The Project Gutenberg eBook ofDer Hirtenknabe Nikolas; oder, Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212

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This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Der Hirtenknabe Nikolas; oder, Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212Author: Leopold ScheferRelease date: July 4, 2012 [eBook #40138]Most recently updated: October 23, 2024Language: GermanCredits: Produced by Jens Sadowski

Title: Der Hirtenknabe Nikolas; oder, Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212

Author: Leopold Schefer

Author: Leopold Schefer

Release date: July 4, 2012 [eBook #40138]Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

Credits: Produced by Jens Sadowski

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HIRTENKNABE NIKOLAS; ODER, DER DEUTSCHE KINDERKREUZZUG IM JAHRE 1212 ***

Der Hirtenknabe Nikolas.

Motto:Der Phantasie gehört der Mensch; das Kind,Vom Ammenmärchen auf; und jeder ThorheitUnd jedes höchsten Opfers ist er fähig,Wenn er, entbrannt, durch seine Glut verbrennt.Denn wiederum gewährt die PhantasieDie Welt ihm! Alles Schönste ist ihr Traum,Werin der Phantasie lebt, lebt im Himmel;Wasaus der Phantasie fällt, das ist todt;Und stand des Nachts ein Engel da in Glanz —Am Tage ward er — eine hohle Weide,Und wird nie mehr ein Engel; eine HöhleAus Diamant im Traum geschaut, ist, draufVerschwunden, kaum noch eine Erdengrube.

Motto:

Der Phantasie gehört der Mensch; das Kind,

Vom Ammenmärchen auf; und jeder Thorheit

Und jedes höchsten Opfers ist er fähig,

Wenn er, entbrannt, durch seine Glut verbrennt.

Denn wiederum gewährt die Phantasie

Die Welt ihm! Alles Schönste ist ihr Traum,

Werin der Phantasie lebt, lebt im Himmel;

Wasaus der Phantasie fällt, das ist todt;

Und stand des Nachts ein Engel da in Glanz —

Am Tage ward er — eine hohle Weide,

Und wird nie mehr ein Engel; eine Höhle

Aus Diamant im Traum geschaut, ist, drauf

Verschwunden, kaum noch eine Erdengrube.

Nach den Chroniken erzähltvonLeopold Schefer.

Leipzig:F. A. Brockhaus.

1857.

Es ritten drei Reiter nach Köln, am linken Ufer des Rheins „zu Thal“. Das waren keine gemeinen Leute. Schon ihre Pferde waren nobel, schöne dauerhafte Limousins, und wenn auch deutlich angegriffen von einer langen Reise, doch lebhaft, ja heiter und vergnügt, als Franzosen. Der kräftige unverkennbare Deutsche auf dem Schimmel, im Mantel und Reise- und Wetterhut, nannte den sehr edel aussehenden Reiter auf dem Rappen, in spanischem Mantel und Barret — unverkennbar ein Jude — nur Doctor, wie er sich ihm genannt, und derDoctor nannte ihn wieder nur wie er sich ihm selber lächelnd genannt: „Herr Großhändler“, ob er gleich ein Patricierssohn aus Köln war, der zu seinem Bruder aus Frankreich nach Hause reiste, welcher Bruder also noch lebte, wenn es in diesen gefährlichen Zeiten noch wahr war. Der dritte Reiter auf einer Isabelle von neapolitanischem Gebäude schien ein junger fahrender Ritter in Waffen, der, seit er sich ihnen in Basel angeschlossen, nur wenige Worte gesprochen, weil ihn ein Schmerz in den schönen Zügen stand, die manchmal zu einer ersehnten Rache aufblitzten.

Der Reitknecht mit dem Packpferde mußte, um nichts von ihren Gesprächen zu hören, immer über dem Winde reiten — bei Nordwind voraus, bei Mittagswind hinterher.

Jetzt sprengte von Köln her ein schöner, sehr schöner junger Mann mit goldenen fliegenden Locken, in Putz, auf einem arabischen Pferdean ihnen in fröhlichem Sturme vorüber. Der Italiener hielt, so lang er ihn daherkommen sah, dann wandte er sein Pferd und jagte ihm nach, lange nach; aber er holte ihn nicht ein; er sah ihm mit Ingrimm nach, und kam dann verdrossen zurück zu den beiden Gefährten.

War er es nicht? frug ihn der Kölner ins Blaue.

O, er war es! erwiderte der Erhitzte. Ich weiß ihn da drinnen! Da wohnt er nun greifbar! Das war nur ein Spazierritt! Und wenn auch heute nicht . . . wenn auch das hundertste mal erst, gewiß, kommt ihm die Rache so gut wie dem Kaiser,1)der unser schönes Mailand verbrannt und „von der Erde weggetilgt“ —. So mag er glauben. Auch ein schöner Glaube!

Nichts Böses ohne Gutes! sprach der Handelsherr dazu; — ich will es vor den Thorender Stadt nur gestehen: ich bin ein geborener Kölner, und meine liebe, liebe schöne Vaterstadt bekommt aus Mailand nun die heiligen Drei Könige in ihren Schreinen oder Särgen; und Köln wird noch heiliger als es schon ist durch seine todten 11,000 Jungfrauen; es wird ein zweites Neu-Rom, wie es einst schon ein altes heidnisches Neu-Rom war, was es gar sehr der lieben Agrippina zu danken; und wie der Vesuv im heißen Unteritalien mit dem Hekla droben im kalten Norden unterirdisch geheim zusammenhängt, und beide als ein Paar Brüder abwechselnd reden und sich antworten mit Donner und Blitz und das Land umher segnen mit heiliger Wärme und Fruchtbarkeit, so die beiden theuern Städte, die auch ihre Würde erkennen und ihren Werth für sich und im Lande zu schätzen wissen, meine ich.

Das Ding von dem unterirdischen und überirdischen Feuer ist wirklich wahr und sichtbar,sprach der spanische Jude, der Doctor. Als ich aus Cordova ausritt nach meiner lieben Vaterstadt Amsterdam, da stand die Gerste schon hoch; ja man konnte schon die ersten kleinen grünen Feigen zur Noth essen, und die immer gelüsternen Weiber aßen schon als Leckerbissen die grünen rauchen Mandeln, wo Kern und Schale noch eins sind; in der Provence blühten die Rosen und Lilien; der Oelbaum strotzte von Blüten, umschwärmt von Bienen; in Avignon gab es schon Melonen im Felde; der Mont-Ventoux stand wie eine grüne Pyramide in der blauen Luft — wie ein begrabener Riese, nur droben eine weiße Kappe von Schnee auf; die Rhone hinauf verloren sich aber allmälig die Wunder der südlichen Kraft, bis man vor den Eisbergen der Schweiz, der unüberwindlichen Burg der Freiheit, erstarrte. Aber den Rhein hinab zog uns der Frühling nach, als lichte prächtige Wolken droben, verleiblicht als wildeGänse und Enten und Staare und Lerchen, und drunten als smaragdene Saaten auf dem Acker und Gras auf den Fluren und Blumen im Grase, angrünende Bäume und vollschwellende Knospen mit schon weißen Spitzen der Blüten. Das Alles ist mir und uns Juden allen nur ein fremdes Land, eine verfluchte Fremde, in die wirhinausgestoßen sind in immer längere Verbannung — aber ich weiß nicht: mich rührt doch die Erde und der Himmel droben, und wir sind dennochgleichsamnoch Menschen mit Augen und Ohren und Menschenherzen mit Liebe für ein schönes gutes Weib und junges liebes Kind, und der alte Gott lebt noch, uns noch, und wird uns leben, solange die Erde bleibt und der Himmel bleibt — und gewiß noch drei Tage länger, wenn nicht viere!

So schloß er fast lachend — aber wischte sich die Thränen aus den großen schwarzenAugen und von den gesunden gebräunten Backen und strich sich den Bart; und die Gefährten hielten ihre Pferde und sahen sich den schönen kräftigen, verständigen Mann an, als sei er ein Erdwunder oder eine Art vierter heiliger Drei König, der hier in der Irre ritt.

Sie waren jetzt aus dem Walde, der sich nun nach rechts am Ufer des Rheins hinzog und vorn die Stadt noch verdeckte; aber links that sich ihnen das grüne abendsonnige Gefild mit Dörfern und Schlössern und spiegelnden kleinen Seen auf. Die Sonnenscheibe, vom Himmel gesunken, berührte und küßte wie ein silbernes Menschenhaupt die Erde — das Zeichen für alle Schulmeisterjungen auf den Dörfern zum Abendgeläut; und der ursprünglich chinesische Wohllaut aus den hin und her gebaumelten Glocken floß von den Thürmen hier so gut wie dort rings im Gefilde, verschmolz sich in der Luft und goß zauberischen Frieden über die Menschen,die, in der ewigen Weltwehmuth und Erdtrauer befangen, den Tag zu Grabe läuteten, als sei da wieder eine Blüte vom unsichtbaren Baume des Himmels gefallen. Das war ein Friedenvolles für die Ohren. Aber da war auch ein Wunderbares für die Augen, ein Rührendes für die Herzen zu sehen — eine leisschleichende bunte Schnecke; nicht nur wie ein langer schimmernder Heerwurm, sondern wie der gefildgroße Schild einer bunten mehr als riesengroßen Landschildkröte; und die Schildkröteweinte— siesang— sieklagte— siebetetemit tausend Kinderstimmen, zu Einer bangen Kinderstimme verschmolzen, zu Gott — und aus dem Schilde ragten Kreuzlein auf Stangen, und wehten und wedelten Fahnen im Winde. Der Anblick war unbeschreiblich, die Stimme umfaßlich.

