Die Begegnung

Die Begegnung

D

Der Streik ist nach wenigen Tagen beigelegt worden und hat dem Hafen keinen nennenswerten Schaden gebracht.

Beide Hafenbecken liegen voller Schiffe, und es ist wieder ein lebhaftes Getriebe an allen Kaimauern, in den Lagerhallen und auf den freien Plätzen.

Irmgard Pohl muß, von ihrer Reise zurückgekehrt, feststellen, daß der großartige erste Eindruck durchaus nicht hinter dem Bild ihrer Erinnerung zurücksteht. Gewiß hat sich während ihrer Abwesenheit manches im Hafen geändert. Es wurde immer weiter gebaut, sogar ein drittes Hafenbecken kann bald in Betrieb genommen werden, und alles ist noch mächtiger, als es war. Aber welche Wandlungen sind diesseits des Kanals vor sich gegangen!

Daß sie von Frau Pohl herzlich, ja sogar mit gerührtem Überschwang begrüßt wird, überrascht die Heimgekehrte ebenso wie die äußere Veränderung an der Mutter.

Sie waren in diesem Jahr der ersten räumlichen Trennung in einen angeregten Briefwechsel hineingeraten, der alle Gegensätze zu überbrücken schien. Irmgard wußte jedoch, daßdie Mutter zu jenen Naturen gehört, die sich nur dem körperlich fernen, dem unsichtbaren Menschen ganz erschließen können, und sie fürchtete sich vor der Schranke, die sich bei der persönlichen Begegnung zwischen ihnen aufrichten würde.

Und nun steht Frau Pohl neben ihr, den Arm ohne Scheu zärtlich um die Schultern der Tochter gelegt, mit einem mütterlich-weichen Lächeln im entspannten Gesicht, und aus den Augen ist endlich der starre Glanz gewichen.

Sie eilt nicht gehetzt von einer Arbeit zur anderen, sondern sie läßt sich hier und da nieder und sieht zu, wie die Zeit langsamer davongeht.

»Ja,« sagt sie fast entschuldigend, während sie sich wieder vom pausbäckigen und sehr dreibastigen Sohn tyrannisieren läßt, »so vertrödelt man seine Zeit«. Und dann kostet es sie einige Mühe, sich vom Stuhl zu trennen, um in der Küche nach dem Rechten zu sehen.

Irmgard geht zum soundsovielten Male in den alten Räumen umher und feiert Wiedersehen. Ihre Bewegungen sind ausholender geworden, sie bewegt die Arme nach allen Seiten, und es scheint, als wären die Zimmer nun zu eng für sie.

Zuweilen betrachtet sie den kleinen Michael, der bei der Begrüßung kein gutes Gedächtnis verriet, sondern seiner »Schwester« sehr eindringlich vorgestellt werden mußte. Sie sieht ihm von der Seite zu, wie er seine Spielsachen umherwirft,und lauscht mit Vergnügen seinen Selbstgesprächen, aber sie muß es sich gefallen lassen, daß er ihre Beteiligung am Spiel zunächst noch ablehnt.

Herr Pohl kommt zur Mittagsstunde herein und setzt sich in den Sessel am Fenster, mit einer gewohnten stillen Geste, als wäre es an der Tagesordnung, daß er hier erst eine Weile auf sein Essen wartet.

Der Tisch ist noch nicht gedeckt, Irmgard sieht kopfschüttelnd auf die Uhr.

»Sag' einmal, Vater,« fragt sie, mit übertriebenem Staunen, »verspätet man sich hier mit dem Essen?«

Der Vater nimmt ihren Spott lächelnd hin. »Das kommt jetzt zuweilen vor,« meint er milde, »doch es ist sehr schön, indessen hier zu sitzen und ein wenig zu sich selbst zu kommen.«

»Ja, ja,« sagt seine Tochter, während sie sich hinter ihm aufstellt und mit den Fingern über seine grauen Haare fährt, »es gehen große Dinge vor in einem Jahr.«

Sie lacht übermütig und begibt sich wieder auf ihre unruhigen Entdeckungswanderungen.

»Ich glaube, hier ist sogar etwas Staub liegengeblieben. Und wo sind denn nur die scheußlichen Nippessachen, die überall herumstehen mußten?« ruft sie aus einer Ecke des Zimmers zu ihm hinüber.

»Die hat der Junge so nach und nach entzweigeschlagen«, erwidert Herr Pohl gutmütig lachend.

Irmgard kann es sich nicht versagen, den Knaben in ihrer Freude darüber hochzuheben und mit einem Kuß zu belohnen. »Für die Rettung der Kunst«, meint sie belustigt.

Aber der so jählings in seiner Beschäftigung Gestörte rächt sich dafür durch einen tüchtigen Griff in ihre Haare. Irmgard setzt ihn, ärgerlich über die Abwehr und den körperlichen Schmerz, barsch auf seinen Platz zurück.

»Pfui, du bist ja ein ganz verzogener, brutaler Bengel geworden!«

Der dreijährige Michael kann eine derartige Beleidigung nur mit einem fürchterlichen Gebrüll beantworten, das sein guter alter Kamerad, der Vater, besänftigen muß.

