31.035 Gulden.5 Sols, 4 Pfennig[364](NB. Von diesen 31.035—5—4 Gulden sind nur 12.400 bezahlt. Der Rest ist auf die Häuser in Hypotheken zu 4 Prozent aufgenommen.)GuldenEin Haus, das mit dem ersten in Verbindung steht,3000—Zum Ankauf eines Geländes zwecks Erweiterung der Wasserleitung, die durch den Garten der Färberei läuft,630—Anlagen zur Benutzung der Wasserleitung1000—Reparaturen an den vorgenannten Häusern7500—Noch im Gange befindliche Reparaturen höchstens3000—Ein großer Zinnkübel und Kessel aus Gelbkupfer für die Färberei5300—Kleine Kübel aus Zinn u. Steingut, Pressen und anderes notwendiges Färbereigerät3000—Drei Zylinder2000—Gesamtausgabe für die Färberei56135—5—4GerbereiGuldenAnkauf eines Hauses für die Gerberei7800—Für notwendige Umbauten9000—Für die notwendigen Geräte2500—Gesamtausgabe für die Gerberei19300—HutfabrikGuldenAnkauf eines Hauses für die Hutfabrik1500—Vorgenommene und noch vorzunehmende Reparaturen2760—Gerät für 6 Walken1440—Gesamtausgabe für die Hutfabrik5700—GuldenAnkauf eines Hauses für den Grafen Surmont13500—Verschiedene andere AusgabenGuldenKosten und Gebühren für den Ankauf der obigen Häuser800—Verschiedene Ausgaben des Herrn Rasse für die Manufaktur4500—Zusammen5300—GesamtaufstellungGuldenAusgaben für die Färberei und das Lager56135—5—4„„„ Gerberei19300—„„„ Hutfabrik5700—Das Haus für den Grafen13500—Verschiedene Ausgaben5300—Gesamtsumme Gulden Kurant99935—5—4
31.035 Gulden.5 Sols, 4 Pfennig[364]
(NB. Von diesen 31.035—5—4 Gulden sind nur 12.400 bezahlt. Der Rest ist auf die Häuser in Hypotheken zu 4 Prozent aufgenommen.)
Gulden
Ein Haus, das mit dem ersten in Verbindung steht,
3000—
Zum Ankauf eines Geländes zwecks Erweiterung der Wasserleitung, die durch den Garten der Färberei läuft,
630—
Anlagen zur Benutzung der Wasserleitung
1000—
Reparaturen an den vorgenannten Häusern
7500—
Noch im Gange befindliche Reparaturen höchstens
3000—
Ein großer Zinnkübel und Kessel aus Gelbkupfer für die Färberei
5300—
Kleine Kübel aus Zinn u. Steingut, Pressen und anderes notwendiges Färbereigerät
3000—
Drei Zylinder
2000—
Gesamtausgabe für die Färberei
56135—5—4
Gerberei
Gulden
Ankauf eines Hauses für die Gerberei
7800—
Für notwendige Umbauten
9000—
Für die notwendigen Geräte
2500—
Gesamtausgabe für die Gerberei
19300—
Hutfabrik
Gulden
Ankauf eines Hauses für die Hutfabrik
1500—
Vorgenommene und noch vorzunehmende Reparaturen
2760—
Gerät für 6 Walken
1440—
Gesamtausgabe für die Hutfabrik
5700—
Gulden
Ankauf eines Hauses für den Grafen Surmont
13500—
Verschiedene andere Ausgaben
Gulden
Kosten und Gebühren für den Ankauf der obigen Häuser
800—
Verschiedene Ausgaben des Herrn Rasse für die Manufaktur
4500—
Zusammen
5300—
Gesamtaufstellung
Gulden
Ausgaben für die Färberei und das Lager
56135—5—4
„„„ Gerberei
19300—
„„„ Hutfabrik
5700—
Das Haus für den Grafen
13500—
Verschiedene Ausgaben
5300—
Gesamtsumme Gulden Kurant
99935—5—4
2. Aufstellung der Vorschüsse und Auslagen für den Grafen Surmont
GuldenVerschiedene Vorschüsse der Frau Nettine81720—Auslagen des Herrn Rasse und der Frau Nettine für den Unterhalt des Grafen sowie für seine Reisen nach Tournai usw.12280—Gulden Kurant94000—
Gulden
Verschiedene Vorschüsse der Frau Nettine
81720—
Auslagen des Herrn Rasse und der Frau Nettine für den Unterhalt des Grafen sowie für seine Reisen nach Tournai usw.
12280—
Gulden Kurant
94000—
3. Vorläufige Bedingungen, die zwischen Graf Cobenzl und dem Grafen Surmont vereinbart sind
Der Graf von Surmont wirdlebenslänglich[365]an den jetzt in Tournai errichteten Manufakturen zur Hälfte beteiligt.
Von dem ihm zufallenden Gewinn sind die ihm vorgeschossenen Summen und die für ihn zu machenden Auslagen abzuziehen. Nach erfolgtem Abzug soll er über seinen Gewinn frei verfügen.
Der Graf verpflichtet sich dem Grafen Cobenzl gegenüber noch zur Angabe der Herstellung von Blau und Grün, der Verfeinerung von Ölen, des Krempelns von Leder zur Herstellung von Hüten oder zu jedem anderen, ihm bekannten Gebrauch, sowie zur Bekanntgabe jedes anderen Geheimverfahrens oder jedes geeigneten Mittels, um die Manufakturen zur größten Vollendung zu bringen.
Graf Surmont hat diese Bedingungen unterzeichnet.
4. und 5. Gerberei usw.
Eine Ochsenhaut im Gewicht von 70 Pfund kostet, gegerbt und zugerichtet, einschl. des Arbeitslohns und der Unkosten 14 Gulden 15 Sols. Die Haut verliert gewöhnlich die Hälfte ihres Gewichts und wird mit 9 Sols das Pfund verkauft, somit 35 Pfund = 15 Gulden 15 Sols. Der Gewinn auf jede Haut beträgt 1 Gulden 10 Sols oder 11 Prozent.
Eine Kuhhaut im Gewicht von 45 Pfund, gegerbt und zugerichtet, kostet 7 Gulden 15 Sols. Völlig appretiert wiegt sie nur 15 Pfund und wird das Pfund zu 14 Sols verkauft, also für 10 Gulden 10 Sols. Der Gewinn für jede Haut beträgt 2 Gulden 15 Sols oder etwa 29 Prozent.
Eine Kälberhaut im Gewicht von 12 Pfund, gegerbt und zugerichtet, kostet 3 Gulden. Appretiert wiegt sie nur 4 Pfund und wird das Pfund zu 17,5 Sols verkauft, also für 3 Gulden 10 Sols. Gewinn 10 Sols pro Haut oder 16 Prozent.
1 Dutzend Ziegenfelle im Gewicht von 20 Pfund kommt auf 23 Gulden. Appretiert wiegen diese Häute nur 18 Pfund und werden das Pfund zu 2 Gulden, also zu 36 Gulden verkauft. Gewinn für 1 Dutzend also 13 Gulden oder etwa 55 Prozent.
Mit Sumach in Fett gegerbtes Maroquinleder, gleichfalls im Gewicht von 20 Pfund, kommt pro Dutzend auf 18 Gulden 15 Sols. Appretiert wiegt es nur 16 bis 17 Pfund und wird das Pfund zu 2 Gulden 16 Sols verkauft, also etwa 44 Gulden 5 Sols. Der Gewinn für 1 Dutzend beträgt also 25 Gulden 10 Sols oder etwa 135 Prozent.
Rotes Maroquinleder, mit Galläpfeln gegerbt, kostet im Dutzend bei gleichem Gewicht 32 Gulden 10 Sols. Appretiert wiegt es 12 Pfund und wird das Pfund für mindestens 4 Gulden 15 Sols verkauft, somit 57 Gulden. Gewinn 25 Gulden 10 Sols pro Dutzend oder 68 Prozent.
Ebenso weißes Maroquinleder.
Das alles wird ohne die Geheimverfahren des Grafen Surmont hergestellt, und zwar durch Mittel, mit denen sich noch weit schönere Farben noch billiger herstellen lassen.
