Angst

„Frau Pick,Frau Hock,Frau Kle — pe — tarsch,se stehen beirenondund schmusen allerhond — —“

„Frau Pick,Frau Hock,Frau Kle — pe — tarsch,se stehen beirenondund schmusen allerhond — —“

„Frau Pick,Frau Hock,Frau Kle — pe — tarsch,se stehen beirenondund schmusen allerhond — —“

„Frau Pick,

Frau Hock,

Frau Kle — pe — tarsch,

se stehen beirenond

und schmusen allerhond — —“

— — — — — — — — — — — — — —

Es war wie Wahnwitz und Komik zugleich, und ich mußte wider Willen hellaut auflachen.

„Schwiegersohn Schaffranek — seine Frau verkauft auf dem Eiermarkt Gurkensaft gläschenweise an die Schuljugend — läuft den ganzen Tag in den Bureaus herum,“ fuhr Charousek grimmig fort, „und erbettelt sich alte Briefmarken. Die sortiert er dann, und wenn er welche darunter findet, die zufällig nur am Rande gestempelt sind, so legt er sie aufeinander und schneidet sie durch. Die ungestempelten Hälften klebt er zusammen und verkauft sie als neu. Anfangs blühte das Geschäft und warf manchmal fast einen — Gulden im Tag ab, aber schließlich kamen die Prager jüdischen Großindustriellen dahinter — und machen es jetzt selber. Sie schöpfen den Rahm ab.“

„WürdenSieNot lindern, Charousek, wenn Sie überflüssiges Geld hätten?“ fragte ich rasch. — Wir standen vor Hillels Tür, und ich klopfte an.

„Halten Sie mich für so gemein, daß Sie glaubenkönnen, ich täte es nicht?“ fragte er verblüfft zurück.

Mirjams Schritte kamen näher und ich wartete, bis sie die Klinke niederdrückte, dann schob ich ihm rasch die Banknote in die Tasche: „Nein, Herr Charousek, ich halte Sie nicht dafür, aber michmüßtenSie für gemein halten, wenn ich’s unterließe.“

Ehe er etwas erwidern konnte, hatte ich ihm die Hand geschüttelt und die Tür hinter mir zugezogen. Während mich Mirjam begrüßte, lauschte ich, was er tun würde.

Er blieb eine Weile stehen, dann schluchzte er leise auf und ging langsam mit suchendem Schritt die Treppe hinunter. Wie jemand, der sich am Geländer halten muß.

— — — — — — — — — — — — — —

Es war das erstemal, daß ich Hillels Zimmer besucht hatte.

Es sah schmucklos aus wie ein Gefängnis. Der Boden peinlich sauber und mit weißem Sand bestreut. Nichts an Möbeln als zwei Stühle und ein Tisch und eine Kommode. Ein Holzpostament je links und rechts an den Wänden. — — —

Mirjam saß mir gegenüber am Fenster, und ich bossierte an meinem Modellierwachs.

„Muß man denn ein Gesichtvor sichhaben, um die Ähnlichkeit zu treffen?“ fragte sie schüchtern und nur, um die Stille zu unterbrechen.

Wir wichen einander scheu mit den Blicken aus. Sie wußte nicht, wohin die Augen richten in ihrer Qual und Scham über die jammervolle Stube, und mir branntendie Wangen von innerem Vorwurf, daß ich mich nicht längst gekümmert hatte, wie sie und ihr Vater lebten.

Aber irgend etwas mußte ich doch antworten!

„Nicht so sehr, um die Ähnlichkeit zu treffen, als um zu vergleichen, ob man innerlich auch richtig gesehen hat,“ ich fühlte, noch während ich sprach, wie grundfalsch das alles war, was ich sagte.

Jahrelang hatte ich den irrigen Grundsatz der Maler, man müsse die äußere Natur studieren, um künstlerisch schaffen zu können, stumpfsinnig nachgebetet und befolgt; erst seit Hillel mich in jener Nacht erweckt, war mir das innere Schauen aufgegangen: das wahre Sehenkönnen hinter geschlossenen Lidern, das sofort erlischt, wenn man die Augen aufschlägt, — die Gabe, die sie alle zu haben glauben und doch unter Millionen keiner wirklich besitzt.

Wie konnte ich auch nur von derMöglichkeitsprechen, die unfehlbare Richtschnur der geistigen Vision an den groben Mitteln des Augenscheins nachmessen zu wollen!

Mirjam schien Ähnliches zu denken. Nach dem Erstaunen in ihren Mienen zu schließen.

„Sie dürfen es nicht so wörtlich nehmen,“ entschuldigte ich mich.

Voll Aufmerksamkeit sah sie zu, wie ich mit dem Griffel die Form vertiefte.

„Es muß unendlich schwer sein, alles dann haargenau auf Stein zu übertragen?“

„Das ist nur mechanische Arbeit. So ziemlich wenigstens.“

Pause.

„Darf ich die Gemme sehen, wenn sie fertig ist?“ fragte sie.

„Sie ist doch für Sie bestimmt, Mirjam.“

„Nein, nein; das geht nicht, — — das — das — —,“ — ich sah, wie ihre Hände nervös wurden.

„Nicht einmal diese Kleinigkeit wollen Sie von mir annehmen?“ unterbrach ich sie schnell, „ich wollte, ich dürfte mehr für Sie tun.“

Hastig wandte sie das Gesicht ab.

Was hatte ich da gesagt! Ich mußte sie aufs tiefste verletzt haben. Es hatte geklungen, als wollte ich auf ihre Armut anspielen.

Konnte ich es noch beschönigen? Wurde es dann nicht weit schlimmer?

Ich nahm einen Anlauf:

„Hören Sie mich ruhig an, Mirjam! Ich bitte Sie darum. — Ich schulde Ihrem Vater so unendlich viel, — Sie können das gar nicht ermessen — —“

Sie sah mich unsicher an; verstand offenbar nicht.

„— ja ja: unendlich viel. Mehr als mein Leben.“

„Weil er Ihnen damals beistand, als Sie ohnmächtig wurden? Das war doch selbstverständlich.“

Ich fühlte: sie wußte nicht, welches Band mich mit ihrem Vater verknüpfte. Vorsichtig sondierte ich, wie weit ich gehen durfte, ohne zu verraten, was er ihr verschwieg.

„Weit höher als äußere Hilfe, dächte ich, ist die innere zu stellen. — Ich meine die, die aus dem geistigen Einfluß eines Menschen auf den andern überstrahlt. — Verstehen Sie, was ich damit sagen will, Mirjam? —Man kann jemand auch seelisch heilen, nicht nur körperlich, Mirjam.“

„Und das hat — —?“

„Ja, das hat Ihr Vater an mir getan!“ — ich faßte sie an der Hand, — „begreifen Sie nicht, daß es mir da ein Herzenswunsch sein muß, wenn schon nicht ihm, so doch jemand, der ihm so nahesteht wie Sie, irgendeine Freude zu bereiten? — Haben Sie nur ein ganz klein wenig Vertrauen zu mir! — Gibt’s denn gar keinen Wunsch, den ich Ihnen erfüllen könnte?“

Sie schüttelte den Kopf: „Sie glauben, ich fühle mich unglücklich hier?“

„Gewiß nicht. Aber vielleicht haben Sie zuweilen Sorgen, die ich Ihnen abnehmen könnte? Sie sind verpflichtet — hören Sie! — verpflichtet, mich daran teilnehmen zu lassen! Warum leben Sie denn beide hier in der finstern, traurigen Gasse, wenn Sie nicht müßten? Sie sind noch so jung, Mirjam, und — —“

„Sie leben doch selbst hier, Herr Pernath,“ unterbrach sie mich lächelnd, „was fesselt denn Sie an das Haus?“

Ich stutzte. — Ja. Ja, das war richtig. Warum lebte ich eigentlich hier? Ich konnte es mir nicht erklären, was fesselt dich an das Haus? wiederholte ich mir geistesabwesend. Ich konnte keine Erklärung finden und vergaß einen Augenblick ganz, wo ich war. — Dann stand ich plötzlich entrückt irgendwo hoch oben — in einem Garten — roch den zauberhaften Duft von blühenden Holunderdolden, — sah herab auf die Stadt — — —

„Habe ich eine Wunde berührt? Hab’ ich Ihnen wehgetan?“ kam Mirjams Stimme von weit, weit her zu mir.

