Transport des Gepäcks.(Text siehe Seite35.)
Transport des Gepäcks.(Text siehe Seite35.)
Mackay hatte die Gesundheit wiedererlangt, ehe er die Küste erreichte, erhielt aber die Weisung, vor Verlauf der Regenzeit nicht wieder aufzubrechen und bis dahin soweit als möglich eine Fahrstraße für Ochsenwagen ins Innere zu bauen. Vorher rüstete er noch zwei Unterstützungskolonnen aus und sandte sie den vorausgezogenen Brüdern nach. Eine davon fiel unterwegs den Ruga-Ruga (Freibeutern) in die Hände, welche den Führer, einen Engländer, ermordeten und die Karawane ihrer wertvollen Habe beraubten.
Bald kam Mackay mit dem schändlichen Gewerbe des Sklavenhandels in unangenehme Berührung. Durch Sadani, wo er sich aufhielt, zogen trotz des Verbots immer wieder Sklavenzüge. Einmal gelang es ihm, den Händler in die Flucht zu jagen und die Sklaven, unter denen viele Weiber und Kinder waren, zu befreien. Bei einem anderen Befreiungsversuch setzten sich die arabischen Händler zur Wehr und erschossen einen seiner eingeborenen Leute. Er mußte nun, so leid es ihm auch tat, die Menschenhändler ruhig ihre teuflischen Pfade ziehen lassen, merkte er doch auch, daß der Herr Häuptling und seine Leute heimlich den Handel begünstigten. Und das alles trotz des Vertrags, den der Sultan von Sansibar mit England geschlossen hatte!
Den vom Komitee in London gewünschten, aber unzeitgemäßen Wegebau führte er mit vierzig Arbeitern, die zu allem erst mühsam angelernt werden mußten, in hundert Tagen unter vielen Schwierigkeiten aus. »Man stelle sich einen Wald voll hoher, schlanker Bäume vor, die durch ein dichtes Gewebe dorniger Schlingpflanzen verbunden sind und unten solch undurchdringliches Gestrüpp haben, daß kaum eine Katze durchkriechen kann; alles verzweigt, zugewachsen und verworren.« Durch dieses Gestrüpp mußte er sich einen Weg bahnen, überall breit genug, daß die größten Ochsenwagen sich ausweichen konnten. Die Vorüberziehenden sperrten Mund und Augen weit auf ob der »njia kubwa«, der großen Straße des weißen Mannes, und erzählten überall mit negerhafter Übertreibung von dem geschauten Wunder. Der Häuptling eines Dorfes, in dessen Nähe Mackay eine Brücke schlug, erklärte ihm mit soviel Würde, als sein schmutziges Gesicht nur zuließ, er wolle hundert Dollar dafür haben, daß ihm seine Bäume niedergeschlagen würden. Mackay setzte ihm darauf auseinander, daß der Herr Häuptling hundert Dollar für die Brücke zahlen solle, die er später doch als sein Eigentum betrachten und von der er sicher ein hohes Brückengeld von den Karawanen erheben würde.
Mit den Häuptlingen im Umkreise schloß er Freundschaft, und alle erkannten ihn als »Bruder« an. Das will in Afrika viel besagen und ist von großem Nutzen für die Sicherheit des Lebens und des Eigentums.Stanley war der »Bruder« von Mtesa und Miramba. Das brachte ihm viel Vorteil im ganzen Land.
Besondere Schwierigkeiten machten Mackay die Ochsenwagen. Vor einen Karren mußten 26 Ochsen gespannt werden, um ihn durch alle die Löcher fortzubringen. Die Leute verstanden nichts vom Fahren und die Ochsen erst recht nicht. Bald waren Bäume angefahren, bald lag die Karre in einem Loche. »Es ist zum Verzweifeln,« schreibt er, »wenn man einen Fluß überschreiten will und ein Ochs legt sich, ein anderer reißt sich los und läuft davon, andere kehren statt des Schwanzes die Hörner nach dem Wagen –.« Tagebuch und Briefe schrieb er abends auf dem Boden beim Schein eines trüben Schiffslaternchens, gequält von den Moskitos und umheult von Raubtieren, die es auf Ochsenbraten abgesehen hatten. Neben der Feder mußte er immer das Repetiergewehr für diesen ungebetenen Besuch bereitliegen haben.
Der Straßenbau war 230 englische Meilen weit gediehen. Da hörte Mackay, daß Leutnant Smith und O'Neill ermordet seien und Mtesa beabsichtige, zur Züchtigung des Häuptlings Lukonge eine Flotte von tausend Kanus hinzusenden. Diese Rache konnte das Unglück nicht ungeschehen machen, aber der Mission viel schaden. So schnell als möglich eilte daher unser Held vorwärts an die Stätte des Unglücks, um alle, die dem Häuptlinge Rache geschworen, zu besänftigen und weiteres Blutvergießen zu verhindern.
Der Eilmarsch dauerte ein ganzes Vierteljahr, von März bis Juni 1878. Es ging oft durch riesenhafte Landstriche, die von erbarmungslosen Sklavenhändlern verheert waren. Die Erlebnisse Mackays würden Bände füllen, hätte er Zeit und Lust gefunden, alles niederzuschreiben. Nur einiges konnte er aufzeichnen und nach Hause berichten. Ein großer Häuptling verweigert ihm aus Furcht für sein kostbares Leben das Nachtquartier, aber ein kleiner teilt mit ihm die schmutzige Hütte, die zugleich Kuh- und Schafstall ist. Da kommt ein Streifzug der Wahehe, führt einen Kriegstanz vor der Hütte auf und verlangt einen Ochsen, den sie sofort erhalten. An Mackays Warenbündel zeigen sie ein besonderes Interesse, sind aber schließlich mit einer Elle Zeug zufrieden. Dann kam der Abschiedsgruß. Mackay saß auf dem Boden, neben sich die doppelläufige Flinte, die er aber nicht anrühren durfte. Er regte kein Glied, als sie mit eingelegten Speeren auf ihn losstürzten und hinter den großen bemalten Schilden aus Fellen einen Halbkreis um ihn schlossen. Einen Augenblick verharrten sie in dieser Stellung, dann senkten sie die Schilde und verneigten sich höflich. Hätte Mackay nur einmal nach seinem Gewehr gegriffen, wäre aus diesem Waffenspiel ein grausiger Ernst geworden.
Ein strömender Regen ging in der Nacht nieder, drang durchs Dach und machte die Hütte voll flüssigen Dunges. Über die Verpflegung während dieses Marsches schreibt er: »Ich bekomme jetzt einen dicken Breivonmwereund manchmal vonmtama, das etwas besser ist zu essen, da die Diebe an meinem kleinen Vorrat von Zwieback Gefallen fanden.Mwereschmeckt wie Sägemehl und Asche, aber man gewöhnt sich mit der Zeit daran und würde es schließlich ganz genießbar finden, wenn nicht unter dem Mehl soviel Sand wäre. Tag für Tag auf die Nahrung angewiesen, die hier zu kaufen ist, lernt man so recht beten: ›Unser täglich Brot gib uns heute!‹ Oft bekommt man außer dem Korn noch ein Huhn. Aber schlimm ist es doch, nach dem ermüdeten Tagesmarsche sich erst etwas zum Essen auftreiben und dann warten zu müssen, bis das Korn zerstoßen und gekocht ist. Holz zur Feurung ist auch nur mit Mühe zu bekommen, und Trinkwasser, wenn man es so nennen darf, muß ebenfalls weit hergeholt werden. Frühstück und Mittagessen fallen da meistens zusammen. Da diese Mahlzeit erst gegen Abend zu bekommen ist, dient sie zugleich als Abendbrot. Aber wie im Psalm 104 geschrieben steht: ›die jungen Löwen, die da brüllen nach Raub und ihre Speise suchen von Gott‹, so wahr ist es, daß ich nie Mangel hatte und sicher nie haben werde.«
Endlich erblickte er »den silberschimmernden See« und rief mit Inbrunst wie einst die Griechen des Anabasis: »Das Meer, das Meer!« Am 13. Juni erreichte er das Dorf Kagai am Südufer des Niansa, aber noch ein halbes Jahr sollte vergehen, ehe er seinen Fuß auf das jenseitige Ufer des Riesensees setzen und in Uganda Einzug halten konnte.
