The Project Gutenberg eBook ofDer Gastfreund

The Project Gutenberg eBook ofDer GastfreundThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Der GastfreundAuthor: Franz GrillparzerRelease date: April 1, 2005 [eBook #7944]Most recently updated: December 30, 2020Language: GermanCredits: Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GASTFREUND ***

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Der GastfreundAuthor: Franz GrillparzerRelease date: April 1, 2005 [eBook #7944]Most recently updated: December 30, 2020Language: GermanCredits: Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen

Title: Der Gastfreund

Author: Franz Grillparzer

Author: Franz Grillparzer

Release date: April 1, 2005 [eBook #7944]Most recently updated: December 30, 2020

Language: German

Credits: Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen

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Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen

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Der Gastfreund

Franz Grillparzer

Trauerspiel in einem Aufzug

Personen:

Aietes, König von KolchisMedea, seine TochterGora, Medeens AmmePeritta, eine ihrer JungfrauenPhryxusJungfrauen MedeensGriechen in Phryxus' GefolgeKolcher

Kolchis. (Wilde Gegend mit Felsen und Bäumen, im Hintergrunde das Meer. Am Gestade desselben ein Altar, von unbehauenen Steinen zusammengefügt, auf dem die kolossale Bildsäule eines nackten, bärtigen Mannes steht, der in seiner Rechten eine Keule, um die Schultern ein Widderfell trägt. Links an den Szenen des Mittelgrundes der Eingang eines Hauses mit Stufen und rohen Säulen. Tagesanbruch.) Medea, Gora, Peritta, Gefolge von Jungfrauen. (Beim Aufziehen des Vorhanges steht Medea im Vorgrunde mit dem Bogen in der Hand in der Stellung einer, die eben den Pfeil abgeschossen. An den Stufen des Altars liegt ein, von einem Pfeile durchbohrtes Reh.)

Jungfrauen (die entfernt gestanden, zum Altare hineilend).Das Opfer blutet!

Medea (in ihrer vorigen Stellung).Traf's?

Eine der Jungfrauen.—Gerad' ins Herz!

Medea (indem sie den Bogen abgibt).Das deutet Gutes; laßt uns eilen denn!Geh' eine hin und spreche das Gebet.

Gora (zum Altar tretend).Darimba, mächtige GöttinMenschenerhalterin, MenschentöterinDie den Wein du gibst und des Halmes FruchtGibst des Weidwerks herzerfreuende SpendeUnd des Todfeinds Blut:Darimba, reine, magdlicheTochter des Himmels,Höre mich!

Chor.Darimba, mächtige Göttin,Darimba! Darimba!

Gora.Sieh ein Reh hab' ich dir getötetDen Pfeil schnellend vom starken BogenDein ist's! Laß dir gefallen sein Blut!Segne das Feld und den beutereichen WaldGib, daß wir recht tun und siegen in der SchlachtGib, daß wir lieben den WohlwollendenUnd hassen den, der uns haßt.Mach' uns stark und reich, Darimba,Mächtige Göttin!

Chor.Darimba, Darimba!

Gora.Das Opfer am Altar zuckt und endet,So mögen deine Feinde enden, Darimba!Deine Feinde und die unsern!Es ist Medea, Aietes' Tochter,Des Herrschers von Kolchis fürstliches KindDie empor in deine Wohnungen ruftHöre mich, höre michUnd erfülle was ich bat!

Chor (mit Zimbeln und Handpauken zusammen schlagend).Darimba, Darimba!Mächtige Göttin!Eriho! Jehu!

Medea.Und somit genug! Das Opfer ist gebracht,Vollendet das zögernde Geschäft.Nun Pfeil und Bogen her, die Hunde vor,Daß von des Jagdlärms hallendem GetosDer grüne Wald ertöne nah und fern!Die Sonne steigt. Hinaus! hinaus!Und die am schnellsten rennt und die am leichtsten springtSei Königin des Tags.—Du hier Peritta? Sagt' ich dir nicht,Daß du mich meiden sollst und gehn? So geh!

Peritta (knieend).Medea!

Medea.Kniee nicht! Du sollst nicht knien!Hörst du? In deine Seele schäm' ich mich.So feig, so zahm!—Mich schmerzt nicht dein Verlust,Mich schmerzt, daß ich dich jetzt verachten mußUnd hab' dich einst geliebt!

Peritta.O wüßtest du!

