Einleitung des Herausgebers.
Wie eine lange, beschwerliche Bergwanderung war das Leben Wilhelm Holzamers. Vor dem Aufstieg ein frohes Schreiten über saftig grüne Matten, durch die klare, heitre Luft des Frühlenzes, darein drängende Lebenslust ihre Lieder schmetterte. Ein kurzes, behagliches Verweilen, aber doch die Unruhe im Herzen, hinaufzukommen zur Höhe, die sein Ziel sein sollte. Und nun das Aufwärts! Zuerst über öde, dürre Steinhalden, wo die Stimmen des Lebens schwiegen, wo nur die Helle von oben das Wandern noch erträglich machte, wo aber auch schon dann und wann eine fliehende Wolke ihren raschen Schatten über ihn hinwarf, daß ihm einen Augenblick lang das Herz klopfte vor ungewisser Ahnung. Aber die Sehnsucht in ihm drängte, und rüstig schritt er fürbaß. Der Pfad ward steiler. Ueber Felsvorsprünge ging's, dann wieder durch enge, dunkle Schluchten, in denen wirres Gestrüpp wucherte. Schritt um Schritt hemmte es seinen Fuß; aber das Licht und die Höhe lockten. Und dann wieder, kaum in der Sonne, der huschende, geheimnisvoll drohende Schatten der Wolke! Die Ahnung in ihm wuchs und machte ihn müd und traurig. Und einmal im Traum sah er den Tod schreiten, der ihm winkte. Da war ihm sein Ahnen zur schlummernden Gewißheit geworden. Aber die Wanderung und das weitgesteckte Ziel, die machten sie vergessen. Hohe Schroffen türmten sich auf vor ihm, und ganz oben lockte das üppige Grün einer Bergwiese. Sein Stab griff aus; aber dann: Fuß über Fuß, mit klammernden Händen die steile Bergwand hinauf! Und oft, daß ihm der Atem ausging, wenn er hinuntersah in die Tiefe, wohin es heil kein Zurück gab. Und wieder schreckte ihn der Schatten. Ein Straucheln — aber eine unsichtbare, starke Hand hielt ihn, und nun, aus schweren Träumen erwachend, stand er müd auf blumiger Au, stand er auf der Höhe. Und neben ihm die Gefährtin, die den gleichen mühseligen Aufstieg gemacht, die Fremde und doch Vertraute, die ihm die Hand gereicht hatte, als sein Fuß strauchelte. Dann ein frohes Wandern über die Höhe, der Sonne entgegen, reich und glückvoll, bis wieder die Wolke ihren schwarzen Schatten über ihn hinwarf, der nicht mehr weichen wollte ... Der Tod hatte ihn eingeholt. Mitten auf seinem Weg. Mitten aus seinem Schaffen riß es ihn, den Frühgereiften aber nicht Vollendeten; denn sein letzter, großer Roman, »Der Entgleiste«, ist kein Ausklang, sondern eine volltönige Introduktion, ein kraftvoller Aufstieg zu neuen Höhen.
