Neunzehntes Capitel.

Dichwiedersehen . . . wieder dichsehennurIm Thale wandeln, auf Bergen steh’n,Nachts auf dem Vollmond, von der SonneNieder mir lächeln — da kniet’ ich beten!

Dichwiedersehen . . . wieder dichsehennur

Im Thale wandeln, auf Bergen steh’n,

Nachts auf dem Vollmond, von der Sonne

Nieder mir lächeln — da kniet’ ich beten!

Dich wiederfinden, leuchtend im Sternensaal,Dich an die Brust mir drücken—da stürb’ ich gleich!Und was im Himmel nie geschaut ward:Engel bewundern da einen Todten!

Dich wiederfinden, leuchtend im Sternensaal,

Dich an die Brust mir drücken—da stürb’ ich gleich!

Und was im Himmel nie geschaut ward:

Engel bewundern da einen Todten!

Das junge Weib neigte sich vor, als würde sie zu Boden stürzen; er ergriff, er umschlang sie, drückte, sie fest an die Brust, und rief nur: Mein Weib! Meine Gabriele! O, darfst du kommen — und kommst zu deinem armen Freund!

Irmengard war so geistermäßig verwandelt, daß er eher sein erstandenes Weib in ihr sah, als die Mutter ihre Tochter. Den glücklichen Raimund hatte, statt des plötzlichen Todes, nur ein plötzlicher Schlaf befallen, und sie trugen ihn in den Großvaterstuhl, worin er wie im Himmel saß. Irmengard aber war ohnmächtig, und sie mußten ihr Luft machen um die Brust, wobei der Doctor einen Schreck vor Vater und Mutter verbarg.

*                    **

Am Morgen ließ sich Raimund erkundigen, ob seine Gabriele noch da sei, wirklich, oder ob er geträumt? Van Graveland besuchte bei Gaiette mit der Mutter und dem Arzt seinearme Tochter, die ihnen auf eine Pergamenttafel schrieb, daß sie schonseit einer gewissen Zeitsprachlos sei. Der Doctor sagte dem Maler etwas ins Ohr — der Vater erröthete über und über und fragte dann heilig erzürnt, doch im heiligsten Ernste gelassen, die unglückliche Tochter: Wo hast du dein Kind?

Darüber faltete sie die Hände, brach in Thränen aus und schrieb auf die Tafel: Vor Angst und Jammer, und Lieb’ und Leid, und Scham und Schande — an meiner Brustnur erdrückt, es liegt in mein Brusttuch gewindelt in der hohlen Eiche im Dorfe, wo der alte blinde Mann wohnt, der mich aufgenommen, als ich nicht weiter konnte!

Der Vater las das, die Mutter las es und sie versteinerten.

*                    **

Irmengard saß des Tags über still, gewöhnlich die gefalteten Hände im Schoos, ineinfachen, weißen, ihr hingelegten Kleidern, gepflegt von Gaiette. Raimund besuchte sie schüchtern alle Morgen, und hatte im Stillen seine Freude an der Stillen. Der Mutter hatte sie auf ihre Fragen geschrieben: sie wäre mit Nikolas gleich aus dem Elend in Genua auf ein Schiffchen im Hafen geflohen, und sie hätten nach Ostia gewollt, um sich in Rom ihr Vergehen vergeben zu lassen; aber Stürme hätten sie wieder zurück ans Land gedrückt. Darauf wären sie Beide einsam zurückgekehrt; aber nicht eben weit von hier habe eine rachsüchtige Gemeinde sie ausgehöhnt und ihn eingesperrt. Da sitz’ er wol noch.

