Die Verhaftung
B
Bei der Familie Friemann ist wirklich das Telegramm eingegangen: »Doktor bestanden. Gratuliere. Felix.«
Das sieht diesem Bengel, diesem Erzschelm ähnlich, daß er dazu seinen Eltern gratuliert, anstatt seinerseits die Gratulation abzuwarten.
Der Kommerzienrat war sich zwar längst über die angemessene Belohnung dieses tüchtigen Jungen einig, aber er beruft dennoch Frau und Tochter zusammen, um sich mit ihnen zu beraten. Joachim Becker ist zu sehr mit seinen wichtigen Aufgaben für den Hafen beschäftigt, als daß er an solchem Familienrat teilnehmen könnte.
Die vom Kommerzienrat vorgeschlagene Nordlandreise findet auch den Beifall der Frauen, aber die Mutter des tüchtigen Kandidaten will deswegen nicht auf eine kleine Festlichkeit verzichten, ganz im engsten Kreise der Familie. Weil die allernächste Verwandtschaft recht ausgedehnt ist, kommt man immerhin auf dreißig Personen.
Wann aber durfte man den Jungen zu Haus erwarten? Natürlich sollte er den Feiern seiner Studienkollegen nicht entzogen werden, doch konnte er nicht Nachricht geben, dieserunverbesserliche Schlingel, dieser Tausendkerl und Hallodri? Der Kommerzienrat findet immer mehr freundliche Schimpfnamen für seinen ungeratenen Sohn.
Währenddessen hebt draußen im Park der Villa ein großer Spektakel an. Die Kommerzienrätin müßte nicht die Mutter ihres Sohnes sein, wenn sie diese Stimme nicht erkennen sollte. Mit einem Aufschrei stürzt sie zur Tür, sie rennt so schnell die Treppen hinab, als es ihre geschwollenen Beine gestatten.
Rasch ist die ganze Familie im Vestibül. Hier steht ein baumlanger Kerl und sagt begütigend: »Aber, aber, meine Herrschaften!« Dabei kollern ihm die Tränen über die weichen Backen, und er muß sich dauernd bücken, um jemand zu umarmen. Das ist der jungeDr.Felix Friemann.
»F. F.« fügt er gern nach der Vorstellung seinem Namen hinzu, denn er ist, wie sein Vater, ein Freund von Witzen. Die Studiengenossen nannten ihn die »Gaslaterne«. Sein weißes kugelrundes Gesicht mit den Friemannschen Augen hinter den blitzenden Brillengläsern, meinten sie, sei die Milchglaskugel, die lange dünne Figur der Laternenpfahl. Die Jugend ist grausam und spottet gern über die Kuriositäten der Mutter Natur.
Wer jedoch damit Felix Friemann ärgern will, kommt nicht an den rechten Mann! Er lacht wie über einen guten Witz und sagt in seiner überhasteten Sprache: »Gewiß, ich will mich bessern, gewiß.«
Er hat die Eigenart, daß er in der Eile des Sprechens einige Silben verschluckt. Weil er aber seinen Zuhörern diese schlechte Verständigung nicht zumuten will, hat er sich daran gewöhnt, ein paar Worte, die vielleicht verlorengegangen sein könnten, nachträglich zu wiederholen.
Wer Geduld mit ihm hat oder ihn gar liebt, findet sich in dem Kauderwelsch ganz gut zurecht. Doch es ist merkwürdig: vor solchen Naturen befleißigt er sich einer ganz ausgezeichneten und normalen Sprechweise.
Und die drei glücklichen Menschen, die ihn nun mit Begeisterung und Rührung begrüßen, brauchen sich weder über Wortverluste noch über Wiederholungen zu beklagen.
Der junge Doktor ist mit allem einverstanden, mit dem Familienfest und mit der Nordlandreise. Wann hätte er die Vorschläge seines prächtigen Vaters nicht großartig gefunden?
Die bevorstehende Arbeit im Hafen kann er kaum erwarten.
»Denke dir, meine Kommilitonen lachten, als ich ihnen erzählte, was wir hier für einen Hafen bauen. Aber neulich hat mein Professor doch wahrhaftig einmal im Kolleg das Projekt erwähnt. Na, ich habe euch ja gleich darüber telegraphiert. Er fand es phänomenal und — durchführbar!«
»Wenn so ein Theoretiker das schon durchführbar findet, nicht wahr?« fragt der Kommerzienrat lachend. »Nun willich dir auch gleich verraten, daß ich dem Professor durch die Hafengesellschaft ein ausgezeichnetes Exposé einschicken ließ.«
»Also, das ist die Veranlassung gewesen?« fragt der Sohn ehrfurchtsvoll und erstaunt.
»Ja,« sagt die Kommerzienrätin stolz, »was unser Papa alles zustande bringt! Er belehrt sogar die Professoren.«
Hier sind vier Menschen, die mit allem einverstanden und zufrieden sind, die sich nichts Besseres mehr wünschen.
Was ist so ein unschlüssiger Schürzenjäger wie Herr Gregor dagegen für ein unglücklicher Mensch! Nun treibt er die Tyrannei im Hause Reiche tatsächlich doch auf die äußerste Spitze, und man kann nicht voraussagen, wie lange die verliebte Kantinenwirtin sich das noch gefallen läßt.
