[pg 91]Das sechste Kapitel.Nun hatte die Frau des Landraths eine Idee.Das Gerücht von ihm war nämlich sehr stark geworden in dieser Gegend, so dass viele Leute aus Neugier kamen, um ihn zu sehen. Viele logen und erzählten seltsame Geschichten von Wundern und Kranken, die geheilt worden waren. Und die Menschen liefen hin. Sie blieben da und folgten ihm etliche Tage und warteten auf ein Zeichen. Wenn nichts geschah, was ihre Hoffnungen erfüllte, gingen sie nach Hause, ihren Geschäften nach. Diese sagten stets, dass Alles gelogen war. Sie bewiesen sonnenklar, dass solche Wunder unmöglich und gegen die Natur seien, warteten doch darauf und würden sie bestritten haben, wenn sie geschehen wären. Die Zeitungen bemächtigten sich des Stoffes. Sie hofften ihre[pg 92]Leser zu amüsiren. Einmal tauchte er hier auf und einmal da. Es machte den Reportern Spass, gerade die abenteuerlichsten Geschichten zusammenzutragen, gefälschte Interviews und lange Extrakte aus Reden, die er niemals gehalten hatte. Auskunft war da ertheilt über Himmel und Hölle mit genauer Beschreibung der Lage und Gliederung der Letzteren, eines jeden Pfeilers, auf dem Gottes Thron stand. Einige brachten sogar ein ganzes Nationale, dass er der Sohn eines Zimmermanns Joseph Schäppli aus Bing an der Enz in Württemberg sei. Dieser Sohn hatte für einen Narren gegolten in seiner Jugend. Im Ort gab es viel zu erzählen von seinen sonderbaren Thaten und Reden. Dann war er verschwunden, als er etwa dreissig Jahr alt war. Etliche sagten, er wäre in der Enz ertrunken, Andre, dass er in die Wälder gegangen wäre und dort als ein Waldmensch und Einsiedler hauste. Sie behaupteten, dieser selbe Zimmermannssohn aus Bing sei es, der jetzt aufgetaucht wäre und predigte. Seine eignen Eltern sollten es beschworen haben. Ein besonders eifriger Neuigkeitenvertreiber hatte sogar seine Mutter aufgesucht und wusste, dass sie eine Haube trug und in ihrer Jugend Visionen gehabt hatte. Das[pg 93]war übrigens nichts Seltnes bei diesem schwäbischen Gebirgsvolk, arbeitsam und verständig, aber von schweifender Phantasie, mit einer beständigen Sehnsucht im Herzen, die die Berge wachhielten, oder auch der alte Schatz von Legenden, einstiger Herrlichkeit und Weltgrösse, die in diesen Stämmen lebendig geblieben waren trotz des neuen deutschen Reichs, Lutherthum und Schulbehörden. Wieder Andre hielten ihn für einen Wanderprediger aus den norwegischen Bergen. Es gab ihnen Gelegenheit, über mystische Schwärmer, Tolstoi und Ibsen zu reden, den Geist des Urchristenthums, der sich dort in einigen weltabgeschiedenen Gemeinden rein erhalten hatte. Diese verbreiteten, dass er der Sohn eines schottischen Lords oder vornehmen Grafen wäre. Es that ihnen wohl, das zu glauben.Und gewaltig erschütterte Alle Fritz Kuhlemann’s Stimme, eines einfachen Arbeiters und verlorenen Gesellen, der in den grossen Städten auftrat und forderte Busse zu thun: Im Namen Jesu des Lebendigen, der Fleisch war und unter ihnen wandelte. „Denn die Zeit ist gekommen.“Das Volk lief ihm zu. Etliche erwarteten Lohnerhöhungen, Gaben der Reichen. Andre rechneten[pg 94]auf die Revolution, wo er ihr Häuptling werden sollte. Denn seine Rede klang gewaltig. Es war in ihr der rothe Hass der Ungerechtigkeit und eine neue strahlende Liebe, weit wie die Sonne, die über Gerechte und Ungerechte scheint, aber wild auch und schöpferisch, wie die des Mannes zum Weibe. Es gab Viele, die sich betroffen fühlten unter den Vornehmen und Reichen, zu sich selbst sagten: Wir können nicht wohlleben und in Wagen fahren, wo unser Bruder hungert und nicht hat, da er sein Haupt hinlegen soll? – Denn so sprach er: „Nicht ausser Euch, sondern in Euch richtet auf das Reich Gottes! Denn das ist Gottes in Euch, dass Ihr Liebe gebet. Das Andre, Neid, Geiz, Hoffarth, ist des Thieres und des Teufels. Und Ihr seid Alle Gottes.“Viele kamen auch zu ihm und sagten: Wir wollen sehen, ehe wir glauben. Er sagte ihnen: Seht die Werke an in seinem Namen gethan und thut wie Er. – Aber das gefiel diesen nicht.Es gab Viele unter den reichen und vornehmen Leuten, die den Fremden auch gern gesehen hätten. Aber sie wollten sich nicht lächerlich machen. Auch fürchteten sie in der Oeffentlichkeit ihre Namen zu compromittiren.[pg 95]Diese Landräthin, deren Mann zugleich Reichstagsabgeordneter war, hatte eine grosse Gesellschaft zu geben. Sie war eine kluge Dame aus reichsgräflichem Hause, die sich viel einbildete auf ihre Bildung, dass auf ihren Gesellschaften immer etwas Besonderes, Geistiges und Interessantes war. Da bei vielen ihrer Freundinnen und Nebenbuhlerinnen Theosophie in Mode war, dachte sie, es würde sehr interessant sein, den Fremden einzuladen, ihn ihren Gästen gleichsam als Curiosität und zur Unterhaltung vorzuführen.Gleichzeitig that sie damit einem Mann einen Gefallen, der ihr selbst und ihrem Landrath sehr nützlich war, in einem Kreis, wo er vermöge seines Namens und Reichthums eine höchste und selbstverständliche Stellung einnahm, die sie als arme Beamte und Frischnobilitirte sich nur mühsam erobern konnten, mit allen Mitteln suchen mussten zu befestigen. Dieser Mann war der alte Prinz Schönheim-Wagram-Trauttenberg, Minister unter der liberalen Aera Friedrich Wilhelms des Vierten. Er hatte in seiner Jugend mit der Revolution und dem Dilettantismus coquettirt, dabei als Lebemann und Schöngeist sich ein Renommee erworben. Seine „Briefe eines Diplomaten“ erregten das grösste[pg 96]Aufsehen seiner Zeit. Er war der Erste gewesen, der mit der Tradition brach, dass Heuchelei und geheimnissvolle Zugeknöpftheit unentbehrliche Attribute der Staatsklugheit bildeten. Unter einem fast ruchlosen, scheinbar offenherzigsten Cynismus verbarg er füchsische Verschlagenheit, die Raubthierkralle eines Cäsar Borgia im Sammethandschuh. Man nannte ihn den Fürsten Talleyrand der Provinz. Seine Stellung dort war unerschütterlich selbst nach seiner officiellen Niederlage als Staatsmann, seitdem neue Systeme und Principien ihn und sein System hinweggefegt hatten. Die Landräthin gehörte zu seinen Protegees. Nicht, dass ihre spärlichen Reize den alten Viveur in Versuchung geführt hätten. Nach einem galanten Sabbath ohne Gleichen hatte das Küchenpersonal und noch tiefer hinab, bei ihm endgültig die Palme davongetragen. Er bezeugte diese Vorliebe sehr ungenirt. Aber er liebte es immer, seinen Finger mit in der Pastete zu haben, die Landräthin und ihr strebsamer Gatte erschienen ihm als gefügige Werkzeuge für seine kleinen Pläne, die er durchaus nicht aufgegeben hatte, nur versteckt hielt unter witzelnder Indifferenz. Das Renommee eines mystischen Einflusses erfreute ihn. Er fand es[pg 97]vornehmer, hinter den Coulissen zu operiren, als vorne auf der Bühne die grossen Schreie auszustossen: heutzutage weiss man von jeder Macht die Adresse. Jeder trägt seine Befugnisse und Eigenschaften wie aufgeklebte Etiketten mit sich herum: Büreau für Stellenbesetzung, Vermittlung von Börsengeschäften, Vademecum für Hoflieferanten. Früher ging das in’s Geheimnissvolle wie der liebe Gott. Und hielt die Bande in Schrecken. Man weiss zu gut, was wirnichtkönnen. Darum will jetzt Jeder Alles besser wissen.Das Neueste in dem sehr beweglichen Geiste und fieberhaften Lebensbezeugungsdrang des Prinzen war ein Werk über Buddhismus, den er für die Religion der Religionen hielt. Sie passte in den Cynismus des alten Diplomaten, diese Idee des Jenseits von Gut und Böse, der souveränen Verachtung aller Moralsysteme. Viele zweifelten an seiner Gelehrsamkeit, sie war etwas zusammengewürfelt nach der Mode des Ancien Régime. Er besass diese Eigenheit der Regierenden, dass er über Alles reden und geistreich reden konnte. Trotzdem wurde sein wirkliches Wissen bestritten. Er selbst vermied Gelehrte, sein eigentliches und Hauptpublikum blieben Damen. Nur der Doctor[pg 98]Rothe konnte es mit ihm aushalten. Dies war um so verwunderlicher, als der junge Mann thatsächlich ein sehr bedeutender Kopf war. Seine Examina hatten das Staunen seiner Lehrer erregt. Professoren und Mitschüler erwarteten von Anton Rothe etwas ganz Außerordentliches, den Aufgang eines neuen Sterns am Himmel der Gelehrtenwelt. Einen Stürmer und Dränger sahen die Andern in ihm, einen grossen Künstler. Er hatte alle ihre Erwartungen getäuscht, war mit sechsundzwanzig Jahren als Privatsecretair in die Dienste des Fürsten getreten, der ihn in einer Art Auerbach-Keller kennen gelernt hatte, und diesem seitdem auf allen seinen Reisen gefolgt. Legenden von geheimen, raffinirtesten Ausschweifungen, denen sich Herr und Diener auf solchen Weltreisen in afrikanischen Lasterhöhlen, den Schmutzpfühlen überseeischer Hafenstädte hingegeben hätten, konnten allein diese seltsame Anziehung zwischen dem beinah achtzigjährigen Weltmann und dem zweiunddreissigjährigen, prachtvollen, genialen Menschen erklären. Man hatte das ungleiche Paar Faust und Mephisto getauft, der äussere Eindruck entsprach der Vorstellung, neben dem ernsthaften, schönen jungen Mann, schwerer germanischer Typus,[pg 99]das sardonische, zahnlose Affengesicht des Alten, der es liebte, von seinen literarischen Speichelleckern als Voltaire bezeichnet zu werden.Dies waren die Hauptpersönlichkeiten, denen die Gräfin den Fremden vorführen wollte. Sie hatte eigentlich eine Abneigung gegen den Doctor wegen seiner bürgerlichen Abkunft und sonstigen Anrüchigkeit. Aber die allgemeine Werthschätzung, deren er sich erfreute, seine sagenhafte Allmächtigkeit bei dem Fürsten zwang sie, freundlich gegen ihn zu sein. Ihre Sauersüsse bei solchen Gelegenheiten amüsirte dann den Alten: „Es ist wunderbar, wie diese Frau aus Ehrgeiz sich zu beherrschen weiss. Da sagt man, nur Männer hätten eine Hundenatur. Sie schlagen uns noch auf allen Punkten.“Der Landrath, ihr Mann, that immer, was sie wollte: „Wenn Du meinst, Amélie.“ ... Sie schrieb also ein Billetchen an den Fremden des Inhalts, dass eine distinguirte Reunion im Schlosse von X., Datum und Stunde, von seinem Geist und Wirken gehört, den Wunsch hätte, ihn zu kennen und sich belehren zu lassen. – Höflichkeit bei solchen Gelegenheiten ist immer angebracht. Sie kostet nicht viel und leistet dasselbe wie baares[pg 100]Geld. Uebrigens lag der Gräfin wirklich an dieser Attraction für ihren Rout. Boshafte Leute waren hier wieder der Meinung, dass diese berühmten gräflichen „geistigen Attractions“ vieles Andre, weniger Attractive verbergen sollten, zum Beispiel eine entschiedene Dürftigkeit des Vorgesetzten, und den Umstand, dass der Champagner immer ausserordentlich spät, im letzten Augenblick servirt wurde.Der Diener fand den Fremden unter einem Apfelbaum, wo er sich ruhte. Zwei schwarze Amseln liefen nach Würmern pickend neben ihm im Grase. Es schien, als ob diese Thiere ihn fragten und er ihnen antwortete. Der Mann schwor nachher auf die Hexerei.„Ich werde kommen,“ sagte der Fremde.Die Gräfin, die es nie verschmähte, auch ihre Kammerdiener auszufragen, merkte sich diesen kleinen interessanten Zug. Sie hatte eine sozusagen symbolistische Toilette gemacht: Weiss, sehr in’s Crême spielend, mit schwarzen Jetkettenschnüren viermal um den Hals.Der Landrath war etwas sorgenvoll: seine Stellung und quasi officielle Sanction ... „Das verstehst Du nicht, mein Freund,“ sagte sie milde, aber fest. – „Man wird sich erdrücken.“[pg 101]Man erdrückte sich.Die Gräfin war allgegenwärtig. Es galt, ihren Gästen das Ausserordentliche ihres Schrittes klar zu machen, diese Einladung an den Fremden, mit der sie ihren geistreichen Freunden einen Gefallen thun wollte, und sich gleichzeitig möglichst gegen üble Folgen schützen, da man es ihr nach oben hin falsch auslegen konnte.Gegen die Einen, die sie für freie Geister hielt, war sie frivol, für die Andern ernsthaft, priesterlich. Allerliebst reumüthig, bescheiden, entschuldigte sie sich gegen den Superintendenten, einigen alten Damen gegenüber. „Ich bin so eine moderne Ketzerin. Es ist doch auch, damit Sie selbst den Unsinn sehen ...“„Interessant“ war ihr Wort. Dafür liess sie sich einen scherzhaften Fächerschlag auf den Arm von der alten Baronin Rehden gefallen. Die Superintendentin bat sie um ihr Recept für schwarzen Johannisbeergelee. Dabei vergass sie niemals dem Prinzen zuzulächeln: „Wie werden wir uns nachher über alle diese mokiren. Wir Beide verstehen uns, dass Alles nur eine Farce ist.“ ...„Ist sie nun nicht bewundrungswürdig?“ fragte der Prinz seinen Adjutanten. „Diese Frau wäre[pg 102]bei August dem Starken die Orczelska, bei Ludwig dem Vierzehnten Maintenon, bei Alexander Krüdener gewesen. Für die Tochter der Herodias reicht’s leider nicht. Sie hätte auch da ihr Bestes gethan und man würde ihr wahrscheinlich das Haupt bewilligt haben, wenn auch aus andern Gründen.“Der junge Mann antwortete nicht. Er betrachtete den Fremden, der allein an einem Ende des Saales stand.Er stand ganz ruhig in seinem einfachen Anzug zwischen den plaudernden, lachenden, zischelnden Gruppen. Fortwährend drängten sich die Diener durch unter irgend einem Vorwand, um ihn anzustarren.„Eigentlich eine tolle Idee der guten Gräfin,“ sagte die alte Baronin Steuben, sich Luft zufächelnd. Sie war eine wirkliche grosse Dame und verachtete die kleinen Trics und Kniffe der Andern.Ein junges Mädchen erstaunte, dass er keinen Frack trüge. Der Prinz bemühte sich, der kleinen Frau eines Rittergutsbesitzers einzureden, dass es sehr möglich sein könnte, dieser wäre wirklich Christus. Die kleine Frau begriff nicht. Ihre Augen vergrösserten sich unmässig. Sie stand buchstäblich mit offenem Mund.[pg 103]In einer Gruppe junger Damen und Offiziere hatte man beschlossen, den geheimnissvollen Gast direct zu attaquiren. Ein kleiner, kecker Dragoner war ausgesandt worden als Avantgarde. Man setzte ihm zu von allen Seiten. Und er that auch, als ob er etwas besonders Gefährliches unternähme, hegte noch Skrupel über die Anrede. „‚Meister‘ ist ja wohl das Officielle?“ ...„Ach gehen Sie!“Aller Augen folgten ihm, wie er gesucht dandyhaft quer durch den Saal chassirte. Die jungen Damen kicherten.„Erlauben Sie, dass ich mich vorstelle.“ Der junge Mann verbeugte sich, forcirt vorschriftsmässig die Hacken zusammenschlagend.Der Fremde sah ihn an. „Ich möchte mir eine Frage erlauben, Herr ...“ Er zögerte vor dem Namen, um dem Andern zu markiren, dass er seine Vorstellung erwartete. „Halten Sie es für Ihren und dem christlichen Grundgedanken entsprechend, Kriegsdienste zu nehmen?“Der Fremde antwortete nicht.„Ich betrachte die Frage ganz ernsthaft. Es steht doch in der Bibel: Du sollst nicht tödten. Wir versprechen unsre Feinde zu lieben, Böses[pg 104]mit Gutem zu vergelten. Christus nimmt Petrus das Schwert aus der Hand. Dennoch zwingt uns das Gesetz.“„Welches Gesetz?“ fragte der Fremde.„Nun, das bürgerliche, das des Staats, dem wir angehören.“„Du gehörst nicht dem Staat, der Staat gehört Dir,“ sagte der Fremde.„Aber das Staatsgesetz bestraft mich. Ich werde schuldig gefunden und verurtheilt, wenn ich mich weigre ihm zu folgen. Gehorsam gegen das Gesetz ist uns ebenfalls anbefohlen. Was soll ich thun?“„Was Du willst,“ sagte der Fremde.„Das ist es. Aber ich weiss doch nicht, was ich will.“ Der junge Offizier war in einen gewissen Eifer gerathen, er nahm sich vor, den Punkt bis zu Ende zu verfechten. „Wenn mein Wille gegen das steht, was ich soll?“„Du sollst wollen.“„Man zwingt mich. Ich komme in’s Gefängniss. Man behandelt mich als Verbrecher. Was bin ich, Einer gegen so Viele?“„Viele Einzelne sind Viele.“„... Die Duchoborzen. Eine Art Tolstoi. Auch[pg 105]Quäker leisten ja keine Kriegsdienste, glaube ich? Interessant, sehr interessant!“ sagte die Gräfin.„Jedes Land hat alle seine Kräfte nöthig gegen den äusseren Feind!“ sagte der Candidat der Theologie, der zugleich Reserveoffizier war. „Ein Land, das sich seine Waffen nimmt, ist wie ein Körper ohne Widerstandskraft. Es entmannt eine Nation, sie ist dann nicht fähig, ihre Ehre zu vertheidigen. Die Ehre eines Volkes ist wie die Ehre eines Individuums.“Er liebte das Wort: Ehre. Er sagte es in einem besonderen schnarrenden Ton. Er war auchfürdas Duell und fing ein längeres Gespräch mit dem Lieutenant darüber an, „zum Beispiel, wenn Einer mich mit meiner Frau betrügt. Dann greift schließlich jeder Holzknecht zur Axt.“„Aber der Holzknecht ist ein Mörder und kriegt seine fünf Jahr Zuchthaus,“ sagte der Prinz freundschaftlich. „Das ist der ganze Unterschied, mein braver Langenhahn.“Natürlich müssten gewisse Formalitäten beobachtet werden; der Candidat gab das zu. Der Lieutenant sah nicht ein, warum schliesslich Messerstechen und Ohrabbeissen nicht auch gelten sollten, immer gerade mit diesem Falle des Ehemanns[pg 106]gegen die Ehebrecherin und ihren Mitschuldigen gerechnet.„Ich fände es doch einfacher für ihn, Beide todtzuschlagen,“ sagte der Doctor.„O, aber lieber Doctor! Das nun wieder!“ ... Die Gräfin flatterte skandalisirt.„Es wäre das Logische. Entweder wir haben Faustrecht oder wir haben keins. Diese Mittelzustände machen unsre heilige Civilisation so ungeniessbar.“„Das ist nun doch schrecklich, Doctor, was Sie sagen!“ Die Baronin schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. Ihr gefiel der junge Mann, seine schöne Stirn.„Erlauben Sie. Es ist in Allem so. Besonders was die Frauen angeht. Entweder eine Frau ist ein für sich selbst verantwortliches Wesen, ein Mensch, eine Seele, oder sie ist Sache. Mein Eigenthum. Mein Stück Kuhfleisch. Dann der Sack und der Bosporus.“„Aber es giebt doch Mitteldinge.“„Die sind dann einfach absurd. Ich schlage mich – aber ich gebe ihm dieselbe Chance. Ich sage, sie weiss nicht was sie thut, und lade ihr die volle Verantwortung auf. Wir können eben nie etwas reinlich durchführen.“„Dann wären wir Teufel.“[pg 107]„Oder Engel. Sie haben die Wahl.“„Ich glaube,Siehaben schon gewählt!“ Sie wollte damit discret auf Einiges hindeuten, was über seine Reisen zu ihren Ohren gedrungen war.„Vielleicht doch noch nicht so ganz,“ sagte der junge Mann kalt.„Es giebt auch noch ein Drittes.“– „Sagen Sie mal, sind Sie glücklich?“„Befehlen Sie Thee oder Kaffee, Baronin?“Jemand, ein älteres Fräulein, sagte, dass alle Völker eine Familie wären, Deutsche, Franzosen, Juden. Sie hatte „Die Waffen nieder!“ der Baronin Suttner gelesen und schwärmte für Völkerverbrüderung.„Das ist doch eine etwas grosse Familie,“ sagte der Lieutenant von Detten zu seiner hübschen Nachbarin. „Ich goutire Juden nur allenfalls als Schwiegerväter.“Der Candidat fand, man dürfte nicht Antisemit sein vom Vernunftstandpunkt aus. Aber man wäre es physisch.Der Superintendent drohte ihm mit dem Finger: „Wir sind Alle Brüder und unser Herr Christus kam von den Juden.“Der Prinz erzählte eine amüsante Anekdote[pg 108]von einem Orientalen, einem befreundeten Pascha, der alle Hufthiere verabscheute, weil er selbst einen Klumpfuss hatte.Der Blaustrumpf unterhielt sich über Frauenfrage mit einem Gymnasialprofessor. Er hatte einen schmutzigen Hemdkragen an und kaute seine Nägel: „Nun gewiss, auch Frauen haben eine Seele,“ sagte der Professor zerstreut. „Das heisst – Seele! –“ er lachte sardonisch. Er hatte Lust, auf den Fussboden zu spucken. Aber er besann sich. Man hatte ihn eingeladen, weil er in den Wahlvereinen wichtig war.„Man muss das schwache Gefäss in Geduld tragen,“ sagte der Superintendent. „Wir haben ja auch aus der ersten christlichen Kirche schöne Beispiele: Tabbea, Phoebe, die der Apostel erwähnt. Echt evangelische Frauengestalten.“„Darf man heirathen?“ fragte ein sehr junges Mädchen. „Es steht doch in der Bibel, nicht heirathen ist besser?“„Dann würde aber die Welt aussterben?“„Und das wäre sehr schade,“ sagte der Prinz ernsthaft. Der Superintendent witterte römische Ketzereien. Er wies auf das grosse Exempel Martin Luther’s und seinen gesegneten Ehestand.[pg 109]Die Superintendentin sass steif mit einer spitzen Nase. Sie dachte an den übriggebliebenen Gänsebraten für morgen, ob ihr die Mägde nicht drangingen. Der Prinz machte confiscirte Witze und trieb den Superintendenten in die Enge mit einigen fröhlichen Vierzeilern von Martin „Nonnenfreund“. Die Lieutenants secundirten, der alte Herr wehrte sich tapfer. Sein Gesicht wurde schweissroth vor Anstrengung: „Ein echter deutscher Mann! Ein Mann nach dem Herzen Gottes!“„Ein Bismarck!“Der Candidat schwärmte für Bismarck. Die Gesellschaft verhielt sich etwas ablehnend. Für die Offiziere war er eigentlich ein Rebell, ein unruhiger Kopf, der die Consigne brach. Die Gräfin brachte rasch das Thema auf etwas Anderes, um ihren Mann aus der Verlegenheit zu retten. Der Candidat war oft recht taktlos.Einige Leute wollten Fragen stellen: Werde ich eine grosse Carriere machen? Siegt mein Gaul beim nächsten Rennen? Wann werde ich meine Schulden bezahlen? Die jungen Mädchen hätten gern gewusst, ob „er“ ihnen treu war? Wird der Bestimmte mich zum Cotillon engagiren? – Die Meisten hatten so eine Art Taschenspieler[pg 110]vorstellung, Tischrücken, Kartenlegen oder Aehnliches erwartet und waren enttäuscht.Der Superintendent hatte den Fremden mit Beschlag belegt. Er hatte eine Broschüre über das Glaubensbekenntnis, Harnack und die Agende veröffentlicht und wollte jetzt dem Andern auf den Zahn fühlen über diese wichtigen Punkte. Sein Grundsatz war, dass Kirche und Staat zusammengehen müssten in den jetzigen socialen Wirren. Vernünftige Reform. Aber die feste Hand von oben. Und vor allem musste die Autorität gewahrt werden. Das Patriarchalische ist das einzig Wahre. Dabei hatte er einen Geschmack für weltliche schöne Literatur, citirte Classiker und bekannte sich zur Goethe’schen Schule.Der Candidat war ein Heisssporn. Er war für ein sociales Kaiserthum, eine Art Theokratie unter von oben inspirirtem Oberhaupt mit unumschränkter Autorität. „Die Idee des Gottesgnadenthums muss wieder herrschend werden.“ Dieser Ausdruck gefiel ihm. Ihn zog das Katholische an. Er war für High-Church-Reforms. Allenfalls für einen deutschen Papst, grössere Prunkentfaltung. Er selbst mit einer edelsteinbedeckten Brust hohe Kirchenakte celebrirend – das hätte seiner Neigung entsprochen.[pg 111]Wenn der Superintendent das Presbyterianische, die Selbstverwaltung der Gemeinden betonte, betrachtete er ihn fast als eine Art Hochverräther. Dieser im Gegentheil versprach sich nicht viel von den jungen Leuten. Er war mehr für die kleinen Lokalpäpstchen. Man lebte in Frieden und that sein Möglichstes. Die Frau Superintendent liess bei sich nähen und war im Vorstand aller Wohlthätigkeitsvereine. Alles das, diese kleinen Spiele und Gegenspiele, die er witterte, erheiterte den Prinzen. Er hatte die „Baalspfaffen“ speciell auf dem Korn und liebte es, an ihren Bäffchen sein Müthchen zu kühlen. Er erzählte die bekannte Anekdote von Friedrich dem Grossen: „Der Pfaff soll sein Maul halten, mein Reich ist nicht von dieser Welt,“ mit der die Kinder der Welt die Pfarrer anöden. Der Doctor secundirte ihm eifrig, ebenfalls einige von den Lieutenants. Alle waren für apostolische Einfachheit, den Stab und einen Rock: er hatte nicht, da er sein Haupt niederlegen sollte.