Der erste Spatenstich

Der erste Spatenstich

I

Ich habe keinen Augenblick Zeit und bin für niemand mehr zu sprechen!« sagt Joachim Becker abwehrend, noch ehe er ein Wort gehört hat.

»Es ist die Frau Gemahlin«, stammelt der Mann an der Tür verwirrt.

Das macht auf den jungen Direktor Becker durchaus keinen Eindruck. Er sagt nur in gedämpfterem Tone: »Dann lasse ich bitten,« und wühlt in seinen Papieren, so daß er verhindert ist, seiner Frau entgegenzugehen. Sie bleibt mit erwartungsvollem Lächeln im Hintergrund stehen.

»Du hast es sehr gut gemeint,« sagt er nachsichtig, wie er die Spannung in ihrem jungen blassen Gesicht sieht, »doch du solltest wissen, was dieser Tag für mich bedeutet, und daß ich keine Zeit habe, mich dir zu widmen.«

›Weil ich das weiß, bin ich hierhergekommen, denn gerade heute müßte mein Platz an deiner Seite sein‹, hätte sie darauf erwidern sollen. Aber Adelheid ist nicht der Mensch, der aussprechen kann, was er denkt. Zu ihrem Unglück jedoch sagen ihre runden braunen Augen alles, was ihr Mann nicht hören will.

»Ich habe mit Herrn Gregor noch auf dem Wege Wichtiges zu besprechen und muß dort die offiziellen Empfängeleiten. Ich will deinen Vater fragen, ob du dich ihm anschließen kannst.«

Er ruft den Kommerzienrat an und sagt, ohne seinen Namen zu nennen: »Adelheid ist in meinem Zimmer.« Da wird er schon unterbrochen und schweigt, denn sein Schwiegervater ist der einzige Mensch, der ihm das Wort abschneiden darf.

Wenige Augenblicke später wird die Verbindungstür zum Nebenzimmer, dem kleinen Konferenzraum, aufgerissen, und die runde Gestalt des Kommerzienrats kugelt herein.

Sein breites bartloses Gesicht mit der vom Haarausfall erhöhten Stirn leuchtet in der angenehmen Überraschung, die nur seine Familie ihm bereiten kann.

»Das ist mir eine Freude, Adelheid, dich hier zu sehen!« Er schließt sie in seine Arme, und die junge Frau liegt ohne Rücksicht auf ihren Hut, der sehr verbogen wird, einen Augenblick ganz still.

Joachim Becker schreitet nervös sein Zimmer ab. Er hat im Gang das verhaltene Vibrieren eines Rennpferdes. Aber dem strengen Gesicht mit der hohen Stirnwölbung über den grauen Augen ist keine Regung zu entnehmen.

Wie er nun stehenbleibt und mit den nervösen langen Fingern über seine aschblonde Haarmähne streicht, während das schmale gespaltene Kinn sich wie zum Sprechen bewegt, scheint er seinem Schwiegervater fremd und bedrückend im auffallenden Gegensatz zu ihm und seiner Tochter.

Der Kommerzienrat rückt Adelheid den Hut zurecht und zupft an ihrem seidenen Mantel.

»Schön hast du dich gemacht, da wird die Mama ihre Freude an dir haben. Ist das der Mantel, den ihr gestern gekauft habt?«

»Ja,« sagt sie glücklich, »daß du dich dafür interessierst!«

»Das wäre ja noch schöner. Mir haben die Kleider der Mama immer Freude gemacht.« Bei diesen Worten kann Kommerzienrat Friemann einen kleinen Seitenblick zum Schwiegersohn nicht vermeiden. Aber herzlich fügt er hinzu: »Der Hut steht dir übrigens auch ausgezeichnet.«

Jetzt hat die junge Frau den Mut, ihren Mann mit einem Lächeln anzublicken. Zu ihrem Unglück erscheint Herr Gregor in der Tür. Er will sofort wieder verschwinden, da er die Familienszene sieht, Joachim Becker hält ihn mit lautem Zuruf zurück, so daß der Kommerzienrat sich kurz verabschiedet und seine Tochter zum Wagen begleitet.

