Der Abschied
I
Joachim Becker irrt ruhelos in seinem verlassenen Haus umher. Adelheid ist zu ihren Eltern heimgekehrt; man bat ihn, zu warten, bis sie nach ihm verlange. Aber sie ruft ihn nicht.
Er bleibt auf dem Treppenabsatz im Vestibül stehen und denkt: hier stand sie, mit ihrer schönen kleinen Tochter im Arm, deren traurige, große Augen ihm fragend — oder unbewußt anklagend? — nachblickten. Die winzigen Hände winkten, und Adelheids mütterlich-stilles Lächeln leuchtete neben dem ernsten Kindergesicht.
Er stellt sich an den hohen Kamin in ihrem Zimmer und gedenkt des Abends nach dem Theaterbesuch, da er alles so klar gesehen hatte und dennoch schwieg.
Und wenn er zwischen zwei Konferenzen am Schreibtisch seines Arbeitszimmers sitzt, deckt er zuweilen die Hand über die Augen. Scham entbrennt in seinem zerquälten Gesicht, und alle falschen Gesten fallen von ihm ab.
Drei Wochen sind vergangen, und Adelheid hat noch nicht nach ihm verlangt. Seine Selbstvorwürfe werden mit jedem Tage heftiger, Mutlosigkeit überfällt ihn. Dieser tüchtige junge Generaldirektor, der so ausgezeichnete und grandiosePläne zu entwerfen versteht, hat Plan und Ziel für sein eigenes Leben verloren.
Eines Tages geht Kommerzienrat Friemann in das Arbeitszimmer seines Schwiegersohnes und bleibt einen Augenblick in der Mitte des großen Raumes stehen.
Joachim Becker denkt, daß er das gleiche energiegesammelte Gesicht habe wie einst, als er einen für sie alle entscheidenden Schritt unternahm. Damals sagte er ohne Einleitung mit festem Blick: »Ich habe gehört, daß meine Tochter Sie liebt. Wie stellen Sie sich dazu?« Joachim Becker stand auf und sagte entschlossen, ohne die Augen zu senken: »Ich bitte um ihre Hand.«
Heute kann er dem Blick seines Schwiegervaters nicht offen begegnen. Und der Kommerzienrat sagt, während seine tonlose Stimme leise schwankt:
»Meine Tochter hält es für gut, daß die Scheidung eingeleitet wird.«
Joachim Becker ist aufgesprungen. Er steht ein wenig gebeugt da und stützt eine Hand auf die Schreibtischplatte.
»Kann ich sie nicht selbst sprechen?« fragte er leise, ohne hochzublicken.
»Sie will dich erst wiedersehen, wenn die Scheidung vollzogen ist.«
Darauf vermag er nichts zu erwidern. Unwillkürlich bleibt der Ton dieser Worte noch in seinen Ohren hängen. Klang die vertrauliche Anrede nicht zögernd?
»Ich habe bereits mit Rechtsanwalt Bernhard gesprochen. Er hat die Vertretung abgelehnt.«
Er sieht erschreckt auf. Scheut man sich schon, für ihn tätig zu sein? Sagen sich jetzt alle von ihm los?
»Er kann es weder für dich noch für Adelheid übernehmen und gibt vor, daß er euch beiden menschlich zu nahe stehe. Er hat einen Kollegen empfohlen, und du wirst dich wohl selbst nach einem Rechtsvertreter umsehen? Ich nehme an, daß du gegen Adelheids Vorschlag nichts einzuwenden hast und daß wir uns alle Erörterungen sparen können.«
Der Kommerzienrat wendet sich ohne ein versöhnendes Wort um. Er hat nicht nur seinen Erben und das einzige Enkelkind verloren, nein: nun gibt er auch den auf, der ihm allmählich ein zweiter Sohn werden sollte. So wie er die Hoffnung nicht sinken ließ, daß ihm der Sohn auch noch ein tüchtiger Mitarbeiter würde, so glaubte er bis jetzt, daß der durch die Arbeit ihm Verbundene auch innerlich der Seine werden könnte.
Er geht nun leer davon, mit schwerfälligen Schritten, aber er ist nicht so grausam, ohne einen letzten Blick zu scheiden. Sein unermüdlicher Helfer der Arbeit steht noch halbgebeugt da. Das Kinn ist ihm auf die Brust gesunken.
Da sagt der Kommerzienrat leise: »Adelheid hat mir ausdrücklich einen Gruß für dich aufgetragen.«
Diese Botschaft hatte er verschweigen wollen! Er richtet sie im letzten Augenblick mit großer Mühe aus.
Die Tür klappt. Joachim Becker hebt den Kopf. So hat er sich seine Befreiung aus der erzwungenen Ehe kaum vorgestellt.
Er denkt an Adelheids Worte, die letzten, die er aus ihrem Munde vernahm: »Der Hafen ist schuld!« Aber jetzt weiß er, wer der wahre Schuldige ist. Er ist nicht mehr so feige, die Schuld auf sein Werk abzuwälzen. Nun nimmt er alle Anklagen freimütig auf seine Schultern, und er kennt keine Schonung mit sich selbst.
