2. Aus Manuskripten verschiedenen Alters

Der Hodscha erklärte es ihm: »Dieses Pferd ist gar wacker; es ist so schnell gelaufen, daß ich keine Zeit hatte, naß zu werden.«

Der Bei wies nun dem Pferde den ersten Platz in seinem Stalle an. Als er dann wieder einmal auf die Jagd reiten wollte, nahm er den ausgezeichneten Renner selber und gab dem Hodscha ein andres Pferd. Es fing wieder zu regnen an; jeder eilte davon, um sich ins Trockene zu bringen, und der Bei, der auf der Mähre zurückblieb, wurde bis auf die Haut durchnäßt. Wütendüber die Antwort, die ihm der Hodscha gegeben hatte, rief er ihn am nächsten Tage vor sich.

»Hältst du mich für deinesgleichen, daß du mich belogen hast?«

»Warum ärgerst du dich, Bei? Weißt du denn nicht, wie man es macht? Hättest du dich, wie ich es getan habe, ausgekleidet und wärest auf dem Pferde geblieben, so hättest du, als der Regen aufgehört hat, trockene Kleider gehabt.«

73.

EInes Tages ließ der Bei den Hodscha zum Dscherid74einladen. Nun besaß der Hodscha einen prächtigen Ochsen; den sattelte und bestieg er und kam also auf den Platz, wo der Dscherid stattfinden sollte. Alle lachten, als sie ihn sahen.

»Hodscha,« sagte der Bei, »das ist etwas neues, einen Ochsen reiten! Aber laufen kann er nicht.«

Der Hodscha erwiderte: »Ich habe ihn schon schneller laufen sehn als ein Pferd; und dabei war er damals erst ein Kalb.«

74.

EInes Tages lud Tamerlan den Hodscha Nasreddin zu einem Mahle ein; nach dem, was man ihm von ihm erzählt hatte, war er begierig geworden, sich seinem Gebete zu empfehlen.

»Tamerlan,« ließ er ihm sagen, »der aus seinem Lande gekommen ist, will Nutzen ziehn von deinen Gebeten und Segnungen. Komm zu ihm und du wirst die Zeichen seiner Hochachtung empfangen.« Und die Boten fügten bei: »Tamerlan wird dich mit Ehren überhäufen.«

Der Hodscha sagte: »Sei es, wie immer es will.« Und er stieg auf seinen Esel und sagte zu seinem Amad: »Komm mit zu Timur.«

Der folgte der Aufforderung und so begaben sie sich zu dem Tatarenherrscher. Sie trafen ihn sitzend, und er war höflich mit dem Hodscha und lud ihn ein, neben ihm niederzusitzen. Bald bemerkte Nasreddin, daß Timur, wie er so saß, seine Füße unter ein Kissen gesteckt hatte; da tat er ebenso die seinigen darunter. Dadurch fühlte sich Timur verletzt, und sein Ärger wuchs, je länger der Hodscha seine Füße neben den seinigen hatte. Und er sagte bei sich: »Sieh einmal, er will es mir gleichtun, mir, dem Padischah, und ohne sich zu entschuldigen!« Und er sagte zum Hodscha: »Was für ein Unterschied ist zwischen dir und deinem Esel?«

»Was für ein Unterschied,« erwiderte der Hodscha, »ist zwischen deiner Majestät und dem Kissen da?«

Der Zorn Timurs wuchs immerzu; und er hätte vielleicht den Hodscha mißhandelt, wenn nicht aufgetragen worden wäre.

Plötzlich nieste Timur mitten unter dem Mahle neben dem Hodscha oder besser auf ihn; da sagte der zu ihm: »Das ist unschicklich, Padischah.«

»Bei uns nicht,« antwortete Timur.

Gegen Ende des Mahles ließ der Hodscha einen lauten Furz. »Was du da machst,« sagte Timur, »ist das vielleicht nicht unschicklich?«

»Bei uns nicht,« sagte der Hodscha.

Als dann die Speisen weggenommen waren und man den Scherbet getrunken hatte, standder Hodscha auf, um heimzukehren. Und auf dem Wege sagte sein Amad zu ihm: »Aber Hodscha, warum hast du dich in der erhabenen Gegenwart des fremden Padischahs auf diese Weise betragen und sogar einen Furz gelassen?«

»Mach dir keine Sorgen,« antwortete der Hodscha. »Türkisch nennt man es ja so; aber in seiner Sprache bedeutet es gar nichts.«

75.

DEr Hodscha ließ einmal eine Gans braten und brachte sie dem Sultan; da er aber auf dem Wege Hunger bekam, riß er ihr einen Fuß aus und aß ihn. Dann trat er vor den Padischah und bot ihm die Gans dar.

Timurlenk merkte die Sache und sagte voller Zorn zu sich: »Der Hodscha macht sich lustig über mich.« Und er sagte zu ihm: »Wo ist denn der andere Fuß?«

»Hierzulande«, antwortete der Hodscha, »haben die Gänse nur ein Bein; wenn du mir nicht glaubst, so sieh dort bei dem Brunnen eine ganze Herde Gänse.«

Die standen nun wirklich alle nur auf einem Beine. Unverzüglich befahl Timur einem Paukenschläger, einen Wirbel zu schlagen. Der nahm die Klöppel und schlug zu, und die Gänse stellten sich auf ihre beiden Beine. »Schau,« sagte Timur, »jetzt haben sie zwei.«

»Mit den Klöppeln da«, antwortete der Hodscha, »könnte man sogar dich dazu bringen, auf allen vieren zu laufen.«

76.

ALs der Hodscha Kadi war, kamen zwei Leute zu ihm, und der eine sagte: »Der da hat mich ins Ohr gebissen.«

»Ich war es nicht,« sagte der andere; »er hat sich selber ins Ohr gebissen.«

Der Hodscha sagte: »Entfernt euch auf eine Weile; dann werde ich euch meine Entscheidung mitteilen.«

Sie gingen weg und er schloß sich augenblicklich ein und stellte allerhand Bemühungen an, sein Ohr zu erreichen und sich zu beißen. Seine Versuche endigten damit, daß er auf den Rücken fiel und sich den Kopf ein wenig verletzte. Er umwickelte ihn mit einem Stück Tuch und setzte sich wieder auf seinen Platz; die beiden Gegner kamen wieder vor ihn und nahmen ihren Streit von neuem auf.

Nun sagte der Hodscha: »Wisset, man kann sich nicht nur selber ins Ohr beißen, sondern sogar dabei fallen und sich den Kopf verletzen.«

77.

