Qual

Charousek zog eine Medizinflasche hervor und fuhr bebend fort:

„Beides — lege — ich — hier — auf — Ihren Tisch, die verdorrte Rose und die Phiole; sie waren mir ein Andenken an meinen dahingegangenen Freund.

Wie oft in Stunden innerer Verlassenheit, wenn ich mir den Tod herbeiwünschte in der Einsamkeit meines Herzens und der Sehnsucht nach meiner toten Mutter, spielte ich mit diesem Fläschchen, und es gab mir einen seligen Trost, zu wissen:ich brauchte nur die Flüssigkeit auf ein Tuch zu gießen und einzuatmenund schwebte schmerzlos hinüber in die Gefilde, wo mein lieber, guter Theodor ausruht von den Mühsalen unseres Jammertales.

Und nun bitte ich Sie, hochverehrter Meister, — und deswegen bin ich hergekommen — nehmen Sie beides und bringen Sie es Herrn Wassertrum.

Sagen Sie, Sie hätten es von jemandem bekommen, dem Dr. Wassory nahestand, dessen Namen Sie jedoch gelobt hätten, nie zu nennen, — vielleicht von einer Dame.

Er wird es glauben, und es wird ihm ein Andenken sein, wie es ein teures Andenken für mich war.

Das soll der heimliche Dank sein, den ich ihm gebe. Ich bin arm und es ist alles, was ich habe, aber es macht mich froh, zu wissen: beides wird jetztihmgehören, und dennoch ahnt er nicht, daßichder Geber bin.

Es liegt darin auch zugleich für mich etwas unendlich Süßes.

Und jetzt leben Sie wohl, teurer Meister, und seien Sie im voraus viel tausendmal bedankt.“

Er hielt meine Hand fest, zwinkerte und flüsterte mir, als ich noch immer nicht verstand, kaum hörbar etwas zu.

„Warten Sie, Herr Charousek, ich werde Sie ein Stückchen hinunterbegleiten“, sagte ich mechanisch die Worte nach, die ich von seinen Lippen las, und ging mit ihm hinaus.

Auf dem finsteren Treppenabsatz im ersten Stock blieben wir stehen, und ich wollte mich von Charousek verabschieden.

„Ich kann mir denken, was Sie mit der Komödie bezweckt haben. — — Sie — Sie wollen, daß sich Wassertrum mit dem Fläschchen vergiftet!“ Ich sagte es ihm ins Gesicht.

„Freilich“, gab Charousek aufgeräumt zu.

„Unddazu, glauben Sie, werde ich meine Hand bieten?“

„Durchaus nicht nötig.“

„Aber ich sollte Wassertrum doch die Flasche bringen, sagten Sie vorhin!“

Charousek schüttelte den Kopf:

„Wenn Sie jetzt zurückgehen, werden Sie sehen, daß er sie bereits eingesteckt hat.“

„Wie können Sie das nur annehmen?“, fragte ich erstaunt. „Ein Mensch wie Wassertrum wird sich niemals umbringen, — ist viel zu feig dazu — handelt nie nach plötzlichen Impulsen.“

„Da kennen Sie das schleichende Gift der Suggestion nicht,“ unterbrach mich Charousek ernst. „Hätte ich in alltäglichen Worten geredet, würden Sie vielleicht recht behalten, aber auch den kleinsten Tonfall habe ich vorher berechnet. Nur das widerlichste Pathos wirkt auf solche Hundsfötter! Glauben Sie mir! Sein Mienenspiel bei jedem meiner Sätze hätte ich Ihnen hinzeichnen können. — Kein ‚Kitsch‘, wie es die Maler nennen, ist niederträchtig genug, als daß er nicht der bis ins Mark verlogenen Menge Tränen entlockte — sie ins Herz trifft! Glauben Sie denn, man hätte nicht längst sämtliche Theater mit Feuer und Schwert ausgetilgt, wenn es anders wäre? An der Sentimentalität erkennt man die Kanaille. Tausende armer Teufel können verhungern, da wird nicht geweint, aber wenn ein Schminkkamel auf der Bühne, als Bauerntrampel verkleidet, die Augen verdreht, dann heulen sie wie die Schloßhunde. — — Wenn Väterchen Wassertrum vielleicht auch morgen vergessen hat, was ihm soeben noch — Herzjauche kostete: jedes meiner Worte wird wieder in ihm lebendig werden, wenn die Stunden reifen, wo er sich selbst unendlich bedauernswert vorkommt. — In solchen Momenten des großen Misereres bedarf es bloß eines leisen Anstoßes, — und für den werde ich sorgen — und selbst die feigste Pfote greift nach dem Gift. Es muß nur zur Hand sein! Theodorchen hätte wahrscheinlichauch nicht zugegrapst, wenn ich’s ihm nicht so bequem gemacht hätte.“

„Charousek, Sie sind ein furchtbarer Mensch,“ rief ich entsetzt. „Empfinden Sie denn gar kein — — —“

Er hielt mir schnell den Mund zu und drängte mich in eine Mauernische!

„Still! Da ist er!“

Mit taumelnden Schritten, sich an der Wand stützend, kam Wassertrum die Stiege herunter und wankte an uns vorüber.

Charousek schüttelte mir flüchtig die Hand und schlich ihm nach. — —

Als ich in mein Zimmer zurückgekehrt war, sah ich, daß die Rose und das Fläschchen verschwunden waren und an ihrer Stelle die goldene, zerbeulte Uhr des Trödlers auf dem Tisch lag.

— — — — — — — — — — — — — —

— — — — — — — — — — — — — —

‚Acht Tage müsse ich warten, ehe ich mein Geld bekommen könne; es sei das die übliche Kündigungsfrist‘, hatte man mir auf der Bank gesagt.

Man solle den Direktor holen, denn ich sei in größter Eile und gedächte in einer Stunde abzureisen, hatte ich eine Ausrede gebraucht.

Er sei nicht zu sprechen und könne an den Gepflogenheiten der Bank auch nichts ändern, hieß es, und ein Kerl mit einem Glasauge, der zugleich mit mir an den Schalter getreten war, hatte darüber gelacht.

Acht graue, furchtbare Tage auf den Tod sollte ich also warten!

Wie ein Zeitraum ohne Ende kam es mir vor. — — —

Ich war so niedergeschlagen, daß ich mir gar nicht bewußt wurde, wie lange ich schon vor der Türe eines Kaffeehauses auf und niedergeschritten sein mochte.

Endlich trat ich ein, bloß um den widerwärtigen Kerl mit dem Glasauge los zu werden, der mir von der Bank her nachgekommen war und sich immer in meiner Nähe hielt und, wenn ich ihn anblickte, sofort auf dem Boden herumsuchte, als habe er etwas verloren.

Er hatte einen hellkarierten, viel zu engen Rock an und schwarze, speckglänzende Hosen, die ihm wie Säcke um die Beine schlotterten. Auf seinem linken Stiefel war ein eiförmiger, gewölbter Lederfleck aufgesteppt, daß es aussah, als trüge er darunter einen Siegelring auf der Zehe.

Kaum hatte ich mich niedergesetzt, kam auch er herein und ließ sich an einem Nebentisch nieder.

Ich glaubte, er wolle mich anbetteln, und suchte schon nach meinem Portemonnaie, da sah ich einen großen Brillanten an seinen wulstigen Metzgerfingern aufblitzen.

Stunden und Stunden saß ich in dem Kaffeehause und glaubte vor innerer Nervosität wahnsinnig werden zu müssen, — aber wohin sollte ich gehen? Nach Hause? Herumschlendern? Eines schien mir gräßlicher als das andere.

Die veratmete Luft, das ewige, alberne Klappen der Billardkugeln, das trockene, unaufhörliche Geräusper eines halbblinden Zeitungstigers mir gegenüber, ein storchbeiniger Zollbeamter, der abwechselnd in derNase bohrte oder sich mit gelben Zigarettenfingern vor einem Taschenspiegel den Schnurrbart kämmte, ein braunsammetenes Gebrodel ekelhafte, verschwitzter, schnatternder Italiener um den Kartentisch in der Ecke, die bald unter gellem Gekreisch ihre Trümpfe mit dem Faustknöchel hinschlugen, bald unter Brecherscheinungen ins Zimmer spuckten. Und das alles in den Wandspiegeln doppelt und dreifach sehen zu müssen! Es sog mir langsam das Blut aus den Adern. — —

Es wurde allmählich dunkel und ein plattfüßiger, knieweicher Kellner tastete mit einer Stange nach den Gaslüstern, um sich endlich kopfschüttelnd zu überzeugen, daß sie nicht brennen wollten.