„Aber erlauben Sie! Erlauben Sie!“ Der Superintendent hielt seine halbgeleerte Kaffeetasse in der Hand, in der er den dicken, bräunlichen Zuckerseim hin- und herschob. Er nahm gern ein[pg 112]bischen viel Zucker; bei andern Leuten kostete es nichts. „Unser Herr hat durchaus nicht gewollt, dass die Gläubigen sich kasteien. Das ist eine ganz irrige Auffassung, katholische Ketzerei: hat er doch selbst auf der Hochzeit zu Kana das Wasser in Wein gewandelt, durch seine gesegnete Gegenwart den heiligen Ehestand ausgezeichnet.“„Er hat doch aber selbst nicht geheirathet, Maria oder Magdalena?“ Dies war ein vorlauter Lieutenant.„Diese Ausnahme lag doch wohl in seinem heiligen Amt. Und wir müssen nicht vergessen, dass er in verhältnissmässig jungen Jahren –“„Sie meinen, er ist nicht alt genug geworden dazu,“ sagte der Prinz. „Das ist auch eine Auffassung.“Diese Bemerkung erregte allgemeinen Jubel.„Das ist profan! Das ist profan! ... Wirklich, meine Herren! ... Sie müssen selbst einsehen ...“Der Prinz klopfte ihm auf die Schulter. Er mochte begreifen, dass sein Scherz etwas zu weit gegangen war: „Darum keine Feindschaft nicht. Ich weiss ja, wir brauchen das für die Dummen.“[pg 113]Der Candidat ärgerte sich. Die Kirche musste eine ganz andre Gewalt wieder haben. Und es wäre in der That gut gewesen für die Stellung des Priesters – er sagte immer „Priester“, er fand, dass das nach mehr klang – wenn das Cölibat innegehalten würde. Wenigstens für die höheren und höchsten Kirchenämter. Vieles in der römischen Kirche war sehr beherzigenswerth.Der Landrath verstand ihn. Er war auch dieser Meinung, übrigens war sie jetzt die tonangebende. „Die militairische Organisation muss durchgeführt werden, mehr Disciplin! Diese Disciplin ist Alles.“Ein Umschlag in der Meinungsäusserung war eingetreten.„Ich hatte einen famosen Pastor, bei dem ich im Quartier lag,“ versicherte ein Lieutenant. „Wirklich ein famoser Kerl!“„Ach, und die schöne Kirchenmusik!“„Und Weihnachten!“ sagte eine andre junge Dame. „Es ist so tief und bedeutungsvoll.“„Ich fände es doch schrecklich zum Beispiel, sich nicht in der Kirche trauen zu lassen,“ sagte der Doctor.„O, pfui!“ machten Alle. Sie wussten nicht recht, ob er es im Ernst meinte. Der Doctor war[pg 114]ein schrecklicher Mensch, sehr interessant. Sie waren Alle fest entschlossen, ihn nie zu heirathen, wenn er um Eine von ihnen anhielte; aber er hielt nie an.Ein junges Mädchen war sehr traurig. Sie fühlte dunkel, dass dieser Mensch etwas Extraes war, klüger und stärker als die Andern. Warum lachte er höhnisch und sagte scharfe Worte, die weh thaten? – Ein alter Herr war da, der an Gesichtszucken litt, seine Hände sonderbar und krampfig bewegte. Sie sah, dass Einige dies beobachteten, darüber lachten. – Sie fühlte sich abgestossen, elend. Dieses junge Mädchen war sehr jung noch, ein halbes Kind fast. Niemand bekümmerte sich um sie.Der Fürst unterhielt sich mit dem Fremden. Die Gräfin Thornhill fand ihn sehr interessant. Sie behauptete, sie sähe deutlich einen breiten, blauen Schein um seine Stirn. Sie nannte das das Fluidum. Das Fluidum, das von dem Fremden ausging, war erstaunlich. Die Gräfin Thornhill galt für eine Heilige. Es kamen sehr einflussreiche Leute zu ihren spiritistischen Reunions; so geschahen wirklich manchmal Wunder da.Der Assessor von Brincken bestritt sehr ernst[pg 115]haft, dass er keineswegs nicht an Wunder glaubte. „Ich war früher wie Sie. Aber seit ich Frau Gräfin kenne ...“ Sie hatte ihn bekehrt. „Es giebt eben doch mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsre Schulweisheit sich träumen lässt.“ Der Assessor war sehr zugeknöpft über diese Dinge. Er war eben ein Eingeweihter. Den Doctor schnitt er: „Ein gefährlicher Charakter! Ich würde mich nicht wundern, den Burschen eines Tages auf den Barrikaden zu sehen.“ Auch der Fürst war ihm unsympathisch: „Er ist frivol, er schadet.“ Der Assessor war für’s Correcte, sein Vater war erst geadelt worden; da ist es der sicherste und geradeste Weg.Der Doctor beobachtete seinen Patron und den Fremden. Er sah das breite Faungrinsen des Alten. Er kannte diese kühle Manier, mit der er die teuflischsten Dinge sagte, dies freche Augurenzwinkern des Eingeweihten, das dem Andern gleichsam die Replik über dem Kopf wegnahm: Wir Beide wollen uns doch nichts vormachen. Du denkst darin ebenso wie ich. Die Andern sind Dummköpfe. – Er hielt sich noch ganz gerade, zu gerade. Der weisse Schnurrbart stand steif aufgewichst. Die Backen waren roth[pg 116]geschminkt, die Augen glänzten, um die Brauen sorgfältig geschwärzt. Auf der schwarzseidigen Frackfläche bildete der grosse Stern mit dem Ordensband einen markanten Fleck. Seine Hand trug kostbare Ringe. Er war stolz auf diese lange, magre, aristokratische Hand, gebrauchte sie, um seine Bartspitzen zu liebkosen. Es war eine Lieblingsredensart von ihm: „Profile giebt’s wohl noch allenfalls, aber Hände! Hände! – Wir sind Alle Ouvriers geworden.“ Tadellos zog sich die Scheitelspur. Er war der König des Kreises; er dominirte.Anton Rothe allein und sein vertrauter Kammerdiener wussten, was das Alles kostete, dies Gerüst, das noch immer zusammenhielt, zu neuen Blendungen, neuen Ausschweifungen. Er und nur er kannte die erstaunliche Lebens- und Genusskraft des Skeletts, die standhielt, in einer kalten Douche sich neu schmiedete, wenn er selbst, der Junge, erschöpft war, rasend, zum Selbstmord angeekelt.Er dachte an eine junge Dame. Sie war arm gewesen und stolz. Ein herrliches Weib! Mit solcher geht man in unbebaute Colonien und hat Kinder und stirbt vor dem Feind für seinen Herd.[pg 117]Er hatte für ihn geboten auf sie. Der Kampf reizte ihn. Er bot höher und höher. Weil sie arm war und Hungers starb, hatte sie angenommen. Nur darum. Er wusste es. – Sie sagte nur ein Wort: Schurke! Er hatte gelächelt.Warum fiel ihm das jetzt ein?Ein Hass kam über ihn, ein glühender, fressender Mörderhass gegen dies miserable Kunststück der Hypercivilisation, diesen Fetzen von Haut und ausgedörrten Knochen, den er schütteln konnte, der ihn hielt wie eine Viper unter seinem kalten, grausamen Willen, seine Intelligenz zerbrach wie morschen Baumbast unter der polirten Stahlschneide seiner frechen Philosophie der Verneinung.Plötzlich sah er den Alten blass werden. Seine Farbe wechselte sich in Leichenfarbe. Er war ein grinsender Todtenschädel. Unter dem weissen, gestärkten Vorhemd schien die Brust einzuschrumpfen. Es war hohl dahinter. Er lehnte sich gegen die Portiere.Anton Rothe war im Nu an seiner Seite.„Es ist nichts. Eine kleine Uebelkeit. Der verdammte Büchsenhummer ...“ Er war wieder ganz höflicher Weltmann, als die Gräfin, nun auch besorgt, herbeieilte. Gleichzeitig wurden die Klänge[pg 118]der Polonaise laut, die den Ball eröffnen sollte: „Wir werden noch manche Polonaise zusammen führen.“Der kalte Schweiss stand auf seiner Stirn. Er zitterte, lächelte mit bläulichen, lallenden Lippen.Anton Rothe hob ihn wie ein Kind in den Wagen. Er selbst sprang auf den Bock. Niemand achtete auf den Andern in einem allgemeinen Hin- und Hergelaufe, während drinnen zur Tanzmusik die geschmückten Paare sich ordneten. Es wetterleuchtete. Lichter leckten auf in bläulichen, breiten Zungen, duckten sich wieder, huschten auf einer andern Seite spielerisch entlang. – Sie fuhren die schwarzen Trakehner, das berühmteste Viergespann der Gegend, auf das königliche und kaiserliche Marställe fabelhafte Summen geboten hatten. Der Fürst liebte sein Leben, aber er hielt auf Rasse.Die Gräfin stand am Schlage mit ihremGattenadjutanten. Der Greis, jetzt wohl eingehüllt in seine Zobelpelze, bückte sich noch hinaus: „O nichts, nichts, schöne Frau – meine kluge Freundin. Der Fremde – der Fremde ... Cocasse! Ein sonderbarer Kunde, Ihr Fremder ...“Anton Rothe hob die Peitsche und zog die Pferde an. Sie waren unruhig und warfen die[pg 119]Köpfe, als ob sie das Gewitter röchen. Es lag Phosphorgeschmack in der Luft. Man öffnete das grosse Hofthor. Einen Moment stand der ganze Horizont in Flammen, ehe es sich wieder hinter ihnen schloss. Sie waren ganz schwarz wie auf Feuer gezeichnet, eine schwarze Kutsche mit schwarzen Pferden und einem kohlschwarzen Kutscher auf dem Bock. ...Er wusste, er fuhr einen Sterbenden.Der Fremde war verschwunden.Am dunklen Fenster der verlassnen Garderobe stand das kleine Mädchen. Sie mochte nicht tanzen. Sie weinte. Sie fühlte sich sehr traurig. ...[pg 120]Das siebente Kapitel.Durch die Gewitternacht fuhr der junge Mann den Sterbenden.Es gab einen kürzeren Weg über die Berge durch eine seichte Furth im Flusse. Schmuggler benutzten ihn für lichtscheuen Handel. Man vermied ihn am Tage. Ihn bei Nacht zu fahren, war Wahnsinn.Das Gewitter näherte sich. Es war ein Sausen in der Luft, das die Bäume zur Erde bog. Kiefern und magere Birken, die an den Abhängen wuchsen im beständigen Kampf um ihr Dasein. Der Wind fing sich in den gewundenen Schluchten der Thäler. Da heulte und rasselte er wie ein eingeschlossener Wolf. Und unten der Fluss, von einer mysteriösen Anziehungskraft aufgetrieben, begann zu brüllen, kurze Wellen aufzuwerfen mit schnellen[pg 121]Kruppen, die zu den Steinen hinüberleckten. Bewegungslos, weiss lagen noch die schimmernden Ränder. Runde Backen von Kieseln gleissten. Aber die Schilfe rauschten und raunten. Während von weiter, über dem Gebirge unheilschwangere Laute eines brauenden, überkochenden Hexenkessels kamen, jagende, schwarze Wolkenfetzen mit der peitschenden Bewegung der Bäume eine fratzenhafte Mischung von Licht und Schatten verursachten. Alles in Galoppade, die Kutsche einhüllend, die wie ein Gespann der Hölle dahinsauste. Inwendig den Sterbenden. Ueber den Hälsen der Pferde, halb hängend in der Luft, den Mann, der die Pferde antrieb, dass die Steine knatterten, Funken aufsprühten.Nun fuhr der erste Blitz herunter. Der Eclaireur, senkrecht, elegant, halb spielerisch, ein Fechterhieb im beginnenden Duell der Elemente. Die Pferde bäumten sich. Er riss sie zurück. Sie rasten vorwärts wie der Teufel.Drinnen hörte er den Sterbenden röcheln. Er schrie. Er flehte. Das Gehör des Fahrenden, unnatürlich angespannt, vernahm jeden Laut. Er fühlte die schweissfeuchten, huschenden Finger, die sich anklammern wollten, das Fenster niederzu[pg 122]lassen versuchten. Der hülflose Körper verweigerte die Anstrengung. – „Hülfe! Hülfe!“ keuchte der drinnen.Er lachte laut auf. Er klopfte mit dem Peitschenstock an das Fenster und schrie: „Hoho!“ Er sah den drinnen sich verzerren in Todesangst, die künstlichen Zähne heruntergefallen, die Augen vorgequollen, in weissgrünem Schweiss.Er jauchzte wilder. Der Ton brachte die Pferde ausser sich. Sie flogen vor ihm her wie Raben im Dampf.Es fiel ihm ein, wie er ein Hirtenjunge gewesen war, den Berg hinuntersprang, mit dem schäumenden Sturzbach um die Wette. Manchmal kamen Steine. Der Bach sprang klaftertief mit sprühendem Gischt, der Junge sprang noch über Bach und Stein hinweg. Seine nackten Sohlen tanzten in dem grünen, eiskalten Wasser, das nach ihm aufleckte, nach den weissen, zappelnden Füssen. Er wusste, dass sie Feinde waren, er und der Bach. Trotzdem konnte er ihn nicht kriegen; trotzdem liebte er ihn.Er liebte den Bergwind, der die Bäume zerbrach, um seine Schutzhütte tobte, diesen grossen Ton der Wuth, der Unterwelt, Gewaltigerer gegen[pg 123]die dumme Ordnung, die banale Heiterkeit der Sonne. Von sehr hoch sah er winzige abgetheilte Felder. Häuser wie Schneckenhäuser angeklebt, ängstlich. Sie hatten Mühlräder eingesetzt, um das Wasser zu nützen und bepackte Postwagen keuchten schwerfällig die Strassen hinauf. Manchmal kamen Städter mit dünnen Beinen, wischten sich den Schweiss ab und lächelten höflich. Er stand vor ihnen wie ein kleiner Wildling. Er verachtete sie.Wie er sie verachtete! Sie vermeinten, dass der Berggeist sie foppte, wenn er schallend hinter ihnen her lachte, weil sie sich verliefen und ängstlich suchten. Hässliche alte Weiber traten ihnen entgegen aus Versenkungen, die sie nie gesehen hatten, murmelten ihnen Verwünschungen nach, die sie nicht verstanden, für Segenswünsche hielten als Entgelt ihrer blanken Nickelstücke.Ab und zu stürzte auch mal Einer wirklich ab, mit der Brille, dem Photographierkasten. Das war dann ein grosses Unglück. Herren vom Gericht kamen, Leidtragende, wichtig thuend. Sie trugen gar nicht wirklich Leid. Sie freuten sich heimlich. Er gönnte es ihnen. Was kamen sie herauf mit ihren dünnen Beinen, ihren Glatzen und Gläsern, ihrem Geld.[pg 124]Freilich ihr Geld! Er wusste bald, was es werth war, dass er ein Lump war mit seinen Fäusten, seinem prachtvollen Krauskopf und weissen starken Zähnen, wenn er es nicht hatte. Dafür gab man ihm Hutfedern, blanke Stiefel, die gleissten in der Sonne. Sonst musste er hungern. Anton Rothe wollte Geld.In der Schule verschlang er seine Bücher. Er zeigte einen Heisshunger nach Wissen, der die Lehrer erstaunte, unbedeutende eingesumpfte Dorfmenschen, die sie waren. Das peinigte ihn. Er brachte seine Nächte zu, schwierige Aufgaben sich auszudenken und zu lösen, mehr zu erfahren, mehr – mehr! Mit einer wahren Wuth riss er jetzt an den Thoren der Erkenntniss, der vorher in scheue Wildheit sich eingeschlossen hatte.Und er hatte Glück.Der Patron des Gutes nahm sich seiner an, ein wohlthätiger und gelehrter Mann, sehr reich. Er liess ihn studiren. Vielleicht wollte er sich einen brauchbaren Präceptor seiner Söhne erziehen. Es ist immer angenehm, einen Clienten zu haben, Wohlthun ist ein Vergnügen für reiche Leute.Die Freude an seiner Wohlthat war kurz. Der[pg 125]Junge entlief zwischen die rotheste Rotte. Er hielt zündende Reden, schrieb Zeitungsartikel, die die Presse in Bewegung setzten. Er wurde selbst Arbeiter. Seine Fäuste zwangen das Eisen wie sein Geist den Stoff – ein interessanter junger Mann, dem man eine Zukunft prophezeite!Er verliebte sich. Irgend eine gleichgültige, hellblonde Tochter seines Patrons. Sie liess ihn lächelnd sich glühend erklären und heirathete kaltblütig und vernünftig ihren Dragonerlieutenant. – Nun fing er an wie ein grosser Herr zu leben, machte wahnsinnige Schulden. Alles musste ihm den einen Zweck, Geld zu machen, dienen, seine Feder, seine Talente, skrupelloseste Börsenmachinationen. Summen glitten zwischen seinen Fingern. Auf Reisen im Orient machte er die Bekanntschaft des Prinzen. Seitdem waren die Beiden unzertrennliche Begleiter.Bergabwärts raste das Gespann. Er hatte die Peitsche fortgeworfen, die Zügel losgelassen. Er kutschirte mit gekreuzten Armen wie im Circus. Er hätte wie eine Katze den Pferden auf den Rücken springen mögen, mit seinem Athem an ihren Ohren, wie Cowboys, Uncultivirte reiten.Hinter ihm zerbrach splitternd das Fensterglas:[pg 126]„Hülfe! Hülfe!“ klang es gellend, kreischend, nicht mehr menschlich.Er schlug ein teuflisches Gelächter auf. Sie rasten weiter.Wie Rabenfittiche sausten die Rappen durch die Luft. Die Luft litt unter dem Ansturm und pfiff schmerzhaft. In Peitschenhieben traf sie die Flanken der Wüthenden. Ihre Nüstern schnoben Feuer. Von ihren Hufen sprühte der Stein in knisternden Funken. Das Heulen der Winde wurde grässlicher. Sie fingen sich, drehten sich, verschlangen einander in kreisenden Strudeln. Regenhuschen stoben auf. Irgendwo musste es schon giessen in Strömen. Es schlug prasselnd gegen das Fenster. Die krampfende Hand im Rahmen verschwand. – Dadrinnen war die Sündfluth.Irgend etwas war zerbrochen. Ein Hinterrad. Die Pferde rasten weiter mit dem geschleiften Kasten, der knackte in allen seinen Fugen, aufsprang, fiel, kratzte, quietschte, mit dem dumpfen Geräusch von Schlittenkufen auf dem Trocknen.Dadrinne war ein Skelett, ein nicht mehr menschliches Ding, getödtet von Furcht, und doch lebend, das agonisirte. Es dachte an diese schreck[pg 127]liche Angst und Hülflosigkeit, dass er ihn hielt in seiner starken Hand, stark wie die Lawine!Vor ihnen knatterte der Fluss. Der Regen prasselte. Er schlug hernieder wie in Ruthenbündeln. Haarscharf wendend, zeigten sich im Blitzlicht zerrissne Sprünge, schweflig gähnend, dass die Pferde zur Seite schnellten, grausend.„Auf! Auf, alter Satan! Wir fahren zur Hölle!“Singend pfiffen die Riemen. Die Pferde mit blutenden Flanken, schaumbedeckt, keuchten wie apokalyptische Spukdinge. Lucifer, der gefallne Engel, lenkte sie selbst im höhnenden Rausch seiner Kraft und seines Stolzes. Es war unmöglich, dass sie so ankamen, der Wagen musste sich überschlagen, zerschellen.Die tolle Eile steigerte sich. Sie verbrannten den Boden, dass die Geleise rauchten, die Räder sich hitzten zu dunkler Rostgluth. Hinter ihnen losgelassen folgte das ganze Gewitter, Frauen mit feuchten Haaren, Rübezahl der Berggeist mit dem Barte, das ganze Heer der Wilden, Eingebannten.„Ich kenne Euch! Ich kenne Euch! Willkommen, Gesindel!“Drinnen war es still. Er hörte nichts mehr.[pg 128]Der Wagen schlug auf wie ein klappender Kasten, nur noch Holz, etwas Lebloses, etwas Unförmiges, das die Pferde erschreckte, hinter ihnen hing, nach dem man sich nicht umsah, immer zwischen ihren Beinen verwickelt, sie stiess zu rasenderem Lauf.Und nun, ganz deutlich, vernahm man die Stimme des Flusses, zwischen allen diesen Bächen, Wässern, die neben ihnen gossen, vom Walde und Wolkenbruch angeschwollen. Er röhrte wie ein Hirsch in Wollust. Er war allmächtig. Bäume, mit der Wurzel ausgerissen, fuhren und drehten sich blitzgeschwind. Die Steine seiner Tiefe kollerten polternd übereinander. „Ihr denkt, ich drehe Euch Eure Mühlen, schaffe Euer Licht, trage Eure Brücken – Euer Diener, Euer gehorsamer! Euer Speichellecker! Ich hasse Euch! Ich hasse Euch!“Er fühlte sich stolz, alle Demüthigung dieser vielen Jahre fortgeschwemmt, zerbrochen der Zaum, den er im Munde getragen. Bücken, heucheln und lügen! – Sie hatten ihn gehalten. Er hielt sie. Er war stark.Da war der rothe, glorreiche Tod dahinter, über ihm und in ihm, Satan mit prachtvollem Lachen, aufgereckt der Titan. Er war der Starke. Nichts! Nichts gegen ihn![pg 129]Er schnalzte mit der Zunge, schwang die Arme fuchtelnd in der Luft, Laute südlicher, infernalischer Idiome, die den Blutdurst rufen, Tänzer zu den tollsten Gliederverrenkungen aufstacheln und die Frauen willenlos machen unter dem Gluthhauch der Brunst. Alles das hatte er gesehen und genossen im delirirenden Suchen nach Genuss, unter der platzenden Sonne des Mittags.Todt! Todt! Todt! Elendes Aas, von dem sich die Hunde abwenden mit Grauen, sein leeres Hirn zerschellt an den Steinwänden. Nichts drin, das Grinsen selbst des Todtenschädels zerstört im grösseren Grausen, dieser zersplitterten Knochen, zerschundnen Häute unter dem Orden, dem Frack.„Geht! Geht, meine Engel! Fliegt, meine Feuerrosse! Springt an, meine Wildlinge!“Senkrecht weiter ging es in toller Flucht. Ein Rudel Wild hatte sich da zusammengedrängt im Hohlweg, Schutz suchend in scheuem Schrecken. Mitten unter sie sprangen die tollgewordenen Rappen. Ein Gekreisch der Stummen, die nie sprechen, fuhr auf, Blutgeruch, warme Spritzer ... Die Klage erstarb im Tannenwald.Und jetzt setzte der Donner ein. Ein Trommelrollen wie von tausend Tambouren. Der Wirbel[pg 130]ging über den ganzen Himmel hin, zornig und rufend ... und verhallte.Er war jetzt ganz frei. Er führte die wilden Rosse seines Lebenswagens gegen den Abgrund. Eine jauchzende Kraft kam über ihn.„Wir können nicht leben wie wir wollen. Aber wir können sterben und den Tod verachten, denn wir wissen, dass er kein Tod ist. Nur ein leeres Schreckgespenst, ein lächerlicher Schwindel gar nicht existirender Gewalten. Taschenspielerkunststück Derer, die sich schwach fühlen!“Der Donner, ein zweites Mal, gab Antwort, ein Tiger mit ungeheurem hängenden Bauch, der über weite Flächen springt; im Sprunge brüllt er ...... „Der Schwarze Bock in Purpurfinsterniss erscheint“ ...Höllengeschichten fielen ihm ein. In Pariser Schlammpfühlen, affreuse Weiber, schwarze Messen, wo man mit dem Blut der Wollust die Todten beschwor, Hüftenverrenkungen in Bauchtänzen geschlechtsloser Vorstadtbajaderen, Augen, die über der Verwesung schwammen wie fischige Perlen in perlmutternem Glanze.... Diese ganze Civilisation, impotent und pervers, in den letzten[pg 131]Zügen röchelnd, mit Haschisch und Qualen sich aufpeitschend zu neuen Sensationen, ein zweites, neues, junges, greisenhaft altes Rom, wo die Messalinen ordinaire Cocotten sind, die Neros und Heliogabals, Boulevardbummler, verwöhnte Muttersöhnchen, Sprösslinge jüdischer Banquiers und christlicher Prostituirter. Wie gemein! Wie gemein!Ein Gelächter schüttelte ihn wie im Krampf. Der Hut war ihm vom Kopf geschlagen. Er riss sich den Rock auf. Er drängte sich nackt, hoch, dem Tod und dem Nachtwind entgegen.Ein Schrei gellte auf von irgendwo. Vielleicht ein Wandrer? Der Chausseewärter? Die wilde Jagd stob vorüber.Er fühlte die feuchten wehenden Haare der Hexen hinter sich, ein lascives Gelächter nackter Trollen und Faune. Sie ritten mit entsetzlichen, unbeschreibbaren Gesten. Die Jungen waren hübsch mit traurigen Augen. Die Aeltern waren noch schrecklicher, schwarz, Aeser geworden in der lebendigen Verwesung ihres Lasters.Er wusste nicht mehr, was er hinter sich herzog. Einen Cadaver. Ein Aas in Fetzen. Einen Lumpen ...[pg 132]Er hörte nur noch das Brüllen des Wassers, fühlte die Feuchtigkeit. Steine rollten mit ihm bergab. Sie hüpften, kugelten, kollerten, surrten. Hohhi hoh! Er hetzte die Rappen zum Todessprung.Plötzlich standen sie kerzengerade. Der ganze Himmel flammte im Feuer. Er schien zusammenzukrachen von allen Seiten, zu bersten, zu schüttern, zu schwingen ...Wie ein eiserner Vorhang, ganz von Eisen, schwarz, und schwer vom Gewicht aller Himmelsgewölbe klappte der Donnerschlag.Dann nichts mehr. Dunkelheit.Eine Hand hielt seine Hand gefasst. Er versuchte die andre gegen seine Stirn zu führen. Sie war warm vom Blut. „Wohin führst Du mich?“„Wohin Du nicht gewollt hast –Paulus!“