EInes Nachts hörte der Hodscha, der im Bette lag, einen Streit vor seiner Tür. »Steh auf, Weib,« sagte er, »und mach Licht; ich will nachsehn, was es gibt.«

Sie sagte: »Bleib doch.«

Aber ohne auf sie zu hören, nahm er die Bettdecke um und trat hinaus. Augenblicklich riß ihm einer von den Streitenden die Decke weg und machte sich damit davon. Vor Kälte zitternd kam der Hodscha wieder ins Haus und seine Frau sagte: »Worum ging denn der Streit?«

»Um die Bettdecke; als sie sie hatten, war der Zank zu Ende.«

78.

EInes Tages sagte die Frau des Hodschas zu ihm: »Trag das Kind ein bißchen herum; ich habe zu tun.«

Der Hodscha nahm das Kind auf den Arm, aber es dauerte nicht lange, so bepißte es ihn. Augenblicklich tat ihm der Hodscha dasselbe, so daß es durch und durch naß wurde. Als dann die Frau zurückkam, fragte sie ihn: »Warum hast du das getan?«

Und der Hodscha antwortete: »Hätte mich ein Fremder bepißt, so hätte ich ihm noch etwas ganz andres getan.«

79.

EInes Abends hatte die Frau des Hodschas seinen Kaftan gewaschen und ihn im Garten aufgehängt. In der Nacht glaubte nun der Hodscha, einen Mann zu sehn, der die Arme ausgebreitet habe; da sagte er zu seiner Frau: »Bring mir meinen Bogen und meine Pfeile.«

Die Frau brachte ihm das verlangte. Er nahm einen Pfeil und schoß ihn durch den Kaftan; dann schloß er die Tür und ging schlafen.

Am Morgen sah er, daß er seinen eigenen Kaftan durchbohrt hatte; »Gott sei Dank,« rief er aus, »daß ich nicht drinnen gesteckt habe; da wäre ich nun schon lange tot.«

80.

DEr Hodscha begab sich einmal, von seinen Molla begleitet, in seine Schule; da kam ihm der Einfall, sich auf seinen Esel verkehrt zu setzen und ihnen also voranzureiten. Und sie sagten: »Warum reitest du verkehrt, Hodscha?«

Er antwortete: »Wäre ich wie gewöhnlich aufgesessen, hätte ich euch den Rücken gezeigt; hätte ich euch vorangehn lassen, hätte ich euere Rücken gesehn: das beste ist wohl so, wie ich es gemacht habe.«

81.

DEr Hodscha lag einmal in der Nacht im Bette, als er auf dem Dache einen Dieb gehn hörte. Da wandte er sich zu seiner Frau und sagte zu ihr: »Als ich an einem der letzten Tage ins Haus wollte, habe ich ein Gebet gesprochen, die Mondstrahlen gefaßt und mich daran sanft heruntergelassen.«

Der Dieb auf dem Dache hörte diese Rede. Alsbald sprach er, wie der Hodscha gesagt hatte, ein Gebet und faßte die Mondstrahlen; und er fiel in die Hütte hinunter. Der Hodscha stand auf, packte ihn am Kragen und rief seiner Frau zu, sie solle ein Licht anzünden.

Nun sagte der Dieb: »Gemach, Effendi; dank deinem Gebete und meinem Witze werde ich dir wohl nicht so bald entlaufen können.«

82.

DEr Hodscha hatte einen alten Ochsen, dessen Hörner so weit voneinander abstanden, daß man hätte zwischen ihnen sitzen können; und so oft er ihn in der Herde sah, dachte er sich: »Wenn ich nur einmal zwischen seinen Hörnern sitzen könnte!«

Eines Tages legte sich nun der Ochs vor dem Hause nieder. Da sagte der Hodscha: »Die Gelegenheit ist da«, stieg ihm zwischen die Hörner und setzte sich nieder; aber der Ochs sprang auf und warf den Hodscha ab, und der blieb bewußtlos liegen. Sein Weib kam und er war noch immer bewußtlos; endlich kam er zu sich und er sah, wie sie weinte. Da sagte er: »Weine nicht, Weib; ich habe ja viel gelitten, aber ich habe mein Begehren gestillt.«

83.

EInmal schlich sich ein Dieb in das Haus; augenblicklich machte die Frau den Hodscha darauf aufmerksam. Aber der sagte: »Sei still; vielleicht läßt ihn Gott etwas finden, und das kann ich ihm dann nehmen.«

84.

SEine Frau sagte eines Tages zum Hodscha: »Du könntest ein wenig weggehn.«

Darauf ging er in die Stadt und kam nicht mehr heim. Es waren schon einige Tage vergangen, als er einem seiner Freunde begegnete, und zu dem sagte er: »Sei so gut und geh meine Frau fragen, ob das schon genug ist, oder ob ich noch weiter weg gehn soll.«

85.

ER lag eines Nachts neben seiner Frau, als er plötzlich rief: »Steh auf, Weib, und mach Licht; ich will einen Vers niederschreiben, der mir eingefallen ist.«

Die Frau stand auf, zündete Licht an und brachte ihm Tintenfaß und Kalam. Nachdem er den Vers niedergeschrieben hatte, bat sie ihn, ihn ihr vorzulesen.

»Paß auf,« sagte der Hodscha und las: »Zwischen einem grünen Blatte und einem schwarzen Huhn ist meine rote Nase.«

86.

DEr Hodscha war krank und einige Frauen kamen ihn besuchen; eine von ihnen sagte zu ihm: »Wenn du sterben solltest, wie möchtest du beweint werden?«

»So weit sind wir noch nicht,« antwortete er.

»Aber schließlich,« sagte eine andere, »wenn das Unglück doch einträfe, wie wäre es dir denn am liebsten, daß du beklagt würdest?«

Nun antwortete er: »Man soll mich also beklagen als einen Mann, der von den Weibern nie um etwas andres, als um albernes Zeug, gefragt worden ist.«

87.

SOoft der Hodscha eine Leber nach Hause brachte, zeigte sich seine Frau damit sehr zufrieden; wann es aber dann zum Nachtessen ging, setzte sie ihm eine Schüssel gekneteten Teigs vor. Da sagte er einmal zu ihr: »Sag, Weib, ich bringe dir alltäglich eine Leber; wohin kommt die?«

Sie antwortete: »Die Katze stiehlt alles.«

Kurz darauf wollte der Hodscha weggehn, und da verschloß er seine Axt in einer Truhe. Seine Frau sagte: »Was soll das?«

Er antwortete: »Ich tue es wegen der Katze.«

»Was hat die Katze mit der Axt zu schaffen?«

»Ja, wenn schon um zwei Asper Leber vor ihr nicht sicher ist, wie dann erst eine Axt um vierzig Asper?«

88.

