa gern erfahren, warum ich sie nunmehr nicht bezahlen kann?

Theophan. Nun?

Adrast. Weil ich die Bürgschaften nicht liebe.

Theophan. Die Bürgschaften?

Adrast. Ja; und weil ich Ihrer Rechten nichts geben mag, was ich ausIhrer Linken nehmen müßte.

Theophan (beiseite). Der Wechsler hat mir nicht reinen Mund gehalten!

Adrast. Sie verstehen mich doch?

Theophan. Ich kann es nicht mit Gewißheit sagen.

Adrast. Ich gebe mir alle Mühe, Ihnen auf keine Weise verbunden zu sein: muß es mich also nicht verdrießen, daß Sie mich in den Verdacht bringen, als ob ich es gleichwohl zu sein Ursache hätte?

Theophan. Ich erstaune über Ihre Geschicklichkeit, alles auf der schlimmsten Seite zu betrachten.

Adrast. Und wie Sie gehört haben, so bin ich über die Ihrige erstaunt, diese schlimme Seite so vortrefflich zu verbergen. Noch weiß ich selbst nicht eigentlich, was ich davon denken soll.

Theophan. Weil Sie das Natürlichste davon nicht denken wollen.

Adrast. Dieses Natürlichste, meinen Sie vielleicht, wäre das, wenn ich dächte, daß Sie diesen Schritt aus Großmut, aus Vorsorge für meinen guten Namen getan hätten? Allein, mit Erlaubnis, hier wäre es gleich das Unnatürlichste.

Theophan. Sie haben doch wohl recht. Denn wie wäre es immer möglich, daß ein Mann von meinem Stande nur halb so menschliche Gesinnungen haben könnte?

Adrast. Lassen Sie uns Ihren Stand einmal beiseite setzen.

Theophan. Sollten Sie das wohl können?—

Adrast. Gesetzt also, Sie wären keiner von den Leuten, die, den Charakter der Frömmigkeit zu behaupten, ihre Leidenschaften so geheim, als möglich, halten müssen; die anfangs aus Wohlstand heucheln lernen, und endlich die Heuchelei als eine zweite Natur beibehalten; die nach ihren Grundsätzen verbunden sind, sich ehrlicher Leute, welche sie die Kinder der Welt nennen, zu entziehen, oder wenigstens aus keiner andern Absicht Umgang mit ihnen zu pflegen, als aus der niederträchtigen Absicht, sie auf ihre Seite zu lenken; gesetzt, Sie wären keiner von diesen: sind Sie nicht wenigstens ein Mensch, der Beleidigungen empfindet? Und auf einmal alles in allem zu sagen:— Sind Sie nicht ein Liebhaber, welcher Eifersucht fühlen muß?

Theophan. Es ist mir angenehm, daß Sie endlich auf diesen Punkt herauskommen.

Adrast. Vermuten Sie aber nur nicht, daß ich mit der geringstenMäßigung davon sprechen werde.

Theophan. So will ich es versuchen, desto mehrere dabei zu brauchen.

Adrast. Sie lieben Julianen, und ich—ich—was suche ich lange noch Worte?—Ich hasse Sie wegen dieser Liebe, ob ich gleich kein Recht auf den geliebten Gegenstand habe; und Sie, der Sie ein Recht darauf haben, sollten mich, der ich Sie um dieses Recht beneide, nicht auch hassen?

Theophan. Gewiß, ich sollte nicht.—Aber lassen Sie uns doch dasRecht untersuchen, das Sie und ich auf Julianen haben.

Adrast. Wenn dieses Recht auf die Stärke unserer Liebe ankäme, so würde ich es Ihnen vielleicht noch streitig machen. Es ist Ihr Glück, daß es auf die Einwilligung eines Vaters, und auf den Gehorsam einer Tochter ankömmt.—

Theophan. Hierauf will ich es durchaus nicht ankommen lassen. Die Liebe allein soll Richter sein. Aber merken Sie wohl, nicht bloß unsere, sondern vornehmlich die Liebe derjenigen, in deren Besitz Sie mich glauben. Wenn Sie mich überführen können, daß Sie von Julianen wiedergeliebet werden—

Adrast. So wollen Sie mir vielleicht Ihre Ansprüche abtreten?