Sie lächelte nur vor sich hin, daß man sie wegen des todten Kindes einkerkern, ja richten könne . . . nur die vielen unglücklichen verwaisten Aeltern begehrten ein sichtbares Opfer. Sie sei von dem Nikolas wie bezaubert gewesen . . . von seiner Gewalt, von seinem Ansehen wieeines Heiligen, daß ihn das ganze Land und die Priester selbst in den Kirchen geehrt. Sie wollte nicht fliehen, und Raimund begriff nicht, wie man seinerGabrieleein Haar krümmen würde, oder . . . könne; obwol ihm Don Ramon vorstellte: wie rheinauf, rheinab und im ganzen deutschen Lande viel, viel Hexen verbrannt worden . . . und würden,und ein von den Todten wiedergekommenes Weibwäre ihnen noch viel, viel abscheulicher und verdammlicher, weil es nur durch Teufels Macht und Willen heraufgefahren sein könnte. Ja, noch nicht zu lange her haben die nachtwachenden betenden Priester einen im Sarge erwachten, sich aufrichtenden wimmernden Papst mit Fauststößen vor die Brust wieder zurückgedrängt in das Todtenreich, und vor Angst und Schrecken dazu gebrüllt:Was willst du wieder unter den Lebendigen.23)

Das sagte er ihm nur; denn das Volk wußte von seinem ihn seligmachenden Glauben nichts. Ja, ihre Mutter und ihr Vater hatten nichts dagegen, ihm die bewiesenermaßen verheirathbare Tochter zum Weibe zu geben, um da wo in der Fremde in aller Stille und Ehrbarkeit zu leben. Und van Graveland erzählte der Mutter und dem Arzt zum Beispiel und Vorbild die kleine Geschichte: Einem niederländischen berühmten Maler stirbt seine Frau, Margarethe geheißen. Er lebt zwar, aber er geht nur noch so verloren in Gram und Träumen auf der Welt. Da erblickt er eine Jungfrau, die seinem gestorbenen Weibe an Gestalt und Stimme und ganzem holden Wesen so ähnlich ist, wie es sich selten trifft, daß Zwei etwa im Abenddämmer, ja in vergoldendem Sonnenglanz sich ähnlich sehen. — Und ein Liebender ist immer wie geblendet von seinem eigenen Lichte. — Seine Liebe ergreift sie. Sie liebt denvon ihr begeistertenMann. Sie wird sein Weib. Er sagt ihr Tag und Nacht, daß er seine seligeMargarethewieder habe durch Gnade des Himmels. Und in Wahrheit haben alle Weiber sehr viel allgemein Aehnliches, allen Zukommendes. Des streng Unterscheidenden einer Einzigen ist wenig, des ganz Ausschließlichen nichts; nicht einmal ein Buckel, ja zwei.Margarethenennt er sie; so kleidet er sie. Sie trägt von jener den Schmuck. Sie schläft in demselben Bett . . . und die gute, bezauberte, willige Seele ist mit äußerster Hingebung seine Margarethe — da sie auch, ihren Namen gewohnt, so hieß —, sie ist’s bis zur Herzens- und Verstandesverwirrung. Und so haben die Beiden ein noch nicht oder selten so dagewesenes, heiteres, stilles, ja seliges Leben gelebt. Denn welcher Mann würde seinem noch ein mal vom Tode erstandenen Weibe nicht freudig alles Erdenkliche zu Liebe thun! — Sokannes, sowirdes hier werdenund sein. Irmengard wird den Hirtenknaben vergessen, als nur eine Gestalt aus dem jetzt verlachten Kreuztraum. Denn höre mich, Doctor. Wenn ich heimgekehrte Kinder frage: Wo habt ihr denn eigentlich hingewollt? Was habt ihr gedacht, ihr Rasenden? Was hat euch wie Mehlthau befallen, die ihr Väter und Mütter in hundert Städten und tausend Weilern und Dörfern unglücklich gemacht? — Da stehen die Kinder, oder sitzen wie aus den Wolken gefallene große Frösche, wie aufgewachte Nachtwandler, plötzlich nüchtern, dumm und dottend da, kratzen sich hinter den Ohren und sprechen: Wirwissen es nicht!wenn Ihr es nicht wißt. — Und der Doctor sagte: Das war die Krankheit! und die hat sich gebrochen! und kommt nicht wieder, wie Nichts in der Welt so jemals wiederkommt.