Als er die letzten Seufzer auf seinem Knie verschluckt hat, meint Michael Pohl entschuldigend zu seiner Tochter:

»Siehst du, so ist es: was wir dir an Strenge zuviel gaben, hat der Junge nun zu wenig. Man ist in der Jugend zu hart und im Alter zu milde. Wo ist das goldene Maß im Leben?«

Irmgard ist wieder besänftigt. Sie muß unwillkürlich an den Kapitän denken und sagt nach einer Weile:

»Wie geht es unserem gerechten Mann, dem Kapitän? Ich habe ihm auch zwei Karten geschickt.«

Herr Pohl findet, daß zwei Karten nicht viel sind, aber er gibt seine Ansicht darüber nicht preis. Er wischt die Tränenspuren vom wieder strahlenden Gesicht seines kleinen Adoptivsohnes und erwidert:

»Er hat oft am Abend hier bei uns gesessen. Ja, man kann wohl sagen, daß er immer noch so ist, wie er war. Wir drei haben uns recht gut verstanden. Die Mutter freute sich stets, wenn er kam, denn sonst ist es sehr still bei uns gewesen. Übrigens wurde der Prozeß mit dem Hafen jetzt aus der Welt geschafft. Da mag ebenfalls der Kapitän seine Hand im Spiele gehabt haben.«

Irmgard ist zwar auch damit zufrieden, daß dieser unerquickliche Streit beseitigt wurde, aber sie sieht nicht ein, warum man das nur dem Kapitän anrechnen soll. Konnte nicht Joachim Becker inzwischen auch einsichtiger geworden sein?

»Daß der Kapitän dich immer grüßen ließ, hat die Mutter dir wohl geschrieben?« fragt Herr Pohl nebenbei. »Wir haben ihn zu morgen abend eingeladen. Es ist dir doch recht?«

Gewiß freut sie sich auch darauf, ihn wiederzusehen.

»Ich habe mich doch sehr nach allem, was hier so rundherum ist, gesehnt«, fügt sie hinzu.

Sie stellt sich ans Fenster und blickt in das lebhafte Getriebe am Mühlenplatz, auf die erweiterten Gebäude und das Getümmel um die Baugrube der neuen Brotfabrik. Sie denkt daran, wie sie damals nach Michaels Geburt hier saß und sich in das neue Leben nicht hineinfinden konnte. Und wie später ihre überreizten Nerven diesen Pulsschlag einer großen Stadt nicht vertragen wollten. Nun erlebt sie allesmit gesunden Sinnen und freut sich auf Arbeit und Kampf und auf die Überraschungen, die das Leben ihr noch zu bieten hat.

Auch der Kapitän findet am nächsten Abend bei der Begrüßung, daß man ihr die gesunden Nerven und die Unternehmungslust ansehe. Er kann es nicht oft genug versichern.

»Ja, Reisen wandeln den Menschen. Man sollte sich immer wieder einmal neue Luft um die Nase wehen lassen. Ich habe auch schon daran gedacht, daß es noch andere Häfen in der Welt gibt.«

»Hier ist es doch sehr schön«, meint Irmgard Pohl. »Ich will jetzt zu Hause bleiben und wieder Vaters Kompagnon werden. Was soll eine Frau auch allein auf Reisen!«

Ja, da habe sie recht. Darin muß der Kapitän ihr vollkommen zustimmen, eine Frau brauche einen Begleiter.

»Und sie denken doch kaum im Ernst daran, uns zu verlassen?« fragt Frau Pohl nicht ohne Besorgnis.

»Nein, nein, im Ernst noch nicht.« Für später hätte er daran gedacht. Aber es habe noch Zeit, noch bliebe er hier.

Und dann erzählt er wieder von seinen Reisen, von den vielfältigen Wundern in der Welt. Er spricht sehr lange und ausführlich, in seiner gleichmäßigen absatzlosen Art und mit Anstrengung in der Stimme. Schließlich kommt er wieder zu dem Resultat, daß es gut sei, zu reisen. Doch nicht allein. Das sei für keinen gut. Am wenigsten in der Fremde.

Es scheint schwer, zur rechten Zeit aufzuhören, wenn man in so gutem Fahrwasser ist. Irmgard, die sich vom Institut her an zeitiges Schlafengehen gewöhnt hat, wird sehr müde, als der Kapitän sich endlich verabschiedet.

»Findest du nicht auch,« sagt sie zum Vater, der den Gast noch begleitet hat, »daß der Kapitän im letzten Jahr sehr gealtert ist?«

»Nein,« erwidert Herr Pohl, »er blieb genau so, wie er war.«

»Aber jedenfalls ist er nicht mehr der jüngste«, meint Irmgard Pohl, die jetzt einen anderen Maßstab anlegt. »Und seine arme Stimme hat er sich auch bald ganz ausgeschrien.«

›So ist die Jugend!‹ denkt Herr Pohl resignierend und ein wenig bitter über so viel gedankenlose Grausamkeit. —

Wer könnte dem Kapitän jetzt seine gute Laune verderben! Er rennt im Hafen umher, als gäbe es keinen Schreibtisch mit einem Telephon, mit Briefen und Verträgen, die auch bedacht sein wollen. Fräulein Spandau muß ihn immer wieder in den Lagerhallen, auf den Kähnen oder ganz hinten bei den Schrott- und Kohlenbergen suchen, weil er gleichzeitig im Verwaltungsgebäude verlangt wird.