Doch auch das Schicksal hat nicht viel Erbarmen mit ihm, es erspart ihm keine Demütigungen und keine Enttäuschungen. Denn noch ein anderer kommt nach einigen Tagen in sein Arbeitszimmer, um ihm eine wichtige Mitteilung zu machen: der Kapitän.
Nun müsse er um seinen Abschied bitten, sagt er ohne viele Umschweife. Seine alte Reederei habe wieder Verwendung für ihn, und aus bestimmten Gründen könne er nicht lange warten.
Der junge Generaldirektor lehnt stumm in seinem Sessel und nimmt die Mitteilung als eine gerechte Strafe hin. Er glaubt die Gründe zu kennen, die den Kapitän zu einem schnellen Abschied zwingen. Kann es etwas anderes sein, als daß er mit Irmgard Pohl einig geworden ist und sie so bald wie möglich von der Nähe des Hafens fortführen will, damit sie keinen unliebsamen Begegnungen mehr ausgesetzt ist?
Es scheint, als habe Joachim Becker ganz im geheimen gehofft, er könne sich noch wiedererringen, was er einst, von seinen Ideen besessen, so leichtsinnig aufgab, denn sein Gesicht ist nun besonders grau und verfallen.
Seine Stimme klingt brüchig, während er die bedauernden Worte über den Abschied des Kapitäns ausspricht.
»Ich habe soeben mit Herrn Kommerzienrat Friemann gesprochen. Er will sich noch heute mit Ihnen beraten und die Beschlüsse des Vorstandes herbeiführen«, sagt der Kapitän und erhebt sich, um zunächst wieder in seinen Hafen zurückzukehren.
Er hält sich nicht länger auf, als unbedingt nötig ist. Sein Händedruck ist zwar kräftig wie immer, aber er vermeidet es, den Blicken Joachim Beckers zu begegnen.
Nun steht dem Generaldirektor also noch eine geschäftliche Unterredung mit seinem Schwiegervater bevor, der ihm bald wieder ein Fremder sein wird. Er geht lange in seinem Zimmer auf und ab, und dann hat er seinen Entschluß gefaßt.
Er begibt sich in das Bureau des Kommerzienrats und sagt:
»Da meine vorbereitenden Arbeiten in der Generaldirektion so gut wie beendet sind, möchte ich um den Posten des Kapitäns bitten.«
Der Kommerzienrat ist nicht sehr erstaunt, aber er fragt:
»Und wer soll dieses alles hier übernehmen?«
Joachim Becker schweigt.
»Dann werde ich dem Aufsichtsrat vorschlagen, daß du die Generaldirektion in den Hafen hinübernimmst, denn ich bin jetzt zu alt für solche Aufgaben, und sonst ist niemand mehr da.«
So hatte er also gehofft, sein Sohn könne dereinst selbst dafür befähigt sein. Er wendet sich zur Seite, und Joachim Becker kann ihm nicht einmal zum Dank für die Erfüllung seines Wunsches die Hand drücken. — — —
Wie rasch ist ein Mensch entbehrlich, besonders wenn er so bescheiden seines Amtes waltet, wie der Kapitän!
Er kann nach wenigen Wochen schon seine Pflichten in die Hände des Nachfolgers legen und Abschied nehmen.
Es ist wieder August. Genau zwei Jahre habe er am Steuer dieses Riesenschiffes gestanden, sagte der Kapitän in seiner Abschiedsrede.
Daß er in Wahrheit kein Schiff gelenkt hatte, mußte er wohl erfahren. Die Welt war nicht wie sonst an ihm vorbeigeglitten, während er feststand und nach allen Seiten unbeteiligt Ausschau hielt. Er hatte keine Planken unter den Füßen gehabt.
Nein, er war in seinem Hafen unruhig umhergelaufen, und dann hatte er ihn sogar verlassen, um Besuche beim Nachbarn zu machen. Da war die Welt wieder dicht an ihn herangerückt, sie nahm ihn auf und wirbelte ihn wie die anderen herum, und er verlor wie sie den Stand in der Mitte.
Nun macht er sich auf, um den ersten Abschiedsbesuch abzustatten. Die Stunde des Arbeitsschlusses in der Mühle scheint ihm geeignet dazu. Vielleicht könnte man auf der Bank im Garten sitzen und doch noch Gelegenheit finden, einige Worte unter vier Augen zu sprechen.
Er trifft Herrn Pohl mit seiner Tochter noch im Bureau an. Herr Reiche sitzt bei ihnen, und sie beraten zu dritt eine Angelegenheit der Brotfabrik.
Der Kapitän bedauert es sehr, sie bei dieser wichtigen Arbeit zu stören, er wolle sie nicht lange aufhalten, beim Abschied könne man sich kurz fassen.
Herr Pohl steht auf und kommt hinter seinem Schreibtisch hervor. Wie, das wäre wohl noch schöner, wenn er sich auf diese Weise von ihm verabschieden sollte! Er drückt dem Kapitän beide Hände und meint, daß er ihn heute nicht so rasch freigeben würde.
»Ich denke, wir werden noch ein Glas Wein miteinander trinken, wie seinerzeit, als Sie den ersten Besuch bei uns machten?« fügt er herzlich hinzu.
Der Kapitän muß sich leider einen längeren Aufenthalt versagen. Er sei für heute abend von Kommerzienrat Friemann eingeladen.