Medea.Was denn?—Stahlst du dich neulich von der JagdUnd gingst zum Hirten ins Tergener Tal?Tatst du's? Sprich nein! Du Falsche, Undankbare!Versprachst du nicht du wolltest mein sein, meinUnd keines Manns? Sag' an, versprachst du's?

Peritta.Als ich's gelobte wußt' ich damals—

Medea.Schweig!Was braucht's zu wissen, als daß du's versprachst.Ich bin Aietes' königliches KindUnd was ich tu' ist recht weil ich's getan.Und doch, du Falsche! hätt' ich dir versprochenDie Hand hier abzuhaun von meinem ArmIch tät's; fürwahr ich tät's, weil ich's versprach.

Peritta.Es riß mich hin, ich war besinnungslos,Und nicht mit meinem Willen, nein—

Medea.Ei hört!Sie wollte nicht und tat's!—Geh du sprichst Unsinn.Wie konnt' es denn geschehnWenn du nicht (wolltest). Was ich tu' das will ichUnd was ich will—je nu das tu' ich manchmal (nicht).Geh hin in deines Hirten dumpfe HütteDort kaure dich in Rauch und schmutz'gen QualmUnd baue Kohl auf einer Spanne Grund.Mein Garten ist die ungemeßne ErdeDes Himmels blaue Säulen sind mein HausDa will ich stehn des Berges freien LüftenEntgegen tragend eine freie BrustUnd auf dich niedersehn und dich verachten.Hallo! in Wald! Ihr Mädchen in den Wald!(Indem sie abgeben will kömmt von der andern Seite ein) Kolcher.

Kolcher.Du Königstochter, höre!

Medea.Was? Wer ruft?

Kolcher.Ein Schiff mit Fremden angelangt zur Stund'!

Medea.Dem Vater sag' es an. Was kümmert's mich!

Kolcher.Wo weilt er?

Medea.Drin im Haus!

Kolcher.Ich eile!

Medea.Tu's!

(Der Bote ab ins Haus.)

Medea.Daß diese Fremden uns die Jagdlust stören!Ihr Schiff, es ankert wohl in jener Bucht,Die sonst zum Sammelplatz uns dient der Jagd.Allein was tut's! Bringt lange Speere herUnd nahet ein Kühner, zahl' er's mit Blut!Nur Speere her! doch leise, leise, hört!Denn säh's der Vater wehren möcht' er es.Kommt!—Dort das Mal von Steinen aufgehäuftSeht ihr's dort oben? Wer erreicht's zuerst?Stellt euch!—Nichts da! Nicht vorgetreten! Weg!Wer siegt hat auf der Jagd den ersten Schuß:So, stellt euch und wenn ich das Zeichen gebeDann wie der Pfeil vom Bogen fort! Gebt Acht!Acht!—Jetzt!—Aietes (ist unterdessen aus dem Hause getreten, mit ihm der) Bote,(der gleich abgeht.)

Aietes.Medea!

Medea (sich umwendend aber ohne ihren Platz zu verändern).Vater!

Aietes.Du, wohin?

Medea.In Wald!

Aietes.Bleib jetzt!

Medea.Warum?

Aietes.Ich will's. Du sollst.

Medea.So fürchtest du, daß jene Fremden—

Aietes.Weißt du also?—

(Näher tretend, mit gedämpfter Stimme.)

Angekommen MännerAus fernem LandBringen Gold, bringen Schätze,Reiche Beute.

Medea.Wem?

Aietes.Uns, wenn wir wollen.

Medea.Uns?

Aietes. 's sind Fremde, sind Feinde, Kommen zu verwüsten unser Land.

Medea.So geh hin und töte sie!

Aietes.Zahlreich sind sie und stark bewehrtReich an List die fremden Männer,Leicht töten sie (uns.)

Medea.So laß sie ziehn!

Aietes.Nimmermehr.Sie sollen mir—

Medea.Tu was du willstMich aber laß zur Jagd!

Aietes.Bleib, sag' ich, bleibe

Medea.Was soll ich?

Aietes.Helfen! Raten!

Medea.Ich?

Aietes.Du bist klug, du bist stark.Dich hat die Mutter gelehrtAus Kräutern, aus SteinenTränke bereiten,Die den Willen bindenUnd fesseln die Kraft.Du rufst GeisterUnd besprichst den MondHilf mir, mein gutes Kind!