Um diesen Riesenbau macht er am liebsten einen recht großen Bogen. Er ist nie ein Freund von Schreibtischarbeit gewesen, lieber noch würde er beim Ausladen der Schiffe selbst mit anpacken. Am wohlsten aber war ihm immer, wenner Planken unter den Füßen fühlte, und wenn die Welt begann, sich fortzubewegen, langsam gleitend, während er selbst feststand und unangefochten in ihr Getümmel sah, bis er außer Sehweite war und nur das Meer in seiner gewaltigen Einsamkeit ihn umgab.

Unangefochten? Der Kapitän reibt sich die Hände und rennt zum anderen Hafenbecken hinüber.

Oh, nun, da der leidige Winter überwunden ist und die Frühlingssonne ihm den Rücken wärmt, will er sich auch wieder rühren und ein wenig mittummeln. Allzulange ist er Zuschauer gewesen. Auf seinem Posten in der Mitte.

Nachdem er genügend seine Beine gerührt hat, geht er endlich zu seinem Bureau zurück. Vor der Kantine trifft er die Fürsorgeschwester.

»Na, Schwester eins,« sagt er gutgelaunt, »nun denken Sie wohl schon wieder an Ihre Ferienkinder?«

Sie lächelt. Der junge Friemann hat ihr einen schönen Spottnamen verschafft. Aber vom Kapitän will sie den Scherz gern hinnehmen.

Ob sie auch wüßte, daß Herr Pohl mit seiner Tochter heute nachmittag den Hafen besichtigen werde, fragt der Kapitän, nach kurzer Unterhaltung über ihre Aufgaben und Sorgen.

Nein, das wußte sie nicht. »Aber ich habe Fräulein Pohl auch schon begrüßt«, sagt sie. »Sie hat sich wirklich sehr verändert.Ach, es ist wohl schön, wenn man sich ein ganzes Jahr erholen kann«, fügt sie mit einem kleinen Seufzer hinzu.

Der Kapitän setzt seinen Weg fort. ›Ja, ja, der Neid der lieben Mitmenschen‹, denkt er dabei abschließend über die Fürsorgeschwester. —

Joachim Becker fährt an diesem Nachmittag im Hafen vor und will mit gewohnter Eile in das Verwaltungsgebäude hineingehen, als er die Stimme des Kapitäns aus unmittelbarer Nähe vernimmt.

Er wendet sich um und sieht ihn, wenige Schritte entfernt, im angeregten Gespräch mit seinen Gästen stehen.

Es ist nicht schwer, den Mühlenbesitzer Pohl zu erkennen, zumal er den Hut in der Hand hält und sein großer Graukopf unter den Strahlen der rotglühenden Abendsonne silbrig aufleuchtet. Er dreht dem Verwaltungsgebäude den Rücken und hat von dem Ankömmling nichts gemerkt.

Dem Kapitän konnte das Einfahren des bekannten Autos nicht entgehen. Er bleibt gleichfalls dem Hafenbecken zugewendet und spricht geflissentlich weiter.

Nur Irmgard Pohl sieht sich, durch das Surren des Motors abgelenkt, in weiblicher Neugierde unwillkürlich um.

Natürlich hat sie beim Betreten des Hafens daran gedacht, daß sie Joachim Becker zufällig begegnen könnte. Sie war sich auch über ihre stolze und abweisende Haltung, mit der sie ihm nun ihre Gleichgültigkeit dokumentieren mußte, vollkommen im klaren.

Was aber sind alle Vorsätze? Sie fühlt in der plötzlichen Begegnung mit seinem Blick, daß ihr Genick steif wird, daß sie jede Gewalt über den Ausdruck ihrer Augen verliert. Ihr Blut schießt vom Herzen in die entspannten Glieder, es klopft in den Schläfen, und sie hat nur den beseligenden Gedanken, nicht allein zu sein in dieser gewaltigen Rebellion. Denn auch Joachim Becker steht sekundenlang auf seinen Platz geschmiedet und ist nicht imstande, den starren, ärgerlich-strengen Blick von ihr zu lösen.

Erschreckend nah und mißtönig klingt plötzlich die Stimme des Kapitäns in Irmgards Ohren.

»Sie fürchten doch nicht um Ihr helles Kleid, Fräulein Irmgard, wenn ich Ihnen jetzt auch noch die Kohlenverladestelle zeige?« fragt er und hat gar keinen Klang mehr in seiner gepreßten Stimme.

Er redet sie aus unerklärlichen Gründen mit ihrem Vornamen an. Vielleicht weil er sich durch den Familienverkehr in seinen Gedanken daran gewöhnt hat.