So oft ich das Gesicht wandte, immer begegnete ich dem schielenden Wolfsblick des Glasäugigen, der sich dann jedesmal rasch hinter eine Zeitung versteckte oder seinen schmutzigen Schnurrbart in die längst ausgetrunkene Kaffeetasse tauchte.

Er hatte seinen steifen, runden Hut tief aufgestülpt, daß ihm die Ohren fast wagerecht abstanden, machte aber keine Miene, aufzubrechen.

Es war nicht mehr auszuhalten.

Ich zahlte und ging.

Wie ich die Glastür hinter mir zumachen wollte, nahm mir jemand die Klinke aus der Hand. — Ich drehte mich um:

Wieder der Kerl!

Ärgerlich wollte ich nach links biegen, in der Richtung der Judenstadt zu, da drängte er sich an meine Seite und hinderte mich daran.

„Da hört denn doch alles auf!“ schrie ich ihn an.

„Nach rechts geht’s,“ sagte er kurz.

„Was soll das heißen?“

Er fixierte mich frech:

„Sie sind der Pernath!“

„Sie wollen wahrscheinlich sagen:HerrPernath?“

Er lachte nur hämisch:

„Alsdann keine Faxen jetz! Sie gäh’n Sie mit!“

„Ja, sind Sie toll? Wer sind Sie eigentlich?“, fuhr ich auf.

Er gab keine Antwort, schlug seinen Rock zurück und zeigte vorsichtig auf einen abgeschabten Blechadler, der im Futter festgesteckt war.

Ich begriff: der Falott war Geheimpolizist und verhaftete mich.

„So sagen Sie doch, um Himmels willen, was ist denn los?“

„Sie werden sich’s schonn erfahrrähn. Auf dem Däpartemänt“, erwiderte er grob. „Alla marsch jetz!“

Ich schlug ihm vor, ich wollte einen Wagen nehmen.

„Nix da!“

Wir gingen zur Polizei.

— — — — — — — — — — — — — —

Ein Gendarm führte mich vor eine Tür.

ALOIS OTSCHINPolizeirat

ALOIS OTSCHINPolizeirat

ALOIS OTSCHINPolizeirat

las ich auf der Porzellantafel.

„Sie kännen sich einträtten“, sagte der Gendarm.

Zwei schmierige Schreibtische mit meterhohen Aufsätzen standen einander gegenüber.

Ein paar verkraxte Stühle dazwischen.

Das Bild des Kaisers an der Wand.

Ein Glas mit Goldfischen auf dem Fensterbrett.

Sonst nichts im Zimmer.

Ein Klumpfuß und daneben ein dicker Filzschuh unter zerfransten grauen Hosen hinter dem linken Schreibpult.

Ich hörte rascheln. Jemand murmelte ein paar Worte in böhmischer Sprache und gleich darauf tauchte der Herr Polizeirat aus dem rechten Schreibtisch auf und trat vor mich hin.

Es war ein kleiner Mann mit grauem Spitzbart und hatte die sonderbare Manier, bevor er anfing zu reden, die Zähne zu fletschen wie jemand, der in grelles Sonnenlicht schaut.

Dabei kniff er die Augen hinter den Brillengläsern zusammen, was ihm den Ausdruck furchterregender Niedertracht verlieh.

„Sie heißen Athanasius Pernath und sind“ — er blickte auf ein Blatt Papier, auf dem nichts stand — „Gemmenschneider“.

Sofort kam Leben in den Klumpfuß unter dem anderen Schreibtisch: er wetzte sich an dem Stuhlbein, und ich hörte das Rauschen einer Schreibfeder.

Ich bejahte: „Pernath. Gemmenschneider.“

„No, da sin wir ja gleich beisammen, Herr — — — Pernath, — jawohl Pernath. Ja wohl ja.“ — Der Herr Polizeirat war mit einem Schlag von erstaunlicherLiebenswürdigkeit, als hätte er die erfreulichste Nachricht von der Welt bekommen, streckte mir beide Hände entgegen und bemühte sich in lächerlicher Weise, die Miene eines Biedermannes aufzusetzen.

„Also, Herr Pernath, erzählen Sie mir einmal, was treiben Sie so den ganzen Tag?“

„Ich glaube, daß Sie das nichts angeht, Herr Otschin“, antwortete ich kalt.

Er kniff die Augen zusammen, wartete einen Moment und fuhr dann blitzschnell los:

„Seit wann hat die Gräfin ihr Verhältnis mit dem Savioli?“

Ich war auf etwas Ähnliches gefaßt gewesen und zuckte nicht mit der Wimper.

Er suchte mich geschickt durch Kreuz- und Querfragen in Widersprüche zu verwickeln, aber, so sehr mir auch vor Entsetzen das Herz im Halse schlug, ich verriet mich nicht und kam immer wieder darauf zurück, daß ich den Namen Savioli nie gehört hätte, mit Angelina von meinem Vater her befreundet sei, und daß sie schon öfter Kameen bei mir bestellt habe.

Ich fühlte trotzdem genau, daß der Polizeirat mir ansah, wie ich ihn belog, und innerlich schäumte vor Wut, nichts aus mir herausbekommen zu können.

Er dachte eine Weile nach, dann zog er mich am Rock dicht an sich, deutete warnend mit dem Daumen auf den linken Schreibtisch und flüsterte mir ins Ohr:

„Athanasius! Ihr seliger Vater war mein bester Freund. Ich will Sie retten, Athanasius! Aber Sie müssen mir alles sagen über die Gräfin. — Hören Sie: alles.“

Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte. „Was meinen Sie damit: Sie wollen mich retten?“, fragte ich laut.

Der Klumpfuß stampfte ärgerlich auf den Boden. Der Polizeirat wurde aschgrau im Gesicht vor Haß. Zog die Lippe empor. Wartete. — Ich wußte, daß er gleich wieder losspringen würde; (sein Verblüffungssystem erinnerte mich an Wassertrum) und ich wartete ebenfalls, — sah, daß ein Bocksgesicht, der Inhaber des Klumpfußes, lauernd hinter dem Schreibpulte auftauchte — — dann schrie mich der Polizeirat plötzlich gellend an:

„Mörder“.

Ich war sprachlos vor Verblüffung.

Mißmutig zog sich das Bocksgesicht wieder hinter sein Pult zurück.

Auch der Herr Polizeirat schien ziemlich betreten über meine Ruhe, versteckte es aber geschickt, indem er einen Stuhl herbeizog und mich aufforderte, Platz zu nehmen.

„Sie verweigern also, über die Gräfin die von mir gewünschte Auskunft zu geben, Herr Pernath?“

„Ich kann sie nicht geben, Herr Polizeirat, wenigstens nicht in dem Sinne, wie Sie erwarten. Erstens kenne ich niemand namens Savioli, und dann bin ich felsenfest überzeugt, daß es eine Verleumdung ist, wenn man der Gräfin nachsagt, sie hintergehe ihren Gatten.“

„Sind Sie bereit, das zu beeiden?“

Mir stockte der Atem. „Ja! Jederzeit.“

„Gut. Hm.“

Eine längere Pause entstand, während der der Polizeirat angestrengt nachzugrübeln schien.

Als er mich wieder anblickte, lag ein komödiantenhafter Zug von Schmerzlichkeit in seiner Fratze. Unwillkürlich mußte ich an Charousek denken, wie er dann mit tränenerstickter Stimme anfing:

„Mir können Sie es doch sagen, Athanasius, — mir, dem alten Freund Ihres Vaters, — mir, der Sie auf den Armen getragen hat —“ ich konnte das Lachen kaum verbeißen: er war höchstens zehn Jahre älter als ich — „nicht wahr, Athanasius, es war Notwehr?“

Das Bockgesicht erschien abermals.

„Was war Notwehr?“, fragte ich verständnislos.

„Das mit dem — — —Zottmann!“ schrie mir der Polizeirat einen Namen ins Gesicht.

Das Wort traf mich wie ein Dolchstich: Zottmann! Zottmann! Die Uhr! Der Name Zottmann stand doch in der Uhr eingraviert.

Ich fühlte, wie mir alles Blut zum Herzen strömte: Der grauenhafte Wassertrum hatte mir die Uhr gegeben, um den Verdacht des Mordes auf mich zu lenken!

Sofort warf der Polizeirat die Maske ab, fletschte die Zähne und kniff die Augen zusammen:

„Sie gestehen also den Mord ein, Pernath?“

„Das alles ist ein Irrtum, ein entsetzlicher Irrtum. Um Gottes willen hören Sie mich an. Ich kann es Ihnen erklären, Herr Polizeirat — —!“, schrie ich.

