In Erwartung
A
Als im nächsten Frühjahr das erste Hafenbecken mit den langgestreckten, niedrigen Lagerhallen fertiggestellt war und Waren aus aller Herren Ländern eintrafen, um ausgeladen oder umgeladen zu werden, konnte man wohl von der eigentlichen Eröffnung des Hafenbetriebs reden. Aber man machte nicht viel Wesens davon.
Joachim Becker fährt nach wie vor an jedem Morgen in den Hafen und sieht nach dem Rechten, nicht nur bei den Bauten, sondern auch bei den neuen Aufgaben des Hafens, bei der positiven Arbeit, auf die er lange genug gewartet hat.
Er stellt sich neben den Lademeister und sieht ihm schweigend eine Weile zu, bis der Mann irre wird und einen Fehler begeht; dann hat der Direktor Gelegenheit, zu zeigen, was er alles sieht und was er versteht. Ja, man hat Respekt vor ihm, das muß man sagen, man läßt sich durch seine Gegenwart unsicher machen. Und Joachim Becker findet, daß so alles in Ordnung ist.
Er geht auch zum Kontoristen in das kleine Bureau der Lagerhalle und sagt gutgelaunt:
»Na, bald werden Sie es nicht mehr allein schaffen, was? Wenn im Verwaltungsgebäude die ersten beiden Stockwerke fertig sind, ziehen wir dort ein. Dann können sie an den weiteren Etagen über unseren Köpfen fortbauen.«
»Ach,« meint der Beamte ehrfürchtig, »zieht dann die Direktion hier ein?«
»Die Direktion?« Joachim Becker lacht. »Nein, die Direktion bleibt, wo sie ist. Aber hier werden wir eine Verwaltung einrichten müssen.«
»Ja«, sagt Herr Karcher verständnisvoll, und es liegt ihm fern, zu denken, daß er dann einen besseren Posten einnehmen könnte. Er hat zwanzig Jahre die Papiere und Bücher in Lagergeschäften ordnungsgemäß geführt, und er trägt ein Verzeichnis aller Waren und ihrer unmöglichsten dialektischen und fremdländischen Bezeichnungen im Kopf. Er kannte sich immer in seinen Dokumenten aus, und darauf ist er stolz. Mehr verlangt er von seinem bescheidenen Leben nicht.
Aber nun sieht er manchmal zum Gerüst des Verwaltungsgebäudes hinüber und denkt mit Bestürzung: es wächst und wächst. Er ist mit dem jetzigen Zustand so zufrieden und hätte bei Gott keine Veränderung gewünscht.
Wenn er morgens mit seinem Handbuch zum Hafenbecken kommt, um die Eingänge zu notieren, liegen die Kähne mit den dunklen schweren Leibern in der Sonne. Kinder undHunde laufen auf dem Deck umher, und die Schiffer ziehen ihre Mützen.
»Guten Morgen, Herr Karcher,« sagen sie freundlich und zutraulich und »Ja, das ist ein Frühlingstag«. Das sagen sie an jedem Frühlingstage.
Und Herr Karcher meint, während er die schmalen Schultern wohlig hochzieht und die Hände reibt: »Ja, das laß ich mir gefallen,« und »Ist dort, wo Ihr gestern wart, auch schon der Frühling eingezogen?«
Dann erzählen sie, wie der Frühling zehn oder zwanzig Meilen weiter aussieht, und Herr Karcher hört andächtig zu, bis er plötzlich seiner Kladde gedenkt und einzutragen beginnt.
Dort drüben aber wächst das Verwaltungsgebäude mit jedem Tag, und dann wird die Verwaltung einziehen und ein anderes Regiment führen. Herr Karcher beginnt unter den Strahlen der Frühlingssonne zu frösteln, und wenn die Fürsorgeschwester nicht im Hafen wäre, so könnte er der Melancholie verfallen.
Aber Schwester Emmi kommt in ihrem blaugestreiften Kleid auf zierlichen Füßen daher wie ein Morgengruß und sagt in ihrer stets prächtigen Laune:
»Uff! Das hätten wir getan!«
»Guten Morgen«, pflegt Herr Karcher dann erst ermahnend zu sprechen. »Was hätten wir getan?«
»Guten Morgen«, ruft sie nachträglich, während sie sichauf seine Tischkante setzt. »Eben so unsere ersten Pflichten: eine Suppe auf einen Kahn getragen und ein Kind angezogen und — na so weiter. Einen Finger habe ich heute noch nicht verbunden.«
»Aber hier ist eine Wunde zu heilen«, sagt Herr Gregor, der nun auch auf der Bildfläche erscheint. Er hält ihr seine Wange hin, die einen schmalen Riß sehen läßt.
»Nein, Rasierschnitte unterliegen nicht der Fürsorge«, wendet sie ein, und dabei gibt sie ihm einen kleinen Klaps auf die Schramme.
»Finden Sie,« fragt sie Herrn Karcher, »daß es schön ist, wenn ein Mann sein Gesicht pudert? Und wann, glauben Sie wohl, ist dieser leichtsinnige junge Herr heute nacht heimgekommen?«
»Sind Sie so gut unterrichtet?« fragt Herr Karcher, während Herr Gregor geschmeichelt an seinen Nägeln putzt.