Er findet ihr Essen miserabel, aber sie sagt nicht: »Sie haben ja schon seit mehreren Monaten nichts mehr dafür bezahlt.« Sie flüstert: »Wenn es angebrannt ist, so wirst du wohl am besten wissen, woran das liegt.«
Was erwidert darauf Herr Gregor? Er schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch und steht auf. An der Tür sagt er verächtlich: »Was haben Sie wieder für eine schmutzige Schürze umgebunden?«
Es hilft Frau Reiche nichts, daß sie sofort eine schneeweiße breite Schürze holt, und daß sie sich abends in ihrem besten Kleid auf die Veranda setzt. Da muß sie zuweilen den Kopf auf die Arme werfen und heftig schluchzen. Und sieberuhigt sich erst, wenn sie endlich den festen Entschluß gefaßt hat, Schwester Emmi Salzsäure ins Gesicht zu gießen.
Ihr Mann muß immer öfter hinter dem Schanktisch stehen und in seiner schwerfälligen Art Selterwasser und Milch verkaufen. Früher hat Frau Reiche in der Küche das beste Essen zustande gebracht und dabei immer noch Zeit gefunden, mit den Gästen ein freundliches Wort zu wechseln.
Jetzt hat nicht nur die Güte des Essens nachgelassen, die Kantinenbesucher finden auch die Bedienung nicht flink und freundlich genug. Der ehemalige Bäckermeister ist kein redseliger Mann, und mit den guten Eigenschaften seiner Frau kann er sich freilich nicht messen. Deswegen ist er auch schon sehr bescheiden geworden.
Seine Frau versteht es, gut einzukaufen und mit den Lieferanten fertig zu werden, sie eignet sich prächtig dafür, solchem großen Betrieb vorzustehen, ohne es jemals geübt zu haben; er aber kann nur das, was er in seinen Jugendjahren gelernt hat: Brot und Semmeln backen. Schon mit dem Kuchen hat es immer etwas gehapert, der war den Leuten nicht fein genug.
So begnügt er sich nun damit, das zu tun, was seine Frau ihm befiehlt, und er hat keinen Funken Ehrgefühl mehr im Leibe, denn sonst würde er sich dagegen sträuben, zur Bewachung der Wirtschaftsräume in einer Kammer hinter derKantine zu schlafen, während seine Frau das schöne große Schlafzimmer im ersten Stock allein gar nicht ausnutzen kann.
Seitdem die Küchenmädchen in der Hafenwirtschaft mit Frau Reiche nicht mehr zurechtkommen und alle acht Tage wechseln, hat Fräulein Spandau, die neue Sekretärin des Hafendirektors, sich daran gewöhnt, das Mittagessen für den Kapitän selbst abzuholen. Dabei hat sie auch immer noch ein freundliches Wort für den Kantinenwirt, ja manchmal kann sie ein paar Minuten bei ihm stehen, während das Essen eingefüllt wird, und sich dafür interessieren, wie es in einer mustergültigen Bäckerei zugehen muß. Sie ist nicht die Spur eingebildet auf ihren Posten, denn sonst würde sie nicht freiwillig mit einem Tablett in der Hand über den Platz gehen, was einer Sekretärin wirklich nicht zukommt.
Der Kapitän weiß solchen Liebesdienst auch nach Gebühr zu schätzen.
Er spricht den »besten Dank« immer doppelt aus, und obgleich er im Laufe der Monate sich schon daran gewöhnt haben sollte, so steckt immer auch etwas Verlegenheit hinter seinem Ton.
Ja, Fräulein Spandau ist nun schon einige Monate im Hafen. Die Zeit verfliegt so rasch, daß man es selbst kaum merkt. Man geht durch das Tor des Hafens an einem Wächter vorbei und neben dem Gesicht eines anderen Manneshinter dem Guckloch wieder hinaus, und siehe da: ein Tag ist um. Wenn man jedoch am nächsten Abend einmal um sich schaut, so hat der Turm des Verwaltungsgebäudes plötzlich sein siebentes Stockwerk aufgesetzt, das zweite Hafenbecken ist von fertigen Kaimauern eingefaßt, und der Getreidespeicher — ja, der Getreidespeicher sieht aus, als stände er fix und fertig da.
Aber wer das glaubt, der versteht nichts von einem modernen richtigen Getreidespeicher, der ist ein Laie, eins der verächtlichsten Geschöpfe, die für den Bodenmeister Ulrich existieren. Denn nun sind erst die wahren Künstler an der Arbeit, die Ingenieure, die den ganzen technischen Apparat einbauen.
Dem Bodenmeister Ulrich lacht das Herz im Leibe, wenn er das mit ansieht. Auch mit dem neuen Hafendirektor hat er sich wieder ausgesöhnt, denn er ist inzwischen dahintergekommen, daß der Kapitän nicht nur Moscheen im Kopf hat, er versteht auch sonst etwas von den Angelegenheiten eines Hafens.
Nun gibt es Menschen mit einem geweiteten Horizont, die sehen sich nicht nur innerhalb der Mauern des Hafens um, die blicken darüber hinaus zu den Nachbarn links und rechts. Und man muß staunen, was da alles vor sich geht.
Der Müller hat zwar schon immer einen Getreidespeicher, eine Mühle und ein schmuckes kleines Wohnhaus jenseits desKanals gehabt, doch ist der Speicher nicht um zwei Stockwerke höher geworden? Und wenn der Bodenmeister Ulrich sich so sehr viel auf das kommende Becherwerk und die Getreideheber einbildet, so soll er nur schweigen: der Mühlenbesitzer Pohl hat das alles längst. Er holt sich sein Getreide, das direkt aus Rumänien und Rußland kommt, damit selbst aus den Kähnen, und wenn es gebraucht wird, geht es ebenso maschinell in die Mühle hinüber. Da gibt es keine gebückten Menschen, die schwere Säcke hin- und herschleppen. Ein fleißiger Kran holt auch die Mehlsäcke aus der Etage heraus, in der sie gerade liegen, und führt sie zu einem Schiff hinüber, wenn sie dafür bestimmt sind, auf dem Wasserwege weiterzureisen. Was jedoch auf den Bahnhof oder in die Stadt befördert werden soll, wird auf Wagen geladen, denn Eisenbahnwaggons fahren an der Mühle noch nicht vor. Nein, über einen Gleisanschluß verfügt der Müller nicht. So weit hat er es nicht gebracht.