*                    **

Als aber Irmengard, der Meinung des Volks zum Opfer, bei Nacht in denselben Kerker geführt worden, worin ihre Schwester gesessen, und ihre Enthauptung abzusehen war, zu welchem Urtheil ein kleines herbeigebrachtes Kästchen den Ausschlag gegeben, und keiner Erklärung, keines Geständnisses weiter zu bedürfen schien; da begab sich ihr Vater, wie schon oft, der Doctor und selbst der unglückliche Raimund in den Palast zu ihrem Freunde, den weisen Narren Jost, um einen letzten Rath zu halten, Raimund lachte im Bauche recht innerlich, daßihmdoch Niemanddie wahre Naturseiner „wiedergekommenen Frau“ beweisen könne, undihrgar nicht — und sie könne ja wol aus den Erdennarrenspossen von dem Block weg wieder verschwinden. Aber er wollte sie doch lieber behalten, sie retten, als einmal so glücklich, sie wieder zu haben! — Und so war das Ende des Raths, daß der kundige Jost seinem erst jetztrecht theuern Jugendfreunde eine Schrift auf Pergament gab, die er fleißig und gründlich einsehen und sich tapfer zunutze machen sollte! Es waren die schwerenPflichtenund großenRechteeines hochbetrauten Scharfrichters, nach altem Gebrauch und unbestrittener Geltung. — Einen Cardinal haben wir hier nicht zum Begegnen, sagte ihm Jost bei der Aushändigung; denn welchem zum Tode geführten armen Sünder, generis masculini oder feminini, ein solcher Rothmantel begegnet — was zu Zeiten theuer bezahlt wird, soll oder muß — Den oder Diese hat er das Recht zu begnadigen. Ein Paragraph in der Urkunde aber war vor allen mit einer eingebrochenen Ecke des Blatts bezeichnet. Und der, wie meist alle Halb- oder Ganzwahnsinnigen, höchst schlaue Raimund — dem überdies sein voriger großer Verstand auch noch im Unverstande zustatten kam — begriff sogleichseine Stellung, als eine solche hohe Personselbst, in die ihn seine Güte für einen armen Vetter gebracht. Und der alte Elias war aus Gram über seinen Enkel Nikolas — wie man ihm berichtete — „auf einmal“ gestorben. Und Raimund sprach vor Freuden darüber im Leibe vergnügt dazu:Auf ein mal!Das gönn’ ich dem armen braven Scharfrichter von Herzen! Denn wäre er aufein paar malgestorben, so wochenweise, stückweise — da sollte er mir leid gethan haben. So auf ein mal sterben, ganz und ganz und gar, ist noch die vernünftigste Art! Sonst taugte es gar nichts!

An dem endlich angebrochenen Ehrentage der öffentlichen Gerechtigkeit, gerade ein Jahr nach dem Kinderauszuge, schien eine helle freundliche Sonne über das liebe, schöne, fruchtbare, lustige Rheinland, und die Lerchen sangen wieder in der blendenden Bläue des Himmels unsichtbar verborgen, fröhlich über den auf dem Hügel bereitstehenden Block und den Pfahl mit dem Rade.

Die dem Himmel in sonderbarer Erdensündertracht Heimzusendende stand von tröstenden Geistlichen umgeben schon dabei. Eine immer, selbst bei jeder Feuersbrunst, jedem Deichbruchschaulustige Menge, diesmal vielmehr Männer, Jünglinge und heimgekehrte Kreuzfahrtknaben, als Weiber und Jungfrauen, harrten gleichsam, ihre Herzogin „abthun“ zu sehen. Selbst der gute Erzbischof hielt in seinem Galawagen, seinen Beichtvater neben sich, galonnirte Diener hinter sich, und seinen allbeliebten und sogar seinen Herrn in der Noth schützenden Jost in der Staatsnarrenkappe vorn auf dem hohen Bocke neben dem Kutscher, der seine vor fauler Zeit übermüthigen sechs Schimmelhengste kaum bändigen konnte. Und der Erzbischof war gekommen zur Unterdrückung aller Art Ausbruchs des Volks durch seine bloße Autorität; wie alle kleinen Vögel schweigen, und selbst die Katzen sich verkriechen, als gäb’ es gar keine, wenn ein Adler oben über allen schwebt, und selbst sein Schatten in den Gehöften unten macht, daß die Hühner gackern.

