EINLEITUNG

EINLEITUNG

Der Name des Grafen Saint-Germain führt uns mitten hinein in die Welt der Abenteurer, Projektenmacher und Betrüger, von denen das 18. Jahrhundert, so stolz das Jahrhundert der Aufklärung genannt, wimmelte; denn selten stand das Abenteurertum in solch üppiger Blüte wie damals. In unaufhörlicher Wanderung von einem Staate zum anderen, hier untertauchend, um unvermutet dort wieder zu erscheinen, dabei chamäleonartig Namen und Gestalt wechselnd — so flutet der Strom der abenteuerlichen Gesellen durch ganz Europa. Vor allem sind Frankreich, England und Italien die gesegneten Stätten ihres dunklen Wirkens; aber auch Rußland, das sich seit Beginn des Jahrhunderts aus einem asiatischen Reiche zu einem Mitglied der europäischen Staatenwelt zu entwickeln begann, war ein dankbares Feld ihrer Tätigkeit. Sie bewegen sich nicht nur in den niederen und mittleren Sphären, wie es zu allen Zeiten gewesen, sondern einige Erwählte dringen auch in die Kreise der höchsten Gesellschaft bis in die unmittelbare Nähe der Fürstenthrone. Und auch ihr Gewerbe ist keineswegs das der kleinen Schelme und Betrüger. Sie kommen mit großen Plänen zur Beglückung der Völker, sie gebärden sich als Wohltäter der Menschheit, und was ihrer Tätigkeit denbesonderen Stempel aufdrückt, sie umgeben sich mit dem Schimmer des Geheimnisvollen, indem sie bald als Alchimisten, bald als Geisterseher oder gar als Magier auftreten.

Auf dem einzigen Bildnis, das wir von Saint-Germain besitzen, ist er denn auch als der „berühmte Alchimist“ bezeichnet. Überschwänglich wird von ihm gerühmt, daß er die Herrschaft über die Natur besaß, die ihm ebenso wie dem Schöpfer willig gehorchte.

Schon seit altersgrauen Zeiten schwebte den Forschern in dem großen Buche der Natur als höchstes Ziel ihres Strebens die künstliche Erzeugung der Edelmetalle vor. Das war die Aufgabe, die sich eben die Alchimie stellte. Ihre Wiege stand in Ägypten. Als die Araber im 7. Jahrhundert dieses Land eroberten, machten sie sich diese geheime Wissenschaft zu eigen, verpflanzten sie nach Spanien, von wo aus sie ihren Siegeszug durch ganz Europa antrat. So blühte denn die Alchimie durch das ganze Mittelalter hindurch bis in die neuere Zeit hinein, und erst die Entwicklung der Chemie zu einer Wissenschaft machte diesem Spukglauben ein Ende. So zählte denn auch Saint-Germain zu den letzten großen Vertretern der „Adepten“, wie die Meister dieses Geheimnisses hießen, die im Besitz des „Steines der Weisen“ waren; denn letzten Endes lief alles Forschen und Experimentieren darauf hinaus, diemateria prima, den Urstoff für die Gewinnung des „Steines der Weisen“, zu finden, mit dem sich das Problem der künstlichen Herstellung von Gold und der Metallverwandlung lösen ließ. Und wer den „Stein der Weisen“ besaß, der besaß damit zugleich auch das Geheimnis der Universalmedizin oder des „Elixiers“, das schier unvergängliche Dauer des Lebens gewährte.

Das mystische Dunkel, mit dem Saint-Germain seine Person geheimnisvoll umgab, ist bis heute noch kaum gelichtet. Über das Anekdotenhafte kommen die meisten der bisher bekannten Berichte — überdies zum Teil apokrypher Art — kaum hinaus. Nur die Aufzeichnungen der Madame du Hausset, der Kammerfrau der Marquise von Pompadour, und des Ansbachischen Ministers Freiherr von Gemmingen machen davon eine Ausnahme. Aber auch sie erhellen nur kurze Wegstrecken in dem wechselvollen Leben dieses Abenteurers. Die zahlreichen neuen Urkunden, die wir im folgenden aus verschiedenen Archiven mitteilen und die gut die Hälfte dieses Buches umfassen, bringen daher nicht nur weitere wertvolle Aufklärung über sein Schicksal, ja sie gewähren überhaupt erst die Möglichkeit, die Umrisse seiner Gestalt deutlich zu zeichnen. Und wenn auch nicht alle Rätsel gelöst werden können, so sinkt doch der Schleier. Der Nimbus des „Adepten“ schwindet, und es bleibt allein das Bild eines abenteuernden Industrieritters.

Mit höchster Kunst verstand Saint-Germain, über seine Herkunft einen Schleier zu breiten. Mit Vorliebe deutete er auf seine Abstammung aus fürstlichem Geschlecht; ja, er nannte sich wohl selbst im vertraulichen Gespräch einen Nachkommen des letzten siebenbürgischen Fürsten. Andere leiten seine Herkunft aus dem letzten spanischen Herrscherhause ab. In grellem Kontraste dazu stehen die Angaben, nach denen er ein portugiesischer Jude gewesen sein soll. Endlich wird er als Sohn eines savoyischen Steuereinnehmers namens Rotondo oder auch als deritalienische Geigenspieler Catalani bezeichnet[1]. Wie steht es um die Zuverlässigkeit dieser einzelnen Nachrichten?

Zunächst die Frage seiner Abstammung von Franz II. Rakoczy, dem letzten Fürsten von Siebenbürgen. Verworren sind alle Angaben des Prinzen Karl von Hessen. So macht er unseren Helden zum Sohne aus erster Ehe des Fürsten mit einer Tököly; diese war aber nicht die erste Gattin, sondern die Mutter desselben. Saint-Germain spricht von zwei Brüdern. Tatsächlich wurden dem Fürsten drei Söhne geboren, aber der älteste, Leopold Georg, für den Saint-Germain sich selbst ausgibt, starb nachweislich im Kindesalter; er wurde 1696 geboren und starb 1700. Wohl trifft es zu, daß die beiden Brüder, Joseph und Georg, am Wiener Hofe aufwuchsen, wo sie den Namen Marquis de San Marco und Marquis della Santa Elisabetta erhielten. Aber beide flüchteten (1726 und 1734) — also sie unterwarfen sich nicht feige und demütig ihrem Lose, wie Saint-Germain dem preußischen Gesandten von Alvensleben und dem hessischen Prinzen erzählt, und damit entfällt auch die Pointe, daß er sich selbst, im Gegensatz zu diesem erniedrigenden Verhalten seiner Brüder, den „heiligen Bruder“,Sanctus Germanus(Saint-Germain) genannt habe. Man sieht: die ganze Fabel der Abstammung aus dem siebenbürgischen Fürstenhause steht auf schwachen Füßen. Verdächtig ist auch der Umstand, daß bereits alle Mitglieder des Hauses tot waren, deren Zeugnis ihn der Lüge hätte überführen können. Tot war auch der letzte Fürst aus dem Hause Medici, der ihn nach der Erzählung des Hessen als zweiter Vater aufgezogen haben sollte.