Sie fahren zu jenem freien Platz abseits der Stadt, wo zwischen alten Bäumen und abgerissenen Mauern der Fluß und zwei Kanäle fast zusammenstoßen. Eine Gruppe von Männern und Frauen ist an diesem milden Frühlingstage hierher geladen worden, um sich einige Reden anzuhören.

Zuerst spricht der Oberbürgermeister persönlich zur Ehre des Tages.

Es sei die wichtigste Aufgabe der Städte, führt er unter anderem aus, für den Ausbau der Wasserwege zu sorgen. DieBedeutung der Binnenschiffahrt sei von den großen Städten im Lande noch nicht richtig eingeschätzt, doch diese Stadt, die er zu vertreten die Ehre habe, wisse, was nun zu tun sei. Wenn das Stadtparlament beschlossen habe, den Ausbau und die Verwaltung ihres Hafens einem Konsortium zu überlassen, so sei dies vom wirtschaftlichen Standpunkt notwendig geworden. Die Privatwirtschaft könne mit freieren Händen arbeiten als die Bureaukratie.

Hier wird unter den geladenen Gästen und einem Teil der Presse eine kleine katarrhalische Verstimmung fühlbar, aber das Oberhaupt der Stadt fährt mit erhobener Stimme fort:

»Die Verpachtung unserer Ladestraßen an das von Herrn Kommerzienrat Friemann geführte Konsortium unter Beteiligung der Stadt wird uns zu einem Hafen verhelfen, den wir uns mit kommunalen Mitteln nicht leisten können. Im Interesse unserer Bürgerschaft und in der Erkenntnis, daß der Riesenbedarf unserer Stadt durch das zwar weitverzweigte, doch für die fernere Zukunft unzulängliche Eisenbahnnetz nicht zu bewältigen sei, ist dem Angebot mit großer Majorität zugestimmt worden. Noch haben wir keinen Hafen, noch sind wir eingeengt durch Schleusen und schmale Kanäle, aber diese Schranken werden fallen, — die Leistungen der technisch-wissenschaftlichen Wasserwirtschaft im Verein mit kaufmännischem Fernblick und Unternehmungsgeist werden unsere Stadt in kurzem zu einem der bedeutendsten Binnenhafenplätze des Kontinents erheben.«

Lebhafter Beifall stimmt diesen Schlußworten zu.

Justizrat Bernhard, der Syndikus der Stadt, nimmt seinen Neffen, Rechtsanwalt Bernhard jr., zur Seite und meint: »Es ist allerhand Vorsicht außer acht gelassen — vom juristischen Standpunkt allerhand Vorsicht! Man mußte hier vor der Presse nochmals betonen, daß es sich nur um eine Pacht für neunzig Jahre handelt. Man durfte den Kommerzienrat Friemann nicht allein erwähnen. Er vertritt die Majorität — gut! Aber ›er‹ — das ist der Handel, sagen wir getrost, der Getreidehandel. Was meinen nun die Banken dazu? Sie haben ebenso gutes Geld gegeben, ja, sie werden für die Kredite sorgen, — die Banken durften nicht ausgeschaltet werden. Und die Industrie, die Eisenindustrie, die sich nach schweren Kämpfen auch beteiligt hat? Die Reedereien — ich meine die Flußschiffahrt, denn die anderen haben sie nicht bekommen — wo bleiben diese Interessen? Siehst du, mein Junge, das sind die taktischen Fehler, die bei uns immer wieder gemacht werden. Man hättemirdie Rede vorlegen sollen, derJuristmuß sie vorher bearbeiten —«

»Ja, gewiß, aber wollen wir nicht die anderen Reden hören?«

»Die wirst du heute abend in der Zeitung lesen. Wir wollen uns ein wenig umsehen, ehe die offizielle Führung beginnt.«

Und der Justizrat zieht seinen Neffen mit dem Recht des Protektors, der dem Anfänger mit seinen Beziehungen die Wege ebnet, zum Kanal hinüber.

Einige Schleppkähne, die zur Feier des Tages bewimpelt sind, liegen an der Kaimauer und strecken ihren berußten langen Leib den milden Mittagsstrahlen hin. Vor den Kajüten haben die Frauen ihre Blumentöpfe zum Luftholen ausgesetzt.