Sie wendet ihm ihr glühendes Gesicht zu, doch sie weiß keine Antwort zu geben, denn sie hat nicht ein einziges Wort seiner Frage verstanden.

Der Kapitän beginnt, mit vielen fachwissenschaftlichen Ausdrücken von der Verladeanlage, von der Schutthöhe der Kohlenlagerung, von der Elektrohängebahn mit den Laufkatzen, von den Greifern und den fahrbaren Brücken und anderen wichtigen Einrichtungen im Führerton zu berichten.

Er versucht, seine Erklärungen ab und zu durch einen Scherz zu würzen. Doch wer sollte über so viel verzweifelten Humor lachen können?

Seht: Michael Pohl lacht, als hätte er noch nie so gute Witze gehört.

»Was bin ich weißer Müller gegen so viel schwarze Macht!« sagt er, gleichfalls bemüht, die Stimmung zu retten.

Der Zustand des Kapitäns entgeht ihm ebensowenig wie das verwirrte Gesicht seiner Tochter. Im Zusammenhang mit dem Einfahren des Automobils kann er sich manches erklären.

Er denkt: ist dieser Mann, dem auf die Dauer keiner seine Sympathie versagt, so lange einsam gewesen, so wird er auch noch einige Zeit warten können. Geduld dürfte er in seinem unsteten Dasein genügend gelernt haben.

Ja, Geduldsübung ist dem Kapitän ohne Zweifel vertrauter als Joachim Becker, der im Zimmer des Hafendirektors wie ein gefangenes Tier umherrennt und die Fäuste ballt.

Natürlich hat es keinen Sinn, hier zu warten, daß der Kapitän heute noch für geschäftliche Zwecke Zeit findet. Er führt seinen Besuch spazieren und kümmert sich nicht darum, daß man ihn zu sprechen wünscht.

Trotzdem stellt sich der Generaldirektor ans Fenster, um zu verfolgen, wie weit der Kapitän sich vom Verwaltungsgebäude zu entfernen gedenkt.

Die drei gehen an der Kaimauer entlang, gemächlich und scheinbar in ständiger Unterhaltung. Der Kapitän weist zuweilen mit eckigen Bewegungen zu den Kränen und Laderampen hinüber, während er, schräg zu seinen Besuchern gewandt, die steifen Beine bewegt.

Es ist noch zu erkennen, wie Michael Pohl, der breit und wuchtig neben ihm geht, beifällig mit dem Kopfe nickt. Diese stumme Geste der Zustimmung ist dem Beobachter am Fenster nicht fremd. Wie oft hat er zu seinen Plänen vom Hafen so genickt und ihn dabei mit den hellen, teilnahmsvollen Augen ernst angeblickt. Auch als Joachim Becker ihn damals, etwas verlegen über diese Situation, um seine Tochter bat, hatte er zunächst nur mit einem Nicken zugestimmt, ehe er seine Ansicht äußerte, daß es gut sei, noch zu warten, damit niemand sich bei einem so schwerwiegenden Schritt übereile.

Das sind peinliche Gedankengänge, denen man sich lieber entzieht, wenn man kein reines Gewissen hat. Der Generaldirektor rennt wieder in die Tiefe des Zimmers. »Verfluchte Warterei«, murmelt er zwischen den Zähnen, während er mit langen Schritten über den Teppich eilt, die Hände fest in die Taschen gebohrt.

Dann steht er wieder am Fenster und sieht doch noch Irmgard Pohl nach, ehe sie seinem Blickfeld entschwindet.

Sie geht mit kleinen Schritten, die Arme eng an den Körper gepreßt, als fühle sie sich beobachtet und wisse nicht, wie sie sich bewegen soll.

Er stellt möglichst sachlich fest, daß sie in allem noch so wie damals ist, in der Erscheinung wie im ruhigen Ausdruck des klaren Gesichts, das er vorhin, für einen Augenblick, wie etwas Verlorenes in sich aufnahm.

Man sieht ihr nicht an, was sie hinter sich hat, denkt er, zum Teil seines Gewissens wegen beruhigt und gleichzeitig enttäuscht darüber, so leicht vergessen zu sein. Ja, sie scheint besser daran als er. Sie hat ihn überwunden, wenn sie auch noch bei seinem Anblick errötet.

War sie nicht damals schon von dieser ausgeglichenen fraulich-gütigen Harmonie? Und blickten ihre klugen ernsten Augen nicht von jeher — in diesen jungen Jahren bereits — ruhig und milde, obgleich sie gleichzeitig mädchenhaft ausgelassen sein konnte und ihn sogar zu kindischen Spielen anregte? Sie stand daneben und lächelte, sie hatte ihren Spaß daran, ihn zu einem Popanz zu verwandeln, zu »ihrem großen Jungen«, wie sie mit mütterlicher Überlegenheit sagte.

Aber er hatte dieser Jugendeselei ein Ende gemacht. Er durfte bei seinen großen Plänen keine Zeit mehr zu albernen Spielen haben. Eine ernste und vernünftige Ehe entsprach eher seiner Position. Besitzt er nicht eine gute Frau und eine hübsche kleine Tochter mit großen braunen Augen, die jeder bewundert, weil sie so »reizend melancholisch« sind? Nein, er hat wahrlich keine Ursache, unzufrieden zu sein.