Fürst Franz II. RakoczyGemälde von Adam Manyoki

Fürst Franz II. Rakoczy

Gemälde von Adam Manyoki

Nicht größeres Vertrauen erweckt die Fabel seiner Abstammung aus dem spanischen Königshause. Nicht daßKarl II. († 1700) sein Vater gewesen wäre. Die Königin — Maria Anna von Pfalz-Neuburg — soll ihm während ihres Aufenthaltes in Bayonne (1705) als Frucht einer illegitimen Verbindung das Leben geschenkt haben. Damit erscheint er gewissermaßen als Prätendent des durch den Tod Karls II. erledigten spanischen Thrones, und nur wenn man sich diesen historischen Hintergrund vergegenwärtigt, wird die von Grosley überlieferte Frage des spanischen Granden bei der Rückkehr der Königin nach Madrid verständlich: „Ist sie in anderen Umständen?“ Und sollte sich auch, wie gerüchtweise behauptet wird[2], Saint-Germain verschiedentlich als „Prinz von Spanien“ unterzeichnet haben, so läge auch darin noch kein zwingender Beweis für seine Abstammung aus diesem Hause. Im Gegenteil, diese Unterschrift würde eher beweisen, daß sein Anspruch falsch ist, da die spanischen Prinzen offiziell den Titel „Infant von Spanien“ führten.

Für seine portugiesische Abkunft spricht die mehrfach bezeugte Kenntnis der Sprache, die um so überraschender ist, als Portugal bereits damals keine große Weltrolle mehr spielte. Dazu kommt, daß er, wie von verschiedenen Seiten bezeugt wird, bei seinem Aufenthalt in Holland im Frühling 1760 bei reichen portugiesischen Juden in Amsterdam und im Haag wohnte, eine durchaus natürliche Erscheinung, wenn er deren Stammesbruder war.

Aber auch die Hypothese, daß er aus dem savoyischen Flecken San Germano stamme, ist nicht einfach von der Hand zu weisen; denn sie würde seine Namensgebung auf die einfachste und natürlichste Weise erklären.

Mit seiner Herkunft, sei es aus Portugal, sei es aus Savoyen, wäre auch leicht seine Antwort auf die diesbezüglicheFrage der Prinzessin Amalie von Preußen zu vereinbaren; denn nach Thiébaults Bericht erwiderte er, seine Heimat sei ein Land mit angestammten Fürsten. Dies aber trifft sowohl auf Portugal wie auf Savoyen zu.

Was endlich die der Marquise von Créquy in den Mund gelegte Version betrifft, daß Saint-Germain der Sohn eines jüdischen Arztes Wolf aus Straßburg gewesen sei, so ist zu bemerken, daß wir es bei den „Erinnerungen“ dieser Dame mit einer groben Fälschung aus späterer Zeit zu tun haben. Ebensowenig kommt die Erzählung von Montaigne[3]in Betracht, der von einem Germain berichtet, den er in Vitry gesehen habe, und der als Mädchen aufgezogen sei, bis ein Zufall sein wahres Geschlecht ans Licht gebracht habe.

Wird das Rätsel seines Ursprunges also auch nicht ganz gelöst, so viel steht fest, daß er nicht fürstlicher Abkunft war; denn auch nicht die Spur eines Beweises läßt sich dafür beibringen.

Nicht minder geschickt, wie er seine Herkunft zu verschleiern wußte, so auch sein Geburtsjahr. Er deutete an, daß sein Lebensalter nicht nach Jahren und Jahrzehnten, sondern nach Jahrhunderten zähle. Der Spaßvogel „Mylord Gower“, von dem der Baron von Gleichen berichtet, mußte ihm als Schrittmacher für die Fabel dienen, daß er schon ein Zeitgenosse Christi gewesen sei. In seinen Gesprächen ließ Saint-Germain gern durchblicken, daß er schon in früheren Jahrhunderten gelebt habe. Für denjenigen, der, wie Alvensleben, ihn stellen wollte, hatte er, in die Enge getrieben, die Antwort bereit, daß er sichvon Zeit zu Zeit aus dem Treiben der Welt zurückziehe. Vergeblich suchen die einzelnen Berichterstatter aus seiner äußeren Erscheinung Schlüsse auf sein Lebensalter zu ziehen. Gegenüber all den Zeugnissen fremder Personen, wie der Gräfin Gergy, die ihn nach Jahrzehnten im Äußeren unverändert wiederfinden wollte, fällt das eigene Geständnis des Grafen Saint-Germain schwer ins Gewicht, der dem Prinzen von Hessen nach dessen Aufzeichnung erklärte, er sei bei seiner Ankunft in Schleswig (1779) 88 Jahre alt gewesen. Das würde ungefähr mit dem Lebensalter stimmen, das für den Sohn des Steuereinnehmers aus San Germano angegeben wird.

Aber, so könnte man einwenden, spricht nicht für sein Alter das Stammbuch mit den Eintragungen von Montaigne und dem älteren Grafen Lamberg? Darauf läßt sich mit der Gegenfrage antworten: waren diese echt? Schon der jüngere Lamberg spielt auf die Möglichkeit einer Fälschung an. Waren sie jedoch echt, wo ist dann der Beweis, daß das Album nicht erst später in den Besitz Saint-Germains gelangt ist? Denn jene Einzeichnungen sind ganz unpersönlicher Art. Damit scheidet das Stammbuch als Argument für die Frage des Alters des Grafen aus.

Gleichwie die Abstammung Saint-Germains ist auch die erste Hälfte seines Lebens ins Dunkel getaucht. Es heißt, daß er in Mexiko durch Heirat zu einem großen Vermögen kam und damit nach Konstantinopel durchbrannte. Für das Jahr 1735 ist sein Aufenthalt im Haag nachweisbar; denn von dort aus richtete er am 22. November dieses Jahres ein Schreiben an den englischenGelehrten Sloane, das über einen alten Bibeldruck handelt, aber sonst keinerlei persönliche Angaben enthält[4].

