Chapter 2

Hofmeister. O verzeyhn Sie mir, Sie sind jung und sehen alles noch aus dem vortheilhaftesten Gesichtspunkt an: man muß erst eine Weile unter den Menschen gelebt haben um Charaktere beurtheilen zu können. Der Herr Pätus, oder wie er da heißt, hat sich Ihnen bisher immer nur unter der Maske gezeigt; jetzt kommt sein wahres Gesicht erst ans Tageslicht: er muß einer der feinsten und abgefeimtesten Betrüger gewesen seyn, denn die treuherzigen Spitzbuben…

Pätus. (in Reisekleidern fällt Berg um den Hals)Bruder Berg—

Fritz v. Berg.Bruder Pätus—

Pätus. Nein—laß—zu Deinen Füßen muß ich liegen—Dich hier—um meinetwillen. (rauft sich das Haar mit beyden Händen und stampft mit den Füßen) O Schicksal! Schicksal! Schicksal!

Fritz.Nun wie ists? Hast Du Geld mitgebracht? Ist DeinVater versöhnt? Was bedeutet Dein Zurückkommen?

Pätus.Nichts, nichts—Er hat mich nicht vor sich gelassen—Hundert Meilen umsonst gereißt!—Ihr Diener, IhrHerren. Bollwerk wein' nicht, Du erniedrigst mich zutief, wenn Du gut für mich denkst—O Himmel, Himmel!

Fritz. So bist Du der ärgste Narr, der auf dem Erdboden wandelt. Warum kommst Du zurück? Bist Du wahnwitzig? Haben alle Deine Sinne Dich verlassen? Willst Du, daß die Kreditores Dich gewahr werden—Fort! Bollwerk, führ ihn fort; sieh daß Du ihn sicher aus der Stadt bringst—Ich höre den Pedell—Pätus, ewig mein Feind, wo Du nicht im Augenblick—

Pätus. (wirft sich ihm zu Füßen)

Fritz.Ich möchte rasend werden.—

Bollwerk. So sey doch nun kein Narr, da Berg so großmüthig ist und für Dich sitzen bleiben will; sein Vater wird ihn schon auslösen: aber wenn Du einmal sitzest, so ist keine Hofnung mehr für Dich; Du must im Gefängniß verfaulen.

Pätus.Gebt mir einen Degen her …

Fritz.Fort!—

Bollwerk.Fort!—

Pätus.Ihr thut mir eine Barmherzigkeit, wenn ihr mir einenDegen—

Seiffenblase.Da haben Sie meinen…

Bollwerk. (greift ihn in den Arm) Herr—Schurke! Lassen Sie—Stecken Sie nicht ein! Sie sollen nicht umsonst gezogen haben. Erst will ich meinen Freund in Sicherheit und dann erwarten Sie mich hier—Draußen, wohl zu verstehen; also vor der Hand zur Thür hinaus! (wirft ihn zur Thür hinaus)

Hofmeister.Mein Herr Bollwerk—

Bollwerk.Kein Wort, Sie—gehen Sie Ihrem Jungen nach und lehrenSie ihn, kein schlechter Kerl seyn—Sie können michhaben wo und wie Sie wollen. (der Hofmeister geht ab)

Pätus.Bollwerk! ich will Dein Sekundant seyn.

Bollwerk. Narr auch! Du thust als—Willst Du mir den Handschuh vielleicht halten, wenn ich vorher eins übern Daumen pisse?—Was brauchts da Sekundanten. Komm nur fort und sekundire Dich zur Stadt hinaus, Hasenfuß.

Pätus.Aber ihrer sind zwey.

Bollwerk.Ich wünschte, daß ihrer zehn wären und keineSeiffenblasen drunter—So komm doch, und mach Dichnicht selbst unglücklich, närrischer Kerl.

Pätus.Berg!—(Bollwerk reißt ihn mit sich fort)

Dritter Akt.

Erste Scene.

In Heidelbrunn.

Der Major. (im Nachtwämmschen) Der geheime Rath.

Major. Bruder, ich bin der alte nicht mehr. Mein Herz sieht zehnmal toller aus als mein Gesicht—Es ist sehr gut, daß Du mich besuchst; wer weiß, ob wir uns so lang mehr sehen.

Geh. Rath. Du bist immer ausschweifend, in allen Stücken—Dir ein Nichts so zu Herzen gehen zu lassen!—Wenn Deiner Tochter die Schönheit abgeht, so bleibt sie doch immer noch das gute Mädchen, das sie war; so kann sie hundert andre liebenswürdige Eigenschaften besitzen.

Major. Ihre Schönheit—Hol mich der Teufel, es ist nicht das allein, was ihr abgeht; ich weiß nicht, ich werde noch den Verstand verlieren, wenn ich das Mädchen lang unter Augen behalte. Ihre Gesundheit ist hin, ihre Munterkeit, ihre Lieblichkeit, weiß der Teufel, wie man das Dings all nennen soll; aber obschon ichs nicht nennen kann, so kann ichs doch sehen, so kann ichs doch fühlen und begreifen, und Du weist, daß ich aus dem Mädchen meinen Abgott gemacht habe. Und daß ich sie so sehn muß unter meinen Händen hinsterben, verwesen.—(weint) Bruder geheimer Rath, Du hast keine Tochter; Du weißt nicht, wie einem Vater zu Muth seyn muß, der eine Tochter hat. Ich hab dreyzehn Bataillen beygewohnt und achtzehn Blessuren bekommen, und hab den Tod vor Augen gesehen und bin—O laß mich zufrieden; pack Dich zu meinem Haus hinaus; laß die ganze Welt sich fortpacken. Ich will es anstecken und die Schaufel in die Hand nehmen und Bauer werden.

Geh. Rath.Und Frau und Kinder—

Major. Du beliebst zu scherzen: ich weiß von keiner Frau und Kindern, ich bin Major Berg gottseligen Andenkens und will den Pflug in die Hand nehmen und will Vater Berg werden, und wer mir zu nahe kommt, dem geb ich mit meiner Hack' über die Ohren.

Geh. Rath. So schwermerisch-schwermüthig hab ich ihn doch nie gesehen.

(Die Majorin stützt herein.)

Majorin. Zu Hülfe Mann—Wir sind verloren—Unsere Familie! unsere Familie!

Geh. Rath.Gott behüt Frau Schwester! Was stehen Sie an: WollenSie Ihren Mann rasend machen?

Majorin.Er soll rasend werden—Unsere Familie—Infamie!—O ich kann nicht mehr—(fällt auf einen Stuhl)

Major. (geht auf sie zu) Willst Du mit der Sprach' heraus?—Oder ich dreh Dir den Hals um.

Majorin.Deine Dochter—Der Hofmeister.—Lauf! (fällt in Ohnmacht)

Major. Hat er sie zur Hure gemacht? (schüttelt sie) Was fällst Du da hin; jetzt ists nicht Zeit zum hinfallen. Heraus mit, oder das Wetter soll Dich zerschlagen. Zur Hure gemacht? Ists das?—Nun so werd' denn die ganze Welt zur Hure und Du Berg nimm die Mistgabel in die Hand— (will gehen)

Geh. Rath. (hält ihn zurück)Bruder, wenn Du Dein Leben lieb hast, so bleib hier—Ich will alles untersuchen—Deine Wut macht Dichunmündig. (geht ab und schließt die Thür zu)

Major. (arbeitet vergebens sie aufzumachen) Ich werd Dich beunmündig—(zu seiner Frau) Komm, komm, Hure, Du auch! sieh zu. (reißt die Thür auf) Ich will ein Exempel statuiren—Gott hat mich bis hieher erhalten, damit ich an Weib und Kindern Exempel statuiren kann—Verbrannt, verbrannt, verbrannt! (schleppt seine Frau ohnmächtig vom Theater)

Zweyte Scene.

Eine Schule im DorfEs ist finstrer Abend.Wenzeslaus. Läuffer.

Wenzeslaus. (sitzt an einem Tisch, die Brill auf derNase und lineirt)Wer da? Was giebts?

Läuffer. Schutz! Schutz! werther Herr Schulmeister! Man steht mir nach dem Leben.

Wenzeslaus.Wer ist Er denn?

Läuffer.Ich bin Hofmeister im benachbarten Schloß. Der MajorBerg ist mit all seinen Bedienten hinter mir und wollenmich erschießen.

Wenzeslaus. Behüte—Setz' Er Sich hier nieder zu mir—Hier hat Er meine Hand: Er soll sicher bey mir seyn—Und nun erzehl Er mir, derweil ich diese Vorschrift hier schreibe.

Läuffer.Lassen Sie mich erst zu mir selber kommen.

Wenzeslaus. Gut, verschnauf' Er Sich und hernach will ich Ihm ein Glas Wein geben lassen und wollen eins zusammen trinken. Unterdessen, sag er mich doch—Hofmeister—(legt das Lineal weg, nimmt die Brille ab und sieht ihn eine Weile an) Nun ja, nach dem Rock zu urtheilen.—Nun nun, ich glaubs Ihm, daß Er der Hofmeister ist. Er sieht ja so roth und weiß drein. Nun sag Er mir aber doch, mein lieber Freund, (setzt die Brille wieder auf) wie ist Er denn zu dem Unstern gekommen, daß Sein Herr Patron so entrüstet auf Ihn ist? Ich kann mirs doch nimmermehr einbilden, daß ein Mann, wie der Herr Major von Berg—Ich kenne ihn wohl; ich habe genug von ihm reden hören; er soll freilich von einem hastigen Temperament seyn; viel Cholera, viel Cholera—Sehen Sie, da muß ich meinen Buben selber die Linien ziehen, denn nichts lernen die Bursche so schwer als das Gradeschreiben, das Gleichschreiben—Nicht zierlich geschrieben; nicht geschwind geschrieben; sag' ich immer, aber nur grad geschrieben, denn das hat seinen Einfluß in alles, auf die Sitten, auf die Wissenschaften, in alles, lieber Herr Hofmeister. Ein Mensch, der nicht grad schreiben kann, sag' ich immer, der kann auch nicht grad handeln—Wo waren wir?

