Vita somnium breve

Vita somnium breve

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Die Frauen heben die Ohnmächtige auf und legen sie über das Bett. Und siehe: die Glieder sind leicht und gelöst, sie lassen sich biegen und bewegen. Der Schrecken hat die Gelähmte von ihrem Bann befreit. Sie, die seit fünf Jahren das Bett nicht verlassen hat, konnte die Treppen hinabgehen, und erst hier, neben dem Kinde, das sie für ihren Sohn hielt, brach sie zusammen.

Sie massieren den kalten Körper, packen ihn in angewärmte Decken. Das Blut beginnt zu kreisen, leise rührt sich die Kranke, sie hebt einen Arm, sie öffnet die Augen. Ihr Blick aber ist nicht ausdruckslos und ohne Richtung. Er umfaßt die Tochter, und leise, zärtlich fragt sie:

»Bist du es, Irmgard?«

»Ja, Mutter.« Es ist seit fünf Jahren zum erstenmal, daß sie aus diesem Munde ihren Namen hört.

»Wie geht es unserem Michael?«

»Er ist gesund, Mutter.«

»Willst du ihn mir einmal geben, meinen kleinen Sohn?« Und es ist wiederum seit fünf Jahren zum erstenmal, daß sie nach dem Kinde verlangt. Ihre Stimme klingt sanft, erfüllt vom bangen Gefühl für das mütterlich verschenkte Leben.

Irmgard Pohl nimmt zitternd den Knaben, Joachim Beckers Sohn, aus den Kissen und legt ihn der Mutter in den Arm.

»Er schläft, immer schläft er,« flüstert die Kranke, »er wird stark und gesund werden, ich habe es gewußt.«

Sie lehnt ihr mageres Gesicht hingegeben an den warmen kleinen Leib.

»Und nun leg' ihn wieder hierher, daß er in meiner Nähe bleibt, dann will ich schlafen. Ich bin noch sehr müde und schwach. Er hat mir so viel Kräfte genommen, unser Stammhalter« fügt sie schmerzlich lächelnd hinzu.

Fünf Jahre sind aus ihrem Gedächtnis gelöscht, hier liegt ihr Sohn voll Leben und Wärme, und sie wendet sich auf die Seite zu dem langen, erquickenden Schlaf, der die jungen Mütter nach ihrer großen Stunde umfängt.

»Ich habe es geahnt, daß sie damit zu heilen ist«, flüstert Schwester Emmi, als sie die Tür hinter sich schließen, Irmgard und sie, die sich nun zur Wirklichkeit zurückfinden.

Sie suchen Verbandzeug und Tücher, soviel die Schwester tragen kann, und dann geht sie hinüber zur Unfallstätte, während Irmgard hier Wache hält und auf den Vater wartet.

Der Mühlenbesitzer ist in der Stadt gewesen, während das Unglück geschah. Auf dem Heimwege, in der Bahn, wird bereits davon gesprochen. Und er eilt mit schwachen Füßen über die Föhrbrücke, er, der so kräftig in seinen hohen Stiefelnzu stapfen gewohnt ist. Aber sein Haus steht da, hell und mit bunten Fensterrahmen, auch sein Speicher steht und seine Mühle.

Nun erst blickt er auf die Verwüstungen im Nachbargelände. Ist es nicht, als hätte Gottes Hand diesen Bau von Stein und Eisen umgelegt, der wie ein Denkmal für verlorenes Menschentum vor seinen Augen aufgewachsen war? Gleich einer großen mahnenden Faust ragen die verbogenen Eisensparren über dem verfallenen Gestein. Und Michael Pohl streicht allen Haß aus seinem Herzen.

Irmgard geht ihrem Vater entgegen und berichtet flüsternd von dem Vorfall im eigenen Hause.

»Nun können wir ihm seinen Namen geben«, sagt sie zum Schluß. »Er heißt Michael.«

Als die Schwester endlich bei der Unglücksstätte anlangt, sind schon Ärzte und freiwillige Helfer da. Sie reißen ihr die Tücher aus den Händen und geben ihr Arbeit, soviel sie nur schaffen kann.

Auch die Neugierigen fehlen nicht und die Reporter, die bei solchen Ereignissen immer zufällig in der Nähe sind. Sie haben den Schaden bereits gezählt und stürzen an das Telephon der Hafenwirtschaft. Frau Reiche richtet die Zimmer und Betten für die Verwundeten.

»Großes Explosionsunglück beim Hafenbau!« melden die Extrablätter in der Stadt, und die Maschinen stampfen es schon in die Abendausgaben. »15 Tote! 46 Verwundete.Der halbfertige Getreidespeicher zerstört! Das Nordbecken von den Trümmern verschüttet! Millionenschaden! Untersuchungen über die Ursache sind im Gange.«

Joachim Becker war kaum vom Hafen zurückgekehrt, als ihm das Unglück gemeldet wurde.

Nun steht er wieder an der Stelle, wo er vor einer Stunde seine Befehle gab, und spürt zum ersten Male in seinem jungen, von Arbeit und Erfolgen prall erfüllten Leben den Hammer eines unerbittlichen Geschickes.