Die Zeit renkt auch alles weise zurecht. Der unangenehme Prozeß ist beendigt, nun geht sein Prozeßgegner sogar imeinstmals feindlichen Hafen spazieren. Und es sieht ganz danach aus, als wolle der zweite Hafendirektor, der Kapitän, die Tochter des Gegners heiraten und für alle Zeiten rehabilitieren. Obgleich sie diese Ehrenrettung nicht einmal nötig hätte, da ihr kluger Vater durch eine freundliche Vertuschung das Ansehen der Familie längst wieder aufgerichtet hat.

Teufel nochmal, das hätte er diesem geraden Manne nicht einmal zugetraut! Aber man sieht: andere Leute unternehmen auch Winkelzüge im Interesse ihrer Reputation.

Ja, er ist über die Vorgänge im Hause des Mühlenbesitzers unterrichtet. Länger als ein Jahr. Seit er die gräßliche Ungewißheit nicht mehr ertrug. Er mußte doch mindestens erfahren, ob sein Sohn noch am Leben war oder nicht. Wozu gab es Auskunfteien, Leute, die dazu da sind, Erkundigungen einzuziehen, damit man sich nicht durch unpassende Fragen seine Autorität verscherzt?

Er bekommt seine laufenden Informationen und weiß nun, daß der Mühlenbesitzer nicht einen Enkel, sondern einen Adoptivsohn besitzt. Die Tochter wird auf ein Jahr fortgeschickt, und hier geht sie nun in seinem Hafen spazieren. Schön und jung, mit einem ansehnlichen und geduldigen Bewerber zur Seite.

Der Kapitän wäre wohl der Mann, über den Schatten in der Vergangenheit einer Frau hinwegzusehen, dieser ewig Gerechte und Höfliche, den nichts aus dem Gleichgewicht bringen kann.

Nun bekommt sie also noch ihren Hafendirektor und einen guten Namen dazu. »v. Hollmann« hat einen anderen Klang! Was ist er, der Sohn des kleinen Beamten, dagegen! Was half es ihm, daß er sich in den Nächten das bißchen Bildung und Wissen einpaukte, um sich Geltung zu verschaffen? Er war doch erst etwas geworden, nachdem er die verliebte Tochter eines Getreidehändlers zur Frau bekam.

Und nimmt man ihn ernst? Lächelt man nicht im stillen über ihn und stellt hämisch fest, daß man mit dem Geld eines reichen Schwiegervaters ebensoviel erreichen könnte? Was nutzt ihm alle Arbeit, alle Energie? Wer erkennt seine wahren Leistungen an? Hat man darum so lange geschuftet, vom Morgen bis in die Nacht, ohne einzuhalten, ohne eine Freude, ohne Befriedigung, um jetzt hier das Fazit zu ziehen, daß alles vergebens war?

Er bleibt in der Mitte des Zimmers stehen, die Hände auf dem Rücken ineinandergelegt. Sein Mund ist hart, schmal und verkniffen, die senkrechte Falte zwischen den Augen wirkt wie eine Narbe.

Sein Blick fällt auf den Schreibtisch des Kapitäns. Hier hat er damals ihre Stimme gehört, diesen ruhigen, volltönigen Klang. Einen Augenblick denkt er an den Duft der Linden. Er läßt sich in einen Sessel fallen und schließt die Augen. Das leise Rauschen in den Wipfeln der alten Bäume hängt ihm wieder in den Ohren, da er sich dieser Stimme entsinnt.Es scheint ihm, als lägen die Erinnerungen ein Menschenalter und nicht knapp vier Jahre zurück.

Der Kapitän! Joachim Becker kennt keinen Menschen, der soviel allgemeine Achtung und Sympathie genießt wie dieser stille und bescheidene Hafendirektor.

Aus welchem Grunde sollte er wohl seit anderthalb Jahren in der Familie des Mühlenbesitzers verkehren und nun hier mit der Tochter spazierengehen?

Selbstverständlich wird er nicht im Hafen bleiben, denn er wäre nicht der Mensch, der seine junge Frau durch den gebotenen gesellschaftlichen Verkehr in schiefe Situationen bringt. Die großen Reedereien, die ihn als Vertrauensmann für den Hafen empfahlen, würden auch eine angemessene andere Verwendung für ihn haben.

Er kann seiner Frau etwas bieten! Er würde ihr die Welt zeigen und sie in seine angesehenen Kreise führen. Hatte er nicht die großen Passagierdampfer befehligt und auf die Weltmeere geführt, so daß weitgereiste Leute, die seinen Namen hören, respektvoll fragen: ›v. Hollmann, ist das nicht der Kapitän, der damals das und das Schiff fuhr?‹ Dieses Mannes entsinnt sich jeder gern.

