II.Gold.Während vor dem flackernden Kaminfeuer in seinem Hotel der Herzog von Chaulnes dem obdachlosen Vagabunden Stefano Vinacche den annehmbaren Vorschlag tut, Mademoiselle Bullot, das liebenswürdige Erzeugnis der Gasse Quincampoix, zu — heiraten und dadurch nicht nur sich selbst, sondern auch Monseigneur aus mancherlei ärgerlichen Verdrießlichkeiten des Lebens herauszureißen, wollen wir erzählen, wer Stefano Vinacche eigentlich war. Im Jahre 1689 war der junge Neapolitaner als Lakai im Gefolge des Herzogs, dem er zu Rom mancherlei Dienste kurioser Art geleistet haben mochte, nach Frankreich gekommen, ohne jedoch in diesem Lande anfangs die Träume, welche ihm seine südliche Phantasie vorspiegelte, zu verwirklichen. Es wird uns nicht gesagt, was ihn im folgenden Jahre schon aus dem Dienste seines Gönners trieb, und ihn bewog, sich als gemeiner Soldat in das Regiment Royal-Roussillon aufnehmen zu lassen. Wir wissen nur, daß er im Jahre 1691 dem Regimentsschreiber Nicolle, seinem Schlafkameraden, einige Offiziersuniformen, welche derselbe ausbessern sollte, stahl und mit ihnen desertierte, welches Wagestück aber fast übel abgelaufen wäre. Auf dem Wege nach Paris, der Stadt, nach welcher von jeher eine dumpfe Ahnung künftiger Geschicke das seltsame Menschenkind trieb, gefangen und als Fahnenflüchtiger ins Gefängnis geworfen und zum Tode verurteilt, entging er nur durch Verwendung des Grafen von Auvergne dem Galgen. Im nächsten Jahre in Freiheit gesetzt, machte sich Stefano Vinacche von neuem auf den Weg nach Paris, und haben wir seiner Ankunft in der Gargotte zum Wappen des Dauphins in der Gasse Quincampoix soeben beigewohnt. —Ei, wie wunderlich, wunderlich spinnt sich ein Menschenleben ab! Wir armen blinden Leutlein auf diesem Erdenballe wandern freilich in einem dichten Nebel, der sich nur zeitweilig ein wenig hier und da lüftet, um im nächsten Augenblicke desto dichter sich wieder zusammenzuziehen. Wir getriebenen und treibenden Erdbewohner haben freilich nur eine dumpfe Ahnung von dem, was im Getümmel ringsumher vorgeht. Warum sollten wir uns auch in der kurzen Spanne Lebenszeit, die uns gegeben ist, viel um andere Leute bekümmern, da wir doch so viel mit uns selbst zu tun haben? Über allen Nebeln ist Gott; der mag zusehen, daß alles mit rechten Dingen zugeht; der mag acht geben, daß sich der Faden der Geschlechter, welchen er durch die Jahrtausende von dem Erdknäuel abwickelt, nicht verwirrt. Nur weil sie abgewickelt werden, drehen sich Sonne, Mond, Sterne; — von jeder leuchtenden Kugel läuft ein Faden zu dem großen Knäuel in der Hand Gottes, zu dem großen letzten Knäuel, in welchem jeglicher Knoten, der unterwegs entstanden sein mochte, gelöst sein wird, in welchem alle Fäden nach Farben und Feinheit harmonisch sich zusammenfinden werden.Da ist solch ein Knötlein im Erdenfaden! wir finden es in unsrer Erdgeschichte am Ende des siebenzehnten und Anfang des achtzehnten Jahrhunderts nach Jesu Geburt, wo viel Sünde, Schande und Verderbnis sich häßlich ineinander schlingen, wo Krieg und Sittenlosigkeit das abscheulichste Bündnis geschlossen haben, daß das jetzige Gechlecht schaudernd darob die Hände über dem Kopfe zusammenschlägt.Der Erzähler aber, des letzten großen knotenlosen Knäuels in der Hand Gottes gedenkend, schlägt nicht die Hände über dem Kopfe zusammen; — den Handschuh hat er ausgezogen, mutig in die Wüstenei hineingegriffen, einen längst begrabenen, vermoderten, vergessenen Gesellen hervorgezogen. Da ist er —Stefano Vinacche— späterhin Monsieur Etienne de Vinacche, großer Arzt, berühmter Chemiker, — Goldmacher, nächst Samuel Bernard der reichste Privatmann seiner Zeit!...„Also Etienne,“ sprach der Herzog von Chaulnes zu dem halb verhungerten, obdachlosen Vagabunden, „eine allerliebste Frau und eine vortreffliche Aussteuer....“„Servitore umilissimo!“„Und, Etienne, eine Empfehlung an meinen Freund, den Herzog von Brissac. Ihr geht nach Anjou, — lebt auf dem Lande, wie die Engelà la Claude Gillot, — ich besuche Euch — stehe Gevatter —“„Ah!“ machte der Italiener mit einer unbeschreiblichen Bewegung des ganzen Oberkörpers.„Plait-il?“„O nichts, Monseigneur!“ sagte der Italiener. „Ihr seid mein gnädigster, gütigster Herr und Gebieter.“ Er machte eine Verbeugung bis auf den Boden.„Wann soll die Hochzeit sein, Monseigneur?“„So schnell als möglich — ach!“„Monseigneur seufzt?!“ rief Stefano schnell. „Noch ist’s Zeit, daß Monseigneur Sein Wort zurücknehme; Mademoiselle Bullot ist ein reizendes Mädchen; aber wenn Monseigneur die hohe Gnade haben wollte, mich wieder zu seinem Kammerdiener zu machen —“„Nein, nein, nein, es bleibt dabei, Vinacche; Ihr heiratet die Schöne, und ich —ah notre Dame de Miracle— ich will hingehen und sorgen, daß Madame von Maintenon und der Pater La Chaise davon zu hören bekommen. Also geht, Vinacche; bis zur Hochzeit gehört Ihr wieder zu meinem Haus. Der Intendant soll für Euch sorgen.“„Monseigneur ist der großmütigste Herr der Welt!“ rief Vinacche, dem Herzog die Hand küssend. Unter tiefen Bücklingen schritt er rücklings zur Tür hinaus, und tief seufzend blickte ihm sein Gönner nach.Als sich die Tür hinter dem Italiener geschlossen hatte, murmelte dieser: „Corpo di Bacco, Achtung, Achtung, Vinacche, Stefano mein Söhnchen! Halte die Augen offen, mein Püppchen! Ist’s mir nicht versprochen bei meiner Geburt, daß ich vierspännig fahren sollte in der Hauptstadt der Franzosen?!“Drinnen rieb sich der Herzog die Stirn und ächzte:„Ach, Madame von Maintenon ist eine große Dame!Vive la messe!“Acht Tage nach dem eben Erzählten war eine Hochzeit in der Gasse Quincampoix. Der Wirt zum Dauphinswappen Claude Bullot verheiratete zu seiner eigenen Verwunderung und zur Verwunderung sämtlicher Nachbaren und Nachbarinnen seine hübsche Tochter mit einem ganz unbekannten jungen Menschen, der nicht einmal ein Franzose war. Mancherlei Glossen wurden darüber gemacht, und allgemein hieß es, Mademoiselle Bullot sei eine Törin, welche nicht wisse, was man mit einem hübschen Gesicht und tadellosen Wuchs in Paris anfangen könne.Da aber Mademoiselle Bullot und Stefano Vinacche mit ziemlich vergnügten Mienen ihr Schicksal trugen, so mochten Papa und Nachbarschaft nach Belieben sich wundern, nach Belieben Glossen machen. Sämtliche Dienerschaft des Herzogs von Chaulnes verherrlichte die Hochzeit durch ihre Gegenwart; Flöten und Geigen erklangen in der Gargotte zum Wappen des Dauphins. Man sang, jubelte, trank auf das Wohl der Neuvermählten bis tief in die Nacht. Zuletzt artete das Gelage nach der Sitte der Zeit in eine wahre Orgie aus; blutige Köpfe gab’s, und zum Schluß mußte der Polizeileutnant einschreiten und die ausgelassene Gesellschaft auseinander treiben. Am folgenden Tage machte das junge Paar sich auf den Weg zum Gouverneur von Anjou, dem Herzog von Brissac, einem „armen Heiligen, dessen Name nicht im Kalender steht“.Ein tüchtiges Schneegestöber wirbelte herab, als der Wagen der Neuvermählten hervorfuhr aus der Gasse Quincampoix. Auf der Schwelle seiner Tür stand der Vater Bullot mit der Kellnerin Margot, und beide blickten dem Fuhrwerk nach, so lange sie es sehen konnten. Dann zog der Wirt zum Dauphinswappen die Schultern so hoch als möglich in die Höhe und trat mit der Picarde zurück in die Schenkstube, welche noch deutlich die Spuren der Hochzeitsnacht an sich trug.„Alles in allem genommen, ist’s doch ein Trost und ein Glück, daß ich sie los bin,“ brummte der zärtliche Papa. „Es hätte noch ein Unglück gegeben; das war ja immer, als brenne der Scheuerlappen zwischen uns. Vorwärts, Margot! einen Kuß und an die Arbeit, mein Liebchen, auf daß das Haus rein werde.“Liebe Freunde, wer das Leben Stefano Vinacches beschreibt, der muß recht acht geben, daß er seinen Weg im Nebel nicht verliere. Schattenhaft gleitet die Gestalt des Abenteurers vor dem Erzähler her, bald zu einem Zwerg sich zusammenziehend, bald riesenhaft anwachsend, gleich jener seltsamen Naturerscheinung, die den Wanderer im Gebirge unter dem Namen des Nebelgespenstes erschreckt. Bald klarer, bald unbestimmter tritt Stefano Vinacche aus den Berichten seiner Zeitgenossen uns entgegen. Wir wissen nicht, was ihn mit seiner Frau so schnell aus Anjou nach Paris zurücktrieb; wir wissen nur, daß am neunten April 1693, an dem Tage, an welchem Roger von Rabutin, Graf von Bussy, sein wechselvolles Leben beschloß, der Papa Bullot in höchster Verblüffung die Hände über dem Kopfe zusammenschlug, als er Tochter und Schwiegersohn zu Fuß, kotbespritzt, mit höchst winziger Bagage, durch die Gasse Quincampoix auf das Dauphinswappen zuschreiten sah. Der gute Alte traute seinen Augen nicht und überzeugte sich nicht eher von der Wirklichkeit dessen, was er erblickte, bis ihm Madame Vinacche schluchzend um den Hals fiel, und Stefano ihn herzzerbrechend anflehte, ihn und sein Weib für eine Zeit wieder unter sein Dach zu nehmen.„Wir wollen auch recht artige Kinder sein!“ bat Madame Vinacche.„Und wir werden nicht lange Euch zur Last sein!“ rief Stefano.„Diable! diable!“ ächzte Meister Claude Bullot, und Margot, die Picarde, gab ihm verstohlen einen Rippenstoß, daß er fest bleibe und sich nicht beschwatzen lasse.Wer hätte aber den beredten Worten Stefano Vinacches widerstehen können? Das Ende vom Liede war, daß das junge Ehepaar mit seinen armen Habseligkeiten einzog in die Kneipe zum Dauphinswappen, und daß Meister Bullot und Margot, die Kellnerin, nachdem Madame Vinacche die Schwelle überschritten hatte, seufzend sich in das Unvermeidliche fügten.„Ach, Margot, Margot, nun sind die schönen Tage wieder vorüber!“ seufzte Meister Claude, und während die Heimgekehrten im oberen Stockwerk des Hauses ihre Einrichtungen trafen, saßen am Kamin in der leeren Schenkstube der Wirt und seine Kellnerin trübselig einander gegenüber und konnten sich nur durch das weise Wort, daß man das Leben nehmen müsse, wie es komme, — trösten. Dann schlossen die beiden Parteien einen Kompromiß, in welchem festgestellt wurde, daß weder Monsieur Etienne noch Madame in die Angelegenheiten des Papas und der Kellnerin Margot sich mischen sollten, und daß sie durch ihnen passend scheinende Mittel für ihrer Leiber Nahrung und Kleidung selbst zu sorgen hätten. Wohnung, Licht und Feuerung versprachen Meister Bullot und Margot die Picarde zu liefern.Feierlich wurde dieser Vertrag von einem Stammgast der Gargotte, dem Sieur Le Poudrier, einem Winkeladvokaten, verbrieft und besiegelt, und man lebte fortan miteinander, wie man konnte.Da der Herzog von Chaulnes seine Verpflichtungen gegen das junge Ehepaar glänzend abgetragen zu haben glaubte, so floß die Quelle seiner Gnaden immer spärlicher und versiegte zuletzt ganz. Die Haushaltung im zweiten Stockwerk des Dauphinswappens mußte für Eröffnung anderer Geldquellen sorgen, zumal da noch im Laufe des Sommers ein kleiner Vinacchetto das Licht der Gasse Quincampoix erblickte. Die Not und der Zug der Zeit machten Stefano zu einem Charlatan; aber jedenfalls zu einem genialen Charlatan.„Anima mia, laß den Mut nicht sinken, wir fahren doch noch vierspännig!“ sagte er zu seiner hungernden Frau und fing an, den Nachbarn und Nachbarinnen, sowie den Gästen, welche die Gargotte seines Schwiegervaters besuchten, Mittel gegen das Fieber und andere unangenehme Übel zu verkaufen.Allmählich verwandelte sich das Wohngemach der kleinen Familie in ein schwarzangeräuchertes chemisches Laboratorium; mit wahrer Leidenschaft warf sich Stefano Vinacche, obgleich er bis an sein Ende weder lesen noch schreiben lernte, auf das Studium der Simpla und der Mineralien.Eine gewaltige Veränderung ging mit dem seltsamen Menschen vor; — nicht mehr war er der vagabondierende Abenteurer, der das Glück seines Lebens auf den Landstraßen, in den Gassen suchte. Tag und Nacht schritt er grübelnd einher, das Haupt zur Brust gesenkt, die Arme über der Brust gekreuzt. Wer konnte sagen, was er suchte?Eine fast ebenso überraschende Veränderung kam über das junge Weib Vinacches. Die frühere Mätresse des Herzogs von Chaulnes verehrte den ihr aufgedrungenen Mann auf den Knien, sie war die treuste, liebendste Gattin geworden, und ist es über den Tod Stefanos hinaus geblieben.Siekonnte lesen,siekonnte schreiben: —wie viele alte vergilbte Bouquins hat sie dem suchenden Forscher, in stillen Nächten, während sie ihr Kind wiegte, vorgelesen!Der Vater Bullot hatte nicht mehr Ursache, sich über das wilde, unbändige Gebaren seiner Tochter zu beklagen. Die eigentümliche Gewalt, welche Stefano Vinacche späterhin über die schärfsten, klarsten Geister hatte, trat auch jetzt in der engeren Sphäre schon bedeutend hervor. Papa Claude, Margot die Picarde, Gratien Le Poudrier der Rabulist, alle Nachbaren und alle Nachbarinnen beugten sich dem schwarzen, funkelnden Auge Stefanos. Der Stein war ins Wasser gefallen, und die Wellenringe liefen in immer weitern Kreisen fort; — weit, weit über die Gasse Quincampoix hinaus verbreitete sich der Ruf Stefano Vinacches!Unterdessen schlug man sich in Deutschland, Flandern, Spanien, Italien und auf der See. In Deutschland verbrannte Melac Heidelberg, und der Feldmarschallleutnant von Hettersdorf, der „diepoltronnerieseines Herzens mit großenPeruquenund bebremten Kleidern zu bedecken pflegte“, — Hettersdorf, der elende Kommandant der unglücklichen Stadt, wurde auf einem Schinderkarren durch die Armee des Prinzen Ludwig von Baden geführt, nachdem ihm der Degen vom Henker zerbrochen worden war. Aus Flandern schickte der Marschall von Luxemburg durch d’Artagnan die Nachricht vom Sieg bei Neerwinden. Roses in Katalonien wurde erobert. Zu Versailles, zu Paris in der Kirche unserer lieben Frau sang manTe Deum laudamus; aber im Bischoftum Limoges starben gegen zehntausend Menschen Hungers. Zu Lyon wie zu Rouen fiel das Volk in den Gassen wie Fliegen, und ihrer viel fand man, welche den Mund voll Gras hatten, ihr elendes Leben damit zu fristen.Stefano Vinacche, nach einer Reise in die Bretagne, verließ die Gasse Quincampoix und das Haus seines Schwiegervaters und zog in die Gasse Bourg l’Abbé. Strahlend brach die Glückssonne Stefanos durch die Wolken. Fünf Monate war er in der Bretagne gewesen, und niemand hat jemals erfahren, was er dort getrieben, — gesucht, — gefunden hat! Zu Fuß zog er aus, in einer zweispännigen Karosse kehrte er zurück. Zwei Lakaien und ein Kammerdiener bedienten ihn in der Straße Bourg l’Abbé, wohin er aus der Gasse Quincampoix zog. Von neuem errichtete er in seiner jetzigen Wohnung seine chemischen Feuerherde, von neuem braute er seine Rezepte, und das Gerücht ging aus, Monsieur Etienne Vinacche suche den Stein der Weisen, und es sei Hoffnung vorhanden, daß er denselben binnen kurzem finden werde; und wieder tritt dem Erzähler der alte Gönner des unbegreiflichen Mannes, der Herzog von Chaulnes, entgegen, welcher ihm zum Ankauf von Kohlen, Retorten und dergleichen Apparaten zweitausend Taler gibt.Im Jahr der Gnade Eintausendsiebenhundert war das große Geheimnis gefunden; — Stefano Vinacche hatte das Projektionspulver hergestellt, Etienne Vinacche machte —Gold!In demselben Jahre Eintausendsiebenhundert kaufteMonsieur de Vinaccheaus dem Inventar von Monsieur, dem Bruder des Königs, für sechzigtausend Livres Diamanten.