Medea.Bin ich dein gutes Kind!Sonst achtest du meiner wenig.Wenn ich will, willst du (nicht)Und schiltst mich und schlägst nach mir;Aber wenn du mein bedarfstLockst du mich mit SchmeichelwortenUnd nennst mich Medea, dein liebes Kind.

Aietes.Vergiß Medea was sonst geschehn.Bist doch auch nicht immer wie du solltest.Jetzt steh mir bei und hilf mir.

Medea.Wozu?

Aietes.So höre denn mein gutes Mädchen!—Das Gold der Fremden all und ihre Schätze—Gelt lächelst?

Medea.Ich?

Aietes.Ei ja, das viele GoldDie bunten Steine und die reichen KleiderWie sollen die mein Mädchen zieren!

Medea.Ei immerhin!

Aietes.Du schlaue Bübin, sieh,Ich weiß dir lacht das Herz nach all der Zier!

Medea.Kommt nur zur Sache, Vater!

Aietes.Ich—Heiß dort die Mädchen gehn!

Medea.Warum?

Aietes.Ich will's!

Medea.Sie sollen ja mit mir zur Jagd.

Aietes.Heut keine Jagd'

Medea.Nicht?

Aietes.Nein sag' ich und nein! und nein!

Medea.Erst lobst du mich und—

Aietes.Nun, sei gut, mein Kind!Komm hierher! Weiter! hierher, so!Du bist ein kluges Mädchen, dir kann ich trauen.Ich—

Medea.Nun!

Aietes.Was siehst du mir so starr ins Antlitz?

Medea.Ich höre Vater!

Aietes.O ich kenne dich!Willst du den Vater meistern, Ungeratne?I ch entscheide was gut, was nicht.Du (gehorchst). Aus meinen Augen Verhaßte!

(Medea geht.)

Bleib!—Wenn du wolltest, begreifen wolltest—Ich weiß du kannst, allein du willst es nicht!—So sei's denn, bleib aus deines Vaters RatUnd diene, weil du dienen willst.

(Man hört in der Ferne kriegerische Musik.)

Aietes.Was ist das? Weh sie kommen uns zuvor!Siehst du Törin?Die du schonen wolltest, sie töten uns!In vollem Zug hierher die fremden Männer!Weh uns! Waffen! Waffen!

(Der Bote kommt wieder.)

Bote.Der Führer, Herr, der fremden Männer!—

Aietes.Was will er? Meine Krone, mein Leben?Noch hab' ich Mut, noch hab' ich KraftNoch wallt Blut in meinen AdernZu tauschen Tod um Tod!

Bote.Er bittet um Gehör.

Aietes.Bittet?

Bote.Freundlich sich mit dir zu besprechenZu stiften friedlichen Vergleich.

Aietes.Bittet? und hat die Macht in Händen,Findet uns unbewehrt, er in Waffen,Und bittet, der Tor!

Bote.In dein Haus will er treten,Sitzen an deinem Tische,Essen von deinem BrotUnd dir vertrauenWas ihn hierher geführt.

Aietes.Er komme, er komme.Hält er Friede nur zwei Stunden,Später fürcht' ich ihn nicht mehr.Sag' ihm, daß er nahe,Aber ohne Schild ohne Speer,Nur das Schwert an der Seite,Er und seine Gesellen.Dann aber geh und biet auf die GetreuenRings herum im ganzen LandeHeiß sie sich stellen gewappnet, bewehrtMit Schild und Panzer mit Lanz' und SchwertUnd sich verbergen im nahen GehölzBis ich winke, bis ich rufe.—Geh!

(Bote ab.)

Ich will dein lachen du schwacher Tor!Du aber Medea, sei mir gewärtig!Einen Trank, ich weiß es, bereitest duDer mit sanfter, schmeichelnder BetäubungDie Sinn' entbindet ihres Diener-AmtsUnd ihren Herrn zum Sklaven macht des Schlafs.Geh hin und hole mir von jenem Trank!

Medea.Wozu?

Aietes.Geh, sag' ich, hin und hol' ihn mir!Dann komm zurück. Ich will sie zähmen diese Stolzen!

(Medea ab.)