Läuffer.Dürft' ich mir ein Glas Wasser ausbitten?

Wenzeslaus.Wasser?—Sie sollen haben. Aber—ja wovon redten wir?Vom Gradschreiben; nein vom Major—he he he—Aberwissen Sie auch Herr—Wie ist Ihr Name?

Läuffer.Mein—Ich heiße—Mandel.

Wenzeslaus. Herr Mandel—Und darauf mußten Sie Sich noch besinnen? Nun ja, man hat bisweilen Abwesenheiten des Geistes; besonders die jungen Herren weiß und roth—Sie heißen unrecht Mandel; Sie sollten Mandelblüthe heißen, denn Sie sind ja weiß und roth wie Mandelblüthe—Nun ja freilich, der Hofmeisterstand ist einer von denen, unus ex his, die alleweile mit Rosen und Lilien überstreut sind, und wo einen die Dornen des Lebens nur gar selten stechen. Denn was hat man zu thun? Man ißt, trinkt, schläft, hat für nichts zu sorgen; sein gut Glas Wein gewiß, seinen Braten täglich, alle Morgen seinen Kaffee, Thee, Schokolade, oder was man trinkt und das geht denn immer so fort—Nun ja, ich wollt Ihnen sagen: wissen Sie auch, Herr Mandel, daß ein Glas Wasser der Gesundheit eben so schädlich auf eine heftige Gemüthsbewegung als auf eine heftige Leibesbewegung; aber freylich, was fragt Ihr jungen Herren Hofmeister nach der Gesundheit—Denn sagt mir doch, (legt Brille und Lineal weg und steht auf) wo in aller Welt kann das der Gesundheit gut thun, wenn alle Nerven und Adern gespannt sind und das Blut ist in der heftigsten Cirkulation und die Lebensgeister sind alle in einer—Hitze, in einer—

Läuffer.Um Gotteswillen der Graf Wermuth—(springt in eineKammer)

(Graf Wermuth mit ein Paar Bedienten, die Pistolen tragen)

Graf.Ist hier ein gewisser Läuffer—Ein Student im blauenRock mit Tressen?

Wenzeslaus. Herr, in unserm Dorf ists die Mode, daß man den Hut abzieht, wenn man in die Stube tritt und mit dem Herrn vom Hause spricht.

Graf.Die Sache pressirt—Sagt mir, ist er hier oder nicht?

Wenzeslaus. Und was soll er denn verbrochen haben, daß Ihr ihn so mit gewafneter Hand sucht?(Graf will in die Kammer, er stellt sich vor die Thür) Halt Herr! Die Kammer ist mein, und wo Ihr nicht augenblicklich Euch aus meinem Hause packt, so zieh ich nur an meiner Schelle und ein halb Dutzend handfester Bauerkerle schlägt Euch zu morsch Pulver-Granatenstücken. Seyd Ihr Strassenräuber, so muß man Euch als Strassenräubern begegnen. Und damit Ihr Euch nicht verirrt und den Weg zum Haus' hinaus so gut findt als Ihr ihn hinein gefunden habt—(faßt ihn an die Hand und führt ihn zur Thür hinaus: die Bedienten folgen ihm)

Läuffer. (springt aus der Kammer hervor)Glücklicher Mann! Beneidenswerther Mann!

Wenzeslaus. (in der obigen Attitude) In—Die Lebensgeister sagt' ich, sind in einer— Begeisterung, alle Passionen sind gleichsam in einer Empörung, in einem Aufruhr—Nun wenn Ihr da Wasser trinkt, so gehts, wie wenn man in eine mächtige Flamme Wasser schüttet. Die starke Bewegung der Luft und der Krieg zwischen den beyden entgegengesetzten Elementen macht eine Effervescenz, eine Gährung, eine Unruhe, ein tumultuarisches Wesen.—

Läuffer.Ich bewundere Sie…

Wenzeslaus.Gottlieb!—Jetzt können Sie schon allgemach trinken—Allgemach—und denn werden Sie auf den Abend mit einemSallat und Knackwurst vorlieb nehmen—Was war das fürein ungeschliffener Kerl, der nach Ihnen suchte?

Läuffer.Es ist der Graf Wermuth, der künftige Schwiegersohn desMajors; er ist eifersüchtig auf mich, weil das Fräuleinihn nicht leiden kann—

Wenzeslaus. Aber was soll denn das auch? Was will das Mädchen denn auch mit ihm Monsieur Jungfernknecht? Sich ihr Glück zu verderben, um eines solchen jungen Siegfrieds willen, der nirgends Haus oder Heerd hat? Das laß Er sich aus dem Kopf und folg' Er mir nach in die Küche. Ich seh, mein Bube ist fortgangen, mir Bratwürste zu holen. Ich will ihm selber Wasser schöpfen, denn Magd hab' ich nicht und an eine Frau hab' ich mich noch nicht unterstanden zu denken, weil ich weiß, daß ich keine ernähren kann—geschweige denn eine drauf angesehen, wie Ihr junge Herren Weiß und Roth—Aber man sagt wohl mit Recht, die Welt verändert sich.

Dritte Scene.

In Heidelbrunn.Der Geheime Rath. Herr von Seiffenblase, und seinHofmeister.

Hofmeister. Wir haben uns in Halle nur ein Jahr aufgehalten und als wir von Göttingen kamen, nahmen wir unsere Rückreise über alle berühmte Universitäten in Deutschland. Wir konnten also in Halle das zweytemal nicht lange verweilen; zudem saß Ihr Herr Sohn grade zu der Zeit in dem unglücklichen Arrest, wo ich ihn nur einigemal zu sprechen die Ehre haben konnte: also könnt ich Ihnen aufrichtig von der Führung Dero Herrn Sohns draussen keine umständliche Nachricht geben.

Geh. Rath. Der Himmel verhängt Strafen über unsre ganze Familie. Mein Bruder—Ich wills Ihnen nur nicht verheelen, denn leider ist Stadt und Land voll davon—hat das Unglück gehabt, daß seine Tochter ihm verschwunden ist, ohne daß eine Spur von ihr anzutreffen—Ich höre itzt von meinem Sohn—Wenn er sich gut geführt hätte, wie wärs möglich gewesen, ihn ins Gefängniß zu bringen? Ich hab ihm ausser seinem starken Wechsel noch alle halbe Jahr außerordentliche geschickt; auf allen Fall—

Hofmeister. Die bösen Gesellschaften; die erstaunenden Verführungen auf Akademien.

Seiffenblase. Das seltsamste dabey ist, daß er für einen andern sitzt; ein Ausbund aller Lüderlichkeit, ein Mensch, für den ich keinen Groschen ausgäbe und er auf meinem Misthaufen Hungers krepirte. Er ist hier gewesen, Sie werden von ihm gehört haben; er suchte Geld bey seinem Vater, unter dem Vorwand, Ihren Herrn Sohn auszulösen; vermuthlich wär' er damit auf eine andere Akademie gegangen und hätte von frischem angefangen zu wirthschaften. Ich weiß schon, wie's die lüderlichen Studenten machen, aber sein Vater hat den Braten gerochen und hat ihn nicht vor sich kommen lassen.

Geh. Rath.Doch wohl nicht der junge Pätus, des Rathsherrn Sohn?

Seiffenblase.Ich glaub', es ist derselbe.

Geh. Rath.Jedermann hat dem Vater die Härte verdacht.

Hofmeister. Ja was ist da zu verdenken, mein gnädiger Herr geheimer Rath; wenn ein Sohn die Güte des Vaters zu sehr misbraucht, so muß sich das Vaterherz wohl ab von ihm wenden. Der Hohepriester Eli war nicht hart und brach den Hals.

Geh. Rath. Gegen die Ausschweifungen seiner Kinder kann man nie zu hart seyn, aber wol gegen ihr Elend. Der junge Mensch soll hier haben betteln müssen. Und mein Sohn sitzt um seinetwillen?

Seiffenblase. Was anders? Er war sein vertrautester Freund und fand niemand würdiger, mit ihm die Komödie von DAMON und PYTHIAS zu spielen. Noch mehr, Herr Pätus kam zurück und wollte seinen Platz wieder einnehmen, aber Ihr Sohn bestund drauf, er wollte sitzen bleiben: Sie würden ihn schon auslösen, und Pätus mit einem andern Erzrenomisten und Spieler wollten die Flucht nehmen und sich zu helfen suchen, so gut sie könnten. Vielleicht überfallen sie wieder so irgend einen armen Studenten mit Masken vor den Gesichtern auf der Stube und nehmen ihm die Uhr und Goldbörse, mit der Pistol auf der Brust, weg, wie sie's in Halle schon einem gemacht haben.

Geh. Rath.Und mein Sohn ist der dritte aus diesem Kleeblatt?

Seiffenblase.Ich weiß nicht, Herr geheimer Rath.