6. Färberei
Abschweifen der Seide
Durch das Geheimverfahren des Grafen Surmont sind bereits 50 Prozent Gewinn erzielt; denn die Seide verliert nur ⅛ ihres Gewichts, beim gewöhnlichen Verfahren das doppelte. Außerdem ist es weit billiger, denn das Abschweifen der Seide kostet gewöhnlich 10 Sols pro Pfund, hier aber höchstens 6.
Außer diesen Vorteilen ist die Seide weit schöner, stärker, voller und nimmt die Farbe weit besser an als bisher.
Färben der Seide
Rot.Ein Pfund Seide karmoisinrot zu färben kostet nur 21 Sols, in Antwerpen 42 Sols. Der Unterschied beträgt also 100 Prozent. Die gleiche Menge in Ponceaurot kostet nur 4 Gulden, in Antwerpen 24. Das macht einen Unterschied von 500 Prozent. In Hochrot kostet die gleiche Menge nur 40 Sols, in Antwerpen 12 Gulden; Unterschied 600 Prozent. Feines Kirschrot kostet nur 20 Sols, in Antwerpen 4 Gulden; Unterschied 400 Prozent. Rosa 20 Sols, in Antwerpen 3 Gulden; Unterschied 300 Prozent.
Violett.Ein Pfund Seide in feinem Purpurviolett und anderen Violettarten kostet nur 18 Sols, in Antwerpen 36 Sols; Unterschied 200 Prozent.
Gelb.Ein Pfund Seide in kräftigstem Gelb, z. B. für Litzen, kostet nur 2 Gulden, in Antwerpen 10 Gulden; Unterschied 500 Prozent.
Die anderen Schattierungen entsprechend.
Färben von Tuch, Wolle, Kamelott, Ziegenhaar usw.
Rot.Das Färben von Tuch, Wolle, Kamelott und Ziegenhaar in Karmoisinrot, Hochrot, Scharlachrot und allen feinen roten Farben kostet nur 7 Sols. Hier kosten diese Farben 28 Sols. Der Unterschied beträgt 400 Prozent. Rosa unter 5 Sols, sonst 10 Sols; Unterschied 200 Prozent.
Violett.Tuch, Wolle, Kamelott und Ziegenhaar kosten das Pfund nur 6 Sols, sonst 24; Unterschied 400 Prozent.
Gelb.Tuch, Wolle, Kamelott und Ziegenhaar kosten pro Elle und Pfund nur 2 Sols, sonst 4 Sols; Unterschied 200 Prozent.
Holzfärben
Nach Färben der Seide oder Wolle eignet sich das in den Kübeln zurückbleibende Färbwasser nicht mehr zum Färben von Stoffen, wohl aber zum Holzfärben ohne irgendwelche Unkosten. So wenig Gewinn diese verschieden gefärbten Hölzer also abwerfen mögen, es ist Reingewinn.
Malfarben
Nach dem Holzfärben wird der Färbstoff niedergeschlagen. Auf dem Grunde bleibt eine sehr schöne Malfarbe zurück, die gleichfalls nichts kostet.
7. Hutfabrikation
Graf Surmont besitzt ein Geheimverfahren zur Hutfabrikation, das sehr großen Gewinn bringen kann. Er hat versprochen, es zu zeigen. Aber auch ohne dies Verfahren wird die Hutfabrikation einen sehr anständigen Gewinn abwerfen.
Gattung
BisherigeKosten imEngros-Einkaufin Gulden
Künftig,inbegriffenArbeitslohnund sonstigeUnkosten
Gewinn
inGulden
inProzenten
Hochfeiner Biber
9—7—8
7—14—
1—13—8
18
Gewöhnlicher Biber
7—9—8
6—10—8
—19—
13
Halbbiber
5—2—8
4—11—
—11—8
11
Gewöhnl. Halbbiber
4—13—8
4—4—8
—9—
10
In Betrieb sind 6 Walken. Jede stellt pro Tag 16 Hüte her, somit tägliche Gesamtproduktion 96, in 250 Arbeitstagen jährlich 24000 Hüte mit einem Gewinn von mindestens 20000 Gulden Kurant.
8. Aufstellung des Personals zur Leitung der Manufakturen
GuldenHerr Rasse, Direktor3000„ de Lannoy, Subdirektor2500„ de Lannoy junior für die Korrespondenz5001 Buchhalter für die Färberei500„„„ Gerberei5001 Lagerverwalter1000Gulden8000
Gulden
Herr Rasse, Direktor
3000
„ de Lannoy, Subdirektor
2500
„ de Lannoy junior für die Korrespondenz
500
1 Buchhalter für die Färberei
500
„„„ Gerberei
500
1 Lagerverwalter
1000
Gulden
8000
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 2. Juli 1763.
E. E. haben jetzt alles Material über unser Geheimverfahren in Händen. Ich erwarte Ihre Entscheidung und möchte zu Ihrem Schreiben (vom 21. Juni) nur noch ein paar Bemerkungen hinzufügen.
In solchen Dingen, glaube ich, täuscht man sich aus der Nähe wohl leichter als aus der Entfernung. Die Gegenwart und Beredsamkeit des Mannes kann blenden. Aus der Entfernung aber sieht man nur die Tatsachen und prüft sie unbefangen. Um aber auch hier unbefangen zu sein, habe ich Sachverständige zu Rate gezogen, und ein jeder hat alle gefärbten Stoffe durchweg für wunderbar erklärt. Die geringen Herstellungskosten geben ihnen gewiß hohen Wert. Unser Tressenfabrikant und Seidenhändler Barbieri, unser Kamelottfabrikant Francolet und unser Tuchfabrikant t’Kint bitten mich kniefällig um Beschleunigung dieser Färberei, die sie für äußerst wertvoll für den Staat halten.
Die Holzfärberei ist ein Nebenprodukt, das keinerlei Ausgaben verursacht. Wollen unsere und die PariserKunstschreiner das Holz kaufen, so ist das ein Gewinn mehr; wo nicht, läßt man die Sache fallen.
Ist das Metall gut, wie ein von mir befragter Chemiker glaubt, so kann es einträglich sein; wo nicht, so stellt man nur soviel her, als man zur Herstellung des Wassers braucht, das sich zum Schwarzfärben des Leders vorzüglich eignet. Die Herstellung von hundert Pfund Metall genügt zum Färben von mehreren tausend Häuten. Ich nenne dies Wasser wunderbar; denn ich habe selbst die Probe gemacht und es mit frischem Wasser, im Verhältnis von 1 zu 60, gemischt. Es färbt das Leder augenblicklich durch und durch, und zwar im schönsten Schwarz. Läßt man das Leder ein paar Stunden darin, so zieht es sich derart zusammen, daß eine sehr starke Kuhhaut so dünn wird wie ein Doppelbogen Papier, ohne daß sie die Form verliert. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich sage, daß dies äußerst belangreich ist. Die Hutfabrikation ist ebenfalls wichtig, und das gleiche gilt erwiesenermaßen für die Öle.
Wenn ich von all diesen Tatsachen überzeugt bin, so doch nicht vom Reichtum meines Mannes. Ich sehe ein, daß er mir sein Geheimverfahren überlassen hat, weil er in größter Not war und es selbst nicht verwerten konnte.
Der Eventualvertrag, den ich mit ihm abgeschlossen habe[366], beweist, daß die Geheimverfahren zwar durch die an ihn gezahlten Vorschüsse und die Anlagekosten teuer zu stehen kommen, in der Folge aber tatsächlich nichts kosten; denn diese Summen kommen in Anrechnung auf den dem Grafen Surmont zugesagten Gewinnanteil. Auch habe ich für Ihre Majestät nichts aufs Spiel gesetzt; denn Frau Nettine übernimmt das Ganze sehr gern aufeigene Rechnung. Wenn aber Ihre Majestät, wie ich wünsche, das Unternehmen für sich behält, so ist Frau Nettine bereit, den Vorschuß zum üblichen Zinsfuß von 4 Prozent zu geben.
Würde dies Unternehmen mit dem Lotto und der Lotterie verbunden, so wird sich hoffentlich bald zeigen, daß diese drei Unternehmungen eine beträchtliche Einnahmequelle für die Staatsfinanzen bilden.
Kaunitz an Cobenzl
Wien, 5. Juli 1763.