Gleisanschlüsse sind nur im Hafen. Da stehen sogar eigene Lokomotiven in einer Halle, die laut zischen und pfeifen, wenn sie angeheizt werden, und die vielen Gleise geben dem Hafen ein recht industrielles Aussehen. Natürlich sind auch schon ein paar Kräne da, und wenn die Freilagerplätze mit Kohle oder verrostetem alten Eisen in hohen Bergen geradezu überschüttet sind, so kann sich ein einzelner Müller mit seinem Betrieb nicht allzu stolz daneben sehen lassen.
Trotzdem schöpft er seinen Vorteil aus der Nachbarschaft des Hafens, und er hätte weder einen Anbau an seine Mühle gebraucht noch soviel Lagergetreide in seinen Räumen, wenn der erste Getreidespeicher des Hafens nicht in die Luft geflogen, sondern rechtzeitig fertiggestellt worden wäre.
So aber mußte man erst die anderen langgestreckten und flachen Lagerhallen bauen, und die Firma Friemann, Getreideen gros, lagert ihre Riesensendungen für Übersee so lange in den Seehäfen.
Wer etwa die Ansicht vertritt, daß dieser Verlust ein Unglück für den Binnenhafen sei, hat nicht den raffinierten Scharfsinn des Kommerzienrats erkannt, denn nun besitzt man gute Freunde am offenen Meer und die besten Verträge in der Tasche.
Ja, auch Generaldirektor Becker hat fleißig gearbeitet. Er ist auf mehreren Auslandsreisen gewesen, aber er hat es auch nicht verschmäht, einige kleine unbedeutende Häfen an der Wasserkante und im Binnenlande zu besuchen, und wenn man hin und wieder in die Zeitung sieht, so kann man lesen, daß die Hafengesellschaft auch anderwärts tüchtig ist und den Kommunen ihre Lasten abnimmt. Joachim Becker hat mit einigen strategischen Stützpunkten seine Stellung befestigt.
Nun ist auch sein Schwager im Hafen, der sich in das große und weitverzweigte Gebiet einer Hafenbewirtschaftung einzuarbeiten versucht und dabei ebensoviel Lust wie Unfähigkeitbeweist. Aber der Generaldirektor ist weder ärgerlich noch traurig darüber, es kann nicht allein tüchtige Menschen in der Welt geben. Nur, daß der Kerl noch nicht richtig zu sprechen vermag, macht ihn nervös, denn man hat nicht Zeit, nach jedem Satz zweimal zu fragen.
Die englische Shagpfeife hat er im übrigen inzwischen über Bord geworfen, denn sie ist ihm bei der Arbeit hinderlich. Dazu gehört die gleichmütige Ruhe der Engländer, und die ist ihm nicht gegeben. Außerdem fand er in der Zusammenarbeit mit seinen technischen und wissenschaftlichen Beratern an den Einrichtungen der Engländer dieses und jenes auszusetzen und zu verbessern.
Inzwischen ist er auch in den Vereinigten Staaten gewesen, und nun imponieren ihm neben der gewaltigen Organisation die großartigen sozialen Einrichtungen der Amerikaner. Sie haben ihn seinem Steckenpferd, der Fürsorge, wieder mit vollen Segeln zugeführt.
Die Fußballplätze und Schwimmanlagen schweben ihm wieder vor, doch wenn er zum Nachbar im südlichen Gelände hinüberblickt, so beschleicht ihn ein scheußliches Unbehagen. Da, wo seine freien Menschen ihre Siedlungen errichten und den Körper in sportlicher Übung kräftigen sollten, werden nun von der Verhüttungsgesellschaft Erze gefördert.
Ja, werden denn wirklich Erze zutage gebracht? Man sollte es wohl annehmen, denn sie geben die Versuche nicht auf.Zwar herrschte zuweilen wochenlang, ja einmal sogar monatelang peinliche Arbeitsruhe, aber dann hatte sich anscheinend doch wieder ein Gesellschafter gefunden, der sein Geld in dieser aussichtsreichen Sache anlegen wollte, und die Sachverständigen rückten wieder an.
Joachim Becker ist zum zweitenmal in seinem Leben feige und geht nicht hin, um sich nach den Resultaten zu erkundigen. Es scheint nicht immer leicht, seine privaten Gefühle mit beruflichen Interessen in Einklang zu bringen, selbst wenn man sonst ohne Furcht und Falsch ist. Die persönliche und sehr peinliche Angelegenheit, in der er sich zum erstenmal nach einer unredlichen Tat feige verbarg, glaubt der junge Generaldirektor zwar vollkommen aus seiner Erinnerung ausgestrichen zu haben.
Nur einige Konsequenzen wollen ihn noch dafür strafen, denn nun fordert das Schicksal zur Vergeltung weitere Unaufrichtigkeit und Heuchelei. Und weil er diesen beiden Götzen gerade in seinem engsten Familienkreise dienen soll, so ist es am besten, wiederum zu flüchten und in der Arbeit unterzutauchen. Das besorgt er nun bis zur letzten Möglichkeit.
