„Ew. Gnaden,“ sagte endlich einer derselben, „sehn Sie mal, nach Kobi kommen wir heute doch nicht; befehlen Sie nicht vielleicht, daß man wenigstens dort links einbiege? Sehen Sie wohl, da, am Abhange, starrt etwas empor, wahrscheinlich ein Felsen: nun, da halten die Reisenden gewöhnlich zur Zeit eines Unwetters; die Osseten meinen, daß wenn Sie ein Trinkgeld gäben, sie uns hinschaffen wollten.“
— Ich weiß, mein Lieber, weiß es ohne Dich! sagteder Stabskapitain. Diese Bestien sind bereit sich in Stücke zu zerreißen, wenn sie einem nur ein Trinkgeld abnöthigen können.
„Indessen gestehen Sie selbst,“ meinte ich, „daß es uns jetzt ohne sie schlecht ergehen würde.“
— ’S ist alles eins; ’S ist alles eins! brummte er vor sich hin. Das sind mir die rechten Führer! Sie wittern es, wo sie eine Gelegenheit benutzen können. Als ob man ohne sie den Weg nicht finden könnte! . . .
So wandten wir uns denn links und erreichten mit vieler Noth ein armseliges Obdach, aus zwei Sakljen bestehend, die aus Fliesen und Kieselsteinen zusammengemauert waren und um die sich eine eben solche Schutzmauer zog. Die zerlumpten Wirthsleute empfingen uns freundlich. Später erfuhr ich, daß sie von der Regierung bezahlt und ernährt werden unter der Bedingung, daß sie die vom Sturm überfallenen Reisenden aufnehmen.
„Es hat doch alles sein Gutes!“ sagte ich, mich an’s Feuer niedersetzend. „Jetzt erzählen Sie mir Ihre Geschichte von der Bela aus; ich bin überzeugt, damit war die Sache noch nicht abgemacht.“
— Und weshalb sind Sie so überzeugt davon? entgegnete mir der Stabskapitain, indem er mich mit einem listigen Lächeln anblinzelte.
„Deshalb, weil es nicht in der Ordnung der Dinge liegt; was auf eine ungewöhnliche Weise anfing, muß auch ebenso wieder endigen.“
— Sie haben’s getroffen.
„Sehr erfreut.“
— Sie haben sich gut freuen, mir aber ist es wahrlich sehr traurig zu Muthe, wenn ich dran denke. Es war doch ein herrliches Mädchen, die Bela! Ich gewöhnte mich zuletzt so an sie wie an eine Tochter, und sie liebte mich. Ich muß Ihnen nämlich sagen, daß ich keine Familie habe; von meinen Eltern habe ich seit zwölf Jahren bereits keine Nachricht mehr, und ich habe nicht früh genug daran gedacht mich mit einer Frau zu versorgen — na, und jetzt will sich das nicht mehr recht schicken; so war ich denn froh daß ich irgend wen verzärteln konnte. Da sang sie uns denn so manches Liedchen oder tanzte einen lesghinischen Tanz . . . Ach, und wie sie tanzte! Ich habe doch auch unsere Fräulein aus der Provinz tanzen sehen und war sogar einmal in Moskau in der Adligen-Ressource; es wird wohl an die zwanzig Jahre her sein, — ja, wo denken Sie hin! Durchaus nicht das! . . . Grigorii Alexandrowitsch putzte sie aus wie ein Püppchen und hätschelte sie und pflegte sie, und sie gewann so bei uns, daß es eine wahre Pracht war! Die Sommersprossen vergingen aus Gesicht und Händen, auf ihren Wangen glühte der reine Purpur . . . und sie war so aufgelegt, und machte sich, der Schalk, immer über mich so lustig . . . Gott sei ihr gnädig! . . .
„Was sagte sie, als man ihr den Tod ihres Vaters anzeigte?“
— Wir verhehlten es ihr lange, bis sie sich ganz anihre Lage gewöhnt hatte; als wir es ihr endlich mittheilten, weinte sie ein paar Tage und dann war alles vergessen.
— Vier Monate lang ging alles nach Herzenswunsch. Ich glaube Ihnen schon gesagt zu haben, daßGrigoriiAlexandrowitsch leidenschaftlich die Jagd liebte; früher hatte es ihn denn oft in den Wald auf die Spur der Eber und wilden Böcke getrieben, jetzt aber kam er selten über den Festungswall hinaus. — Auf einmal sehe ich denn, wie er wieder nachdenklich wird und mit auf dem Rücken gefalteten Händen im Zimmer auf- und abspaziert; dann, ohne Jemandem etwas davon zu sagen, ging er pürschen, — der ganze Morgen verstrich damit. Das war einmal so, dann das andere Mal, dann immer häufiger und häufiger. „Das ist kein gutes Zeichen,“ dachte ich, „zwischen ihnen muß wohl die schwarze Katze vorbeigesprungen sein!“
— Eines Morgens ging ich auch zu ihnen — es ist mir, als ob sie noch vor meinen Augen stünde: Bela saß auf dem Bette in einem schwarzseidenen Beschmete, und war so blaß und so traurig, daß ich zusammenfuhr.
— Wo ist Petschorin, fragte ich.
„Auf der Jagd.“
— Ging er heute aus? — Sie schwieg, als ob es ihr peinlich gewesen wäre, es zu sagen.
„Nein, gestern schon,“ begann sie endlich, tief aufseufzend.
— Es wird ihm doch nichts begegnet sein?
„Ich habe gestern den ganzen Tag gedacht und gedacht,“ erwiederte sie unter Thränen, „und habe mir mancherleiUnglück vorgestellt; bald schien es mir, als habe ein wilder Eber ihn verwundet, bald als hätte ein Tschetschiner ihn in die Berge geschleppt . . . Aber heute dünkt es mich als habe er mich nicht mehr lieb.“
— Nun wahrhaftig, Liebchen, etwas Schlimmeres hättest Du auch nicht ausdenken können! — Sie fing an zu weinen und erhob endlich mit stolzer Würde ihr Haupt, wischte die Thränen ab und fuhr fort:
„Wenn er mich nicht mehr liebt, wer hindert ihm denn mich nach Hause zurückzuschicken? Ich zwinge ihn zu nichts. Wenn das aber so fortgeht, so werde ich von selbst mich entfernen; ich bin keine Sklavin, ich bin eines Fürsten Tochter!“ . . .
— Ich bemühte mich sie zu beruhigen. — Höre, Bela, siehe, er kann doch nicht immer hier sitzen, als ob er an Deinen Unterrock genäht wäre: er ist ein junger Mann, der es liebt, dem Wilde nachzustellen, — und der da kommt und geht; wenn Du aber so melancholisch sein willst, dann wird er Deiner erst recht überdrüssig.
„Wahr, wahr,“ antwortete sie, „ich werde heiter sein!“ — Und mit lautem Lachen griff sie nach ihrem Tamburine, fing an zu singen und zu tanzen und um mich herum zu springen; allein es dauerte nicht lange und sie fiel wieder auf ihr Bett und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.
— Was sollte ich mit ihr anfangen? Sie müssen wissen, ich habe mit Damen nie Umgang gehabt; ich sann und sann, wie ich sie trösten könnte und sann doch nichtsaus; so schwiegen wir denn alle Beide eine Weile . . . Eine unausstehliche Position! . . .
— Endlich sagte ich zu ihr: „Willst Du, so gehen wir ein wenig auf dem Walle? Das Wetter ist schön!“ — Es war im September, und wahrhaftig ein wunderschöner, heller, nicht zu heißer Tag; man konnte die Berge alle sehen, als ob sie auf Porzelan gemalt gewesen wären. Wir gingen, und spazierten schweigend auf dem Festungswalle auf und ab. Sie setzte sich endlich auf den Rasen nieder und ich setzte mich neben sie. Wahrhaftig, es kommt mir jetzt recht lächerlich vor, ich lief hinter ihr drein, wie eine Wärterin.
— Unsere Festung stand auf einem erhabenen Orte und bot eine schöne Aussicht dar; von der einen Seite lief eine weite Ebene, von Schluchten durchschnitten, auf einen Wald aus, der sich bis auf den Rücken der Berge hinaufzog; hier und da tauchten die Aule, tauchten die Herden auf; von der andern Seite floß ein kleiner Fluß eilig dahin, der das dichte Gesträuch bespülte, welches die steinigten Hügel bedeckt, die sich endlich der Hauptkette des Kaukasus anschließen. Wir saßen an einer Ecke der Bastion, so, daß wir von beiden Seiten alles überschauen konnten. Auf einmal sehe ich, wie Jemand auf einem grauen Pferde aus dem Walde immer näher und näher herangeritten kommt, und endlich auf der andern Seite des Flüßchens in einer Entfernung von ungefähr 700 Fuß von uns stehen blieb und sein Pferd nach allen Seiten herumwarf. „Was zum Henker ist das?“ sagte ich, „sieh’ doch ’nmal hin, Bela,Du hast bessere Augen als ich, was das für ein Dschigit ist und zu wessen Belustigung der gekommen sein mag.“
— Sie blickte hin und schrie auf: Das ist Kasbitsch!
— „Der verdammte Kerl! Ist er gekommen um uns zu verhöhnen?“ — Ich schaue ebenfalls hin — wahrhaftig es ist Kasbitsch, sein schwarzbraunes Gesicht, und zerrissen und zerlumpt und schmierig wie immer. — „Das ist meines Vaters Pferd,“ sagte Bela, indem sie mich bei der Hand faßte; sie zitterte wie ein Blatt, ihre Augen funkelten. Schau, schau! dachte ich bei mir selbst: auch in Dir, mein Seelchen, schweigt das Räuberblut nicht!
— „Komm’ mal hierher,“ sagte ich zur Schildwache, „sieh nach Deinem Gewehr und schieß mir ’nmal diesen Burschen da herunter — bekommst einen Silberrubel.“ — „Zu befehlen Eure hohe Gnaden: er steht nur nicht ganz still . . .“ „So befiehl es ihm!“ sagte ich lächelnd . . .