Während vor dem flackernden Kaminfeuer in seinem Hotel der Herzog von Chaulnes dem obdachlosen Vagabunden Stefano Vinacche den annehmbaren Vorschlag tut, Mademoiselle Bullot, das liebenswürdige Erzeugnis der Gasse Quincampoix, zu — heiraten und dadurch nicht nur sich selbst, sondern auch Monseigneur aus mancherlei ärgerlichen Verdrießlichkeiten des Lebens herauszureißen, wollen wir erzählen, wer Stefano Vinacche eigentlich war. Im Jahre 1689 war der junge Neapolitaner als Lakai im Gefolge des Herzogs, dem er zu Rom mancherlei Dienste kurioser Art geleistet haben mochte, nach Frankreich gekommen, ohne jedoch in diesem Lande anfangs die Träume, welche ihm seine südliche Phantasie vorspiegelte, zu verwirklichen. Es wird uns nicht gesagt, was ihn im folgenden Jahre schon aus dem Dienste seines Gönners trieb, und ihn bewog, sich als gemeiner Soldat in das Regiment Royal-Roussillon aufnehmen zu lassen. Wir wissen nur, daß er im Jahre 1691 dem Regimentsschreiber Nicolle, seinem Schlafkameraden, einige Offiziersuniformen, welche derselbe ausbessern sollte, stahl und mit ihnen desertierte, welches Wagestück aber fast übel abgelaufen wäre. Auf dem Wege nach Paris, der Stadt, nach welcher von jeher eine dumpfe Ahnung künftiger Geschicke das seltsame Menschenkind trieb, gefangen und als Fahnenflüchtiger ins Gefängnis geworfen und zum Tode verurteilt, entging er nur durch Verwendung des Grafen von Auvergne dem Galgen. Im nächsten Jahre in Freiheit gesetzt, machte sich Stefano Vinacche von neuem auf den Weg nach Paris, und haben wir seiner Ankunft in der Gargotte zum Wappen des Dauphins in der Gasse Quincampoix soeben beigewohnt. —
Ei, wie wunderlich, wunderlich spinnt sich ein Menschenleben ab! Wir armen blinden Leutlein auf diesem Erdenballe wandern freilich in einem dichten Nebel, der sich nur zeitweilig ein wenig hier und da lüftet, um im nächsten Augenblicke desto dichter sich wieder zusammenzuziehen. Wir getriebenen und treibenden Erdbewohner haben freilich nur eine dumpfe Ahnung von dem, was im Getümmel ringsumher vorgeht. Warum sollten wir uns auch in der kurzen Spanne Lebenszeit, die uns gegeben ist, viel um andere Leute bekümmern, da wir doch so viel mit uns selbst zu tun haben? Über allen Nebeln ist Gott; der mag zusehen, daß alles mit rechten Dingen zugeht; der mag acht geben, daß sich der Faden der Geschlechter, welchen er durch die Jahrtausende von dem Erdknäuel abwickelt, nicht verwirrt. Nur weil sie abgewickelt werden, drehen sich Sonne, Mond, Sterne; — von jeder leuchtenden Kugel läuft ein Faden zu dem großen Knäuel in der Hand Gottes, zu dem großen letzten Knäuel, in welchem jeglicher Knoten, der unterwegs entstanden sein mochte, gelöst sein wird, in welchem alle Fäden nach Farben und Feinheit harmonisch sich zusammenfinden werden.
Da ist solch ein Knötlein im Erdenfaden! wir finden es in unsrer Erdgeschichte am Ende des siebenzehnten und Anfang des achtzehnten Jahrhunderts nach Jesu Geburt, wo viel Sünde, Schande und Verderbnis sich häßlich ineinander schlingen, wo Krieg und Sittenlosigkeit das abscheulichste Bündnis geschlossen haben, daß das jetzige Gechlecht schaudernd darob die Hände über dem Kopfe zusammenschlägt.
Der Erzähler aber, des letzten großen knotenlosen Knäuels in der Hand Gottes gedenkend, schlägt nicht die Hände über dem Kopfe zusammen; — den Handschuh hat er ausgezogen, mutig in die Wüstenei hineingegriffen, einen längst begrabenen, vermoderten, vergessenen Gesellen hervorgezogen. Da ist er —Stefano Vinacche— späterhin Monsieur Etienne de Vinacche, großer Arzt, berühmter Chemiker, — Goldmacher, nächst Samuel Bernard der reichste Privatmann seiner Zeit!...
„Also Etienne,“ sprach der Herzog von Chaulnes zu dem halb verhungerten, obdachlosen Vagabunden, „eine allerliebste Frau und eine vortreffliche Aussteuer....“
„Servitore umilissimo!“
„Und, Etienne, eine Empfehlung an meinen Freund, den Herzog von Brissac. Ihr geht nach Anjou, — lebt auf dem Lande, wie die Engelà la Claude Gillot, — ich besuche Euch — stehe Gevatter —“
„Ah!“ machte der Italiener mit einer unbeschreiblichen Bewegung des ganzen Oberkörpers.
„Plait-il?“
„O nichts, Monseigneur!“ sagte der Italiener. „Ihr seid mein gnädigster, gütigster Herr und Gebieter.“ Er machte eine Verbeugung bis auf den Boden.
„Wann soll die Hochzeit sein, Monseigneur?“
„So schnell als möglich — ach!“
„Monseigneur seufzt?!“ rief Stefano schnell. „Noch ist’s Zeit, daß Monseigneur Sein Wort zurücknehme; Mademoiselle Bullot ist ein reizendes Mädchen; aber wenn Monseigneur die hohe Gnade haben wollte, mich wieder zu seinem Kammerdiener zu machen —“
„Nein, nein, nein, es bleibt dabei, Vinacche; Ihr heiratet die Schöne, und ich —ah notre Dame de Miracle— ich will hingehen und sorgen, daß Madame von Maintenon und der Pater La Chaise davon zu hören bekommen. Also geht, Vinacche; bis zur Hochzeit gehört Ihr wieder zu meinem Haus. Der Intendant soll für Euch sorgen.“
„Monseigneur ist der großmütigste Herr der Welt!“ rief Vinacche, dem Herzog die Hand küssend. Unter tiefen Bücklingen schritt er rücklings zur Tür hinaus, und tief seufzend blickte ihm sein Gönner nach.
Als sich die Tür hinter dem Italiener geschlossen hatte, murmelte dieser: „Corpo di Bacco, Achtung, Achtung, Vinacche, Stefano mein Söhnchen! Halte die Augen offen, mein Püppchen! Ist’s mir nicht versprochen bei meiner Geburt, daß ich vierspännig fahren sollte in der Hauptstadt der Franzosen?!“
Drinnen rieb sich der Herzog die Stirn und ächzte:
„Ach, Madame von Maintenon ist eine große Dame!Vive la messe!“
Acht Tage nach dem eben Erzählten war eine Hochzeit in der Gasse Quincampoix. Der Wirt zum Dauphinswappen Claude Bullot verheiratete zu seiner eigenen Verwunderung und zur Verwunderung sämtlicher Nachbaren und Nachbarinnen seine hübsche Tochter mit einem ganz unbekannten jungen Menschen, der nicht einmal ein Franzose war. Mancherlei Glossen wurden darüber gemacht, und allgemein hieß es, Mademoiselle Bullot sei eine Törin, welche nicht wisse, was man mit einem hübschen Gesicht und tadellosen Wuchs in Paris anfangen könne.
Da aber Mademoiselle Bullot und Stefano Vinacche mit ziemlich vergnügten Mienen ihr Schicksal trugen, so mochten Papa und Nachbarschaft nach Belieben sich wundern, nach Belieben Glossen machen. Sämtliche Dienerschaft des Herzogs von Chaulnes verherrlichte die Hochzeit durch ihre Gegenwart; Flöten und Geigen erklangen in der Gargotte zum Wappen des Dauphins. Man sang, jubelte, trank auf das Wohl der Neuvermählten bis tief in die Nacht. Zuletzt artete das Gelage nach der Sitte der Zeit in eine wahre Orgie aus; blutige Köpfe gab’s, und zum Schluß mußte der Polizeileutnant einschreiten und die ausgelassene Gesellschaft auseinander treiben. Am folgenden Tage machte das junge Paar sich auf den Weg zum Gouverneur von Anjou, dem Herzog von Brissac, einem „armen Heiligen, dessen Name nicht im Kalender steht“.
Ein tüchtiges Schneegestöber wirbelte herab, als der Wagen der Neuvermählten hervorfuhr aus der Gasse Quincampoix. Auf der Schwelle seiner Tür stand der Vater Bullot mit der Kellnerin Margot, und beide blickten dem Fuhrwerk nach, so lange sie es sehen konnten. Dann zog der Wirt zum Dauphinswappen die Schultern so hoch als möglich in die Höhe und trat mit der Picarde zurück in die Schenkstube, welche noch deutlich die Spuren der Hochzeitsnacht an sich trug.
„Alles in allem genommen, ist’s doch ein Trost und ein Glück, daß ich sie los bin,“ brummte der zärtliche Papa. „Es hätte noch ein Unglück gegeben; das war ja immer, als brenne der Scheuerlappen zwischen uns. Vorwärts, Margot! einen Kuß und an die Arbeit, mein Liebchen, auf daß das Haus rein werde.“
Liebe Freunde, wer das Leben Stefano Vinacches beschreibt, der muß recht acht geben, daß er seinen Weg im Nebel nicht verliere. Schattenhaft gleitet die Gestalt des Abenteurers vor dem Erzähler her, bald zu einem Zwerg sich zusammenziehend, bald riesenhaft anwachsend, gleich jener seltsamen Naturerscheinung, die den Wanderer im Gebirge unter dem Namen des Nebelgespenstes erschreckt. Bald klarer, bald unbestimmter tritt Stefano Vinacche aus den Berichten seiner Zeitgenossen uns entgegen. Wir wissen nicht, was ihn mit seiner Frau so schnell aus Anjou nach Paris zurücktrieb; wir wissen nur, daß am neunten April 1693, an dem Tage, an welchem Roger von Rabutin, Graf von Bussy, sein wechselvolles Leben beschloß, der Papa Bullot in höchster Verblüffung die Hände über dem Kopfe zusammenschlug, als er Tochter und Schwiegersohn zu Fuß, kotbespritzt, mit höchst winziger Bagage, durch die Gasse Quincampoix auf das Dauphinswappen zuschreiten sah. Der gute Alte traute seinen Augen nicht und überzeugte sich nicht eher von der Wirklichkeit dessen, was er erblickte, bis ihm Madame Vinacche schluchzend um den Hals fiel, und Stefano ihn herzzerbrechend anflehte, ihn und sein Weib für eine Zeit wieder unter sein Dach zu nehmen.
„Wir wollen auch recht artige Kinder sein!“ bat Madame Vinacche.
„Und wir werden nicht lange Euch zur Last sein!“ rief Stefano.
„Diable! diable!“ ächzte Meister Claude Bullot, und Margot, die Picarde, gab ihm verstohlen einen Rippenstoß, daß er fest bleibe und sich nicht beschwatzen lasse.
Wer hätte aber den beredten Worten Stefano Vinacches widerstehen können? Das Ende vom Liede war, daß das junge Ehepaar mit seinen armen Habseligkeiten einzog in die Kneipe zum Dauphinswappen, und daß Meister Bullot und Margot, die Kellnerin, nachdem Madame Vinacche die Schwelle überschritten hatte, seufzend sich in das Unvermeidliche fügten.
„Ach, Margot, Margot, nun sind die schönen Tage wieder vorüber!“ seufzte Meister Claude, und während die Heimgekehrten im oberen Stockwerk des Hauses ihre Einrichtungen trafen, saßen am Kamin in der leeren Schenkstube der Wirt und seine Kellnerin trübselig einander gegenüber und konnten sich nur durch das weise Wort, daß man das Leben nehmen müsse, wie es komme, — trösten. Dann schlossen die beiden Parteien einen Kompromiß, in welchem festgestellt wurde, daß weder Monsieur Etienne noch Madame in die Angelegenheiten des Papas und der Kellnerin Margot sich mischen sollten, und daß sie durch ihnen passend scheinende Mittel für ihrer Leiber Nahrung und Kleidung selbst zu sorgen hätten. Wohnung, Licht und Feuerung versprachen Meister Bullot und Margot die Picarde zu liefern.
Feierlich wurde dieser Vertrag von einem Stammgast der Gargotte, dem Sieur Le Poudrier, einem Winkeladvokaten, verbrieft und besiegelt, und man lebte fortan miteinander, wie man konnte.
Da der Herzog von Chaulnes seine Verpflichtungen gegen das junge Ehepaar glänzend abgetragen zu haben glaubte, so floß die Quelle seiner Gnaden immer spärlicher und versiegte zuletzt ganz. Die Haushaltung im zweiten Stockwerk des Dauphinswappens mußte für Eröffnung anderer Geldquellen sorgen, zumal da noch im Laufe des Sommers ein kleiner Vinacchetto das Licht der Gasse Quincampoix erblickte. Die Not und der Zug der Zeit machten Stefano zu einem Charlatan; aber jedenfalls zu einem genialen Charlatan.