Sie hatte sich über mich gebeugt und sah mir ängstlich forschend ins Gesicht.

Ich mußte wohl lange starr dagesessen haben, daß sie so besorgt war.

Eine Weile schwankte es hin und her in mir, dann brach sich’s plötzlich gewaltsam Bahn, überflutete mich, und ich schüttete Mirjam mein ganzes Herz aus.

Ich erzählte ihr, wie einem lieben, alten Freund, mit dem man sein ganzes Leben beisammen war, und vor dem man kein Geheimnis hat, wie’s um mich stand, und auf welche Weise ich aus einer Erzählung Zwakhs erfahren hatte, daß ich in früheren Jahren wahnsinnig gewesen und der Erinnerung an meine Vergangenheit beraubt worden war, — wie in letzter Zeit Bilder in mir wach geworden, die in jenen Tagen wurzeln mußten, immer häufiger und häufiger, und daß ich vor dem Moment zitterte, wo mir alles offenbar werden und mich von neuem zerreißen würde.

Nur, was ich mit ihrem Vater in Zusammenhang bringen mußte: — meine Erlebnisse in den unterirdischen Gängen und all das übrige, verschwieg ich ihr.

Sie war dicht zu mir gerückt und hörte mit einer tiefen, atemlosen Teilnahme zu, die mir unsäglich wohl tat.

Endlich hatte ich einen Menschen gefunden, mit dem ich mich aussprechen konnte, wenn mir meine geistige Einsamkeit zu schwer wurde. — Gewiß wohl: Hillel war ja noch da, aber für mich nur wie ein Wesen jenseitsder Wolken, das kam und verschwand wie ein Licht, an das ich nicht herankonnte, wenn ich mich sehnte.

Ich sagte es ihr, und sie verstand mich. Auch sie sah ihn so, trotzdem er ihr Vater war.

Er hing mit unendlicher Liebe an ihr und sie an ihm — „und doch bin ich wie durch eine Glaswand von ihm getrennt,“ vertraute sie mir an, „die ich nicht durchbrechen kann. Solange ich denke, war es so. — Wenn ich ihn als Kind im Traum an meinem Bette stehen sah, immer trug er das Gewand des Hohenpriesters: die goldene Tafel des Moses mit den 12 Steinen darin auf der Brust, und blaue, leuchtende Strahlen gingen von seinen Schläfen aus. — Ich glaube, seine Liebe ist von der Art, die übers Grab hinausgeht, und zu groß, als daß wir sie fassen könnten. — Das hat auch meine Mutter immer gesagt, wenn wir heimlich über ihn sprachen.“ — — Sie schauderte plötzlich und zitterte am ganzen Leib. Ich wollte aufspringen, aber sie hielt mich zurück: „Seien Sie ruhig, es ist nichts. Bloß eine Erinnerung. Als meine Mutter starb, — nur ich weiß, wie er sie geliebt hat, ich war damals noch ein kleines Mädchen, — glaubte ich vor Schmerz ersticken zu müssen, und ich lief zu ihm hin und krallte mich in seinen Rock und wollte aufschreien und konnte doch nicht, weil alles gelähmt war in mir — und — und da — — — — mir läuft’s wieder eiskalt über den Rücken, wenn ich daran denke — — sah er mich lächelnd an, küßte mich auf die Stirn und fuhr mir mit der Hand über die Augen. — — — — Und von dem Moment an bis heute war jedes Leid, daß ich meine Mutter verloren hatte, wieausgetilgt in mir. Nicht eine Träne konnte ich vergießen, als sie begraben wurde; ich sah die Sonne als strahlende Hand Gottes am Himmel stehen und wunderte mich, warum die Menschen weinten. Mein Vater ging hinter dem Sarge her, neben mir, und wenn ich aufblickte, lächelte er jedesmal leise, und ich fühlte, wie das Entsetzen durch die Menge fuhr, als sie es sahen.“

„Und sind Sie glücklich, Mirjam? Ganz glücklich? Liegt nicht zugleich etwas Furchtbares für Sie in dem Gedanken, ein Wesen zum Vater zu haben, das hinausgewachsen ist über alles Menschentum?“ fragte ich leise.

Mirjam schüttelte freudig den Kopf:

„Ich lebe wie in einem seligen Schlaf dahin. — Als Sie mich vorhin fragten, Herr Pernath, ob ich nicht Sorgen hätte, und warum wir hier wohnten, mußte ich fast lachen. Ist denn die Natur schön? Nun ja, die Bäume sind grün und der Himmel ist blau, aber das alles kann ich mir viel schöner vorstellen, wenn ich die Augen schließe. Muß ich denn, um sie zu sehen, auf einer Wiese sitzen? — Und das bißchen Not und — und — und Hunger? Das wird tausendfach aufgewogen durch die Hoffnung und das Warten.“

„Das Warten?“ fragte ich erstaunt.

„Das Warten auf ein Wunder. Kennen Sie das nicht? Nein? Da sind Sie aber ein ganz, ganz armer Mensch. — Daß das so wenige kennen?! Sehen Sie, das ist auch der Grund, weshalb ich nie ausgehe und mit niemand verkehre. Ich hatte wohl früher ein paar Freundinnen — Jüdinnen natürlich, wie ich —, aber wirredeten immer aneinander vorbei; sie verstanden mich nicht und ich sie nicht. Wenn ich von Wundern sprach, glaubten sie anfangs, ich mache Spaß, und als sie merkten, wie ernst es mir war, und daß ich auch unter Wundern nicht das verstand, was die Deutschen mit ihren Brillen so bezeichnen: das gesetzmäßige Wachsen des Grases und dergleichen, sondern eher das Gegenteil, — hätten sie mich am liebsten für verrückt gehalten, aber dagegen stand ihnen wieder im Wege, daß ich ziemlich gelenkig bin im Denken, hebräisch und aramäisch gelernt habe, die Targumim und Midraschim lesen kann, und was dergleichen Nebensächlichkeiten mehr sind. Schließlich fanden sie ein Wort, das überhaupt nichts mehr ausdrückt: sie nannten mich ‚überspannt‘.

Wenn ich ihnen dann klarmachen wollte, daß das Bedeutsame — das Wesentliche — für mich in der Bibel und anderen heiligen Schriften dasWunderund bloß das Wunder sei und nicht Vorschriften über Moral und Ethik, die nur versteckte Wege sein können, um zum Wunder zu gelangen, — so wußten sie nur mit Gemeinplätzen zu erwidern, denn sie scheuten sich, offen einzugestehen, daß sie aus den Religionsschriften nur das glaubten, was ebensogut im bürgerlichen Gesetzbuch stehen könnte. Wenn sie das Wort ‚Wunder‘ nur hörten, wurde ihnen schon unbehaglich. Sie verlören den Boden unter den Füßen, sagten sie.

Als ob es etwas Herrlicheres geben könnte, als den Boden unter den Füßen zu verlieren!

Die Welt ist dazu da, um von uns kaputt gedacht zu werden, hörte ich einmal meinen Vater sagen, — dann,dann erst fängt das Leben an. — Ich weiß nicht, was er mit dem ‚Leben‘ meinte, aber ich fühle zuweilen, daß ich eines Tages so wie: ‚erwachen‘ werde. Wenn ich mir auch nicht vorstellen kann, in welchen Zustand hinein. Und Wunder müssen dem vorhergehen, denke ich mir immer.