Er schenkt den letzten Abend nicht den Zufriedenen, sondern den Einsamen, vom Schicksal Geschlagenen, denn der Kommerzienrat ist nun allein in seinem großen Haus und dürfte etwas Gesellschaft gebrauchen. Frau und Tochter sindim Bade, und nur stille Ablenkung kann ihn zeitweise den Sohn vergessen lassen, der das Haus einst mit Lärm und Fröhlichkeit erfüllte.
Herr Reiche will in der kurzen Zeit, die dem Kapitän hier noch verbleibt, nicht mit seinen Arbeiten störend dazwischen sitzen. Er verabschiedet sich vom Kapitän, der auch ihn immer zufriedengestellt hatte.
Der Kapitän sieht ihm einen Augenblick nach, wie er mit seinen Papieren geruhig und selbstbewußt abzieht.
Herr Pohl fängt den Blick auf und sagt: »Ja, der ist hier nun glücklich und gut aufgehoben.« Aber er bereut seine Worte sofort, weil der Kapitän so ertappt zusammenzuckt, als habe man ihm diesen Gedanken von der Stirn gelesen und ihm, dem Mann in der Mitte, gar Neid zugetraut.
Irmgard hat bisher schweigend auf ihrem Platz im alten Ledersofa gesessen. Plötzlich steht sie neben dem Kapitän. Sie nimmt ihn am Arm und sagt:
»Nun dürfen wir aber keine Zeit mehr verlieren. Sie müssen gleich mit hinüberkommen, damit wir noch etwas plaudern können.«
Der Kapitän lacht über das ganze Gesicht, so daß die trockene braune Haut sich in unzählige kleine Falten legt. Einen so guten Empfang hat er, weiß Gott, nicht erwartet.
Er fühlt Irmgards warmen runden Arm, der von keinem Stoff verhüllt ist. Sie hat sich eingehakt, ihr Kleid berührtihn in der Bewegung und er spürt den Duft ihrer Haare ganz nahe an seinem Gesicht. Doch als sie ihn bis zum Ausgang gezogen hat, läßt sie die Tür für den Vater geöffnet, und dann hängt sie sich auf der anderen Seite in den Arm des Vaters. So gehen sie zu dritt über den Hof und haben sechs Augen und sechs Ohren.
Wie sollte da der Kapitän seine Rede anbringen, die er sich noch für die letzte Stunde aufhob? Er verstand sich nie auf die Frauen. Zweimal versuchte er es, ihnen sein Herz zu öffnen. Aber er hat es beide Male nicht richtig angefangen. Nun gibt er den aussichtslosen Versuch auf.
›Spät bin ich alter Trottel dahinter gekommen, daß sie mir ausweicht. Diese Geste des Mitleids erst mußte mir alles verraten‹, denkt er nun bitter.
Er trinkt noch ein Glas Wein mit den dreien, von denen Frau Pohl seinen Fortgang am offensichtlichsten und sehr wortreich bedauert. Dann schüttelt er allen — auch dem eigenwilligen kleinen Michael — herzlich die Hände und winkt sogar von der Föhrbrücke aus noch einmal zurück.
Es ist gut, daß die Stunde für den Abendbesuch sehr nahegerückt ist und er in seiner einsamen Wohnung nicht lange zu verweilen braucht. Sie hatte in letzter Zeit zu viel alte schmerzliche Erinnerungen aufgestört. Denn sein Weg führte ihn immer über einen Platz, auf dem ein junger Mensch sein Leben zerschmetterte. Er war fünfundzwanzig Jahre alt,genau so alt wie eine Frau, die auch einer Schuld wegen ihr Leben wegwerfen mußte.
Der Kapitän blickte fest auf die Hafenwirtschaft oder über die Kähne hinweg, irgendwohin, wenn er diesen Fleck überschritt. Es war nichts zu sehen als heller Asphalt wie überall, aber er zuckte zusammen, wenn sein Fuß darübertrat, und das mußte die Nerven des kräftigsten Mannes auf die Dauer zermürben.
Wollte er das Fenster schließen, um mit seiner Geige allein zu sein, so irrte sein Blick unwillkürlich dorthin. Er ging vom Fenster zurück und ließ die Geige im Kasten. So blieb er ohne Trost und ohne Ruhe.
Und nun macht er seinen letzten Abschiedsbesuch bei einem, der auch ruhelos im großen schönen Haus nach einem Anker sucht.
Er wird vom Kommerzienrat mit stummer Herzlichkeit empfangen und muß bei seinem Händedruck unwillkürlich an Herrn Pohl denken. In Erscheinung und Wesensart grundverschieden, haben die beiden ein Gemeinsames: sie lebten — während der eine Geld aufhäufte und der andere nur seine Pflicht erfüllte — niemals für sich und verschwendeten ihre einmalige scheue Zuneigung, ihr rückhaltloses Vertrauen an ihren Gegensatz, an Joachim Becker, der noch nie etwas anderes als sich selbst und sein Ziel sah. Nun wenden sie sich in der gleichen Enttäuschung resignierend dem zu, der nicht beglückt und nicht verletzt, der in seiner stets gleichbleibendenBereitschaft zu Teilnahme und Gerechtigkeit gern da gesehen wird, wo er weder überschäumende Freude noch den ersten erbitterten Groll durch sein Gleichmaß beschämen kann.