„Werden Sie mir jetzt alles mitteilen in bezug auf die Frau Gräfin“, unterbrach er mich rasch: „ich mache Sie aufmerksam: Sie verbessern Ihre Lage damit.“

„Ich kann nicht mehr sagen, als bereits geschehen ist: die Gräfin ist unschuldig“.

Er biß die Zähne zusammen und wandte sich an das Bocksgesicht:

„Schreiben Sie: — Also, Pernath gesteht den Mord an dem Versicherungsbeamten Karl Zottmann ein“.

Mich packte eine besinnungslose Wut.

„Sie Polizeikanaille!“ brüllte ich los, „was unterstehen Sie sich?!“

Ich suchte nach einem schweren Gegenstand.

Im nächsten Augenblick hatten mich zwei Schutzleute gepackt und mir Handschellen angelegt.

Der Polizeirat blähte sich jetzt wie der Hahn auf dem Mist:

„Und die Uhr da?“, — er hielt plötzlich die verbeulte Uhr in der Hand, — „hat der unglückliche Zottmann noch gelebt, als Sie ihn beraubten, oder nicht?“

Ich war wieder ganz ruhig geworden und gab mit klarer Stimme zu Protokoll:

„Die Uhr hat mir heute vormittag der Trödler Aaron Wassertrum — geschenkt.“

Ein wieherndes Gelächter brach los, und ich sah, wie der Klumpfuß und der Filzpantoffel mitsammen einen Freudentanz unter dem Schreibtisch aufführten.

— — — — — — — — — — — — — —

Die Hände gefesselt, hinter mir ein Gendarm mit aufgepflanztem Bajonett, mußte ich durch die abendlich beleuchteten Straßen gehen.

Gassenjungen zogen in Scharen johlend links und rechts mit, Weiber rissen die Fenster auf, drohten mit Kochlöffeln herunter und schimpften hinter mir drein.

Schon von weitem sah ich den massigen Steinwürfel des Gerichtsgebäudes mit der Inschrift auf dem Giebel herannahen:

„Die strafende Gerechtigkeit istdie Beschirmung aller Braven.“

Dann nahm mich ein riesiges Tor auf und ein Flurzimmer, in dem es nach Küche stank.

Ein vollbärtiger Mann mit Säbel, Beamtenrock und -mütze, barfuß und die Beine in langen, um die Knöchel zusammengebundenen Unterhosen, stand auf, stellte die Kaffeemühle, die er zwischen den Knien hielt, weg und befahl mir, mich auszuziehen.

Dann visitierte er meine Taschen, nahm alles heraus, was er darin fand, und fragte mich, ob ich — Wanzen hätte.

Als ich verneinte, zog er mir die Ringe von den Fingern und sagte, es sei gut, ich könne mich wieder ankleiden.

Man führte mich mehrere Stockwerke hinauf und durch Gänge, in denen vereinzelt große, graue, verschließbare Kisten in den Fensternischen standen.

Eiserne Türen mit Riegelstangen und kleinen, vergitterten Ausschnitten, über jedem eine Gasflamme, zogen sich in ununterbrochener Reihe die Wand entlang. Ein hünenhafter, soldatisch aussehender Gefangenwärter — das erste ehrliche Gesicht seit Stunden — sperrte eine der Türen auf, schob mich in eine dunkle, schrankartige, pestilenzialisch stinkende Öffnung und schloß hinter mir ab.

Ich stand in vollkommener Finsternis und tappte mich zurecht.

Mein Knie stieß an einen Blechkübel.

Endlich erwischte ich — der Raum war so eng, daß ich mich kaum umdrehen konnte — eine Klinke, und stand in — einer Zelle.

Je zwei und zwei Pritschen mit Strohsäcken an den Mauern.

Der Durchgang dazwischen nur einen Schritt breit.

Ein Quadratmeter Gitterfenster hoch oben in der Querwand ließ den matten Schein des Nachthimmels herein.

Unerträgliche Hitze, vom Geruch alter Kleider verpestete Luft erfüllte den Raum.

Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich, daß auf drei der Pritschen — die vierte war leer — Menschen in grauen Sträflingskleidern saßen; die Arme auf die Knie gestützt und die Gesichter in den Händen vergraben.

Keiner sprach ein Wort.

Ich setzte mich auf das leere Bett und wartete. Wartete. Wartete.

Eine Stunde.

Zwei — drei Stunden!

Wenn ich draußen einen Schritt zu hören glaubte, fuhr ich auf:

Jetzt, jetzt kam man mich holen, um mich dem Untersuchungsrichter vorzuführen.

Jedesmal war es eine Täuschung gewesen. Immer wieder verloren sich die Schritte auf dem Gang.

Ich riß mir den Kragen auf — glaubte, ersticken zu müssen.

Ich hörte, wie ein Gefangener nach dem andern sich ächzend ausstreckte.

„Kann man denn das Fenster da oben nicht aufmachen?“, fragte ich voll Verzweiflung laut in die Dunkelheit hinein. Ich erschrak fast vor meiner eigenen Stimme.

„Es geht net,“ antwortete es mürrisch von einem der Strohsäcke herüber.

Ich tastete trotzdem mit der Hand an der Schmalwand entlang: ein Brett in Brusthöhe lief quer hin — — — zwei Wasserkrüge — — — Stücke von Brotrinden.

Mühsam kletterte ich hinauf, hielt mich an den Gitterstäben und preßte das Gesicht an die Fensterritzen, um wenigstens etwas frische Luft zu atmen.

— — — — — — — — — — — — — —

So stand ich, bis mir die Knie zitterten. Eintöniger, schwarzgrauer Nachtnebel vor meinen Augen.

Die kalten Eisenstäbe schwitzten.

Es mußte bald Mitternacht sein.

Hinter mir hörte ich schnarchen. Nur einer schien nicht schlafen zu können: er warf sich hin und her auf dem Stroh und stöhnte manchmal halblaut auf.

Wollte denn der Morgen nicht endlich kommen?! Da! Es schlug wieder.

Ich zählte mit bebenden Lippen:

Eins, zwei, drei! — Gott sei Dank, nur noch wenige Stunden, dann mußte die Dämmerung kommen. Es schlug weiter:

Vier? fünf? — Der Schweiß trat mir auf die Stirn. — Sechs!! — Sieben — — — es warelfUhr.

Erst eine Stunde war vergangen, seit ich das letzte Mal hatte schlagen hören.

— — — — — — — — — — — — — —

Allmählich legten sich meine Gedanken zurecht:

Wassertrum hatte mir die Uhr des vermißten Zottmann zugespielt, um mich in Verdacht zu bringen, einen Mord begangen zu haben. — Er mußte also selbst der Mörder sein; wie hätte er sonst in den Besitz der Uhr kommen können? Würde er die Leiche irgendwo gefunden und dann erst beraubt haben, hätte er sich bestimmt die tausend Gulden Belohnung geholt, die für die Entdeckung des Vermißten öffentlich ausgesetzt waren. — Das konnte aber nicht sein: die Plakate klebten noch immer an den Straßenecken, wie ich deutlich auf meinem Weg ins Gefängnis gesehen hatte. — — —

Daß der Trödler mich angezeigt haben mußte, war klar.

Ebenso: daß er mit dem Polizeirat, wenigstens was Angelina betraf, unter einer Decke steckte. Wozu sonst das Verhör wegen Savioli?

Andererseits ging daraus hervor, daß Wassertrum Angelinas Briefenoch nichtin Händen hatte.

Ich grübelte nach — — —

Mit einem Schlag stand alles mit entsetzlicher Deutlichkeit vor mir, als wäre ich selbst dabei gewesen.

Ja; nur so konnte es sein: Wassertrum hatte meine eiserne Kassette, in der er Beweise vermutete, heimlich an sich genommen, als er gerade mit seinen Polizeikomplizen meine Wohnung durchstöberte, — konnte sie nicht sogleich öffnen, da ich den Schlüssel bei mir trug und war — — — vielleicht gerade jetzt daran, sie in seiner Höhle aufzubrechen.

In wahnsinniger Verzweiflung rüttelte ich an den Gitterstäben, sah Wassertrum im Geiste vor mir, wie er in Angelinas Briefen wühlte — —

Wenn ich nur Charousek benachrichtigen könnte, daß er Savioli wenigstens rechtzeitig warnen ging!

