Das Brot

Das Brot

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Nun ist auch der Tag gekommen, an dem der fertige Getreidespeicher seiner Bestimmung übergeben werden kann.

Das zweite Hafenbecken ist vollendet, und die gewaltigen Konturen des Speichers zeichnen sich auf seinem neuen Wasserspiegel ab.

Der erste Kahn mit einer russischen Getreideladung wird hereingelassen, und das ist ein großer und erhebender Augenblick.

Sogar Kommerzienrat Friemann erschien, um diesem Vorgang beizuwohnen, der die ersprießliche Zusammenarbeit seiner Firma mit dem Hafen einleitet. Auch der Generaldirektor nahm sich die Zeit, die er diesem Entwicklungsstadium seines Hafens schuldig ist.

Er stellt sich zu den Ingenieuren, die nun ihre Arbeit zu übergeben haben, und freut sich ihres Eifers.

Bodenmeister Ulrich steht neben dem Kapitän. Er hat die Augen fest auf das Hebelbrett der Antriebsmotoren gerichtet, das er von nun an bedienen wird. Heute übernehmen es noch die Ingenieure.

Die langen Schläuche der Saugförderanlage werden in den Kahn hinabgelassen, die Maschinen beginnen zu rattern.

Auch Herr Karcher ist herbeigekommen, um ehrfürchtig das fertige Werk der Technik zu bestaunen. Er stellt sich in der Nähe Schwester Emmis auf, die von Felix Friemann in ein Gespräch gezogen wird. Es ist wieder Frühling, und Schwester Emmi hat ein frischgewaschenes, hellblau gestreiftes Kleid an, dazu eine blendend weiße Latzschürze, die sich über dem Busen zierlich wölbt.

»Es fängt an«, ruft sie aus. Sie ist die erste, die in den Speicher eilt. Da steht schon der Bäckermeister Reiche und betrachtet die ankommenden Getreidekörner mit feuchten Augen. Sie fallen in schmaler Reihe aus den Rohren auf den Boden des Speichers herab und bilden niedrige Häufchen, von einer Staubwolke umwogt.

Aber seht, wie sie wachsen! Als der Kommerzienrat mit Joachim Becker und dem Kapitän hinzutritt, sind es richtige Hügel geworden, die sich in der Höhe und Breite vergrößern. Und wer Geduld hat zu warten, kann es erleben, wie der Speicher sich füllt, wie es an den Wänden hochklettert und die Räume überschwemmt. Nun sieht man keinen Fußboden mehr, die Flut der kleinen prallen Körner wächst an den eisernen Pfosten hoch, die den Raum wie Säulengänge teilen, sie steigt bis zu den Fenstern hinauf, die dicht unter der Decke liegen, sie ist schwer und reif wie ein fruchtbarer Segen im neuen Haus.

»Wir wollen uns auch das Becherwerk und die Bandförderung ansehen«, sagt der Kommerzienrat. Er hat einst das Getreide kiloweise verhandelt, und hier ist nun sein Getreidespeicher, der über 30000 Tonnen loses Getreide faßt.

Sie gehen zu den blitzschnell eilenden Bändern, die das Getreide davontragen und verteilen. Während die Motoren surren, eilen die Körner in dünner Schicht unter einer fliehenden grauen Wolke von Staub dahin, aber wenn man sie durch die Finger gleiten läßt, so sind sie wie Gold.

Felix Friemann, der den Gefühlen seines Vaters ferner steht, geht mit Schwester Emmi wieder zu den Kähnen hinaus, um mit ihr zu plaudern. Auch er hat seine Freude an ihrem Lachen und an ihren hellen flinken Worten. Herr Karcher zieht sich langsam in sein Lagerkontor zurück.

»Nun habe ich mein Exposé über die Erweiterung und Organisation unserer Fürsorgeeinrichtungen bei der Generaldirektion abgegeben«, sagtDr.Friemann zu Schwester Emmi.

»Ach, schriftlich haben Sie das sogar gemacht! Mein Gott, was wird uns das für Umwälzungen bringen! Muß man dann die Finger auf eine modernere oder wissenschaftlichere Weise verbinden?«

Nein, sie nimmt die Wichtigtuerei dieses Kommerzienratssohnes durchaus nicht ernst.