[pg 91]Das sechste Kapitel.Nun hatte die Frau des Landraths eine Idee.Das Gerücht von ihm war nämlich sehr stark geworden in dieser Gegend, so dass viele Leute aus Neugier kamen, um ihn zu sehen. Viele logen und erzählten seltsame Geschichten von Wundern und Kranken, die geheilt worden waren. Und die Menschen liefen hin. Sie blieben da und folgten ihm etliche Tage und warteten auf ein Zeichen. Wenn nichts geschah, was ihre Hoffnungen erfüllte, gingen sie nach Hause, ihren Geschäften nach. Diese sagten stets, dass Alles gelogen war. Sie bewiesen sonnenklar, dass solche Wunder unmöglich und gegen die Natur seien, warteten doch darauf und würden sie bestritten haben, wenn sie geschehen wären. Die Zeitungen bemächtigten sich des Stoffes. Sie hofften ihre[pg 92]Leser zu amüsiren. Einmal tauchte er hier auf und einmal da. Es machte den Reportern Spass, gerade die abenteuerlichsten Geschichten zusammenzutragen, gefälschte Interviews und lange Extrakte aus Reden, die er niemals gehalten hatte. Auskunft war da ertheilt über Himmel und Hölle mit genauer Beschreibung der Lage und Gliederung der Letzteren, eines jeden Pfeilers, auf dem Gottes Thron stand. Einige brachten sogar ein ganzes Nationale, dass er der Sohn eines Zimmermanns Joseph Schäppli aus Bing an der Enz in Württemberg sei. Dieser Sohn hatte für einen Narren gegolten in seiner Jugend. Im Ort gab es viel zu erzählen von seinen sonderbaren Thaten und Reden. Dann war er verschwunden, als er etwa dreissig Jahr alt war. Etliche sagten, er wäre in der Enz ertrunken, Andre, dass er in die Wälder gegangen wäre und dort als ein Waldmensch und Einsiedler hauste. Sie behaupteten, dieser selbe Zimmermannssohn aus Bing sei es, der jetzt aufgetaucht wäre und predigte. Seine eignen Eltern sollten es beschworen haben. Ein besonders eifriger Neuigkeitenvertreiber hatte sogar seine Mutter aufgesucht und wusste, dass sie eine Haube trug und in ihrer Jugend Visionen gehabt hatte. Das[pg 93]war übrigens nichts Seltnes bei diesem schwäbischen Gebirgsvolk, arbeitsam und verständig, aber von schweifender Phantasie, mit einer beständigen Sehnsucht im Herzen, die die Berge wachhielten, oder auch der alte Schatz von Legenden, einstiger Herrlichkeit und Weltgrösse, die in diesen Stämmen lebendig geblieben waren trotz des neuen deutschen Reichs, Lutherthum und Schulbehörden. Wieder Andre hielten ihn für einen Wanderprediger aus den norwegischen Bergen. Es gab ihnen Gelegenheit, über mystische Schwärmer, Tolstoi und Ibsen zu reden, den Geist des Urchristenthums, der sich dort in einigen weltabgeschiedenen Gemeinden rein erhalten hatte. Diese verbreiteten, dass er der Sohn eines schottischen Lords oder vornehmen Grafen wäre. Es that ihnen wohl, das zu glauben.Und gewaltig erschütterte Alle Fritz Kuhlemann’s Stimme, eines einfachen Arbeiters und verlorenen Gesellen, der in den grossen Städten auftrat und forderte Busse zu thun: Im Namen Jesu des Lebendigen, der Fleisch war und unter ihnen wandelte. „Denn die Zeit ist gekommen.“Das Volk lief ihm zu. Etliche erwarteten Lohnerhöhungen, Gaben der Reichen. Andre rechneten[pg 94]auf die Revolution, wo er ihr Häuptling werden sollte. Denn seine Rede klang gewaltig. Es war in ihr der rothe Hass der Ungerechtigkeit und eine neue strahlende Liebe, weit wie die Sonne, die über Gerechte und Ungerechte scheint, aber wild auch und schöpferisch, wie die des Mannes zum Weibe. Es gab Viele, die sich betroffen fühlten unter den Vornehmen und Reichen, zu sich selbst sagten: Wir können nicht wohlleben und in Wagen fahren, wo unser Bruder hungert und nicht hat, da er sein Haupt hinlegen soll? – Denn so sprach er: „Nicht ausser Euch, sondern in Euch richtet auf das Reich Gottes! Denn das ist Gottes in Euch, dass Ihr Liebe gebet. Das Andre, Neid, Geiz, Hoffarth, ist des Thieres und des Teufels. Und Ihr seid Alle Gottes.“Viele kamen auch zu ihm und sagten: Wir wollen sehen, ehe wir glauben. Er sagte ihnen: Seht die Werke an in seinem Namen gethan und thut wie Er. – Aber das gefiel diesen nicht.Es gab Viele unter den reichen und vornehmen Leuten, die den Fremden auch gern gesehen hätten. Aber sie wollten sich nicht lächerlich machen. Auch fürchteten sie in der Oeffentlichkeit ihre Namen zu compromittiren.[pg 95]Diese Landräthin, deren Mann zugleich Reichstagsabgeordneter war, hatte eine grosse Gesellschaft zu geben. Sie war eine kluge Dame aus reichsgräflichem Hause, die sich viel einbildete auf ihre Bildung, dass auf ihren Gesellschaften immer etwas Besonderes, Geistiges und Interessantes war. Da bei vielen ihrer Freundinnen und Nebenbuhlerinnen Theosophie in Mode war, dachte sie, es würde sehr interessant sein, den Fremden einzuladen, ihn ihren Gästen gleichsam als Curiosität und zur Unterhaltung vorzuführen.Gleichzeitig that sie damit einem Mann einen Gefallen, der ihr selbst und ihrem Landrath sehr nützlich war, in einem Kreis, wo er vermöge seines Namens und Reichthums eine höchste und selbstverständliche Stellung einnahm, die sie als arme Beamte und Frischnobilitirte sich nur mühsam erobern konnten, mit allen Mitteln suchen mussten zu befestigen. Dieser Mann war der alte Prinz Schönheim-Wagram-Trauttenberg, Minister unter der liberalen Aera Friedrich Wilhelms des Vierten. Er hatte in seiner Jugend mit der Revolution und dem Dilettantismus coquettirt, dabei als Lebemann und Schöngeist sich ein Renommee erworben. Seine „Briefe eines Diplomaten“ erregten das grösste[pg 96]Aufsehen seiner Zeit. Er war der Erste gewesen, der mit der Tradition brach, dass Heuchelei und geheimnissvolle Zugeknöpftheit unentbehrliche Attribute der Staatsklugheit bildeten. Unter einem fast ruchlosen, scheinbar offenherzigsten Cynismus verbarg er füchsische Verschlagenheit, die Raubthierkralle eines Cäsar Borgia im Sammethandschuh. Man nannte ihn den Fürsten Talleyrand der Provinz. Seine Stellung dort war unerschütterlich selbst nach seiner officiellen Niederlage als Staatsmann, seitdem neue Systeme und Principien ihn und sein System hinweggefegt hatten. Die Landräthin gehörte zu seinen Protegees. Nicht, dass ihre spärlichen Reize den alten Viveur in Versuchung geführt hätten. Nach einem galanten Sabbath ohne Gleichen hatte das Küchenpersonal und noch tiefer hinab, bei ihm endgültig die Palme davongetragen. Er bezeugte diese Vorliebe sehr ungenirt. Aber er liebte es immer, seinen Finger mit in der Pastete zu haben, die Landräthin und ihr strebsamer Gatte erschienen ihm als gefügige Werkzeuge für seine kleinen Pläne, die er durchaus nicht aufgegeben hatte, nur versteckt hielt unter witzelnder Indifferenz. Das Renommee eines mystischen Einflusses erfreute ihn. Er fand es[pg 97]vornehmer, hinter den Coulissen zu operiren, als vorne auf der Bühne die grossen Schreie auszustossen: heutzutage weiss man von jeder Macht die Adresse. Jeder trägt seine Befugnisse und Eigenschaften wie aufgeklebte Etiketten mit sich herum: Büreau für Stellenbesetzung, Vermittlung von Börsengeschäften, Vademecum für Hoflieferanten. Früher ging das in’s Geheimnissvolle wie der liebe Gott. Und hielt die Bande in Schrecken. Man weiss zu gut, was wirnichtkönnen. Darum will jetzt Jeder Alles besser wissen.Das Neueste in dem sehr beweglichen Geiste und fieberhaften Lebensbezeugungsdrang des Prinzen war ein Werk über Buddhismus, den er für die Religion der Religionen hielt. Sie passte in den Cynismus des alten Diplomaten, diese Idee des Jenseits von Gut und Böse, der souveränen Verachtung aller Moralsysteme. Viele zweifelten an seiner Gelehrsamkeit, sie war etwas zusammengewürfelt nach der Mode des Ancien Régime. Er besass diese Eigenheit der Regierenden, dass er über Alles reden und geistreich reden konnte. Trotzdem wurde sein wirkliches Wissen bestritten. Er selbst vermied Gelehrte, sein eigentliches und Hauptpublikum blieben Damen. Nur der Doctor[pg 98]Rothe konnte es mit ihm aushalten. Dies war um so verwunderlicher, als der junge Mann thatsächlich ein sehr bedeutender Kopf war. Seine Examina hatten das Staunen seiner Lehrer erregt. Professoren und Mitschüler erwarteten von Anton Rothe etwas ganz Außerordentliches, den Aufgang eines neuen Sterns am Himmel der Gelehrtenwelt. Einen Stürmer und Dränger sahen die Andern in ihm, einen grossen Künstler. Er hatte alle ihre Erwartungen getäuscht, war mit sechsundzwanzig Jahren als Privatsecretair in die Dienste des Fürsten getreten, der ihn in einer Art Auerbach-Keller kennen gelernt hatte, und diesem seitdem auf allen seinen Reisen gefolgt. Legenden von geheimen, raffinirtesten Ausschweifungen, denen sich Herr und Diener auf solchen Weltreisen in afrikanischen Lasterhöhlen, den Schmutzpfühlen überseeischer Hafenstädte hingegeben hätten, konnten allein diese seltsame Anziehung zwischen dem beinah achtzigjährigen Weltmann und dem zweiunddreissigjährigen, prachtvollen, genialen Menschen erklären. Man hatte das ungleiche Paar Faust und Mephisto getauft, der äussere Eindruck entsprach der Vorstellung, neben dem ernsthaften, schönen jungen Mann, schwerer germanischer Typus,[pg 99]das sardonische, zahnlose Affengesicht des Alten, der es liebte, von seinen literarischen Speichelleckern als Voltaire bezeichnet zu werden.Dies waren die Hauptpersönlichkeiten, denen die Gräfin den Fremden vorführen wollte. Sie hatte eigentlich eine Abneigung gegen den Doctor wegen seiner bürgerlichen Abkunft und sonstigen Anrüchigkeit. Aber die allgemeine Werthschätzung, deren er sich erfreute, seine sagenhafte Allmächtigkeit bei dem Fürsten zwang sie, freundlich gegen ihn zu sein. Ihre Sauersüsse bei solchen Gelegenheiten amüsirte dann den Alten: „Es ist wunderbar, wie diese Frau aus Ehrgeiz sich zu beherrschen weiss. Da sagt man, nur Männer hätten eine Hundenatur. Sie schlagen uns noch auf allen Punkten.“Der Landrath, ihr Mann, that immer, was sie wollte: „Wenn Du meinst, Amélie.“ ... Sie schrieb also ein Billetchen an den Fremden des Inhalts, dass eine distinguirte Reunion im Schlosse von X., Datum und Stunde, von seinem Geist und Wirken gehört, den Wunsch hätte, ihn zu kennen und sich belehren zu lassen. – Höflichkeit bei solchen Gelegenheiten ist immer angebracht. Sie kostet nicht viel und leistet dasselbe wie baares[pg 100]Geld. Uebrigens lag der Gräfin wirklich an dieser Attraction für ihren Rout. Boshafte Leute waren hier wieder der Meinung, dass diese berühmten gräflichen „geistigen Attractions“ vieles Andre, weniger Attractive verbergen sollten, zum Beispiel eine entschiedene Dürftigkeit des Vorgesetzten, und den Umstand, dass der Champagner immer ausserordentlich spät, im letzten Augenblick servirt wurde.Der Diener fand den Fremden unter einem Apfelbaum, wo er sich ruhte. Zwei schwarze Amseln liefen nach Würmern pickend neben ihm im Grase. Es schien, als ob diese Thiere ihn fragten und er ihnen antwortete. Der Mann schwor nachher auf die Hexerei.„Ich werde kommen,“ sagte der Fremde.Die Gräfin, die es nie verschmähte, auch ihre Kammerdiener auszufragen, merkte sich diesen kleinen interessanten Zug. Sie hatte eine sozusagen symbolistische Toilette gemacht: Weiss, sehr in’s Crême spielend, mit schwarzen Jetkettenschnüren viermal um den Hals.Der Landrath war etwas sorgenvoll: seine Stellung und quasi officielle Sanction ... „Das verstehst Du nicht, mein Freund,“ sagte sie milde, aber fest. – „Man wird sich erdrücken.“[pg 101]Man erdrückte sich.Die Gräfin war allgegenwärtig. Es galt, ihren Gästen das Ausserordentliche ihres Schrittes klar zu machen, diese Einladung an den Fremden, mit der sie ihren geistreichen Freunden einen Gefallen thun wollte, und sich gleichzeitig möglichst gegen üble Folgen schützen, da man es ihr nach oben hin falsch auslegen konnte.Gegen die Einen, die sie für freie Geister hielt, war sie frivol, für die Andern ernsthaft, priesterlich. Allerliebst reumüthig, bescheiden, entschuldigte sie sich gegen den Superintendenten, einigen alten Damen gegenüber. „Ich bin so eine moderne Ketzerin. Es ist doch auch, damit Sie selbst den Unsinn sehen ...“„Interessant“ war ihr Wort. Dafür liess sie sich einen scherzhaften Fächerschlag auf den Arm von der alten Baronin Rehden gefallen. Die Superintendentin bat sie um ihr Recept für schwarzen Johannisbeergelee. Dabei vergass sie niemals dem Prinzen zuzulächeln: „Wie werden wir uns nachher über alle diese mokiren. Wir Beide verstehen uns, dass Alles nur eine Farce ist.“ ...„Ist sie nun nicht bewundrungswürdig?“ fragte der Prinz seinen Adjutanten. „Diese Frau wäre[pg 102]bei August dem Starken die Orczelska, bei Ludwig dem Vierzehnten Maintenon, bei Alexander Krüdener gewesen. Für die Tochter der Herodias reicht’s leider nicht. Sie hätte auch da ihr Bestes gethan und man würde ihr wahrscheinlich das Haupt bewilligt haben, wenn auch aus andern Gründen.“Der junge Mann antwortete nicht. Er betrachtete den Fremden, der allein an einem Ende des Saales stand.Er stand ganz ruhig in seinem einfachen Anzug zwischen den plaudernden, lachenden, zischelnden Gruppen. Fortwährend drängten sich die Diener durch unter irgend einem Vorwand, um ihn anzustarren.„Eigentlich eine tolle Idee der guten Gräfin,“ sagte die alte Baronin Steuben, sich Luft zufächelnd. Sie war eine wirkliche grosse Dame und verachtete die kleinen Trics und Kniffe der Andern.Ein junges Mädchen erstaunte, dass er keinen Frack trüge. Der Prinz bemühte sich, der kleinen Frau eines Rittergutsbesitzers einzureden, dass es sehr möglich sein könnte, dieser wäre wirklich Christus. Die kleine Frau begriff nicht. Ihre Augen vergrösserten sich unmässig. Sie stand buchstäblich mit offenem Mund.[pg 103]In einer Gruppe junger Damen und Offiziere hatte man beschlossen, den geheimnissvollen Gast direct zu attaquiren. Ein kleiner, kecker Dragoner war ausgesandt worden als Avantgarde. Man setzte ihm zu von allen Seiten. Und er that auch, als ob er etwas besonders Gefährliches unternähme, hegte noch Skrupel über die Anrede. „‚Meister‘ ist ja wohl das Officielle?“ ...„Ach gehen Sie!“Aller Augen folgten ihm, wie er gesucht dandyhaft quer durch den Saal chassirte. Die jungen Damen kicherten.„Erlauben Sie, dass ich mich vorstelle.“ Der junge Mann verbeugte sich, forcirt vorschriftsmässig die Hacken zusammenschlagend.Der Fremde sah ihn an. „Ich möchte mir eine Frage erlauben, Herr ...“ Er zögerte vor dem Namen, um dem Andern zu markiren, dass er seine Vorstellung erwartete. „Halten Sie es für Ihren und dem christlichen Grundgedanken entsprechend, Kriegsdienste zu nehmen?“Der Fremde antwortete nicht.„Ich betrachte die Frage ganz ernsthaft. Es steht doch in der Bibel: Du sollst nicht tödten. Wir versprechen unsre Feinde zu lieben, Böses[pg 104]mit Gutem zu vergelten. Christus nimmt Petrus das Schwert aus der Hand. Dennoch zwingt uns das Gesetz.“„Welches Gesetz?“ fragte der Fremde.„Nun, das bürgerliche, das des Staats, dem wir angehören.“„Du gehörst nicht dem Staat, der Staat gehört Dir,“ sagte der Fremde.„Aber das Staatsgesetz bestraft mich. Ich werde schuldig gefunden und verurtheilt, wenn ich mich weigre ihm zu folgen. Gehorsam gegen das Gesetz ist uns ebenfalls anbefohlen. Was soll ich thun?“„Was Du willst,“ sagte der Fremde.„Das ist es. Aber ich weiss doch nicht, was ich will.“ Der junge Offizier war in einen gewissen Eifer gerathen, er nahm sich vor, den Punkt bis zu Ende zu verfechten. „Wenn mein Wille gegen das steht, was ich soll?“„Du sollst wollen.“„Man zwingt mich. Ich komme in’s Gefängniss. Man behandelt mich als Verbrecher. Was bin ich, Einer gegen so Viele?“„Viele Einzelne sind Viele.“„... Die Duchoborzen. Eine Art Tolstoi. Auch[pg 105]Quäker leisten ja keine Kriegsdienste, glaube ich? Interessant, sehr interessant!“ sagte die Gräfin.„Jedes Land hat alle seine Kräfte nöthig gegen den äusseren Feind!“ sagte der Candidat der Theologie, der zugleich Reserveoffizier war. „Ein Land, das sich seine Waffen nimmt, ist wie ein Körper ohne Widerstandskraft. Es entmannt eine Nation, sie ist dann nicht fähig, ihre Ehre zu vertheidigen. Die Ehre eines Volkes ist wie die Ehre eines Individuums.“Er liebte das Wort: Ehre. Er sagte es in einem besonderen schnarrenden Ton. Er war auchfürdas Duell und fing ein längeres Gespräch mit dem Lieutenant darüber an, „zum Beispiel, wenn Einer mich mit meiner Frau betrügt. Dann greift schließlich jeder Holzknecht zur Axt.“„Aber der Holzknecht ist ein Mörder und kriegt seine fünf Jahr Zuchthaus,“ sagte der Prinz freundschaftlich. „Das ist der ganze Unterschied, mein braver Langenhahn.“Natürlich müssten gewisse Formalitäten beobachtet werden; der Candidat gab das zu. Der Lieutenant sah nicht ein, warum schliesslich Messerstechen und Ohrabbeissen nicht auch gelten sollten, immer gerade mit diesem Falle des Ehemanns[pg 106]gegen die Ehebrecherin und ihren Mitschuldigen gerechnet.„Ich fände es doch einfacher für ihn, Beide todtzuschlagen,“ sagte der Doctor.„O, aber lieber Doctor! Das nun wieder!“ ... Die Gräfin flatterte skandalisirt.„Es wäre das Logische. Entweder wir haben Faustrecht oder wir haben keins. Diese Mittelzustände machen unsre heilige Civilisation so ungeniessbar.“„Das ist nun doch schrecklich, Doctor, was Sie sagen!“ Die Baronin schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. Ihr gefiel der junge Mann, seine schöne Stirn.„Erlauben Sie. Es ist in Allem so. Besonders was die Frauen angeht. Entweder eine Frau ist ein für sich selbst verantwortliches Wesen, ein Mensch, eine Seele, oder sie ist Sache. Mein Eigenthum. Mein Stück Kuhfleisch. Dann der Sack und der Bosporus.“„Aber es giebt doch Mitteldinge.“„Die sind dann einfach absurd. Ich schlage mich – aber ich gebe ihm dieselbe Chance. Ich sage, sie weiss nicht was sie thut, und lade ihr die volle Verantwortung auf. Wir können eben nie etwas reinlich durchführen.“„Dann wären wir Teufel.“[pg 107]„Oder Engel. Sie haben die Wahl.“„Ich glaube,Siehaben schon gewählt!“ Sie wollte damit discret auf Einiges hindeuten, was über seine Reisen zu ihren Ohren gedrungen war.„Vielleicht doch noch nicht so ganz,“ sagte der junge Mann kalt.„Es giebt auch noch ein Drittes.“– „Sagen Sie mal, sind Sie glücklich?“„Befehlen Sie Thee oder Kaffee, Baronin?“Jemand, ein älteres Fräulein, sagte, dass alle Völker eine Familie wären, Deutsche, Franzosen, Juden. Sie hatte „Die Waffen nieder!“ der Baronin Suttner gelesen und schwärmte für Völkerverbrüderung.„Das ist doch eine etwas grosse Familie,“ sagte der Lieutenant von Detten zu seiner hübschen Nachbarin. „Ich goutire Juden nur allenfalls als Schwiegerväter.“Der Candidat fand, man dürfte nicht Antisemit sein vom Vernunftstandpunkt aus. Aber man wäre es physisch.Der Superintendent drohte ihm mit dem Finger: „Wir sind Alle Brüder und unser Herr Christus kam von den Juden.“Der Prinz erzählte eine amüsante Anekdote[pg 108]von einem Orientalen, einem befreundeten Pascha, der alle Hufthiere verabscheute, weil er selbst einen Klumpfuss hatte.Der Blaustrumpf unterhielt sich über Frauenfrage mit einem Gymnasialprofessor. Er hatte einen schmutzigen Hemdkragen an und kaute seine Nägel: „Nun gewiss, auch Frauen haben eine Seele,“ sagte der Professor zerstreut. „Das heisst – Seele! –“ er lachte sardonisch. Er hatte Lust, auf den Fussboden zu spucken. Aber er besann sich. Man hatte ihn eingeladen, weil er in den Wahlvereinen wichtig war.„Man muss das schwache Gefäss in Geduld tragen,“ sagte der Superintendent. „Wir haben ja auch aus der ersten christlichen Kirche schöne Beispiele: Tabbea, Phoebe, die der Apostel erwähnt. Echt evangelische Frauengestalten.“„Darf man heirathen?“ fragte ein sehr junges Mädchen. „Es steht doch in der Bibel, nicht heirathen ist besser?“„Dann würde aber die Welt aussterben?“„Und das wäre sehr schade,“ sagte der Prinz ernsthaft. Der Superintendent witterte römische Ketzereien. Er wies auf das grosse Exempel Martin Luther’s und seinen gesegneten Ehestand.[pg 109]Die Superintendentin sass steif mit einer spitzen Nase. Sie dachte an den übriggebliebenen Gänsebraten für morgen, ob ihr die Mägde nicht drangingen. Der Prinz machte confiscirte Witze und trieb den Superintendenten in die Enge mit einigen fröhlichen Vierzeilern von Martin „Nonnenfreund“. Die Lieutenants secundirten, der alte Herr wehrte sich tapfer. Sein Gesicht wurde schweissroth vor Anstrengung: „Ein echter deutscher Mann! Ein Mann nach dem Herzen Gottes!“„Ein Bismarck!“Der Candidat schwärmte für Bismarck. Die Gesellschaft verhielt sich etwas ablehnend. Für die Offiziere war er eigentlich ein Rebell, ein unruhiger Kopf, der die Consigne brach. Die Gräfin brachte rasch das Thema auf etwas Anderes, um ihren Mann aus der Verlegenheit zu retten. Der Candidat war oft recht taktlos.Einige Leute wollten Fragen stellen: Werde ich eine grosse Carriere machen? Siegt mein Gaul beim nächsten Rennen? Wann werde ich meine Schulden bezahlen? Die jungen Mädchen hätten gern gewusst, ob „er“ ihnen treu war? Wird der Bestimmte mich zum Cotillon engagiren? – Die Meisten hatten so eine Art Taschenspieler[pg 110]vorstellung, Tischrücken, Kartenlegen oder Aehnliches erwartet und waren enttäuscht.Der Superintendent hatte den Fremden mit Beschlag belegt. Er hatte eine Broschüre über das Glaubensbekenntnis, Harnack und die Agende veröffentlicht und wollte jetzt dem Andern auf den Zahn fühlen über diese wichtigen Punkte. Sein Grundsatz war, dass Kirche und Staat zusammengehen müssten in den jetzigen socialen Wirren. Vernünftige Reform. Aber die feste Hand von oben. Und vor allem musste die Autorität gewahrt werden. Das Patriarchalische ist das einzig Wahre. Dabei hatte er einen Geschmack für weltliche schöne Literatur, citirte Classiker und bekannte sich zur Goethe’schen Schule.Der Candidat war ein Heisssporn. Er war für ein sociales Kaiserthum, eine Art Theokratie unter von oben inspirirtem Oberhaupt mit unumschränkter Autorität. „Die Idee des Gottesgnadenthums muss wieder herrschend werden.“ Dieser Ausdruck gefiel ihm. Ihn zog das Katholische an. Er war für High-Church-Reforms. Allenfalls für einen deutschen Papst, grössere Prunkentfaltung. Er selbst mit einer edelsteinbedeckten Brust hohe Kirchenakte celebrirend – das hätte seiner Neigung entsprochen.[pg 111]Wenn der Superintendent das Presbyterianische, die Selbstverwaltung der Gemeinden betonte, betrachtete er ihn fast als eine Art Hochverräther. Dieser im Gegentheil versprach sich nicht viel von den jungen Leuten. Er war mehr für die kleinen Lokalpäpstchen. Man lebte in Frieden und that sein Möglichstes. Die Frau Superintendent liess bei sich nähen und war im Vorstand aller Wohlthätigkeitsvereine. Alles das, diese kleinen Spiele und Gegenspiele, die er witterte, erheiterte den Prinzen. Er hatte die „Baalspfaffen“ speciell auf dem Korn und liebte es, an ihren Bäffchen sein Müthchen zu kühlen. Er erzählte die bekannte Anekdote von Friedrich dem Grossen: „Der Pfaff soll sein Maul halten, mein Reich ist nicht von dieser Welt,“ mit der die Kinder der Welt die Pfarrer anöden. Der Doctor secundirte ihm eifrig, ebenfalls einige von den Lieutenants. Alle waren für apostolische Einfachheit, den Stab und einen Rock: er hatte nicht, da er sein Haupt niederlegen sollte.