Erst mit seinem Erscheinen in England ums Jahr 1744 gewinnen wir festen Boden unter den Füßen, und zwar erwähnt ihn Horace Walpole in einem Schreiben vom 9. Dezember 1745. Wir sehen Saint-Germain als Teilnehmer an dem Kampfe, den Karl Eduard Stuart, der Enkel des 1688 vertriebenen Königs Jakob II., um seine Ansprüche auf die Krone mit der englischen Regierung führte. Wagemutig war der Prätendent in Schottland gelandet, hatte Edinburg genommen und stand Anfang Dezember bereits in Derby, um auf London zu marschieren. Doch unter dem Druck der schottischen Häuptlinge, die ihm die Gefolgschaft versagten, mußte er umkehren, und die Niederlage bei Culloden (27. April 1746) besiegelte sein Schicksal.

Nach Walpoles Bericht war Saint-Germain offenbar mehr ein Mitläufer als ein Mitstreiter, wenn er nicht gar, wie es die Nachricht desLondon Chroniclevon 1760 besagt, unschuldig in den Aufstand des Prätendenten verwickelt wurde. Jedenfalls aber spielte er keine Heldenrolle, denn die Untersuchungsakten über den Aufstand schweigen über ihn völlig[5].

Größere, doch unblutige Lorbeeren erntete er, als er sich als Geigenvirtuose vorstellte. In diese Zeit fällt wohl auch die Entstehung seines „Traktats über die Musik nach den Regeln des gesunden Menschenverstandes fürdie englischen Damen, die den wahren Geschmack in dieser Kunst lieben“[6].

Immerhin hören wir, daß das Andenken an seinen Londoner Aufenthalt bei den Engländern auch 1760 noch nicht erloschen war.

Das folgende Jahrzehnt liegt wieder im Dunkel. Während dieser Zeit unternahm der Graf zwei Reisen nach Indien. So wenigstens erzählt er in einem späteren Briefe aus dem Jahre 1773, den sein Freund, Graf Lamberg, uns überliefert hat. Aber nur über die zweite Reise erfahren wir einiges Nähere. Er will sie mit dem Admiral Watson und mit Robert Clive, dem berühmten Eroberer Ostindiens, im Jahre 1755 angetreten haben. Allein die Einzelheiten, die er meldet, sind so nichtig und albern, daß es schwer fällt, diesen Bericht ernst zu nehmen. Dabei soll keineswegs bestritten werden, daß er weite Reisen gemacht und auch den Orient besucht hat; denn wie wir von kritischen Ohrenzeugen vernehmen, wußte er anregend zu erzählen, und dies läßt voraussetzen, daß er selbst Land und Leute gesehen hat, die er so fesselnd zu schildern verstand.

Wir kommen jetzt zu seinem Aufenthalt in Frankreich, der den Höhepunkt seines Lebens darstellt.

Wann Saint-Germain nach Frankreich gekommen ist, steht nicht fest. Nach den Aufzeichnungen Casanovas zuurteilen, mit dem sich seine Wege mehrfach kreuzten, ist er dort schon 1757 oder 1758 gelandet. In Chambord erscheint er 1758, während ihn der anonyme Verfasser der „Anecdotes“[7]erst 1759 in Frankreich auftreten läßt.

Hier ging sein Stern auf. Er erlangte die Gunst der Marquise von Pompadour. Höchst anschaulich ist der Bericht ihrer Kammerfrau, Madame du Hausset, über seinen Verkehr am Hofe; denn durch die Marquise trat er auch in Beziehungen zu Ludwig XV., dem er vorgestellt wurde, an dessen Tafel er speiste und mit dem er alchimistische Studien trieb. Darin lag kluge Berechnung der Pompadour. Sann sie doch unablässig auf Mittel und Wege, wie sie dem der Geschäfte überdrüssigen Herrscher die Langeweile vertreiben könnte. Zu diesem Zwecke hatte sie ihm in Versailles ein intimes Theater eingerichtet, an dem sie und ihre Vertrauten mitwirkten. Dann, als sie selbst zu altern begann, hatte sie den berüchtigten Hirschpark geschaffen. Nun zog sie Saint-Germain heran, um alchimistischen Versuchen mit dem regierungsmüden König obzuliegen.

Die Stellung, die er bei Hofe genoß, der Ruf eines Alchimisten, der wie eine Aureole sein Haupt umschwebte, der Glanz seines Reichtums, über den fabelhafte Gerüchte umliefen, — all das kam zusammen, um ihm hohes Ansehen und auch politischen Einfluß zu verschaffen. Der Sturz des Generalkontrolleurs Silhouette, der die französischen Finanzen leitete, soll, so berichtet der preußische Gesandte von der Hellen[8], sein Werk gewesen sein.

Er fühlte sich ferner berufen, das wirtschaftliche Leben Frankreichs zu heben. Durch die Ausbeutung eines Geheimmittelsfür Farben und Farbstoffe, in dessen Besitz zu sein er vorgab, sollte dieser Plan ins Werk gesetzt werden. Es erregte daher in den weitesten Kreisen gewaltiges Aufsehen, als ihm der König für seine Arbeiten Räume in dem Schloß Chambord, dem einstigen Sitz des Marschalls von Sachsen, zur Verfügung stellte.

Ist es nach alledem verwunderlich, daß es diesem offenbaren Schoßkind Fortunas nicht an geheimen Gegnern und Neidern fehlte? Schon hatte sein Ansehen Einbuße erlitten, der Ruf seines unermeßlichen Reichtums war untergraben — so erfahren wir von einem Augenzeugen —, da lächelte ihm noch einmal das Glück: in geheimer Mission ward er im Auftrag des Hofes zu Anfang des Jahres 1760 nach Holland entsandt.

Zum Verständnis der Rolle, die Saint-Germain im Haag spielte, müssen wir kurz den allgemeinen politischen Hintergrund zeichnen.

Seit mehreren Jahren schon währte der englisch-französische Kolonialkrieg, rangen die Mächte Europas in erbittertem Kampfe miteinander. Mancherlei Versuche, den Frieden wieder herzustellen, waren im Sande verlaufen. Immer größer wurde indessen in Frankreich das Friedensbedürfnis, aber auch in England bestand eine starke Friedenspartei. Da bot im Herbst 1759 die spanische Krone ihre Vermittlung an.