Und der jüdische Doctor sprach tief gerührt: O Herr, ist denn auch hier dieKrankheitausgebrochen? Dergleichen ist doch kaum in derZeit gewesen, da das Alte Testament neu gewesen! und hier ist sie nun in Deutschland aus Frankreich eingeschleppt! Es sollte eine Mauer zwischen beiden Reichen sein, mit nur einer kleinen Thür, zu der man nur die Gesunden an Leib und Geist hereinließe. Aber die Luft! die Luft! Das liegt in der Luft! und in den aufschlagenden Dünsten, die sich bei jedem Fußtritt jedes Menschen aus der Erde in ihn entladen! Wir sind nicht Menschen so so, und nicht verrückt oder klug ohne Grund und Boden! Aber ich muß doch sehen: die Augen! die Zunge! den Puls muß ich fühlen, und ob die Herren Jungen, die da Fahnen und Kreuze tragen, und Kreuze hinten auf dem Rücken, ob sie dicke Bäuche haben, harte?

Er bat um kleine Geduld, stieg vom Pferde, gab es dem Reitknecht zu halten und ging brennend vor wissenschaftlicher Begier, wie zu der ganzen Menschheit Nutzen und Heil ereifert —aber vorsichtig nur langsam unter den nächsten Zug der singenden und weinenden Knaben und Mädchen die sich hier zu Tausenden zum Kreuzzug nach Jerusalem einübten und vorbereiteten, wie die Schwalben im Herbst zum Fortzug über das Meer und die Lande mit ihren Jungen auf dem Anger im großen Kreise sich üben; dann wieder ruhen und zwitschern; dann sich wieder erheben und schwirren, nicht nur wie ohne Führer, sondern wirklich ohne Führer; dann nicht nur sie, die Schwalben, sondern auch die Heerden Kraniche, Störche und wilden Gänse und schnatternden Enten. Diese „Jungen“ aber hatten Führer, fast lauter Hirtenknaben, die ihre Schafe mit Wolle im Stiche gelassen.

Näher gekommen verstand er auch die Worte, die sie sangen, gerade nur die Uebersetzung derselben, wie er von den französischen Kindern gehört:

Herr, gib uns das wahre Kreuz zurück!Und nebenbei all’ all’ alles Glück,

Herr, gib uns das wahre Kreuz zurück!

Und nebenbei all’ all’ alles Glück,

Die Ansteckung schien ihm richtig. Sich an die ebenso unwissenden jungen Herren Führer, meist Hirtenknaben, zu wenden, schien ihm überflüssig. „Alle sind wie Einer und Einer wie Alle“, sah er. Er beschenkte einige von ihnen nach und nach in der Reihe des Zugs, besonders die kleinern, mit Stücken erst neuerfundenen Krystallzuckers; er lobte sie; beklopfte sie an den ihm gewünschten Orten mit der Hand; er sang den Vers ein Weilchen mit ihnen, ja er weinte wirklich nüchterne gesunde Thränen mit ihnen — mußte sie endlich ziehen lassen, und kam nachdenklich und schweigsam wieder, lächelte die Gefährten bejahend an, und sie ritten wieder die letzte Strecke des Wegs auf einen Hügel zu, der „der todte Jud’“ oder „der Judentod“ beim Volke heißt, wie der Großhändler sagte, von wo man ganz Köln überschauen kann, worauf er sich kindisch freute und ganz roth im Gesicht glühte. Der jüdische Doctor konnte es abernicht auf dem Herzen behalten, noch zu sagen: So etwas von Kinderraserei, wie wir da zu schauen und mit Händen zu greifen haben, ist wol noch nicht auf Erden gewesen — wenn wir auch andern Gestirnen am Himmel rings jeden möglichen Unsinn aus schuldiger Verehrung gern reichlich vorbehalten wollen. Nur hab’ ich gelesen, daß die Athener Bürger und Bürgerinnen in ihrer aufgeklärtesten Zeit von einem ernsten Spaßvogel gehört: „Am nahen Berge Hymettus sind große goldene Pferdeameisen und Ameisenhaufen mit goldenen großen Ameiseneiern entdeckt worden“; — worauf sie an hellem Tage als Narren mit Hacken und Schaufeln und Sieben und Säcken hinausgezogen, aber mit leeren Händen zurückgekommen; aber den Spaßvogelfür den lustigen Tagmit lachendem Muthe reichlich belohnten. Und sichtbar ist: das Gelobte Land muß uns nur auf Zeit gelobt worden sein, denn sonst hättenwir’sjanoch! Wer wagt das zu leugnen? Und froh kann ich sagen: wie vieles Verwirrende habenwirnicht! Wie Vieles sind wir los! Ja, wir und unsere Kinder wetzten kein Taschenmesser, um es uns wieder zu erobern. — Aber auf dem Hügel ist ja ein Hochgericht! Und sie rammen frische Pfähle ein — Brandpfähle! Nur etwa für keinen von unsern Leuten! Der Herr erbarm’ sich!

Aber das sah und hörte der Handelsherr nicht. Denn seine Vaterstadt, die er 18 Jahre jung vor 18 Jahren geflohen, lag vor ihm, wie einst, im unverblichenen Abendsonnengolde, mit dem Himmel aus Purpur bedeckt. Die Mauern glänzten; ihre Thürme leuchteten wie dicke mächtige Kerzen; die Kuppeln der Kirchen und Klöster brannten und ihre hohen Thürme schossen wie Flammen emporin den Himmelund zeigten ihm ihr Kreuz von der Erde; die hohen Fenster glitzerten silbern und funkelten und blendetendie Augen bis hier heraus, daß er sie davor mit den Händen bedecken mußte. Dann streckte er sie aus, nach seinen Lieben darin verlangend und rief aus erschüttertem Herzen: O meine Vaterstadt! O mein liebes Köln! Und die Glocken schlugen darin umher. Dann riefen sie zur Vesper, und rührende Töne und blühende Farben überwältigten ihn, daß er weinte. — Und der junge Rittersmann, ja selbst der Arzt — ein Fremder in jeder Heimat — war doch gerührt. Auch ich bin angesteckt, seufzte er mit einem Lächeln in seinem Angesicht voll schweren Ernst der Welt.

Darauf schweifte der kölner Herr mit Blicken umher, nach seiner Väter Burg, mit dem schönen See und dem schönen Garten. Ach, das ist nur die Kilschburg, rief er ungeduldig, das Schloß der alten reichen Schaafhausen, — und dort nur das Schloß der edeln Hompesche — dort brennen schon die vielen Töpferofen in Effern,erst ganz blaß und wie der noch in der Abendröthe schon aufgegangene Vollmond scheinlos — dort das ist das Schloß der kunstliebenden Herren, wie kann man den Namen vergessen — der Delius, auf Klettenberg — ach! und dort aus den Linden ragt meiner Väter Schloß, die Lindenburg, und sein See blinkt! und der einstige Römer-Aufwurf, „der Zug“, grünt weit herum schon an vom Frühling. Ach, wenn nur nicht alle meine Väter, Mütter und ihre Freunde dort wie im Bann auf dem großen Kirchhofe da zu Melaten lägen, und sie erwarteten mich jetzt in ihrem Staat, das sollte eine sehenswürdige Gesellschaft sein, und gar erst welche hörenswürdige! Sie hatten die Vorliebe für alle Dörfer auf „Ich“, die sie nacheinander besaßen, als da sind: Fischen-Ich, Kenden-Ich, Mischen-Ich, Mergen-Ich, Leichen-Ich, Mettern-Ich, groß und klein Virn-Ich und zuletzt gar Ichen-Dorf.

Sie sprengten auf den Hügel.

Und einer der berühmten furchtbaren Stadtmiliz, der sogenannten „Funken“, ein alter Funke, der hier auf dem Hügel mit andern über die Arbeiten mit Pickelhaube und Spieß Aufsicht hatte, sah ihn lange und immer wieder an und frug ihn endlich doch: Gestrenger Herr, sind Sie nicht Herr Sinzenich?Dasist blos ein Gesicht eines Sinzenich, das ich viel tausend mal, früh und abends, ja die Nacht im Traume gesehen. Ich war Knappe bei Euerm Großvater. Der alte Elias war Schäfer derzeit, und ist richtig auch in Himmel gefahren. Sein Sohn Elias der Zweite ist aus einem tüchtigen Schäfer nun berufener Scharfrichter geworden, sitzt auf seiner schönen Scharfrichterei wie ein Rathsherr, und sein Enkel, der Nikolas, noch ein junges kluges Blut, hütet wieder die Schafe um Eure Lindenburg. Ich bin der alte Bertram — und Sie,sind Sie nicht Herr Sinzenich?

Die umstehenden angestochenen Arbeiter lachten und sangen und tanzten das Wort um ihn herum: „Sind Sie nicht Herr Sinzenich? . . . Sind Sie nicht Herr Sinzenich?“ . . . und selbst der Doctor lachte.

Da sah ihnder Funkescheel an und frug: und du, bist du nicht ein Jude? und trägst Waffen! und was hat denn ein Jude zu hauen und zu stechen? Her mit dem Schwert!

Dabei stieß ihn der Funke mit der Faust ins Gesicht und riß ihm das Schwert aus der Scheide; der Jude stellte sich herz- und ehrentodt und reichte ihm auch noch die Scheide sammt der Kette.

So ist’s recht, du Lump! lobte ihn der Funke. Der Kaufherr aber beschenkte ihn klüglich und sagte: Ja, ich binder Raimund, und frug ihn: Bertram, alter guter Bertram, mein Bruder lebt doch noch? Und die höfliche Antwort fiel: Bis vor einer halben Stunde;kann ich versichern. Er war hier. Er hat hier draußen misliche Geschäfte — auch wegen Juden! Er wird sie Euch schon offenbaren! Kommt nur erst heim!