In einer großen, von dem Häuptling des Orts entliehenen Hütte, befand sich alles, was von dem wertvollen Eigentum der ihm vorausgegangenen Expeditionen noch übrig war. Die fürchterlichste Unordnung herrschte hier. Bücher, Muscheln, Gießformen, Papier, Angeln, allerlei Handelsartikel, Drucklettern, Zeltstangen, Patronen, Karbol, Sägen, Samen, Koffer, Konserven, Pumpen, Pflüge, Maschinenteile – alles durcheinander. Verzweifelt starrte Mackay nach der anstrengenden Reise auf diese Bescherung. Das Boot »Daisy«, welches in einzelnen Teilen auf den Köpfen der Träger den Weg von der Küste zum See gemacht hatte und von O'Neill zusammengesetzt worden war, lag in traurigster Verfassung da. Die heißen Strahlen der Tropensonne, die weißen Ameisen und Zähne der Flußpferde hatten ihm arg zugesetzt. Mehrere Wochen hatte Mackay vollauf zu tun, um einigermaßen Ordnung in dies Durcheinander zu bringen und das Boot flott zu machen.
Mit den Eingeborenen lebte er bald auf freundschaftlichem Fuße. Ihre Sprache ist mit der suahelischen, die Mackay bereits erlernt hatte, ziemlich verwandt. Er konnte sich also mit ihnen unterhalten und, dem Drange seines Herzens folgend, etwas von Gott und dem Heiland erzählen. Kam der Sonntag und die Arbeit ruhte, so fragten alle: Warum? Dann zeigte er seine Bibel, setzte ihnen auseinander, daß dies Buch Gottes Wort sei und Gott den Ruhetag eingesetzt hat. Viele zeigten Lust, lesen zu lernen, um selbst hörenzu können, was Gott in diesem Buche für sie geschrieben hat.
Die missionarische Tätigkeit machte Mackay besondere Freude, offenbarte ihm aber auch die große Schwierigkeit derselben und die Notwendigkeit langer, gründlicher Pionierarbeit unter dem tief umnachteten Volk.
Etwas nördlich von dem Karawanenort Kagai liegt die Insel Ukerewe. Ihr König ist der berüchtigte Lukonge, welcher vor drei Monaten die beiden Missionare erschlagen ließ. Zu einem Rachekrieg der arabischen Händler für den ermordeten Songoro war es dank ihrer Feigheit noch nicht gekommen. Als Mackay den Arabern sagte, er sei nicht als Rächer der Bluttat, sondern als ein Bote Christi gekommen, der nicht wie Mohammed die Schuld räche, sondern vergebe, waren sie aufs höchste überrascht.
Dem Häuptling (oder König) von Ukerewe sandte er Botschaft, daß er ihn sehen wolle, aber aus friedlicherAbsicht. Die Bewohner von Kagai waren über Mackays Vorhaben sehr bestürzt und überzeugt, daß er nie wiederkehre. Er aber stärkte sich in seinem Gott wie David in Ziklag und bestand darauf, Lukonge zu besuchen, wenn derselbe es wünsche.
Nach einer Woche landete ein Kanu mit einer Gesandtschaft vom Ukerewefürsten, um Mackay zum Besuch ihres Gebieters abzuholen. Er hatte sich entschlossen, um jeden Verdacht auszuschalten, allein und ohne Waffen mitzufahren. Gleichwohl prüfte er die Gesinnung der Gesandtschaft, indem er verlangte, daß drei von ihnen als Geiseln in Kagai zurückblieben. Nach einigem Zögern willigten sie ein. Nun wußte Mackay, daß sie nichts Böses im Schilde führten und verzichtete zu aller Erstaunen auf die Geiseln. Mackay bestellte sein Haus für alle Fälle, steckte Chinin und Pulver gegen Fieber und Ruhr, sowie einige Mittel als Gegengift ein, da Lukonge als Giftmischer berüchtigt war, und trat nur in Begleitung eines Dolmetschers die Reise an.
In zwei Tagen kam das Boot ans Ziel. Nach einer kurzen Rast hatte er die erste Audienz. Lukonge saß in seiner Baraza, einer nach vorn offenen Hütte. Sein Thron bestand aus einem Holzschemel mit einem Bein. Um ihn her kauerten die Höflinge im Sand. Seine Majestät ging dem Missionar entgegen, gab ihm die Hand und setzte sich wieder mit großer Würde. Er trug mit sichtbarem Stolze ein Gewehrfutteral, das jedenfalls einem der ermordeten Missionare gehörte.Zur Feier des Ereignisses hatte er noch ein rotes Taschentuch als Kopfschmuck verwandt. An Armen und Beinen glänzten viele Ringe aus Eisen und Messing.
Die erste Audienz war der Sitte gemäß sehr kurz. Am folgenden Tage machte der König seinen Gegenbesuch in Begleitung seiner Häuptlinge. Dabei erzählte er Mackay die Geschichte von dem Unglück. Er habe nicht die weißen Männer töten, sondern nur den Araber Songoro, der ihm aus der Schuldhaft entlaufen sei, für seine Verräterei züchtigen wollen. Der Araber sei aber zu den Weißen gelaufen, die von ihm ein Boot gekauft hatten, und habe sie bewogen, ihn mit ihren Waffen zu schützen. O'Neill habe zehn seiner Leute erschossen und dreißig schwer verwundet. Als dem Araber und den Weißen die Munition ausging, hätten sie auf einem Kahn fliehen wollen; der Kahn sei aber verschwunden gewesen und ein weiterer Ausweg nicht vorhanden. Seine Leute wären sehr erbittert gewesen und hätten alle, den Araber mit zwanzig seiner Leute und leider auch die beiden Weißen, niedergemacht.
Mackay, der die Schwerverwundeten noch sah, erkannte, daß die Boten des Kreuzes durch die Rache eines Heiden für die Falschheit eines Muselmannes, der sich unter ihren Schutz stellte, das Leben verloren haben, weil sie leider ihre Waffen gebrauchten, um einen anderen zu verteidigen. Er ließ Lukonge wissen, daß er ihm glaube und das Vorgefallene bereue.Nun sei er aber gekommen, um Frieden zu machen. Er wisse noch nicht, was die mächtige Königin Viktoria, die mehr Soldaten habe, als Lukonge zählen könne, als Rache für ihre Söhne tun werde, er wolle aber bemüht sein, die Sache zu schlichten, wenn Lukonge bereit sei, Missionare auf seine Insel zu lassen, damit sie sein Volk lehren können.
Der schwarze König lachte über die Idee, als gäbe es einen mächtigeren Herrscher als ihn, und erwiderte, seine Leute hätten Furcht vor den Weißen. Nun lachte Mackay, daß die Leute des großen Königs von Ukerewe sich vor drei weißen Männern fürchten, wenn sie als Missionare kommen. Schließlich erhielt er die nachgesuchte Erlaubnis. Es sollten aber nicht so viele Lehrer kommen, fügte Lukonge noch hinzu.
Vor der Abreise trug Lukonge Mackay die Blutsbrüderschaft an, was dieser dankbar annahm. Unter feierlichem Zeremoniell wurde der Bund geschlossen. In einem Kreis von Zuschauern stand eine Ziege. Lukonge erfaßte ihre Vorderbeine und Mackay die Hinterbeine. Dann erklärte ein Dritter, daß dies das Siegel eines ewigen Bruderbundes sei, und schnitt mit scharfem Messer die Ziege in zwei Stücke. Hierauf erhoben alle Anwesenden unter Johlen ihre Hände gen Himmel, und die Sache war beendet. Als Gegengeschenk für die königliche Huld überreichte Mackay seinem nunmehrigen »Bruder« einen Schlafrock. Unter Freundschaftsbeteurungen aller Art wurde der Gastverabschiedet. Nach neuntägiger Abwesenheit landete er sicher und fröhlich wieder in Kagai.