Weit bedeutsamer war der Schritt, zu dem sich im November des Jahres die englische und die preußische Regierung entschlossen. Sie erklärten sich bereit, an einen noch zu bestimmenden Ort Bevollmächtigte zurVerhandlung mit den Gegnern über die Einleitung eines allgemeinen Friedens zu senden. Prinz Ludwig von Braunschweig, der Vormund des oranischen Erbstatthalters, übernahm es, den Vertretern des feindlichen Dreibundes im Haag (Graf d’Affry, Baron Reischach und Graf Golowkin) diese Erklärung zu übermitteln. Auf dem Schlosse zu Ryswijk fand am 25. November dieser feierliche Akt statt. Darauf brachten die Generalstaaten Breda als Konferenzort in Vorschlag. Aber der Plan des Kongresses scheiterte, da die drei eingeladenen Mächte (Österreich, Frankreich und Rußland) am 3. April 1760 durch ihre Vertreter dem Prinzen Ludwig ihre Gegenerklärung abgeben ließen, daß sie ohne Zuziehung ihrer übrigen Verbündeten (Kursachsen und Schweden) sich mit Preußen auf nichts einlassen könnten.

Der Versailler Hof, der bereits mit der Londoner Regierung durch die beiderseitigen Gesandten im Haag, Graf d’Affry und General Yorke, in geheime Besprechungen eingetreten war, fügte noch die weitere Erklärung hinzu, er sei zu einem Sondervergleich mit England bereit. Das Londoner Kabinett stand vor der Frage, ob es seine Verbündeten, Preußen und die übrigen deutschen Fürsten, mit denen es Subsidienverträge abgeschlossen hatte, preisgeben sollte. Doch William Pitt, der Leiter der englischen Politik, beharrte auf ihrem Einschluß in den Frieden. So kam es auch zwischen England und Frankreich zu keiner Verständigung, und der allgemeine Krieg ging weiter.

Neben den Verhandlungen, die von den beglaubigten Vertretern der Mächte geführt wurden, liefen andere einher, die des förmlichen Charakters entbehrten. Eine Zeitlang (1759) hatte Voltaire das Amt des Mittlers zwischen Friedrich dem Großen und dem französischen Premierminister,dem Herzog von Choiseul, versehen. Im Februar 1760 war der junge Freiherr von Edelsheim als geheimer preußischer Agent nach Paris geschickt worden. Nun erschien auch Saint-Germain im Haag auf der Bildfläche, um sich die diplomatischen Sporen zu verdienen.

Um die Mitte des Februar 1760 war er in Holland angelangt, hatte zunächst in Amsterdam verweilt. Als dann Anfang März im Haag die Vermählung der Schwester des Erbstatthalters gefeiert wurde, tauchte er in Hollands Hauptstadt auf. In der Öffentlichkeit sprach er von einer Anleihe, die er für Frankreich vermitteln sollte, von der Aufgabe, die er habe, die Verpflegung der vom Mutterland abgeschnittenen französischen Kolonien sicherzustellen. Einem Freunde vertraute er an, er sei beauftragt, sich über den Gang der Friedensverhandlungen zu unterrichten. Insgeheim aber setzte er sich mit Yorke in Verbindung, um ihm Eröffnungen über einen englisch-französischen Friedensschluß zu machen.

Auf drei mächtige Gönner berief er sich: auf die Pompadour, den Kriegsminister, Marschall von Belle-Isle, von dem er zwei Briefe nebst einem Paß vorweisen konnte, und — im Verlauf einer zweiten Unterredung — auf den Grafen von Clermont, einen Prinzen von Geblüt, der im Jahre 1758 den Oberbefehl über die französischen Armeen in Westdeutschland geführt hatte.

Trotzdem war Saint-Germains Verhandlung ein vorzeitiges und unrühmliches Ende beschieden. Zwar wußte er den Grafen Bentinck, den er zu seinem Werkzeug ausersehen hatte, geschickt für seinen Plan zu gewinnen[9]. Aber das Schreiben, das er mit dieser Mitteilung am 11. März an die Marquise von Pompadour richtete, wurde ihm zum Verhängnis. Die Marquise stellte den Briefdem Herzog von Choiseul zu; denn Saint-Germains Version, daß dieser Brief durch „Diebstahl“ in dessen Besitz gelangt sei[10], ist nicht ernst zu nehmen. Daraufhin verbot der Herzog dem Grafen unter heftigen Drohungen jede Einmischung in die Politik. Und als er gar von Saint-Germains Eröffnungen, den Friedensschluß betreffend, erfuhr, befahl er, auf das höchste erbost, dem Botschafter Graf d’Affry, die Auslieferung des „Abenteurers“ von Holland zu fordern. Ja, am liebsten wäre ihm gewesen, hätte d’Affry ihm eine Tracht Prügel verabfolgen lassen, um den „Halunken“, der die Kreise seiner Politik zu stören wagte, vor aller Welt in Verruf zu bringen. Wenigstens sorgte er aber dafür, daß eine Mitteilung in die Zeitungen gelangte, in der Saint-Germain mit schärfsten Ausdrücken des Mißbrauchs der ihm in Frankreich gewährten Gastfreundschaft beschuldigt wurde[11]. Bevor der Botschafter seinen förmlichen Antrag bei den Generalstaaten stellte, unterbreitete er den Entwurf dazu dem Herzog. So kam es denn erst am 30. April zur Übermittelung der Denkschrift mit dem förmlichen Auslieferungsgesuch an die holländische Regierung. Diese begrub den Antrag durch seine Verweisung an Kommissionen. Überdies war er gegenstandslos geworden, da Saint-Germain beizeiten von der ihm drohenden Gefahr Wind bekommen und mit Hilfe Bentincks sich nach England geflüchtet hatte.

Aber auch hier war seines Bleibens nicht. Sofort in polizeilichen Gewahrsam genommen, wurde er nach kurzer Frist wieder abgeschoben, da die englische Regierung fürchtete, daß sein Aufenthalt in England sie Frankreichgegenüber kompromittiere. Es war von seiner Übersiedlung nach Ostfriesland die Rede, wo ihm König Friedrich unter der Bedingung Zuflucht gewähren wollte, daß er sich künftig von jedem politischen Treiben fernhielt. Allein er begab sich wiederum nach Holland, wo er Unterschlupf fand.

Man vergleiche diese Darstellung, die sich auf die Berichte der Beteiligten stützt, mit dem Bilde, das Saint-Germain in seinem späteren Briefe an Graf Lamberg von den Geschehnissen entwirft. Da sind es Lügenmärchen, die er auftischt!