Geh. Rath. Kommen Sie zum Essen, meine Herren! Ich weiß schon zuviel. Es ist ein Gericht Gottes über gewisse Familien; bey einigen sind gewisse Krankheiten erblich, bey andern arten die Kinder aus, die Väter mögen thun was sie wollen. Essen Sie: ich will fasten und bethen, vielleicht hab' ich diesen Abend durch die Ausschweifungen meiner Jugend verdient.

Vierte Scene.

Die Schule. Wenzeslaus und Läuffer. (an einem ungedeckten Tisch speisend)

Wenzeslaus. Schmeckts? Nicht wahr, es ist ein Abstand von meinem Tisch und des Majors? Aber wenn der Schulmeister Wenzeslaus seine Wurst ißt, so hilft ihm das gute Gewissen verdauen, und wenn der Herr Mandel Kapaunenbraten mit der Schampignonsauce aß, so stieß ihm sein Gewissen jeden Bissen, den er hinabschluckte, mit der Moral wieder in Hals zurück: Du bist ein— Denn sagt mir einmal, lieber Herr Mandel; nehmt mir nicht übel, daß ich Euch die Wahrheit sage; das würzt das Gespräch wie Pfeffer den Gurkensallat; sagt mir einmal, ist das nicht hundsvöttisch, wenn ich davon überzeugt bin, daß ich ein Ignorant bin, und meine Untergebenen nichts lehren kann, und also müßig bey ihnen gehe und sie müßig gehen lasse, und dem lieben Gott ihren Tag stehlen und doch hundert Dukaten— Wars nicht soviel? Gott verzeyh mir, ich hab in meinem Leben nicht so viel Geld auf einem Haufen beisammen gesehen! Hundert funfzig Dukaten, sag' ich, in Sack stecke, für nichts und wieder nichts!

Läuffer. O! und Sie haben noch nicht alles gesagt, Sie kennen Ihren Vorzug nicht ganz, oder fühlen ihn, ohn' ihn zu kennen. Haben Sie nie einen Sklaven im betreßten Rock gesehen? O Freyheit, güldene Freyheit!

Wenzeslaus.Ey was Freyheit! Ich bin auch so frey nicht; ich binan meine Schule gebunden, und muß Gott und meinemGewissen Rechenschaft von geben.

Läuffer. Eben das—Aber wie, wenn Sie den Grillen eines wunderlichen Kopfs davon Rechenschaft ablegen müsten, der mit Ihnen umgienge hundertmal ärger als Sie mit Ihren Schulknaben?

Wenzeslaus. Ja nun—dann müst' er aber auch an Verstand so weit über mich erhaben seyn, wie ich über meine Schulknaben, und das trift man selten, glaub ich wol; besonders bey unsern Edelleuten; da mögt Ihr wohl recht haben: wenigstens der Flegel da, der mir vorhin in meine Kammer wollte, ohne mich vorher um Erlaubniß zu bitten. Wenn ich zum Herrn Grafen käme und wollt ihm, mir nichts, dir nichts, die Zimmer visitiren—Aber potz Millius, so eßt doch; Ihr macht ja ein Gesicht, als ob Ihr zu Taxieren einnähmt. Nicht wahr, Ihr hättet gern ein Glas Wein dazu? Ich hab Euch zwar vorhin eins versprochen, aber ich habe keinen im Hause. Morgen werd' ich wieder bekommen, und da trinken wir Sonntags und Donnerstags, und wenn der Organist Franz zu uns kommt, extra. Wasser, Wasser, mein Freund, ariston men to udwr, das hab ich noch von der Schule mitgebracht, und da eine Pfeife dazu geraucht nach dem Essen im Mondenschein und einen Gang ums Feld gemacht; da läßt sich drauf schlafen, vergnügter als der große Mogul— Ihr raucht doch eins mit heut?

Läuffer. Ich wills versuchen; ich hab' in meinem Leben nicht geraucht.

Wenzeslaus. Ja freylich, Ihr Herren Weiß und Roth, das verderbt Euch die Zähne. Nicht wahr? und verderbt Euch die Farbe; nicht wahr? Ich habe geraucht, als ich kaum von meiner Mutter Brust entwöhnt war; die Warze mit dem Pfeifenmundstück verwechselt. He he he! Das ist gut wider die böse Luft und wider die bösen Begierden ebenfalls. Das ist so meine Diät: des Morgens kalt Wasser und eine Pfeife, dann Schul gehalten bis Eilfe, dann wieder eine Pfeife bis die Suppe fertig ist: die kocht mir mein Gottlieb so gut als Eure französische Köche, und da ein Stück Gebratenes und Zugemüse und dann wieder eine Pfeife, dann wieder Schul gehalten, dann Vorschriften geschrieben bis zum Abendessen; da eß' ich denn gemeiniglich kalt etwas, eine Wurst mit Sallat, ein Stück Käs oder was der liebe Gott gegeben hat und dann wieder eine Pfeife vor Schlafengehen.

Läuffer.Gott behüte, ich bin in eine Tabagie gekommen—

Wenzeslaus. Und da werd' ich dick und fett bey und lebe vergnügt und denke noch ans Sterben nicht.

Läuffer. Es ist aber doch unverantwortlich, daß die Obrigkeit nicht dafür sorgt, Ihnen das Leben angenehmer zu machen.

Wenzeslaus. Ey was, es ist nun einmal so; und damit muß man zufrieden seyn: bin ich doch auch mein eignet Herr und hat kein Mensch mich zu schikanieren, da ich alle Tage weiß, daß ich mehr thu' als ich soll. Ich soll meinen Buben lesen und schreiben lehren; ich lehre sie rechnen dazu und lateinisch dazu und mit Vernunft lesen dazu und gute Sachen schreiben dazu.

Läuffer.Und was für Lohn haben Sie dafür?

Wenzeslaus. Was für Lohn?—Will Er denn das kleine Stückchen Wurst da nicht aufessen? Er kriegt nichts bessers; wart' Er auf nichts bessers, oder Er muß das erstemal Seines Lebens hungrig zu Bette gehn—Was für Lohn? Das war dumm gefragt, Herr Mandel. Verzeyh Er mir; was für Lohn? Gottes Lohn hab ich dafür, ein gutes Gewissen und wenn ich da vielen Lohn von der Obrigkeit begehren wollte, so hätt' ich ja meinen Lohn dahin. Will Er denn den Gurkensallat durchaus verderben lassen? So eß Er doch; so sey Er doch nicht blöde: bey einer schmalen Mahlzeit muß man zum Kuckuck nicht blöde seyn. Wart Er, ich will Ihm noch ein Stück Brod abschneiden.

Läuffer.Ich bin satt überhörig.

Wenzeslaus. Nun so laß Ers stehen; aber es ist seine eigne Schuld wenn's nicht wahr ist. Und wenn es wahr ist, so hat Er unrecht, daß Er Sich überhörig satt ißt, denn das macht böse Begierden und schläfert den Geist ein. Ihr Herren Weiß und Roth mögts glauben oder nicht. Man sagt zwar auch vom Toback, daß er ein narkotisches, schläfrigmachendes, dummmachendes Oel habe und ich hab's bisweilen auch wol so wahrgefunden und bin versucht worden, Pfeife und allen Henker ins Kamin zu werfen, aber unsere Nebel hier herum beständig und die feuchte Winter- und Herbstluft alleweile und denn die vortrefliche Wirkung, die ich davon verspüre, daß es zugleich die bösen Begierden mit einschläfert— Holla, wo seyd Ihr denn, lieber Mann? Eben da ich vom Einschläfern rede, nickt Ihr schon; so gehts, wenn der Kopf leer ist und faul dabey und niemals ist angestrengt worden. Allons! frisch, eine Pfeife mit mir geraucht! (stopft sich und ihm) Laßt uns noch eins mit einander plaudern. (raucht) Ich hab Euch schon vorhin in der Küche sagen wollen: ich sehe, daß Ihr schwach in der Latinität seyd, aber da Ihr doch eine gute Hand schreibt, wie Ihr sagt, so könntet Ihr mir doch so Abends an die Hand gehen, weil ich meiner Augen muß anfangen zu schonen, und meinen Buben die Vorschriften schreiben. Ich will Euch dabey Corderii Colloquia geben und Gürtleri Lexicon; wenn Ihr fleißig seyn wollt. Ihr habt ja den ganzen Tag für Euch, so könnt Ihr Euch in der lateinischen Sprache was umthun, und wer weiß wenn es Gott gefällt mich heute oder morgen von der Welt zu nehmen—Aber Ihr müßt fleißig seyn, das sag' ich Euch, denn so seyd Ihr ja noch kaum zum Kollaborator tüchtig, geschweige denn—(trinkt)

Läuffer. (legt die Pfeife weg)Welche Demüthigung!

Wenzeslaus. Aber … aber … aber (reißt ihm den Zahnstocher aus dem Munde) was ist denn das da? Habt Ihr denn noch nicht einmal so viel gelernt, großer Mensch, daß Ihr für Euren eignen Körper Sorge tragen könnt. Das Zähnestochern ist ein Selbstmord; ja ein Selbstmord, eine muthwillige Zerstöhrung Jerusalems, die man mit seinen Zähnen vornimmt. Da, wenn Euch was im Zahn sitzen bleibt: (nimmt Wasser und schwängt den Mund aus) So müßt Ihrs machen, wenn Ihr gesunde Zähne behalten wollt, Gott und eurem Nebenmenschen zu Ehren, und nicht einmal im Alter herumlaufen, wie ein alter Kettenhund, dem die Zähne in der Jugend ausgebrochen worden, und der die Kinnbacken nicht zusammenhalten kann. Das wird einen schönen Schulmeister abgeben, wills Gott, wenn ihm aufs Alter die Worte ungebohren zum Munde herausfallen und er zwischen Nase und Oberlippen da was herausschnarcht, das kein Hund oder Hahn versteht.