Aietes

(gegen den Altar im Hintergrunde gewandt).) Peronto, meiner Väter Gott! Laß gelingen, was ich sinne Und teilen will ich, treu und redlich Was wir gewinnen von unsern Feinden. (Kriegerische Musik.) Bewaffnete Griechen (ziehen auf, mit grünen Zweigen in der Hand. Der letzte geht) Phryxus, (in der linken Hand gleichfalls einen grünen Zweig, in der Rechten ein goldenes Widderfell, in Gestalt eines Panieres auf der Lanze tragend.) Bewaffnete Kolcher (treten von der andern Seite ein. Die Musik schweigt.) (Indem Phryxus an dem im Hintergrunde befindlichen Altar und der darauf stehenden Bildsäule vorbeigeht, bleibt er, wie von Erstaunen gefesselt stehn, dann spricht er:)

Phryxus.Kann ich den Augen traun?—Er ist's, er ist's!Sei mir gegrüßt, du freundliche Gestalt,Die mich durch Wogensturm und UnglücksnachtHierher geführt an diese ferne Küste,Wo Sicherheit und einfach stille RuhMit Kindesblicken mir entgegen lächeln.Dies Zeichen, das du mir als Pfand der RettungIn jener unheilvollen Stunde gabstUnd das, wie der Polarstern vor mir leuchtend,Mich in den Hafen eingeführt des Glücks,Ich pflanz' es dankbar auf vor deinem AltarUnd beuge betend dir ein frommes Knie,Der du ein Gott mir warest in der TatWenn gleich dem Namen nach, mir Fremden, nicht!

(Er knieet.)

Aietes (im Vorgrunde).Was ist das?Er beugt sein Knie dem Gott meiner Väter!Denk' der Opfer, die ich dir gebracht,Hör' ihn nicht Peronto,Höre den Fremden nicht!

Phryxus (aufstehend).Erfüllet ist des Dankens süße Pflicht.Nun führt zu eurem König mich! Wo weilt er?

(Die Kolcher weichen schweigend und scheu zu beiden Seiten aus demWege.)

Phryxus (erblickt den König, auf ihn zugehend).In dir grüß' ich den Herrn wohl dieses Landes?

Aietes.Ich bin der Kolcher Fürst!

Phryxus.Sei mir gegrüßt!Es führte Göttermacht mich in dein Reich,So ehr' in mir den Gott, der mich beschützt.Der Mann, der dort auf jenem Altar thront,ist er das Bildnis eines der da lebte?Wie, oder ehrt ihr ihn als einen Himmlischen?

Aietes.Es ist Peronto, der Kolcher Gott.

Phryxus.Peronto! Rauher Laut dem Ohr des Fremden,Wohltönend aber dem Geretteten.Verehrst du jenen dort als deinen SchützerSo liegt ein Bruder jetzt in deinem Arm,Denn (Brüder) sind ja Eines Vaters Söhne.

Aietes (der Umarmung ausweichend).Schützer er dir?

Phryxus.Ja, du sollst noch hören.Doch laß mich bringen erst mein Weihgeschenk.

(Er geht zum Altar und stößt vor demselben sein Panier in den Boden.)

Medea (kommt mit einem Becher.)

Medea (laut).Hier Vater ist der Trank!

Aietes (sie gewaltsam auf die Seite ziehend, leise).Schweig Törichte!Siehst du denn nicht?

Medea.Was?

Aietes.Den Becher gib der SklavinUnd schweig!

Medea.Wer ist der Mann?

Aietes.Der Fremden Führer, schweig!

Phryxus (vom Altare zurückkommend).Jetzt tret' ich leicht erst in dein gastlich Haus!Doch wer ist dieses blühend holde Wesen,Das, wie der goldne Saum der WetterwolkeSich schmiegt an deine krieg'rische Gestalt?Die roten Lippen und der Wange LichtSie scheinen Huld und Liebe zu verheißen,Streng widersprochen von dem finstern Aug,Das blitzend wie ein drohender KometHervorstrahlt aus der Locken schwarzem Dunkel.Halb Charis steht sie da und halb Mänade,Entflammt von ihres Gottes heil'ger Glut.Wer bist du, holdes Mädchen?

Aietes.Sprich Medea!

Medea (trocken).Medea bin ich, dieses Königs Kind!

Phryxus.Fürwahr ein Kind und eine Königin!Ich nehm' dich an als gute VorbedeutungFür eine Zukunft, die uns noch verhüllt.O lächle Mädchenbild auf meinen Eintritt!Vielleicht, wer weiß, ob nicht dein Vater,Von dem ich Zuflucht nur und Schutz verlangt,Mir einst noch mehr gibt, mehr noch, o Medea!