»Nun, das gerade nicht! Doch es werden Abteilungen und Untergruppen eingerichtet, und Sie sind dann nicht mehr die allmächtige Schwester Emmi, sondern einfach Schwester eins.«

»Herrjeh, wer wird dann Schwester dreizehn?« Sie will sich ausschütten vor Lachen.

»So weit wollen wir noch nicht gehen. Wir könnten getrost noch eine Schwester Anni oder Elli bekommen, die liebenswürdiger sind als Sie, — die Anni oder Elli.«

Ihr Spott hat ihn etwas verwirrt, denn er fängt schon an, einzelne Worte zu wiederholen.

»Viel Vergnügen!« ruft sie aus. Sie blickt mit ihren lustigen Augen zu ihm hoch und hebt sich auf die Fußspitzen, um auch seine übertriebene Länge zu verspotten. »Die können Sie wirklich gebrauchen, die Anni oder Elli«, sagt sie noch lachend, während sie bereits enteilt.

Felix Friemann sieht ihr traurig nach. Er muß sich schon von einer kleinen Fürsorgeschwester auslachen lassen, er will sich bessern, das will er gewiß.

Der Kommerzienrat und Joachim Becker sehen sich auch sonst noch den Hafen an, dann fahren sie gemeinsam in das Stadtbureau zurück. Felix Friemann kann die beiden im letzten Augenblick vor der Abfahrt noch mit seinen langen Beinen einholen und seinen Schwager bitten, an Adelheid und seine Tochter Grüße zu bestellen.

Als alle Besucher fortgegangen sind und auch die Ingenieure mit dem Kapitän im Verwaltungsgebäude verschwanden, steht der Bäckermeister Reiche immer noch vor den Getreidemassen des Speichers und ist in tiefes Nachdenken versunken.

Er bückt sich und nimmt die Körner so voll in seine große helle Hand, daß sie zwischen den Fingern herausdringen, dann läßt er sie fallen, und wenn die Faust wieder leer ist, wird er von neuem traurig.

Schließlich muß er den Speicher verlassen. Bodenmeister Ulrich wird ungeduldig, er will endlich unumschränkter Herrscher in seinem Reiche sein. Die Befehle an die Arbeiter sind knapp und bestimmt, als spräche Joachim Becker mit ihnen.

Herr Reiche geht langsam und schwerfällig bis an das Ende des Hafenbeckens und um die Schmalseite herum zum Kanal, der den Hafen von der Mühle trennt.

Da steht der Speicher des Müllers, er ist nicht weniger vollkommen, nur etwas kleiner und älter. Daneben arbeitet die Mühle, die aus den prallen goldenen Körnern das Mehl bereitet. Und in der Stadt sind die vielen Meister, die ihr Brot davon backen. Sie holen es glühendheiß aus den Öfen, aber sie nehmen es trotzdem für den Bruchteil einer Sekunde zwischen die Hände und fühlen den elastischen goldbraunen Laib. Der ehemalige Bäckermeister glaubt den frischen sauer-süßen Duft zu verspüren, dann denkt er an die Selter- undMalzbierflaschen und an die Milchgläser, die er täglich mit einer langen Bürste reinigt.

Er ballt in ohnmächtiger Wut die Fäuste und findet keinen Weg aus seiner Not.

Nun fällt sein Blick auf einen Wagen, der neben der Mühle mit Säcken beladen wird. Er gehört einer großen Bäckerei, die sich ihr Mehl selbst holt und dabei den Zwischenhändler und die Rollfuhrspesen spart.

Herr Reiche beginnt, krampfhaft zu überlegen. Wenn man nun hier, direkt neben der Mühle — zum Beispiel da, wo jetzt der Wagen steht — eine Bäckerei errichtete, dann fielen nicht nur die Zwischenhändler und die Rollfuhrkosten, sondern auch das eigene Fuhrwerk fort.

Dieser Gedanke beschäftigte ihn eine ganze Woche lang, Tag und Nacht. Beim Gläserspülen greift er plötzlich nach irgendeinem Fetzen Papier und rechnet. Und wenn er des Nachts erwacht, so hält ihn die Grübelei stundenlang fest. Dabei sieht er nicht übernächtig aus, nein, im Gegenteil: prall und frisch. Seine Ohren sind stets rot angeglüht, seine Augen glänzen, nur in den Bewegungen scheint er sehr zerstreut.