Läuffer. Der wird mich noch zu Tode meistern—Das unerträglichste ist, daß er Recht hat—

Wenzeslaus. Nun wie gehts? Schmeckt Euch der Toback nicht? Ich wette, nur ein paar Tage noch mit dem alten Wenzeslaus zusammen, so werdt Ihr rauchen wie ein Bootsknecht. Ich will Euch nach meiner Hand ziehen, daß Ihr Euch selber nicht mehr wieder kennen sollt.

Vierter Akt.

Erste Scene.

Zu Insterburg.

Geheimer Rath. Major.

Major. Hier Bruder—Ich schweife wie Kain herum, unstät und flüchtig—Weißt Du was? Die Russen sollen Krieg mit den Türken haben; ich will nach Königsberg gehn, um nähere Nachrichten einzuziehen: ich will mein Weib verlassen und in der Türkey sterben.

Geh. Rath.Deine Ausschweifungen schlagen mich vollends zu Boden.—O Himmel, muß es denn von allen Seiten stürmen?—Da lißden Brief vom Professor Mr.

Major. Ich kann nicht mehr lesen; ich hab meine Augen fast blind geweint.

Geh. Rath. So will ich dir vorlesen, damit Du siehst, daß Du nicht der einzige Vater seyst, der sich zu beklagen hat: "Ihr Sohn ist vor einiger Zeit wegen Bürgschaft gefänglich eingezogen worden: er hat, wie er mir vorgestern mit Thränen gestanden, nach fünf vergeblich geschriebenen Briefen keine Hofnung mehr, von Eurer Excellenz Verzeihung zu erhalten. Ich redte ihm zu, sich zu beruhigen, bis ich gleichfalls in dieser Sache mich vermittelt hätte: er versprach es mir, ist aber ungeachtet dieses Versprechens noch in derselben Nacht heimlich aus dem Gefängniß entwischt. Die Schuldner haben ihm Steckbriefe nachsenden und seinen Namen in allen Zeitungen bekannt machen wollen; ich habe sie aber dran verhindert und für die Summe gutgesagt, weil ich viel zu sehr überzeugt bin, daß Eure Excellenz diesen Schimpf nicht werden auf Dero Familie kommen lassen. Uebrigens habe die Ehre, in Erwartung Dero Entschlusses mich mit vollkommenster" …

Major.Schreib ihm zurück: sie sollen ihn hängen.

Geh. Rath.Und die Familie—

Major.Lächerlich! Es giebt keine Familie; wir haben keineFamilie. Narrenspossen! Die Russen sind meine Familie:ich will Griechisch werden.

Geh. Rath.Und noch keine Spur von Deiner Tochter?

Major.Was sagst Du?

Geh. Rath.Hast nicht die geringste Nachricht von Deiner Tochter?

Major.Laß mich zufrieden.

Geh. Rath.Es ist doch Dein Ernst nicht, nach Königsberg zu reisen?

Major.Wenn mag doch die Post abgehn von Königsberg nach Warschau?

Geh. Rath.Ich werde Dich nicht fortlassen; es ist nur umsonst.Meynst Du, vernünftige Leute werden sich von DeinenPhantasien übertölpeln lassen? Ich kündige Dir hiermitHausarrest an. Gegen Leute, wie Du bist, muß man Ernstgebrauchen, sonst verwandelt sich ihr Gram in Narrheit.

Major. (weint)Ein ganzes Jahr—Bruder geheimer Rath—Ein ganzesJahr—und niemand weiß, wohin sie gestoben oder geflogenist?

Geh. Rath.Vielleicht todt—

Major. Vielleicht?—Gewiß todt—und wenn ich nur den Trost haben könnte, sie noch zu begraben—aber sie muß sich selbst umgebracht haben, weil mir niemand Anzeige von ihr geben kann.—Eine Kugel durch den Kopf, Berg, oder einen Türkenpallasch; das wär eine Victorie.

Geh. Rath. Es ist ja eben so wohl möglich, daß sie den Läuffer irgendwo angetroffen und mit dem aus dem Lande gegangen. Gestern hat mich Graf Wermuth besucht und hat mir gesagt, er sey denselben Abend noch in eine Schule gekommen, wo ihn der Schulmeister nicht hab' in die Kammer lassen wollen: er vermuthet immer noch, der Hofmeister habe drinn gesteckt, vielleicht Deine Tochter bey ihm.

Major.Wo ist der Schulmeister? Wo ist das Dorf? Und derSchurke von Grafen ist nicht mit Gewalt in die Kammereingedrungen? Komm: wo ist der Graf?

Geh. Rath. Er wird wohl wieder im Hecht abgestiegen seyn, wie gewöhnlich.

Major. O wenn ich sie auffände—Wenn ich nur hoffen könnte, sie noch einmal wieder zu sehen—Hol mich der Kuckuk, so alt wie ich bin und abgegrämt und wahnwitzig; ja hol mich der Teufel, dann wollt' ich doch noch in meinem Leben wieder einmal lachen, das letztemal laut lachen und meinen Kopf in ihren entehrten Schooß legen und denn wieder einmal heulen und denn—Adieu Berg! Das wäre mir gestorben, das hieß mir sanft und selig im Herrn entschlafen.—Komm Bruder, Dein Junge ist nur ein Spitzbube geworden: das ist nur Kleinigkeit; an allen Höfen giebts Spitzbuben; aber meine Tochter ist eine Gassenhure, das heiß' ich einem Vater Freud machen: vielleicht hat sie schon drey Lilien auf dem Rücken.— Vivat die Hofmeister und daß der Teufel sie holt! Amen.

(gehn ab)

Zweite Scene.

Eine Bettlerhütte im Walde.Augustchen. (im groben Kittel.)Marthe. (ein alt blindes Weib)

Gustchen. Liebe Marthe, bleibt zu Hause und seht wohl nach dem Kinde: es ist das erstemal, daß ich Euch allein lasse in einem ganzen Jahr; also könnt Ihr mich nun wohl auch einmal einen Gang für mich thun lassen. Ihr habt Proviant für heut und Morgen; Ihr braucht also heute nicht auf der Landstraß auszustehn.

Marthe. Aber wo wollt Ihr denn hin, Grethe; das Gott erbarm! da Ihr noch so krank und so schwach seyd; laßt Euch doch sagen: ich hab auch Kinder bekommen und ohne viele Schmerzen, so wie Ihr, Gott sey Dank! aber einmal hab ichs versucht, den zweyten Tag nach der Niederkunft auszugehen und nimmermehr wieder; ich hatte schon meinen Geist aufgegeben, wahrlich ich könne Euch sagen, wie einem Todten zu Muthe ist—Laßt Euch doch lehren; wenn Ihr was im nächsten Dorf zu bestellen habt, obschon ich blind bin, ich will schon hinfinden; bleibt nur zu Hause und macht daß Ihr zu Kräften kommt: ich will alles für Euch ausrichten, was es auch sey.

Gustchen.Laßt mich nur, Mutter; ich hab Kräfte wie eine jungeBärin—und seht nach meinem Kinde.

Marthe. Aber wie soll ich denn darnach sehen, Heilige Mutter Gottes! da ich blind bin? Wenn es wird saugen wollen, soll ichs an meine schwarze verwelkte Zitzen legen? und es mit zu nehmen, habt Ihr keine Kräfte, bleibt zu Hause, liebes Grethel, bleibt zu Hause.

Gustchen. Ich darf nicht, liebe Mutter, mein Gewissen treibt mich fort von hier. Ich hab' einen Vater, der mich mehr liebt als sein Leben und seine Seele. Ich habe die vorige Nacht im Traum gesehen, daß er sich die weissen Haare ausriß und Blut in den Augen hatte: er wird meynen, ich sey todt. Ich muß ins Dorf und jemand bitten, daß er ihm Nachricht von mir giebt.

Marthe. Aber hilf lieber Gott, wer treibt Euch denn? Wenn Ihr nun unterwegens liegen bleibt? Ihr könnt nicht fort…

Gustchen. Ich muß—Mein Vater stand wankend; auf einmal warf er sich auf die Erde und blieb todt liegen—Er bringt sich um, wenn er keine Nachricht von mir bekommt.

Marthe. Wißt Ihr denn nicht, daß Träume grade das Gegentheil bedeuten?

Gustchen. Bey mir nicht—Laßt mich—Gott wird mit mir seyn. (geht ab)

Dritte Scene.

Die Schule.Wenzeslaus. Läuffer. (an einem Tisch sitzend) Der Major.Der Geheime Rath und Graf Wermuth.(treten herein mit Bedienten)

Wenzeslaus. (läßt die Brille fallen)Wer da?

Major. (mit gezogenem Pistol) Daß Dich das Wetter! da sitzt der Haas im Kohl. (schießt und trift Läuffern in Arm, der vom Stuhl fällt)

Geh. Rath. (der vergeblich versucht hat ihn zurückzuhalten)Bruder—(stößt ihn unwillig) So hab's denn darnach,Tollhäusler!