Aietes.Was also, Fremdling, ist dein Begehr?

Phryxus.So höre denn was mich hierher geführt,Was ich verloren, Herr, und was ich suche.Geboren bin ich in dem schönen Hellas,Von Griechen, ich ein Grieche, reinen Bluts.Es lebet niemand, der sich höhrer Abkunft,Sich edlern Stammes rühmen kann als ich,Denn Hellas' Götter nenn' ich meine VäterUnd meines Hauses Ahn regiert die Welt.

Medea (sich abwendend).Ich gehe Vater um—

Aietes.Bleib hier und schweig!

Phryxus.Von Göttern also zieh' ich mein Geschlecht!Allein mein Vater, alten Ruhms vergessendUnd jung-erzeugter Kinder Recht und Glück,Erkor zur zweiten Eh' ein niedrig Weib,Das, neidisch auf des ersten Bettes SprossenUnd üb'rall Vorwurf sehend, weil sie selbstSich Vorwurf zu (verdienen) war bewußt,Den Zorn des Vaters reizte gegen mich.Die Zwietracht wuchs und Häscher sandt' er ausDen Sohn zu fahn, vielleicht zu töten ihn.Da ging ich aus der Väter Haus und flohIn fremden Land zu suchen heimisch Glück.Umirrend kam ich in die DelpherstadtUnd trat, beim Gotte Rat und Hilfe suchendIn Phöbos' reiches, weitberühmtes Haus.Da stand ich in des Tempels weiten Hallen,Mit Bildern rings umstellt und Opfergaben,Erglühend in der Abendsonne Strahl.Vom Schauen matt und von des Weges LastSchloß sich mein Aug und meine Glieder sanken;Dem Zug erliegend schlummerte ich ein.Da fand ich mich im Traum im selben TempelIn dem ich schlief, doch wachend und alleinUnd betend zu dem Gott um Rat. UrplötzlichUmflammt mich heller Glanz und einen MannIn nackter Kraft, die Keule in der Rechten,Mit langem Bart und Haar, ein WidderfellUm seine mächt'gen Schultern, stand vor mirUnd lächelte mit milder Huld mich an.("Nimm Sieg und Rache hin!") sprach er, und lösteDas reiche Vließ von seinen Schultern abUnd reichte mir's; da, schütternd, wacht' ich auf.Und siehe! von dem Morgenstrahl beleuchtetStand eine Blende schimmernd vor mir daUnd drin aus Marmor künstlich ausgehaunDerselbe Mann, der eben mir erschienenMit Haar und Bart und Fell, wie ich's gesehn.

Aietes (auf die Bildsäule im Hintergrunde zeigend).Der dort?

Phryxus.Ihm glich er wie ich mir.So stand er da in Götterkraft und Würde,Vergleichbar dem Herakles, doch nicht er.Und an dem Fußgestell des Bildes warDer Name (Kolchis) golden eingegraben.Ich aber deutete des Gottes Rat;Und nehmend was er rätselhaft mir botLöst' ich, ich war allein, den goldnen SchmuckVom Hals des Bildes, und in Eile fort.Des Vaters Häscher fand ich vor den TorenSie wichen scheu des Gottes GoldpanierDie Priester neigten sich, das Volk lag auf den KnieenUnd vor mir her es auf der Lanze tragendKam ich durch tausend Feinde bis ans Meer.Ein schifft' ich mich und hoch als goldne WimpelFlog mir das Vließ am sturmumtobten MastUnd wie die Wogen schäumten, Donner brülltenUnd Meer und Wind und Hölle sich verschworenMich zu versenken in das nasse GrabVersehrt ward mir kein Haar und unverletztKam ich hierher an diese RettungsküsteDie vor mir noch kein griech'scher Fuß betrat.Und jetzo geht an dich mein bittend FlehnNimm auf mich und die Meinen in dein Land,Wo nicht so fass' ich selber Sitz und StätteVertrauend auf der Götter Beistand, dieMir (Sieg und Rache) durch dies Pfand verliehn!- Du schweigst?

Aietes.Was willst du, daß ich sage?

Phryxus.Gewährst du mir ein Dach, ein gastlich Haus?

Aietes.Tritt ein, wenn dir's gutdünkt, Vorrat istVon Speis' und Trank genug. Dort nimm und iß!