Endlich faßt er einen Entschluß. Er zieht zum Erstaunen seiner Frau mitten an einem Wochentage seine besten Kleider an und geht fort. Zur Stunde des Arbeitsschlusses, als in der Kantine wieder viel zu tun ist, geht er, ohne eine Erklärung abzugeben, davon.

Er hat keinen weiten Weg. An der Föhrbrücke biegt er links ab zum Mühlengrundstück. Dort läßt er sich beim Mühlenbesitzer Pohl selbst melden. Er wird in das Privatkontor geführt, und seine Ohren brennen wie Feuer.

Michael Pohl fordert ihn — was er bei jedem Besucher zu tun pflegt, ob es nun der Kapitän oder der Kantinenwirt ist — mit einer stummen Handbewegung auf, im alten Sessel gegenüber seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Dann wartet er geduldig den Anfang der Rede ab. Er zeigt weder Neugierde noch Erstaunen, denn er ist schon an manchen eigenartigen Besuch, besonders aus dem Hafen, gewöhnt.

»Herr Pohl,« beginnt der Bäckermeister, »wenn ich so die Mühle sehe und die Getreidespeicher im Hafen und hier, da kommt mir so eine Idee — der Herr Pohl wollen es mir nicht verübeln, wenn es nicht recht ist. Hier ist das Getreide, sage ich mir, und das Mehl —«

Er bricht seine Rede ab, um die Hauptsache nachzutragen:

»Ich bin nämlich Bäckermeister von Beruf, aber nun verwalte ich die Kantine im Hafen —«

Diese Worte, die ihm als geschickte Umschreibung des Wortes »Kantinenwirt« gefallen, hatte er sich mit großer Mühe zurechtgelegt, und nun sind sie wirklich richtig und glatt herausgekommen. Er ist geradezu glücklich darüber, stellt sich noch regelrecht mit seinem Namen vor und hat den Mut, weiterzusprechen.

»— das Mehl, sage ich mir, und die Bäcker, die das Brot backen, müssen es erst in die Stadt fahren oder sie bekommen es von anderwärts oder vom Zwischenhändler — der Herr Pohl werden mich schon verstehen?«

Der Mühlenbesitzer nickt.

»Nun sage ich mir, wie wäre es, wenn man das Mehl gleich hier verbacken würde? An Ort und Stelle. Dicht neben der Mühle. Da ist ein freier Platz, ich meine auf dem Grundstück vom Herrn Pohl, und wenn ich so rechne und rechne, so denke ich, daß das Brot mindestens um fünf Pfennig für das Stück billiger werden könnte als anderswo.«

Er sieht den Mühlenbesitzer erwartungsvoll an. In seinem Kopfe braust es, als säße er im Maschinenraum des Getreidespeichers, direkt neben den fünfzig Antriebsmotoren.

Mühlenbesitzer Pohl schweigt eine ganze Weile, dann sagt er langsam:

»Der Gedanke ist nicht schlecht. Wie hatten Sie sich das weiter gedacht?«

Der Bäckermeister richtet sich in seinem Sessel auf und macht erst einmal einen tiefen Atemzug. Jetzt fürchtet er sich nicht mehr. Die Details sind ihm außerdem geläufiger als die einleitende Rede. Er holt einen Zettel hervor, auf dem er die Resultate seiner Rechnereien abgeschrieben hat, und erklärt.

»Wer sollte nun die Bäckerei errichten?« fragt Herr Pohl.

»Wenn der Herr Pohl sich beteiligen würden? Mit einer Kleinigkeit und mit meiner Arbeitskraft könnte ich wohl mitmachen.«

»Und wer würde die Ersparnis von fünf Pfennig gewinnen, da die Brotpreise einheitlich geregelt sind?«

»Der Herr Pohl dürfen nicht denken, daß es mir um den Profit zu tun ist. Die Regelung will ich dem Herrn Pohl selber überlassen. Wenn ich nur meine alte Arbeit wiederbekomme. Das Brotbacken war mir das liebste, die Kinkerlitzchen überlasse ich den anderen.«

»Ja, Herr Reiche, das wollen wir uns mal beide durch den Kopf gehen lassen. Haben Sie noch zu einem anderen Menschen davon gesprochen?«

»Keiner Seele habe ich ein Sterbenswörtchen gesagt.«

»Dann wollen wir zunächst auch weiter darüber schweigen. Und Sie kommen morgen um die gleiche Zeit noch einmal her.«

Sie trennen sich mit einem kräftigen Händedruck.