Der Kapitän ist sich seiner Rolle schmerzhaft bewußt, aber da sie ihm nicht abgenommen wird, und man ihm seinen Eingang in den ungerechten schwankenden Kampf der Gefühle verwehrt, waltet er weiter still seines Amtes.
Er lobt die Küche des Kommerzienrats, seine gut gelagerten Weine und erzählt von den lukullischen Genüssen anderer Völker, von erfrischenden und berauschenden Getränken in aller Welt, von einem kleinen Spezialgebiet seines vielfältigen Wissens, während er bemerkt, daß der Kommerzienrat nur zeitweise seine langatmigen, ungewürzten Schilderungen verfolgt. Er verstummt nicht, denn die ermüdenden Reden, die keine Antwort und kein anhaltendes Interesse beanspruchen, ja dem Zuhörer leichte Nebengedanken erlauben, tragen oft Lastendes und Quälendes unmerklich fort und leiten in eine besinnliche Stille hinüber.
Nach dem Essen stellt sich auch Rechtsanwalt Bernhard ein. Er bekommt, mit einem gewissen Gewohnheitsrecht, einen kleinen Imbiß nachserviert, und dann gehen die drei in das Rauchzimmer, wo selbst der junge Alfred Bernhard, der getreue Tanzstundenfreund Frau Adelheids, sich dem langsamen Genuß der kommerzienrätlichen Zigarren hinzugeben bemüht.
In seinem Bureau sitzt nun nicht mehr eine einzige Stenotypistin, die mit Handarbeiten die Arbeitsstunden umzubringen versucht. Nein, er hat einen eigenen Bureauvorsteher und einen Stab von Schreibfräuleins, die den ganzen Tag gut ausgeklügelte und dennoch mit sicherem Geschmack parierende Schriftsätze in Scheidungssachen schreiben. Er ist gewiß nicht durch einen blinden Zufall, sondern durch eine offensichtliche Begabung allmählich ein Spezialist in Ehescheidungen geworden. Seine friedliebende Natur, die unermüdlich bestrebt ist, Ausgleich und reibungslose Auseinandersetzung herbeizuführen, selbst wenn anscheinend unüberbrückbare Hindernisse entgegenstehen, erwarb ihm den guten Ruf. Man sucht ihn bereits und hält ihn in bester Erinnerung, weil er das unerquickliche Ende ohne Schrecken zu finden weiß.
Er bewies seine diplomatischen Künste im Prozeß der Hafengesellschaft gegen Michael Pohl, den er drei Jahre ohne unnötige Dissonanzen in der Schwebe zu halten verstand, bis er an seinem eigenen Widerspruch zerrann. Er wußte selbst einen Querkopf wie den Bäckermeister Reiche davon zu überzeugen, daß man recht haben kann und dennoch sein Unrecht zugeben muß. So führt er immer seine Parteien langsam und ohne kleinliches Gezänk — mit einer Geduld, die nervöse Kollegen fast pathologisch nennen — zum gewünschten Ziel. Wenn es auch zuweilen in neuer Versöhnung besteht, so verdient er daran nicht geringereHonorare, weil er es sich zum weisen Prinzip macht, diese Akten gut zu verwahren. Er weiß, daß solcherart Klienten nicht ohne Anhänglichkeit sind.
So hat er in seiner Praxis Gelegenheit zu manchen Beobachtungen gefunden, die er auch im Privatleben anzuwenden weiß. Wie hätten ihm also die Anzeichen für den Bruch einer ihn so besonders interessierenden Ehe entgehen können? Zumal er die Tanzstundenfreundin, die in seinen Gedanken die scheue Adelheid Friemann blieb, nicht aus den Augen ließ.
Vielleicht sind viele seiner guten Erfolge in anderen Ehescheidungen darauf zurückzuführen, daß er so intensiv immer nur an den einen Fall dachte, den nun endlich ein Kollege bearbeitet. Man sagt ihm nach, daß er mit besonderem Geschick stets die Schuld der männlichen Partei übertrug, so daß er hauptsächlich die Unschuldigen vertrat. Aber die Klientin, die er mit so unermüdlicher Geduld erwartete, schickte er dennoch zur Konkurrenz. Nein, in dieser »Sache« hätte er keinen Finger rühren können.
Es ist seine große Tragik, daß er in den eigenen Angelegenheiten von den beruflichen Fertigkeiten verlassen ist. Wie redegewandt kann er vor dem Richter oder in seinen Schriftsätzen für die Interessen anderer eintreten, und wie stumm war er geblieben, als Adelheids Gefühle noch nicht abgeirrt waren. Er könnte nun mit Recht hoffnungsvoller und ruhiger in die Zukunft blicken, denn man kann annehmen, daß sieseine Treue noch einmal anerkennen wird. Doch je näher der Termin ihrer Freiheit heranrückt, um so nervöser wird Alfred Bernhard, der wieder alle Qualen der Tanzstundenzeit erlebt. Er hat noch jeden Tag in der Erinnerung, an dem er die Gelegenheit und das richtige Wort versäumte, bis sie Joachim Becker kennenlernte und er einsah, daß es zu spät geworden war.