DIe Frau des Hodscha wollte eines Tages ins Bad gehn. Nun besaß er nicht mehr als einen einzigen Asper, den er vor seiner Frau versteckt hatte. Und da sagte er zu ihr: »Warte doch noch eine Weile; ich fühle mich gar nicht wohl und werde bald sterben.« Und mit einem Blicke in den Winkel, wo der Asper lag: »Dort liegt dann mein ganzes Geld.«

89.

DEr Hodscha und seine Frau wollten einmal in einem Teiche ihre Wäsche waschen; sie waren gerade dabei, sie zu befeuchten und einzuseifen, als ein Rabe dahergeflogen kam, die Seife packte und wegflog. Die Frau rief: »Mann, komm, ein Rabe hat uns die Seife genommen.«

Aber der Hodscha sagte: »Schweig, Weib, das macht nichts, laß ihn sich doch waschen; er hat die Seife wahrlich nötiger als wir.«

90.

DEr Hodscha und seine Frau machten einmal miteinander aus, daß sie ihre eheliche Pflicht alle Freitage erfüllen wollten; als sie nun darüber einig waren, sagte der Hodscha: »Aber wie werde ich mich denn bei meinen Geschäften daran erinnern?«

Die Frau antwortete: »Ich werde dir allwöchentlich deinen Turban auf den großen Schrank legen; dann weißt du, daß es Freitag ist.«

Eines Tages, es war aber kein Freitag, gelüstete es die Frau; augenblicklich legte sie den Turban auf den Schrank. »Aber,« schrie der Hodscha, »heute ist doch nicht Freitag!«

»Freilich ist heute Freitag,« antwortete die Frau.

Da sagte der Hodscha: »Das geht nicht so weiter; entweder wartet der Freitag auf mich, oder ich auf den Freitag.«

91.

EInes Tages ging die Frau des Hodschas mit der eines Nachbars zum Bache, um Unterkleider zu waschen, und dorthin kam auch der Ajan75, der eben spazieren ging. Er trat näherzu den Frauen heran und sah sie an. Da sagte die Frau des Hodschas: »Was schaust du?«

Der Ajan antwortete: »Nach der Frau dessen, den man den Hodscha nennt.«

Am nächsten Tage ging er zu Nasreddin und fragte ihn: »Ist dieunddie Frau bei dir?«

»Ja.«

»Bringe sie mir her.«

»Wozu?«

»Ich habe eine Bitte, die ich besser ihr sage als dir.«

»Bitte nur einmal mich,« versetzte der Hodscha; »dann werde ich sie bitten.«

92.

MAn zeigte einmal dem Sohne des Hodschas einen Eierapfel und fragte ihn: »Was ist das?«

Der Knabe antwortete: »Das ist ein Kalb, das die Augen noch nicht offen hat.«

»Seht nur,« schrie der Hodscha, »das hat er von sich selber; ich habe es ihn nicht gelehrt.«

93.

EInes Tages kam ein Wagen, der nach Siwri-Hissar fuhr, beim Hause des Hodschas vorüber; sofort entschlossen, mitzufahren, lief er nackt heraus und dem Wagen nach, stieg auf und fuhr mit. Als sie in die Nähe Siwri-Hissars kamen, ließen die Mitfahrenden der ganzen Stadt die Ankunft des Hodschas verkünden. Die Einwohner kamen ihm entgegen; und als sie ihn nackt sahen, fragten sie ihn um den Grund.

Er sagte: »Ich liebe euch so, daß ich vor lauter Sehnsucht, euch zu sehn, vergessen habe, mich anzukleiden.«

94.

DEm Hodscha stieß es zu, daß er grindig wurde. Er ließ sich scheren und gab dem Barbier einen Asper.

In der nächsten Woche ließ er sich wieder scheren; als ihm dann der Barbier einen Spiegel reichte, sagte er: »Mein Kopf ist doch zur Hälfte grindig; könntest du dich nicht mit einem Asper für zweimal scheren begnügen?«

95.

EInes Tages ging der Hodscha mit einigen Leuten fischen; sie warfen das Netz aus, und augenblicklich sprang der Hodscha hinein. Da sagten sie: »Hodscha-Effendi, was hast du getan?«

Der Hodscha sagte: »Ich dachte, ich müsse den Fisch machen.«

96.

DIe Knaben in der Nachbarschaft sagten eines Tages untereinander: »Kommt, wir wollen machen, daß der Hodscha auf einen Baum steigt, und dann stehlen wir ihm die Schuhe.« Sie stellten sich also unter einen Baum und schrien: »Auf diesen Baum kann niemand steigen.«

Der Hodscha kam dazu und sagte: »Ich steige hinauf.«

Sie antworteten: »Du kannst es nicht.«

Der Hodscha steckte die Zipfel seines Gewandes in den Gürtel und seine Schuhe in den Sack und begann hinaufzuklettern.

Da sagten die Kinder: »Wozu nimmst du denn die Schuhe mit?«

Und er antwortete: »Vielleicht zweigt weiter oben ein Weg ab, der näher zu mir nach Hause ist; da will ich sie dann bei der Hand haben.«

97.

EInes Tages kam ein Bauer zum Hodscha und brachte ihm einen Hasen; der Hodscha behielt ihn über Nacht bei sich. Etwa vierzehn Tage später kamen mehrere Leute und baten den Hodscha um Gastfreundschaft; sie sagten: »Wir sind die Nachbarn des Mannes, der dir vorige Woche einen Hasen gebracht hat.«

Der Hodscha beherbergte sie gleichfalls, aber nicht ohne Widerstreben. Kaum waren einige Tage vergangen, als wieder Leute kamen und sich als Gäste anmeldeten; sie sagten: »Wir sind die Nachbarn der Nachbarn des Mannes, der dir einen Hasen gebracht hat.«

Der Hodscha nahm sie auf. Am Abende goß er ein wenig Wasser in eine Schüssel und setzte es ihnen vor; und mit den Worten: »Laßt es euch belieben« lud er sie ein, mit dem Mahle zu beginnen.

Sie aber sagten: »Was ist das, Hodscha? Das ist ja nichts zu essen; das ist doch klares Wasser.«

Der Hodscha antwortete: »Das ist die Tunke der Tunke des Hasen.«

98.

DEr Hodscha sah einmal eine Schildkröte. Er sagte sich: »Das Tier gäbe einen guten Träger«; damit packte er sie und hing sich an ihren Rücken. Die Schildkröte bemühte sich, ihn von ihrem Rücken herunterzubekommen.

Er aber sagte: »Rühre dich, rühre dich nur; so wirst du dich daran gewöhnen, deine Last zu tragen.«

Das ist ein Sprichwort geworden und ist weit und breit bekannt.

99.