Der Mühlenbesitzer steht am Fenster und sieht dem Manne nach, wie er mit schweren wiegenden Schritten über den Mühlenplatz geht.

Es gab eine Zeit, da der Bäckermeister Reiche sich für seinen neuen, von der Frau ersehnten Beruf die nötige Trinkfestigkeit holen mußte. Er hatte keinen Geschmack am Alkohol, aber wenn man ihn ausschenken soll, muß man ihn auch trinken können. So übte er sich eine ganze Weiledarin, und als er die alkoholfreie Kantine bekam, war ihm das Trinken zur Gewohnheit geworden. Nun hat er wieder einen festen gleichmäßigen Gang und sogar Ideen im Kopf.

»Der Mann weiß gar nicht, was er hier für einen Plan aufgerollt hat«, sagt der Mühlenbesitzer vor sich hin. — »Der Herr Pohl wollen es mir nicht verübeln, wenn es nicht recht ist«, hört er im Geiste noch einmal den Bäckermeister sagen. Michael Pohl schüttelt den Kopf und denkt nun erst gründlich über die Sache nach.

Dann geht er in das große Kontor hinüber und ruft seine Tochter.

Noch ist sie hier in seinem Bureau, und er kann sie um ihren Rat fragen. Aber in wenigen Tagen will sie ihre Reise antreten, und er weiß noch nicht, wie er dann ohne seinen Kompagnon auskommen soll.

Sie setzt sich im Privatkontor auf ihren angestammten Platz im Ledersofa und sieht ihren Vater interessiert an.

Michael Pohl erzählt ihr von der Idee des Bäckermeisters. Aus der Bäckerei ist eine Brotfabrik geworden, die Brote zählen nicht nach Hunderten, sondern nach vielen Tausenden, und die fünf Pfennig Ersparnis für jedes Brot will er den Konsumenten überlassen, denn es bleibt immer noch Verdienst genug.

»Hier ist das Getreide,« sagt der Mühlenbesitzer, »hier das Mehl und da das Brot für die ganze Stadt.«

Irmgard ist aufgesprungen. Sie sieht ihren Vater mit leuchtenden Augen an.

»Ja,« sagt sie, »Vater, das ist fast so groß wie damals das Projekt vom Hafen.«

Michael Pohl lächelt. »Nun, ganz so hoch wollen wir uns nicht versteigen. Und vorläufig sieht unser Plan noch genau so schwierig aus wie die Idee vom Hafen vor drei Jahren.«

»Mein Gott,« sagt Irmgard, »was sollen dann die vielen Bäcker machen, wenn wir das Brot allein backen wollen?«

»Sie können es mit dem gleichen Verdienst verkaufen, als wenn sie es selbst gebacken hätten. Aber sie werden natürlich ihr Handwerk nicht aufgeben wollen, um Händler zu werden. Du siehst, daß hier schon eine Schwierigkeit ist.«

Wie flink denkt nun eine Frau!

»Warum sollten sie nicht ihre Semmeln und Kuchen backen wie bisher? Wenn ich an unseren Bäcker denke, der ein ganz besonderes Brot bereitet, mit einem Geschmack, den man sonst nirgends wiederfindet, dann sage ich mir, es könnte doch jeder seine Spezialitäten weiterführen. Man zahlt dann gern etwas mehr, wenn man es sich leisten kann. Wir aber backen hier nur das billige Einheitsbrot, das tägliche Brot des Volkes, kurz:dasBrot.«

Michael Pohl sieht sie befriedigt an. »Nun bleibt nur die Frage, wer der Unternehmer wird, und wie man es den Beteiligten klar macht. Ich meine die Produzenten, die den Gewinn dem Volke überlassen sollen.«

»Ist das Projekt für einen einzelnen zu groß?«

»Das auch, obgleich ich außer meinem freien Grund und Boden reichlich Kapital dazugeben könnte.«

»Könntest du das?«

»Gewiß, die Mühle entwickelt sich von Jahr zu Jahr und wirft größere Gewinne ab, unsere Ansprüche bleiben die gleichen. Nun ersetzest du mir sogar noch eine Arbeitskraft, und deine Mutter kennt nur ihre peinliche Pflichterfüllung. Ich habe das Geld nicht im Hafen unterbringen können, dazu war es zu wenig, jetzt muß ich es endlich für unseren Sohn anlegen.«

»Aber —?« fragt Irmgard Pohl.