Phryxus.So rauh übst du des Wirtes gastlich Amt?

Aietes.Wie du dich gibst so nehm' ich dich.Wer in des Krieges Kleidung Gabe heischtErwarte nicht sie aus des Friedens Hand.

Phryxus.Den Schild hab' ich, die Lanze abgelegt.

Aietes.Das Schwert ist, denkst du gegen uns genug?Doch halt' es wie du willst.

(Leise zu Medea.)

Begehr' sein Schwert!

Phryxus.Noch eins! An reichem Schmuck und köstlichen GefäßenBring' ich so manches, was ich sichern möchte.Du nimmst es doch in deines Hauses Hut?

Aietes.Tu, wie du willst!

(Zu Medea.)

Sein Schwert sag' ich begehr'!

Phryxus.Nun denn, Gefährten, was wir hergebrachtGerettet aus des Glückes grausem Schiffbruch,Bringt es hierher in dieser Mauern UmfangAls Grundstein eines neuen, festern Glücks.

Aietes (zu Medea).Des Fremden Schwert!

Medea.Wozu?

Aietes.Sein Schwert sag' ich!

Medea (zu Phryxus).Gib mir dein Schwert!

Phryxus.Was sagst du holdes Kind?

Aietes.Fremd ist dem Mädchen eurer Waffen AnblickBei uns geht nicht der Friedliche bewehrt.Auch ist's euch lästig.

Phryxus (zu Medeen).Sorgest du um mich?

(Medea wendet sich ab.)

Sei mir nicht bös! Ich weigr' es dir ja nicht!

(Er gibt ihr das Schwert.)

Den Himmlischen vertrau' ich mich und dir!Wo du bist da ist Frieden. Hier mein Schwert!Und jetzo in dein Haus, mein edler Wirt!

Aietes.Geht nur, ich folg' euch bald!

Phryxus.Und du Medea?Laß mich auch dich am frohen Tische sehn!Kommt Freunde teilt die Lust wie ehmals die Gefahr!

(Ab mit seinen Gefährten.)

(Medea setzt sich auf eine Felsenbank im Vorgrunde und beschäftigt sich mit ihrem Bogen, den sie von der Erde aufgehoben hat. Aietes steht auf der andern Seite des Vorgrundes und verfolgt mit den Augen die Diener des Phryxus, die Gold und reiche Gefäße ins Haus tragen.—Lange Pause.)

Aietes.Medea!

Medea.Vater!

Aietes.Was denkst du?

Medea.Ich? Nichts!

Aietes.Vom Fremden mein' ich,

Medea.Er spricht und spricht;Mir widert's!

Aietes (rasch auf sie zugehend).Nicht wahr? Spricht und gleißtUnd ist ein Bösewicht,Ein Gottverächter, ein Tempelräuber!Ich töt' ihn!

Medea.Vater!

Aietes.Ich tu's!Soll er davon tragen all den ReichtumDen er geraubt, dem Himmel geraubt?Erzählt' er nicht selbst, wie er im TempelDas Vließ gelöst von der Schulter des Gottes,Des Donnerers, Perontos,Der Kolchis beschützt.Ich will dir ihn schlachten Peronto!Rache sei dir, Rache!

Medea.Töten willst du, den Fremden, den Gast?

Aietes.Gast?Hab' ich ihn geladen in mein Haus?Ihm beim Eintritt Brot und Salz gereichtUnd geheißen sitzen auf meinem Stuhl?Ich hab' ihm nicht Gastrecht geboten,Er nahm sich's, büß' er's der Tor!

Medea.Vater! Peronto rächet den Mord!

Aietes.Peronto (gebeut) ihn.Hat der Freche nicht an ihm gefrevelt?Sein Bild beraubt in der Delpherstadt?Führt der Erzürnte ihn nicht selbst herDaß ich ihn strafe, daß ich rächeDes Gottes Schmach und meine?Das Vließ dort am glänzenden Speer,Des Gottes Kleid, der Kolcher HeiligtumSoll's ein Fremder, ein Frevler entweihn?Mein ist's, mein! Mir sendet's der GottUnd (Sieg und Rache) geknüpft an dies PfandDen Unsern werd' es zu Teil!Tragt nur zu des kostbaren Guts!Ihr führet die Ernte mir ein!Sprich nicht und komm! daß er uns nicht vermißtGefahrlos sei die Rach' und ganz!Komm, sag' ich, komm!