»Jawohl,« erwidert sie, »denn ich kann es in meinem Zimmer deutlich hören. Und auch Frau Reiche hat ihn kontrolliert. Er ist nämlich heute nacht überhaupt nicht nach Hause gekommen. Der Morgenwächter hat ihn erst eingelassen.«
»Aha! Daher die Informationen!« stellt Herr Gregor fest.
»Und dieser Mann ist so naiv, Herrn Gregor für den tüchtigsten Beamten des Hafens zu halten.«
Herr Gregor räuspert sich respektfordernd.
»Er sagte nämlich: ›Herr Gregor hat heute um fünf Uhr schon den Hafen inspiziert.‹«
»Dieses Rhinozeros!« entfährt es dem jungen Mann, den man für würdig hält, so lange Objekt der Unterhaltung zu sein.
Aber da wird Herr Karcher plötzlich ernst und sagt: »Übrigens hat schon jemand von der Direktion nach Ihnen gefragt.«
»So — die haben auch nichts Wichtigeres zu tun!«
Schwester Emmi macht ein sehr bestürztes Gesicht.
»Wer hat nach ihm gefragt? War es der Direktor selbst?«
»Nein, der Direktor ist seit gestern verreist. Er ist ins Ausland gefahren«, sagt Herr Gregor.
»Seine Sekretärin könnte es gewesen sein«, meint Herr Karcher.
»So, diese Pute geht das gar nichts an, wann ich komme.«
»Also eine Frauenstimme. Das ist nur gut«, sagt Schwester Emmi. Ihr Gesicht hellt sich wieder auf. »Aber jetzt gehen Sie wohl, Herr Gregor?«
»Wenn ich hier im Hafen mit meinen Arbeiten fertig bin, werde ich gehen. Diese Herrschaften bilden sich wohl ein, daß ich nur der Pünktlichkeitskontrolle wegen erst ins Stadtbureau fahre und dann für die Hafenarbeiten extra wieder herkomme. Diese Bureaukraten —«
Er vollendet den Satz nicht, sondern steht an der Tür, um draußen weiterzusprechen, in der Erwartung, daß Schwester Emmi ihm folgt. Aber sie bleibt auf der Tischkante sitzen und blickt ihm bekümmert nach.
»Ich dachte, Sie wollten auch an die Arbeit —« sagt er enttäuscht. Sein langes Gesicht ist grau und übernächtig.
»Oh, ich habe heute schon mancherlei getan, aber nun muß ich hier wegen der Unterstützung der kranken Schifferfrau mit der Kasse telephonieren. Sie soll nämlich in ein Krankenhaus.«
»Ich glaubte, bei Frau Reiche wäre dafür auch ein Telephon.«
»Ach ja, aber jetzt bin ich hier.«
»Na, dann viel Vergnügen!« Herr Gregor schmettert wütend die Tür ins Schloß und trottet allein am Kai entlang der Hafenwirtschaft zu. Dieser Schürzenjäger kann keine zehn Schritte mehr ohne weibliche Begleitung gehn, und er ist unzufrieden mit allem, was Röcke trägt.
Schwester Emmi springt vom Schreibtisch herunter und lauscht angespannt auf seine Schritte.
»Warum sind Sie denn nicht mitgegangen?« fragt Herr Karcher, während er sich wieder mit seinen Eintragungen in den Büchern beschäftigt.
»Ach, weil ich nicht wollte.«
Dann schlüpft sie zum Fenster und drückt sich die Nasean den Scheiben platt, um bis ans Ende des Hafenbeckens und bis zur Kantine zu sehen.
»Und dann«, sagt sie nach einer ganzen Weile, nachdem Herr Gregor endlich durch das Hauptportal verschwunden ist, »und dann will er immer noch dieses und jenes erzählen und hält sich auf, und im Bureau warten sie auf ihn. Meinen Sie wirklich, daß es nur die Sekretärin war? Wollte sie etwas Bestimmtes von ihm?«
»Es kann auch jemand von der Personalabteilung gewesen sein. Aber das war sicher nur wegen der üblichen Kontrolle. Vielleicht wollte man auch hören, ob ich auf meinem Posten sei.«
»Nein, das wollte man sicher nicht. Sind Sie in Ihrem Leben schon einmal zu spät gekommen, Herr Karcher?«
»Ja, einmal in zwanzig Jahren.«
»Aber da hat sicherlich ein schwerer Grund vorgelegen?«
»Es war an dem Tage, da meine Frau starb.«
»Ach. Und da sind Sie noch ins Bureau gegangen?«
Herr Karcher sieht auf seinen Federhalter und sagt langsam: »Als ich das Haus verließ, hat sie noch gelebt. Aber ich war sehr unruhig und kam zurück und ging zur Nachbarin und dachte auf der Straße daran, daß ich wieder etwas vergessen hatte, und da bin ich fünf Minuten zu spät gekommen.«
»Fünf Minuten? Ach, da hat sich doch niemand darüber aufgehalten?«
»Doch. Der Vorsteher wurde wütend und brummte: ›Da fängt der auch schon an.‹ Er war knurrig und mochte mich gar nicht sehen, bis dann die Nachbarin kam und sagte, daß meine Frau gestorben sei.«
»Da hat er wohl eine Erklärung gehabt?«
»Jedenfalls.«
»Wie lange liegt das zurück, Herr Karcher?«
»Zehn Jahre.«
»Zehn Jahre. Und seitdem sind Sie immer allein? Ach, du lieber Gott, es ist doch wirklich wahr, da fehlt wieder ein Knopf!«
»Ja, ich habe ihn eingesteckt.«
»Dann geben Sie ihn nur her, man wird sich doch so eines armen Junggesellen annehmen müssen.« Sie zieht schon einen schwarzen Faden und eine Nadel aus ihrer Schürzentasche.
