Für diese doppelte VieltrinkereiGiebt es der Freunde viel — doch ich bin nicht dabei.
Für diese doppelte Vieltrinkerei
Giebt es der Freunde viel — doch ich bin nicht dabei.
Gruschnitzki tobt mit seiner Bande fast jeden Tag im Wirthshause; mich grüßt er fast nicht mehr.
Er ist gestern erst angekommen; trotzdem ist es ihm bereits gelungen sich mit drei alten Herren zu verzanken, die das Bad vor ihm nehmen wollten; — wahrlich, das Unglück entwickelt in ihm den kriegerischen Geist.
Endlich sind sie angekommen. Ich saß am Fenster, als ich das Gerassel ihrer Equipagen hörte; mein Herz klopfte laut . . . Was bedeutet das? Wäre ich wirklich verliebt? Ich bin so dumm beschaffen, daß man es wohl von mir erwarten könnte.
Ich dinirte bei ihnen. Die Fürstin sah mich sehr zärtlich an, geht aber ihrer Tochter nicht von der Seite . . . Abscheulich! Wära hingegen ist in voller Eifersucht gegen die Fürstin — habe ich doch endlich diese Seligkeit erstrebt! Was thut ein Weib nicht, um ihre Rivalin zu kränken? Ich erinnere mich, daß die eine sich in mich verliebte, weil ich eine andere liebte. Es giebt nichts Paradoxeres als den weiblichen Geist: es ist schwer, ein Frauenzimmer von etwas zu überzeugen; man muß sie dahin bringen, daß sie sich selbst überzeuge. Die Ordnung der Beweise, womit sie ihre Vorurtheile vernichten, ist höchst originell; will man sich ihre Dialektik aneignen, so muß man in seinem Geiste alle Schulregeln der Logik über den Haufen werfen. Zum Beispiel, die gewöhnliche Manier zu folgern ist:
Dieser Mann liebt mich; ich aber bin verheirathet: folglich darf ich nicht lieben.
Weibliche Manier:
Ich darf ihn nicht lieben, denn ich bin verheirathet; er liebt mich aber, — folglich . . .
Hier folgen einige Punkte, denn der Verstand spricht nicht mehr; hingegen sprechen meistentheils: die Zunge, die Augen, und in ihrem Gefolge das Herz, wenn ein solches vorhanden ist.
Wie nun, wenn diese Memoiren jemals einer Dame unter die Augen geriethen? — „Verläumdung!“ ruft sie mit Entrüstung aus.
Seit Dichter schreiben und Damen sie lesen (wofürwir ihnen die größte Dankbarkeit weihen), hat man sie so oft Engel genannt, daß sie in ihrer Herzenseinfalt diesem Complimente wahrhaftig Glauben schenkten, vergessend, daß diese selben Dichter den Nero für Geld einen Halbgott nannten . . .
Es würde mir übel anstehen, boshaft von ihnen zu sprechen, mir, der ich außer ihnen auf der Welt nichts lieb habe, mir, der ich immer bereit bin, ihnen meinen Frieden, meinen Ehrgeiz, mein Leben zu opfern. Allein ich suche ja auch nicht in einem Anfalle des Grames, oder der beleidigten Eigenliebe ihnen den Zauberschleier abzureißen, durch welchen nur ein geübtes Auge dringt. Nein, alles was ich von ihnen sage, ist bloß das Resultat
So mancher regen GeistesmühenSo mancher bittern Herzensqual.
So mancher regen Geistesmühen
So mancher bittern Herzensqual.
Die Damen sollten eigentlich wünschen, daß alle Männer sie so gut kennten wie ich, weil ich sie hundertmal mehr liebe, seit ich sie nicht mehr fürchte und hinter ihre kleinen Schwächen gekommen bin.
Da fällt mir gerade ein, daß Werner vor einigen Tagen die Damen mit dem verzauberten Walde verglich, von welchem Tasso in seinem „Befreiten Jerusalem“ erzählt.32)— „So wie man ihn betritt,“ sagte er, „fliegen einem von allen Seiten solche Schrecken entgegen, daß Gott bewahre: Pflicht, Stolz, Anständigkeit, öffentliche Meinung, Lächerlichkeit, Verachtung . . . Man braucht aber nur die Augen zuzumachenund darauf loszugehen; — nach und nach verschwinden die Schreckbilder, und eine stille, freundliche Flur dehnt sich vor Dir aus, in deren Mitte die grünende Myrthe blüht. Wehe Dir aber, wenn Dein Herz bei den ersten Schritten bebt und Du Dich zurückziehst!“
Der heutige Abend war reich an Abenteuern. Ungefähr drei Werst von Kislowodsk, in der Schlucht, wo der Podkumok dahinfließt, befindet sich ein Felsen, derRinggenannt, weil er eine von der Natur gebildete Pforte33)bildet. Diese erhebt sich auf einem hohen Hügel, und die untergehende Sonne wirft durch sie ihren letzten glühenden Blick auf die Erde. Eine zahlreiche Kavalkade hatte sich dahinbegeben, um den Sonnenuntergang durch dieses Felsenfenster zu betrachten. Die Wahrheit zu gestehen, dachte Keiner von ihnen an die Sonne. Ich ritt neben der Fürstin Mary; auf dem Rückwege mußten wir den Podkumok durchreiten. Die Bergflüsse, selbst die allerkleinsten, sind gefährlich, besonders dadurch, daß ihr Boden ein wahrhaftiges Kaleidoskop ist: jeden Tag verändert er sich von dem Drucke (Andrange) der Wogen; wo gestern ein Stein lag, ist heute ein Loch. Ich nahm das Pferd der Fürstin bei den Zügeln und leitete es ins Wasser, das ihm nicht bisüber die Kniee ging; langsam setzten wir uns stromaufwärts schräg gegen den Fluß in Bewegung. Es ist bekannt, daß man beim Reiten durch reißende Gewässer nicht aufs Wasser blicken darf, weil man sogleich schwindelig wird. Ich hatte vergessen, die Fürstin darauf aufmerksam zu machen.
Wir waren bereits in der Mitte der reißenden Strömung, als sie plötzlich im Sattel schwankte. „Mir ist unwohl!“ sagte sie mit schwacher Stimme. Rasch neigte ich mich zu ihr, umfaßte ihre schlanke Taille mit meinem Arme, und raunte ihr zu: Sehen Sie in die Höhe, Fürstin! es ist nichts, nur sein Sie nicht furchtsam, ich bin ja mit Ihnen.
Sie fing an sich zu erholen und wollte sich meinem Arme entwinden, ich umschlang aber ihren zarten, weichen Wuchs noch fester; meine Wangen berührten fast die ihrigen, von denen es mich glühend anwehte.
„Was beginnen Sie mit mir’! . . . O mein Gott! . . .“
Ich beachtete ihr Zittern und ihre Verwirrung nicht, sondern drückte meine Lippen auf ihre zarten Wangen; sie erbebte, sagte aber nichts; wir waren die hintersten: Niemand hatte uns gesehen. Als wir eben das jenseitige Ufer erreichten, setzten sich die andern in Trab. Die Fürstin hielt ihr Pferd an; ich blieb neben ihr; offenbar beunruhigte sie mein Schweigen; ich hatte mir aber versprochen kein Wort zu sagen — aus reiner Neugierde. Ich wollte sehen, wiesiesich aus dieser schwierigen Lage herausziehen würde.
„Entweder verachten Sie mich, oder Sie lieben michungemein!“ sagte sie endlich mit einer Stimme, in welcher die Thränen klangen. Vielleicht wollen Sie sich über mich lustig machen, meine Seele nur aufregen, und mich dann fahren lassen . . . Das wäre ja so nichtswürdig, so niedrig, daß die bloße Voraussetzung . . . O, nein! Nicht wahr, ich habe nichts an mir, das mir Ihre Achtung versagte? Ihr kühnes Betragen . . . ich muß, ich muß es Ihnen verzeihen, weil ich Ihnen erlaubte . . . Antworten Sie mir, sprechen Sie doch, ich will Ihre Stimme hören! . . .“ In den letzten Worten lag eine solche weibliche Ungeduld, daß ich unwillkührlich lächelte; zum Glücke fing die Dämmerung an einzubrechen . . . Ich erwiederte nichts.
„Sie schweigen?“ fuhr sie fort: so wollen Sie vielleicht daß ich Ihnen zuerst sage, daß ich Sie liebe? . . .
Ich schwieg.
„Wollen Sie das?“ fuhr sie, sich rasch zu mir wendend, fort . . . In der Entschlossenheit ihres Blickes und ihrer Stimme lag etwas Fürchterliches . . .
— Wozu? antwortete ich mit den Achseln zuckend.
Sie schlug ihr Pferd mit der Peitsche und jagte mit verhängten Zügeln auf dem engen gefährlichen Wege dahin; dies war so rasch vor sich gegangen, daß ich sie kaum einholen konnte, und zwar erst als sie sich der übrigen Gesellschaft bereits angeschlossen hatte. Bis zu ihrem Hause blieb sie in einem Lachen und Sprechen; in ihren Bewegungen lag etwas Fieberhaftes; mich sah sie nicht ein einziges Mal an. Allen fiel diese ungewöhnliche Heiterkeit auf. Ihre Mutterfreute sich innerlich, so oft sie auf ihr Töchterchen blickte, das Töchterchen hingegen hatte ganz einfach Nervenzucken: diese Nacht liegt sie schlaflos und in Thränen! Dieser Gedanke gewährt mir einen unaussprechlichen Genuß: es giebt Augenblicke in denen ich die Vampire begreife . . . Bis jetzt gelte ich noch immer für einen guten Jungen und beute diese Benennung aus!