Ritt er nach der Lindenburg? oder in die Stadt?

In die Stadt, war die Antwort. Und so sprengten sie fort von dem Judentod oder dem todten Juden. Auf der kurzen Strecke bis zum Thore bot der Kaufherr dem Doctor, den er als ehrlichen, braven, überall hülfreichen Mann erkannt hatte, Wohnung mit in ihrem Hause an. Der Jude nahm es mit dankenden Worten, leise sprechend an: Ich starre schwer von Gold — ich floh aus Spanien, vor . . .

Und ich aus Frankreich, entgegnete Raimund; auch vor demselben Feinde; mein Geld aber habe ich durch treue Hände auf sicherm Wege vorausgesandt.

Dem jungen Ritter gab er Straße und Hausan, und erfuhr dagegen von ihm, wo er wohnen würde.

Sie ritten in das Thor, das Severinthor. Der Jude bezahlte für sich seinen Viehzoll, im Betrage, aus Verachtung, nur so hoch als für einen Ochsen; und sein Gesicht trug wieder die Todtenmaske. Die dämmerige Stadt hatte das Ansehen einer einzigen großen Schneiderwerkstatt; überall in den Läden der Straße hingen Kinder-Pilgermäntel, sogenannte Sklawinen; Pilgerhüte mit breitem Rande gegen Regen, Sturm und Sonne; Pilgertaschen; allerhand Fahnen und Fähnlein steckten aus; Schuhe und Gürtel hingen — Alles zu vielen Hunderten, an ausgespannten Schnuren; tuchene Kreuze, sie sich auf den Rücken zu heften, als bindendes Ehrenzeichen: „der Inhaber habe gelobt: ins Gelobte Land zu pilgern“; wovon ihn kein weltlicher König, kein Erzbischof lossprechen konnte, allein der Knecht der Knechte Gottes.

Köln selbst ist, wie eine ungeheure Kirche selbst, auf ein großes lateinisches Kreuz gebaut, welches die beiden Hauptstraßen, die schöne Hochstraße und die nach dem Rheine führende Schildergasse bilden, sodaß die Stadt in vier disparate — damals oft desperate Theile zerfiel; und wo sie sich kreuzen, da trennten sich die Reiter. Der junge Ritter ritt langsam nach dem alten Gürzenich zu; und Herr Sinzenich mit dem jüdischen Arzt nach seines Bruders großem schönen, palastgleichem verschattetem Hause, in dessen Halle schon eine Lampe brannte.

Sie stiegen ab, und während der Reitknecht die Klingel nach dem Hauswart zog, daß er das Thor aufthue, lehnte sich der heimgekehrte Bruder mit dem Arm an die geschnitzte Thür, ja er küßte das kalte eherne Löwengesicht daran.

Darauf eingelassen, erkannte er sogleich den vorigen nun altgewordenen Hauswart und rief vor Freuden den Namen „Hagebald“, alter Hagebald! Er eilte die breite eichene Treppe hinauf, deren wie indeß noch glätter gewordenes Geländer die heiße Hand ihm kühlte, und ihn selbst durch und durch erquickte. Alte Treppe, seufzte er leise, was ist Alles seitdem über dich ergangen, seit ich vom Hochzeitstische meines Bruders hinweg in die Welt laufen mußte, weil er die schönste Jungfrau von Köln, die einzige Tochter des steinreichenWollenwebers, dieliebeIrmentrud, als Patricier den Andern allen ehrenrührig zur Edelfrau genommen, und ich wegen meiner losen Reden, als leidiger, kecker, vermutheter Bauchredner-Jüngling, schon vor das geistliche Gericht abgeholt werden sollte, als wäre ich schon eineKatharer-Brut, oder ein jungerPetrobrusianer, die in der Stadt schon damals übermächtig zu werden drohten. Ich floh; aber gerade in die Heimat dieser freien rechtschaffenen Gemeinde. Ichgingnatürlich ohne Frau und Kinder, undkehreunnatürlich von unsern Feinden beraubt, ohne Frau und Kinder wieder.

Er stand und weinte bitterlich; und der Hauswart, der ihn weinen sah, ließ ihn ungehindert hinaufgehen, indem er dachte: „Wer da weint, ist kein Feind“, und kam ihm nur nachgeschlichen. Er ließ sich von ihm für den Doctor ein Zimmer anweisen, worein dieser ging, und trat selbst in das ihm bekannte Wohnzimmer,in welchem ihm seine Schwägerin, die Frau Rath, entgegentrat und die Anrede erwartete. Denn sie war es, seit den 18 Jahren stark und völlig geworden in tausend Freuden- und Gnügetagen — aberjetztwie durch eine Krankheit um das Feuer ihrer großen Augen gekommen, um die Röthe ihrer vollen Wangen; aber dafür mit Wehmuth in den Zügen, mit verweinten Augen und blassen zuckenden Lippen, wie eine Bestrafte oder ihre Strafe Erwartende.

Er streckte ihr die Hand entgegen und sprach nur seinen Taufnamen „Raimund“ aus.

Da fiel sie ihm um den Hals und weinte, während er sie an die Brust drückte.

Nach langer Zeit sprach er erst:Mein Bruderlebt, hörte ich draußen soeben erst vor der Stadt; du trauerst nicht, liebe Irmentrud; deine beiden Töchter leben also auch, die ich noch nie gesehen — die zeige mir doch! Deine Aelteste, die nach unserer GroßmutterFrederunegetaufte — sie muß schon 18 Jahre sein, und deine Jüngste, dieIrmengard, wol auch schon 13! Aber vor allem: Wo ist mein Bruder? der guteAldewin, oder „alter Wein“ — wie ich ihn immer aus Neckerei nannte.

Er sitzt nur hier nebenan in seinem Zimmer. Schweres Leid ist über unser Haus gekommen! Er hat soeben den letzten Bescheid aus dem Rathe auf seine dringende Eingabe erhalten; das Urtheil erwägt er vor seiner Lampe am Tische sitzend. Ich brenne, ich vergehe danach vor Neugier, als Mutter! O daß wir — nicht etwa wieder glücklich werden, denn das ist uns auf Erden nicht mehr möglich; aber daß unsere gute Tochter Frederune nicht ganz in Verzweiflung vergeht, nur den Wunsch gilt es noch. Ich will die Thür ein Schlitzchen öffnen und sehen, ob er fertig gelesen? und ob er mir winkt?

Sie ging leis und kam leis, und bedeutete ihn mit der Hand zu Geduld. Aber du, lieber Schwager, sprach die Frau Rath, hast uns geschrieben, du würdest zu uns kommen und triffst auf den Tag ein — und auch deine angezeigten drei kleinen Fäßchen . . . Rosinen — in jedem einkleinesTönnchen Gold — sind schon zur See über Amsterdam richtig eingegangen und liegen dir drunten zum Schein nur wie ganz leicht bewahrt in den Kellern. Sei also um dein Vermögen nicht in den geringsten Sorgen, wie es scheint, weil du so nacheilst! Aber wo sind deine wahren größten lebendigen Schätze: dein Weib Gabriele und deine Kinder? Wir haben ihnen schon draußen in unserm Schlosse die schönsten Zimmer hergerichtet, und manches ihnen vielleicht erst recht Liebe ist noch unterwegs. Ich hoffe, sie sollen sich herzlich darüber freuen!

Sie! sich freuen? sprach Raimund halblaut zur Erde starrend. Sie, nie mehr! — Es istjammervoll für einen Nachgebliebenen, wenn nach kurzer oder langer Zeitnoch ein Brief an einen Todten kommt, der nicht mehr zu bestellen ist! . . . wenn ein Armer, in Noth und Elend Begrabener noch, o nun erst eine große Erbschaft macht . . . oder wenn ein selbst unterdessen gestorbener Doctor einem Sterbenskranken rasch, rasch ja die Nacht noch Hülfe bringen soll!

Wozu ist das die ahnungsschwere bestürzende Einleitung? frug die Frau Rath, indem sie auf ihn zutrat, und ihm die zitternde Hand auf die Schultern legte und liegen ließ.

Auf nichts, erwiderte er bitter und tonlos, als auf Das, was man den Tod nennt, oder das Schicksal, das nichts ist als böse, rasende, abergläubische Menschen, welche die Weltdinge in die grausame Hand nehmen — aus Furcht zu bleiben und zu bestehen, und nicht selbst von ihren Feinden in die Hand genommen zu werden! Ja, die Meinen sind todt, mein Weibauf eine Weise, die einem schamvollen Weibe die schmachvollste ist, weil sie die willenloseste ist für ein treues Herz; — und die Kinder mit Schwertern zu Tode gehauen in der Wiege, und das in der angezündeten, brennenden, erstürmten Stadt, die unsere Zuflucht sein sollte, und es gewesen wäre — ohne den Verrath und den Misbrauch, ein wüthendesKreuzheer in der Heimatwüthen zu lassen!

O weh, weh! Armer Mann! rief sie und frug: und wie heißt die Stadt?