Major.Was? ist er todt? (schlägt sich vors Gesicht) Was habich gethan? Kann Er mir keine Nachricht mehr von meinerTochter geben?

Wenzeslaus. Ihr Herren! Ist das jüngste Gericht nahe, oder sonst etwas? Was ist das? (zieht an seiner Schelle) Ich will Euch lehren, einen ehrlichen Mann in seinem Hause überfallen.

Läuffer. Ich beschwör' Euch: schellt nicht!—Es ist der Major; ich hab's an seiner Tochter verdient.

Geh. Rath. Ist kein Chirurgus im Dorf, ehrlicher Schulmeister! Er ist nur am Arm verwundet, ich will ihn kuriren lassen.

Wenzeslaus. Ey was kuriren lassen! Straßenräuber! schießt man Leute übern Haufen, weil man so viel hat, daß man sie kuriren lassen kann? Er ist mein Kollaborator; er ist eben ein Jahr in meinem Hause: ein stiller, friedfertiger, fleißiger Mensch, und sein Tage hat man nichts von ihm gehört, und Ihr kommt und erschießt mir meinen Kollaborator in meinem eignen Hause!—Das soll gerochen werden, oder ich will nicht selig sterben. Seht Ihr das!

Geh. Rath. (bemüht Läuffern zu verbinden)Wozu das Geschwätz, lieber Mann? Es thut uns leyd genug—Aber die Wunde könnte sich verbluten, schaft uns nureinen Chirurgus.

Wenzeslaus.Ey was! Wenn Ihr Wunden macht, so mögt Ihr sie auchheilen, Strassenräuber! Ich muß doch nur zum GevatterSchöpsen gehen. (geht ab)

Major. (zu Läuffern)Wo ist meine Tochter?

Läuffer.Ich weiß es nicht.

Major.Du weißt nicht? (zieht noch eine Pistol hervor)

Geh. Rath. (entreißt sie ihm und schießt sie aus demFenster ab)Sollen wir Dich mit Ketten binden lassen, Du—

Läuffer.Ich habe sie nicht gesehen, seit ich aus Ihrem Hausegeflüchtet bin; das bezeug' ich vor Gott, vor dessenGericht ich vielleicht bald erscheinen werde.

Major.Also ist sie nicht mit Dir gelaufen?

Läuffer.Nein.

Major. Nun denn; so wieder eine Ladung Pulver umsonst verschossen! Ich wollt, sie wäre Dir durch den Kopf gefahren, da Du kein gescheutes Wort zu reden weißt, Lumpenhund! Laßt ihn liegen und kommt bis ans Ende der Welt. Ich muß meine Tochter wieder haben, und wenn nicht in diesem Leben, doch in jener Welt, und da soll mein hochweiser Bruder und mein hochweiseres Weib mich wahrhaftig nicht von abhalten (läuft fort.)

Geh. Rath. Ich darf ihn nicht aus den Augen lassen. (wirft Läuffern einen Beutel zu) Lassen Sie Sich davon kuriren, und bedenken Sie, daß Sie meinen Bruder weit gefährlicher verwundet haben, als er Sie. Es ist ein Bankozettel drin, geben Sie Acht drauf und machen ihn sich zu Nutz so gut Sie können. (gehn alle ab)

(Wenzeslaus kömmt mit dem Barbier Schöpsen und einigenBauerkerlen)

Wenzeslaus.Wo ist das Otterngezüchte? Redet!

Läuffer. Ich bitt Euch, seyd ruhig. Ich habe weit weniger bekommen, als meine Thaten werth waren. Meister Schöpsen, ist meine Wunde gefährlich?

(Schöpsen besieht sie)

Wenzeslaus. Was denn? Wo sind sie? Das leid ich nicht; nein, das leid ich nicht und sollt es mich Schul und Amt und Haar und Bart kosten. Ich will sie zu Morsch schlagen, die Hunde—Stellen Sie Sich vor, Herr Gevatter; wo ist das in aller Welt in iure naturae, und in iure civili, und im iure canonico, und im iure gentium, und wo Sie wollen, wo ist das erhört, daß man einem ehrlichen Mann in sein Haus fällt und in eine Schule dazu; an heiliger Stätte—Gefährlich; nicht wahr? Haben Sie sondirt? Ists?

Schöpsen. Es ließe sich viel drüber sagen—nun doch wir wollen sehen—am Ende wollen wir schon sehen.

Wenzeslaus. Ja Herr, he he, in fine videbitur cuius toni; das heißt, wenn er wird todt seyn, oder wenn er völlig gesund seyn wird, da wollen Sie uns erst sagen, ob die Wunde gefährlich war oder nicht: das ist aber nicht medicinisch gesprochen; verzeyh Er mir. Ein tüchtiger Arzt muß das Dings vorher wissen, sonst sag' ich ihm ins Gesicht: er hat seine Pathologie oder Chirurgie nur so halbwege studirt und ist mehr in die Bordells gangen, als in die Kollegia; denn in amore omnia insunt vitia, und wenn ich einen Ignoranten sehe, er mag seyn aus was für einer Fakultät er wolle, so sag' ich immer: er ist ein Jungfernknecht gewesen; ein Hurenhengst; das laß' ich mir nicht ausreden.

Schöpsen. (nachdem er die Wunde noch einmal besichtigt) Ja die Wunde ist, nachdem man sie nimmt—Wir wollen sehen, wir wollen sehen.

Läuffer.Hier, Herr Schulmeister! hat mir des Majors Bruder einenBeutel gelassen, der ganz schwer von Dukaten ist undobenein ist ein Bankozettel drinn—Da sind wir auf vielJahre geholfen.

Wenzeslaus. (hebt den Beutel) Nun das ist etwas—Aber Hausgewalt bleibt doch Hausgewalt und Kirchenraub, Kirchenraub—Ich will ihm einen Brief schreiben, dem Herrn Major. den er nicht ins Fenster stecken soll.

Schöpsen. (der sich die Weil' über vergessen und eifrig nach dem Beutel gesehen, fällt wieder über die Wunde her) Sie wird sich endlich schon kuriren lassen, aber sehr schwer, hoff' ich, sehr schwer—

Wenzeslaus. Das hoff' ich nicht, Herr Gevatter Schöpsen; das fürcht' ich, das fürcht' ich—aber ich will Ihm nur zum voraus sagen, daß wenn Er die Wunde langsam kurirt, so kriegt Er auch langsame Bezahlung; wenn Er ihn aber in zwey Tagen wieder auf frischen Fuß stellt, so soll Er auch frisch bezahlt werden; darnach kann Er sich richten.

Schöpsen.Wir wollen sehen.

Vierte Scene.

Gustchen. (liegend, an einem Teich mit Gesträuch umgeben) Soll ich denn hier sterben?—Mein Vater! Mein Vater! gieb mir die Schuld nicht, daß Du nicht Nachricht von mir bekömmst. Ich hab meine letzten Kräfte angewandt— sie sind erschöpft—Sein Bild, o sein Bild steht mir immer vor den Augen! Er ist todt, ja todt—und für Gram um mich—Sein Geist ist mir diese Nacht erschienen, mir Nachricht davon zu geben—mich zur Rechenschaft dafür zu fodern—Ich komme, ja ich komme. (raft sich auf und wirft sich in Teich.)

Major. (von weitem)Geh. Rath und Graf Wermuth. (folgen ihm)

Major. Hey! hoh! da giengs in Teich—Ein Weibsbild wars und wenn gleich nicht meine Tochter, doch auch ein unglücklich Weibsbild—Nach, Berg! Das ist der Weg zu Gustchen oder zur Hölle! (springt ihr nach)

Geh. Rath. (kommt)Gott im Himmel! was sollen wir anfangen?

Graf Wermuth.Ich kann nicht schwimmen.

Geh. Rath.Auf die andere Seite!—Mich deucht, er haschte dasMädchen … Dort—dort hinten im Gebüsch.—Sehen Sienicht? Nun treibt er den Teich mit ihr hinunter—Nach!

Fünfte Scene.

(Eine andere Seite des Teichs, Hinter der Scene Geschrey.)"Hülfe! 's meine Tochter! Sakkerment und all das Wetter!Graf! reicht mir doch die Stange:daß Euch die schwere Noth."

Major Berg. (trägt Gustchen aufs Theater)Geheimer Rath und Graf. (folgen)

Major. Da!—(setzt sie nieder. Geheimer Rath und Graf suchen sie zu ermuntern) Verfluchtes Kind! habe ich das an Dir erziehen müssen! (kniet nieder bey ihr) Gustel! was fehlt Dir? Hast Wasser eingeschluckt? Bist noch mein Gustel?—Gottlose Kanaille! Hättst Du mir nur ein Wort vorher davon gesagt; ich hätte dem Lausejungen einen Adelbrief gekauft, da hättet ihr können zusammen kriechen.—Gott behüt! so helft ihr doch; sie ist ja ohnmächtig. (springt auf, ringt die Hände; umhergehend) Wenn ich nur wüst', wo der maledeyte Chirurgus vom Dorf anzutreffen wäre.—Ist sie noch nicht wach?

Gustchen. (mit schwacher Stimme)Mein Vater!

Major.Was verlangst Du?

Gustchen.Verzeihung.

Major. (geht auf sie zu) Ja verzeih Dirs der Teufel, ungerathenes Kind.—Nein, (kniet wieder bey ihr) fall nur nicht hin, mein Gustel— mein Gustel! Ich verzeih Dir; ist alles vergeben und vergessen—Gott weiß es: ich verzeih Dir—Verzeih Du mir nur! Ja aber nun ists nicht mehr zu ändern. Ich hab dem Hundsvott eine Kugel durch den Kopf geknallt.