Auf Ihren Bericht (vom 25. Juni) mit den ärgerlichen Einzelheiten Ihrer Unternehmung in Tournai könnte ich sofort mitteilen,daß Ihre Majestät sich nicht mit einem Pfennig beteiligt[367]. Doch ich will der formellen Entschließung, die Ihnen zugehen wird, nicht vorgreifen.
Ich will auch nicht auf den Wechsel Ihrer Ansichten über die Person und die Geheimmittel dieses Schwindlers hinweisen. Es genügt mir, ihn Ihnen als solchen gekennzeichnet zu haben, trotz dem zuversichtlichen Ton, mit dem Sie von seinen Reichtümern, seinem erhabenen Wissen und von den Millionen reden, die er uns ausFreundschaft[367]für Sie und die Familie Nettine verschaffen will.
Wenn ich auch in meiner Antwort auf Ihren ersten Bericht[368]über Ihre Unternehmungen, der, wie ich jetzt sehe,etwas spät[367]kam, Ihnen nicht unumwunden sagen wollte noch konnte, daß Ihre Begeisterung Ihnen den klaren Blick für die Dinge trüben könne, so gab ich es Ihnen doch — Sie werden sich dessen entsinnen — ziemlich deutlich zu verstehen durch meine Abneigung, den von Ihnen berichteten Tatsachen Glauben zu schenken. Ich gebrauchteden Ausdruck: Gegen Tatsachen lasse sich nichts einwenden als das eine, ob man sie richtig gesehen habe. Zu diesen Zweifeln fügte ich vorsichtshalber die Warnung,die Interessen Ihrer Majestät nicht aufs Spiel zu setzen[369].
Diese Vorsicht war durchaus nötig. Sie schrieben mir damals: „Ich habe Vorschüssein sehr geringem Betrage[369]durch Frau Nettine geben lassen.“ Heute übersteigt diesersehr geringe Betrag[369]bereits 190000 Gulden[370]!
Das Bild, das ich Ihnen zugleich von diesem berühmten Abenteurer oder Gauner gab — denn schließlich ist ein Betrüger nichts anderes — blieb offenbar eindruckslos; denn Sie mögen geglaubt haben, das Rätsel zu lösen, wie man seine Talente nutzbar machte, ohne seine Betrügereien fürchten zu müssen. War doch Ihre stete Antwort auf meine Warnungen: „Was kümmern uns seine Fehler, wenn wir nur seine Geheimmittel haben!“
Indessen war Ihre Majestät bei meinem Bericht über Ihren Brief und über meine Antwort anderer Meinung. Der Schluß meines Berichtes lautete:
„Damit habe ich ihre großen Pläne weder verworfen noch gebilligt. Möglicherweise befinden sich unter der großen Zahl von Geheimmitteln, deren Ausbeutung so glänzende Erfolge verspricht, auch ein paar recht brauchbare. Möglicherweise löst sich aber auch alles in Dunst auf. Auf jeden Fall wäre es angezeigt, wenn Eure Majestät den Inhalt meines Berichtes geheim halten wollten; denn im ersteren Falle würde Saint-Germain zu sehr eine Entlarvung fürchten, und im zweiten Falle müßte man die Schwachheit der Regierung, die sich von einem Schwindler anführen ließ, mit einem Schleier zudecken[371].“
Das war mein Standpunkt im ganzen Verlauf unseres Schriftwechsels. Obwohl er auf Sie scheinbar keinenEindruck gemacht hat, habe ich Ihnen lediglich aus Rücksicht und Freundschaft nicht mitgeteilt, welches die Worte Ihrer Majestät über meinen Bericht waren. Ich teile sie Ihnen hierdurch im größten Vertrauen mit:
„Ich bin völlig überzeugt, daß das von Ihnen entworfene Bild mehr zutrifft als das Cobenzl’sche, und daß diese Torheit geheim gehalten werden muß. Ich wünschte, der Minister wäre von ihr geheilt[372].“
Die Torheit ist also begangen, und die arme Frau Nettine, die ich von Herzen bedauere, schwebt in großer Gefahr, die ganze Zeche zu bezahlen. Wie ist es möglich, daß sie diesem Elenden auf seine schönen Augen hin 81720 Gulden vorschießen konnte? Wie konnten Sie Ihrerseits zusehen, daß er 12280 Gulden bloß für Reisen und Verpflegung vertan hat[373]? Wie konnte man sich abgesehen von alledem auf eine Ausgabe von 99935 Gulden[374]einlassen, ohne daß bisher für einen Pfennig Betriebsmittel oder Rohstoffe für Ihre Fabriken angeschafft sind, ja ohne von dem Betrüger die Geheimnisse erfahren zu haben, die scheinbar noch am meisten versprechen? Sie sind seiner sicher, sagen Sie. Jawohl, so sicher, daß ich mich nicht wundern würde, wenn er mit allem, um was er Sie geprellt hat, eines schönen Morgens das Weite suchte und Sie mit all Ihren Reichtümern und Ihren vier- bis fünfhundertprozentigen Gewinnen sitzen ließe!
Doch nach allem, was ich Ihnen darüber schon geschrieben habe, ist jede weitere Aussprache zwecklos. Ihre Berechnungen kommen mir vor wie die eines Handwerkers, der sich sagt: „Ein Gehilfe bringt mir täglich ¼ Gulden ein; ich will also 400 annehmen; das macht 100 Gulden pro Tag“. Aber wird man ihm auch soviel Arbeit liefern, daß er vierhundert Gehilfen beschäftigenkann? Werden Sie soviel Absatz für Ihre ganz gewöhnlichen gefärbten Stoffe finden, daß Sie dabei oft Ihre 4-500 Prozent verdienen, daß Sie auch nur die bisherigen Unkosten decken? Hat man den Bedarf an gefärbten Stoffen im Inland berechnet? Denn an das Ausland ist nicht zu denken, weder an England noch an Frankreich, Holland, Italien, Deutschland usw.
Aber sei dem, wie ihm wolle, ich werde Ihrer Majestät über alles genauen Bericht erstatten und dabei zu folgenden Schlußfolgerungen kommen:
1. Die Fabriken eignen sich nicht zu Staatsbetrieben, weder der Sache nach noch im Hinblick auf das Einzelne und die Verwaltungskosten.
2. Sollte trotz allem, was ich dagegen angeführt habe, die Herstellung oder Ausbeutung von Surmonts Geheimverfahren einen Ertrag abwerfen, so hat Frau Nettine den allerersten Anspruch darauf.
3. Somit kann man ihr nicht den Schutz und die Erleichterungen abschlagen, die sie bei der Regierung beantragen wird, zumal es Regierungsgrundsatz ist, den Manufakturen jede Förderung zu gewähren, die mit der Verfassung des Landes vereinbar ist.
Ich hoffe, daß Ihre Majestät diese Schlußfolgerungen gutheißen wird, kann mich aber nicht dafür verbürgen. Inzwischen geben bereits meine früheren Briefe E. E. die erforderlichen Richtlinien.
Kaunitz an Maria Theresia
Wien, 21. Juli 1763.
Eure Kaiserliche Majestät werden sich erinnern, daß ich am 22. April d. J.[375]einen Bericht des Grafen Cobenzlüber die Riesengewinne vorgelegt habe, die er sich von den Geheimverfahren in der Färberei und mehreren anderen Handelsartikeln verspricht, die eine eigenartige Persönlichkeit, früher als Graf Saint-Germain bekannt, zu besitzen vorgibt.
Kaunitz wiederholt den Inhalt des Berichts von Cobenzl vom 8. und seiner Antwort vom 19. April[376].
Kaunitz wiederholt den Inhalt des Berichts von Cobenzl vom 8. und seiner Antwort vom 19. April[376].
Staatskanzler Graf KaunitzStich von Pazzi
Staatskanzler Graf Kaunitz
Stich von Pazzi
E. M. haben meine Auffassung der Sache und meine Weisungen an den Grafen Cobenzl gebilligt. Die großen Projekte dieses Ministers sind Ihnen selbst als eine Torheit erschienen, die geheim gehalten werden müsse, und von der E. M. ihn geheilt zu sehen wünschten.
