Der antwortete: »Du sollst nicht Mann sagen; du mußt Bote sagen.«
Nach einer kleinen Weile sagte der Hodscha, sich über seinen Esel beklagend: »Da schau einer dieses Füllen an!«
Der andere sagte: »Das ist kein Füllen; das ist ein ausgewachsener Eselshengst.«
Und der Hodscha antwortete: »Ich habe meine Gründe, ihn nicht Esel zu nennen; mein Vater hat uns nämlich miteinander aufgezogen.«
270.
DEr Hodscha nahm eines Tages den Esel seines Nachbars und ging mit ihm ins Gebirge. Auf dem Wege kam er an einen Fluß, der über die Ufer getreten war; er versuchte ihn auf dem Esel reitend zu übersetzen, aber die Strömung packte den Esel und er konnte ihn nicht retten.
Als er betrübt heimkam, fand sich der Eigentümer des Esels bei ihm ein und forderte ihn zurück. Und der Hodscha sagte: »Als ich über denundden Fluß setzte, hat ihn die Strömung mit sich fortgerissen.«
Der Herr des Esels ging weg, aber bald darauf wurde der Hodscha zum Kadi gerufen; und dem antwortete er: »Effendi, um diesen Esel wiederzubekommen, heißt es sich an unsere Freunde wenden; der eine hat den Kopf, der andere den Schwanz und so weiter.«
271.
EInes Tages sah der Hodscha auf dem Markte eine Frau; er trat auf sie zu und fragte sie: »Was hast du zu verkaufen?«
»Was ich auf dem Rücken trage.«
»Willst du nicht vielleicht einen tüchtigen Schwanz kaufen?«
Sie schrie: »Du bist wahrhaftig verrückt!«
Aber der Hodscha antwortete, ohne irgendwie ungehalten zu sein: »Glaub es mir: wenn du keinen Schwanz kaufen und kein Loch verkaufen willst, so hast du auf dem Markte nichts zu tun.«
272.
EInes Tages stieg der Hodscha auf die Kanzel und sagte: »Danken wir Gott, Muselmanen, daß er sich in seiner Allmacht einen Palast hat erbauen können ohne Säulen; denn sonst hätte er Steinbäume gebraucht, und deren Früchte hätten uns, je nachdem sie reif geworden wären, beim Herunterfallen erschlagen.«
273.
ALs der Hodscha einmal seine Straße ging, fand er ein totes Huhn auf dem Wege liegen. Augenblicklich hob er es auf; er trug es heim, rupfte und kochte es und setzte es auf den Tisch. Da schrien die Leute, die dabei waren: »Aber Hodscha, das Huhn ist unrein; es hat ja sein Leben nicht durch die Hand eines Menschen verloren.«
»Ihr Narren,« schrie der Hodscha, »soll es denn unrein sein, weil es Gott getötet hat und nicht ihr?«
274.
EIner von den Nachbarn des Hodschas Nasreddin war gestorben, und die andern luden den Hodscha ein, die vorgeschriebenen Bräuche zu vollziehen. Er sagte bereitwillig zu; er begleitete sie, der Tote wurde gewaschen, ins Leichentuch gehüllt und auf den Friedhof getragen und nach dem Gebete legte man ihn insGrab. Als sich dann die Leute anschickten, wegzugehn, sagte der Hodscha: »Bezahlt mir, was mir für das Begräbnis zukommt.«
»Das ist billig,« sagten sie.
Sie befriedigten ihn und zerstreuten sich. Als aber jeder zu seinem Geschäfte zurückgekehrt war, band er den Sarg zusammen und trug ihn zu einem Flusse und ließ ihn dort; bald erfaßte ihn die Strömung und riß ihn fort. Unterdessen ging der Hodscha im ganzen Viertel herum und sagte: »Der Mann war reich an geheimen Verdiensten; er hat, tot, wie er war, samt seinem Sarge das Grab verlassen und ist zum Himmel gefahren.«
Jedermann glaubte es und traute seinen Worten, bis eines Tages einer von den Dorfleuten von ungefähr einen Sarg sah, der an das Ufer getrieben war; andere Leute kamen dazu, und sie nahmen den Sarg aus dem Wasser, und bald wußten sie, woran sie waren. Da sagten sie: »Morgen verlangen wir vom Hodscha das Geld für das Begräbnis zurück; mindestens muß er etwas nachlassen.«
Sie gingen zu ihm und setzten ihm ihre Forderung umständlich auseinander; aber der Hodscha antwortete ihnen, ohne sich erst zu bedenken: »Gott hat ihn zuerst für einen guten Menschen gehalten, aber er hat sich getäuscht; als er dann seinen Irrtum inne geworden ist, hat er ihn wieder heruntergeworfen.«
275.
EInes Tages kamen etliche Frauen an das Ufer eines Flusses, und sie wußten nicht, wie sie auf die andere Seite hinübergelangen sollten. Dakam der Hodscha heran, und der fragte sie: »Worauf wartet ihr?«
Sie antworteten: »Wenn du uns hinüberbringst, geben wir dir jede einen Asper.«
Augenblicklich legte der Hodscha Kleider und Hosen ab und stieg ins Wasser; und er trug eine nach der andern hinüber. Schließlich blieb nur noch eine alte Frau; die aber fühlte, wie er sie von dem einen Ufer ans andere trug, daß sie ein Gelüst ankam, und so sagte sie zu ihm: »Mir sind verliebte Gedanken gekommen, ich muß es schon gestehn; weißt du, wer ich bin, Hodscha?«
»Nun wer denn?«
»Ich bin die Mutter der Lust.«
»Und wenn du die Mutter des Imams wärest,« antwortete der Hodscha, »so würde mich das nicht abhalten, dich herzunehmen wie einen Mann.«
Er entblößte sie, brachte sie in die richtige Stellung und besprang sie verwegen; und mitten darin ließ er einen Wind. Sie sagte: »Was machst du da, Hodscha?«
Er antwortete: »Vor eitel Lust an dem, was du mir geöffnet hast, habe ich es an mir auch geöffnet.«
276.
ALs der Hodscha eines Tages mit seiner Frau einen Fluß entlang ging, fiel sie ins Wasser, und die Strömung riß sie fort. Augenblicklich begann der Hodscha flußaufwärts zu laufen; das fiel den Leuten auf und sie fragten ihn: »Was suchst du, Hodscha?«
»Meine Frau; sie ist ins Wasser gefallen.«
»Aber Effendi,« erwiderten sie, »flußaufwärtsdarfst du sie doch nicht suchen; der Fluß fließt ja hinunter und nimmt sie mit.«
»O nein,« schrie der Hodscha; »meine Frau hatte ein so widerspenstiges Wesen, daß sie entschieden aufwärts treibt.«
277.