Theophan. So muß ich.

Adrast. Wie höhnisch Sie mit mir umgehen!—Sie sind Ihrer Sachen gewiß, und überzeugt, daß Sie bei dieser Rodomontade nichts aufs Spiel setzen.

Theophan. Also können Sie mir es nicht sagen, ob Sie Juliane liebet?

Adrast. Wenn ich es könnte, würde ich wohl unterlassen, Sie mit diesem Vorzuge zu peinigen?

Theophan. Stille! Sie machen sich unmenschlicher, als Sie sind.—Nun wohl! so will ich,—ich will es Ihnen sagen, daß Sie Juliane liebt.

Adrast. Was sagen Sie?—Doch fast hätte ich über das Entzückende dieser Versicherung vergessen, aus wessen Munde ich sie höre. Recht so! Theophan, recht so! Man muß über seine Feinde spotten. Aber wollen Sie, diese Spötterei vollkommen zu machen, mich nicht auch versichern, daß Sie Julianen nicht lieben?

Theophan (verdrießlich). Es ist unmöglich, mit Ihnen ein vernünftigesWort zu sprechen. (Er will weggehen.)

Adrast (beiseite). Er wird zornig?—Warten Sie doch, Theophan.Wissen Sie, daß die erste aufgebrachte Miene, die ich endlich vonIhnen sehe, mich begierig macht, dieses vernünftige Wort zu hören?

Theophan (zornig). Und wissen Sie, daß ich endlich Ihres schimpflichen Betragens überdrüssig bin?

Adrast (beiseite). Er macht Ernst.—

Theophan (noch zornig). Ich will mich bestreben, daß Sie den Theophan so finden sollen, als Sie ihn sich vorstellen.

Adrast. Verziehen Sie. Ich glaube in Ihrem Trotze mehr Aufrichtigkeit zu sehen, als ich jemals in Ihrer Freundlichkeit gesehen habe.

Theophan. Wunderbarer Mensch! Muß man sich Ihnen gleichstellen, muß man ebenso stolz, ebenso argwöhnisch, ebenso grob sein, als Sie, um Ihr elendes Vertrauen zu gewinnen?

Adrast. Ich werde Ihnen diese Sprache, ihrer Neuigkeit wegen, vergeben müssen.

Theophan. Sie soll Ihnen alt genug werden!

Adrast. Aber in der Tat—Sie machen mich vollends verwirrt. MüssenSie mir Dinge, worauf alle mein Wohl ankömmt, mit einem fröhlichenGesichte sagen? Ich bitte Sie, sagen Sie es jetzt noch einmal, wasich vorhin für eine Spötterei aufnehmen mußte.

Theophan. Wenn ich es sage, glauben Sie nur nicht, daß es umIhretwillen geschieht.

Adrast. Desto mehr werde ich mich darauf verlassen.

Theophan. Aber ohne mich zu unterbrechen: das bitte ich.—

Adrast. Reden Sie nur.

Theophan. Ich will Ihnen den Schlüssel zu dem, was Sie hören sollen, gleich voraus geben. Meine Neigung hat mich nicht weniger betrogen, als Sie die Ihrige. Ich kenne und bewundere alle die Vollkommenheiten, die Julianen zu einer Zierde ihres Geschlechts machen; aber—ich liebe sie nicht.