Sie hat geheißen „Beziers“. —Beziers! sprach er, stellte sich stammhaft und aufrecht fest, und fuhr in ruhig gelassenem, aber feierlichem Tone fort: Sieh, liebes Weib, wer einen Streit gewinnen will, wer einen Feind hat, der muß ihn kennen am besten durch und durch, und dazu muß er sichin ihn versetzen, und gleichsam aus seinem Herzen und Sinn herausfühlen, was er will und was erkann; er mußaus des Feindes Augensich selbst betrachten; und wenn er eine Seele hat, so muß er billig und gerecht sein gegen den Feind, dersich selbernur der beste, zärtlichste Freund ist, und darum nur des Andern Feind, der zufällig oder unvermeidlich ihm in die Parade fällt . . . in die Perücke . . . oder in die Krone. Da ist nun ein bunter Schatten in Italien hereingeschwebt, aus dem Morgenlande,in die Stadt, die sonst — wie man das abscheulichkleinlichund albern nennt — „der Welt“ gebot, die aber erbärmlich und abscheulich in tausenderlei Schutt zerfallen und nur ihre alten Knochen noch aus der Erde streckt. Ihre Macht aber scheint den Thoren nicht versunken, sondern aus dem Todtenreich, ja aus der Luft noch wieder auf- und herzustellen in die Luft. Und das ist, von einer Seite betrachtet, dem Volk und den nächsten Völkern umher recht heilsam, um die hier rohen, ja grausamen, dortlosen, dort tyrannischen oder habsüchtigen zeitlichen Herren derselben doch einigermaßen durch allerhand Künste und Vorspiegelungen in Furcht zu halten, und sie doch aneinen Scheindes Rechts, des Verstandes und des Guten wie an eine unsichtbare Kette zu legen.

Da sieht nun der redlichsteDülpnerein, es braucht noch gar kein kluger Kölner zu sein: daß wir dem neuen Pontifex maximus — oder den größten Brückenbauer über die Zeit weg in den Himmel — ein Dorn im Auge sind, ein Wurm im Gehirn, ein Polyp am Herzen. Denn wenn jeder noch so lumpige Schacher und Schacherjude durch seine bloße Erscheinung in der Sonne der Nachwelt ihn und alle sein Reich geradezu vernichtet, alle Kirchen geradezu — ohne nur zu hauchen — in die Luft bläst, sodaß er ihr Todfeind sein muß — somußteer es auchunssein,um nicht etwa schon uns— sonst ganz unschuldigen Reinen, uns Katharerin Südfrankreich, Piemont und ganz Oberitalien — die wir jede Todesstrafe für ungöttlich und darum für höllisch und ganz abscheulich halten —für Menschen zu erklären. UndohneTodesstrafe durch Feuer und Schwert ist er unrettbar verloren, da auch diese kaum mehr abschreckt, höchstens nur angestaunteneue Märtyrermacht in neuer Welt; und nur derGeistertod, die Geisterunwissenheit und Dummheit vermöchte noch einige Zeit hinzuhalten, bis das größte Wunder geschehen wird: „Die Sonne geht aus finsterer Mitternacht auf.“ Und wo befinden sich, umringen ihn seine Feinde und schränken ihn ein? Etwa über der See? Nein, in Italien! Jenseit Roms, in Sicilien die Araber. Diesseit, die vielnamigen, aber Eines Herzens und Sinnes zusammen ein Volk ausmachenden Katharer, von denen Tausende schweigend und redlich selbst hier in unserm Köln ihre Zeit erwartend leben — und an denen ich selbst getreue,Alles aufopfernde Freunde habe, meine liebe Frau Rath. Da er dort am fürchterlichsten und entschiedensten hart in der Nähe bedrängt ist —denn der brennende Rock ist der wärmste— sodaß er zuletzt nur mit einem Sprunge in den Vesuv sein Leben rettet — oder aus dem Lande flieht, was ganz gewiß noch wird geschehen, wer es erlebt, da er dieSarazenenausMorgenund dieMaurenausAbendzu fürchten hat, so hat er die Kreuzzüge unterbrochen, und einen Rettungskrieg vor dennahenFeindenfür einen Kreuzzug erklärt — und Er mit Recht!Cardinäle haben diese mordbrennenden Kreuzträger geführt — darauf hat der Simon von Montfort die Stadt Beziers belagert, erobert und Alles über die Klingespringenlassen, selbst die alten Weiber, die auf keinem Bein mehr stehen konnten, und die Kinder, die es noch nicht können. Mich, mich hat nach der Vertheidigung bis auf denletzten Mann die bekreuzte Pilgerkutte eines erschlagenen Wüthrichs errettet. So sind die Schuldigen mit den Unschuldigen ohne Schonung hingerichtet, weil — wie der Legat Allen zum Trost und sich zur Entschuldigung gesagt: „Gottwird schon die Seinen kennen!“ Das eroberte Land gehört nun seinem Eroberer, sammt den nun mit Schutt und Asche begrabenen Gebeinen meines Weibes, ach! meiner Gabriele und unserer kleinen Kinder.

Armer Mann! stöhnte die Frau Rath.

Ich floh, unermordet, sprach er fast lächelnd. Ich freue mich ernst; denn aus unbegreiflicher Kurzsichtigkeit schonte man die Auswanderer, die nun über die Grenze geworfenen Feuerbrände; die aber voll im Herzen zusammengeschossener Glut sich auswärts sammeln, vereinigen, stärken, um Vernunft und Muth in den Landen auszubreiten. Das tröstet mich hoch! Unmenschliche Thoren müssen sich selber alle zugrunde richten.

Wenn sie uns, uns hier im Hause, und rettungslos erst noch zugrunde gerichtet; klagte jetzt die Frau Rath, und rang die Hände. Mag dir mein Mann unser Geschick erzählen.Stummduldet eine Mutter noch im zerrissenen Herzen ihr Leid; aber laut es sagen, gleichsam es gestehen, es beichten wie eine Anklage des Himmels, das, das kann ich nicht!

Sie ging wieder die Thür leis öffnen. Sie sah lang erstarrt hinein, dann winkte sie blaß wie der Tod den Bruder herbei; doch ehe er kam, stürzte sie schreiend zu ihrem Manne und rief: Er ist todt! Er stirbt!

Er eilte hinein. Die Lampe brannte hell auf dem mit einem niederländischen Teppich bedeckten Tische. „Der Mann und Bruder und Vater“ saß daran auf seinem geschnitzten Großvaterstuhle und hielt mit seinen beiden ausgestreckten Händen steif und starr ein offenes Pergament. Sein Bruder Raimund, der nur kaumeine einzige Viertelstunde zu spät aus der Fremde zurückgekehrt war, um ihn wiederzusehen, rang die Hände über sein Haupt. Denn sein Gesicht bedeckte schon Todesblässe; er fing sich schon an zu strecken, daß der Tisch knisterte und der alte Stuhl sich rückte und lebendig zu werden schien; ein Zittern durchrieselte ihn, daß das Pergament in seinen Händen bebte. Er hatte die starren Augen noch groß und weit offen, und sie glänzten weiß und schauerlich. Sie wollten ihm eben brechen, als er des Bruders ihn anrufende, ja anschreiende Summe doch noch zu vernehmen schien, das Haupt noch zu ihm wenden zu wollen rang, aber kaum regte, ihn anstarrte, ihn anlächeln wollte, aber starb. Die Augen brachen ihm; der Tisch und der Stuhl knistern jetzt zum Fürchten geisterhaft; geisterhaft erhob sich seine Gestalt, von seinem letzten Willen geheimnißvoll mächtig, aber ohnmächtig emporgerissen, um ihn zu umarmen. So mit ausgebreitetenArmen brach er zusammen und war, was die Leute so nennen, ein Seliger.

Der Bruder sprang hinaus und fort nach dem neuen Freunde, dem Doctor, nach Hülfe, wenn man den Todten noch helfen kann.

Sein Weib hielt ihn treu und thränenlos in den Armen, ihre Stirn an seine Stirn gelegt, und empfand sich nicht, und die Welt nicht, nur ein namenloses Weh.

Der Arzt kam, den sie nie gesehen, und der weltfremde, ernste, gelassene Mann war ihr der ersehnteste, theuerste Freund. Er prüfte den Todten und den Tod. Doch als er zuletzt mit Achselzucken mit der rechten Hand, wie höflich, nach unten zu wies, wie um ihn der Erde zu befehlen, da sprach sie leise: Er ist an Verzweiflung über die Menschen gestorben. Ach, unsere bittersten Feinde wohnen uns am nächsten! Was thut uns der Mann im Monde? der gute Kerl!

Der Bruder drückte ihm sanft die Augen zu,dann band sie ihm schonend den Mund zu, daß er mit offenem Munde im Sarge nicht noch über die Welt schreien zu wollen scheine.

Die Todten haben vieles zu vergeben, ja Alles, sich sich selbst, das Leben und die Welt, die ganze lange, lange Welt; sprach der weinende Bruder. Denn was man auch dagegen zu sagen sich unterstehen möchte: wäre die Welt nicht, dann wäre auch nie nureinböser Mensch gewesen und noch, oder würde je sein — nie wäreeineThräne geflossen! nie würde in Ewigkeit ein Tropfen Blut fließen.Eine schöne Sache!— aber doch eine namenlos-tolle. Drum wollen wir doch lieber vernünftig bleiben — oder ganz es werden, und Allen dazu rathen, Hohen und Niedern!

Sie ließen den Todten sitzen und ihn gleichsam zuhören, da er über alle Welt erhaben war; sie setzten erschöpft sich an die andere, die leere Seite des Tisches, und das nunmehrige Hauptder Familie ergriff getrost das gefährliche Blatt, und mit dem derben Vorsatze: kein Narr der Welt oder irgend Jemandes darin zu sein, überflog er es erst mit feindlichen abstoßenden Blicken, um ihm seine ansteckende oder betäubende Kraft zu benehmen, und las dann, erst leis und sätzeweise, dann immer lauter und verbitterter —der neuen Witweund dem feuerfesten neuen Freunde die Antwort der Behörde auf des Gestorbenen Eingabe.