EInmal hatte der Hodscha Nasreddin aus Ochsenfleisch Würste gemacht; aber es vergingen zwei oder drei Tage, ohne daß er auch nur etliche verkauft hätte, und so warf er sie alle den Hunden hin und sagte zu diesen: »In einem Monat werdet ihr mich bezahlen.« Als dann der Monat um war, fing er die Hunde und sperrte sie in einen Garten, um sie zur Zahlung zu zwingen.
Und man fragte den Hodscha: »Was willst du von ihnen? es ist doch unerhört, Hunde einzusperren, damit sie zahlen.«
»Sie haben meine Würste gegessen; warum soll ich nicht mit ihnen verfahren, wie es mein Recht ist?«
Nach einigen auf diese Weise verbrachten Tagen begannen die Hunde unter dem Stachel des Hungers unruhig zu werden; und der Hodscha schrie: »Nur Geduld! wir werden schon sehn, wie sie sich aus der Sache ziehen werden.«
Nun war in dem Garten ein großer Stein, unter dem irgendjemand einen Topf voll Goldstücke verborgen hatte. Diesen Stein schob ein Hund bei seinen Bemühungen, etwas für seine Zähne zu finden, weg und warf dabei den Topf um, so daß der zerbrach; das Gold ergoß sich auf den Boden.
Der Hodscha las die Münzen auf; dann entließ er die Hunde und schrie: »Ach, die armen Kerle: ich hab ihre Ehrlichkeit ungerecht in Verdacht gehabt; aber warum haben sie mich nicht zur Frist bezahlt?«
278.
EInes Tages sagte sich der Hodscha, als er auf den Markt ging: »Es heißt achtgeben, daß ich nicht bestohlen werde«; und er tat seine Kürbisse in einen Sack und warf ihn über seine Schultern. Auf dem Markte angelangt sah er nun vor ihm einen Mann gehn, der früher hinter ihm gegangen war, und der trug auf dem Rücken einen Sack mit Kürbissen, der ebenso aussah wie der seinige. Da fragte er sich: »Wenn der, der da vorne geht, nicht ich bin, wer kann es dann sein? Wahrhaftig, ich verstehe es nicht.«
279.
ALs der Hodscha eines Tages öffentlich das Morgengebet sprach und zu der Lobpreisung Gottes kam, stellte er sich aufrecht hin und verkündete zwei- oder dreimal mit geläufiger Zunge die Anrufung: »Allah ist groß!« Da er aber auch dann nicht aufhörte, diese Worte immer wieder zu wiederholen, schrie endlich einer: »Aber Hodscha, beim Morgengebete sollen doch nach der Anrufung, die du sprichst, zwei Verse aus der Überlieferung und zwei Gebote hergesagt werden; warum wiederholst du immerfort die Anrufung?«
»Tue ich es öfter, als es nötig wäre,« antwortete der Hodscha, »so bleibt eben Gott für das übrige mein Schuldner.«
280.
DEr Hodscha brachte eines Tages eine Schüssel Joghurt auf den Markt, um sie zu verkaufen. Nun kamen ganze Wolken von Fliegenund setzten sich auf den Joghurt; da es ihm nicht gelang, sie zu verjagen, ging er zum Kadi, um gegen sie Klage zu führen, und der Kadi sagte zu ihm: »Nimm einen Schlägel und schlag die Fliegen tot, wo immer sie sitzen.«
Der Hodscha holte sich einen Schlägel, ging damit wieder zum Kadi und sagte zu ihm: »Effendi, ist das ein richtiger Fliegenschlägel?«
»Freilich,« antwortete der Kadi; »der ist wahrhaftig geeignet, sie überall zu vertilgen, wohin sie sich setzen.«
Just in diesem Augenblicke liefen etliche Fliegen über den Kopf des Kadis; kaum sah sie der Hodscha, als er sie auch schon mit seinem Schlägel auf dem Kopfe des Kadis erschlug, wobei freilich auch der Kadi tot auf dem Platze blieb. Alsbald wurde der Hodscha verhaftet, und die Leute, die dort waren, fragten ihn: »Warum hast du unsern Kadi getötet?«
Und der Hodscha antwortete: »Wenn ich das Gesetz auch nur in einem Punkte verletzt habe, so lasse man mich die Strafe der Vergeltung erleiden.«
Sie führten ihn dem Mufti vor und dem sagte er: »Er hat mir gesagt, ich solle mit diesem Schlägel die Fliegen erschlagen, wo immer es sei; ich habe ihrer einige auf seinem eigenen Kopfe gesehn und habe sie erschlagen: er darf also, wenn er gestorben ist, niemand verantwortlich machen, als sich selber. Übrigens geschieht nichts, ohne daß es Gott zuließe. Das ist es, was ich vorzubringen habe.«
»Wo hast du denn schon«, fragte ihn der Mufti, »eine solche Rechtsprechung gesehn?Weißt du nicht, daß geschrieben steht: ›Wo keine böse Absicht ist, kann es keine Züchtigung geben?‹«
»Das ist es ja gerade, was mich rechtfertigt,« antwortete der Hodscha; »man hätte wahrhaftig keine Schriftstelle finden können, die mir günstiger gewesen wäre!«
281.
DEr Hodscha ging eines Tages ins Gebirge und belud seinen Esel mit Holz; dann sagte er zu ihm: »Nimm du diesen Weg, ich nehme den da.« Damit überließ er den Esel sich selber samt der Last, die er trug.
Als er nach einem eilig zurückgelegten Marsche nach Hause kam, fragte er seine Frau, ob der Esel schon daheim sei; aber sie sagte: »Ich weiß nichts von ihm.«
»Was?« sagte der Hodscha; »ich bin also zuerst gekommen?«
Er ging auf dem nämlichen Wege zurück und fand seinen Esel dort weiden, wo er ihn verlassen hatte; weiter mußte er sehn, daß ein Mantel, den er ihm auf den Rücken gelegt hatte, fehlte: man hatte ihn gestohlen. Da schrie er den Esel an: »He, wo ist mein Mantel? du bists, mit dem ich rede!«
Aber der Esel antwortete nichts — noch nie hat ja ein Tier gesprochen. Nun nahm ihm der Hodscha den Sattel vom Rücken und sagte: »Wenn du mir meinen Mantel zurückgibst, gebe ich dir auch deinen Sattel wieder.«
282.
DEr Hodscha kaufte einen Neger; dann kaufte er neun Stück Seife, um ihn damit weißzuwaschen. Er führte ihn ins Bad und verwusch dieneun Stück Seife; aber alles war umsonst, weil man eben einen Neger nicht weißwaschen kann. Ermüdet schrie der Hodscha endlich: »Da ist mir ja ein Meisterstück einer Färberarbeit in die Hände gekommen; es ist wirklich überflüssig, an einem fertigen Ding etwas ändern zu wollen.«
283.
EInes Tages sah der Hodscha im Bade zwei verzinkte Schalen und die gefielen ihm sehr gut; er steckte sie unter sein Badetuch und ging damit weg. Zwei Badejungen hatten ihn aber beobachtet und sagten nun zu ihm: »Das Bad tut dir wohl, Hodscha-Effendi.«
»Das Bad und die Schalen,« antwortete er.