Beim Landen wurde er vom wilden Freudengeheul der Eingeborenen begrüßt. Die Frauen tanzten wie toll auf dem Strande herum. Eine Tochter des Häuptlings Kaduma hatte sich dazu mit einer Last von Perlen behangen. Der alte Häuptling Kaduma aber zeichnete den Tag leider dadurch aus, daß er noch mehr Pombe (eine Art Bier) trank als sonst. Zu Mackays Leidwesen endete die Freudenfeier – echt europäisch – mit total betrunkenen Leuten. Auf seinem bisherigen Wege hatte er immer wieder Gelegenheit zu sehen, daß die Trunksucht der Fluch Afrikas ist. War genug Bier da, sah man nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder betrunken stehen und liegen. Mackay wurde dadurch ein Abstinent. Er äußerte, daß die Enthaltsamkeit das Geheimnis zur Erhaltung der Gesundheit in den Tropen sei und die erste Bedingung der Zivilisation in Afrika. »Die Westküste ist dem Rum zum Opfer gefallen; die Kaffern im Süden leiden ebenfalls daran; auf der Ostküste in Sansibar wird aus Zuckerrohr ein scheußlicher Trank gebraut, der überall an der Küste zum Ruin des Suahelistammes verzapft wird. Die Wanika bohren den Kokosnußbaum an und saugen mit Strohhalmen den Saft. Fast jedes Dorf gleicht morgens schon einem Saufgelage. Im Inneren wird das Getreide zu berauschendem Getränk verwandt. Am Niansa bereiten sie aus Pisang einen Wein, der König und Volk mit den Banden der Trunksucht umschlingt.«
Aus der heiligen Geschichte wissen wir, daß der Nil durch seine Überschwemmungen mit fettem Tonschlamm den Boden Ägyptens befruchtet und so der Schöpfer und Erhalter der Fruchtbarkeit jenes Landes ist. Wir befinden uns, wie wir früher schon hörten, jetzt mit Mackay in dem interessanten Quellgebiet des mächtigen Nilstromes oder, wie die Geologen sich ausdrücken: »im Seengebiet der Nilquelle«. Das Steigen und Fallen des Wassers im Viktoria Niansa entscheidet eigentlich über den Verlauf der Ernten in Ägypten. Mackay gibt in seinen geistreichen Briefen auch eine beachtenswerte Erklärung über die sieben fetten und mageren Jahre zur Zeit Josephs. Nach seiner Ansicht bildete die im Süden des Niansa liegende Landschaft Usukuma mit diesem See zusammen früher ein großes Binnenmeer. Da habe sich eines Tages das Bett des heutigen Niansa gesenkt, der große See floß allmählich aus, und die abfließenden Wasser riefen die sieben fetten Jahre in Ägypten hervor. Der riesige Wasserbehälter schrumpfte dann in den See zusammen, den wir heute Viktoria Niansa nennen. Kein Wunder, daß nun die stark verminderten Wasserzuflüsse durch die Ripponfälle (Somersetnil) die Hungersnot in dem Kornlande zur Folge hatten. Nach und nach wurdedas durch den Seeausfluß hervorgetretene Land Usukuma von Regengüssen getränkt, der Überfluß an Wasser strömte in den See und von da in den Nilstrom. Dadurch wurde nach sieben Jahren das Gleichgewicht wiederhergestellt, und jetzt steigt und fällt der Nil alljährlich wie in alter Zeit.
Als Mackay diese lehrreichen Beobachtungen machte, kam der in Rubaga stationierte Pastor Wilson nach Kagai, um seinen Mitarbeiter abzuholen. So rasch ging es aber noch nicht mit der Abreise. Mackay mußte sich erst noch von einem heftigen Fieberanfall erholen. Dann wurde das Boot noch einmal nachrepariert. Endlich schlug die Stunde der Abfahrt nach Uganda. Vier Tage lang hatten sie gute Fahrt. Dann warf ein Sturm die »Daisy« an das Gestade von Nsougora. Mit Mühe und Not konnten die Missionare sich und ihre wertvolle Habe retten. Die herbeigeeilten Eingeborenen blickten neidisch auf das Gepäck der Schiffbrüchigen, weigerten sich aber hartnäckig, ihnen in den Bemühungen um das Boot beizustehen. Die unbarmherzigen Wellen rissen schnell das ganze Fahrzeug auseinander. Um es einigermaßen wiederherzustellen, bedurfte es acht Wochen angestrengter Arbeit. Mackay sagt, es sei so gewesen, als wenn man aus einem Stiefel einen Pantoffel zu machen sucht. Sie rafften die Trümmer zusammen, ließen in der Mitte etwa acht Fuß wegfallen, setzten zusammen, was vom Vorder- und Hinterteil geblieben war, und flickten es mit dem aus der Mitte gefallenen Holze wiederaus. Dann stachen sie aufs neue in See und setzten mutig ihre Reise fort.
Aus einer Zeitung erfuhr Mackay, daß Stanley früher an demselben Orte gestrandet war und mit knapper Not der Niedermetzelung entging. Ein Glück, daß er sich nachher nicht rachsüchtig zeigte. Hätte er nachträglich auch nur einen Schuß auf sie abgegeben, so hätten sie sich jetzt jedenfalls an diesen weißen Schiffbrüchigen gerächt. Aber Gott hat in Seiner Güte und Vorsehung über Seinen Boten gewacht und sie nach vielen Erfahrungen Seiner leitenden Liebe und helfenden Treue endlich an das Ziel ihrer Reise gebracht.
Am 6. November 1878 zogen sie in Rubaga, der Hauptstadt Ugandas, ein. Nach zweieinhalbjährigem Reisen und Harren hatte unser Held seinen Kampfplatz erreicht, auf dem er zwölf Jahre ununterbrochen bleiben, leiden, streiten und schließlich sterben sollte.
Von Mtesa und seinen Häuptlingen wurde Mackay glänzend empfangen. Der König liebte es, sich mit dem Pomp und Glanz eines morgenländischen Herrschers zu umgeben. Die Missionare wurden von weißgekleideten Pagen den Königsberg hinaufgeleitet. Dort lag der »Palast«, ein langes, hohes Gebäude aus Rohr und Gras. In den Höfen standen Soldaten mit Uniformen, in der großen Empfangshalle saßen und standen die Großen des Landes. Im Hintergrunde thronte die schwarze Majestät auf einem weißen Lehnstuhl. Vor ihm war ein Leopardenfell, das Zeichen königlicherWürde, ausgebreitet. Huldvoll wird Mackay begrüßt, dankbar werden seine Geschenke entgegengenommen. Dann läßt der König einen Freudenwirbel trommeln. Alle Häuptlinge nicken taktmäßig mit dem Kopfe, klatschen in die Hände und rufen: »njausig, njausig!« (danke, danke!). »Das ist für den Namen Jesu,« erklärte der König herablassend, und der erste Empfang war beendet. Abends sandte Mtesa seine Gegengeschenke: zehn Ochsen, Tabak, Kaffee und Honig.
Von ihrem Lande und ihrer Größe haben König und Volk hohe Begriffe. Sie halten sich für das mächtigste Reich der Welt. Mtesa versicherte Mackay großmütig: »Wenn England nicht mit mir Streit sucht, ich werde nie Händel mit ihm anfangen.« Ein König, der nichts als die Schmeichelei seiner Höflinge kennt, deren Leben er ganz in seiner Gewalt hat, ist selbstverständlich schwer zu behandeln. Die Missionare gebrauchten hier viel Schlangenklugheit und Taubeneinfalt, um das Wort der Wahrheit recht zu teilen.