‚Hast du denn schon welche erlebt, daß du fortwährend darauf wartest?‘ fragten mich oft meine Freundinnen, und wenn ich verneinte, wurden sie plötzlich froh und siegesgewiß. Sagen Sie, Herr Pernath, könnenSiesolche Herzen verstehen? Daß ichdochWunder erlebt habe, wenn auch nur kleine, — winzig kleine —,“ — Mirjams Augen glänzten, — „wollte ich ihnen nicht verraten, — — — — — —“

Ich hörte, wie Freudentränen ihre Stimme fast erstickten.

„— aberSiewerden mich verstehen: oft, Wochen, ja Monate,“ — Mirjam wurde ganz leise, — „haben wir nur von Wundern gelebt. Wenn gar kein Brot mehr im Hause war, aber auch nicht ein Bissen mehr, dann wußte ich: jetzt ist die Stunde da! — Und dann saß ich hier und wartete und wartete, bis ich vor Herzklopfen kaum mehr atmen konnte. Und — und dann, wenn’s mich plötzlich zog, lief ich hinunter und kreuz und quer durch die Straßen, so rasch ich konnte, um rechtzeitig wieder im Hause zu sein, ehe mein Vater heimkam. Und — und jedesmal fand ich Geld. Einmal mehr, einmal weniger, aber immer soviel, daß ich das Nötigste einkaufen konnte. Oft lag ein Gulden mitten auf der Straße; ich sah ihn von weitem blitzen und die Leutetraten darauf, rutschten aus darüber, aber keiner bemerkte ihn. — Das machte mich zuweilen so übermütig, daß ich gar nicht erst ausging, sondern nebenan in der Küche den Boden durchsuchte wie ein Kind, ob nicht Geld oder Brot vom Himmel gefallen sei.“

— Ein Gedanke schoß mir durch den Kopf, und ich mußte aus Freude darüber lächeln. —

Sie sah es.

„Lachen Sie nicht, Herr Pernath,“ flehte sie. „Glauben Sie mir, ich weiß, daß diese Wunder wachsen werden, und daß sie eines Tages —“

Ich beruhigte sie: „Aber ich lache doch nicht, Mirjam! Was denken Sie denn! Ich bin unendlich glücklich, daß Sie nicht sind wie die andern, die hinter jeder Wirkung die gewohnte Ursache suchen und bocken, wenn’s —wirrufen in solchen Fällen: Gott sei Dank! — einmal anders kommt.“

Sie streckte mir die Hand hin:

„Und nicht wahr, Sie werden nie mehr sagen, Herr Pernath, daß Sie mir — oder uns — helfen wollen? Jetzt, wo Sie wissen, daß Sie mir die Möglichkeit, ein Wunder zu erleben, rauben würden, wenn Sie es täten?“

Ich versprach es. Aber im Herzen machte ich einen Vorbehalt.

Da ging die Tür, und Hillel trat ein.

Mirjam umarmte ihn; und er begrüßte mich. Herzlich und voll Freundschaft, aber wieder mit dem kühlen „Sie“.

Auch schien etwas wie leise Müdigkeit oder Unsicherheit auf ihm zu lasten. — Oder irrte ich mich?

Vielleicht kam es nur von der Dämmerung, die in der Stube lag.

„Sie sind gewiß hier, mich um Rat zu fragen,“ fing er an, als Mirjam uns allein gelassen hatte, „in der Sache, die die fremde Dame betrifft — —?“

Ich wollte ihn verwundert unterbrechen, aber er fiel mir in die Rede:

„Ich weiß es von dem Studenten Charousek. Ich sprach ihn auf der Gasse an, weil er mir merkwürdig verändert vorkam. Er hat mir alles erzählt. In der Überfülle seines Herzens. Auch, daß — Sie ihm Geld geschenkt haben.“ Er sah mich durchdringend an und betonte jedes seiner Worte auf höchst seltsame Weise, aber ich verstand nicht, was er damit wollte:

„Gewiß, es hat dadurch ein paar Tropfen Glück mehr vom Himmel geregnet — und — und in diesem — Fall hat’s vielleicht auch nicht geschadet, aber —,“ er dachte eine Weile nach, — „aber manchmal schafft man sich und anderen nur Leid damit. Gar so leicht ist das Helfen nicht, wie Sie denken, mein lieber Freund! Da wäre es sehr, sehr einfach, die Welt zu erlösen. — Oder glauben Sie nicht?“

„GebenSiedenn nicht auch den Armen? Oft alles, was Sie besitzen, Hillel?“ fragte ich.

Er schüttelte lächelnd den Kopf: „Mir scheint, Sie sind über Nacht ein Talmudist geworden, daß Sie eine Frage wieder mit einer Frage beantworten. Da ist freilich schwer streiten.“

Er hielt inne, als ob ich darauf antworten sollte, aber wiederum verstand ich nicht, worauf er eigentlich wartete.

„Übrigens, um zu dem Thema zurückzukommen,“ fuhr er in verändertem Tone fort, „ich glaube nicht, daß Ihrem Schützling — ich meine die Dame — augenblicklich Gefahr droht. Lassen Sie die Dinge an sich herantreten. Es heißt zwar: ‚der kluge Mann baut vor‘, aber der Klügere, scheint mir, wartet ab und ist auf alles gefaßt. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, daß Aaron Wassertrum mit mir zusammentrifft, aber das muß dann von ihm ausgehen, — ich tue keinen Schritt,ermuß herüberkommen. Ob zu Ihnen oder zu mir, ist gleichgültig, — und dann will ich mit ihm reden. Anihmwird’s sein, sich zu entscheiden, ob er meinen Rat befolgen will oder nicht. Ich wasche meine Hände in Unschuld.“

Ich versuchte ängstlich in seinem Gesicht zu lesen. So kalt und eigentümlich drohend hatte er noch nie gesprochen. Aber hinter diesem schwarzen, tiefliegenden Auge schlief ein Abgrund.

„Es ist wie eine Glaswand zwischen ihm und uns,“ fielen mir Mirjams Worte ein.

Ich konnte ihm nur wortlos die Hand drücken und — gehen.

Er begleitete mich bis vor die Türe und, als ich die Treppe hinaufging und mich noch einmal umdrehte, sah ich, daß er stehen geblieben war und mir freundlich nachwinkte, aber wie jemand, der noch gern etwas sagen möchte und nicht kann.

Ich hatte die Absicht, mir Mantel und Stock zu holen und in die kleine Wirtsstube „Zum alten Ungelt“ essen zu gehen, wo allabendlich Zwakh, Vrieslander und Prokop bis spät in die Nacht beisammen saßen und einander verrückte Geschichten erzählten; aber kaum betrat ich mein Zimmer, da fiel der Vorsatz von mir ab, — wie wenn mir Hände ein Tuch oder sonst etwas, was ich am Leibe getragen, abgerissen hätten.

Es lag eine Spannung in der Luft, über die ich mir keine Rechenschaft geben konnte, die aber trotzdem vorhanden war wie etwas Greifbares und sich im Verlauf weniger Sekunden derart heftig auf mich übertrug, daß ich vor Unruhe anfangs kaum wußte, was ich zuerst tun sollte: Licht anzünden, hinter mir abschließen, mich niedersetzen oder auf und ab gehen.

Hatte sich jemand in meiner Abwesenheit eingeschlichen und versteckt? War’s die Angst eines Menschen vor dem Gesehenwerden, die mich ansteckte? War Wassertrum vielleicht hier?

Ich griff hinter die Gardinen, öffnete den Schrank, ein Blick ins Nebenzimmer: — niemand.

Auch die Kassette stand unverrückt an ihrem Platz.

Ob es nicht am besten war, ich verbrannte die Briefe kurz entschlossen, um ein für allemal die Sorge um sie los zu sein?

Schon suchte ich nach dem Schlüssel in meiner Westentasche — aber mußte es denn jetzt geschehen? Es blieb mir doch Zeit genug bis morgen früh.

Erst Licht machen!

Ich konnte die Streichhölzer nicht finden.

War die Tür abgesperrt? — Ich ging ein paar Schritte zurück. Blieb wieder stehen.

