SAINT-GERMAIN IN HAMBURG (1778)

SAINT-GERMAIN IN HAMBURG (1778)

Hamburg, 23. Oktober 1778.

Jetzt muß ich Ew. Hochwürden von einem besonderen Phänomen Nachricht geben. Ein sich nennender Graf Saint-Germain, der seine Abkunft nicht bekannt machen will, logiert hier in dem Wirtshause: Kaiserhof. Er führt großen Staat; es fehlt ihm nicht an Geld; er bezahlt allescomptant, erhält gleichwohl keine Rimessen[506]. Er schreibt Nacht und Tag, hatCorrespondancemit den größesten gekrönten Häuptern, frequentiert außer der Gräfin Bentinck[507]und dem französischen Herrn Minister[508]nicht gern Gesellschaft. SeineConnaissancezu erlangen hält schwer. Er ist ein Liebhaber der Naturgeschichte, hat die Natur studiert und den dadurch erlangten Kenntnissen es zu verdanken, daß er jetzt 182 Jahr alt ist und so jungaussieht, wie ein Mann von 40 Jahr. Im engsten Vertrauen hat er einem Freunde von mir gesagt, daß er gewisse Tropfen besäße, wodurch er das alles, auchtransmutationem metallorum[509]pp.bewirkte. In seiner Gegenwart hat er einen kupferreichen Gulden durch einige Tropfen in das feinste Silber, schlechtes Leder in das beste englische Leder und böhmische Steine in Diamanten verwandelt. Dabei ist er beständig vor sich, communiciert sich nicht leicht jemand, hat Überfluß an allen Sorten Gold und silbernen Münzen, die aussehen, als wenn sie erst aus der Münze kamen. Hat sich neulich ein ganz komplettes, silbernes, modernes Tafel-Service nach dem Modell, welches die Frau Gräfin Bentinck hat, machen lassen und sogleich baar in neuen vollwichtigen Dukaten bezahlt. Und doch erhält er von niemand Rimessen und ist auch an keinen Kaufmann adressiert. Wie geht das zu? Sollte der Mann wohl einer von denen sein, die wir bisher suchen?

Ich gebe mir alle Mühe, mit ihm auf eine gute Art bekannt zu werden; denn Zudringlichkeit würde schaden. Ein hier durchgereister dänischer Legationsrat hat den Mann in Paris, London und Haag gekannt und mir versichert, daß er daselbst ebenso, wie hier, sich verhalten hätte; daß er allenthalben bei Hofe gewesen und besondereDistinctionsgenossen hätte; daß man demohngeachtet nie seine wahre Abkunft habe erfahren können. Von der russischen Kaiserin[510], von der Prinzessin Amalia in Berlin[511]empfängt er fast posttäglich Briefe. Unsere Herren Ministers hier machen ihm die Cour, aber er familiarisiert sich nicht mit ihnen, sondern schreibt beständig und nochdazu im Dunkeln. Seine Bediente wissen nichts von ihm; er schafft sie ab, sowie er einen Ort verläßt. Nur einen Kammerdiener hat er bei sich, den der Legationsrat, mein Freund, schon in Paris, London und Haag bei ihm gesehen. Sollten Ew. Hochwürden mir etwas davon zur Aufklärung mitteilen können, so werde ich alles wagen, um den Mann näher zu entdecken.


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