Ein Säugling, auf einem hellen Tuch über den Planken ausgestreckt, kräht einem Pudel entgegen; die Frau eines Schiffseigners sitzt kartoffelschälend vor der Tür.

Die Schiffer, in ihren besten blauen Jacken, mit Hochglanz über der braunen geschabten Haut, stehen in der Nähe der Versammelten und fangen ehrfürchtig ein paar vom Wind verwehte Worte auf.

»Und die Eisenbahn?« fragt der Justizrat. »Das waren doch wohl Angriffe auf die Eisenbahn. Man hat noch keine Verträge mit ihr geschlossen, man wird sie brauchen, aber man stößt sie vor den Kopf.«

Der junge Rechtsanwalt sieht dem Spiel des Säuglings zu, seine braunen Augen über den gerundeten roten Wangen sind blank und von innen erwärmt.

»Ich dachte,« bringt er leise und stockend hervor, »daß es schöner wäre, auf solchem Kahn lautlos durch die deutsche Landschaft zu fahren, als hier Prozesse zu führen und Reden zu hören.«

»Diese Leute«, gibt der Justizrat rasch zurück, »sind ein kleines Rad im großen Werk, du bist ein größeres. Warum willst du geringer werden?«

Er hat den Hut abgenommen und den breiten gelichteten Graukopf der linden Luft preisgegeben. Darum sind seine Worte milde und fast ohne Zurechtweisung.

Plötzlich kommt Bewegung in seine kleine gedrungene Gestalt. Er rückt den Kneifer zurecht und ist von der angespanntesten Aufmerksamkeit ergriffen.

»Das ist sehr interessant, das ist außerordentlich interessant«, murmelt er hingerissen. Alfred Bernhard kann nicht umhin, der Blickrichtung seines Onkels zu folgen.

Er sieht nichts weiter als einen Wagen vor dem Wohnhaus der Mühle, die mit ihren Mehl- und Getreidespeichern direkt in den Kanal hineinblickt. Das Haus ist einstöckig, mit einem kleinen Vorgarten und bunten Blumenkästen vor den Fenstern. Es steht etwas abseits auf dem großen Platze, der den Winkel zwischen beiden Kanälen bildet.

»Du hast nicht gesehen, wer ausgestiegen ist?« fragt der Justizrat.

»Nein.«

»Aber du weißt, welche Bedeutung der Mühlenbesitzer dort drüben für den Hafen hat? Er ist dein erster Prozeßgegner. An diesem Dickschädel sollst du dir sozusagen deine Sporen verdienen.«

»Er ist der einzige der Privatbesitzer, der sein Terrain nicht verkaufen wollte?«

»Richtig! Die Akten will dir Direktor Becker morgen selbst übergeben. Es ist eine persönliche, eine Vertrauensangelegenheit.Und wenn ich dir jetzt sage, wer soeben dort hineingegangen ist, wirst du ermessen, was für eine heikle Aufgabe dir bevorsteht. Also die Person war eine Frau, eine Frau mit einer großen Tasche.«

Rechtsanwalt Bernhards verständnisloses Gesicht beweist dem Justizrat, daß seine feinen Anspielungen durchaus nicht verstanden werden.

»Du weißt also nicht, daß dieser Becker im Hause des Müllers gern gesehen war, als er noch der Tochter den Hof machte, während er dem Vater Friemanns Getreide verkaufte. Hier war er zu seinen großen Hafenplänen angeregt worden. Er ist ein Kerl, das kann man nicht anders sagen, wie man auch sonst über ihn denken mag. In seinem Kopfe ist das ganze Projekt entstanden, das heute so durchführbar erscheint, während man anfangs darüber gelacht hat. Wie aus dem Erdboden geschossen war er plötzlich da, dieser Prokurist im Hause Friemann. Er legte seine Pläne vor, löste die Verlobung mit Fräulein Pohl, heiratete die Tochter seines Chefs und brachte die maßgebenden Geldkreise zusammen. Heute nun wird der erste Spatenstich vorgenommen. Das ist alles in kaum neun Monaten geschehen, du kannst es dir ausrechnen, denn eben ist drüben die Frau mit der großen Tasche ausgestiegen. Das ist wieder so ein Witz des Schicksals, daß hier und dort seine Werke an einem Tage zu leben beginnen.« Der Justizrat lacht kichernd und verstohlen, als habe er selbst diesen Witz erfunden.