»Zum Licht« hieß seine erste Gedichtsammlung, die er 1897 veröffentlichte. Fast alles darin ist noch gärend und draufgängerisch; man spürt Dehmel, Falke, Liliencron und: Nietzsche, als einen, den er eben erst erlebte, der alles aufwühlte in ihm. Aber ein ganzer »Holzamer« war auch dieses Buch schon. Es umzirkte weit aber fest den Kreis seines Lebens und Schaffens. Und auch von seinen Erstlingserzählungen her, »Auf staubigen Straßen«, geht deutlich erkennbar ein einziger Weg, eine einzige Entwicklungslinie. Es hieße daher, das Bild des Dichters fälschen, wollte man, wie es geschehen ist, seine hessischen Dorferzählungen der Heimatkunst zuweisen und seine über die Grenzpfähle der Heimat hinausstrebende Allgemeinkultur als Abwärtsentwicklung oder Entartung abtun. »Im Dorf und draußen« war die zweite Novellensammlung, in deren Titel er, bewußt oder unbewußt, schon äußerlich andeutete, daß sich seine Kunst nicht in der Volks– und Bauerngeschichte erschöpfen wollte. Und innerlich? Sind nicht hier schon seine Gestalten meist Eingänger und Sonderlinge, wertbewußte Starke, die dem Leben ihre Notwendigkeit abtrotzen? Und keinem einzigen begegnet man unter seinen Helden, von dem man nicht sagen müßte, der hat seine ausgeprägte Art, der ist ein Vollmensch, ein Ganzer, so wie's nachher sein armer Lukas ist, sein Peter Nockler und sein heiliger Sebastian, so wie's die Frauen in diesen Büchern sind und ihre nur konsequenter gezeichneten, bis zur Härte eigenartigen Schwestern in den späteren Romanen »Inge« und »Ellida Solstratten«, in denen nur engherziges Pfahlbürgertum Dekadenz und Verkümmerung erkennen konnte. Und doch waren auch diese Frauen nicht andrer Art als die im höchsten Maße problematische Figur der jungen Dorth in »Vor Jahr und Tag«, dem Roman also, der zeitlich nach den beiden vielfach angefeindeten »Frauen«–Romanen liegt, aber unbedingt mit dem »Peter Nockler« zusammengenannt werden muß. Wäre Holzamer wirklich jemals der einseitige Heimatdichter und Volkserzähler gewesen, wie ihn seine Gegner sich wünschen, so hätte er in jener Schaffensperiode nicht die »Kunstbriefe an den deutschen Michel« über »Die Siegesallee« schreiben können, so hätte ihn auch nicht der Großherzog Ernst Ludwig von Hessen vom Schulkatheder in seine Kabinettsbibliothek und als Leiter an die Darmstädter Spiele berufen. Wenn einer, so erkannte dieser fürstliche Mäzen klar, welche hohen künstlerischen Qualitäten allgemeinkultureller Art in Holzamers Werken lagen.
Lediglich zur stofflichen Gruppierung darf man also die drei Romane (»Der arme Lukas«, »Peter Nockler« und »Der heilige Sebastian«) zusammenfassen und sie von den folgenden sondern. Ihre Ausgeglichenheit bis ins kleinste, die Holzamer selber sah und die ihn den »Peter Nockler« so hoch einschätzen ließ, mag man in »Inge« und »Ellida Solstratten« vermissen; dafür entschädigen aber der kühne Zug ins Große und die von Lebensernst gestählte Energie, die da ihren Ausdruck sucht. Wer diese neue Phase des Dichters künstlerisch oder auch nur psychologisch werten will, der darf ihn nicht im Werden ergreifen, sondern im Gewordensein, der muß ihn messen an seinen letzten Arbeiten, den zahlreichen Novellen aus den fünf Jahren seiner Pariser und Berliner Zeit, die in zwei Bänden erscheinen sollen, sowie seinen beiden Romanen »Vor Jahr und Tag« und »Der Entgleiste«, der im Herbst dieses Jahres herauskommt.
Kann damit die scheinbare Kluft in des Dichters Schaffen als überbrückt gelten, so wird man nun die markantesten Züge seiner Künstlerpersönlichkeit leicht erkennen können. Von seiner Bevorzugung besonders individuell gearteter Menschen war schon kurz die Rede. In zweiter Linie müßte die Ruhe und Sicherheit der Gestaltung hervorgehoben werden: scharfe Skizzierung und dann, Strich um Strich Tönung und Nuancierung bis ins feinste, bis zum blutwärmsten Leben. Und wo dann noch verborgene Unterströmungen aufzudecken sind, da greift, kaum merklich, seine überlegene Reflexionskunst ein, die Hand in Hand geht mit einer subtilen psychologischen Tiefgründigkeit. Schon der ruhige Fluß seiner Sprache, die erschöpfende Klarheit des Ausdrucks, der kaum die Feile verrät, kennzeichnen die Überlegenheit, mit der er charakterisiert. Und schön ist diese Sprache, voll Wohllaut, schmiegsam, weich und anderswo doch auch wieder kraftvoll und wuchtig. Dazu kommt eine feine poetische Stimmungsgabe; aber das Maß des lyrischen Einschlags ist so verständig innegehalten, daß man ihn vermissen würde, wenn er nicht da wäre.