Nachdem sie vom Pferde gestiegen war, begaben sich die Damen zur Fürstin; ich war tief aufgeregt und galloppirte in die Berge, um die Gedanken, die sich in meinem Kopfe drängten, zu zerstreuen. Der thauige Abend athmete besänftigende Kühle. Der Mond stieg hinter den dunkeln Bergspitzen empor. Jeder Schritt meines unbeschlagenen Pferdes fand im Schweigen der Schluchten sein Echo; beim Wasserfall hielt ich still mein Pferd zu tränken, sog gierig einigemal die frische Luft der südlichen Nacht ein, und begann den Rückweg. Ich ritt durch das Dörfchen. Die Lichter fingen an hier und da in den Fenstern zu erlöschen; die Wachen auf der Festung und die Kosaken der benachbarten Feldwachen riefen sich mit gedehnter Stimme an.
In einem der Häuser des Dörfchens, das am äußersten Ende des Hohlweges stand, bemerkte ich eine ungewöhnliche Beleuchtung; von Zeit zu Zeit ertönte ein lautes unzusammenhängendes Stimmengetön, an welchem ich ein militairisches Gelage erkannte. Ich stieg ab und schlich mich an’s Fenster; eine nicht gut anschließende, vorgestellte Fensterladeerlaubte mir die Zecher wahrzunehmen und ihre Worte aufzufangen. Man sprach von mir.
Der Dragonerhauptmann, vom Weine erhitzt, schlug mit der Faust auf den Tisch und forderte die allgemeine Aufmerksamkeit:
„Meine Herren!“ sagte er, „das hat keinen Sinn und Verstand. Dem Petschorin muß man einen Denkzettel geben. Diese Petersburger Flatterer bilden sich immer so viel ein, bis man ihnen eins derb auf die Nase giebt! Er bildet sich ein, daß er allein die Welt kennt, weil er immer reine Handschuhe und geputzte Stiefeln trägt. — Und was er für ein aufgeblasenes Lächeln hat! Und dennoch bin ich überzeugt, daß er eine Memme — eine recht feige Memme ist!“
„Ich glaube das auch,“ sagte Gruschnitzki. „Er liebt es, sich durch einen Spaß aus der Schlinge zu ziehen. Ich habe ihm einmal solche Dinge gesagt, daß ein Anderer mich auf dem Flecke zu Boden gehauen hätte, aber Petschorin zog alles ins Lächerliche. Ich habe ihn natürlich nicht gefordert, denn das war seine Sache; aber er wollte durchaus nicht anbeißen . . .“
„Gruschnitzki ist böse auf ihn, weil er ihm die Fürstin abspenstig gemacht hat,“ sagte Einer.
„Na, da bitte ich zu grüßen! Ich habe freilich der Fürstin ein wenig die Cour gemacht, indessen hab ichs gleich wieder dran gegeben, weil ich nicht heirathen will, und es gegen meine Grundsätze ist, ein junges Mädchen zu compromittiren.“
„Ja, ich gebe Ihnen die Versicherung, er ist die größte Memme, nämlich Petschorin und nicht Gruschnitzki, — Gruschnitzki ist ein braver Junge, und außerdem mein innigster Freund!“ sagte wiederum der Dragonerhauptmann. — Meine Herren, nimmt ihn hier Niemand in Schutz? Keiner? Desto besser! Wollen wir einmal seine Courage auf die Probe stellen? Das wird Sie alle amüsiren . . .“
„Das wollen wir wohl; aber wie?“
„Ich habe einen Plan; hören Sie: Gruschnitzki ist besonders böse auf ihn; ihm kommt also die erste Rolle zu! Er zieht die erste beste Dummheit heran und fordert Petschorin zum Duell . . . Erlauben Sie, erlauben Sie: gerade hierin liegt der ganze Witz; — und fordert Petschorin zum Duell. Gut! Alles dies — die Herausforderung, die Vorbereitungen, die Bedingungen müssen so feierlich und schrecklich wie möglich gemacht werden, — das übernehme ich; ich werde Dein Sekundant sein, armer Freund! Gut! Aber jetzt sollt Ihr sehen, wo der Knoten liegt: In die Pistolen laden wir keine Kugeln; ich stehe Ihnen dafür ein, daß Petschorin Furcht hat — wir stellen sie sechs Fuß einander gegenüber; Hol’s der Teufel! Sie sind damit einverstanden meine Herren?“
„Wundervoll ausgedacht! — Vollkommen einverstanden? Und warum denn nicht?“ ertönte es von allen Seiten.
„Und Du, Gruschnitzki?“
Mit Spannung harrte ich der Antwort Gruschnitzki’s. — Eine kalte Wuth durchzuckte mich bei dem Gedanken,daß ich ohne diesen Zufall diesen Narren ein Gegenstand des Spottes hätte werden können. Wenn Gruschnitzki nicht einwilligte, so hätte ich mich ihm an den Hals geworfen. Allein nach kurzem Schweigen erhob er sich von seinem Platze, streckte dem Hauptmann seine Hand entgegen und sagte mit vieler Wichtigkeit: „Gut, ich bin damit einverstanden.“
Das Entzücken der ganzen verehrlichen Gesellschaft läßt sich schwer beschreiben.
Ich kehrte nach Hause zurück, von zwei verschiedenartigen Gefühlen bewegt. Das eine war Traurigkeit — „Warum hassen sie mich doch alle?“ dachte ich, — „warum? Habe ich irgend einem von ihnen etwas zu Leide gethan? Nein. Oder gehöre ich in die Reihe derjenigen Menschen, deren bloßer Anblick bereits Widerwillen erregt?“ Und sodann fühlte ich, wie ein giftiger Grimm allmälig meine ganze Seele erfüllte. „Nehmen Sie sich in Acht, Herr Gruschnitzki!“ rief ich aus, indem ich in meinem Zimmer auf und ab schritt: „so lasse ich mit mir nicht spielen. Der Beifall Ihrer stupiden Kameraden kann Ihnen theuer zu stehen kommen! Ich bin kein Spielzeug für Sie! . . .
Ich that die ganze Nacht kein Auge zu. Gegen Morgen war ich gelb wie eine Pomeranze.
Des Morgens früh begegnete ich der Fürstin am Brunnen.
„Sind Sie krank?“ fragte sie, indem sie mich durchdringend anblickte.
— Ich habe die Nacht nicht geschlafen.
„Ich auch nicht . . . Ich beschuldigte Sie . . . vielleicht . . . mit Unrecht? — Aber so erklären Sie sich, ich kann Ihnen alles verzeihen . . .“
— Alles?
„Alles . . . aber sagen Sie die Wahrheit, und schnell . . . Sehen Sie, ich habe hin und hergedacht, und mich bemüht, mir Ihr Betragen zu erklären, es zu entschuldigen; vielleicht fürchten Sie Hindernisse von Seiten meiner Familie . . . Das will nichts sagen: besonders wenn Sie erst wissen, — (ihre Stimme fing an zu zittern) ich will sie schon erbitten. Oder sollte Ihre eigene Lage? O, so wissen Sie, daß ich Alles, Alles für den zu opfern bereit bin, den ich liebe . . . O, antworten Sie schnell, — haben Sie Mitleid . . . Nicht wahr, Sie verachten mich nicht?“
Sie ergriff meine Hand.
Ihre Mutter ging mit Wära’s Gemahl voran und sah von allem nichts; allein wir wurden von den spazierengehenden Kranken, den allerneugierigsten Klätschern aller Neugierigen, gesehen, und so befreite ich meine Hand schnell von ihrem leidenschaftlichen Drucke.
— Ich werde Ihnen die ganze Wahrheit sagen,“ erwiederte ich der Fürstin; ich werde meine Schritte weder entschuldigen, noch erklären: Ich liebe Sienicht.“
Ihre Lippen erbleichten.
„Verlassen Sie mich, sagte sie kaum hörbar.
Ich zuckte die Achseln, wandte mich um und ging fort.
Bisweilen verachte ich mich . . . kommt es vielleicht daher, daß ich auch die Andern verachte? . . . Ich war der edelmüthigen Regungen nicht fähig; ich fürchte mich, dadurch selbst lächerlich zu werden. Ein Anderer hätte an meiner Stelle der Fürstin son cocur et sa fortune angeboten; allein über mich hat dasWortheiratheneine Art zauberischer Gewalt: wie leidenschaftlich ich auch ein Frauenzimmer liebe, sobald sie mir nur zu verstehen giebt, daß ich sie heirathen soll — Adieu Liebe! mein Herz wird zu Stein, und nichts vermag es auf’s Neue zu beleben. Zu allen Opfern bin ich bereit, nur nicht zu diesem; zwanzigmal lieber stelle ich mein Leben, ja meine Ehre auf die Karte, aber meine Freiheit verkaufe ich nicht. Weshalb halte ich sie für so kostbar? Was finde ich in ihr? Wohin flüchte ich mich dereinst? Was erwarte ich von der Zukunft? . . . In der That ganz und gar nichts. — Es ist bei mir eine feindselige Furcht, ein unerklärliches Vorgefühl . . . Giebt es doch Leute, welche sich gegen ihren Willen vorSpinnen, Schaben und Mäusen fürchten . . . Und soll ich es ganz gestehen? Als ich noch ein Knabe war, legte ein altes Weib meiner Mutter über mich die Karte. Sie wahrsagte mirTod in Folge meiner bösen Frau; das hat mich damals schon tief ergriffen; in meiner Seele entstand eine unüberwindliche Abneigung gegen die Ehe . . . Trotzdem sagt mir etwas, daß ihre Wahrsagung in Erfüllung gehen wird; aber Mühewill ich mir wenigstens geben, daß dies so spät wie möglich geschehe.
Gestern kam der Taschenspieler Apfelbaum hier an; An den Thüren der Restauration ist eine lange Affische angeschlagen, welche das hochverehrte Publikum benachrichtigt, daß der obengenannte berühmte Taschenspieler, Akrobat, Professor der Chemie und Optik, die Ehre haben wird, heute Abend um 8 Uhr im adligen Saale — sonst Restauration — eine brillante Vorstellung zu geben; Billete sind zu haben zum Preise von zwei und einem halben Rubel.