DEr Hodscha machte einmal Hochzeit und ließ dazu Einladungen ergehn. Seine Nachbarn kamen und setzten sich zu Tisch, vergaßen aber, auch den Hodscha zu rufen. Geärgert darüber, schrie er sie an: »Nun, seid ihr noch nicht bald fertig?«

Als sie weggingen, suchten sie ihn lange vergeblich; sie folgten seiner Fußspur und fanden ihn endlich. Da sagten sie zu ihm: »Wo bleibst du? Komm doch endlich!«

Aber der Hodscha sagte: »Wer gegessen hat, mag auch mit der Braut zu Bette gehn.«

100.

DEr Hodscha unternahm einmal mit einer Karawane eine Reise in die Stadt; als halt gemacht wurde, banden alle ihre Pferde an. Am nächsten Morgen war nun der Hodscha außerstande, sein Pferd unter den andern herauszufinden. Alsbald nahm er Bogen und Pfeil und schrie: »Leute, ich habe mein Pferd verloren.«

Alle lachten und jeder nahm sein Pferd, und das eine, das so übrig blieb, erkannte der Hodscha leicht als das seinige. Er nahm den Bügel, setzte den rechten Fuß hinein und schwang sich in den Sattel; da saß er nun verkehrt, mit dem Gesichte zum Hinterteil des Pferdes. Und die andern schrien: »Aber Hodscha, warum steigst du verkehrt auf?«

Er antwortete: »Ich bin nicht verkehrt aufgestiegen; aber das Pferd scheint linkshändig zu sein.«

101.

DEr Hodscha hatte unter seinen Schülern einen Neger. Eines Tages goß nun der Hodscha das Tintenfaß über seine Kleider und ging so zurSchule; dort fragte man ihn: »Was hast du denn gemacht?«

Der Hodscha antwortete: »Ich habe mich verspätet, und da haben wir uns sehr beeilt, der arme Teufel von Neger und ich; er hat geschwitzt, und was ihr hier seht, ist sein Schweiß.«

102.

EInes Tages stieg der Hodscha auf die Kanzel und sagte: »Höret, Muselmanen, ich will euch einen Rat geben; wenn ihr Kinder bekommt, so gebt ihnen ja nicht den Namen Ejub76.«

Man fragte ihn, warum, und er sagte: »Weil die Leute immer Ejb77sagen.«

103.

ALs der Hodscha einmal seine Waschung vornahm, reichte das Wasser nicht aus. Er fing zu beten an, stand aber dabei nur auf einem Beine, wie es die Gänse tun. Man fragte ihn: »Was tust du?« und er antwortete: »Dieses Bein hat keine Waschung bekommen.«

104.

EInes Tages kam einer zum Hodscha, um bei ihm zu übernachten. Als es dunkel wurde, legte sich der Hodscha nieder, und einen Augenblick später löschte er das Licht aus. Da sagte der Fremde: »Das erloschene Licht steht rechts von dir; gib es mir her, damit ich es anzünde.«

»Bist du verrückt?« antwortete der Hodscha; »wie soll ich denn in der Finsternis wissen, wo rechts ist?«

105.

DEr Hodscha wurde einmal gefragt: »Unter welchem Sternbild bist du denn geboren?«

»Unter den Böcken.«

»Aber Hodscha, das gibt es ja gar nicht.«

»Als ich noch klein war, hat mir meine Mutter gesagt, ich sei unter den Zicklein geboren.«

»Nun, Zicklein sind doch keine Böcke.«

»Dummköpfe, die ihr seid! Seither sind doch wohl vierzig oder fünfzig Jahre vergangen; sind da die Zicklein vielleicht nicht zu Böcken geworden?«

106.

IN der Zeit, wo der Hodscha Hatib78war, hatte er einen Streit mit dem Unterbaschi79, und der starb, bevor sie sich versöhnt gehabt hätten. Als er nun begraben werden sollte, gingen die Leute zum Hodscha und sagten zu ihm: »Komm ihm, Effendi, die Anweisung erteilen80.«

Aber der Hodscha antwortete: »Das hat wenig Sinn; wer auf mich böse ist, achtet nicht auf meine Reden.«

107.

ES saßen zweie ihren Häusern gegenüber in einer Bude und plauderten miteinander; ihre Häuser stießen aneinander. Da kam ein Hund und machte seinen Kot mitten in die Straße vor ihren Häusern. Der eine sagte: »Das ist aufdeiner Seite.« Der andere sagte: »Es ist näher bei dir; du mußt es wegputzen.«

Der Streit wurde hitzig und sie gingen aufs Gericht; kaum waren sie dort, so kam auch der Hodscha hin, der den Kadi besuchen wollte. Und der Kadi sagte spöttisch zu ihm: »Hodscha, beschäftige du dich mit dem Streitfalle dieser Leute.«

Der Hodscha fragte sie: »Ist euere Straße eine Heerstraße?«

Der eine antwortete: »Freilich ja.«

»Dann«, sagte der Hodscha, »lautet mein Spruch, daß es weder an dir, noch an dir ist, den Kot wegzuputzen; das ist Sache des Kadis.«

108.

EInes Tages lief das Kalb des Hodschas brüllend bald hierhin, bald dorthin. Alsbald packte der Hodscha seinen Stock und schlug auf die Kuh los. Da sagten die Leute zu ihm: »Was hat denn die Kuh angestellt, daß du sie schlägst?«

»An allem ist sie schuld,« antwortete der Hodscha; »wüßte denn das Kalb, das erst jüngst zur Welt gekommen ist, überhaupt etwas, wenn sie es nicht unterwiesen hätte?«

109.

DEr Hodscha traf einmal, als er nach Derbend81ging, einen Schäfer; der fragte ihn: »Bist du ein Gesetzeskundiger?«

»Jawohl.«

»Nun denn, paß auf: allen deinesgleichen habeich eine Frage vorgelegt; aber warte einen Augenblick, damit wir einig werden: wenn du mir antworten kannst, so rede ich, wenn nicht, so sprechen wir gar nicht davon.«

Der Hodscha sagte: »Was ist deine Frage?«

»Also: anfangs ist der Mond klein; vierzehn Tage später wird er so groß wie ein Wagenrad, dann stirbt und verschwindet er. Hierauf kommt ein neuer und mit dem geht es ebenso. Was geschieht denn nun eigentlich mit den alten?«

Der Hodscha antwortete: »Das ist freilich eine schwierige Sache. Die alten Monde werden zerbrochen und man macht Blitze daraus: hast du noch nicht gesehn, wie sie, wann es donnert, zucken, ähnlich wie Schwerter?«

Der Schäfer anwortete: »Ausgezeichnet; du bist ein wahrer Weiser. Ich bin ganz und gar deiner Meinung.«

110.