Herr Gregor muß noch mehr als früher unter seiner Unduldsamkeit leiden, denn jetzt fängt Joachim Becker an, unzufrieden mit ihm zu werden. Dieser junge Sekretär treibt Luxus in Anzügen, Krawatten und seidenen Strümpfen, sieht übernächtig aus und dünkt sich für jede Arbeit zu gut.
Dabei hat er ein Tätigkeitsfeld, das jedem alten Beamten schmeicheln würde. Seine Hauptbeschäftigung ist immer noch die Bearbeitung der Lieferverträge für den Hafenbau. Mit seinem flinken, merkantilen Verständnis für die Ausnutzung der Konjunktur und die Finanzlage der Bewerber hat er besonders im Anfang gute Resultate erzielt.
Nun aber wird er unvorsichtig und nachlässig, und auf seinem Schreibtisch liegen die Papiere wüst durcheinander, so daß sich bestimmt kein Mensch mehr herausfinden kann.
Der Generaldirektor stellt sich ärgerlich neben den Tisch und sagt: »Wer diese Unordnung auf dem Schreibtisch einreißen läßt, der hat sie auch im Kopf.« Dann geht er in das Kalkulationsbüro und erkundigt sich nach diesem und jenem.
Herr Gregor hat zufällig auf einem der langen breiten Korridore zu tun und sieht Joachim Becker auch in die Hauptbuchhaltung hineingehen.
Ein Kollege fragt Herrn Gregor, ob er etwas verloren habe.
»Nein,« gibt er zur Antwort, »aber mir fällt eben ein, daß ich etwas vergaß.« Damit geht er wieder zurück.
Vor dem Zimmer der Sekretärin bleibt er noch einmal mit zerfurchter Stirn stehen. Er hat Schweres zu denken, man sieht es ihm an, und seine Hände sind ganz feucht. Dann geht er hinein.
»Sie haben wohl nicht die gestrigen Zahlungsanweisungen noch hier? Ich sehe eben, daß ich mich verrechnet haben muß«, sagt er mit belegter Stimme.
»Nein,« erwidert die Sekretärin, »ich habe sie heute morgen weitergegeben. Vielleicht liegen sie noch in der Kasse.«
»Ja, danke, ich will sehen, daß ich sie dort vergleichen kann.« Er bleibt unschlüssig stehen.
»Sie werden sich aber beeilen müssen, denn es ist gleich Geschäftsschluß, und die Kasse öffnet ihre Schränke nicht noch einmal.«
»Richtig,« sagt er, »dann will ich es noch rasch versuchen.«
Er schießt nicht gleich auf den Kassenschalter zu, sondern geht mit schleppenden Schritten bis an das Ende des langen Korridors. Wie er um die Ecke biegen will, bemerkt er mit halbem Blick den Generaldirektor und den Hauptbuchhalter vor der Tür des Kassenraumes. Er schnellt sofort zurück; man sah ihn nicht, denn die beiden sind in eine leise und angeregte Unterhaltung allzusehr vertieft.
Herr Gregor will nun mit seinen Anweisungen nichts mehr zu tun haben. Er holt Mantel und Hut und verläßt das Haus.
Drei Stunden später trifft er vor dem Hauptportal des Hafens Schwester Emmi, die wieder einmal einen Besuch in der Mühle gemacht hat. Sie kann jetzt nicht zu jeder Stunde hinüberlaufen, denn Irmgard Pohl ist eine Angestellte, an Zeit und Ort gebunden. Wenn sie auch im Kontor ihres Vaters arbeitet, so hat sie doch keine andereVergünstigung, als daß sie zu den Mahlzeiten ins Wohnhaus gehen darf, denn ihr Gehalt muß sie sich ehrlich und redlich verdienen.
So benutzt Schwester Emmi die Abendstunden, um sich Rat und Teilnahme zu holen. Sie ist sehr angeregter Stimmung, denn nun hat Irmgard Pohl ihr endlich versprochen, den ersten Besuch im Hafen zu machen, um sich die kleine Wohnung der Fürsorgeschwester anzusehen.
»Wenn Sie glauben, daß ich gegen fünf Uhr niemand treffen kann,« sagte sie, »so will ich auf eine Viertelstunde kommen.«
Schwester Emmi wird ihr alle ihre hübschen Kleinigkeiten zeigen: den selbstgefertigten Frisiertisch mit Mullvorhängen und Fläschchen und Büchsen, die hübschen Kissen aus Seidenresten, Stickereien und andere Handarbeiten, denn ihre flinken Hände sind zu allem geschickt, sie können niemals ruhen.
Selbst in Herrn Gregors Gesellschaft bleibt sie nicht untätig, denn an seiner Kleidung ist immer etwas zu verbessern. Frau Reiche, die sich gegen Bezahlung für diese Arbeiten verpflichtete, ist längst nicht mehr zuverlässig genug; sie hat es sogar fertig gebracht, ein Paar seidene Strümpfe, die Schwester Emmi ihm zum Geburtstag schenkte, vollständig zu zerschneiden.
Wenn aber die praktische Arbeit geleistet ist, so folgt die viel schwerere Aufgabe: Herrn Gregor zu trösten und zu zerstreuen;er wird immer nervöser von dem schweren und aufreibenden Dienst und kann oft sehr mißgestimmt oder mutlos sein.
Sie sieht es ihm heute sofort an, daß es schlimm um ihn steht, darum zwitschert sie von allen lustigen Dingen, die ihr einfallen; sie macht Witze und lacht selbst darüber. Sobald der schwache Schimmer eines Lächelns über sein blasses leidendes Gesicht huscht, ist sie sehr glücklich. Sie wirft nicht sobald die Flinte ins Korn, und ihre Geduld rührt selbst Herrn Gregor.