Alle haben sich verabredet, den berühmten Taschenspieler zu sehen; sogar die Fürstin Ligoffska, obgleich ihre Tochter krank ist, hat für sich ein Billet genommen.
Nach dem Mittagessen ging ich vor Wära’s Fenster vorüber; sie saß allein auf dem Balkone; ein Zettelchen fiel vor meinen Füßen auf die Erde:
„Komm heut Abend um zehn Uhr zu mir; Du kannst die Paradentreppe heraufkommen; mein Mann ist nach Pätigorsk gereist und kehrt erst morgen früh zurück. Von meinen Leuten wird Niemand zu Hause sein, ich habe ihnen allen Billete gegeben, sogar denen der Fürstin. — Ich erwarte Dich; komme unbedingt.“
— Aha! dachte ich, endlich kommt es doch, wie ich es wünschte.
Um acht Uhr ging ich zum Taschenspieler. Das Publikum versammelte sich gegen das Ende der neunten Stunde; die Vorstellung begann. In den letzten Stuhlreihen erkannte ich die Lakaien und Kammermädchen Wära’s und der Fürstin. Es fehlte auch nicht Einer. Gruschnitzki saß in der vordersten Reihe, mit seiner Lorgnette bewaffnet. Der Taschenspieler wandte sich stets an ihn, so oft er ein Schnupftuch, eine Uhr, einen Ring und dergl. mehr brauchte.
Gruschnitzki grüßt mich schon seit einiger Zeit nicht mehr, aber heute sah er mich sogar recht frech an. Gut, ich werde Allem Rechnung tragen, wenn unser Abrechnungstermin wird gekommen sein.
Kurz vor zehn stand ich auf und ging.
Auf dem Hofe war es so finster, daß man die Hand vor den Augen nicht sehen konnte. Schwere dunkle Gewölke hingen auf den Spitzen der nahen Berge; nur dann und wann rauschte ein ersterbendes Windchen in den Kronen der Pappeln, welche die Restauration umstehen; an den Fenstern drängte sich das Volk. Ich ging die Anhöhe hinab und, nachdem ich mich aus der Thür gestohlen hatte, ging ich raschen Schrittes voran. Plötzlich schien es mir, als hörte ich Jemanden hinter mir. Ich blieb stehen und blickte rund um mich. Es war unmöglich, in der Finsterniß irgend etwas zu erkennen; doch ging, ich, der Vorsicht wegen, gleichsam spazieren gehend, einige Male um das Haus. Als ich an den Fenstern der Fürstin vorüberging, hörte ich abermals Tritte hinter mir; ein Mann, in einen Mantelgehüllt, ging eilig an mir vorüber. Dies fing an mich zu beunruhigen. Indessen gelangte ich an den Perron und eilte schnell die dunkle Treppe hinauf. Die Thür ging auf; eine kleine Hand ergriff die meinige . . .
„Es hat Dich doch Niemand gesehen?“ flüsterte Wära leise, indem sie mich an sich zog.
— Niemand.
„Glaubst Du jetzt, daß ich Dich liebe? O, ich habe lange geschwankt, lange mit mir selbst gekämpft . . . aber Du machst nun einmal alles aus mir, was Du willst . . .“
Ihr Herz schlug heftig, ihre Hände waren kalt wie Eis. Nun begannen die Vorwürfe der Eifersucht, die Klagen; sie forderte von mir, daß ich alles gestehen solle, und sagte, daß sie meine Treulosigkeit mit Ergebenheit ertragen würde, da sie ja nichts wolle als mein Glück einzig und allein. Ich glaubte nicht ganz daran, beruhigte sie indessen durch Schwüre, Versprechungen u. s. w. u. s. w.
„Also willst Du Mary nicht heirathen? Du liebst sie nicht? Und sie glaubt . . . weißt Du wohl, daß sie Dich bis zum Wahnsinn liebt, die arme Seele!“ —
Gegen zwei Uhr Mitternacht öffnete ich das Fenster, knüpfte zwei Shawls zusammen, und glitt an den Säulen vom obern Balkon auf den niedern hinab. Bei der jungen Fürstin brannte noch Licht. Eine unsichtbare Macht fesselte mich an ihr Fenster. Der Vorhang war nicht ganz herabgelassen,so daß ich meinen neugierigen Blick im Innern des Zimmers herumschweifen lassen konnte. Mary saß im Bette aufrecht, die Arme über die Kniee gekreuzt; ihr volles Haupthaar war unter eine Nachthaube aufgeschürzt, die mit Spitzen garnirt war; ein großes Ponceau-Halstuch umhüllte ihre weißen Schultern, ihr kleines Füßchen war in bunten, persischen Pantoffeln versteckt. Sie saß unbeweglich, den Kopf auf die Brust gesenkt; neben ihr auf einem Tischchen lag ein aufgeschlagenes Buch; allein ihre Augen, unbeweglich und mit einem unaussprechlichen Grame erfüllt, schienen schon zum hundertsten Male eine und dieselbe Seite zu überlaufen, während ihre Gedanken fern waren . . .
In diesem Augenblicke regte sich etwas im Gebüsche. Ich sprang vom Balkon auf den Rasen. Eine unsichtbare Hand ergriff mich an der Schulter. „Aha!“ sagte eine grobe Stimme: „hab’ ich Dich erwischt! Ich werde Dich lehren, des Nachts zu schönen Fürstinnen zu gehen! . . .“
— Halte ihn fest! schrie ein anderer, der aus einem Winkel herbeigesprungen kam.
Es war Gruschnitzki und der Dragonerhauptmann.
Mit einem fürchterlichen Faustschlag auf den Kopf warf ich den Letztern nieder und stieß ihn mit einem Fußtritte vor mir in’s Gebüsch. Alle Fußwege des Gartens, welcher den sanften Abhang zwischen unsern Häusern bedeckte, waren mir bekannt.
„Diebe! Wache!“ schrieen sie . . . ein Schuß ertönte; der rauchende Pfropfen fiel fast zu meinen Füßen.
Innerhalb einer Minute war ich schon in meinem Zimmer, zog mich rasch aus und legte mich. Kaum hatte mein Diener die Thür zugeschlossen, als Gruschnitzki und der Kapitain schon bei mir anklopften.
„Petschorin! Schlafen Sie? Sind Sie zu Hause?“ rief der Kapitain.
— Freilich schlafe ich, antwortete ich verdrießlich.
„Stehen Sie auf! — Diebe! . . . Tscherkessen! . . .“
— Ich hab’ den Schnupfen, antwortete ich, und fürchte mich zu erkälten.
Sie entfernten sich. Vergebens hatte ich ihrem Rufe geantwortet; sie suchten mich noch eine Stunde lang im Garten. Unterdessen war ein fürchterlicher Lärm entstanden. Aus der Festung kam ein Kosak herbeigesprengt. Alles war in Alarm, jeder suchte die Tscherkessen in jedem Busche und fand natürlich nichts. Viele aber waren höchst wahrscheinlich der festen Ueberzeugung, daß wenn die Garnison mehr Tapferkeit und Schnelligkeit entwickelt hätte, wenigstens einige zwanzig Stück von den Räubern auf dem Platze geblieben wären. —
Heute Morgen war am Brunnen von nichts anderem die Rede als von dem nächtlichen Anfalle der Tscherkessen. Ich trank die vorgeschriebene Gläserzahl Narsan, ging ein Dutzend Mal die lange Lindenallee auf und ab, und begegneteWära’s Gemahle, der so eben von Pätigorsk zurückgekommen war. Er faßte mich unter den Arm, und wir gingen in die Restauration, um zu frühstücken; er war in großer Angst um seine Frau. „Wie sie sich diese Nacht erschreckt hat!“ sagte er: „muß doch gerade so etwas vorfallen, wenn ich nicht hier bin.“ Wir setzten uns zum Frühstück nahe an die Thür, welche zum Eckzimmer führt, in welchem an zehn junge Leute waren, unter denen auch Gruschnitzki sich befand. Das Schicksal gewährte mir zum zweiten Male die Gelegenheit ein Gespräch zu überhören, welches über seine Zukunft entscheiden sollte. Er konnte mich nicht sehen und aus diesem Grunde konnte ich bei ihm keine bestimmte Absicht voraussetzen; allein dies erhöhte eben seine Schuld in meinen Augen.
„Sollten es denn wirklich Tscherkessen gewesen sein?“ sagte Jemand, „hat irgend Einer sie gesehen?“
— Ich werde Ihnen die Wahrheit sagen, erwiederte Gruschnitzki, aber ich muß Sie bitten mich nicht zu verrathen; die Geschichte hängt so zusammen: Gestern Abend kommt ein Mann, den ich Ihnen nicht näher bezeichne, zu mir und erzählt mir, daß er in der zehnten Stunde gesehen habe, wie sich Jemand ins Haus der Fürstin Ligoffska geschlichen. Nun müssen Sie wohl bemerken, daß die Fürstin hier und nur ihre Tochter zu Hause war. Wir geschwind mit ihm unter das Fenster der Fürstin, um den Glücklichen zu bewachen.
Ich gestehe, daß ich nicht wenig erschrak, obgleich meinNachbar ungemein mit seinem Frühstück beschäftigt war; er konnte, wenn Gruschnitzki eben so gut die Wahrheit errathen hätte, Dinge hören, die ihn ziemlich unangenehm berührt haben müßten; allein von der Eifersucht verblendet, ahnte er den wahren Zusammenhang nicht einmal.
