Die Freite.

Die Freite.

Also nun war es wieder November geworden. Trübe Tage. Der Oktober war noch einmal licht und freundlich gewesen, und das Land hatte weit und breit klar gelegen. Nur am Morgen waren die Nebel aufgezogen, lang und dicht das Selztal hin, aber bald war die Sonne gekommen und hatte sie vertrieben. Da hatten sie dann in den Weiden und Erlen in losen Fetzen geflattert, bis die auch verflogen waren und nur in den ausgespannten Spinnennetzen als dünne glitzernde Perlchen eine Spur zurückgelassen hatten. Es waren so schöne Tage gewesen, die Oktobertage diesmal, und man hatte noch einmal ans Leben gedacht, als wär's Sommer, hatte hinaus gedacht zu den Menschen, ins Weite und Gesellige.

Und nun war's November und trübe, und man war mit seinem ganzen Sinnen und Sorgen zurückgetrieben in seine vier Wände, in die Enge, und man mußte sich einrichten auf den Winter, auf Frost und Feuchte, auf die lange tote und unliebe Zeit.

Nun blieb die Wiesenmühle ganz abgeschlossen von der Welt. Niemand mehr, der im Felde arbeitete. Höchstens vielleicht, wenn es Eis gab, daß die Eismacher herauskamen. Dann die paar Bauern, die mahlen ließen. Es waren nicht mehr viel. Die Hauptsache war schon weggemahlen, das wenige, das noch in den Scheunen lag, das war nicht mehr der Mühe wert.

Die Wiesenmühle hatte sehr nachgelassen in den letzten Jahren. Alles fuhr nach der mittleren Mühle, die dem Jerrisepp gehörte, weil dahin die neue Chaussee vorbeiführte und die Bauern bequemer anfahren konnten, als den holprigen Feldweg zur Wiesenmühle hin. Der war nun fein heraus, der Jerrisepp. Oben, die Ecklocher Mühle, hat auch fast gar nichts mehr zu mahlen, die Kettenmühle hätte auch fast das Rad abstellen können. Nur noch ein paar alte Kunden waren ihr treu geblieben, und nur dadurch, daß der Kettenmüller eine Bäckerei eingerichtet hatte, hatte er sich über Wasser halten können.

Der Wiesenmüller war keiner von denen, die sich allzu viel Sorgen machten. Im Gegenteil, er gönnte es dem Schlauberger Jerrisepp, daß er so viel zu tun hatte. Er dachte, das würde auch einmal wieder anders werden, und die vier Mühlen liefen wieder wie in guten Jahren, da sie Tag und Nacht geklappert hatten und keiner dem anderen Neid getragen hatte. Wozu auch neiden! Damit schadet man sich nur selbst und ändert die Dinge doch nicht.

Vor ein paar Tagen, bei dem hellen Oktoberwetter, hatte der Wiesenmüller noch gern droben gestanden am Giebelfenster und hatte über die Wiesen hin hinauf zum Jerrisepp gesehen, ob noch tüchtig die Kornwagen bei ihm einfuhren. Und richtig, der ganze Hof stand ihm noch voll. Aber dann hatte der schöne Sonnenschein den Blick weiter gelockt, und er hatte nach dem Dorfe gesehen, wo die Schornsteine rauchten und woher die Glocken klangen, klar und rein herüber in den stillen Mühlengrund, in dem die Töne verhallten wie in einem weiten Dom. Er war nicht von Sorgen bedrückt. Er und seine Frau, sie hatten genug zusammengebracht und genug zusammen errungen, wenn es auch einmal einen Winter lang gar nichts war, sie verhungerten noch nicht. Was sie zum Leben brauchten, das wuchs auf ihren Feldern um die Mühle herum, und was sonst nötig war, das konnte von den Zinsen bestritten werden, wenn die Kasse leer wurde. Nein, es war dem Wiesenmüller leicht und froh sogar ums Herz, wie er da oben stand. Der Himmel war so klar und rein wie frisch ausgewaschen, und das Land war so voll von seltenen Farben, wie man sie sonst im Jahre gar nicht sah, und die Sonne hatte etwas so Mildes und Zartes, wie wenn sich eine Mutter über die Wiege von ihrem Neugeborenen bückt. Er wußte gar nicht, was es war und wie er es sich klarmachen sollte. Er kannte doch das Land und hatte es zu den verschiedensten Zeiten gesehen, aber so schön und anziehend hatte es noch nie dagelegen, soweit er sich erinnern konnte. Es lockte ordentlich hinaus, und man konnte sich gar nicht vorstellen, daß der Winter vor der Tür stünde. Er dachte daran, daß er am Sonntag einmal mit seiner Frau und seiner Tochter ins Dorf gehen könnte, den »Neuen« zu probieren. Ja, das könnte man wirklich einmal, es war ganz gut, sich von Zeit zu Zeit im Wirtshaus sehen zu lassen. Sonst wurde man den Leuten ganz fremd und muffelte sich so in sein Alleinsein ein, daß kein Mensch mehr etwas mit einem zu tun haben wollte und die Welt einen gar nicht mehr verstand. Er summte ein altes Liedchen vor sich hin. Dann pfiff er. Und weil in der Mühle der Gang jetzt leer gelaufen war, hallte die Schelle laut zu ihm herauf, daß er aus seiner Stimmung gerissen wurde und ein barsches Hallo! hinunterrief. Dann ging er, aufzuschütten. Aber das behielt er sich, daß er am Sonntag ins Dorf zum »Neuen« gehen wollte.

Da er aber am Sonntag aufwachte und zum Fenster hinaussah, war alles in dichten Nebel gehüllt, daß man keine drei Schritt weit sehen konnte. Und der Wiesenmüller sagte nichts zu seinen Leuten vom »Neuen« und behielt seinen Gedanken für sich. Aber er sagte zu seiner Frau, daß man jetzt an den Winter denken und sich verwahren müsse.