ALs er einmal allein zu Hause war, grub der Hodscha ein Loch und verscharrte dort die kleine Summe Geldes, die sein Vermögen ausmachte. Dann ging er zur Tür, und dort sagte er sich: »Ich kenne den Platz; ich könnte mich daher selber bestehlen.« Er nahm also sein Geld wieder heraus und vergrub es an einer andern Stelle. Aber auch damit beruhigte er sich nicht; er kam und ging und sagte immerfort: »Das ist auch noch nicht das richtige.«

Nun war gegenüber von seinem Hause ein Hügel. Er ging in seinen Garten, schnitt sich dort eine Stange, tat sein Geld in ein Säckchen, band das oben an die Stange und pflanzte sie auf den Hügel. Dann stellte er sich unten hin, sahhinauf und sagte: »Die Menschen sind keine Vögel; dort oben kann es niemand erreichen: ich habe einen guten Ort gefunden.«

Aber ein schlechter Kerl hatte ihn beobachtet. Kaum hatte sich der Hodscha entfernt, so stieg der Kerl auf den Hügel, nahm das Säckchen von der Stange, beschmierte sie mit Kuhmist, pflanzte sie wieder auf und suchte das Weite.

Bald darauf brauchte der Hodscha Geld und lief zu seiner Stange; da sah er, daß das Geld weg war, während Spuren von Kuhmist über die Stange liefen. Und er schrie: »Ich habe gesagt, kein Mensch könne es dort oben erreichen, und jetzt ist eine Kuh hinaufgestiegen! Es ist wahrhaftig ein Wunder!« Und er sprach seinem Gelde das Totengebet: »Gottes Barmherzigkeit sei mit dir!«

111.

DEr Hodscha begegnete eines Tages auf seinem Heimwege einigen Taleb82, und zu denen sagte er: »Meine Herren, kommt zu mir essen, was es gerade gibt.«

Die Taleb sagten: »Recht gern,« und gingen mit dem Hodscha. Bei seinem Hause angelangt, lud er sie höflich ein, einzutreten; er ging in seinen Harem und sagte zu seiner Frau: »Weib, ich habe Gäste mitgebracht; gib uns Suppe.«

Sie antwortete: »Hast du etwas eingekauft und mitgebracht, daß du Suppe verlangst?«

Nun sagte er: »Gib mir also wenigstens die Suppenschüssel.«

Er nahm sie, ging damit zu seinen Gästen undsagte zu ihnen: »Entschuldigt mich, meine Herren, aber wenn wir Butter und Reis gehabt hätten, so hätte ich euch eine solche Schüssel voll Suppe vorgesetzt.«

112.

DEr Hodscha hatte einmal mit seiner Frau einen Streit; er ließ sie stehn und ging sich im Keller verstecken. Ein paar Tage später kam eine Sklavin des Hauses in den Keller und fand dort ihren Herrn.

Sie fragte ihn: »Was machst du da, Effendi?«

Und der Hodscha antwortete traurig: »Ich bin in die Verbannung gegangen und habe mich, um nicht mehr gequält zu werden, entschlossen, nie mehr in die Heimat zurückzukehren.«

113.

EInes Tages saß der Hodscha ruhig zu Hause; da hörte er einen an die Tür pochen. Er rief: »Was willst du?«

Der an der Tür, ein Bettler, sagte: »Komm herunter.«

Alsbald stieg der Hodscha herab und fragte ihn, was er wolle.

Der Bettler antwortete: »Ich bitte dich um ein Almosen.«

Der Hodscha sagte: »Komm mit mir herauf.« Und als der Bettler mit ihm hinaufgestiegen war, sagte er zu ihm: »Ich habe kein Geld.«

Da sagte der Bettler: »Aber Effendi, warum hast du mir den Bescheid nicht unten gegeben?«

»Und du,« versetzte der Hodscha, »warum hast du durchaus haben wollen, daß ich herunterkomme?«

114.

DIe Frau des Hodschas war in den Wehen; schon saß sie seit einem oder zwei Tagen auf dem Gebärstuhl, ohne entbinden zu können. Da riefen die Weiber zum Hodscha hinaus: »Effendi, weißt du kein Gebet, damit das Kind herauskommt?«

Eiligst lief der Hodscha zum Krämer und kaufte Nüsse; damit ging er heim und sagte: »Laßt mich hinein.« Und er schüttete die Nüsse vor dem Stuhle aus und sagte: »So; das Kind wird sie sehn und herauskommen, um damit zu spielen.«

115.

DEm Hodscha wollte einmal seine Frau einen Possen spielen und brachte die Suppe zu heiß auf den Tisch. Zufällig vergaß sie es aber und nahm selber einen Löffel davon und verbrannte sich den Schlund, so daß ihr die Tränen in die Augen kamen.

Der Hodscha sagte: »Was hast du Weib? ist die Suppe vielleicht zu heiß?«

»Ach nein, Effendi,« erwiderte sie, »aber mein verstorbener Vater hat so gern Suppe gegessen, und das ist mir eben eingefallen; und da habe ich weinen müssen.«

Der Hodscha, der ihr glaubte, nahm einen Löffel Suppe; er verbrannte sich den Schlund und begann zu weinen. Und seine Frau sagte: »Was hast du denn?«

Er antwortete: »Ich bin bekümmert, daß deine verfluchte Mutter dich nicht mitgenommen hat, als sie gestorben ist.«

116.

DIe Frau des Hodschas ging einmal eine Predigt hören. Als sie nach Hause kam, fragte er sie, was der Prediger gesagt habe, und sie antwortete: »Wenn einer seine eheliche Pflicht mit der Gattin erfüllt, so baut ihm der Allerhöchste einen Kiosk im Paradiese; und das tut er allen.«

Augenblicklich sagte der Hodscha: »Komm, wir wollen uns einen Kiosk im Paradiese bauen.«

Sie taten sich zusammen; aber einen Augenblick später sagte die Frau zu ihm: »Für dich hast du jetzt einen Kiosk gebaut; jetzt bau auch mir einen.«

Der Hodscha sagte: »Dir ist das freilich leicht; aber sei nur ruhig. Du möchtest dann nacheinander Kioske für jedes einzelne aus deiner Familie, und schließlich müßte das den Baumeister verdrießen; laß es gehn: für uns beide tut es auch einer.«

117.

DEr Hodscha begegnete eines Tages etlichen Softa und sagte zu ihnen: »Wenn es euch beliebt, so kommt zu mir.« Bei seinem Hause angekommen, bat er sie, einen Augenblick zu warten, während er hineingehe. Drinnen sagte er zu seinem Weibe: »Ich bitte dich, schaffe mir diese Leute vom Halse.«

Sie ging hinaus und sagte: »Der Hodscha ist noch nicht heimgekommen.«

Die Softa antworteten: »Er ist heimgekommen.«

Daraus entspann sich ein Streit. Endlich steckte der Hodscha, der von oben zuhörte, den Kopf zum Fenster hinaus und sagte: »Wie könntihr denn streiten? Vielleicht hat das Haus zwei Türen, so daß er wieder weggegangen ist.«

118.