284.
ES kam einer zum Hodscha, um ihn um Gastfreundschaft zu bitten, und klopfte an die Tür; der Hodscha kam und fragte ihn: »Wer bist du?«
»Ach, Effendi, kennst du mich nicht? ich bin der Amad Muzir-Effendis.«
»Sehr gut,« antwortete der Hodscha; »warte einen Augenblick, ich will dich zu unserm gemeinsamen Vater führen.«
Nasreddin schritt nun seinem Besucher voraus; und als sie zur Moschee gekommen waren, öffnete er die Tür, lud ihn mit einer Handbewegung ein, einzutreten, und sagte zu ihm: »So; so da sind wir bei dem gemeinsamen Vater der Gläubigen.«
285.
EInes Tages bat ein Kurde den Hodscha um Gastfreundschaft; und er sagte zu ihm: »Ich habe Hunger; bringe mir etwas zu essen.«Der Hodscha ging, bereitete in einem irdenen Napfe ein Gericht Joghurt und holte Brot, und das wollte er dem Fremden vorsetzen, als er bemerkte, daß sich der niedergelegt hatte und eingeschlafen war; da begann er Betrachtungen anzustellen und sprach bei sich: »Wie soll ich es anfangen, um ihn im Schlafe essen zu lassen?« Und schon nahm er mit einem Stückchen Brot etwas Joghurt und fuhr ihm damit über den Schnurbart. Einen Augenblick darauf erwachte der Kurde; und er schrie sofort: »Bring mir also etwas zu essen, mein Gastfreund!«
Und der Hodscha antwortete: »Aber du hast doch schon gegessen, während du schliefst! wenn du mir nicht aufs Wort glaubst, so schau dir deinen Schnurbart an; er ist noch ganz feucht.«
Der Kurde griff nach seinem Schnurbart und überzeugte sich, daß er noch voll Joghurt war; und er schrie spöttisch: »Sehr gut, mein Gastfreund! habe ich gegessen und getrunken, so sei Gott gelobt.«
286.
EInmal hatte der Hodscha einen Streit mit seiner Frau; plötzlich stellte er die Wiege mit dem Kinde zwischen sein Bett und das ihrige und schrie: »Trennen wir uns! hiermit verstoße ich dich.«
287.
DIe Frau des Hodschas war schwanger. Als ihre Zeit gekommen war, fand sich die Wehmutter ein; es war Nacht, und niemand war da, um ihr zu helfen. Da rief sie den Hodscha: »Bring eine Kerze; es handelt sich um dein Werk.«Er beeilte sich, ihr eine Kerze zu bringen und blieb dann im Zimmer; als aber die Geburt vorüber war, nahm er die Kerze wieder und wollte damit weggehn. Da sagte die Wehmutter: »Bleib doch, Hodscha; es kommt noch eins.«
»Was?« sagte der Hodscha, »sie will mir ein zweites schenken?«
Er kam mit der Kerze zurück; wieder wurde ein Kind zur Welt gebracht, und wieder wollte sich der Hodscha mit der Kerze entfernen. Aber die Wehmutter rief: »Bleib doch; du sollst noch einen dritten Erben haben.«
Bei diesen Worten verlöschte er die Kerze. Und die Wehmutter fragte ihn: »Warum läßt du mich im Finstern?«
»Wie sie das Licht sehn,« antwortete er, »kommen diese Kinder nacheinander wie die Mücken; jetzt ists wahrhaftig schon genug.«
288.
EInmal lud man den Hodscha im Ramasan zu einem Iftar100, und es wurde eine außerordentlich heiße Suppe aufgetragen. Der Hodscha nahm einen Löffel voll und führte ihn zum Munde; da er sich ihn nicht zurückzugeben getraute, verschluckte er ihn. Dann aber nahm er seine Mütze vom Kopf, legte sie auf seinen Sitz und setzte sich darauf; und die andern fragten ihn: »Warum setzt du dich auf deine Mütze?«
Er antwortete: »Damit nicht die Kissen Feuer fangen: ich brenne ja inwendig; wenn meine Mütze verbrennt, so schadet das wenigstens niemand.«
289.
SOoft der Hodscha sein Leinenzeug waschen wollte, begann es mit Gottes Zulassung zu regnen. Als er nun wieder einmal auf den Markt ging, um Seife zu kaufen, fielen wieder Regentropfen; da sagte der Hodscha zu dem Seifenhändler: »Gib mir eine Oka von diesem Käse.«
»Das ist doch Seife,« antwortete der Kaufmann, »und kein Käse.«
»Ich weiß es wohl,« versetzte der Hodscha; »ich nenne es aber Käse aus Angst, daß der Regen anhalten könnte.«
290.
EInes Tages trieb der Hodscha seinen Esel vor sich her; als er dann müde wurde, saß er auf. Eine kleine Weile später bemerkte er, daß der Esel nicht mehr vor ihm herging. Nun suchte er ihn bergauf und bergab, bis ein Wanderer bei ihm vorüberkam; den fragte er, ob er nicht seinen Esel gesehn habe, und der Wanderer sagte: »Du sitzt ja darauf.«
Der Hodscha stellte die Tatsache fest und freute sich; aber schon nach einem Augenblicke war er von neuem zerstreut und begann wieder zu suchen. Da sagte der Wanderer: »So gehn wir doch nach Hause, da du doch den Esel gefunden hast.«
»Geh du nur,« antwortete der Hodscha; »ich« — dabei dachte er an seinen verlorenen Esel — »muß noch dableiben, weil ich noch etwas zu suchen habe.«
291.
ETliche Leute fanden im Gebirge einen Igel; sie konnten sich nicht enträtseln, was für ein Tier das sein sollte, und brachten ihn dem Hodscha. »Was ist das?« fragten sie ihn.
»Ohne Zweifel«, antwortete der Hodscha, »ist das eine alte Nachtigall, die von ihren Federn die Fahnen verloren hat.«
292.
DEr Hodscha hatte einen Dattelgarten, und drinnen war ein Baum, auf den er jeden Tag stieg. Weiter hatte er eine Tochter und diese einen Geliebten. Eines Tages saß nun Nasreddin auf seinem Baume, als der Bursche mit seiner Tochter kam und mit ihr zu tändeln begann; an Verwegenheit ließ ers dabei nicht fehlen und schließlich sagte er zu ihr: »Stell dich hin; ich will es machen wie ein Hengst.«
»Gut,« sagte sie.
Während er nun das Mädchen besprang, blickte er in die Höhe, und da sah er den Hodscha; augenblicklich ließ er sie und nahm Reißaus. Nun nahm sie etliche Datteln und lief dem Flüchtling nach; dabei rief sie: »Nimm doch!«
Aber der Hodscha schrie vom Baume herunter: »Was fällt dir ein, ihn mit so etwas locken zu wollen? Glaubst du, er wird für drei Datteln zu einem so schamlosen Ding kommen, die den weißen Fluß hat, wie du? Zeig doch wenigstens eine Handvoll!«
293.