Warum mit einem Male die Angst?

Ich wollte mir Vorwürfe machen, daß ich feig sei: — die Gedanken blieben stecken. Mitten im Satz.

Eine wahnwitzige Idee überfiel mich plötzlich: Rasch, rasch auf den Tisch steigen, einen Sessel packen und zu mir hinaufziehen und „dem“ den Schädel damit von oben herab einschlagen, das da auf dem Boden herumkroch, — — wenn — wenn es in die Nähe kam.

„Es ist doch niemand hier,“ sagte ich mir laut und ärgerlich vor, „hast du dich denn je im Leben gefürchtet?“

Es half nichts. Die Luft, die ich einatmete, wurde dünn und schneidend wie Äther.

Wenn ichirgend etwas gesehenhätte: das Gräßlichste, was man sich vorstellen kann, — im Nu wäre die Furcht von mir gewichen.

Es kam nichts.

Ich bohrte meine Augen in alle Winkel:

Nichts.

Überall lauter wohlbekannte Dinge: Möbel, Truhen, die Lampe, das Bild, die Wanduhr — leblose, alte, treue Freunde.

Ich hoffte, sie würden sich vor meinen Blicken verändern und mir Grund geben, eine Sinnestäuschungals Ursache für das würgende Angstgefühl in mir zu finden.

Auch das nicht. — Sie blieben ihrer Form starr getreu. Viel zu starr für das herrschende Halbdunkel, als daß es natürlich gewesen wäre.

„Sie stehen unter demselben Zwang wie du selbst,“ fühlte ich. „Sie trauen sich nicht, auch nur die leiseste Bewegung zu machen.“

Warum tickt die Wanduhr nicht? —

Das Lauern ringsum trank jeden Laut.

Ich rüttelte am Tisch und wunderte mich, daß ich das Geräusch hören konnte.

Wenn doch wenigstens der Wind ums Haus pfiffe! — Nicht einmal das! Oder das Holz im Ofen aufknallen wollte: — das Feuer war erloschen.

Und immerwährend dasselbe entsetzliche Lauern in der Luft — pausenlos, lückenlos, wie das Rinnen von Wasser.

Dieses vergebliche Auf-dem-Sprung-stehen aller meiner Sinne! Ich verzweifelte daran, es je überdauern zu können. — Der Raum voll Augen, die ich nicht sehen, — voll von planlos wandernden Händen, die ich nicht greifen konnte.

„Es ist das Entsetzen, das sich aus sich selbst gebiert, die lähmende Schrecknis des unfaßbaren Nicht-Etwas, das keine Form hat und unserm Denken die Grenzen zerfrißt,“ begriff ich dumpf.

Ich stellte mich steif hin und wartete.

Wartete wohl eine Viertelstunde: vielleicht ließ „es“ sich verleiten und schlich von rückwärts an mich heran — und ich konnte es ertappen?!

Mit einem Ruck fuhr ich herum: wieder nichts.

Dasselbe markverzehrende „Nichts“, dasnicht warund doch das Zimmer mit seinem grausigen Leben erfüllte.

Wenn ich hinausliefe? Was hinderte mich?

„Es würde mit mir gehen,“ wußte ich sofort mit unabweisbarer Sicherheit. Auch, daß es mir nichts nützen könnte, wenn ich Licht machte, sah ich ein, — dennoch suchte ich so lang nach dem Feuerzeug, bis ich es gefunden hatte.

Aber der Kerzendocht wollte nicht brennen und kam lang aus dem Glimmen nicht heraus: die kleine Flamme konnte nicht leben und nicht sterben, und als sie sich endlich doch ein schwindsüchtiges Dasein erkämpft hatte, blieb sie glanzlos wie gelbes, schmutziges Blech. Nein, da war die Dunkelheit noch besser.

Ich löschte wieder aus und warf mich angezogen übers Bett. Zählte die Schläge meines Herzens: eins, zwei, drei — vier ... bis tausend, und immer von neuem — Stunden, Tage, Wochen, wie mir schien, bis meine Lippen trocken wurden und das Haar sich mir sträubte: keine Sekunde der Erleichterung.

Auch nicht eine einzige.

Ich fing an, mir Worte vorzusagen, wie sie mir gerade auf die Zunge kamen: „Prinz“, „Baum“, „Kind“, „Buch“ — und sie krampfhaft zu wiederholen, bis sie plötzlich als sinnlose, schreckhafte Laute aus barbarischer Vorzeit nackt mir gegenüberstanden, und ich mit aller Kraft nachdenken mußte, in ihre Bedeutung zurückzufinden: P—r—i—n—z? — B—u—ch?

War ich nicht schon wahnsinnig? Oder gestorben? — Ich tastete an mir herum.

Aufstehen!

Mich in den Sessel setzen!

Ich ließ mich in den Lehnstuhl fallen.

Wenn doch endlich der Tod käme!

Nur dieses blutlose, furchtbare Lauern nicht mehr fühlen! „Ich — will nicht — ich — will — nicht,“ — schrie ich. „Hört ihr denn nicht?!“

Kraftlos fiel ich zurück.

Konnte es nicht fassen, daß ich immer noch lebte.

Unfähig, irgend etwas zu denken oder zu tun, stierte ich geradeaus vor mich hin.

— — — — — — — — — — — — — —

„Weshalb er mir nur die Körner so beharrlich hinreicht?“ ebbte ein Gedanke auf mich zu, zog sich zurück und kam wieder. Zog sich zurück. Kam wieder.

Langsam wurde mir endlich klar, daß ein seltsames Wesen vor mir stand — vielleicht schon, seit ich hier saß, dagestanden hatte — und mir die Hand hinstreckte:

Ein graues, breitschultriges Geschöpf, in der Größe eines gedrungen gewachsenen Menschen, auf einen spiralförmig gedrehten Knotenstock aus weißem Holz gestützt.

Wo der Kopf hätte sitzen müssen, konnte ich nur einen Nebelballen aus fahlem Dunst unterscheiden.

Ein trüber Geruch nach Sandelholz und nassem Schiefer ging von der Erscheinung aus.

Ein Gefühl vollkommenster Wehrlosigkeit raubte mir fast die Besinnung. Was ich die ganze lange Zeit an nervenzernagender Qual mitgemacht, drängte sich jetztzu Todesschrecken zusammen und war in diesem Wesen zur Form geronnen.

Mein Selbsterhaltungstrieb sagte mir, ich würde wahnsinnig werden vor Entsetzen und Furcht, wenn ich das Gesicht des Phantoms sehen könnte, — warnte mich davor, schrie es mir in die Ohren — und doch zog es mich wie ein Magnet, daß ich den Blick von dem fahlen Nebelballen nicht wenden konnte und darin forschte nach Augen, Nase und Mund.

Aber so sehr ich mich auch abmühte: der Dunst blieb unbeweglich. Wohl glückte es mir, Köpfe aller Art auf den Rumpf zu setzen, doch jedesmal wußte ich, daß sie nur meiner Einbildungskraft entstammten.

Sie zerrannen auch stets — fast in derselben Sekunde, wo ich sie geschaffen hatte.

Nur die Form eines ägyptischen Ibiskopfs blieb noch am längsten bestehen.

Die Umrisse des Phantoms schleierten schemenhaft in der Dunkelheit, zogen sich kaum merklich zusammen und dehnten sich wieder aus, wie unter langsamen Atemzügen, die die ganze Gestalt durchliefen, die einzige Bewegung, die zu bemerken war. Statt der Füße berührten Knochenstumpen den Boden, von denen das Fleisch — grau und blutleer — auf Spannenbreite zu wulstigen Rändern emporgezogen war.

Regungslos hielt das Geschöpf mir seine Hand hin.

Kleine Körner lagen darin. Bohnengroß, von roter Farbe und mit schwarzen Punkten am Rande.

Was sollte ich damit?!

Ich fühlte dumpf: eine ungeheure Verantwortung lag auf mir — eine Verantwortung, die weit hinausging über alles Irdische, — wenn ich jetzt nicht das Richtige tat.