DEm Hodscha wurde ein Sohn geboren und man sagte ihm: »Zerschneide du selber die Nabelschnur; deine Hand bringt Glück.«

Der Hodscha sagte: »Gern«; er zog an der Nabelschnur und riß alles aus, so daß ein Loch blieb.

Die Leute schrien: »Aber Effendi, was tust du?«

Er antwortete: »Wenn er anderswo kein Loch hat, so hat er jetzt wenigstens das da!«

119.

SEin Sohn sagte einmal zum Hodscha: »Ich weiß noch, Vater, wie du auf die Welt gekommen bist.«

Geärgert sagte die Mutter: »Was redest du da zusammen?«

Aber der Hodscha sagte: »Du bist nicht recht bei Trost, Frau; warum soll denn das der Knabe, der doch so gescheit ist, nicht wissen?«

120.

EInmal hatte sich der Kadi von Siwri-Hissar in der Trunkenheit in einem Weingarten schlafen gelegt. An demselben Tage ging der Hodscha mit seinem Amad spazieren und sie kamen auch zu diesem Weingarten. Als der Hodscha den betrunkenen Kadi sah, nahm er ihm den Mantel und zog ihn selber an; dann ging er.

Bei seinem Erwachen sah der Kadi, daß sein Mantel verschwunden war. Er ging zurück und übergab die Sache den Schergen des Gerichtes.Die bemerkten den Mantel auf dem Rücken des Hodschas; sofort griffen sie den Hodscha und führten ihn vor den Kadi.

»He, Hodscha,« sagte der Kadi, »woher hast du denn den Mantel da?«

Der Hodscha antwortete: »Ich bin mit meinem Amad spazieren gegangen; auf einmal hat er einen betrunkenen Würdenträger der Länge nach daliegen sehn mit unbedecktem Hintern. Mein Amad büßte zweimal seine Lust an ihm; dann nahm ich ihm den Mantel da und zog ihn an. Ist es der deine, so nimm ihn.«

»Geh nur,« schrie der Kadi, »es ist nicht der meinige.«

121.

EInes Tages streckte sich der Hodscha an dem Ufer eines Flusses hin, um zu schlafen; er tat aber dabei, als ob er tot wäre. Da kam einer vorbei und der fragte ihn: »Weißt du vielleicht, wo hier eine Furt ist?«

»Als ich noch lebendig gewesen bin,« antwortete der Hodscha, »bin ich immer dort durchgegangen; jetzt brauche ich mich nicht mehr um die Gelegenheit zu kümmern.«

122.

DEr Hodscha ließ sich eines Tages von einem ungeschickten Barbier rasieren, der ihn bei jeder Bewegung des Messers in den Kopf schnitt und ihm dann immer Baumwolle auflegte.

»Freund,« sagte der Hodscha zu ihm, »wenn du mir auf dem halben Kopfe Baumwolle anbaust, so will ich auf der andern Hälfte Flachs säen.«

123.

EInes Tages wurde der Hodscha als Zeuge geführt. Als sie ihn zum Kadi brachten, richtete der das Wort an den Hodscha und sagte: »Der Streit geht um Korn.«

Der Hodscha antwortete: »Die Sache, die ich bezeugen soll, dreht sich um Gerste.«

Seine Gesellen aber sagten: »Es ist aber Korn.«

»Dummköpfe, die ihr seid,« schrie nun der Hodscha; »wenn schon gelogen sein muß, was verschlägt es, ob es über Gerste oder über Korn geschieht?«

124.

DEr Hodscha ging eines Tages zum Brunnen, um Wasser zu schöpfen; da sah er drinnen das Spiegelbild des Mondes, als ob der hineingefallen wäre, und sagte: »Man muß ihn augenblicklich herausziehen.« Er nahm einen Strick, woran ein Haken befestigt war, und ließ ihn in den Brunnen hinunter.

Der Haken fing sich an einem Steine und der Strick riß, so daß der Hodscha auf den Rücken fiel; da sah er nun den Mond am Himmel. »Gott sei gelobt und gepriesen,« rief er aus; »ich habe mir ja wehgetan, aber wenigstens ist der Mond wieder an Ort und Stelle.«

125.

EInes Tages stieg der Hodscha in einem fremden Garten auf einen Aprikosenbaum, und der Eigentümer kam dazu; der sagte: »Was machst du da?«

»Siehst du denn nicht,« antwortete der Hodscha, »daß ich eine Nachtigall bin? Ich singe.«

»Gut,« sagte der andere, »singe also; ich will dir zuhören.«

Der Hodscha begann zu singen, und der Gartenbesitzer sagte unter schallendem Gelächter: »Ein nettes Gezwitscher.«

Der Hodscha antwortete: »Eine ungelernte Nachtigall singt nicht anders.«

126.

DEm Hodscha entlief einmal ein Sklave; trotz emsigen Nachforschungen konnte der Hodscha keine Spur von ihm entdecken und kam heim, ohne daß ihm noch eine Hoffnung, ihn zu finden, geblieben wäre. Und seine Frau fragte ihn: »Hodscha, wohin ist denn der Sklave gegangen?«

Der Hodscha antwortete: »Es ist einerlei, wo er ist und wohin er fliehen wird: mein Sklave bleibt er doch; wäre er aber nicht weggelaufen, so hätte ich ihn freigelassen. Schaden hat er sich nur selber getan.«

127.

DEr Hodscha stand eines Tages an dem Fuße des Minarets einer heiligen Moschee, und man fragte ihn: »Was ist das?«

Nun betrachtete der Hodscha das Minaret aufmerksam und sagte: »Früher war es ein Brunnen; jetzt hat man ihn geräumt, um ihn auszutrocknen, und hat ihn dann aufgestellt.«

So berichten es die Nachbarn.

128.

DEm Hodscha wurde einmal ein gesalzener Käse gestohlen; augenblicklich lief er zum Quellbrunnen. Man fragte ihn: »Was suchst du denn hier in solcher Hast?«

Der Hodscha antwortete: »Hierher kommt man allemal, sobald man gesalzenen Käse gegessen hat; ich tue es selber. So wird auch mein Dieb, wann er ihn gegessen hat, nicht verfehlen, ungesäumt herzukommen.«

129.

EIn andermal legte man dem Hodscha Nasreddin-Effendi eine Frage über den Aprikosenbaum vor; »Was ist das für ein Baum?« fragte man ihn.

»Ursprünglich«, antwortete der Hodscha, »trug er Eier; dann hat ihn der Hagel hart getroffen und das weiße heruntergeschlagen, so daß das gelbe bloß geblieben ist, wie ihr es jetzt seht.«

130.