Aus Unvorsichtigkeit hätte sich Mackay im ersten Monat beinahe selbst vergiftet. Er sammelte Rizinussamen und aß etwa ein halbes Dutzend der Körner. Heimgekehrt, las er in seinem medizinischen Ratgeber, daß die Körner Gift enthalten und drei genügen, den Tod herbeizuführen. Mackay nahm Gegengift, befahl sich, die Seinen und sein Werk dem Herrn und legte sich hin zum Sterben. Nach sechs Tagen aber konnte er wieder, wenn auch zum Skelett abgemagert, an denköniglichen Hof gehen. Der Herr hatte Seinen Diener gerettet, wie Er Mark. 16 zugesagt hat.
Am Hofe wurde die Suahelisprache fast allgemein verstanden. Mackay hatte diese Sprache schon unterwegs erlernt und besaß viele Teile der Bibel in Suahelisch. So konnte er dem König und seinem Hofe oft daraus vorlesen und sonntäglich Gottesdienst halten. Durch Stanley war der König ja der Form nach für das Christentum gewonnen. Das Volk zeigte regen Eifer zum Lernen. Viele drängten sich zum Unterricht, lernten lesen und studierten dann die übersetzten Teile der Heiligen Schrift. Anfang des Jahres 1879 erließ der König ein Gesetz, das den Sklavenhandel und die Sonntagsarbeit in Uganda verbot. Wenn es auch unmöglich war, diese Gesetze durchzuführen, so sind sie doch ein Beweis, daß die Missionare bereits in hohem Ansehen standen und großen Einfluß ausübten. Mackay durfte die Baraza, die Ratsversammlung, besuchen, in der die öffentlichen Angelegenheiten besprochen wurden, und war bald die wichtigste Persönlichkeit in Uganda.
Mackays Empfang beim König Mtesa.(Text siehe Seite54.)
Mackays Empfang beim König Mtesa.(Text siehe Seite54.)
Stanley schreibt irgendwo: »Der praktische Christ – einer, der Gottes Wort lehrt, Krankheiten heilt, Häuser baut, den Ackerbau versteht, kurz, alles tun kann – ist hier vonnöten. Wenn ein solcher hierher käme, würde er zum Heile Afrikas werden.« Ein solcher Christ war Mackay im besten Sinne des Wortes. Er sagt selbst einmal, als er enttäuscht den Unstern beklagt, der über der Sendung von Handwerkern nach Uganda schwebte, und nach einem Gehilfen seufzte: »So muß ich denn fortfahren wie bisher: bald mit dem Buche in der Hand, bald mit Hammer und Zange.« Seine steigende Beliebtheit beim Volke und bei Hofe verdankte er zunächst dem Umstande, daß er ein Tausendkünstler war. Seine in der Nähe des Palastes errichtete Schmiedewerkstatt und Schlosserei mit Esse, Amboß, Drehbank, Schraubstock, Schleifstein und allen anderen Werkzeugen wurde von Großen und Kleinen umlagert und viel bewundert. Mackay war für sie ein Mann, der alles konnte. Eine Grenze für sein Können gab es nach ihrer Ansicht nur in seinem Willen, nicht in seiner Macht und Geschicklichkeit. Darum eilten sie mit ihren großen und kleinen Leiden, mit ihren kindischen Wünschen und heidnischen Erwartungenzu ihm und waren ärgerlich, wenn er ihnen nicht nach Wunsch half.
Vom König und seinem Hofe wurden Mackays Talente vielfach und oft ungebührlich in Anspruch genommen. Seine Bereitwilligkeit, innerhalb der Grenzen des Gewissens sich den königlichen Launen zu fügen, Flinten und dergleichen Dinge zu reparieren, hat der Mission gute Dienste getan und manchen Sturm verhindert. Die Existenz des Werkes hing doch immerhin von der Gunst des Hofes ab. Mackay ließ sich's nicht verdrießen, den König in die Geheimnisse der Eisenbahn, der Elektrizität und der Sternkunde einzuweihen, weil ihm dies stets Gelegenheit schaffte, Gunst und Vorteile für die Mission zu erzielen. Als Namosali, die Königinmutter, starb, mußte Mackay aus zahlreichen Geräten, die man ihm lieferte, einen kupfernen Sarg herstellen. Das Begräbnis sollte echt königlich sein. Der Kupfersarg wurde über und über mit wertvollem Tuch umwickelt und dann in eine Gruft gesenkt, die verschwenderisch mit Tuch ausgebettet war. Es soll für dreißigtausend Mark Zeug und Tuch verbraucht worden sein. Später, als Mtesa das Zeitliche gesegnet hatte, mußte Mackay für das »Mausoleum«, eine kolossale Hütte von vierzig Fuß Höhe, einen Blitzableiter liefern. Die Errichtung eines Flaggenmastes auf dem »Schloß« des neuen Königs nahm ihn einen ganzen Monat in Anspruch. Bald darauf zerstörte ihn eine Feuersbrunst. »So ist meine ganze Arbeit dahin, aber nicht verloren,« schreibt Mackay, »dennich glaube, sie ist der Mission zum Nutzen gewesen. So unlieb es mir ist, meine Zeit mit solchen Kindereien zu vergeuden, sehe ich doch die darauf verwandte Zeit nicht für verloren an, wenn es dazu beiträgt, Vorurteile zu zerstreuen und die Herren günstig zu stimmen.«
Als Schiffsbauer haben wir ihn bereits kennen und schätzen gelernt. Die bekannte »Daisy« wurde bald in der Tropensonne zerstört. Von England aus wurden die Teile zu einem neuen Boote an das Südufer des Viktoria Niansa geschickt. Ein nachgesandter Handwerker sollte das Schiff zusammensetzen, fand aber die Planken ganz verbogen und von der Hitze gespalten. Ein Häuptling hatte nämlich das Schutzdach gestohlen, unter dem sie lagerten. Der Handwerker erklärte, nichts damit anfangen zu können. Da kam Mackay zu Hilfe. In seinem Wörterbuch stand das Wort »unmöglich« nicht. Monatelang arbeitete er in der brennenden Sonne, oft vom Fieber befallen und abends stets von Moskitos geplagt. Alles mußte er allein tun, jede Planke zurichten, jeden Nagel einschlagen. Endlich konnte er die »Eleonore« vom Stapel lassen, auftakeln und sie der Ugandamission als Weihnachtsgeschenk überbringen.
Von 1888-89 baute er an der Küste des Niansa sogar an einem Dampfboot. Ein Ingenieur, der ihn unterstützen wollte, konnte eines Aufstandes wegen nicht zu ihm stoßen. Mit erfinderischem Scharfsinn und bewundernswerter Ausdauer ging er auch hier allein, nurmit Hilfe der Eingeborenen, ans Werk. In einem mehrere Stunden entfernten Walde fällte er große Bäume. Um sie zur Werft zu schaffen, baute er einen starken, vierräderigen Wagen, den ersten, den diese Gegend je gesehen. Um das Schiff aus diesem Rohmaterial im Schatten bauen zu können, errichtete er einen Schuppen aus Backsteinen, von denen er sich mit Hilfe der Schwarzen in zehn Tagen zehntausend Stück geformt hatte. Die Kesselteile waren schon mit der ersten Expedition 1876 hergeschafft worden und lagen verrostet da. Ehe Mackay sie zusammennieten konnte, mußte er das Eisen erwärmen. Dazu stand ihm nur ein kleiner, tragbarer Ofen zur Verfügung. Den Stapellauf dieses Schiffes hat er nicht mehr erlebt.
In Rubaga machte ein zweiräderiger Ochsenkarren großes Aufsehen. Der König sandte zwei Häuptlinge, das Ding zu besehen. Sie fanden, daß das Wunder ein Werk Mackays war. Der Karren hatte sogar Bremsvorrichtung und wurde von Ochsen gezogen, die mit vieler Mühe eingelernt und ans Joch gewöhnt waren. Dann kam ein neues Wunder. Es war ein Pflug, dessen Hauptteile auf der Reise verloren gegangen, aber nun von Mackay neu geschmiedet worden waren. Als Kuriosum staunte man in der Hauptstadt auch des »weißen Mannes Topf zum Kochen trockener Speise« an. Es war ein ehrsamer Backofen mit hohem Schornstein und eiserner Tür, der aber den Fetischhütten zu Ehren des Lubari sehr ähnlich sah.