»Aber für eine Brotfabrik, die den Bedarf der ganzen Stadt decken soll, brauchen wir die Unterstützung der Kommune oder der Allgemeinheit. Das ist ein volkswirtschaftliches Unternehmen, für das wir uns keine Feinde aufladen dürfen.«

»Wer sollte wohl feindlich gesinnt sein, wenn es sich darum handelt, der Allgemeinheit das Brot zu verbilligen?«

Der Mühlenbesitzer lacht. »Wer? Die Konkurrenz, die Rechthaber, der Neid, die Zwietracht. Es beständen viele Beweggründe.«

»Das Hafenprojekt hat sich auch verwirklichen lassen.«

»Da handelte es sich nur darum, Interessenten zu finden, die durch den gleichen Gedanken geeint werden: Geld zu verdienen. Dieses Motiv versöhnt die heftigsten Feinde. Nun aber sollen wir für einen ideellen Zweck werben. Meinst du, daß die Inhaber der bereits bestehenden Brotfabriken mit der Verbilligung einverstanden sind? Was geht sie das Volk an, wenn sie von ihrem Verdienst einbüßen?«

»Ja, müssen wir darum den Mut verlieren?«

»Nein, gewiß nicht. Wir wollen es versuchen. Das wäre sicherlich ein großer Erfolg, unter so viel Köpfen eine Einigung zu erzielen. Es gälte fast mehr als die Verbilligung des Brotes.«

»Siehst du, da ist wieder der alte Schwärmer. Gott sei Dank! Ach, weißt du, ich bin ganz stolz, daß wir nun auch so ein großartiges Projekt haben.«

Michael Pohl nimmt ihren Kopf zwischen seine Hände und lacht.

»Man möchte es durchaus mit einem anderen aufnehmen!« Und mit liebevoller Resignation fügt er hinzu: »Daran erkenne ich doch wieder die Frau.«

Sie schreibt ihm seine Briefe und ist ihm ein guter Kamerad, aber sie verfehlt doch dabei ihren besten Daseinszweck.

Als der Bäckermeister am nächsten Tage wiederkommt, kann der Mühlenbesitzer ihn mitseinenBerechnungen empfangen. Er zieht seine tüchtige Mitarbeiterin zu den Beratungenhinzu, und sie beleuchten das Projekt von allen Seiten. Da wird nichts übersehen, und ihr Fachmann, der schwerfällige Bäckermeister, kann immer wieder neue Momente ins Treffen führen.

Zum Schluß sind sie dahin einig geworden, daß die beiden Männer zunächst eine Orientierungsreise unternehmen, um ähnliche Anlagen in anderen Städten zu besichtigen. Dann wollen sie sich an die zunächst Interessierten, die Bäckermeister, wenden.

Frau Reiche hat die Augen gehörig geöffnet, als ihr Mann ihr kurz und bündig erklärte, daß er eine Reise zu unternehmen gedenke. Es liegt ihm fern, auf ihre Fragen etwa zu erwidern: »Ich habe dich auch nicht gefragt, was du mit deinen Besuchen im Gefängnis bezweckst.« Nein, er läßt sie nun ihres Weges gehen und macht seine Reise für sich.

Nur daß er auch Fräulein Spandau keine Auskunft darüber geben kann, geht nicht ganz nach seinem Herzen. Sie sieht ihn mit ihren müden Augen stumm fragend an, und er sagt: »Auf Wiedersehen, Fräulein Spandau, wenn ich zurück bin, kann ich Ihnen vielleicht etwas Gutes erzählen.«

Das befriedigt sie nicht weniger, als wenn er ihr ein prächtiges Geschenk versprochen hätte.