— Also, sehen Sie, wir gingen dahin und nahmen ein Gewehr mit, das übrigens nur blind geladen war, bloß um zu erschrecken. Bis zwei Uhr warteten wir im Garten. Endlich kam er, Gott weiß woher, zum Vorschein — aus dem Fenster kann er nicht gekommen sein, denn es war nicht aufgegangen, er muß also aus der Glasthüre, die hinter den Säulen liegt, gekommen sein; — also endlich, sage ich, sehen wir Jemand auf dem Balkone gehen . . . Eine schöne Fürstin? he? Nun, das muß ich gestehen, das sind Moskauer Gewohnheiten! Wem soll man hier noch vertrauen? Wir wollten ihn ergreifen, aber er riß sich los und warf sich wie ein Hase ins Gebüsch; da schoß ich ihm nach . . . .
Ein Gemurmel der Ungläubigkeit erhob sich um Gruschnitzki . . .
— Sie glauben es nicht? fuhr er fort: ich gebe Ihnen mein heiliges Ehrenwort, daß alles die nackte Wahrheit ist, und zum Beweise will ich Ihnen sogar den saubern Herrn nennen. —
„Sprich, sprich, wer ist es?“ ertönte es von allen Seiten.
— Petschorin, antwortete Gruschnitzki.
In diesem Augenblicke hob er die Augen auf — ichstand vor ihm in der Thüre; er wurde feuerroth. Ich ging auf ihn zu und sagte langsam und vernehmlich:
„Es thut mir sehr leid, daß ich erst eingetreten bin, nachdem Sie bereits Ihr Ehrenwort zur Bekräftigung der allerabscheulichsten Verläumdung verpfändet haben; meine Gegenwart würde Ihnen eine überflüssige Niederträchtigkeit erspart haben.“
Gruschnitzki sprang von seinem Platze auf und wollte hitzig werden.
„Ich fordere Sie auf,“ fuhr ich mit derselben Stimme fort, „sogleich Ihre Worte zu widerrufen. Sie wissen selbst recht gut, daß alles leere Erfindung ist. Ich habe nie geglaubt, daß eine Dame, die gegen Ihre glänzenden Eigenschaften, gleichgültig ist, eine so abscheuliche Rache verdient hätte. Ueberlegen Sie es wohl: bleiben Sie bei Ihrer Meinung, so verlieren Sie das Recht auf den Namen eines ehrlichen Mannes und setzen Ihr Leben auf’s Spiel.“
Gruschnitzki stand mit gesenktem Blicke vor mir; er war in einer großen Aufregung. Allein der Kampf zwischen Gewissenhaftigkeit und Eitelkeit dauerte nicht lange. Der Dragonerhauptmann, der neben ihm saß, stieß ihn mit dem Ellenbogen an; er fuhr auf und antwortete schnell, ohne mich anzusehen:
— Mein gnädiger Herr, wenn ich etwas sage, so denke ich es auch und bin bereit es zu wiederholen . . . Vor Ihren Drohungen fürchte ich mich nicht, und bin auf alles gefaßt.
„Das Letzte haben Sie bereits bewiesen,“ antworteteich ihm kalt, indem ich den Dragonerhauptmann unter den Arm faßte und mit ihm das Zimmer verließ.
— Was ist gefällig? fragte der Kapitain.
„Sie sind Gruschnitzki’s Freund und werden wahrscheinlich sein Sekundant sein?“
Der Kapitain verneigte sich mit Wichtigkeit.
— Sie haben es getroffen, erwiederte er, es ist sogar meine Pflicht sein Sekundant zu sein, weil die ihm zugefügte Beleidigung sich auch auf mich bezieht; ich war die vergangene Nacht mit ihm, setzte er hinzu, seinen krummen Rücken aufrichtend.
„So? Also waren Sie das, dem ich den hübschen Schlag über den Kopf versetzte? . . .“
Er wurde gelb und blau im Gesicht; eine unterdrückte Bosheit drückte sich in seinem Gesichte aus.
„Ich werde die Ehre haben, Ihnen heute meinen Sekundanten zuzuschicken,“ fügte ich hinzu, indem ich ihn artig begrüßte und so that, als ob ich seine Wuth gar nicht bemerkte. —
Auf dem Perron der Restauration traf ich den Gemahl Wära’s. Dem Anscheine nach erwartete er mich.
Er ergriff meine Hand mit einer Wärme, die an Entzücken streifte.
„Edler, junger Mann,“ sagte er mit Thränen in den Augen, „ich habe alles mit angehört. Solch ein Bube, solch ein Lump! Und solche Leute soll man in einem ordentlichen Hause aufnehmen! Gott sei Dank, daß ich keine Kinderhabe! Sie aber wird Die belohnen, für die Sie Ihr Leben einsetzen. — Sein Sie überzeugt von meiner Verschwiegenheit, bis alles vorbei ist,“ fuhr er fort, „ich war auch einst jung und habe gedient, und weiß, daß man sich in solche Dinge nicht mischen darf. Empfehl’ mich Ihnen.“
Der arme Schlucker! Freut sich, daß er keine Töchter hat . . . Ich ging sofort zu Werner, fand ihn zu Hause und erzählte ihm alles — meine Beziehungen zu Wära und zur Fürstin, so wie das Gespräch, das ich überhört und aus welchem ich die Absicht dieser Narren erkannt hatte, mich zum Besten zu haben und mich mit einer blinden Ladung schießen zu lassen. Jetzt aber nahm die Sache eine ernstere Wendung: eine solche Lösung hatten sie wahrscheinlich nicht erwartet.
Der Doktor willigte ein mein Sekundant zu sein; ich gab ihm einige Anweisungen in Betreff der Bedingungen des Duells; er sollte vor Allem darauf bestehen, daß die Sache so geheim gehalten würde wie möglich; denn war ich schon bereit mich jeden Augenblick dem Tode zu unterziehen, so hatte ich doch nicht im Geringsten Lust, meine Zukunft auf dieser Welt auf ewig zu verderben. —
Hierauf begab ich mich nach Hause. Nach einer Stunde kam der Doktor von seiner Expedition zurück.
„Gegen Sie ist wirklich eine Verschwörung im Werke,“ sagte er. „Ich fand bei Gruschnitzki den Dragonerhauptmann und noch einen Herrn, dessen Name mir nicht gleich einfällt. Ich blieb eine Minute lang im Vorzimmer stehen,um meine Kaloschen auszuziehen. Drinnen war ein fürchterliches Lärmen und Streiten . . . „Für nichts in der Welt willige ich jetzt ein,“ sagte Gruschnitzki, „er hat mich öffentlich beleidigt; damals war es ganz etwas anders.“ — „Nun, was geht das Dich an,“ meinte der Kapitain, „wenn ich doch Alles auf mich nehme. Ich war Sekundant in fünf Duellen und weiß schon wie man das anfängt. Ich habe mir bereits alles ausgedacht; ich bitte, störe mich in nichts; es kann gar nichts schaden, ihn ein wenig einzuschüchtern. Und dann — warum wolltest Du Dich einer Gefahr aussetzen, wenn man sie vermeiden kann? . . .“ In diesem Augenblicke trat ich ein; sie schwiegen plötzlich still. — Unsere Unterhandlungen dauerten ziemlich lange; endlich kamen wir in Folgendem überein: Ungefähr fünf Werst von hier ist eine tiefe Schlucht; sie gehen morgen früh um vier Uhr dahin ab, wir folgen eine halbe Stunde später; Ihr schießt Euch auf sechs Fuß Distanz — Gruschnitzki hat es selbst so gefordert; der Getödtete kommt auf Rechnung der Tscherkessen. — Mir ist aber noch ein Verdacht gekommen: sie, ich meine die beiden Sekundanten, haben ihren frühern Plan in etwas verändert, und wollen nur die Pistole Gruschnitzki’s mit einer Kugel laden. Das sieht denn doch gerade aus wie Todtschlag; in Kriegszeiten und besonders in einem asiatischen Kriege lass’ ich etwas List wohl gelten, aber ich halte Gruschnitzki doch für honneter als seine Gefährten. Was meinen Sie? Sollen wir ihnen zeigen, daß wir sie durchschaut haben?
— Für nichts auf der Welt, Doktor! Sein Sie ganz ruhig; ich lass’ mich nicht anführen.
„Was wollen Sie eigentlich thun?“
— Das ist mein Geheimniß.
„Ueberlegen Sie wohl, welcher Gefahr Sie sich aussetzen . . . auf sechs Schritte!“
— Doktor, ich erwarte Sie morgen um vier Uhr; die Pferde werden bereit stehen . . . Adieu!
Ich blieb bis gegen Abend zu Hause und schloß mich in meinem Zimmer ab. Ein Lakai der Fürstin kam, mich zu ihr zu bitten, — ich ließ sagen, ich wäre krank.
Es ist zwei Uhr des Nachts . . . ich kann nicht schlafen. Und doch müßte mich der Schlaf etwas stärken, damit morgen meine Hand nicht zittert. Uebrigens ist es schwer auf sechs Schritt fehlzuschießen. Ha, mein Herr Gruschnitzki, Ihre Mystification soll Ihnen nicht gelingen . . . wir werden unsere Rollen wechseln; jetzt kommt es mir zu, auf Ihrem bleichen Gesichte die Zeichen der geheimen Furcht aufzusuchen. Warum haben Sie selbst diese verhängnißvollen sechs Fuß bestimmt? Glauben Sie etwa, ich würde Ihnen ohne Weiteres meine Stirne darbieten? . . . Nein, wir werfen das Loos! und dann . . . dann . . . wie aber, wenn ihn das Glück begünstigt, wenn mein Stern mich endlich verließe? . . . Und wie leicht könnte dies sein; diente er doch solange schon meinen Launen . . .
Wie? sterben? So sterben? Für die Welt freilich keingroßer Verlust; und mir selbst ist es auf ihr auch schon ziemlich langweilig. Ich komme mir vor wie Jemand, der auf einem Balle gähnt, der aber bloß deshalb noch nicht schlafen geht, weil sein Wagen noch nicht da ist. Jetzt ist der Wagen da . . . Adieu! . . .