In der ersten Zeit erlaubte der König nicht, daßdie Missionare sich Häuser nach europäischem Muster bauten. Sie wohnten mehrere Jahre in den ungesunden Grashütten. Dann erhielt Mackay die gütige Erlaubnis, ein zweistöckiges Haus zu bauen. Es erhielt Türen mit Füllungen, viereckige Fenster mit Drahtgaze und hatte eine große Freitreppe, die von außen ins oberste Stockwerk führte. Das Gebäude wurde im Lande der Grashütten eine Sehenswürdigkeit und für die schwarzen Majestäten ein Gegenstand des Neides. Mackay zog selbst nicht hinein, sondern überließ es den Kameraden. Er selbst blieb vorläufig in seiner ärmlichen, baufälligen Hütte, die zugleich Klinik, Druckerei, Vorratskammer und Schulstube war. Außerdem schliefen noch stets etwa ein Dutzend Knaben bei ihm, von denen oft etliche krank waren, so daß der Platz einem Hospitale glich. Erst später, als ein Missionar abreiste, siedelte er in sein Haus über.
Zum Hause schenkte der König auch einen Garten. Mackay grub darin einen Brunnen und legte eine Pumpe an, die köstliches Wasser lieferte – ein wahres Wunder für die Eingeborenen! Sie drängten sich täglich hunderteweise herzu, um das Wunderwasser zu trinken, das von selbst aus der Röhre lief. Einige nannten es Lubare, andere ein Werk Gottes. Auch der im Dienst des Lubari stehende Häuptling Jumba kam und prüfte den Trunk aus der Tiefe. Mackay nützte die Gelegenheit, dem Wächter des Götzen zu beweisen, daß ein Lubare nichts ist, da er nicht einmal solches Wasser beschaffen kann.
»Bliebe das Volk in seinem jetzigen Zustande,« berichtet Mackay im Jahre 1881, »so würden sie entweder faule oder kriegerische Christen. Die Anleitung, die wir ihnen geben, lehrt sie Augen, Verstand und Hände zu gebrauchen für die Künste des Friedens, die sie von der Trägheit und den kriegerischen Gelüsten abziehen und den Gesamtzustand des Landes heben. Ich versuche jetzt Ziegel zu machen und zweifle nicht, daß diese einfache Kunst, wenn sie im Lande geübt wird, eine große Umwälzung bewirkt. Schon jetzt ist der Erfolg bedeutend. Die schmutzigen Straßen und Winkel werden gereinigt, man bessert den erbärmlichen Fußboden der Hütten aus, die Toten werden ordentlich begraben und nicht mehr in die pestilenzialischen Sümpfe geworfen.«
König Mtesa war, wie sich mit der Zeit offenbarte, dem Herzen nach ein Heide geblieben. Wohl hatte er erkannt, daß das Christentum vor dem Islam den Vorzug verdient und daß Jesus Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Er wollte aber sein sündiges Leben nicht ändern und seine heidnischen Lasternicht aufgeben. Dasselbe muß leider von seinen ersten Beamten und Häuptlingen auch gesagt werden. Der ganze Hof sank nach einem kurzen Anlauf der Besserung wieder in das dunkelste Heidentum zurück. Die Missionare duldete man trotzdem und ließ sie gewähren, weil man äußere Vorteile davon hatte. Außerdem schmeichelte es der grenzenlosen Eitelkeit des Königs, Engländer an seinem Hof zu haben. Die selbstverleugnende Arbeit Mackays und seiner Mitarbeiter schien umsonst zu sein. Es schien jedoch nur so. In Wirklichkeit keimten alle ausgestreuten Samenkörner im Verborgenen ruhig fort und gingen später überall auf. Gottes Wort kommt nie leer zurück. Es richtete auch in Uganda aus, wozu es gesandt ist, wenn es auch vorläufig schien, als ob alles umsonst sei.
Mtesa litt infolge seines Lasterlebens an einer bösen Krankheit. Mackay tat, was er konnte, um ihm Heilung zu verschaffen. Die Krankheit war aber unheilbar. Da hörte Mackay eines Tages zu seinem größten Schmerz, daß der Hof beschlossen habe, den Erzzauberer Mukasa, den großen Geist des Niansa, kommen zu lassen, um den König durch ein einziges Wort gesund zu machen. Schon war der gefürchtete Lubare ganz in der Nähe. Mackay konnte täglich sein Trommeln hören. Er wartete nur auf den Neumond, um einzuziehen und seine Zauberei vorzunehmen.
Mackay sah voraus, daß dieser Einzug das Wiederaufleben des Heidentums und der gänzliche Rückfall des Hofes in heidnische Zauberei bedeute. Mit derKühnheit eines alttestamentlichen Propheten trat er dem drohenden Unheil entgegen, um es womöglich noch abzuwenden. Eines Sonntags, als der launische Herrscher sich in guter Stimmung befand, faßte Mackay sich ein Herz, den König zu warnen. Nachdem in öffentlicher Versammlung mehrere Regierungsangelegenheiten erledigt waren, setzte sich Mackay vor Mtesa und bat um die Erlaubnis, eine Frage stellen zu dürfen.
Mtesa antwortete: »Sprich!« Mackay fragte: »Was ist ein Lubare?« Die Frage überraschte alle Umstehenden. Aber der König nahm sie gut auf und versuchte zu erklären, daß ein Lubare der große Geist sei, der sich in einem lebenden Menschen aufhalte. Darauf erwiderte Mackay, es gäbe doch in Uganda viele solche Geister, sie seien aber Lügner, und der Rädelsführer sei der Lubare Mukasa. Er wisse auch, daß der König selbst kein Vertrauen zu diesen Zauberern habe, einige Häuptlinge hätten ihm aber geraten, Mukasa kommen zu lassen. »Hier sitze ich nun vor dir als dein Diener und der Diener des allein wahren und allmächtigen Gottes, und in Seinem Namen bitte ich dich: Habe nichts zu schaffen mit dem Lubare, wer dir auch dazu raten mag!« Der König nickte beifällig und übersetzte die suahelisch gesprochenen Worte Mackays dem ganzen Hofe. Mackay fuhr fort, auf den König einzudringen und erklärte ihm, wenn Mukasa ein Gott sei, müsse es zwei Götter in Uganda geben, den allmächtigen Gott und den Gott Mukasa. Wäre Mukasa aber nur ein Mensch, dann gäbe eszwei Könige in Uganda, denn Mukasa gebe sich für einen König aus, verachte Mtesas Befehle und triebe offene Empörung im Lande. Der König kenne doch den lebendigen Gott und solle sich nun freimachen von den Zauberern und keinen Feind der Wahrheit verehren. Die Geschichte bezeuge, daß Gott mit den Königen war, die Ihn allein fürchteten, und daß alle, die sich von Ihm abwandten, ein böses Ende nahmen. Gott habe gesagt: »Wer Mich ehrt, den will Ich wieder ehren; wer Mich aber verachtet, den will Ich wieder verachten.«
Der König war bewegt, wünschte aber jetzt das Thema fallen zu lassen. Er wolle an Mackays Worte denken. So endete die erste Unterredung über die große Frage, die jetzt in aller Munde war. In den folgenden Tagen besuchte Mackay alle einflußreichen Häuptlinge, um sie gegen den Lubare zu stimmen und für die Wahrheit zu gewinnen. Einige lieferten ihm ihre Fetische aus und nahmen ein Evangelienbuch in Suaheli an. Andere machten leere Versprechungen. Alle aber schienen sich ihres Glaubens an den Götzendienst zu schämen, was Mackay mit neuer Hoffnung erfüllte.