Zwei Wagschalen, jede belastet mit dem Gewicht des halben Weltgebäudes, schweben irgendwo im Reich der Ursachen, ahnte ich, — auf welche von beiden ich ein Stäubchen warf: die sank zu Boden.

Daswar das furchtbare Lauern ringsum! verstand ich. „Keinen Finger rühren!“ riet mir mein Verstand, — „und wenn der Tod in alle Ewigkeit nicht kommen sollte und mich erlösen aus dieser Qual.“ —

Auch dann hättest du deine Wahl getroffen: du hättest die Körnerabgelehnt, raunte es in mir. Hier gibt’s kein Zurück.

Hilfe suchend blickte ich mich um, ob mir denn kein Zeichen würde, was ich tun sollte.

Nichts.

Auch in mir kein Rat, kein Einfall, — alles tot, gestorben.

Das Leben von Myriaden Menschen wiegt leicht wie eine Feder in diesem furchtbaren Augenblick, erkannte ich — —.

Es mußte bereits tiefe Nacht sein, denn ich konnte die Wände meines Zimmers nicht mehr unterscheiden.

Nebenan im Atelier stampften Schritte; ich hörte, daß jemand Schränke rückte, Schubladen aufriß und polternd zu Boden warf, glaubte Wassertrums Stimme zu erkennen, wie er in seinem röchelnden Baß wilde Flüche ausstieß; ich horchte nicht hin. Es war mir belangloswie das Rascheln einer Maus. — Ich schloß die Augen:

Menschliche Antlitze zogen in langen Reihen an mir vorüber. Die Lider zugedrückt — starre Totenmasken: — mein eigenes Geschlecht, meine eigenen Vorfahren.

Immer dieselbe Schädelbildung, wie auch der Typus zu wechseln schien, so stand es auf aus seinen Grüften, — mit glattem, gescheiteltem Haar, gelocktem und kurz geschnittenem, mit Allongeperücken und in Ringe gezwängten Schöpfen — durch Jahrhunderte heran, bis die Züge mir bekannter und bekannter wurden und in ein letztes Gesicht zusammenflossen: — das Gesicht des Golem, mit dem die Kette meiner Ahnen abbrach.

Dann löste die Finsternis mein Zimmer in einen unendlichen leeren Raum auf, in dessen Mitte ich mich auf meinem Lehnstuhl sitzen wußte, vor mir der graue Schatten wieder mit dem ausgestreckten Arm.

Und als ich die Augen aufschlug, standen in zwei sich schneidenden Kreisen, die einen Achter bildeten, fremdartige Wesen um uns herum:

Die des einen Kreises gehüllt in Gewänder mit violettem Schimmer, die des anderen mit rötlich schwarzem. Menschen einer fremden Rasse, von hohem, unnatürlich schmächtigem Wuchs, die Gesichter hinter leuchtenden Tüchern verborgen.

Das Herzbeben in meiner Brust sagte mir, daß der Zeitpunkt der Entscheidung gekommen war. Meine Finger zuckten nach den Körnern: — und da sah ich, wie ein Zittern durch die Gestalten des rötlichen Kreises ging. —

Sollte ich die Körner zurückweisen?: das Zittern ergriff den bläulichen Kreis; — ich blickte den Mann ohne Kopf scharf an; er stand da — in derselben Stellung: regungslos wie früher.

Sogar sein Atmen hatte aufgehört.

Ich hob den Arm, wußte noch immer nicht, was ich tun sollte, und — schlug auf die ausgestreckte Hand des Phantoms, daß die Körner über den Boden hinrollten.

Einen Moment, so jäh wie ein elektrischer Schlag, entglitt mir das Bewußtsein, und ich glaubte in endlose Tiefen zu stürzen, — dann stand ich fest auf den Füßen.

Das graue Geschöpf war verschwunden. Ebenso die Wesen des rötlichen Kreises.

Die bläulichen Gestalten hingegen hatten einen Ring um mich gebildet; sie trugen eine Inschrift aus goldnen Hieroglyphen auf der Brust und hielten stumm — es sah aus wie ein Schwur — zwischen Zeigefinger und Daumen die roten Körner in die Höhe, die ich dem Phantom ohne Kopf aus der Hand geschlagen hatte.

Ich hörte, wie draußen Hagelschauer gegen die Fenster tobten und brüllender Donner die Luft zerriß:

Ein Wintergewitter in seiner ganzen besinnungslosen Wut raste über die Stadt hinweg. Vom Fluß her dröhnten durch das Heulen des Sturms in rhythmischen Intervallen die dumpfen Kanonenschüsse, die das Brechen der Eisdecke auf der Moldau verkündeten. Die Stube loderte im Licht der ununterbrochen aufeinanderfolgenden Blitze. Ich fühlte mich plötzlich so schwach, daß mir die Knie zitterten und ich mich setzen mußte.

„Sei ruhig,“ sagte deutlich eine Stimme neben mir,„sei ganz ruhig, es ist heute die Lelschimurim: die Nacht der Beschützung.“ —

— — — — — — — — — — — — — —

Allmählich ließ das Unwetter nach, und der betäubende Lärm ging über in das eintönige Trommeln der Schloßen auf die Dächer.

Die Mattigkeit in meinen Gliedern nahm derart zu, daß ich nur mehr mit stumpfen Sinnen und halb im Traum wahrnahm, was um mich her vorging:

Jemand aus dem Kreis sagte die Worte:

„Den ihr suchet, der ist nicht hier.“

Die andern erwiderten etwas in einer fremden Sprache.

Hierauf sagte der erste wieder leise einen Satz, darin kam der Name

„Henoch“

vor, aber ich verstand das übrige nicht: der Wind trug das Stöhnen der berstenden Eisschollen zu laut vom Flusse herüber.

— — — — — — — — — — — — — —

Dann löste sich einer aus dem Kreis, trat vor mich hin, deutete auf die Hieroglyphen auf seiner Brust — sie waren dieselben Buchstaben wie die der übrigen — und fragte mich, ob ich sie lesen könne.

Und als ich — lallend vor Müdigkeit — verneinte, streckte er die Handfläche gegen mich aus, und die Schrift erschien leuchtend aufmeinerBrust in Lettern, die zuerst lateinisch waren:

CHABRAT ZEREH AUR BOCHER— — — — — — — — — — — —

und sich langsam in die mir unbekannten verwandelten. — — — Und ich fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf, wie ich ihn seit jener Nacht, wo Hillel mir die Zunge gelöst, nicht mehr gekannt hatte.

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Wie im Fluge waren mir die Stunden der letzten Tage vergangen. Kaum, daß ich mir Zeit zu den Mahlzeiten ließ.

Ein unwiderstehlicher Drang nach äußerer Tätigkeit hatte mich von früh bis abends an meinen Arbeitstisch gefesselt.

Die Gemme war fertig geworden, und Mirjam hatte sich wie ein Kind darüber gefreut.

Auch der Buchstabe „I“ in dem Buche Ibbur war ausgebessert.

Ich lehnte mich zurück und ließ ruhevoll all die kleinen Geschehnisse der heutigen Stunden an mir vorüberziehen:

Wie das alte Weib, das mich bediente, am Morgen nach dem Ungewitter zu mir ins Zimmer gestürzt kam mit der Meldung, die steinerne Brücke sei in der Nacht eingestürzt. —

Seltsam: — Eingestürzt! Vielleicht gerade in der Stunde, wo ich die Körner — — — nein, nein, nicht daran denken; es könnte einen Anstrich von Nüchternheit bekommen, was damals geschehen war, und ich hatte mir vorgenommen, es in meiner Brust begraben sein zu lassen, bis es von selbst wieder erwachte, — nur nicht daran rühren!

Wie lange war’s her, da ging ich noch über die Brücke,sah die steinernen Statuen, — und jetzt lag sie, die Brücke, die Jahrhunderte gestanden, in Trümmern.