Nun zieht er hier in scheinbarer Ruhe an der schweren Zigarre, lauscht zerstreut den Gesprächen der beiden »alten Herren« und denkt mit banger Freude an den Herbst, der Adelheid wieder hierherführen wird.
»Und doch sind solche Krankheiten oft heilsam,« hört er den Kapitän sagen, »sie befreien den Menschen nicht nur körperlich, sie lassen ihn nach einiger Zeit auch seelisch genesen. Wir müßten alle ab und zu nach einer gründlichen Aufräumung der alten Stoffe wieder neu beginnen.«
»Ich glaube, daß Sie darin noch zu optimistisch sind, lieber Kapitän«, erwidert der Kommerzienrat, während er den Blick in die Luft richtet. »Bei jungen Leuten mag das zutreffen. Vielleicht sind Sie dafür auch noch jung genug. Aber unsereins —«
Der Kommerzienrat schiebt seinen Körper zur anderen Seite des Sessels und stützt den Arm mit der hochgehobenen Zigarre schwer auf die Lehne.
»Sehen Sie, ich habe auch gedacht: du wirst zunächst nur Geld verdienen, und dann fängst du von neuem an. Es istnicht mein Jugendtraum gewesen, mit Getreide zu handeln, hochfliegende Pläne habe ich allerdings auch nicht gehabt. Im Gegenteil, sie waren sehr bescheiden und standen in einem gewissen Zusammenhang mit meinem Gewerbe. Ich habe nämlich das Getreide geliebt. Aber nicht auf dem Ladentisch und nicht an der Börse. In die Erde wollte ich es versenken. Säen wollte ich es, sein Wachstum still verfolgen, von Gott und dem Wetter abhängig sein und nicht von den Schwankungen, die uns die Trusts und die Spekulanten diktieren. Ja, man hat es oft satt gehabt und sich Geduld gepredigt, weil man glaubte, noch warten zu müssen. Aber die gewohnte Haut wächst einem schließlich so fest an den Leib, daß man sie nicht mehr herunterstreifen kann. Immer weiter schiebt man den Zeitpunkt. Erst sollte es mindestens ein kleiner Bauernhof sein, dann ein Rittergut, und schließlich wollte man das, was man sich hier so mühsam in einem ganzen Leben erwarb, auch nicht aufgeben und den Kindern vererben, ehe man sich zurückzieht. Und nun —«
Er wirft sich wieder auf die linke, dem Kapitän abgewandte Seite des Sessels und läßt den Arm mit der kalten Zigarre sinken. Der Kapitän sucht nach einigen wohlgefügten und geeigneten Worten, um über die Situation hinwegzuhelfen. Der Kommerzienrat jedoch spricht mit neuem Anlauf weiter:
»Je länger ich jetzt darüber nachdenke, um so mehr komme ich dahinter, daß der Junge, der Felix, gar nicht hierher gepaßthat. Das war zu groß und zu unruhig für ihn. Er hat sich mit seinem lebhaften Geist für alles interessiert. So kam es, daß er seine Kräfte zersplitterte und daß er nichts zu Ende denken konnte. Und so durfte er auch sein Leben nicht zu Ende leben.«
Er schweigt. Seine beiden Zuhörer finden keine Entgegnung. Der Kapitän denkt: ›Wäre ich nicht auf dem Sprung, ihn für immer zu verlassen, so würde er kaum das alles in meiner Gegenwart erzählen. Man gibt seine geheimsten Erkenntnisse nicht dem preis, den man täglich wiedersehen kann.‹
Oder sind die Worte an Rechtsanwalt Bernhard gerichtet, den der Kommerzienrat schon fast zur Familie rechnet und der beizeiten erfahren soll, welche Fehler er zu vermeiden hat?
»Er hätte in das einfache Leben gepaßt, das ich für mich reservieren wollte«, fügt der Kommerzienrat mit gepreßter Stimme hinzu. Es scheint doch, als spräche er nur, um sich von den Selbstvorwürfen laut zu befreien.
»Sie haben, soweit ich beurteilen kann, immer das Beste für Ihre Kinder gewollt und sie selbst wählen lassen«, sagt der Kapitän tröstend.
»Gewiß«, erwidert der Kommerzienrat. »Scheinbar haben sie selbst gewählt. Aber ihr Wille gehörte ja nicht ihnen. Er war durch die Erziehung und die Umgebung, die ich ihnen schuf, beeinflußt. Sie trafen also eine Wahl, die ich ihnen indirekt aufzwang und die nicht einmal meiner wahren Neigungentsprach. Ich selbst war mit meinem Herzen immer bei der Scholle, die Kinder aber verpflanzte ich hierher, wo sie ebensowenig Wurzeln fassen konnten wie ich. Und es hätte doch sehr nahe gelegen, daß sie nach mir oder meiner Frau arteten, die in ihrer Bescheidenheit überhaupt keine eigenen Wünsche mehr hat. Oder glauben Sie, daß der Junge aus dem Leben gegangen wäre, wenn ihn etwas stark genug gefesselt hätte?«
»Es war eine Gefühlswallung, die in der Erregtheit über den ersten Unglücksfall leider niemand schnell genug hemmte«, erwidert der Kapitän.