DEr Hodscha Nasreddin spielte gut Schach und gab gelegentlich gern den Spielern Ratschläge; einmal aber ärgerte er sich und schwur, seine Frau zu verstoßen, wenn er sich wieder mit seinen Ratschlägen einmengen werde. Ein paar Tage darauf kam er auf seinem Spaziergange an einen Ort, wo gerade ein Spiel im Gange war; er trat näher und sah zu, und nun bemerkte er, daß der eine Spieler hätte anders ziehen sollen, als er getan hatte. Da riß ihm auch schon die Geduld und er sagte: »Aber Mensch, stell doch deine Königin auf das nächste Feld, und du gibst ein Matt.«

Da sagten die Leute dort: »Wieso getraust du dich zu reden, Hodscha? hast du nicht geschworen, deine Frau zu verstoßen, wenn dir das geschehn sollte?«

Der Hodscha antwortete: »Es war nur im Scherze, daß ich dreingeredet habe; geheiratet habe ich übrigens auch nicht anders.«

131.

EInes Tages saß der Hodscha unter einer großen Pappel, und man fragte ihn: »Was für ein Baum ist das?«

Der Hodscha sah in die Höhe und sagte: »Wie schön der Baum ist!«

In demselben Augenblicke ließ ein Rabe, der oben saß, seinen Kot auf den Hodscha fallen;der sah nach und fand, daß es etwas weißes war. Nun nahm er das Gespräch wieder auf und sagte: »Ihr wißt also nicht, was für ein Baum das ist?«

Die andern sagten: »Nein.«

Und er sagte: »Also seht mich an: es ist ein Quarkbaum.«

132.

DEm Hodscha wurde einmal die Frage vorgelegt: »Ist es wahr, daß die Weihe ein Jahr ein Männchen und das nächste Jahr ein Weibchen ist?«

»Meine lieben Freunde,« antwortete er, »da müßt ihr einen fragen, der zwei Jahre lang eine Weihe gewesen ist.«

133.

DEr Hodscha wurde gefragt: »Welche Musik ist dir am liebsten?«

Er antwortete: »Die der Teller und Schüsseln.«

134.

DIe Überlieferung berichtet, daß der Hodscha tief gelehrt war in allen Wissenschaften, und daß sich daher viele Leute von ihm unterrichten ließen. Allwege aber war seine Gewohnheit, die, die im Koran lesen zu lernen verlangten, das zu lehren; aber er weigerte sich, jemand in einem andern Buche lesen zu lehren.

Die Schüler richteten sich nach seiner Weise und verlangten nur im Koran zu lesen. Wann sie dann einmal wußten, wie man liest, konnten sie, wenn sie wollten, gleichgültig in welchem Buche lesen. Diese Art der Unterweisung war wahrhaftig die gute.

135.

MAn erzählt, daß der Hodscha einmal einen Schuldner hatte. Als er ihm eines Tages begegnete, hielt er ihn an und packte ihn am Kragen, indem er zu ihm sagte: »Gib mir mein Geld.«

In diesem Augenblicke kam einer dazu, und der wollte ihn, um den Schuldner zu befreien, übertölpeln und sagte: »Das ist ja gar nicht der, der dir schuldig ist; das bin ja ich.«

Aber der Hodscha drehte dieses Bekenntnis sofort zu seinem Vorteile und sagte zu dem Ankömmling: »Du bist nicht der einzige, von dem ich etwas zu fordern habe; der da ist mir auch schuldig.«

136.

MAn erzählt, daß eines Tages ein Mann zum Hodscha gekommen ist und zu ihm gesagt hat: »Hodscha, mein Auge schmerzt mich fürchterlich; was soll ich denn tun?«

»Reiß es dir aus,« antwortete der Hodscha, »und du wirst Ruhe haben.«

»Aber Hodscha, ein Auge nimmt man sich doch nicht heraus.«

»Ich schwöre dir,« antwortete der Hodscha, »neulich hat mir ein Zahn wehgetan, und ich habe nicht früher Ruhe gehabt, als bis er ausgerissen war.«

137.

DEr Hodscha hatte einmal eine solche Menge Flöhe im Hause, daß er es endlich nicht mehr aushielt und das Feld räumte. Bald darauf sah er sein Haus von einem Brande verzehrt und von den Flammen vernichtet; darüber freute er sich, klatschte in die Hände und schrie: »DasHaus ist verbrannt! Endlich bin ich die Flöhe und die Mäuse los.«

Und bei diesen Worten lachte er aus vollem Halse.

138.

ALs der Hodscha einmal von Land zu Land reiste, bemerkte er eine große Schar von Frauen, die in Reihen hintereinander daherkamen. Er ging näher hin und fragte, was es gebe.

Man antwortete ihm: »Sie gehn eine Braut einholen. Das Mädchen und der Mann da, die von den Frauen umgeben sind, sollen heute Nacht ihre Sehnsucht stillen.«

»Allah, Allah,« rief nun der Hodscha, »ich habe viele Länder durchwandert, aber noch nie habe ich eins gefunden, wo es so viel Kuppler gäbe wie hier.«

139.

MAn erzählt, daß der Hodscha am Tage auf seinem Felde Lauch gepflanzt, ihn aber bei Anbruch der Nacht wieder herausgezogen hat. Die Leute merkten das, und man fragte den Hodscha, warum er so tue.

Er antwortete: »Heißt es denn nicht, daß man seine Schätze unter seinem Kissen verwahren soll?«

140.

EInes Tages wurde der Hodscha gefragt: »Warum halten sich von den Bewohnern dieser Erde die einen an dem einen Orte auf und die andern an einem andern, anstatt daß sie alle an demselben Orte verweilten?«

»Was, das versteht ihr nicht?« rief der Hodscha; »wenn sich alle Bewohner der Erde an einem Punkte vereinigten, würde die Seite, wohin sie gingen, das Übergewicht bekommen und sie würden herunterpurzeln.«

141.

ALs der Hodscha einmal auf der Wanderschaft war, bemerkte er in der Ferne eine Anzahl Leute auf seinem Wege; waren es vielleicht Räuber? In seiner Nähe war ein Grab. Hastig entkleidete er sich, steckte seine Kleider in die Höhlung des Grabmals und legte sich unten auf den Grabstein nieder. Die Reisenden kamen heran und sahen einen nackten Mann, ausgestreckt auf dem Steine. Und sie sagten zu ihm:

»Wer bist du, Freund?«

Der Hodscha antwortete: »Ich bin ein Toter.«

»Und was machst du da?«

»Aus Angst vor den Frageengeln bin ich geflüchtet.«

142.