Einen Augenblick klammerte ich mich an die Hoffnung, meine Verhaftung müsse bereits wie ein Lauffeuer in der Judenstadt bekannt geworden sein, und ich vertraute auf Charousek wie auf einen rettenden Engel. Gegen seine infernalische Schlauheit kam der Trödler nicht auf; „Ich werde ihn genau in der Stunde an der Gurgel haben, in der er Dr. Savioli an den Hals will,“ hatte Charousek schon einmal gesagt.

In der nächsten Minute wieder verwarf ich alles undeine wilde Angst packte mich: Wie, wenn Charousek zu spät kam?

Dann war Angelina verloren. — — —

Ich biß mir die Lippen blutig und zerkrallte mir die Brust aus Reue, daß ich die Briefe damals nicht sofort verbrannt hatte; — — — ich schwor es mir zu, Wassertrum noch in derselben Stunde aus der Welt zu schaffen, wo ich wieder auf freiem Fuß sein würde.

Ob ich von eigner Hand starb oder am Galgen — was lag mir daran!

Daß der Untersuchungsrichter meinen Worten glauben würde, wenn ich ihm die Geschichte mit der Uhr plausibel machte, ihm von Wassertrums Drohungen erzählte, — keinen Augenblick zweifelte ich daran.

Bestimmt morgen schon mußte ich frei sein; zumindest würde das Gericht auch Wassertrum wegen Mordverdacht verhaften lassen.

Ich zählte die Stunden und betete, daß sie rascher vergehen möchten; starrte hinaus in den schwärzlichen Dunst.

Nach unsäglich langer Zeit fing es endlich an, heller zu werden, und zuerst wie ein dunkler Fleck, dann immer deutlicher, tauchte ein kupfernes, riesiges Gesicht aus dem Nebel: das Zifferblatt einer alten Turmuhr. Doch dieZeiger fehlten; — neuerliche Qual.

Dann schlug es fünf.

Ich hörte, wie die Gefangenen erwachten und gähnend eine Unterhaltung in böhmischer Sprache führten.

Eine Stimme kam mir bekannt vor; ich drehte mich um, stieg von dem Brett herunter und — sah den blatternarbigenLoisa auf der Pritsche, gegenüber der meinigen, sitzen und mich verwundert anstarren.

Die beiden anderen waren Gesellen mit verwegenen Gesichtern und musterten mich geringschätzig.

„Defraudant? Was?“, fragte der eine halblaut seinen Kameraden und stieß ihn mit dem Ellenbogen an.

Der Gefragte brummte verächtlich irgend etwas, kramte in seinem Strohsack, holte ein schwarzes Papier hervor und legte es auf den Boden.

Dann schüttete er aus dem Krug ein wenig Wasser darauf, kniete nieder, bespiegelte sich darin und kämmte sich mit den Fingern das Haar in die Stirn.

Hierauf trocknete er das Papier mit zärtlicher Sorgfalt ab und versteckte es wieder unter der Pritsche.

„Pan Pernath, Pan Pernath,“ murmelte Loisa dabei beständig mit aufgerissenen Augen vor sich hin, wie jemand, der ein Gespenst sieht.

„Die Herrschaften kennen einand, wie ich bemerkö,“ sagte der Ungekämmte, dem dies auffiel, in dem geschraubten Dialekt eines tschechischen Wieners und machte mir spöttisch eine halbe Verbeugung: „Erlaubens mich vorzustellen: Vóssatka ist mein Name. Der schwarze Vóssatka. — — — Brandstiftung,“ setzte er eine Oktave tiefer stolz hinzu.

Der Frisierte spuckte zwischen den Zähnen durch, blickte mich eine Weile verächtlich an, deutete sich dann auf die Brust und sagte lakonisch:

„Einbruch.“

Ich schwieg.

„No, und zweng wos für einen Verdachtö sin Siehier, Herr Graf?“ fragte der Wiener nach einer Pause.

Ich überlegte einen Moment, dann sagte ich ruhig: „Wegen Raubmord“.

Die beiden fuhren verblüfft auf, der spöttische Ausdruck auf ihren Gesichtern machte einer Miene grenzenloser Hochachtung Platz, und sie riefen fast wie aus einem Munde:

„Räschpäkt, Räschpäkt.“

Als sie sahen, daß ich keine Notiz von ihnen nahm, zogen sie sich in die Ecke zurück und unterhielten sich flüsternd miteinander.

Nur einmal stand der Frisierte auf, kam zu mir, prüfte schweigend die Muskeln meines Oberarms und ging dann kopfschüttelnd zu seinem Freund zurück.

„Sie sind doch auch unter dem Verdacht hier, den Zottmann ermordet zu haben?“ fragte ich Loisa unauffällig.

Er nickte. „Ja, schon lang.“

Wieder vergingen einige Stunden.

Ich schloß die Augen und stellte mich schlafend.

„Herr Pernath. Herr Pernath!“ hörte ich plötzlich ganz leise Loisas Stimme.

„Ja?“ — — — Ich tat, als erwachte ich.

„Herr Pernath? Bitte entschuldigen Sie, — bitte — bitte, wissen Sie nicht, was die Rosina macht? — Ist sie zu Hause?“, stotterte der arme Bursche. Er tat mir unendlich leid, wie er mit seinen entzündeten Augen an meinen Lippen hing und vor Aufregung die Hände verkrampfte.

„Es geht ihr gut. Sie — sie ist jetzt Kellnerin beim — — alten Ungelt“, log ich.

Ich sah, wie er erleichtert aufatmete.

— — — — — — — — — — — — — —

Zwei Sträflinge hatten auf einem Brett Blechtöpfe mit heißem Wurstabsud stumm hereingebracht und drei davon in die Zelle gestellt, dann knallten nach einigen Stunden abermals die Riegel und der Aufseher führte mich zum Untersuchungsrichter.

Mir schlotterten die Knie vor Erwartung, wie wir treppauf, treppab schritten.

„Glauben Sie, ist es möglich, daß ich heute noch freigelassen werde?“, fragte ich den Aufseher beklommen.

Ich sah, wie er mitleidig ein Lächeln unterdrückte. „Hm. Heute noch? Hm — — Gott, — möglich ist ja alles.“ —

Mir wurde eiskalt.

Wieder las ich eine Porzellantafel an einer Tür und einen Namen:

KARL FREIHERR VON LEISETRETERUntersuchungsrichter

KARL FREIHERR VON LEISETRETERUntersuchungsrichter

KARL FREIHERR VON LEISETRETERUntersuchungsrichter

Wieder ein schmuckloses Zimmer und zwei Schreibpulte mit meterhohen Aufsätzen.

Ein alter, großer Mann mit weißem, geteiltem Vollbart, schwarzem Gehrock, roten, wulstigen Lippen, knarrenden Stiefeln.

„Sie sind Herr Pernath?“

„Jawohl.“

„Gemmenschneider?“

„Jawohl.“

„Zelle Nr. 70?“

„Jawohl.“

„Des Mordes an Zottmann verdächtig?“

„Ich bitte, Herr Untersuchungsrichter — —“

„Des Mordes an Zottmann verdächtig?“

„Wahrscheinlich. Wenigstens vermute ich es. Aber — —“

„Geständig?“

„Was soll ich denn gestehen, Herr Untersuchungsrichter, ich bin doch unschuldig!“

„Geständig?“

„Nein.“

„Dann verhänge ich die Untersuchungshaft über Sie. — Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter.“

„Bitte, so hören Sie mich doch an, Herr Untersuchungsrichter, — ich muß unbedingt heute noch zu Hause sein. Ich habe wichtige Dinge zu veranlassen — —“

Hinter dem zweiten Schreibtisch meckerte jemand.

Der Herr Baron schmunzelte. —

„Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter.“

— — — — — — — — — — — — — —

Tag um Tag schlich dahin, Woche um Woche, und immer noch saß ich in der Zelle.

Um zwölf Uhr durften wir täglich hinunter in den Gefängnishof und mit anderen Untersuchungsgefangenen und Sträflingen zu zweit 40 Minuten im Kreis herumgehen auf der nassen Erde.

Miteinander zu reden, war verboten.

In der Mitte des Platzes stand ein kahler, sterbender Baum, in dessen Rinde ein ovales Glasbild der Muttergottes eingewachsen war.

An den Mauern wuchsen kümmerliche Ligusterstauden, die Blätter fast schwarz vom fallenden Ruß.

Ringsum die Gitter der Zellen, aus denen zuweilen ein kittgraues Gesicht mit blutleeren Lippen herunterschaute.

Dann ging’s wieder hinauf in die gewohnten Grüfte zu Brot, Wasser und Wurstabsud und Sonntags zu faulenden Linsen.

Erst einmal war ich wieder vernommen worden:

Ob ich Zeugen hätte, daß mir „Herr“ Wassertrum angeblich die Uhr geschenkt habe?