»Nein, so etwas! Was sind Sie für ein hilfreiches und praktisches Menschenkind! Haben Sie das immer so zur Hand?«
»Aber gewiß! Bei meinen Kindern auf den Kähnen und bei den vielen Leuten hier im Hafen gibt es stets allerhand zu nähen. So, nun ist der Schaden bald repariert. Und diese kleine Stelle wollen wir auch gleich etwas zusammenziehen. — Wissen Sie, das ist das Herrliche an meiner Arbeit hier, daß ich sie mir suchen darf. Nachdem der Direktor mich damals engagiert hatte, bin ich zu ihm hingefahren und habeihn gefragt, was ich denn nun zu tun hätte. ›Ja,‹ sagte er, ›das weißichdoch nicht, das werdenSiefinden müssen. Im Hafen sind viele Menschen bei der Arbeit, denen etwas passieren kann. Sie können den Finger quetschen oder krank werden, und wenn einer besonders schlecht aussieht, dann könnte so eine Frau wie Sie ihn vielleicht fragen, was ihm fehlt.‹ Das hat er wirklich gesagt. Und dann meinte er noch: ›Vergessen Sie nicht die Leute auf den Kähnen. Die Schiffer mit ihren Familien sollen sich bei uns wohlfühlen. Sie müssen sich eben immer vor Augen halten, daß Sie die Fürsorgestelle sind.‹ Und dabei betonte er das Wort ›Fürsorge‹ so besonders. Unterwegs, in der Bahn, mußte ich immerfort darüber nachdenken. Schließlich habe ich mir das Wort in zwei Teile zerlegt, und da kam ich dahinter. ›Für Sorge‹ soll ich da sein, für alle Sorgen, um sie zu vertreiben. Und daran will ich mich eben immer halten.«
»Vielleicht hat das Wort aber die Bedeutung von Vorsorge; also vorsorgen, vorbeugen gewissermaßen sollen Sie«, meint Herr Karcher, während er auf ihre flinken Finger sieht.
Sie läßt die Nadel im Stoff stecken und macht ein sehr nachdenkliches Gesicht.
»Nun haben Sie mir alles umgeworfen, und ich kann wieder von neuem anfangen, darüber zu grübeln. Sie mögen auch recht haben. Vorbeugen, sehen Sie, das kann auch in seiner Absicht gewesen sein. Denn wie der Direktormich draußen einmal traf, sagte er: ›Die Kinder der Schiffer laufen hier zwischen den Bauten herum, es könnte ihnen etwas passieren. Vielleicht haben Sie eine Beschäftigung für sie, Spiele oder Handarbeiten, damit sie auf einem Platz gesammelt sind.‹ Ja, an was er alles denkt. Damit also haben wir dem Unglück vorgebeugt.«
Jetzt reißt sie den Faden ab und ist mit ihrer Arbeit fertig.
»War das auch eine dienstliche Verrichtung?« fragt Herr Karcher lächelnd.
»Da müßte ich erst bei der Direktion anfragen.« Sie lacht schelmisch und steckt das Nähzeug wieder in die Tasche. »Ja, nun will ich gehn.« Sie nickt ihm kameradschaftlich zu und verschwindet hinter der Tür. Das beabsichtigte Telephongespräch wird sie wohl doch bei Frau Reiche führen.
Herr Karcher ist wieder mit seinen Büchern allein und betrachtet den festgenähten Knopf. Aber vor dem Fenster sieht er etwas Helles, und das ist Schwester Emmis blaugestreiftes Kleid. Ihr wasserstoffblondes Haar hat dunkle Flecken, weil sie es in seiner natürlichen Farbe nachwachsen läßt. Herr Karcher findet das sehr schön. Plötzlich springt er hoch, reißt beide Fensterflügel auf, daß die neue Ölfarbe kracht, und ruft hinaus:
»Ich habe ja den Dank vergessen!«
Dann schlägt er das Fenster wieder zu und hat den Dank durchaus noch nicht nachgeholt.
Schwester Emmi lacht und wehrt mit großen Armbewegungen ab. Dann geht sie wieder ihres Weges, und Herr Karcher beugt sich über seine Bücher.
So schön könnte es also auch weiterhin in seinem kleinen Kontor sein, wenn nicht plötzlich eine neue Nachricht bombenartig hereingeplatzt wäre.