ALs der Hodscha eines Tages aus seiner Tür trat, sah er einen Knaben vor dem Hause hocken und seine Notdurft verrichten; da schrie er mehrere Male hintereinander: »Was machst du da? Wessen Kind bist du?«
Endlich antwortete der Bengel: »Ich bin der Sohn der Schwester des Stadtverwesers.«
Augenblicklich nahm ihn der Hodscha bei derHand und führte ihn vor das Haus des Stadtverwesers; und dort sagte er: »Da ist der Ort, wo du deine Notdurft verrichten sollst.«
294.
EInes Tages sagte der Hodscha zu seinem Bruder: »Tu mir etwas zuliebe.«
»Was denn?«
»Erlaube mir, dich herzunehmen wie einen Knaben.«
»Kannst du mich nicht um etwas andres bitten?«
»Was?« schrie der Hodscha, »du bist doch mein Bruder; von wem soll ich es denn verlangen, wenn nicht von dir?«
295.
EInes Tages erging sich der Hodscha mit seinem Amad; sie kamen aber am Abende nicht nach Hause, sondern verbrachten die Nacht unter freiem Himmel. Der Hodscha fragte den Amad: »Wem hast du deine Frau für die heutige Nacht zu hüten gegeben?«
Der Amad antwortete: »Dem Softa, Alter.«
Der Hodscha fuhr fort: »Und wem hast du die Tugend des Softas zu hüten gegeben?«
296.
DEr Hodscha wanderte einmal mit einem großen Sacke voll Joghurt auf dem Rücken, und der Joghurt wiegte sich in dem Sacke von der einen Seite auf die andere; endlich schrie der Hodscha: »Bleib du ruhig dahinten; sonst sollst du mit meinem Menschenpflanzer Bekanntschaft machen.«
Der Joghurt antwortete nichts, hörte aber auch nicht auf, sich zu wiegen. Unverzüglichwarf sich der Hodscha auf den Sack, machte ein Loch hinein und versenkte darein den besagten Menschenpflanzer. Als er ihn dann wieder herauszog, sah er, daß er voller Joghurt war, und da schrie er: »Wahrhaftig, du warst schon in Löchern genug; aber mit einem weißen Kopfe bist du noch nie herausgekommen!«
297.
ZUfällig kam einmal der Hodscha vorbei, als ein Jude mit erhobenen Händen Gott um einen Regen anflehte; es regnete aber keineswegs. Da wandte sich der Jude zum Hodscha und sagte zu ihm: »Bete auch du; nach dem, wessen Gebet einen Erfolg haben wird, werden wir sehn, wer der wirkliche allmächtige Gott ist, der deinige oder der meinige.«
Der Hodscha hob die Hände zum Himmel und betete. Und alsbald grollte der Donner, zuckten Blitze hernieder und begann ein starker Regen zu fallen. Der Hodscha entfloh und trachtete sich eiligst unter einem Felsen zu verbergen; aber das Wetter schlug auch dort hinein und ging über den Hodscha nieder.
Da schrie er: »Herr Gott, du hast mein Gebet schlecht verstanden; warum nähmest du dir sonst die Mühe, das Gewitter bis unter diesen Stein zu schicken, wo doch der Jude draußen steht?«
298.
EInes Tages ging der Hodscha weg, und nachdem er eine Zeitlang gewandert war, fand er nicht mehr nach Hause; da begegnete er einem Manne und den fragte er: »Bruder, hast du mein Haus gesehn?«
Der Mann antwortete: »Ich habe einen grobknochigen Derwisch gesehn, der es wegtrug; wenn du mit mir gehn willst, so wollen wir ihn aufsuchen.«
Der Hodscha glaubte es und kam sogar auf den Verdacht, es handle sich um einen Greis, der Baba-Sultan genannt wurde. Er machte sich alsbald auf den Weg zu diesem Biedermanne; als er ankam, fand er ihn im Hofe seines Klosters. Er fragte ihn: »Hast du mein Haus gesehn?«
Der Alte antwortete: »Man hat es hiehergebracht; dann ist es aber wieder zurückgeschickt worden.«
Der Hodscha wollte unverzüglich aufbrechen, aber die Derwische ließen ihn nicht weg: »Bleib bei uns heute Nacht,« sagten sie; »morgen früh gehst du dann.«
Während er nun schlief, schnitten sie ihm Haare und Bart. Er stand noch in der Dämmerung auf und ging weg, ohne etwas bemerkt zu haben; als er aber auf seinem Wege zu einem Brunnen kam, betrachtete er sich im Wasser und da erkannte er sich nicht wieder.
»Diese Schufte,« schrie er, »sie haben mich gegen einen Kalender vertauscht, den sie an meiner Statt ins Bett gelegt haben!« Und als er heimkam, sagte er zu seiner Frau: »Weib, man hat mich mit einem Kalender verwechselt; hast du keine Nachrichten von mir? Übrigens haben sie mir wenigstens, nach dem, was ich sehe, mein Haus zurückgebracht!«
299.
EInmal war der Hodscha Nasreddin in Arabien. Die arabischen Weisen gaben ihm ein Fest, und als das mitten im Gange war, legten sieihm eine Streitfrage vor. Aber der Hodscha, der ihnen keine Antwort schuldig bleiben wollte, sagte zu ihnen: »Wenn ihr mir die Fragen, die ich an euch richten will, beantworten werdet, werde auch ich euch Antwort geben; wenn nicht, so gehe ich, wie ich gekommen bin.«
Sie waren damit einverstanden, und nun sagte der Hodscha: »Wißt ihr, warum die Fische Reißaus nehmen beim Anblicke des Menschen, und warum die Sterne entfliehn, wenn die Sonne erscheint? Das sind meine Fragen.«
Die Araber fanden keine Lösung und erkannten seine Überlegenheit an.
300.
DEr Hodscha beobachtete eines Tages einen Mann, wie er eine Summe Geldes irgendwo versteckte. Als sich der Eigentümer entfernt hatte, bemächtigte sich der Hodscha des Geldes; der Eigentümer hatte ihn aber bemerkt und verfolgte ihn. Der Hodscha flüchtete sich in eine Moschee, aber der andere lief ihm auch dorthin nach. Der Hodscha stieg aufs Minaret und der andere stieg auch hinauf. Als schließlich der Hodscha sah, daß er ihm nicht entwischen konnte, stürzte er sich von oben herab und erwachte augenblicklich; denn er hatte das alles nur geträumt.
301.
EIn Baderjunge hatte sein Schermesser verloren; weinend und das Gesicht in den Händen verborgen lief er herum und schrie: »Ach, das Schermesser! Ach, das Schermesser!«
Der Hodscha, der dabei war und das hörte; sagte sich: »Zweifellos hat man diesem Diebe die Nase abgeschnitten!«
302.
