SAINT-GERMAIN IN LONDON (1743-1745)
Horace Walpole an den Ritter Man[137]
9. Dezember 1745.
Wir beginnen Volk aufzugreifen[138], aber so vorsichtig und zaghaft, wie Frauen von Stand, die zum erstenmal ihre Juwelen versetzen. Wir haben noch keinen großen Schlag gewagt. Der Propst von Edinburg ist in polizeilichem Gewahrsam. Kürzlich wurde ein Narr verhaftet, der unter dem Namen Graf Saint-Germain lebt. Er ist zwei Jahre hier gewesen und will nicht sagen, wer und woher er ist. Aber zwei ganz wundervolle Sachen gibt er zu, erstens, daß er nicht unter seinem richtigen Namen lebt, und zweitens, daß er nie mit einem weiblichen Wesen etwas zu tun gehabt hat... Er singt, spielt wundervoll Violine, komponiert, ist verdreht und nicht sehr feinfühlig. Er soll Italiener, Spanier oder Pole sein; ein hergelaufener Mensch, der in Mexiko durch Heirat zugroßem Vermögen kam und mit den Juwelen seiner Frau nach Konstantinopel durchbrannte; ein Priester, ein Fiedler, ein vornehmer Mann.Der Prinz von Wales[139]war unbändig neugierig auf ihn, doch umsonst. Indes ist nichts gegen ihn geschehen. Er ist freigelassen, und — was mich überzeugt, daß er kein Edelmann ist — er bleibt hier und behauptet, er sei als Spion verhaftet worden.
Horace Walpole an John Chute[140]
Paris (8. Januar 1766).
Ich will nichts mit den französischen „Gelehrten“ und Philosophen zu schaffen haben und beneide Euch nicht gerade um Rousseau[141]. Er ist eben solch ein „Scharlatan“ wie Graf Saint-Germain, der sich selbst zu einem wunderlichen Menschenkinde stempelt und von sich reden macht ... So sehr ich seine Fähigkeiten bewundere, habe ich doch erkannt, daß weder er noch irgendein „Genius“ genügend gesunden Menschenverstand besitzen, um der Maßlosigkeit ihrer Ansprüche die Wage zu halten. Sie hassen die Priester, können aber doch die Kirche nicht entbehren. Aus diesem Grunde ziehe ich ihre Lektüre ihrer persönlichen Bekanntschaft vor.
13.–15. Mai 1760.
Mittwoch, 14. Mai. Wie der Herausgeber der „Gazette de Bruxelles“[143]uns erzählt, ist der hier kürzlich ausHolland angekommene sogenannte Graf von Saint-Germain 1712 in Italien geboren. Er spricht ebenso geläufig deutsch und französisch wie italienisch und drückt sich auf englisch recht gut aus. Er ist in allen Künsten und Wissenschaften bewandert, ein guter Chemiker, Musikvirtuose und zugleich ein sehr angenehmer Gesellschafter.
Im Jahre 1745 kam er in England in eine sehr schlimme Lage. Ein Mann, der wegen einer Liebesgeschichte eifersüchtig auf ihn war, steckte ihm einen falschen Brief des jungen Prätendenten[144]in die Tasche (worin dieser ihm für seine Nachrichten dankte und ihn bat, damit fortzufahren), dann ließ er ihn sofort verhaften. Da die Untersuchung seine völlige Unschuld ergab, wurde er in Freiheit gesetzt und von Lord H... zu Tisch eingeladen. Wer ihn kennt (sagt Herr Maubert), wird sich ärgern, zu hören, daß er sich die Ungnade des Allerchristlichsten Königs[145]zugezogen hat.