„Anima mia, laß den Mut nicht sinken, wir fahren doch noch vierspännig!“ sagte er zu seiner hungernden Frau und fing an, den Nachbarn und Nachbarinnen, sowie den Gästen, welche die Gargotte seines Schwiegervaters besuchten, Mittel gegen das Fieber und andere unangenehme Übel zu verkaufen.
Allmählich verwandelte sich das Wohngemach der kleinen Familie in ein schwarzangeräuchertes chemisches Laboratorium; mit wahrer Leidenschaft warf sich Stefano Vinacche, obgleich er bis an sein Ende weder lesen noch schreiben lernte, auf das Studium der Simpla und der Mineralien.
Eine gewaltige Veränderung ging mit dem seltsamen Menschen vor; — nicht mehr war er der vagabondierende Abenteurer, der das Glück seines Lebens auf den Landstraßen, in den Gassen suchte. Tag und Nacht schritt er grübelnd einher, das Haupt zur Brust gesenkt, die Arme über der Brust gekreuzt. Wer konnte sagen, was er suchte?
Eine fast ebenso überraschende Veränderung kam über das junge Weib Vinacches. Die frühere Mätresse des Herzogs von Chaulnes verehrte den ihr aufgedrungenen Mann auf den Knien, sie war die treuste, liebendste Gattin geworden, und ist es über den Tod Stefanos hinaus geblieben.
Siekonnte lesen,siekonnte schreiben: —wie viele alte vergilbte Bouquins hat sie dem suchenden Forscher, in stillen Nächten, während sie ihr Kind wiegte, vorgelesen!
Der Vater Bullot hatte nicht mehr Ursache, sich über das wilde, unbändige Gebaren seiner Tochter zu beklagen. Die eigentümliche Gewalt, welche Stefano Vinacche späterhin über die schärfsten, klarsten Geister hatte, trat auch jetzt in der engeren Sphäre schon bedeutend hervor. Papa Claude, Margot die Picarde, Gratien Le Poudrier der Rabulist, alle Nachbaren und alle Nachbarinnen beugten sich dem schwarzen, funkelnden Auge Stefanos. Der Stein war ins Wasser gefallen, und die Wellenringe liefen in immer weitern Kreisen fort; — weit, weit über die Gasse Quincampoix hinaus verbreitete sich der Ruf Stefano Vinacches!
Unterdessen schlug man sich in Deutschland, Flandern, Spanien, Italien und auf der See. In Deutschland verbrannte Melac Heidelberg, und der Feldmarschallleutnant von Hettersdorf, der „diepoltronnerieseines Herzens mit großenPeruquenund bebremten Kleidern zu bedecken pflegte“, — Hettersdorf, der elende Kommandant der unglücklichen Stadt, wurde auf einem Schinderkarren durch die Armee des Prinzen Ludwig von Baden geführt, nachdem ihm der Degen vom Henker zerbrochen worden war. Aus Flandern schickte der Marschall von Luxemburg durch d’Artagnan die Nachricht vom Sieg bei Neerwinden. Roses in Katalonien wurde erobert. Zu Versailles, zu Paris in der Kirche unserer lieben Frau sang manTe Deum laudamus; aber im Bischoftum Limoges starben gegen zehntausend Menschen Hungers. Zu Lyon wie zu Rouen fiel das Volk in den Gassen wie Fliegen, und ihrer viel fand man, welche den Mund voll Gras hatten, ihr elendes Leben damit zu fristen.
Stefano Vinacche, nach einer Reise in die Bretagne, verließ die Gasse Quincampoix und das Haus seines Schwiegervaters und zog in die Gasse Bourg l’Abbé. Strahlend brach die Glückssonne Stefanos durch die Wolken. Fünf Monate war er in der Bretagne gewesen, und niemand hat jemals erfahren, was er dort getrieben, — gesucht, — gefunden hat! Zu Fuß zog er aus, in einer zweispännigen Karosse kehrte er zurück. Zwei Lakaien und ein Kammerdiener bedienten ihn in der Straße Bourg l’Abbé, wohin er aus der Gasse Quincampoix zog. Von neuem errichtete er in seiner jetzigen Wohnung seine chemischen Feuerherde, von neuem braute er seine Rezepte, und das Gerücht ging aus, Monsieur Etienne Vinacche suche den Stein der Weisen, und es sei Hoffnung vorhanden, daß er denselben binnen kurzem finden werde; und wieder tritt dem Erzähler der alte Gönner des unbegreiflichen Mannes, der Herzog von Chaulnes, entgegen, welcher ihm zum Ankauf von Kohlen, Retorten und dergleichen Apparaten zweitausend Taler gibt.
Im Jahr der Gnade Eintausendsiebenhundert war das große Geheimnis gefunden; — Stefano Vinacche hatte das Projektionspulver hergestellt, Etienne Vinacche machte —
Gold!
In demselben Jahre Eintausendsiebenhundert kaufteMonsieur de Vinaccheaus dem Inventar von Monsieur, dem Bruder des Königs, für sechzigtausend Livres Diamanten.
III.Glück und Glanz.Wir schauen wie in ein Bild von Antoine Watteau durch das zarte frühlingsfrische Blätterwerk zu Coubron — fünf Meilen von Paris — wo Monsieur Etienne de Vinacche auf seinem reizenden Landsitze ein glänzendes Fest gibt. Die untergehende Maisonne des Jahres Siebzehnhunderteins übergießt die Landschaft mit rosigem Schein; — Lachen und Kosen und Flüstern des jungen Volkes ertönt im Gebüsch; geputzte ältere Herren und Damen durchwandeln gravitätisch die gradlinigen Gänge des Parkes. Karossen und Reitpferde mit ihrer Begleitung von Kutschern, Lakaien und Läufern halten vor dem vergoldeten Gittertor; Monsieur de Vinacche und seine Frau sind eben im Begriff, von einem Teil ihrer Gäste, der nach Paris oder den umliegenden Landhäusern zurückkehren will, Abschied zu nehmen.Die Dame Rochebillard, die Geliebte Tronchins, des ersten Kassierers Samuel Bernards, des „fils de Plutus“, — wird von Madame de Vinacche zu ihrer Kutsche geleitet; Monsieur Etienne befindet sich im eifrigen Gespräch mit einem jungen Edelmann, dem Sieur de Mareuil. Für fünftausend Livres will Vinacche dem Herrn von Mareuil einen konstellierten Diamant, vermöge dessen man immerfort glücklich spielen soll, anfertigen. Ein wenig weiter zurück unterhalten sich die beiden reichen Bankiers van der Hultz, der Vater und der Sohn, mit Herrn Menager,Sécrétaire du Roiund Handelsdeputierten von Rouen; — auf einem Rasenplatz tanzen einige junge Paare nach den Tönen einer Schalmei und eines Dudelsacks ein Menuett; bunte Diener tragen Erfrischungen umher, für die abfahrenden Gäste erscheinen andere; der Chevalier von Serignan, Monsieur Nicolaus Buisson, der Sieur Destresoriers, Edelleute von der Robe, Edelleute vom Degen, Finanzleute, Beamte und so weiter mit ihren Frauen und Töchtern, allgesamt angezogen von dem Glanz, der Pracht und dem großen Geheimnis des einstigen neapolitanischen Bettlers Stefano Vinacche.Hat sich aber um Mitternacht dieser Schwarm der Gäste verloren, so erscheinen andere Gestalten. Aus verborgenen Schlupfwinkeln tauchen Männer auf, finstere bleiche Männer mit zusammengezogenen Augenbrauen und rauhen, rauchgeschwärzten Händen. Da ist Konrad Schulz, ein Deutscher, den Herr von Pontchartrain später verschwinden läßt, ohne daß man jemals wieder von ihm hört. Da sind Dupin und Marconnel, hocherfahren in der geheimen Kunst. Da ist Thuriat, ein wackerer Chemiker; da ist ein anderer Italiener, Martino Polli. Geheimnisvolle Wagen, von geheimnisvollen Fuhrleuten begleitet, langen an und fahren ab, und Säcke werden abgeladen und aufgeladen, die, wenn sie die Erde oder einen harten Gegenstand berühren, ein leises Klirren, als wären sie mit Goldstücken gefüllt, von sich geben, geheimnisvolle Feuer in geheimnisvollen Öfen flammen auf, — Wacht hält Madame de Vinacche, daß die nächtlichen Arbeiter nicht gestört werden in ihrem Werke.Hüte dich, Stefano Vinacche! Im geheimen Staatsrat zu Versailles hat man von dir gesprochen: Monsieur Pelletier von Sousy, der Intendant der Finanzen, hat den Mann mit dem Kopf voll böser Anschläge, hat Monsieur d’Argenson aufmerksam auf dich gemacht.Hüte dich, Stefano Vinacche! —Wer klopft in dunkler Nacht an das Hinterpförtchen des Landhauses zu Coubron?Salomon Jakob, ein Jude aus Metz, welcher die Verbindung des „Unbegreiflichen“ mit Deutschland vermittelt.Wer klopft in dunkler Nacht an die Pforte des Landhauses zu Coubron?Franz Heinrich von Montmorency-Luxemburg, Pair und Marschall von Frankreich, welchen Stefano Vinacche die Kunst lehren soll, den Teufel zu beschwören.In dunkler Nacht fährt nach Coubron der Herzog von Nevers, um sich in die geheimen Wissenschaften einweihen zu lassen.In dunkler Nacht fährt nach Coubron Karl d’Albert, Herzog von Chaulnes, und Madame de Vinacche empfängt ihn in brokatnen Gewändern, geschmückt mit einer Cordeliere und einem Halsband im Wert von sechstausend Livres.„Notre Dame de Miracle, wie habe ich für Euer Glück gesorgt, Allerschönste!“ sagt der Herzog von Chaulnes, und die Tochter des Wirts zum Dauphinswappen verbeugt sich mit dem Anstand einer großen Dame und führt den hohen Gast und Gönner in ihren Salon, welcher den Vergleich mit jedem andern zu Paris aushält.Stefano Vinacche trägt nicht mehr sein eigenes Haar; eine wallende gewaltige Lockenperücke bedeckt sein kluges Haupt. Mit feiner Ironie sagt er, in den wallenden Stirnlocken dieser seiner Perücke halte er seinenSpiritus familiaris, sein „folet“ verborgen und gefesselt.„Notre Dame de Miracle, Ihr seid ein großer Mann, Etienne!“ sagt der Herzog von Chaulnes, und der Hausherr von Coubron verbeugt sich lächelnd:„O Monseigneur!“„Ja, ja, wer hätte das gedacht, als ich Euch in Italien von der Landstraße aufhob? Wer hätte das gedacht, als ich Euch durch den Grafen von Auvergne vom Galgen errettete; — Vinacche, Ihr müßt mir sehr dankbar sein.“Stefano legt die Hand auf das Herz.„Monseigneur, ich habe ein gutes Gedächtnis für empfangene Wohltaten. Glaubt nicht, daß das Glück und die errungene Wissenschaft mich stolz mache. Fragt meine Frau, was gestern geschehen ist.“„Wahrlich, Monseigneur, es war eine tolle Szene. Stellt Euch vor, es befindet sich gestern eine glänzende Gesellschaft bei uns, Monsieur Despontis, Monsieur von Beaubriant und viele andere, als ein abgelumpter Mensch Etienne zu sprechen verlangt. Die Diener wollten ihn abweisen; aber Etienne hört den Lärm und läßt den Vagabunden kommen.Mon Dieu, was für eine Szene!“„Nun?!“„Nicolle war’s, gnädigster Herr! Nicolle, meines Mannes Kamerad aus dem Regiment Royal-Roussillon!“„Oh, oh, oh! ah, ah, ah!“ lacht der Herzog. „Dem Wiederfinden hätt’ ich beiwohnen mögen. Das muß in der Tat eine eigentümliche Überraschung gegeben haben.“„Ich fiel in Ohnmacht, und Etienne — fiel dem Vagabunden um den Hals —“„Und die Gesellschaft?“„Stand in starrer Verwunderung! Es war ein tödlicher Augenblick,“ ruft Madame de Vinacche klagend, doch Etienne sagt:„Ich hatte dem Manne einst ein schweres Unrecht zugefügt, jetzt war mir die Gelegenheit gegeben, es wieder gutzumachen, und ich benutzte diese Gelegenheit.“„Notre Dame de Miracle, ich werde der Frau von Maintenon diese Geschichte erzählen. Ihr seid ein braver Gesell, Etienne. Ah, oh,ou la vertu va-t-elle se nicher? wie Monsieur Molière sagt, — sagt er nicht so?“„Ich glaube, gnädiger Herr,“ meint Vinacche, die Achsel zuckend, und setzt hinzu, als eben jemand an die Tür des Salons mit leisem Finger klopft: „Da kommt Konrad, uns zum Werk zu holen. Wenn es also beliebt, Monseigneur, so können wir unsere Arbeit von neuem aufnehmen; Zeit und Stunde sind günstig, jeder Stern steht an seinem rechten Platz, und gute Hände schüren die Flamme!“In die geöffnete Tür schaut das finstere Gesicht des deutschen Meisters Konrad Schulz:„Es ist alles bereit!“„Wir kommen!“ sagt der Herzog von Chaulnes, mit zärtlichem Handkuß von Madame Vinacche Abschied nehmend. In das chemische Laboratorium herab schreiten die Männer.Um den schwarzen Herd stehen regungslos die Gehilfen des großen Goldmachers. Atemlos verfolgt der Herzog jede Bewegung des Alchymisten.Der Meister arbeitet!Tiegel voll Salpeter, Antimonium, Schwefel, Arsenik, Qecksilber gehen von Hand zu Hand. Die Phiole mit dem „Sonnenöl“ reicht Martino Polli, das Blei bringt Konrad Schulz zum Fluß; — der große Augenblick ist gekommen. Aus einem Loch in der schwarzen feuchten Mauer ringelt sich eine bunte Schlange hervor, sie steigt an dem Beine Stefano Vinacches empor, sie umschlingt seinen Arm und scheint ihm ins Ohr zu zischen. Ein Zittern überkommt den Goldmacher, aus der Brust zieht er ein winziges Fläschchen; — im Tiegel gärt und kocht die metallische Masse, — die Flammen züngeln, — aus der Phiole in der Hand des Meisters fällt das Projektionspulver in den Tiegel — — — — — — — — — — — — —Das Werk ist vollbracht! In die Form gießt Konrad Schulz die kostbare, im höchsten Fluß befindliche Masse — nach einigen Augenblicken wiegt der Herzog von Chaulnes eine glänzende Metallbarre in der Hand. „Reinstes Gold, Monseigneur!“ sagt Stefano Vinacche. —
Wir schauen wie in ein Bild von Antoine Watteau durch das zarte frühlingsfrische Blätterwerk zu Coubron — fünf Meilen von Paris — wo Monsieur Etienne de Vinacche auf seinem reizenden Landsitze ein glänzendes Fest gibt. Die untergehende Maisonne des Jahres Siebzehnhunderteins übergießt die Landschaft mit rosigem Schein; — Lachen und Kosen und Flüstern des jungen Volkes ertönt im Gebüsch; geputzte ältere Herren und Damen durchwandeln gravitätisch die gradlinigen Gänge des Parkes. Karossen und Reitpferde mit ihrer Begleitung von Kutschern, Lakaien und Läufern halten vor dem vergoldeten Gittertor; Monsieur de Vinacche und seine Frau sind eben im Begriff, von einem Teil ihrer Gäste, der nach Paris oder den umliegenden Landhäusern zurückkehren will, Abschied zu nehmen.