Was mir Graf Cobenzl seither über seinen Wundermann wie über dessen Projekte berichtete, hat meine anfängliche Auffassung nur zu sehr bestätigt. Je verdächtiger also die Sache wurde, desto mehr war ich darauf bedacht, die Interessen E. M. sicherzustellen, und das ist mir, glaube ich, auch gelungen. Trotzdem konnte ich nicht verhindern, daß Frau Nettine bereits fast 200000 Gulden Vorschüsse für die Fabriken in Tournai gezahlt hat[377], die von Graf Cobenzl auf Drängen Surmonts angelegt worden sind.
Ehe ich jedoch auf diese Anlagen und ihre Bestimmung näher eingehe, muß ich E. M. über die schwankenden Angaben des Grafen Cobenzl, über die Persönlichkeit und die Reichtümer ihres Begründers berichten.
Zuerst sprach der Minister von diesen Reichtümern in einem Tone, der jeden Zweifel ausschließen mußte. Trotzdem zweifelte ich und ersuchte den Grafen Cobenzl um Angabe, welche Gewißheit er über diese angeblichen Reichtümer hätte und welcher Art sie wären, ob sie in Geld, Wertpapieren, Landbesitz oder Handelseffekten beständen.Auch teilte ich ihm Anekdoten mit, aus denen hervorging, daß dieser Mann in Frankreich gleichfalls mit seinen Reichtümern geprahlt hatte und in seiner Dreistigkeit so weit gegangen war, vom Grafen Saint-Florentin ein Landgut im Werte von 1800000 Livres in aller Form zu kaufen, daß aber an den Zahltagen die versprochenen Rückstände und Wechselbriefe nicht eintrafen und daß der Käufer Frankreich verlassen mußte[378].
Auf das alles antwortete mir der Minister am 28. April[379], Surmont hätte das Gut Ubbergen in Holland gekauft, es zu zwei Dritteln bezahlt und den Namen dieses Gutes angenommen. Außerdem besäße er Wertsachen, die er bei Frau Nettine hinterlegen werde, und der Mann, der sie in Seeland verpfändet hätte, schätze ihren Wert auf über eine Million. Wie Graf Cobenzl zugab, spräche Surmont viel von seinen Reichtümern. Doch wiederholte er, er müsse sehr reich sein; denn überall, wo er sich aufgehalten, hätte er fabelhafte Geschenke gemacht und viel ausgegeben,ohne irgendwo Schulden zu hinterlassen[380].
Von dem Gutskaufe vom Grafen Saint-Florentin wußte der Minister nichts. Im übrigen suchte er meine anderen Einwände über Surmonts Charakter und Leben mit dem Hinweis zu entkräften, daß dieser Mann nichts von uns verlangte, und daß er ihm seine Geheimmittel aus Freundschaft überlassen wollte; somit müßten uns seine persönlichen Eigenschaften einerlei sein, wenn man nur in den Besitz seiner Geheimmittel käme.
Diese Aufklärungen vermochten die Eindrücke nicht zu verwischen, die ich aus den sonstigen Nachrichten von diesem Manne gewonnen hatte. Welche Vorstellung könnte man sich auch von den Reichtümern eines Unbekanntenmachen, dessen Wertsachen verpfändet sind und dessen Grundbesitz nicht bezahlt ist? Ich machte den Grafen Cobenzl am 10. Mai[381]auf diese Widersprüche aufmerksam und verhehlte ihm angesichts der Abenteuer Surmonts in Frankreich meine Befürchtung nicht, er möchte in einer Grenzstadt wie Tournai, wo Graf Cobenzl die Fabrik anlegen wollte, nicht allzu sicher sein.
Der Minister antwortete mir auf alle diese Bedenken nur mit der Versicherung, Frau Nettine hätte bei einer Reise nach Paris nichts Nachteiliges über Surmont erfahren und sich durch ihre Schwiegersöhne vergewissert, daß wir bei keiner einzigen Unternehmung Widerstand zu befürchten hätten[382].
Das fortdauernde Vertrauen, das Frau Nettine auf diesen Mann nach Befragung ihrer Schwiegersöhne in Paris setzte, begann meine Zweifel zu zerstreuen. Ich verhehlte dies dem Grafen Cobenzl in meinem Briefe vom 31. Mai nicht. Als aber ein paar Tage darauf die Proben von Surmonts Kunst eintrafen, sah ich deutlich, daß er es verstanden hatte, über die Tatsächlichkeit seiner Geheimmittel ebenso zu täuschen wie über seine persönlichen Verhältnisse. Auch rühmte sich Graf Cobenzl in seinem Briefe vom 9. Juni nicht mehr, diese Geheimmittel aus Freundschaft zu erhalten. Er meldete schon damals, sie würden teuer sein, und am 25. Juni änderte er seine Sprache über Surmonts Reichtümer und Charakter völlig. Ich lege diesen Bericht nebst allen Anlagen[383]bei. Wie er gestand, hatte er sich durch einen Nimweger Kaufmann und Geschäftsfreund Surmonts nach dessen Reichtümern und besonders nach den Wertsachen erkundigt und erfahren, daß diese mindestens eine Million wert seien. Da er trotzdem ohne Geld war und seineWertsachen nach Tournai kommen lassen wollte, hatte Frau Nettine ihm 81720 Gulden vorgeschossen. Weiterhin aber hätte man gesehen, daß der Nimweger Kaufmann im Einverständnis mit ihm war, daß nur sehr geringe Wertsachen nach Brüssel gekommen waren, und daß die in Holland zurückgebliebenen nur aus Gemälden bestanden, die zwar Surmont sehr hoch schätzte, die aber sehr wenig wert zu sein schienen. Zudem hatte sich herausgestellt, daß er verschuldet war, von seinen holländischen Gläubigern gedrängt wurde und in seinen Privatverhältnissen keine Ordnung und Sparsamkeit walten ließ. Trotzdem erschien er dem Grafen Cobenzl noch immer als Besitzer wunderbarer Geheimnisse. Zugleich klagte dieser über seine Launen und sein wunderliches Wesen.
Das alles steht in schroffem Gegensatz zu den ersten Berichten des Ministers über seine Redlichkeit, seine schlichten Sitten und seine Reichtümer. Ich begreife nicht, wie man sich so lange hat täuschen lassen können, während ich bei den ersten Nachrichten aus Brüssel alles aufgeboten habe, um den Grafen Cobenzl vor der Redegabe und der eigentümlichen Begabung dieses Schwindlers zu warnen, das Vertrauen auch der Ungläubigsten zu gewinnen. Ich wies ihn namentlich auf Surmonts Abenteuer in Frankreich hin und sagte ihm wörtlich, dieser hätte es dort verstanden, alle, die an seiner Freigebigkeit und an den von ihm verheißenen Wundern teil zu haben hofften, in einer Art von Ehrfurcht zu halten, so daß sie sogar auf das Recht des Zweifels verzichteten. Trotz meiner Warnung ist es ihm nur zu gut gelungen, den Grafen Cobenzl und die Familie Nettine ebenso zu beeinflussen, wie es bei einem Teil des französischen Ministeriums eine Zeitlang der Fall war.
Nach den Vorschüssen und den großen Ausgaben zu urteilen, die lediglich für seine Person erfolgt sind und die sich bereits auf 94000 Gulden belaufen[384], muß die Begeisterung in Brüssel sogar noch weiter gegangen sein als in Paris. Offenbar hat Graf Cobenzl, als er hinter Surmonts Fehler kam, sich für befähigt gehalten, seine Talente nutzbar zu machen, ohne seine Betrügereien fürchten zu müssen; denn auf meine Verdachtsgründe entgegnete er immer wieder: Was liegt uns an seinen Fehlern, wenn wir nur seine Geheimmittel besitzen?
Diese Denkweise hätte berechtigt erscheinen können, hätte man die Tatsächlichkeit seiner angeblichen Geheimmittel und die Riesengewinne aus ihnen vorher genau festgestellt. Aber zu einer Zeit, wo es noch fraglich ist, ob man den von einem Abenteurer versprochenen Wundern Glauben schenken soll, gebietet die Vorsicht, seine Sitten, seinen Charakter, seine Privatverhältnisse, seine früheren Abenteuer usw. stark in Betracht zu ziehen. Das alles aber spricht durchaus gegen den angeblichen Grafen Surmont und wäre allein genug, um seine Projekte abzulehnen.