***

Richtig, am Montag, in aller Frühe, saß er denn auch schon auf seiner Scheunentenne am langhalmigen Stroh und legte sich's zu Schichten und Wulsten, machte dann eine Strohtür für den Stall, rahmte Fenster und Haustür mit Strohzöpfen ein, stopfte sonst noch zu, was die Kälte hereinlassen konnte, die Keller– und Dachluken, die Löcher in den Stalltüren und die Tröge des Schweinestalles. Die Wasserpumpe und die Pfuhlpumpe umwickelte er so geschickt mit den hellen Strohzöpfen, daß sie ordentlich stolz aussahen und so recht behaglich in ihren warmen Kleidern dastanden, wie junge Mädchen, die zum erstenmal die neuen Wintermäntel anhaben.

Die Müllerin saß indessen drin am wärmenden Kastenofen und strickte warme Wintersocken und Knie– und Pulswärmer. Sie stopfte die Fausthandschuhe Und sah auch die wollene Strumpfkappe des Müllers nach, ob nicht die Motten Löcher hineingefressen hätten oder eine Masche aufgegangen war. Es war eine recht mechanische Arbeit, und sie duselte von Zeit zu Zeit ein kleines Weilchen drüber ein und nickte ein Stückelchen herunter. Wenn dann die Schelle am Mahlgang riß, fuhr sie auf und strickte oder stopfte hastig weiter und sah sich jedesmal dabei ein wenig in der Stube um, ob sie niemand beobachtet hatte, obgleich sie wußte, daß sie allein war.

Nur für die Eve, die einzige Tochter, brachte die Zeit nichts Neues und keine Veränderung. Sie besorgte die Arbeit in der Küche, und Sommer wie Winter wollten die Menschen ihren Tisch gedeckt haben, und das Vieh wollte sein Futter; Küche und Stube und Ställe brachten immer die gleiche Arbeit. Nur die Feldarbeit fiel freilich ein paar Wochen lang weg. Dafür half sie der Mutter etwas bei ihren Ausbesserungen, wenn sie mit dem anderen fertig war.

Die Eve tat ihre Arbeit mit Fleiß und Lust. Es freute sie, etwas hinter sich zu bringen, was es war, war ihr gleich. Sie wußte, es war auf der Welt keinem Menschen etwas gespart. Warum sollte es ihr sein. Und sie schaffte ja auch für sich selbst. Wenn's für andere Leute wäre, ja dann wär's eher zum Murren und Überdrüssigwerden, aber so. Sie war eine vergnügliche Natur, freute sich, mit jemand zu plaudern, hörte gern Neuigkeiten, fragte gern aus — was hatte sie denn auch sonst hier draußen in der Abgelegenheit! — sang gelegentlich ein Liedchen und lief gern in die Kirche. Sie konnte den Rosenkranz aus dem »ff« beten. Und das war so bequem. Dabei konnte sie sich in der Kirche umsehen — links ein bißchen herausschielen, rechts ein bißchen — und das Lippenwerk ging immer weiter, und wenn die Kirche aus war, waren es nur wenige, von denen sie nicht gewußt hätte, was sie anhatten und was sie auf dem Kopfe trugen, wer etwas Neues hatte und wer nur immer und ewig dasselbe trug. Selten auch, daß sie sich in ihren Berechnungen getäuscht hatte, wenn sie im Dorfe fragte, ob denn da und dort das Kleine noch nicht angekommen sei.

Es stimmte denn auch fast immer, und wenn es einmal nicht stimmte, so war daran ein Grund schuld, den die Eve nicht vorher hatte wissen können. Aber alles, was sie von den Menschen wußte, das plauderte sie nicht weiter aus. Sie sagte keinem etwas Böses nach. Nur ihrer Mutter erzählte sie die Dorfmirakel, und die war schon so abgestumpft, die hörte sie nur mit einem halben Ohr. Die Eve war keine Ausmacherin. Sie war nur neugierig. Sie ließ sich mehr erzählen, als sie selber erzählte. Und von jedermann war sie wohl gelitten, wenn sie auch einige eine »Trutschel« nannten. Das waren aber meist solche, die bei dem alten Wiesenmüller abgefahren waren, wenn sie um die Eve angehalten hatten. Denn der alte Wiesenmüller, so ein guter Kerl er auch war, vormachen ließ er sich doch nichts. Er wußte ganz genau, daß es den Werbern nicht um die Eve zu tun war, sondern um das, was sie mitbekam, und da sagte er immer nein. Ganz hart und schroff. Die Eve war nicht schön. Der Müller wußte das. Ihr eckig Gesicht verlockte keinen. Darum war's keinem zu tun. Aber die einzige Tochter, der einmal das ganze Vermögen zufiel, das stach ihnen in die Augen. Zudem hatte die Eve zu keinem eine besondere Zuneigung verraten, und der Müller war noch aus der alten Zeit, in der man gemeint hatte, zum Heiraten gehöre auch noch etwas anderes, als nur ein Schrank voll Weißzeug, ein paar Verschreibungen, ein Bündel blaue Scheine, und die Frau nur so als Dreingabe, weil man sich ja trösten konnte, daß bei Nacht alle Katzen grau sind. Und seine Verweigerung mußte die Eve dann büßen. Sie wurde eine dumme »Trutschel« genannt.

Wer aber die Leute ein bißchen besser kannte, wußte, daß da ein paar Füchsen die Trauben zu sauer gewesen waren, und sie lachten sich heimlich ins Fäustchen.