DEr Hodscha war gestorben und man legte ihn in ein altes Grab. Nachdem die Leute auseinandergegangen waren, kamen Munkar und Nakir101, um ihn zu befragen, und er sagte zu ihnen: »Wenn ihr wollt, daß ich sprechen soll, so gebt mir einen Asper.«
Auf diese Rede versetzten sie ihm einen derben Streich. Nun schrie er: »He, Freunde, wenn ihr kein Geld habt, kommt ein andermal wieder.«
Und damit erwachte er; denn alles war nur ein Traum.
303.
DEr Hodscha kam einmal in ein Dorf; die Einwohner, denen er auffiel, sagten zu ihm: »Da du ein Würdenträger bist, so komm über einen Toten die Gebete zu sprechen.« Er ging mit ihnen und verrichtete alles, was bei einer Leichenfeier geschehn soll; doch begnügte er sich damit, den Schlußausruf: ›Gott ist groß‹ nur einmal zu singen. Dessenungeachtet bezahlte man ihn und er entfernte sich.
Nun machte ein Städter, der auch anwesend war, die Bauern aufmerksam, daß diese Anrufung über einem Toten viermal wiederholt werden soll. Da liefen sie dem Hodscha nach und erhoben, als sie ihn eingeholt hatten, ihre Einwendungen.
Der Hodscha fragte sie: »Den wievielten haben wir heute?«
»Den fünften.«
Und er sagte, um sie sich vom Halse zu schaffen: »Wenn heute der fünfte ist, wird dasTotengebet nicht anders gesprochen, als wie ich es getan habe.«
304.
EInes Tages hatte die Frau des Hodschas den Sik eines Mannes gesehn, und sie wurde von einem solchen Verlangen nach ihm erfaßt, daß sie krank wurde; und sie sagte: »Wohin ist denn der verschwunden, den ich gesehn habe? vielleicht fände er ein Mittel für mein Übel.«
Der Hodscha ging den Mann suchen und brachte ihn ihr.
Der Mann sagte: »Sie ist wahrhaftig krank.«
»Das weiß ich, daß sie krank ist,« antwortete der Hodscha; »aber was ist da zu tun?«
»Wenn du etliche Knoblauchzehen hast, so bring sie.«
Der Hodscha hatte just welche zu Hause; er holte sie und gab sie ihm. Der Fremde rieb sich nun damit das, was die Aufmerksamkeit der Frau angezogen hatte, und steckte es an den Ort, der für dieses Heilmittel empfänglich war; sodann zog er es wieder heraus.
Als die Behandlung beendigt war, schrie der Hodscha: »Warum hast du mir nicht gesagt, was zu tun war? Das hätte ich ganz allein zustandegebracht; es ist ein Verfahren, das mir nicht unbekannt ist.«
305.
ALs der Hodscha eines Tages trübselig seine Straße zog, begegnete er einer Frau und die fragte ihn: »Woher kommst du, Hodscha?«
»Aus der Hölle,« antwortete er.
Und sie fragte weiter: »Hast du vielleicht dort meinen Sohn gesehn?«
»Ja; er ist als Schuldner gestorben und darum ist ihm der Eintritt ins Paradies versagt worden.«
»Und auf wieviel beläuft sich seine Schuld?«
»Auf tausend Asper.« Und Nasreddin fügte hinzu: »Seine Frau ist im Paradiese; er aber kann nur hinein mit den tausend Asper.«
Die Frau fragte noch: »Und wann gehst du zurück?« und Nasreddin antwortete: »Augenblicklich.«
Da gab sie ihm die tausend Asper und bat ihn: »Eile nur, damit du die Sache unverzüglich zu einem Ende bringst.«
Als sie heimkam, sagte sie zu ihrem Manne, der zu Hause war: »Ich habe Nachrichten von unserm Sohne bekommen; da er nicht anders ins Paradies gelangen kann als mit tausend Asper, habe ich sie hergegeben.«
»Wem hast du sie denn gegeben?«
»Dem Hodscha.«
Unverzüglich machte sich der Mann auf die Verfolgung des Hodschas. Der flüchtete sich, als er ihn kommen sah, in eine Mühle; und er sagte zu dem Müller: »Siehst du den Mann, der heransprengt? es ist ein Scherge, der dich greifen will.«
»Was soll ich da tun?« fragte der Müller erschrocken.
»Nimm meine Kleider und ich will die deinigen nehmen; klettere auf den Baum und verstecke dich.«
Der Kleidertausch war kaum vollzogen, und der Müller hatte sich kaum auf dem Baume versteckt, als der Mann ankam. Er sah niemand als den Hodscha in der Tracht des Müllers, und derHodscha blickte auffällig auf den Baum hinauf. Nun bemerkte der Mann den vermeintlichen Hodscha. Da er zu Pferde war, stieg er ab und übergab das Pferd dem falschen Müller; dann zog er seine Kleider aus, um sie nicht beim Klettern zu beschmutzen.
Ungesäumt bemächtigte sich der Hodscha der Kleider und stieg auf das Pferd; und indem er davonritt, schrie er dem Gefoppten zu: »Kennst du mich jetzt, Gesell?«
Nun ließ der arme Mann von dem Müller ab, stieg vom Baume herunter und machte sich nackt und ohne Pferd auf den Heimweg. Und seine Frau fragte ihn, als er so ankam: »Was hast du gemacht?«
»Ich habe den Hodscha eingeholt,« sagte er und fuhr, um Scheltworten auszuweichen, fort: »Das, was er dir gesagt hat, war wahr; darum habe ich ihm auch zur Belohnung für seine guten Dienste mein Pferd und meine Kleider geschenkt.«
306.
EInes Tages fragte man den Hodscha, um ihn zu hänseln: »Wohin ist denn dein Grind gekommen?«
Und der Hodscha antwortete: »Von euch habe ich ihn bekommen, und euch habe ich ihn zurückgegeben.«
307.
ALs der Hodscha eines Tages von der Mühle heimkam, bemerkte er, daß kein Brennreisig da war; drum nahm er die Axt und ging in den Busch, um welches zu holen. Es war schon finstere Nacht, als ihm auf einmal die Axt entfiel; er suchte sie umsonst. Endlich schrie er: »Herr, wenn du mich die Axt wiederfinden läßt, so verspreche ich dir ein Achtel Gerste.«
Kaum hatte er ausgesprochen, als er auch schon die Axt fand; nun schrie er: »Dank, Herr! Da es dir aber so leicht fällt, Bitten zu erhören, so laß mich auch ein Achtel Gerste finden; dann werde ich mich meiner Verpflichtung gegen dich entledigen!«
308.
ALs der Hodscha einmal in eine Moschee trat, sah er hinter der Tür einen Hund sitzen; er gab ihm einen Stockhieb und das erschrockene Tier flüchtete sich auf die Kanzel. Da sagte der Hodscha zu ihm: »Bitte tausendmal um Verzeihung; ich kenne noch nicht alle Prediger, die zu dieser Moschee gehören.«
309.