(Beide ab ins Haus.)

(Ein Kolchischer Hauptmann mit Bewaffneten tritt auf.)

Hauptmann.Hierher beschied man uns. Was sollen wir?

Ein Kolcher

(aus dem Hause).) Heda!

Hauptmann.Hier sind wir!

Kolcher.Leise!

Hauptmann.Sprich! Was soll's?

Kolcher.Verteilt euch rechts und links und wenn ein Fremder—Doch still jetzt! Einer naht!—Kommt! hört das Weitre!

(Alle ab.)

Phryxus (mit ängstlichen Schritten aus dem Hause).Ihr Götter! Was ist das? Ich ahne Schreckliches.Es murmeln die Barbaren unter sichUnd schaun mit höhn'schen Lächeln hin auf uns.Man geht, man kommt, man winkt, man lauert.Und die Gefährten, einer nach dem andernSinkt hin in dumpfen Schlaf; ob Müdigkeit,Ob irgend ein verruchter SchlummertrankSie einlullt weiß ich nicht. Gerechte Götter!Habt ihr mich hergeführt, mich zu verderben?Nur eines bleibt mir noch: Flucht auf mein Schiff.Dort samml' ich die Zurückgebliebenen,Und dann zur Rettung her, zur Hilfe—Horch!

(Schwertgeklirr und dumpfe Stimmen im Hause.)

Man ficht!—Man tötet!—Weh mir, weh!—zu spät!Nun bleibt nur Flucht. Schnell eh die Mörder nahn!

(Er will gehn.)

Krieger (mit gefällten Spießen treten ihm entgegen).Zurück!

Phryxus.Ich bin verraten!—Hier!

(Von allen Seiten treten Bewaffnete mit gesenkten Speeren ihm entgegen.)

Gewaffnete.Zurück!

Phryxus.Umsonst! Es ist vorbei!—Ich folg' euch Freunde!

(An den Altar hineilend.)

Nun denn, du Hoher, der mich hergeführt,Bist du ein Gott, so schirme deinen Schützling!Aietes (mit bloßem Schwert aus dem Hause.) Medea (hinter ihm.)Gefolge.

Aietes.Wo ist er?

Medea.Vater, höre!

Aietes.Wo, der Fremdling?Dort am Altar. Was suchst du dort?

Phryxus.Schutz such' ich!

Aietes.Gegen wen? Komm mit ins Haus!

Phryxus.Hier steh' ich und umklammre diesen Altar,Den Göttern trau' ich; o daß ich es dir!

Medea.O Vater höre mich!

Phryxus.Du auch hier Schlange?Warst du so schön und locktest du so lieblichMich zu verderben hier im Todesnetz?Mein Herz schlug dir vertrauensvoll entgegen,Mein Schwert, den letzten Schutz gab ich in deine HandUnd du verrätst mich?

Medea.Nicht verriet ich dich!Gabst du dein Schwert mir, nimm ein andres hierUnd wehre dich des Lebens.

(Sie hat einem der Umstehenden das Schwert entrissen und reicht es ihm.)

Aietes (ihr das Schwert entreißend).Törichte!Vom Altar fort!

Phryxus.Ich bleibe!

Aietes.Reißt ihn weg!

Phryxus (da einige auf ihn losgehen).Nun denn, so muß ich sterben?—Ha, es sei!Doch ungerochen, klaglos fall' ich nicht.

(Er reißt das Panier mit dem goldenen Vließ aus der Erde und tritt damit in den Vorgrund.)

Du unbekannte Macht, die her mich führend,Dies Pfand der Rettung huldvoll einst mir gabUnd (Sieg und Rache) mir dabei verhieß;Zu dir ruf' ich empor nun! Höre mich!Hab' ich den (Sieg) durch eigne Schuld verwirkt,Das Haupt darbietend dem VerräternetzUnd blind dem Schicksal trauend statt mir selberSo laß doch (Rache) wenigstens ergehnUnd halte deines Wortes zweite Hälfte!

Aietes.Was zauderst du?

Phryxus.Aietes!

Aietes.Nun was noch?

Phryxus.Ich bin dein Gast und du verrätst mich?

Aietes.Mein Gast? Mein Feind.Was suchtest du, Fremder, in meinem Land? Tempelräuber!Hab' ich dir Gastrecht gelobt? dich geladen in mein Haus?Nichts versprach ich, Törichter!Verderbt durch eigne Schuld!