So ging also die Zeit herum und brachte keine Veränderung in der Mühle. Der November war feucht und neblig, und wenn die Müllersleute abends beisammen saßen, sagte die Eve einmal: »Es ist doch schade um den schönen Oktober, es war doch gar so schön Wetter!«

Die Mutter nickte der Eve zu. Der Vater aber murrte: »Dumm Gered, das ich nit hör'n kann. Nix ist schad. Der Oktober ist da, daß er vergeht, damit auch der November vergehen kann. Du solltest's nur mal erleben, 's ganze Jahr Mai oder 's ganze Jahr dein schöner Oktober, da könntest du bald blau pfeifen, sag' ich dir. Man muß die Feste nehmen, wie sie fallen, und 's Wetter, wie's wird. Alles andere ist Weibergewäsch und hat keinen Wert. Fertig! Und wenn's Frühjahr kommt, dann fangen wir wieder von vorn an und tun unser Bestes, das wir tun können. Fertig. Und das ist das Richtige!«

»Du bist doch ein alter Brummbär,« sagte die Müllerin.

»Ich jammer nur nit, weiter gar nix. Wer anders besser zu seinem Teil kommt, meinetwegen. Ich mach's auf meine Art. Fertig!«

***

Es war wieder Sonntag. Wieder hatte er mit dem dicken Nebel begonnen, der wie lauter graue Wolle war. Aber es schien, die Sonne könnte ihn heute packen. Sie hing schon den ganzen Morgen als blasse Scheibe am Himmel, und man sah sie von früh an ihren stillen Weg gehen, wenn sie auch verborgen war. Da es gegen Mittag ging, hatte sie richtig den Sieg davongetragen. Sie glänzte im Blauen, daß man ihr nicht ins Antlitz sehen konnte. Und die ganzen Wiesen glitzerten, und an den Gerten der Weiden glitzerte es.

Die Eve spülte das Eßgeschirr und sah von Zeit zu Zeit an dem Küchenfenster vor ihr hinaus übers Land. Es war ihr ganz seltsam zumute. Gerade als ob sie etwas erwarte. Als wenn draußen ein Wind stehe, fest in die Weiden und Pappeln am Bach gekeilt und jeden Augenblick sich losmachen könnte und heranbrausen. Aber nein, das war es gar nicht. Gar nichts Brausendes. Etwas Stilles und Sanftes. Als wenn jeden Augenblick die Glocken vom Dorf herüberklingen müßten. Oder als ob ein Festzug den Weg herkommen müßte, jetzt oben um die Ecke herum und dann die Wegbiegung lang und weiter her nach der Mühle zu. Der Eve schienen die Wege so leer heute. Gerade als verlangten sie es, daß etwas auf ihnen vorgehe, daß über sie geschritten werde. Ach, sie war ja dumm. Nichts war natürlich von all dem, es war einfach Sonntag, und die Sonne schien, die Wiesen glitzerten, und der Himmel hatte so ein tiefes Blau, besonders wenn man zwischen den Bäumen durchsah, so blau, wie wenn eine Waschfrau zu viel Bläue in die Bütte tut. Das war es einfach, und da juckte es ihr in den Kleidern, als stecke sie in einem rauhen Bockfell drin.

Die Eva spülte weiter. Aber die Augen gingen ihr doch immer wieder hoch durch das Fenster hinaus und zogen die Wege hin, die zwischen den Wiesen sich krümmten und sich oben im grauen Feld, das stellenweise von der Feuchtigkeit ganz tiefbraun war, verloren. Sie unterbrach ihre Arbeit nicht, aber ihre Gedanken waren nicht dabei.

Und immer wieder sah sie nach den drei Mühlen, die ganz hellklar in der Sonne lagen, während die ihre abseits im Dämmer und in der schlummerigen Feuchte träumte.

Die Eltern saßen drin in der Stube und erzählten sich, was sie auf dem Kirchgang des Morgens im Dorf alles gehört hatten. Der Vater trommelte dazu auf der Fensterbank und trat den Takt mit dem Fuße, und die weiß und rot gefleckte Katze schnurrte hinterm Ofen. Die Mühle lief. Aber sie lief leer, und der Müller hatte heute keine Lust, aufzuschütten.

»Der Jerrisepp ist heut so scheu an uns vorbeigegangen,« sagte die Mutter.

»So, scheu? Hast du das gemerkt? Na, ich kann nit wissen, was er hat. Und wenn er was hat, kann er's doch sagen. Wir haben uns nie was nachgetragen, wir vier Müller, und hatten auch nie keinen Futterneid.«

»Es heißt, er soll sich verheiraten wollen. Wenigstens sagen's die Leute.«

»Mein, was die Leute sagen. Aber 's könnt ja auch schon sein. Warum nit? Er ist länger Junggesell geblieben, als es andere aushalten. Und eine Frau ernähren, das kann er.«

»Du meinst, lang genug gesucht hätt' er?«

»Meinetwegen heiß' es so,« meinte der Alte dazu. »Was der Jerrisepp macht, macht er vorsichtig und sicher, alles was wahr ist.«

»Auch uns die Kunden abspannen.«

»Auch das. Aber wann er's fertig bringt, bringt er's halt fertig. An seiner Mühl' vorbei geht halt die Chaussee, da braucht er sich kein extra Müh' zu geben. Und das will ich auch nit von ihm denken, daß er sich darin extra Müh' gäb. Die Tauben, die einem in den Schlag fliegen, die fängt man halt. Ich tät's auch so machen, warum nit?«

»Ich sag's ja immer, daß du die Menschen nit verstehst. Und dadrum hast du auch immer 's Nachsehen.«

»So, Mutter, meinst das? Na ja, vielleicht hast recht. Es kann aber auch sein, daß du nit recht hast. Guck, gönn's doch dem Jerrisepp. Es war doch ein bißchen zurückgegangen bei ihm, durch die viele Krankheit, seit sein Vater hat ins Gras beißen müssen. Dann immer die kranke Mutter und die kranke Schwester, bis sich der liebe Gott erbarmt hat und sie alle beide abgerufen.«

»Das ist ja nit unwahr —«

»Und na ja, wir haben gerade genug. Wir haben nur die Eve, und es ist nit zu gering, was wir der einmal mitgeben können. Und was wir brauchen, das bringt uns noch die Mühl', und kommt später einmal ein anderer Müller herein, so soll er halt auch tun, was ich auch einmal hab' tun müssen. Aber jetzt bin ich dazu zu alt. Dazu muß man jung sein. Also brummel nit und gönn's dem Jerrisepp.«

Er trommelte heftiger und trat fest den Takt. Die Katze schnurrte und der Sägemann auf dem Kastenofen setzte nur geschwinder seine Arbeit fort. Die Alten waren jetzt still und sannen vor sich hin.