Wem wäre nicht eine Veränderung am Kantinenwirt Reiche aufgefallen, als er von seiner Reise wieder heimgelangte? Er hatte eine andere Art, zu gehen und zu sprechen,und er stellte sich nicht mehr hinter den Schanktisch, — dieses Amt überließ er seiner Frau.

Aber das geschah beileibe nicht, weil er sich zu gut dafür dünkte, sondern einzig und allein, weil er keine Zeit dafür fand. Wenn er nicht seine geheimen Besprechungen mit dem Mühlenbesitzer hatte, so mußte er mit dem Innungsmeister konferieren oder in den Versammlungen Reden halten. Selbst vor dem Ersten Bürgermeister hat er eines Tages mit Mühlenbesitzer Pohl und einigen Abgeordneten der Bäckerinnung gesessen.

Er ist plötzlich ein geachteter Mann, man hört geduldig und ernst auf seine Worte. Und auch dem Mühlenbesitzer gegenüber hat er ein anderes Auftreten. Er sagt zum Beispiel: »Richtig, Herr Pohl, da haben Sie wieder recht.«

Wo ist der geduckte Kantinenwirt, der einmal sagte: »Der Herr Pohl wollen es mir nicht verübeln, wenn es nicht recht ist?«

Doch hier kann man wieder sehen, was der Prophet in seinem Vaterlande gilt. Hat Frau Reiche etwas von der Größe ihres Mannes verspürt? Nein, sie sagt: »Wie lange soll dieses Faulenzerleben noch dauern? Wenn das Konferenzen sind, mit denen du dich aufhältst, dann verwalte ich hier ein Hotel.«

Als der Streit in der Bäckerinnung so lebhaft geworden war, daß die Hilfe der Zeitungen angerufen wurde, da schreckte man nicht davor zurück, dem Bäckermeister Reichevorzuwerfen, daß er nichts weiter als ein Kantinenwirt sei. Vom Mühlenbesitzer Pohl jedoch wußte man, daß seine Beteiligung beim Hafen seinerzeit abgelehnt wurde; man ist nicht geneigt, ihn nun an einer Brotfabrik profitieren zu lassen.

Wenn man keine sachlichen Bedenken finden kann, so gibt es der persönlichen genug.

Aber nun ist auch der Trotz in Michael Pohl erwacht. Er sagt zu Herrn Reiche: »Sie können solange in meiner Mühle arbeiten.« Und er bietet ihm einen Posten an.

»Was,« sagt Frau Reiche, »du willst eine Brotfabrik gründen? Hätte ich dir in deiner Bäckerei nicht die Brote verkauft, dann lägen sie heute noch da.« Sie hat noch immer keine Achtung vor ihrem Mann und ist nicht geneigt, ihren Platz in der Kantine zu verlassen.

Herr Reiche verabschiedet sich von Fräulein Spandau, nachdem er die Vermittlung des Kapitäns in Anspruch genommen hat, und sagt:

»Ich lasse ihr alles hier, so wie es ist. Ich habe meine beiden Fäuste zur Arbeit. Und wenn Sie einmal in der Mühle zu tun haben, so fragen Sie nach Lagerverwalter Reiche. Dann wird es schon recht sein.«

Inzwischen beleuchten die Zeitungen das Problem und suchen die Parteien zu orientieren.

»Wie lange wird die Verbilligung anhalten?« fragen die einen. »Wenn den Meistern die Arbeit genommen ist, gehendie Preise wieder in die Höhe, und die Großunternehmer allein stecken den Gewinn ein.«

»Man hat es auf zwei Berufe abgesehen«, klagen einige andere. »Der Zwischenhandel und das Transportgewerbe sollen ausgeschaltet werden«, und man rechnet den Interessenten vor, welche Schädigung das für sie bedeutet.

»Nun soll auch das gute ehrliche Handwerk unterjocht und versklavt werden.« — »Das ist der Beginn der Vertrustung.« — »Das Kapital reißt nun auch die Macht über das tägliche Brot an sich.« — So und ähnlich lauten die Schlagworte, die auch von den Bäckermeistern aufgenommen werden.