Phryxus.Damit beschönst du deine Freveltat?O triumphiere nicht! Tritt her zu mir!

Aietes.Was soll's?

Phryxus.Sieh dieses Banner hier, mein letztes GutDie Schätze alle hast du mir geraubtDies eine fehlt noch.

Aietes (darnach greifend).Fehlt? Wie lange noch?

Phryxus.Zurück! Betracht's, es ist mein letztes GutUnd von ihm scheidend scheid' ich von dem Leben.Begehrst du's?

Aietes.Ja!

Phryxus.Begehrst du's?

Aietes

(die Hand ausstreckend).) Gib mir es!

Phryxus.Nimm's hin des Gastes Gut du edler WirtSieh ich vertrau' dir's an, bewahre mir's

(Mit erhöhter Stimme.)

Und gibst du's nicht zurücke, unbeschädigtNicht mir dem Unbeschädigten zurückSo treffe dich der Götter DonnerfluchDer über dem rollt, der die Treue bricht.Nun ist mir leicht! Nun Rache, Rache, Rache!Er hat mein Gut. Verwahre mir's getreu!

Aietes.Nimm es zurück!

Phryxus.Nein! Nicht um deine Krone!Du hast mein Gut, dir hab' ich's anvertrautBewahre treu das anvertraute Gut!

Aietes (ihm das Vließ aufdrängend).Nimm es zurück!

Phryxus (ihm ausweichend).Du hast mein Gut, verwahr' es treu!Sonst Rache, Rache, Rache!

Aietes (ihn über die Bühne verfolgend und ihm das Banner aufdringend).Nimm es, sag' ich!

Phryxus (ausweichend).

Ich nehm' es nicht. Verwahre mir's getreu!

(Zur Bildsäule des Gottes empor.)

Siehst du? er hat's, ihm hab' ich's anvertrautUnd gibt er's nicht zurück, treff' ihn dein Zorn!

Aietes.Nimm es zurück!

Phryxus (am Altar).Nein, nein!

Aietes.Nimm's!

Phryxus.Du verwahrst's!

Aietes.Nimms!

Phryxus.Nein!

Aietes.Nun so nimm dies!

(Er stößt ihm das Schwert in die Brust.)

Medea.Halt Vater halt!

Phryxus (niedersinkend).Es ist zu spät!

Medea.Was tatst du?

Phryxus (zur Bildsäule empor).Siehst du's, siehst du's!Den Gastfreund tötet er und hat sein Gut!Der du des Gastfreunds heilig Haupt beschützestO räche mich! Fluch dem treulosen Mann!Ihm muß kein Freund sein und kein Kind, kein BruderKein frohes Mahl—kein Labetrunk—Was er am liebsten liebt—verderb' ihn!—Und dieses Vließ, das jetzt in seiner HandSoll niederschaun auf seiner Kinder Tod!—Er hat den Mann erschlagen, der sein Gast—Und vorenthält—das anvertraute Gut—Rache!—Rache!—

(Stirbt. Lange Pause.)

Medea.Vater!

Aietes (zusammenschreckend).Was?

Medea.Was hast du getan!

Aietes (dem Toten das Vließ aufdringen wollend).Nimm es zurück!

Medea.Er nimmt's nicht mehr. Er ist tot!

Aietes.Tot!—

Medea.Vater! Was hast du getan! Den Gastfreund erschlagenWeh dir! Weh uns allen!—Hah!—Aufsteigt's aus den Nebeln der UnterweltDrei Häupter, blut'ge HäupterSchlangen die Haare,Flammen die BlickeDie hohnlachenden Blicke!Höher! höher!—Empor steigen sie!Entfleischte Arme, Fackeln in HändenFackeln!—Dolche!Horch! Sie öffnen die welken LippenSie murren, sie singenHeischern Gesangs:Wir hüten den EidWir vollstrecken den Fluch!Fluch dem, der den Gastfreund schlug!Fluch ihm, tausendfachen Fluch!Sie kommen, sie nahenSie umschlingen mich,Mich, dich, uns alle!Weh über dich!

Aietes.Medea!

Medea.Über dich, über uns!Weh, weh!

(Sie entflieht.)

Aietes (ihr die Arme nachstreckend).Medea! Medea! (Ende.)

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Gastfreund, vonFranz Grillparzer.


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