Er hat schon gegessen und fragt, ob er bei Schwester Emmi eine Tasse heißen Tee trinken dürfe. Es ist mitten im Winter, und ein mitfühlender Mensch kann wohl verstehen, daß man auf einer Straßenbahnfahrt durchfriert und Verlangen nach einem freundlichen warmen Zimmer hat. Die großen Herren haben ihre bequemen Wagen, die andern aber, denen jede Möglichkeit zum Aufstieg abgeschnitten wird, obgleich sie auch nicht weniger verstehen, sie müssen sehen, wo sie bleiben.
Ach, sie ist durch Herrn Gregors scharfe Augen über die Ungerechtigkeiten in dieser Welt aufgeklärt worden und kann manchmal recht erbittert und unzufrieden sein. Doch sie hütet sich wohl, solche Gefühle zu offenbaren, denn wer erst einmal als sonnige Natur verschrien ist, hat nicht mehr das Recht, sich anders zu zeigen.
So bewirtet sie Herrn Gregor mit heißem Tee und freundlichen Worten. Sie rauchen auch eine Zigarette miteinander,und als endlich eine richtige Unterhaltung in Gang kommt, hat sie sogar ihre Angst vor Frau Reiche vergessen, die angedroht hat, den Kapitän zu holen, wenn die Fürsorgeschwester noch einmal Herrenbesuch in ihrem Zimmer empfängt.
»Es sind nicht nur die Kopfschmerzen, die mich ganz zermürben,« sagt Herr Gregor, »Sorgen mögen auch daran schuld sein.«
»Aber was sollten Sie denn für Sorgen haben? Da ist doch kein Mensch, der Ihnen etwas zuleide tut, und Angehörige haben Sie auch nicht. Ja, wenn ich an Schiffer Jensen denke, dem im Herbst die Frau gestorben ist. Jetzt lebt er ganz allein mit dem kleinen Tom, und das Schlimmste ist, daß er nun, während er im Winterlager liegt, nicht durch Arbeit und Abwechslung abgelenkt wird und immerfort daran denken muß. Sie haben doch Ihre Arbeit und ein schönes Einkommen dazu.«
Das mit dem Einkommen hat sie nicht ohne einen Zweck gesagt, sie erwähnt es in letzter Zeit öfter. Ist es nötig, daß ein einzelner Mensch ganz allein davon lebt und sich einen Anzug nach dem anderen kauft? Nicht genug damit, er trägt sein Geld auch noch in die Bars und Tanzlokale, und es kommt vor, daß er sich kleine Summen von Schwester Emmi oder Frau Reiche leihen muß, wenn er in augenblicklicher Verlegenheit ist.
Wäre es für so einen Menschen nicht besser, eine solide und praktische Frau zu heiraten, die ihn ans Haus fesselt undsein Heim gut verwaltet? Sie hätte nichts dagegen, Frau Gregor zu werden, und aus keinem andern Grunde behandelt sie ihn zuweilen schlecht, wenn er mehr Entgegenkommen erwartet. Sie weiß, was man tun muß, um von einem Mann geachtet oder gar geheiratet zu werden, und sie ist, seitdem sie die Fürsorgestelle im Hafen hat, ihren Vorsätzen treu geblieben.
Fand sie nicht erst kurz zuvor eine Bestätigung für die Richtigkeit ihrer Erkenntnis, da selbst bei einer Irmgard Pohl keine Ausnahme gemacht wurde? Sie hat ein weites Herz, doch jetzt ist sie fünfundzwanzig Jahre alt, und da muß eine Frau mindestens wissen, was sie will.
»Nein,« sagt Herr Gregor mit schwachem Lächeln, »solche Sorgen habe ich nicht. Sie sind ja auch immer gut zu mir, darüber kann ich nicht klagen.«
Das klingt fast wie eine Werbung. Schwester Emmi rückt auch nicht ab, während seine kalte Hand nach ihr tastet.
»Aber ich hatte sehr schwere Geldverluste. Ein Rechenfehler, den ich nicht rechtzeitig bemerkt habe. Später fehlte mir der Mut, es zu melden, und nun muß ich den Verlust tragen.«
»Das ist ja empörend«, ruft sie geradezu erregt aus. »Verlangt man auch noch von Ihnen, daß Sie Geld zusetzen? Nein, das dürfen Sie sich nicht gefallen lassen!«
»Ich sagte Ihnen ja, daß ich selbst daran schuld sei, weil ich es nicht rechtzeitig meldete. Jetzt würde man es mir einfach nicht glauben.«
»Das verstehe ich nicht. Jedenfalls ist das eine bodenlose Ungerechtigkeit.«
»Ja, das glaube ich, daß Sie das nicht verstehen. Es ist auch zu kompliziert, als daß ich es Ihnen auseinandersetzen könnte. Es muß sich in den nächsten Tagen, vielleicht schon morgen entscheiden, was daraus wird. Dann darf ich wohl alles erwarten, wenn ich es nicht vorher gutmachen kann. Doch das Schlimmste wird sein, daß ich mir dann eine Kugel durch den Kopf schießen muß.«
»Großer Gott, was sagen Sie da?« Sie ist aufgesprungen und läuft ganz entsetzt in ihrem kleinen Zimmer umher.
»Ist es denn so schlimm?« flüstert sie, während sie vor ihm stehenbleibt und die Hand auf seine Schulter legt.
Da wirft er den Kopf nach vorn und stöhnt laut und gurgelnd auf. Die Spannung der entsetzlichen letzten Wochen mit den fortdauernden kleinen Unterschlagungen, von denen eine immer die andere nach sich zog, die Erregung des heutigen Tages, da er sich entdeckt glaubt, das alles löst sich in einem Schluchzen auf.