— „Heda! Gutfreund!“ schrie ihm der Soldat zu, indem er ihm mit den Armen winkte: „warte doch einmal ein Bischen, was drehst Du Dich denn da wie ein Kreisel herum?“ — Kasbitsch blieb wirklich stehen und hörte zu; wahrscheinlich glaubte er, daß man mit ihm in Unterhandlungen treten wolle, — da kam er gerade recht! . . .
— Mein Grenadier legt an . . . Batz! . . . vorbei; — das Pulver war nur von der Pfanne abgebrannt; Kasbitsch spornte sein Pferd daß es einen Seitensprung that. Dann hob er sich in den Steigbügeln in die Höhe, schrieetwas in seiner Sprache, drohte mit der Nagaika19)— und weg war er!
— Schämst Du Dich denn nicht! sagte ich zur Schildwache. —
„Ew. hohe Gnaden! Er wird dem Tode doch nicht entgehen,“ entgegnete dieser, „dieses verdammte Volk kriegt man mit Einem Male nicht todt.“
— Nach einer Viertelstunde kehrte Petschorin von der Jagd zurück; Bela warf sich ihm um den Hals und äußerte keine Klage, keinen Vorwurf über seine lange Abwesenheit . . . Dagegen war ich recht böse auf ihn. Nun bitte ich Sie, — sagte ich — da war Kasbitsch so eben am andern Ufer des Flüßchens und wir haben auf ihn geschossen; wie leicht hätten Sie auf ihn stoßen können? Diese Gorzen sind ein rachesüchtiges Volk; glauben Sie etwa, daß er nicht längst errathen habe, daß Sie dem Asamat behülflich waren? Und ich will wetten, daß er Bela heute erkannt hat. Ich weiß, daß sie ihm vor einem Jahre schrecklich gefiel — er hat es mir selbst gesagt — und wenn er hätte hoffen können, eine anständige Morgengabe zusammenzubringen, so hätte er wahrhaftig auch um sie angehalten . . . — Hierbei verfiel Petschorin in Gedanken.
„Ja,“ antwortete er; „wir müssen vorsichtiger sein . . . Bela! von heute an darfst Du nicht mehr auf dem Festungswalle spazieren gehen.“
Desselbigen Abends hatte ich eine lange Auseinandersetzung mit ihm; es that mir weh, daß er sich gegen das arme Mädchen so verändert hatte; denn außerdem daß er den halben Tag auf der Jagd lag, so war sein ganzes Betragen gegen sie kalt, er liebkoste sie selten und sie fing an zusehends abzumagern, ihr Gesichtchen wurde länger, ihre großen Augen umwölkt. Wie oft fragte ich sie nicht: Warum seufzest Du, Bela? Bist Du traurig? „Nein!“ Trägst Du nach etwas Verlangen? „Nein!“ Sehnst Du Dich nach Deinen Angehörigen? „Ich habe keine Angehörigen.“ — Ganze Tage lang konnte man außer „Ja“ und „Nein“ nichts aus ihr herausbringen. — Nun, dies Alles sagte ich ihm denn. „Hören Sie mich an, Maksim Maksimitsch,“ erwiederte er: „ich habe einen unglückseligen Charakter; hat mich die Erziehung so gemacht, hat Gott mich so erschaffen, ich weiß es nicht; ich weiß nur, daß wenn ich die Ursache von anderer Leute Unglück bin, ich selbst mich nicht minder unglücklich fühle. Natürlich ist ihnen dies ein schlechter Trost — es handelt sich hier auch nur darum, daß Dem so ist. Von meiner ersten Jugend an, sobald ich nur der elterlichen Bevormundung entrückt war, gab ich mich leidenschaftlich allen Genüssen hin, die man für Geld nur erlangen kann, und natürlich ekelten mich diese Genüsse bald an. Dann betrat ich die große Welt, und auch die Gesellschaft langweilte mich bald; ich verliebte mich in die Schönen der „großen Welt“ und wurde wieder geliebt, — allein ihre Liebe reizte nur meine Einbildungskraftund Eigenliebe, das Herz ging leer dabei aus . . . So fing ich an zu lesen, zu studiren — auch die Wissenschaften wurden mir langweilig; ich sah, daß weder der Ruhm noch das Glück irgendwie an sie gefesselt sind, denn die glücklichsten Menschen sind — die Unwissenden, und der Ruhm — ein Glücksfall, zu dessen Erreichung man nur gewandt zu sein braucht. So wurde mir Alles zum Ekel . . . Bald darauf wurde ich nach dem Kaukasus versetzt: das war die glückseligste Zeit meines Lebens. Ich hoffte, daß die Langeweile unter den Kugeln der Tschetschiner nicht wohnen würde — vergebens; nach einem Monate war ich so an ihr Sausen und an die Nähe des Todes gewöhnt, daß ich wahrlich dem Fluge einer Mücke mehr Aufmerksamkeit zuwandte, — und da wurde mir noch öder zu Muthe als je zuvor, denn ich verlor fast die letzte Hoffnung. Als ich Bela in meinem Hause sah, als ich sie zum ersten Male auf meinen Knieen hielt und ihre schwarzen Locken küßte, da glaubte ich Thor, daß sie ein Engel sei, den mir das mitfühlende Schicksal zugesandt habe . . . Ich irrte mich abermals: Die Liebe einer Wilden ist nicht viel besser als die einer vornehmen Dame; die Unwissenheit und Herzenseinfalt der Einen ist eben so langweilig wie die Koketterie der Andern. Wenn Sie wollen, so liebe ich sie noch; ich bin ihr dankbar für einige recht süße Augenblicke und bereit mein Leben für sie hinzugeben, — aber ich langweile mich mit ihr . . . Bin ich ein Thor oder ein Bösewicht, ich weiß es nicht; das aber ist gewiß, daß ich des Mitleids eben so würdigbin, vielleicht noch mehr als sie; meine Seele ist von der Welt verdorben worden; meine Einbildungskraft eine unstäte, mein Herz unersättlich; mir ist alles zu wenig; an den Kummer gewöhne ich mich so leicht, wie an den Genuß, und so wird mein Leben von Tag zu Tage leerer; mir bleibt nureinMittel übrig: zu reisen. Sobald es nur angehen wird reise ich ab, — nur nicht nach Europa, Gott behüte! — Ich gehe nach Amerika, Arabien, Indien! — Vielleicht trifft mich unterwegs der Tod! Wenigstens bin ich überzeugt, daß dieser letzte Trost, mit Hülfe der Stürme und der schlechten Wege, nicht allzulange wird auf sich warten lassen!“ —
— So sprach er noch lange und seine Worte gruben sich mir tief in’s Gedächtniß, denn es war zum ersten Mal, daß ich einen 25jährigen Menschen also sprechen hörte, und, gebe es Gott, zum letzten Male! — Wie seltsam! Sagen Sie selbst, — fuhr der Stabskapitain fort, indem er sich an mich wandte, — Sie waren, wie es scheint, auch in der Residenz, und noch unlängst; sind denn wirklich die dortigen jungen Leute alle so?
Ich entgegnete ihm, daß es viele Leute gäbe, die ebenso redeten und daß unter ihnen wahrscheinlich auch solche wären, welche die Wahrheit sprächen; daß übrigens der Lebensüberdruß, wie alle Moden, aus den höheren Schichten der Gesellschaft in die niederen übergegangen sei, die ihn nun abtragen, und daß in diesem Augenblicke diejenigen, welche sich am meisten und wahrhaft langweilen, sich bemühendies Unglück wie ein Laster zu verbergen. — Der Stabskapitain begriff diese Feinheiten nicht, schüttelte mit dem Kopfe und lächelte schlau:
— Nicht wahr, die Franzosen haben die Mode der langen Weile aufgebracht?
„Nein, die Engländer.“
— Aha, sehen Sie wohl! . . . erwiederte er, — das kommt daher, daß sie immer erklärte Trunkenbolde waren!
Ich erinnerte mich unwillkührlich einer Moskauer Dame, welche behauptete, daß Byron nichts weiter als ein Trunkenbold gewesen sei. Uebrigens war die Bemerkung des Stabskapitains leichter zu entschuldigen: um sich des Weines zu enthalten, gab er sich natürlich Mühe sich zu überreden, daß alle Unglücksfälle in der Welt nur vom Trunke herrühren. —
Mittlerweile führte er seine Erzählung folgendermaßen weiter:
— Kasbitsch ließ sich nicht mehr sehen. Indessen weiß ich nicht wie es kam, daß ich den Gedanken nicht loswerden konnte, als sei er nicht umsonst gekommen und daß er etwas Böses im Schilde führe.
— Einstmals überredet mich Petschorin mit ihm auf die Wildschweinsjagd zu gehen; ich weigerte mich lange; was lag mir auch an einem solchen wilden Schweine! Indessen schleppte er mich zuletzt doch mit fort. —
— Wir nahmen fünf Mann mit und zogen des Morgens früh hinaus. Bis zehn Uhr strichen wir durch Schilfund Wald umher — nirgends Wild! „Ei was, gehen wir nicht lieber nach Hause zurück?“ sagte ich. „Warum nun gerade darauf bestehen? Es ist klar, daß wir heute keinen glücklichen Tag haben!“ Allein Grigorii Alexandrowitsch wollte trotz der Sonnenhitze und unserer Ermattung nicht ohne Beute heimkehren . . . So war er nun einmal: was er sich in den Kopf gesetzt hatte, das mußte er haben; offenbar war er in seinen Kinderjahren ein recht verzogenes Muttersöhnchen gewesen . . . Endlich, gegen Mittag, stießen wir auf einen solchen verwünschten Eber. — Paff! Paff! verfehlt — weg war er im Schilfe . . . es war einmal ein unglücklicher Tag! So ruhten wir uns denn ein wenig aus und begaben uns auf den Rückweg. —
Wir ritten neben einander, schweigend, mit losgelassenen Zügeln und waren bereits hart an der Festung, bloß daß das Gebüsch sie uns noch verbarg. Plötzlich ein Schuß . . . Wir blickten einander an, derselbe Verdacht durchzuckte uns . . . Unverzüglich sprengen wir nach der Richtung des Schusses, — wir sehen: auf dem Walle hatte sich ein Haufe Soldaten versammelt, die auf das Feld hinwiesen, auf welchem ein Reiter in vollem Carriere dahinsprengte, etwas Weißes vor sich auf dem Sattel haltend. Grigorii Alexandrowitsch schrie nicht schlechter auf als irgend ein Tschetschiner; das Gewehr aus dem Futterale — und dahin; ich ihm nach.