Die Dame Rochebillard, die Geliebte Tronchins, des ersten Kassierers Samuel Bernards, des „fils de Plutus“, — wird von Madame de Vinacche zu ihrer Kutsche geleitet; Monsieur Etienne befindet sich im eifrigen Gespräch mit einem jungen Edelmann, dem Sieur de Mareuil. Für fünftausend Livres will Vinacche dem Herrn von Mareuil einen konstellierten Diamant, vermöge dessen man immerfort glücklich spielen soll, anfertigen. Ein wenig weiter zurück unterhalten sich die beiden reichen Bankiers van der Hultz, der Vater und der Sohn, mit Herrn Menager,Sécrétaire du Roiund Handelsdeputierten von Rouen; — auf einem Rasenplatz tanzen einige junge Paare nach den Tönen einer Schalmei und eines Dudelsacks ein Menuett; bunte Diener tragen Erfrischungen umher, für die abfahrenden Gäste erscheinen andere; der Chevalier von Serignan, Monsieur Nicolaus Buisson, der Sieur Destresoriers, Edelleute von der Robe, Edelleute vom Degen, Finanzleute, Beamte und so weiter mit ihren Frauen und Töchtern, allgesamt angezogen von dem Glanz, der Pracht und dem großen Geheimnis des einstigen neapolitanischen Bettlers Stefano Vinacche.
Hat sich aber um Mitternacht dieser Schwarm der Gäste verloren, so erscheinen andere Gestalten. Aus verborgenen Schlupfwinkeln tauchen Männer auf, finstere bleiche Männer mit zusammengezogenen Augenbrauen und rauhen, rauchgeschwärzten Händen. Da ist Konrad Schulz, ein Deutscher, den Herr von Pontchartrain später verschwinden läßt, ohne daß man jemals wieder von ihm hört. Da sind Dupin und Marconnel, hocherfahren in der geheimen Kunst. Da ist Thuriat, ein wackerer Chemiker; da ist ein anderer Italiener, Martino Polli. Geheimnisvolle Wagen, von geheimnisvollen Fuhrleuten begleitet, langen an und fahren ab, und Säcke werden abgeladen und aufgeladen, die, wenn sie die Erde oder einen harten Gegenstand berühren, ein leises Klirren, als wären sie mit Goldstücken gefüllt, von sich geben, geheimnisvolle Feuer in geheimnisvollen Öfen flammen auf, — Wacht hält Madame de Vinacche, daß die nächtlichen Arbeiter nicht gestört werden in ihrem Werke.
Hüte dich, Stefano Vinacche! Im geheimen Staatsrat zu Versailles hat man von dir gesprochen: Monsieur Pelletier von Sousy, der Intendant der Finanzen, hat den Mann mit dem Kopf voll böser Anschläge, hat Monsieur d’Argenson aufmerksam auf dich gemacht.
Hüte dich, Stefano Vinacche! —
Wer klopft in dunkler Nacht an das Hinterpförtchen des Landhauses zu Coubron?
Salomon Jakob, ein Jude aus Metz, welcher die Verbindung des „Unbegreiflichen“ mit Deutschland vermittelt.
Wer klopft in dunkler Nacht an die Pforte des Landhauses zu Coubron?
Franz Heinrich von Montmorency-Luxemburg, Pair und Marschall von Frankreich, welchen Stefano Vinacche die Kunst lehren soll, den Teufel zu beschwören.
In dunkler Nacht fährt nach Coubron der Herzog von Nevers, um sich in die geheimen Wissenschaften einweihen zu lassen.
In dunkler Nacht fährt nach Coubron Karl d’Albert, Herzog von Chaulnes, und Madame de Vinacche empfängt ihn in brokatnen Gewändern, geschmückt mit einer Cordeliere und einem Halsband im Wert von sechstausend Livres.
„Notre Dame de Miracle, wie habe ich für Euer Glück gesorgt, Allerschönste!“ sagt der Herzog von Chaulnes, und die Tochter des Wirts zum Dauphinswappen verbeugt sich mit dem Anstand einer großen Dame und führt den hohen Gast und Gönner in ihren Salon, welcher den Vergleich mit jedem andern zu Paris aushält.
Stefano Vinacche trägt nicht mehr sein eigenes Haar; eine wallende gewaltige Lockenperücke bedeckt sein kluges Haupt. Mit feiner Ironie sagt er, in den wallenden Stirnlocken dieser seiner Perücke halte er seinenSpiritus familiaris, sein „folet“ verborgen und gefesselt.
„Notre Dame de Miracle, Ihr seid ein großer Mann, Etienne!“ sagt der Herzog von Chaulnes, und der Hausherr von Coubron verbeugt sich lächelnd:
„O Monseigneur!“
„Ja, ja, wer hätte das gedacht, als ich Euch in Italien von der Landstraße aufhob? Wer hätte das gedacht, als ich Euch durch den Grafen von Auvergne vom Galgen errettete; — Vinacche, Ihr müßt mir sehr dankbar sein.“
Stefano legt die Hand auf das Herz.
„Monseigneur, ich habe ein gutes Gedächtnis für empfangene Wohltaten. Glaubt nicht, daß das Glück und die errungene Wissenschaft mich stolz mache. Fragt meine Frau, was gestern geschehen ist.“
„Wahrlich, Monseigneur, es war eine tolle Szene. Stellt Euch vor, es befindet sich gestern eine glänzende Gesellschaft bei uns, Monsieur Despontis, Monsieur von Beaubriant und viele andere, als ein abgelumpter Mensch Etienne zu sprechen verlangt. Die Diener wollten ihn abweisen; aber Etienne hört den Lärm und läßt den Vagabunden kommen.Mon Dieu, was für eine Szene!“
„Nun?!“
„Nicolle war’s, gnädigster Herr! Nicolle, meines Mannes Kamerad aus dem Regiment Royal-Roussillon!“
„Oh, oh, oh! ah, ah, ah!“ lacht der Herzog. „Dem Wiederfinden hätt’ ich beiwohnen mögen. Das muß in der Tat eine eigentümliche Überraschung gegeben haben.“
„Ich fiel in Ohnmacht, und Etienne — fiel dem Vagabunden um den Hals —“
„Und die Gesellschaft?“
„Stand in starrer Verwunderung! Es war ein tödlicher Augenblick,“ ruft Madame de Vinacche klagend, doch Etienne sagt:
„Ich hatte dem Manne einst ein schweres Unrecht zugefügt, jetzt war mir die Gelegenheit gegeben, es wieder gutzumachen, und ich benutzte diese Gelegenheit.“
„Notre Dame de Miracle, ich werde der Frau von Maintenon diese Geschichte erzählen. Ihr seid ein braver Gesell, Etienne. Ah, oh,ou la vertu va-t-elle se nicher? wie Monsieur Molière sagt, — sagt er nicht so?“
„Ich glaube, gnädiger Herr,“ meint Vinacche, die Achsel zuckend, und setzt hinzu, als eben jemand an die Tür des Salons mit leisem Finger klopft: „Da kommt Konrad, uns zum Werk zu holen. Wenn es also beliebt, Monseigneur, so können wir unsere Arbeit von neuem aufnehmen; Zeit und Stunde sind günstig, jeder Stern steht an seinem rechten Platz, und gute Hände schüren die Flamme!“
In die geöffnete Tür schaut das finstere Gesicht des deutschen Meisters Konrad Schulz:
„Es ist alles bereit!“
„Wir kommen!“ sagt der Herzog von Chaulnes, mit zärtlichem Handkuß von Madame Vinacche Abschied nehmend. In das chemische Laboratorium herab schreiten die Männer.
Um den schwarzen Herd stehen regungslos die Gehilfen des großen Goldmachers. Atemlos verfolgt der Herzog jede Bewegung des Alchymisten.
Der Meister arbeitet!
Tiegel voll Salpeter, Antimonium, Schwefel, Arsenik, Qecksilber gehen von Hand zu Hand. Die Phiole mit dem „Sonnenöl“ reicht Martino Polli, das Blei bringt Konrad Schulz zum Fluß; — der große Augenblick ist gekommen. Aus einem Loch in der schwarzen feuchten Mauer ringelt sich eine bunte Schlange hervor, sie steigt an dem Beine Stefano Vinacches empor, sie umschlingt seinen Arm und scheint ihm ins Ohr zu zischen. Ein Zittern überkommt den Goldmacher, aus der Brust zieht er ein winziges Fläschchen; — im Tiegel gärt und kocht die metallische Masse, — die Flammen züngeln, — aus der Phiole in der Hand des Meisters fällt das Projektionspulver in den Tiegel — — — — — — — — — — — — —
Das Werk ist vollbracht! In die Form gießt Konrad Schulz die kostbare, im höchsten Fluß befindliche Masse — nach einigen Augenblicken wiegt der Herzog von Chaulnes eine glänzende Metallbarre in der Hand. „Reinstes Gold, Monseigneur!“ sagt Stefano Vinacche. —
IV.Was man in Versailles dazu sagte.Vinacche fuhr mit seiner Frau vierspännig durch die Straßen von Paris. Lange war Claude Bullot tot und erinnerte sie nicht mehr an die Dunkelheit ihrer Herkunft. In der Gasse Saint Sauveur besaß Stefano jetzt ein prächtiges Haus, wo er die beste Gesellschaft von Paris bei sich sah. Sein Leben strahlte im höchsten Glanz. Die Teilnehmer seiner wunderlichen Operationen hatte er durch Drohungen, Versprechungen, List und Überredung zu seinen Sklaven gemacht; er durfte ihnen drohen, sie bei der geringsten Auflehnung gegen seinen Willen als Fälscher, Kipper und Wipper hängen zu lassen. Seine Geschäftsverbindungen mit Samuel Bernard, Tronchin, Menager, mit den beiden van der Hultz, mit Saint-Robert und dem Sieur Buisson Destresoriers nahmen ihren ungestörten Fortgang. Man sah in seinen Gemächern oft fünfzehn, zwanzig, dreißig Säcke voll nagelneuer Louisdors aufgestellt. Neu geprägte Goldstücke fanden die Diener und Dienerinnen, von denen das Haus überquoll, im Kehricht, in den Winkeln, unter der schmutzigen Wäsche; — sie verkauften Stückchen von Goldbarren an die Juden, und Madame de Vinacche erschrak eines Tages heftig genug, als sie, ungesehen von ihnen, ein Gespräch zwischen ihrer Kammerfrau La Martion und einigen Lakaien ihres Mannes belauschte. —Der spanische Erbfolgekrieg hatte begonnen. War das Geld im Hause Stephano Vinacches im Überfluß vorhanden, so mangelte es um desto mehr im Hause des Königs Ludwig des Vierzehnten. Herrschte im Hause Stefano Vinacches Jubel und Übermut, so herrschte Mißmut, Angst, Sorge und Not zu Versailles. Ein gewaltiger Umschwung aller Dinge trat in diesem früher so glänzenden Frankreich mehr und mehr hervor. Auf die Zeit des phantastischen, lebenvollen Karnevals folgte der Aschermittwoch mit seinen Grabgedanken. Zu Grabe gegangen waren die Schriftsteller und Dichter: Pascal und Franz von La Rochefoucauld ergründeten nicht mehr die Tiefe des menschlichen Herzens. Jean de Lafontaine hielt nicht mehr den lustigen Spiegel der Welt vor, Jean war „davongegangen wie er gekommen war“; — verstummt war die mächtige Leier des großen Corneille, Jean Racine hatte sein Schwanenlied gesungen und war hinabgesunken in die blaue Flut der Ewigkeit. Tot, tot war Molière, der gute Kämpfer gegen Dummheit, Heuchelei, Aberglauben und Laster; tot war Jean Baptiste Poquelin, genannt Molière, aber Tartuffe lebte noch!Die Heiterkeit des Daseins war erblaßt, auch die feierlichen Stimmen der großen Kanzelredner Bossuet, Bourdaloue, Flechier verstummten! König in Frankreich war der Pater La Chaise, Königin in Frankreich war Franziska d’Aubigné, die Witwe Paul Scarrons. Die Schutzherrschaft über das Land nahm man dem heiligen Michael und gab sie der Jungfrau Maria, wie man sie vorher dem heiligen Martin und vor diesem dem heiligen Denis genommen hatte. Schaffe Geld, schaffe Geld, Geld, Geld, o heilige Jungfrau Maria! Schaffe Geld, holde Schutzherrin, Geld zum Kampf gegen deine und unsere Feinde! Schaffe Geld und abermals Geld und wiederum Geld, süße Mutter Gottes! Schaffe Geld, Geld, Geld, o Schutzpatronin von Frankreich und Versailles, Marly und Trianon!Wiederum war ein Staatsrat gehalten worden zu Versailles über die besten Mittel, Geld zu bekommen, und niemand hatte Rat gewußt; weder Pontchartrain, noch Pomponne, noch du Harlay, Barbezieux, d’Argouges, d’Agnesseau. Wohl war manche neue Steuer vorgeschlagen worden; doch ohne zu einem Resultat gelangt zu sein, hatte Louis der Vierzehnte seine Räte entlassen müssen. Verstimmt im höchsten Grade, ratlos bis zur Verzweiflung schritt er auf und ab in seinem Gemach und seufzte:„O Colbert, o Louvois!“Der König von Frankreich befand sich vollständig in der Seelenstimmung Sauls, des Königs der Juden, als er Verlangen trug nach dem Geiste Samuels, des Hohenpriesters.Dazu war die Frau Marquise nach Saint Cyr zu ihren jungen Damen gefahren, und der Vater La Chaise gab einigen Brüdern in Christo in der Vorstadt Saint Antoine in seinem Hause ein kleines Fest. Armer, großer Louis! zu seinem letzten Mittel mußte er greifen, um sich zu zerstreuen; — Fagon, sein Leibarzt, wurde gerufen. In der Unterhaltung mit diesem klugen Manne ging dem Monarchen, freilich doch langsam genug, dieser trübe Oktobernachmittag des Jahres 1703 hin, und zuletzt kam auch Madame von Maintenon zurück. Der König seufzte auf, gleich einem, der von einer schweren Last befreit wird; Fagon machte seine Verbeugungen und entfernte sich, ebenfalls höchlichst erfreut über seine Erlösung.Im klagenden Tone erzählte nun der König seiner Ratgeberin von seiner trüben Nachmittagsstimmung, von seiner Sehnsucht nach ihr, seiner einzigen Freundin, von der Dummheit der Ärzte und von der vergeblichen Ratssitzung.„Sire,“ sagte die Marquise lächelnd, „ich bin Eure demütige Dienerin; die besten Ärzte sind die, welche die Seele zu heilen verstehen, was aber die Ratlosigkeit Eurer Räte betrifft, so ist hier ein Billett, welches die Mittel angibt, dem Staat Geld zu schaffen. Von unbekannter Hand wurde es mir in den Wagen geworfen. Leset es, Sire, wir haben schon einmal über den Mann gesprochen, von dem es handelt.“Der König nahm das Schreiben und überflog es.„Vinacche?! der Goldmacher!“ murmelte er und zuckte die Achseln.„Ich höre Erstaunliches über den Mann,“ meinte die Marquise. „Sein Luxus geht ins Grenzenlose. Die größten Herren Eures Hofes, Sire, gehen bei ihm ein und aus. Der Herzog von Brissac hat mir neulich stundenlang von dem geheimnisvollen Menschen gesprochen. Neulich war auch Madame von Chamillard bei mir; sie steht in Verbindung mit dem reichen holländischen Bankier van der Hultz. Auch dieser Mann soll vollständig überzeugt sein, Monsieur de Vinacche habe das Projektionspulver gefunden, Monsieur de Vinacche mache in Wahrheit Gold.“„Ach, Marquise, von wie vielen haben wir das geglaubt!“„Sire, wäre ich an Eurer Stelle, ich würde d’Argenson beauftragen, diesen Italiener etwas genauer zu beobachten.“Der König zuckte abermals die Achseln und gab das Billett zurück.„Wenn d’Argenson das für nötig hält, so mag er seine Anordnungen treffen; — ich will nichts damit zu tun haben. Was beginnen Eure Fräulein zu Saint Cyr, Marquise?“Nachdem der König das Gespräch auf eine andere Bahn geleitet hatte, war es vergeblich, von neuem den verlassenen Punkt zu berühren; aber die Marquise schob das Billett in ihre Tasche und faßte einen Beschluß. Am andern Tage schickte sie ihren Stallmeister Manceau in die Gasse Saint Sauveur zu Vinacche, unter dem Vorgeben: er solle Diamanten kaufen für eine fremde Prinzessin. Manceau, von seiner Herrin bestens instruiert, ließ nichts in dem Hause des Alchymisten außer Augen und erzählte nachher Wunder von der Pracht und dem Glanze, die darinnen herrschten. Pferde, Gemälde, Silbergeschirr, Meubles, alles taxierte er, wie ein Auktionskommissär; auf seine Frage nach Juwelen antwortete aber Vinacche, er besitze deren wohl sehr schöne, aber er handle nicht damit.Fast schwindelnd von dem Geschauten kam der Abgesandte der Marquise nach Versailles zurück und stattete seiner Herrin Bericht ab. Einige Tage nachher wurde Stefano Vinacche selbst nach Versailles beschieden und daselbst sehr höflich und zuvorkommend von Herrn von Chamillard empfangen! Ein langes Gespräch hatten die beiden Herren miteinander, und hinter einem Vorhange lauschte die Marquise von Maintenon demselben. Aber aalglatt entschlüpfte Vinacche jeder Frage, die sich auf seine große Kunst bezog; er nahm Abschied und bestieg seine Karosse wieder, ohne daß die Marquise und Chamillard ihrem Ziel im geringsten nähergekommen wären.„Lassen wir d’Argenson kommen!“ sagte Frau von Maintenon. „Um keinen Preis darf uns dieser Mann entgehen.“Monsieur de Chamillard verbeugte sich bis zur Erde, und — d’Argenson ward gerufen.