„Aber erlauben Sie! Erlauben Sie!“ Der Superintendent hielt seine halbgeleerte Kaffeetasse in der Hand, in der er den dicken, bräunlichen Zuckerseim hin- und herschob. Er nahm gern ein[pg 112]bischen viel Zucker; bei andern Leuten kostete es nichts. „Unser Herr hat durchaus nicht gewollt, dass die Gläubigen sich kasteien. Das ist eine ganz irrige Auffassung, katholische Ketzerei: hat er doch selbst auf der Hochzeit zu Kana das Wasser in Wein gewandelt, durch seine gesegnete Gegenwart den heiligen Ehestand ausgezeichnet.“„Er hat doch aber selbst nicht geheirathet, Maria oder Magdalena?“ Dies war ein vorlauter Lieutenant.„Diese Ausnahme lag doch wohl in seinem heiligen Amt. Und wir müssen nicht vergessen, dass er in verhältnissmässig jungen Jahren –“„Sie meinen, er ist nicht alt genug geworden dazu,“ sagte der Prinz. „Das ist auch eine Auffassung.“Diese Bemerkung erregte allgemeinen Jubel.„Das ist profan! Das ist profan! ... Wirklich, meine Herren! ... Sie müssen selbst einsehen ...“Der Prinz klopfte ihm auf die Schulter. Er mochte begreifen, dass sein Scherz etwas zu weit gegangen war: „Darum keine Feindschaft nicht. Ich weiss ja, wir brauchen das für die Dummen.“[pg 113]Der Candidat ärgerte sich. Die Kirche musste eine ganz andre Gewalt wieder haben. Und es wäre in der That gut gewesen für die Stellung des Priesters – er sagte immer „Priester“, er fand, dass das nach mehr klang – wenn das Cölibat innegehalten würde. Wenigstens für die höheren und höchsten Kirchenämter. Vieles in der römischen Kirche war sehr beherzigenswerth.Der Landrath verstand ihn. Er war auch dieser Meinung, übrigens war sie jetzt die tonangebende. „Die militairische Organisation muss durchgeführt werden, mehr Disciplin! Diese Disciplin ist Alles.“Ein Umschlag in der Meinungsäusserung war eingetreten.„Ich hatte einen famosen Pastor, bei dem ich im Quartier lag,“ versicherte ein Lieutenant. „Wirklich ein famoser Kerl!“„Ach, und die schöne Kirchenmusik!“„Und Weihnachten!“ sagte eine andre junge Dame. „Es ist so tief und bedeutungsvoll.“„Ich fände es doch schrecklich zum Beispiel, sich nicht in der Kirche trauen zu lassen,“ sagte der Doctor.„O, pfui!“ machten Alle. Sie wussten nicht recht, ob er es im Ernst meinte. Der Doctor war[pg 114]ein schrecklicher Mensch, sehr interessant. Sie waren Alle fest entschlossen, ihn nie zu heirathen, wenn er um Eine von ihnen anhielte; aber er hielt nie an.Ein junges Mädchen war sehr traurig. Sie fühlte dunkel, dass dieser Mensch etwas Extraes war, klüger und stärker als die Andern. Warum lachte er höhnisch und sagte scharfe Worte, die weh thaten? – Ein alter Herr war da, der an Gesichtszucken litt, seine Hände sonderbar und krampfig bewegte. Sie sah, dass Einige dies beobachteten, darüber lachten. – Sie fühlte sich abgestossen, elend. Dieses junge Mädchen war sehr jung noch, ein halbes Kind fast. Niemand bekümmerte sich um sie.Der Fürst unterhielt sich mit dem Fremden. Die Gräfin Thornhill fand ihn sehr interessant. Sie behauptete, sie sähe deutlich einen breiten, blauen Schein um seine Stirn. Sie nannte das das Fluidum. Das Fluidum, das von dem Fremden ausging, war erstaunlich. Die Gräfin Thornhill galt für eine Heilige. Es kamen sehr einflussreiche Leute zu ihren spiritistischen Reunions; so geschahen wirklich manchmal Wunder da.Der Assessor von Brincken bestritt sehr ernst[pg 115]haft, dass er keineswegs nicht an Wunder glaubte. „Ich war früher wie Sie. Aber seit ich Frau Gräfin kenne ...“ Sie hatte ihn bekehrt. „Es giebt eben doch mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsre Schulweisheit sich träumen lässt.“ Der Assessor war sehr zugeknöpft über diese Dinge. Er war eben ein Eingeweihter. Den Doctor schnitt er: „Ein gefährlicher Charakter! Ich würde mich nicht wundern, den Burschen eines Tages auf den Barrikaden zu sehen.“ Auch der Fürst war ihm unsympathisch: „Er ist frivol, er schadet.“ Der Assessor war für’s Correcte, sein Vater war erst geadelt worden; da ist es der sicherste und geradeste Weg.Der Doctor beobachtete seinen Patron und den Fremden. Er sah das breite Faungrinsen des Alten. Er kannte diese kühle Manier, mit der er die teuflischsten Dinge sagte, dies freche Augurenzwinkern des Eingeweihten, das dem Andern gleichsam die Replik über dem Kopf wegnahm: Wir Beide wollen uns doch nichts vormachen. Du denkst darin ebenso wie ich. Die Andern sind Dummköpfe. – Er hielt sich noch ganz gerade, zu gerade. Der weisse Schnurrbart stand steif aufgewichst. Die Backen waren roth[pg 116]geschminkt, die Augen glänzten, um die Brauen sorgfältig geschwärzt. Auf der schwarzseidigen Frackfläche bildete der grosse Stern mit dem Ordensband einen markanten Fleck. Seine Hand trug kostbare Ringe. Er war stolz auf diese lange, magre, aristokratische Hand, gebrauchte sie, um seine Bartspitzen zu liebkosen. Es war eine Lieblingsredensart von ihm: „Profile giebt’s wohl noch allenfalls, aber Hände! Hände! – Wir sind Alle Ouvriers geworden.“ Tadellos zog sich die Scheitelspur. Er war der König des Kreises; er dominirte.Anton Rothe allein und sein vertrauter Kammerdiener wussten, was das Alles kostete, dies Gerüst, das noch immer zusammenhielt, zu neuen Blendungen, neuen Ausschweifungen. Er und nur er kannte die erstaunliche Lebens- und Genusskraft des Skeletts, die standhielt, in einer kalten Douche sich neu schmiedete, wenn er selbst, der Junge, erschöpft war, rasend, zum Selbstmord angeekelt.Er dachte an eine junge Dame. Sie war arm gewesen und stolz. Ein herrliches Weib! Mit solcher geht man in unbebaute Colonien und hat Kinder und stirbt vor dem Feind für seinen Herd.[pg 117]Er hatte für ihn geboten auf sie. Der Kampf reizte ihn. Er bot höher und höher. Weil sie arm war und Hungers starb, hatte sie angenommen. Nur darum. Er wusste es. – Sie sagte nur ein Wort: Schurke! Er hatte gelächelt.Warum fiel ihm das jetzt ein?Ein Hass kam über ihn, ein glühender, fressender Mörderhass gegen dies miserable Kunststück der Hypercivilisation, diesen Fetzen von Haut und ausgedörrten Knochen, den er schütteln konnte, der ihn hielt wie eine Viper unter seinem kalten, grausamen Willen, seine Intelligenz zerbrach wie morschen Baumbast unter der polirten Stahlschneide seiner frechen Philosophie der Verneinung.Plötzlich sah er den Alten blass werden. Seine Farbe wechselte sich in Leichenfarbe. Er war ein grinsender Todtenschädel. Unter dem weissen, gestärkten Vorhemd schien die Brust einzuschrumpfen. Es war hohl dahinter. Er lehnte sich gegen die Portiere.Anton Rothe war im Nu an seiner Seite.„Es ist nichts. Eine kleine Uebelkeit. Der verdammte Büchsenhummer ...“ Er war wieder ganz höflicher Weltmann, als die Gräfin, nun auch besorgt, herbeieilte. Gleichzeitig wurden die Klänge[pg 118]der Polonaise laut, die den Ball eröffnen sollte: „Wir werden noch manche Polonaise zusammen führen.“Der kalte Schweiss stand auf seiner Stirn. Er zitterte, lächelte mit bläulichen, lallenden Lippen.Anton Rothe hob ihn wie ein Kind in den Wagen. Er selbst sprang auf den Bock. Niemand achtete auf den Andern in einem allgemeinen Hin- und Hergelaufe, während drinnen zur Tanzmusik die geschmückten Paare sich ordneten. Es wetterleuchtete. Lichter leckten auf in bläulichen, breiten Zungen, duckten sich wieder, huschten auf einer andern Seite spielerisch entlang. – Sie fuhren die schwarzen Trakehner, das berühmteste Viergespann der Gegend, auf das königliche und kaiserliche Marställe fabelhafte Summen geboten hatten. Der Fürst liebte sein Leben, aber er hielt auf Rasse.Die Gräfin stand am Schlage mit ihremGattenadjutanten. Der Greis, jetzt wohl eingehüllt in seine Zobelpelze, bückte sich noch hinaus: „O nichts, nichts, schöne Frau – meine kluge Freundin. Der Fremde – der Fremde ... Cocasse! Ein sonderbarer Kunde, Ihr Fremder ...“Anton Rothe hob die Peitsche und zog die Pferde an. Sie waren unruhig und warfen die[pg 119]Köpfe, als ob sie das Gewitter röchen. Es lag Phosphorgeschmack in der Luft. Man öffnete das grosse Hofthor. Einen Moment stand der ganze Horizont in Flammen, ehe es sich wieder hinter ihnen schloss. Sie waren ganz schwarz wie auf Feuer gezeichnet, eine schwarze Kutsche mit schwarzen Pferden und einem kohlschwarzen Kutscher auf dem Bock. ...Er wusste, er fuhr einen Sterbenden.Der Fremde war verschwunden.Am dunklen Fenster der verlassnen Garderobe stand das kleine Mädchen. Sie mochte nicht tanzen. Sie weinte. Sie fühlte sich sehr traurig. ...[pg 120]Das siebente Kapitel.Durch die Gewitternacht fuhr der junge Mann den Sterbenden.Es gab einen kürzeren Weg über die Berge durch eine seichte Furth im Flusse. Schmuggler benutzten ihn für lichtscheuen Handel. Man vermied ihn am Tage. Ihn bei Nacht zu fahren, war Wahnsinn.Das Gewitter näherte sich. Es war ein Sausen in der Luft, das die Bäume zur Erde bog. Kiefern und magere Birken, die an den Abhängen wuchsen im beständigen Kampf um ihr Dasein. Der Wind fing sich in den gewundenen Schluchten der Thäler. Da heulte und rasselte er wie ein eingeschlossener Wolf. Und unten der Fluss, von einer mysteriösen Anziehungskraft aufgetrieben, begann zu brüllen, kurze Wellen aufzuwerfen mit schnellen[pg 121]Kruppen, die zu den Steinen hinüberleckten. Bewegungslos, weiss lagen noch die schimmernden Ränder. Runde Backen von Kieseln gleissten. Aber die Schilfe rauschten und raunten. Während von weiter, über dem Gebirge unheilschwangere Laute eines brauenden, überkochenden Hexenkessels kamen, jagende, schwarze Wolkenfetzen mit der peitschenden Bewegung der Bäume eine fratzenhafte Mischung von Licht und Schatten verursachten. Alles in Galoppade, die Kutsche einhüllend, die wie ein Gespann der Hölle dahinsauste. Inwendig den Sterbenden. Ueber den Hälsen der Pferde, halb hängend in der Luft, den Mann, der die Pferde antrieb, dass die Steine knatterten, Funken aufsprühten.Nun fuhr der erste Blitz herunter. Der Eclaireur, senkrecht, elegant, halb spielerisch, ein Fechterhieb im beginnenden Duell der Elemente. Die Pferde bäumten sich. Er riss sie zurück. Sie rasten vorwärts wie der Teufel.Drinnen hörte er den Sterbenden röcheln. Er schrie. Er flehte. Das Gehör des Fahrenden, unnatürlich angespannt, vernahm jeden Laut. Er fühlte die schweissfeuchten, huschenden Finger, die sich anklammern wollten, das Fenster niederzu[pg 122]lassen versuchten. Der hülflose Körper verweigerte die Anstrengung. – „Hülfe! Hülfe!“ keuchte der drinnen.Er lachte laut auf. Er klopfte mit dem Peitschenstock an das Fenster und schrie: „Hoho!“ Er sah den drinnen sich verzerren in Todesangst, die künstlichen Zähne heruntergefallen, die Augen vorgequollen, in weissgrünem Schweiss.Er jauchzte wilder. Der Ton brachte die Pferde ausser sich. Sie flogen vor ihm her wie Raben im Dampf.Es fiel ihm ein, wie er ein Hirtenjunge gewesen war, den Berg hinuntersprang, mit dem schäumenden Sturzbach um die Wette. Manchmal kamen Steine. Der Bach sprang klaftertief mit sprühendem Gischt, der Junge sprang noch über Bach und Stein hinweg. Seine nackten Sohlen tanzten in dem grünen, eiskalten Wasser, das nach ihm aufleckte, nach den weissen, zappelnden Füssen. Er wusste, dass sie Feinde waren, er und der Bach. Trotzdem konnte er ihn nicht kriegen; trotzdem liebte er ihn.Er liebte den Bergwind, der die Bäume zerbrach, um seine Schutzhütte tobte, diesen grossen Ton der Wuth, der Unterwelt, Gewaltigerer gegen[pg 123]die dumme Ordnung, die banale Heiterkeit der Sonne. Von sehr hoch sah er winzige abgetheilte Felder. Häuser wie Schneckenhäuser angeklebt, ängstlich. Sie hatten Mühlräder eingesetzt, um das Wasser zu nützen und bepackte Postwagen keuchten schwerfällig die Strassen hinauf. Manchmal kamen Städter mit dünnen Beinen, wischten sich den Schweiss ab und lächelten höflich. Er stand vor ihnen wie ein kleiner Wildling. Er verachtete sie.Wie er sie verachtete! Sie vermeinten, dass der Berggeist sie foppte, wenn er schallend hinter ihnen her lachte, weil sie sich verliefen und ängstlich suchten. Hässliche alte Weiber traten ihnen entgegen aus Versenkungen, die sie nie gesehen hatten, murmelten ihnen Verwünschungen nach, die sie nicht verstanden, für Segenswünsche hielten als Entgelt ihrer blanken Nickelstücke.Ab und zu stürzte auch mal Einer wirklich ab, mit der Brille, dem Photographierkasten. Das war dann ein grosses Unglück. Herren vom Gericht kamen, Leidtragende, wichtig thuend. Sie trugen gar nicht wirklich Leid. Sie freuten sich heimlich. Er gönnte es ihnen. Was kamen sie herauf mit ihren dünnen Beinen, ihren Glatzen und Gläsern, ihrem Geld.[pg 124]Freilich ihr Geld! Er wusste bald, was es werth war, dass er ein Lump war mit seinen Fäusten, seinem prachtvollen Krauskopf und weissen starken Zähnen, wenn er es nicht hatte. Dafür gab man ihm Hutfedern, blanke Stiefel, die gleissten in der Sonne. Sonst musste er hungern. Anton Rothe wollte Geld.In der Schule verschlang er seine Bücher. Er zeigte einen Heisshunger nach Wissen, der die Lehrer erstaunte, unbedeutende eingesumpfte Dorfmenschen, die sie waren. Das peinigte ihn. Er brachte seine Nächte zu, schwierige Aufgaben sich auszudenken und zu lösen, mehr zu erfahren, mehr – mehr! Mit einer wahren Wuth riss er jetzt an den Thoren der Erkenntniss, der vorher in scheue Wildheit sich eingeschlossen hatte.Und er hatte Glück.Der Patron des Gutes nahm sich seiner an, ein wohlthätiger und gelehrter Mann, sehr reich. Er liess ihn studiren. Vielleicht wollte er sich einen brauchbaren Präceptor seiner Söhne erziehen. Es ist immer angenehm, einen Clienten zu haben, Wohlthun ist ein Vergnügen für reiche Leute.Die Freude an seiner Wohlthat war kurz. Der[pg 125]Junge entlief zwischen die rotheste Rotte. Er hielt zündende Reden, schrieb Zeitungsartikel, die die Presse in Bewegung setzten. Er wurde selbst Arbeiter. Seine Fäuste zwangen das Eisen wie sein Geist den Stoff – ein interessanter junger Mann, dem man eine Zukunft prophezeite!Er verliebte sich. Irgend eine gleichgültige, hellblonde Tochter seines Patrons. Sie liess ihn lächelnd sich glühend erklären und heirathete kaltblütig und vernünftig ihren Dragonerlieutenant. – Nun fing er an wie ein grosser Herr zu leben, machte wahnsinnige Schulden. Alles musste ihm den einen Zweck, Geld zu machen, dienen, seine Feder, seine Talente, skrupelloseste Börsenmachinationen. Summen glitten zwischen seinen Fingern. Auf Reisen im Orient machte er die Bekanntschaft des Prinzen. Seitdem waren die Beiden unzertrennliche Begleiter.Bergabwärts raste das Gespann. Er hatte die Peitsche fortgeworfen, die Zügel losgelassen. Er kutschirte mit gekreuzten Armen wie im Circus. Er hätte wie eine Katze den Pferden auf den Rücken springen mögen, mit seinem Athem an ihren Ohren, wie Cowboys, Uncultivirte reiten.Hinter ihm zerbrach splitternd das Fensterglas:[pg 126]„Hülfe! Hülfe!“ klang es gellend, kreischend, nicht mehr menschlich.Er schlug ein teuflisches Gelächter auf. Sie rasten weiter.Wie Rabenfittiche sausten die Rappen durch die Luft. Die Luft litt unter dem Ansturm und pfiff schmerzhaft. In Peitschenhieben traf sie die Flanken der Wüthenden. Ihre Nüstern schnoben Feuer. Von ihren Hufen sprühte der Stein in knisternden Funken. Das Heulen der Winde wurde grässlicher. Sie fingen sich, drehten sich, verschlangen einander in kreisenden Strudeln. Regenhuschen stoben auf. Irgendwo musste es schon giessen in Strömen. Es schlug prasselnd gegen das Fenster. Die krampfende Hand im Rahmen verschwand. – Dadrinnen war die Sündfluth.Irgend etwas war zerbrochen. Ein Hinterrad. Die Pferde rasten weiter mit dem geschleiften Kasten, der knackte in allen seinen Fugen, aufsprang, fiel, kratzte, quietschte, mit dem dumpfen Geräusch von Schlittenkufen auf dem Trocknen.Dadrinne war ein Skelett, ein nicht mehr menschliches Ding, getödtet von Furcht, und doch lebend, das agonisirte. Es dachte an diese schreck[pg 127]liche Angst und Hülflosigkeit, dass er ihn hielt in seiner starken Hand, stark wie die Lawine!Vor ihnen knatterte der Fluss. Der Regen prasselte. Er schlug hernieder wie in Ruthenbündeln. Haarscharf wendend, zeigten sich im Blitzlicht zerrissne Sprünge, schweflig gähnend, dass die Pferde zur Seite schnellten, grausend.„Auf! Auf, alter Satan! Wir fahren zur Hölle!“Singend pfiffen die Riemen. Die Pferde mit blutenden Flanken, schaumbedeckt, keuchten wie apokalyptische Spukdinge. Lucifer, der gefallne Engel, lenkte sie selbst im höhnenden Rausch seiner Kraft und seines Stolzes. Es war unmöglich, dass sie so ankamen, der Wagen musste sich überschlagen, zerschellen.Die tolle Eile steigerte sich. Sie verbrannten den Boden, dass die Geleise rauchten, die Räder sich hitzten zu dunkler Rostgluth. Hinter ihnen losgelassen folgte das ganze Gewitter, Frauen mit feuchten Haaren, Rübezahl der Berggeist mit dem Barte, das ganze Heer der Wilden, Eingebannten.„Ich kenne Euch! Ich kenne Euch! Willkommen, Gesindel!“Drinnen war es still. Er hörte nichts mehr.[pg 128]Der Wagen schlug auf wie ein klappender Kasten, nur noch Holz, etwas Lebloses, etwas Unförmiges, das die Pferde erschreckte, hinter ihnen hing, nach dem man sich nicht umsah, immer zwischen ihren Beinen verwickelt, sie stiess zu rasenderem Lauf.Und nun, ganz deutlich, vernahm man die Stimme des Flusses, zwischen allen diesen Bächen, Wässern, die neben ihnen gossen, vom Walde und Wolkenbruch angeschwollen. Er röhrte wie ein Hirsch in Wollust. Er war allmächtig. Bäume, mit der Wurzel ausgerissen, fuhren und drehten sich blitzgeschwind. Die Steine seiner Tiefe kollerten polternd übereinander. „Ihr denkt, ich drehe Euch Eure Mühlen, schaffe Euer Licht, trage Eure Brücken – Euer Diener, Euer gehorsamer! Euer Speichellecker! Ich hasse Euch! Ich hasse Euch!“Er fühlte sich stolz, alle Demüthigung dieser vielen Jahre fortgeschwemmt, zerbrochen der Zaum, den er im Munde getragen. Bücken, heucheln und lügen! – Sie hatten ihn gehalten. Er hielt sie. Er war stark.Da war der rothe, glorreiche Tod dahinter, über ihm und in ihm, Satan mit prachtvollem Lachen, aufgereckt der Titan. Er war der Starke. Nichts! Nichts gegen ihn![pg 129]Er schnalzte mit der Zunge, schwang die Arme fuchtelnd in der Luft, Laute südlicher, infernalischer Idiome, die den Blutdurst rufen, Tänzer zu den tollsten Gliederverrenkungen aufstacheln und die Frauen willenlos machen unter dem Gluthhauch der Brunst. Alles das hatte er gesehen und genossen im delirirenden Suchen nach Genuss, unter der platzenden Sonne des Mittags.Todt! Todt! Todt! Elendes Aas, von dem sich die Hunde abwenden mit Grauen, sein leeres Hirn zerschellt an den Steinwänden. Nichts drin, das Grinsen selbst des Todtenschädels zerstört im grösseren Grausen, dieser zersplitterten Knochen, zerschundnen Häute unter dem Orden, dem Frack.„Geht! Geht, meine Engel! Fliegt, meine Feuerrosse! Springt an, meine Wildlinge!“Senkrecht weiter ging es in toller Flucht. Ein Rudel Wild hatte sich da zusammengedrängt im Hohlweg, Schutz suchend in scheuem Schrecken. Mitten unter sie sprangen die tollgewordenen Rappen. Ein Gekreisch der Stummen, die nie sprechen, fuhr auf, Blutgeruch, warme Spritzer ... Die Klage erstarb im Tannenwald.Und jetzt setzte der Donner ein. Ein Trommelrollen wie von tausend Tambouren. Der Wirbel[pg 130]ging über den ganzen Himmel hin, zornig und rufend ... und verhallte.Er war jetzt ganz frei. Er führte die wilden Rosse seines Lebenswagens gegen den Abgrund. Eine jauchzende Kraft kam über ihn.„Wir können nicht leben wie wir wollen. Aber wir können sterben und den Tod verachten, denn wir wissen, dass er kein Tod ist. Nur ein leeres Schreckgespenst, ein lächerlicher Schwindel gar nicht existirender Gewalten. Taschenspielerkunststück Derer, die sich schwach fühlen!“Der Donner, ein zweites Mal, gab Antwort, ein Tiger mit ungeheurem hängenden Bauch, der über weite Flächen springt; im Sprunge brüllt er ...... „Der Schwarze Bock in Purpurfinsterniss erscheint“ ...Höllengeschichten fielen ihm ein. In Pariser Schlammpfühlen, affreuse Weiber, schwarze Messen, wo man mit dem Blut der Wollust die Todten beschwor, Hüftenverrenkungen in Bauchtänzen geschlechtsloser Vorstadtbajaderen, Augen, die über der Verwesung schwammen wie fischige Perlen in perlmutternem Glanze.... Diese ganze Civilisation, impotent und pervers, in den letzten[pg 131]Zügen röchelnd, mit Haschisch und Qualen sich aufpeitschend zu neuen Sensationen, ein zweites, neues, junges, greisenhaft altes Rom, wo die Messalinen ordinaire Cocotten sind, die Neros und Heliogabals, Boulevardbummler, verwöhnte Muttersöhnchen, Sprösslinge jüdischer Banquiers und christlicher Prostituirter. Wie gemein! Wie gemein!Ein Gelächter schüttelte ihn wie im Krampf. Der Hut war ihm vom Kopf geschlagen. Er riss sich den Rock auf. Er drängte sich nackt, hoch, dem Tod und dem Nachtwind entgegen.Ein Schrei gellte auf von irgendwo. Vielleicht ein Wandrer? Der Chausseewärter? Die wilde Jagd stob vorüber.Er fühlte die feuchten wehenden Haare der Hexen hinter sich, ein lascives Gelächter nackter Trollen und Faune. Sie ritten mit entsetzlichen, unbeschreibbaren Gesten. Die Jungen waren hübsch mit traurigen Augen. Die Aeltern waren noch schrecklicher, schwarz, Aeser geworden in der lebendigen Verwesung ihres Lasters.Er wusste nicht mehr, was er hinter sich herzog. Einen Cadaver. Ein Aas in Fetzen. Einen Lumpen ...[pg 132]Er hörte nur noch das Brüllen des Wassers, fühlte die Feuchtigkeit. Steine rollten mit ihm bergab. Sie hüpften, kugelten, kollerten, surrten. Hohhi hoh! Er hetzte die Rappen zum Todessprung.Plötzlich standen sie kerzengerade. Der ganze Himmel flammte im Feuer. Er schien zusammenzukrachen von allen Seiten, zu bersten, zu schüttern, zu schwingen ...Wie ein eiserner Vorhang, ganz von Eisen, schwarz, und schwer vom Gewicht aller Himmelsgewölbe klappte der Donnerschlag.Dann nichts mehr. Dunkelheit.Eine Hand hielt seine Hand gefasst. Er versuchte die andre gegen seine Stirn zu führen. Sie war warm vom Blut. „Wohin führst Du mich?“„Wohin Du nicht gewollt hast –Paulus!“