„Ja: Herrn Schemajah Hillel — — das heißt — nein“ (ich erinnerte mich, er war nicht dabei gewesen) — — „aber Herr Charousek — nein, auch er war ja nicht dabei.“

„Kurz: also niemand war dabei?“

„Nein, niemand war dabei, Herr Untersuchungsrichter.“

Wieder das Gemecker hinter dem Schreibtisch und wieder das:

„Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter!“ — — —

Meine Besorgnis um Angelina war einer dumpfen Resignation gewichen: Der Zeitpunkt, wo ich um sie zittern mußte, war vorüber. Entweder Wassertrums Racheplan war längst geglückt, oder Charousek hatte eingegriffen, sagte ich mir.

Aber die Sorge um Mirjam trieb mich jetzt fast zum Wahnsinn.

Ich stellte mir vor, wie sie Stunde um Stunde darauf wartete, daß sich das Wunder erneuere, — wie sie früh am Morgen, wenn der Bäcker kam, hinauslief und mit bebenden Händen das Brot untersuchte, — wie sie vielleicht um meinetwillen vor Angst verging.

Oft in der Nacht peitschte es mich aus dem Schlaf, und ich stieg auf das Wandbrett und starrte empor zu dem kupfernen Gesicht der Turmuhr und verzehrte mich in dem Wunsch, meine Gedanken möchten zu Hillel dringen und ihm ins Ohr schreien, er solle Mirjam helfen und sie erlösen von der Qual des Hoffens auf ein Wunder.

Dann wieder warf ich mich auf das Stroh und hielt den Atem an, bis mir die Brust fast zersprang, — um das Bild meines Doppelgängers vor mich zu zwingen, damit ich ihn zu ihr schicken könnte als einen Trost.

Und einmal war er auch erschienen neben meinem Lager mit den Buchstaben: Chabrat Zereh Aur Bocher in Spiegelschrift auf der Brust, und ich wollte aufschreien vor Jubel, daß jetzt alles wieder gut würde, aber er war in den Boden versunken, noch ehe ich ihm den Befehl geben konnte, Mirjam zu erscheinen. — —

— — — — — — — — — — — — — —

Daß ich so gar keine Nachricht bekam von meinen Freunden!

Ob es denn verboten sei, einem Briefe zu schicken? fragte ich meine Zellengenossen.

Sie wußten es nicht.

Sie hätten noch nie welche bekommen — allerdings wäre auch niemand da, der ihnen schreiben könnte, sagten sie.

Der Gefangenwärter versprach mir, sich gelegentlich zu erkundigen. — —

Meine Nägel waren rissig geworden vom Abbeißen und mein Haar verwildert, denn Schere, Kamm und Bürste gab es nicht.

Auch kein Wasser zum Waschen.

Fast ununterbrochen kämpfte ich mit Brechreiz, denn der Wurstabsud war mit Soda gewürzt statt mit Salz. — — Eine Gefängnisvorschrift, um dem „Überhandnehmen des Geschlechtstriebes vorzubeugen“. — —

Die Zeit verging in grauer, furchtbarer Eintönigkeit.

Drehte sich im Kreis wie ein Rad der Qual.

Da gab es die gewissen Momente, die jeder von uns kannte, wo plötzlich einer oder der andere aufsprang und stundenlang auf und niederlief wie ein wildes Tier, um sich dann wieder gebrochen auf die Pritsche fallen zu lassen und stumpfsinnig weiter zu warten — zu warten — zu warten.

Wenn der Abend kam, zogen die Wanzen in Scharen gleich Ameisen über die Wände und ich fragte mich erstaunt, warum denn der Kerl in Säbel und Unterhosen mich so gewissenhaft ausgeforscht habe, ob ich kein Ungeziefer hätte.

Fürchtete man vielleicht im Landesgericht, es könne eine KreuzungfremderInsektenrassen entstehen?

Mittwoch vormittags kam gewöhnlich ein Schweinskopf herein mit Schlapphut und zuckenden Hosenbeinen:Der Gefängnisarzt Dr. Rosenblatt, und überzeugte sich, daß alle vor Gesundheit strotzten.

Und wenn einer sich beschwerte, gleichgültig worüber, so verschrieb er — Zinksalbe zum Einreiben der Brust.

Einmal kam auch der Landesgerichtspräsident — ein hochgewachsener, parfümierter Halunke der „guten Gesellschaft“, dem die gemeinsten Laster im Gesicht geschrieben standen, und sah nach, ob — alles in Ordnung sei: „ob sich noch immer kaner derhenkt hobe“, wie sich der Frisierte ausdrückte.

Ich war auf ihn zugetreten, um ihm eine Bitte vorzutragen, da hatte er einen Satz hinter den Gefangenwärter gemacht und mir einen Revolver vorgehalten. — „Was ich denn wolle“, schrie er mich an.

Ob Briefe für mich da seien, fragte ich höflich. Statt der Antwort bekam ich einen Stoß vor die Brust vom Herrn Dr. Rosenblatt, der gleich darauf das Weite suchte. Auch der Herr Präsident zog sich zurück und höhnte durch den Türausschnitt: — ich solle lieber den Mord gestehen. Eher bekäme ich in diesem Leben keine Briefe.

— — — — — — — — — — — — — —

Ich hatte mich längst an die schlechte Luft und die Hitze gewöhnt und fröstelte beständig. Selbst, wenn die Sonne schien.

Zwei der Gefangenen hatten schon einige Mal gewechselt, aber ich achtete nicht darauf. Diese Woche war es ein Taschendieb und ein Wegelagerer, das nächste Mal ein Falschmünzer oder ein Hehler, die hereingeführt wurden.

Was ich gestern erlebte, war heute vergessen.

Gegen das Wühlen der Sorge um Mirjam verblaßten alle äußern Begebenheiten.

NureinEreignis hatte sich mir tiefer eingeprägt — es verfolgte mich zuweilen als Zerrbild bis in den Traum.

Ich hatte auf dem Wandbrett gestanden, um hinauf in den Himmel zu starren, da fühlte ich plötzlich, daß mich ein spitzer Gegenstand in die Hüfte stach, und als ich nachsah, bemerkte ich, daß es die Feile gewesen war, die sich mir durch die Tasche zwischen Rock und Futter gebohrt hatte. Sie mußte schon lange dort gesteckt haben, sonst hätte sie der Mann in der Flurstube gewiß bemerkt.

Ich zog sie heraus und warf sie achtlos auf meinen Strohsack.

Als ich dann herunterstieg, war sie verschwunden, und ich zweifelte keinen Augenblick, daß nur Loisa sie genommen haben konnte.

Einige Tage später holte man ihn aus der Zelle, um ihn einen Stock tiefer unterzubringen.

Es dürfe nicht sein, daß zwei Untersuchungsgefangene, die desselben Verbrechens beschuldigt wären, wie er und ich, in der gleichen Zelle säßen, hatte der Gefangenwärter gesagt.

Von ganzem Herzen wünschte ich, es möchte dem armen Burschen gelingen, sich mit Hilfe der Feile zu befreien.

Auf meine Frage, welches Datum denn wäre — die Sonne schien so warm wie im Hochsommer und der müde Baum im Hof trieb ein paar Knospen — hatte der Gefangenwärter zuerst geschwiegen, dann aber mir zugeflüstert, es sei der 15. Mai. Eigentlich dürfe er es nicht sagen, denn es sei verboten, mit den Gefangenen zu sprechen, — insbesondere solche, die noch nicht gestanden hätten, müßten hinsichtlich der Zeit im unklaren gehalten werden.

Drei volle Monate war ich also schon im Gefängnis und noch immer keine Nachricht aus der Welt da draußen.

— — — — — — — — — — — — — —

Wenn es Abend wurde, drangen leise Klänge eines Klaviers durch das Gitterfenster, das jetzt an warmen Tagen offen war.

Die Tochter des Beschließers unten spiele, hatte mir ein Sträfling gesagt. — —

Tag und Nacht träumte ich von Mirjam.

Wie es ihr wohl ging?!

Zuzeiten hatte ich das tröstliche Gefühl, als seien meine Gedanken zu ihr gedrungen und stünden an ihrem Bette, während sie schlief, und legten ihr lindernd die Hand auf die Stirne.

Dann wieder, in Momenten der Hoffnungslosigkeit,wenn einer nach dem andern meiner Zellengenossen zum Verhör geführt wurde, — nur ich nicht, — drosselte mich eine dumpfe Furcht, sie sei vielleicht schon lange tot.