»Können Sie sich vorstellen, daß zum Beispiel mein Schwiegersohn dasselbe getan hätte, wenn er sich die Schuld an einem großen Unglück hätte zuschreiben müssen?«
»Nein.«
»Und warum nicht?«
Das ist eine schwere Frage an den Kapitän. Er findet keine neutrale Antwort und schweigt.
»Dann will ich es Ihnen verraten,« sagt der Kommerzienrat, »weil ihn die selbstgewählte Arbeit fesselt. Ich glaube, das ist die stärkste Bindung an das Leben. Die Arbeit, der man sich mit Liebe hingibt, kann niemals enttäuschen. Sie holt aus sich selbst die neue Kraft, während die erzwungene Arbeit ständig ermüdet.«
»Und wenn sie vom Ehrgeiz angetrieben wird?« fragt der Kapitän zögernd.
»Es war nicht Ehrgeiz,« erwidert der Kommerzienrat, »seine Liebe zurArbeitwar echt. Über alles andere hat er uns und — ich glaube — auch sich selbst getäuscht.«
Der Kapitän fühlt sich zum zweitenmal beschämt. Vater und Tochter, die vielleicht mehr Grund gehabt hätten, Joachim Becker zu verurteilen, müssen ihn Gerechtigkeit lehren.
»Verzeihen Sie«, sagt er leise. »Ich habe ihn als Menschen zu wenig gekannt.«
Er sieht ein, daß es höchste Zeit für ihn ist, vom Schauplatz der Gefühle endgültig abzutreten und seinen festen Stand in der Mitte nicht mehr zu verlassen. —
Am nächsten Tage werden die alten Möbel zum Seiteneingang des Verwaltungsgebäudes wieder hinausgetragen. Der kleine Herr mit dem braunen Gesicht und dem gespreizten Gang, den Frau Reiche damals durchaus nicht für den neuen Hafendirektor halten wollte, hält seine Liste in der Hand und prüft wiederum, ob alles in Ordnung sei.
Dann geht er still für immer aus dem Hafentor hinaus ...
Frau Reiche kann ihn diesmal nicht beobachten, sie ist Inhaberin eines Zigarrengeschäfts und hat mindestens für einige Zeit einen eleganten jungen Geschäftsführer.
In der Kantine sind neue Leute, die nun für den Generaldirektor selbst das Essen zu beschaffen haben. Fräulein Spandau muß sich neben einer anderen Sekretärin an zweiter Stelle einfügen. Sie sah dem scheidenden Kapitän mit großer Trauer nach, denn sie war immer mit ihm zufrieden.Aber sie ist von der Art, die mit der Treue und Dankbarkeit eines guten Hundes jedem Herrn dient.
Vielleicht ist Joachim Becker in dieser Wohnung noch einsamer als sein Vorgänger, denn neben seinem Schreibtisch steht kein Geigenkasten, den er in den Abendstunden öffnen kann. Dafür hat er sich einige Bücher hingelegt, die ihm die Liebe der Menschen ersetzen sollen.
Seine »Stützpunkte« an der Küste und im Binnenlande sind errichtet; er hat sich mit Hilfe seiner erweiterten Tankanlage das Benzinmonopol für die Stadt erobert; man baut ihm einen großen Güterbahnhof zur Unterstützung neben seine Freiladeplätze. Er braucht nicht mehr in den Hafen zu fahren, um die geleistete Arbeit zu betrachten. Er kann sie nun von seinen Fenstern aus fast überschauen. Doch wenn sein Blick auf einen Kran fällt, beißt er die Zähne zusammen.
An einem der letzten warmen Herbsttage, als der Generaldirektor nach Arbeitsschluß ein gerichtliches Dokument weggeschlossen hat und in seinem Zimmer wieder ruhelose Wanderungen unternimmt, fährt ein Wagen im Hafen vor, und Rechtsanwalt Bernhard springt heraus.
Er schließt nicht den Wagenschlag, sondern hebt eine Hand und hilft Frau Adelheid Becker beim Aussteigen.
Da ist sie also noch einmal im Hafen. Sie blickt sich aufatmend um, sie sieht auch einen Kran, aber sie zuckt nicht zusammen. Jetzt ist sie so weit, daß sie der Welt wieder gerade ins Gesicht blicken kann. So sind die Frauen! Die Männerbeißen die Zähne zusammen und machen den vergeblichen Versuch, etwas zu unterdrücken; die Frauen richten sich auf und fangen von neuem an.
Frau Adelheid nickt Rechtsanwalt Bernhard zu und sagt:
»Erwarten Sie mich hier, ich will allein mit ihm sprechen.«
Rechtsanwalt Bernhard verneigt sich und hat seine Freude daran, ihr nachzublicken, wie sie mit festen Schritten in das Verwaltungsgebäude hineingeht.
Joachim Becker öffnet ihr selbst. Frau Adelheid muß das erste Wort finden, denn dieser forsche und tatkräftige Generaldirektor steht ganz ratlos da und schweigt.
»Du hast doch nicht gedacht, daß ich es schlecht mit dir meine, weil ich solange nicht kam?« fragt sie, während sie ihm die Hand hinhält, die er nicht ergreift.
»Hat dir mein Vater nicht bestellt —« beginnt sie noch einmal, nun schon wieder etwas ängstlich.
Da faßt er nach beiden Händen und zieht sie in das Zimmer.