Ich überschaue im Gedächtniß meine ganze Vergangenheit, und frage mich unwillkührlich: Warum habe ich gelebt? Zu welchem Zwecke wurde ich geboren? Wahrscheinlich hat doch ein solcher existirt, wahrscheinlich war meine Bestimmung eine erhabene, denn ich fühle in meiner Seele unermeßliche Kräfte . . . Ich habe nur diese Bestimmung nicht errathen, sondern ließ mich von den Lockungen leerer und undankbarer Leidenschaften fortreißen; aus ihrem Schmelzofen kam ich fest und kalt wie Eisen hervor, aber hatte auch für immer jedes edle Streben — die schönste Blüthe des Lebens — verausgabt. Und wie oft habe ich seit jener Zeit die Rolle des Beiles in den Händen des Schicksals gespielt! Gleich dem Instrumente des Hochgerichtes fiel ich auf das Haupt der geweihten Opfer, oft ohne Bosheit, immer ohne Mitleid . . . Meine Liebe hat Niemandem Glück gebracht, weil ich denen, die ich liebte, niemals etwas geopfert habe: ich liebte meinetwegen, zu meinem eigenen Vergnügen; ich genügte nur dem seltsamen Bedürfniß meines Herzens, und saugte mit Begier ihre Gefühle, ihre Zärtlichkeit, ihre Freuden und Leiden auf — und konnte mich niemals sättigen. So sieht ein vom Hunger Gequälter, den die Entkräftung in den Schlaf gesenkt hat, im Traume die üppigsten Speisenund schäumendsten Weine; mit Entzücken verschlingt er die lustigen Gerichte seiner Einbildungskraft und er fühlt sich leichter; kaum aber ist er erwacht — sein Bild verschwindet, und es bleibt ihm nichts als doppelter Hunger und doppelte Verzweiflung!
Morgen sterbe ich vielleicht . . . und auf der Welt ist kein einziges Wesen, das mich ganz verstanden hätte. Die Einen halten mich für schlechter, die Andern für besser als ich wirklich bin . . . Die Einen sagen: er war ein guter Junge, die Andern — er war ein verabscheuungswürdiger Mensch. Und das eine wie das andere ist falsch. Ist es nach alle dem noch der Mühe werth zu leben? Und doch lebt man — aus Neugierde: man erwartet stets etwas Neues . . . Es ist lächerlich und traurig. —
Seit anderthalb Monaten bin ich bereits in der Festung N. — Maksim Maksimitsch, der Kommandeur der Festung, ist auf die Jagd gegangen . . . ich bin allein und sitze am Fenster; graue Wolken haben die Berge ganz und gar überzogen; die Sonne sieht durch den Nebel wie ein gelber Flecken aus. Es ist kalt; der Wind pfeift und rüttelt an den Fensterladen . . . Langweilig! — ich werde mein Journal, das von so vielen seltsamen Ereignissen unterbrochen wurde, weiter fortführen.
Ich überlese die letzte Seite: lächerlich! — Ich glaubte zu sterben; das war unmöglich: ich habe den Becher desLeidens noch nicht geleert und jetzt fühle ich, daß ich noch lange leben werde.
Wie alles Vergangene sich so scharf und klar in meinem Gedächtniß abgoß! Nicht einen Zug, nicht eine Nüance hat die Zeit verwischt!
Ich erinnere mich, daß ich im Verlauf der ganzen Nacht die dem Duell voranging, nicht eine Minute geschlafen habe. Schreiben konnte ich nicht lange: eine geheime Unruhe hatte sich meiner bemächtigt. Eine ganze Stunde lang ging ich im Zimmer auf und ab; alsdann setzte ich mich und öffnete einen Roman Walter Scott’s, der gerade auf meinem Tische lag. Es waren „die Puritaner von Schottland.“ Anfangs las ich nur mit Anstrengung, vergaß mich aber bald, von der wunderbaren Dichtung fortgerissen.
Endlich fing es an zu tagen. Meine Nerven beruhigten sich. Ich blickte in den Spiegel; eine trübe Blässe überzog mein Gesicht, welches die Spuren der angreifenden Schlaflosigkeit trug; allein meine Augen, obgleich von einem braunen Ringe umgeben, glänzten stolz und unermüdet. Ich war mit mir selbst zufrieden.
Nachdem ich befohlen hatte die Pferde zu satteln, zog ich mich an und eilte ins Bad. Ich tauchte mich in ein abgekältetes Bad der Narsanischen Heißquelle und fühlte bald, wie die Körper- und Geisteskräfte mir auf’s Neue zuströmten. Ich stieg aus der Wanne so frisch und keck, als bereitete ich mich zu einem Balle vor. Hiernach sage mir Jemand, daß die Seele nicht vom Körper abhinge! . . .
Bei meiner Rückkehr vom Bade fand ich schon den Doktor bei mir wartend. Er trug graue Reithosen, einen Archaluk34)und eine Tscherkessenmütze. Ich lachte laut auf, als ich die kleine Figur unter dieser enormen Zottelmütze erblickte; er hat so schon gar kein kriegerisches Gesicht, aber diesmal war es noch länger als gewöhnlich.
— Warum sind Sie so traurig, Doktor? fragte ich ihn. — Haben Sie nicht schon hundertmal die Leute mit dem allergrößten Gleichmuthe nach jener Welt begleitet? Bilden Sie sich ein, ich hätte ein Gallenfieberchen; ich kann wieder hergestellt werden, kann aber auch dran sterben; das eine wie das andere liegt in der Ordnung der Dinge; bemühen Sie sich, mich wie einen Patienten zu betrachten, der von einer Ihnen noch unbekannten Krankheit befallen ist, — dann kann Ihre Neugierde im höchsten Grade angeregt werden; Sie können an mir einige merkwürdige physiologische Beobachtungen anstellen . . . Denn die Erwartung eines gewaltsamen Todes ist doch wohl schon eine wirkliche Krankheit?
Dieser Gedanke frappirte den Doktor und er wurde wieder heiterer.
Wir setzten uns zu Pferde; Werner klammerte sich mit beiden Händen an die Zügel, und wir machten voran, — im Nu waren wir an der Festung vorüber, durch das Dörfchen und ritten in die Schlucht, durch welche sich ein mit hohem Grase halbverwachsener Weg dahinzog und die alle Augenblicke von einem rauschenden Bache durchschnittenwurde, welchen wir dann zur großen Verzweiflung des Doktors zu Pferde durchschwimmen mußten, weil sein Pferd jedes Mal im Wasser stehen blieb.
Ich erinnere mich keines blaueren und frischeren Morgens. Die Sonne guckte kaum hinter den grünen Bergspitzen hervor und das Verschmelzen der ersten Wärme ihrer Strahlen mit dem dahinsterbenden Nachtfroste brachte über alle Gefühle eine gewisse süße Ermattung; in die Schlucht war noch kein Strahl des jungen Tages gedrungen; er vergoldete nur die Spitzen der Felsen, welche von beiden Seiten über uns drohten; dichtbelaubte Gebüsche, in den tiefen Spalten der Felsen ihre Nahrung findend, überschütteten uns beim leisesten Windhauche mit ihrem Silberregen. Ich erinnere mich wohl, daß ich diesmal mehr wie je zuvor die Natur liebte. Mit welchem Interesse betrachtete ich jeden Thautropfen, der zitternd an einem breiten Weinrebenblatte hing und Millionen von Regenbogenstrahlen widerspiegelte! Wie gierig dürstete mein Blick, die dampfende Ferne zu durchdringen! Dort wurde der Pfad immer enger und enger, die Felsenmassen immer blauer und furchtbarer, zuletzt in eine undurchdringliche Wand zusammenschmelzend! Wir ritten schweigend nebeneinander.
„Haben Sie Ihr Testament gemacht?“ fragte plötzlich Werner.
— Nein.
„Wenn Sie nun aber fallen? . . .“
— Meine Erben werden sich schon einfinden.
„So hätten Sie keinen Freund, dem Sie ein letztes Lebewohl zurufen wollten?“
Ich schüttelte mit dem Kopfe.
„Keine Dame wäre auf der Welt, der Sie ein letztes Liebeszeichen hinterlassen möchten?“
— Soll ich Ihnen, lieber Doktor, meine Seele erschließen? antwortete ich ihm . . . Sehen Sie, ich habe jene Jahre hinter mir, in welchen man sterbend den Namen seiner Geliebten ausruft und seinem Freunde eine Locke pommadirter oder nicht pommadirter Haare vermacht. Wenn ich an den nahen, möglichen Tod denke, so denke ich nur an mich selbst: wie mancher thut das nicht. Die Freunde, welche morgen mich vergessen, oder, was noch schlimmer ist, auf meine Rechnung Gott weiß was für ungereimtes Zeug aussprengen; die Damen, welche in der Umarmung eines andern über mich lachen werden, damit sie in ihm ja nicht die Eifersucht gegen einen Verstorbenen wach rufen, — Gott mit ihnen! . . . Aus dem Sturme des Lebens habe ich nur einige Ideen, aber kein einziges Gefühl übrig behalten; schon längst lebe ich nicht mehr mit dem Herzen, sondern mit dem Kopfe. Ich wäge und analysire meine eigenen Leidenschaften und Schritte mit strenger Neugier aber ohne Theilnahme. In mir sind zwei Menschen: der eine lebt, im vollsten Sinne dieses Wortes, der andere denkt und beurtheilt ihn; der erste sagte Ihnen und der Welt schon in einer Stunde auf ewig Lebewohl; aber der andere . . . der andere? . . . Sehen Sie doch, Doktor, bemerken Sie nicht, wie auf jenem Felsen dortrechts drei Figuren auftauchen? Es scheinen unsere Gegner zu sein? . . .
Wir beschleunigten unsern Ritt.