Adrast. Sie—

Theophan. Es ist gleichviel, ob Sie es glauben oder nicht glauben.— Ich habe mir Mühe genug gegeben, meine Hochachtung in Liebe zu verwandeln. Aber eben bei dieser Bemühung habe ich Gelegenheit gehabt, es oft sehr deutlich zu merken, daß sich Juliane einen ähnlichen Zwang antut. Sie wollte mich lieben, und liebte mich nicht. Das Herz nimmt keine Gründe an, und will in diesem, wie in andern Stücken, seine Unabhängigkeit von dem Verstande behaupten. Man kann es tyrannisieren, aber nicht zwingen. Und was hilft es, sich selbst zum Märtyrer seiner Überlegungen zu machen, wenn man gewiß weiß, daß man keine Beruhigung dabei finden kann? Ich erbarmte mich also Julianens— oder vielmehr, ich erbarmte mich meiner selbst: ich unterdrückte meine wachsende Neigung gegen eine andre Person nicht länger und sahe es mit Vergnügen, daß auch Juliane zu ohnmächtig oder zu nachsehend war, der ihrigen zu widerstehen. Diese ging auf einen Mann, der ihrer ebenso unwürdig ist, als unwürdig er ist, einen Freund zu haben. Adrast würde sein Glück in ihren Augen längst gewahr geworden sein, wenn Adrast gelassen genug wäre, richtige Blicke zu tun. Er betrachtet alles durch das gefärbte Glas seiner vorgefaßten Meinungen, und alles obenhin; und würde wohl oft lieber seine Sinne verleugnen, als seinen Wahn aufgeben. Weil Juliane ihn liebenswürdig fand, konnte ich mir unmöglich einbilden, daß er so gar verderbt sei. Ich sann auf Mittel, es beiden mit der besten Art beizubringen, daß sie mich nicht als eine gefährliche Hinderung ansehen sollten. Ich kam nur jetzt in dieser Absicht hieher; allein ließ mich Adrast, ohne die schimpflichsten Abschreckungen, darauf kommen? Ich würde ihn, ohne ein weiteres Wort, verlassen haben, wenn ich mich nicht noch derjenigen Person wegen gezwungen hätte, der ich, von Grund meiner Seelen, alles gönne, was sie sich selbst wünscht.—Mehr habe ich ihm nicht zu sagen. (Er will fortgehen.)

Adrast. Wohin, Theophan?—Urteilen Sie aus meinem Stilleschweigen, wie groß mein Erstaunen sein müsse!—Es ist eine menschliche Schwachheit, sich dasjenige leicht überreden zu lassen, was man heftig wünscht. Soll ich ihr nachhängen? soll ich sie unterdrücken?

Theophan. Ich will bei Ihrer Überlegung nicht gegenwärtig sein.—

Adrast. Wehe dem, der mich auf eine so grausame Art aufzuziehen denkt!

Theophan. So räche mich denn Ihre marternde Ungewißheit an Ihnen!

Adrast (beiseite). Jetzt will ich ihn fangen.—Wollen Sie mir noch ein Wort erlauben, Theophan?—Wie können Sie über einen Menschen zürnen, der mehr aus Erstaunen über sein Glück, als aus Mißtrauen gegen Sie, zweifelt?—

Theophan. Adrast, ich werde mich schämen, nur einen Augenblick gezürnt zu haben, sobald Sie vernünftig reden wollen.

Adrast. Wenn es wahr ist, daß Sie Julianen nicht lieben, wird es nicht nötig sein, daß Sie sich dem Lisidor entdecken?

Theophan. Allerdings.

Adrast. Und Sie sind es wirklich gesonnen?

Theophan. Und zwar je eher, je lieber.

Adrast. Sie wollen dem Lisidor sagen, daß Sie Julianen nicht lieben?

Theophan. Was sonst?

Adrast. Daß Sie eine andere Person lieben?

Theophan. Vor allen Dingen; um ihm durchaus keine Ursache zu geben,Julianen die rückgängige Verbindung zur Last zu legen.

Adrast. Wollten Sie wohl alles dieses gleich jetzo tun?

Theophan. Gleich jetzo?—

Adrast (beiseite). Nun habe ich ihn!—Ja, gleich jetzo.

Theophan. Wollten Sie aber auch wohl eben diesen Schritt tun? Wollten auch Sie dem Lisidor wohl sagen, daß Sie Henrietten nicht liebten?

Adrast. Ich brenne vor Verlangen.

Theophan. Und daß Sie Julianen liebten?

Adrast. Zweifeln Sie?

Theophan. Nun wohl! so kommen Sie.

Adrast (beiseite). Er will?—

Theophan. Nur geschwind!

Adrast. Überlegen Sie es recht.