Die Tränen fließen an seinen schmalen blassen Fingern vorbei auf den empfindlichen Anzug. Aber er nimmt keine Rücksicht darauf, er ist nun am Ende seiner Kraft. Auch die betäubenden Vergnügungen in den lauten Lokalen, die ihn seine verzweifelte Lage doch nicht vergessen ließen, der übermäßige Genuß von Alkohol und Zigaretten, der versäumteSchlaf, das alles rächt sich nun, so daß er nicht mehr Herr über sich selbst werden kann.
Schwester Emmi versucht es immer wieder mit freundlichen und tröstenden Worten, sie streichelt seinen Rücken, die vollen schwarzen Haare, und sie ist selbst ganz verzweifelt, weil sie ihm damit nicht helfen kann.
Endlich stützt sie die Arme auf den Tisch, gräbt die Finger in ihren blonden Haarschopf und beginnt krampfhaft nach einem Ausweg zu suchen. Sie überlegt so angestrengt, daß ihr Gesicht ganz zerknittert ist.
Mein Gott, es müßte ihm doch irgendwie zu helfen sein. Gibt es nicht unzählige reiche Leute, die einem tüchtigen Menschen mit ein paar Brocken ihres großen Vermögens das Leben retten könnten? Sie wollte den sehen, der es fertigbrächte, ihn durch seine Weigerung einfach zu töten, wenn sie ihm die Lage schilderte, wie sie wirklich ist.
Bei diesem Gedanken kommt ihr der großartige Einfall. Sie schreit geradezu auf vor Freude. Ja, das war ein Ausweg, sie wollte es tun!
Sie packt Herrn Gregor bei den Schultern.
»Hören Sie doch, ich kann Ihnen helfen! Sagen Sie mir, wieviel es ist.«
Herr Gregor schüttelt sie ab und flüchtet in eine Ecke des Zimmers. Er dreht ihr den Rücken und trocknet mit einem seidenen Taschentuch seine Tränen.
»Was werden Sie nur von mir denken, daß Sie mich in diesem Zustande sehen? Sie müssen mich verachten«, stammelt er.
»Nein,« sagt sie, »ich verachte Sie nicht. Ich habe sogar den Generaldirektor weinen sehen, damals bei der großen Katastrophe. Er drehte sich um, wie Sie eben, aber an seinen Schultern habe ich es erkannt, daß er weinte. Nun müssen Sie mir wieder Ihr Gesicht zeigen, hier ist ein Schwamm, und dann sagen Sie mir, wie hoch die Summe ist, damit ich Ihnen helfen kann.«
Und weil er sich so ungeschickt mit ihrem Schwamm anstellt, wäscht sie ihm das Gesicht wie dem kleinen Tom und trocknet es mit ihrem Handtuch. Als er sie nun mit einem zagen Lächeln im rotgeriebenen Gesicht ansieht, erinnert er gar nicht mehr an den gepuderten und blasierten jungen Mann von einst, er ist ein großer hilfsbedürftiger Junge, und sie gibt ihm plötzlich einen schallenden Kuß auf die kühlen Lippen. Da packt er sie und will sie nicht wieder loslassen.
»Sie müssen vernünftig werden,« mahnt sie, »Sie sollen mir die Summe nennen, damit ich Ihnen helfen kann.«
»Du kannst mir doch nicht mehr helfen. Es ist jetzt zu spät. Aber allein lassen darfst du mich heute nicht, denn sonst bringe ich mich um.«
Schwester Emmi läßt keinen Menschen sehenden Auges in den Tod gehen. — —
Am nächsten Vormittag kommt sie mit sehr blassem Gesicht zu Herrn Karcher ins Bureau.
»Darf ich hier telephonieren?« fragt sie.
»Ja«, erwidert er. »Aber sind Sie krank?«
»Ach nein«, wehrt sie ab. »Ich habe nur ein sehr wichtiges Telephongespräch, dann bin ich immer vor Aufregung ganz blaß.«
Herr Karcher schweigt, er beobachtet sie über seinen Federhalter hinweg, während sie im Telephonbuch blättert.
Nachdem sich der Teilnehmer gemeldet hat, bittet sie, mit Herrn Stein persönlich zu verbinden. Herr Karcher will nicht indiskret sein, doch es bleibt ihm nichts anderes übrig, als ihre Worte anzuhören, denn sie steht direkt neben seinem Tisch.
»Verreist?« stammelt sie fast tonlos. »Ja — aber — ja, wann kommt er zurück? Heute abend? Ach danke, nein.« Sie scheint zum Schluß noch etwas erleichtert.
»Das ist doch Pech, nicht wahr?« sagt sie erklärend zu Herrn Karcher, »wenn man einen Menschen in so wichtiger Angelegenheit sprechen will, und er ist verreist.«
»Ja, das ist unangenehm. Dann kommen Sie heute abend noch einmal?«
»Ach ja. Aber ich habe gar nicht gefragt, um welche Zeit er zurückkommt und ob ich ihn noch im Bureau antreffe. Das war nämlich in seinem Geschäft. Mein Gott, wie dumm ich bin. Das kommt alles davon, daß ich mich immer so aufrege,wenn ich telephoniere. Was mache ich denn jetzt? Können Sie mir einen Rat geben?«
»Vielleicht rufen Sie da noch einmal an?« schlägt Herr Karcher schüchtern vor.