Vinacche fuhr mit seiner Frau vierspännig durch die Straßen von Paris. Lange war Claude Bullot tot und erinnerte sie nicht mehr an die Dunkelheit ihrer Herkunft. In der Gasse Saint Sauveur besaß Stefano jetzt ein prächtiges Haus, wo er die beste Gesellschaft von Paris bei sich sah. Sein Leben strahlte im höchsten Glanz. Die Teilnehmer seiner wunderlichen Operationen hatte er durch Drohungen, Versprechungen, List und Überredung zu seinen Sklaven gemacht; er durfte ihnen drohen, sie bei der geringsten Auflehnung gegen seinen Willen als Fälscher, Kipper und Wipper hängen zu lassen. Seine Geschäftsverbindungen mit Samuel Bernard, Tronchin, Menager, mit den beiden van der Hultz, mit Saint-Robert und dem Sieur Buisson Destresoriers nahmen ihren ungestörten Fortgang. Man sah in seinen Gemächern oft fünfzehn, zwanzig, dreißig Säcke voll nagelneuer Louisdors aufgestellt. Neu geprägte Goldstücke fanden die Diener und Dienerinnen, von denen das Haus überquoll, im Kehricht, in den Winkeln, unter der schmutzigen Wäsche; — sie verkauften Stückchen von Goldbarren an die Juden, und Madame de Vinacche erschrak eines Tages heftig genug, als sie, ungesehen von ihnen, ein Gespräch zwischen ihrer Kammerfrau La Martion und einigen Lakaien ihres Mannes belauschte. —
Der spanische Erbfolgekrieg hatte begonnen. War das Geld im Hause Stephano Vinacches im Überfluß vorhanden, so mangelte es um desto mehr im Hause des Königs Ludwig des Vierzehnten. Herrschte im Hause Stefano Vinacches Jubel und Übermut, so herrschte Mißmut, Angst, Sorge und Not zu Versailles. Ein gewaltiger Umschwung aller Dinge trat in diesem früher so glänzenden Frankreich mehr und mehr hervor. Auf die Zeit des phantastischen, lebenvollen Karnevals folgte der Aschermittwoch mit seinen Grabgedanken. Zu Grabe gegangen waren die Schriftsteller und Dichter: Pascal und Franz von La Rochefoucauld ergründeten nicht mehr die Tiefe des menschlichen Herzens. Jean de Lafontaine hielt nicht mehr den lustigen Spiegel der Welt vor, Jean war „davongegangen wie er gekommen war“; — verstummt war die mächtige Leier des großen Corneille, Jean Racine hatte sein Schwanenlied gesungen und war hinabgesunken in die blaue Flut der Ewigkeit. Tot, tot war Molière, der gute Kämpfer gegen Dummheit, Heuchelei, Aberglauben und Laster; tot war Jean Baptiste Poquelin, genannt Molière, aber Tartuffe lebte noch!
Die Heiterkeit des Daseins war erblaßt, auch die feierlichen Stimmen der großen Kanzelredner Bossuet, Bourdaloue, Flechier verstummten! König in Frankreich war der Pater La Chaise, Königin in Frankreich war Franziska d’Aubigné, die Witwe Paul Scarrons. Die Schutzherrschaft über das Land nahm man dem heiligen Michael und gab sie der Jungfrau Maria, wie man sie vorher dem heiligen Martin und vor diesem dem heiligen Denis genommen hatte. Schaffe Geld, schaffe Geld, Geld, Geld, o heilige Jungfrau Maria! Schaffe Geld, holde Schutzherrin, Geld zum Kampf gegen deine und unsere Feinde! Schaffe Geld und abermals Geld und wiederum Geld, süße Mutter Gottes! Schaffe Geld, Geld, Geld, o Schutzpatronin von Frankreich und Versailles, Marly und Trianon!
Wiederum war ein Staatsrat gehalten worden zu Versailles über die besten Mittel, Geld zu bekommen, und niemand hatte Rat gewußt; weder Pontchartrain, noch Pomponne, noch du Harlay, Barbezieux, d’Argouges, d’Agnesseau. Wohl war manche neue Steuer vorgeschlagen worden; doch ohne zu einem Resultat gelangt zu sein, hatte Louis der Vierzehnte seine Räte entlassen müssen. Verstimmt im höchsten Grade, ratlos bis zur Verzweiflung schritt er auf und ab in seinem Gemach und seufzte:
„O Colbert, o Louvois!“
Der König von Frankreich befand sich vollständig in der Seelenstimmung Sauls, des Königs der Juden, als er Verlangen trug nach dem Geiste Samuels, des Hohenpriesters.
Dazu war die Frau Marquise nach Saint Cyr zu ihren jungen Damen gefahren, und der Vater La Chaise gab einigen Brüdern in Christo in der Vorstadt Saint Antoine in seinem Hause ein kleines Fest. Armer, großer Louis! zu seinem letzten Mittel mußte er greifen, um sich zu zerstreuen; — Fagon, sein Leibarzt, wurde gerufen. In der Unterhaltung mit diesem klugen Manne ging dem Monarchen, freilich doch langsam genug, dieser trübe Oktobernachmittag des Jahres 1703 hin, und zuletzt kam auch Madame von Maintenon zurück. Der König seufzte auf, gleich einem, der von einer schweren Last befreit wird; Fagon machte seine Verbeugungen und entfernte sich, ebenfalls höchlichst erfreut über seine Erlösung.
Im klagenden Tone erzählte nun der König seiner Ratgeberin von seiner trüben Nachmittagsstimmung, von seiner Sehnsucht nach ihr, seiner einzigen Freundin, von der Dummheit der Ärzte und von der vergeblichen Ratssitzung.
„Sire,“ sagte die Marquise lächelnd, „ich bin Eure demütige Dienerin; die besten Ärzte sind die, welche die Seele zu heilen verstehen, was aber die Ratlosigkeit Eurer Räte betrifft, so ist hier ein Billett, welches die Mittel angibt, dem Staat Geld zu schaffen. Von unbekannter Hand wurde es mir in den Wagen geworfen. Leset es, Sire, wir haben schon einmal über den Mann gesprochen, von dem es handelt.“
Der König nahm das Schreiben und überflog es.
„Vinacche?! der Goldmacher!“ murmelte er und zuckte die Achseln.
„Ich höre Erstaunliches über den Mann,“ meinte die Marquise. „Sein Luxus geht ins Grenzenlose. Die größten Herren Eures Hofes, Sire, gehen bei ihm ein und aus. Der Herzog von Brissac hat mir neulich stundenlang von dem geheimnisvollen Menschen gesprochen. Neulich war auch Madame von Chamillard bei mir; sie steht in Verbindung mit dem reichen holländischen Bankier van der Hultz. Auch dieser Mann soll vollständig überzeugt sein, Monsieur de Vinacche habe das Projektionspulver gefunden, Monsieur de Vinacche mache in Wahrheit Gold.“
„Ach, Marquise, von wie vielen haben wir das geglaubt!“
„Sire, wäre ich an Eurer Stelle, ich würde d’Argenson beauftragen, diesen Italiener etwas genauer zu beobachten.“
Der König zuckte abermals die Achseln und gab das Billett zurück.
„Wenn d’Argenson das für nötig hält, so mag er seine Anordnungen treffen; — ich will nichts damit zu tun haben. Was beginnen Eure Fräulein zu Saint Cyr, Marquise?“
Nachdem der König das Gespräch auf eine andere Bahn geleitet hatte, war es vergeblich, von neuem den verlassenen Punkt zu berühren; aber die Marquise schob das Billett in ihre Tasche und faßte einen Beschluß. Am andern Tage schickte sie ihren Stallmeister Manceau in die Gasse Saint Sauveur zu Vinacche, unter dem Vorgeben: er solle Diamanten kaufen für eine fremde Prinzessin. Manceau, von seiner Herrin bestens instruiert, ließ nichts in dem Hause des Alchymisten außer Augen und erzählte nachher Wunder von der Pracht und dem Glanze, die darinnen herrschten. Pferde, Gemälde, Silbergeschirr, Meubles, alles taxierte er, wie ein Auktionskommissär; auf seine Frage nach Juwelen antwortete aber Vinacche, er besitze deren wohl sehr schöne, aber er handle nicht damit.
Fast schwindelnd von dem Geschauten kam der Abgesandte der Marquise nach Versailles zurück und stattete seiner Herrin Bericht ab. Einige Tage nachher wurde Stefano Vinacche selbst nach Versailles beschieden und daselbst sehr höflich und zuvorkommend von Herrn von Chamillard empfangen! Ein langes Gespräch hatten die beiden Herren miteinander, und hinter einem Vorhange lauschte die Marquise von Maintenon demselben. Aber aalglatt entschlüpfte Vinacche jeder Frage, die sich auf seine große Kunst bezog; er nahm Abschied und bestieg seine Karosse wieder, ohne daß die Marquise und Chamillard ihrem Ziel im geringsten nähergekommen wären.
„Lassen wir d’Argenson kommen!“ sagte Frau von Maintenon. „Um keinen Preis darf uns dieser Mann entgehen.“
Monsieur de Chamillard verbeugte sich bis zur Erde, und — d’Argenson ward gerufen.
V.Das Ende.Und Monsieur d’Argenson streckte seine Hand aus; — es fiel ein schwarzer Schatten über das glänzende, fröhliche Leben in der Gasse Saint Sauveur; nach allen Seiten hin zerstob das Getümmel der vornehmen, reichen und geistreichen Gäste. Die Flucht nahmen die Herzöge, die Marquis, die Chevaliers, die Abbés, die Poeten. Wer durfte wagen, da zu weilen, wohin Monsieur d’Argenson den Fuß gesetzt hatte?Aus dem Nebel ragt düster drohend die Bastille! Sie halten den Stefano Vinacche, auf daß ihnen sein köstliches Geheimnis „nicht entgehe“, und — am 22. März 1704, einem Sonnabend — scharren sie ihn ein auf dem Kirchhof von Sankt Paul, unter dem NamenEtienne Durand.Wer hat je das Genie durch Gewalt gezwungen, seine Schätze mitzuteilen?So liest man in den Registern der Bastille:„In der Nacht vom Mittwoch auf den grünen Donnerstag, als am 20. März 1704, morgens um ein Viertel auf zwei Uhr verschied in Nummer drei der Bertaudiere Monsieur de Vinacche, ein Italiener, in der Gegenwart des Schließers La Boutonnière und des Korporals der Freikompagnie der Bastille, Michel Hirlancle. Nach dem Tode des Gefangenen gingen die beiden Wächter, Monsieur de Rosarges davon zu benachrichtigen, und erhob sich dieser und verfügte sich in die Zelle des Sieur Vinacche, welcher sich selbst getötet hat, indem er sich gestern, als am Mittwoch, ungefähr um zwei Uhr nachmittags mit seinem Messer die Kehle unter dem Kinn zerschnitt und sich also eine sehr große und weite Wunde beibrachte. Obgleich ihm alle mögliche Hilfe geleistet wurde, konnte man ihn doch nicht retten. Da der Sterbende einige Zeit hindurch das Bewußtsein wieder erlangte, so hat unser Almosenierer sein Bestes getan, ihn zur Beichte zu bewegen, jedoch ganz und gar vergeblich. Gegen neun Uhr abends habe ich Monsieur d’Argenson von dem Unglück Nachricht gegeben, und ist derselbe in aller Eile sogleich erschienen, um zu dem Sterbenden zu reden, jedoch auch ihm hat der Unglückliche keine Antwort gegeben.In diesem Schlosse der Bastille 20. März 1704.Dujonca,Königsleutnant in der Bastille.Wohl mochte nachher d’Argenson in seinem Bericht an Chamillard von „billonage“, von Kipperei und Wipperei sprechen, es glaubte niemand daran, selbst der Berichterstatter glaubte nicht daran; man brauchte nur eine Rechtfertigung dem aufgeregten Publikum gegenüber. Zu Versailles wirkte die Nachricht von dem Tode Stefano Vinacches gleich einem Donnerschlag; der König Ludwig der Vierzehnte wurde darob ebenso zornig und niederschlagen, wie später in demselben Jahre über die Kunde von den Niederlagen auf dem Schellenberge und bei Höchstedt. Die Frau Marquise und die Herren de Chamillard und d’Argenson hatten einige bittere Stunden zu durchleben; aber was half das? Stefano Vinacche war tot und hatte sein Geheimnis mit in das Grab genommen!Der Witwe des Unglücklichen meldete man offiziell, ihr Gemahl sei in der Bastille am Schlagfluß verschieden; sie blieb im ungestörten Besitze aller der auf so geheimnisvolle Weise erworbenen ungeheuren Güter. Der alte Bericht, dem wir dieses seltsame Lebensbild nacherzählen, vergleicht den gemordeten Stefano mit jenem Künstler, welcher dem Imperator Tiberius ein köstliches Gefäß von biegsamem, hämmerbarem Glas überreichte. Der Kaiser bewunderte die vortreffliche Erfindung und fragte, ob dieselbe schon andern Menschen bekannt sei, welches der Künstler verneinte. Auf diese Antwort hin ließ der Tyrann dem genialen Erfinder den Kopf abschlagen und die Werkstatt desselben zerstören, damit nicht „Gold und Silber gemein und wertlos würden, wie der Kot in den Gassen von Rom“.„Par notre Dame de Miracle, Madame, Euer Gemahl war ein großer Mann,“ sagte der Herzog von Chaulnes zu der trauernden Witwe Stefanos, „Euer Gemahl war in Wahrheit ein großer Mann; abereinenFehler hatte er, er war zu verschwiegen! Wie oft hab’ ich ihn beschworen, mir sein großes Geheimnis anzuvertrauen, — Madame, auf meine Ehre, Monsieur Etienne war zu verschwiegen, viel zu verschwiegen.“„O Madame, Madame, die Welt ist nicht so beschaffen, daß sie ein großes Genie in sich dulden könnte!“ sagte zur Frau Vinacche der Dichter Jean Baptiste Rousseau, der Freund Stefanos. „Madame, die Welt kann das Talent nur töten, und es gibt nur einen Trost:c’est le même Dieu qui nous jugera tous!“„Liebste Schwester,“ sagte der Graf d’Aubigné zur Marquise von Maintenon, „liebste Schwester, in meinem Leben habe ich noch nichts erfunden, wohl aber traue ich mir viel Geschick zu, die Erfindungen anderer Leute herauszuholen. Ihr wißt das ja;mon Dieu, weshalb habt Ihr mir nicht diese Geschichte mit dem Italiener überlassen? Das war kein Charakter für die Kunst Monsieur d’Argensons.“Die Frau Marquise seufzte, zuckte die Achseln und griff nach ihrem Gebetbuch, Mademoiselle La Caverne, ihre Kammerfrau, meldete: Seine Majestät verfüge sich soeben in die Messe. Graf d’Aubigné, welcher „sich wegen seiner Schwester Regierung einbildete, er sei die dritte Person in dem Königreiche“, ließ die Unterlippe herabsinken und legte sein Gesicht in die frömmsten Falten.„Gehen wir, mein Bruder,“ sagte die Marquise. „Wir wollen beten für die Seele dieses unglücklichen Monsieur de Vinacche und bitten, daß Gott uns seinen Tod nicht zurechne.“
Und Monsieur d’Argenson streckte seine Hand aus; — es fiel ein schwarzer Schatten über das glänzende, fröhliche Leben in der Gasse Saint Sauveur; nach allen Seiten hin zerstob das Getümmel der vornehmen, reichen und geistreichen Gäste. Die Flucht nahmen die Herzöge, die Marquis, die Chevaliers, die Abbés, die Poeten. Wer durfte wagen, da zu weilen, wohin Monsieur d’Argenson den Fuß gesetzt hatte?