Theophan. Und was soll ich denn noch überlegen?

Adrast. Noch ist es Zeit.—

Theophan. Sie halten sich selbst auf. Nur fort!—(Indem er vorangehen will.) Sie bleiben zurück? Sie stehen in Gedanken? Sie sehen mich mit einem Auge an, das Erstaunen verrät? Was soll das?—

Adrast (nach einer kleinen Pause). Theophan!—

Theophan. Nun?—Bin ich nicht bereit?

Adrast (gerührt). Theophan!—Sie sind doch wohl ein ehrlicher Mann.

Theophan. Wie kommen Sie jetzt darauf?

Adrast. Wie ich jetzt darauf komme? Kann ich einen stärkern Beweis verlangen, daß Ihnen mein Glück nicht gleichgültig ist?

Theophan. Sie erkennen dieses sehr spät—aber Sie erkennen es doch noch.—Liebster Adrast, ich muß Sie umarmen.—

Adrast. Ich schäme mich—lassen Sie mich allein; ich will ihnen bald folgen.—

Theophan. Ich werde Sie nicht allein lassen.—Ist es möglich, daß ichIhren Abscheu gegen mich überwunden habe? Daß ich ihn durch eineAufopferung überwunden habe, die mir so wenig kostet? Ach! Adrast,Sie wissen noch nicht, wie eigennützig ich dabei bin; ich werdevielleicht alle Ihre Hochachtung dadurch wieder verlieren:—Ich liebeHenrietten.

Adrast. Sie lieben Henrietten? Himmel! so können wir ja hier noch beide glücklich sein. Warum haben wir uns nicht eher erklären müssen? O Theophan! Theophan! ich würde Ihre ganze Aufführung mit einem andern Auge angesehen haben. Sie würden der Bitterkeit meines Verdachts, meiner Vorwürfe nicht ausgesetzt gewesen sein.

Theophan. Keine Entschuldigungen, Adrast! Vorurteile und eine unglückliche Liebe sind zwei Stücke, deren eines schon hinreichet, einen Mann zu etwas ganz anderm zu machen, als er ist.—Aber was verweilen wir hier länger?

Adrast. Ja, Theophan, nun lassen Sie uns eilen.—Aber wenn unsLisidor zuwider wäre?—Wenn Juliane einen andern liebte?—

Theophan. Fassen Sie Mut. Hier kömmt Lisidor.

Vierter Auftritt

Lisidor. Theophan. Adrast.

Lisidor. Ihr seid mir feine Leute! Soll ich denn beständig mit dem fremden Vetter allein sein?

Theophan. Wir waren gleich im Begriff zu Ihnen zu kommen.

Lisidor. Was habt ihr nun wieder zusammen gemacht? gestritten? Glaubt mir doch nur, aus dem Streiten kömmt nichts heraus. Ihr habt alle beide, alle beide habt ihr recht.—Zum Exempel: (zum Theophan) Der spricht, die Vernunft ist schwach; und der (zum Adrast) spricht, die Vernunft ist stark. Jener beweiset mit starken Gründen, daß die Vernunft schwach ist; und dieser mit schwachen Gründen, daß sie stark ist. Kömmt das nun nicht auf eins heraus? schwach und stark, oder, stark und schwach: was ist denn da für ein Unterscheid?

Theophan. Erlauben Sie, wir haben jetzt weder von der Stärke, noch von der Schwäche der Vernunft gesprochen—

Lisidor. Nun! so war es von etwas anderm, das ebensowenig zu bedeuten hat.—Von der Freiheit etwa: Ob ein hungriger Esel, der zwischen zwei Bündeln Heu steht, die einander vollkommen gleich sind, das Vermögen hat, von dem ersten von dem besten zu fressen, oder, ob der Esel so ein Esel sein muß, daß er lieber verhungert?—

Adrast. Auch daran ist nicht gedacht worden. Wir beschäftigten uns mit einer Sache, bei der das Vornehmste nunmehr auf Sie ankömmt.

Lisidor. Auf mich?

Theophan. Auf Sie, der Sie unser ganzes Glück in Händen haben.