Da kam auf prachtvollem und prachtvoll gezäumtemhöllenschwarzen Rosse der Schauspieler des Tags, Don Raimund, in seiner edelmanngleichen Amtstracht dahergebraust, in schwarzem Sammetkleid, kostbarem, weißen brabanter Spitzenkoller, die goldene schwere Amtskette um den Hals, daran das Wappen der freien Reichs- und Hansestadt blitzte, ein Ritterbarett auf dem Kopfe, und wie eine finstere Wolke im Gesicht;vorihm — natürlich — ein Vorreiter; hinter ihm seine Diener; einer mit einem mannshohen blitzblanken Mauerschwert mit silbernem Griff, das er kaum aufrechthalten konnte; ein zweiter mit dem nagelneuen funkelnden Beil, und noch zwei niedern Dienern, genannt Knechten, zum Flechten auf das Rad, und mit dem Blutbesen — Alle in Masken, auch der Meister in der finstern Maske, als ob Menschen zu solchen Werken ihr Menschenangesicht nicht dürften leuchten lassen. Er stieg mit würdiger Haltung ab, verneigte sich gegen den Erzbischof, eigentlich gegen denNarren, seinen Freund, dann gegen das Volk, als für welches und in dessen Namen Alles geschehe; ließ sich das ungeheuere Schwert reichen; mit dem wandelte er drei mal um die Niedergekniete; ließ sie das Haupt auf den Block legen, dann kniete er nieder. Auf einmal sprang er begeistert auf, warf das Schwert von sich hoch in die Luft, sprang auf den Block, als auf seine Kanzel, und rief laut über das Volk die wie ein gewaltiger Bann schallenden Worte aus:

„Kraft meines uralten Rechts und unverkümmerten Gebrauchs schenke ich diesem Weibe das Leben, und dadurch,daß ich sie zu meinem Weibe nehme, und sie hiermit von diesem Augenblick an für meine wahre,leibliche und geistigeEhefrau erkläre, vor Gott und Menschen. So wahr mir Gott helfe, der es sieht, und die Menschen es dulden und loben müssen, die es sehen.“

Darauf erhob er sie von den Knien, hobsie zu sich auf und drückte die wie Todte an sein Herz und flüsterte ihr ein geheimes Wort zu, ließ ihr seinen schwarzen Sammetmantel umwerfen, behielt sie an der Hand, warf seine Maske ab, rief noch zum Volk als zu seinen Zeugen, daß er seine Richterei seinem Vetter schenke, nachdem er sein einziges erstes und letztes Werk verhoffe zu des christlichen Gottes Billigung und zur Freude selbst der christlichen Menschen vollbracht zu haben.

„Die Heirath vom Blocke weg“ war also die von Jost in das Pergamentblatt eingekniffene Rettung gewesen. Und noch hob der beglückte Bräutigam ein weißes, großes documentartiges Papier in die Höhe und erklärte dabei: das ist der priesterliche Consens zu meiner Heirath. Denn ein Dispens war gar nicht nöthig, da mein Weib keine Blutsverwandte von mir gewesen. Und so lade ich Alle, Alle, die meine Gäste sein zu wollen mich beehren, zu heuteMittag und Abend bis zum Morgensterne zu meiner Hochzeit gebührend ein, und bitte: ihr Kommen mir durch ein lautes „Ja! Ja!“, gewißlich nicht „Nein“ zu bekunden.

Da brach erst freilich ungeheuere Zustimmung vor Freuden auf einen gewiß furchtbaren Schmauß aus, wobeiMaskenallen Rang und Stand aufhoben. Und da die vom Tode, als sonderbarem Schwiegervater Erheirathete immer noch und noch mit gebücktem Haupte stand, riefen ihr Hunderte zu: Auf! auf! Nimm ihn, wenn du klug bist! Und merke wohl:du mußt! Denn kein Verurtheilter darf sich den Tod ertrotzen.Also fort! fort! Zu Bett, zu Bett!