Zum Glücke waren unsere Pferde in Folge der unglücklichen Jagd nicht abgemattet; sie rissen sich unter dem Sattel dahin und wir kamen mit jedem Augenblicke näherund näher . . . und endlich erkannte ich den Kasbitsch, nur konnte ich nicht recht unterscheiden, was er da vor sich hielt. Ich hatte Petschorin gerade eingeholt und schrie ihm zu: „Es ist Kasbitsch!“ Er blickte mich an, nickte mit dem Kopfe und schlug sein Pferd mit der Peitsche.
— Endlich hatten wir uns ihm auf Büchsenschußweite genähert; war nun sein Pferd bereits abgequält, oder war es schlechter als die unsrigen, genug, es wollte nicht mehr recht vorwärts. Ich glaube, daß er sich in dieser Minute seines Karagös erinnerte.
— Ich sehe, daß Petschorin im Galopp sein Gewehr anlegt! „Schießen Sie nicht!“ schrie ich ihm zu: „bewahren Sie den Schuß, wir holen ihn auch so ein.“ — So ist aber die Jugend! immer entbrennt sie zur Unzeit . . . . Der Schuß ging doch los und die Kugel zerschmetterte ein Hinterbein des Pferdes; dieses machte in der Wuth des Schmerzes noch ein Stücker zehn Sprünge, stolperte dann und fiel auf ein Knie. Kasbitsch sprang herunter, und dann sahen wir, daß er in seinen Armen ein Frauenzimmer hielt, das in einen Schleier gehüllt war . . . Es war Bela . . . Die arme Bela! . . . Er rief uns etwas in seiner Sprache zu und zückte den Dolch auf sie . . . Da galt kein Zögern: ich schoß nun auf gut Glück mein Gewehr ab; die Kugel mag ihm wohl in die Schulter gegangen sein, denn er ließ sogleich den Arm sinken . . . Als der Dampf sich verzogen hatte, lag auf dem Boden das verwundete Pferd und neben ihm Bela; Kasbitsch aber, der sein Gewehr weggeworfenhatte, kletterte wie eine Katze an den Gebüschen den Felsen entlang: ich hätte ihn gern da weggeblasen — allein es fehlte an einem fertigen Schusse! Wir sprangen von den Pferden und eilten zu Bela heran. Die Arme, sie lag unbeweglich und das Blut floß stromweis aus einer Wunde . . . So ein Bösewicht: hätte er ihr noch wenigstens in’s Herz gestoßen, — nun, wenn es einmal sein sollte, so wäre es doch mit Einem Male mit ihr ausgewesen, aber so in den Rücken . . . ein rechter Räuberstoß! Sie war ohne Bewußtsein. Wir rissen den Schleier ab und verbanden die Wunde so fest wir konnten; vergebens küßte Petschorin ihre kalten Lippen — nichts konnte sie zu sich bringen.
— Petschorin stieg zu Pferde; ich hob sie von der Erde empor und setzte sie so gut es gehen wollte zu ihm auf den Sattel; er umfaßte sie mit einem Arme, und wir kehrten zurück. Nach einem minutenlangen Schweigen sagte Grigorii Alexandrowitsch zu mir: „Hören Sie, Maksim Maksimitsch, auf diese Weise bringen wir sie nicht lebendig nach Hause.“ — Das ist auch wahr! sagte ich, und wir jagten was die Pferde nur laufen konnten. An dem Festungsthore erwartete uns eine Menge Volkes; wir trugen nun die Verwundete vorsichtig zu Petschorin und schickten nach dem Doktor. Ob er gleich betrunken war, so kam er doch, besichtigte die Wunde und erklärte, daß sie länger als einen Tag nicht leben könne . . . er irrte sich aber . . .
„So wurde sie wieder hergestellt?“ fragte ich den Stabskapitain,indem ich ihn am Arme faßte und mich unwillkührlich freute.
— Nein, antwortete er; der Doktor irrte sich nur insofern, als sie noch zwei Tage lebte.
„So erklären Sie mit nur, auf welche Weise Kasbitsch sich ihrer bemächtigt hatte.“
— Das war so zugegangen: trotz Petschorins Verbotes war sie aus der Festung nach dem Flüßchen gegangen. Es war auch, wissen Sie, sehr heiß; sie hatte sich auf einen Stein gesetzt und die Füße ins Wasser gehalten. Da kam Kasbitsch herangeschlichen, — schlug seine Krallen in sie, hielt ihr den Mund zu und schleppte sie in das Dickicht, woselbst er auf sein Pferd sprang und Reißaus nahm! Unterdessen hatte sie doch zu schreien vermocht; die Wachen machten Lärm, schossen, verfehlten ihn aber — und so waren wir denn dazu gekommen.
„Ja, warum wollte Kasbitsch sie denn eigentlich entführen?“
— Aber ich bitte Sie! diese Tscherkessen sind ein weltbekanntes Spitzbubenvolk: was schlecht verwahrt liegt, können sie nicht liegen lassen; so manches nutzt ihnen gar nichts, sie stehlen’s doch . . . hierin bitte ich sie zu entschuldigen! Nun und außerdem gefiel sie ihm ja schon längst.
„Und Bela starb?“
— Sie starb; nur quälte sie sich lange und wir quälten uns mit ihr ganz gehörig ab. Gegen zehn Uhr des Abends kam sie wieder zu sich; wir saßen an ihrem Bette;so wie sie nur die Augen aufschlug, fing sie an Petschorin zu rufen. — „Ich bin hier, neben Dir, meine Dschánetschka (was bei uns etwa „Seelchen, Herzchen“ heißen würde), erwiederte er, indem er ihre Hand ergriff. — „Ich sterbe!“ sagte sie. — Wir suchten sie zu beruhigen und sagten ihr, daß der Arzt versprochen habe sie unbedingt zu heilen. Sie schüttelte das Köpfchen und drehte sich nach der Wand; sie wollte nicht sterben! . . .
— In der Nacht fing sie an zu phantasiren; ihr Kopf brannte; über ihren ganzen Körper lief bisweilen ein Fieberschauer: sie sprach unzusammenhängende Reden von ihrem Vater, ihrem Bruder; sie wollte in die Berge zurück, in die Heimath . . . Dann sprach sie auch von Petschorin, gab ihm verschiedene zärtliche Benennungen oder warf ihm vor, daß er seine Dschánetschka aufgehört habe zu lieben . . . Er hörte ihr schweigend zu, sein Haupt auf die Hände gestützt; indessen bemerkte ich die ganze Zeit über in seinen Augenwimpern auch nicht eine Thräne; konnte er in der That nicht weinen oder beherrschte er sich dermaßen — ich weiß es nicht; was mich anbetrifft, so habe ich mein ganzes Leben lang nicht etwas Jammervolleres gesehen.
Gegen Morgen ließ das Phantasiren nach; wohl eine Stunde lang lag sie unbeweglich, bleich, und so abgemattet, daß man kaum bemerken konnte, ob sie athmete; dann wurde ihr wohler und sie fing an zu sprechen; aber was meinen Sie wohl, wovon? . . . Ein solcher Einfall konnte auch nur einem Sterbenden kommen! . . . Sie fing an sich zu bekümmern,daß sie keine Christin sei und daß in jener Welt ihre Seele mit der des Grigorii Alexandrowitsch nicht zusammenkommen, daß im Paradiese ein anderes Weib seine Genossin sein werde. — Da kam mir der Gedanke ein, sie vor dem Tode noch zu taufen; sie blickte mich mit Unentschlossenheit an und konnte lange kein Wort hervorbringen; endlich antwortete sie, daß sie in dem Glauben sterben wolle, in welchem sie geboren worden war. So verging ein ganzer Tag. Wie hatte sie sich während dieses einen Tages verändert! Die blassen Wangen waren eingefallen, die Augen waren groß geworden; die Lippen brannten. Sie fühlte eine innere Hitze, als ob in ihrer Brust ein glühendes Eisen läge.
— Die zweite Nacht brach ein; wir schlossen kein Auge und wichen nicht von ihrem Bette. Sie litt fürchterlich und stöhnte, — und so oft der Schmerz nur ein Bischen nachließ, bemühte sie sich, Grigorii Alexandrowitsch zu überzeugen, daß es besser mit ihr gehe, suchte ihn zu bereden sich schlafen zu legen, küßte seine Hand und verwandte kein Auge von ihm. Vor Tagesanbruch begann sie die Todesqualen zu fühlen; sie fing an sich herumzuwerfen, und riß den Verband auf, so daß das Blut von Neuem floß. — Nachdem man ihr die Wunde wieder verbunden hatte, wurde sie für ein Weilchen ruhig und bat Petschorin sie zu küssen. Er kniete vor ihr Bett nieder, hob ihren Kopf mit dem Kissen etwas in die Höhe und drückte seinen Mund an ihre erkaltenden Lippen; sie umwand seinen Hals fest mit ihren zitternden Armen, als ob sie ihm in diesem Kusse ihre ganze Seele übergebenwollte . . . Nein, sie hat wohl daran gethan zu sterben! Was wäre wohl aus ihr geworden, wenn Grigorii Alexandrowitsch sie verlassen hätte? Und das wäre früher oder später doch der Fall gewesen . . .