Es ist schade, daß an dieser Stelle auf die Tendenz der einzelnen Romane ebensowenig eingegangen werden kann wie auf ihren Inhalt. Es würde einem dann auch der Mensch Holzamer näher gerückt werden. Man würde sich nicht nur mit dem träumerisch gemütvollen, dem edlen und weisen Manne befreunden, der aus dem »Peter Nockler« und dem »Armen Lukas« spricht; wir würden auch willig mit ihm gehen, wenn er uns vom »Heiligen Sebastian« bis zur »Ellida Solstratten« führte, und auch in der Härte, die weniger verwunden will als verwunden muß, Ehrlichkeit, Größe und Kraft sehen, die gepaart mit jener weisen Güte unserer Verehrung und Liebe würdig ist. Die ihn kannten, wissen gut, wie sehr Holzamer seine Künstler–Ideale auch lebte. Wer einmal den tiefen Eindruck dieser sympathischen Persönlichkeit empfing, konnte ihn nicht mehr vergessen. Er war ein vornehmer Charakter; aber seine Vornehmheit hatte eine Wärme, die man schon im Druck seiner Hand, im Blick seines Auges spürte.
Zwischen Holzamers ersten Gedichten und dem späteren Band, »Carnesie Colonna«, lagen die zart getönten dramatischen »Spiele«, die aber mit ihrer Weichheit und ihrem hohen Stimmungsgehalt eher seiner Lyrik zugezählt werden müssen als dem einzigen Drama (»Um die Zukunft«), das wiederum viel mehr auf seine wuchtige Epik, etwa die im »Heiligen Sebastian«, hinweist. Aber wenn man den Lyriker Holzamer einschätzen will, so muß man auf die zart rhythmische Musik des Leides und Glücks in den Phantasien »Carnesie Colonna« hinhören. Und klingt mancher Ton darin auch noch als Verheißung, so wird die Lyrik des durch Kampf und Schmerz gereiften Dichters, die der Nachlaß enthält, Erfüllung sein.
Sein Drama, das in die Pariser Zeit fällt, war ein erster Wurf, hatte als solcher aber seine große Tragweite und bewies jedenfalls, daß Holzamer auch auf diesem Gebiet ungewöhnlich starke Möglichkeiten bot. Daß es von keinem besondern Glück begünstigt war, lag am »Theater«, das außer Kunst ja auch eine gewisse Routine fordert. Ob er ihm nach dieser Richtung noch Konzessionen gemacht hätte, wer weiß!
So wenig aber, wie man den Dramatiker Holzamer übersehen darf, so wenig darf man auch an dem Essayisten vorübergehen. Sein selbständiges Urteil hatte Wert und Gewicht, nicht nur in der Literatur, sondern in der Kunst überhaupt. Unkenntnis und Vorurteil haben seinem dreijährigen Aufenthalt in Frankreich Unfruchtbarkeit nachgesagt; aber schon allein die Essaysammlung »Im Wandern und Werden«, eine Monographie über Conrad Ferdinand Meyer, der später eine solche über Heine folgte, könnten das Gegenteil beweisen, außer ihnen Dutzende von Aufsätzen und Kritiken in führenden Blättern. Holzamer war in seiner kritischen Tätigkeit kein Fanatiker irgendeiner Richtung; aber auch hier verleugneten sich nie seine unbestechliche Ehrlichkeit und sein hoher künstlerischer Ernst.
Von den sechs Novellen des vorliegenden Bändchens zeigen uns »Cellist Behnke«, »Hochsommerglück« und »Der böse Wunsch« des Dichters starkes Talent im ersten Wachsen, während »Der Held« und »Sein letztes Hochamt« die deutlichen Merkmale einer kräftigen Entwicklung an sich tragen. »Die Freite« endlich darf als eine reife Frucht aus der letzten Zeit seines Schaffens hingenommen werden.
Am 28. März dieses Jahres hätte Holzamer erst die Vierzig erreicht, und nun jährt sich am 28. August schon zum drittenmal sein Todestag. Ein Frühgereifter, aber kein Vollendeter.
Köln, im April 1910.
Richard Wenz.