DEr Hodscha Nasreddin hatte eine Kuh, die keinen Tropf Milch gab; da wollte er sie durch den öffentlichen Ausrufer verkaufen lassen, und der führte sie herum und pries sie schreiend an: »Wer will eine gute Milchkuh, eine Kuh, deren Milch ist wie Sahne?«
»Wahrhaftig,« schrie der Hodscha, als er sie also loben hörte, »da hätte ich mich schön über ihren Wert getäuscht!«
Und damit nahm er sie dem Ausrufer aus der Hand und führte sie wieder heim.
310.
DEr Hodscha hatte einmal die Pilgerreise nach Mekka gemacht, und an der Tür der Kaaba drängte sich das Volk. Auch ein Neger war darunter und die Leute schrien: »Herr, duldestdu denn hier die schwarze Fratze dieses Ungläubigen?«
Da sagte der Hodscha: »Warum beschimpft ihr ihn wegen seiner Farbe? Er ist wenigstens imstande, seine Sünden auf sein Äußeres zu schieben; wenn wir das täten, so wären wir, ihr und ich, schwärzer als er.«
311.
EInes Tages schrie der Sohn des Hodschas: »Komm, Vater! in dem Topfe da ist ein Mann und ich fürchte mich.«
Nachdem der Hodscha hingetreten war und im Topfe sein eigenes Bild gesehn hatte, sagte er zu dem Knaben: »Sei nur ruhig; das ist nur ein alter Mann, der die kleinen Kinder schrecken will.«
312.
DEr Sohn des Hodschas sprach eines Tages bei sich: »Wenn die Dichter Verse machen, warum sollte ich nicht auch welche machen?«
Ganz voll von dem Gedanken ging er weg, und er kam zu einer Quelle in der Nachbarschaft; nachdem er dort lange gesonnen hatte, gelang ihm endlich der Vers:
Ein Baum, ein Baum steht am Rande einer Quelle.
Ganz zufrieden mit diesem hübschen Gedichte trug er es seiner Mutter vor, und die wiederholte es dem Vater. Der sagte: »Wir müssen alle unsere Nachbarn versammeln und sie zu einem Festmahle einladen, damit wir Freude haben an unserm verständigen Sohne.«
Man lud alle Bewohner des Viertels ein und las ihnen nach dem Mahle den ausgezeichnetenVers vor; da wollten alle vor Lachen bersten. Und voll Begeisterung über dieses Ergebnis schrie die Mutter: »Des Todes will ich sein, wenn mein Sohn nicht die Sprache der Nachtigall hat!«
Der Hodscha aber sagte: »Hüte dich, Frau, vor derlei Beteuerungen; du wirst den Knaben noch verschreien.«
313.
EInes Tages gingen der Hodscha und seine Frau zum Flusse, um Leinensachen zu waschen. Als nun die Frau unversehens ihren Fuß ins Wasser steckte, packte ihn ein Krebs. »Zu Hilfe, Hodscha,« schrie sie, »zu Hilfe!«
Er sagte: »Setz dich, damit ich sehe, was es ist.«
Er bückte sich, und da sah er, was für ein Tier es war; aber er beugte sich dabei, um besser zu sehn, so weit nieder, daß der Krebs mit der andern Schere seine Nase faßte. In diesem Augenblicke ließ die Frau, deren Schrecken noch mehr gewachsen war, einen Wind; der Hodscha jedoch schrie: »Das brauchst du nicht aufzumachen, wohl aber die Pfoten dieses Viehs.«
314.
EInes Nachts träumte dem Hodscha, daß er auf einer Reise einen Schatz gefunden habe, und um den Ort zu bezeichnen, habe er dort ein natürliches Bedürfnis befriedigt. Als er dann erwachte, fand er, daß nur das Ende des Traumes keine Einbildung gewesen war.
Da schrie er: »Ach, Herr, warum hast du mir das da gelassen und das Gold genommen? dir hätte doch das eine auch nicht mehr genützt als das andere!«
315.
DEr Hodscha ging sich einmal ein Paar Hosen kaufen; für den Heimweg zog er sie schon an. Einige Freunde, die ihn damit sahen, setzten es sich in den Kopf, ihm einen Streich zu spielen; zu diesem Zwecke verteilten sie sich auf dem Wege, und der, der ihm als erster begegnete, sagte zu ihm nach Gruß und Gegengruß: »Was machst du mit den Hosen? du brauchst sie doch nicht; gib sie mir.«
»Geh heim,« antwortete der Hodscha, »und laß mich in Ruh.«
Fünfmal hatte sich dieses Gespräch zwischen dem Hodscha und je einem von den Gesellen wiederholt, bis sich der Hodscha endlich stellte, als hätte er sich überreden lassen; er sagte zu dem, mit dem er sprach, indem er ihm das Bein hinhielt: »So nimm sie denn meinetwegen.«
Als sich der Mann bückte, um ihm die Hosen abzuziehen, gab ihm der Hodscha einen Tritt, daß er sich auf dem Boden wälzte, und schrie: »Merk dirs doch einmal: Um Streiche zu spielen, bin ich da!«
316.
AUf einem Spaziergange kam der Hodscha zu einem großen Baume; er betrachtete ihn und fragte sich, was für ein Baum das sei. Schließlich warf er, um sich darüber zu vergewissern, einen Stein in die Äste, und der fiel alsbald wieder herunter.
»Jetzt weiß ichs,« schrie er, »was du bist! ich kenne dich leicht an der Frucht.«
317.
DIe Frau des Hodschas Nasreddin wusch das Haus; in dieser gebückten Stellung betrachtete er sie, und da sah er deutlich, daß siezwei Löcher hatte. »Weib,« schrie er, »du hast also zwei! das habe ich gar nicht gewußt; aber heute Nacht will ich sie alle beide hernehmen, und um es ja nicht zu vergessen, will ich den ganzen Tag kein Wort sagen, ohne hinzuzusetzen: ›Ich werde mich an beiden ergötzen.‹«
Kaum hatte er ausgeredet, als zwei Schüler kamen, und die fragten ihn: »Hodscha, willst du uns Gastfreundschaft gewähren?«
Er antwortete: »Meinetwegen; tretet ein, bitte.« Und er setzte hinzu: »Ich werde mich an beiden ergötzen.«
»Wahrhaftig,« sagten die zwei jungen Leute, »der Hodscha macht einen Spaß.«
»Weib,« sagte er, »bereite das Mahl und dreh der Gans da den Kragen ab.« Und wieder setzte er hinzu: »Ich werde mich an beiden ergötzen.« Die Gans legten sie aber beiseite, um sie am nächsten Tage zu essen.
»Weib,« sagte wieder der Hodscha, »mache die Betten.« Und wieder setzte er hinzu: »Ich will mich an beiden ergötzen.« Dann legte er sich nieder.