Es stimmte mich beinahe wehmütig, daß ich nie mehr meinen Fuß auf sie setzen sollte. Wenn man sie auch wieder aufbaute, war es doch nicht mehr die alte, geheimnisvolle, steinerne Brücke.

Stundenlang hatte ich, während ich an der Gemme schnitt, darüber nachdenken müssen, und so selbstverständlich, als hätte ich es nie vergessen gehabt, war es lebendig in mir geworden: wie oft ich als Kind und auch in späteren Jahren zu dem Bildnis der heiligen Luitgard und all den andern, die jetzt begraben lagen in den tosenden Wassern, aufgeblickt hatte.

Die vielen, kleinen lieben Dinge, die ich in meiner Jugend mein eigen genannt, hatte ich wieder gesehen im Geiste — und meinen Vater und meine Mutter und die Menge Schulkameraden. Nur an das Haus, wo ich gewohnt, konnte ich mich nicht mehr erinnern.

Ich wußte, es würde plötzlich, eines Tages, wenn ich es am wenigsten erwartete, wieder vor mir stehen; und ich freute mich darauf.

Die Empfindung, daß sich mit einem Male alles natürlich und einfach in mir abwickelte, war so behaglich.

Als ich vorgestern das Buch Ibbur aus der Kassette geholt hatte, — es war so gar nichts Erstaunliches daran gewesen, daß es aussah, nun, wie eben ein altes, mit wertvollen Initialen geschmücktes Pergamentbuch aussieht — schien es mir ganz selbstverständlich.

Ich konnte nicht begreifen, daß es jemals gespenstisch auf mich gewirkt hatte!

Es war in hebräischer Sprache geschrieben, vollkommen unverständlich für mich.

Wann wohl der Unbekannte es wieder holen kommen würde?

Die Freude am Leben, die während der Arbeit heimlich in mich eingezogen war, erwachte von neuem in ihrer ganzen erquickenden Frische und verscheuchte die Nachtgedanken, die mich hinterrücks wieder überfallen wollten.

Rasch nahm ich Angelinas Bild — ich hatte die Widmung, die darunter stand, abgeschnitten — und küßte es.

Es war das alles so töricht und widersinnig, aber warum nicht einmal von — Glück träumen, die glitzernde Gegenwart festhalten und sich daran freuen, wie über eine Seifenblase?

Konnte denn nicht vielleicht doch in Erfüllung gehen, was mir da die Sehnsucht meines Herzens vorgaukelte? War es so ganz und gar unmöglich, daß ich über Nacht ein berühmter Mann würde? Ihr ebenbürtig, wenn auch nicht an Herkunft? Zumindest Dr. Savioli ebenbürtig? Ich dachte an die Gemme Mirjams: wenn mir noch andere so gelangen, wie diese, — kein Zweifel, selbst die ersten Künstler aller Zeiten hatten nie etwas Besseres geschaffen.

Und nur ein Zufall angenommen: der Gatte Angelinas stürbe plötzlich?

Mir wurde heiß und kalt: ein winziger Zufall — und meine Hoffnung, die verwegenste Hoffnung, gewann Gestalt. An einem dünnen Faden, der stündlich reißenkonnte, hing das Glück, das mir dann in den Schoß fallen müßte.

War mir denn nicht schon tausendfachWunderbareres geschehen? Dinge, von denen die Menschheit gar nicht ahnte, daß sie überhaupt existierten?

War eskeinWunder, daß binnen weniger Wochen künstlerische Fähigkeiten in mir erwacht waren, die mich jetzt schon weit über den Durchschnitt erhoben?

Und ich stand doch erst amAnfangdes Weges!

Hatteichdenn kein Anrecht auf Glück?

Ist denn Mystik gleichbedeutend mit Wunschlosigkeit?

Ich übertönte das „Ja“ in mir: — nur noch eine Stunde träumen — eine Minute — ein kurzes Menschendasein!

Und ich träumte mit offenen Augen:

Die Edelsteine auf dem Tisch wuchsen und wuchsen und umgaben mich von allen Seiten mit farbigen Wasserfällen. Bäume aus Opal standen in Gruppen beisammen und strahlten die Lichtwellen des Himmels, der blau schillerte wie der Flügel eines gigantischen Tropenschmetterlings, in Funkensprühregen über unabsehbare Wiesen voll heißem Sommerduft.

Mich dürstete, und ich kühlte meine Glieder in dem eisigen Gischt der Bäche, die über Felsblöcke rauschten aus schimmerndem Perlmutter.

Schwüler Hauch strich über Hänge, übersät mit Blüten und Blumen, und machte mich trunken mit den Gerüchen von Jasmin, Hyazinthen, Narzissen, Seidelbast — — —

Unerträglich! Unerträglich! Ich verlöschte das Bild. — Mich dürstete.

Das waren die Qualen des Paradieses.

Ich riß die Fenster auf und ließ den Tauwind an meine Stirne wehen.

Es roch nach kommendem Frühling — — —

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Mirjam!

Ich mußte an Mirjam denken. Wie sie sich vor Erregung an der Wand hatte halten müssen, um nicht umzufallen, als sie mir erzählen gekommen, ein Wunder sei geschehen, ein wirkliches Wunder: sie habe ein Goldstück gefunden in dem Brotlaib, den der Bäcker vom Gang aus durchs Gitter ins Küchenfenster gelegt. — — —

Ich griff nach meiner Börse. — Hoffentlich war es heute nicht schon zu spät, und ich kam noch zurecht,ihr wieder einen Dukaten zuzuzaubern!

Täglich hatte sie mich besucht, um mir Gesellschaft zu leisten, wie sie es nannte, dabei aber fast nicht gesprochen, so erfüllt war sie von dem „Wunder“ gewesen. Bis in die tiefsten Tiefen hatte das Erlebnis sie aufgewühlt und, wenn ich mir vorstellte, wie sie manchmal plötzlich ohne äußern Grund — nur unter dem Einfluß ihrer Erinnerung — totenblaß geworden war bis in die Lippen, schwindelte mir bei dem bloßen Gedanken, ich könnte in meiner Blindheit Dinge angerichtet haben, deren Tragweite bis ins Grenzenlose ging.

Und wenn ich mir die letzten, dunkeln Worte Hillels ins Gedächtnis rief und in Zusammenhang damit brachte, überlief es mich eiskalt.

Die Reinheit des Motivs war keine Entschuldigung für mich, — der Zweck heiligt die Mittelnicht, das sah ich ein.

Und was, wenn überdies das Motiv: „helfen zu wollen“ nurscheinbar„rein“ war? Hielt sich nicht vielleicht doch eine heimliche Lüge dahinter verborgen?: der selbstgefällige, unbewußte Wunsch, in der Rolle des Helfers zu schwelgen?

Ich fing an, irre an mir selbst zu werden.

Daß ich Mirjam viel zu oberflächlich beurteilt hatte, war klar.

Schon als die Tochter Hillels mußte sie anders sein als andere Mädchen.

Wie hatte ich nur so vermessen sein können, auf solch törichte Weise in ein Innenleben einzugreifen, das vielleicht himmelhoch über meinem eigenen stand!

Schon ihr Gesichtsschnitt, der hundertmal eher in die Zeit der sechsten ägyptischen Dynastie paßte und selbst für diese noch viel zu vergeistigt war, als in die unsrige mit ihren Verstandesmenschentypen, hätte mich warnen müssen.

„Nur der ganz Dumme mißtraut dem äußern Schein,“ hatte ich irgendwo einmal gelesen. — Wie richtig! Wie richtig!

Mirjam und ich waren jetzt gute Freunde; sollte ich ihr eingestehen, daß ich es gewesen war, der die Dukaten Tag für Tag ins Brot geschmuggelt hatte?

Der Schlag käme zu plötzlich. Würde sie betäuben.

Ich durfte das nicht wagen, mußte behutsamer vorgehen.