Wer es zuerst erzählt hat, läßt sich nicht mehr feststellen, jedenfalls ist ein jeder mit dem Gerücht beschäftigt, daß ein neuer Hafendirektor einziehen soll.
Und Joachim Becker? Er ist für die höhere Politik vorgesehen, als Außenminister des Hafens gewissermaßen. Er übernimmt die Generaldirektion in der Stadt und hat im Hafen seinen Direktor. Ja, diese Hafengesellschaft, sie hat ersteinBecken, aberzweiDirektoren, und davon ist der eine sogar ein Generaldirektor und der andere ein richtiger Kapitän.
»Ein Kap'tein?« fragt Schiffer Martens ungläubig.
»Ja,« sagt Lagerverwalter Scholz, »das habe ich gehört, und aus einem großen Seehafen soll er kommen.«
»Düwel! Dann ist er auf den Riesenschiffens über den Großen Teich gefahren. Dat is mien Mann!«
Und er freut sich ordentlich auf seinen großen Kollegen.
Auch der Bodenmeister Ulrich erwartet gern den neuen Mann. Nun würde doch einer kommen, der seiner würdig wäre, einer, der auch die Welt gesehen hat und nicht wie dieser hier immer mit der Nase in der Heimat geblieben istund dabei doch klugschnacken will. Ja, Ulrich ist ein weitgereister Mann. Er war für einen großen Spediteur in Saloniki tätig, und in Rustschuk hat er einen Getreidespeicher mit Elevatoren und allem modernen Kram bedient. Ach, sogar in Konstantinopel ist er gewesen, und wenn er von den Harems erzählt, die er in seinem Leben schon gesehen hat, dann sperren die anderen die Mäuler nur so auf.
Aber daran liegt ihm wenig. Nun würde doch einer kommen, mit dem er auch ein Wort in einer anderen Sprache reden könnte, denn so ein Kapitän versteht natürlich alle Sprachen, zum Beispiel Französisch. Und über das Technische könnte man sich mit ihm richtig fachmännisch unterhalten, über Schiffsbecherwerke und Saugförderanlagen und Krane, über die ganze Ausrüstung, die ein moderner Getreidespeicher heutzutage braucht. Ulrich zweifelt keinen Augenblick daran, daß ein Mann, der in der Welt herumgekommen ist, davon etwas versteht.
Er sieht im Geiste den halbfertigen Getreidespeicher in seiner vollkommenen Größe und mit allen maschinellen Anlagen ausgestattet. Dann ist seine Zeit angebrochen, denn dafür ist er bestimmt, und er wartet nur darauf. Nun aber kommt der Kapitän, der dafür sorgen muß, daß der Bau beschleunigt wird, und daß es ein richtiger und sehenswerter Hafen wird.
So freut sich auch der Bodenmeister Ulrich auf den Kapitän.
Aber da sind einige im Hafen, die ihm mit großer Sorge entgegensehen.
»Brauchen wir schon einen Aufpasser hier im Hafen?« fragt Frau Reiche ihren Mann. »Ich meine, es ist doch bisher ganz gut so gegangen.«
»Wenn die Direktion es für richtig hält, so mag es schon stimmen«, meint der ehemalige Bäckermeister und jetzige Kantinenwirt. Sein blasses, aufgeschwemmtes Gesicht mit den unzähligen Sommersprossen und dem roten Schnurrbart ist in letzter Zeit etwas eingefallen, denn er hat es nun mit Selterwasser und Milch versucht, und das ist nicht das richtige Getränk für einen Mann, der zu vergessen hat, daß er das beste Brot im ganzen Stadtviertel backen konnte, und der nun hinter dem Schanktisch stehen muß, weil es die Frau so will.
»Mag es schon stimmen,« macht sie ihm mit verzogenem Mund nach, »mag es schon stimmen! Du bist auch so einer, der alles für richtig findet, was die Obrigkeit anordnet, ohne einmal selber darüber nachzudenken. Ich bin der Ansicht, wir brauchen noch keinen Kapitän. Dazu sind wir hier noch viel zu klein. Aber der Direktor Becker weiß nicht mehr, wo er hinaus soll mit seinen hohen Plänen, und wenn man ihn sprechen will, so hat er keine Zeit.«
»Das ist auch richtig so. Unsereins hat in seinem Bureau nichts zu suchen. Was er uns zu sagen hat, läßt er uns schon durch Herrn Gregor bestellen.«
»Na, und ist es nicht immer sehr gut gegangen mit Herrn Gregor?« fragt sie triumphierend. »Brauchen wir einen neuen Mann? Warum können sie denn dem Herrn Gregor nicht den Posten geben?«
»Dafür werden sie schon ihre Gründe haben«, sagt ihr Mann und verläßt den Raum.
»Esel«, ruft sie ihm wütend nach. Nein, sie ist gar nicht zufrieden mit dem angekündigten neuen Mann.
Und darin stimmt ihr selbst Herr Gregor zu, der in den letzten Monaten nicht immer ihre Ansichten teilte, und der recht schwer zu lenken war.