[pg 91]Das sechste Kapitel.Nun hatte die Frau des Landraths eine Idee.Das Gerücht von ihm war nämlich sehr stark geworden in dieser Gegend, so dass viele Leute aus Neugier kamen, um ihn zu sehen. Viele logen und erzählten seltsame Geschichten von Wundern und Kranken, die geheilt worden waren. Und die Menschen liefen hin. Sie blieben da und folgten ihm etliche Tage und warteten auf ein Zeichen. Wenn nichts geschah, was ihre Hoffnungen erfüllte, gingen sie nach Hause, ihren Geschäften nach. Diese sagten stets, dass Alles gelogen war. Sie bewiesen sonnenklar, dass solche Wunder unmöglich und gegen die Natur seien, warteten doch darauf und würden sie bestritten haben, wenn sie geschehen wären. Die Zeitungen bemächtigten sich des Stoffes. Sie hofften ihre[pg 92]Leser zu amüsiren. Einmal tauchte er hier auf und einmal da. Es machte den Reportern Spass, gerade die abenteuerlichsten Geschichten zusammenzutragen, gefälschte Interviews und lange Extrakte aus Reden, die er niemals gehalten hatte. Auskunft war da ertheilt über Himmel und Hölle mit genauer Beschreibung der Lage und Gliederung der Letzteren, eines jeden Pfeilers, auf dem Gottes Thron stand. Einige brachten sogar ein ganzes Nationale, dass er der Sohn eines Zimmermanns Joseph Schäppli aus Bing an der Enz in Württemberg sei. Dieser Sohn hatte für einen Narren gegolten in seiner Jugend. Im Ort gab es viel zu erzählen von seinen sonderbaren Thaten und Reden. Dann war er verschwunden, als er etwa dreissig Jahr alt war. Etliche sagten, er wäre in der Enz ertrunken, Andre, dass er in die Wälder gegangen wäre und dort als ein Waldmensch und Einsiedler hauste. Sie behaupteten, dieser selbe Zimmermannssohn aus Bing sei es, der jetzt aufgetaucht wäre und predigte. Seine eignen Eltern sollten es beschworen haben. Ein besonders eifriger Neuigkeitenvertreiber hatte sogar seine Mutter aufgesucht und wusste, dass sie eine Haube trug und in ihrer Jugend Visionen gehabt hatte. Das[pg 93]war übrigens nichts Seltnes bei diesem schwäbischen Gebirgsvolk, arbeitsam und verständig, aber von schweifender Phantasie, mit einer beständigen Sehnsucht im Herzen, die die Berge wachhielten, oder auch der alte Schatz von Legenden, einstiger Herrlichkeit und Weltgrösse, die in diesen Stämmen lebendig geblieben waren trotz des neuen deutschen Reichs, Lutherthum und Schulbehörden. Wieder Andre hielten ihn für einen Wanderprediger aus den norwegischen Bergen. Es gab ihnen Gelegenheit, über mystische Schwärmer, Tolstoi und Ibsen zu reden, den Geist des Urchristenthums, der sich dort in einigen weltabgeschiedenen Gemeinden rein erhalten hatte. Diese verbreiteten, dass er der Sohn eines schottischen Lords oder vornehmen Grafen wäre. Es that ihnen wohl, das zu glauben.Und gewaltig erschütterte Alle Fritz Kuhlemann’s Stimme, eines einfachen Arbeiters und verlorenen Gesellen, der in den grossen Städten auftrat und forderte Busse zu thun: Im Namen Jesu des Lebendigen, der Fleisch war und unter ihnen wandelte. „Denn die Zeit ist gekommen.“Das Volk lief ihm zu. Etliche erwarteten Lohnerhöhungen, Gaben der Reichen. Andre rechneten[pg 94]auf die Revolution, wo er ihr Häuptling werden sollte. Denn seine Rede klang gewaltig. Es war in ihr der rothe Hass der Ungerechtigkeit und eine neue strahlende Liebe, weit wie die Sonne, die über Gerechte und Ungerechte scheint, aber wild auch und schöpferisch, wie die des Mannes zum Weibe. Es gab Viele, die sich betroffen fühlten unter den Vornehmen und Reichen, zu sich selbst sagten: Wir können nicht wohlleben und in Wagen fahren, wo unser Bruder hungert und nicht hat, da er sein Haupt hinlegen soll? – Denn so sprach er: „Nicht ausser Euch, sondern in Euch richtet auf das Reich Gottes! Denn das ist Gottes in Euch, dass Ihr Liebe gebet. Das Andre, Neid, Geiz, Hoffarth, ist des Thieres und des Teufels. Und Ihr seid Alle Gottes.“Viele kamen auch zu ihm und sagten: Wir wollen sehen, ehe wir glauben. Er sagte ihnen: Seht die Werke an in seinem Namen gethan und thut wie Er. – Aber das gefiel diesen nicht.Es gab Viele unter den reichen und vornehmen Leuten, die den Fremden auch gern gesehen hätten. Aber sie wollten sich nicht lächerlich machen. Auch fürchteten sie in der Oeffentlichkeit ihre Namen zu compromittiren.[pg 95]Diese Landräthin, deren Mann zugleich Reichstagsabgeordneter war, hatte eine grosse Gesellschaft zu geben. Sie war eine kluge Dame aus reichsgräflichem Hause, die sich viel einbildete auf ihre Bildung, dass auf ihren Gesellschaften immer etwas Besonderes, Geistiges und Interessantes war. Da bei vielen ihrer Freundinnen und Nebenbuhlerinnen Theosophie in Mode war, dachte sie, es würde sehr interessant sein, den Fremden einzuladen, ihn ihren Gästen gleichsam als Curiosität und zur Unterhaltung vorzuführen.Gleichzeitig that sie damit einem Mann einen Gefallen, der ihr selbst und ihrem Landrath sehr nützlich war, in einem Kreis, wo er vermöge seines Namens und Reichthums eine höchste und selbstverständliche Stellung einnahm, die sie als arme Beamte und Frischnobilitirte sich nur mühsam erobern konnten, mit allen Mitteln suchen mussten zu befestigen. Dieser Mann war der alte Prinz Schönheim-Wagram-Trauttenberg, Minister unter der liberalen Aera Friedrich Wilhelms des Vierten. Er hatte in seiner Jugend mit der Revolution und dem Dilettantismus coquettirt, dabei als Lebemann und Schöngeist sich ein Renommee erworben. Seine „Briefe eines Diplomaten“ erregten das grösste[pg 96]Aufsehen seiner Zeit. Er war der Erste gewesen, der mit der Tradition brach, dass Heuchelei und geheimnissvolle Zugeknöpftheit unentbehrliche Attribute der Staatsklugheit bildeten. Unter einem fast ruchlosen, scheinbar offenherzigsten Cynismus verbarg er füchsische Verschlagenheit, die Raubthierkralle eines Cäsar Borgia im Sammethandschuh. Man nannte ihn den Fürsten Talleyrand der Provinz. Seine Stellung dort war unerschütterlich selbst nach seiner officiellen Niederlage als Staatsmann, seitdem neue Systeme und Principien ihn und sein System hinweggefegt hatten. Die Landräthin gehörte zu seinen Protegees. Nicht, dass ihre spärlichen Reize den alten Viveur in Versuchung geführt hätten. Nach einem galanten Sabbath ohne Gleichen hatte das Küchenpersonal und noch tiefer hinab, bei ihm endgültig die Palme davongetragen. Er bezeugte diese Vorliebe sehr ungenirt. Aber er liebte es immer, seinen Finger mit in der Pastete zu haben, die Landräthin und ihr strebsamer Gatte erschienen ihm als gefügige Werkzeuge für seine kleinen Pläne, die er durchaus nicht aufgegeben hatte, nur versteckt hielt unter witzelnder Indifferenz. Das Renommee eines mystischen Einflusses erfreute ihn. Er fand es[pg 97]vornehmer, hinter den Coulissen zu operiren, als vorne auf der Bühne die grossen Schreie auszustossen: heutzutage weiss man von jeder Macht die Adresse. Jeder trägt seine Befugnisse und Eigenschaften wie aufgeklebte Etiketten mit sich herum: Büreau für Stellenbesetzung, Vermittlung von Börsengeschäften, Vademecum für Hoflieferanten. Früher ging das in’s Geheimnissvolle wie der liebe Gott. Und hielt die Bande in Schrecken. Man weiss zu gut, was wirnichtkönnen. Darum will jetzt Jeder Alles besser wissen.Das Neueste in dem sehr beweglichen Geiste und fieberhaften Lebensbezeugungsdrang des Prinzen war ein Werk über Buddhismus, den er für die Religion der Religionen hielt. Sie passte in den Cynismus des alten Diplomaten, diese Idee des Jenseits von Gut und Böse, der souveränen Verachtung aller Moralsysteme. Viele zweifelten an seiner Gelehrsamkeit, sie war etwas zusammengewürfelt nach der Mode des Ancien Régime. Er besass diese Eigenheit der Regierenden, dass er über Alles reden und geistreich reden konnte. Trotzdem wurde sein wirkliches Wissen bestritten. Er selbst vermied Gelehrte, sein eigentliches und Hauptpublikum blieben Damen. Nur der Doctor[pg 98]Rothe konnte es mit ihm aushalten. Dies war um so verwunderlicher, als der junge Mann thatsächlich ein sehr bedeutender Kopf war. Seine Examina hatten das Staunen seiner Lehrer erregt. Professoren und Mitschüler erwarteten von Anton Rothe etwas ganz Außerordentliches, den Aufgang eines neuen Sterns am Himmel der Gelehrtenwelt. Einen Stürmer und Dränger sahen die Andern in ihm, einen grossen Künstler. Er hatte alle ihre Erwartungen getäuscht, war mit sechsundzwanzig Jahren als Privatsecretair in die Dienste des Fürsten getreten, der ihn in einer Art Auerbach-Keller kennen gelernt hatte, und diesem seitdem auf allen seinen Reisen gefolgt. Legenden von geheimen, raffinirtesten Ausschweifungen, denen sich Herr und Diener auf solchen Weltreisen in afrikanischen Lasterhöhlen, den Schmutzpfühlen überseeischer Hafenstädte hingegeben hätten, konnten allein diese seltsame Anziehung zwischen dem beinah achtzigjährigen Weltmann und dem zweiunddreissigjährigen, prachtvollen, genialen Menschen erklären. Man hatte das ungleiche Paar Faust und Mephisto getauft, der äussere Eindruck entsprach der Vorstellung, neben dem ernsthaften, schönen jungen Mann, schwerer germanischer Typus,[pg 99]das sardonische, zahnlose Affengesicht des Alten, der es liebte, von seinen literarischen Speichelleckern als Voltaire bezeichnet zu werden.Dies waren die Hauptpersönlichkeiten, denen die Gräfin den Fremden vorführen wollte. Sie hatte eigentlich eine Abneigung gegen den Doctor wegen seiner bürgerlichen Abkunft und sonstigen Anrüchigkeit. Aber die allgemeine Werthschätzung, deren er sich erfreute, seine sagenhafte Allmächtigkeit bei dem Fürsten zwang sie, freundlich gegen ihn zu sein. Ihre Sauersüsse bei solchen Gelegenheiten amüsirte dann den Alten: „Es ist wunderbar, wie diese Frau aus Ehrgeiz sich zu beherrschen weiss. Da sagt man, nur Männer hätten eine Hundenatur. Sie schlagen uns noch auf allen Punkten.“Der Landrath, ihr Mann, that immer, was sie wollte: „Wenn Du meinst, Amélie.“ ... Sie schrieb also ein Billetchen an den Fremden des Inhalts, dass eine distinguirte Reunion im Schlosse von X., Datum und Stunde, von seinem Geist und Wirken gehört, den Wunsch hätte, ihn zu kennen und sich belehren zu lassen. – Höflichkeit bei solchen Gelegenheiten ist immer angebracht. Sie kostet nicht viel und leistet dasselbe wie baares[pg 100]Geld. Uebrigens lag der Gräfin wirklich an dieser Attraction für ihren Rout. Boshafte Leute waren hier wieder der Meinung, dass diese berühmten gräflichen „geistigen Attractions“ vieles Andre, weniger Attractive verbergen sollten, zum Beispiel eine entschiedene Dürftigkeit des Vorgesetzten, und den Umstand, dass der Champagner immer ausserordentlich spät, im letzten Augenblick servirt wurde.Der Diener fand den Fremden unter einem Apfelbaum, wo er sich ruhte. Zwei schwarze Amseln liefen nach Würmern pickend neben ihm im Grase. Es schien, als ob diese Thiere ihn fragten und er ihnen antwortete. Der Mann schwor nachher auf die Hexerei.„Ich werde kommen,“ sagte der Fremde.Die Gräfin, die es nie verschmähte, auch ihre Kammerdiener auszufragen, merkte sich diesen kleinen interessanten Zug. Sie hatte eine sozusagen symbolistische Toilette gemacht: Weiss, sehr in’s Crême spielend, mit schwarzen Jetkettenschnüren viermal um den Hals.Der Landrath war etwas sorgenvoll: seine Stellung und quasi officielle Sanction ... „Das verstehst Du nicht, mein Freund,“ sagte sie milde, aber fest. – „Man wird sich erdrücken.“[pg 101]Man erdrückte sich.Die Gräfin war allgegenwärtig. Es galt, ihren Gästen das Ausserordentliche ihres Schrittes klar zu machen, diese Einladung an den Fremden, mit der sie ihren geistreichen Freunden einen Gefallen thun wollte, und sich gleichzeitig möglichst gegen üble Folgen schützen, da man es ihr nach oben hin falsch auslegen konnte.Gegen die Einen, die sie für freie Geister hielt, war sie frivol, für die Andern ernsthaft, priesterlich. Allerliebst reumüthig, bescheiden, entschuldigte sie sich gegen den Superintendenten, einigen alten Damen gegenüber. „Ich bin so eine moderne Ketzerin. Es ist doch auch, damit Sie selbst den Unsinn sehen ...“„Interessant“ war ihr Wort. Dafür liess sie sich einen scherzhaften Fächerschlag auf den Arm von der alten Baronin Rehden gefallen. Die Superintendentin bat sie um ihr Recept für schwarzen Johannisbeergelee. Dabei vergass sie niemals dem Prinzen zuzulächeln: „Wie werden wir uns nachher über alle diese mokiren. Wir Beide verstehen uns, dass Alles nur eine Farce ist.“ ...„Ist sie nun nicht bewundrungswürdig?“ fragte der Prinz seinen Adjutanten. „Diese Frau wäre[pg 102]bei August dem Starken die Orczelska, bei Ludwig dem Vierzehnten Maintenon, bei Alexander Krüdener gewesen. Für die Tochter der Herodias reicht’s leider nicht. Sie hätte auch da ihr Bestes gethan und man würde ihr wahrscheinlich das Haupt bewilligt haben, wenn auch aus andern Gründen.“Der junge Mann antwortete nicht. Er betrachtete den Fremden, der allein an einem Ende des Saales stand.Er stand ganz ruhig in seinem einfachen Anzug zwischen den plaudernden, lachenden, zischelnden Gruppen. Fortwährend drängten sich die Diener durch unter irgend einem Vorwand, um ihn anzustarren.„Eigentlich eine tolle Idee der guten Gräfin,“ sagte die alte Baronin Steuben, sich Luft zufächelnd. Sie war eine wirkliche grosse Dame und verachtete die kleinen Trics und Kniffe der Andern.Ein junges Mädchen erstaunte, dass er keinen Frack trüge. Der Prinz bemühte sich, der kleinen Frau eines Rittergutsbesitzers einzureden, dass es sehr möglich sein könnte, dieser wäre wirklich Christus. Die kleine Frau begriff nicht. Ihre Augen vergrösserten sich unmässig. Sie stand buchstäblich mit offenem Mund.[pg 103]In einer Gruppe junger Damen und Offiziere hatte man beschlossen, den geheimnissvollen Gast direct zu attaquiren. Ein kleiner, kecker Dragoner war ausgesandt worden als Avantgarde. Man setzte ihm zu von allen Seiten. Und er that auch, als ob er etwas besonders Gefährliches unternähme, hegte noch Skrupel über die Anrede. „‚Meister‘ ist ja wohl das Officielle?“ ...„Ach gehen Sie!“Aller Augen folgten ihm, wie er gesucht dandyhaft quer durch den Saal chassirte. Die jungen Damen kicherten.„Erlauben Sie, dass ich mich vorstelle.“ Der junge Mann verbeugte sich, forcirt vorschriftsmässig die Hacken zusammenschlagend.Der Fremde sah ihn an. „Ich möchte mir eine Frage erlauben, Herr ...“ Er zögerte vor dem Namen, um dem Andern zu markiren, dass er seine Vorstellung erwartete. „Halten Sie es für Ihren und dem christlichen Grundgedanken entsprechend, Kriegsdienste zu nehmen?“Der Fremde antwortete nicht.„Ich betrachte die Frage ganz ernsthaft. Es steht doch in der Bibel: Du sollst nicht tödten. Wir versprechen unsre Feinde zu lieben, Böses[pg 104]mit Gutem zu vergelten. Christus nimmt Petrus das Schwert aus der Hand. Dennoch zwingt uns das Gesetz.“„Welches Gesetz?“ fragte der Fremde.„Nun, das bürgerliche, das des Staats, dem wir angehören.“„Du gehörst nicht dem Staat, der Staat gehört Dir,“ sagte der Fremde.„Aber das Staatsgesetz bestraft mich. Ich werde schuldig gefunden und verurtheilt, wenn ich mich weigre ihm zu folgen. Gehorsam gegen das Gesetz ist uns ebenfalls anbefohlen. Was soll ich thun?“„Was Du willst,“ sagte der Fremde.„Das ist es. Aber ich weiss doch nicht, was ich will.“ Der junge Offizier war in einen gewissen Eifer gerathen, er nahm sich vor, den Punkt bis zu Ende zu verfechten. „Wenn mein Wille gegen das steht, was ich soll?“„Du sollst wollen.“„Man zwingt mich. Ich komme in’s Gefängniss. Man behandelt mich als Verbrecher. Was bin ich, Einer gegen so Viele?“„Viele Einzelne sind Viele.“„... Die Duchoborzen. Eine Art Tolstoi. Auch[pg 105]Quäker leisten ja keine Kriegsdienste, glaube ich? Interessant, sehr interessant!“ sagte die Gräfin.„Jedes Land hat alle seine Kräfte nöthig gegen den äusseren Feind!“ sagte der Candidat der Theologie, der zugleich Reserveoffizier war. „Ein Land, das sich seine Waffen nimmt, ist wie ein Körper ohne Widerstandskraft. Es entmannt eine Nation, sie ist dann nicht fähig, ihre Ehre zu vertheidigen. Die Ehre eines Volkes ist wie die Ehre eines Individuums.“Er liebte das Wort: Ehre. Er sagte es in einem besonderen schnarrenden Ton. Er war auchfürdas Duell und fing ein längeres Gespräch mit dem Lieutenant darüber an, „zum Beispiel, wenn Einer mich mit meiner Frau betrügt. Dann greift schließlich jeder Holzknecht zur Axt.“„Aber der Holzknecht ist ein Mörder und kriegt seine fünf Jahr Zuchthaus,“ sagte der Prinz freundschaftlich. „Das ist der ganze Unterschied, mein braver Langenhahn.“Natürlich müssten gewisse Formalitäten beobachtet werden; der Candidat gab das zu. Der Lieutenant sah nicht ein, warum schliesslich Messerstechen und Ohrabbeissen nicht auch gelten sollten, immer gerade mit diesem Falle des Ehemanns[pg 106]gegen die Ehebrecherin und ihren Mitschuldigen gerechnet.„Ich fände es doch einfacher für ihn, Beide todtzuschlagen,“ sagte der Doctor.„O, aber lieber Doctor! Das nun wieder!“ ... Die Gräfin flatterte skandalisirt.„Es wäre das Logische. Entweder wir haben Faustrecht oder wir haben keins. Diese Mittelzustände machen unsre heilige Civilisation so ungeniessbar.“„Das ist nun doch schrecklich, Doctor, was Sie sagen!“ Die Baronin schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. Ihr gefiel der junge Mann, seine schöne Stirn.„Erlauben Sie. Es ist in Allem so. Besonders was die Frauen angeht. Entweder eine Frau ist ein für sich selbst verantwortliches Wesen, ein Mensch, eine Seele, oder sie ist Sache. Mein Eigenthum. Mein Stück Kuhfleisch. Dann der Sack und der Bosporus.“„Aber es giebt doch Mitteldinge.“„Die sind dann einfach absurd. Ich schlage mich – aber ich gebe ihm dieselbe Chance. Ich sage, sie weiss nicht was sie thut, und lade ihr die volle Verantwortung auf. Wir können eben nie etwas reinlich durchführen.“„Dann wären wir Teufel.“[pg 107]„Oder Engel. Sie haben die Wahl.“„Ich glaube,Siehaben schon gewählt!“ Sie wollte damit discret auf Einiges hindeuten, was über seine Reisen zu ihren Ohren gedrungen war.„Vielleicht doch noch nicht so ganz,“ sagte der junge Mann kalt.„Es giebt auch noch ein Drittes.“– „Sagen Sie mal, sind Sie glücklich?“„Befehlen Sie Thee oder Kaffee, Baronin?“Jemand, ein älteres Fräulein, sagte, dass alle Völker eine Familie wären, Deutsche, Franzosen, Juden. Sie hatte „Die Waffen nieder!“ der Baronin Suttner gelesen und schwärmte für Völkerverbrüderung.„Das ist doch eine etwas grosse Familie,“ sagte der Lieutenant von Detten zu seiner hübschen Nachbarin. „Ich goutire Juden nur allenfalls als Schwiegerväter.“Der Candidat fand, man dürfte nicht Antisemit sein vom Vernunftstandpunkt aus. Aber man wäre es physisch.Der Superintendent drohte ihm mit dem Finger: „Wir sind Alle Brüder und unser Herr Christus kam von den Juden.“Der Prinz erzählte eine amüsante Anekdote[pg 108]von einem Orientalen, einem befreundeten Pascha, der alle Hufthiere verabscheute, weil er selbst einen Klumpfuss hatte.Der Blaustrumpf unterhielt sich über Frauenfrage mit einem Gymnasialprofessor. Er hatte einen schmutzigen Hemdkragen an und kaute seine Nägel: „Nun gewiss, auch Frauen haben eine Seele,“ sagte der Professor zerstreut. „Das heisst – Seele! –“ er lachte sardonisch. Er hatte Lust, auf den Fussboden zu spucken. Aber er besann sich. Man hatte ihn eingeladen, weil er in den Wahlvereinen wichtig war.„Man muss das schwache Gefäss in Geduld tragen,“ sagte der Superintendent. „Wir haben ja auch aus der ersten christlichen Kirche schöne Beispiele: Tabbea, Phoebe, die der Apostel erwähnt. Echt evangelische Frauengestalten.“„Darf man heirathen?“ fragte ein sehr junges Mädchen. „Es steht doch in der Bibel, nicht heirathen ist besser?“„Dann würde aber die Welt aussterben?“„Und das wäre sehr schade,“ sagte der Prinz ernsthaft. Der Superintendent witterte römische Ketzereien. Er wies auf das grosse Exempel Martin Luther’s und seinen gesegneten Ehestand.[pg 109]Die Superintendentin sass steif mit einer spitzen Nase. Sie dachte an den übriggebliebenen Gänsebraten für morgen, ob ihr die Mägde nicht drangingen. Der Prinz machte confiscirte Witze und trieb den Superintendenten in die Enge mit einigen fröhlichen Vierzeilern von Martin „Nonnenfreund“. Die Lieutenants secundirten, der alte Herr wehrte sich tapfer. Sein Gesicht wurde schweissroth vor Anstrengung: „Ein echter deutscher Mann! Ein Mann nach dem Herzen Gottes!“„Ein Bismarck!“Der Candidat schwärmte für Bismarck. Die Gesellschaft verhielt sich etwas ablehnend. Für die Offiziere war er eigentlich ein Rebell, ein unruhiger Kopf, der die Consigne brach. Die Gräfin brachte rasch das Thema auf etwas Anderes, um ihren Mann aus der Verlegenheit zu retten. Der Candidat war oft recht taktlos.Einige Leute wollten Fragen stellen: Werde ich eine grosse Carriere machen? Siegt mein Gaul beim nächsten Rennen? Wann werde ich meine Schulden bezahlen? Die jungen Mädchen hätten gern gewusst, ob „er“ ihnen treu war? Wird der Bestimmte mich zum Cotillon engagiren? – Die Meisten hatten so eine Art Taschenspieler[pg 110]vorstellung, Tischrücken, Kartenlegen oder Aehnliches erwartet und waren enttäuscht.Der Superintendent hatte den Fremden mit Beschlag belegt. Er hatte eine Broschüre über das Glaubensbekenntnis, Harnack und die Agende veröffentlicht und wollte jetzt dem Andern auf den Zahn fühlen über diese wichtigen Punkte. Sein Grundsatz war, dass Kirche und Staat zusammengehen müssten in den jetzigen socialen Wirren. Vernünftige Reform. Aber die feste Hand von oben. Und vor allem musste die Autorität gewahrt werden. Das Patriarchalische ist das einzig Wahre. Dabei hatte er einen Geschmack für weltliche schöne Literatur, citirte Classiker und bekannte sich zur Goethe’schen Schule.Der Candidat war ein Heisssporn. Er war für ein sociales Kaiserthum, eine Art Theokratie unter von oben inspirirtem Oberhaupt mit unumschränkter Autorität. „Die Idee des Gottesgnadenthums muss wieder herrschend werden.“ Dieser Ausdruck gefiel ihm. Ihn zog das Katholische an. Er war für High-Church-Reforms. Allenfalls für einen deutschen Papst, grössere Prunkentfaltung. Er selbst mit einer edelsteinbedeckten Brust hohe Kirchenakte celebrirend – das hätte seiner Neigung entsprochen.[pg 111]Wenn der Superintendent das Presbyterianische, die Selbstverwaltung der Gemeinden betonte, betrachtete er ihn fast als eine Art Hochverräther. Dieser im Gegentheil versprach sich nicht viel von den jungen Leuten. Er war mehr für die kleinen Lokalpäpstchen. Man lebte in Frieden und that sein Möglichstes. Die Frau Superintendent liess bei sich nähen und war im Vorstand aller Wohlthätigkeitsvereine. Alles das, diese kleinen Spiele und Gegenspiele, die er witterte, erheiterte den Prinzen. Er hatte die „Baalspfaffen“ speciell auf dem Korn und liebte es, an ihren Bäffchen sein Müthchen zu kühlen. Er erzählte die bekannte Anekdote von Friedrich dem Grossen: „Der Pfaff soll sein Maul halten, mein Reich ist nicht von dieser Welt,“ mit der die Kinder der Welt die Pfarrer anöden. Der Doctor secundirte ihm eifrig, ebenfalls einige von den Lieutenants. Alle waren für apostolische Einfachheit, den Stab und einen Rock: er hatte nicht, da er sein Haupt niederlegen sollte.