Sie hatten aber eine stille Zuhörerin bekommen, die in das Haus gehörte. Denn die jüngste Tochter des gestorbenen Vaters, welche ohne Einwilligung der Aelterndas Kreuz genommen, die dreizehnjährigeIrmengard, war mit ihrer KammerjungferGaiette— einem französischen tüchtigen Mädchen, das hier im deutschen LandeFrohgemuthoder Frohmuthe hieß — von der großen Procession der jungen Kreuzfahrer oder Kreuzfahrtjungen undMädchen, die sie auf den Feldern vor der Stadt gehalten hatten, jetzt Abends nach Hause zurückgekehrt und in ihrem langen Pilgerkleide, ihrerSklawine, durch das dunkle Zimmer der Mutter in des Vaters Zimmer getreten und auf dem weichen Teppich hingeschlichen sich auf einen bequemen Lehnstuhl gesetzt, die Hände zum Beten gefaltet. Aber die Neugier: wer die fremden Männer seien, war stärker als Alles, und vom Vater hatte sie den falschen Glauben, er sitze nur so mit verbundenem Munde da, weil er Zahnschmerzen habe.

Sie hielt ihren breitrandigen Pilgerhut auf dem Schoose, und noch erhitzt im Gesicht von dem Uebungszuge, dem Singen und dem Weinen mit der zahllosen Heerde von Knaben und Mädchen ermüdet, saß sie in ihren Locken, zum Verwundern zugleich und zum Kopfschütteln sonderbar und doch hübsch, wie eine aufbrechende Blume des Himmels in Menschengestalt mitArmen und Beinen und Nase und Augen und Ohren auf Erden, wie eine Novize der Heiligkeit da, der die Locken noch nicht abgeschnitten sind und deren Lippen noch Keinem einen Kuß gegeben haben, aber dem Kusse entgegen brennen mit aller Menschen- und Mädchenglut.

Und so hörte die junge Irmengard, was ihr noch nie gesehener Oheim Raimund mit erschütterter Seele erst selbst erfuhr, indem er las, und zögernd Das aussprach, was überhaupt erst dadurch wahr zu werden schien, daß er es aussprach:

— — — „Bescheid des Rathes der Hohen Zehner hiesiger freien Reichs- und Hansestadt, &c.

— „Leider und abermals leider ist das Unglück, wie der leidige Satanas, eine so freche Person, die sich erdreistet, mir nichts dir nichts höchsten und hohen Personen wie Allergemeinsten und Aermsten an ihr Habe und Gut, ja an ihr Herz zu greifen und unser pflichtmäßigstes Bedauern, daß das in unsern Zeiten allerschmählichstund redlich geschmähte Unglück auch Euch, Ihr biederer Herr Rath und unser ehrbarstes Mitglied selbst, in Eurer Tochter das Herz uns gebrochen und im Leibe zerrissen, ja zermalmet hat. Weswegen wir Euch gebührendermaßen bedauern, da wir Euch nicht helfen können, ja nicht wollen, weil wir nicht wollen dürfen;ausgenommen wir leugneten die Schöpfung der Welt, Sündenfall und Erlösung, und hätten wenig, ja keine Furcht vor einem Weltgericht,das Gott uns Allen gnädig gebe! Amen.

„Weswegen wir Euch denn unsere gerechte Freude bezeigen und Euch hochbeloben, daß Ihr in Eurer — hoffentlich letzten Eingabe bescheidentlichst gar nicht mehr «um das Leben» Eurer verlorenen, ja schon vorläufig verfluchtenTochterFrederune bittet, sondern blos, zugleich als menschlich oder teuflisch nicht ganz zu leugnenderGroßvatervon mütterlicher Seite,nun ihren leider nicht ganz zu leugnenden Mutterwunsch gottergebenst uns vor Ohren bringt, daß an dem zu Gottes Ehre angesetzten heiligen Tage derHurd: ihr armes Würmlein, ein Knäblein oder ein Fräulein, oder so Gott so gewollt: gar Zwillinge noch im Mutterleibe noch und schon mit verbrennen müssen, ohne noch schreien zu können; ihr aber zur unnatürlichsten oder natürlichsten Qual, ja Verzweiflung, indeßwir zu unserm Heil nichts mit der Natur zu thun noch zu schaffen haben, also nicht zugeben können noch wollen, weil wir, wie besagt, nicht wollen dürfen, auch wenn wir wollten, und unsere Weiber daheim uns mit Thränen gefleht, ja bedroht haben aus weiblicher Schwachheit; weil ja Eure Tochteralsdannsogleich auf der Stelle verbrannt sein wolle mit ihrem Galan,wenn und sobald sie nur das Kind geboren, gesehen, zum Himmel gehoben und redlich, ja über die Maßenbeweint; ja auch stillschweigend erdulden wolle und müsse, daß esnach seiner Geburtauf den Armen seines Vaters im Rauch ersticke und die kleinen Gebeine des armen Würmleins, des armen Ururenkels der naschhaften Eva mit zu Asche verbrannt werde, weil ihm die böse sündige Welt seinen Tod sogleich zugleich an den Anfang seines Lebelchens gesetzet.

„Diese entsetzliche Bitte ist aber die allerungewährbarste und wird der Mutter hierdurch ehrenfest abgeschlagen, welches Ihr derselben in Person zu verkünden und zu ihr in Kerker zu gehen, hierdurch Vergunst haben sollt, um sie von der Sündhaftigkeit solcher Bitte zu überführen und wo möglich ihre Seele zu retten,wenn der Glaube die alberne Natur von ihr austreibt. Darum überwindet Euch zu dem Gange eines rechtschaffenen Vaters undhalb nicht zu leugnenden Großvatersund Rathes!

„Denn wäre das Kindnichteines, wenn auch noch so schönen, reichen und ehrlichen, wenn man so zu sagen sich herausnehmen dürfte: — aber dochJudenKind, so hätte das Mal nichts mehr, als tausend andere Mal zu bedeuten: es wäre ein richtig eingeschriebener Himmelsbürger oder Bürgerin, und sie nur eine voreilige Mutter, die gegen Buße und Reue noch ein „vergebenes“ Weib sein könnte. Aber ein Judenkind von einer Christin ist die allergrößeste Blasphemie, eine geistige Unnatur, ein Kobold der Hölle, ein ver- und behextes Meisterstücklein des Teufels, ein sichtbarer Misbrauch der Kräfte Gottes mit Händen und Beinen, wogegen sogar ein pures Judenkind noch ein pures Engelein ist, verzeih’ uns die heilige Mutter Gottes!

„Drum muß diese Misgeburt mit verbrennen, und muß ihr im Leibe noch lebendig mit verbrennen, damit Natur und Mutterherz durchunbeschreibliche Angst sie zur Erkenntniß ihrer unverzeihlichen Sünde zur gnadenerwerbendsten Reue bringt, und aus den Flammen sie rein in den Himmel eingeht —wenn noch!

„Wir haben zwar hier wie in allen Städten am Rhein seit schon lange niemals ermangeln lassen, Hurde zu feiern, zu unserer Bezeigung; wie die vielen alten schwarzen Kohlen auf unserer Schädelstätte beweisen; aber in diesen neuesten und letzten Zeiten bedarf die Religion, wie eigentlich immer, einer tief und sichtbar eindringenden Erfrischung! Denn was die Augen sehen, das glaubt das Herz. Und so bleibt die Hurd festgestellt auf den Tag vor Carneval, zur Erfrischung der Seelen; und erfrischet auch Ihr Euch daran, wie wir Alle.

„Gegeben den 10. Hornung im Jahr seit Erschaffung der Welt im 5,161sten, oder nach der neu eingeführten Jahreszahl seit Geburt unsers Herrn im Jahre 1212.“

Wie die Mutter so über den Tisch gebeugt lag mit dem Gesicht auf den Armen, ohne vor Schrecken und Jammer nur eine Thräne vergießen zu können — wie Raimund, der Bruder des Todten — wenn ein Todter noch Bruder, Schwester, Vater und Mutter und Kinder hat und gehabt hat und noch haben kann anders als dereinst einmal vorher im wachen Leben gehabte Träume — als der Todte mit blassem Gesicht und vor der erbärmlichen Welt geschlossenen Augen starr dasaß — und indem der jüdische Arzt halb ingrimmig, halb lachend über die kindische Erde erhoben, durchdringend sann: wie da noch zu helfen sei, ja selbst durch die äußersten Mittel; indeß hatte sich die junge Tochter Irmengard, die sich zum Kreuzzuge der Kinder geweiht, erhoben, war wie eine junge Dämonin — um für die besondere Sache ein besonderes Wort zu gebrauchen — bis an den Tisch getreten, legte jetzt ihre Hand auf denKopf ihrer Mutter und sprach erzürnt: Also Mutter, du hast mich belogen! Meine Schwester ist nicht nach Aachen gereist, sondern sitzt — und weswegen! — im Kerker der schwersten Todsünde schuldig, und unrettbar . . . das freut mich im erleichterten Herzen — denn sie ist meine Schwester nicht. Denn: wer ist meine Schwester? Und du bist meine Mutter nicht, wenn du eine Thräne über sie weinst! Denn: wer ist meine Mutter? Und der Mann da, der seine solche schuldige Tochter der so gnadenvollen seelenheilsorgenden, ja doch blos zeitlichen Strafe der heiligen Kirche entziehen will, also die Schuld und die Strafe, sich empörend, nicht anerkennt, der ist mein Vater nicht! Denn: wer ist mein Vater? Was ist er?

Er ist todt, ein heiliger Todter! ein Vater! ihm thut kein Zahn mehr weh! riefen Alle voll Grausen zugleich sie an.