Kaunitz prüft die Vorschläge von Cobenzl für Übernahme der Manufakturen in Staatsbetrieb und kommt zu ihrer Verwerfung, da sie den verheißenen Gewinn nicht einbringen würden. Die eingesandten Proben seien minderwertig und trotz des niedrigen Preises keine großen Umsätze zu erwarten. Zu Cobenzls Bericht vom 25. Juni übergehend, bemängelt Kaunitz die Unsicherheit der Unterlagen, bei den Farben überdies das Fehlen von Blau und Grün.
Kaunitz prüft die Vorschläge von Cobenzl für Übernahme der Manufakturen in Staatsbetrieb und kommt zu ihrer Verwerfung, da sie den verheißenen Gewinn nicht einbringen würden. Die eingesandten Proben seien minderwertig und trotz des niedrigen Preises keine großen Umsätze zu erwarten. Zu Cobenzls Bericht vom 25. Juni übergehend, bemängelt Kaunitz die Unsicherheit der Unterlagen, bei den Farben überdies das Fehlen von Blau und Grün.
Wenn die neuen Manufakturen in Tournai schon aus sachlichen Gründen nicht für uns in Frage kommen, so erst recht nicht wegen der großen, bereits entstandenen Kosten und der kostspieligen Verwaltung, die sie nachAngabe des Grafen Cobenzl erfordern. Wie schon oben betont, hat Frau Nettine Surmont bereits 94000 Gulden vorgeschossen oder für ihn ausgelegt, ohne daß es bisher gelungen wäre, die Geheimverfahren aus ihm herauszulocken, die scheinbar noch am meisten versprechen. Die Ausgaben für die Fabrikanlagen belaufen sich bereits auf 99935 Gulden, 5 Sols, 4 Pfennig, ohne daß bisher für einen Pfennig Betriebsmittel oder Rohstoffe angeschafft wären oder daß man das Geringste für Beschaffung von Arbeitern ausgegeben hätte. Zudem spricht aus allen diesen Ausgaben eine Verschwendung, die keine günstigen Schlüsse auf die künftigen laufenden Ausgaben erlaubt.
Allein für Surmonts Unterhalt und seine Reisen sind 12280 Gulden verausgabt. Ein Wohnhaus für ihn in Tournai ist für 13500 Gulden gekauft worden, und die verschiedenen nicht näher belegten Auslagen des Kaufmanns Rasse, der einer der Direktoren werden soll, belaufen sich auf 5300 Gulden[385]. Der vom Grafen Cobenzl entworfene Verwaltungsplan zeigt keine größere Sparsamkeit. Die Gehälter für die beiden Direktoren und die übrigen Angestellten betragen 8000 Gulden jährlich[386]. Außerdem schlägt der Minister vor, den Sohn der Frau Nettine, dem Surmont allein seine Geheimverfahren anvertraut hat, zum Generaldirektor des ganzen neuen Unternehmens zu ernennen und ihn lediglich Sr. Kgl. Hoheit und der Oberaufsicht des Ministers zu unterstellen. Ferner meint er, daß der Staatsrat Walckiers zum Königlichen Kommissar bei diesem Unternehmen bestellt, dessen Leitung mit der der Lotterie verbunden werden und daß E. M. dem jungen Nettine aus dem Gewinn ein festes Gehalt oder einen Gewinnanteil gewähren könnte.
Zugleich übersendet mir Graf Cobenzl den vorläufig mit Surmont abgeschlossenen Vertrag[387], wonach dieser für Lebenszeit an den in Frage stehenden Unternehmungen zur Hälfte beteiligt wird, die ihm vorgeschossenen Summen von seinem Gewinnanteil abgezogen werden und Surmont sich seinerseits verpflichtet, die Herstellungsart von Blau und Grün, die Verfeinerung der Öle, das Krempeln des Leders für die Hutfabrik oder zu jedem anderen ihm bekannten Gebrauch, sowie jedes andere Geheimmittel oder Verfahren anzugeben, durch das die Manufakturen zur größten Vollendung gebracht werden können.
Surmont hat es also nicht nur verstanden, eine Summe von fast 100000 Gulden herauszuschlagen, deren Rückzahlung auf einem zum mindesten sehr zweifelhaften, wo nicht gänzlich hinfälligen Gewinn beruht, sondern er hat sich auch die Möglichkeit weiterer Gewinne aus seinen angeblichen Geheimverfahren gesichert; denn er hat sich die anscheinend wichtigsten vorbehalten und wird sie sich zweifellos teuer bezahlen lassen. Außerdem verspricht er, etwas zu lehren, was er nach eigenem Geständnis selbst noch nicht versteht, nämlich die Herstellung des Blaus. Es kann sich dabei nur um die Herstellung ohne Cochenille handeln; denn von etwas anderem war nie die Rede. Nun schreibt mir Graf Cobenzl am 27. Mai ausdrücklich, Surmont kenne diese Herstellungsart nicht und hoffe nur, ein Verfahren zu finden, das diese teure Zutat unnötig macht. Nicht anders dürfte es mit dem Grün stehen, das er herstellen zu können behauptet, aber von dem der Minister noch nie eine Probe zu sehen bekommen hat[388]. Von diesen zwei Farben ist denn auch, wie oben gesagt, in der Aufstellung der Preise der neuen Farben nirgends die Rede.
Das alles tritt zu den Gründen, die von einem Unternehmen auf Staatskosten abraten. Trotzdem hält Graf Cobenzl dies für das Zweckmäßigste. Er will, falls E. M. darauf eingehen, der Frau Nettine ihre Vorschüsse für die genannten Unternehmungen in Höhe von 193935 Gulden, 5 Sols, 4 Pfennig mit 4 Prozent verzinsen und sie aus den Überschüssen allmählich zurückzahlen.
Dabei versichert er mir immer wieder, falls E. M. den Betrieb der Surmont’schen Fabriken nicht auf Staatskosten übernehmen wollten, würde Frau Nettine ihn gern auf eigene Rechnung übernehmen. Außerdem erklärt er mir, in der ganzen Sache mit Zustimmung Sr. Kgl. Hoheit gehandelt zu haben, und bittet mich, ihm die Allerhöchste Entscheidung E. M. darüber kundzugeben.
Aus allem Gesagten geht hervor:
1. Graf Cobenzl, Frau Nettine, ihre Familie sowie alle, die an dem lächerlichen Mysterium der angeblichen Geheimmittel dieses Abenteurers beteiligt sind, haben sich derart hereinlegen lassen, daß sie Vorschüsse und Auslagen in Höhe von fast 100000 Gulden nur für seine Person und auf Rechnung seiner ungeheuren Reichtümer gemacht haben, die sich, wie sie heute zugeben, auf Nichtigkeiten beschränken und sich vielmehr in Schulden verwandelt haben, die sicherlich aus ähnlichen Schwindeleien wie die in Brüssel verübten herrühren.
2. Nachdem sie sich so gröblich über den Charakter dieses Gauners getäuscht haben, trotzdem sie seine Geschichte und seine Abenteuer kannten, geben sie uns das Recht, ihrem Urteil über die Geheimmittel zu mißtrauen, die er ihnen so teuer aufgeschwindelt hat. Dies berechtigte Mißtrauen wird bestärkt durch die Abweisungen, die Surmont in Frankreich, in Holland, in England und überall erfahren hat, wo er seine kümmerlichenGeheimmittel wie bei uns angepriesen haben wird. Ich hätte mir also alle Vergleichungen, Berechnungen, Proben und Prüfungen ersparen können.
Aus ihnen hat sich ergeben:
3. Die gefärbten Seiden- und Wollstoffe bieten dem Publikum durchaus nichts Neues und können daher die Vorteile der Neuheit und des Monopols nicht beanspruchen. Sie bieten selbst in den bekannten Farben nichts Hervorragendes und sind bei weitem nicht in allen Farbgattungen vorhanden. Schon die Wiener gefärbten Stoffe übertreffen in dieser Farbenskala die seinen; um wieviel weniger könnten sie sich also gegenüber den englischen, französischen und holländischen behaupten!
4. Somit beruhen alle ihre Erwartungen nur auf dem Absatz in den Niederlanden. Aber sie haben dessen Umfang nicht berechnen können oder wollen, obgleich dies der einzige feste Anhaltspunkt wäre, um die Höhe der Einnahmen zu berechnen und ihr die Kosten gegenüberzustellen. Denn ohne einen solchen vorherigen Anschlag kann, ja muß es geschehen, daß sie bei dem überstürzt und höchst unbesonnen begonnenen Großbetrieb in einem Monat mehr Stoffe färben, als die einheimischen Fabriken in einem Jahre verbrauchen können.