»Das wird hier ja recht gemütlich werden«, sagt er zu Herrn Karcher, der über seinen Büchern sitzt und alle Prophezeiungen vom neuen Mann über sich ergehen läßt.
»Haben Sie ihn schon gesehen?« fragt Herr Karcher.
»Nein, den hat noch niemand gesehen. Der Becker hat ihn auf seiner Reise getroffen, er soll von den Reedereien empfohlen sein.«
»Von den Seehafenreedereien?« fragt Herr Karcher, als wüßte er, daß diese Empfehlung dann etwas zu bedeuten habe.
»Jedenfalls von den Seehafenreedereien, denn der Kommerzienrat und der Becker haben dauernd in den Seehäfen Besprechungen gehabt.«
›Was bist du doch für ein kurzsichtiger Mann‹, apostrophiert Herr Karcher sich selbst mit Beschämung. ›Da denkstdu, es könnte alles so bleiben, wie es ist: mit einem halbstündigen Morgenbesuch des Direktors, mit Herrn Gregor und Schwester Emmi. Doch mit dem Kapitän und den Reedereien wird es schon seine besondere Bewandtnis haben. IndiePläne siehst du nicht hinein, aber für die Weiterentwicklung des Hafens und für dieses ganze Riesenprojekt werden sie schon ungeheuer viel bedeuten. Wenn es nach dir ginge, könnte man die ganzen in den Hafen gesteckten Millionen in den Schornstein schreiben‹. Er ist bereit, sich den Beschlüssen der obersten Leitung ohne Kritik zu fügen.
»Der wird schon der rechte schneidige Mann sein«, setzt Herr Gregor seinen Gedankengang fort. »Da der Becker ihn ausgesucht hat, ist er sicher einer von seinem Kaliber: hochmütig, scharf und kurz angebunden.«
Herr Karcher schweigt.
»Aber es mag auch sein,« überlegt Herr Gregor weiter, »daß er das Gegenteil davon ist: ein Duckmäuser. Denn man kann vermuten, daß der Becker nicht einen von seiner Art neben sich duldet, das gäbe ja eine unliebsame Konkurrenz. Und wenn man der Schwiegersohn ist, darf man sich schon einen persönlichen Geschmack leisten.«
»Ja, Herr Gregor,« meint der andere, während er, über den eigenen Mut errötend, auf seinen Federhalter starrt, »Sie sind wie der Kammerdiener, der seinen Herrn in Unterhosen sieht. Sie wollen nicht die Größe an ihm erkennen, weil Sie ihn zu sehr aus der Nähe betrachten.«
Herr Gregor starrt den kleinen Mann verblüfft an. Er begreift den Sinn seiner Worte erst allmählich, sie waren aus diesem Munde gar zu überraschend gekommen. Nun möchte er sich am liebsten in Positur setzen und solche Bemerkungen aufs strengste untersagen, aber er überlegt, daß er jetzt einige Freunde im Hafen sehr nötig gebrauchen wird, da der Feind im Anrücken ist. Denn nur so und nicht anders kann er den Kapitän betrachten.
»Auf jeden Fall,« schließt er seine Erwägungen, ohne der unpassenden Äußerung Beachtung zu schenken, »auf jeden Fall haben wir dann einen Schnüffler mehr.«
Auch Schwester Emmi fürchtet sich ein wenig vor dem neuen Mann. Zuallererst denkt sie daran, wie dann dem armen Herrn Gregor zugesetzt würde, der nun, nach der Rückkehr Joachim Beckers, zwar pünktlicher geworden ist, aber doch jede Kontrolle haßt. Ja, er ist ein freier Mann, ein Herrenmensch, aber man erkennt nicht seine besondere Art an, und darum grollt die kleine Schwester dem Direktor, so sehr sie ihn auch sonst zu schätzen gezwungen ist.
Und wie würde es bei dem neuen Kapitän um ihre eigene Tätigkeit bestellt sein? Ob es dann auch heißen würde: die Arbeit müssen Sie selbst finden? Ach, sie hat soviel gefunden, und bis zum späten Abend ist sie auf den Beinen.
Im Winter hat sie ganz allein dafür gesorgt, daß die Schifferkinder vom Winterlager auch die Schule besuchtenund für das im Sommer versäumte Pensum Nachhilfen erhielten. Ihr ist es zu verdanken, daß vom entfernt gelegenen Südbecken, in dem wegen der Sprengungen die meisten Gefahren für die Arbeiter lauern, eine direkte Telephonleitung in ihre kleine Wohnung gelegt wurde, damit sie bei Unfällen sofort gerufen werden kann. Sie ist immer schnell zur Hand gewesen und hat manchem die erste Hilfe geleistet. Selbst auf das Gelände der Verhüttungsgesellschaft, die im kleinen mit der Förderung der Erze begonnen hat, war sie schon geholt worden, und sie ist eher erschienen als der Arzt von der Rettungsstation, der ihren fachmännischen Verband rühmte.