Bald darauf hörte er aber mit Entsetzen, daß Häuptlinge auf Befehl des Königs in aller Eile einige Häuser im Hofe für den Mukasa erbaut hätten. Das Herz tat ihm bei dieser Botschaft weh. Zehn Tage lang hatte er ernstlich mit jedem Häuptling gegen die Torheit des Aberglaubens geredet, am letzten Sonntagnoch im Gottesdienst am Hofe aus der Bibel das Verdammungswürdige der Zauberei bewiesen – und jetzt war für den königlichen Empfang des Erzzauberers Mukasa alles vorbereitet!
So schnell ihn seine Füße trugen, lief er noch einmal zu einigen Großen. Überall fand er schon Fetische an den Hütten und Amulette an den Körpern. Die Häuptlinge suchten sich nun herauszulügen und behaupteten, nichts von der Sache zu wissen. Mit dem Katikiro, dem heuchlerischen Reichskanzler, konnte er nicht sprechen. Er befand sich wie gewöhnlich in seinem Harem. In einem seiner Höfe sah Mackay viele Zaubergegenstände an einem Baum hängen.
Noch einmal bot sich dem unermüdlichen Kämpfer Gelegenheit, vor versammeltem Hofe gegen den Götzendienst zu Felde zu ziehen. Der König hielt ein Baraza. Auf dem Wege zum Hofe lachten die Leute schon verächtlich hinter Mackay her. Im Vertrauen auf Gott wagte er es dennoch, sich vor den König zu setzen, natürlich auf den Boden. In bescheidener, aber entschiedener Weise legte er nun Mtesa dar, daß niemand zwei Herren dienen könne und daß die Missionare aufhören müßten, am Hofe zu lehren, wenn Mukasa einziehe, der doch nur käme, um Zauberei zu treiben und den wahren Gott zu beleidigen. Wenn er den König heilen könne, hätte er es schon längst tun müssen. Er, Mackay, wolle dem König ja nicht vorschreiben, welche Gäste er empfangen solle. Mukasa aber sei kein gewöhnlicher Gast, sondern ein Betrüger, der dasVolk verführe und verderbe. Unerschütterlich berief sich Mackay auf Gottes Wort, das alle Hexengläubigen als Gottes Feinde betrachtet. Mtesa erwiderte, er wisse nicht mehr, was er tun solle. Seine Mutter und ihr Anhang seien für den Lubare und wünschten dessen Besuch. Mackay entgegnete, Achtung vor den Eltern sei tugendhaft, Gott aber sei noch mehr zu achten. Weiter hatte er ihm nichts mehr zu sagen. Es war ihm klar, daß der König auf ihn hörte, daß aber die alten Häuptlinge und die Königinmutter gegen ihn waren.
In einer weiteren Beratung mit dem Hofe riet man dem König, sich nicht mehr auf die Religion des weißen Mannes einzulassen, da dies nur der Anfang zur Eroberung des Landes sei. Es solle bei Todesstrafe verboten sein, etwas von den Weißen zu lernen.
Dann berief Mtesa in dieser Sache die Missionare noch einmal an den Hof. Mackay sollte der Königinmutter und ihrem Hofe klarmachen, weshalb er verbiete, den Mukasa zu empfangen. Mackay erkannte, daß ihm hier eine Schlinge gelegt war und erwiderte, er habe nichts zu verbieten, sondern als Diener Gottes nur zu mahnen und zu warnen.
Dann redeten einige Häuptlinge, besonders der Katikiro, heftig auf den König ein. Dieser ließ sich wirklich einschüchtern und erklärte schließlich unter lautem Beifall des Hofes, sie wollten nunmehr die Religion der Araber und der Christen verlassen und zu ihrer alten Religion zurückkehren.
Von nun an wurde Mackay mit heidnischer Unverschämtheit behandelt. Gefragt, warum er und die anderen Missionare überhaupt gekommen seien, erwiderte er, daß der König es doch selbst gewünscht habe. Mtesa aber warf dazwischen, er habe damit nicht gemeint, daß die Weißen ihnen die Lehre von Gott bringen, sondern ihnen zeigen sollten, wie man Flinten und Pulver macht. Die Missionare dürften hinfort nicht mehr lehren, sondern nur noch für ihn arbeiten. Hierauf zeigte ihm Mackay seine Hände, die schwielig und schwarz waren von der Arbeit für den König und seine Häuptlinge, und sagte, er habe sich nie der Arbeit geweigert und werde es nie tun, solange er lehren dürfe; wenn er nichts mehr über die Lehre von Gott sagen könne, müsse er das Land verlassen. Dann bat er dringend um Erlaubnis, doch das niedere Volk (Bakopi) lehren zu dürfen, wenn der Hof nichts mehr davon wissen wolle. Die Bitte wurde aber verneint. In der Belehrung und Bekehrung der Bakopi sahen die Herren Häuptlinge erst recht eine Gefahr für ihren Einfluß und einen Angriff auf ihre Machtstellung.
Die alten Götter hielten also wieder ihren Einzug in die Hauptstadt Ugandas. Furchtbarer Trommellärm, der näher und näher kam, kündete Mackay eines frühen Morgens an, daß der Lubare sich auf dem Wege nach dem Hof befinde. Mackay dankte Gott, daß der Zug mit dem gellenden Geschrei vieler Hunderte von Weibern nicht an seiner Stätte vorbeikam. Wer weiß, was das fanatisierte Volk angefangen hätte!Noch an demselben Tage wurde der Lubare vom König empfangen. Von den Häuptlingen und den Zauberern wurde das Bier in Strömen vertilgt, während Mtesa kaum am Becher genippt haben und merklich still gewesen sein soll. Die geringen Zauberer spielten und tanzten, der Lubare sang und prophezeite Krieg mit den Fremdlingen; das war alles, was er konnte.
Mackay wußte, daß die alten Götter das Herz des Volkes nicht mehr lange befriedigen würden und keine Macht den Sieg des Kreuzes hindern könne. »Wir wollen uns ruhig verhalten, wenn Gott uns das Leben läßt, bis der Sturm vorüber ist.« Das kühne Auftreten Mackays hatte doch den Lubaridienst stark erschüttert. Der König schämte sich augenscheinlich desselben, und da seine Krankheit nicht hinweggezaubert wurde, erklärte er das Ganze für Schwindel, mit dem er nichts zu tun haben wolle. Das kühlte auch den Eifer der Häuptlinge ab und machte das Lehrverbot illusorisch. Mackay und seine Brüder unterrichteten vorläufig ungestört weiter.
Die Nichtigkeit des Götzendienstes suchte Mackay auch sonst immer handgreiflich zu beweisen. Gelegentlich einer Reise über den Niansa sah er, daß der Kapitän der kleinen Kanuflotte dem Lubare jeden Morgen ein Bananenopfer ins Wasser warf. Mackay kaufte von den Ruderern einen großen Fetisch (Schutzzauber) und hielt ihnen ernstlich die Ohnmacht der Götzen und die Macht und Liebe Gottes vor. Dannfragte er sie, was in dem Fetisch wäre. »Der Lubare,« antworteten viele.
»Wird er im Feuer verbrennen?«
»O nein, der Lubare brennt nicht.«
»Gut, wir werden ja sehen!« Am Strande angekommen, machte er ein Feuer und warf den Zauber hinein. In wenigen Augenblicken war er in Asche verwandelt. Entsetzt lief die Hälfte der Umstehenden davon; die anderen starrten ihn an und erwarteten, daß augenblicklich ein Strafgericht über den weißen Mann hereinbrechen würde.
»Nun ist der Teufel tot,« triumphierte Mackay, »und ihr seht alle, daß keine rettende Kraft in den Fetischen ist und daß Gott allein uns helfen kann.«
Durch solches Verfahren wurde wohl der Glaube an die Götzen erschüttert, aber nicht ausgerottet.