So riefen die Gutschnabel. Andere Klugschnabel aber sagten sich leise: Das ist eine schlau abgekartete Sache! Sie haben um das Ding lange gewußt! Deswegen haben ihre Aeltern vor ihrer Trauung gebeichtet, sich von ihrem — jetzt als Braut dastehenden Fehltritt —absolviren lassen, und vor den Kirchthüren bei schrecklichem Regenwetter, wo Niemand in die Kirche geht, noch kniend gebückt und ihn noch dazu im Schleier abgebüßt — weil sonst „die junge Frau“ da eine Blutsverwandte von ihrem jungen Manne gewesen, was Gott nur nothgedrungen nur Adam’s Kindern und Enkeln hat durch die Finger sehen müssen, und zwischen Gottes Fingern ist eine breite Oeffnung zur Durchsicht.

Aber seht auch, sprachen andere scharfe Richter, seht, so gut auch sind die Weiber: sie geben erstdie Treueum ein Kindvom Geliebten, und dann gibt eine Mutter sogar ihre Ehreum das Kind!So etwas ist sogar im Paradiese nicht geschehen undwir Menschen fangen an viel besser zu werden. Doch wir werden die Welt und die Weiber nicht ändern; denn Sünde muß sein, wie wäre da sonst das süße Vergeben! — Jetzt heißt es für uns: Heida zur Hochzeit! Und denkt euch geschwind was aus! . . .und bring’ ihn ja Einer darauf, daß er uns läßt um Dukaten spielen! nämlich nur also:erlangt sie heraus und setzt sie — undwirwürfeln darum und stecken sie ein!

Raimund aber führte vom Tödten, also wie selbst vom Tode erlöst, seine Frau heim in die schon heimlich immer mit Pracht geschmückte Lindenburg, wo die Aeltern ihr Kind in die Arme schlossen —was er nicht recht begriff— anders als neue junge Frau Schwägerin — und wo Gaiette sich auch einen so reichen, braven, ja stattlich schönen Mann wünschte, und wenn er sogar auch glaube:sie sei Eva!Nur eins war ihr nicht recht, und sie verzog das Gesicht dabei und lachte nur spöttisch. Als Raimund dem Gebrauche gemäß mit seinem Weibe in die herzliebe Brautkammer geführt worden, da legte er in das breit aufgedeckte, zweispännige Bett das mannsgroße Schwert die Länge nach mitten hinein, zur ehernen heiligen Scheidewand zwischensich und ihr.24)— Gaiette bestaunte das und lispelte: IchUnschuldigewürde mir aber doch im Finstern einmal einen Kuß über die Grenze paschen, oder die Lippen des Mannes darüber paschen lassen, ihn ertappen und schwere Strafe bezahlen lassen!

Und selbst Don Ramon, der von Allen als reinen treuen Herzens der Gerührteste war, mußte lächeln, und schlug ihr mit Jostens Pritsche leicht auf den Mund, und einmal in Aufregung, faßte ihn das lose Mädchen und küßte ihn tüchtig ab zu allem Dank.