5. Günstigsten Falls, d. h. wenn man den ganzen inneren Markt versorgen könnte, wäre das Unternehmen moralisch unrecht und politisch verkehrt. Unrecht, denn man brächte alle Privatfärbereien mit Güte oder mit Gewalt an den Bettelstab. Mit Güte, wenn man sie durch den billigen Preis überflügelte; mit Gewalt, wenn man zur Billigkeit noch das Monopol fügte. Politisch wäre das Unternehmen verkehrt; denn selbst bei der Annahme, man könnte alle Privatindustrieen verstaatlichen — was der täglichen Erfahrung völlig widerspricht —, wärendiese Industrieen in Privathänden für den Staat weit wertvoller als beim Staatsbetriebe. Denn im ersten Falle begünstigen sie den Bevölkerungszuwachs, spornen den Wetteifer an, vermehren die Umlaufskanäle, setzen den einheimischen Handel in Nahrung, vervielfältigen seine Werte und unterstützen die Landwirtschaft und die Landesverteidigung. Beim Staatsbetriebe dagegen fallen durch die Zusammenfassung alle diese günstigen Faktoren fort; der Unterhalt von tausend Familien wird von hundert Angestellten und Arbeitern verzehrt, und hundert Menschen verarmen, um einen einzigen zu bereichern. Ein derartiges Unternehmen würde den Untertanen E. M. also keineswegs nützlich sein, wie man dreist behauptet hat, sondern sie zugrunde richten. Sie würden sich mit Recht laut beklagen, und wir zögen uns die bittersten Beschwerden und Klagen der Stände auf den Hals. Sind dies aber im günstigsten Falle die notwendigen Folgen eines solchen Unternehmens, dann kann man unmöglich mit dem Grafen Cobenzl in der Billigkeit allein das Mittel sehen, um den ganzen Verbrauch der Niederlande an gefärbten Stoffen an sich zu reißen. Damit sinken alle seine Erwartungen in Nichts zusammen, und es bleibt ihm nichts als die Reue, so große Opfer gebracht zu haben. Und tatsächlich hat Cobenzl unrecht; denn er hat nicht bewiesen, daß es möglich ist, die Privatindustrie mit allen ihren Hilfsquellen auszuschalten und ihr für alle Zeit die Kenntnis des Geheimverfahrens zu entziehen, das nach Aussage der Frau Nettine ziemlich leicht zu erraten ist. Ebensowenig hat er schließlich bewiesen, daß es möglich ist, die Privatindustrie durch Schönheit und Güte der Farben und durch Billigkeit des Preises zu übertreffen, wenn sie erst einmal nach seinem Geheimverfahren arbeitet.
Aus meiner Darlegung ergibt sich ferner:
6. Daß die Gewinne aus der Gerberei heute von den einheimischen Gerbern gemacht werden, und daß Graf Cobenzl diese Gewinne durch Surmonts Geheimverfahren nur zu vergrößern hofft. Dabei verdient die Gerberei unter den angeblichen Geheimverfahren noch am meisten Beachtung, und gerade darüber wissen sie noch am wenigsten; denn alle ihre positiven Angaben beschränken sich auf das Gewicht der heute von unseren Gerbern verarbeiteten und verkauften Felle. Ebensogut könnte man sagen: Es gibt in den Niederlanden 10000 Schuhmacher; jeder verdient täglich soundsoviel. Man braucht also nur alle Stiefel und Schuhe, die diese Schuhmacher anfertigen, auf Rechnung des Staates herzustellen und hat allein den ganzen Gewinn davon. Wenn man so weiter fortfährt, alle Gewerbe an sich reißt und sie selbst ausübt, und angenommen, es gelingt, so muß man E. M. neue Untertanen verschaffen, die soviel Geld haben, um alle diese Waren zu kaufen; denn die Ihren wären zugrunde gerichtet und verarmt. Daß bei der Gerberei Geld zu verdienen ist, wußten wir ohnehin. Daß aber der Staat diesen Gewerbszweig auch noch an sich reißen müsse, das sollte man nicht vorschlagen, ohne vorher deutlich nachzuweisen, was für wirkliche und neue Vorteile für die Bevölkerung daraus entspringen.
Für die Hutfabrik gilt genau das gleiche.
7. Surmont hat ihnen ebensowenig das Geheimverfahren angegeben, durch das gewöhnliche Öle geruchlos gemacht und derart verfeinert werden, daß sie einen Ersatz für das feine Provenceröl bilden. Dieser Artikel wäre der einzige, der den Staatsfinanzen ohne Schaden für die einheimische Industrie und den einheimischen Handel die größten Einkünfte verschaffen könnte; dennes gibt noch nirgends eine derartige Fabrik, die Rohstoffe hätten wir in den Niederlanden, und somit würden neue Werte geschaffen. Aber die Ankündigung dieses Geheimverfahrens ähnelt der uns gegebenen über die Verwandlung von Eisen in ein goldartiges Metall. Beides ist gleich unwahrscheinlich; denn schon das Geheimverfahren zur Verfeinerung von Ölen in der angegebenen Weise wäre Surmont in Holland und England zu jedem von ihm geforderten Preise abgekauft worden.
8. Die uns vorgeschlagene Verwaltung ist ebensowenig sparsam, wie das Benehmen gegen Surmont von Anfang an bis auf diesen Tag klug war. Sie würde sieben bis acht Werkstätten zu verwalten haben, deren jede die ganze Tatkraft und Wachsamkeit, den ganzen Fleiß und die ganze Sparsamkeit mehrerer sehr erfahrener Geschäftsleute in Anspruch nähme. Das Verwaltungsbüro allein würde 8000 Gulden jährlich kosten. Fast ebensoviel würden die Zinsen für die bereits so leichtfertig ausgegebenen Summen erfordern. Dabei ist noch kein Pfennig inbegriffen für die Löhne eines Schwarmes von Arbeitern und für die Beschaffung von Rohstoffen.
Aus all diesen Schlußfolgerungen ergibt sich als offenkundig und unbedingt notwendig, daß diese gewagten Unternehmungen weder der Sache nach noch in ihrer Verwaltung und in ihrem Betrieb den Staatsfinanzen entsprechen. Da jedoch Frau Nettine aus eigener Tasche den unsinnigen Vorschuß von fast 200000 Gulden gemacht hat und sie diese Fabriken auch übernehmen will, so ist es recht und billig, daß E. M. sie ihr überlassen und gleichzeitig Ihre Regierung beauftragen, ihr alle Erleichterungen und Vergünstigungen zu gewähren, die sich mit der Wohlfahrt der Staatsfinanzen und der Landesverfassung vereinbaren lassen.
Eigenhändiges Marginal Maria Theresias
Placet.Ich billige alle Vorschläge des Kanzlers.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 22. Juli 1763.
Seit dem Erlaß E. E. vom 5. ist von der Sache in Tournai nicht mehr die Rede. Ich war Zeuge davon, daß Herr Bürgermeister Hasselaar[389]über unseren Mann sehr günstig gesprochen hat, aber von der Anlage einer Manufaktur war zwischen ihnen nie die Rede.
Maria Theresia an Prinz Karl von Lothringen
Wien, 24. Juli 1763.
Mein Hof- und Staatskanzler hat mir über seinen ganzen Schriftwechsel mit dem Grafen Cobenzl betreffs der angeblichen Geheimmittel für Fabriken und Manufakturen berichtet, die ein gewisser Surmont besitzen will, sowie über die Manufaktur, die Graf Cobenzl infolgedessen mit Genehmigung Eurer Hoheit in Tournai bereits eingerichtet hat[390]. Ich teile Ihnen hierdurch mit, daß wir das Ganze aufs unparteiischste und gewissenhafteste haben prüfen lassen, und daß sich daraus ergeben hat, daß diese Manufaktur weder in der Sache noch ihrer Verwaltung nach meinem königlichen Dienst entspricht und bei einem Staatsbetrieb — falls er überhaupt Erfolg hat — eine große Zahl meiner getreuen Untertanen zugrunde richten würde. Ich trete also dem bei, was mein Hof- und Staatskanzler dem Grafen Cobenzl hierüber schon mitgeteilt hat[391], und lehne den Gedanken völlig ab, das fragliche Unternehmen auf Rechnung des Staates betreiben zu lassen. Auch sollder Staat für die bereits erfolgten Ausgaben in keiner Weise herangezogen werden.