Draußen klapperten die Teller und Schüsseln. Die Eve spülte eifrig. Man konnte es in der Stube hören trotz dem Gang der Mühle.

Plötzlich hörte das auf.

»Kann die Eve denn schon fertig sein?« fragte der Vater.

»Kann gar nit sein,« antwortete die Mutter.

Nun lauschten die beiden Alten.

Aber draußen blieb es still. Denn die Eve stand am Fenster und blickte über die Wege, die Hand mit dem Spüllappen noch in der Spülschüssel. Sie war vorhin schon aufmerksam geworden. Wer kam denn da den Pfad her? Da oben kam jemand.

Sie äugte scharf.

»Der Jerrisepp! Jesses, der Jerrisepp! Rein und heilig!«

Aber was war denn dabei, wenn es wirklich der Jerrisepp war? Wie oft war der den Wiesenpfad schon gegangen, und es war ihr nichts drüber eingefallen. Warum denn heute?

Sie fing wieder an zu spülen?

Aber war er's denn wirklich? Sie guckte sich halb die Augen aus. Wahrhaftig, er war's. Und er ging den Pfad nach ihrer Mühle zu.

Am Feldweg da oben konnte er freilich noch abbiegen. Sie wollte sehen. Und sie hörte wieder mit dem Spülen auf. Nein, er ging geradeaus weiter. Jetzt über den Steg.

Er konnte doch nicht da oben an seinen Acker gehen wollen. Was hätte er da jetzt sehen können? Gar nichts.

Nein, er ging den Pfad weiter und weiter herunter. Jetzt war er an der Selz selbst und ging über die weiße Brücke. Na ja, nun war's sicher, er kam zu ihnen.

Der Eve schlug das Herz, hart und rasch. Sie wußte gar nicht warum. Sie konnte es gar nicht begreifen. Was ging sie der Jerrisepp an? Wie konnte ihr der Jerrisepp das verursachen? Er war ihr doch kein Fremder. Er war freilich lange nicht hüben gewesen. Allerdings. Aber das war doch kein Grund. Früher war er öfter gekommen. Aber was lag am Jerrisepp? Er war der nächste Nachbar. Fertig!

»Fertig!« sagte sie. Sie gewöhnte sich das immer mehr vom Vater an. Aber es war doch nicht fertig. Sie mußte immer wieder aufhören und nach dem einfältigen Jerrisepp sehen. Er ging ordentlich feierlich heut. Oder kam ihr das nur so vor? Er hatte sich fein gemacht. Das wollene Tuch um seinen Hals war funkelnagelneu. Und auf der Kappe saß kein Riebelchen Mehlstaub.

»Vater,« rief sie in die Stube, »ich glaub' der Jerrisepp kommt zu uns!«

»Gut, soll er kommen,« sagte der Vater.

Dann spülte die Eve weiter. Und zwar guckte sie nun auch nicht mehr auf. Der Jerrisepp war jetzt nach der Mühle hereingebogen und vom Fenster aus nicht mehr zu sehen.

Der Cäsar schlug an. Die Eve rief ihm zu. Da war er still und ließ den Jerrisepp passieren. Gleich darauf ging die Haustür. Der Jerrisepp trat ein.

Er ging direkt auf die Stubentür zu und klopfte an.

Als er eintrat, legte die Müllerin ihr Strickzeug in den Schoß, und der Müller hörte einen Augenblick auf zu trommeln.

»Bist lang nit dagewesen, Jerrisepp!«

»Ihr auch nit bei mir, Nachbar. Und alle Gebot kommen, geht doch auch nit.«

Es war in beider Reden etwas wie ein spitzer Ton, ohne daß sie's beide beabsichtigten.

»Ja,« lachte der alte Müller, »ich kann halt immer nüber gucken zu dir, bis in dein' Haustür hinein, da brauch ich nit zu dir zu gehen.«

»Ja, freilich,« stichelte der Jerrisepp, »da habt ihr auch sehen können, daß ich tüchtig zu mahlen hatt' den Monat?«

Er lächelte spitzbübisch.

»Ja,« sagte der alte Müller, »und ich hab' dir's von Herzen gegönnt.«

Der Jerrisepp besann sich. Er war betroffen. Es hatte so gütig geklungen. Er war ein bißchen verwirrt.

»Euer Mühl' läuft leer, Nachbar,« entfuhr es ihm. Dabei wurde er rot.

»Die feiert Sonntag heut,« erwiderte lächelnd der Müller. »Man muß so einer Mühl' auch ihren Sonntag gönnen.«

Nun war der Jerrisepp ganz geschlagen. Um so mehr verwirrt wurde er. Er wußte nicht mehr zu unterscheiden, was gut und was nicht gut zu reden wäre. Und er hatte sich doch alles ganz genau ausgedacht gehabt, was er sagen wollte.

Der Jerrisepp verwurstelte sich noch weiter. »Mein' Mühl' kann ich halt nit Sonntag feiern lassen, das verträgt's nit. Es ist halt, daß ich durch die neu' Chaussee so einen guten Weg gekriegt hab'. Die Fuhrleut' wollen doch die holprigen Feldweg' heutigestags nit machen. Drum ist's halt was anders bei Euch, Nachbar. Den langen Feldweg scheuen sie halt all.«

»Und kommen aber doch,« fuhr die Müllerin nun heraus.