Bittere Erfahrungen und Hoffnungslosigkeit verleiden den Besten sogar auch die Heimat. Das trieb sie zur Auswanderung. Sie beschlossen in einem Familienrathe: den Palast in der Stadt und ihr Landgut mit schöner Burg und prächtigem Garten und See zu verkaufen und in die Fremde zu ziehen. Und da lockte die Mutter denn die Schweiz mit ihrer Tochter und den beiden lieben kleinen Enkeln. Gaietten lockte der junge Ritter Savern; die um ihre Einwilligung befragteIrmengard-Gabrieleschrieb ein großesJa! auf die Tafel und küßte sie. Die wiederbeginnenden grausamen Judenverfolgungen, selbst in Amsterdam und in ganz Holland und Brabant, ließen auch Don Ramon die Auswanderung aus dem scheinbar genug bestraften Land gar heilsam erscheinen. Denn es ist nirgend stiller als auf einem verlassenen Schlachtfelde. Selbst der Mohrenknabe freute sich — obgleich stark sich irrend, und Eisgletscherhauch und ewigen Schnee in der Luft nicht kennend — auf ein wärmeres Land. Nur der alte Hausmeister Hagebald war betrübt, und ging, um nichts mehr als wahr und vorhanden anzusehen, mit halbgeschlossenen Augen umher, oder sang in den leeren Sälen, ja unten in den Kellergewölben, wenn er nach Wein ging, herzbrechende Kranken- und Sterbelieder wie mit Geisterstimme, und er zerschlug vor Unmuth mit Willen die Flaschen in der Hand, wenn Gaiette zu ihm in den Kellerhals hinunterlachte, und nur den starkund prächtig hinaufduftenden Wein bedauerte und rief: ein treuer „Hund“ verläßt mit den Menschen das Haus; die Katze nur bleibt getreu bei den Mäusen. Dann sprach sie ihm Muth ein, streichelte ihm die Backen und wischte ihm die Thränen aus den Augen. Und er lachte wieder.

Sie meldeten ihr Kommen für immer an den Genfersee, damit die Ihren dort Alles ihnen schmuck, bequem, übergenüglich, reich und kurz allerliebst herrichteten. „Alles in der Welt — nur keine Ersparniß!“ Die besten Sachen, künstlichen Geräthe und Bilder gingen schon immer zu Rheinkähnen hinauf voraus bis Basel. Sonst Alles, Bewegliches und Unbewegliches, war, wieum es leichter zu vergessenund es gern in Anderer Besitz zu wissen, an„edle“ Häuserverkauft. Raimund’s Glaube an seine Gabriele bestand die Probe auch dadurch, daß er seiner Nichte . . . oder doch seiner Frau Schwägerin TochterIrmengard eine Todtenmesse stifteteund ein sehr großes Vermögen dazu vermachte — das durch Jostens Vermittelungfür die Zukunft verstandenund in der Gegenwart gnädig angenommen ward.

Das war wahnsinnig von ihm — aber Er war wahnsinnig.Und so war es sogarganz natürlich, und bei ihm und von ihm ganz gut.

Auch unterwegs trafen sie, als sie in Worms Ruhetage hielten und dabei auf das nächste Dorf hinausgingen, auf den zu einem schmucken jungen Hirten aufgeschossenen Hirtenknaben Nikolas, der auf einem Hügel saß und Schalmei blies für seine Heerde. Aber die Lieder befielen mit Wehmuth die Fremden, die den Hügel erstiegen — denn es waren seine Lieder, die er um die Lindenburg geblasen. Irmengard hatte sich schon ferner in den Schatten niedergesetzt.Raimund erkannte oben den versunkenen armen Herzog — blieb aber stumm, wie die rothgewordene Gaiette, die Frau Rath Irmentrud, ihr Mann, jetzt van Graveland, und Don Ramon. Dem Nikolas blieb auch der Athem in der Brust stocken; aber er mußte aufstehen. Raimund gab ihm eine Hand, bedauerte ihn, ließ sich sein kleines Beutelchen reichen, schenkte es ihm voll von Gold — und rieth ihm: ja in die Schweiz — in das Paradies der Hirten und Kühe, Ziegen und Schafe zu kommen, und ja ihn zu besuchen! Er begleitete sie den Hügel hinab in Schweigen. Irmengard stand von ihrem Felsstück auf, und auchseine Gabrielemußte dem Nikolas eine Hand geben, wobei sie aber zitternd und so zu sagen noch todtenblaß und starr dabei zur Erde sah. Dann ging er weinend wieder den Hügel hinauf und blies ihnen alte Lieder auf seiner Schalmei nach. Und Don Ramon sprach vor Allen laut: Er sieht aus wie aus einem Narrenhauseentsprungen, und Schalmei bläst er zum Gotterbarmen!