Jetzt hat sie den Bauarbeitern sagen lassen, wer schwächliche Kinder habe, solle es melden, sie werde für eine Unterbringung in den Ferienkolonien sorgen, denn sie hat die Unterstützung der Stadt. Für einige Kinder des Hafenpersonals aber, das immer eine bevorzugte Stellung einnimmt, weil es doch die eigentlichen Angehörigen des Hafens sind, hat sie bei einem Dorfschullehrer in ihrer Heimat einen schönen Ferienaufenthalt gesichert. Joachim Becker setzte ihr einen bestimmten Betrag dafür aus, als sie ihm zaghaft den Vorschlag machte, und sie hat lange gerechnet und überlegt und das Geld gut verteilt. Das Lob des Direktors, der mit seinen kühlen grauen Augen immer kurz in ihr Gesicht blickt, wenn sie von ihren Plänen spricht, ließ sie erröten. Sehr aufgeregt und ängstlich ist sie stets in das Stadtbureau gefahren,wenn sie ein besonderes Anliegen hatte, aber auf dem Heimweg war sie immer von großem Stolz und Glück erfüllt.
Wenn sie sich um Herrn Gregors leibliches und seelisches Wohl ein wenig besorgt zeigt und ihm zuweilen abends noch einige Blumen ins Zimmer trägt, auch wenn er nicht zu Hause ist — und er ist abends oft nicht da —, so erfüllt sie doch menschliche Pflichten an ihrem nächsten Nachbarn, denn sie wohnen im Gebäude der Hafenwirtschaft Tür an Tür. Sie sucht ihn auf diese Weise ans Haus zu fesseln, damit er am nächsten Tage seinen Aufgaben für die Hafengesellschaft um so besser nachkomme, und wenn sie ihn auch einmal begleitet, so geschieht das nur, weil sie ihn vor schlechter Gesellschaft bewahren will. Ist das nicht eine Motivierung, die sich auch vor dem neuen Kapitän sehen lassen kann?
Und daß Frau Reiche, die Kantinenwirtin, die in der ersten Zeit ihre Freundin war, sich nun als Feindin entpuppte, verdankt sie nur ihren Bemühungen, Herrn Gregor dem verderblichen Einfluß zu entziehen! Doch das ist ein Kapitel für sich.
Sie ist nicht im reinen darüber, ob der neue Mann etwas Gutes oder Böses in ihr Leben hineinbringen werde, und weil sie weder mit Herrn Gregor noch mit Frau Reiche, die ihn beide als den Feind betrachten, in Ruhe darüber sprechen kann, und weil auch Herr Karcher nur von Respektsgefühlenerfüllt ist, ohne sich eine eigene Meinung zu erlauben, hat sie das Bedürfnis, zur Mühle hinüberzugehen, um mit Irmgard Pohl zu plaudern oder gar einige Worte von Herrn Pohl selbst zu hören.
Seitdem sie in den Hafen übergesiedelt ist, hat es sie oft zur Mühle hingezogen, und sie ist das verbindende Element zwischen Hafen und Mühle, obgleich Rechtsanwalt Bernhard seinen Prozeß in der ersten Instanz verloren hat und an die Einsicht eines höheren Gerichtshofes appelliert.
Irmgard sitzt auf der Bank vor dem Hause und zeigt dem kleinen Michael die Blumenpracht des Gartens. Sie spricht mit dem Knaben, der eben ein Jahr alt geworden ist, wie mit einem Erwachsenen und bekommt ein lustiges Krähen und Jauchzen zur Antwort.
›Wie langsam entwickelt sich so ein Menschenleben,‹ denkt sie, während sie das Kind im Arm hält, ›und wie schnell wachsen die menschlichen Werke!‹ Sie blickt zum Hafen hinüber: dort hat der Getreidespeicher sein drittes Stockwerk wieder erreicht, im Hafenbecken liegen die Flußschiffe in zwei Reihen, und die Kräne recken vor den Lagerhallen ihre schwarzen Arme in die Höhe.
Das ist etwas Fertiges in sich, etwas Hochgewachsenes und vollkommen Ausgestattetes, an dem nichts mehr zu verbessern scheint, aber ein Mensch ist in der gleichen Zeit nur einige Zentimeter gewachsen, er hat kaum sprechen und gehen gelernt, und wenn er schließlich zweiundzwanzig Jahre alt istwie Irmgard Pohl, dann glaubt er wieder am Anfang zu stehen und beginnt erst an seiner Inneneinrichtung zu bauen.
Sie wird in ihren Gedankengängen von Schwester Emmi unterbrochen, die den Knaben mit entzückten Lauten begrüßt.
»Nein, wie er wieder gewachsen ist!« ruft sie einmal über das andere, »und was für ein reizender und gesunder Kerl!«
Sie setzt sich auf den schöngepflegten Rasen und nimmt das Kind in ihren Schoß. Während sie mit dem Kleinen spielt, erzählt sie vom erwarteten neuen Mann im Hafen. Dabei lacht sie und neckt den Knaben. So einen lustigen Kameraden hat er nicht alle Tage, und er weiß die Minuten mit genießerischer Freude auszukosten.
Frau Pohl tritt, von dem Lärm angezogen, vor die Tür und sieht mißbilligend auf die Zerstörung ihres Gartens, denn nach ihrer Auffassung ist die grüne Rasenfläche nur für den Anblick bestimmt. Sie kann sich seit einigen Wochen schon ohne Stock bewegen.