Da jedoch die Witwe Nettine, die für das neue Unternehmen schon beträchtliche Vorschüsse gezahlt hat, es auf eigene Rechnung übernehmen will, so ermächtige ich Eure Hoheit, ihr zu diesem Zweck die nötige Genehmigung zu geben und ihr alle Erleichterungen und Vergünstigungen zu gewähren, die sich mit der Wohlfahrt meiner Finanzen und der Verfassung meiner belgischen Provinzen vereinbaren lassen.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 2. August 1763.
Ich erwarte heute die Nachricht von der Abreise des Herrn von Surmont und hoffe, daß Frau Nettine ihre großen Vorschüsse wieder herauswirtschaften wird. Sicherlich steckt in seinem Geheimverfahren etwas Gutes; zum mindesten ist dies bei der Hutfabrikation und Gerberei anerkannt, und alle unsere Seiden- und Tuchhändler finden die gefärbten Stoffe wunderbar. Se. Kgl. Hoheit wird die diesbezüglichen Befehle Ihrer Majestät[392]mit größter Genauigkeit ausführen.
Kaunitz an Cobenzl
Wien, 14. August 1763.
Ich verstehe nicht recht, was die Wendung in Ihrem Berichte vom 2. bedeutet: „Ich erwarte heute die Nachricht von der Abreise des Herrn von Surmont.“ Geht er freiwillig oder jagt man ihn endlich fort? Im ersteren Falle dürfte er wohl nicht nur das Geld der von mir aufrichtig bedauerten Frau Nettine mitnehmen, sondern auch die freie Verfügung über seine schönen Geheimmittel behalten.Im zweiten Fall wird man ihm hoffentlich noch das Geheimnis der Verfeinerung von Ölen entlockt haben. Offen gestanden, Herr Graf, könnte ich mir noch heute kein Bild machen, hätte ich nicht schon in meiner ersten Antwort[393]die Begeisterung unterstrichen, mit der dieser Schwindler Sie alle erfüllt hat, ganz ähnlich, wie es ihm auch in Frankreich geglückt ist. Aber zu etwas sind schlimme Erfahrungen doch gut, und ich hoffe, in Zukunft wird man bei Ihnen auf der Hut sein, und die Abenteurer werden kein gewonnenes Spiel haben.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 23. August 1763.
Herr von Surmont ist nicht ausgewiesen worden. Aber in Erwartung der Entscheidung, ob Ihre Majestät die Manufaktur selbst übernehmen oder an Frau Nettine weitergeben will, hatte diese ihren Sohn in Tournai gelassen, um alle Geheimverfahren des Herrn von Surmont kennen zu lernen. Da man nun von ihm alles erfahren hatte, was er wußte, und seine Anwesenheit nicht mehr nötig war, habe ich ihm nach Eintreffen der Allerhöchsten Befehle geschrieben, Ihre Majestät wolle von seinen Geheimverfahren nichts wissen. Zugleich hat Nettine ihm eröffnet, daß seine Mutter sie als Deckung für ihre Vorschüsse behielte, daß sie ihm aber weitere Vorschüsse nicht machen wolle. Darauf hat er sich sofort zur Abreise entschlossen, wobei er erklärte, das Ganze im Laufe weniger Monate zurückzuzahlen. Andernfalls könne man seine Geheimverfahren benutzen, und falls man irgendeiner Aufklärung bedürfe, sei er bereit, sie zu geben, wo immer er sich auch befinde.Er ist nach Lüttich abgereist und wird sich wohl nach Karlsruhe zum Markgrafen von Baden-Durlach[394]wenden. Frau Nettine hofft noch, wenigstens einen Teil ihrer Vorschüsse zurückzubekommen.
Man muß den Mann gesehen haben, um unsere Leichtgläubigkeit zu entschuldigen. Auch die vor uns auf ihn Hereingefallenen können uns teilweise entschuldigen, aber sicherlich haben wir die Erfahrung gemacht, daß der Mensch durch etwas betrogen werden kann, was er sieht und mit Händen greift.
Kaunitz an Cobenzl
Wien, 3. September 1763.
Der Fall Surmont ist für mich erledigt. Ich wünschte, daß das, was er in Brüssel getan hat und tun ließ, sich so leicht wieder gutmachen ließe, daß ich es vergessen kann.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 2. Oktober 1763.
Ich erhalte von nirgendswoher Nachricht, was aus Herrn von Saint-Germain geworden ist. Die in Tournai begründete Manufaktur beginnt sich zu entwickeln; ich glaube bestimmt, Frau Nettine wird dabei auf ihre Rechnung oder wenigstens auf ihre Kosten kommen.
Gegen Mitte Juni schickte mein Oheim mich nach Tournai, um für ein paar Tage das Benehmen einesberüchtigten Abenteurers zu überwachen[396], auf den mein Oheim, Frau von Nettine und viele andere gründlich hereingefallen waren. Dieser Mann war in Brüssel unter dem Namen eines Grafen Surmont aufgetreten, nachdem er sich anderswo Graf Saint-Germain genannt hatte. Er führte sich bei meinem Oheim in sehr geheimnisvoller Weise durch ein paar Empfehlungsbriefe, ich weiß nicht von wem, ein. Tagsüber ging er nie aus, und zur Zwiesprache mit meinem Oheim stellte er sich nur in vorgerückter Nachtstunde ein. Er erbot sich, mittels seiner angeblichen Geheimverfahren dem Hof große Dienste zu leisten. U. a. handelte es sich um ein Metall, das zwar kein Gold war, aber Farbe, Gewicht und Hämmerbarkeit des Goldes und somit alle Vorzüge desselben besaß. Er hatte, wie er sagte, hervorragende Kenntnisse in der Färberei und konnte Leder, Wolle und Seide sehr billig die glänzendsten Farben geben. Er wollte die feinsten Hüte zu billigerem Preise herstellen, als sonst die Anfertigung der gröbsten Hüte kostete. Fleckige Diamanten wußte er von ihren auffälligsten Flecken zu befreien. Er stellte Arzeneien gegen alle Krankheiten her und besaß Mittel zur unberechenbaren Verlängerung des Lebens. Alle Wissenschaften, von denen man sprach, beherrschte er im höchsten Maße. War von Musik die Rede, so sprach er als Meister davon, setzte sich ans Klavier und trug eigene Kompositionen vor. Sprach man von Malerei, so behauptete er, im Besitz einer hervorragenden Gemäldesammlung zu sein, sagte aber nicht, wo sie war. Welches seine Heimat sei, sagte er nicht, aber er sprach sehr gut Französisch, Italienisch, Englisch, Portugiesisch und Spanisch. Wie alt er war, sagteer nicht; anscheinend zählte er 50 Jahre, aber er sagte, das Menschenleben ließe sich unglaublich verlängern, und er sprach von Ereignissen, die um Jahrhunderte zurücklagen, und deren Augenzeuge er gewesen war.
Er redete wenig und so, daß man mehr erriet als begriff. Durch diese Art von Marktschreierei hatte der gewandte Mann das Vertrauen meines Oheims zu gewinnen verstanden, der mehr als einen Vorteil für den Staat aus einem Teil seiner Geheimmittel zu ziehen hoffte, indem er in Tournai eine Färberei, eine Papierfabrik und eine Werkstätte zur Herstellung des kostbaren Metalls einrichtete. Bestochen hatten meinen Oheim sehr schöne Proben aller dieser Dinge, die der Abenteurer ihm vorlegte, mit der Behauptung, er wolle ihm alle seine Geheimnisse nur aus reiner Freundschaft abtreten; denn er besäße alles, was er wünschte, und hätte nichts nötig. Um meinen Oheim davon zu überzeugen, sagte Graf Surmont eines Tages, als von Malerei die Rede war und mein Oheim äußerte, nur sehr wenige Privatleute könnten sich rühmen, einen echten Raffael zu besitzen, das träfe zwar zu, aber in seiner Sammlung fehlte es nicht daran, und zum Beweis dafür kam vierzehn Tage bis drei Wochen später ein Gemälde an, das Herr von Surmont meinem Oheim als aus seiner Sammlung stammend schenkte, und ein paar Künstler der Stadt, Kenner oder nicht, denen mein Oheim dies Bild zeigte, erklärten es für ein Original Raffaels. Surmont wollte es jedoch nicht zurücknehmen und bat ihn, es als Zeichen seiner Freundschaft zu behalten.