Aus dem Nebel ragt düster drohend die Bastille! Sie halten den Stefano Vinacche, auf daß ihnen sein köstliches Geheimnis „nicht entgehe“, und — am 22. März 1704, einem Sonnabend — scharren sie ihn ein auf dem Kirchhof von Sankt Paul, unter dem NamenEtienne Durand.
Wer hat je das Genie durch Gewalt gezwungen, seine Schätze mitzuteilen?
So liest man in den Registern der Bastille:
„In der Nacht vom Mittwoch auf den grünen Donnerstag, als am 20. März 1704, morgens um ein Viertel auf zwei Uhr verschied in Nummer drei der Bertaudiere Monsieur de Vinacche, ein Italiener, in der Gegenwart des Schließers La Boutonnière und des Korporals der Freikompagnie der Bastille, Michel Hirlancle. Nach dem Tode des Gefangenen gingen die beiden Wächter, Monsieur de Rosarges davon zu benachrichtigen, und erhob sich dieser und verfügte sich in die Zelle des Sieur Vinacche, welcher sich selbst getötet hat, indem er sich gestern, als am Mittwoch, ungefähr um zwei Uhr nachmittags mit seinem Messer die Kehle unter dem Kinn zerschnitt und sich also eine sehr große und weite Wunde beibrachte. Obgleich ihm alle mögliche Hilfe geleistet wurde, konnte man ihn doch nicht retten. Da der Sterbende einige Zeit hindurch das Bewußtsein wieder erlangte, so hat unser Almosenierer sein Bestes getan, ihn zur Beichte zu bewegen, jedoch ganz und gar vergeblich. Gegen neun Uhr abends habe ich Monsieur d’Argenson von dem Unglück Nachricht gegeben, und ist derselbe in aller Eile sogleich erschienen, um zu dem Sterbenden zu reden, jedoch auch ihm hat der Unglückliche keine Antwort gegeben.
In diesem Schlosse der Bastille 20. März 1704.
Dujonca,Königsleutnant in der Bastille.
Wohl mochte nachher d’Argenson in seinem Bericht an Chamillard von „billonage“, von Kipperei und Wipperei sprechen, es glaubte niemand daran, selbst der Berichterstatter glaubte nicht daran; man brauchte nur eine Rechtfertigung dem aufgeregten Publikum gegenüber. Zu Versailles wirkte die Nachricht von dem Tode Stefano Vinacches gleich einem Donnerschlag; der König Ludwig der Vierzehnte wurde darob ebenso zornig und niederschlagen, wie später in demselben Jahre über die Kunde von den Niederlagen auf dem Schellenberge und bei Höchstedt. Die Frau Marquise und die Herren de Chamillard und d’Argenson hatten einige bittere Stunden zu durchleben; aber was half das? Stefano Vinacche war tot und hatte sein Geheimnis mit in das Grab genommen!
Der Witwe des Unglücklichen meldete man offiziell, ihr Gemahl sei in der Bastille am Schlagfluß verschieden; sie blieb im ungestörten Besitze aller der auf so geheimnisvolle Weise erworbenen ungeheuren Güter. Der alte Bericht, dem wir dieses seltsame Lebensbild nacherzählen, vergleicht den gemordeten Stefano mit jenem Künstler, welcher dem Imperator Tiberius ein köstliches Gefäß von biegsamem, hämmerbarem Glas überreichte. Der Kaiser bewunderte die vortreffliche Erfindung und fragte, ob dieselbe schon andern Menschen bekannt sei, welches der Künstler verneinte. Auf diese Antwort hin ließ der Tyrann dem genialen Erfinder den Kopf abschlagen und die Werkstatt desselben zerstören, damit nicht „Gold und Silber gemein und wertlos würden, wie der Kot in den Gassen von Rom“.
„Par notre Dame de Miracle, Madame, Euer Gemahl war ein großer Mann,“ sagte der Herzog von Chaulnes zu der trauernden Witwe Stefanos, „Euer Gemahl war in Wahrheit ein großer Mann; abereinenFehler hatte er, er war zu verschwiegen! Wie oft hab’ ich ihn beschworen, mir sein großes Geheimnis anzuvertrauen, — Madame, auf meine Ehre, Monsieur Etienne war zu verschwiegen, viel zu verschwiegen.“
„O Madame, Madame, die Welt ist nicht so beschaffen, daß sie ein großes Genie in sich dulden könnte!“ sagte zur Frau Vinacche der Dichter Jean Baptiste Rousseau, der Freund Stefanos. „Madame, die Welt kann das Talent nur töten, und es gibt nur einen Trost:
c’est le même Dieu qui nous jugera tous!“
„Liebste Schwester,“ sagte der Graf d’Aubigné zur Marquise von Maintenon, „liebste Schwester, in meinem Leben habe ich noch nichts erfunden, wohl aber traue ich mir viel Geschick zu, die Erfindungen anderer Leute herauszuholen. Ihr wißt das ja;mon Dieu, weshalb habt Ihr mir nicht diese Geschichte mit dem Italiener überlassen? Das war kein Charakter für die Kunst Monsieur d’Argensons.“
Die Frau Marquise seufzte, zuckte die Achseln und griff nach ihrem Gebetbuch, Mademoiselle La Caverne, ihre Kammerfrau, meldete: Seine Majestät verfüge sich soeben in die Messe. Graf d’Aubigné, welcher „sich wegen seiner Schwester Regierung einbildete, er sei die dritte Person in dem Königreiche“, ließ die Unterlippe herabsinken und legte sein Gesicht in die frömmsten Falten.
„Gehen wir, mein Bruder,“ sagte die Marquise. „Wir wollen beten für die Seele dieses unglücklichen Monsieur de Vinacche und bitten, daß Gott uns seinen Tod nicht zurechne.“
Ein BesuchEs war schon Dämmerung, als der Besuch kam; so sehr Dämmerung, daß es uns unmöglich ist, zu sagen, wie der Besuch aussah. Es ist uns überhaupt nicht leicht gemacht, hierüber ganz deutlich zu werden. Helfen uns die Leserinnen selber nicht dabei, so werden wir auf diesem Blatt Papier mit Feder und Tinte wenig ausrichten.„Wieder ein Tag, Johanne, in Einsamkeit und mühseliger, geringen Nutzen bringender Arbeit; und zu der Arbeit trübe Gedanken den ganzen Tag über. Wegplaudern kann ich dir deine Sorgen nicht; da habe ich Schwestern, die das besser verstehen. Ich kann nur hier und da eine Stunde bei dir verweilen; laß mich das jetzt, vielleicht ist dir wohler nachher. Hast auch wohl schmerzende Augen von dem ewigen Schaffen so spät in den Jahren? Die darfst du dreist zumachen, derweil ich bei dir bin. Nur keine unnötigen Höflichkeiten unter Freunden. Laß dich gehen, ich lasse mich auch gehen und lege mir niemandes wegen Zwang an, und viel Zeit habe ich nie, das wißt ihr ja alle, die ihr mich dann und wann unter euerer übrigen Bekanntschaft in der Welt bei euch seht. Wo warst du eben, Johanne?“„Sie feierten ein Fest heute drunten im Hause, daran habe ich gequält, widerwillig teilnehmen müssen. Es war so viel Wagenrollen in der Gasse und vor dem Hause, die Leute waren so laut; es drang so viel lustiger Lärm zu mir herauf. Es war töricht: aber ich ließ mich von meiner Phantasie hinabführen zu meiner jungen, reichen, glücklichen Hausgenossin; und da wurde mein Schicksal bitterer, ich war den Tag über unzufriedener denn je mit meinem Lose; ach, da es nun wieder stiller geworden ist, will ich es nur gestehen: ich war recht böse den Tag über, voll Mißgunst, Neid und Eifersucht. Es war sehr unrecht.“„Ja freilich, du bist arm, und deine Hausgenossin ist reich; du bist alt geworden, und deine Hausgenossin ist noch jung. Niemand kommt zu dir als von Zeit zu Zeit ich, und jene führt das lebendigste Leben. Daran kann ich nichts ändern, nicht den kleinsten Stein des Anstoßes in der Körperlichkeit der Dinge kann ich dir aus dem Wege räumen; — aber wie wäre es, wenn du dessenungeachtet jetzt doch einmal einige Wege mit mir gingest — die ich dich führe?“Da die Frau Johanne jetzt lächelt, ist sie schon auf diesen Wegen mit ihrem Besuch — dieser seltsamen Besucherin, die nicht plaudert, wenige Neuigkeiten weiß, sondern nur von Zeit zu Zeit die Hand oder auch nur den Zeigefinger erhebt. Frau Johanne hat dabei auch dem andern Rat ihres stillen Gastes Folge gegeben; sie hat die Augen geschlossen. Bei geschlossenen Augen sagt sie: „Ja es ist unrecht, und es nützt auch nichts, andern ihr Glück oder vielleicht auch nur den Schein des Glückes zu mißgönnen. Das Leben geht so rasch hin, und es wird so schnell Abend aus Morgen allen Leuten!Ist es nicht wie gestern, als es auch noch in meinem Leben Morgen war? als ich so jung war wie diese junge Nachbarin und auch über schöne Teppiche schritt? als die Wagen auch vor meiner Tür hielten und die Gäste zu mir kamen? als meine Gestalt aus dem Pfeilerspiegel im Festkleide mir zulächelte und Richard mir über meine Schulter zuflüsterte, was der Spiegel mir sagte?Hab’ ich damals, an meinem Morgen, in meinem Frühling, in meiner Jugend viel daran gedacht, wie die Leute über meinem Haupte, unter meinen Füßen, die Nachbarn gegenüber lebten, und ob sie weniger jung, sorgenlos und glücklich als ich waren?“„Siehst du, es wandelt sich gut an meiner Hand,“ nickte der Besuch. „Nur weiter, komm nur weiter, wir sind auf dem ganz richtigen Wege. Es ist nur, weil man in der mißmutigen Stunde nicht recht seine Gedanken zusammennehmen kann, daß man seine Tage so regenfarbig, seine Nächte so dunkel und sternenlos sieht. Was zeigte dir dein Spiegel noch außer deiner Gestalt im Haus- und im Festkleide und den Bildern deiner nächsten Umgebung?“Frau Johanne legt das Haupt in ihrem Stuhl zurück und die Hand auf die Stirn. Sie sitzt wieder vor ihrem hohen, vornehmen Spiegel, den Rücken gegen die Fenster gewendet. Aber aus dem zerbrechlichen Glase und der so leicht verwischbaren Folie von damals ist in Wahrheit ein Zauberspiegel geworden, aus dem sich wesenhaft, greifbar, voll Leben und Wirklichkeit die Hoffnung, der Trost, das beste Glück ihrer Witwenschaft, ihrer Kinderlosigkeit, ihres Alters loslösen.Es sind aber nicht die Abbilder ihrer nächsten Umgebung, die Möbel, Wände, Gemälde, Teppiche und Vorhänge ihres damaligen Gemaches, die sie nun mit ihren geschlossenen Augen wiedersieht. Es ist das Stück der Gasse, das gegenüberliegende Haus, das damals in den goldenen Rahmen zufällig mit hineinfiel und nun wieder lebendig in ihm leuchtet, nachdem Glas und Folie längst zersplittert und verwischt sind, wie Glanz und Glück jener lange vergangenen Tage.„Ich denke, wir wagen es noch einmal, folgen unserm guten Einfall und schlüpfen hinüber zu der unbekannten Nachbarin. Was meinst du, Johanne?“„Ein Einfall!“ murmelt die Frau Johanne. „Nur ein seltsamer Einfall —un concetto, una fantasia strana, wie die Italiener sagen. Und mir vielleicht auch nur darum möglich, weil ich eben erst mit Richard von unserm schönen langen Aufenthalt in Italien nach Hause gekommen war. Dort, in Italien, folgen die Leute viel leichter als hier bei uns ihren Einfällen und schlüpfen so über die Gasse und halten gute Nachbarschaft, zumal wenn sie sich vom Fenster oder — Spiegel aus schon längst kennen und unser Gatte einmal gesagt hat: ‚Der Mann der hübschen kleinen Frau im blauen Kleide da drüben ist einer unserer besten, talentvollsten Unterbeamten, Johanne; das Weibchen mit seinem Kindchen ist wirklich allerliebst, schade, daß sie nicht zu uns gehören, d. h. nicht in unsere Gesellschaftskreise passen.‘“„Ja, was würde aus euerer Welt werden, wenn ich nicht immer von neuem, zu jeder Zeit und überall eure närrischen Kreise störte und euch zusammenbrächte im Wachen und im — Traum? Nur weiter, immer weiter, Johanne. Die Nachbarin wohnt in keinem vornehmen Hause; die Treppen, die zu ihr hinaufführen, sind steil und dunkel; aber wir sind auf dem rechten Wege — ganz auf dem rechten Wege!“„Auf dem rechten Wege! Wie kommst du eigentlich hierzu, Johanne?“ habe ich mich noch auf der steilen dunkeln Treppe gefragt. „Ihr habt euch ja noch nicht einmal zugenickt und noch weniger je ein Wort miteinander gesprochen. Wie wäre das auch möglich gewesen bei so vielem andern gesellschaftlichen Verkehr?“„Das weiß ich am besten, von welchen Kleinigkeiten alles abhängt,“ sagt der Besuch. „Törichtes Menschenvolk! wo bliebet ihr, wenn nicht ich aus dem Kern den Baum, aus dem Funken das Licht, aus dem Hauch den Sturm machte? Dein Blut war noch abenteuerlich unruhig von den bunten Erlebnissen in der Fremde; du hattest viel gähnen müssen an jenem Tage; leugne es nicht, Johanne, du warst eigentlich in keiner angenehmen Stimmung, trotzdem daß du noch jung, reich und eine Schönheit warst. Zu verbraucht, alltäglich, gewöhnlich, abgenutzt und gering erschien dir alles in der behaglichen Heimat um dich herum.