Der alte Müller bekam einen roten Kopf. Er trommelte sehr laut.

»Willst dich nit setzen, Jerrisepp?« fragte er. Der Jerrisepp tat's.

»Bei dei'm Großvater und mei'm Vater, Jerrisepp, wie ich noch Bub war und an dich noch kein Mensch gedacht hat, war's anders. Jeder hatt' damals sein gleich Teil.«

»Ja,« sagte der Jerrisepp, »so wie's bei den Menschen ist, daß die einen alt werden und die anderen jung, so ist's auch mit den Mühlen. Das eine überlebt sich, daß andere erhebt sich.«

»Hm!« knurrte der Alte.

»Ich hab' sogar noch weiter gedacht. Ich seh' ein, daß die Müllerei muß zugrunde gehen, wenn sie nit ein bißchen aufgeholfen kriegt. Durch die Müller mein' ich. Die alten Einrichtungen taugen nit mehr. Ich hab' mir Bücher angeschafft, die fürs neue sind. »Der praktische Mühlenbauer«, »Unsere Mühleneinrichtungen«, »Dampf– und Wassermühlen«, und noch so ein paar. Man kann ja nit alles brauchen, was da grad drinsteht, aber manches ist doch richtig und gut. Ich will jetzt die Sach' anders einrichten. Zuerst mal das Wasser besser ausnutzen. Das geht ja so nit mehr. Alle paar Tag' verschlammt, und wann am meisten zu mahlen ist, am wenigsten Wasser. Alleweil drückt sich's nit so mit der Arbeit, da kriegt man eher jemand und braucht auch die höchste Löhn' nit zu bezahlen. Ich hab' mir drum für morgen fünf, sechs Mann bestellt, ich heb die Bach vor der Mühl' aus, faß das Wasser enger und leit's hoch und mach mein Rad oberschlächtig.«

»Was tausend!« knurrte der Müller.

»Dann rechne ich, geht's wieder zehn, fünfzehn Jahre. Und gehts dann nit mehr und man erlebt's noch, so kost's halt eine Dampfmaschine.«

»Jerrisepp,« fuhr es der Müllerin heraus, »daß du dann so einen hohen Schornstein bauen müßt?«

»Gewiß, Nachbar'n, man muß mit der Zeit gehn. Wer das richtig tut, wird nix dabei verlier'n, aber zugucken, wie's dort weitergeht und doch still sitzenbleiben auf sei'm alten Fleckelchen, das führt zu nix. Ja, und was ich sagen wollt, Nachbar, mit dem Wasser das, Ihr müßt auch dabei was tun. Ich kann dann mit wenig Wasser mahlen, aber bei dem schlechten Zustand von der Bach wird's bei Euch dann erst recht hapern. 's ist halt alles verschlammt, und Euer Gefäll ist so gut wie keins. Die Hauptkraft nehm' ich dann weg, wie gesagt, weil das Wasser dann kein' Gewalt von oben mehr für Euch hat.«

»Ich hab' aber das Wassergerecht schon von alten Zeiten her,« protestierte hier der Müller.

»Ganz recht, Nachbar, das Wassergerecht wird Euch auch nit genommen, nur das Wasser wird seine Kraft verlieren. Und unser Mühl' ist auch nit jünger wie Eure. Bloß hab' ich den Vorteil, daß ich oben lieg und Ihr unten, und daß ich also vor Euch das Wasser hab'.«

Der Alte sah, daß ihn der Jerrisepp festhatte. Und der Jerrisepp sah, daß sich das Blättchen gewendet hatte. Nun galt's, den Vorteil ausnützen. Der Alte brummelte etwas vor sich hin, das der Jerrisepp nicht verstand.

»Es ist ja vorauszusehen, Nachbar, und darüber muß man sich klar sein, wenn ich mein' Betrieb in die Höhe bring, geht Eurer herunter. Das liegt auf der Hand. Weismachen wollen wir uns nix. Was ist, das ist. Aber ich hab' mir gedacht, da wär' doch abzuhelfen. Ich denk' immer bloß nit von heut auf morgen, auch auf übermorgen. Und da hab' ich gemeint, Ihr macht einfach ganz zu, Nachbar!«

Der Müller fuhr auf. Und die Müllerin gab der Katze einen Tritt.

»Radikalkur!« sagte der Alte. »Ich bedank mich aber schön.«

Aber der Jerrisepp war jetzt im Zug.

»Ihr seid alt und habt genug geschafft Euer Lebtag, Ihr könnt jetzt ausruhen. Was ich vom Werk brauchen kann, das nehmen wir heraus, und ich bezahl's Euch so gut, als es zu bezahlen ist. Ihr zieht herüber zu mir, ich setz noch einen Kniestock auf mein' Mühl' — und, die Eve wird mein' Frau, und der eine Betrieb nährt uns besser, als die zwei, wo Ihr nix habt, und ich am End' auch nur Euer Feindschaft. Es will alles beraten und bedacht sein im Leben, und ein fetter Ochs ist allemal noch besser als zwei magere Küh', das mein' ich.«

Der Jerrisepp war während dieser Rede doch erregt geworden. Es war ja auch nicht leicht gewesen, das mit der Eve, und er hatte seine Kappe rasch in den Händen gedreht, wie's heraus mußte.

Der alte Müller hatte heftig getrommelt und den Takt getreten, die Müllerin machte noch große Augen und schien gar nicht zu sich zu kommen. So halb etwas Glänzendes war nämlich in ihren Augen.

»Das wär' schon ein Plan,« stammelte sie.

Aber der alte Müller guckte sie streng an, daß sie sich ganz zusammennahm und ihre weitere Rede für sich behielt.

Es blieb still zwischen den dreien.