— Die Hälfte des andern Tages war sie still, schweigsam und folgsam, wie sehr sie auch unser Arzt mit Umschlägen und Mixturen quälte. „Aber ich bitte Sie!“ sagte ich zu ihm: „Sie sagten doch selbst, daß sie unbedingt sterben muß, wozu denn also alle diese Präparate?“ — „Ja, es ist doch besser, Maksim Maksimitsch,“ erwiederte er, „des ruhigen Gewissens wegen!“ — Ein schönes Gewissen!
Nach zwölf Uhr fing sie an einen brennenden Durst zu fühlen. Wir öffneten das Fenster, allein auf dem Hofe war es noch heißer als im Zimmer; man stellte Eis um’s Bett — es wollte nichts helfen. Ich wußte, daß dieser unerträgliche Durst ein Zeichen des sich nähernden Endes war und sagte es Petschorin. —
„Wasser, Wasser!“ sprach sie mit heiserer Stimme, indem sie sich im Bett erhob.
— Er wurde bleich wie ein Betttuch, ergriff ein Glas, schenkte ein und reichte ihr. Ich hielt mir die Hände vor die Augen und sagte leise ein Gebet her, ich erinnere mich nicht mehr, welches . . . Ja, mein Herr, ich habe so manchen in den Hospitälern und auf dem Schlachtfelde sterben sehen, es war aber immer nicht das, durchaus nicht das! . . Nun muß ich gestehen, daß mich noch Eins betrübt: sie erinnerte sich vor dem Tode meiner nicht ein einziges Mal;und doch habe ich sie wie ein Vater geliebt . . . Nun, Gott sei ihr gnädig! . . . Und die Wahrheit zu gestehen: Was konnte ich ihr auch sein, daß sie meiner vor dem Tode gedachte?
— Kaum hatte sie das Wasser ausgetrunken, so wurde ihr leichter; drei Minuten später war sie eine Leiche. Man hielt einen Spiegel an die Lippen — er blieb rein! . . . Ich führte Petschorin aus dem Zimmer und wir gingen auf dem Festungswalle auf und ab; lange gingen wir mit auf dem Rücken überschlagenen Armen neben einander auf und ab und sprachen kein Wort; sein Gesicht drückte nichts Besonderes aus und das ging mir nahe: ich an seiner Stelle wäre vor Herzeleid gestorben. — Endlich setzte er sich auf die Erde in den Schatten und fing an mit einem Stöckchen in den Sand zu malen. Ich wollte ihn, wissen Sie, bloß des Anstands wegen, trösten, und fing an zu sprechen: er hob den Kopf in die Höhe und lächelte . . . . Mir lief ein kalter Schauer über die Haut vor solchem Lächeln . . . So ging ich denn das Grab zu bestellen.
— Ich muß gestehen, daß ich zum Theil, um mich zu zerstreuen, mich damit beschäftigte. Ich hatte ein Stück Termalama,20)womit ich ihren Sarg umziehen ließ, und garnirte ihn noch mit tscherkessischen Silbertressen, welche Grigorii Alexandrowitsch für sie gekauft hatte.
— Am andern Tage früh begruben wir sie, außerhalb der Festung, an dem Flüßchen neben dem Flecke, wo sie zuletztgesessen hatte; rund um ihren Grabeshügel wachsen nun dichte Büsche von Akazia und Hollunder. Ich hätte ihr gerne ein Kreuzchen errichten lassen, aber, wissen Sie, das ist so eine Sache; sie war doch immerhin keine Christin . . .
„Aber was wurde aus Petschorin?“ fragte ich.
— Petschorin war lange krank; der Arme kam ganz herunter; indessen sprachen wir von der Zeit an nie von Bela; ich sah, daß es ihm unangenehm gewesen wäre, also weshalb denn? — Drei Monat später wurde er in das E. . . Regiment versetzt und reiste nach Grusien ab. Seitdem sind wir einander nie begegnet . . . Doch da fällt mir ein, daß mir unlängst Jemand sagte, er sei nach Rußland zurückgekehrt; in den Feldbefehlen habe ich darüber nichts gefunden. Uebrigens gelangen zu unser einem die Nachrichten immer ein Bischen spät.
Hier erging er sich in einer langen Abhandlung darüber, wie unangenehm es sei, alle Nachrichten ein Jahr später zu erfahren, wahrscheinlich nur um seine traurigen Erinnerungen zu beschwichtigen.
Ich unterbrach ihn nicht, noch hörte ich ihm zu.
Nach einer Stunde zeigte sich die Möglichkeit weiter zu reisen; das Schneegestöber ließ nach, der Himmel klärte sich auf und wir setzten uns in Bewegung. Unterweges brachte ich unwillkührlich noch einmal die Rede auf Bela und Petschorin.
„Hörten Sie denn gar nicht, was noch aus Kasbitsch wurde?“ fragte ich.
— Aus Kasbitsch! Nein, wahrhaftig, das weiß ich nicht . . . Ich habe wohl gehört, daß auf der rechten Flanke bei den Schapsugen ein gewisser Kasbitsch dient, ein toller Waghals, der in einem rothen Beschmete im Schritt durch unsere Kugelregen reitet und sich sehr artig verbeugt, wenn eine Kugel an ihm vorbeisaust; doch schwerlich möchte es jener sein! . . .
In Kobi trennten wir uns; ich reiste mit Extrapost und so konnte er mir mit seiner schweren Ladung nicht folgen. Wir hofften nicht, uns je wiederzusehen, indessen sahen wir uns wieder, und wenn Sie wollen, so erzähle ich es Ihnen; es ist eine ganze Geschichte . . . Gestehen Sie indessen, daß Maksim Maksimitsch ein Mann ist, der unsere ganze Hochachtung verdient? . . . Wenn Sie mir dies zugeben, so bin ich vollkommen belohnt für meine vielleicht allzulange Erzählung.
Nachdem ich mich von Maksim Maksimitsch getrennt hatte, jagte ich auf’s eiligste durch die Schluchten des Tereks und Darjals, frühstückte in Kasbek, trank Thee in Larssa und eilte zum Abendessen nach Whládükawkas. Ich will Sie mit der Beschreibung der Gebirge, mit Ausrufungen, die besonders für diejenigen nichts zu bedeuten haben, welche nicht da waren, so wie mit allerlei statistischen Bemerkungen verschonen, die ja doch Niemand liest.
Ich blieb in einem Wirthshause, wo alle Reisenden abzusteigen pflegen und wo sich trotzdem Niemand vorfand, dem man hätte den Auftrag ertheilen können, einen Fasan zu braten und etwas Kohl gar zu machen; denn die drei Invaliden, denen dies Haus übergeben ist, sind entweder so dumm oder so betrunken, daß man von ihnen auch nicht das Mindeste erlangen kann.
Man theilte mir mit, daß ich noch drei Tage daselbst würde zubringen müssen, denn die Okásija21)sei noch nichtaus Jekatarinograd angekommen, und könne daher noch nicht wieder dahin zurückkehren.
So blieb mir denn nichts übrig, als zur Zerstreuung die Erzählung Maksim Maksimitschens niederzuschreiben, nicht ahnend, daß dieselbe das erste Glied zu einer langen Kette von Novellen sein würde: man kann aus diesem Umstande ermessen, welche entsetzliche Folgen ein an sich geringfügiger Umstand haben kann! . . . Aber Sie wissen vielleicht nicht, was das ist, eine „Okasija?“ Die Okasija ist eine militairische Bedeckung von einer halben Kompagnie Infanterie und einigen Kanonen, mit welchen die Pferde-Karawanen aus Whládükawkas nach Jekatarinograd begleitet werden.
Den ersten Tag verbrachte ich sehr langweilig; am zweiten Tage fährt früh Morgens ein Wagen auf den Hof . . . Ah! Maksim Maksimitsch! Wir begegneten uns wie alte Freunde. Ich bot ihm mein Zimmer an. Er machte nicht viel Komplimente, klopfte mit sogar auf die Schulter und verzog den Mund in eine Art Lächeln. Ein seltsamer Mensch der! . . .
Maksim Maksimitsch hatte großartige Kenntnisse in der Kochkunst; auf die erstaunlichst beste Weise briet er einen Fasan, begoß ihn gehörig mit Gurkenwasser, und ich muß gestehen, daß ich ohne ihn auf trockene Kost angewiesen gewesen wäre. Eine Flasche Kachetinerwein half uns die bescheidene Zahl der Gerichte vergessen machen, welche Summa Summarum auf ein einziges hinausliefen; dann setzten wir uns, unser Pfeifchen schmauchend, ich an’s Fenster, er anden geheizten Ofen; denn der Tag war feucht und kalt. Wir schwiegen. Wovon sollten wir auch sprechen? . . . Er hatte mir von sich bereits alles erzählt, was irgendwie von Interesse war, und ich hatte ihm nichts zu sagen. Ich sah zum Fenster hinaus. Eine Menge niedriger Häuschen, die an den Ufern des Tereks, der hier immer mehr an Breite gewinnt, zerstreut lagen, blickten durch die Bäume hindurch; weiter in der Ferne erhoben sich die Gebirge mit ihren ausgezackten Felsenwänden, hinter denen der Kasbeck in seiner weißen Kardinalsmütze hervorragte. Ich nahm in meinem Innersten von ihnen Abschied, es that mir recht leid um sie . . .