Lisidor. Oh! ihr werdet mir einen Gefallen tun, wenn ihr es so geschwind, als möglich, in eure eignen Hände nehmt.—Ihr meint doch wohl das Glück in Fischbeinröcken? Schon lange habe ich es selber nicht mehr gern behalten wollen. Denn der Mensch ist ein Mensch, und eine Jungfer eine Jungfer; und Glück und Glas wie bald bricht das!

Theophan. Wir werden zeitlebens nicht dankbar genug sein können, daß Sie uns einer so nahen Verbindung gewürdiget haben. Allein es stößt sich noch an eine sehr große Schwierigkeit.

Lisidor. Was?

Adrast. An eine Schwierigkeit, die unmöglich vorauszusehen war.

Lisidor. Nu?

Theophan und Adrast. Wir müssen Ihnen gestehen—

Lisidor. Alle beide zugleich? Was wird das sein? Ich muß euch ordentlich vernehmen.—Was gestehen Sie, Theophan?—

Theophan. Ich muß Ihnen gestehen,—daß ich Julianen nicht liebe.

Lisidor. Nicht liebe? habe ich recht gehört?—Und was ist denn IhrGeständnis, Adrast?—

Adrast. Ich muß Ihnen gestehen,—daß ich Henrietten nicht liebe.

Lisidor. Nicht liebe?—Sie nicht lieben, und Sie nicht lieben; das kann unmöglich sein! Ihr Streitköpfe, die ihr noch nie einig gewesen seid, solltet jetzo zum ersten Male einig sein, da es darauf ankömmt, mir den Stuhl vor die Türe zu setzen?—Ach! ihr scherzt, nun merke ich's erst.

Adrast. Wir? scherzen?

Lisidor. Oder ihr müßt nicht klug im Kopfe sein. Ihr meine Töchter nicht lieben? die Mädel weinen sich die Augen aus dem Kopfe.—Aber warum denn nicht? wenn ich fragen darf. Was fehlt denn Julianen, daß Sie sie nicht lieben können?

Theophan. Ihnen die Wahrheit zu gestehen, ich glaube, daß ihr Herz selbst für einen andern eingenommen ist.

Adrast. Und eben dieses vermute ich mit Grunde auch von Henrietten.

Lisidor. Ho! ho! dahinter muß ich kommen.—Lisette! he! Lisette!—Ihr seid also wohl gar eifersüchtig, und wollt nur drohen?

Theophan. Drohen? da wir Ihrer Güte jetzt am nötigsten haben?

Lisidor. He da! Lisette!

Fünfter Auftritt

Lisette. Lisidor. Theophan. Adrast.

Lisette. Hier bin ich ja schon! Was gibt's?

Lisidor. Sage, sie sollen gleich herkommen.

Lisette. Wer denn?

Lisidor. Beide! hörst du nicht?

Lisette. Meine Jungfern?

Lisidor. Fragst du noch?

Lisette. Gleich will ich sie holen. (Indem sie wieder umkehrt.)Kann ich ihnen nicht voraus sagen, was sie hier sollen?

Lisidor. Nein!

Lisette (geht und kömmt wieder). Wenn sie mich nun aber fragen?

Lisidor. Wirst du gehen?

Lisette. Ich geh.—(Kömmt wieder.) Es ist wohl etwas Wichtiges?

Lisidor. Ich glaube, du Maulaffe, willst es eher wissen, als sie?

Lisette. Nur sachte! ich bin so neugierig nicht.

Sechster Auftritt

Lisidor. Theophan. Adrast.

Lisidor. Ihr habt mich auf einmal ganz verwirrt gemacht. Doch nur Geduld, ich will das Ding schon wieder in seine Wege bringen. Das wäre mir gelegen, wenn ich mir ein Paar andere Schwiegersöhne suchen müßte! Ihr waret mir gleich so recht, und so ein Paar bekomme ich nicht wieder zusammen, wenn ich mir sie auch bestellen ließe.

Adrast. Sie sich andre Schwiegersöhne suchen?—Was für ein Unglück drohen Sie uns?