Das „Wunder“ irgendwie abschwächen? Statt das Geld ins Brot zu stecken, es auf die Treppenstufe legen, daß sie es finden mußte, wenn sie die Tür aufmachte, und so weiter, und so weiter? Etwas Neues, weniger Schroffes würde sich schon ausdenken lassen, irgendein Weg, der sie aus dem Wunderbaren allmählich wieder ins Alltägliche herüberlenkte, tröstete ich mich.

Ja! Das war das Richtige.

Oder den Knoten zerhauen? Ihren Vater einweihen und zu Rate ziehen? Die Schamröte stieg mir ins Gesicht. Zu diesem Schritt blieb Zeit genug, wenn alle andern Mittel versagten.

Nur gleich ans Werk gehen, keine Zeit versäumen!

Ein guter Einfall kam mir: ich mußte Mirjam zu etwas ganz Absonderlichem bewegen, sie für ein paar Stunden aus der gewohnten Umgebung reißen, daß sie andere Eindrücke bekam.

Wir würden einen Wagen nehmen und eine Spazierfahrt machen. Wer kannte uns denn, wenn wir das Judenviertel mieden?

Vielleicht interessierte es sie, die eingestürzte Brücke zu besichtigen?

Oder der alte Zwakh oder eine ihrer früheren Freundinnen sollte mit ihr fahren, wenn sie es ungeheuerlich finden würde, daß ich mit dabei sei.

Ich war fest entschlossen, keinen Widerspruch gelten zu lassen.

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An der Türschwelle rannte ich einen Mann beinahe über den Haufen.

Wassertrum!

Er mußte durchs Schlüsselloch hineingespäht haben, denn er stand gebückt, als ich mit ihm zusammengestoßen war.

„Suchen Sie mich?“ fragte ich barsch.

Er stammelte ein paar Worte der Entschuldigung in seinem unmöglichen Jargon; dann bejahte er.

Ich forderte ihn auf, näher zu treten und sich zu setzen, aber er blieb am Tisch stehen und drehte krampfhaft mit der Hutkrempe. Eine tiefe Feindseligkeit, die er vergebens vor mir verbergen wollte, spiegelte aus seinem Gesicht und jeder seiner Bewegungen.

Noch nie hatte ich den Mann in so unmittelbarer Nähe gesehen. Seine grauenhafte Häßlichkeit war es nicht, die einen so abstieß; (sie machte mich eher mitleidig gestimmt: er sah aus wie ein Geschöpf, dem die Natur selbst bei seiner Geburt voll Wut und Abscheu mit dem Fuß ins Gesicht getreten hatte) — etwas anderes, Unwägbares, das von ihm ausging, trug die Schuld daran.

Das „Blut“, wie Charousek es treffend bezeichnet hatte.

Unwillkürlich wischte ich mir die Hand ab, die ich ihm bei seinem Eintritt gereicht hatte.

So wenig auffällig ich es machte, er schien es doch bemerkt zu haben, denn er mußte sich plötzlich mit Gewalt zwingen, das Aufflammen des Hasses in seinen Zügen zu unterdrücken.

„Hübsch ham Se’s hier,“ fing er endlich stockend an, als er sah, daß ich ihm nicht den Gefallen tat, das Gespräch zu beginnen.

Im Widerspruch zu seinen Worten schloß er dabei die Augen, vielleicht, um meinem Blick nicht zu begegnen. Oder glaubte er, daß es seinem Gesicht einen harmloseren Ausdruck verleihen würde?

Man konnte ihm deutlich anhören, welche Mühe er sich gab, hochdeutsch zu reden.

Ich fühlte mich nicht zu einer Entgegnung verpflichtet und wartete, was er weiter sagen würde.

In seiner Verlegenheit griff er nach derFeile, die — weiß Gott wieso — noch seit Charouseks Besuch auf dem Tisch lag, fuhr aber unwillkürlich sofort wie von einer Schlange gebissen zurück. Ich staunte innerlich über seine unterbewußte seelische Feinfühligkeit.

„Freilich, natürlich, es gehört zum Geschäft, daß man’s fein hat,“ raffte er sich auf, zu sagen, „wenn man — so noble Besuche bekommt.“ Er wollte die Augen aufschlagen, um zu sehen, welchen Eindruck die Worte auf mich machten, hielt es aber offenbar noch für verfrüht und schloß sie schnell wieder.

Ich wollte ihn in die Enge treiben: „Sie meinen die Dame, die neulich hier vorfuhr? Sagen Sie doch offen, wo Sie hinauswollen!“

Er zögerte einen Moment, dann packte er mich heftig am Handgelenk und zerrte mich ans Fenster.

Die sonderbare, unmotivierte Art, mit der er es tat, erinnerte mich daran, wie er vor einigen Tagen den taubstummen Jaromir unten in seine Höhle gerissen hatte.

Mit krummen Fingern hielt er mir einen blitzenden Gegenstand hin:

„Was glauben Sie, Herr Pernath, laßt sich da noch was machen?“

Es war eine goldene Uhr, mit so stark verbeulten Deckeln, daß es fast aussah, als hätte sie jemand mit Absicht verbogen.

Ich nahm ein Vergrößerungsglas: die Scharniere waren zur Hälfte abgerissen und innen — stand da nicht etwas eingraviert? Kaum mehr leserlich und noch überdies mit einer Menge ganz frischer Schrammen zerkratzt. Langsam entzifferte ich:

K—rl Zott—mann.

Zottmann? Zottmann? — Wo hatte ich diesen Namen doch gelesen? Zottmann? Ich konnte mich nicht entsinnen. Zottmann?

Wassertrum schlug mir die Lupe beinahe aus der Hand:

„Im Werk is nix, da hab’ ich schon selber geschaut. Aber mit’m Gehäuse, da stinkt’s.“

„Braucht man nur gerade zu klopfen — höchstens ein paar Lötstellen. Das kann Ihnen ebensogut jeder beliebige Goldarbeiter machen, Herr Wassertrum.“

„Ich leg’ doch Wert darauf, daß es eine solide Arbeit wird. Was man so sagt: künstlerisch,“ unterbrach er mich hastig. Fast ängstlich.

„Nun gut, wenn Ihnen derart viel daran liegt —“

„Viel daran liegt!“ Seine Stimme schnappte über vor Eifer. „Ich will sie doch selber tragen, die Uhr. Und wenn ich sie jemanden zeig’, will ich sagen können: schauen Sie mal her,soarbeitet der Herr von Pernath.“

Ich ekelte mich vor dem Kerl; erspuckte mir seine widerwärtigen Schmeicheleien förmlich ins Gesicht.

„Wenn Sie in einer Stunde wiederkommen, wird alles fertig sein.“

Wassertrum wand sich in Krämpfen: „Das gibt’s nicht. Das will ich nicht. Drei Tag. Vier Tag. Die nächste Woche ist Zeit genug. Das ganze Leben möcht’ ich mir Vorwürfe machen, daß ich Ihnen gedrängt hab’.“

Was wollte er nur, daß er so außer sich geriet? — Ich machte einen Schritt ins Nebenzimmer und sperrte die Uhr in die Kassette. Angelinas Photographie lag obenauf. Schnell schlug ich den Deckel wieder zu — für den Fall, daß Wassertrum mir nachblicken sollte.

Als ich zurückkam, fiel mir auf, daß er sich verfärbt hatte.

Ich musterte ihn scharf, ließ aber meinen Verdacht sofort fallen: Unmöglich! Erkonntenichts gesehen haben.

„Also, dann vielleicht nächste Woche,“ sagte ich, um seinem Besuch ein Ende zu machen.

Er schien mit einem Male keine Eile mehr zu haben, nahm einen Sessel und setzte sich.

Im Gegensatz zu früher hielt er seine Fischaugen jetzt beim Reden weit offen und fixierte beharrlich meinen obersten Westenknopf. — —

Pause.

„Die Duksel hat Ihnen natürlich gesagt, Sie sollen sich nix wissen machen, wenn’s herauskommt. Waas?“sprudelte er plötzlich ohne jede Einleitung auf mich los und schlug mit der Faust auf den Tisch.