Zum Schluß noch die Frage: hat Saint-Germain bei seinen Friedenseröffnungen an General Yorke im Auftrage des Hofes gehandelt? Hat Ludwig XV. hinter dem Rücken seines Premierministers, wie dieser nach Gleichens Darstellung ihm vorwirft, eigene Politik gemacht? Waren also der König und die Pompadour seine geheimen Auftraggeber? Diese Frage ist zu verneinen. Denn erstens steht es fest, daß die Pompadour es war, die den Herzog von Choiseul auf die Spur Saint-Germains setzte, indem sie ihm den Bericht überlieferte, den ihr der Graf sofort über seine politische Tätigkeit im Haag erstattet hatte. Einen zweiten Beweis liefert das Schreiben, in welchem der Marschall Belle-Isle seinem Schützling, wenn auch in schonender Form, sein Verhalten vorwirft und ihm bedeutet, daß für die Behandlung politischer Fragen der Botschafter d’Affry zuständig sei[12].

Aber, so wird man einwenden, worauf bezogen sich dann die Schreiben von Belle-Isle und Clermont, die Saint-Germain dem General Yorke gleichsam als seine Beglaubigung vorlegte? Alles spricht dafür, daß sie die 30 Millionen-Anleihe betrafen, die er für den geldbedürftigenVersailler Hof und, wie wir hinzufügen dürfen, in seinem Auftrag vermitteln sollte[13]. Über diese Anleihe hat er offenbar in Amsterdam und auch im Haag mit seinen Gastgebern, den jüdischen Bankiers, verhandelt.

So lockte ihn der politische Ehrgeiz, auf eigene Faust die Rolle des Friedensstifters zu spielen oder, wie Kauderbach schreibt, gleich einer zweiten Jungfrau von Orléans Frankreich abermals zu retten. Doch seine diplomatische Laufbahn fand ein schnelles und klägliches Ende: sein Erscheinen auf der politischen Weltbühne glich einer schillernden Seifenblase, die nach kurzem Fluge jählings zerplatzt.

Die bisherige Überlieferung nimmt an, daß Saint-Germain nach seinem unglücklichen politischen Debut im Haag und nach seiner Ausweisung aus England seine Schritte nach Rußland gelenkt und bei der Revolution, als deren Opfer Zar Peter III. im Juli 1762 um Thron und Leben kam, eine wichtige Rolle gespielt habe. Aber in allen Quellen und Darstellungen der Zeit findet sein Name nirgends Erwähnung. Durch die neuesten Forschungen ist festgestellt, daß nur ein einziger Ausländer an jenen Ereignissen beteiligt war, nämlich der Piemontese Odart, der in Diensten Katharinas II. stand[14].

Demgegenüber ist die Frage, wie es sich mit der uns überlieferten Äußerung des Fürsten Gregor Orlow, des bekannten Günstlings der Zarin, verhält, die das völlige Gegenteil bekundet. Nach Gleichens Mitteilung soll er auf der Durchreise durch Nürnberg von unserem Heldengesagt haben: „Dieser Mann hat eine große Rolle bei unserer Revolution gespielt.“ Aber Gleichens Bericht ist nicht zuverlässig. Er verwechselt die Brüder: nicht Gregor, sondern Alexei Orlow kam durch Nürnberg. Gleichen war auch nicht Augen- und Ohrenzeuge, wie der ansbachische Minister von Gemmingen, der von diesem Ausspruche Orlows nichts weiß: er begnügt sich, Gleichen zu zitieren. Mit diesem Ausspruche steht ferner in unvereinbarem Widerspruch, was Alvensleben 1777 als „feststehende Tatsache“ meldet: Alexei Orlow habe dem Grafen Saint-Germain, zu dem er „in engen Beziehungen“ stehe, einen Empfehlungsbrief an seinen Bruder, den Fürsten Gregor, gegeben und diesem den Grafen als „seinen Busenfreund“ ans Herz gelegt. Zählte nun aber Saint-Germain zu den Verschwörern von 1762, was bedurfte es da für ihn einer besonderen Empfehlung an Gregor, der doch mit Alexei zusammen eine der Hauptrollen bei dem Drama gespielt hatte?

Der letzte Zweifel wird durch die entscheidende Tatsache beseitigt, daß sich Saint-Germains Aufenthaltsort für jene kritische Epoche sicher nachweisen läßt. Seit er aus England zurückgekehrt war, hatte er in Holland unter fremden Namen ein unstetes Leben geführt, bis er sich im Frühjahr 1762 auf seiner neuerworbenen Besitzung Ubbergen bei Nimwegen, nach der er den NamenSurmontannahm, niederließ. Damals geschah es denn auch, daß auf die Anfrage des Grafen d’Affry der Herzog von Choiseul ausdrücklich auf die weitere Verfolgung des Abenteurers in Holland verzichtete[15]. War Saint-Germain bisher noch des öfteren in Amsterdam eingekehrt, so zog er im August 1762 — so bestätigt ausdrücklichHardenbroek — von dort weg, wahrscheinlich zur vollständigen Übersiedlung nach Ubbergen, worauf er dann, wie wir im folgenden Abschnitt sehen werden, im Frühling 1763 in Brüssel auftauchte, um dem österreichischen Minister Graf Cobenzl daselbst seinen folgenschweren Besuch abzustatten.

Danach gehört Saint-Germains Teilnahme an der russischen Revolution endgültig ins Reich der Erfindung. Dasselbe gilt für die Korrespondenz, die er angeblich mit der Zarin Katharina II. führte.

Auch seine Beziehungen zur Familie Orlow erfahren einige Einschränkung. Immerhin trifft soviel zu, daß er nach dem Ausdruck unseres Gewährsmannes „das Glück“ hatte, den Grafen Alexei kennen zu lernen, mit dem er nach seiner beliebten Praxis alchimistische Studien trieb, bis dieser seiner überdrüssig wurde[16]. In Italien, wo Alexei während des Türkenkrieges (1768-1774) längere Zeit als Admiral der russischen Flotte weilte, scheint die Bekanntschaft erneuert zu sein. Wenigsten berichtet Gleichen von ihrem Zusammentreffen in Livorno im Jahre 1770. Indessen ist nicht ganz aufgeklärt, was für eine Bewandtnis es mit dem russischen Generalspatent hat, das ihm angeblich von Alexei in Nürnberg auf der Heimreise nach Rußland überreicht wurde. Vielleicht steht es mit den Kämpfen in Zusammenhang, die während des Türkenkrieges im Archipel stattfanden, die aber, wie der Leipziger Bankier Dubosc 1777 boshaft bemerkte, Saint-Germain trotz aller seiner Erzählungen nicht mitgemacht hatte. Und so wäre denn auch das Patent als dreiste Fälschung zu buchen, um so mehr, da es auffälligerweise nur die Unterschrift des Grafen Alexei, aber nicht der Zarin trug.