»Doch,« stammelt er, »doch! Das hat er bestellt. Es war der einzige Trost, der mir blieb.«
»Gott sei Dank!« sagt sie, »ich habe es ihm doch auch so erklärt, daß nur ich daran schuld war.«
»Woran sollst du schuld gewesen sein?« fragt er in höchstem Erstaunen.
Sie betrachtet ihre Handschuhe. »An unserer Ehe«, meint sie leise.
Dann sieht sie ihm wieder ins Gesicht und sagt:
»Ich wußte, daß du damals so gut wie verlobt warst. Trotzdem hatte ich es mir in den Kopf gesetzt, dich für mich zu gewinnen. Wenn es mir nicht gelang, so lag es daran, daß du zu aufrichtig warst. Du hast niemals geheuchelt, so daß ich dich nur noch immer mehr lieben mußte. Wenn du besonders gut zu mir warst, so hatte ich dich für kurze Zeit mit meiner Liebe bezwungen, doch in deinem Herzen bist du einer anderen treu geblieben.«
Sie ist sehr rot geworden und blickt starr gegen die Fensterscheiben. Er schweigt.
»Ich hätte Achtung davor haben sollen, anstatt dich zu quälen«, spricht sie weiter. »Aber da war unsere Tochter —«
Ihre Stimme beginnt nun doch zu schwanken. Joachim Becker ist so hilflos, daß er ihr nicht einmal beisteht, sondern sie weiter nach Worten suchen läßt.
Frau Adelheid sieht, wie es um ihn bestellt ist, und da findet sie selbst die Kraft, beiden zu helfen.
»Das ist jetzt alles vorbei, und ich denke, daß wir nun, nachdem uns nichts mehr äußerlich bindet, gute Freunde werden könnten.«
Sie reicht ihm ihre kleine Hand, von der sie noch rasch den Handschuh abgezogen hat, damit er den warmen Druck ganz unmittelbar verspüren kann.
Er neigt sich so heftig darüber, daß sie etwas atemlos sagen muß:
»Unten wartet Rechtsanwalt Bernhard, er wollte dich auch begrüßen.«
Sie gehen gemeinsam hinunter, und wieder freut sich Joachim Becker, dem jungen Rechtsanwalt in die guten, etwas verträumten Augen zu blicken.
Er hilft Frau Adelheid in den Wagen, und wie er schon die Tür schließen will, beugt er sich noch einmal vor und sieht ihr mit einem dankbaren Lächeln ins Gesicht.
Dann rollt der Wagen davon. Der Wächter schließt das Tor, und Joachim Becker ist wieder allein in seinem Hafen.
Er geht am Wasser entlang; grüßt die Schiffer, die mit ihren Pfeifen neben der Kajüte stehen, und wandert zu den Lagerhallen.
Vor dem großen Kran bleibt er stehen. Er beißt nicht mehr die Zähne zusammen.
Er sieht zu ihm auf und sagt:
»Einen grausameren und gewaltigeren Mahner konnte man mir nicht hinstellen als dich!« —
Rechtsanwalt Bernhard sitzt immer noch stumm neben Frau Adelheid im Wagen und sieht mit Schrecken, daß sie sich dem Villenviertel bedenklich nähern. Sicherlich ist es für das richtige Wort noch viel zu früh, aber an diesem entscheidenden Tage, an dem sie ihm so gewaltig imponiert, müßte er ihr doch mindestens sagen, welche Verehrung er ihr entgegenbringt. Er weiß aus seiner ganzen Praxis keine einzige Frau, die soviel Seelengröße gezeigt hätte wie sie.
Sie starrt mit ihren schönen dunklen Augen ununterbrochen auf den Rücken des Chauffeurs. Alfred Bernhard kann sich nicht denken, daß ihr gerade dieser Anblick ein Vergnügen bereitet, er weiß jedoch kein Mittel, um sie abzulenken.
Plötzlich platzt er damit heraus:
»Wissen Sie noch, Adelheid, wie wir damals nach der ersten Tanzstunde zum ›Historischen Gasthof‹ fuhren?«
»Ja.« Sie zieht den starren Blick erschreckt ein und betrachtet die herbstlich bunten Bäume in den Gärten, die sich nun jenseits der Straße mit ihren prunkvollen Villen im Hintergrund ausdehnen.
»Es war auch so ein warmer Herbsttag wie heute«, setzt er fort, während er bemerkt, daß sie an der nächsten Kurve in ihre Straße einbiegen. »Helene Uhl war damals mit und — und —«
»Ja, Felix war auch dabei. Ich entsinne mich noch genau«, sagt sie tapfer, nachdem er stockte, diesen Namen auszusprechen. »Während meiner Krankheit habe ich einmal geträumt, daß wir tanzten. Sie und ich und Felix mit Helene Uhl. Es war sehr schön.« Sie spricht dieses »schön« wieder so kindlich verzückt aus wie damals beim Erwachen aus der Narkose, als sie im Halbbewußtsein der Mutter davon erzählte.