Die begeisterte Irmengard schwieg plötzlich,schien gerührt zu werden, da sie den guten Mann anstarrte, und dennoch aus innerm grauenvollen Trotz ihr Wort wiederholen zu wollen die Lippen öffnete, indem sie die Hand mit der Geberde des Abscheus gegen den Todten ausstreckte.

Alle sprangen auf. Raimund faßte sie mit beiden Händen in den Haaren, hielt sie starr fest, die ihn ruhig und lächelnd ansah, als er nach treffenden Worten im Geiste suchte und endlich nur hervorstürmen konnte: Du vertauschtes Teufelskind! Du auch kein Kind! keine Tochter! Du Molch aus der Hölle! Drauf riß er sie an den Haaren nieder auf die Knie vor die Mutter, und dann auf die Knie vor dem todten Vater, dessen kalte Hand er ihr auf das Haupt legte, zum Zeichen: er habe ihr vergeben. Dann riß er sie fort und stieß sie hinaus, und schloß die Thür hinter ihr zu. Aber sie donnerte mit den Fäusten daran, daß Allender Athem verging, sie stumm sich ansahen, dann schamvoll über sie zur Erde und falteten die Hände.

Da trat Raimund an die Thür und rief ihr zu: O du rasendes armes Kind; o wisse: Niemand lebt, der nicht in jede Schuld verfallen kann . . . hüte du dich nur, daß dich nicht ein Anderer verführt, — ja daß du dann dein Kind nicht ermordest aus verzweifelnder Ehre: unschuldig zu scheinen! Du alberne junge, noch pipende Gans, du weißt es nicht:wer etwas verwünscht, der steht dem Verwünschten näher als Alle, die es gelassen empfinden.Haß und Verwünschung richten nichts aus, als sich selbst nur zugrunde. Doch was weißt du armes verdreht gemachtes Schaf, und sehr richtig und tüchtig verdreht, das muß man mit Thränen in Augen gestehen! — Doch dies mein Wort das soll dir keine Prophezeiung sein, nur eine Bitte um Schwester- und Mutterliebe.

Der jüdische Doctor aber sprach: Da ist doch Moses ein anderer Mann; und sein Gebot: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter lieben und ehren“, ist das erste und letzte allen natürlichen Menschen, und wird die Welt ausdauern selber bei wilden Thieren, Bären und Löwen, und Kühen und Kälbern. — Und wenn, was Gott verhüten möge und zu verhüten versprochen hat, daß die Welt noch einmal losginge, so würde das Gebot als das Erste aus der Erde wieder aufwachsen in Schlangen und Geier und Alles was kreucht und fleugt. — Ihr armen Leute!Der Lichtwerth unserer Erde ist noch wenig werth; sag’ ich dazu als Astrolog.

Die Mutter aber ging zu ihrem gestorbenen Manne, beklopfte ihm Haupt und Schulter mit der Hand, küßte ihm die Stirn und sprach dann: Wie gut haben es doch die Todten! Hier den Vater rührt solch Grauses nicht einmal zu einemSeufzer! Und über den ich nicht Thränen fand, den muß ich schon segnen — den Todten! Und wie viel wird er noch verschlafen! O, es ist auch ein Großes todt zu sein und sich nicht zu empfinden oder die Welt; denn fühlten wir Menschen die Welt noch, wären wir da selig? O Zeit, zu welchen bittern Qualen und unnöthigen Worten zwingt uns das liebe leidige Leben. Wann habe ich glückliches, ruhiges, einfaches, ja albernes Weib, wie mein weiser Mann und Rath mich oft nannte, je solche Dinge überhaupt oder nur für Andere erträumt, die ich erlebt und noch erst recht erleben soll! O meine arme Frederune! und gar erst meine arme Irmengard! . . . Mir hat einmal ein unglücklicher alter Mann gesagt, den ich trösten und beschenken wollte: „Mein gutes Kind, sagte er, da sagen sie, ohne daß es Einer gesehen hat: Gott hat die Welt geschaffen — glaube es, wer es will und kann, ich weiß und sage:Gotthat die Welt geweint!und die Sterne sind dir schimmernden Thränen aus seinen Augen, und so unzählige — er muß lange und viel geweint haben, oder er weint noch schweigend immer fort.“ Den Mann versteh’ ich erst heut, und glaub’ ihm noch morgen.

Die Mutter war darauf ihrer Tochter, die darum immer ihr Kind noch war, weinend nachgegangen. Die Tochter war ihr zu Füßen gefallen, und hatte ihr geschworen, sie werde im Heiligen Grabe zu Jerusalem für den armen Vater beten! Und die Mutter hatte das angenommen, um sie zu schonen; denn sie fühlte ihr an, daß sie krank war, sehr krank im Kopf und darum auch im Herzen, und beruhigte sie in der Hoffnung, daßsie, als ihr letztes Kind, sie nun doch nicht verlassen und hingehen wollen werde — wo sie nicht hinkommen, nur umkommen werde.

Aber Irmengard frug sie dagegen nur: Kannich und du nun in der Schande mit Ehren hier bleiben? Komme du selber auch mit! Denn wie viele arme Weiber haben auch das Kreuz genommen! Und selber alte, die sich getrauen doch mit uns Kindern fortzuwatscheln und zu humpeln. — Und die Mutter schwieg. Aber sie bestellte durch den Hauswart die Brüderschaft, die das Begräbniß besorgen, aber sogleichden Sargherbringen sollte, um den Todten, den das Volk aus Mitgefühl für einen Selbstmörder halten könnte, wenn auch gerade für einen redlichen Vater — die Nacht noch hinaus auf ihr Schloß nach der Lindenburg zu tragen oder zu fahren; sie werde ihn begleiten. Irmengard komme mit. Von dort aus wollten sie ihn still in ihre Familiengruft nach Melaten begraben.

Raimund hatte seinen neuen Freund mit auf sein Zimmer genommen, und die flinke Gaiette hatte ihnen Rheinwein, grüne Becher und einen Teller Carnevalgebäck dazu hingestellt.

Sie gingen Beide gegeneinander auf und ab und blieben zu Zeiten in der Mitte stehen, noch ohne zu reden, nur zu trinken vor erduldeter Tageserhitzung und der Erregung des Abends, während das Carneval eingelauten ward, und das lustige Volk durch die Straßen schwärmte und sang. Dem hörten sie so eine Weile zu — als sei das die Welt.

Endlich sprach der Arzt zum Kaufherrn: Wir sind Zwei, und Ihr habt zwei Aufgaben zu lösen, schwere, schwere: Eure zwei Mädchen da zu erlösen, die ältere vom Tode geradezu, und von welchem? . . . die andere vom Kreuzzug, also so gut auch wie vom gewissen Tode.Aber die Kinder sind angesteckt.Es ist nur Feuer in sie angelegt. Sie sindkrank— weiter nichts alskrank. Uebernehmt Ihr die ältere zuretten, ich will die jüngste übernehmen zuheilen, und mit der stärksten Hoffnung nicht nur, sondern mit Zuversicht. Denn sagt nur kurz: seit wann sind erst Menschen nach Jerusalem gezogen? Immerfort seit Erschaffung der Welt? Oder meint Ihr, ohne rasend zu sein, daß Menschen alle Jahrtausende noch hinziehen werden — bis, wie Eure Frau Schwägerin von dem armen Lebensleider gehört: die Weltausgeweint hatund die Augen zugeschlossen. Das ist nur ein „raptus“, eine geistige Witterungskrankheit,eine Ausbildungskrankheit des Menschen, wie die Kinder am Zahnen leiden und sterben. Die selbst in der Ausbildung begriffene Erde hat bekanntlich die ihr angestammte Pest — den Tod. Die Erde ist immer so still krank und hat ihre Krankheiten, die ihr aus dem Bauche kommen; sie hat die Wassersucht und die Feuersucht, wie die Sündfluten und die Erdbeben, Fieber und Erbrechen von Steinen und entzündetem Lavablut, uns höhern Aerzten bewiesen. So leiden die Menschen hier und da Alles mit der Erde, jetztDies, zu andern ZeitenDas, bis sie platzt. Für die Menschen aber besonders theile ich die Krankheiten ein in Kopf-, Oberleibs- und Unterleibskrankheiten; und der Bauch,aus dem die Träume kommen, spielt gerade die größte Rolle. Darum muß dem Bauche geholfen werden, damit sie nicht zu Kopfe steigen. Wie viel plötzlich ausbrechenden Wahnsinn, wie viel Versetzungen der Menschenin sinnlose Dinge haben alle Aerzte schon leicht im ersten Anfall gehoben, sodaß sie mit Recht und zum Heile verworrener Köpfe jetzt den Muth haben, Menschen zu heilen von irgendwelchem Glauben, wie mir ein anderer jüdischer Arzt in Spanien beschworen hat, daß er unzählige Sarazenen, Mauren, die vor Sehnsucht, ja Wuth nach dem Heiligen Grabe wiederumihresPropheten zu pilgern . . . und von Mekka auf zeitlebens — undnach ihrem Todealso damit zugleich —ohne Rückfallglücklich curirt hat. Und da, wie ich höre, Ihr alsbald nach der Lindenburg hinauszieht — so laßt mich mit; ich will Euch die kranke Irmengard heilen, und am liebsten mit mehren Kindern zugleich in Gesellschaft; und will heimlich mir kranke Kinder werben gehen, deren Aeltern den Tod derselben sonst vor Augen sehen, und ihr ganzes Vermögen darum gäben, sie zu Hause behalten zu können, und sie nicht halten dürfen! Die ganze Geschichteist nur eine Krankheit, die mitThränenüber Andere beginnt — und wenn die Kranken erwachen, mit Thränen über sich selber erlischt und in Reue und Beschämung erstickt — und doch sind die Kranken unschuldige Leute, wie alle Kinder unschuldig an ihrer Geburt.