»Ihr müßt mir doch sagen Nachbar,« unterbrach der Jerrisepp das Schweigen, »daß ich's gut mit Euch mein'.«

Das löste die Spannung beim alten Wiesenmüller.

»Auf Gnad' und Barmherzigkeit, Jerrisepp, nein, dadrauf sind wir doch noch nit angewiesen. Nit wahr, Mutter? Wir haben all unser Tag redlich geschafft und hausgehalten, und wann wir ruhen wollen, ruhen wir daheim, wo wir alt geworden sind und wo wir auch sterben wollen. Nit wahr, Mutter?«

Das hatte sehr traurig und bitter geklungen.

Aus den Augen der Müllerin war nun das Glänzende geschwunden. Sie waren trübe geworden, und sie mußte sich schnäuzen.

»So ist das aber nit gemeint, Nachbar, und so ist das auch nit zu verstehen. Ihr seid ja dann bei Eurer Tochter.«

»Hm, hm!«

Dann war's wieder eine Weile still.

Die Tür ging auf, und Eve steckte den Kopf herein.

»Soll ich den Kaffee bringen?« fragte sie.

»Ja, bring ihn,« sagte der Vater.

Der Jerrisepp trank eine Schale Kaffee mit und aß ein Stückchen Apfelkuchen, den die Müllerin alle Sonntage backte, sobald es Äpfel gab und solange es gab.

Es wurde nun vom Wetter geredet und den Kartoffeln und von den Reben und der Traubenernte. Der Jerrisepp meinte, man müsse sich auf eine neue Pflanzung besinnen, es sei ja doch schon lange nichts mehr mit den Reben.

»Du willst aber gerad' alles umstürzen,« spöttelte darauf der Wiesenmüller.

»Es kann nit alles ewig halten. Menschenwerk ist nit für die Ewigkeit,« erwiderte ihm der Jerrisepp mit Nachdruck.

Die Mutter wechselte einen Blick mit der Eve und zog die Augenbrauen hoch. Die Eve lächelte und wurde rot. Sie guckte in ihre Kaffeeschale und rührte verlegen den Zucker.

Als der Kaffee getrunken war, trug die Eve ab. Und als sie draußen war und der Jerrisepp sich mit einem scharfen Blick nach der Tür vergewissert hatte, daß die Eve außer Hörweite war, fragte er: »Nun, wie ist's, Nachbar, habt Ihr Euch besonnen?«

»Allerdings,« sagte der Wiesenmüller, »und zwar so, daß nix draus werden kann. Wir sind noch nit so weit, die Mutter und ich, daß wir aus dem Haus zu gehen brauchen auf Gnad' und Barmherzigkeit. In unseren Jahren aber außerdem, geht man nur aus sei'm Haus, wann man hinausgetragen wird auf den Kirchhof. Bis dahin —«

»Hm, hm,« machte nun der Jerrisepp. Er lächelte verschmitzt in sich hinein.

»Das ist ganz schön, Nachbar, aber ob's nit doch vernünftiger wär' —«

»Du guckst's mit deinen Augen an, ich mit meinen, da sieht's jeder auf eine andere Vernünftigkeit.«

»Also brauchen wir nix mehr zu reden?«

»Dadrüber vorläufig nit. Nein, das wollen wir doch noch mal ein bißchen abwarten.«

»Hm, hm! Wie Ihr wollt, Nachbar.«

Dann ging der Jerrisepp, und lächelte auch dann noch verschmitzt vor sich hin. — —

In dieser Woche blieb plötzlich die Wiesenmühle stillstehen. Der Müller sah nach, es fehlte an Wasser. Wie ausgetrunken war der Bach. Das hatte der Jerrisepp gemacht. Er schaffte oben sechs Mann hoch. Nun, der Wiesenmüller wollte den Frieden bewahren und wartete noch ein paar Tage. Aber das Wasser kam nicht. Endlich lief ein dünnes Rinnsal. Und als es mehr wurde, war's recht schwach und träge. Da es nicht besser werden wollte, schickte der Wiesenmüller die Eve hinauf zum Jerrisepp, fragen, wann er denn mit seiner Arbeit fertig sein werde. Sie sei schon fertig, brachte die Eve Antwort. Es hatte schon immer so wie so an einem tüchtigen Gefäll gehapert, nun war ihm alle Kraft genommen. Droben beim Jerrisepp war's fein eingefangen und hoch gelegt und rauschte es nur so übers Rad. Dann hatte er's unterhalb der Mühle ganz tief gelegt, so daß es sich nur so faul durch die Wiesen hinsickerte bis es zur Wiesenmühle kam.

Das ging dem Wiesenmüller denn doch über die Hutschnur. Er band sein Halstuch um und ging ins Dorf zum Bürgermeister. Da erfuhr er, daß der Jerrisepp die Genehmigung eingeholt und alles ordnungsgemäß vorgelegt und begründet hatte. Es war freilich nicht gesagt, daß er der Wiesenmühle das Wasser schwächen werde, aber es war genug damit, daß er ihr es nicht genommen hatte. Wenn er seine Wasserverhältnisse verbesserte, so war das ja ganz natürlich. An dem Wiesenmüller sein Wasserrecht war nicht gerührt, wenigstens nach Ansicht des Bürgermeisters. Das übrige müßten dann freilich die Advokaten besorgen. Der Wiesenmüller kratzte sich hinter den Ohren. Schon wenn er das Wort Advokat hörte. Er hatte sich vorgenommen, im Leben keinen Prozeß mehr zu führen, nachdem er vor langen Jahren den ersten verloren hatte. Da hatte er gesehen, was das kostet. Es war wegen eines Äckerchens damals gewesen: gegen den Bruder seiner Frau. Das Äckerchen ging dabei verloren und zwei andere noch dazu.