»Nein, nein. Dann will ich lieber heute nachmittag wiederkommen. — Wenn es Ihnen recht ist.«
»Mir ist es immer recht, Schwester Emmi. Sehr recht ist es mir. Aber Sie haben einen Kummer, Schwester Emmi. Kann ich Ihnen nicht irgendwie beistehen?«
»Was Sie denken! Es ist wirklich nichts«, meint sie mit erzwungenem Lächeln.
»Sie haben mir die Knöpfe angenäht und mir manchmal warmes Essen gebracht, Sie sind immer so gut zu mir gewesen. Warum kann ich Ihnen nicht etwas davon vergelten?«
»Ach, das können Sie doch nicht«, ruft sie ganz verzweifelt aus, so daß sich ihre Stimme überschlägt.
Dann rennt sie ohne Gruß davon. Herr Karcher sieht sie am Fenster vorbeiflüchten. Der kalte Nordwind zerrt an ihren blonden Haaren, daß sie ganz zottelig um ihr kleines Gesicht wehen.
Am Nachmittag kommt sie wieder. Sie ist jetzt viel gefaßter, nur ihre Hand zittert, wie sie nach dem Hörer greift.
Herr Stein ist noch nicht zurück. Er wird um sechs Uhr erwartet.
Da läßt sie sich mit der Generaldirektion verbinden. Sie will Herrn Gregor sprechen. Herr Gregor sei nicht da, wird ihr geantwortet.
»Er ist nur nicht in seinem Zimmer, meinen Sie?« gibt sie gereizt zurück.
»Nein, er ist heute überhaupt nicht gekommen.«
»Das ist doch nicht möglich,« sagt sie empört, »er ist doch heute morgen ins Bureau gegangen —«
Aber da wirft sie den Hörer hin, als ob er ihr die Finger verbrenne. Was hat sie denn da für eine Dummheit gemacht? Wenn er nicht ins Bureau gegangen ist, so hatte er wohl seine Gründe dafür, und es wäre keinem Menschen etwas Besonderes aufgefallen, wenn sie nicht jetzt darauf aufmerksam gemacht hätte. Ihr blieb es vorbehalten, ihn zu verraten.
Sie rennt in dem kleinen Kontor zwischen Tür und Schreibtisch umher und ringt die Hände.
Herr Karcher hat das Telephon in Ordnung gebracht und sieht stumm und hilflos in sein Kontobuch. Es ist fünf Uhr und seine Arbeitszeit war vor einer Stunde beendet. Er mußte länger bleiben, weil Schwester Emmi telephonieren wollte. Was hätte sie denn sonst anfangen sollen? —
Vor dem Hafentor steht Irmgard Pohl, die um fünf Uhr eingeladen war. Sie denkt keinen Augenblick daran, daß Schwester Emmi sie vergessen haben könnte; es werden wichtigeArbeiten genug vorliegen, die sie verhindern, ihr entgegenzugehen.
Das Warten in der schönen klaren Winterluft wäre auch nicht so unangenehm, wenn sie nicht fürchten müßte, Joachim Becker zu begegnen und wenn nicht ein breiter untersetzter Herr mit einem kräftigen Schnurrbart gleichfalls in der Nähe des Wächterhauses spazierenginge. Sie weicht zwar seinen Blicken aus, aber sie fühlt, daß sie von Kopf bis Fuß gemustert wird.
Hinter dem Tor, in der Nähe des Verwaltungsgebäudes, erscheint immer wieder ein kleiner Herr mit gespreiztem Gang, der gleichfalls jemand erwartet. Wenn er auf seinem merkwürdigen Spaziergang in die Nähe des Tores kommt, kann er sie sehen, obgleich sie sich Mühe gibt, ihm auszuweichen. Irmgard weiß nach Schwester Emmis Beschreibungen, daß es der Kapitän ist, sie hat ihn auch oft genug vom Mühlenplatz, jenseits des Kanals, bemerkt, ebenso wie er bei gelegentlichen Blicken zum Nachbarn die Mühle und ihre Angehörigen wohl beobachten kann.
Als er wieder in die Nähe des Tores kommt, gibt sie endlich das Spiel auf. Sie geht zum Wächter und fragt nach der Fürsorgeschwester, so daß der Kapitän es hören kann.
»Wollen Sie hier hinein?« fragt der Kapitän.
Ja, wenn es erlaubt sei und sie Schwester Emmi sprechen könne. Und weil sie glaubt, daß man sich hier als Besucherausweisen muß, fügt sie hinzu: »Ich bin Ihre Nachbarin, Irmgard Pohl.«
»Ah so,« sagt der Kapitän verbindlich, »das ist sehr interessant.« Und dann stellt er sich vor. Sie wird hier ganz und gar als Dame behandelt, obgleich sie nur die Fürsorgeschwester besuchen will.
Er bittet sie in sein Bureau und sendet jemand aus, der Schwester Emmi an ihre vernachlässigten Pflichten als Gastgeberin erinnern soll.
Inzwischen plaudert er mit Irmgard Pohl, als wäre ihm nicht bekannt, daß sie zum Feinde gehöre. Er habe schon lange die Absicht gehabt, ihrem Vater einen Besuch zu machen, und er werde, wenn es erlaubt sei, in den nächsten Tagen vorsprechen.
Irmgard kennt nicht die Absichten der Hafengesellschaft — man hatte bisher nur Rechtsanwalt Bernhard gesandt —, aber sie verspricht, ihren Vater auf den Besuch des Kapitäns vorzubereiten.
Sie ist erleichtert, als endlich Schwester Emmi erscheint, die nicht zu versichern braucht, daß sie über der vielen Arbeit die Einladung vergessen habe — man sieht es ihr an, wie sehr sie überanstrengt und durch den Schrecken über ihre Nachlässigkeit verstört ist.