Lisidor. Ihr wollt doch wohl nicht die Mädel heiraten, ohne sie zu lieben? Da bin ich auch euer Diener.

Theophan. Ohne sie zu lieben?

Adrast. Wer sagt das?

Lisidor. Was habt ihr denn sonst gesagt?

Adrast. Ich bete Julianen an.

Lisidor. Julianen?

Theophan. Ich liebe Henrietten mehr, als mich selbst.

Lisidor. Henrietten?—Uph! Wird mir doch auf einmal ganz wieder leichte.—Ist das der Knoten? Also ist es weiter nichts, als daß sich einer in des andern seine Liebste verliebt hat? Also wäre der ganze Plunder mit einem Tausche gutzumachen?

Theophan. Wie gütig sind Sie, Lisidor!

Adrast. Sie erlauben uns also—

Lisidor. Was will ich tun? Es ist doch immer besser, ihr tauscht vor der Hochzeit, als daß ihr nach der Hochzeit tauscht. Wenn es meine Töchter zufrieden sind, ich bin es zufrieden.

Adrast. Wir schmeicheln uns, daß sie es sein werden.—Aber bei der Liebe, Lisidor, die Sie gegen uns zeigen, kann ich unmöglich anders, ich muß Ihnen noch ein Geständnis tun.

Lisidor. Noch eins?

Adrast. Ich würde nicht rechtschaffen handeln, wenn ich Ihnen meineUmstände verhehlte.

Lisidor. Was für Umstände?

Adrast. Mein Vermögen ist so geschmolzen, daß ich, wenn ich alle meine Schulden bezahle, nichts übrig behalte.

Lisidor. Oh! schweig doch davon. Habe ich schon nach deinem Vermögen gefragt? Ich weiß so wohl, daß du ein lockrer Zeisig gewesen bist, und alles durchgebracht hast; aber eben deswegen will ich dir eine Tochter geben, damit du doch wieder etwas hast.—Nur stille! da sind sie; laßt mich machen.

Siebenter Auftritt

Juliane. Henriette. Lisette. Lisidor. Theophan. Adrast.

Lisette. Hier bringe ich sie, Herr Lisidor. Wir sind höchst begierig, zu wissen, was Sie zu befehlen haben.

Lisidor. Seht freundlich aus, Mädchens! ich will euch etwasFröhliches melden: Morgen soll's richtig werden. Macht euch gefaßt!

Lisette. Was soll richtig werden?

Lisidor. Für dich wird nichts mit richtig.—Lustig, Mädchens! Hochzeit! Hochzeit!—Nu? Ihr seht ja so barmherzig aus? Was fehlt dir, Juliane?

Juliane. Sie sollen mich allezeit gehorsam finden; aber nur diesesmal muß ich Ihnen vorstellen, daß Sie mich übereilen würden.—Himmel! morgen?

Lisidor. Und du, Henriette?

Henriette. Ich, lieber Herr Vater? ich werde morgen krank sein, todsterbenskrank!

Lisidor. Verschieb es immer bis übermorgen.

Henriette. Es kann nicht sein. Adrast weiß meine Ursachen.

Adrast. Ich weiß, schönste Henriette, daß Sie mich hassen.

Theophan. Und sie, liebste Juliane, Sie wollen gehorsam sein?—Wie nahe scheine ich meinem Glücke zu sein, und wie weit bin ich vielleicht noch davon entfernt!—Mit was für einem Gesichte soll ich es Ihnen sagen, daß ich der Ehre Ihrer Hand unwert bin? daß ich mir bei aller der Hochachtung, die ich für eine so vollkommene Person hegen muß, doch nicht getraue, dasjenige für Sie zu empfinden, was ich nur für eine einzige Person in der Welt empfinden will.

Lisette. Das ist ja wohl gar ein Korb? Es ist nicht erlaubt, daß auch Mannspersonen welche austeilen wollen. Hurtig also, Julianchen, mit der Sprache heraus!