„Aber erlauben Sie! Erlauben Sie!“ Der Superintendent hielt seine halbgeleerte Kaffeetasse in der Hand, in der er den dicken, bräunlichen Zuckerseim hin- und herschob. Er nahm gern ein[pg 112]bischen viel Zucker; bei andern Leuten kostete es nichts. „Unser Herr hat durchaus nicht gewollt, dass die Gläubigen sich kasteien. Das ist eine ganz irrige Auffassung, katholische Ketzerei: hat er doch selbst auf der Hochzeit zu Kana das Wasser in Wein gewandelt, durch seine gesegnete Gegenwart den heiligen Ehestand ausgezeichnet.“„Er hat doch aber selbst nicht geheirathet, Maria oder Magdalena?“ Dies war ein vorlauter Lieutenant.„Diese Ausnahme lag doch wohl in seinem heiligen Amt. Und wir müssen nicht vergessen, dass er in verhältnissmässig jungen Jahren –“„Sie meinen, er ist nicht alt genug geworden dazu,“ sagte der Prinz. „Das ist auch eine Auffassung.“Diese Bemerkung erregte allgemeinen Jubel.„Das ist profan! Das ist profan! ... Wirklich, meine Herren! ... Sie müssen selbst einsehen ...“Der Prinz klopfte ihm auf die Schulter. Er mochte begreifen, dass sein Scherz etwas zu weit gegangen war: „Darum keine Feindschaft nicht. Ich weiss ja, wir brauchen das für die Dummen.“[pg 113]Der Candidat ärgerte sich. Die Kirche musste eine ganz andre Gewalt wieder haben. Und es wäre in der That gut gewesen für die Stellung des Priesters – er sagte immer „Priester“, er fand, dass das nach mehr klang – wenn das Cölibat innegehalten würde. Wenigstens für die höheren und höchsten Kirchenämter. Vieles in der römischen Kirche war sehr beherzigenswerth.Der Landrath verstand ihn. Er war auch dieser Meinung, übrigens war sie jetzt die tonangebende. „Die militairische Organisation muss durchgeführt werden, mehr Disciplin! Diese Disciplin ist Alles.“Ein Umschlag in der Meinungsäusserung war eingetreten.„Ich hatte einen famosen Pastor, bei dem ich im Quartier lag,“ versicherte ein Lieutenant. „Wirklich ein famoser Kerl!“„Ach, und die schöne Kirchenmusik!“„Und Weihnachten!“ sagte eine andre junge Dame. „Es ist so tief und bedeutungsvoll.“„Ich fände es doch schrecklich zum Beispiel, sich nicht in der Kirche trauen zu lassen,“ sagte der Doctor.„O, pfui!“ machten Alle. Sie wussten nicht recht, ob er es im Ernst meinte. Der Doctor war[pg 114]ein schrecklicher Mensch, sehr interessant. Sie waren Alle fest entschlossen, ihn nie zu heirathen, wenn er um Eine von ihnen anhielte; aber er hielt nie an.Ein junges Mädchen war sehr traurig. Sie fühlte dunkel, dass dieser Mensch etwas Extraes war, klüger und stärker als die Andern. Warum lachte er höhnisch und sagte scharfe Worte, die weh thaten? – Ein alter Herr war da, der an Gesichtszucken litt, seine Hände sonderbar und krampfig bewegte. Sie sah, dass Einige dies beobachteten, darüber lachten. – Sie fühlte sich abgestossen, elend. Dieses junge Mädchen war sehr jung noch, ein halbes Kind fast. Niemand bekümmerte sich um sie.Der Fürst unterhielt sich mit dem Fremden. Die Gräfin Thornhill fand ihn sehr interessant. Sie behauptete, sie sähe deutlich einen breiten, blauen Schein um seine Stirn. Sie nannte das das Fluidum. Das Fluidum, das von dem Fremden ausging, war erstaunlich. Die Gräfin Thornhill galt für eine Heilige. Es kamen sehr einflussreiche Leute zu ihren spiritistischen Reunions; so geschahen wirklich manchmal Wunder da.Der Assessor von Brincken bestritt sehr ernst[pg 115]haft, dass er keineswegs nicht an Wunder glaubte. „Ich war früher wie Sie. Aber seit ich Frau Gräfin kenne ...“ Sie hatte ihn bekehrt. „Es giebt eben doch mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsre Schulweisheit sich träumen lässt.“ Der Assessor war sehr zugeknöpft über diese Dinge. Er war eben ein Eingeweihter. Den Doctor schnitt er: „Ein gefährlicher Charakter! Ich würde mich nicht wundern, den Burschen eines Tages auf den Barrikaden zu sehen.“ Auch der Fürst war ihm unsympathisch: „Er ist frivol, er schadet.“ Der Assessor war für’s Correcte, sein Vater war erst geadelt worden; da ist es der sicherste und geradeste Weg.Der Doctor beobachtete seinen Patron und den Fremden. Er sah das breite Faungrinsen des Alten. Er kannte diese kühle Manier, mit der er die teuflischsten Dinge sagte, dies freche Augurenzwinkern des Eingeweihten, das dem Andern gleichsam die Replik über dem Kopf wegnahm: Wir Beide wollen uns doch nichts vormachen. Du denkst darin ebenso wie ich. Die Andern sind Dummköpfe. – Er hielt sich noch ganz gerade, zu gerade. Der weisse Schnurrbart stand steif aufgewichst. Die Backen waren roth[pg 116]geschminkt, die Augen glänzten, um die Brauen sorgfältig geschwärzt. Auf der schwarzseidigen Frackfläche bildete der grosse Stern mit dem Ordensband einen markanten Fleck. Seine Hand trug kostbare Ringe. Er war stolz auf diese lange, magre, aristokratische Hand, gebrauchte sie, um seine Bartspitzen zu liebkosen. Es war eine Lieblingsredensart von ihm: „Profile giebt’s wohl noch allenfalls, aber Hände! Hände! – Wir sind Alle Ouvriers geworden.“ Tadellos zog sich die Scheitelspur. Er war der König des Kreises; er dominirte.Anton Rothe allein und sein vertrauter Kammerdiener wussten, was das Alles kostete, dies Gerüst, das noch immer zusammenhielt, zu neuen Blendungen, neuen Ausschweifungen. Er und nur er kannte die erstaunliche Lebens- und Genusskraft des Skeletts, die standhielt, in einer kalten Douche sich neu schmiedete, wenn er selbst, der Junge, erschöpft war, rasend, zum Selbstmord angeekelt.Er dachte an eine junge Dame. Sie war arm gewesen und stolz. Ein herrliches Weib! Mit solcher geht man in unbebaute Colonien und hat Kinder und stirbt vor dem Feind für seinen Herd.[pg 117]Er hatte für ihn geboten auf sie. Der Kampf reizte ihn. Er bot höher und höher. Weil sie arm war und Hungers starb, hatte sie angenommen. Nur darum. Er wusste es. – Sie sagte nur ein Wort: Schurke! Er hatte gelächelt.Warum fiel ihm das jetzt ein?Ein Hass kam über ihn, ein glühender, fressender Mörderhass gegen dies miserable Kunststück der Hypercivilisation, diesen Fetzen von Haut und ausgedörrten Knochen, den er schütteln konnte, der ihn hielt wie eine Viper unter seinem kalten, grausamen Willen, seine Intelligenz zerbrach wie morschen Baumbast unter der polirten Stahlschneide seiner frechen Philosophie der Verneinung.Plötzlich sah er den Alten blass werden. Seine Farbe wechselte sich in Leichenfarbe. Er war ein grinsender Todtenschädel. Unter dem weissen, gestärkten Vorhemd schien die Brust einzuschrumpfen. Es war hohl dahinter. Er lehnte sich gegen die Portiere.Anton Rothe war im Nu an seiner Seite.„Es ist nichts. Eine kleine Uebelkeit. Der verdammte Büchsenhummer ...“ Er war wieder ganz höflicher Weltmann, als die Gräfin, nun auch besorgt, herbeieilte. Gleichzeitig wurden die Klänge[pg 118]der Polonaise laut, die den Ball eröffnen sollte: „Wir werden noch manche Polonaise zusammen führen.“Der kalte Schweiss stand auf seiner Stirn. Er zitterte, lächelte mit bläulichen, lallenden Lippen.Anton Rothe hob ihn wie ein Kind in den Wagen. Er selbst sprang auf den Bock. Niemand achtete auf den Andern in einem allgemeinen Hin- und Hergelaufe, während drinnen zur Tanzmusik die geschmückten Paare sich ordneten. Es wetterleuchtete. Lichter leckten auf in bläulichen, breiten Zungen, duckten sich wieder, huschten auf einer andern Seite spielerisch entlang. – Sie fuhren die schwarzen Trakehner, das berühmteste Viergespann der Gegend, auf das königliche und kaiserliche Marställe fabelhafte Summen geboten hatten. Der Fürst liebte sein Leben, aber er hielt auf Rasse.Die Gräfin stand am Schlage mit ihremGattenadjutanten. Der Greis, jetzt wohl eingehüllt in seine Zobelpelze, bückte sich noch hinaus: „O nichts, nichts, schöne Frau – meine kluge Freundin. Der Fremde – der Fremde ... Cocasse! Ein sonderbarer Kunde, Ihr Fremder ...“Anton Rothe hob die Peitsche und zog die Pferde an. Sie waren unruhig und warfen die[pg 119]Köpfe, als ob sie das Gewitter röchen. Es lag Phosphorgeschmack in der Luft. Man öffnete das grosse Hofthor. Einen Moment stand der ganze Horizont in Flammen, ehe es sich wieder hinter ihnen schloss. Sie waren ganz schwarz wie auf Feuer gezeichnet, eine schwarze Kutsche mit schwarzen Pferden und einem kohlschwarzen Kutscher auf dem Bock. ...Er wusste, er fuhr einen Sterbenden.Der Fremde war verschwunden.Am dunklen Fenster der verlassnen Garderobe stand das kleine Mädchen. Sie mochte nicht tanzen. Sie weinte. Sie fühlte sich sehr traurig. ...
Nun hatte die Frau des Landraths eine Idee.
Das Gerücht von ihm war nämlich sehr stark geworden in dieser Gegend, so dass viele Leute aus Neugier kamen, um ihn zu sehen. Viele logen und erzählten seltsame Geschichten von Wundern und Kranken, die geheilt worden waren. Und die Menschen liefen hin. Sie blieben da und folgten ihm etliche Tage und warteten auf ein Zeichen. Wenn nichts geschah, was ihre Hoffnungen erfüllte, gingen sie nach Hause, ihren Geschäften nach. Diese sagten stets, dass Alles gelogen war. Sie bewiesen sonnenklar, dass solche Wunder unmöglich und gegen die Natur seien, warteten doch darauf und würden sie bestritten haben, wenn sie geschehen wären. Die Zeitungen bemächtigten sich des Stoffes. Sie hofften ihre[pg 92]Leser zu amüsiren. Einmal tauchte er hier auf und einmal da. Es machte den Reportern Spass, gerade die abenteuerlichsten Geschichten zusammenzutragen, gefälschte Interviews und lange Extrakte aus Reden, die er niemals gehalten hatte. Auskunft war da ertheilt über Himmel und Hölle mit genauer Beschreibung der Lage und Gliederung der Letzteren, eines jeden Pfeilers, auf dem Gottes Thron stand. Einige brachten sogar ein ganzes Nationale, dass er der Sohn eines Zimmermanns Joseph Schäppli aus Bing an der Enz in Württemberg sei. Dieser Sohn hatte für einen Narren gegolten in seiner Jugend. Im Ort gab es viel zu erzählen von seinen sonderbaren Thaten und Reden. Dann war er verschwunden, als er etwa dreissig Jahr alt war. Etliche sagten, er wäre in der Enz ertrunken, Andre, dass er in die Wälder gegangen wäre und dort als ein Waldmensch und Einsiedler hauste. Sie behaupteten, dieser selbe Zimmermannssohn aus Bing sei es, der jetzt aufgetaucht wäre und predigte. Seine eignen Eltern sollten es beschworen haben. Ein besonders eifriger Neuigkeitenvertreiber hatte sogar seine Mutter aufgesucht und wusste, dass sie eine Haube trug und in ihrer Jugend Visionen gehabt hatte. Das[pg 93]war übrigens nichts Seltnes bei diesem schwäbischen Gebirgsvolk, arbeitsam und verständig, aber von schweifender Phantasie, mit einer beständigen Sehnsucht im Herzen, die die Berge wachhielten, oder auch der alte Schatz von Legenden, einstiger Herrlichkeit und Weltgrösse, die in diesen Stämmen lebendig geblieben waren trotz des neuen deutschen Reichs, Lutherthum und Schulbehörden. Wieder Andre hielten ihn für einen Wanderprediger aus den norwegischen Bergen. Es gab ihnen Gelegenheit, über mystische Schwärmer, Tolstoi und Ibsen zu reden, den Geist des Urchristenthums, der sich dort in einigen weltabgeschiedenen Gemeinden rein erhalten hatte. Diese verbreiteten, dass er der Sohn eines schottischen Lords oder vornehmen Grafen wäre. Es that ihnen wohl, das zu glauben.
Und gewaltig erschütterte Alle Fritz Kuhlemann’s Stimme, eines einfachen Arbeiters und verlorenen Gesellen, der in den grossen Städten auftrat und forderte Busse zu thun: Im Namen Jesu des Lebendigen, der Fleisch war und unter ihnen wandelte. „Denn die Zeit ist gekommen.“
Das Volk lief ihm zu. Etliche erwarteten Lohnerhöhungen, Gaben der Reichen. Andre rechneten[pg 94]auf die Revolution, wo er ihr Häuptling werden sollte. Denn seine Rede klang gewaltig. Es war in ihr der rothe Hass der Ungerechtigkeit und eine neue strahlende Liebe, weit wie die Sonne, die über Gerechte und Ungerechte scheint, aber wild auch und schöpferisch, wie die des Mannes zum Weibe. Es gab Viele, die sich betroffen fühlten unter den Vornehmen und Reichen, zu sich selbst sagten: Wir können nicht wohlleben und in Wagen fahren, wo unser Bruder hungert und nicht hat, da er sein Haupt hinlegen soll? – Denn so sprach er: „Nicht ausser Euch, sondern in Euch richtet auf das Reich Gottes! Denn das ist Gottes in Euch, dass Ihr Liebe gebet. Das Andre, Neid, Geiz, Hoffarth, ist des Thieres und des Teufels. Und Ihr seid Alle Gottes.“
Viele kamen auch zu ihm und sagten: Wir wollen sehen, ehe wir glauben. Er sagte ihnen: Seht die Werke an in seinem Namen gethan und thut wie Er. – Aber das gefiel diesen nicht.
Es gab Viele unter den reichen und vornehmen Leuten, die den Fremden auch gern gesehen hätten. Aber sie wollten sich nicht lächerlich machen. Auch fürchteten sie in der Oeffentlichkeit ihre Namen zu compromittiren.
Diese Landräthin, deren Mann zugleich Reichstagsabgeordneter war, hatte eine grosse Gesellschaft zu geben. Sie war eine kluge Dame aus reichsgräflichem Hause, die sich viel einbildete auf ihre Bildung, dass auf ihren Gesellschaften immer etwas Besonderes, Geistiges und Interessantes war. Da bei vielen ihrer Freundinnen und Nebenbuhlerinnen Theosophie in Mode war, dachte sie, es würde sehr interessant sein, den Fremden einzuladen, ihn ihren Gästen gleichsam als Curiosität und zur Unterhaltung vorzuführen.
Gleichzeitig that sie damit einem Mann einen Gefallen, der ihr selbst und ihrem Landrath sehr nützlich war, in einem Kreis, wo er vermöge seines Namens und Reichthums eine höchste und selbstverständliche Stellung einnahm, die sie als arme Beamte und Frischnobilitirte sich nur mühsam erobern konnten, mit allen Mitteln suchen mussten zu befestigen. Dieser Mann war der alte Prinz Schönheim-Wagram-Trauttenberg, Minister unter der liberalen Aera Friedrich Wilhelms des Vierten. Er hatte in seiner Jugend mit der Revolution und dem Dilettantismus coquettirt, dabei als Lebemann und Schöngeist sich ein Renommee erworben. Seine „Briefe eines Diplomaten“ erregten das grösste[pg 96]Aufsehen seiner Zeit. Er war der Erste gewesen, der mit der Tradition brach, dass Heuchelei und geheimnissvolle Zugeknöpftheit unentbehrliche Attribute der Staatsklugheit bildeten. Unter einem fast ruchlosen, scheinbar offenherzigsten Cynismus verbarg er füchsische Verschlagenheit, die Raubthierkralle eines Cäsar Borgia im Sammethandschuh. Man nannte ihn den Fürsten Talleyrand der Provinz. Seine Stellung dort war unerschütterlich selbst nach seiner officiellen Niederlage als Staatsmann, seitdem neue Systeme und Principien ihn und sein System hinweggefegt hatten. Die Landräthin gehörte zu seinen Protegees. Nicht, dass ihre spärlichen Reize den alten Viveur in Versuchung geführt hätten. Nach einem galanten Sabbath ohne Gleichen hatte das Küchenpersonal und noch tiefer hinab, bei ihm endgültig die Palme davongetragen. Er bezeugte diese Vorliebe sehr ungenirt. Aber er liebte es immer, seinen Finger mit in der Pastete zu haben, die Landräthin und ihr strebsamer Gatte erschienen ihm als gefügige Werkzeuge für seine kleinen Pläne, die er durchaus nicht aufgegeben hatte, nur versteckt hielt unter witzelnder Indifferenz. Das Renommee eines mystischen Einflusses erfreute ihn. Er fand es[pg 97]vornehmer, hinter den Coulissen zu operiren, als vorne auf der Bühne die grossen Schreie auszustossen: heutzutage weiss man von jeder Macht die Adresse. Jeder trägt seine Befugnisse und Eigenschaften wie aufgeklebte Etiketten mit sich herum: Büreau für Stellenbesetzung, Vermittlung von Börsengeschäften, Vademecum für Hoflieferanten. Früher ging das in’s Geheimnissvolle wie der liebe Gott. Und hielt die Bande in Schrecken. Man weiss zu gut, was wirnichtkönnen. Darum will jetzt Jeder Alles besser wissen.
Das Neueste in dem sehr beweglichen Geiste und fieberhaften Lebensbezeugungsdrang des Prinzen war ein Werk über Buddhismus, den er für die Religion der Religionen hielt. Sie passte in den Cynismus des alten Diplomaten, diese Idee des Jenseits von Gut und Böse, der souveränen Verachtung aller Moralsysteme. Viele zweifelten an seiner Gelehrsamkeit, sie war etwas zusammengewürfelt nach der Mode des Ancien Régime. Er besass diese Eigenheit der Regierenden, dass er über Alles reden und geistreich reden konnte. Trotzdem wurde sein wirkliches Wissen bestritten. Er selbst vermied Gelehrte, sein eigentliches und Hauptpublikum blieben Damen. Nur der Doctor[pg 98]Rothe konnte es mit ihm aushalten. Dies war um so verwunderlicher, als der junge Mann thatsächlich ein sehr bedeutender Kopf war. Seine Examina hatten das Staunen seiner Lehrer erregt. Professoren und Mitschüler erwarteten von Anton Rothe etwas ganz Außerordentliches, den Aufgang eines neuen Sterns am Himmel der Gelehrtenwelt. Einen Stürmer und Dränger sahen die Andern in ihm, einen grossen Künstler. Er hatte alle ihre Erwartungen getäuscht, war mit sechsundzwanzig Jahren als Privatsecretair in die Dienste des Fürsten getreten, der ihn in einer Art Auerbach-Keller kennen gelernt hatte, und diesem seitdem auf allen seinen Reisen gefolgt. Legenden von geheimen, raffinirtesten Ausschweifungen, denen sich Herr und Diener auf solchen Weltreisen in afrikanischen Lasterhöhlen, den Schmutzpfühlen überseeischer Hafenstädte hingegeben hätten, konnten allein diese seltsame Anziehung zwischen dem beinah achtzigjährigen Weltmann und dem zweiunddreissigjährigen, prachtvollen, genialen Menschen erklären. Man hatte das ungleiche Paar Faust und Mephisto getauft, der äussere Eindruck entsprach der Vorstellung, neben dem ernsthaften, schönen jungen Mann, schwerer germanischer Typus,[pg 99]das sardonische, zahnlose Affengesicht des Alten, der es liebte, von seinen literarischen Speichelleckern als Voltaire bezeichnet zu werden.
Dies waren die Hauptpersönlichkeiten, denen die Gräfin den Fremden vorführen wollte. Sie hatte eigentlich eine Abneigung gegen den Doctor wegen seiner bürgerlichen Abkunft und sonstigen Anrüchigkeit. Aber die allgemeine Werthschätzung, deren er sich erfreute, seine sagenhafte Allmächtigkeit bei dem Fürsten zwang sie, freundlich gegen ihn zu sein. Ihre Sauersüsse bei solchen Gelegenheiten amüsirte dann den Alten: „Es ist wunderbar, wie diese Frau aus Ehrgeiz sich zu beherrschen weiss. Da sagt man, nur Männer hätten eine Hundenatur. Sie schlagen uns noch auf allen Punkten.“
Der Landrath, ihr Mann, that immer, was sie wollte: „Wenn Du meinst, Amélie.“ ... Sie schrieb also ein Billetchen an den Fremden des Inhalts, dass eine distinguirte Reunion im Schlosse von X., Datum und Stunde, von seinem Geist und Wirken gehört, den Wunsch hätte, ihn zu kennen und sich belehren zu lassen. – Höflichkeit bei solchen Gelegenheiten ist immer angebracht. Sie kostet nicht viel und leistet dasselbe wie baares[pg 100]Geld. Uebrigens lag der Gräfin wirklich an dieser Attraction für ihren Rout. Boshafte Leute waren hier wieder der Meinung, dass diese berühmten gräflichen „geistigen Attractions“ vieles Andre, weniger Attractive verbergen sollten, zum Beispiel eine entschiedene Dürftigkeit des Vorgesetzten, und den Umstand, dass der Champagner immer ausserordentlich spät, im letzten Augenblick servirt wurde.
Der Diener fand den Fremden unter einem Apfelbaum, wo er sich ruhte. Zwei schwarze Amseln liefen nach Würmern pickend neben ihm im Grase. Es schien, als ob diese Thiere ihn fragten und er ihnen antwortete. Der Mann schwor nachher auf die Hexerei.
„Ich werde kommen,“ sagte der Fremde.
Die Gräfin, die es nie verschmähte, auch ihre Kammerdiener auszufragen, merkte sich diesen kleinen interessanten Zug. Sie hatte eine sozusagen symbolistische Toilette gemacht: Weiss, sehr in’s Crême spielend, mit schwarzen Jetkettenschnüren viermal um den Hals.
Der Landrath war etwas sorgenvoll: seine Stellung und quasi officielle Sanction ... „Das verstehst Du nicht, mein Freund,“ sagte sie milde, aber fest. – „Man wird sich erdrücken.“
Man erdrückte sich.
Die Gräfin war allgegenwärtig. Es galt, ihren Gästen das Ausserordentliche ihres Schrittes klar zu machen, diese Einladung an den Fremden, mit der sie ihren geistreichen Freunden einen Gefallen thun wollte, und sich gleichzeitig möglichst gegen üble Folgen schützen, da man es ihr nach oben hin falsch auslegen konnte.
Gegen die Einen, die sie für freie Geister hielt, war sie frivol, für die Andern ernsthaft, priesterlich. Allerliebst reumüthig, bescheiden, entschuldigte sie sich gegen den Superintendenten, einigen alten Damen gegenüber. „Ich bin so eine moderne Ketzerin. Es ist doch auch, damit Sie selbst den Unsinn sehen ...“
„Interessant“ war ihr Wort. Dafür liess sie sich einen scherzhaften Fächerschlag auf den Arm von der alten Baronin Rehden gefallen. Die Superintendentin bat sie um ihr Recept für schwarzen Johannisbeergelee. Dabei vergass sie niemals dem Prinzen zuzulächeln: „Wie werden wir uns nachher über alle diese mokiren. Wir Beide verstehen uns, dass Alles nur eine Farce ist.“ ...
„Ist sie nun nicht bewundrungswürdig?“ fragte der Prinz seinen Adjutanten. „Diese Frau wäre[pg 102]bei August dem Starken die Orczelska, bei Ludwig dem Vierzehnten Maintenon, bei Alexander Krüdener gewesen. Für die Tochter der Herodias reicht’s leider nicht. Sie hätte auch da ihr Bestes gethan und man würde ihr wahrscheinlich das Haupt bewilligt haben, wenn auch aus andern Gründen.“
Der junge Mann antwortete nicht. Er betrachtete den Fremden, der allein an einem Ende des Saales stand.
Er stand ganz ruhig in seinem einfachen Anzug zwischen den plaudernden, lachenden, zischelnden Gruppen. Fortwährend drängten sich die Diener durch unter irgend einem Vorwand, um ihn anzustarren.
„Eigentlich eine tolle Idee der guten Gräfin,“ sagte die alte Baronin Steuben, sich Luft zufächelnd. Sie war eine wirkliche grosse Dame und verachtete die kleinen Trics und Kniffe der Andern.
Ein junges Mädchen erstaunte, dass er keinen Frack trüge. Der Prinz bemühte sich, der kleinen Frau eines Rittergutsbesitzers einzureden, dass es sehr möglich sein könnte, dieser wäre wirklich Christus. Die kleine Frau begriff nicht. Ihre Augen vergrösserten sich unmässig. Sie stand buchstäblich mit offenem Mund.
In einer Gruppe junger Damen und Offiziere hatte man beschlossen, den geheimnissvollen Gast direct zu attaquiren. Ein kleiner, kecker Dragoner war ausgesandt worden als Avantgarde. Man setzte ihm zu von allen Seiten. Und er that auch, als ob er etwas besonders Gefährliches unternähme, hegte noch Skrupel über die Anrede. „‚Meister‘ ist ja wohl das Officielle?“ ...
„Ach gehen Sie!“
Aller Augen folgten ihm, wie er gesucht dandyhaft quer durch den Saal chassirte. Die jungen Damen kicherten.
„Erlauben Sie, dass ich mich vorstelle.“ Der junge Mann verbeugte sich, forcirt vorschriftsmässig die Hacken zusammenschlagend.