Wer aber weiß Gutes vonihmzu sagen? Er besitzt keinen Freund, keinen Menschen, der das Recht dazu hätte, ihn zu verteidigen. Obgleich er stets nur das Beste wollte, seine Kräfte nicht vergeudete, immer nur an sein Werk dachte und niemals an sich selbst.

Er preßt die Fäuste gegen die Augen und sitzt, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, lange im fremden Zimmer, ohne jede Haltung und Würde. Wie er sich wieder aufrichtet, ist sein Gesicht blaß und verstört, mit roten Flecken auf der Stirn vom schmerzhaft festen Druck seiner eigenen Hände.

Nun muß er aufstehen und sich zu seinem Wagen begeben. Er wird nach Hause fahren. Und alles ist noch so wie es war.

Scheu, mit schlechtem Gewissen hetzt er durch den Korridor und vom großen Haupteingang des Verwaltungsgebäudes zu seinem Wagen.

Er vermag an diesem Tage nicht mehr in das Bureau und zur Arbeit zurückzukehren. Er läßt sich in seine Wohnung fahren, um sich von dem einzigen Menschen, der immer gut und milde zu ihm war, von Frau Adelheid, aufrichten zu lassen.

Sie ist nicht allein. Ihr Bruder leistet ihr Gesellschaft. Wenn Schwester Emmi im Hafen nicht für ihn zu sprechen ist und es also keinen Zweck hat, an dieser Stätte emsiger Arbeit länger als nötig zu verweilen, hält er sich gern bei seiner Schwester auf, die mit ihren einsamen Abenden so wenig anzufangen weiß.

Sobald sie ihre Tochter zu Bett gebracht hat, überfällt sie ihre alte Melancholie, die sie ihrem stillen Kinde schon vererbt hat. Darum schließt sie sich gern den häufigen Theaterbesuchenihrer Verwandten an oder weilt bei den Eltern, während ihr Mann bis in die späten Abendstunden über der Arbeit sitzt. Oft sehen sie einander tagelang nur in Gesellschaft Fremder und sind abgespannt und einsilbig, wenn sie heimkehren.

Man hat an diesem Abend beabsichtigt, ein Theater zu besuchen, eine sehenswerte Neueinstudierung, also eine Premiere gewissermaßen, die Felix Friemann sich nicht entgehen läßt. Seine Eltern folgen in diesem Punkte gern seiner Führung. Selbstverständlich trifft man auch Verwandte und Bekannte, und der Abend ist gut angewandt.

Joachim Becker hat Frau Adelheid nicht nur mit seiner frühen Heimkehr überrascht und beglückt; er erklärt sich auch bereit, sie zu begleiten.

Vom ungewohnten glänzenden und lauten Leben im Zuschauerraum verwirrt, sitzt er dann still in seiner Loge. Er fürchtet sich schon jetzt vor der Pause, vor den vielen geputzten Menschen, denen er begegnen wird und die mit höflichen und freundlichen Worten bedacht sein sollen.

›Ist es nicht eine Ungerechtigkeit!‹ sagt er sich an diesem Tage, an dem eine Begegnung ihn so in seinem ganzen Wesen aufstören konnte, ›daß du in deinem Innern nicht zur Ruhe kommen sollst! Du fällst in alte Fehler zurück, wirst unzufrieden mit dir, und wenn du vorwärts blickst, so türmen sich Berge auf, die für andere scheinbar nicht bestehen.

Aber was weißt du von deinen Mitmenschen und ihrem Tun? Einstmals glaubtest du, mit ihrem Studium fertig zu sein, und jetzt meldet sich der Drang, daß du einen nach dem anderen aufschließen möchtest und in seiner Seele erkennen.

Warum ist es dir nicht gegeben, sie zu meistern wie der Kommerzienrat oder sie zu übersehen wie dein Schwager?

Siehe, dieserDr.Friemann, er hat die schönen Künste so vollständig in sich aufgenommen, daß er nun in jeder Gesellschaft darüber reden kann, er hat das Praktische studiert, und nun wird ihm durch eine kleine blonde Fürsorgeschwester ein angenehmer Kummer geschenkt. Sie ist ihm ein Ziel, zu dem nur der Weg Freuden bereitet; also seien wir nicht traurig, wenn es etwas länger währt. Ja, Felix Friemann ist ein fertiger Mensch, der mit sich und den anderen zufrieden ist.‹

Joachim Becker, der junge Generaldirektor jedoch, der vor den Frauen und bei den Gesprächen über die schönen Künste errötet, weil er die einen so wenig kennt wie die anderen, sitzt steif da und weiß nicht, während er den Vorgängen lauscht, ob er in der Pause ein bedeutungsvolles oder ein bedenkliches Gesicht zeigen soll.

Als sie schließlich in das Foyer gehen, hat er sich für seine alte kühle Maske entschieden.

Felix Friemann gesellt sich zu ihnen.

»Dieser Ibsen hat seine Probleme wirklich manchmal sehr weit hergeholt«, meint er überlegen. »Auf Wildenten haben wir übrigens damals in Norwegen auch geschossen.«

Die Familie Friemann begrüßt ihre Bekannten. Sie zeigen einander die berühmten Kritiker, und einige reden von dem »Stück«. Die Kommerzienrätin hat es sich zum Prinzip gemacht, nicht eher über eine Aufführung zu sprechen, als bis die Kritiken erschienen sind, und sie erwähnt frühere heftige Eindrücke.