Sein Freund lächelte und sagte ihm: Thut Das, was Ihr um unsere Irmengard thun wollt; denn Euere Rede ist nicht ohne Grund der Erfahrung. Aber wie helfe ich der andern Schwester? Das letzte Mittel wäre — Gift.

Die arabischen Aerzte, jetzt fast allein noch erst die vernünftigen auf der Erde, sprach der jüdische Doctor, haben ein Gift, wenn man es mit dem widersinnigen ungerechten Namen beschimpfen darf, dasfühllosmacht, selbst wenn man die Hand, das Gesicht, oder die Nase nur, in Feuer steckt — das würde sie also schmerzlos in Flammen sterben lassen oder zuvor im Kerker; aber eben „sterben“, das will sie wederjetzt im Kerker, in welchen Ihr laut des christlichen Decrets freien Zutritt habt, noch in der Hurd auf dem Hügel da draußen,bissie ihr Kind geboren, um welches sie als heilige Mutter des Himmels und der Erde ihr Leben gibt — sie will nur mit dem Menschenkindean ihrem Theil die Welt mit geschaffenund mitgeweinthaben — dann hatsie ihrenEvatheil erfüllt, und will dahin, begraben und vergessen sein wie Eva, und Der, der sie und ihren Namen erdacht hat. Denn kein Mensch hat damals oder jemals gesehen, wie Gott der Herr, oder die Elohim die Welt, die Erde und das liebe Paradies erschaffen und den Baum des Lebens, aber auch den Apfelbaum und die Schlange darein gesetzt. Darum versucht Ihr die Erlösungmit Gold!Die Gelegenheit für Gold ist immer, Tag und Nacht, und jetzt in der tausendjährigen Nacht, zu jeder Stunde.

Ich will mit Freuden ein Faß große Rosinendaran setzen, rief der Kaufherr freudig; das heißt, erklärte er leiser dem Freunde: ein Fäßchen Gold, ja das zweite; mit dem dritten bin ich noch zwei reiche Männer. Der Handel hat mich gesegnet und ich habe noch ein Schiff in See. Auf! Gleich fort! Man kann nichts Nötiges Zeit genug thun; oft eine Stunde zu spät bekommt man nicht mehr, was man bedürfte . . . ist der Mann nicht mehr da, der uns hülfe! — Da steht man bestraft für die Saumseligkeit, die Mutter der Versäumniß. Darum gleich fort in den Hansesaal unserer reichen Stadt Köln, der mächtigen Stadt, einer alten Stadt, in Wahrheit schon vorher herrlich, ehe man nochAnno Einsschrieb, welche Einführung alle Chroniken erst recht verworren und finster macht, und vor der Hand und noch lange alle Contracte. Und mein Köln — sammt seinem ganzen Weichbild mitStädterecht— es baut jetzt 300 Schiffe und ist Stapelort der weit mächtigen,innig verbundenen Hanse. In ihrem Saale hören wir von Fremden aus allen Landen und von den einheimischen Männern — Ihr von Euern reichen klugen Juden, und ich von meinen ehrenwerthen Unglaubensgenossen, alles uns Nützliche — den Stand oder die Lage der Dinge. Dem Kaufmann, dem ist die Welt mit allen geistlichen und weltlichen Dingen nur ein Handelsartikel, nur eine Kaufhalle vom alten heidnischen Gott Mercurius, der aber selbstkeinHeide war, da er ein Gott war. Und obendrein heut’, als am Sabbath, ist alter Versammlungsabend; die Sonne ist unter, und der Mond erleuchtet die Straßen.

Als sie nun hinaustraten, mußten sie vor Ueberraschung stehen bleiben und hören. Ein dumpfes Getrampel ließ sich vernehmen, ein dumpfes Gerufe, ein Gesumm und Gesaus und Gebraus; viel tausend Stimmen durch- und ineinander, aber alle als ein einziger Hall, wie von gedämpften Instrumenten, ein kicherndes Lachen von Fröhlichen, die sich den Mund zuhalten.

Das sind Masken! sprach Raimund zu seinem Begleiter; das hört sich an wie ein verschlossener Hühnerstall. Das erinnert uns, ineinem Laden auch Masken vor unser Gesicht zu kaufen.

Sie drehten und wandten sich langsam durch das fröhliche Volk, fanden bald einen Laden, bemasketen sich und gackerten sich auch einen Augenblick an, von der Lachkrankheit angesteckt, wie der Doctor sagte, und um sich an ihren ganz anders klingenden Stimmen wiederum zu erkennen. In einem Spezereiladen kaufte er dann zu der morgen des Tages gleich vorzunehmenden Cur ein kleines Paket von seinem Hauptmittel, der Basis, das er zu sich steckte, und einen halben Centner „Adjuvans“, das er bezahlte und versprach, Morgens Sonntags früh gleich abholen zu lassen. Er kaufte zur Verwunderung so viel, weil viel tausend Patienten waren, von denen er sich zahlreiche Kunden versprechen durfte.

Wieder auf der Gasse, hörten sie in der Ferne mit Erstaunen die Glocken auf den Thürmenschlagen, aber ohne Maß und Takt, wie von mächtigen Schmiedehämmern oder Posseckeln, . . . die Glocken schlugen nicht, sondern sie wurden geschlagen — zerschlagen. Näher hinzugeeilt, hörten sie an der nächsten Kirche die hohen Fenster mit Steinen einwerfen, mit Pfeilen und Bolzen von Armbrüsten und Rüstungen einschießen, daß sie droben gellten und die zerschmetterten Scheiben drunten auf den Steinen zerklirrten; und nach jeder solchen Salve scholl ein Gesammtlaut auf, wieder wie aus einem ungeheuer großen Hühnerstall, was deutlich anzeigte, die dumpfen greulichen Schreier schrien und lachten und krähten aus Masken.

Das ist Meute! Das ist nicht Lust, das ist Schadenfreude! sagten die Freunde zueinander. „Das sind die furchtbaren Wollenweber!“ sagte eine Stimme eines Vorüber- und zu dem Aufruhr Eilenden.

Ein anderer kam, schon weislich entflohen,von dem gefährlichen Orte zurück, und sagte zu den furchtsam und müßig Dastehenden: Sie sind mit Waffen maskirt; Helme quirlen sich unter der Menge, Spieße erheben sich und Hellebarden — da sind denn auch unsere „Funken“ dabei, die die Stadt und was drinnen ist beschützen sollen. Aber andere Funken wehren auch wieder selbst den Andern. Das verspricht dem Dinge ein baldiges Ende, wenn auch durch erbärmliche Schläge und Beulen und Wunden.

Ein Carnevalspaß muß sein! riefen Andere, aber nicht muthig, sondern mit Angst.

Und unter weiterwährendem Toben und Brausen, dem Fensterzerschmettern und Klirren und dem Glockenzerschlagen auf den Thürmen, eilten der Kaufherr und der jüdische Doctor mit seinem Heilgift aus dem Gedränge, das je ferner je dünner ward, nach dem großen, über tausend Menschen fassenden Hansesaal im Rathhaus.

Sie gelangten mit Mühe nur schon vor den Saal, dessen Thüren weit offen standen, und der große Raum stand vollgedrängt von Menschen. Vor ihnen drängte sich ein starker vierschrötiger Weinkärrner hinein, der rief: Hoho, hier kann ja kein Apfel zur Erde, geschweige ein Kürbis, und wenn eintausend von der Decke fielen, da wären wol dreitausend Kürbisköpfe darin. Hier kommt man nicht mit Füßen, nur mit Elnbogen hinein.

Und diese setzte er sogleich an, und hinter ihm in der Lücke gelangten sie mit hinein bis in die Mitte. Sie stellten sich auf die Zehen und sahen bei dem Scheine der vielen Kronleuchter an der Decke und der blitzenden Wandleuchter, daß an mehren Tischen dahinten doch Männer saßen, dicke und wohlhäbige, die ganz gewiß schon vorher bequem hineingegangen sein mußten. Alle waren in lebhaftem Streit. Einer erzählte, was draußen geschehen, noch geschehe,und gar erst die Nacht geschehen könne oder würde. Ein Anderer schaltete Nachrichten oder Ergänzungen ein. Viele widersprachen auf ein mal zugleich, und noch Andere erklärten den bloßen — so Gott will — „Pfutsch“ — sich viel oberflächlicher, dagegen dort ganz Weise und Tiefsinnige die Sache sich weiser und tiefer. Darauf schwiegen durch Zufall Alle zusammen zugleich, und die Pause ward durch ein schallendes Gelächter erfüllt. Danach versicherte ein Judenfreund oder -Feind: das Ende vom Liede werde sein, daß man einige, gewiß bei Allem neugierige Juden scheinbar bei der That ertappen, ergreifen und einstecken würde, für deren Freistellung ihre Leute die Kirchenfenster würden machen lassen und die Glocken umgießen müssen.

Gut, daß das nicht alberne prasselnde Schloßen gethan haben oder die himmlischen Blitze! Was würde man mit denen allerhöchsten Personen thun? — Da ist es mit dem Einsteckennicht recht richtig und mit dem Bezahlen so eine Sache! rief eine stämmige Maske zu allgemeinem Gelächter darein, soweit man ihn gehört.