Alfred Bernhard ist noch etwas benommen. Es wird ihm nicht recht klar, ob er die Anspielungen richtig aufgefaßt hat.

»Also dort drüben ist auch eine Tochter und — und die Feindseligkeit des Müllers ist persönlicher Natur?«

»Allerdings. Damit mußt du rechnen. Da wirst du deinen Hebel ansetzen.«

»Das wird die Arbeit sehr erschweren. Unter diesen Verhältnissen ist wohl mit einem endlosen Prozeß zu rechnen. Meines Erachtens wird man den Mann nicht zwingen können, zu verkaufen. Und wenn er hartnäckig bleibt —«

»Er wird, mein Lieber, er wird. So etwas vergißt ein Vater nicht. Es sind ehrenhafte, gutsituierte Leute, die Tochter von ausgezeichnetem Charakter, wie man sagt. Aber so etwas kommt in den besten Familien vor.«

»Ich denke an Adelheid Friemann. Wir sind doch zusammen in die Tanzstunde gegangen —«

»Ja, ja,« meint der Justizrat, »aber ich glaube, der Becker spricht.«

Joachim Becker ist bereits bei den Schlußworten. Sein schmales Gesicht ist sehr blaß und sehr belebt. Die Stimme, durchdringend, mit vollem Klang, hat einen Stich ins Kommandohafte.

»Es soll sich nicht darum handeln, die Güter nach Hamburg oder Stettin zu verladen, sondern direkt nach Südamerika oder China. Nicht einen Umschlagshafen wollen wir schaffen, sondern eine Zentrale für den deutschen Weltverkehr,nicht einen Hafen, der dem eigenen Bedarf genügt, sondern einen Stapelplatz für den Transithandel, der einfach nicht mehr auszuschalten ist. Unsere Speicher und Lagerhallen, die in allerkürzester Zeit auf diesem kahlen Boden aufwachsen werden, sollen alle Waren und jede Menge aufnehmen, die überhaupt eingelagert werden können. Unsere Getreidespeicher werden die vollkommensten auf dem Kontinent sein, mit allen technischen Errungenschaften der Neuzeit. Tankanlagen und eigene Tankschiffe stehen bald zur Verfügung. Eilverkehre, die uns dauernd in schnellster Verbindung mit den großen Seehäfen halten, verschaffen uns Unabhängigkeit, größte Leistungskraft. Die Weltmeere stehen uns offen, durch unseren Hafen stellen wir uns auf den großen wirtschaftlichen Kampfplatz der Welt, den wir mit Ausdauer und Mut behaupten werden.«

Direktor Becker verneigt sich unter dem üblichen Beifall, der jeder Rede folgte, und führt nun den symbolischen ersten Spatenstich aus, das heißt, er legt die Hand auf einen Hebel des großen Löffelbaggers, der mit dem ersten Stich gleich zwei Kubikmeter Boden aushebt und in die bereitstehende Kipplori schüttet.

Ja, das ist tüchtige und schnelle Arbeit! Die Gäste sehen staunend und bewundernd zu. Joachim Beckers lange sehnige Gestalt ist über die Grube geneigt. Er läßt den gefüllten Wagen gleich davonrollen, und wie er jetzt aufblickt, direkt in die erwartungsvollen Gesichter der Zuschauer, sind seine grauen Augen strahlend, knabenhaft jung.

Frau Adelheid drückt heftig den Arm ihrer Mutter. Und die Kommerzienrätin, der das Stehen etwas schwer fällt — sie hat denselben ein wenig breiten Unterkörper wie ihre Tochter —, führt das Taschentuch an die Augen.