Da stellte ich dann Fragen an das Schicksal, ob sie noch lebe oder nicht, krank sei oder gesund, und die Anzahl einer Handvoll Halme, die ich aus dem Strohsack riß, sollte mir Antwort geben.

Und fast jedesmal „ging es schlecht aus“, und ich wühlte in meinem Innern nach einem Blick in die Zukunft; — suchte meine Seele, die mir das Geheimnis verbarg, zu überlisten durch die scheinbar abseits liegende Frage, ob wohl für mich dereinst noch ein Tag kommen würde, wo ich heiter sein und wieder lachen könnte.

Immer bejahte das Orakel in solchen Fällen, und dann war ich eine Stunde lang glücklich und froh.

Wie eine Pflanze heimlich wächst und sproßt, war allmählich in mir eine unbegreifliche, tiefe Liebe zu Mirjam erwacht, und ich faßte es nicht, daß ich so oft hatte bei ihr sitzen und mit ihr reden können, ohne mir damals schon klar darüber geworden zu sein.

Der zitternde Wunsch, daß auch sie mit gleichen Gefühlen an mich denken möchte, steigerte sich in solchen Augenblicken oft bis zur Ahnung der Gewißheit, und wenn ich dann auf dem Gange draußen einen Schritt hörte, fürchtete ich mich beinahe davor, man könne mich holen und freilassen und mein Traum würde in der groben Wirklichkeit der Außenwelt in nichts zerrinnen.

Mein Ohr war in der langen Zeit der Haft so scharf geworden, daß ich auch das leiseste Geräusch vernahm.

Jedesmal bei Anbruch der Nacht hörte ich in der Ferne einen Wagen fahren und zergrübelte mir den Kopf, wer wohl darin sitzen möchte.

Es lag etwas seltsam Fremdartiges in dem Gedanken, daß es Menschen gab da draußen, die tun und lassen durften, was sie wollten, — die sich frei bewegen konnten und da und dort hingehen, und es dennoch nicht als unbeschreiblichen Jubel empfanden.

Daß auch ich jemals wieder so glücklich werden würde, im Sonnenschein durch die Straßen wandern zu können — — ich war nicht mehr imstande, es mir vorzustellen.

Der Tag, an dem ich Angelina in den Armen gehalten, schien mir einem längstverflossenen Dasein anzugehören; — ich dachte daran zurück mit jener leisen Wehmut, wie sie einen beschleicht, wenn man ein Buch aufschlägt und findet darin welke Blumen, die einst die Geliebte der Jugendjahre getragen hat.

Ob wohl der alte Zwakh noch immer Abend für Abend mit Vrieslander und Prokop beim „Ungelt“ saß und der vertrockneten Eulalia das Hirn konfus machte?

Nein, es war doch Mai — die Zeit, wo er mit seinem Marionettenkasten durch die Provinznester zog und auf grünen Wiesen vor den Toren den Ritter Blaubart spielte.

— — — — — — — — — — — — — —

Ich saß allein in der Zelle. — Vóssatka, der Brandstifter, mein einziger Gefährte seit einer Woche, war vor ein paar Stunden zum Untersuchungsrichter geholt worden.

Merkwürdig lange dauerte diesmal sein Verhör.

Da. Die eiserne Vorlegstange klirrte an der Tür. Und mit freudestrahlender Miene stürmte Vóssatka herein, warf ein Bündel Kleider auf die Pritsche und begann, sich mit Windeseile umzukleiden.

Den Sträflingsanzug warf er Stück um Stück mit einem Fluch auf den Boden.

„Nix hamms mer beweisen könna, dö Hallodri. — Brandstiftung! — Ja doder“ er zog mit dem Zeigefinger an seinem unteren Augenlid. „Auf den schwarzen Vóssatka sans jung. — Der Wind war’s, hab i g’sagt. Und bi fest blimm. Den kennens iazt eispirrn, wanns’n derwischen — den Herrn von Wind. — No servus heit Abend! — Do werd aufdraht. Beim Loisitschek.“ — Er breitete die Arme aus und tanzte einen „G’strampften“. — „Nur einmahl im Leböhn blie—het der Mai.“ — Er stülpte sich mit einem Krach einen steifen Deckel mit einer kleinen blaugesprenkelten Nußhäherfeder darauf über den Schädel. — „Ja, richtig, das wird Ihna intrissirn, Herr Graf: wissens was Neies? Eana Freund, der Loisa, is ausbrochen! — Grad hab i’s erfahrehn oben bei die Hallodri. Schon vurigen Monat — gegen Uldimoh hat er das Weide gesucht und ist längs ieber — pbhuit“ — er schlug sich mit den Fingern auf den Handrücken — „ieber alle Bergöh“. —

„Aha, die Feile,“ dachte ich mir und lächelte.

„Alsdann haltens Ihna jetzt auch bald dazu, Herr Graf,“ der Brandstifter streckte mir kameradschaftlich die Hand hin, „daß Sie möglichst bei Zeitöhn freikommen. — Und wenn Sie mal kein Geld nicht habehn, fragen Sie sich nur beim Loisitschek nach dem schwarzen Vóssatka.— Kennte mich jädes Madel durten. So! — Alsdann Servus, Herr Graf. War mir ein Vergniegen.“

Er stand noch in der Türe, da schob der Wärter schon einen neuen Untersuchungsgefangenen in die Zelle.

Auf den ersten Blick erkannte ich in ihm den Schlot mit der Soldatenmütze, der einmal neben mir bei Regenwetter in dem Torbogen der Hahnpaßgasse gestanden hatte. Eine freudige Überraschung! Vielleicht wußte er zufällig etwas über Hillel und Zwakh und alle die andern?

Ich wollte sofort anfangen, ihn auszufragen, aber zu meinem größten Erstaunen legte er mit geheimnisvoller Miene den Finger an den Mund und bedeutete mir, ich solle schweigen.

Erst als die Tür von draußen abgesperrt und der Schritt des Gefangenwärters auf dem Gange verhallt war, kam Leben in ihn.

Mir schlug das Herz vor Aufregung.

Was sollte das bedeuten?

Kannte er mich denn, und was wollte er?

Das erste, was der Schlot tat, war, daß er sich niedersetzte und seinen linken Stiefel auszog.

Dann zerrte er mit den Zähnen einen Stöpsel aus dem Absatz, entnahm dem entstandenen Hohlraum ein kleines gebogenes Eisenblech, riß die anscheinend nur locker befestigte Schuhsohle ab und reichte mir beides mit stolzer Miene hin. —

Alles in Windeseile und ohne auf meine erregten Fragen auch nur im geringsten zu achten.

„So! Einen schönen Gruß vom Herrn Charousek.“

Ich war so verblüfft, daß ich kein Wort herausbringen konnte. —

„Brauchens’ bloß Eisenblechl nähmen und Sohlen ausanand brechen in der Nacht. Oder wann sunst niemand siecht. — Ise nämlich hohl inewändig“ — erklärte der Schlot mit überlegener Miene, „und finden Sie sich drinn eine Brieffel von Herrn Charousek.“

Im Übermaß meines Entzückens fiel ich dem Schlot um den Hals und die Tränen stürzten mir aus den Augen.

Er wehrte mich voll Milde ab und sagte vorwurfsvoll:

„Missen sich mehr zusammennähmen, Herr von Pernath! Mir habens me nicht eine Minutten zum Zeitverlieren. Es kann sich soffort herauskommen, daß ich in der falschen Zellen bin. Der Franzl und ich habens me unt beim Pordjöh die Nummern mitsamm vertauscht.“ —

Ich mußte wohl ein sehr dummes Gesicht gemacht haben, denn der Schlot fuhr fort:

„Wann Sie das auch nicht verstähn, macht nix. Kurz: ich bin ich hier, Pasta!“

„Sagen Sie doch,“ fiel ich ihm ins Wort, „sagen Sie doch, Herr — — Herr — — —“

„Wenzel,“ — half mir der Schlot aus, „ich heiß’ ich der schöne Wenzel.“

„Sagen Sie mir doch, Wenzel, was macht der Archivar Hillel, und wie geht es seiner Tochter?“

„Dazu ist jetz keine Zeit nicht,“ unterbrach mich der schöne Wenzel ungeduldig. „Ich kann ich doch im näxen Augenblick herausgeschmissen werden. — Also: ich binich hier, weil ich einen Raubanfall extra eingestanden hab — —“

„Was, Sie haben bloß meinetwegen, und um zu mir kommen zu können, einen Raubanfall begangen, Wenzel?“ fragte ich erschüttert.