Am Fuße des Felsens, im Gebüsche, standen drei Pferde angebunden; wir banden die unsrigen ebendaselbst an und stiegen auf einem engen Pfade zu dem freien Plätzchen empor, wo Gruschnitzki mit dem Dragonerhauptmann und seinem zweiten Sekundanten uns erwarteten. Sie nannten ihn Iván Ignátjewitsch; seinen Familiennamen habe ich nie gehört.
„Wir erwarten Sie schon längst,“ begann der Dragonerhauptmann mit einem ironischen Lächeln.
Ich zog die Uhr hervor und zeigte sie ihm.
Er entschuldigte sich, daß die seinige vorginge.
Während einiger Minuten herrschte ein drückendes Schweigen. Endlich unterbrach es der Doktor, indem er sich an Gruschnitzki wandte:
„Es scheint mir,“ sagte er, „da ich Sie beide bereit sehe sich zu schlagen und hierdurch den Bedingungen der Ehre IhreSchuldzu bezahlen, daß Sie die Sache ebenso gut auf gütlichem Wege beseitigen könnten.“
— Ich bin bereit, sagte ich.
Der Kapitain winkte Gruschnitzki zu; dieser, in der Meinung daß ich mich fürchte, nahm eine stolze Miene an, obgleich bis zu diesem Augenblicke eine Todtenblässe seine Wangen überzogen hatte. Seit wir angekommen waren, sah er mich zum erstenmal an; in seinem Blicke lag eine gewisse Unruhe, welche den inneren Kampf verrieth.
„Erklären Sie Ihre Bedingungen,“ sagte er, „und Alles was ich für Sie thun kann, können Sie sicher . . .“
— Meine Bedingungen sind: Sie widerrufen heute öffentlich Ihre Verläumdung und bitten mich sodann um Verzeihung.
„Mein Herr, ich bin erstaunt, wie Sie es wagen, mir solche Dinge zuzumuthen?“
— Und was hätte ich sonst von Ihnen fordern können? . .
„So schießen wir uns.“
Ich zuckte mit den Achseln. — Wie Sie wollen; indessen bedenken Sie es wohl, daß einer von uns unbedingt bleiben muß.
„Ich wünsche, daß Sie es sein möchten . . .“
— Und ich bin vom Gegentheil überzeugt . . .
Er wurde bestürzt, erröthete und schlug dann ein erzwungenes Lachen auf.
Der Kapitain nahm ihn unter den Arm und führte ihn an die Seite; sie zischelten lange miteinander. Ich war in einer ziemlich friedfertigen Stimmung dahingekommen, allein nun fing ich an über dies alles grimmig zu werden.
Zu mir kam der Doktor.
„Hören Sie,“ sagte er mit sichtbarer Unruhe: „Sie haben wahrscheinlich ihre Verabredung vergessen? . . . Ich kann keine Pistole laden, allein in einem solchen Falle . . . Sie sind ein seltsamer Mensch! Erklären Sie ihnen, daß Sie ihre Absichten kennen und sie hören auf zu lachen . . . Welche Idee! Sich wie einen Vogel erschießen lassen . . .“
— Thun Sie mir den Gefallen, lieber Doktor, machen Sie sich keine Sorgen und warten Sie Alles ruhig ab . . . Ich werde es schon so einrichten, daß auf ihrer Seite auch nicht der geringste Vortheil sein soll. Lassen Sie sie nur zischeln . . . Meine Herren, das fängt an langweilig zu werden, sagte ich laut zu ihnen: Sollen wir uns schlagen, oder nicht? Sie hatten gestern Zeit genug zu Verabredungen.
„Wir sind bereit,“ erwiederte der Kapitain. „Stellen Sie sich, meine Herren! Doktor, sein Sie so gut sechs Schritte abzumessen . . .“
„Stellen Sie sich!“ wiederholte Iván Ignátjewitsch mit kreischender Stimme.
— Erlauben Sie! sagte ich, noch eine Bedingung: da wir uns auf Tod und Leben schlagen werden, so sind wir verpflichtet alles Mögliche zu thun, daß dies ein Geheimniß bleibe und unsere Sekundanten nicht in Verantwortung kommen. Sind Sie damit einverstanden?
„Vollkommen einverstanden.“
— Nun, so habe ich Folgendes ausgedacht. Sehen Sie auf der Höhe dieses senkrechten Felsens, rechts, das enge, freie Plätzchen? Von da bis in den Abgrund wird es ungefähr 200 Fuß sein, wenn nicht mehr; unten liegen spitze Steine. Ein jeder von uns stellt sich an den äußersten Rand des Plätzchens; auf diese Weise muß selbst eine leichte Wunde tödtlich werden; dies muß auch mit Ihren Wünschen übereinstimmen, da Sie selbst sechs Schritt Distanz bestimmt haben. Derjenige, welcher verwundet wird, fliegt unvermeidlichin die Tiefe hinab und zerschlägt sich in Stücke. Die Kugel zieht der Doktor heraus und dann wird es ein Leichtes sein, diesen überraschen Tod durch einen Sturz zu erklären. Wir werfen das Loos, wer zuerst schießen soll. Schließlich erkläre ich Ihnen, daß ich mich anders nicht schießen werde.
„Nach Belieben!“ sagte der Kapitain, bedeutungsvoll auf Gruschnitzki blickend, der mit dem Kopfe ein Zeichen des Einverständnisses gab. Sein Gesicht veränderte sich von Minute zu Minute. Ich hatte ihn in ein schwierige Lage versetzt. Schossen wir uns unter den gewöhnlichen Bedingungen, so konnte er mir in die Beine zielen, mich leicht verwunden und so seine Rache befriedigen, ohne sein Gewissen allzusehr zu beschweren; jetzt aber mußte er entweder in die Luft schießen oder zum Mörder werden, oder endlich seine niedrigen Vorsätze aufgeben und sich mit mir derselben Gefahr aussetzen. In dieser Minute hätte ich nicht an seiner Stelle sein mögen. Er führte den Kapitain an die Seite und fing an sehr lebhaft mit ihm zu sprechen; ich sah, wie seine blaugewordenen Lippen bebten; allein der Kapitain wandte sich mit einem verächtlichen Lächeln von ihm. — „Du bist ein Narr!“ sagte er zu Gruschnitzki ziemlich laut, „Du verstehst Dich auf nichts! Brechen wir auf, meine Herren!“
Ein enger Pfad führte zwischen Gesträuchen auf den Abhang; Felsentrümmer bildeten die schwankenden Stufen dieser natürlichen Treppe; wir hielten uns an die Büschefest und klommen empor. Gruschnitzki ging voran, hinter ihm seine Sekundanten, dann kamen wir, der Doktor und ich.
„Ich bewundere Sie,“ sagte der Doktor, indem er mir kräftig die Hand drückte. „Lassen Sie mich den Puls fühlen! . . . Oho! wahrer Fieberschlag! aber auf dem Gesichte ist nichts zu bemerken . . . nur Ihre Augen glänzen heller als sonst.“
Plötzlich rollten uns mit Geräusch kleine Steine unter die Füße. Was ist das? Gruschnitzki war gestolpert; der Zweig, an welchen er sich festgehalten, hatte nachgegeben und er wäre auf dem Rücken hinuntergefahren, wenn ihn seine Sekundanten nicht aufrecht gehalten hätten.
— Nehmen Sie sich in Acht! rief ich ihm zu: fallen Sie nicht zu früh; das ist ein schlimmes Zeichen. Gedenken Sie Julius Cäsars!
Endlich waren wir auf der Höhe des vorspringenden Felsens angekommen; der kleine freie Platz war mit feuchtem Sande bedeckt, wie absichtlich zu einem Duelle. Rundum, einer zahllosen Herde gleich, drängten sich die Berghöhen in den goldenen Morgennebel; der Elborus erhob sich gegen Süden mit seinen weißen Massen, die Kette der Gletscher beschließend, zwischen welchen bereits Wolkenstreifen herumwanderten, die von Osten herangezogen waren. Ich begab mich an den Rand des Plätzchens und blickte in die Tiefe . . . der Kopf wurde mir fast vom Schwindel ergriffen: dort unten schien es mir so dunkel und kalt wie im Grabe; bemoosteFelsenzacken, vom Sturm und der Zeit hinuntergeworfen, erwarteten ihre Beute.
Das Plätzchen, auf welchem wir uns schlagen sollten, bildete ein fast rechtwinkeliges Dreieck. Von dem vorspringenden Winkel wurden sechs Schritte abgemessen und man kam überein, daß derjenige, welchem es zufallen würde, das feindliche Feuer zuerst auszuhalten, an diesem Winkel, mit dem Rücken dem Abgrund zugewandt, stehen solle; wird er nicht erschossen, so wechseln beide Parteien mit den Plätzen.
Ich beschloß Gruschnitzki alle Vortheile zu überlassen, — ich wollte ihn prüfen; in seiner Seele konnte noch ein Funke Großmuth erwachen und dann hätte sich alles zum Besten gewandt; allein seine Eigenliebe und Charakterschwäche sollten siegen . . . Ich wollte mir das volle Recht verschaffen ihn nicht zu verschonen, wenn mich das Schicksal begnadigte. Wer hätte nicht ähnliche Bedingungen mit seinem Gewissen abgeschlossen?
„Werfen Sie das Loos, Doktor!“ sagte der Kapitain.
Der Doktor zog eine Silbermünze aus der Tasche und hob sie in die Höhe.
„Die Kehrseite!“ rief Gruschnitzki rasch aus, wie Einer, den plötzlich ein elektrischer Schlag zu sich brachte.
— Der Adler! sagte ich.
— Die Münze flog auf und fiel klingend herab; alle warfen sich auf sie zu.
— Sie sind der Glücklichere, sagte ich zu Gruschnitzki, es ist an Ihnen zuerst zu schießen! Aber vergessen Sie nicht,daß wenn Sie mich nicht tödten, ich Sie wahrhaftig nicht verfehle — Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.