Der Fremde sah ihn an. „Ich möchte mir eine Frage erlauben, Herr ...“ Er zögerte vor dem Namen, um dem Andern zu markiren, dass er seine Vorstellung erwartete. „Halten Sie es für Ihren und dem christlichen Grundgedanken entsprechend, Kriegsdienste zu nehmen?“
Der Fremde antwortete nicht.
„Ich betrachte die Frage ganz ernsthaft. Es steht doch in der Bibel: Du sollst nicht tödten. Wir versprechen unsre Feinde zu lieben, Böses[pg 104]mit Gutem zu vergelten. Christus nimmt Petrus das Schwert aus der Hand. Dennoch zwingt uns das Gesetz.“
„Welches Gesetz?“ fragte der Fremde.
„Nun, das bürgerliche, das des Staats, dem wir angehören.“
„Du gehörst nicht dem Staat, der Staat gehört Dir,“ sagte der Fremde.
„Aber das Staatsgesetz bestraft mich. Ich werde schuldig gefunden und verurtheilt, wenn ich mich weigre ihm zu folgen. Gehorsam gegen das Gesetz ist uns ebenfalls anbefohlen. Was soll ich thun?“
„Was Du willst,“ sagte der Fremde.
„Das ist es. Aber ich weiss doch nicht, was ich will.“ Der junge Offizier war in einen gewissen Eifer gerathen, er nahm sich vor, den Punkt bis zu Ende zu verfechten. „Wenn mein Wille gegen das steht, was ich soll?“
„Du sollst wollen.“
„Man zwingt mich. Ich komme in’s Gefängniss. Man behandelt mich als Verbrecher. Was bin ich, Einer gegen so Viele?“
„Viele Einzelne sind Viele.“
„... Die Duchoborzen. Eine Art Tolstoi. Auch[pg 105]Quäker leisten ja keine Kriegsdienste, glaube ich? Interessant, sehr interessant!“ sagte die Gräfin.
„Jedes Land hat alle seine Kräfte nöthig gegen den äusseren Feind!“ sagte der Candidat der Theologie, der zugleich Reserveoffizier war. „Ein Land, das sich seine Waffen nimmt, ist wie ein Körper ohne Widerstandskraft. Es entmannt eine Nation, sie ist dann nicht fähig, ihre Ehre zu vertheidigen. Die Ehre eines Volkes ist wie die Ehre eines Individuums.“
Er liebte das Wort: Ehre. Er sagte es in einem besonderen schnarrenden Ton. Er war auchfürdas Duell und fing ein längeres Gespräch mit dem Lieutenant darüber an, „zum Beispiel, wenn Einer mich mit meiner Frau betrügt. Dann greift schließlich jeder Holzknecht zur Axt.“
„Aber der Holzknecht ist ein Mörder und kriegt seine fünf Jahr Zuchthaus,“ sagte der Prinz freundschaftlich. „Das ist der ganze Unterschied, mein braver Langenhahn.“
Natürlich müssten gewisse Formalitäten beobachtet werden; der Candidat gab das zu. Der Lieutenant sah nicht ein, warum schliesslich Messerstechen und Ohrabbeissen nicht auch gelten sollten, immer gerade mit diesem Falle des Ehemanns[pg 106]gegen die Ehebrecherin und ihren Mitschuldigen gerechnet.
„Ich fände es doch einfacher für ihn, Beide todtzuschlagen,“ sagte der Doctor.
„O, aber lieber Doctor! Das nun wieder!“ ... Die Gräfin flatterte skandalisirt.
„Es wäre das Logische. Entweder wir haben Faustrecht oder wir haben keins. Diese Mittelzustände machen unsre heilige Civilisation so ungeniessbar.“
„Das ist nun doch schrecklich, Doctor, was Sie sagen!“ Die Baronin schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. Ihr gefiel der junge Mann, seine schöne Stirn.
„Erlauben Sie. Es ist in Allem so. Besonders was die Frauen angeht. Entweder eine Frau ist ein für sich selbst verantwortliches Wesen, ein Mensch, eine Seele, oder sie ist Sache. Mein Eigenthum. Mein Stück Kuhfleisch. Dann der Sack und der Bosporus.“
„Aber es giebt doch Mitteldinge.“
„Die sind dann einfach absurd. Ich schlage mich – aber ich gebe ihm dieselbe Chance. Ich sage, sie weiss nicht was sie thut, und lade ihr die volle Verantwortung auf. Wir können eben nie etwas reinlich durchführen.“
„Dann wären wir Teufel.“
„Oder Engel. Sie haben die Wahl.“
„Ich glaube,Siehaben schon gewählt!“ Sie wollte damit discret auf Einiges hindeuten, was über seine Reisen zu ihren Ohren gedrungen war.
„Vielleicht doch noch nicht so ganz,“ sagte der junge Mann kalt.
„Es giebt auch noch ein Drittes.“
– „Sagen Sie mal, sind Sie glücklich?“
„Befehlen Sie Thee oder Kaffee, Baronin?“
Jemand, ein älteres Fräulein, sagte, dass alle Völker eine Familie wären, Deutsche, Franzosen, Juden. Sie hatte „Die Waffen nieder!“ der Baronin Suttner gelesen und schwärmte für Völkerverbrüderung.
„Das ist doch eine etwas grosse Familie,“ sagte der Lieutenant von Detten zu seiner hübschen Nachbarin. „Ich goutire Juden nur allenfalls als Schwiegerväter.“
Der Candidat fand, man dürfte nicht Antisemit sein vom Vernunftstandpunkt aus. Aber man wäre es physisch.
Der Superintendent drohte ihm mit dem Finger: „Wir sind Alle Brüder und unser Herr Christus kam von den Juden.“
Der Prinz erzählte eine amüsante Anekdote[pg 108]von einem Orientalen, einem befreundeten Pascha, der alle Hufthiere verabscheute, weil er selbst einen Klumpfuss hatte.
Der Blaustrumpf unterhielt sich über Frauenfrage mit einem Gymnasialprofessor. Er hatte einen schmutzigen Hemdkragen an und kaute seine Nägel: „Nun gewiss, auch Frauen haben eine Seele,“ sagte der Professor zerstreut. „Das heisst – Seele! –“ er lachte sardonisch. Er hatte Lust, auf den Fussboden zu spucken. Aber er besann sich. Man hatte ihn eingeladen, weil er in den Wahlvereinen wichtig war.
„Man muss das schwache Gefäss in Geduld tragen,“ sagte der Superintendent. „Wir haben ja auch aus der ersten christlichen Kirche schöne Beispiele: Tabbea, Phoebe, die der Apostel erwähnt. Echt evangelische Frauengestalten.“
„Darf man heirathen?“ fragte ein sehr junges Mädchen. „Es steht doch in der Bibel, nicht heirathen ist besser?“
„Dann würde aber die Welt aussterben?“
„Und das wäre sehr schade,“ sagte der Prinz ernsthaft. Der Superintendent witterte römische Ketzereien. Er wies auf das grosse Exempel Martin Luther’s und seinen gesegneten Ehestand.[pg 109]Die Superintendentin sass steif mit einer spitzen Nase. Sie dachte an den übriggebliebenen Gänsebraten für morgen, ob ihr die Mägde nicht drangingen. Der Prinz machte confiscirte Witze und trieb den Superintendenten in die Enge mit einigen fröhlichen Vierzeilern von Martin „Nonnenfreund“. Die Lieutenants secundirten, der alte Herr wehrte sich tapfer. Sein Gesicht wurde schweissroth vor Anstrengung: „Ein echter deutscher Mann! Ein Mann nach dem Herzen Gottes!“
„Ein Bismarck!“
Der Candidat schwärmte für Bismarck. Die Gesellschaft verhielt sich etwas ablehnend. Für die Offiziere war er eigentlich ein Rebell, ein unruhiger Kopf, der die Consigne brach. Die Gräfin brachte rasch das Thema auf etwas Anderes, um ihren Mann aus der Verlegenheit zu retten. Der Candidat war oft recht taktlos.
Einige Leute wollten Fragen stellen: Werde ich eine grosse Carriere machen? Siegt mein Gaul beim nächsten Rennen? Wann werde ich meine Schulden bezahlen? Die jungen Mädchen hätten gern gewusst, ob „er“ ihnen treu war? Wird der Bestimmte mich zum Cotillon engagiren? – Die Meisten hatten so eine Art Taschenspieler[pg 110]vorstellung, Tischrücken, Kartenlegen oder Aehnliches erwartet und waren enttäuscht.
Der Superintendent hatte den Fremden mit Beschlag belegt. Er hatte eine Broschüre über das Glaubensbekenntnis, Harnack und die Agende veröffentlicht und wollte jetzt dem Andern auf den Zahn fühlen über diese wichtigen Punkte. Sein Grundsatz war, dass Kirche und Staat zusammengehen müssten in den jetzigen socialen Wirren. Vernünftige Reform. Aber die feste Hand von oben. Und vor allem musste die Autorität gewahrt werden. Das Patriarchalische ist das einzig Wahre. Dabei hatte er einen Geschmack für weltliche schöne Literatur, citirte Classiker und bekannte sich zur Goethe’schen Schule.
Der Candidat war ein Heisssporn. Er war für ein sociales Kaiserthum, eine Art Theokratie unter von oben inspirirtem Oberhaupt mit unumschränkter Autorität. „Die Idee des Gottesgnadenthums muss wieder herrschend werden.“ Dieser Ausdruck gefiel ihm. Ihn zog das Katholische an. Er war für High-Church-Reforms. Allenfalls für einen deutschen Papst, grössere Prunkentfaltung. Er selbst mit einer edelsteinbedeckten Brust hohe Kirchenakte celebrirend – das hätte seiner Neigung entsprochen.
Wenn der Superintendent das Presbyterianische, die Selbstverwaltung der Gemeinden betonte, betrachtete er ihn fast als eine Art Hochverräther. Dieser im Gegentheil versprach sich nicht viel von den jungen Leuten. Er war mehr für die kleinen Lokalpäpstchen. Man lebte in Frieden und that sein Möglichstes. Die Frau Superintendent liess bei sich nähen und war im Vorstand aller Wohlthätigkeitsvereine. Alles das, diese kleinen Spiele und Gegenspiele, die er witterte, erheiterte den Prinzen. Er hatte die „Baalspfaffen“ speciell auf dem Korn und liebte es, an ihren Bäffchen sein Müthchen zu kühlen. Er erzählte die bekannte Anekdote von Friedrich dem Grossen: „Der Pfaff soll sein Maul halten, mein Reich ist nicht von dieser Welt,“ mit der die Kinder der Welt die Pfarrer anöden. Der Doctor secundirte ihm eifrig, ebenfalls einige von den Lieutenants. Alle waren für apostolische Einfachheit, den Stab und einen Rock: er hatte nicht, da er sein Haupt niederlegen sollte.
„Aber erlauben Sie! Erlauben Sie!“ Der Superintendent hielt seine halbgeleerte Kaffeetasse in der Hand, in der er den dicken, bräunlichen Zuckerseim hin- und herschob. Er nahm gern ein[pg 112]bischen viel Zucker; bei andern Leuten kostete es nichts. „Unser Herr hat durchaus nicht gewollt, dass die Gläubigen sich kasteien. Das ist eine ganz irrige Auffassung, katholische Ketzerei: hat er doch selbst auf der Hochzeit zu Kana das Wasser in Wein gewandelt, durch seine gesegnete Gegenwart den heiligen Ehestand ausgezeichnet.“
„Er hat doch aber selbst nicht geheirathet, Maria oder Magdalena?“ Dies war ein vorlauter Lieutenant.
„Diese Ausnahme lag doch wohl in seinem heiligen Amt. Und wir müssen nicht vergessen, dass er in verhältnissmässig jungen Jahren –“
„Sie meinen, er ist nicht alt genug geworden dazu,“ sagte der Prinz. „Das ist auch eine Auffassung.“
Diese Bemerkung erregte allgemeinen Jubel.
„Das ist profan! Das ist profan! ... Wirklich, meine Herren! ... Sie müssen selbst einsehen ...“
Der Prinz klopfte ihm auf die Schulter. Er mochte begreifen, dass sein Scherz etwas zu weit gegangen war: „Darum keine Feindschaft nicht. Ich weiss ja, wir brauchen das für die Dummen.“
Der Candidat ärgerte sich. Die Kirche musste eine ganz andre Gewalt wieder haben. Und es wäre in der That gut gewesen für die Stellung des Priesters – er sagte immer „Priester“, er fand, dass das nach mehr klang – wenn das Cölibat innegehalten würde. Wenigstens für die höheren und höchsten Kirchenämter. Vieles in der römischen Kirche war sehr beherzigenswerth.
Der Landrath verstand ihn. Er war auch dieser Meinung, übrigens war sie jetzt die tonangebende. „Die militairische Organisation muss durchgeführt werden, mehr Disciplin! Diese Disciplin ist Alles.“
Ein Umschlag in der Meinungsäusserung war eingetreten.
„Ich hatte einen famosen Pastor, bei dem ich im Quartier lag,“ versicherte ein Lieutenant. „Wirklich ein famoser Kerl!“
„Ach, und die schöne Kirchenmusik!“
„Und Weihnachten!“ sagte eine andre junge Dame. „Es ist so tief und bedeutungsvoll.“
„Ich fände es doch schrecklich zum Beispiel, sich nicht in der Kirche trauen zu lassen,“ sagte der Doctor.
„O, pfui!“ machten Alle. Sie wussten nicht recht, ob er es im Ernst meinte. Der Doctor war[pg 114]ein schrecklicher Mensch, sehr interessant. Sie waren Alle fest entschlossen, ihn nie zu heirathen, wenn er um Eine von ihnen anhielte; aber er hielt nie an.
Ein junges Mädchen war sehr traurig. Sie fühlte dunkel, dass dieser Mensch etwas Extraes war, klüger und stärker als die Andern. Warum lachte er höhnisch und sagte scharfe Worte, die weh thaten? – Ein alter Herr war da, der an Gesichtszucken litt, seine Hände sonderbar und krampfig bewegte. Sie sah, dass Einige dies beobachteten, darüber lachten. – Sie fühlte sich abgestossen, elend. Dieses junge Mädchen war sehr jung noch, ein halbes Kind fast. Niemand bekümmerte sich um sie.
Der Fürst unterhielt sich mit dem Fremden. Die Gräfin Thornhill fand ihn sehr interessant. Sie behauptete, sie sähe deutlich einen breiten, blauen Schein um seine Stirn. Sie nannte das das Fluidum. Das Fluidum, das von dem Fremden ausging, war erstaunlich. Die Gräfin Thornhill galt für eine Heilige. Es kamen sehr einflussreiche Leute zu ihren spiritistischen Reunions; so geschahen wirklich manchmal Wunder da.
Der Assessor von Brincken bestritt sehr ernst[pg 115]haft, dass er keineswegs nicht an Wunder glaubte. „Ich war früher wie Sie. Aber seit ich Frau Gräfin kenne ...“ Sie hatte ihn bekehrt. „Es giebt eben doch mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsre Schulweisheit sich träumen lässt.“ Der Assessor war sehr zugeknöpft über diese Dinge. Er war eben ein Eingeweihter. Den Doctor schnitt er: „Ein gefährlicher Charakter! Ich würde mich nicht wundern, den Burschen eines Tages auf den Barrikaden zu sehen.“ Auch der Fürst war ihm unsympathisch: „Er ist frivol, er schadet.“ Der Assessor war für’s Correcte, sein Vater war erst geadelt worden; da ist es der sicherste und geradeste Weg.
Der Doctor beobachtete seinen Patron und den Fremden. Er sah das breite Faungrinsen des Alten. Er kannte diese kühle Manier, mit der er die teuflischsten Dinge sagte, dies freche Augurenzwinkern des Eingeweihten, das dem Andern gleichsam die Replik über dem Kopf wegnahm: Wir Beide wollen uns doch nichts vormachen. Du denkst darin ebenso wie ich. Die Andern sind Dummköpfe. – Er hielt sich noch ganz gerade, zu gerade. Der weisse Schnurrbart stand steif aufgewichst. Die Backen waren roth[pg 116]geschminkt, die Augen glänzten, um die Brauen sorgfältig geschwärzt. Auf der schwarzseidigen Frackfläche bildete der grosse Stern mit dem Ordensband einen markanten Fleck. Seine Hand trug kostbare Ringe. Er war stolz auf diese lange, magre, aristokratische Hand, gebrauchte sie, um seine Bartspitzen zu liebkosen. Es war eine Lieblingsredensart von ihm: „Profile giebt’s wohl noch allenfalls, aber Hände! Hände! – Wir sind Alle Ouvriers geworden.“ Tadellos zog sich die Scheitelspur. Er war der König des Kreises; er dominirte.
Anton Rothe allein und sein vertrauter Kammerdiener wussten, was das Alles kostete, dies Gerüst, das noch immer zusammenhielt, zu neuen Blendungen, neuen Ausschweifungen. Er und nur er kannte die erstaunliche Lebens- und Genusskraft des Skeletts, die standhielt, in einer kalten Douche sich neu schmiedete, wenn er selbst, der Junge, erschöpft war, rasend, zum Selbstmord angeekelt.
Er dachte an eine junge Dame. Sie war arm gewesen und stolz. Ein herrliches Weib! Mit solcher geht man in unbebaute Colonien und hat Kinder und stirbt vor dem Feind für seinen Herd.[pg 117]Er hatte für ihn geboten auf sie. Der Kampf reizte ihn. Er bot höher und höher. Weil sie arm war und Hungers starb, hatte sie angenommen. Nur darum. Er wusste es. – Sie sagte nur ein Wort: Schurke! Er hatte gelächelt.
Warum fiel ihm das jetzt ein?
Ein Hass kam über ihn, ein glühender, fressender Mörderhass gegen dies miserable Kunststück der Hypercivilisation, diesen Fetzen von Haut und ausgedörrten Knochen, den er schütteln konnte, der ihn hielt wie eine Viper unter seinem kalten, grausamen Willen, seine Intelligenz zerbrach wie morschen Baumbast unter der polirten Stahlschneide seiner frechen Philosophie der Verneinung.
Plötzlich sah er den Alten blass werden. Seine Farbe wechselte sich in Leichenfarbe. Er war ein grinsender Todtenschädel. Unter dem weissen, gestärkten Vorhemd schien die Brust einzuschrumpfen. Es war hohl dahinter. Er lehnte sich gegen die Portiere.
Anton Rothe war im Nu an seiner Seite.
„Es ist nichts. Eine kleine Uebelkeit. Der verdammte Büchsenhummer ...“ Er war wieder ganz höflicher Weltmann, als die Gräfin, nun auch besorgt, herbeieilte. Gleichzeitig wurden die Klänge[pg 118]der Polonaise laut, die den Ball eröffnen sollte: „Wir werden noch manche Polonaise zusammen führen.“
Der kalte Schweiss stand auf seiner Stirn. Er zitterte, lächelte mit bläulichen, lallenden Lippen.
Anton Rothe hob ihn wie ein Kind in den Wagen. Er selbst sprang auf den Bock. Niemand achtete auf den Andern in einem allgemeinen Hin- und Hergelaufe, während drinnen zur Tanzmusik die geschmückten Paare sich ordneten. Es wetterleuchtete. Lichter leckten auf in bläulichen, breiten Zungen, duckten sich wieder, huschten auf einer andern Seite spielerisch entlang. – Sie fuhren die schwarzen Trakehner, das berühmteste Viergespann der Gegend, auf das königliche und kaiserliche Marställe fabelhafte Summen geboten hatten. Der Fürst liebte sein Leben, aber er hielt auf Rasse.
Die Gräfin stand am Schlage mit ihremGattenadjutanten. Der Greis, jetzt wohl eingehüllt in seine Zobelpelze, bückte sich noch hinaus: „O nichts, nichts, schöne Frau – meine kluge Freundin. Der Fremde – der Fremde ... Cocasse! Ein sonderbarer Kunde, Ihr Fremder ...“
Anton Rothe hob die Peitsche und zog die Pferde an. Sie waren unruhig und warfen die[pg 119]Köpfe, als ob sie das Gewitter röchen. Es lag Phosphorgeschmack in der Luft. Man öffnete das grosse Hofthor. Einen Moment stand der ganze Horizont in Flammen, ehe es sich wieder hinter ihnen schloss. Sie waren ganz schwarz wie auf Feuer gezeichnet, eine schwarze Kutsche mit schwarzen Pferden und einem kohlschwarzen Kutscher auf dem Bock. ...
Er wusste, er fuhr einen Sterbenden.
Der Fremde war verschwunden.
Am dunklen Fenster der verlassnen Garderobe stand das kleine Mädchen. Sie mochte nicht tanzen. Sie weinte. Sie fühlte sich sehr traurig. ...