So saßen wir lange. Die Sonne verbarg sich bereits hinter die eisigen Bergesgipfel und ein weißlicher Nebel fing an sich in den Thälern auszubreiten, als in der Straße der Klang einer Wagenglocke und das Geschrei der Postillone ertönte. Einige Fuhrwerke mit schmutzigen Armeniern fuhren auf den Hof des Wirthshauses; hinter ihnen ein leerer Reisewagen, dessen leichter Gang, bequemer Bau und fashionables Aeußere einen gewissen ausländischen Anstrich hatten. Ein Mensch mit einem großen Schnurrbart begleitete ihn; er trug einen ungarischen Schnürrock und war überhaupt für einen Lakaien äußerst wohl gekleidet; daß er ein solcher war, verrieth die genugthuende Art und Weise, mit welcher er die Asche aus dem Pfeifenkopf klopfte und den Postillon anfuhr. Offenbar war er der verzogene Diener eines müßigen Herrn, — etwas in der Art eines russischen Figaro’s. —
— Höre ’mal, mein Lieber, rief ich ihm vom Fenster entgegen, ist das die Okasija, die da angekommen ist? he? Er blickte mich ziemlich dreist an, rückte sich das Halstuch etwas zurecht und kehrte sich um; ein hinter ihm kommender Armenier antwortete lächelnd statt seiner, indem er uns mittheilte, daß die Okasija so eben angekommen sei und morgen früh wieder zurückmache. — „Gott sei gelobt!“ sagte Maksim Maksimitsch, der in diesem Augenblicke an’s Fenster trat. „Ei, das ist ja eine wunderbare Equipage!“ fügte er hinzu: „wahrscheinlich fährt da irgend ein Beamter zur Revision in den Kaukasus. Der kennt aber offenbar unsere Gebirge noch nicht! Nein, mein Lieber, mit der kommst Du hier nicht weit; die fliegt in Stücke und wenn sie zehnmal eine englische ist! Aber wer kann denn das nur sein? — — Kommen Sie, wir wollen uns erkundigen.“ Wir gingen hinaus in den Korridor. Am Ende desselben war die Thür eines Seitenzimmers weit geöffnet, in welches der Lakai mit Hülfe des Postillons verschiedene Koffer schleppte.
„Hör’ mal, mein Freund,“ fragte der Stabskapitain den Diener, „wem gehört dieser prächtige Wagen? . . . he? Ein köstlicher Wagen! . . .“ Der Bediente brummte etwas vor sich hin und fing an die Koffer aufzuschnallen, ohne sich auch nur umzukehren. Maksim Maksimitsch wurde böse; er klopfte den Unhöflichen auf die Schulter und sagte: „Ich spreche mit Dir, mein Werthester . . .“
— Wem der Wagen gehört? . . . meinem Herrn.
„Und wer ist Dein Herr?“
— Petschorin . . .
„Was? Was sagst Du da? Petschórin? . . . Ach du lieber Himmel! . . . hat er nicht früher im Kaukasus gedient? . . .“ rief Maksim Maksimitsch aus, indem er mich am Aermel erfaßte . . . Die Freude strahlte ihm aus den Augen.
— Ja wohl, ich glaube — ich bin noch nicht lange bei ihm.
„Nun ja, ja! . . Grigorii Alexandrowitsch ist sein Vorname . . . Wir waren früher Freunde, Dein Herr und ich,“ fügte er hinzu, indem er den Bedienten freundlich dergestalt auf die Schulter klopfte, daß er zu schwanken anfing.
— Erlauben Sie, mein Herr, Sie stören mich in meiner Arbeit, sagte dieser mit mißvergnügter Miene.
„Ei was mein Freundchen! . . . Ja, weißt Du auch, daß Dein Herr und ich die größten Herzensfreunde waren, daß wir zusammen wohnten . . . Na, aber wo bleibt er denn?“
Der Diener erklärte, daß Petschorin beim Obersten N. zu Abend speisen und übernachten werde.
„Je nun, kommt er nicht vielleicht heute Abend noch einmal hierher?“ fragte Maksim Maksimitsch, „oder Du, mein Lieber, hast Du nicht noch etwas bei ihm zu thun? . . Wenn Du hingehst, so sage ihm nur, daß Maksim Maksimitsch hier ist; — sag’ ihm nur das . . . dann weiß er schon . . . ich werde Dir auch einen Wosmigriwennü22)zum Trinkgeld geben.“
Der Lakai machte eine verächtliche Miene, als er dieses bescheidene Versprechen hörte, indessen versicherte er Maksim Maksimitsch, daß er seinen Auftrag ausrichten wolle.
— Sie werden sehen daß er sofort herbeieilt, sagte Maksim Maksimitsch mit siegreicher Geberde zu mir: ich will eben vor die Thüre gehen und ihn erwarten . . . Ach! wie schade daß ich mit N. nicht bekannt bin.
Maksim Maksimitsch setzte sich vor der Thür auf eine Bank, und ich begab mich auf mein Zimmer. Ich muß gestehen, daß ich gleichfalls mit einer gewissen Ungeduld der Erscheinung Petschorins entgegensah; wenn ich mir auch nach der Erzählung des Stabskapitains eine nicht eben sehr vortheilhafte Meinung von ihm gebildet hatte, so schienen mir doch einige Züge seines Charakters interessant. Nach ungefähr einer Stunde brachte ein Invalid die kochende Theemaschine und das Theegeräth. „Maksim Maksimitsch,“ rief ich ihm durch’s Fenster zu, „ist Ihnen nicht Thee gefällig?“
— Danke schön, danke schön; habe noch keinen Appetit.
„Ach was! trinken Sie nur immer; es ist schon spät und kalt.“
— Thut nichts; danke bestens . . . .
„Nun, wie es Ihnen gefällig ist!“ So trank ich denn meinen Thee allein; zehn Minuten später kommt mein Alterchen herein. — Nein, Sie haben Recht; es ist doch besser erst ein Täßchen zu trinken, — tausend, läßt Der auf sich warten! Sein Diener ist schon längst zu ihm gegangen, es muß ihn offenbar etwas zurückgehalten haben.
Er trank eiligst eine Tasse aus, dankte für eine zweite, und begab sich abermals mit einer gewissen Unruhe hinaus: es war klar, daß ihn die Unaufmerksamkeit Petschorins kränkte, um so mehr, als er mir noch jüngst so viel von ihrer Freundschaft erzählt hatte und noch vor einer Stunde überzeugt war, daß Petschorin herbeieilen würde, sobald er nur seinen Namen nennen hörte.
Es war bereits spät und dunkel, als ich das Fenster nochmals öffnete und Maksim Maksimitschen rief, um ihm zu sagen, daß es Zeit sei schlafen zu gehen; er brummte etwas zwischen den Zähnen vor sich hin; ich wiederholte meine Einladung — er antwortete nichts.
So streckte ich mich denn, in meinen Mantel gehüllt, auf den Divan, ließ das brennende Licht auf dem Ofenrande stehen, schlummerte auch alsbald ein und würde ruhig bis zum andern Morgen durchgeschlafen haben, wenn mich Maksim Maksimitsch, der sehr spät ins Zimmer kam, nicht wieder aufgeweckt hätte. Er warf die Pfeife auf den Tisch, fing an im Zimmer auf und ab zu schreiten, im Ofen herumzustören, legte sich dann endlich nieder und hustete, spuckte und warf sich noch lange herum . . .
„Was haben Sie? beißen Sie die Wanzen?“ fragte ich.
— Ja wohl, schöne Wanzen . . . erwiederte er, tief aufseufzend.
Am nächsten Morgen erwachte ich frühzeitig, allein Maksim Maksimitsch war mir bereits zuvorgekommen. Ich fand ihn schon wartend auf der Bank sitzend. — „Ich mußdurchaus zum Kommandanten gehen,“ sagte er, „also, bitte, wenn Petschorin unterdessen kommen sollte, schicken Sie nach mir . . .
Ich versprach es. Er eilte mit solcher Hast davon, als ob sich durch seine Glieder ein jugendliches Feuer und jugendliche Elasticität auf’s Neue ergossen hätten.
Der Morgen war frisch und schön. Goldenes Gewölk thürmte sich über den Bergen empor gleich einer neuen Kette lustiger Gebirgsbilder; vor der Hausthür dehnte sich ein geräumiger Platz aus; der daran gelegene Bazar wimmelte von Leuten, denn es war gerade ein Sonntag; baarfüßige Ossetinerknaben, mit Butten auf den Schultern, in welchen sie ganz frischen Honig zu Kaufe herumtrugen, umringten mich alsbald; ich scheuchte sie von mir; mir stand der Sinn wo anders hin — ich begann die Unruhe des braven Stabskapitaines zu theilen.
Es vergingen keine zehn Minuten, als sich Der am Ende des Platzes zeigte, den wir erwarteten. Er ging mit dem Obersten N., welcher, nachdem er ihn bis zum Wirthshause begleitet hatte, Abschied von ihm nahm und nach der Festung zurückkehrte. Ich entsandte sofort einen Invaliden nach Maksim Maksimitschen.