Du, vergreif dich nicht an Kirchensachen und an unschuldigen Kindern! sowie jetzt unsere Herren Kanzelredner seit Sonntag die ganze Woche in den Morgen- und Abendpredigten sich aus Menschenverstand und wahrer Seelen- und Leibes- und Lebensvorsorge an denjungen Kreuzfahrern, oder Kreuzfahrjungen und -Mädchen vergreifen, und an denaltenarmen Weibern, die unterwegs sichbesserBrot erwarten, oder überhaupt nur welches, und wo möglich hoffen, gerade im Heiligen Grabe zu sterben. So rief ein Anderer, dem ein anderer Narr mit der Pritsche „auf das lose Maul“ schlug, sodaß er schweigen mußte vor Lippenblutspucken, während ihn ganz anders Gekleidete in weißen Masken kichernd und bellend und miauend auslachten, von denen Einer nachhernur halblaut sprach: Der „Dülpner“ hat es getroffen! Dasmal geht esgegendie Vernunft der Geistlichen, die Recht haben,widerden Kinderkreuzzug zu predigen. Was man alles erlebt: brecht ab! laßt das Wort fallen und zerstreut Euch im Saale!

Und sie folgten langsam und unauffällig.

Da brachten vier bewaffnete „Funken“ einen verwundeten Mann in den Saal getragen, „englisch“, wie man es nennt, auf Händen. Der Mann in prachtvoller Narrenkleidung hatte keine Maske vor, sowie die Meisten im Saale keine, aber sein Gesicht sah doch wie eine Larve aus mit der dicken zerschlagenen Nase, geschwollenen Lippen und übel zerzausetem Bart. Alle erkannten ihn dennoch sogleich und schon an dem Wappen der Familie seines Herrn, Sr. Gnaden des Erzbischofs, in dessen Palast man vor Gedränge den armen Mann nicht hatte bringen können. Wo er vorübergetragen wurde, machtensie ihm eine Gasse bis an die hintersten Tische, woran die Herren saßen, und alle erkannten ihn und riefen ihm im Vorübergetragenwerden zu: Ach, du unser redlicher lieber Justus Jost! da bist du einmal „stultus in partibus Insanorum“ gewesen! Du hilfst gern Allen; das ist auch eine Thorheit. „Die Klugen haben am meisten zu lernen; die Dummen brauchen nichts zu wissen.“

Die beiden Freunde gelangten hinter dem armen Mann her, und Raimund mit besonderm Interesse und aufsteigender guter Hoffnung. Denn der Jost, und richtig auchJustus Jost, war sein treuer lustiger Kamerad in der lustigen Jugend bei allen klugen und dummen Streichen gewesen, und hatte, wie er sah, sein vortreffliches Brot und das ehrenvollste wichtigste Amt durch seine höhere eigenthümliche Ausbildung gefunden, was Andern mit allem Ernst und aller Ernsthaftigkeit nur schwer oder selten und erbärmlich gelingt.

Einige der Herren standen sogar auf vor ihm, bedauerten und fragten ihn, was ihm fehle — und er zischte: O, ichhabees noch! Alles! und zeigte ihnen ein paar ausgeschlagene Zähne, und betupfte die Nase, und legte die Hand auf die Brust und sagte: ein folgsamer unschuldiger Stein traf sie mir nur! was will ich da sagen, als: memento mori! Und er lächelte mit dem entstellten Gesicht sehr freundlich und setzte noch hinzu: Auch die Welt sprech’ ich schuldlos, und gar erst nunden Willen der Dummenkann ich nicht schuldig finden vor tiefstem Mitleid. Dummheit verdient nur die grausame Strafe, klug zu werden.

Diese Narrengesinnung rührte seinen Jugendfreund Raimund, daß er zu ihm kniete, seine Hände faßte und drückte, ihm klar und hell in das Gesicht sah, und ihn frug: Mein Jost, mein Justus Jost, kennst du mich noch?

Ach du! Du! du kommst noch zur rechten Zeit — noch vor Morgen! sprach Jost.

Morgen will ich ja zu dir kommen und zu wann vergönnst du es mir? Ich habe dich Schweres zu bitten, sagte ihm Raimund leiser.

Ich weiß, ich weiß, antwortete ihm Jost. Aber da muß ich dich bitten: komme früh! das hat so seinesterblichenUrsachen! Nun habe ich dich doch wiedergesehen — dich losen guten Schelm! Ein Jeder hat seine letzte Freude.

Darauf hielten sie sich an den Händen stumm.

Der jüdische Doctor aber rieth, wenn er sich erholt und die Straße ohne Gefahr worden, ihn in den erzbischöftichen Palast zu bringen, daß ihm Hülfe geschehe.

Die vier bewaffneten „Funken“, die ihn hergetragen, und Andere, die ihnen gefolgt waren, sperrten indeß durch ihre Stellung den Kreis, wo die Herren saßen, und wo es nun stiller ward, indeß es ferner im Saal noch Gewirr gab.

Nun was meint Ihr, lieber von Hompesch, zu dem Angriff auf die Kirche? da das Volkdamit den Geistlichen glaubt an die Seele zu greifen; denn ohne Kirchen keine Kirche, ohne Hausrath kein Haus, ohne Geschäfte darin kein Leben, „das“ ist keine ganz alberne Meinung; was meint Ihr, da Ihr gerecht und billig seid gegen Freund und Feind? So fragte ihn ein anderer vornehmer Patricier.

Ich meine, lieber Riedesel, erwiderte der stattliche gediegene Mann, unsere Geistlichen hier zur Stadt wie umher zu Lande sind mir bewundernswürdige redliche Leute, die ihre Pflicht, dem Volk zu helfen und zu allem Guten seine Diener zu sein, selbst mit Gefahr, dafür Leiden zu ernten, unverzagt erfüllen. Das zeigen sie klar daran, daß sie jetzt in den Häusern von dem Kinderkreuzzug abreden, in den Kirchen davon mit Thränen abpredigen, und wagen damit selbst ihr Verbleiben in der Stadt — damit nicht die wol zwanzigtausend Kinder2)ausdem Rheinland und drüben aus dem nächsten Deutschland, — den Vätern und Müttern zum Gram in weiter nichts als unermeßliches Elend rennen!

Da sind aber Andere, die obschon gläubigen, zahlreichen, mächtigen Wollenweber oder Tuchmacher und Tuchknappen, die klüglich und vernünftig selber ihre Kinder zu Vernunft prügeln, die sie einsperren, um sie nicht zu den Umzügen und Processionen der Kinder laufen zu lassen, die sie zu fernen Anverwandten und Freunden, selbst bis nach Holland, bis Nürnberg und noch weiter heimlich fortführen, bis der alberne Sturmwind vorübergebraust; und was thun erst Alles die verschlossenen, unkennbaren „Reinen“ oder Ketzer, von denen unsere Stadt halb voll ist — was thun sie? Sie ergreifen jetzt, für jetzt und für die Folge, die Gelegenheit, die so vernünftige Geistlichkeit überhaupt bei demgläubigenVolke verhaßt zu machen, weil sie vernünftigsind. Ist so Etwas schon vorgekommen? Was meint Ihr dazu, unser alter Hardenberg.

Und der gelassene Alte sprach, aber leise: Ja! und wie verehrungswürdig und väterlich gegen alle seine Kinder, die ihm vom Himmel zur Erziehung anvertraut sind, erscheint da erst unser Heiliger Vater, der seinen Namen „der Unschuldige“ mit dreifachem Recht führt. Unschuldig war er am Kreuzzug. Hätte er ihnverboten, so hätte das Volk ihn für einen Türken gehalten, wol abgesetzt. Er dürfte noch keine Kirchthür an dem alten einfallenden Peter an einem Heiligentage verschließen, das Volk sprengte sie auf . . . nicht einer gemalten Muttergottes die Lichter vor ihrem Bilde an einer Straßenecke auslöschen lassen . . . nicht einem Büßenden sagen: „Lieber Freund, oder liebe Freundin, kein Mensch kann eine Sünde vergeben, und Priester sind Menschen. Geh’ reuig nach Hause und besseredich— undGottvergibtdie Sünden unerforschlicherweise.“ Seine Vorfahren wurden und waren nur mit aller Menschengewalt bekleidet, weil sie das Alles leiblich und zeitlich, und örtlich und hörbar, und sichtbar und fühlbar vor- und darstellten, wasdas Volkwollte, daß sie wären, und was es zu bedürfen schien, ja so wie es war, es wirklich bedurftein seinem rohen unbeholfenen Leben voll tausend Mängeln in tausend Angst und Noth. Einem solchen armen Volke die Priester nehmen, die heilige Messe austilgen, daß nicht Gottes lieber Sohn täglich für dasselbe geopfert würde und der Welt Sünden auf sich nehme, damit sie wieder fröhlich von frischem strebten, wie neugeborene Kinder,daswar unmöglich. Ohne letzte Oelung gab es keinen getrosten Tod, keinen Himmel; sie hätten gemeint in das Fegefeuer zu stürzen, unerlösbar ohne Fürbitten, und sterbend auf ewig vom Teufel geplagt in der Hölle zu schmachten unerlösbar.Wie wohlthätig ist solchen armen Seelen, so lange sie solche sind, ein göttlicher allmächtiger Stellvertreter Petri mit den Schlüsseln des Himmels auf Erden — und wie wohlthätig ein mächtiger Pfarrherr auf jedem Dorfe, ja nur eine Kapelle, weit umher zu sehen auf ihrem Berge ins Land hinaus —nur ein Glöcklein, das Abends Frieden ausduftet über das Land— und ein Kreuz am Wege, Tags im Sonnenschein, beglaubigt vom blauen Himmel droben, und des Nachts im Walde im Mondenschein, den verirrten Wanderer anleuchtend wie mit Gottes Auge, das getreu ihm zublinkt: „Sei getrost — ich bin da!“


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