Das hohe Gitter der Friemannschen Villa ist bereits zu sehen, da springt Alfred Bernhard plötzlich auf und sagt zum Chauffeur, während sich seine Stimme fast überschlägt:
»Fahren Sie zum ›Historischen Gasthof‹!«
Adelheid sieht ihm erstaunt zu, aber als er sich neben ihr niederläßt, sagt sie, wieder vollkommen gefaßt:
»Ach, das ist wirklich eine gute Idee.«
Dann sitzen sie eine Weile stumm da und beobachten den Chauffeur bei seinen Bemühungen, den Wagen zu wenden. Alfred Bernhard fühlt, wie die Hitze, die im entscheidenden Augenblick in ihm aufstieg, langsam verebbt. Während sie wieder auf geraden Straßen dahingleiten, gelingt es ihm sogar, anregende Gesprächsstoffe zu finden, die sie zuweilen veranlassen, ihn anzusehen oder ihm ein Lächeln zu schenken.
Dann steigen sie vor dem Gasthof aus, der zwischen den alten Bäumen hervorlugt und an diesem herbstlichen Wochentage anscheinend keine anderen Besucher als sie beide angelockt hat. Adelheid bleibt vor dem Eingang stehen und blickt zu der Inschrift mit den verschnörkelten alten Buchstaben hoch.
»So haben Sie auch damals hier gestanden und die Tafel entziffert«, sagt er erinnerungsselig.
»Ja, und dann haben Sie mir die Jahreszahl ›übersetzt‹, weil ich die römischen Ziffern niemals lesen kann.« Sie sieht ihn dabei mit diesem reizenden, sorglosen Lächeln an, nach dem er sich so lange gesehnt hat.
»Achtzehnhundertachtundvierzig ist das«, erwidert er, ohne den Blick von ihrem Gesicht fortzunehmen, das nach seiner Ansicht noch genau so jung aussieht wie damals vor sechs Jahren.
Sie errötet auch wieder, weil die anhaltende Betrachtung ihrer bescheidenen Person sie immer verlegen macht. Dann gehen sie über die alten Fliesen des Flurs zum Garten, der hinter dem Hause liegt. In stummer Vereinbarung steuern sie sofort auf den gleichen Tisch zu, an dem sie damals zu viert gesessen hatten. Felix Friemann, der zu jener Zeit in die langgliedrige lustige Helene Uhl verliebt war, hatte den Platz ausgesucht, der ganz im Hintergrund, zwischen der historischen Eiche und einer hohen Hecke, versteckt ist. Er war immer findig im Ausspüren solcher Gelegenheiten, und es liegt nahe, daß die beiden nun wieder an ihn denken.
»Und wie mag es Helene Uhl wohl jetzt gehen?« fragt Adelheid gedankenschwer.
»Sie ist verheiratet.«
»Ja, ich weiß, sie hat zwei Kinder. Man erzählte es einmal. Ich habe sie kaum gesehen, seit Felix sich nicht mehr für sie interessierte.«
Ein Mädchen kommt aus dem Haus. Rechtsanwalt Bernhard bestellt Kaffee und Kuchen.
»Sie ist neulich bei mir gewesen«, sagt er, nachdem das Mädchen gegangen ist.
»Wer?«
»Helene Uhl.«
»Helene Uhl, bei Ihnen in der Praxis?« fragt Adelheid leise, fast im Flüsterton.
Er nickt. »Sie will sich scheiden lassen.«
»Und die Kinder?«
»Ich habe ihr eben deswegen zugeredet, es doch noch weiter zu versuchen. Aber sie sagte, dann müßte sie seelisch zugrunde gehen. Ihr Mann ist ihr nicht treu.«
»Vielleicht hätte sie doch unseren Felix nehmen sollen. Dann wäre alles anders gekommen.« Sie sitzt mit geschlossenen Augen da und mag sowohl an Schwester Emmi wie an den furchtbaren Kran denken.
»Ja«, erwidert Alfred Bernhard und müht sich um irgendein passendes Wort ab, das noch hinzugefügt werden müßte, damit sie wieder die Augen öffnet und ihn ansieht. Und dann sagt er ganz leise, während die Stimme bei einzelnen Silben den Ton versagt:
»Manchmal ist die erste Liebe die richtige, und man weiß es nicht.«
»Ja«, erwidert sie, ohne die Augen zu öffnen. Sie hat sich gegen das rauhe Holz der breiten Bank zurückgelehnt und reicht ihm ihre Hand hin. Er sitzt in einigem Abstand neben ihr, sie braucht nicht nach ihm zu tasten, er greift sofort mit beiden Händen zu.
Als sie seine brennenden Lippen auf ihren kühlen Fingern spürt, öffnet sie die Augen und blickt auf den herabgeneigten Kopf mit dem knabenhaft schlanken Nacken. Sie hat sich hochgerichtet und sitzt einen Augenblick mit steifem Rücken da, während sie ihm die Hand zart zu entziehen sucht. Er gibt sie frei, aber sein Kopf sinkt auf ihre Knie herab,und sie spürt den heißen Atem durch den Stoff ihres Kleides.
Da fährt sie mit kurzen, zarten Bewegungen über sein volles Haar, und wie er das Gesicht zu ihr aufhebt, strahlt sie ihn mit ihrem mütterlich-sanften Lächeln an, dem Joachim Becker schmerzlich nachsann, als sie ihm verloren war.
Für Alfred Bernhard sind die sechs Jahre ausgelöscht, er ist wieder so jung und stumm wie damals. Er weiß, daß es jetzt keiner Worte mehr bedarf.