Und doch hat Saint-Germain, wie sich aus unseren bisher noch unbekannten Quellen ergibt, den heiligen Boden Rußlands betreten — zwar nicht als Verschwörer und politischer Abenteurer, wie er es darstellen möchte, sondern als schlichter Kaufmann, der aus seinen schönen Erfindungen Kapital schlagen wollte. Gleichwie in Frankreich waren es seine Farben, mit denen er sein Glück versuchte. In einer Kattunfabrik in Moskau war er tätig, aber mißgünstig wandte ihm Fortuna den Rücken, so daß er bettelarm die Stätte seines neuen Wirkens verlassen mußte. Voll Mitleid las ihn, den fußkrank und mühselig des Weges Dahinziehenden, der Schweizer Hotz von der Straße auf, wie er es hernach 1777 in Leipzig, wo er Saint-Germain wieder traf, erzählte[17]. Aber dieser russische Aufenthalt bildete für Saint-Germain doch keinen völligen Fehlschlag. Er wollte ein Bergwerk entdeckt haben, das schöne, den Topasen ähnliche Halbedelsteine lieferte und dessen Ausbeutung ihm zustand. Seitdem trug er sich mit dem Gedanken, daraus einen ertragreichen Handelszweig zu machen, ohne daß er freilich für seine Pläne viel Glauben und Entgegenkommen fand[18].

Aller Wahrscheinlichkeit nach fällt diese russische Episode in die Zeit zwischen dem Abenteuer von Tournai, zu dem wir uns nunmehr wenden, und dem Ausbruch des Türkenkrieges.

Zu Anfang des Jahres 1763 kam Saint-Germain, der, wie erwähnt, sich inzwischen in Holland angekauft undsich den BeinamenSurmontzugelegt hatte, nach Brüssel, wo er die Bekanntschaft des Grafen Karl Cobenzl, des bevollmächtigten Ministers der österreichischen Niederlande, machte und sie geschickt auf seine Weise ausbeutete. Erst durch die von uns erschlossene Korrespondenz Cobenzls mit dem Hof- und Staatskanzler Graf Kaunitz sind wir über diese Episode aus dem Leben Saint-Germains aufs Zuverlässigste unterrichtet. Sie war bisher fast völlig unbekannt.

Sofort fand Cobenzl an der Unterhaltung mit Saint-Germain Gefallen. Geschickt wußte dieser das Gespräch auf seine alchimistischen Kenntnisse zu bringen; er führte ihm einige Experimente vor und begann von Millionengewinnen zu erzählen, die sich mit seinen Geheimmitteln erzielen ließen. In heller Begeisterung ging Cobenzl darauf ein, um so mehr, als Saint-Germain versicherte, „aus reiner Freundschaft“, nur gegen eine kleine Belohnung, seine Geheimnisse hergeben zu wollen. In der Besitzerin des Brüsseler Handlungshauses, Madame Nettine, die in freudigem Enthusiasmus mit ihm wetteiferte, fand Cobenzl die Persönlichkeit, die mit den erforderlichen Geldmitteln zur Begründung des Unternehmens einsprang. Kaunitz suchte den Eifer zu dämpfen; er warnte vor großen und vorzeitigen Ausgaben. Und um seinen Worten erhöhtes Gewicht zu geben, schickte er ein anekdotisches Portrait mit, das von einem Kundigen, der Saint-Germain von Paris her kannte, in recht düsteren Farben entworfen war.

Cobenzl, der im Banne Saint-Germains und seines großen Planes stand, war nicht gesonnen, sich Wasser in seinen Wein gießen zu lassen. Er überhörte die Warnung und erklärte leichthin, auf die Person komme es nicht an, wofern man nur in den Besitz der Geheimmittelgelange. Diese betrafen ein billiges Herstellungsverfahren für Farben und Farbstoffe, für gefärbte Hölzer, das Gerben und Färben von Fellen, die Herstellung eines goldähnlichen Metalls, die Raffinerie von Ölen und die Anlage einer Hutfabrik.

Doch eine unliebsame Überraschung folgte der anderen. Zunächst handelte es sich um die Einsendung von Proben; es waren Färbmittel, gefärbte Hölzer, Leder- und Metallproben. Bei der Prüfung durch Sachverständige, die Kaunitz vornehmen ließ, stellte sich heraus: die Farben waren minderwertig; sie standen mit einer Ausnahme hinter den in Österreich hergestellten zurück, geschweige denn, daß sie den Vergleich mit den englischen und französischen Fabrikaten aushielten. Ja, die Farbenskala war nicht einmal vollständig, da Blau und Grün fehlten. Und es war auch nur ein magerer Trost, wenn Saint-Germain verhieß, daß er für seine Farben das verlangte billige Herstellungsverfahren noch finden werde. Ebensowenig taugten die Holz- und Metallproben, während lediglich das Urteil über das Leder günstiger ausfiel.

Eine zweite Enttäuschung bildete der Anschlag des Unternehmens. Saint-Germain, der den Riesenerfolg auf die billige Herstellung der Fabrikate gründete, begnügte sich mit einer Gegenüberstellung der hohen alten und der billigen neuen Preise, bei denen der Unterschied allerdings mehrere 100 Prozent ausmachte. Aber da jede weitere Unterlage, wie z. B. der Überschlag des zu erwartenden Absatzes, fehlte, so schwebte der ganze Anschlag in der Luft.

Eine dritte Enttäuschung war, daß trotz der Warnungen aus Wien mit der Ausführung des Planes in Tournai bereits begonnen, Häuser und Geräte bereits gekauftwaren. Es stellte sich heraus, daß die Ausgaben schon die artige Summe von 100000 Gulden betrugen. Dabei waren noch keinerlei Rohstoffe beschafft, noch keine Gelder für die Arbeitslöhne angewiesen!