Geh. Rath.Ich denke, wir tragen sie fort.

Major. Laßt stehen! Was geht sie euch an? Ist sie doch Eure Tochter nicht. Bekümmert Euch um Euer Fleisch und Bein daheime. (Er nimmt sie auf die Arme) Da Mädchen—Ich sollte wohl wieder nach dem Teich mit Dir—(schwenkt sie gegen den Teich zu) aber wir wollen nicht eher schwimmen als bis wir's Schwimmen gelernt haben, meyn' ich.—(drückt sie an sein Herz) O du mein einzig theurester Schatz! Daß ich dich wieder in meinen Armen tragen kann, gottlose Kanaille! (trägt sie fort)

Sechste Scene.

In Leipzig.Fritz von Berg. Pätus.

Fritz. Das einzige, was ich an Dir auszusetzen habe, Pätus. Ich habe Dirs schon lang sagen wollen: untersuche Dich nur selbst; was ist die Ursach zu all Deinem Unglück gewesen? Ich tadle es nicht, wenn man sich verliebt. Wir sind in den Jahren; wir sind auf der See, der Wind treibt uns, aber die Vernunft muß immer am Steuerruder bleiben, sonst jagen wir auf die erste beste Klippe und scheitern. Die Hamstern war eine Kokette, die aus Dir machte, was sie wollte; sie hat Dich um Deinen letzten Rock, um Deinen guten Namen und um den guten Namen Deiner Freunde dazu gebracht: ich dächte, da hättest Du klug werden können. Die Rehaarin ist ein unverführtes unschuldiges jugendliches Lamm: wenn man gegen ein Herz, das sich nicht vertheidigen will, noch vertheidigen kann, alle mögliche Batterien spielen läßt, um es—was soll ich sagen? zu zerstören, einzuäschern, das ist unrecht, Bruder Pätus, das ist unrecht. Nimm mirs nicht übel, wir können so nicht gute Freunde zusammen bleiben. Ein Mann, der gegen ein Frauenzimmer es so weit treibt, als er nur immer kann, ist entweder ein Theekessel oder ein Bösewicht; ein Theekessel, wenn er sich selbst nicht beherrschen kann, die Ehrfurcht, die er der Unschuld und Tugend schuldig ist, aus den Augen zu setzen: oder ein Bösewicht, wenn er sich selbst nicht beherrschen will und wie der Teufel im Paradiese sein einzig Glück darin setzt, ein Weib ins Verderben zu stürzen.

Pätus. Predige nur nicht, Bruder! Du hast Recht; es reuet mich, aber ich schwöre Dir, ich kann drauf fluchen, daß ich das Mädchen nicht angerührt habe.

Fritz.So bist Du doch zum Fenster hineingestiegen und dieNachbarn habens gesehen, meynst Du, ihre Zunge wird soverschämt seyn, wie Deine Hand vielleicht gewesen ist?Ich kenne Dich, ich weiß, so dreust Du scheinst, bistDu doch blöde gegen's Frauenzimmer und darum lieb ichDich: aber wenns auch nichts mehr wäre, als daß dasMädchen ihren guten Namen verliert, und eineMusikantentochter dazu, ein Mädchen, das alles vonder Natur empfieng: vom Glück nichts, der ihre einzigeAussteuer, ihren guten Namen, zu rauben—Du hastsie unglücklich gemacht, Pätus.—

(Herr Rehaar kommt, eine Laute unterm Arm.)

Rehaar. Ergebener Diener von Ihnen; ergebener Diener, Herr von Berg, wünsche schönen guten Morgen. Wie haben Sie geschlafen und wie stehts Konzertchen? (setzt sich und stimmt) Haben Sie's durchgespielt? (stimmt) Ich habe die Nacht einen heßlichen Schrecken gehabt, aber ich wills dem eingedenk seyn.—Sie kennen ihn wohl, es ist einer von ihren Landsleuten. Twing, twing. Das ist eine verdammte Quinte! Will sie doch mein Tage nicht recht tönen; ich will Ihnen Nachmittag eine andere bringen.

Fritz. (setzt sich mit seiner Laute)Ich hab das Koncert noch nicht angesehen.

Rehaar. Ey Ey, faules Herr von Bergchen, noch nicht angesehen? Twing! Nachmittag bring ich Ihnen eine andre. (legt die Laute weg und nimmt eine Prise) Man sagt: die Türken sind über die Donau gegangen und haben die Russen brav zurückgepeitscht, bis—Wie heißt doch nun der Ort? Bis Otschakof, glaub' ich; was weiß ich? so viel sag ich Ihnen, wenn Rehaar unter ihnen gewesen wäre, was meynen Sie? Er wäre noch weiter gelaufen. Ha ha ha! (nimmt die Laute wieder) Ich sag Ihnen, Herr von Berg, ich hab keine größere Freude, als wenn ich wieder einmal in der Zeitung lese, daß eine Armee gelaufen ist. Die Russen sind brave Leute, daß sie gelaufen sind; Rehaar wär auch gelaufen und alle gescheute Leute, denn wozu nützt das Stehen und sich todtschlagen lassen, ha ha ha.

Fritz.Nicht wahr, das ist der erste Grif?

Rehaar. Ganz recht; den zweiten Finger etwas mehr übergelegt und mit dem kleinen abgerissen, so—Rund, rund den Triller, rund Herr von Bergchen—Mein seliger Vater pflegt' immer zu sagen, ein Musikus muß keine Kourage haben, und ein Musikus der Herz hat, ist ein Hundsfut. Wenn er sein Konzertchen spielen kann und seinen Marsch gut bläst— Das hab' ich auch dem Herzog von Kurland gesagt, als ich nach Petersburg gieng, das erstemal in der Suite vom Prinzen Czartorinsky, und vor ihm spielen mußte. Ich muß noch lachen; als ich in den Saal kam und wollt' ihm mein tief tief Kompliment machen, sah' ich nicht, daß der Fußboden von Spiegel war und die Wände auch von Spiegel, und fiel herunter wie ein Stück Holz und schlug mir ein gewaltig Loch in Kopf: da kamen die Hofkavaliere und wollten mich drüber necken. Leidt das nicht, Rehaar, sagte der Herzog, Ihr habt ja einen Degen an der Seite; leidt das nicht. Ja, sage ich, Ew. Herzoglichen Majestät, mein Degen ist seit Anno Dreißig nicht aus der Scheide gekommen, und ein Musikus braucht den Degen nicht zu ziehen, denn ein Musikus, der Herz hat und den Degen zieht, ist ein Hundsfut und kann sein Tag auf keinem Instrument was vor sich bringen—Nein, nein, das dritte Chor wars, k, k, so—Rein, rein, den Triller rund und den Daumen unten nicht bewegt, so—

Pätus. (der sich die Zeit über seitwärts gehalten, tritt hervor und bietet Rehaar die Hand) Ihr Diener, Herr Rehaar; wie gehts?

Rehaar. (hebt sich mit der Laute) Ergebener Die—Wie solls gehen, Herr Pätus? Toujours content, jamais d'argent: das ist des alten Rehaars Sprichwort, wissen Sie, und die Herren Studenten wissens alle; aber darum geben sie mir doch nichts—Der Herr Pätus ist mir auch noch schuldig, von der letzten Serenade, aber er denkt nicht dran…

Pätus. Sie sollen haben, liebster Rehaar; in acht Tagen erwart' ich unfehlbar meinen Wechsel.

Rehaar. Ja, Sie haben schon lang gewartet, Herr Pätus, und Wechselchen ist doch nicht kommen. Was ist zu thun, man muß Geduld haben, ich sag immer, ich begegne keinem Menschen mit so viel Ehrfurcht als einem Studenten: denn ein Student ist nichts, das ist wahr, aber es kann doch alles aus ihm werden. (er legt die Laute auf den Tisch und nimmt eine Prise) Aber was haben Sie mir denn gemacht, Herr Pätus? Ist das recht; ist das auch honett gehandelt? Sind mir gestern zum Fenster hineingestiegen, in meiner Tochter Schlafkammer.

Pätus.Was denn, Vaterchen? ich? …

Rehaar. (läßt die Dose fallen) Ja ich will Dich bevaterchen und ich werd' es gehörigen Orts zu melden wissen, Herr, daß seyn Sie versichert. Meiner Tochter Ehr' ist mir lieb und es ist ein honettes Mädchen, hol's der Henker! und wenn ichs nur gestern gemerkt hätte oder wär' aufgewacht, ich hätt Euch zum Fenster hinausgehenselt, daß Ihr das Unterste zu Oberst— Ist das honett, ist das ehrlich? Pfuy Teufel, wenn ich Student bin, muß ich mich auch als Student aufführen, nicht als ein Schlingel—Da haben mirs die Nachbarn heut gesagt: ich dacht ich sollte den Schlag drüber kriegen, Augenblicks hat mir das Mädchen auf den Postwagen müssen und das nach Kurland zu ihrer Tante; ja nach Kurland, Herr, denn hier ist ihre Ehr' hin und wer zahlt mir nun die Reisekosten? Ich habe warhaftig den ganzen Tag keine Laut' anrühren können und über die funfzehn Quinten sind mir heut gesprungen. Ja Herr, ich zittere noch am ganzen Leibe und Herr Pätus, ich will ein Hühnchen mit Ihnen pflücken. Es soll nicht so bleiben; ich will Euch Schlingeln lehren ehrlicher Leute Kinder verführen.