Theophan. Nur ein eitles Frauenzimmer könnte meine Erklärung beleidigen; und ich weiß, daß Juliane über solche Schwachheiten so weit erhaben ist,—

Juliane. Ach Theophan! ich höre es schon: Sie haben zu scharfeBlicke in mein Herz getan.—

Adrast. Sie sind nun frei, schönste Juliane. Ich habe Ihnen kein Bekenntnis weiter abzulegen, als das, welches ich Ihnen bereits abgelegt habe.—Was soll ich hoffen?

Juliane. Liebster Vater!—Adrast!—Theophan!—Schwester!—

Lisette. Nun merke ich alles. Geschwind muß das die Großmama erfahren. (Lisette läuft ab.)

Lisidor (zu Julianen). Siehst du, Mädchen, was du für Zeug angefangen hast?

Theophan. Aber Sie, liebste Henriette, was meinen Sie hierzu? Ist Adrast nicht ein ungetreuer Liebhaber? Ach! wenn Sie Ihre Augen auf einen getreuern werfen wollten! Wir sprachen vorhin von Rache, von einer unschuldigen Rache—

Henriette. Top! Theophan: ich räche mich.

Lisidor. Fein bedächtig, Henriette! Hast du schon die Krankheit auf morgen vergessen?

Henriette. Gut! Ich lasse mich verleugnen, wenn sie kömmt.

Lisidor. Seid ihr aber nicht wunderliches Volk! Ich wollte jedem zu seinem Rocke egales Futter geben, aber ich sehe wohl, euer Geschmack ist bunt. Der Fromme sollte die Fromme, und der Lustige die Lustige haben: Nichts! der Fromme will die Lustige, und der Lustige die Fromme.

Achter Auftritt

Frau Philane mit Lisetten und die Vorigen.

Frau Philane. Kinder, was höre ich? Ist es möglich?

Lisidor. Ja, Mama; ich glaube, Sie werden nicht dawider sein. Sie wollen nun einmal so—

Frau Philane. Ich sollte dawider sein? Diese Verändrung ist mein Wunsch, mein Gebet gewesen. Ach! Adrast, ach! Henriette, für euch habe ich oft gezittert! Ihr würdet ein unglückliches Paar geworden sein! Ihr braucht beide einen Gefährten, der den Weg besser kennet, als ihr. Theophan, Sie haben längst meinen Segen; aber wollen Sie mehr als diesen, wollen Sie auch den Segen des Himmels haben, so ziehen Sie eine Person aus Henrietten, die Ihrer wert ist. Und Sie, Adrast, ich habe Sie wohl sonst für einen bösen Mann gehalten; doch getrost! wer eine fromme Person lieben kann, muß selbst schon halb fromm sein. Ich verlasse mich seinetwegen auf dich, Julchen.—Vor allen Dingen bringe ihm bei, wackern Leuten, rechtschaffnen Geistlichen, nicht so verächtlich zu begegnen, als er dem Theophan begegnet.—

Adrast. Ach! Madame, erinnern Sie mich an mein Unrecht nicht.Himmel! wenn ich mich überall so irre, als ich mich bei ihnen,Theophan, geirret habe: was für ein Mensch, was für ein abscheulicherMensch bin ich!—

Lisidor. Habe ich's nicht gesagt, daß ihr die besten Freunde werden müßt, sobald als ihr Schwäger seid? Das ist nur der Anfang!

Theophan. Ich wiederhole es, Adrast: Sie sind besser, als Sie glauben; besser, als Sie zeither haben scheinen wollen.

Frau Philane. Nun! auch das ist mir ein Trost zu hören.—(Zum Lisidor.) Komm, mein Sohn, führe mich. Das Stehen wird mir zu sauer, und vor Freuden habe ich es ganz vergessen, daß ich Araspen allein gelassen.

Lisidor. Ja, wahrhaftig! da gibt's was zu erzählen! Kommen Sie,Mama.—Aber keinen Tausch weiter! keinen Tausch weiter!

Lisette. Wie übel ist unsereinem dran, das nichts zu tauschen hat!

(Ende des Freigeists.)

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Freigeist, von GottholdEphraim Lessing.

End of Project Gutenberg's Der Freigeist, by Gotthold Ephraim Lessing


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