Auch Rechtsanwalt Bernhard ist da. Er will sich traurig zur Seite stellen, da er Frau Adelheid zärtlich an den Arm ihres Mannes gelehnt sieht, aber Joachim Becker geht ihm entgegen und begrüßt ihn mit ungeheuchelter Freude.

›Das ist noch ein natürlicher Mensch,‹ denkt Joachim Becker, ›er hat sogar ein Herz.‹ Und sie verbringen zu dritt plaudernd die Pause, wobei jeder in einer anderen Art seine Rechnung findet.

Obgleich Joachim Becker sich nach Stille und Dunkelheit sehnt und Ablenkung von allen quälenden Gedanken wohl gebrauchen könnte, fürchtet er sich vor der Fortsetzung des Spiels.

Muß er denn an diesem Abend in seiner Unzufriedenheit so weit gehen, daß er in jeder verzerrten Gestalt sich selbst sieht? Er ist wahrhaftig am Ende mit seiner Nervenkraft und sehnt den nahen Sommer herbei. In diesem Jahre will er zum erstenmal wirklich ausspannen und mit seiner Frau helleSommertage irgendwo in den Bergen oder an der See verleben, damit er wieder zu Kräften und Selbstbewußtsein gelangt.

Es ist, weiß Gott, lächerlich, hier Parallelen zu ziehen und sich mit diesem pathetischen Hjalmar Ekdal, diesem Photographen mit der Flatterkrawatte, zu vergleichen. Warum sollen gerade ihn die Vorgänge auf der Bühne etwas angehen, ihn so persönlich berühren, daß er der Selbstzerfleischung nahe ist?

Ein hirnverbrannter Gedanke, heute in dieser Verfassung hierherzugehen! Laufen denn nicht soundsoviel andere auch in Gottes weiter Welt umher, die einen Schatten, einen dunklen Punkt in ihrem Leben haben, an den man am besten nicht rührt?

Oh, er möchte wohl wissen, wie wenige es sind, die so einem Wahrheitsfanatiker wie Gregers Wehrle begegnen dürften, ohne mit der Wimper zu zucken oder gar ihr ganzes Lebensgebäude einstürzen zu sehen.

Und sieht man es nicht an diesem Beispiel, wie verkehrt es ist, ans Tageslicht zu ziehen, was lieber verborgen bliebe? Man hat Fehler begangen, man sieht sie ein und vermeidet sie in Zukunft. Man hat einmal nicht anständig gehandelt. Aber kann man das aus der Welt schaffen? Ist es nicht vernünftiger, Geschehenes zu vergessen, um ungestört weiter zu kommen?

Er hat mit seiner Frau niemals über seine Vergangenheit, über die Beziehungen zum Hause Pohl gesprochen. Vielleichthaben ähnliche Wahrheitsfanatiker wie dieser Narr auf der Bühne sie aufgeklärt, so daß sie unnützen Gedanken nachhängt und öfter traurig und verweint ist als notwendig wäre. Denn das muß er sich eingestehen: schlecht behandelt hat er sie in ihrer mehr als dreijährigen Ehe nie. Er ist sehr beschäftigt, wälzt imposante Pläne, und es paßt nicht zu seiner großen Stellung, zu seinem verantwortlichen Posten als Generaldirektor eines Werkes von Weltbedeutung, daß er sich wie ein Täuberich benimmt.

Da rühren sich wieder seine Gedanken von heute nachmittag: er durfte mit Irmgard Pohl nicht mehr jung und ausgelassen sein, weil es sich mit seinen großen Ideen nicht vereinbarte. Und nun meint er auch, daß er kein zärtlicher Ehemann sein darf, weil es zur strengen, energischen Haltung eines Generaldirektors, der sich Respekt und Autorität verschafft, nicht gehört. Ist es seine Pflicht, nur als Arbeitsmaschine zu funktionieren und sich niemals wie ein gewöhnlicher Mensch zu benehmen?

Immer haftete er an den festgelegten Gesten, die zu seinem Amte gehören. Zwischendurch probierte er es einmal mit der Shagpfeife und mit der nachlässigen Haltung des Engländers, der seine Hände in den Hosentaschen hält. Aber er ließ es wieder und fand Gefallen am smarten Amerikaner, der nicht zu verblüffen ist und mit kühler Jovialität seinen Leuten begegnet. Eine Weile versuchte er es, in dieser Weise zum Beispiel seinen Angestellten entgegenzukommen, um von ihnennicht nur gefürchtet, sondern auch geliebt zu werden. Aber er hatte den Eindruck, daß man ihm den lässigeren Ton als Schwäche auslegen könnte. Und so kehrte er zu seiner alten Maske zurück: streng, energisch, militärisch korrekt. Um von vornherein jeden Widerspruch auszuschließen, um sich nicht kleinkriegen zu lassen. Ja, das ist es: er läuft mit einer Maske umher. Nur in den Stunden der Zerknirschung, der Schwäche, der Selbsterkenntnis fällt sie von ihm ab.