»Das erfordert mehr,« schreibt Mackay. »Die alte fleischliche Natur des Menschen mit all ihrer Feindschaft gegen Gott und das Gute bleibt zurück. Diese umzuwandeln liegt nicht in des Menschen Macht; aber die Mittel sind dazu da. Wir kommen mit dem Buche der Offenbarung der ewigen Liebe Gottes in der Hand und suchen die heiligen Lehren den Herzen nahezubringen. Heute hören sie uns zu, morgen sagen sie: ›Wir brauchen eure Lehren nicht. Lehrt uns Pulver und Gewehre anfertigen, so wollen wir euch Land und Sklaven geben.‹ Heute sind wir Freunde, morgen fragen sie die Zauberer, und uns verdammt man als die Ursache alles Übels. Sogar unsere Religion wirdvon vielen als eine Art Zauberei angesehen, und die Bibel nennen sie einen Fetisch oderjembe, d. h. Götzen. So fluten die Wogen auf und nieder. Aber immer noch leuchtet hell der Morgenstern, das Zeichen des Evangeliums des Friedens. Je heftiger eine Zeitlang die Gegenwehr ist, desto schneller wird sie ihre Kraft verbrauchen, und dann triumphiert die Wahrheit. Unsere Feinde sind zahlreich, und außer denen, die wir hier vorfanden, die Araber, sind noch die Katholiken in unser Feld eingedrungen und machen uns jeden Zoll streitig.«
In seinen Reisebriefen hören wir Mackay oft über die arabischen Sklavenhändler klagen. Mit flammenden Worten haben vor ihm Livingstone und Stanley schon die zivilisierte Welt auf das schreckliche Treiben der mohammedanischen Menschenhändler aufmerksam gemacht. Mackay nennt sie die »getünchten Gräber«, welche alle Gebetsvorschriften ihres falschen Glaubens genau erfüllen und sich durch den Sklavenhandeltäglich der grauenhaftesten Schandtaten schuldig machen. Ihre Sklaven schickten sie auf Plünderung aus, um Weiber und Kinder als Beute zurückzubringen. Ihre Pfade seien Wege der Hölle.
Als Mackay nach Uganda an den Hof kam, waren die Halbblutaraber schon lange als Händler im Lande seßhaft. Für ihre Waren tauschten sie aber nur Sklaven ein. Einige hatten beständig am Hofe Zutritt. Mtesa galt eine Zeitlang auch als Anhänger Mohammeds. Er war es aber in Wirklichkeit ebensowenig, als er später ein überzeugter Christ war. Eines Tages bot ein arabischer Händler am Hofe Flinten und Zeug an, wofür er »nur« Sklaven haben wollte: für ein Stück rotes Zeug einen, für eine Muskete zwei männliche Sklaven, für hundert Zündhütchen eine Sklavin. Mackay trat sofort gegen ihn auf und wies den König auf die Dekrete des Sultans von Sansibar gegen den Menschenhandel und auf die Greuel hin, welche mit diesem Handel verbunden sind. Dann gab er eine Lektion über Physiologie und fragte, warum solch ein Organismus wie der menschliche Leib, den keines Menschen Hand zu bilden vermöge, für ein Stück Zeug, das jeder an einem Tage herstellen könne, verkauft werden solle. Das Ergebnis war nicht nur die Ablehnung des Angebots des Arabers, sondern auch eine königliche Verordnung, nach welcher bei Todesstrafe in Uganda niemand einen Sklaven verkaufen dürfe.
Dies Gebot war praktisch damals gar nicht durchführbar, wie Mtesa später selbst zugab, da der Sklavenhandelfast der einzige Handel Afrikas war. In Uganda selbst wurden jährlich etwa zweitausend Sklaven von den Arabern gekauft und zur Küste gebracht. Die Araber wurden jetzt zu heftigen Gegnern der Mission, nicht aus religiösen Gründen, sondern weil sie den Markt in Uganda nicht mit den Weißen teilen und im Sklavenhandel ungestört bleiben wollten. Mackay sollte bald erfahren, daß er in ihnen am Hofe grimmige und listige Gegner hatte. Mehr als einmal brachten sie durch Verdächtigungen aller Art sein Werk und Leben in die größte Gefahr.
Einmal hinterbrachten sie dem König eine schreckliche Lüge über das Vorleben Mackays. Er sei ein landflüchtiger Verbrecher, habe zweier Morde wegen sein Vaterland verlassen müssen und dann das Schiff, auf dem er floh, in die größte Gefahr gebracht; der Kapitän hätte ihn in Sansibar ans Land gesetzt. Aber auch auf dieser Insel wäre seines Bleibens nicht gewesen. Nachdem er wieder einen Doppelmord auf dem Gewissen gehabt, sei er nach Uganda gekommen. Einem Sklaven, der das alles wisse, hätte er hohes Schweigegeld geboten. Ein andermal erzählten sie am Hofe, die Königin von England hätte Mtesa eine Spieldose, tausend Flinten und viel Zeug gesandt, aber die Missionare hätten alles unterschlagen. In der Spieldose seien übrigens lauter lebendige Teufel; wenn Mackay pfeife, fingen sie an zu spielen; wenn er ihnen »Halt!« zuriefe, würden sie still.
Als Mackay am Missionshaus baute, raunten siedem König und seinen Räten ins Ohr, das sollte eine Festung werden und das sei der Anfang zur Eroberung des Landes. Fünfzig Sklaven wären schon einexerziert, und andere Soldaten kämen von der Küste. Das politische Motiv spielten sie übrigens in allen Tonarten, um Mißtrauen gegen die Fremden und besonders gegen die Missionare zu säen. Diese seien nur politische Spione und Agenten. Nach ihnen kämen die Engländer, um das Land »aufzuessen«. Im Gottesdienst am Hofe erschwerten sie die Lehrtätigkeit durch lästige Zwischenbemerkungen, z. B.: die Weißen seien Bilderanbeter, hätten eine falsche Religion, äßen Schweinefleisch, hielten Hunde und seien schlecht, am schlechtesten aber wären die Engländer. Solange Mackay in Uganda war, kämpften sie mit allen Mitteln gegen ihn, und als er endlich die Hauptstadt verließ, wozu sie viel beigetragen hatten, frohlockten sie, freilich zu früh, denn ihre Zeit ging damals zu Ende und die des Christentums begann erst recht.
Neben den Muselmännern stellten sich aber noch andere Gegner ein, denen Mackay zu begegnen hatte und zu begegnen wußte.
Am 23. Februar 1879, einem Sonntag, gingen die Missionare nach ihrer Gewohnheit an den Hof, um zu predigen. Aber dort war große Aufregung, und niemand kam zum Gottesdienst. Es sollten zwei Weiße als Gäste des Königs angekommen sein. Die Missionare hatten keine Ahnung, wer das sein könnte. Es waren jesuitische Gegenmissionare, französische Untertanenvon den Vätern des Kardinals Lavigerin aus Algier. Vergebens erinnerte sie Mackay an ein altes Abkommen, daß man Mohammedanern und Heiden nicht das bedauerliche Schauspiel einer in sich gespaltenen Religion bieten, sondern auf getrennten Feldern arbeiten wolle. Die Priester erklärten, sie seien an jenes Abkommen von Bagamoyo nicht gebunden, da sie einem anderen Orden angehörten.
Dem König, dem die Franzosen sehr wertvolle und sorgfältig ausgewählte Geschenke machten, war es ganz willkommen, wenn er die beiden Missionen gegeneinander ausspielen und aus beiden Vorteile ziehen konnte, ohne sich für das eine oder für das andere entscheiden zu müssen.