DEr Hodscha hatte ein schwarzes Huhn, und das trug er einmal auf den Markt, um es zu verkaufen. Es kam einer und sagte: »Wenn das Huhn da weiß wäre, hätte ich es gekauft.«

Der Hodscha antwortete: »Komme morgen wieder, und ich werde dir ein weißes geben.« Der Käufer war damit einverstanden und ging weg.

Auf dem Rückwege kaufte der Hodscha zwei Stück Seife; daheim erhitzte er dann Wasser in einem Kessel und begann das Huhn zu waschen. Damit plagte er sich, bis die Seife verbraucht war; aber er stellte fest, daß die Farbe des Huhnsauch nicht ein bißchen heller geworden war. Geärgert schrie er: »Nach dem, was ich sehe, hat der Färber wahrlich die Farbe nicht gespart! Ein wackerer Mann, der es gefärbt hat!«

143.

NAsreddin hatte von einem zehn Gänse übernommen, um sie aufs Feld zu treiben; als er sie nun weiden ließ, verlor sich eine davon. Als das Ende des Monats gekommen war, ging der Hodscha seinen Lohn fordern. Aber der Eigentümer sagte: »Da fehlt ja eine Gans; was ists mit ihr?«

Der Hodscha zählte sie und sagte: »Sieh doch, es sind ja zehn.«

Nun zählte sie der andere und fand, daß es nur neun waren. Es entstand ein großer Streit zwischen ihnen und schließlich sagte der Hodscha: »Um zu einem Ende zu kommen, wollen wir zehn Leute holen und sie zu den Gänsen bringen; jeder nimmt eine, und wenn es sich zeigt, daß jeder eine hat, so ist alles in Ordnung.«

Der Eigentümer der Gänse nahm den Vorschlag an: es geschah alles, wie es gesagt worden war, und einer blieb ohne Gans. Der wandte sich zum Hodscha: »Schau, für mich ist keine geblieben; was sollen wir da tun?«

»Ja, Freund,« antwortete der Hodscha, »du hättest eben eine nehmen sollen, solange ihrer da waren.«

144.

EInes Tages kam man dem Hodscha sagen, daß ein Schüler ertrinke, und fragte ihn: »Wie sollen wir es anstellen, um ihn aus dem Wasser zu ziehen?«

Der Hodscha antwortete: »Einer von euch wird doch einen Geldbeutel haben; den zeigt dem Ertrinkenden: er wird glauben, ihr wollt ihm Geld geben, und wird herauskommen.«

145.

ALs der Hodscha einmal über den Markt schlenderte, fand er einen Asper. Er hob ihn auf, stellte sich auf einen höhern Ort und sagte: »Warum hören die Leute nicht auf, zu kommen und zu gehn? es ist wirklich sonderbar; der verlorene Asper ist ja schon wieder gefunden.«

146.

ALs der Hodscha eines Tages auf den Markt gehn sollte, umringten ihn seine Knaben und begannen ihn jeder um eine Flöte zu bitten; »Lieber Hodscha,« schrie der eine, »bring mir eine Flöte mit«, und »Bring mir eine Flöte mit«, sagte der andere.

»Jawohl, ihr Schlingel,« antwortete er ihnen; »ich werde sie euch mitbringen, Kinder.«

Unterdessen hatte ihm einer zugleich mit den Worten: »Bring mir eine Flöte mit« einen Asper gegeben; nun schrie der Hodscha: »Du bist es, der die Flöte blasen wird.«

147.

EIner kam zum Hodscha und sagte zu ihm: »Hodscha, derundder hat in der Fastenzeit gegessen.«

»So?« sagte der Hodscha; »und unterm Essen hat ihn wohl jemand eingeladen?«

148.

DEr Hodscha wollte auf seinen Esel steigen; er erhob sich und versuchte sich in den Sattel zu schwingen, aber er fiel auf der andernSeite herunter. Die Kinder, die um ihn herum waren, begannen zu lachen.

Da sagte der Hodscha: »Warum lacht ihr, Schlingel? früher war ich auf dem Boden, jetzt bin ich es wieder: das ist das ganze.«

149.

EInes Tages kamen Leute zum Hodscha und erzählten ihm, daß ein Mann auf einen Baum geklettert sei und nicht herabsteigen könne; darauf sagte er: »Habt ihr einen Strick? bringt ihn her.«

»Freilich haben wir einen,« antworteten sie und brachten ihn. Der Hodscha band ein Ende an die Hüften des Mannes; das andere gab er einem Kerl in die Hand, der dran ziehen sollte, und schrie: »Jetzt zieh!« Der Mann, der oben saß, fiel herunter und starb. Nun schrie das Volk: »Hodscha, was hast du getan?« Er antwortete: »Holt einen Richter.« Sie gingen weg und brachten einen Richter.

Der Richter sagte: »Hodscha, mit dem hat es ein böses Ende genommen; es ist alles aus. Mit einem Wort, er ist tot.«

»Aber Herr,« sagte der Hodscha, »er hat einen dicken Bauch; sieh doch nach, ob er nicht etwa schwanger ist.«

150.

EInes Tages sprach der Hodscha bei sich: »Wieso kommt es denn, daß alle diese Bäume Früchte bringen und ich nicht? Sicherlich würde auch ich, wenn man mich einpflanzte, Früchte tragen.« Er sagte zu einigen Bauern: »Steckt mich in die Erde.« Und er zwang sie, ihm zu gehorchen.

Sie führten also den Hodscha an eine feuchte Stelle und steckten ihn mit den Füßen in die Erde. Als dann die Bauern gegangen waren, hielt sich der Hodscha dort eine Weile; bald aber begann ihn zu frieren und er sagte: »Das gefällt mir nicht.« Er strengte sich also an, sich loszumachen, und mit schwerer Mühe gelang es ihm. Er kam ins Dorf, und die Bauern sagten: »Wie schnell du Frucht getragen hast, Hodscha! Aber wo ist die Frucht?«

»Gewachsen ist sie ja schnell,« antwortete der Hodscha, »aber sie hat so viel Frost gelitten, daß sie abgefallen ist.«

151.

EInes Tages stieg der Hodscha im Gebirge auf einen Baum. Während er die Äste abhackte, sah er nach allen Seiten herum, und da bemerkte er mehrere Züge Kamele, die auf ihn zukamen. Alsbald rief er die Kameltreiber von oben an: »Haltet, ich bitte euch; ich muß mit euch sprechen.«

Die Kameltreiber hielten und er stieg vom Baume und wandte sich zu ihnen: »Ich ersuche euch inständigst, ganz langsam vorbeizuziehn.«

»Wozu sagst du das? Was ist dein Grund?«

»Nun, meine Herren, es ist zu befürchten, daß euere Kamele, die noch nie ein Gebirge gesehn haben, erschrecken und an den Baum anlaufen, auf dem ich bin, und mich also herunterwerfen.«


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