Unterdessen kam der Bediente Petschorin’s heran, mit der Meldung, daß man sofort anspannen würde; er reichte ihm eine Cigarrenbüchse und begab sich, nach einigen erhaltenen Befehlen, zurück an seine Geschäfte. Sein Herr steckte sich eine Cigarre an, gähnte ein paar Mal und setzte sichauf eine Bank an der andern Seite der Hausthür. Ich muß Ihnen nunmehr sein Portrait machen:
Er war mittleren Wuchses. Sein kräftiger, schlanker Bau und seine breiten Schultern zeugten von einer Natur, die im Stande war alle Beschwerlichkeiten des Nomadenlebens, sowie alle klimatische Veränderungen zu ertragen, eine Natur, die bisher weder von dem ausschweifenden Leben in der Residenz noch von den heftigsten Gemüthsstürmen besiegt worden war. Sein staubiger Sammetrock, der nur an den beiden untersten Knöpfen zugeknöpft war, ließ die blendendweißeste Wäsche durchblicken, an welcher man die Gewohnheiten eines anständigen Menschen am besten erkennt; seine nicht mehr frischen Handschuhe schienen eigens nach seiner kleinen aristokratischen Hand genäht zu sein, und als er einen derselben auszog, erstaunte ich über die Magerkeit seiner blassen Finger. Sein Gang war nachlässig und träge; indeß bemerkte ich, daß er dabei die Arme nicht bewegte, — ein sicheres Zeichen einer gewissen Verstecktheit des Charakters. Uebrigens sind das so meine eigenen Bemerkungen, die auf meinen selbstgemachten Beobachtungen beruhen, weshalb Sie denselben durchaus keinen blinden Glauben zu schenken brauchen. Als er sich wieder auf die Bank niederließ, bog sich seine sonst grade Gestalt, als ob er im Rücken nicht einen einzigen Knochen hätte. Die ganze Haltung seines Körpers verrieth eine Art Nervenschwäche; er saß wie eine Balzac’sche dreißigjährige Kokette in ihrem gepolsterten Armstuhle sitzt, wenn sie von einem ermüdendenBalle zurückkehrt. Beim ersten Blicke auf sein Gesicht hätte ich ihm nicht mehr als drei und zwanzig Jahre gegeben, obgleich ich ihm später deren gern dreißig gab. In seinem Lächeln lag etwas Kindliches. Seine Haut hatte eine fast weibische Zartheit; seine blonden, natürlich gelockten Haare umgaben höchst malerisch seine blasse, edle Stirn, auf welcher man nur nach längerer Beobachtung die Spuren der Runzeln entdecken konnte, die einander durchkreuzten und in Momenten des Zornes oder der geistigen Aufgeregtheit wahrscheinlich noch sichtbarer zum Vorschein kamen. Ungeachtet seines hellen Haupthaares waren Augenbrauen und Schnurrbart schwarz — ein eben so sicheres Anzeichen ächter Race beim Menschen wie eine schwarze Mähne und ein schwarzer Schweif bei einem weißen Pferde. Schließlich, um sein Portrait zu beendigen, erwähne ich noch, daß er eine etwas aufgeworfene Nase hatte, daß seine Zähne vom glänzendsten Weiß, seine Augen dunkelbraun waren. Ueber seine Augen muß ich übrigens noch etwas hinzufügen:
Erstens, lachten sie nicht, wenn er lachte! — Es ist Ihnen vielleicht noch nicht vorgekommen, diese Seltsamkeit an gewissen Leuten zu beobachten? . . . Sie ist ein charakteristisches Kennzeichen entweder eines sehr bösen Charakters oder einer tiefen, beständigen Schwermuth. Seine Augen glänzten aus den halbgeöffneten Wimpern hervor mit einer Art phosphorischen Glanzes, wenn ich mich so ausdrücken darf; das war nicht der Abglanz der inneren Glut der Seele oder der spielenden Einbildungskraft, sondern der blendende,kalte Spiegelglanz des polirten Stahles; sein Blick war nicht dauernd aber durchdringend und lästig, und hinterließ den unangenehmen Eindruck einer unbescheidenen Frage; er hätte frech genannt werden können, wäre er nicht zu gleichgültig ruhig gewesen. Alle diese Details kamen mir vielleicht nur deshalb in den Sinn, weil ich einige Einzelheiten seines Lebens kannte, und leicht könnte es sein, daß sein Anblick auf einen Anderen einen durchaus verschiedenartigen Eindruck gemacht hätte; da Sie nun aber außer mir von Niemanden etwas über ihn erfahren werden, so müssen Sie sich schon mit dieser Darstellung begnügen. Schließlich füge ich noch hinzu, daß er im Allgemeinen durchaus nicht übel war und eine jener originellen Physiognomien hatte, welche besonders den Damen so gefallen.
Die Pferde waren bereits vorgespannt. Die Wagenglocke ertönte von Zeit zu Zeit an der Duga und schon zweimal war der Bediente zu Petschorin mit der Meldung herangetreten, daß Alles bereit sei — aber Maksim Maksimitsch erschien noch immer nicht. Zum Glücke blickte Petschorin, in Gedanken vertieft, nach den blauen Bergzacken des Kaukasus und schien nicht eben sehr eilig zu sein. Ich ging an ihn heran: „Wenn Sie sich noch ein wenig gedulden wollen, mein Herr,“ sagte ich, „so werden Sie die Genugthuung haben, einen alten Freund wiederzusehen . . . .“
„Ach, richtig!“ antwortete er schnell: „man sprach mir gestern davon; aber wo ist er?“ — Ich wandte mich nach dem Platze zu und erblickte Maksim Maksimitschen, der ausLeibeskräften herbeieilte . . . In einigen Minuten war er bei uns angelangt; er konnte kaum athmen; der Schweiß rollte ihm hageldick über’s Gesicht; triefende Büschel grauer Haare hingen ihm unter der Mütze hervor und klebten an seiner Stirne fest; seine Kniee bebten . . . er wollte sich Petschorin an den Hals werfen, der ihm indessen ziemlich kalt, jedoch mit einem bewillkommenden Lächeln die Hand reichte. Der Stabskapitain war eine Minute lang wie versteinert, doch ergriff er alsbald die dargebotene Hand begierig mit beiden Händen; sprechen konnte er noch nicht. —
— Wie bin ich erfreut, lieber Maksim Maksimitsch! Nun, wie geht es Ihnen denn? sagte Petschorin.
„Und . . . Du? . . und Sie? . .“ stammelte der Greis mit Thränen in den Augen, „wie viele Jahre . . . wie viele Tage . . . aber wohin geht’s? . .“
— Ich gehe nach Persien — wohl weiter . . .
„Nun doch nicht so auf dem Flecke? . . . Sie verziehen ja wohl ein Weilchen, Verehrtester! . . . Wir werden uns doch nicht gleich wieder trennen müssen? . . . Wie lange haben wir uns nicht gesehen . . .“
— Ich habe Eile, Maksim Maksimitsch, — war die Antwort.
„Mein Gott, mein Gott! aber wohin eilen Sie denn so? Ich hätte Ihnen so viel zu sagen gehabt . . . So viel zu fragen . . . Nun, also? verabschiedet? . . . Wie? Was haben Sie Alles angefangen? . .“
— Mich gelangweilt, erwiederte Petschorin lächelnd.
„Erinnern Sie sich noch Ihres Aufenthaltes in der Festung, he? . . . Eine köstliche Gegend zum Jagen? . . Sie waren damals ein gewaltiger Jagdliebhaber . . . Und Bela?
Petschorin entfärbte sich ein wenig und wandte sich ab.
— Ja, ich erinnere mich! sagte er, fast in demselben Augenblicke zum Gähnen gezwungen.
Maksim Maksimitsch fing nun an ihn zu bitten, doch wenigstens zwei Stunden zu verweilen. „Wir werden köstlich speisen,“ sagte er, „ich habe zwei Fasanen, und der Kachetinerwein ist hier ausgezeichnet . . . versteht sich, nicht das was in Grusien, indessen doch von einer bessern Gattung . . . Wir plaudern ein Bischen zusammen . . . Sie erzählen mir von ihrem Aufenthalte in Petersburg . . Sie . . hm?“
— Wirklich, ich weiß nichts zu erzählen, lieber Maksim Maksimitsch . . . Nun also, leben Sie recht wohl, ich muß fort . . . ich bin sehr eilig . . . Ich danke auch, daß Sie mich nicht vergessen haben . . . fügte er hinzu, ihn an der Hand ergreifend.
Der Alte zog die Augenbrauen düster zusammen . . . Er war betrübt und ärgerlich, obgleich er sich bemühte es zu verbergen. „Vergessen!“ sagte er mit rauher, fast bellender Stimme: „Ich habe noch nie etwas vergessen . . . Nun denn, in Gottes Namen! . . . Ich hätte nimmermehr geglaubt, daß unser Wiedersehen ein solches sein würde . . .“
— Nun, nun! sagte Petschorin, indem er ihn freundschaftlich umarmte, bin ich denn nicht mehr derselbe? . . . Was ist zu machen? . . . Ein Jeder hat seine eigenen Wege . . .Ob wir uns noch einmal wiedersehen werden — Gott weiß! . . . Während er dies sprach, saß er bereits im Wagen und der Postillon fing schon an die Zügel zusammenzufassen.
„Halt, halt!“ rief plötzlich Maksim Maksimitsch auf, indem er sich am Wagenschlage festhielt: „bald hätte ich ganz vergessen . . . ich habe ja noch Ihre Papiere, Grigorii Alexandrowitsch . . . ich führe sie mit mir . . . hoffte Sie in Grusien wiederzufinden, und nun hat’s der liebe Gott so gefügt . . . Was soll ich damit anfangen? . . .“
— Was Sie wollen! erwiederte Petschorin. Adieu . . .
„Also Sie gehen nach Persien? . . . und wann kommen Sie wieder? . . .“ rief Maksim Maksimitsch ihm nach.
Der Wagen war bereits weit entfernt; allein Petschorin machte mit der Hand ein Zeichen, welches man ungefähr folgendermaßen übersetzen konnte: Schwerlich! und wozu auch! . . .
Schon längst hörte man weder den Klang des Glöckchens noch das Gerassel der über den steinigen Weg dahinrollenden Räder, — und der arme Greis stand noch immer auf demselben Flecke in tiefes Dahinbrüten versunken.
„Ja,“ begann er endlich, indem er sich anstrengte gleichgültig zu scheinen, obgleich die Thränen des Verdrusses sich von Zeit zu Zeit aus seinen Wimpern drängten: „gewiß, wir waren Freunde, — was aber sind heutzutage Freunde? . . Was kann ich ihm auch sein? Ich bin weder reich, noch von hohem Range und auch an Jahren bei Weitem ihmnicht gleich . . . Siehst Du wohl, was er für ein Stutzer geworden ist, seit er wieder in Petersburg war . . . Was für eine Equipage! . . . Was für Gepäck! . . . und diesen stolzen Bedienten! . . .“ Er sprach diese Worte mit ironischer Bitterkeit aus. „Nun sagen Sie einmal,“ fuhr er an mich gewendet fort, „was halten Sie davon? . . . und welcher Satan führt ihn jetzt nach Persien? . . . lächerlich, bei Gott, lächerlich! . . . Ich hab’s aber immer gewußt, daß er ein unzuverlässiger Mensch ist, auf den man sich nicht verlassen kann . . . Wahrhaftig, schade daß er schlecht enden wird . . . es kann aber nicht anders sein! . . . Ich hab’s immer gesagt, daß Dem kein Segen erblüht, der seine alten Freunde vergißt! . . .“ Hier wandte er sich ab, um seine Aufregung zu verbergen und ging auf dem Hofe um seinen Wagen herum, als ob er dessen Räder untersuchte, während seine Augen sich jeden Augenblick mit Thränen füllten.