Irmgard dankt dem Kapitän und will die Teestunde bei Schwester Emmi auf einen anderen Tag verlegen. Doch sie wird mit vielen Worten überredet, zu bleiben. Die Schwesterplaudert unaufhörlich, sie kann gar kein Ende damit finden, sich zu entschuldigen und Erklärungen über ihre Vergeßlichkeit abzugeben.
Was hatte sie ihr alles zeigen wollen! Aber nun ist nicht einmal Gebäck im Haus, und Irmgard muß selbst dafür sorgen, daß sie eine Tasse Tee erhält, denn Schwester Emmi ist sehr zerstreut und läuft wie ein Irrwisch umher, ohne etwas fertigzubringen. Auf dem Tisch liegen noch Zigarettenreste, und das Zimmer ist nicht aufgeräumt. So empfängt man einen Besuch, auf den man sich lange gefreut hat.
Irmgard Pohl hat wohl gemerkt, daß hier etwas nicht in Ordnung ist, es liegt jedoch nicht in ihrer Art, zu fragen. Sie erzählt von dem kleinen Michael und stellt fest, daß der Kapitän ein sehr liebenswürdiger Herr sei. Es war kaum ihre Absicht, sich im Hafen offiziell empfangen zu lassen, aber sie darf mit der freundlichen Aufnahme zufrieden sein.
Schwester Emmi hat sich inzwischen etwas erholt. Sie kann sogar darüber scherzen, was sie für eine schlechte Hausfrau sei.
Als sie sich zum Tee niedergelassen haben, wird die Tür aufgerissen, und Herr Gregor stürzt herein.
»Kannst du mir eine Reisetasche leihen?« fragt er Schwester Emmi hastig, ohne sich mit einem Gruß aufzuhalten, »ich muß sofort geschäftlich verreisen.«
Seine Augen sind starr geradeaus gerichtet, und er sieht nicht, daß noch jemand im Zimmer ist. Irmgard Pohl blickt peinlich berührt in ihre Teetasse.
Schwester Emmi geht schweigend zum Schrank und reicht ihm einen kleinen Koffer. Er reißt ihn ihr aus der Hand und läuft wortlos davon.
Die Schwester bringt auch jetzt noch keinen Ton hervor. Aber in ihrem Gesicht zuckt und kämpft es, daß Irmgard Pohl es kaum mit ansehen kann.
Dann hört man draußen Schritte. Schwester Emmi läuft zur Tür und horcht angespannt. Plötzlich reißt sie die Tür auf.
In diesem Augenblick geht der Kapitän mit zwei Herren vorbei. Der eine ist breit und untersetzt, mit einem kräftigen Schnurrbart. Sie öffnen, ohne anzuklopfen, Herrn Gregors Tür und verschwinden.
Irmgard Pohl versucht, Schwester Emmi, die am Türpfosten lehnt, in das Zimmer zu ziehen. Doch sie ist wie taub, sie stemmt sich gegen alle milden Versuche und bleibt so lange im Korridor, bis einer der beiden Herren mit Herrn Gregor vorbeikommt. Der andere folgt an der Seite des Kapitäns.
Schwester Emmi starrt auf die Handschellen, die man Herrn Gregor angelegt hat. Der Kapitän bleibt vor ihr stehen.
»Der Herr Kommissar will nur die Personalien aufnehmen,« sagt er höflich, »weil Sie die Nachbarin sind. Dürfen wir nähertreten?«
In diesem Augenblick bemerkt er Irmgard Pohl. Er bittet, die Störung zu entschuldigen.
Irmgard, die mit Herzklopfen den Vorgang verfolgt hat und den Herrn wiedererkennt, der sie vor dem Hafeneingang beobachtet hat, steht auf und sagt:
»Bitte. Ich wollte ohnehin gehen.«
»Darf ich vorher auch Ihre Personalien feststellen?« fragt der Beamte.
Sie fährt erschreckt zusammen.
»Ich habe doch mit der Angelegenheit nichts zu tun«, stammelt sie. »Ich bin heute zum erstenmal hier.«
Bei dem Gedanken, daß ihre Personalien in das Protokoll aufgenommen und Joachim Becker vorgelegt werden könnten, packt sie der Mut der Verzweiflung. Sie will ihren Namen auf keinen Fall preisgeben und sieht den Kapitän hilfeflehend an.
Er aber meint: »Es ist lediglich eine Formsache. Die Akten sind vollkommen diskret.«
»Nein, nein«, ruft sie aus. »Ich lasse meinen Namen nicht mit hineinziehen!«
Da erwacht endlich Schwester Emmi aus ihrer Erstarrung.
»Ich kann es beschwören, daß die Dame Herrn Gregor nicht gekannt hat und daß sie heute zum erstenmal hier ist. Sie ist eine frühere Patientin von mir. Ich bin die Fürsorgeschwester vom Hafen.«
Das sind die ersten Worte, die sie seit Herrn Gregors plötzlichem Auftreten und seiner Verhaftung spricht, und sie gelten wieder einer hilfreichen Tat.
Die beiden Herren schweigen.
»Im übrigen«, fügt sie mutig hinzu, »weiß der Herr Kapitän den Namen, und er wird sich denken können, daß die Dame mit der Sache nichts zu schaffen hat.«
Der Kommissar sieht ihn fragend an.
»Wenn Sie auf die Personalien verzichten wollen?« fragt er den Kapitän, als dieser sich nicht äußert.
»Da Sie es selbst vorschlagen — ja.«
Irmgard Pohl darf den Schauplatz verlassen. Sie blickt Schwester Emmi dankerfüllt an. Dann eilt sie mit kurzem Gruß davon.