Er erröthete; er schämte sich doch einen Wehrlosen morden zu wollen; ich sah ihm scharf in’s Auge; Einen Augenblick schien es mir, als wolle er sich mir zu Füßen werfen und um Verzeihung bitten; wie aber sollte er so niedrige Absichten bekennen? Es blieb ihm nur ein Mittel übrig — in die Luft zu feuern; ich war überzeugt, daß er es thun werde! nur Eins konnte ihn daran verhindern, der Gedanke nämlich, daß ich das Duell erneuern würde. —
„Jetzt ist es Zeit!“ raunte mir der Doktor zu, indem er mich am Aermel zupfte, „wenn Sie jetzt nicht sagen, daß wir ihre Absichten kennen, so ist Alles verloren. Sehen Sie nur, er ladet schon . . . wenn Sie nichts sagen, so werde ich selbst . . .“
— Für nichts auf der Welt, Doktor! entgegnete ich, indem ich ihn am Arme zurückhielt; Sie werden Alles verderben, und gaben mir doch Ihr Wort sich in nichts zu mischen . . . Was geht Sie’s auch an? Vielleicht will ich getödtet werden?
Er blickte mich mit Verwunderung an.
„O, das ist was Anderes! Nur beklagen Sie sich dann in jener Welt nicht über mich.“
Der Kapitain hatte unterdessen seine Pistolen geladen und gab Gruschnitzki, dem er lächelnd etwas zuflüsterte, die Eine, die Andere mir.
Ich stellte mich an den Rand des Abgrundes, fest mitdem linken Fuße auf den Stein gestemmt und ein wenig vorwärts gebogen, um mich im Falle einer leichten Wunde nicht sogleich rückwärts zu werfen. Gruschnitzki stand mir gegenüber und fing an auf ein gegebenes Zeichen die Pistole anzulegen. Seine Kniee zitterten. Er zielte mir gerade auf die Stirn.
Eine unaussprechliche Wuth begann in meiner Brust zu kochen.
Plötzlich ließ er den Lauf der Pistole etwas herabsinken und, leichenblaß, zu seinem Sekundanten gewendet, sagte er mit hohler Stimme: „Ich kann nicht!“
— Memme! erwiederte ihm der Kapitain. Der Schuß ging los. Die Kugel streifte mir das Knie. Unwillkührlich machte ich einige Schritte vorwärts, um schneller vom Rande hinwegzukommen.
— Nun, Freund Gruschnitzki, es ist Schade, daß Du fehl geschossen hast! sagte der Kapitain: jetzt ist die Reihe an Dir, stell Dich nur hin! Umarme mich zuvor, wir werden uns wohl nicht wiedersehen! — Sie umarmten sich; der Kapitain konnte sich kaum des Lachens erwehren! Nur nicht ängstlich, setzte er hinzu, indem er Gruschnitzki pfiffig anblinzelte, auf der Welt ist Alles doch nur Narrethei! . . . Die Natur — eine Närrin, das Schicksal — eine Scharteke, und das Leben — eine Kopeke!35)
Nach dieser tragischen, mit gebührender Wichtigkeit vorgetragenen Phrase, begab er sich an seinen Platz. Ivan Ignatjewitsch umarmte jetzt Gruschnitzki ebenfalls mit Thränen in den Augen und so stand er denn endlich mir allein gegenüber. Bis auf den heutigen Tag bemühe ich mich, mir dasjenige Gefühl klar zu machen, welches damals in meiner Brust kochte: theils war es Zorn der beleidigten Eigenliebe, theils Verachtung und Grimm, aus dem Gedanken hervorgehend, daß dieser Mensch, der jetzt mit einer solchen Zuversichtlichkeit, mit solch einer sorglosen Frechheit auf mich blickt, mich noch vor zwei Minuten, ohne sich selbst der geringsten Gefahr auszusetzen, wie einen Hund tödten wollte; denn, etwas schwerer am Fuße verwundet, wäre ich unvermeidlich vom Felsen hinabgestürzt.
Ich blickte ihm einige Minuten lang scharf in’s Auge, um auch nur die leiseste Spur von Reue zu entdecken; es schien mir aber, als ob er ein Lächeln zurückdränge.
— Ich rathe Ihnen vor Ihrem Tode Ihre Seele Gott zu befehlen, sagte ich ihm endlich.
„Bekümmern Sie sich um meine Seele nicht mehr, als um Ihre eigene; nur um eins bitte ich Sie recht sehr: machen Sie’s kurz.“
— So widerrufen Sie also Ihre verläumderischen Reden nicht? Sie bitten mich nicht um Verzeihung? . . .Bedenken Sie es wohl; sagt Ihnen Ihr Gewissen denn gar nichts?
„Herr Petschorin!“ rief der Dragonerhauptmann. „Erlauben Sie Ihnen zu bemerken, daß Sie nicht hier sind um zu predigen . . . Machen wir der Sache ein Ende; wie leicht könnte Jemand vor der Schlucht passiren und uns sehen.“ —
— Gut. Doktor, kommen Sie, bitte, zu mir.
Der Doktor kam heran. Der Arme! Er war blässer, als es Gruschnitzki vor zehn Minuten gewesen war.
Die folgenden Worte sprach ich absichtlich mit Nachdruck, laut und vernehmlich, wie man ein Todesurtheil ausspricht:
— Doktor, diese Herren vergaßen, wahrscheinlich in der Eile, die Kugel in meine Pistole zu laden; ich bitte Sie, dieselbe noch einmal zu laden, — und ordentlich.
„Das kann nicht sein!“ schrie der Kapitain; „das kann nicht sein! Ich habe beide Pistolen geladen; sollte die Kugel denn aus Ihrer Pistole herausgerollt sein . . . das ist nicht meine Schuld! Sie haben aber kein Recht noch einmal zu laden . . . nicht das geringste Recht . . . das ist durchaus gegen die Regeln; ich werde nie zugeben . . .“
— Gut! sagte ich zum Kapitain, wenn dem so ist, so werde ich mich auch mit Ihnen auf dieselben Bedingungen schießen . . .
Er wurde verwirrt.
Gruschnitzki stand da, den Kopf auf die Brust gesenkt, bestürzt und finster. — „Laß sie doch!“ sagte er endlich zumKapitain, der meine Pistole aus den Händen des Doktors reißen wollte . . . „Du weißt doch selbst, daß sie Recht haben.“ Vergebens gab ihm der Kapitain verschiedene Winke, Gruschnitzki wollte einmal nicht sehen.
Unterdessen hatte der Doktor die Pistole geladen und reichte sie mir zu. Als der Kapitain dies sah, spuckte er aus und stampfte mit dem Fuße! „Du bist ein Narr, mein Lieber,“ fuhr er heraus, „ein elender Narr! . . . Wenn Du Dich einmal auf mich verließest, so mußtest Du mir auch in Allem folgen . . . Jetzt hast Du Dir’s selbst zuzuschreiben, wenn Du wie eine Fliege verrecken mußt . . .“ Er wandte sich um und brummte während er zurücktrat: „Aber es ist doch durchaus gegen jede Regel.“ — „Gruschnitzki!“ sagte ich, „noch ist es Zeit; widerrufe Deine Verläumdungen und ich verzeihe Dir Alles. Es ist Dir nicht gelungen, mich zum Narren zu haben und meine Eigenliebe ist befriedigt; gedenke, daß wir einst Freunde waren . . .“
Sein Gesicht glühte, seine Augen funkelten.
„Schießen Sie!“ entgegnete er, „ich verachte mich und Sie hasse ich. Tödten Sie mich nicht, so erschieße ich Sie des Nachts aus einem Hinterhalte. Für uns Beide ist auf dieser Erde nicht Raum . . .“
Ich schoß . . .
Als der Dampf sich verzog, war Gruschnitzki nicht mehr auf dem Plätzchen. Nur der Staub wirbelte noch in einer dünnen Säule am Rande des Abhangs.
Alle schrieen wie mit einer Stimme auf.
— Finita la Commedia! sagte ich zum Doktor.
Er antwortete nicht und wandte sich mit Entsetzen ab.
Ich zuckte die Achseln und machte den Sekundanten Gruschnitzki’s meine Verbeugung.
Beim Hinuntersteigen vom engen Bergpfade bemerkte ich zwischen den herumliegenden Felsenstücken den blutigen Leichnam Gruschnitzki’s; unwillkührlich schloß ich die Augen.
Ich band mein Pferd los und ritt im Schritte heimwärts; mir lag es wie ein Stein auf dem Herzen. Die Sonne schien mir so trübe, ihre Strahlen so kalt . . .
Kurz vor dem Dörfchen lenkte ich rechts ab, dem Hohlweg zu. Der Anblick eines Menschen wäre mir eine Last gewesen: ich wollte allein sein. Ich ließ die Zügel fallen und ritt lange umher, den Kopf auf die Brust gesenkt, bis ich mich endlich in einer wildfremden Gegend sah; sogleich wandte ich mein Pferd um und suchte den verlorenen Weg wieder auf; die Sonne war bereits im Untergehen als ich erschöpft auf einem erschöpften Pferde Kislowodsk erreichte.
Mein Bedienter sagte mir, Werner sei hier gewesen und habe zwei Billete zurückgelassen. Das Eine war von ihm, das Andere von Wära:
Ich erbrach das erstere; es lautete folgendermaßen:
„Alles ist aufs Beste arrangirt; der Körper ist entstellt hierhergebracht worden; die Kugel ist herausgezogen. Alle sind überzeugt, daß ein unglücklicher Zufall die Ursache seines Todes war; nur der Kommandant, dem der Streitwahrscheinlich bekannt war, schüttelte mit dem Kopfe, sagte aber kein Wort. Beweise sind gegen Sie nicht vorhanden, Sie können also ruhig schlafen, wenn Sie können . . . Adieu!“
Lange konnte ich mich nicht entschließen das zweite Billet zu öffnen. Was konnte sie mir schreiben? . . . Ein düsteres Vorgefühl wogte in meiner Seele.