Das glaub’ ich! meinte Gaiette. Sein Hund heißt wieder Phylax! Aber das ist alles umsonst! Alte Zeiten stehen nicht auf!

Bei Nacht aus dem letzten Orte abgereist, kamen sie am prachtvollsten Tage in Genf an.Frederuneund ihrSalomonbrachten Jedes der Mutter ein kleines Engelchen als Enkelchen auf dem Arme an ihr Herz und jedes ihr einen Strauß Alpenveilchen.SavernbegrüßteGaietteals ihm auf der ägyptischen Reise liebgewordene Freundin so liebreich, daß sie mit dem Gesicht im Brusttuch sich freute. Um alle Schrecken zu ersparen, entdeckte Don Ramon sogleich ihren Wirthen die sonderbareEhe einer Todten mit einem Lebendigen— des vortrefflichen Raimund mit Irmengard, deren Sprachlosigkeit, also ihr Schweigen, das Verhältniß ungemein erleichterte. Das große, indas Bett zu legende Schwert war als ein Heiligthum mitgebracht und mußte sogleich an seinem Orte Wache liegen.

Unter den ausgetauschten Neuigkeiten erfuhr Don Ramon die ihm als Arzt hochwichtige Kunde von Savern, als den Schlüssel zu dem ganzen Kinderkreuzzuge, nämlich: Es sind zwei Geistliche, zwei Brüder nach Frankreich gekommen aus der Gefangenschaft des Assassinenfürsten, die er entlassen unter dem Gelöbniß: für ihren noch als Geisel zurückbehaltenenVatersechs schöne Frankenknaben zu bringen. Diese zwei Brüder haben, um Vendôme an der Loire zu Hause, nun zwölf Knaben an sich gelockt, sie beschenkt, ihnen das heilige Morgenland als das Paradies der Erde geschildert, ihnen große Versprechungen gethan, ihnen Offenbarungen, Schätze und Wunder vorgelogen, sie den Aeltern gestohlen, eingesperrt und nun siegeistlich exercirenlassen bis zum Verrücktwerden, durchBeten, Singen, Knien, Weinenauf Commando, Beichten, Nachtwachen, Teufelverwünschen und -Austreiben, bis sie durch das geistliche Exercitium vollständig gerast. Dann haben sie sechs dieser armen Seelen wie ohne Leiber dem Fürsten zum Lösegeld gebracht, der diese Wahnsinnigen nach Art der Morgenländer geradezu für Heilige gehalten. Die in Frankreich Gebliebenen sind aber ins Land entlaufen, die entsetzliche Krankheit in Haupt und Gliedern; haben die Hirtenknaben zuerst, und die Hirtenknaben dann die Dorfjugend damit angesteckt. So ist die Kinderwuth angegangen, wie „Seelenpocken“, bis sie als Kinderkreuzzug ausgebrochen und ihren rasenden und unseligen Verlauf genommen.25)

Der Doctor fiel ihm um den Hals und küßte ihm die Hände vor Dank, daß er als Arzt recht gesehen. Aber auch vor edler Menschenfreude,daß dem ganzen großen Wirrwarr nur dieKindesliebe zu Vater und Mutter, wenn auch in ihrer Entartung zugrunde gelegen.

Mehr brauchten sie von der Welt nicht zu wissen, als ja sich untereinander liebend. Sie verpaßten in Ruhe und Frieden den neuen Kreuzzug der 70,000 geharnischten Ritter, der wie der Zug der Kinder jämmerlich endete. Sie verpaßten die große fürchterlicheWeberschlachtder Wollenweber und Tuchscheerer gegen die Patricier, die sie aus Köln vertrieben, aber der Mittelstand in denweiternRath aufgenommen werden mußte. Sie verpaßten den neuen KampfAllergegen die Macht unddasHerrschen des neuen Erzbischofs; die Belagerung der Stadt, die Eroberung; die Verjagung und die Enthauptung der Herren vom Rathe; indeß sie selbst hier Alle doch mit dem Leben, dem größten Schatz, und mit allen ihren goldenen Schätzen davongekommen!