“„Und Richard hatte mir jetzt gesagt: Unsere Nachbarin hat Unglück während unserer Abwesenheit gehabt; der Mann ist ihr gestorben; wir werden nicht leicht einen so guten Arbeiter wieder bekommen. — Da sah ich sie statt im blauen oder rosa Kleide in einem schwarzen am Fenster, bleich und kummervoll. Und sie trug ihr Kind auf dem Arme, ihr armes verwaistes Kindchen, und da —, da nickte ich ihr zu von meinem Fenster; und da —, da bin ich zu ihr gegangen!“...Und nun ist sie wieder bei ihr, die Träumende, — die Freundin bei der Freundin, und die Zeiten — die Stunden, Tage und Jahre vermischen sich wunderbar im süß-melancholischen Dämmerungstraum. Der Besuch könnte nun wohl gehen — o wie lebendig, wie lebendig ist alles nun im Traum!...Im Traum. Die alte Frau schläft in ihrem Stuhl nach dem arbeitsvollen mühsamen Tage. Sie denkt nicht mehr über die Vergangenheit; sie träumt von ihr und süß und friedlich; denn der Besuch hatte ihr ja vorher leise, beruhigend die Hand auf die furchenvolle Stirn gelegt.Nun ist der Raum um sie her nicht mehr beschränkt und niedrig, nun sind die Gerätschaften nicht mehr ärmlich und abgenutzt; denn im gleichen Stübchen und unter gleichem Geräte führte ja die beste Freundin ihrer Jugend ihrliebes, stilles Leben. Zu solchem Stübchen schlich sie aus dem Glanz und der Fülle des eigenen Daseins, und alles ist im Traum wie damals um sie her.Wie viele Jahre gehen vorüber während der kurzen Augenblicke, in denen sie jetzt die Augen geschlossen hält? Wechselnde Schicksale — viel Sorge und Angst im Mittage des Lebens auch im eigenen Hause. Was ist noch übrig von alledem, was damals war? Wo sind die hohen Spiegel, die Purpurvorhänge, die weichen Teppiche — die Freunde, die Bekannten der Jugend? Ist doch der eigene Gatte so lange schon tot und die eigenen Kinder; und auch die Freundin schläft ja nun lange schon unter ihrem grünen Hügel und steigt nur dann und wann daraus hervor in derErinnerungund imTraum, und lächelnd, tröstend und Geduld anratend zumeist auch nur dann, wenn vorher der Besuch gekommen ist, den die Greisin, die arme alte Frau Johanne, bei ihrer späten, beschwerlichen Lebensmühe wie in der Dämmerung des heutigen Abends bei sich empfangen hat.Von all den guten Freunden, den lieben Bekannten ist niemand übrig, ist niemand treu als das Kind, das einst die Träumerin zum erstenmal hinüberzog aus ihrer Lebensfreude und dem Glanz ihrer Jugend zu dem Leid der jungen Nachbarin im schwarzen Kleide. Und dieses Kind ist erwachsen, ist auch eine verheiratete Frau und weit in der Ferne. — — —Horch, ein Schritt auf der Treppe.Ist es die Stimme des Besuchs, welche die Frau Johanne noch in ihrem Traume vernimmt: „Nun gehe ich und lasse dich der Wirklichkeit. Wie gern käme ich zu allen so wie zu dir in den bösen Stunden des Erdenlebens, wie gern hülfe ich allen so wie dir hinweg über die dumpfen Pausen zwischen euern Schicksalen; wenn ich nur nicht so oft vor die verschlossene Tür käme. In den Büchern heiße ich eine vornehme Frau; mit einem großen Gefolge hoher Söhne und Töchter schreite ich durch die Jahrtausende, aber gern sitze ich nieder zu den Kindern, den Armen, den Bekümmerten — mit Freuden komme ich zu denen, die aus Büchern nur wenig oder nichts von mir wissen. Nun lebe wohl, du närrisch alt Weiblein, lache und weine dich aus in dem Glück der Gegenwart und Wirklichkeit und halte mir deine Tür offen; ich klopfe nicht gern lange vergeblich.“...Es war nur der Briefträger, dessen Schritt man auf der Treppe gehört hatte. Der Brief aber, den er der Frau Johanne brachte, lautete freilich trotz der ganzen, vollen Wirklichkeit, die er verkündete, wie Glockenklang und Jubelruf aus Dichtung und Wahrheit.„Meine liebe andere Mutter, ich bin so glücklich — Franz ist daheim! Gesund und so bärtig wie ein Bär und so sonnenverbrannt — entsetzlich! Aber es hat ihm, Gott sei Dank, nichts geschadet, und ich bin so glücklich, so glücklich! Gestern sind sie eingezogen, und es war so wundervoll, und ich hatte einen so guten Platz. Ich brauchte den Leuten vor mir nur zu sagen: ich habe ja auch meinen Mann darunter, und sie trugen mich fast auf ihren Armen in die erste Reihe. Und wir — ich und viele Hunderte und Tausende von meiner Sorte, hätten fast den ganzen Effekt gestört. Das war ja aber auch nur zu natürlich, und kein Feldmarschall und sonstiger großer General und Prinz durfte etwas dagegen einwenden. Ich hing ihm unter den Trommeln und Trompeten, den Pferden und Bajonetten am Halse, und wie ich nachher nach Hause gekommen bin, weiß ich nicht. Nun habe ich ihn aber selber wieder zu Hause — ganz und heil zu Hause: es lebe der Kaiser und mein Mann und mein Kind und du, mein liebes zweites Mütterchen! Und nun höre nur, über acht Tage sind wir alle bei dir, — er, Franz, muß dir ja sein Eisernes Kreuz zeigen und ich dir unsern Jungen und meinen tapfern Ritter und Landwehrmann, den sie mir so unvermutet mitten im vorigen Sommer von seinem Zeichen- und meinem Nähtisch wegholten und für das Vaterland ins fürchterlichste Kanonenfeuer stellten. Was haben wir ausgestanden, Mama! Da war es ja noch ein Segen, daß der Junge noch zu klein und dumm war, um schon mit einsehen zu können, was der Mensch an Ängsten und Sorgen auf der Erde und im Kriege aushalten muß und kann. Aber eins hat er auch noch zuwege gebracht, und das ist herrlich — ich meine der Krieg und nicht unser Junge natürlich — ach, ich bin immer noch so konfus und habe es wie tausend Glocken im Ohr und wie Ameisen in allen Gliedern! nämlich die Privatingenieure sind im Preise gestiegen, und unser Weizen blüht endlich auch einmal. — Darüber werden wir denn recht eingehend reden in acht Tagen in deinem lieben Stübchen; du sollst und darfst uns nun nicht mehr so einsam und allein sitzen, jetzt, da es uns so gut geht und noch viel besser gehen wird, was wir aber um Gottes willen ja nicht berufen, sondern ja bei dem Wort dreimal unter den Tisch klopfen wollen! Wir haben alle so viel ausstehen müssen und einander so wenig helfen können; aber nun soll’s anders werden, sagt Franz. Eine bessere Stelle haben wir schon, nämlich Franz, und dies hat sich schon mitten im Kriege gemacht, wo merkwürdigerweise nicht bloß Leute zusammengeraten, die sich auf den Tod hassen, sondern auch solche, die einander recht gut gebrauchen können. Nun sagt er, jetzt gäbe er nicht mehr nach, und sollte er noch dreimal so lange wie vor dem schrecklichen Metz vor dir in die Erde gegraben liegen und dich belagern müssen. Er erzählt furchtbare Dinge von seiner Hartnäckigkeit und neugewonnenen Erfahrung in dergleichen Kriegskunststücken; und er behauptet, es wäre gar kein Zweifel, jetzt kriegte er dich — wir kriegten dich! O könnten wir’s dir doch zum tausendsten Teil vergelten, was du so viele kümmerliche Jahre durch bis in unsere Brautzeit und bis zu unserer Heirat an uns getan hast!Ich glaube meinem Manne natürlich auf sein Wort, daß du jetzt zu uns kommen wirst, aber ich verlasse mich eigentlich doch noch mehr auf meinen Jungen. Was soll das arme Kind ohne dich anfangen, Großmütterlein; jetzt, wo es anfängt zu laufen und ich doch nicht ewig aufpassen kann? Großmütterchen, du gehörst zu unserm Richard wie die Stadt Metz wieder zum Deutschen Reich, was aber eine recht schlechte Vergleichung ist; ich kann aber nichts dafür, weil ich als jetzige glorreiche Kriegsfrau so kurz nach den vielen Siegen und Eroberungen mich nur in solchen Vergleichungen bewegen kann und übrigens auch eben keine andere wußte.Wir mieten natürlich eine größere Wohnung, und es wird ein Leben wie in Frankreich, wo es freilich, wie Franz meint, die letzte Zeit durch kein gutes Leben gewesen ist, was also eigentlich wieder nicht paßt. Nein, wir wollen leben in Deutschland, wie ich es mir als das Schönste denke; und denke du dir es auch so lieb, als wenn alle Dichtung auf Erden, wenn du diesen Brief bekommst, eben zum Besuch bei dir gewesen wäre und dich leise auf unsere Pläne und Absichten mit dir vorbereitet hätte, daß dir der Schrecken nichts schade! Was ich dir eigentlich schreibe, weiß ich gar nicht, und den Jungen habe ich auch beim Schreiben auf dem Schoße.•Dieser Klex kommt auf seine Rechnung, denn greift er mir nicht in die Frisur, so führt er mir mit die Feder.Und nun nichts mehr; denn in acht Tagen sind wir bei dir; und obgleich ich hier jetzt an keiner Stunde am Tage was auszusetzen finde, so wollte ich doch, daß es erst über acht Tage wäre, um dir Auge in Auge, Mund auf Mund sagen zu können, wie ich bis in den Tod dein dankbares Kind bin und bleibe, du meine zweite Herzensmutter!“...Die Frau Johanne hat viel Unglück im Leben gehabt. Eigene Familie hat sie nicht mehr, ihr Mann ist tot, ihre Knaben sind ihr schon als Kinder genommen, ihren Wohlstand hat sie auch verloren, und doch gibt es keine andere Frau in der Stadt, die in dieser Stunde so glückliche Tränen weint wie diese, welche nie dem Besuch, der in der Dämmerung bei ihr war, die Tür verschloß, und die an seiner Hand in den Traum sich leiten ließ, bis die Wirklichkeit anklopfte und ihr die reife liebliche Frucht jenes „Einfalls“ und Nachbarschaftsbesuchs der Tage der Jugend in den Schoß legte.
Es war schon Dämmerung, als der Besuch kam; so sehr Dämmerung, daß es uns unmöglich ist, zu sagen, wie der Besuch aussah. Es ist uns überhaupt nicht leicht gemacht, hierüber ganz deutlich zu werden. Helfen uns die Leserinnen selber nicht dabei, so werden wir auf diesem Blatt Papier mit Feder und Tinte wenig ausrichten.
„Wieder ein Tag, Johanne, in Einsamkeit und mühseliger, geringen Nutzen bringender Arbeit; und zu der Arbeit trübe Gedanken den ganzen Tag über. Wegplaudern kann ich dir deine Sorgen nicht; da habe ich Schwestern, die das besser verstehen. Ich kann nur hier und da eine Stunde bei dir verweilen; laß mich das jetzt, vielleicht ist dir wohler nachher. Hast auch wohl schmerzende Augen von dem ewigen Schaffen so spät in den Jahren? Die darfst du dreist zumachen, derweil ich bei dir bin. Nur keine unnötigen Höflichkeiten unter Freunden. Laß dich gehen, ich lasse mich auch gehen und lege mir niemandes wegen Zwang an, und viel Zeit habe ich nie, das wißt ihr ja alle, die ihr mich dann und wann unter euerer übrigen Bekanntschaft in der Welt bei euch seht. Wo warst du eben, Johanne?“
„Sie feierten ein Fest heute drunten im Hause, daran habe ich gequält, widerwillig teilnehmen müssen. Es war so viel Wagenrollen in der Gasse und vor dem Hause, die Leute waren so laut; es drang so viel lustiger Lärm zu mir herauf. Es war töricht: aber ich ließ mich von meiner Phantasie hinabführen zu meiner jungen, reichen, glücklichen Hausgenossin; und da wurde mein Schicksal bitterer, ich war den Tag über unzufriedener denn je mit meinem Lose; ach, da es nun wieder stiller geworden ist, will ich es nur gestehen: ich war recht böse den Tag über, voll Mißgunst, Neid und Eifersucht. Es war sehr unrecht.“
„Ja freilich, du bist arm, und deine Hausgenossin ist reich; du bist alt geworden, und deine Hausgenossin ist noch jung. Niemand kommt zu dir als von Zeit zu Zeit ich, und jene führt das lebendigste Leben. Daran kann ich nichts ändern, nicht den kleinsten Stein des Anstoßes in der Körperlichkeit der Dinge kann ich dir aus dem Wege räumen; — aber wie wäre es, wenn du dessenungeachtet jetzt doch einmal einige Wege mit mir gingest — die ich dich führe?“
Da die Frau Johanne jetzt lächelt, ist sie schon auf diesen Wegen mit ihrem Besuch — dieser seltsamen Besucherin, die nicht plaudert, wenige Neuigkeiten weiß, sondern nur von Zeit zu Zeit die Hand oder auch nur den Zeigefinger erhebt. Frau Johanne hat dabei auch dem andern Rat ihres stillen Gastes Folge gegeben; sie hat die Augen geschlossen. Bei geschlossenen Augen sagt sie: „Ja es ist unrecht, und es nützt auch nichts, andern ihr Glück oder vielleicht auch nur den Schein des Glückes zu mißgönnen. Das Leben geht so rasch hin, und es wird so schnell Abend aus Morgen allen Leuten!