Schwester Emmi will aufstehen, um sie zu begrüßen, denn sie hat sehr viel Respekt vor der hochgewachsenen Frau mit den harten Gesichtszügen, die ihr immer noch als Wesen einer anderen Welt erscheint. Ihre unbewußte Abneigung gegen die Wiederauferstandene sucht sie durch eine besonders erzwungene Freundlichkeit und Aufgeräumtheit zu verbergen.Aber nun kann sie ihr nicht einmal entgegengehen, denn der kleine Tyrann will seinen Platz nicht aufgeben und beginnt zu schreien, sobald sie sich erheben will.
So ruft sie einen lauten Gruß hinüber und lacht. Frau Pohl nickt kaum merklich und sagt zu ihrer Tochter:
»Ich wollte dich zum Kaffee rufen, du benachrichtigst wohl den Vater?« Sie hat keine Einladung für den Gast.
»Ja, gern«, sagt Irmgard freundlich. »Schwester Emmi wird uns Gesellschaft leisten. Wir wollen doch noch ein wenig plaudern.«
»Soll ich zu Herrn Pohl hinüberspringen?« fragt die Schwester, die gern aus dem Gesichtskreis der unfreundlichen Frau verschwinden möchte.
»Ach ja,« sagt Irmgard, »das ist lieb von Ihnen«, und sie nimmt ihr den Knaben ab, der sich über die Folgen der Veränderung noch nicht schlüssig ist und schweigt.
»Gib mir den Jungen«, sagt Frau Pohl rasch, und sie geht mit dem schreienden Kind ins Haus.
»Aber kommen Sie auch zurück!« ruft Irmgard der Schwester nach. Sie kennt den ersten Eindruck, den Fremde von der Mutter gern schnell wieder davontragen.
Schwester Emmi winkt ihr beruhigend zu und verschwindet im Kontor der Mühle.
»Ei sieh da!« ruft der Mühlenbesitzer aus, als sie nach zaghaftem Klopfen in sein Zimmer tritt. »Kehrt unsere Schwester reumütig zurück?«
»Ach ja,« sagt sie, auf den Scherz eingehend, »und nun will ich Sie zum Kaffee abholen.«
Er erhebt sich und geht ihr entgegen.
»Da soll ich wohl gleich mitkommen?«
»Sofort, wie ein Verhafteter!«
Er nimmt seine Mütze vom Haken und öffnet der Schwester die Tür.
Schwester Emmi will den kurzen Weg rasch für eine Aussprache nutzen und beginnt zu plaudern.
»Wissen Sie, Herr Pohl, Ihr Vorschlag neulich mit der kleinen Apotheke im Schuppen am Südbecken war wirklich sehr gut. Die Verhüttungsgesellschaft hat sich daran beteiligt, weil sie es doch so weit bis zur nächsten Hilfsstelle hat und noch gar keine richtigen Gebäude besitzt. Nun ist das für alle eine sehr große Erleichterung, denn gerade dort passiert doch mal dieses und jenes.«
»So. Findet denn die Verhüttungsgesellschaft da drüben schon Erze?«
»Ja, das muß man annehmen. Aber was meinen Sie, Herr Pohl,« schießt sie nun auf ihr Ziel zu, »was wird das wohl für ein Mensch sein, dieser neue Kapitän, den wir jetzt bekommen sollen?«
»Bekommt ihr einen Kapitän?«
»Ja, einen neuen Hafendirektor, der bei uns wohnen soll und auch sein Bureau im Hafen haben wird. Das Erdgeschoß im Verwaltungsgebäude haben sie schon dafüreingerichtet, jetzt arbeiten sie an der Wohnung im ersten Stock.«
»So. Was soll denn nun der andere Direktor?«
»Der wird Generaldirektor im Stadtbureau. Aber was meinen Sie, wie kann das werden mit so einem Kapitän im Hafen?«
»Hm, da müßte man den Mann schon gesehen haben.«
Ach ja, da hatte er recht, was sollte man jetzt schon sagen können? Sie stellt auch gar zu törichte Fragen an diesen reifen und erfahrenen Mann. Aber er hört sie geduldig an und gibt sogar eine Antwort darauf.
Sie sind im Haus angelangt, und Schwester Emmi hätte sich auf den Kaffee am schönen runden Tisch sicherlich sehr gefreut, wenn noch alles so wie damals gewesen wäre, als Frau Pohl »oben« lag und am Leben der Gegenwart keinen Anteil nahm.
Nun sind über das Sofa und den Lehnstuhl am Fenster die alten Häkeldecken gebreitet, die Irmgard damals entfernt hatte, Nippes, Tischchen und anderer kleiner Hausrat hat das Zimmer so gefüllt, daß man sich nicht zu rühren wagt.
Schwester Emmi fühlt sich sehr unbehaglich. Sie beobachtet verstohlen die beiden Frauen und stellt fest, daß Irmgard die Züge und die hohe schmale Figur der Mutter hat. Aber was bei der alten Frau, die eine Greisin scheint, obgleich sie noch nicht fünfzig Jahre zählt, hartund streng gebildet ist, wirkt bei Irmgard weich und ausgeglichen.