Ein andermal zeigte er meinem Oheim einen großen Solitär mit einem Flecken und sagte, er werde ihn in wenigen Tagen tadellos machen. Tatsächlich brachte er ihm nach ein paar Tagen einen Solitär vom gleichen Schnitt, der tadellos und ohne Flecken war, mit der Versicherung,es sei der gleiche Stein. Als mein Oheim ihn genau geprüft und bewundert hatte, wollte er ihm den Stein zurückgeben, aber jener nahm ihn nicht an und beteuerte, er hätte Diamanten genug, mit denen er nichts anzufangen wisse, und mein Oheim möchte diesen als Erinnerung an ihn behalten. Mein Oheim, der keine Geschenke annehmen wollte, wehrte sich lange dagegen und gab erst nach, als Surmont ihm drohte, Brüssel sofort mit all seinen Geheimmitteln zu verlassen, wenn mein Oheim durch das Ausschlagen dieser Kleinigkeit bewiese, daß er seinen Worten nicht traute.
Es wurde also beschlossen, alle obengenannten Unternehmungen in Tournai zu begründen, und zwar auf Verlangen des Urhebers sogleich in großem Stil. Zunächst mußten Häuser gekauft und teils neu gebaut, sowie alle möglichen Materialien nach einer Liste Surmonts beschafft werden, der die Ausführung mit Hilfe einer Summe unternahm, die man ihm zu diesem Zweck vorschießen mußte. Frau von Nettine übernahm ein paar Aktien, mein Oheim desgleichen; der Rest wurde auf Staatskosten übernommen. Surmont war hierauf nach Tournai gereist, um Hand ans Werk zu legen; ein paar Monate später wurde ich hingesandt, um zu sehen, wie die Dinge standen. Ich blieb vierzehn Tage dort und ließ meinen Mann tags und nachts nicht aus den Augen. Aus meinem nach meiner Rückkehr erstatteten Bericht ergab sich, daß gar nichts geschehen war, und daß alle diesem Manne vorgeschossenen Summen verschwunden waren. Kurz darauf verschwand er selbst, und man mußte sogar noch zahlreiche Schulden bezahlen, die er unter Mißbrauch der ihm leider erteilten Vollmachten gemacht hatte. Später erfuhr man, daß dieser Mann unter verschiedenen Namen schon ähnliche Streiche in anderen Ländern gespielt hatte. Ich weiß nicht, wohiner sich nach Verlassen der Niederlande begab. Mehrere Jahre später hörte ich, er sei in Hamburg, wo er auch starb[397], ohne daß jemand erfahren hätte, woher er stammte noch wovon er lebte.
Am nächsten Tage kam ich (aus Dünkirchen) in Tournai an. Als ich ein paar Stallknechte auf schönen Pferden reiten sah, fragte ich sie aus Neugier, wem sie gehörten.
„Dem Grafen Saint-Germain, dem Adepten, der seit einem Monat hier ist und niemals ausgeht.“
Diese Antwort bewog mich, ihn zu besuchen. Kaum im Gasthof angelangt, schrieb ich an ihn und fragte ihn, wann ich ihn aufsuchen dürfte. Nachstehend seine Antwort, die ich mir aufgehoben habe:
„Infolge meiner Beschäftigung kann ich niemand empfangen. Doch Sie machen eine Ausnahme. Kommen Sie, wann es Ihnen paßt; man wird Sie in mein Zimmer führen. Sie brauchen weder meinen noch Ihren Namen zu nennen. Ich biete Ihnen nicht die Hälfte meines Mittagessens an, denn meine Nahrung eignet sich für niemand, am wenigsten für Sie, wenn Sie noch Ihren alten Appetit haben.“
Ich ging um neun Uhr hin und fand ihn mit einem zwei Zoll langen Stoppelbart. Er hatte eine Anzahl Retortenvoller Flüssigkeiten im Zimmer. Einige machten einen chemischen Prozeß durch; sie lagen auf Sand bei natürlicher Wärme. Wie er mir sagte, arbeitete er zu seiner Kurzweil an der Herstellung von Farben und richtete eine Hutfabrik ein, um dem Grafen Cobenzl, dem Minister Maria Theresias in Brüssel, gefällig zu sein. Der Graf hätte ihm nur 105000 Gulden gegeben, die aber nicht hinreichten, doch er würde das Weitere hinzulegen[399]. Dann sprachen wir von Frau von Urfé.
„Sie hat sich durch eine zu starke Dosis von Universalmedizin vergiftet“[400], sagte er. „Ihr Testament beweist, daß sie sich für schwanger hielt. Sie hätte es sein können, wenn sie mich um Rat gefragt hätte. Das Unternehmen ist sehr schwierig, aber ganz sicher, obgleich die Wissenschaft das Geschlecht des Kindes noch nicht zu bestimmen vermag.“
Als er hörte, an welcher Krankheit ich litt[401], beschwor er mich, drei Tage in Tournai zu bleiben. In dieser Zeit wollte er alle meine Drüsenschwellungen beseitigen und mir dann fünfzehn Pillen verschreiben, die ich in fünfzehn Tagen einnehmen sollte und die mich ganz wiederherstellen würden. Er zeigte mir seine „Lebenskraft“, die er „Atoëter“ nannte, eine weiße Flüssigkeit in einem festverschlossenen Fläschchen. Diese Flüssigkeit, sagte er, sei der Universalgeist der Natur; der Beweis dafür sei, daß der Geist sofort das Fläschchen verließe, wenn man das Wachs ganz leicht mit einer Nadel durchbohrte. Ich bat ihn, mir das Experiment zu zeigen. Er gab mir das Fläschchen und eine Nadel. Ich stach leicht in das Wachs, und in der Tat wurde das Fläschchen ganz leer.
„Herrlich!“ sagte ich. „Aber was ist der Zweck davon?“
„Das kann ich Ihnen nicht verraten: es ist mein Geheimnis.“
Wie gewöhnlich hatte er den Ehrgeiz, mich in Verwunderung zu setzen, und so fragte er mich, ob ich kleines Geld bei mir hätte. Ich zog ein paar Münzen hervor und legte sie auf den Tisch. Ohne mir zu sagen, was er vorhätte, stand er auf, legte eine glühende Kohle auf eine Metallplatte, bat mich um ein Zwölfsousstück, das unter den Münzen lag, legte ein schwarzes Körnchen darauf und das Geldstück auf die Kohle und blies sie mit einem gläsernen Blasrohr an. Binnen zwei Minuten war es glühend.
„Warten Sie, bis es abgekühlt ist“, sagte der Alchimist. Es war in einer Minute geschehen. „Nehmen Sie es mit,“ fügte er hinzu, „denn es gehört Ihnen.“
Ich nahm es: es war Gold. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß er die Münze vertauscht und mir eine andere gegeben hatte, die er zweifellos vorher blank geputzt hatte. Ich wollte ihm keine Vorwürfe machen. Damit er aber nicht glaubte, er hätte mich zum besten gehabt, sagte ich: „Das ist wunderbar, Graf. Das nächste Mal aber müssen Sie, um ganz sicher zu sein, daß Sie auch den schärfsten Beobachter verblüffen, ihm vorher sagen, welche Verwandlung Sie vorhaben. Dann kann er sich die Münze ansehen, bevor Sie diese auf die glühende Kohle legen.“
„Wer an meiner Wissenschaft zweifeln kann, ist unwert, mit mir zu sprechen“, entgegnete der Schwindler.
Dies anmaßliche Benehmen kennzeichnete ihn; es war mir indes nichts Neues. Das war das letztemal, daß ich den berühmten und gelehrten Betrüger sah; vor sechs bissieben Jahren ist er in Schleswig gestorben[402]. Sein Geldstück war lauteres Gold. Zwei Monate darauf, in Berlin, überließ ich es Mylord Keith[403], der sich neugierig darauf zeigte.