Bald kam es zu häßlichen Auftritten am Hofe. An einem Sonntag hielt Mackay Gottesdienst. Lourdel und sein Genosse, den Mackay noch nicht kannte, waren auch zugegen. Die Grüße des Engländers erwiderten sie kaum. Der Gottesdienst begann. Mackay schlug sein »Prayerbook« auf, und alle knieten nieder zum Gebet. Nur die römischen Priester blieben sitzen und schwatzten dabei. Mtesa stellte sie darüber zur Rede und fragte, ob sie nicht an Christum glaubten und Ihn anbeteten. Lourdel erging sich nun in den beleidigendsten Ausdrücken, nannte Mackay einen Lügner und die Bibel ein Lügenbuch. Mackay seufzte innerlich um Gnade, sich jetzt recht verhalten zu können. Der Herr stand ihm bei, so daß er in aller Ruhe und Klarheit erzählen konnte, was die Protestanten vonRom trennt. Die Römischen hätten den Papst als Oberhaupt, die Evangelischen hätten die Bibel als einzige Autorität und verehrten keinen anderen Herrn als Jesum Christum. Um die Gemüter zu beruhigen, setzte er hinzu, in vielen Dingen stimmten beide Konfessionen überein. Der aufgeregte Priester wollte aber nichts vom Frieden wissen und wiederholte seine Schmähungen. Niemals hörte Mackay so oft das Wortmuongo(Lügner) auf sich anwenden als von jenem römischen Pater. Die Verwirrung unter den Zuhörern war schließlich so groß, daß Mtesa erklärte: »Die Araber lehrten mich, an einen Gott zu glauben, Mackay sagte mir von zweien (Gott und Christus), und die Franzosen haben gar drei (Gott, Jesus und Maria); nun glaube ich keinem mehr. Jeder weiße Mann hat ja eine andere Religion.«
Vierzehn Tage nach den Jesuiten traf ein Brief des englischen Generalkonsuls in Sansibar ein, in dem u. a. stand, die englischen Missionare hätten nichts mit der Politik zu tun; sie seien aus eigenen Antrieb gekommen und nicht direkt von der Königin gesandt. Dadurch sollte bei Mtesa der Verdacht zerstreut werden, daß die Missionare politische Agenten seien. Mtesa befahl den Arabern, den Brief zu übersetzen. In ihrem Hasse gegen die Christen übersetzten sie nun falsch und lasen, daß »kein Engländer in Uganda von der englischen Königin komme oder Briefe von der englischen Regierung habe«. Nun hatten aber wenige Wochen vorher drei Missionare, die zu Mackays Unterstützungkamen, ein Schreiben vom Premierminister im Namen der Königin überreicht.
Es gab einen neuen, schrecklichen Auftritt. Mtesa nannte Mackay und seine Mitarbeiter Betrüger und erklärte den Brief von England als eine Fälschung. Die Einsicht in den Brief des Konsuls wurde ihnen vorenthalten. Sie mußten alles über sich ergehen lassen und stellten es Gott anheim, der da recht richtet und den Wahrhaftigen hilft. Da sie trotzdem noch geduldet wurden, fuhren sie desto eifriger in der Ausbreitung der Wahrheit fort.
»Es scheint mir,« schreibt Mackay, »daß Gott das Eindringen der falschen Lehren zugelassen hat, damit wir die Wahrheit um so eifriger verbreiten. O, daß wir die kurze uns zur Verfügung stehende Zeit mehr zur Verherrlichung Gottes gebrauchen könnten und wollten! Wir taten, was wir konnten, zu verhindern, daß Unkraut unter den Weizen gesät würde, als die ersten Papisten im Anzuge waren, und nun werden sie sich neben uns festsetzen. – Wir müssen alle Kraft daransetzen, dem Volke die Heilige Schrift in ihrer eigenen Sprache zu geben und sie lehren, dieselbe zu lesen und zu glauben.«
Darin sah Mackay mit Recht die beste Waffe und das beste Abwehrmittel gegen alle Feinde, auch gegen die katholische Propaganda. Bald nach seiner Ankunft in Uganda begann er eine beträchtliche Anzahl Lesetafeln herzustellen. Er verfertigte große Lettern aus hartem Holz und druckte mit Hilfe seiner kleinen PresseBuchstaben, Silben, Wörter und auch ganze Sätze auf zugerichtete Tafeln. Die Fibeln gab er den herzuströmenden Lernbegierigen und unterrichtete sie dann in der Lesekunst. Den Fortgeschrittenen händigte er gedruckte Bibelsprüche ein und unterwies sie zugleich in den geoffenbarten Wahrheiten.
Das größte Verdienst erwarb sich Mackay aber durch seine Übersetzungsarbeiten. Seine Mitarbeiter wechselten oft, zu oft, um mit der Landessprache völlig vertraut zu werden und zuverlässige sprachliche Arbeiten anfertigen zu können. Mackay dagegen war neun Jahre ununterbrochen am Orte und stand nach seiner Verdrängung noch zweieinhalb Jahre im regen Verkehr mit den Waganda, deren Sprache er wie seine eigene kannte. Im Januar 1880 begann er mit der Übersetzung des Evangeliums Matthäi mit dem Gebete: »Möge der Heilige Geist, der das Wort zuerst eingab, mir Herz und Hand zu dieser Arbeit reinigen und dieselbe heiligen zur Ehre meines hochgelobten Herrn und Meisters Jesus Christus!« In diesem Geiste und der ihm eigenen Sorgfalt und Gründlichkeit übersetzte er im Laufe der Jahre nicht nur das Matthäus-, Lukas- und Johannesevangelium, sondern auch ausgewählte Psalmen, Gebete und Lieder in die Landessprache. Dann druckte er sie auch und band die Bücher, wobei ihm seine Mitarbeiter fleißig Handreichung taten. Außerdem wurde auch das Suahelitestament in Uganda sehr verbreitet, besonders im Anfang, weil viele dieser Sprache mächtig waren.
Das Übersetzte wurde wiederholt unter dem Beistand seiner Mitarbeiter und geförderter Wagandachristen revidiert und korrigiert. Mit ihnen saß er auch in der schweren Verfolgungszeit nach Mtesas Tode (1884) manchen Tag und manche Nacht über dem heiligen Texte. Die meisten Exemplare wurden verkauft, nicht verschenkt, und gingen so rasch ab, daß immer neue Auflagen gedruckt werden mußten. Das bereitete Mackay neben der Freude auch manche Not, da die Mittel und Hilfsmittel so dürftig waren, wie sie nur sein konnten.
Das Wort Gottes wurde unter dem Volke ein Same der Wiedergeburt und die tägliche Seelenspeise der Bekehrten. Stanley, der 1889 in der Nähe Ugandas war, beobachtete mit Staunen die christlichen Flüchtlinge aus Uganda – es war gerade zur Zeit der Verfolgung –, wie »fast jeder von ihnen ein Buch hatte, Gebete und das Evangelium Matthäi, wie sie in ihren Hütten sich auf den Boden legten, ihre Bücher hervorzogen und darin lasen« und ihm erzählten, sie seien alle – etwa 2500 – Mackays Schüler und gehörten zu Mackays Mission; jeder hätte persönlich das Buch von ihm empfangen.
So kämpfte der Held von Uganda mit dem Schwert des Geistes unermüdlich gegen die furchtbare Macht der Finsternis im dunkelsten Afrika. Zur Bekämpfung des abscheulichen Sklavenhandels hat er in seinen Briefen an Londoner Zeitungen viel Anregung und wertvolle Winke gegeben. Er klagt darin besonders überden Freihandel, durch den es den Arabern gestattet war, sich und ihre Helfershelfer mit Pulver und Gewehren zur Menschenjagd auszurüsten. Ohne diese Mordwaffen könnten weder die Araber noch die Eingeborenen die Sklavenjagd betreiben. Die uneingeschränkte Einführung von Mordwaffen in Afrika sei die reine Wahnsinnspolitik. »Die englischen Schiffe, welche Missionare und Bibeln zur Bekehrung Afrikas hierherführen, bringen in weit größerer Anzahl Gewehre mit, die diesen Weltteil in eine Hölle verwandeln. Immer wieder haben mir die Waganda gestanden, daß ihnen nur die Gewehre ihre Raubzüge in die Nachbargebiete möglich machten. Die schwarzen Könige würden sich bald vertragen, wenn ihre Pulverkammern leer wären.«