Der Wiesenmüller besann sich unterwegs, wie er die Sache auf gütlichem Wege schlichten könne. Er dachte an den Paul Ludwig. Das war der Müller von der Ecklocher Mühle. Der mußte einmal mit dem Jerrisepp reden, ehe es zur Klage kam und das Gericht sich in die Sache mischte.

Der Paul Ludwig war ein sonderbarer Kauz. Seit Jahren war er nicht aus seiner Mühle herausgekommen. Um die Menschen kümmerte er sich gar nicht. Er hatte nur seine Mühle, das Feld, die Wolken und seine Pfeife. Er war der Wetterkenner. Morgens in aller Frühe reckte er den Kopf aus seinem kleinen Mühlenfensterchen heraus und schaute sich nach dem Wetter um. Und das geschah so noch ein paarmal am Tage. Er wußte ganz genau Bescheid. Wenn der Paul Ludwig sagte, daß es zur Kirchweih regnen werde, so konnte man ganz sicher sein, daß es eintraf. Wenn ein Verein ein Fest feiern wollte, ging man erst zum Paul Ludwig, um ihn wegen des Wetters zu befragen. Das meiste Ansehen hatte der Paul Ludwig gewonnen, als er die schlechten Weinjahre prophezeit hatte. Und sie waren alle so eingetroffen, wie er es vorausgesagt hatte. Er beobachtete alles, die Kleeblüte und den Bienenflug, die Vogelstimmen und den Nestbau der Vögel, und noch viele ganz natürliche Dinge, die er den Leuten gar nicht sagte, wenn sie ihn fragten. Außerdem putzte er die Schwarzwälder Uhren aus, wenn sie stehen geblieben waren, und ölte sie auch ein. Er konnte alles. Nichts, was er nicht hätte bosseln können. Er reparierte sogar den Musikanten des Dorfes die Instrumente, und wenn sich einer einen ganzen Tag lang abgemüht hatte, den Stimmstock in einer Geige zu stellen und es ihm doch nicht gelungen war, so ging er eben zum Paul Ludwig, der machte es im Handumdrehen. Wie aber der Bienenstand vom Paul Ludwig aussah, so schön gab's keinen mehr in der ganzen Gegend.

Von den Umgestaltungen, die der Jerrisepp mit seinem Wasser und in seiner Mühle vorgenommen hatte, war ihm schon erzählt worden, aber so sehr er sich dafür interessierte, hingegangen wäre er nicht. Nun ihn der Wiesenmüller bat, ihm den Vermittler zu spielen, war's ihm gerade recht, das war ihm eine Gelegenheit, sich die Arbeit vom Jerrisepp anzusehen. Er stülpte also sein besseres Käppchen auf, zündete seinen Kloben noch einmal an, steckte sich ein Päckchen Tabak ein und ging hin zum Jerrisepp.

Der Jerrisepp zeigte ihm alles, die ganzen Verbesserungen und Einrichtungen, und der Paul Ludwig guckte ganz genau. Sagen tat er nicht viel. Höchstens mal ein »Hm, hm,« oder mal ein paar tiefere Züge aus der Pfeife. Das war schon ein bedeutender Beifall. Der Jerrisepp freute sich. Wenn es einer verstand, war es der Paul Ludwig. Und er guckte ins allerkleinste und einzelnste. Alles stieberte er aus. Aber von der Sache mit dem Wiesenmüller sagte er nichts. Die hatte er ganz über dem Neuen, was er da sah, vergessen. Und sie zählte ihm auch nicht mehr, nachdem was er gesehen hatte. Er hatte vielmehr einen richtigen Respekt vor dem Jerrisepp gewonnen. So was hätte er dem gar nicht zugetraut. Der war doch ein dicker Duckmäuser, der. Und daß er jetzt so freundlich und bereitwillig im Zeigen war, das war lauter Stolz von dem. Aber, dachte der Paul Ludwig, was schadet's! Er darf stolz sein. Was er da gemacht hat, hat wirklich Hand und Fuß und kann sich sehen lassen. Dumm nur, daß man nicht schon früher darauf gekommen ist. Die Welt macht doch Fortschritte. Es war schon richtig düster, als er ging. Und er war schon ein Stück Wegs gegangen, da fiel ihm der Wiesenmüller wieder ein. So ging er noch einmal zurück. Aber nun wußte er gar nicht, was er sagen sollte. Es war ja alles richtig und in seiner Ordnung.

»Du, Jerrisepp,« sagte er, »der Wiesenmüller beklagt sich, er hat kein Wasser.«

»Die Wiesenmühl' hat zu Lebtag noch nit viel Wasser gehabt. Und soll ich vielleicht dem Wiesenmüller Wasser hinunterbringen?«

»Ja, recht hast du, Jerrisepp.«

»Die vierte Mühl' war schon zu Lebtag ein Stiefkind. Immer hat da das Gefäll gefehlt. Ich wunder' mich, daß sie so lang' sich gehalten hat und das Wasser nit schon längst ausgegangen ist.«

»Recht hast du eigentlich.«

»Wer die da hingebaut hat, der hat auch nit allzuviel Überlegung und Verständnis gehabt, oder die Bach ist damals anders gelaufen.«

»Das ist's, die Bach ist damals anders gelaufen. Das war alles anders. Und früher war die Wiesenmühl' eine von den allerbesten in der ganzen Umgegend. Aber seit der Wiesenentwässerung ist das anders geworden.«

»Also müßt' der Wiesenmüller eigentlich die Gemeind' verklagen und nit mich, wenn er kein Wasser hat.«

»Ja, eigentlich müßt' er das,« sagte der Paul Ludwig. »Denn seit der Wiesenentwässerung, die die Gemeinde gemacht hat, geht's ihm so schlecht mit dem Wasser.«

Dann ging der Paul Ludwig wieder und hatte das Gefühl, daß er die Sache vom Wiesenmüller sehr gut vertreten habe.