Der Schlot schüttelte verächtlich den Kopf: „Wann ich wirklich einen Raubanfallbegangenhätt, mecht ich ihm doch nichteingestähen. Was glauben Sie von mir!?“

Ich verstand allmählich: — der brave Kerl hatte eine List gebraucht, um mir den Brief Charouseks ins Gefängnis zu schmuggeln.

„So; zuverderscht“ — er machte ein äußerst wichtiges Gesicht — „muß ich Ihnen Unterricht in der Ebilebsie gäben.“

„Worin?“

„In der Ebilebsie! — Gäbm S’ amal scharf Obacht und merkens Ihna alles genau! — Alsdann schaugens här: Zuerscht macht me Speichel in der Goschen;“ — er blies die Backen auf und bewegte sie hin und her, wie jemand, der sich den Mund ausspült — „dann kriegt me Schaum vorm Maul, sengen S’ so“: — er machte auch dies. Mit widerwärtiger Natürlichkeit. — „Nachhe drehte ma die Daumen in die Faust. — Nachhe kugelt me die Augen raus“ — er schielte entsetzlich — „und dann — das ise sich bisl schwär — stoßt me so halbeten Schrei aus. Segen S’, so: Bö — bö — bö, — und gleichzeitig fallt me sich um.“ — Er ließ sich der Länge nach zu Boden fallen, daß das Haus zitterte, und sagte beim Aufstehen:

„Das ise sich die natierliche Ebilebsie, wie’s uns der Dr. Hulbert gottsälig beim ‚Bataljohn‘ gelernt hat.“

„Ja, ja, es ist täuschend ähnlich,“ gab ich zu, „aber wozu dient das alles?“

„Weil Sie sich zuerscht aus der Zellen rausmissen!“, erklärte der schöne Wenzel. „Der Dr. Rosenblatt is doch ein Mordsochs! Wenn einer schon gar kan Kopf mehr hat, sagt der Rosenblatt immer noch: der Mann ise sich pumperlgesund! — Nur vor die Ebilebsie hat e’ an Viechsräschpäkt. Wann aner daas gut kann: gleich ise drieben in der Krankenzelle. — — Und da ise sich das Ausbrechen dann ein Kinderspielzeug;“ — er wurde tief geheimnisvoll — „den Fenstergitter in der Krankenzelle ise nämlich durchgesägt und nur schwach mit Dreck zusammenpappt. — Es ise sich das ein Geheimnis vom Bataljohn! — Sie brauchen dann bloß ein paar Nächte scharf aufpassen und, wenn Sie eine Seilschlingen vom Dach herunter bis vors Fenster kommen segen, heben Sie leise den Gitter aus, damit niemand nicht aufwacht, steckens die Schultern in die Schlinge, und mir ziegen Ihnen hinauf aufs Dach und lassen Ihnen auf der andern Seiten hinunter auf die Straßen. — Pasta.“

„Weshalb soll ich denn aus dem Gefängnis ausbrechen?“ wandte ich schüchtern ein, „ich bin doch unschuldig.“

„Daß ise doch kein Grund, um nicht auszubrechen!“, widerlegte mich der schöne Wenzel und machte vor Erstaunen kreisrunde Augen.

Ich mußte meine ganze Beredsamkeit aufbieten, umihm den verwegenen Plan, der, wie er sagte, das Resultat eines „Bataillons“beschlusses war, auszureden.

Daß ich „die Gabe Gottes“ von der Hand wies und lieber warten wollte, bis ich von selbst freikommen würde, war ihm unbegreiflich.

„Jedenfalls danke ich Ihnen und Ihren braven Kameraden auf das allerherzlichste,“ sagte ich gerührt und drückte ihm die Hand. „Wenn die schwere Zeit für mich vorüber ist, wird es mein erstes sein, mich Ihnen allen erkenntlich zu zeigen.“

„Ise gar nicht nätig,“ lehnte Wenzel freundlich ab. „Wann Sie ein paar Glas ‚Pils‘ zahlen, nähmen wir sich dankbar an, abe sunst nix. Pan Charousek, was ise jetz Schatzmistr vom Bataljohn, hat e’ uns schon erzählt, was Sie für ein heimlicher Wohltäter sin. Soll ich ihm was ausrichten, wenn ich in paar Täg wieder herauskomm?“

„Ja, bitte,“ fiel ich rasch ein, „sagen Sie ihm, er möchte zu Hillel gehen und ihm mitteilen, ich hätte soviel Angst wegen der Gesundheit seiner Tochter Mirjam. Herr Hillel solle sie nicht aus den Augen lassen. — Werden Sie sich den Namen merken?:Hillel!“

„Hirräl?“

„Nein: Hillel.“

„Hillär?“

„Nein: Hill—el.“

Wenzel zerbrach sich fast die Zunge an dem für einen Tschechen unmöglichen Namen, aber schließlich bewältigte er ihn doch unter wilden Grimassen.

„Und dann noch eins: Herr Charousek möge — ichlasse ihn herzlich drum bitten — sich auch, soweit es in seiner Macht steht, der „vornehmen Dame“ — er weiß schon, wer darunter zu verstehen ist — annehmen.“

„Sie meinen sich wahrscheinlich die adlige Flietschen, die was das Gspusi ghabt hat mit dem Niemetz — dem Dr. Sapoli? — No, die hat sich doch scheiden lassen und ise mit ihrem Kind und dem Sapoli furt.“

„Wissen Sie das bestimmt?“

Ich fühlte meine Stimme zittern. So sehr ich mich um Angelinas willen freute, — es krampfte mir dennoch das Herz zusammen.

Wieviel Sorge hatte ich ihretwegen getragen und jetzt — — — war ich vergessen.

Vielleicht glaubte sie, ich sei wirklich ein Raubmörder.

Ein bitterer Geschmack stieg mir in die Kehle.

Der Schlot schien mit dem Feingefühl, das verwahrlosten Menschen seltsamerweise eigen ist bei allen Dingen, die sich um Liebe drehen, erraten zu haben, wie mir zumute war, denn er blickte scheu weg und antwortete nicht.

„Wissen Sie vielleicht auch, wie es Herrn Hillels Tochter, dem Fräulein Mirjam geht? Kennen Sie sie?“, fragte ich gepreßt.

„Mirjam? Mirjam?“ — Wenzel legte sein Gesicht in nachdenkliche Falten — „Mirjam? — Gäht sich die öfters in der Nacht zum Loisitschek?“

Ich mußte unwillkürlich lächeln. „Nein. Bestimmt nicht.“

„Dann kenn ich sie nicht,“ sagte Wenzel trocken.

Wir schwiegen eine Weile.

Vielleicht steht in dem Briefchen etwas über sie, hoffte ich.

„Daß den Wassertrum der Deiwel g’holt hat“, fing Wenzel plötzlich wieder an, „wärden Sie sich wohl schon gehärt haben?“

Ich fuhr entsetzt auf.

„No ja.“ — Wenzel deutete auf seine Kehle. — „Murxi, murxi! Ich sag ich Ihnän; es war Ihnän schaislich. Wie sie den Laden aufgebrochen haben, weil er sich paar Täg nicht hat segen lassen, war ich natrierlich der erschte drin; — wie denn nicht! — Und da hat e’ durten g’sässen, der Wassertrum, in einen dreckigen Lähnsessel, die Brust voller Blut und die Augen wie aus Glas. — — — — — Wissen S’, ich bin ich ein handfeste Kerl, aber mir hat sich alles gedräht, sag ich Ihnän, und ich hab’ gemeint, ich hau ich ohnmächtig hi—iin. Furt’ a furt’ hab’ ich mir vorsagen missen: Wenzel, hab’ ich mir vorg’sagt, Wenzel, reg’ dich nicht auf, es is doch bloß ein toter Jud. — Er hat eine Feile in der Kehle stecken gehabt und im Laden war sich alles umedum geschmissen. — Ein Raubmord natierlich.“

„Die Feile! Die Feile!“ Ich fühlte, wie mir der Atem kalt wurde vor Grausen. — Die Feile! So hatte sie also doch ihren Weg gefunden!

„Ich weiß ich auch, wer’s war,“ fuhr Wenzel nach einer Pause halblaut fort. „Niemand anders, sag ich Ihnän, als der blattersteppige Loiso. — Ich hab’ ich nämlich sein Taschenmesser auf dem Boden im Laden entdeckt und rasch eing’stäckt, damit sich die Polizei nicht draufkommt.— Er ise sich durch einen unterirdischen Gang in den Laden — — — — —“ er brach mit einem Ruck seine Rede ab und horchte ein paar Sekunden lang angestrengt, dann warf er sich auf die Pritsche und fing an, fürchterlich zu schnarchen.