Hat er nicht doch Berechtigung, sich mit diesem Photographen zu vergleichen, der sich auch eine männliche und selbstgefällige Pose zurechtgelegt hat wie so manche, denen man im Leben begegnet? Der Kommerzienrat zum Beispiel mit seiner betont soignierten Haltung im Geschäftsleben, während er daheim in seiner Familie nicht mehr als ein gutmütiger alter Trottel ist?

Oh, wie grausam betrachtet er nun sich selbst. Gewiß, auch der Kommerzienrat hat seine Maske vor den Menschen, ebenso wie die vielen anderen, die der klugen Ansicht sind, daß man ohne sie im Lebenskampf nicht auskomme; daß man mißbraucht werde, wenn man der Allgemeinheit, den Konkurrenten, den Neidern, den lauernden Feinden den wahren Menschen zeige. Aber verwandeln sie sich nicht, ebenso wie der Kommerzienrat, zeitweise in ihr eigenes Wesen zurück?

Wann jedoch ist er ein Mensch ohne jede falsche Geste? Wann und wo zeigt er seine wahren, seine geheimsten Empfindungen,das Zarte, das auch in ihm sich regt, und seine Sehnsucht nach Wärme und Liebe?

So wie dieser Hjalmar Ekdal soeben seine Haltung zu verlieren im Begriff war, als man ihm sein Lügenhaus enthüllte, so hat er heute nachmittag ohne jede Würde im Zimmer des Kapitäns gesessen und klar, entsetzlich klar erkannt, daß sein Ansehen, seine Arbeit, sein ganzes Leben in den letzten drei Jahren sich auf eine Lüge stützt.

Und er ging nicht mit offenen Worten zu Frau Adelheid, um der Lüge ein Ende zu bereiten. Nein, wie dort auf der Bühne das Dokument wieder zusammengeklebt wird, das die Fortsetzung des alten Lebens erfordert, so war er zu seiner Frau zurückgegangen, als wäre nichts geschehen, als hätte nicht die wahre Erkenntnis ihm eben die Augen geöffnet.

Das Licht flammt auf. Joachim Becker sieht in Adelheids tränenüberströmtes Gesicht. Rasch zieht er sie fort, ehe sie noch von der Familie mit Gesprächen und Abschiedsworten aufgehalten werden können. Sie nehmen irgendeinen Wagen, der vor der Türe steht, und fahren nach Hause. Unterwegs trocknet er ihre Tränen und küßt die kalten blassen Hände. Wieviel hat er an ihr gutzumachen. Es ist keine Pose, keine Lüge, wenn er ihr nun die Hände küßt und sie herzlicher behandelt als sonst. Nein, er ist ihr so unendlich dankbar für ihre Güte und Geduld. Gehört es nicht als erstes zu seinem neuen Leben, daß er ihr die warme Regung seines aufgestörten Herzens verrät?

Nie war Frau Adelheid so schmerzhaft glücklich wie in dieser Stunde.

Sie sprechen kein Wort, und erst zu Haus fragt Adelheid schüchtern-zart:

»Darf ich dich zu einer Tasse Tee in meinem Zimmer einladen?«

»Ja«, sagt er mit weicher Stimme, während er ihren treuen Augen dankbar begegnet.

Er lehnt gegen den hohen Kamin und blickt in seine Vergangenheit, während Frau Adelheid mit stillen Bewegungen den Teetisch bereitet.

Die freundlichen Bilder sind nicht mehr durch falsche Strenge oder Spottlust verzerrt. Sie sind hell und sprechen wie Erkenntnisse. Irmgard Pohl hält ihm die feste, kameradschaftlich treue Hand hin und sagt: ›Wie könnte ich an dir zweifeln? Das darfst du niemals denken!‹ Und Michael Pohl ist in seiner Erinnerung wieder vertrauensvoll und gut zu ihm. Er schlägt ihn auf die Schultern und spricht: ›Ja, dann sage ich von heute an du zu dir!‹ In seinen hellen tiefliegenden Augen schimmert dabei seine geheime Zärtlichkeit.

Joachim Becker sieht seine Fehler unerbittlich und klar. Sie sagen: Nun weißt du wohl, wie wir auszugleichen sind? Ja, das weiß er. Es ist so einfach: man ist fortan nur gut zu jedermann, man geht zu zwei Menschen und sagt: »Verzeiht!«

Adelheid ruft ihn an und berührt ihn am Arm. Ihre Augen sind ängstlich und traurig, denn sie weiß, daß er mit seinen Gedanken wieder nicht in ihrer Nähe weilt.

Er blickt sie ganz verwirrt an. War nicht eben alles so einfach und klar? Er lacht bitter auf.

Nein, nichts ist klar, denn das Geschehene ist nicht auszulöschen! Und eine Schurkerei bleibt eine Schurkerei. — Was sollte die rücksichtslose Wahrheit daran ändern?


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