Wie hatte alles so schnell und so weit gedeihen können? Es war das Werk Saint-Germains. Solange der Plan des ganzen Unternehmens nur auf dem Papier stand, mußte er befürchten, daß alles zu Nichts zerrann, sobald man von Wien aus ein Veto einlegte. Also drang er — „mit äußerstem Eigensinn“, wie Cobenzl vorwurfsvoll bemerkt — auf schnelle Inangriffnahme der Ausführung. Und da Madame Nettine vorschoß, ging alles flott vonstatten. Damit saß der Gimpel auf der Leimrute fest, denn es gab kein Zurück mehr oder nur unter schweren Verlusten. Doch bald kam es anders, als Cobenzl ursprünglich gedacht hatte. Von einer Hergabe der Geheimnisse, die „aus reiner Freundschaft“ oder nur gegen eine kleine Belohnung erfolgen sollte, war nicht mehr die Rede. Im Gegenteil, es wurde ein Kontrakt geschlossen, der dem Grafen Saint-Germain die Hälfte des Reingewinns sicherte. Also kein unrentables Geschäft, wenn das Unternehmen aufblühte! Doch es lag immerhin in einiger Ferne. Saint-Germain indessen zog nach dem Wort der Bibel den Spatzen in der Hand der Taube auf dem Dache vor. Mit Hilfe eines Geschäftsfreundes aus Nimwegen, der bezeugte, dem Grafen gehörige Wertsachen im Betrage von mindestens einer Million im Depot zu haben, erschwindelte er sich von Madame Nettine Vorschüsse, die von seinem künftigen Anteil am Reingewinn abgezogen werden sollten. Die Wertpapiere waren in Wirklichkeit fast wertlos, die gutgläubig darauf geleisteten Vorschüsse aber — und das war eine neue bittere Enttäuschung — beliefen sich ebenfalls auf rund100000 Gulden. Damit stieg die Summe der bereits gemachten Aufwendungen auf 200000 Gulden, ohne daß die geringste Sicherheit für Erfolg bestand, von den Millionengewinnen ganz zu schweigen.

Auf den Bericht, den Kaunitz der Kaiserin Maria Theresia erstattete, lehnte diese die Übernahme des Unternehmens rundweg ab, und dieses ging nunmehr in die Hände der Madame Nettine über, die sich schon vorher damit einverstanden erklärt hatte. Cobenzl erteilte daraufhin dem Grafen Saint-Germain sofort den Laufpaß. Bevor dieser Tournai verließ, gab er der Nettine die Zusicherung, binnen wenigen Monaten werde er ihr die Auslagen zurückerstatten. Andernfalls, so fügte er mit blutigem Hohne hinzu, möge sie sich von seinen Geheimmitteln bezahlt machen.

Damit entpuppte sich sein ganzes Unternehmen als raffiniert angelegtes Schwindelmanöver. Er war als gemeiner Betrüger entlarvt, der, nachdem er die Opfer in sein Netz gelockt, sie listig zu rupfen gewußt hatte. Mit seiner Beute verschwand er alsbald aus Brüssel, um sich, wie es hieß, nach Deutschland zum Markgrafen Karl Friedrich von Baden-Durlach zu begeben. Tatsächlich aber scheint er den Weg nach Rußland eingeschlagen zu haben, wo er, wie wir schon hörten, sich in Moskau niederließ.

Auch die nächsten zehn Jahre sind wieder in Dunkel gehüllt. Doch scheint Saint-Germain während dieser Zeit zunächst in Rußland und dann vornehmlich in Italien geweilt zu haben; denn wir hören, daß er in Mantua, in Venedig, in Pisa und Livorno gewesen ist. Dann tauchte er in Deutschland auf.

Aber Saint-Germains Auftreten ist doch ein anderes geworden. Von seinen Reichtümern ist nicht mehr die Rede; im Gegenteil, es geht ihm offenbar dürftig. Er sucht nicht mehr die große Welt, sondern eine stille Stätte, wo er, in sicherem Hafen gelandet, das Haupt zur Ruhe legen, den Abend seines Lebens verbringen darf. Doch darin bleibt er sich getreu, daß er nach wie vor sein geheimes Wissen als Aushängeschild benutzt, daß er es auf die Großen der Welt abgesehen hat.

Freilich ist hier die Art seines Vorgehens verschieden. Indem er den scheinbar Uneigennützigen spielt, gebärdet er sich als Wohltäter der Menschheit unter dem durchsichtigen NamenWelldone, den er sich nunmehr beigelegt hat. So verfuhr er gegenüber dem großen Preußenkönig, dessen scharfer Blick indessen den Schwindel sofort durchschaute. König Friedrich winkte ihm energisch ab, als Saint-Germain ihm mit einem Begleitschreiben — der einen von den drei uns erhaltenen Schriftproben seiner Hand — sozusagen seine Preisliste einschickte. Er ließ ihm sagen, er möchte anderswo sein Heil versuchen, da man in Berlin „sehr ungläubig“ sei. Mehr Glück hatte Saint-Germain, als er den „Adepten“ herauskehrte und sich an Fürsten wandte, die alchimistischen Neigungen huldigten. So bei dem Markgrafen Alexander von Ansbach, dem er 1774 durch dessen mütterliche Freundin, die Schauspielerin Clairon, vorgestellt wurde, und dann 1779 bei dem Prinzen Karl von Hessen in Schleswig, dem er sich zunächst aufdrängte, den er aber dann in seine Fesseln zu schlagen wußte.

In rückschauender Erinnerung hat der Ansbacher Minister, Freiherr von Gemmingen, seinen Bericht über Saint-Germains Aufenthalt im Ansbachischen, in Schwabachund Schloß Triesdorf, aufgesetzt[19]. Ein typisches Bild: der „Adept“ und sein fürstlicher Schüler im Laboratorium an der Arbeit. Oder er weilt in den ihm zugewiesenen Räumen, über seinen Farben-Rezepten brütend, an deren Vervollkommnung er hinter verschlossenen Türen und Fenstern unablässig arbeitet. Dazwischen fallen praktische Versuche, die er gemeinsam mit dem Fürsten und dessen Minister anstellt, deren Ausfall den letzteren freilich wenig befriedigt. Zwei Jahre vergingen so, während deren Saint-Germain das Geheimnis seiner Person sorgsam gewahrt hatte, bis dann der Fürst auf einer italienischen Reise über die Person seines seltsamen Gastes aufgeklärt wurde. Der Markgraf fühlte sich hintergangen. Dennoch wollte er dem Grafen das Asyl weiter gewähren, wenn dieser ihm die Briefe, die er im Lauf der Jahre an ihn gerichtet hatte, herausgab und sich still verhielt. Aber Saint-Germain, der sich entlarvt sah, zog es vor, den Stab weiter zu setzen. Wollte er sich ob aller fehlgeschlagenen Versuche rechtfertigen oder dem Fürsten den Verlust, den er mit seinem Scheiden erlitt, eindrucksvoll vor Augen führen? Genug, in der letzten großen Aussprache mit dem Minister drückte er sein Bedauern aus, daß gerade in diesem Augenblicke der Bruch eingetretensei, wo er, Saint-Germain, im Begriffe gestanden habe, „das, was er versprochen, ins Werk zu setzen.“