Nur eine zaghafte Stimme vertritt die Ansicht, daß es der Stadt zur Ehre gereichen würde, wenn man in dieser Frage eine Einigung ohne Gewalt erzielte. Aber sie verknüpft diese einfache praktische Angelegenheit mit ihren Idealen und macht sich selbst lächerlich. Denn was hat eine Brotfabrik mit dem ewigen Frieden zu schaffen?

Verliert der Mühlenbesitzer den Mut darüber? Nein, er verliert ihn nicht; er war nicht ohne Vorbereitung in den Kampf eingetreten. Er bietet sein Geld und eine gute Idee an, und wenn sie es ablehnen, so wissen sie nicht, was sie tun. Er wäre nicht der erste, dem man seine Gaben vor die Füße wirft.

Ein anderer beginnt allmählich, im Kampfe zu verzagen. Er ist auf einen vorübergehenden Posten gestellt worden in Erwartung der großartigen Gründung; die Wartezeit erstreckt sich auf zwei Monate, drei Monate, es wird Herbst, und noch bezieht er mit bedrücktem Gewissen sein Gehalt als Lagerverwalter in einer Mühle und nicht als Meister in einer Brotfabrik. Was nutzt es ihm, daß er sich mit der modernen Technik vertraut macht und im stillen eine neue Lehrzeit in den verzwickten Büchern beginnt? Es ist nur gut, daß ein Fräulein Spandau eines Tages den Lagerverwalter Reiche aufsucht und ihn fragt, ob man das Mehl in der Mühle auch pfundweise kaufen könne.

Nein, damit kann er nicht dienen, doch wenn er sie nach Hause begleiten dürfe und sie sich noch für die Sache eines Mannes interessiere, den man so lächerlich finde, so wolle er ihr einiges erzählen.

Sie hat dagegen nichts einzuwenden und hört ihm auf dem weiten Wege mit großem Interesse zu, obgleich er zuletzt sehr verbittert und mutlos ist.

»Ach ja,« sagt sie zum Abschied, »wenn Sie es doch durchsetzen könnten! Wir brauchen zu Hause täglich ein Brot, das sind fünf Pfennig pro Tag und ein und eine halbe Mark im Monat. Sie glauben nicht, was das bedeutet, da wir alle von meinem Gehalt leben müssen.«

Ihr blasses Gesicht mit der dünnen unklaren Haut ist sovertrauensvoll zu ihm emporgewandt, daß es ihm wieder einen Ruck gibt, und er verspricht, nichts unversucht zu lassen.

Das sollte doch mit dem Teufel zugehen, denkt er auf dem Heimwege, wenn man denen nicht helfen dürfte, die es so dringend brauchen.

Er spricht noch einmal mit dem Mühlenbesitzer darüber, und sie fangen die Sache von einer anderen Seite an. Michael Pohl, der doch genug Lehrgeld gezahlt haben sollte, gibt wieder eine schriftliche Erklärung ab.

Sie wirkt nicht gleich wie der wunderbare Stab vor dem Zauberberg, aber dieser und jener läßt sich doch herbei, einen Blick auf das Dokument zu werfen und ein wenig darüber nachzudenken. Da soll nun die Bäckerinnung als Unternehmerin auftreten, und der Mühlenbesitzer will ihr die Mittel vorstrecken. Jeder Meister in der Stadt ist Teilhaber der großen Fabrik und hat schließlich auch eine Stimme ins Gewicht zu werfen.

»Wenn ich das gleiche verdiene und weniger Arbeit habe, so soll es mir recht sein«, meint nun der Bequeme, während der Arbeitsame befriedigt feststellt, daß man ihm trotzdem seine Tätigkeit läßt.

»Und wer sich das richtig überlegt, muß sich sagen, daß vom billigeren Brot mehr gegessen wird«, wirft Lagerverwalter Reiche in einer Versammlung ein. »Das Brot, das die eigene Familie ißt, fällt auch nicht unter den Tisch,es muß ebenso gerechnet werden, als ob es verkauft wird, und das sind fünf Pfennig für das Stück.«

In dieser Versammlung trägt er noch nicht den Sieg davon, aber als der Winter den Hafen wieder im Bann hält und auf dem Kanal vor der Mühle die Oberfläche glitzert und knackt, hat er endlich eine Abstimmung mit Stimmenmehrheit erreicht.


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