Es lag etwas merkwürdig Schreckhaftes in der Abgerissenheit, mit der er von einer Sprechweise in die andere übergehen — von Schmeicheltönen blitzartig ins Brutale springen konnte, und ich hielt es für sehr wahrscheinlich, daß die meisten Menschen, besonders Frauen, sich im Handumdrehen in seiner Gewalt befinden mußten, wenn er nur die geringste Waffe gegen sie besaß.

Ich wollte auffahren, ihn am Hals packen und vor die Tür setzen, war mein erster Gedanke; dann überlegte ich, ob es nicht klüger sei, ihn zuvörderst einmal gründlich auszuhorchen.

„Ich verstehe wahrhaftig nicht, was Sie meinen, Herr Wassertrum;“ — ich bemühte mich, ein möglichst dummes Gesicht zu machen. „Duksel? Was ist das: Duksel?“

„Soll ich Ihnen vielleicht Deitsch lernen?“ fuhr er mich grob an. „Die Hand werden Sie aufheben müssen bei Gericht, wenn’s um die Wurscht geht. Verstehen Sie mich?! Das sag’ ich Ihnen!“ — Er fing an zu schreien: „Mir ins Gesicht hinein werden Sie nicht abschwören, daß ‚sie‘ von da drüben“ — er deutete mit dem Daumen nach dem Atelier — „zu Ihnen heribber geloffen is mit en Teppich an und — sonst nix!“

Die Wut stieg mir in die Augen; ich packte den Halunken an der Brust und schüttelte ihn:

„Wenn Sie jetzt noch ein Wort in diesem Ton sagen, breche ich Ihnen die Knochen im Leibe entzwei! Verstanden?“

Aschfahl sank er in den Stuhl zurück und stotterte:

„Was is? Was is? Was wollen Sie? Ich mein’ doch bloß.“

Ich ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, um mich zu beruhigen. Horchte nicht hin, was er alles zu seiner Entschuldigung herausgeiferte.

Dann setzte ich mich ihm dicht gegenüber, in der festen Absicht, die Sache, soweit sie Angelina betraf, ein für allemal mit ihm ins Reine zu bringen und, sollte es im Frieden nicht gehen, ihn zu zwingen, endlich die Feindseligkeiten zu eröffnen und seine paar schwachen Pfeile vorzeitig zu verschießen.

Ohne seine Unterbrechungen im geringsten zu beachten, sagte ich ihm auf den Kopf zu, daß Erpressungen irgendwelcher Art — ich betonte das Wort — mißglücken müßten, da er auch nicht eine einzige Anschuldigung mit Beweisen erhärten könnte und ich mich einer Zeugenschaft (angenommen, es wäre überhaupt im Bereiche der Möglichkeit, daß es je zu einer solchen käme) —bestimmtzu entziehen wissen würde. Angelina stünde mir viel zu nahe, als daß ich sie nicht in der Stunde der Not retten würde, koste es, was es wolle,sogar einen Meineid!

Jede Muskel in seinem Gesicht zuckte, seine Hasenscharte zog sich bis zur Nase auseinander, er fletschte die Zähne und kollerte wie ein Truthahn mir immer wieder in die Rede hinein: „Will ich denn was von die Duksel? So hören Sie doch zu!“ — Er war außer sich vor Ungeduld, daß ich mich nicht beirren ließ. — „Um den Savioli is mir’s zu tun, um den gottverfluchten Hund,— den — den —,“ fuhr es ihm plötzlich brüllend heraus.

Er japste nach Luft. Rasch hielt ich inne: endlich war er dort, wo ich ihn haben wollte, aber schon hatte er sich gefaßt und fixierte wieder meine Weste.

„Hören Sie zu, Pernath,“ er zwang sich, die kühle, abwägende Sprechweise eines Kaufmanns nachzuahmen, „Sie reden fort von der Duk — — von der Dame. Gut! sie ist verheiratet. Gut: sie hat sich eingelassen mit dem — mit dem jungen Lauser. Was hab’ ich damit zu tun?“ Er bewegte die Hände vor meinem Gesicht hin und her, die Fingerspitzen zusammengedrückt, als hielte er eine Prise Salz darin — „sollsiesich das selber abmachen, die Duksel. — Ich bin e Weltmann, und Sie sin auch e Weltmann. Wir kennen doch das beide. Waas? Ich will doch nur zu meinem Geld kommen. Verstehen Sie, Pernath?!“

Ich horchte erstaunt auf:

„Zu welchem Geld? Ist Ihnen denn Dr. Savioli etwas schuldig?“

Wassertrum wich aus:

„Abrechnungen hab’ ich mit ihm. Das kommt doch auf eins heraus.“

„Sie wollen ihn ermorden!“ schrie ich.

Er sprang auf. Taumelte. Gluckste ein paarmal.

„Jawohl! Ermorden! Wie lange wollen Sie mir noch Komödie vorspielen!“ Ich deutete auf die Tür. „Schauen Sie, daß Sie hinauskommen.“

Langsam griff er nach seinem Hut, setzte ihn auf und wandte sich zum Gehen. Dann blieb er noch einmalstehen und sagte mit einer Ruhe, deren ich ihn nie für fähig gehalten hätte:

„Auch recht. Ich hab’ Sie herauslassen wollen. Gut. Wenn nicht: Nicht. Barmherzige Barbiere machen faule Wunden. Mein Zarbüchel ist voll. Wenn Sie gescheit gewesen wären —: der Savioli is Ihnen doch nur im Weg!? —Jetzt—mach—ich—mit—Ihnen allen dreien“ — er deutete mit einer Geste des Erdrosselns an, was er meinte — „Preßcolleeh.“

Seine Mienen drückten eine so satanische Grausamkeit aus, und er schien seiner Sache so sicher zu sein, daß mir das Blut in den Adern erstarrte. Er mußte eine Waffe in Händen haben, von der ich nichts ahnte, die auch Charousek nicht kannte. Ich fühlte den Boden unter mir wanken.

„Die Feile! Die Feile!“ hörte ich es in meinem Hirn flüstern. Ich schätzte die Entfernung ab: ein Schritt bis zum Tisch — zwei Schritte bis zu Wassertrum — — ich wollte zuspringen — — — da stand wie aus dem Boden gewachsen Hillel auf der Schwelle.

Das Zimmer verschwamm vor meinen Augen.

Ich sah nur — wie durch Nebel —, daß Hillel unbeweglich stehen blieb und Wassertrum Schritt für Schritt bis an die Wand zurückwich.

Dann hörte ich Hillel sagen:

„Sie kennen doch, Aaron, den Satz:Alle Juden sind Bürgen füreinander?Machen Sie’s einem nicht zu schwer.“ — Er fügte ein paar hebräische Worte hinzu, die ich nicht verstand.

„Was haben Sie das netig, an der Türe zu schnuffeln?“ geiferte der Trödler mit bebenden Lippen.

„Ob ich gehorcht habe oder nicht, braucht Sie nicht zu kümmern!“ — wieder schloß Hillel mit einem hebräischen Satz, der diesmal wie eine Drohung klang. Ich erwartete, daß es zu einem Zank kommen würde, aber Wassertrum antwortete nicht eine Silbe, überlegte einen Augenblick und ging dann trotzig hinaus.

Gespannt blickte ich Hillel an. Er winkte mir zu, ich solle schweigen. Offenbar wartete er auf irgend etwas, denn er horchte angestrengt auf den Gang hinaus. Ich wollte die Türe schließen gehen: er hielt mich mit einer ungeduldigen Handbewegung zurück.

Wohl eine Minute verging, dann kamen die schleppenden Schritte des Trödlers wieder die Stufen herauf. Ohne ein Wort zu sprechen ging Hillel hinaus und machte ihm Platz.

Wassertrum wartete, bis er außer Hörweite war, dann knurrte er mich verbissen an:

„Geben Se mer meine Uhr zorück.“

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