Pätus.Herr, schimpf Er nicht, oder—

Rehaar. Sehen Sie nur an, Herr von Berg! sehn Sie einmal an— wenn ich nun Herz hätte, ich fodert' ihn augenblicklich vor die Klinge—Sehen Sie, da steht er und lacht mir noch in die Zähne obenein. Sind wir denn unter Türken und Heiden, daß ein Vater nicht mehr mit seiner Tochter sicher ist? Herr Pätus, Sie sollen mirs nicht umsonst gethan haben, ich sags Ihnen und sollts bis an den Kuhrfürsten selber kommen. Unter die Soldaten mit solchen lüderlichen Hunden! Dem Kalbsfell folgen, das ist gescheidter! Schlingel seyd ihr und keine Studenten!

Pätus. (giebt ihm eine Ohrfeige)Schimpf Er nicht; ich habs Ihm fünfmal gesagt!.

Rehaar. (springt auf, das Schnupftuch vorm Gesicht) So? Wart—Wenn ich doch nur den rothen Fleck behalten könnte, bis ich vorn Magnifikus komme— Wenn ich ihn doch nur acht Tage behalten könnte, daß ich nach Dresden reise und ihn dem Kuhrfürsten zeige—Wart, es soll Dir zu Hause kommen, wart, wart—Ist das erlaubt? (weint) Einen Lautenisten zu schlagen? weil er Dir seine Tochter nicht geben will, daß Du Lautchen auf ihr spielen kannst?—Wart, ich wills seiner Kuhrfürstlichen Majestät sagen, daß Du mich ins Gesicht geschlagen hast. Die Hand soll Dir abgehauen werden—Schlingel! (läuft ab, Pätus will ihm nach; Fritz hält ihn zurück)

Fritz.Pätus! Du hast schlecht gehandelt. Er war beleidigterVater, Du hättest ihn schonen sollen.

Pätus.Was schimpfte der Schurke?

Fritz. Schimpfliche Handlungen verdienen Schimpf. Er konnte die Ehre seiner Tochter auf keine andere Weise rächen, aber es möchten sich Leute finden—

Pätus.Was? Was für Leute?

Fritz. Du hast sie entehrt, Du hast ihren Vater entehrt. Ein schlechter Kerl, der sich an Weiber und Musikanten wagt, die noch weniger als Weiber sind.

Pätus.Ein schlechter Kerl?

Fritz.Du sollst ihm öffentlich abbitten.

Pätus.Mit meinem Stock.

Fritz.So werd ich Dir in seinem Namen antworten.

Pätus. (schreyt)Was willst Du von mir?

Fritz.Genugthuung für Rehaarn.

Pätus.Du wirst mich doch nicht zwingen wollen; einfältigerMensch—

Fritz.Ja, ich will Dich zwingen, kein Schurke zu seyn.

Pätus.Du bist einer—Du mußt Dich mit mir schlagen.

Fritz.Herzlich gern—wenn Du Rehaarn nicht Satisfaktion giebst.

Pätus.Nimmermehr.

Fritz.Es wird sich zeigen.

Fünfter Akt.

Erste Scene.

Die Schule.Läuffer. Marthe. (ein Kind auf dem Arm)

Marthe. Um Gotteswillen! helft einer armen blinden Frau und einem unschuldigen Kinde, das seine Mutter verloren hat.

Läuffer. (giebt ihr was)Wie seyd Ihr denn hergekommen, da Ihr nicht sehen könnt?

Marthe. Mühselig genug. Die Mutter dieses Kindes war meine Leiterin; sie gieng eines Tags aus dem Hause, zwey Tage nach ihrer Niederkunft, Mittags gieng sie fort und wollt' auf den Abend wiederkommen, sie soll noch wiederkommen. Gott schenk ihr die ewige Freud und Herrlichkeit!

Läuffer.Warum thut Ihr den Wunsch?

Marthe. Weil sie todt ist, das gute Weib; sonst hätte sie ihr Wort nicht gebrochen. Ein Arbeitsmann vom Hügel ist mir begegnet, der hat sie sich in Teich stürzen sehen. Ein alter Mann ist hinter ihr drein gewesen und hat sich nachgestürzt; das muß wohl ihr Vater gewest seyn.

Läuffer.O Himmel! Welch ein Zittern—Ist das ihr Kind?

Marthe. Das ist es; sehen Sie nur, wie rund es ist, von lauter Kohl und Rüben aufgefüttert. Was sollt' ich Arme machen; ich konnt' es nicht stillen, und da mein Vorrath auf war, macht' ichs wie Hagar, nahm das Kind auf die Schulter und gieng auf Gottes Barmherzigkeit.

Läuffer. Gebt es mir auf den Arm—O mein Herz!—Daß ichs an mein Herz drücken kann—Du gehst mir auf, furchtbares Rätzel! (nimmt das Kind auf den Arm und tritt damit vor den Spiegel) Wie? dies wären nicht meine Züge? (fällt in Ohnmacht; das Kind fängt an zu schreyen)

Marthe. Fallt Ihr hin? (hebt das Kind vom Boden auf) Sußchen, mein liebes Sußchen! (das Kind beruhigt sich) Hört! was habt Ihr gemacht? Er antwortet nicht: ich muß doch um Hülfe rufen; ich glaube, ihm ist weh worden. (geht hinaus)

Zweyte Scene.

Ein Wäldchen vor Leipzig.Fritz von Berg und Pätus. (stehn mit gezogenem Degen)Rehaar.

Fritz.Wird es bald?

Pätus.Willst Du anfangen?

Fritz.Stoß Du zuerst.

Pätus. (wirft den Degen weg)Ich kann mich mit Dir nicht schlagen.

Fritz. Warum nicht? Nimm ihn auf. Hab ich Dich beleidigt, so muß ich Dir Genugthuung geben.

Pätus. Du magst mich beleidigen wie Du willst, ich brauch keine Genugthuung von Dir.

Fritz.Du beleidigst mich.

Pätus. (rennt auf ihn zu und umarmt ihn) Liebster Berg! Nimm es für keine Beleidigung, wenn ich Dir sage, Du bist nicht im Stande mich zu beleidigen. Ich kenne Dein Gemüth—und ein Gedanke daran macht mich zur feigsten Memme auf dem Erdboden. Laß uns gute Freunde bleiben, ich will mich gegen den Teufel selber schlagen, aber nicht gegen Dich.

Fritz. So gieb Rehaarn Satisfaktion, eh zieh' ich nicht ab von hier.

Pätus.Das will ich herzlich gern, wenn er's verlangt.

Fritz. Er ist immatrikulirt, wie Du; Du hast ihn ins Gesicht geschlagen—Frisch Rehaar, zieht!

Rehaar. (zieht)Ja, aber er muß seinen Degen da nicht aufheben.

Fritz.Sie sind nicht gescheidt. Wollen Sie gegen einenMenschen ziehen, der sich nicht wehren kann?

Rehaar. Ey laß die gegen bewehrte Leute ziehen, die Kourage haben. Ein Musikus muß keine Kourage haben, und Herr Pätus, Er soll mir Satisfaktion geben—(stößt auf ihn zu. Pätus weicht zurück) Satisfaktion geben. (stößt Pätus in den Arm. Fritz legirt ihm den Degen)

Fritz.Jetzt seh' ich, daß Sie Ohrfeigen verdienen, Rehaar.Pfuy!

Rehaar.Ja was soll ich denn machen, wenn ich kein Herz habe?

Fritz.Ohrfeigen einstecken und das Maul halten.

Pätus. Still Berg! ich bin nur geschrammt. Herr Rehaar, ich bitt Sie um Verzeyhung. Ich hätte Sie nicht schlagen sollen, da ich wußte, daß Sie nicht im Stande waren, Genugthuung zu fodern; vielweniger hätt' ich Ihnen Ursache geben sollen, mich zu schimpfen. Ich gesteh's, diese Rache ist noch viel zu gering für die Beleidigungen, die ich Ihrem Hause angethan: ich will sehen, sie auf eine bessere Weise gut zu machen, wenn das Schicksal meinen guten Vorsätzen beysteht. Ich will Ihrer Tochter nachreisen; ich will sie heyrathen. In meinem Vaterlande wird sich schon eine Stelle für mich finden, und wenn auch mein Vater bey seinen Lebzeiten sich nicht besänftigen ließe, so ist mir doch eine Erbschaft von funfzehntausend Gulden gewiß. (umarmt ihn). Wollen Sie mir Ihre Tochter bewilligen?

Rehaar. Ey was! ich hab nichts dawider, wenn Ihr ordentlich und ehrlich um sie anhaltet, und im Stand seyd, sie zu versorgen—Ha ha ha! hab' ichs doch mein Tag gesagt: mit den Studenten ist gut auskommen. Die haben doch noch Honnettetät im Leibe, aber mit den Officiers— Die machen einem Mädchen ein Kind und kräht nicht Hund oder Hahn nach: das macht, weil sie alle kuraschöse Leute seyn, und sich müssen todtschlagen lassen. Denn wer Kourage hat, der ist zu allen Lastern fähig.

Fritz.Sie sind ja auch Student. Kommen Sie; wir haben langekeinen Punsch zusammen gemacht; wir wollen auf dieGesundheit Ihrer Tochter trinken.