Der Vertreter einiger ausländischer Zeitungen, der gleich mehrere Länder bedient, schreitet mit Redakteur Undlet das abgesteckte Gelände für das erste Hafenbecken ab und meint mißbilligend: »Ein tüchtiger Mann, aber zuviel Worte. Zu ausholend! Diese Deutschen haben immer gleich das Wort ›Welt‹ und ›Kampf‹ im Munde. Sehr falsch, taktisch sehr falsch. Ich habe es Ihnen von jeher gesagt: keine Diplomaten.«

»Übersehen Sie nicht den Unternehmungsgeist, den verblüffenden, den gefährlichen Unternehmungsgeist! Das ist hier eine Stadt ohne Industrie, mitten im Lande, abseits von den großen Schiffahrtswegen, doch sie wagen es, solche Pläne nicht nur zu entwerfen, sondern auch zu finanzieren. Und was sagen Sie zu den Behörden? Sie öffnen der freien Privatwirtschaft die Wege. Das ist Großzügigkeit, Weitblick, Freiheit! Das ist einfach nicht zu übersehen. Man kann die Augen nicht offen genug halten.«

Joachim Becker erklärt der Gruppe mit den Damen das Gelände; Herr Gregor, seine rechte Hand, führt die Herren von der Presse.

»Drei Hafenbecken sind zunächst geplant, für das vierte, das wichtigste, zwischen beiden Kanälen, ist das Terrain nochnicht frei. Man wird es in kürzester Zeit auch in Angriff nehmen können«, meint Herr Gregor zuversichtlich.

Kommerzienrat Friemann, der es immer verstanden hat, mit seinen beiden Ohren nach zwei Richtungen zu hören, wirft mit seiner ruhigen, betont gemessenen Stimme, die ihm nur für geschäftliche Zwecke zur Verfügung steht, ein, daß dieses Becken noch nicht benötigt werde und für die fernere Zukunft vorbestimmt sei. Drei Hafenbecken im Anfang genügen. Man wolle rentabel wirtschaften vom ersten Tage an. Schon jetzt werde gearbeitet. Die Ladestraßen sind sofort übernommen worden, neue Kunden bereits geworben.

Dann geht er still und unauffällig zu den Herren von den Banken und der Flußschiffahrt hinüber, um auch hier das Seine zu tun.

Der Bagger ist nicht abgestellt worden. Es macht einen guten und betriebsamen Eindruck, daß in diesem abseitigen Winkel, der einem Hafen von Weltbedeutung Platz machen soll, schon ein wenig Lärm zu hören ist. Eine Menge Arbeiter taucht plötzlich auf, die Loris rollen hin und her, und die ausgebaggerte Grube wird rapide tiefer und breiter. Braun und fett ist jetzt die herausgehobene Erde, und es riecht nach Mutterboden, dem trächtigen Stoff für Reife und Ernte.

Die Gäste werden nun ein wenig müde vom Zuhören und Schauen, obgleich außer einem alten Lagerschuppen, den Überresten einer Kirche und einigen halb abgerissenen Wohnhäusern— nicht zu vergessen: ein paar alten Linden — wenig zu sehen ist. Besonders die Damen bekommen abgespannte Züge, und Kommerzienrat Friemann ergreift die Gelegenheit, alle Versammelten zu einem kleinen Imbiß zu laden.

Herr Gregor eilt voraus, um die langen Tafeln unter den Linden zu überprüfen. Vor jedem Stuhl ist ein Teller mit belegten Broten aufgestellt, und einige Männer stehen bereit, um das Bier einzuschenken.

Junge Mädchen vom Personal des Kommerzienrats sind mit einer kleinen Festschrift und gedruckten Informationen für die Presse postiert.

Die Gesellschaft naht plaudernd, in kleine Gruppen aufgelöst; die ernsten, bedeutungsvollen Mienen sind zu konziliantem Lächeln, bei diesem und jenem auch zu einem recht privaten, mittäglich hungrigen Ausdruck übergegangen.

Frau Adelheid hüpft ungeniert an mehreren laut sprechenden Herren von der Stadt vorbei, um wieder in die Nähe ihres Mannes zu gelangen. Er war vom Oberbürgermeister in ein Gespräch gezogen worden und hält nun nach den wichtigsten Persönlichkeiten Ausschau.