Sie vernahmen nur noch wie ein Märchen, daß der Kaiser Friedrich II. die christlichen Seeräuber und Kreuzkinderverkäufer, Hugo Ferreus und Wilhelm Porcus, sammt dem sicilischen Emir und dessen Söhnen, denen sie hatten den Kaiser ausliefern sollen — alle Fünf an einen fünffingerigen Galgen hatte hängen lassen. Ihr halb vergessenes, halb ausgeheiltes Uebel gab ihnen keine besondere Freudean der Vergeltung.

*                    **

So verging die Zeit. Der gute Don Raimund ward schwächer und träumerischer. Endlich lag er unrettbar auf seinem letzten Lager, als ein Opfer der Rettung der Tochter seines Bruders, die ihm die Wunde in den Nacken und den Wahnsinn zugezogen. Er ließ seine Gabriele an das Bett kommen, hielt sie an der Hand und dankte ihr, daß sie aus Liebeund Treue zu ihm den Himmel verlassen. Aber, sagte er: Ich kehre zu dir nicht zurück! sondern komme du lieber gleich mit, oder gesund mir nach —mir war es doch zu traurig— du erinnertest dennoch mich immer:daß du gestorben!und das war eine schlimme Zeit!Die vergiß ja lieber!

Sie beweinte den ihr wie heilig erschienenen Mann redlich und begrub ihn wie einen Seligen, der ihrer nicht mehr bedürfe.

Nach der Trauerzeit kam einst Nikolas mit seiner Schalmei in ihr Thal. Und ihr schlug das Herz von den Jugendklängen, die in ihre Liebe gefallen, die ihr damals nur Frömmigkeit und Glauben geschienen.SavernundGaiettegaben ihr ein reizendes Beispiel. Soll denn ein Unglücklicher, doch im Herzen Unschuldiger, gar kein Mensch mehr sein und werden dürfen? — Und aus Erinnerung wurden sie Mann und Weib, und das mannesgroßesilberblanke Schwert mit dem mächtigen Griffe verschwand aus dem mit weißen Lilien bekränzten Bett.

Er fand bei ihr einst, aus Raimund’s Nachlaß, das kleine Kästchen mit dem Kinde, das vormals mit gegen sie hatte zeugen müssen. Ameisen in der Eiche hatten das kleine Gerippe wie zärtlich und ganz unvergleichlich ab- und reingenagt.

Der Fund war sein Lohn!

Und als Irmengard darauf ein Kind geboren, und entzückt es vor sich in die Höhe gehalten, da war vor Erschütterung der Seeledie Spracheihr wieder in die Brust geschossen. Sie hatte laut geschrien — aber die Erinnerung hatte sie überwältigt undtodtzurückgestürzt.

Sie ward an ihresgeistigenMannes, des guten Raimund’s Seite begraben — und einst ihrleiblicherMann an ihrer Seite.

Das kleine neugeborene, wunderliebliche Kind ließ sich die alles vergeblich gewesene Jungfrau, Gattin und Witwe, die armeIsidore, nicht nehmen. Sie ward ihm Mutter, und es ward dafür ihr Trost und ihre Freude.Ihr Schönstes und Bestes müssen ja immer die Menschen sich träumen.

„Der Phantasie gehört der Mensch, das Kind!“

Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.

Anmerkungen zur TranskriptionFußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Als Referenz sind die Korrekturen am Originaltext hier aufgeführt (vorher/nachher):... Geistlichkeit überhaupt bei demgälubigen...... Geistlichkeit überhaupt bei demgläubigen...... und Knaben betrug, hat sichbisjetztdurch Aufnahme ...... und Knaben betrug, hat sichbis jetztdurch Aufnahme ...... von Raimund hatte ihn um Geld dazugegebeten, ...... von Raimund hatte ihn um Geld dazugebeten, ...

Anmerkungen zur Transkription

Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Als Referenz sind die Korrekturen am Originaltext hier aufgeführt (vorher/nachher):


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