Nun sagten die beiden Schüler zueinander: »Der Hodscha macht keineswegs einen Spaß; er will uns jedenfalls so behandeln, wie er sagt. Wir müssen abwechselnd wachen, damit, was immer auch geschieht, der, der wach ist, den andern wecken kann.« Sie lösten sich also pünktlich ab und schliefen und wachten, wie jeden die Reihe traf.
Auf einmal begann nun der Hodscha, der an nichts sonst dachte, als daß er sein Vorhaben ins Werk setzen werde, zu schreien: »Wahrhaftig,zuerst will ich mich an dem einen ergötzen, und dann will ichs mit dem andern versuchen.«
»Da wir zwei sind,« sagte sich erschrocken der Wachende, »weiß ich nicht, bei welchem er anfangen wird.« Durch diesen Gedanken erregt, weckte er seinen Gesellen, und der stand alsbald auf. Nun sagten sie: »Sputen wir uns; wir dürfen nicht mehr dasein, wann er uns überfallen will.«
Sie schnürten augenblicklich ihre Bündel, hakten die Gans los, die am Fenster hing, und liefen, was sie ihre Beine trugen; und vielleicht laufen sie noch immer.
318.
EInes Tages saß der Hodscha daheim bei seiner Frau; traurig betrachtete er ihre geheimen Reize, und endlich sagte er: »Frau, was ist das? ich sage ihms zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male: ich verstoße dich.«
»Was sagst du da?«
»Geht es denn nicht an, daß ich mich auf diese Weise dessen, was mir an dir am meisten mißfällt, entledige?«
319.
DIe Frau des Hodschas Nasreddin war krank; nach drei oder vier Tagen der Pflege fühlte er, daß ihn seine Kräfte verließen, und er sagte zu ihr: »Steh auf, meine Liebe, oder laß mich etwas essen gehn.«
Sie begann zu weinen und der Hodscha ging weg. Sie benutzte seine Abwesenheit und stand hastig auf; als er vom Bade zurückkam, fand er das Haus gekehrt, das Mahl bereitet und die Betten aufgeschüttelt. Seine Frau, die alles in Ordnung gebracht hatte, ruhte aus. Als er siesah, lehnte er sich an die Tür, die Hände schlaff und den Kopf schwankend, und schrie: »Ach, jetzt ist sie tot! O meine lieben Knäblein, o meine lieben kleinen Mädchen, jetzt könnt ihr nicht mehr geboren werden!«
320.
ALs die Frau des Hodschas einmal allein war, entblößte sie sich, betrachtete sich und sagte: »Ach, du mein teuerer Schatz, warum habe ich nicht drei solche wie du! was für eine herrliche Sache wäre das!«
Von ungefähr kam in diesem Augenblicke der Hodscha heim; er hörte alles und sah, an wen sie ihre Rede richtete. Er blieb draußen, entblößte sich gleicherweise und sagte weinend: »Was für Unheil hast du mir schon auf den Hals geladen! wieviel Mißgeschick habe ich schon deinethalben erleiden müssen!«
Als die Frau draußen seufzen hörte, sah sie nach und fand, daß es der Hodscha war; und sie sagte: »Worüber jammerst du denn?«
»Ich habe«, antwortete er, »darüber geklagt, daß wir Männer dort, wo ihr Frauen einen Schatz habt, eine Quelle unzähliger Übel und Qualen haben.«
321.
EInes Tages schlich sich der Meister in einen Weingarten und begann Trauben zu essen; der Eigentümer kam dazu und fragte ihn: »Was machst du da?«
»Ich bin hergekommen, um mir hier meinen Bauch zu erleichtern.«
»So; und wo ist dann das, was du gemacht hast?«
Nasreddin blickte umsonst nach allen Seiten umher; er sah nichts, was ihn hätte rechtfertigen können. »Da ist es,« schrie er endlich, als er einen Eselsdreck sah.
Aber der Eigentümer sagte: »Das ist ja von einem Esel.«
Und der Hodscha antwortete: »Wenn es nicht von mir ist und nicht von dir, dann weiß ich wahrhaftig nicht, von wem es stammen kann.«
322.
ETliche Christen sagten zum Sohne des Hodschas: »Bete den Messias an oder geh aus der Stadt.«
Er antwortete: »Wann der Messias kommt, werde ich gehn.«
323.
DEr Hodscha zog einmal den Imam, während der im Gebete auf dem Boden lag, beim Ohrläppchen; gleich darauf sagte der Imam das feierlichste Gebet, nämlich den Absatz vom Throne.
Da sagte der Hodscha: »Wenn du den Absatz vom Throne schon sprichst, wann man dich beim Ohrläppchen zieht, was wirst du denn sprechen, wann man dir die Hoden drückt?«
324.
EInes Tages berieten der Hodscha und seine Nachbarn miteinander, wohin sie lustwandeln gehn sollten; endlich sagte der Hodscha: »Gehn wir zum Flusse und schauen wir den Frauen baden zu.«
Sie waren einverstanden und gingen mit ihm: Als sie zu den Frauen gekommen waren, entblößte sich eine von ihnen, die sah, daß sie beobachtet wurden; daraufhin sagte einer zum Hodscha, um ihn zu hänseln: »Wirst du diese Gelegenheit nicht benutzen?«
Ohne zu zaudern, schob der Hodscha seine Kleider weg, reckte den bewußten in die Luft und schrie: »Seht, meine Freunde, mich findet man niemals unvorbereitet; wie ein Baum habe ich immer, meinen Nachbarn zu gefallen, einen strammen Ast bereit, auf dem man klettern kann!«
So sahen die, die sich auf seine Kosten lustig zu machen gedacht hatten, ihren Scherz zu ihrer Beschämung ausschlagen.
325.
AN einem Tage, wo der Hodscha Nasreddin predigen sollte, sagten die Gläubigen untereinander: »Wann er kommt und uns begrüßt, geben wir ihm den Gruß nicht zurück; wir wollen sehn, was er tun wird.«
Der Hodscha kam und grüßte die Gemeinde; aber niemand antwortete ihm. Da sagte er, nachdem er nach allen Seiten umhergeblickt hatte: »Wahrhaftig, ich bin ganz allein; kein Mensch ist gekommen.« Mit diesen Worten ging er weg und überließ die Versammelten ihrem Unmut über den Ausgang ihres Streiches.
326.
ALs der Hodscha Nasreddin das erste Mal vor Tamerlan erschien, sprach dieser Eroberer bei sich: »Ich muß ihn verderben; ich will ihm Fragen stellen, und wenn er auch nur eine nicht beantwortet, lasse ich ihn töten.« Und er fragte den Hodscha: »Wer bist du?«
Der Hodscha antwortete: »Ich bin der Gott der Erde.«
Nun war Tamerlan, der ein Tatare war, von den schönsten jungen Leuten seines Volkes umgeben, die, wie es bei ihnen zutrifft, sehr kleine Augen hatten.