Ihr Brief, wie er Wort für Wort unverwischlich in meinem Gedächtniß bleiben wird, lautete also:
„Ich schreibe Dir in der vollkommenen Ueberzeugung, daß wir uns niemals wiedersehen werden. Vor einigen Jahren, als ich von Dir Abschied nahm, dachte ich dasselbe; allein es hat dem Himmel gefallen, mich nochmals heimzusuchen . . . ich hielt diese Prüfung nicht aus; mein schwaches Herz unterwarf sich der bekannten Stimme . . . Du wirst mich deshalb nicht verachten, nicht wahr? Dieser Brief soll mein Abschied und meine Beichte zugleich sein: ich fühle mich gedrungen Dir Alles mitzutheilen, was sich in meinem Herzen aufgespeichert hat, seit es Dich liebt. Ich will Dich nicht beschuldigen —: Du thatest mit mir, wie ein jeder andere Mann an Deiner Stelle gethan haben würde: Du liebtest mich wie Dein Eigenthum, wie die Quelle Deiner wechselnden Freuden, Aufregungen und Besorgnisse, ohne welche das Leben langweilig und gleichförmig ist. Ich begriff dies gleich von Anfang an . . . Allein Du warst unglücklich und so opferte ich mich in der Hoffnung, daß Du dereinst einmal die Größe meines Opfers würdigen, die tiefe Zärtlichkeit verstehen würdest, die an keine Bedingung derWelt geknüpft war. Seitdem ist manches Jahr entflohen! Ich hatte alle geheimen Saiten Deiner Seele kennen gelernt und die Ueberzeugung gewonnen, daß jene Hoffnung eine eitle war. Das ging mir bitter durch die Seele! Allein, meine Liebe hatte mein ganzes Herz überwuchert: sie wurde düstrer, aber erstarb nicht.
Wir trennen uns jetzt auf ewig; indessen kannst Du die Ueberzeugung bewahren, daß ich niemals einen andern lieben werde: meine Seele hat an Dir bereits alle ihre Liebesschätze, ihre Thränen, ihre Hoffnungen erschöpft. Wer Dich einmal geliebt hat, kann auf die übrigen Männer nicht ohne eine gewisse Geringschätzung herabblicken; nicht als ob Du besser wärst als sie, o nein! allein in Deinem Wesen liegt so etwas Besonderes, Stolzes, Geheimnißvolles, das nur Dir allein angehört; was Du auch sprechest, in Deiner Stimme liegt stets eine unwiderstehliche Gewalt. Niemand versteht es wie Du, so beständig geliebt werden zu wollen; in Keinem ist das Böse so anziehend, keines Andern Blick verspricht so viel Seligkeit, Niemand versteht es wie Du seine Vorzüge zu benutzen und kein Mensch kann so wahrhaft unglücklich sein, wie Du, weil Niemand so sehr wie Du sich bemüht, sich das Gegentheil einzureden.
Jetzt muß ich Dir noch den Grund meiner eiligen Abreise mittheilen, er wird Dir unzureichend scheinen, weil er sich nur auf mich allein bezieht.
Heute früh kam mein Mann zu mir und erzählte mit Deinen Vorfall mit Gruschnitzki. Offenbar muß ich michwährend dieser Erzählung sehr verändert haben, denn er blickte mir lange forschend in die Augen; ich verlor fast das Bewußtsein, wenn ich bedachte, daß Du Dich heute schlagen mußt, und daß ich Schuld an Allem bin; es schien mir eine Weile, als sollte ich wahnsinnig werden . . . Allein jetzt, wo ich wieder mit Ruhe urtheilen kann, habe ich die Ueberzeugung, daß Du am Leben bleibst. Du kannst ohne mich nicht sterben, es ist unmöglich! Mein Mann ging lange im Zimmer auf und ab; ich weiß nicht, mehr, was er zu mir, gesprochen, erinnere mich auch meiner Antworten nicht mehr, — wahrscheinlich habe ich ihm gesagt, daß ich Dich liebe — Ich erinnere mich nur, daß er mich am Ende unseres Gespräches mit einem gräßlichen Worte beleidigte und das Zimmer verließ. Ich hörte wie er Befehl gab den Reisewagen in Ordnung zu bringen . . . Und nun sitze ich schon seit drei Stunden am Fenster und warte auf Deine Rückkehr . . . Allein Du lebst, Du kannst nicht sterben! . . . Der Wagen ist so gut wie bereit . . . Adieu, Adieu . . . Ich bin verloren, — doch was thut das? . . . Könnte ich nur die Ueberzeugung mit mir nehmen, daß Du meiner stets gedenken — ich will nicht sagen: mich lieben — nein, meiner nur gedenken wirst! . . . So lebe wohl; man kommt . . . ich muß den Brief verbergen . . .
Nicht wahr, Du liebst Mary nicht? Du heirathest sie nicht? Dieses Opfer mußt Du mir bringen, die ich auf dieser Welt alles für Dich verloren habe . . .“
Wie ein Besessener rannte ich nach dem Perron, sprangauf meinen Tscherkessen, den man noch im Hofe auf- und abführte, und sprengte mit verhängten Zügeln den Weg nach Pätigorsk entlang. Unbarmherzig trieb ich das erschöpfte Roß an, das röchelnd und schaumbedeckt den steinigen Weg mit mir dahinflog.
Die Sonne verbarg sich bereits hinter schwarzem Gewölke, das auf dem Rücken der westlichen Gebirgskette ausruhte; in dem Hohlwege war es dunkel und feucht. Der Podkumok murmelte tief und einförmig auf seiner Fahrt über die Felssteine. Ich erstickte vor Ungeduld und jagte vorwärts. Der Gedanke, sie in Pätigorsk nicht mehr einzuholen, schlug mir wie ein Hammer auf das Herz; noch einmal, noch einen Augenblick sie zu sehen, ihr ein letztes Lebewohl zuzurufen, ihre Hand zu drücken . . . Ich betete, fluchte, weinte, lachte . . . nein, nichts kann meine Unruhe, meine Verzweiflung beschreiben! . . . Bei dem Gedanken, sie auf ewig zu verlieren, war mir Wära plötzlich theurer geworden als alles auf der Welt, — theurer als Leben, Ehre, Glück! Gott weiß, was für abenteuerliche, verrückte Gedanken in meinem Gehirne auftauchten . . . und unterdessen jagte ich unbarmherzig immer drauf los. — Und auf einmal bemerkte ich, daß mein Pferd sehr schwer athmete und schon zum zweiten Male auf ebenem Wege stolperte . . . doch blieben mir nur noch fünf Werst bis nach Jesséntukoff, einer Kosakenstation, wo ich ein Pferd bekommen konnte.
Alles wäre gut abgelaufen, wenn mein Pferd noch für zehn Minuten Kräfte gehabt hätte; allein, gerade als wiraus dem Gebirge herauskamen, stürzte es beim Steigen aus einer kleinen Vertiefung des Weges, auf die Erde. Ich springe rasch ab und will es aufrichten, reiße an dem Zügel — alles umsonst: ein kaum hörbares Stöhnen drängte sich zwischen seinen geschlossenen Zähnen hervor; nach einigen Minuten war es todt und ich in der Steppe allein, meine letzte Hoffnung zertrümmert sehend; ich versuchte zu Fuß weiter zu gehen — meine Füße stießen aneinander; von den Aufregungen des Tages und der vorangegangenen Schlaflosigkeit zu Tode ermüdet, fiel ich auf das feuchte Gras und weinte wie ein Kind.
Lange lag ich unbeweglich dort und weinte bitterlich, nicht bemüht meine Thränen und mein krampfhaftes Schluchzen zurückzuhalten; fast glaubte ich daß meine Brust zersprengen müßte; meine ganze Festigkeit, meine ganze Kaltblütigkeit war wie Rauch verflogen; meine Seele gebrochen, meine Vernunft betäubt, — hätte Jemand mich in diesem Augenblicke gesehen, so hätte er sich nur mit Verachtung von mir abwenden können.
Als der Nachtthau und der Bergwind meinen glühenden Kopf wieder erfrischt hatten und meine Gedanken wieder in die gewöhnliche Ordnung gekommen waren, begriff ich sehr wohl, daß es unnütz und thöricht ist, einem verlorenen Glücke nachzujagen. Was fehlt mir denn eigentlich? Sie noch einmal sehen? — Und wozu das? Ist denn zwischen uns nicht alles beendigt? Ein bitterer Abschiedskußkann meine Erinnerung um nichts bereichern und hätte uns die Trennung nur erschwert.
Indessen thut es mir wohl, weinen zu können! Vielleicht aber liegt dies an meinen aufgeregten Nerven, einer vollständig schlaflosen Nacht, an den zwei Minuten vor der offenen Pistolenmündung und meinem leeren Magen.
Desto besser! Dieses neue Leiden hat in mir, um mich eines militairischen Kunstausdruckes zu bedienen, eine glückliche Diversion hervorgebracht. Das Weinen ist gesund, und überdies würde ich ohne diesen vehementen Ritt und die funfzehn Werst, die ich nun zu Fuß zurücklegen mußte, wahrscheinlich auch diese Nacht kein Auge zugemacht haben.
Ich erreichte Kislowodsk um fünf Uhr des Morgens, warf mich auf das Bett und schlief den Schlaf Napoleons nach der Schlacht bei Waterloo.
Als ich erwachte, war es draußen schon dunkel. Ich setzte mich an’s offene Fenster, knöpfte meinen Archaluk auf und ließ den frischen Bergwind über meine Brust spielen, die noch unter dem schweren Drucke der Müdigkeit seufzte.