Gleich darauf klirrte das Vorhängeschloß und der Gefängniswärter kam herein und musterte mich argwöhnisch.

Ich machte ein teilnahmsloses Gesicht und Wenzel war kaum zu erwecken.

Erst nach vielen Püffen richtete er sich gähnend auf und taumelte, gefolgt von dem Wärter, schlaftrunken hinaus.

— — — — — — — — — — — — — —

— — — — — — — — — — — — — —

Fiebernd vor Spannung faltete ich Charouseks Brief auseinander und las:

Den 12. Mai.

„Mein lieber armer Freund und Wohltäter!

Woche um Woche habe ich gewartet, daß Sie endlich freikommen würden, — immer vergebens, — habe alle möglichen Schritte versucht, um Entlastungsmaterial für Sie zu sammeln, aber ich fand keins.

Ich bat den Untersuchungsrichter, das Verfahren zu beschleunigen, aber jedesmal hieß es, er könne nichts tun, — es sei Sache der Staatsanwaltschaft und nicht die seinige.

Amtsschimmel!

Eben erst, vor einer Stunde, gelang mir jedoch etwas, von dem ich mir denbestenErfolg erhoffe: ichhabe erfahren, daß Jaromir dem Wassertrum eine goldene Taschenuhr, die er nach der damaligen Verhaftung seines Bruders Loisa in dessen Bett gefunden hatte, verkauft hat.

Beim ‚Loisitschek‘, wo, wie Sie wissen, die Detektivs verkehren, geht das Gerücht, man hätte die Uhr des angeblich ermordeten Zottmann — dessen Leiche übrigens noch immer nicht entdeckt ist — alscorpus delictibeiIhnengefunden. Das übrige reimte ich mir zusammen: Wassertrumet cetera!

Ich habe mir Jaromir sofort vorgenommen, ihm 1000 fl. gegeben — —“ Ich ließ den Brief sinken und die Freudentränen traten mir in die Augen: nur Angelina konnte Charousek die Summe gegeben haben. Weder Zwakh, noch Prokop, noch Vrieslander besaßen soviel Geld. — Sie hatte mich also doch nicht vergessen! — Ich las weiter:

„— 1000 fl. gegeben und ihm weitere 2000 fl. versprochen, wenn er mit mir sofort zur Polizei ginge und eingestünde, die Uhr seinem Bruder zu Hause entwendet und verkauft zu haben.

Das alles kann aber erst geschehen, wenn dieser Brief durch Wenzel bereits an Sie unterwegs ist. Die Zeit reicht nicht aus.

Aber seien Sie versichert: eswirdgeschehen.Heutenoch. Ich bürge Ihnen dafür.

Ich zweifle keinen Augenblick, daß Loisa den Mord begangen hat und die Uhr die Zottmanns ist.

Solltesie es wider Erwarten nicht sein, — nun, dann weiß Jaromir, was er zu tun hat: —Jedenfallswird er sie als die bei Ihnen gefundene agnoszieren.

Also: harren Sie aus und verzweifeln Sie nicht! Der Tag, wo Sie frei sein werden, steht vielleicht bald bevor.

Ob trotzdem ein Tag kommen wird, wo wir uns wiedersehen?

Ich weiß es nicht.

Fast möchte ich sagen: ich glaube es nicht, denn mit mir geht’s rasch zu Ende, undich muß auf der Hut sein, daß mich die letzte Stunde nicht überrascht.

Aber eins halten Sie fest: wirwerdenuns wiedersehen.

Wenn auch nicht indiesemLeben und nicht wie die Toten injenemLeben, aber an dem Tag, wo die Zeit zerbricht, — wo, wie es in der Bibel steht, der HERRdieausspeien wird aus seinem Munde, die lau waren und weder kalt noch warm. — — —

Wundern Sie sich nicht, daß ich so rede! Ich habe nie mit Ihnen über diese Dinge gesprochen und, als Sie einmal das Wort ‚Kabbala‘ berührten, bin ich Ihnen ausgewichen, aber — ich weiß, was ich weiß.

Vielleicht verstehen Sie, was ich meine, und wenn nicht, so streichen Sie, ich bitte Sie darum, das, was ich gesagt habe, aus Ihrem Gedächtnis. — — Einmal, in meinen Delirien, glaubte ich — ein Zeichen auf Ihrer Brust zu sehen. — Mag sein, daß ich wach geträumt habe.

Nehmen Sie an, wenn Sie mich wirklich nicht verstehen sollten, daß ich gewisse Erkenntnisse gehabt habe— innerlich! — fast schon von Kindheit an, die mich einen seltsamen Weg geführt haben; — Erkenntnisse, die sich nicht decken mit dem, was die Medizin lehrt oder, Gott sei Dank, noch nicht weiß; hoffentlich auch nie erfahren wird.

Aber ich habe mich nicht dumm machen lassen von der Wissenschaft, deren höchstes Ziel es ist, einen — ‚Wartesaal‘ auszustaffieren, den man am besten niederrisse.

Doch genug davon.

Ich will Ihnen lieber erzählen, was sich inzwischen zugetragen hat:

Ende April war Wassertrum soweit, daß meine Suggestion anfing zu wirken.

Ich sah es daran, daß er auf der Gasse beständig gestikulierte und laut mit sich selbst sprach.

So etwas ist ein sicheres Zeichen, daß die Gedanken eines Menschen sich zum Sturm rotten, um über ihren Herrn herzufallen.

Dann kaufte er sich ein Taschenbuch und machte sich Notizen.

Er schrieb!

Er schrieb! Daß ich nicht lache! Erschrieb.

Und dann ging er zu einem Notar. Unten vor dem Hause wußte ich, was er oben machte: — er machte sein Testament.

Daß er mich zum Erben einsetzte, habe ich mir allerdings nicht gedacht. Ich hätte wahrscheinlich den Veitstanz bekommen vor Vergnügen, wenn’s mir eingefallen wäre.

Er setzte mich zum Erben ein, weil ich der einzige auf der Erde bin, an dem er noch etwas gutmachen könnte, wie er glaubte. Das Gewissen hat ihn überlistet.

Vielleicht war’s auch die Hoffnung, ich würde ihn segnen, wenn ich mich nach seinem Tode durch seine Huld plötzlich als Millionär sähe, und dadurch den Fluch wettmachen, den er in Ihrem Zimmer aus meinem Mund hat mit anhören müssen.

Dreifach hat demnach meine Suggestion gewirkt.

Rasend witzig, daß er heimlich also doch an eine Wiedervergeltung im Jenseits geglaubt hat, während er sich’s das ganze Leben lang mühselig ausreden wollte.

Aber so ist’s bei allen den ganz Gescheiten; man sieht es schon an der wahnwitzigen Wut, in die sie geraten, wenn man’s ihnen ins Gesicht sagt. Sie fühlen sich ertappt.

Von dem Moment an, wo Wassertrum vom Notar kam, ließ ich ihn nicht mehr aus dem Auge.

Des Nachts horchte ich an den Verschlagbrettern seines Ladens, denn jede Minute konnte die Entscheidung fallen. —

Ich glaube, durch Mauern hindurch würde ich das ersehnte schnalzende Geräusch gehört haben, wenn er den Stöpsel aus der Giftflasche gezogen hätte.

Es fehlte vielleicht nur eine Stunde, und mein Lebenswerk war vollbracht.

Da griff ein Unberufener ein und ermordete ihn. Mit einer Feile.

Lassen Sie sich das Nähere von Wenzel erzählen, mir wird es zu bitter, alles das niederschreiben zu müssen.

Nennen Sie es Aberglaube, — aber, wie ich sah, daß Blutvergossenworden war — die Dinge im Laden waren befleckt davon, — kam es mir vor, als sei mir seine Seele entwischt.

Etwas in mir, — ein feiner, untrüglicher Instinkt — sagt mir, daß es nicht dasselbe ist, ob ein Mensch von fremder Hand stirbt, oder von eigener: — daß Wassertrum sein Blut mit sich in die Erde hätte nehmen müssen, dann erst wäre meine Mission erfüllt gewesen. — Jetzt, wo es anders gekommen ist, fühle ich mich als Ausgestoßener, als ein Werkzeug, das nicht würdig befunden wurde in der Hand des Todesengels.

Aber ich will mich nicht auflehnen.Mein Haß ist von der Art, die übers Grab hinausgeht, und noch habe ich ja mein eigenes Blut, das ich vergießen kann, wie ich will, damit es dem seinigen nachgehe im Reich der Schatten auf Schritt und Tritt. — — —


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