Ist es nicht wie gestern, als es auch noch in meinem Leben Morgen war? als ich so jung war wie diese junge Nachbarin und auch über schöne Teppiche schritt? als die Wagen auch vor meiner Tür hielten und die Gäste zu mir kamen? als meine Gestalt aus dem Pfeilerspiegel im Festkleide mir zulächelte und Richard mir über meine Schulter zuflüsterte, was der Spiegel mir sagte?
Hab’ ich damals, an meinem Morgen, in meinem Frühling, in meiner Jugend viel daran gedacht, wie die Leute über meinem Haupte, unter meinen Füßen, die Nachbarn gegenüber lebten, und ob sie weniger jung, sorgenlos und glücklich als ich waren?“
„Siehst du, es wandelt sich gut an meiner Hand,“ nickte der Besuch. „Nur weiter, komm nur weiter, wir sind auf dem ganz richtigen Wege. Es ist nur, weil man in der mißmutigen Stunde nicht recht seine Gedanken zusammennehmen kann, daß man seine Tage so regenfarbig, seine Nächte so dunkel und sternenlos sieht. Was zeigte dir dein Spiegel noch außer deiner Gestalt im Haus- und im Festkleide und den Bildern deiner nächsten Umgebung?“
Frau Johanne legt das Haupt in ihrem Stuhl zurück und die Hand auf die Stirn. Sie sitzt wieder vor ihrem hohen, vornehmen Spiegel, den Rücken gegen die Fenster gewendet. Aber aus dem zerbrechlichen Glase und der so leicht verwischbaren Folie von damals ist in Wahrheit ein Zauberspiegel geworden, aus dem sich wesenhaft, greifbar, voll Leben und Wirklichkeit die Hoffnung, der Trost, das beste Glück ihrer Witwenschaft, ihrer Kinderlosigkeit, ihres Alters loslösen.
Es sind aber nicht die Abbilder ihrer nächsten Umgebung, die Möbel, Wände, Gemälde, Teppiche und Vorhänge ihres damaligen Gemaches, die sie nun mit ihren geschlossenen Augen wiedersieht. Es ist das Stück der Gasse, das gegenüberliegende Haus, das damals in den goldenen Rahmen zufällig mit hineinfiel und nun wieder lebendig in ihm leuchtet, nachdem Glas und Folie längst zersplittert und verwischt sind, wie Glanz und Glück jener lange vergangenen Tage.
„Ich denke, wir wagen es noch einmal, folgen unserm guten Einfall und schlüpfen hinüber zu der unbekannten Nachbarin. Was meinst du, Johanne?“
„Ein Einfall!“ murmelt die Frau Johanne. „Nur ein seltsamer Einfall —un concetto, una fantasia strana, wie die Italiener sagen. Und mir vielleicht auch nur darum möglich, weil ich eben erst mit Richard von unserm schönen langen Aufenthalt in Italien nach Hause gekommen war. Dort, in Italien, folgen die Leute viel leichter als hier bei uns ihren Einfällen und schlüpfen so über die Gasse und halten gute Nachbarschaft, zumal wenn sie sich vom Fenster oder — Spiegel aus schon längst kennen und unser Gatte einmal gesagt hat: ‚Der Mann der hübschen kleinen Frau im blauen Kleide da drüben ist einer unserer besten, talentvollsten Unterbeamten, Johanne; das Weibchen mit seinem Kindchen ist wirklich allerliebst, schade, daß sie nicht zu uns gehören, d. h. nicht in unsere Gesellschaftskreise passen.‘“
„Ja, was würde aus euerer Welt werden, wenn ich nicht immer von neuem, zu jeder Zeit und überall eure närrischen Kreise störte und euch zusammenbrächte im Wachen und im — Traum? Nur weiter, immer weiter, Johanne. Die Nachbarin wohnt in keinem vornehmen Hause; die Treppen, die zu ihr hinaufführen, sind steil und dunkel; aber wir sind auf dem rechten Wege — ganz auf dem rechten Wege!“
„Auf dem rechten Wege! Wie kommst du eigentlich hierzu, Johanne?“ habe ich mich noch auf der steilen dunkeln Treppe gefragt. „Ihr habt euch ja noch nicht einmal zugenickt und noch weniger je ein Wort miteinander gesprochen. Wie wäre das auch möglich gewesen bei so vielem andern gesellschaftlichen Verkehr?“
„Das weiß ich am besten, von welchen Kleinigkeiten alles abhängt,“ sagt der Besuch. „Törichtes Menschenvolk! wo bliebet ihr, wenn nicht ich aus dem Kern den Baum, aus dem Funken das Licht, aus dem Hauch den Sturm machte? Dein Blut war noch abenteuerlich unruhig von den bunten Erlebnissen in der Fremde; du hattest viel gähnen müssen an jenem Tage; leugne es nicht, Johanne, du warst eigentlich in keiner angenehmen Stimmung, trotzdem daß du noch jung, reich und eine Schönheit warst. Zu verbraucht, alltäglich, gewöhnlich, abgenutzt und gering erschien dir alles in der behaglichen Heimat um dich herum.“
„Und Richard hatte mir jetzt gesagt: Unsere Nachbarin hat Unglück während unserer Abwesenheit gehabt; der Mann ist ihr gestorben; wir werden nicht leicht einen so guten Arbeiter wieder bekommen. — Da sah ich sie statt im blauen oder rosa Kleide in einem schwarzen am Fenster, bleich und kummervoll. Und sie trug ihr Kind auf dem Arme, ihr armes verwaistes Kindchen, und da —, da nickte ich ihr zu von meinem Fenster; und da —, da bin ich zu ihr gegangen!“...
Und nun ist sie wieder bei ihr, die Träumende, — die Freundin bei der Freundin, und die Zeiten — die Stunden, Tage und Jahre vermischen sich wunderbar im süß-melancholischen Dämmerungstraum. Der Besuch könnte nun wohl gehen — o wie lebendig, wie lebendig ist alles nun im Traum!...
Im Traum. Die alte Frau schläft in ihrem Stuhl nach dem arbeitsvollen mühsamen Tage. Sie denkt nicht mehr über die Vergangenheit; sie träumt von ihr und süß und friedlich; denn der Besuch hatte ihr ja vorher leise, beruhigend die Hand auf die furchenvolle Stirn gelegt.
Nun ist der Raum um sie her nicht mehr beschränkt und niedrig, nun sind die Gerätschaften nicht mehr ärmlich und abgenutzt; denn im gleichen Stübchen und unter gleichem Geräte führte ja die beste Freundin ihrer Jugend ihrliebes, stilles Leben. Zu solchem Stübchen schlich sie aus dem Glanz und der Fülle des eigenen Daseins, und alles ist im Traum wie damals um sie her.
Wie viele Jahre gehen vorüber während der kurzen Augenblicke, in denen sie jetzt die Augen geschlossen hält? Wechselnde Schicksale — viel Sorge und Angst im Mittage des Lebens auch im eigenen Hause. Was ist noch übrig von alledem, was damals war? Wo sind die hohen Spiegel, die Purpurvorhänge, die weichen Teppiche — die Freunde, die Bekannten der Jugend? Ist doch der eigene Gatte so lange schon tot und die eigenen Kinder; und auch die Freundin schläft ja nun lange schon unter ihrem grünen Hügel und steigt nur dann und wann daraus hervor in derErinnerungund imTraum, und lächelnd, tröstend und Geduld anratend zumeist auch nur dann, wenn vorher der Besuch gekommen ist, den die Greisin, die arme alte Frau Johanne, bei ihrer späten, beschwerlichen Lebensmühe wie in der Dämmerung des heutigen Abends bei sich empfangen hat.
Von all den guten Freunden, den lieben Bekannten ist niemand übrig, ist niemand treu als das Kind, das einst die Träumerin zum erstenmal hinüberzog aus ihrer Lebensfreude und dem Glanz ihrer Jugend zu dem Leid der jungen Nachbarin im schwarzen Kleide. Und dieses Kind ist erwachsen, ist auch eine verheiratete Frau und weit in der Ferne. — — —
Horch, ein Schritt auf der Treppe.
Ist es die Stimme des Besuchs, welche die Frau Johanne noch in ihrem Traume vernimmt: „Nun gehe ich und lasse dich der Wirklichkeit. Wie gern käme ich zu allen so wie zu dir in den bösen Stunden des Erdenlebens, wie gern hülfe ich allen so wie dir hinweg über die dumpfen Pausen zwischen euern Schicksalen; wenn ich nur nicht so oft vor die verschlossene Tür käme. In den Büchern heiße ich eine vornehme Frau; mit einem großen Gefolge hoher Söhne und Töchter schreite ich durch die Jahrtausende, aber gern sitze ich nieder zu den Kindern, den Armen, den Bekümmerten — mit Freuden komme ich zu denen, die aus Büchern nur wenig oder nichts von mir wissen. Nun lebe wohl, du närrisch alt Weiblein, lache und weine dich aus in dem Glück der Gegenwart und Wirklichkeit und halte mir deine Tür offen; ich klopfe nicht gern lange vergeblich.“...
Es war nur der Briefträger, dessen Schritt man auf der Treppe gehört hatte. Der Brief aber, den er der Frau Johanne brachte, lautete freilich trotz der ganzen, vollen Wirklichkeit, die er verkündete, wie Glockenklang und Jubelruf aus Dichtung und Wahrheit.
„Meine liebe andere Mutter, ich bin so glücklich — Franz ist daheim! Gesund und so bärtig wie ein Bär und so sonnenverbrannt — entsetzlich! Aber es hat ihm, Gott sei Dank, nichts geschadet, und ich bin so glücklich, so glücklich! Gestern sind sie eingezogen, und es war so wundervoll, und ich hatte einen so guten Platz. Ich brauchte den Leuten vor mir nur zu sagen: ich habe ja auch meinen Mann darunter, und sie trugen mich fast auf ihren Armen in die erste Reihe. Und wir — ich und viele Hunderte und Tausende von meiner Sorte, hätten fast den ganzen Effekt gestört. Das war ja aber auch nur zu natürlich, und kein Feldmarschall und sonstiger großer General und Prinz durfte etwas dagegen einwenden. Ich hing ihm unter den Trommeln und Trompeten, den Pferden und Bajonetten am Halse, und wie ich nachher nach Hause gekommen bin, weiß ich nicht. Nun habe ich ihn aber selber wieder zu Hause — ganz und heil zu Hause: es lebe der Kaiser und mein Mann und mein Kind und du, mein liebes zweites Mütterchen! Und nun höre nur, über acht Tage sind wir alle bei dir, — er, Franz, muß dir ja sein Eisernes Kreuz zeigen und ich dir unsern Jungen und meinen tapfern Ritter und Landwehrmann, den sie mir so unvermutet mitten im vorigen Sommer von seinem Zeichen- und meinem Nähtisch wegholten und für das Vaterland ins fürchterlichste Kanonenfeuer stellten. Was haben wir ausgestanden, Mama! Da war es ja noch ein Segen, daß der Junge noch zu klein und dumm war, um schon mit einsehen zu können, was der Mensch an Ängsten und Sorgen auf der Erde und im Kriege aushalten muß und kann. Aber eins hat er auch noch zuwege gebracht, und das ist herrlich — ich meine der Krieg und nicht unser Junge natürlich — ach, ich bin immer noch so konfus und habe es wie tausend Glocken im Ohr und wie Ameisen in allen Gliedern! nämlich die Privatingenieure sind im Preise gestiegen, und unser Weizen blüht endlich auch einmal. — Darüber werden wir denn recht eingehend reden in acht Tagen in deinem lieben Stübchen; du sollst und darfst uns nun nicht mehr so einsam und allein sitzen, jetzt, da es uns so gut geht und noch viel besser gehen wird, was wir aber um Gottes willen ja nicht berufen, sondern ja bei dem Wort dreimal unter den Tisch klopfen wollen! Wir haben alle so viel ausstehen müssen und einander so wenig helfen können; aber nun soll’s anders werden, sagt Franz. Eine bessere Stelle haben wir schon, nämlich Franz, und dies hat sich schon mitten im Kriege gemacht, wo merkwürdigerweise nicht bloß Leute zusammengeraten, die sich auf den Tod hassen, sondern auch solche, die einander recht gut gebrauchen können. Nun sagt er, jetzt gäbe er nicht mehr nach, und sollte er noch dreimal so lange wie vor dem schrecklichen Metz vor dir in die Erde gegraben liegen und dich belagern müssen. Er erzählt furchtbare Dinge von seiner Hartnäckigkeit und neugewonnenen Erfahrung in dergleichen Kriegskunststücken; und er behauptet, es wäre gar kein Zweifel, jetzt kriegte er dich — wir kriegten dich! O könnten wir’s dir doch zum tausendsten Teil vergelten, was du so viele kümmerliche Jahre durch bis in unsere Brautzeit und bis zu unserer Heirat an uns getan hast!
Ich glaube meinem Manne natürlich auf sein Wort, daß du jetzt zu uns kommen wirst, aber ich verlasse mich eigentlich doch noch mehr auf meinen Jungen. Was soll das arme Kind ohne dich anfangen, Großmütterlein; jetzt, wo es anfängt zu laufen und ich doch nicht ewig aufpassen kann? Großmütterchen, du gehörst zu unserm Richard wie die Stadt Metz wieder zum Deutschen Reich, was aber eine recht schlechte Vergleichung ist; ich kann aber nichts dafür, weil ich als jetzige glorreiche Kriegsfrau so kurz nach den vielen Siegen und Eroberungen mich nur in solchen Vergleichungen bewegen kann und übrigens auch eben keine andere wußte.
Wir mieten natürlich eine größere Wohnung, und es wird ein Leben wie in Frankreich, wo es freilich, wie Franz meint, die letzte Zeit durch kein gutes Leben gewesen ist, was also eigentlich wieder nicht paßt. Nein, wir wollen leben in Deutschland, wie ich es mir als das Schönste denke; und denke du dir es auch so lieb, als wenn alle Dichtung auf Erden, wenn du diesen Brief bekommst, eben zum Besuch bei dir gewesen wäre und dich leise auf unsere Pläne und Absichten mit dir vorbereitet hätte, daß dir der Schrecken nichts schade! Was ich dir eigentlich schreibe, weiß ich gar nicht, und den Jungen habe ich auch beim Schreiben auf dem Schoße.•Dieser Klex kommt auf seine Rechnung, denn greift er mir nicht in die Frisur, so führt er mir mit die Feder.
Und nun nichts mehr; denn in acht Tagen sind wir bei dir; und obgleich ich hier jetzt an keiner Stunde am Tage was auszusetzen finde, so wollte ich doch, daß es erst über acht Tage wäre, um dir Auge in Auge, Mund auf Mund sagen zu können, wie ich bis in den Tod dein dankbares Kind bin und bleibe, du meine zweite Herzensmutter!“...
Die Frau Johanne hat viel Unglück im Leben gehabt. Eigene Familie hat sie nicht mehr, ihr Mann ist tot, ihre Knaben sind ihr schon als Kinder genommen, ihren Wohlstand hat sie auch verloren, und doch gibt es keine andere Frau in der Stadt, die in dieser Stunde so glückliche Tränen weint wie diese, welche nie dem Besuch, der in der Dämmerung bei ihr war, die Tür verschloß, und die an seiner Hand in den Traum sich leiten ließ, bis die Wirklichkeit anklopfte und ihr die reife liebliche Frucht jenes „Einfalls“ und Nachbarschaftsbesuchs der Tage der Jugend in den Schoß legte.