Sie ist erst zwei Monate verheiratet und hat zuweilen noch recht mädchenhafte Bewegungen. Die Stadträtin Meerboom wird dabei ein wenig unsanft gestreift und sagt mit ihrer harten, im Stadthaus erprobten Stimme: »Nein, meine Tochter nehme ich zu solchen Anlässen nicht mit.«

»Ach, gnädige Frau«, ruft Justizrat Bernhard aus, bei dem Adelheid nun angelangt ist, und er freut sich mit vielen überschwenglichen Worten der Begegnung.

Sein Neffe ist sehr rot geworden, als die junge Frau ihm die Hand reicht, und Adelheid sagt wie zur Entschuldigung: »Ja, wir haben in der Tanzstunde miteinander getanzt.«

Dann wird sie traurig, denn ihr Mann und die Eltern scheinen spurlos verschwunden. Sie hat das unendlich schmerzliche Gefühl eines Kindes, das sich verlaufen hat und der tiefen Vereinsamung urplötzlich schreckhaft gewahr wird.

Das im Verhältnis zur kleinen Figur etwas zu große, jugendlich gerundete Gesicht mit den weichen dunklen Haaren wird in solchen Stimmungen immer ganz und gar von den großen sprechenden Augen beherrscht. Rechtsanwalt Bernhard hat das Empfinden, daß er ihre Hand ergreifen und sie zu den Eltern zurückführen müsse.

Da hellt sich ihr Gesicht auf, es ist ihr wie im Traum, daß Joachim Becker, ihr Mann, mit seinen langen festen Schritten auf sie zukommt, ihre zitternde Hand küßt und nach der Begrüßung der beiden Herren besorgt sagt: »Habe ich dich endlich gefunden!«

Er führt sie zu einer der langen Tafeln, wo der Kommerzienrat und seine Frau ihr herzlich entgegenlächeln, auch der Oberbürgermeister ist da und die Stadträtin Meerboom, aber sie sind lange nicht mehr so streng, und Adelheid beißtmutig in die belegten Brote, die man in die Hand nehmen muß, weil es nur ein ganz zwangloser Imbiß sein soll.

Man plaudert sehr lebhaft, die Herren rufen laut und lustig nach Bier, schieben ihre leeren Teller beiseite und bekommen reichliche Nachfüllung. Direktor Becker lächelt befriedigt, er hängt immer mit einem Blicke an Herrn Gregor, der das Ganze überwacht; doch es ist nichts auszusetzen.

»Oh, dafür war auch gesorgt,« antwortet er auf eine Frage der Stadträtin, »bei Regenwetter hätten wir drüben in der kleinen Lagerhalle gedeckt.«

Da wagt auch Adelheid eine Bemerkung: »Aber die Waren,« sagt sie, »wohin hättet ihr dann die Waren geschafft?«

»Beiseite geschoben,« meint er mit leisem Lächeln, »wie man es beim Tanzvergnügen mit den Tischen und Stühlen macht.«

»Es ist also noch nicht der Rede wert, was augenblicklich lagert?« fragt Herr Undlet, der durch ein Versehen an diese Tafel geraten ist.

»Nein,« sagt Joachim Becker kurz, »wir haben erst heute mit dem Betrieb begonnen.«

Und Adelheid hat das beklommene Gefühl, daß sie doch wieder etwas gesagt hat, was nicht in der Ordnung war. Sie kann ihre Brötchen beim besten Willen nicht aufessen, obgleich andere schon beim dritten Teller angelangt sind und das Bier anfängt, knapp zu werden, weil man mit diesem Durst trotz aller Voraussicht nicht gerechnet hat.

Die Herren von der Presse ziehen sich zurück, auch einige Wagen fahren vor, und die Tischreihen lichten sich allmählich.

Auf den Schleppkähnen sitzen die Schiffer mit ihren Pfeifen vor der Kajüte. Mühlenbesitzer Pohl geleitet die Frau mit der großen Tasche vor die Tür. Er bleibt einen Augenblick im Vorgarten stehen, seine grauen Haare werden von einer leichten Brise zerzaust. Dann geht er mit festen Schritten, ohne sich umzusehen, zurück.


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