Im Oktober 1776 traf er in Leipzig ein. Der sächsische Hof machte einen Versuch, ihn zu gewinnen. Doch es kam zu keiner Verständigung; vielmehr beklagte sich Saint-Germain bei dem preußischen Gesandten in Dresden bitter über die unfreundliche Aufnahme, die er in Sachsen gefunden hatte, und trug nun seine wertvollen Dienste dem Preußenkönig an. Wir hörten es schon, Friedrich dankte ironisch. Trotzdem scheint Saint-Germain sich damals nach Berlin begeben zu haben, wo er ein Jahr in stiller Zurückgezogenheit lebte.

Im Herbste 1778 begegnen wir ihm in Hamburg, und ein Jahr darauf, im Spätsommer 1779, erfolgte endlich seine Übersiedlung nach Schleswig. Prinz Karl von Hessen, sein neuer Gönner, hat in seinen Erinnerungen geschildert, wie Saint-Germain ihn in seine Geheimnisse einführte. In dem nahegelegenen Eckernförde wurde dann ebenfalls wie in Tournai seligen Angedenkens der Versuch gemacht, mit seinen Geheimmitteln, den Farben und Farbstoffen, eine Industrie zu begründen.

Während der Prinz sich auf Reisen befand, ist Saint-Germain, von düsterer Melancholie gequält und von Gewissensbissen heimgesucht, so erzählt Frau von Genlis, still und einsam, wie er das letzte Jahrzehnt seines Lebens verbracht hatte, am 27. Februar 1784 in Eckernförde gestorben. Drei Tage darauf, am 2. März, erfolgte seine Beisetzung in der dortigen Nikolaikirche; doch ist nicht mehr zu ermitteln, an welcher Stelle in der Kirche sich seine Grabstätte befindet. Mit der Nikolaikirche bildet das alte Fabrikgebäude, heute das Christianspflegehaus, die letzte sichtbare Erinnerung an Saint-Germains dortigen Aufenthalt.

Für die Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts bildet die von uns zum erstenmal veröffentlichte Liste seiner Kunstfertigkeiten, die er 1777 für den Preußenkönig aufsetzte, ein Dokument ersten Ranges; denn in authentischer Form findet sich darin ein Überblick über seine ganzen Künste.

Den breitesten Raum nehmen in der Liste seine geheimen Mittel ein, die zur praktischen Verwertung in der Industrie bestimmt waren. Hier behaupten seine Farben und Färbmittel den Vorrang. Sie bildeten ganz offenbar seine Spezialität, auf die er reiste; denn schon von seinen Aufenthalten in Frankreich, in Brüssel, Moskau und Schwabach sind sie uns wohlbekannt. Ebenso kennen wir von Tournai her seine Kunst der Lederbearbeitung. Dazu kommen neue Verfahren zum Waschen von Seide, zum Bleichen von Leinewand, Baumwolle usw.

Eine zweite Kategorie bilden seine Geheimverfahren für Metalle. Zwar war das nicht die Goldmacherei, wie sie das heißerstrebte Ziel der Alchimisten bildete, aber man gab sich in der Alchimie auch schon mit bescheideneren Erfolgen zufrieden; man begnügte sich statt der Metallveredlung mit der Metallverwandlung und brachte auf diese Weise Mischungen und Kompositionen zuwege, wie das in unseren Urkunden öfter erwähnteSimilor, ein Erzeugnis, von dem freilich Graf Kaunitz nichts wissen wollte. Von den Künsten Saint-Germains auf diesem Gebiete erzählt auch der Ansbacher Minister, aber doch nur in allgemeinen Andeutungen, die keine sicheren Schlüsse auf sein Geheimverfahren gestatten.

An dritter Stelle steht sein „Lebenselixier“. Zwar hütet er sich in seiner Liste für König Friedrich wohlweislich,sein Präparat mit diesem Namen zu bezeichnen. Worin bestand es und worauf lief es hinaus? Es handelt sich um einen noch heute unter dem Namen des Grafen gehenden Tee, den sog. „Saint-Germain-Tee“, dessen Hauptbestandteil Sennesblätter bilden und der eine abführende Wirkung hat. Dieser Tee hatte seine Bedeutung in dem System, nach dem Saint-Germain lebte. Er befolgte in seiner Lebensweise, in seiner Ernährung eine strenge Diät, an der er beharrlich festhielt, die im weiteren Verfolg denn auch dazu beitrug, seiner Person den Anschein des Besonderen und Ungewöhnlichen zu geben.

Endlich rühmte er sich auch des Geheimnisses, auf künstlichem Wege Edelsteine herstellen zu können. So erzählt er in seinem Briefe an Graf Lamberg von einem großen Diamanten, den er mit dem Grafen Zobor zusammen nach vielem Bemühen hervorgebracht habe. Aber dieser Diamant spielt eine Rolle nur in der lügenhaften Erzählung, die er von seiner angeblichen Verhaftung im Jahre 1760 gibt. Danach sind wir berechtigt, auch seinen Bericht von der künstlichen Herstellung von Diamanten anzuzweifeln.

Anders steht es offenbar mit der ihm ebenfalls zugeschriebenen, aber in der Liste von 1777 nicht angeführten Kunst, Flecken aus Diamanten zu entfernen. Zwar sind dafür die von Madame du Hausset und Casanova und von dem Prinzen von Hessen berichteten Beispiele noch immer keine einwandfreien Beweise. Aber wenn der Schweizer Pictet dem französischen Diplomaten Corberon erzählt, sein Schwiegervater Magnan, ein Diamantschleifer, habe alle Diamanten mit irgendwelchen Flecken für Saint-Germain zurückgelegt, so ist das ein Zeugnis, das sich nicht einfach von der Hand weisen läßt, und das zweifellos zu Saint-Germains Gunsten spricht. Auchdie Kunst, Perlen zu vergrößern und ihnen ein schönes Wasser zu geben, wollte ihm der berühmte Arzt und Nationalökonom Quesnay, wie Madame du Hausset erzählt, nicht abstreiten.


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