Und zum ersten Male ist ein Stillstand in ihm eingetreten. Er findet sich im alten Schuppen, der mit seinen Holzwänden noch unbeschädigt an die Vergangenheit gemahnt, und sieht der flinken blonden Schwester zu, die lautlos an den Opfern vorbeihuscht und ihre Zahl auf einem Zettel notiert.

»Es sind bis jetzt 28 Tote«, haucht sie beklommen an der Tür. Joachim Becker nimmt es unbewußt auf und richtet seine entspannten Augen, die in dem hellen offenen Gesicht sich dunkelnd vertiefen, über das Gelände mit den Trümmerhaufen, dem zerwühlten Becken, das wie ein Krater schwarz und naß die Arbeitenden verschluckt hat; er sieht die aufgeregt hastenden Menschen, die Krankenwagen, die Verwundeten und die Toten.

Und er sieht noch einmal das fertige Werk seiner wirklichkeitsnahen Träume: eine Reihe von langen und breiten Hafenbecken mit Tausend-Tonnen-Schiffen in vier Reihen, Speicher und Verladebrücken, die schwarz aufragenden Armeder Krane, das Turmhaus der Verwaltung, den Freihafen mit seinen direkten Ladungen aus aller Welt. Daneben aber die Siedlungen für die dem Teufel Alkohol entronnenen Arbeiter, helle Häuser mit Blumen in den Gärten, die Badehallen und Schwimmanstalten, die Spielplätze für die Kinder und die Sportwiesen für die menschgewordenen Sklaven der Arbeit. Nein, nicht mehr Sklaven sieht er: freie Menschen, dem Lichte zurückgegeben, den uralten Straßen — den Wasserwegen mit der staubfreien Luft und den grünen Ufern — wiedergeschenkt.

Hier aber liegen seine ersten Helfer: in die Erde gewühlt, unter Trümmern begraben, verstümmelt für die letzte kurze Strecke ihres Lebens; von Schmerzen verzerrt.

Er folgt ohne Bewußtheit der Krankenschwester, die hier eine schluchzende Frau in den Arm nimmt und tröstet, dort einem Verwundeten den Verband anlegt. Er findet sich in der Hafenwirtschaft, im großen Raum mit eilig gerichteten Krankenlagern und sieht, wie seine »freien Menschen« auf Bahren gepackt und zu den Krankenwagen davongetragen werden. Er sitzt auf einer Kiste und betrachtet die leichten Bewegungen der Schwester, die das Verbandzeug zurechtlegt und auf weitere Verwundete wartet. Er hört seine eigene Stimme wie die eines Fremden, als er fragt:

»Sind Sie von der Rettungsstation?«

»Nein,« gibt Schwester Emmi leise zur Antwort, »ich war in der Nähe, als das Unglück geschah.«

»Wir werden wohl noch oft solche Hilfe brauchen«, sagt er müde. »Wenn Sie wollen, können Sie zu uns kommen — für unsere Fürsorgestelle«, fügt er, nach dem ersten aufbauenden Gedanken, hinzu.

Schwester Emmi neigt sich über ihre Verbandrollen. Man gibt ihr ein Amt, eine große und verantwortungsvolle Aufgabe, und man fragt nicht: wer bist du, woher kommst du, was hast du gelernt und — wie steht es mit den moralischen Qualitäten für den Posten? Man sagt: wenndu willst— Und sie blickt mit ihren tränenüberströmten Augen zu Joachim Becker empor. Da steht er rasch auf und verläßt wortlos den Raum.

Wie sie später, nachdem alle Verwundeten in die Krankenhäuser geschafft und die Toten aufgebahrt sind, am Hafendirektor vorbeikommt, wagt sie nicht mehr, ihm zu danken.

Er diktiert einem Manne: »38 Tote, 75 Verwundete. Erste Explosion beim Ausladen im Tor des Getreidespeichers. Ursache nicht aufgeklärt. Durch Entzündung der auf dem Wagen befindlichen restlichen Sprengstoffe ein Teil des Nordbeckens verschüttet. Die feuersicheren fertigen Kelleranlagen des Speichers fast unversehrt. Materialschaden nicht bedeutend.«

Schwester Emmi schlüpft scheu vorbei.

Aber vor Irmgard Pohl ist sie in ihrer Erregung ungehemmt. Sie berichtet unter Tränen — nicht mehr von dem, das die vielen betraf. Sie hatte ihnen geholfen, wortlos,selbstverständlich. Nun aber steht ihr eigenes Schicksal im Vordergrund.

»Als er sich umdrehte,« sagt sie, »so plötzlich, daß sein Gesicht nicht mehr zu sehen war, da wußte ich, daß ich diesen Menschen doch niemals hassen könnte.«

Und mit den Gefühlen der Angestellten vor dem höchsten Vorgesetzten fügt sie hinzu: »Ich glaube, daß er weinen kann wie wir.«

Irmgard Pohl streicht mit ihrer ruhigen Hand über die Haare der Schwester. »Ich wußte es, daß er kein schlechter Mensch ist«, sagt sie leise. »Wenn ihm doch Gott alles zum Guten führen wollte!«


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