Rehaar. Ja und Ihr Lautenkonzertchen dazu, Herr von Bergchen. Ich hab Ihnen jetzt drey Stund nach einander geschwänzt, und weil ich auch honett denke, so will ich heute dafür drey Stunden nach einander auf Ihrem Zimmerchen bleiben und wollen Lautchen spielen, bis dunkel wird.

Pätus.Und ich will die Violin dazu streichen.

Dritte Scene.

Die Schule.Läuffer. (liegt zu Bette.)Wenzeslaus.

Wenzeslaus.Das Gott! was giebts schon wieder, daß Ihr mich vonder Arbeit abrufen laßt? Seyd Ihr schon wieder schwach?Ich glaube, das alte Weib war eine Hexe.—Seit derZeit habt Ihr keine gesunde Stunde mehr.

Läuffer.Ich werd' es wohl nicht lange mehr machen.

Wenzeslaus.Soll ich Gevatter Schöpsen rufen lassen?

Läuffer.Nein.

Wenzeslaus. Liegt Euch was auf dem Gewissen? Sagt mirs, entdeckt mirs, unverholen.—Ihr blickt so scheu umher, daß es einem ein Grauen einjagt; frigidus per ossa—Sagt mir, was ists?—Als ob er jemand todt geschlagen hätte— Was verzerrt Ihr denn die Lineamenten so—Behüt Gott, ich muß doch nur zu Schöpsen—

Läuffer. Bleibt—Ich weiß nicht, ob ich recht gethan—Ich habe mich kastrirt…

Wenzeslaus. Wa—Kastrir—Da mach ich Euch meinen herzlichen Glückwunsch drüber, vortreflich, junger Mann, zweiter Origenes! Laß Dich umarmen, theures, auserwähltes Rüstzeug! Ich kann's Euch nicht verheelen, fast—fast kann ich dem Heldenvorsatz nicht widerstehen, Euch nachzuahmen. So recht, werther Freund! Das ist die Bahn, auf der Ihr eine Leuchte der Kirche, ein Stern erster Größe, ein Kirchenvater selber werden könnt. Ich glückwünsche euch, ich ruf Euch ein Jubilate und Evoë zu, mein geistlicher Sohn—Wär' ich nicht über die Jahre hinaus, wo der Teufel unsern ersten und besten Kräften sein arglistiges Netz ausstellt, gewiß ich würde mich keinen Augenblick bedenken.—

Läuffer.Bey alle dem, Herr Schulmeister, gereut es mich.

Wenzeslaus. Wie, es gereut Ihn? Das sey ferne, werther Herr Mitbruder! Er wird eine so edle That doch nicht mit thörichter Reue verdunkeln und mit sündlichen Thränen besudeln? Ich seh schon welche über Sein Augenlied hervorquellen. Schluck' Er sie wieder hinunter und sing' Er mit Freudigkeit: ich bin der Nichtigkeit entbunden, nun Flügel, Flügel, Flügel her. Er wird es doch nicht machen wie Lots Weib und sich wieder nach Sodom umsehen, nachdem Er einmal das friedfertige stille Zoar erreicht hat? Nein, Herr Kollega; ich muß Ihm auch nur sagen, daß Er nicht der einzige ist, der den Gedanken gehabt hat. Schon unter den blinden Juden war eine Sekte, zu der ich mich gern öffentlich bekannt hätte, wenn ich nicht befürchtet, meine Nachbarn und meine armen Lämmer in der Schule damit zu ärgern: auch hatten sie freilich einige Schlacken und Thorheiten dabey, die ich nun eben nicht mitmachen möchte. Zum Exempel, daß sie des Sonntags nicht einmal ihre Nothdurft verrichteten, welches doch wider alle Regeln einer vernünftigen Diät ist, und halt' ichs da lieber mit unserm seligen Doktor Luther: was hinaufsteigt, das ist für meinen lieben Gott, aber was hinunter geht, Teufel, das ist für Dich—Ja wo war ich?

Läuffer.Ich fürchte, meine Bewegungsgründe waren von andrer Art …Reue, Verzweiflung—

Wenzeslaus. Ja, nun hab ichs—Die Essäer, sag' ich, haben auch nie Weiber genommen; es war eins von ihren Grundgesetzen und dabey sind sie zu hohem Alter kommen, wie solches im Josephus zu lesen. Wie die es nun angefangen, ihr Fleisch so zu bezähmen; ob sie es gemacht, wie ich, nüchtern und mässig gelebt und brav Toback geraucht, oder ob sie Euren Weg eingeschlagen—So viel ist gewiß, in amore, in amore omnia insunt vitia und ein Jüngling, der diese Klippe vorbeyschifft, Heil, Heil ihm, ich will ihm Lorbeern zuwerfen; lauro tempora cingam et sublimi fronte sidera pulsabit.

Läuffer.Ich fürcht', ich werd' an dem Schnitt sterben müssen.

Wenzeslaus. Mit nichten, da sey Gott für. Ich will gleich zu Gevatter Schöpsen. Der Fall wird ihm freylich noch nie vorgekommen seyn, aber hat er Euch euren Arm kurirt, welches doch eine Wunde war, die nicht zu eurer Wohlfarth diente, so wird ja Gott auch ihm Gnade zu einer Kur geben, die Euer ewiges Seelenheil befördern wird. (geht ab)

Läuffer. Sein Frohlocken verwundet mich mehr als mein Messer. O Unschuld, welch' eine Perle bist du! Seit ich dich verloren, that ich Schritt auf Schritt in der Leidenschaft und endigte mit Verzweiflung. Möchte dieser Letzte mich nicht zum Tode führen, vielleicht könnt' ich itzt wieder anfangen zu leben und zum Wenzeslaus wiedergeboren werden.

Vierte Scene.

In Leipzig.

Fritz von Berg und Rehaar. (begegnen sich auf der Straße)

Rehaar. Herr von Bergchen, ein Briefchen, unter meinem Kuvert gekommen. Herr von Seiffenblase hat an mich geschrieben; hat auch Lautchen bey mir gelernt vormals. Er bittet mich, ich soll doch diesen Brief einem gewissen Herrn von Berg in Leipzig abgeben, wenn er anders noch da wäre—O wie bin ich gesprungen!

Fritz.Wo hält er sich denn itzt auf, Seiffenblase?

Rehaar. Soll es dem Herrn von Berg abgeben, schreibt er, wenn Sie anders diesen würdigen Mann kennen. O wie bin ich gesprungen—Er ist in Königsberg, der Herr von Seiffenblase. Was meynen Sie, und meine Tochter ist auch da, und logirt ihm grad gegenüber. Sie schreibt mir, die Kathrinchen, daß sie nicht genug rühmen kann, was er ihr für Höflichkeit erzeigt, alles um meinetwillen; hat sieben Monath bey mir gelernt.

Fritz. (zieht die Uhr aus)Liebster Rehaar, ich muß ins Kollegium—Sagen SiePätus nichts davon, ich bitte Sie—(geht ab)

Rehaar. (ruft ihm nach)Auf den Nachmittag—Konzertchen!—

Fünfte Scene.

Zu Königsberg in Preußen. Geh. Rath. Gustchen. Major. (stehn in ihrem Hause am Fenster)

Geh. Rath.Ist ers?

Gustchen.Ja, er ist's.

Geh. Rath. Ich sehe doch, die Tante muß ein lüderliches Mensch seyn, oder sie hat einen Haß auf ihre Nichte geworfen und will sie mit Fleiß ins Verderben stürzen.

Gustchen.Aber Onkel, sie kann ihm doch das Haus nicht verbieten.

Geh. Rath. Auf das, was ich ihr gesagt?—Wer will's ihr übel nehmen, wenn sie zu ihm sagte: Herr von Seiffenblase, Sie haben sich auf einem Kaffeehause verlauten lassen, Sie wollten meine Nichte zu Ihrer Mätresse machen, suchen Sie sich andre Bekanntschaften in der Stadt; bey mir kommen Sie unrecht: meine Nichte ist eine Ausländerin, die meiner Aufsicht anvertraut ist; die sonst keine Stütze hat; wenn sie verführt würde, fiel' alle Rechenschaft auf mich. Gott und Menschen müßten mich verdammen.

Major.Still Bruder! Er kommt heraus und läßt die Naseerbärmlich hängen. Ho, ho, ho, daß Du die Krepanz!Wie blaß er ist.

Geh. Rath.Ich will doch gleich hinüber, und sehn was es gegeben hat.

Sechste Scene.

In Leipzig.Pätus. (an einem Tisch und schreibt)Berg. (tritt herein einen Brief in der Hand)

Pätus. (sieht auf und schreibt fort)

Fritz.Pätus!—Hast zu thun?

Pätus.Gleich—(Fritz spaziert auf und ab) Jetzt—(legt dasSchreibzeug weg)

Fritz. Pätus! ich hab' einen Brief bekommen—und hab nicht das Herz, ihn aufzumachen.

Pätus.Von wo kommt er? Ists Deines Vaters Hand?

Fritz. Nein, von Seiffenblase—aber die Hand zittert mir, so bald ich erbrechen will. Brich doch auf. Bruder, und ließ mir vor. (wirft sich auf einen Lehnstuhl)

Pätus. (liest) "Die Erinnerung so mancher angenehmen Stunden, deren ich mich noch mit Ihnen genossen zu haben erinnere, verpflichtet mich, Ihnen zu schreiben und Sie an diese angenehme Stunden zu erinnern"—Was der Junge für eine rasende Orthographie hat.


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