— Maksim Maksimitsch, sagte ich, indem ich an ihn heranging; was sind das für Papiere, die Petschorin Ihnen zurückließ?
„Ei, was weiß ich davon! Es werden wohl Tagebücher sein . . .“
— Und was werden Sie damit machen?
„Was ich damit machen werde? zu Patronen werde ich sie verbrauchen lassen.“
— So geben Sie mir sie lieber.
Er blickte mich mit Verwunderung an, brummte etwas zwischen den Zähnen und fing dann an im Koffer herumzuwühlen;endlich zog er ein Heft heraus und warf es mit Verachtung auf die Erde; ein zweites, ein drittes, ein zehntes theilten dasselbe Schicksal: es lag etwas Kindisches in seinem Aerger, was mir leid that und doch auch lächerlich war.
„Da haben Sie sie alle,“ sagte er: „ich wünsche Ihnen Glück zum Funde . . .“
— Und kann ich damit anfangen, was ich will?
„Meinetwegen lassen Sie sie in den Zeitungen drucken. Was geht’s mich an! . . . Was, bin ich denn etwa sein Freund, oder Verwandter? . . . Es ist wahr, wir lebten eine geraume Zeit mit einander unter demselben Dache; aber mit wem habe ich nicht alles zusammengelebt? . . .
Ich bemächtigte mich der Papiere und brachte sie schleunigst fort, damit es ihm nicht wieder leid werden möchte, sie mir übergeben zu haben. Nicht lange darnach meldete man uns, daß die Okasija binnen einer Stunde aufbrechen werde; ich befahl anzuspannen. Der Stabskapitain kam in’s Zimmer, als ich mir bereits meine Mütze aufsetzte; er schien sich für die Abreise nicht fertig zu machen und hatte etwas Gezwungenes, Kaltes in seinem Wesen.
— Nun, Maksim Maksimitsch, reisen Sie denn nicht mit?
„Nein.“
— Wie so denn das?
„Ich habe den Kommandanten noch nicht gesehen und habe ihm verschiedene Kronssachen zu übergeben . . .“
— Sie waren ja doch aber bei ihm?
„Das war ich wohl . . .“ sagte er ausweichend, „traf ihn aber nicht zu Hause . . . wartete nicht . . .“
Ich verstand ihn. Der arme Greis hatte, vielleicht zum ersten Male in seinem Leben, die Dienstgeschäfte seineneigenen Angelegenheiten(um mit der Kanzleisprache zu reden) hintangesetzt, — und wie war er dafür belohnt worden!
— Das thut mir leid, recht leid, Maksim Maksimitsch, sagte ich zu ihm, daß wir uns grade jetzt trennen müssen.
„Was haben wir ungebildeten Alten mit Euch zu schaffen! . . . Die Jugend ist jetzt stolz und dem Genusse der Welt ergeben; mag sein, daß es unter den tscherkessischen Kugeln noch leidlich mit Euch geht . . . aber nachher kehrt Ihr Euch von uns, und schämt Euch wohl gar, einem Freunde die Hand zu reichen.“
— Ich verdiene diese Vorwürfe nicht, Maksim Maksimitsch. —
„Nun, ich, wissen Sie, ich spreche einmal so von der Leber herunter; übrigens wünsche ich Ihnen alles Wohlergehen und eine fröhliche Reise.
Wir trennten uns ziemlich trocken. Der gute Maksim Maksimitsch war zum eigensinnigen, zänkischen Stabskapitain geworden! Und weshalb? Weil ihm Petschorin aus Zerstreuung oder aus irgend einem andern Grunde die Hand gereicht hatte, wo der ihm gern an den Hals gesprungen wäre! Es ist traurig zu sehen, wenn der Jüngling die schönsten seiner Hoffnungen und Illusionen verschwinden sieht,wenn der Rosaflor zerreißt, durch welchen er die Thaten und Gefühle der Menschen zu betrachten pflegte; für ihn bleibt doch die Hoffnung, die zerronnenen Phantasiegebilde durch neue, zwar nicht minder vergängliche, doch darum auch nicht minder süße, zu ersetzen . . . Gegen was aber vertauscht man sie in Maksim Maksimitschens Jahren? Da verhärtet das Herz unwillkührlich und die Seele zieht sich in sich zurück.
Ich reiste allein ab.
Unlängst erfuhr ich, daß Petschorin auf seiner Heimkehr aus Persien gestorben sei. Diese Nachricht erfreute mich ungemein; sie gab mir das Recht, diese Memoiren zu veröffentlichen und ich benutzte diese Gelegenheit gern, meinen Namen einem fremden Geistesprodukte voranzustellen. Gebe Gott, daß meine Leser mich nicht für diesen Betrug verurtheilen!
Ich habe mich nunmehr noch über die Gründe auszusprechen, die mich veranlaßten, dem Publikum die Herzensgeheimnisse eines Menschens vorzulegen, den ich nie gekannt habe. Wäre ich noch sein Freund gewesen! die feige Indiskretion der wahrhaften Freunde ist ja aller Welt hinreichend bekannt; so aber habe ich ihn nur ein einziges Mal in meinem Leben gesehen, und noch obendrein auf dem Reisewege! Es geht daraus aber auch hervor, daß ich gegen ihn nicht jenen unerklärlichen Haß nähren kann, der sich unter der Larve der Freundschaft verbirgt und nur den Moment des Todes oder großer Unglücksfälle abwartet, um sofortüber das Haupt des geliebten Gegenstandes die Schauergüsse der Vorwürfe, der Rathschläge, der Bemitleidung und des Hohnes auszugießen.
Als ich diese Memoiren durchlas, überzeugte ich mich von der Aufrichtigkeit desjenigen, der seine eigenen Schwächen und Untugenden so unbarmherzig zur Schau stellte. Die Geschichte der menschlichen Seele, und wäre es der allergeringsten, ist interessanter und nützlicher als die Geschichte eines ganzen Volkes, besonders wenn sie das Resultat der Beobachtungen des Verstandes über sich selbst ist und wenn sie ohne den eitlen Wunsch geschrieben ward, Theilnahme oder Verwunderung zu erwecken. Die Confessions Rousseau’s haben schon das Ueble an sich, daß er sie seinen Freunden vorlas.
So leitete mich also nur der Wunsch nützlich zu werden bei der Veröffentlichung dieses mir zufällig in die Hände gerathenen Journals. Obgleich ich alle Eigennamen veränderte, so werden doch diejenigen sich wahrscheinlich leicht wiedererkennen, von denen die Rede ist, und vielleicht hier den Schlüssel zum Betragen eines Menschen finden, der auf dieser Welt nichts mehr mit ihnen gemein hat. Man entschuldigt fast immer das, was man versteht. Ich habe in diesem Buche nur Dem Platz gegönnt, was sich auf Petschorins Aufenthalt im Kaukasus bezieht. Es bleibt mir noch ein dickes Heft unbenutzt zurück, in welchem er sein ganzes Leben beschreibt. Dereinst soll auch dieses dem Urtheile der Welt übergeben werden; doch wage ich es jetztaus vielen Gründen noch nicht, diese Verantwortlichkeit zu übernehmen.
Vielleicht wünschen einige Leser meine eigene Meinung über Petschorins Charakter zu vernehmen. Meine Antwort —der Titel des Buches. „Das ist ja eine böse Ironie!“ werden sie sagen. Ich weiß nicht. —
In tal notte atra e funestaMente freme la tempestaChi va in circa di un asil?
Anonimo.
Tamán ist das allermiserabelste Nest unter allen russischen Seestädten. Beinahe wäre ich vor Hunger darin umgekommen, nicht gerechnet, daß man mich zur Zugabe noch ersäufen wollte. Ich kam spät des Nachts mit Postvorspann daselbst an; der Postillon hielt das ermüdete Dreigespann vor der Thür des einzigen steinernen Hauses an, das sich bei der Einfahrt befindet. Die Wache, ein tschornomórski23)Kosak, rief, als er das Gebimmel des Glöckchens hörte, halbschlaftrunken mit wilder Stimme sein: „Wer da?“ Ein Unteroffizier und ein Gefreiter kamen heraus. Ich erklärte ihnen, daß ich ein Offizier sei, der sich im Auftrage der Krone nach einer aktiven Abtheilung begebe, und forderte eine Kronswohnung für die kurze Zeit meines Aufenthaltes hierselbst. Der Gefreite führte uns in der Stadt herum; aber bei welcher Barake wir auch vorsprachen — nirgends war ein Unterkommen zu finden. Es war kalt; ich hatte dreiNächte nicht geschlafen, war furchtbar müde und fing an ärgerlich zu werden. „So führe mich endlich unter Dach, Spitzbube,“ schnaubte ich den Kosaken an, „und wenn’s beim Teufel wäre, nur zur Stelle!“
„Da ist wohl noch ein Nest,“ antwortete der Kosak, indem er sich im Nacken kratzte, „nur wird es Euer Gnaden nicht zusagen; — es ist da nicht ganz rein!“
Da ich die genaue Bedeutung des letzten Wortes nicht auffaßte, so befahl ich ihm voranzugehen, und so gelangten wir nach einer langen Wanderung durch die schmutzigen Gassen, an deren Seiten ich nichts als alte Plankenzäune sah, zu einer kleinen Hütte, dicht am Ufer des Meeres.