Tamerlan fuhr fort: »Gut also, Gott der Erde, hast du dir diese hübschen Knaben betrachtet? was sagst du zu ihnen?«
»Ich habe sie betrachtet; aber ihre kleinen Augen sind nicht hübsch.«
»Da du Gott bist,« erwiderte Timur, »so tu mir den Gefallen und mach sie größer.«
»Padischah, ich bin nur Gott der Erde, und darum kann ich nur die Augen größer machen, die sie unter dem Gürtel haben; die, die sie oben haben, die gehn den Gott des Himmels an.«
Timur freute sich herzlich über diese Antwort und erkannte, mit was für einem Schalke er es zu tun hatte: »Da du so ein lustiger Gesell bist, so schwöre ich, daß ich mich nicht mehr von dir trennen werde.«
»So sei es,« antwortete der Hodscha; »du bist der Herr.«
327.
TAmerlan war sehr häßlich; er hatte nur ein Auge und einen eisernen Fuß. Als er nun einmal mit dem Hodscha saß und sich mit ihm unterhielt, fuhr er mit der Hand an den Kopf und ließ den Barbier rufen. Der kam augenblicklich; nachdem er ihm den Kopf geschoren hatte, reichte er ihm einen Spiegel. Timur betrachtete sich, und da er sah, wie häßlich er war, begann er zu weinen. Seinem Beispiele folgend, zerflossen auch der Hodscha und der ganze Hof in Tränen und Seufzern, und das dauerte eineoder zwei Stunden. Endlich gelang es den Hofleuten, indem sie einige hübsche Geschichten erzählten, Timur zu zerstreuen und ihn seinen Kummer vergessen zu machen, und er hörte zu weinen auf; aber der Hodscha weinte nur umso stärker. Und Timur sagte zu ihm: »Ich habe mich im Spiegel betrachtet, und da habe ich mich so abscheulich gefunden, daß ich einen schweren Kummer litt, weil ich, der Padischah, der Herr so vieler Sklaven, so häßlich sein muß; ich habe also mit vollem Rechte geweint. Aber warum weinst denn du noch zu dieser Stunde, und warum hörst du nicht auf, zu klagen?«
Der Hodscha antwortete sofort: »Du hast dich nur einmal im Spiegel gesehn, und dieser kurze Augenblick hat genügt, dich zwei Stunden lang weinen zu machen; was ist denn wunderbares dabei, wenn ich, der ich dich den ganzen Tag sehe, länger weine als du?«
Über diese Rede fiel Timur in ein unauslöschliches Gelächter.
328.
DA Nasreddin durch diese Geschichte102mit Tamerlan besser bekannt geworden war, nahm er sich bald darauf die Freiheit, ihm ein andres Geschenk zu machen, nämlich zehn zarte, frischgepflückte Gurken; dafür erhielt er von ihm zehn Goldstücke. Als dann die Gurken nicht mehr so selten waren, lud er ihrer einen Wagen voll, um sie Tamerlan zu bringen. Der Türhüter aber, der sich der großen Belohnung für die ersten zehn erinnerte, weigerte sich ihn einzulassen, wenn er nicht verspreche, die neue Gegengabe mit ihm zu teilen. Der Handel wurde so abgeschlossen, und Nasreddin wurde vorgelassen. Auf die Frage Tamerlans, was ihn herführe, antwortete er, er bringe ihm viel mehr Gurken als das andere Mal; als aber Tamerlan diese außerordentlich große Menge sah, befahl er ihm ebenso viel Stockstreiche zu geben, wie es Gurken seien. Und es waren fünfhundert Stück. Nasreddin mußte sich fügen und erlitt geduldig zweihundertfünfzig Hiebe; dann aber begann er zu schreien, er habe nun seinen Teil, und er hoffe, der König werde auch dem Türhüter sein Recht widerfahren lassen. Der König fragte ihn, was das heißen solle, und Nasreddin antwortete ihm: »Ich habe mich mit dem Türhüter verglichen, daß er die Hälfte von dem haben solle, was ich als Geschenk bekäme, und dafür hat er mich vorgelassen.« Der Türhüter wurde gerufen; da er sich gezwungen sah, den Handel anzuerkennen, mußte er auch seinen Teil auf sich nehmen undempfing die andern zweihundertfünfzig Stockstreiche.
329.
TAmerlan begann nun so viel Gefallen an Nasreddin zu finden, daß er ihn mit dem Versprechen, ihm nichts zu verweigern, ermutigte, zu verlangen, was er wolle. Nasreddin verlangte nichts weiter als den mäßigen Betrag von zehn Goldstücken, um davon ein Denkmal für die Nachwelt zu erbauen. Als ihm das Geld ausgezahlt worden war, errichtete er mitten auf freiem Felde ein großes Tor mit Schloß und Riegel. Darüber gabs denn ein allgemeines Staunen und man fragte ihn um den Grund; da antwortete er: »Die allerspäteste Zukunft wird die Erinnerung an diese Tür ebenso getreu bewahren wie die an die Siege Tamerlans; während aber die Welt bei diesem Denkmal, das die Streiche Nasreddins ins Gedächtnis zurückruft, lachen wird, wird das Andenken der Taten Tamerlans Tränen hervorrufen von einem Ende der Erde zum andern.«
330.
BAjazet war einmal gegen seine vornehmsten Offiziere sehr aufgebracht und hatte schon den Rat versammelt, der ihnen das Urteil sprechen sollte; da nun die Herren vom Rate in ihrem Schrecken und ihrer Bestürzung nicht wußten, wie sie den Unglücklichen das Leben retten könnten, bot sich ihnen Nasreddin an, um ihnen zu helfen. Und er sagte zu Bajazet: »Sultan, laß die Leute nur henken; sie sind alle Verräter.« Bajazet war damit einverstanden und Nasreddin fuhr fort: »Wozu sind sie uns auchnütze? wenn jetzt Timur mit seiner Armee kommt, so nimm du die Standarte und ich werde die Trommel schlagen; wir wollen ihm ein Treffen liefern, und wahrhaftig, wir zwei werden den Tataren genug zu schaffen machen.« Bajazet antwortete nichts; wenige Augenblicke darauf gewährte er aber den Schuldigen seine Gnade.
331.
NAsreddin hatte den Zorn Bajazets erregt und Bajazet befahl, ihn hinzurichten; er mußte auf einen sehr hohen Baum auf freiem Felde steigen, und den sollten die Soldaten umhauen, damit Bajazet sehe, was für Luftsprünge Nasreddin machen werde. Trotz dem inständigen Flehen Nasreddins getraute sich niemand, Bajazet für ihn um Gnade zu bitten, so daß er sich selber zu helfen versuchte; er ließ oben auf dem Baume die Hosen herunter und verunreinigte die Soldaten. Darüber mußte Bajazet herzlich lachen, und er erlaubte ihm, herabzusteigen.