›Was hat sie doch jetzt für ein liebes freundliches Gesicht‹, denkt die Schwester, wenn sie Irmgard Pohl betrachtet, die nun wieder ganz verjüngt wirkt. Sie empfindet den Kontrast neben der schweigsamen Frau wohltuend und erwärmend. Die schönen goldbraunen Augen Irmgards streifen besorgt ihre Mutter und bleiben mit großer Zärtlichkeit am Gesicht des Vaters haften.
Die Unterhaltung bewegt sich fast nur zwischen Irmgard und der Schwester. Sie sprechen von den Eigenheiten und drolligen Bemerkungen des kleinen Michael. Während der Mahlzeiten muß er im Schlafzimmer bleiben, denn Frau Pohl ist nicht für Unruhe und Unregelmäßigkeiten bei Tisch.
Dann unterhalten sie sich von den Aufgaben der Fürsorgestelle. Herr Pohl erkundigt sich nach den Ferienkindern und lobt Schwester Emmis Eifer und Erfolge. Sie ist sehr stolz darüber.
Frau Pohl vertritt die Ansicht, daß solche Fürsorge für die verwahrlosten Kinder der Arbeiter, die es gar nicht besser haben wollen, übertrieben sei, und sieht Schwester Emmi mißbilligend an.
Die Schwester blickt auf Vater und Tochter, aber weil beide rücksichtsvoll schweigen, entgegnet sie nur, daß »ihre« Leute Ausnahmen seien. Dann verabschiedet sie sich bald, weil ihre Pflichten warten.
Irmgard nimmt ihr das Versprechen ab, wiederzukommen, aber Frau Pohl sagt zu ihrer Tochter, als Schwester Emmi gegangen ist:
»Diese Person scheint nicht der geeignete Umgang für dich. Sie macht einen leichtsinnigen Eindruck und kann dich nicht zum Guten beeinflussen.«
»Ach, Mutter,« sagt Irmgard, »hast du so wenig Vertrauen zu mir? Aber wenn du wegen meines Umganges besorgt bist, will ich mich am besten an den Vater halten. — Nimmst du mich mit?« fragt sie den Mühlenbesitzer, der sich erhoben hat, um wieder in sein Kontor zu gehen.
»Ich dachte, du deckst hier den Tisch ab«, sagt Frau Pohl.
»Sie kann mir im Kontor bei den schriftlichen Arbeiten helfen«, meint Herr Pohl einlenkend.
Irmgard ist ihm so dankbar für diese Worte, daß sie um seinetwillen rasch in die Küche läuft und das Hausmädchen holt, damit es der Mutter bei der Arbeit hilft.
Im Vorgarten hat sie den Vater bereits wieder eingeholt. Sie hängt sich in seinen Arm und fragt ihn:
»Könntest du mich nicht in deinem Bureau einstellen? Ich will auch gern noch einen Handelskursus mitmachen.«
Da bleibt er stehen und sieht ihr in das erwartungsvolle Gesicht:
»Siehst du, das habe ich auch gedacht!«
Und wie zwei gute Kameraden gehen sie Arm in Arm weiter.
Irmgard läßt sich in seinem Privatkontor auf das alte schwarze Ledersofa fallen, das sie schon als Kind zu stillen Träumereien aufgenommen hatte, während der Vater an seinem Schreibtisch arbeitete oder die Zeitung las.
In diesem Raum hat sich der Mühlenbesitzer von jeher am wohlsten gefühlt, denn drüben im Wohnhaus fand er keine Harmonie. Dort wird wieder von morgens bis abends nach einem unerschütterlichen, strengen Arbeitsplan gefegt, gewaschen, genäht, und keine Hand darf ruhn. Wie soll da die Seele Einkehr halten und ein Herz das andere finden? Aber er hat es aufgegeben, ein Prediger in der Wüste zu sein.
Michael Pohl dreht sich auf seinem Arbeitssessel um und blickt zu seiner Tochter hinüber, die mit verschränkten Armen lächelnd vor sich hinträumt.
»Was meinst du,« fragt er, »wie sollte man sich in einem solchen Fall verhalten?« Und er liest ihr einen Geschäftsbrief vor.
Es ist nicht das erstemal, daß er sie um einen Rat fragt, und seht an: so eine Frau findet manchmal den besseren Weg und scheint klüger als zwei Männer zusammen.
»Ja, so könnte man es machen«, sagt er befriedigt. Er dreht sich wieder um und überläßt sie weiter ihren Grübeleien.
Sie denkt, wie es wohl mit einem Generaldirektor und einem Kapitän im unfertigen Hafen gehen würde, und sieversucht, sich ein Bild von diesem Kapitän zu machen, der Joachim Becker zur Seite gestellt wird.
Darin aber stimmt sie mit allen überein, die den neuen Mann als Freund oder Feind erwarten: Ein richtiger Kapitän muß es sein, groß, mit wiegendem Gang und breiten Schultern, mit hellen blauen Augen und in einem dunkelblauen Anzug.