Der volle Mond beleuchtete das Schilfrohrdach und die weißen Wände meiner neuen Wohnung; auf dem Hofe, der mit einem Kieselgeschiebe umgeben war, war noch eine zweite elende Hütte, noch kleiner und hinfälliger als die erste, an diese angekleckst. Das Ufer fiel fast von den Wänden der Hütte senkrecht, wie abgeschnitten, ins Meer hinab, und unten tanzten mit ununterbrochenem Gebrause die dunkelblauen Wogen. Der Mond schaute friedlich auf das unruhige, aber ihm unterthänige Element, und ich konnte bei seinem Lichte, weit vom Ufer ab, zwei Schiffe wahrnehmen, deren schwarzes Takelwerk sich wie ein Spinnengewebe am matten Himmelsgewölbe abzeichnete. — „Es liegen Schiffe im Hafen,“ dachte ich bei mir selbst, „morgen kann ich also nach Geléndschick abreisen!“ Ein Linienkosak begleitete mich als Bedienter. Ich befahl ihm denKoffer loszubinden und den Postillon zu entlassen, und fing an nach dem Wirthe zu rufen. — Keine Antwort; ich poche; alles stumm . . . Was bedeutet das? Endlich kroch aus dem Hausflure ein Junge von ungefähr vierzehn Jahren hervor.
„Wo ist der Wirth?“ — Njä-má.24)— „Was? kein Wirth?“ — Ne, keener . . . — „Nun, also eine Wirthin?“ — Die is nach dem Dorfe gelofen. — „Wer macht mir denn da die Thür auf?“ sagte ich und schlug mit dem Absatz dagegen. Die Thüre sprang von selbst auf; ein feuchter Dunst wehte mir entgegen. Ich steckte ein Zündholz an und hielt es dem Jungen unter die Nase; es beleuchtete zwei glanzlose, weiße Augen. Er war blind, stockblind von Geburt an. Er blieb unbeweglich vor mir stehen und ich begann seine Züge zu mustern.
Ich muß gestehen, daß ich ein starkes Vorurtheil gegen alle Blinden, Lahmen, Tauben, Stummen, Buckligen, Bein- und Armlosen u. s. w. u. s. w. habe. Ich habe bemerkt, daß zwischen dem Aeußerlichen des Menschen und seiner Seele stets eine seltsame, geheime Beziehung Statt findet: als ob mit dem Verlust eines Gliedes die Seele irgend eines Gefühls verlustig ginge.
Ich fing also an die Züge des Blinden zu mustern; aber sagen Sie mir selbst, was kann man möglicherweise in einem Gesichte ohne Augen lesen? . . . Ich blickte ihnlange mit unwillkührlichem Mitleid an, als plötzlich ein kaum bemerkbares Lächeln über seine dünnen Lippen glitt, das, ich weiß nicht warum, einen äußerst widerlichen Eindruck auf mich machte. In meinem Kopfe tauchte der Verdacht auf, daß dieser Blinde doch nicht ganz so blind sei, wie er es schien; vergebens hielt ich mir vor, daß man den grauen Staar unmöglich nachahmen könne, und nun noch obendrein wozu? Wie dem nun auch immer sei — ich klebe bisweilen an gewissen Vorurtheilen . . .
— Bist Du der Sohn der Wirthin? fragte ich ihn endlich. — „Ne.“ — Wer bist Du denn? — „Eene Waise, verlassene.“ — Hat die Wirthin Kinder? — „Ne, sie hatte eine Tochter, aber die ist mit einem Tataren über’s Meer gezogen.“ — Mit einem Tataren? Mit was für einem Tataren? — „Der Teufel mag seinen Namen wissen! ein Tatar aus der Krim, ein Bootsmann aus Kertschi.“
Ich trat in die Hütte: zwei Bänke, ein Tisch und ein ungeheurer Koffer in der Nähe des Ofens bildeten das ganze Mobiliar. An der Wand kein einziges Heiligenbild — ein schlechtes Zeichen! Durch die zertrümmerten Fensterscheiben pustete der Seewind mit Ungestüm. Ich langte mir aus meinem Reisekoffer ein Ende Wachskerze heraus, steckte es an und fing an meine Sachen auszupacken; meine Schaschka und Büchse kamen in die Ecke zu stehen, die Pistolen auf den Tisch, dann breitete ich meine Burka25)über die eineBank, mein Kosak die seinige über die andere und nach zehn Minuten schnarchte er bereits; — allein ich konnte nicht einschlafen; vor mir in der Finsterniß drehte sich fortwährend der Junge mit den weißen Augen herum.
So mochte ungefähr eine Stunde verflossen sein. Der Mond schien jetzt zum Fenster herein, und seine Strahlen spielten auf dem lehmigen Fußboden der Hütte. Plötzlich schwebte auf dem vom Monde beschienenen Streifen des Fußbodens ein Schatten vorüber. Ich richte mich auf und schaue nach dem Fenster: zum zweiten Male eilte Jemand daran vorbei und verschwand Gott weiß wo; ich konnte mir nicht denken, daß dieses Wesen die schroffe, senkrechte Mauer des Seeufers hinuntergeglitten sein konnte, und doch blieb ihm kein anderer Weg übrig. Ich stand auf, warf meinen Beschmet um, steckte meinen Dolch in den Gurt und trat leise, leise aus der Hütte hinaus: der blinde Junge grade auf mich los. Ich drückte mich an den Plankenzaun und so ging er mit sicherem doch behutsamen Schritte an mir vorüber. Unter dem Arme trug er ein Bündel und nachdem er sich dem Hafen zugewandt hatte, schlug er einen engen, steilen Fußpfad ein. — „An jenem Tage werden die Stummen reden und die Blinden wieder sehen,“ dachte ich bei mir selbst, indem ich ihm in einer angemessenen Entfernung folgte, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren.
Unterdessen fing der Mond an sich in Wolken zu kleiden und Nebel stieg vom Meere auf; kaum, daß die Laterne vom Verdecke des nahen Wachtschiffes hindurchschimmerte,am Ufer aber spritzte der Schaum der Meereswogen so in die Höhe, daß sie den Jungen jeden Augenblick zu verschlingen drohten. Ich folgte ihm, obgleich mit vieler Beschwerde, auf dem steilen, holprigen Wege und sah wie mein Blinder erst eine Weile stehen blieb und sich dann rechts hinunter begab; er ging so dicht am Wasser dahin, daß es schien, als ob die Woge ihn sofort ergreifen und mit sich fortreißen würde; allein an der Sicherheit, mit welcher er von Stein zu Stein hüpfte und die Wasserrisse vermied, konnte man deutlich sehen, daß er diesen Weg nicht zum ersten Male machte. Endlich hielt er still, als ob er auf etwas lausche, setzte sich auf die Erde und legte sein Bündel neben sich. Ich beobachtete alle seine Bewegungen, indem ich mich hinter einem vom Ufer vorspringenden Felsenstücke versteckt hielt. Nach einigen Minuten wurde von der entgegengesetzten Seite her eine weiße Figur sichtbar; sie ging an den Blinden heran und setzte sich neben ihn. Der Wind führte mir von Zeit zu Zeit ihr Gespräch zu:
„Nun, Blinder?“ sagte eine weibliche Stimme: „der Sturm ist heftig; Janko wird nicht kommen.“
— Janko fürchtet den Sturm nicht, entgegnete dieser.
„Der Nebel wird immer dichter,“ sagte wieder die weibliche Stimme mit einem Ausdrucke der Kümmerniß.
— Im Nebel kann er sich desto leichter an den Wachtschiffen vorbeistehlen, war die Antwort.
„Aber wenn er ertrinkt?“
— Nun was weiter? Dann gehst Du am nächsten Sonntag ohne neues Band in die Kirche.
Hierauf folgte ein Schweigen; indessen frappirte mich eins: der Blinde hatte mit mir in kleinrussischem Dialekte gesprochen, während er jetzt ganz reines Russisch sprach.
— Siehst Du, daß ich Recht habe, begann der Blinde wieder, indem er in die Hände schlug: Janko fürchtet weder Meer, noch Sturm, noch Nebel, noch Küstenwächter: horche nur — das ist nicht das Peitschen der Wellen, Du täuschst mich nicht, — das sind seine langen Ruder.
Das Frauenzimmer sprang auf und richtete unruhvoll ihren Blick in die Ferne.
„Du faselst, Blinder,“ sagte sie, „ich sehe nichts.“
Ich muß gestehen, daß, wie viele Mühe ich mir auch gab, etwas zu entdecken, was einem Nachen ähnlich sehen konnte, alles vergebens war. So vergingen zehn Minuten; da zeigte sich allmälig zwischen den Bergen der Meeresfluthen ein schwarzer Punkt, der bald größer bald kleiner wurde; — bald sich langsam bis auf die Spitzen der Wogen erhebend, bald wieder in die Tiefe hinabschießend, näherte sich der Kahn immer mehr dem Ufer. — Ein kühner Schiffer mußte Der sein, der es wagte, in einer solchen Nacht eine Meerenge von 20 Werst Weite zu durchrudern, und wichtig mußte der Grund sein, der ihn dazu antrieb.
Während diese Gedanken mich beschäftigten, blickte ich mit unwillkührlichem Herzpochen nach dem armen Kahne; der aber tauchte unter wie eine Ente und erhob sich dannwieder durch einen raschen Flügelschlag seiner Ruder aus dem Abgrunde, inmitten des wildesten Schaumgespritzes; — plötzlich schien es mir, als ob er in einem Anlaufe gegen das Ufer sich zerschlagen und in tausend Splitter zertrümmern müsse — allein er parirte mit ungemeiner Geschicklichkeit und hüpfte unbeschädigt in eine kleine Bucht. Ein Mann von mittlerm Wuchse sprang aus dem Nachen; er trug eine tatarische Barankenmütze; er winkte mit der Hand — und alle drei bemühten sich, Etwas aus dem Nachen zu ziehen; die Last war so groß, daß ich bis auf den heutigen Augenblick nicht verstehe, wie er nicht untergegangen ist. Ein jeder packte sich endlich ein Bündel auf die Schultern und so gingen sie das Ufer entlang, wo ich sie zuletzt aus dem Gesicht verlor. — Es blieb mir nun nichts übrig, als nach Hause zu gehen, doch muß ich bekennen, daß alle diese Seltsamkeiten mich dermaßen aufgeregt hatten, daß ich beschloß, den Morgen wach abzuwarten.