[pg 120]Das siebente Kapitel.Durch die Gewitternacht fuhr der junge Mann den Sterbenden.Es gab einen kürzeren Weg über die Berge durch eine seichte Furth im Flusse. Schmuggler benutzten ihn für lichtscheuen Handel. Man vermied ihn am Tage. Ihn bei Nacht zu fahren, war Wahnsinn.Das Gewitter näherte sich. Es war ein Sausen in der Luft, das die Bäume zur Erde bog. Kiefern und magere Birken, die an den Abhängen wuchsen im beständigen Kampf um ihr Dasein. Der Wind fing sich in den gewundenen Schluchten der Thäler. Da heulte und rasselte er wie ein eingeschlossener Wolf. Und unten der Fluss, von einer mysteriösen Anziehungskraft aufgetrieben, begann zu brüllen, kurze Wellen aufzuwerfen mit schnellen[pg 121]Kruppen, die zu den Steinen hinüberleckten. Bewegungslos, weiss lagen noch die schimmernden Ränder. Runde Backen von Kieseln gleissten. Aber die Schilfe rauschten und raunten. Während von weiter, über dem Gebirge unheilschwangere Laute eines brauenden, überkochenden Hexenkessels kamen, jagende, schwarze Wolkenfetzen mit der peitschenden Bewegung der Bäume eine fratzenhafte Mischung von Licht und Schatten verursachten. Alles in Galoppade, die Kutsche einhüllend, die wie ein Gespann der Hölle dahinsauste. Inwendig den Sterbenden. Ueber den Hälsen der Pferde, halb hängend in der Luft, den Mann, der die Pferde antrieb, dass die Steine knatterten, Funken aufsprühten.Nun fuhr der erste Blitz herunter. Der Eclaireur, senkrecht, elegant, halb spielerisch, ein Fechterhieb im beginnenden Duell der Elemente. Die Pferde bäumten sich. Er riss sie zurück. Sie rasten vorwärts wie der Teufel.Drinnen hörte er den Sterbenden röcheln. Er schrie. Er flehte. Das Gehör des Fahrenden, unnatürlich angespannt, vernahm jeden Laut. Er fühlte die schweissfeuchten, huschenden Finger, die sich anklammern wollten, das Fenster niederzu[pg 122]lassen versuchten. Der hülflose Körper verweigerte die Anstrengung. – „Hülfe! Hülfe!“ keuchte der drinnen.Er lachte laut auf. Er klopfte mit dem Peitschenstock an das Fenster und schrie: „Hoho!“ Er sah den drinnen sich verzerren in Todesangst, die künstlichen Zähne heruntergefallen, die Augen vorgequollen, in weissgrünem Schweiss.Er jauchzte wilder. Der Ton brachte die Pferde ausser sich. Sie flogen vor ihm her wie Raben im Dampf.Es fiel ihm ein, wie er ein Hirtenjunge gewesen war, den Berg hinuntersprang, mit dem schäumenden Sturzbach um die Wette. Manchmal kamen Steine. Der Bach sprang klaftertief mit sprühendem Gischt, der Junge sprang noch über Bach und Stein hinweg. Seine nackten Sohlen tanzten in dem grünen, eiskalten Wasser, das nach ihm aufleckte, nach den weissen, zappelnden Füssen. Er wusste, dass sie Feinde waren, er und der Bach. Trotzdem konnte er ihn nicht kriegen; trotzdem liebte er ihn.Er liebte den Bergwind, der die Bäume zerbrach, um seine Schutzhütte tobte, diesen grossen Ton der Wuth, der Unterwelt, Gewaltigerer gegen[pg 123]die dumme Ordnung, die banale Heiterkeit der Sonne. Von sehr hoch sah er winzige abgetheilte Felder. Häuser wie Schneckenhäuser angeklebt, ängstlich. Sie hatten Mühlräder eingesetzt, um das Wasser zu nützen und bepackte Postwagen keuchten schwerfällig die Strassen hinauf. Manchmal kamen Städter mit dünnen Beinen, wischten sich den Schweiss ab und lächelten höflich. Er stand vor ihnen wie ein kleiner Wildling. Er verachtete sie.Wie er sie verachtete! Sie vermeinten, dass der Berggeist sie foppte, wenn er schallend hinter ihnen her lachte, weil sie sich verliefen und ängstlich suchten. Hässliche alte Weiber traten ihnen entgegen aus Versenkungen, die sie nie gesehen hatten, murmelten ihnen Verwünschungen nach, die sie nicht verstanden, für Segenswünsche hielten als Entgelt ihrer blanken Nickelstücke.Ab und zu stürzte auch mal Einer wirklich ab, mit der Brille, dem Photographierkasten. Das war dann ein grosses Unglück. Herren vom Gericht kamen, Leidtragende, wichtig thuend. Sie trugen gar nicht wirklich Leid. Sie freuten sich heimlich. Er gönnte es ihnen. Was kamen sie herauf mit ihren dünnen Beinen, ihren Glatzen und Gläsern, ihrem Geld.[pg 124]Freilich ihr Geld! Er wusste bald, was es werth war, dass er ein Lump war mit seinen Fäusten, seinem prachtvollen Krauskopf und weissen starken Zähnen, wenn er es nicht hatte. Dafür gab man ihm Hutfedern, blanke Stiefel, die gleissten in der Sonne. Sonst musste er hungern. Anton Rothe wollte Geld.In der Schule verschlang er seine Bücher. Er zeigte einen Heisshunger nach Wissen, der die Lehrer erstaunte, unbedeutende eingesumpfte Dorfmenschen, die sie waren. Das peinigte ihn. Er brachte seine Nächte zu, schwierige Aufgaben sich auszudenken und zu lösen, mehr zu erfahren, mehr – mehr! Mit einer wahren Wuth riss er jetzt an den Thoren der Erkenntniss, der vorher in scheue Wildheit sich eingeschlossen hatte.Und er hatte Glück.Der Patron des Gutes nahm sich seiner an, ein wohlthätiger und gelehrter Mann, sehr reich. Er liess ihn studiren. Vielleicht wollte er sich einen brauchbaren Präceptor seiner Söhne erziehen. Es ist immer angenehm, einen Clienten zu haben, Wohlthun ist ein Vergnügen für reiche Leute.Die Freude an seiner Wohlthat war kurz. Der[pg 125]Junge entlief zwischen die rotheste Rotte. Er hielt zündende Reden, schrieb Zeitungsartikel, die die Presse in Bewegung setzten. Er wurde selbst Arbeiter. Seine Fäuste zwangen das Eisen wie sein Geist den Stoff – ein interessanter junger Mann, dem man eine Zukunft prophezeite!Er verliebte sich. Irgend eine gleichgültige, hellblonde Tochter seines Patrons. Sie liess ihn lächelnd sich glühend erklären und heirathete kaltblütig und vernünftig ihren Dragonerlieutenant. – Nun fing er an wie ein grosser Herr zu leben, machte wahnsinnige Schulden. Alles musste ihm den einen Zweck, Geld zu machen, dienen, seine Feder, seine Talente, skrupelloseste Börsenmachinationen. Summen glitten zwischen seinen Fingern. Auf Reisen im Orient machte er die Bekanntschaft des Prinzen. Seitdem waren die Beiden unzertrennliche Begleiter.Bergabwärts raste das Gespann. Er hatte die Peitsche fortgeworfen, die Zügel losgelassen. Er kutschirte mit gekreuzten Armen wie im Circus. Er hätte wie eine Katze den Pferden auf den Rücken springen mögen, mit seinem Athem an ihren Ohren, wie Cowboys, Uncultivirte reiten.Hinter ihm zerbrach splitternd das Fensterglas:[pg 126]„Hülfe! Hülfe!“ klang es gellend, kreischend, nicht mehr menschlich.Er schlug ein teuflisches Gelächter auf. Sie rasten weiter.Wie Rabenfittiche sausten die Rappen durch die Luft. Die Luft litt unter dem Ansturm und pfiff schmerzhaft. In Peitschenhieben traf sie die Flanken der Wüthenden. Ihre Nüstern schnoben Feuer. Von ihren Hufen sprühte der Stein in knisternden Funken. Das Heulen der Winde wurde grässlicher. Sie fingen sich, drehten sich, verschlangen einander in kreisenden Strudeln. Regenhuschen stoben auf. Irgendwo musste es schon giessen in Strömen. Es schlug prasselnd gegen das Fenster. Die krampfende Hand im Rahmen verschwand. – Dadrinnen war die Sündfluth.Irgend etwas war zerbrochen. Ein Hinterrad. Die Pferde rasten weiter mit dem geschleiften Kasten, der knackte in allen seinen Fugen, aufsprang, fiel, kratzte, quietschte, mit dem dumpfen Geräusch von Schlittenkufen auf dem Trocknen.Dadrinne war ein Skelett, ein nicht mehr menschliches Ding, getödtet von Furcht, und doch lebend, das agonisirte. Es dachte an diese schreck[pg 127]liche Angst und Hülflosigkeit, dass er ihn hielt in seiner starken Hand, stark wie die Lawine!Vor ihnen knatterte der Fluss. Der Regen prasselte. Er schlug hernieder wie in Ruthenbündeln. Haarscharf wendend, zeigten sich im Blitzlicht zerrissne Sprünge, schweflig gähnend, dass die Pferde zur Seite schnellten, grausend.„Auf! Auf, alter Satan! Wir fahren zur Hölle!“Singend pfiffen die Riemen. Die Pferde mit blutenden Flanken, schaumbedeckt, keuchten wie apokalyptische Spukdinge. Lucifer, der gefallne Engel, lenkte sie selbst im höhnenden Rausch seiner Kraft und seines Stolzes. Es war unmöglich, dass sie so ankamen, der Wagen musste sich überschlagen, zerschellen.Die tolle Eile steigerte sich. Sie verbrannten den Boden, dass die Geleise rauchten, die Räder sich hitzten zu dunkler Rostgluth. Hinter ihnen losgelassen folgte das ganze Gewitter, Frauen mit feuchten Haaren, Rübezahl der Berggeist mit dem Barte, das ganze Heer der Wilden, Eingebannten.„Ich kenne Euch! Ich kenne Euch! Willkommen, Gesindel!“Drinnen war es still. Er hörte nichts mehr.[pg 128]Der Wagen schlug auf wie ein klappender Kasten, nur noch Holz, etwas Lebloses, etwas Unförmiges, das die Pferde erschreckte, hinter ihnen hing, nach dem man sich nicht umsah, immer zwischen ihren Beinen verwickelt, sie stiess zu rasenderem Lauf.Und nun, ganz deutlich, vernahm man die Stimme des Flusses, zwischen allen diesen Bächen, Wässern, die neben ihnen gossen, vom Walde und Wolkenbruch angeschwollen. Er röhrte wie ein Hirsch in Wollust. Er war allmächtig. Bäume, mit der Wurzel ausgerissen, fuhren und drehten sich blitzgeschwind. Die Steine seiner Tiefe kollerten polternd übereinander. „Ihr denkt, ich drehe Euch Eure Mühlen, schaffe Euer Licht, trage Eure Brücken – Euer Diener, Euer gehorsamer! Euer Speichellecker! Ich hasse Euch! Ich hasse Euch!“Er fühlte sich stolz, alle Demüthigung dieser vielen Jahre fortgeschwemmt, zerbrochen der Zaum, den er im Munde getragen. Bücken, heucheln und lügen! – Sie hatten ihn gehalten. Er hielt sie. Er war stark.Da war der rothe, glorreiche Tod dahinter, über ihm und in ihm, Satan mit prachtvollem Lachen, aufgereckt der Titan. Er war der Starke. Nichts! Nichts gegen ihn![pg 129]Er schnalzte mit der Zunge, schwang die Arme fuchtelnd in der Luft, Laute südlicher, infernalischer Idiome, die den Blutdurst rufen, Tänzer zu den tollsten Gliederverrenkungen aufstacheln und die Frauen willenlos machen unter dem Gluthhauch der Brunst. Alles das hatte er gesehen und genossen im delirirenden Suchen nach Genuss, unter der platzenden Sonne des Mittags.Todt! Todt! Todt! Elendes Aas, von dem sich die Hunde abwenden mit Grauen, sein leeres Hirn zerschellt an den Steinwänden. Nichts drin, das Grinsen selbst des Todtenschädels zerstört im grösseren Grausen, dieser zersplitterten Knochen, zerschundnen Häute unter dem Orden, dem Frack.„Geht! Geht, meine Engel! Fliegt, meine Feuerrosse! Springt an, meine Wildlinge!“Senkrecht weiter ging es in toller Flucht. Ein Rudel Wild hatte sich da zusammengedrängt im Hohlweg, Schutz suchend in scheuem Schrecken. Mitten unter sie sprangen die tollgewordenen Rappen. Ein Gekreisch der Stummen, die nie sprechen, fuhr auf, Blutgeruch, warme Spritzer ... Die Klage erstarb im Tannenwald.Und jetzt setzte der Donner ein. Ein Trommelrollen wie von tausend Tambouren. Der Wirbel[pg 130]ging über den ganzen Himmel hin, zornig und rufend ... und verhallte.Er war jetzt ganz frei. Er führte die wilden Rosse seines Lebenswagens gegen den Abgrund. Eine jauchzende Kraft kam über ihn.„Wir können nicht leben wie wir wollen. Aber wir können sterben und den Tod verachten, denn wir wissen, dass er kein Tod ist. Nur ein leeres Schreckgespenst, ein lächerlicher Schwindel gar nicht existirender Gewalten. Taschenspielerkunststück Derer, die sich schwach fühlen!“Der Donner, ein zweites Mal, gab Antwort, ein Tiger mit ungeheurem hängenden Bauch, der über weite Flächen springt; im Sprunge brüllt er ...... „Der Schwarze Bock in Purpurfinsterniss erscheint“ ...Höllengeschichten fielen ihm ein. In Pariser Schlammpfühlen, affreuse Weiber, schwarze Messen, wo man mit dem Blut der Wollust die Todten beschwor, Hüftenverrenkungen in Bauchtänzen geschlechtsloser Vorstadtbajaderen, Augen, die über der Verwesung schwammen wie fischige Perlen in perlmutternem Glanze.... Diese ganze Civilisation, impotent und pervers, in den letzten[pg 131]Zügen röchelnd, mit Haschisch und Qualen sich aufpeitschend zu neuen Sensationen, ein zweites, neues, junges, greisenhaft altes Rom, wo die Messalinen ordinaire Cocotten sind, die Neros und Heliogabals, Boulevardbummler, verwöhnte Muttersöhnchen, Sprösslinge jüdischer Banquiers und christlicher Prostituirter. Wie gemein! Wie gemein!Ein Gelächter schüttelte ihn wie im Krampf. Der Hut war ihm vom Kopf geschlagen. Er riss sich den Rock auf. Er drängte sich nackt, hoch, dem Tod und dem Nachtwind entgegen.Ein Schrei gellte auf von irgendwo. Vielleicht ein Wandrer? Der Chausseewärter? Die wilde Jagd stob vorüber.Er fühlte die feuchten wehenden Haare der Hexen hinter sich, ein lascives Gelächter nackter Trollen und Faune. Sie ritten mit entsetzlichen, unbeschreibbaren Gesten. Die Jungen waren hübsch mit traurigen Augen. Die Aeltern waren noch schrecklicher, schwarz, Aeser geworden in der lebendigen Verwesung ihres Lasters.Er wusste nicht mehr, was er hinter sich herzog. Einen Cadaver. Ein Aas in Fetzen. Einen Lumpen ...[pg 132]Er hörte nur noch das Brüllen des Wassers, fühlte die Feuchtigkeit. Steine rollten mit ihm bergab. Sie hüpften, kugelten, kollerten, surrten. Hohhi hoh! Er hetzte die Rappen zum Todessprung.Plötzlich standen sie kerzengerade. Der ganze Himmel flammte im Feuer. Er schien zusammenzukrachen von allen Seiten, zu bersten, zu schüttern, zu schwingen ...Wie ein eiserner Vorhang, ganz von Eisen, schwarz, und schwer vom Gewicht aller Himmelsgewölbe klappte der Donnerschlag.Dann nichts mehr. Dunkelheit.Eine Hand hielt seine Hand gefasst. Er versuchte die andre gegen seine Stirn zu führen. Sie war warm vom Blut. „Wohin führst Du mich?“„Wohin Du nicht gewollt hast –Paulus!“
Durch die Gewitternacht fuhr der junge Mann den Sterbenden.
Es gab einen kürzeren Weg über die Berge durch eine seichte Furth im Flusse. Schmuggler benutzten ihn für lichtscheuen Handel. Man vermied ihn am Tage. Ihn bei Nacht zu fahren, war Wahnsinn.
Das Gewitter näherte sich. Es war ein Sausen in der Luft, das die Bäume zur Erde bog. Kiefern und magere Birken, die an den Abhängen wuchsen im beständigen Kampf um ihr Dasein. Der Wind fing sich in den gewundenen Schluchten der Thäler. Da heulte und rasselte er wie ein eingeschlossener Wolf. Und unten der Fluss, von einer mysteriösen Anziehungskraft aufgetrieben, begann zu brüllen, kurze Wellen aufzuwerfen mit schnellen[pg 121]Kruppen, die zu den Steinen hinüberleckten. Bewegungslos, weiss lagen noch die schimmernden Ränder. Runde Backen von Kieseln gleissten. Aber die Schilfe rauschten und raunten. Während von weiter, über dem Gebirge unheilschwangere Laute eines brauenden, überkochenden Hexenkessels kamen, jagende, schwarze Wolkenfetzen mit der peitschenden Bewegung der Bäume eine fratzenhafte Mischung von Licht und Schatten verursachten. Alles in Galoppade, die Kutsche einhüllend, die wie ein Gespann der Hölle dahinsauste. Inwendig den Sterbenden. Ueber den Hälsen der Pferde, halb hängend in der Luft, den Mann, der die Pferde antrieb, dass die Steine knatterten, Funken aufsprühten.
Nun fuhr der erste Blitz herunter. Der Eclaireur, senkrecht, elegant, halb spielerisch, ein Fechterhieb im beginnenden Duell der Elemente. Die Pferde bäumten sich. Er riss sie zurück. Sie rasten vorwärts wie der Teufel.
Drinnen hörte er den Sterbenden röcheln. Er schrie. Er flehte. Das Gehör des Fahrenden, unnatürlich angespannt, vernahm jeden Laut. Er fühlte die schweissfeuchten, huschenden Finger, die sich anklammern wollten, das Fenster niederzu[pg 122]lassen versuchten. Der hülflose Körper verweigerte die Anstrengung. – „Hülfe! Hülfe!“ keuchte der drinnen.
Er lachte laut auf. Er klopfte mit dem Peitschenstock an das Fenster und schrie: „Hoho!“ Er sah den drinnen sich verzerren in Todesangst, die künstlichen Zähne heruntergefallen, die Augen vorgequollen, in weissgrünem Schweiss.
Er jauchzte wilder. Der Ton brachte die Pferde ausser sich. Sie flogen vor ihm her wie Raben im Dampf.
Es fiel ihm ein, wie er ein Hirtenjunge gewesen war, den Berg hinuntersprang, mit dem schäumenden Sturzbach um die Wette. Manchmal kamen Steine. Der Bach sprang klaftertief mit sprühendem Gischt, der Junge sprang noch über Bach und Stein hinweg. Seine nackten Sohlen tanzten in dem grünen, eiskalten Wasser, das nach ihm aufleckte, nach den weissen, zappelnden Füssen. Er wusste, dass sie Feinde waren, er und der Bach. Trotzdem konnte er ihn nicht kriegen; trotzdem liebte er ihn.
Er liebte den Bergwind, der die Bäume zerbrach, um seine Schutzhütte tobte, diesen grossen Ton der Wuth, der Unterwelt, Gewaltigerer gegen[pg 123]die dumme Ordnung, die banale Heiterkeit der Sonne. Von sehr hoch sah er winzige abgetheilte Felder. Häuser wie Schneckenhäuser angeklebt, ängstlich. Sie hatten Mühlräder eingesetzt, um das Wasser zu nützen und bepackte Postwagen keuchten schwerfällig die Strassen hinauf. Manchmal kamen Städter mit dünnen Beinen, wischten sich den Schweiss ab und lächelten höflich. Er stand vor ihnen wie ein kleiner Wildling. Er verachtete sie.
Wie er sie verachtete! Sie vermeinten, dass der Berggeist sie foppte, wenn er schallend hinter ihnen her lachte, weil sie sich verliefen und ängstlich suchten. Hässliche alte Weiber traten ihnen entgegen aus Versenkungen, die sie nie gesehen hatten, murmelten ihnen Verwünschungen nach, die sie nicht verstanden, für Segenswünsche hielten als Entgelt ihrer blanken Nickelstücke.
Ab und zu stürzte auch mal Einer wirklich ab, mit der Brille, dem Photographierkasten. Das war dann ein grosses Unglück. Herren vom Gericht kamen, Leidtragende, wichtig thuend. Sie trugen gar nicht wirklich Leid. Sie freuten sich heimlich. Er gönnte es ihnen. Was kamen sie herauf mit ihren dünnen Beinen, ihren Glatzen und Gläsern, ihrem Geld.
Freilich ihr Geld! Er wusste bald, was es werth war, dass er ein Lump war mit seinen Fäusten, seinem prachtvollen Krauskopf und weissen starken Zähnen, wenn er es nicht hatte. Dafür gab man ihm Hutfedern, blanke Stiefel, die gleissten in der Sonne. Sonst musste er hungern. Anton Rothe wollte Geld.
In der Schule verschlang er seine Bücher. Er zeigte einen Heisshunger nach Wissen, der die Lehrer erstaunte, unbedeutende eingesumpfte Dorfmenschen, die sie waren. Das peinigte ihn. Er brachte seine Nächte zu, schwierige Aufgaben sich auszudenken und zu lösen, mehr zu erfahren, mehr – mehr! Mit einer wahren Wuth riss er jetzt an den Thoren der Erkenntniss, der vorher in scheue Wildheit sich eingeschlossen hatte.
Und er hatte Glück.
Der Patron des Gutes nahm sich seiner an, ein wohlthätiger und gelehrter Mann, sehr reich. Er liess ihn studiren. Vielleicht wollte er sich einen brauchbaren Präceptor seiner Söhne erziehen. Es ist immer angenehm, einen Clienten zu haben, Wohlthun ist ein Vergnügen für reiche Leute.
Die Freude an seiner Wohlthat war kurz. Der[pg 125]Junge entlief zwischen die rotheste Rotte. Er hielt zündende Reden, schrieb Zeitungsartikel, die die Presse in Bewegung setzten. Er wurde selbst Arbeiter. Seine Fäuste zwangen das Eisen wie sein Geist den Stoff – ein interessanter junger Mann, dem man eine Zukunft prophezeite!
Er verliebte sich. Irgend eine gleichgültige, hellblonde Tochter seines Patrons. Sie liess ihn lächelnd sich glühend erklären und heirathete kaltblütig und vernünftig ihren Dragonerlieutenant. – Nun fing er an wie ein grosser Herr zu leben, machte wahnsinnige Schulden. Alles musste ihm den einen Zweck, Geld zu machen, dienen, seine Feder, seine Talente, skrupelloseste Börsenmachinationen. Summen glitten zwischen seinen Fingern. Auf Reisen im Orient machte er die Bekanntschaft des Prinzen. Seitdem waren die Beiden unzertrennliche Begleiter.
Bergabwärts raste das Gespann. Er hatte die Peitsche fortgeworfen, die Zügel losgelassen. Er kutschirte mit gekreuzten Armen wie im Circus. Er hätte wie eine Katze den Pferden auf den Rücken springen mögen, mit seinem Athem an ihren Ohren, wie Cowboys, Uncultivirte reiten.
Hinter ihm zerbrach splitternd das Fensterglas:[pg 126]„Hülfe! Hülfe!“ klang es gellend, kreischend, nicht mehr menschlich.
Er schlug ein teuflisches Gelächter auf. Sie rasten weiter.
Wie Rabenfittiche sausten die Rappen durch die Luft. Die Luft litt unter dem Ansturm und pfiff schmerzhaft. In Peitschenhieben traf sie die Flanken der Wüthenden. Ihre Nüstern schnoben Feuer. Von ihren Hufen sprühte der Stein in knisternden Funken. Das Heulen der Winde wurde grässlicher. Sie fingen sich, drehten sich, verschlangen einander in kreisenden Strudeln. Regenhuschen stoben auf. Irgendwo musste es schon giessen in Strömen. Es schlug prasselnd gegen das Fenster. Die krampfende Hand im Rahmen verschwand. – Dadrinnen war die Sündfluth.
Irgend etwas war zerbrochen. Ein Hinterrad. Die Pferde rasten weiter mit dem geschleiften Kasten, der knackte in allen seinen Fugen, aufsprang, fiel, kratzte, quietschte, mit dem dumpfen Geräusch von Schlittenkufen auf dem Trocknen.
Dadrinne war ein Skelett, ein nicht mehr menschliches Ding, getödtet von Furcht, und doch lebend, das agonisirte. Es dachte an diese schreck[pg 127]liche Angst und Hülflosigkeit, dass er ihn hielt in seiner starken Hand, stark wie die Lawine!
Vor ihnen knatterte der Fluss. Der Regen prasselte. Er schlug hernieder wie in Ruthenbündeln. Haarscharf wendend, zeigten sich im Blitzlicht zerrissne Sprünge, schweflig gähnend, dass die Pferde zur Seite schnellten, grausend.
„Auf! Auf, alter Satan! Wir fahren zur Hölle!“
Singend pfiffen die Riemen. Die Pferde mit blutenden Flanken, schaumbedeckt, keuchten wie apokalyptische Spukdinge. Lucifer, der gefallne Engel, lenkte sie selbst im höhnenden Rausch seiner Kraft und seines Stolzes. Es war unmöglich, dass sie so ankamen, der Wagen musste sich überschlagen, zerschellen.
Die tolle Eile steigerte sich. Sie verbrannten den Boden, dass die Geleise rauchten, die Räder sich hitzten zu dunkler Rostgluth. Hinter ihnen losgelassen folgte das ganze Gewitter, Frauen mit feuchten Haaren, Rübezahl der Berggeist mit dem Barte, das ganze Heer der Wilden, Eingebannten.
„Ich kenne Euch! Ich kenne Euch! Willkommen, Gesindel!“
Drinnen war es still. Er hörte nichts mehr.[pg 128]Der Wagen schlug auf wie ein klappender Kasten, nur noch Holz, etwas Lebloses, etwas Unförmiges, das die Pferde erschreckte, hinter ihnen hing, nach dem man sich nicht umsah, immer zwischen ihren Beinen verwickelt, sie stiess zu rasenderem Lauf.
Und nun, ganz deutlich, vernahm man die Stimme des Flusses, zwischen allen diesen Bächen, Wässern, die neben ihnen gossen, vom Walde und Wolkenbruch angeschwollen. Er röhrte wie ein Hirsch in Wollust. Er war allmächtig. Bäume, mit der Wurzel ausgerissen, fuhren und drehten sich blitzgeschwind. Die Steine seiner Tiefe kollerten polternd übereinander. „Ihr denkt, ich drehe Euch Eure Mühlen, schaffe Euer Licht, trage Eure Brücken – Euer Diener, Euer gehorsamer! Euer Speichellecker! Ich hasse Euch! Ich hasse Euch!“
Er fühlte sich stolz, alle Demüthigung dieser vielen Jahre fortgeschwemmt, zerbrochen der Zaum, den er im Munde getragen. Bücken, heucheln und lügen! – Sie hatten ihn gehalten. Er hielt sie. Er war stark.
Da war der rothe, glorreiche Tod dahinter, über ihm und in ihm, Satan mit prachtvollem Lachen, aufgereckt der Titan. Er war der Starke. Nichts! Nichts gegen ihn!
Er schnalzte mit der Zunge, schwang die Arme fuchtelnd in der Luft, Laute südlicher, infernalischer Idiome, die den Blutdurst rufen, Tänzer zu den tollsten Gliederverrenkungen aufstacheln und die Frauen willenlos machen unter dem Gluthhauch der Brunst. Alles das hatte er gesehen und genossen im delirirenden Suchen nach Genuss, unter der platzenden Sonne des Mittags.
Todt! Todt! Todt! Elendes Aas, von dem sich die Hunde abwenden mit Grauen, sein leeres Hirn zerschellt an den Steinwänden. Nichts drin, das Grinsen selbst des Todtenschädels zerstört im grösseren Grausen, dieser zersplitterten Knochen, zerschundnen Häute unter dem Orden, dem Frack.
„Geht! Geht, meine Engel! Fliegt, meine Feuerrosse! Springt an, meine Wildlinge!“
Senkrecht weiter ging es in toller Flucht. Ein Rudel Wild hatte sich da zusammengedrängt im Hohlweg, Schutz suchend in scheuem Schrecken. Mitten unter sie sprangen die tollgewordenen Rappen. Ein Gekreisch der Stummen, die nie sprechen, fuhr auf, Blutgeruch, warme Spritzer ... Die Klage erstarb im Tannenwald.
Und jetzt setzte der Donner ein. Ein Trommelrollen wie von tausend Tambouren. Der Wirbel[pg 130]ging über den ganzen Himmel hin, zornig und rufend ... und verhallte.
Er war jetzt ganz frei. Er führte die wilden Rosse seines Lebenswagens gegen den Abgrund. Eine jauchzende Kraft kam über ihn.
„Wir können nicht leben wie wir wollen. Aber wir können sterben und den Tod verachten, denn wir wissen, dass er kein Tod ist. Nur ein leeres Schreckgespenst, ein lächerlicher Schwindel gar nicht existirender Gewalten. Taschenspielerkunststück Derer, die sich schwach fühlen!“
Der Donner, ein zweites Mal, gab Antwort, ein Tiger mit ungeheurem hängenden Bauch, der über weite Flächen springt; im Sprunge brüllt er ...
... „Der Schwarze Bock in Purpurfinsterniss erscheint“ ...
Höllengeschichten fielen ihm ein. In Pariser Schlammpfühlen, affreuse Weiber, schwarze Messen, wo man mit dem Blut der Wollust die Todten beschwor, Hüftenverrenkungen in Bauchtänzen geschlechtsloser Vorstadtbajaderen, Augen, die über der Verwesung schwammen wie fischige Perlen in perlmutternem Glanze.... Diese ganze Civilisation, impotent und pervers, in den letzten[pg 131]Zügen röchelnd, mit Haschisch und Qualen sich aufpeitschend zu neuen Sensationen, ein zweites, neues, junges, greisenhaft altes Rom, wo die Messalinen ordinaire Cocotten sind, die Neros und Heliogabals, Boulevardbummler, verwöhnte Muttersöhnchen, Sprösslinge jüdischer Banquiers und christlicher Prostituirter. Wie gemein! Wie gemein!
Ein Gelächter schüttelte ihn wie im Krampf. Der Hut war ihm vom Kopf geschlagen. Er riss sich den Rock auf. Er drängte sich nackt, hoch, dem Tod und dem Nachtwind entgegen.
Ein Schrei gellte auf von irgendwo. Vielleicht ein Wandrer? Der Chausseewärter? Die wilde Jagd stob vorüber.
Er fühlte die feuchten wehenden Haare der Hexen hinter sich, ein lascives Gelächter nackter Trollen und Faune. Sie ritten mit entsetzlichen, unbeschreibbaren Gesten. Die Jungen waren hübsch mit traurigen Augen. Die Aeltern waren noch schrecklicher, schwarz, Aeser geworden in der lebendigen Verwesung ihres Lasters.
Er wusste nicht mehr, was er hinter sich herzog. Einen Cadaver. Ein Aas in Fetzen. Einen Lumpen ...
Er hörte nur noch das Brüllen des Wassers, fühlte die Feuchtigkeit. Steine rollten mit ihm bergab. Sie hüpften, kugelten, kollerten, surrten. Hohhi hoh! Er hetzte die Rappen zum Todessprung.
Plötzlich standen sie kerzengerade. Der ganze Himmel flammte im Feuer. Er schien zusammenzukrachen von allen Seiten, zu bersten, zu schüttern, zu schwingen ...
Wie ein eiserner Vorhang, ganz von Eisen, schwarz, und schwer vom Gewicht aller Himmelsgewölbe klappte der Donnerschlag.
Dann nichts mehr. Dunkelheit.
Eine Hand hielt seine Hand gefasst. Er versuchte die andre gegen seine Stirn zu führen. Sie war warm vom Blut. „Wohin führst Du mich?“
„Wohin Du nicht gewollt hast –Paulus!“