Der Wiesenmüller beruhigte sich aber dabei nicht. Er wollte jetzt unbedingt sein Recht haben. Und trotz seiner Scheu vor den Advokaten fuhr er nach Mainz und machte die Klage anhängig. Und legte gleich einen tüchtigen Batzen Geld auf den Tisch.

Nun kamen die Sachverständigen und prüften die neue Anlage vom Jerrisepp und den Wassermangel von der Wiesenmühle, und prüften alle Einsprüche, zum Beispiel den, daß der Jerrisepp das Wasser unterhalb der Mühle zu tief gelegt habe. Aber der Jerrisepp war sattelfest. Er hatte sich genau an die Bestimmungen gehalten.

Es war wenig Aussicht. Dazu mußten immer neue Vorlagen gemacht werden.

Der alte Müller war ganz krank. Von Bub auf an hatte er die Mühle jeden Tag klappern hören, von morgens bis abends und sogar in der Nacht, nun stand sie still. Totenstill war's, abgestorben, begraben. Der Alte konnte nicht mehr ruhen, nicht schlafen. Die Stille weckte ihn. Sie verjagte ihn aus seiner Mühle. Auch der Müllerin ging's so. Als ob sie nun ohne Haus und Heimat wären, ganz verstoßen und verlassen war ihnen. Dann und wann nur bekam das Wasser einen stärkeren Trieb und das Rad lief ein wenig, aber es war nicht der Mühe wert. Auch Stauungen halfen wenig. Wenn überhaupt etwas zu machen gewesen wäre, so hätte das wenigstens ein paar Hundert Mark gekostet. Die ganze Mühle war nun aber dem Wiesenmüller verleidet. Geld wollte er keines mehr an sie hängen. Er schickte die Eve zum Jerrisepp, fragen, wann er zu ihm kommen könnt'. Die Eve kam zurück mit der Antwort, daß es sein könne, wann es dem Vater passe. Dabei wußte sie des Rühmens kein Ende zu finden, wie fein alles in der Reihe sei beim Jerrisepp, wie er nun mit zwei Gängen mahle, und wie er nun gar nie mehr trocken sitzen könne. Der alte Müller kraute sich hinter den Ohren. Er sah die Eve lang' und durchdringend an.

»Es hat dir also gefallen?«

»Ich könnt' nit anders sagen, Vater.«

»Hm, hm! 's ist fein in der Reih'?«

»Ich müßt' lügen, Vater.«

Der Alte ging hinaus auf den Hof und machte sich da zu schaffen. Nach einer Weile kam er wieder herein.

Er fragte die Eve: »Willst ihn?«

»Wen?« fragte die Eve lachend.

»Hm!« — er deutete zur Mühle hinüber.

»'s ist alles fein in der Reih', Vater.«

»Willst ihn also?«

»Wann's Euch recht wär', Vater.«

»Hm!«

Am Sonntag lag der Wiesengrund tief im Nebel. Man konnte den Nebel schneiden. Er benahm einem ordentlich den Atem.

Als die Kirche aus war, sagte der Wiesenmüller zu seiner Frau: »Mutter, es wird uns nix anders übrigbleiben. Die Wasserregulierung vor ein paar Jahr, jetzt der Jerrisepp ... 's hilft halt nix. Und das ganze Geld zu verprozessieren, und am End' noch mit der Gemeind' anfangen ... Wo ist denn mein kariert wollen Halstuch? 's ist mir, meiner Seel, kein leichter Gang ...«

Die Mutter nickte.

Der alte Wiesenmüller schritt langsam und vorsichtig durch den Nebel nach der Mühle vom Jerrisepp.

»Kommt Ihr, Nachbar?«

Der Wiesenmüller sah sich um, Küch' und Keller, das Wasser, das neue Rad, den neuen Gang, den Stall, den Dachboden. Es gefiel ihm alles sehr gut. Ordentlich begeistert war er von allem, was der Jerrisepp eingerichtet hatte, und er kargte nicht mit seinem Lobe.

»Aber in der Mühle drunten bleiben wir wohnen, wir zwei Alten. Fertig!«

»Wie Ihr wollt.«

»Den Kniestock sparst du dir. Fertig!«

»Wie Ihr wollt,« lächelte der Jerrisepp.

»Und die Hochzeit?«

»Noch vor der Fastnacht,« sagte der Jerrisepp.

»Noch vor der Fastnacht? Soll mir recht sein.«

Dann besprachen sie noch die Mitgift, und was so drum und dran hing.

»Es trifft sich halt so,« meinte nach einer Pause der Jerrisepp, »die neu' Chaussee hätt' auch an Euch können vorbeigehen, dann hätt' ich's Nachgucken gehabt. Freilich, mein Wasser war immer besser gewesen als Eures. Aber man muß sich zu helfen wissen. Wenn man's Leben verkehrt anpackt, nur an einer Stell', dann bleibt's verkehrt für sein Lebtag.«

Der alte Wiesenmüller klopfte ihm auf die Schulter: »Du brauchst dir nix einzubilden. Wenn ich's nit gewollt hätt', dann wär's nit geschehen. Und man weiß noch nit, wer's von uns zwei am längsten ausgehalten hätt'. Fertig!«

Dann ging der Wiesenmüller wieder seinen Weg zurück. Der Heimweg war ihm ein gut Teil leichter. Es wär' aber gar nit notwendig gewesen, daß die Freierei so viel Geld gekostet hätt', der Jerrisepp hätt's nur gleich richtig anpacken sollen. Na, was vorbei war, war vorbei. So dachte er.

Am Sonntag drauf wartete der Jerrisepp auf der Kirchentreppe auf die Eve und führte sie heim. Da wußte das ganze Dorf, daß die Heirat ausgemacht war. Trotz Prozeß, man hatte sich's ja freilich immer gedacht. Denn was ein rechter Müller ist, freit in einer Mühl'. Das war zu Lebtag so. —


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